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A b o u t

Baroque Das Magazin des Freiburger Barockorchesters

Heft 1 | 2017

4. Jahrgang

Mit Mendelssohn bei den Proms ...und die Royal Albert Hall bebt

Telemann 250 Saisoneröffnung mit einem Porträt-Konzert

Die JubiläumskonzertE – 30 Jahre FBO Mit Telemann, C. Ph. E. Bach und Beethoven


www.hugodesign.de

Ihringer Barriqueorchester

Ausblick

Liebe Freundinnen und Freunde des Freiburger Barockorchesters, Auf die Saison 2017 | 18 freuen wir uns ganz besonders! Am 8. November 1987 veranstaltete eine Gruppe von jungen Musikern, die sich im Umkreis der Freiburger Hochschule für Musik kennen gelernt hatten und sich mit Leidenschaft für das historisch informierte Musizieren auf alten Instrumenten engagierten, ein Konzert in der Burgheimer Kirche in Lahr. Auf dem Programm standen Suiten und Concerti von Lully, Corelli, Muffat, von Wassenaer und Purcell. Was damals als Experiment begann, entwickelte sich bald zu einem regionalen, überregionalen, bundesweiten und schließlich internationalen Erfolgsmodell. Im November 2017 wird das Freiburger Barockorchester – mittlerweile ein Global Player mit über 100 Konzerten im Jahr auf allen Erdteilen – 30 Jahre alt. Viele Spieler der Gründungsphase sind noch dabei, manche haben sich zurückgezogen, einige jüngere Musiker sind in den letzten Jahren dazugekommen, Tendenz steigend. Denn was das FBO mit dem 30. Geburtstag wie mit keinem anderen Jubiläum zuvor verbindet, ist das Thema des Generationenwechsels. Das bewährte Team der beiden Künstlerischen Leiter wird mit Beginn dieser Spielzeit auf einem Posten für die kommenden drei Jahre mit Kristian Bezuidenhout besetzt. In den nächsten Jahren werden immer wieder andere und neue Musikerpersönlichkeiten das eine oder andere Projekt leiten. Wir probieren aus – uns selbst in neuen Kombinationsmöglichkeiten, was das Repertoire und unsere Gäste angeht. Insofern ändert sich nichts am FBO: Veränderung ist unsere Kontinuität. Programmatisch ist es uns ein Anliegen, gerade in der Jubiläumssaison Musikstücke, Komponisten und Musikgenres aus den ca. 250 Jahren zu versammeln, die uns nun seit 30 Jahren intensiv beschäftigen und die wir sehr gerne mit Ihnen, unserem Publikum, teilen: Sonaten, Konzerte, Opern, Sinfonien, Serenaden, Oratorien und Kantaten von Purcell, Biber, Corelli, Telemann, Händel, Bach, Haydn, Mozart, Beethoven und Mendelssohn, um nur einige zu nennen. Unterstützt werden wir wie in den vergangenen drei Jahrzehnten von großartigen Gästen und Freunden, darunter Carolyn Sampson, René Jacobs, Sunhae Im, Michael Nagy, Robin Johannsen, Anna Lucia Richter, ensemble recherche, Isabelle Faust, Pablo Heras-Casado, Vox Luminis, Johannes Weisser, Tariq Nazmi, Laurence Cummings, Matthias Goerne, Sophie Karthäuser und viele andere mehr. Wir können den Beginn dieser ganz speziellen Spielzeit kaum erwarten und laden Sie ein, ausgiebig mit uns zu feiern! Es grüßt sehr herzlich Ihr Freiburger Barockorchester

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Musikalische Horizonte 6 | 9 Das FBO bei der Bachwoche Ansbach 2017 Die Freiburger residieren beim 70. Jubiläum 10 | 11 BA…CHopin In Warschau reichen sich Romantik und Barock die Hand 12 | 13 Stylus Phantasticus – In Nomine In Stuttgart reichen sich Neu und Alt die Hand 14 | 15 Bach in… Leipzig, Weimar und Barcelona Mit Bachs Musik auf Tour 16 | 17 Mit Mendelssohn bei den Proms …und die Royal Albert Hall bebt 18 | 19 Ensemble Akademie Freiburg 2017 Der Sommerkurs für den Nachwuchs 20 | 21 Biber-Requiem mit Vox Luminis Geistliche Musik des Hochbarock von Agostino Steffani und Heinrich Biber 22 | 23 Telemann 250 Saisoneröffnung mit einem Porträt-Konzert 24 | 25 Leonore 1805 René Jacobs widmet sich Beethovens Urfassung des „Fidelio” 26 | 27 Corelli XL Der Vater des Concerto grosso in voller Pracht 28 | 29 „Seliges Erwägen“ beim NDR Telemanns Passionsoratorium erklingt in der Reihe „Das Alte Werk“ 30 | 31 Alte Musik für Junge Ohren Die Education-Projekte des FBO 32 | 33 Beethoven – 5 Klavierkonzerte Kristian Bezuidenhout und Pablo Heras-Casado mit kleinem Beethoven-Zyklus 34 | 35 Haydns Schöpfung Das feierliche Oratorium zum Jahreswechsel 36 | 37 Gran Partita Bläsermusik zwischen Unterhaltung und Kunst 38 | 39 Händels Saul in Wien Das Theater an der Wien inszeniert die alttestamentarische Tragödie 40 | 41 La serva padrona Pergolesis epochemachendes Stück halbszenisch 42 | 43 Mendelssohns Elias Von Regenwundern und Feuerwagen 44 | 45 Anfänge der Klassik Sinfonien und Konzerte von J. Chr. Bach, Haydn und Mozart 46 | 47 Altäre und Höfe Bibers Sonaten „Tam aris quam aulis“ 48 | 49 30 Jahre FBO Die Jubiläumskonzerte mit Telemann, C. Ph. E. Bach und Beethoven


Das FBO bei der Bachwoche Ansbach 2017

Katharina Arfken Oboe Gottfried von der Goltz Violine Anne Katharina Schreiber Violine (BWV 1064R)

J. S. Bach Messe h-Moll BWV 232

Sebastian Wienand Cembalo

Daniela Lieb Flöte

Freiburger Barockorchester

Katharina Arfken Oboe Gottfried von der Goltz Violine Beatrix Hülsemann Violine (BWV 1064R) Stefan Mühleisen Violoncello

Windsbacher Knabenchor Freiburger Barockorchester Martin Lehmann Dirigent Robin Johannsen **** Sopran

Landpartie

Marianne Beate Kielland Alt

G. Ph. Telemann Suite TWV 55 A2

Benedikt Kristjánsson Tenor

J. S. Bach Bauernkantate „Mer hahn en neue Oberkeet“ BWV 212

Andreas Wolf Bass-Bariton

G. Ph. Telemann „Air“ aus der Suite TWV 55 F6

Freiburger Barockorchester

Anna Lucia Richter Sopran

Stefan Mühleisen Violoncello

Petra Müllejans Violine und Leitung

Thomas E. Bauer Bass

Freiburger Barockorchester

Mittendrin-Konzert

Freiburger Barockorchester

Petra Müllejans Violine und Leitung

J. S. Bach Orchestersuite Nr. 3 D-Dur BWV 1068

Torsten Johann Cembalo und Leitung

Sophie Harmsen Mezzosopran

Andreas Wolf Bass-Bariton

Stefan Mühleisen Violoncello Robin Johannsen ** Sopran

Robin Johannsen *** Sopran

Julian Pregardien Tenor

Petra Müllejans Violine

A. Vivaldi Concerto d-Moll op. 3/11 RV 565

Daniela Lieb Flöte

J. S. Bach Sonate G-Dur für Flöte, Violine und B.c. BWV 1038 Kantate „Amore traditore“ BWV 203 Sonate h-Moll für Flöte und Cembalo BWV 1030 Sonate G-Dur für Violine und Cembalo BWV 1019 Triosonate c-Moll aus dem Musikalischen Opfer BWV 1079

Daniela Lieb Flöte

J. S. Bach Orchestersuite Nr. 3 D-Dur BWV 1068 Hochzeitskantate BWV 202 „Weichet nur, betrübte Schatten“

Anna Lucia Richter * Sopran

Abschlusskonzert

Thomas E. Bauer Bass

Eröffnungskonzert

J. S. Bach Kantate „Non sa che sia dolore“ BWV 209 Tripelkonzert D-Dur BWV 1064R

Kammerkonzert

Norske Solistkor Freiburger Barockorchester Grete Pedersen Dirigentin

Eröffnungskonzert 28. Juli 2017 | 20 Uhr

Gastspiele 27. Juli 2017 | 20 Uhr *

Mittendrin-Konzert 29. Juli 2017 | 15.30 Uhr

Abschlusskonzert 5. August 2017 | 19.30 Uhr

Gastspiele 2. August 2017 | 20 Uhr ***

Ansbach, Orangerie

Festivo Aschau am Chiemsee, Festhalle Hohenaschau

Ansbach, Onoldia-Saal

Ansbach, Gumbertuskirche

Kammerkonzert 30. Juli 2017 | 11 Uhr

6. August 2017 | 18 Uhr

Rheingau Musikestival Kloster Eberbach

Ansbach, Orangerie

Ansbach, Gumbertuskirche

3. August 2017 | 20 Uhr

8. August 2017 | 19 Uhr **

30. Juli 2017 | 19.30 Uhr

Ansbach, Orangerie

Nordland Music Festival Bodø (N), Stormen Konserthus

Landpartie 31. Juli 2017 | 12.30 Uhr und 15 Uhr

Bad Windsheim, Freilichtmuseum

Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd, Heilig-Kreuz-Münster 10. August 2017 | 19 Uhr ****

Nordland Music Festival Bodø (N), Domkirke

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Anna Lucia Richter

1947 war die Besatzungszone, die zwei Jahre später zur Bundesrepublik Deutschland werden sollte, damit beschäftigt, das von Nationalsozialismus und Krieg hinterlassene Vakuum zu füllen. Von einer selbstkritischen Verarbeitung der Verflechtungen mit Nazideutschland war man noch weit entfernt, vielmehr gingen die verschiedenen Nachkriegsprojekte in die Richtung, das seit 1933 Verpasste nachzuholen oder Verlorenes wiederzufinden. So kam es, dass einige Musiker – darunter auch solche wie Wilhelm Kempff, die dem Regime zur Verfügung gestanden hatten – ein Bachfest ins Leben riefen. Bach gehörte zwar nicht gerade zu den vernachlässigten Komponisten im Dritten Reich. Doch die frühe Bachwoche Ansbach ging von einer heilsamen, wundenverschließenden Wirkung der Bachschen Musik aus. Die verschiedenen Facetten seiner Kunst wie das christlich-religiöse Fundament, der Dienst für die weltlichen Höfe und seine internationale Ausstrahlung konnten nun wieder zum Ausdruck gebracht werden. Und hierbei begegneten sich u.a. etwa Wilhelm Kempff und der Pazifist Peter Pears, das ehemalige NSDAP-Mitglied Ludwig Hoelscher und Yehudi Menuhin.

2017 feiert die Bachwoche Ansbach ihr 70-jähriges Bestehen und hat sich einen weiteren Jubilar zum Residenzorchester erwählt: Das Freiburger Barockorchester, das seinen eigenen 30. Geburtstag feiert. Fünf verschiedene Konzertprogramme trägt das FBO zu den Festspielen bei. Zunächst hat es die Ehre, die Festwochen am 28. Juli in der Orangerie zu eröffnen mit Bachs festlicher D-Dur-Suite, der Hochzeitskantate „Weichet nur, betrübte Schatten“, seiner weltlichen Kantate „Non sa che sia dolore“, in deren italienischem Text die Stadt Ansbach erwähnt wird, dem Tripelkonzert BWV 1064R und Vivaldis berühmtem Concerto op. 3 Nr. 11. Die Instrumentalisten werden dabei von der Sopranistin Anna Lucia Richter unterstützt. Ein „MittendrinKonzert“ präsentiert am frühen Nachmittag des 29. Juli nochmals die Bachsche D-Dur Suite, um die räumliche Trennung von Publikum und Künstlern durch eine ungewöhnliche Aufstellung im Onoldia-Saal zu durchbrechen. Ein historisches Kammerkonzert am Sonntagmittag (30. Juli) nimmt direkten Bezug auf ein Programm des Jahres 1947 und stellt eine möglicherweise von Carl Philipp Emmanuel Bach stammende Triosonate neben eine Flöten-, eine Violin- sowie eine Triosonate seines Vaters. Die vokale Kammermusik wird durch eine der wenigen italienischen Kantaten („Amore traditore“) vertreten. Am Mittag und frühen Nachmittag des 31. Juli laden wir zur musikalischen Landpartie ein und entführen das Publikum in eine Scheune des Freilichtmuseums der Thermalstadt Bad Windsheim, um die burleske

Thomas E. Bauer

Bauernkantate BWV 212 umgeben von Telemannschen Suitenwerken in angemessenem Ambiente zu hören. Bäuerin und Bauer erhalten ihre Stimme von Anna Lucia Richter und – nomen est omen – Thomas E. Bauer. Seinen festlichen Abschluss findet die Ansbacher Residenz schließlich am Wochenende des 5. und 6. August, wenn das FBO gemeinsam mit ausgewählten Solist*innen, dem Windsbacher Knabenchor und seinem Leiter Martin Lehmann Bachs „Hohe Messe“ in h-Moll in der Gumbertuskirche aufführt. Einzelne Teile des Festspielprogramms bietet das FBO in dieser Zeit auch als Gastspiel bei anderen Festivals dar: So wird das Eröffnungskonzert auch in Aschau am Chiemsee, die h-Moll Messe beim Rheingau Musik Festival, beim Festival Europäische Kirchenmusik und beide Programme schließlich im norwegischen Bodø gegeben.

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BA…CHopin

J. S. Bach * Konzert d-Moll BWV 1052 Konzert D-Dur BWV 1054 F. Chopin Klavierkonzert f-Moll op. 21 J. S. Bach ** Konzert g-Moll BWV 1058 Konzert A-Dur BWV 1055 Konzert E-Dur BWV 1053 F. Chopin Klavierkonzert e-Moll op. 11 Kristian Bezuidenhout Cembalo Freiburger Barockorchester (Bach) Garrick Ohlsson Hammerklavier Orkest van de Achttiende Eeuw (Chopin)

BA...CHopin and his Europe 27. August 2017 | 20 Uhr *

Warschau, Philharmonie 28. August 2017 | 21 Uhr **

Warschau, Philharmonie

Wenn Ende August in der Philharmonie Warschau zwei Komponisten in den Dialog miteinander treten, dann handelt es sich mit Johann Sebastian Bach und Fryderyk Chopin um zwei Meister der Tastenmusik. Hörbare Gemeinsamkeiten aber auch klangliche Unterschiede prägen zwei Konzerte, die einen direkten Vergleich zulassen, indem sich zwei Solisten und zwei Orchester gegenüberstehen – und der Abstand von 70, 80 Jahren gerinnt zu einer kurzen Konzertpause zwischen den Programmteilen.

Mit Bach geht es im August weiter und zwar beim Festival „BA…CHopin and his Europe“ in Warschau. Das 2001 gegründete Fryderyk Chopin Institut veranstaltet Konzerte, Festivals und wissenschaftliche Konferenzen, um das Leben und Wirken des polnisch-französischen Klavierkomponisten zu feiern und zu erforschen. In diesem Jahr steht beim Festival neben der europäischen Ausstrahlung Chopins vor allem sein Bezug zu Johann Sebastian Bach im Zentrum. Die Klavierwerke Bachs hatten für Chopin eine besondere Bedeutung: Vor jedem Konzert spielte er sich mit dem „Wohltemperierten Klavier“ ein und seine Zyklen von Etüden und Préludes greifen in vielerlei Hinsicht darauf zurück. „Bach altert nie“, wusste Chopin, „die Struktur seines Werks gleicht den vollkommen gezeichneten geometrischen Figuren, in denen alles an seinem Platz und keine Linie zuviel ist“. Eine „romantische“ Vision dieser geometrischen Klarheit ist in zahlreichen Kompositionen Chopins zu erkennen.

Dem stellen das FBO und Kristian Bezuidenhout am Cembalo Klavierkonzerte von Bach in der ersten Programmhälfte gegenüber: zunächst die Konzerte in d-Moll und D-Dur, dann diejenigen in g-Moll, in A-Dur und in E-Dur. Der Dialog der Solisten und der Orchester spiegelt den Dialog zwischen zwei Komponisten und ihren Epochen.

Das Freiburger Barockorchester und Kristian Bezuidenhout haben sich auf eine ungewöhnliche Konzertaufstellung eingelassen, um dieser Konstellation musikalisch Rechnung zu tragen: In zwei Konzerten werden jeweils zwei verschiedene Solisten mit zwei unterschiedlichen Orchestern auftreten. Nach der Pause der Konzerte am 27. und 28. August wird eines der Chopinschen Klavierkonzerte in e-Moll bzw. f-Moll mit Garrick Ohlsson und dem holländischen Orkest van de Achttiende Eeuw (Orchester des 18. Jahrhunderts) unter Grzegorz Nowak zu hören sein. Ohlsson war der erste amerikanische Pianist, der 1970 den ersten Preis beim Internationalen Chopin-Klavierwettbewerb gewann.

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Stylus Phantasticus – In Nomine Musikfest Stuttgart 4. September 2017 | 19 Uhr

Stuttgart, Im Wizemann

G. Pesson In nomine nach Taverner G. Kurtág In nomine all’onggherese J. Schöllhorn in nomine Picforth In nomine a 5 W. Lawes Fantasia Nr. 3 W. Byrd In nomine a 5 Th. Farmer Ground in g H. Purcell / B. Pauset Fantasia in nomine of seven parts St. MacRae Tol-Pedn B. Ferneyhough In nomine a 3 B. Harrison In nomine after W. Byrd G. Fr. Haas In nomine

Chr. Tye In nomine a 5 „Crye“ In nomine a 5 „Howld Fast“ In nomine a 5 „Trust“ In nomine a 5 „Saye so“ H. Zender Introitus mit Fanfaren

Auf einem ehemaligen Industriegelände treffen sich zwei experimentierende Musikensembles, um gemeinsam die Kraft einer alten Tradition zu beschwören: das Komponieren über „In nomine“. Neu und alt, historisch und aktuell reichen sich über einem gemeinsamen musikalischen Thema die Hand und stellen einmal mehr ihre Verwandtschaft unter Beweis.

I. Mundry Der letzte Seufzer E. Pomarico In nomine – Fantasia (quasi) una Passacaglia Birke Bertelsmeier In Nomine (UA) Picforth / J. Schöllhorn In nomine W. Rihm cnts.frms H. Purcell Chaconne In nomine a 6 ensemble recherche Freiburger BarockConsort

Noch vor 1530 komponierte John Taverner – der „englische Josquin Desprez“ – eine sechsstimmige Messe über den Choral „Gloria Tibi Trinitas“. Im Benedictus dieser Messe erklingt zu den Worten „in nomine Domini“ ein auf vier Stimmen reduzierter Satz mit dem entsprechenden Choralausschnitt in der Altstimme. Dieser kleine, klangschöne, melancholische Messausschnitt machte bald eine bis heute andauernde Karriere als Grundlage für die unterschiedlichsten neuen Kompositionen. Zunächst nahmen sich unzählige englische Komponisten dieser Passage an, um daraus Kammermusik für Streicher – so genannte Consort Music – zu kreieren; allen voran Christopher Tye (ca. 1505 bis vor 1573) aus Cambridge, von dem allein schon 24 verschiedene „In Nomines“ überliefert sind. Doch auch Thomas Tallis, William Byrd, John Bull, Orlando Gibbons, Thomas Tomkins, William Lawes und Henry Purcell haben instrumentale „In Nomines“ verfasst, die längst nicht mehr den melancholischen Duktus der Vorlage beibehalten. Manche klingen heiter, manche feierlich, manche verspielt, manche gar nervös. Im 20. Jahrhundert dann wurde das Thema erst zögerlich von Richard Strauss (in „Die schweigsame Frau“) und dem Engländer Peter Maxwell Davies („Second Fantasia“, 1964) aufgegriffen, bevor dann mit einer Reihe von Kompositionsaufträgen des ensemble recherche für die Wittener Tage für Neue Musik ab 1999 eine Welle von Neukompositionen anlief. Die Liste der Beiträger liest sich wie ein Who is Who der Neue-MusikSzene: Brian Ferneyhough, Georg Friedrich Haas, Toshio Hosokawa, György Kurtág, Claus-Steffen Mahnkopf, Gérard Pesson, Robert H. P. Platz, Rolf Riehm, Wolfgang Rihm, Salvatore Sciarrino, Hans Zender, Walter Zimmermann und viele mehr.

In unserem gemeinsamen Konzert „Stylus Phantasticus“ von Freiburger BarockConsort und ensemble recherche im Rahmen des Musikfests Stuttgart, das 2017 dem Thema „Freiheit“ gewidmet ist, bieten wir eine feine Auswahl alter und neuer Kammermusik über „In Nomine“ im kultigen Industrie-Ambiente des Clubs „Im Wizemann“ an. Dafür haben wir ein abwechslungsreiches Programm mit vielen Bezugnahmen zu einem dichten Netz gestrickt. Eine Uraufführung wird nicht der einzige Höhepunkt des Abends sein...

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Bach in… Leipzig, Weimar und Barcelona

J. S. Bach * Brandenburgisches Konzert Nr. 3 G-Dur BWV 1048 Concerto d-Moll für Oboe BWV 1059R Orchestersuite Nr. 2 h-Moll BWV 1067 Concerto a-Moll für Violine BWV 1041

Thüringer Bachwochen ** 31. März 2018 | 19.30 Uhr

Weimar, Weimarhalle 1. Mai 2018 | 20 Uhr *** 

Barcelona, Palau de la Música

J. S. Bach Kantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ BWV 56 G. Fr. Händel Orgelkonzert g-Moll op. 4 Nr. 3 HWV 306 J. S. Bach Kantate „Ich habe genug“ BWV 82

G. Ph. Telemann Concerto für Trompete, Violine und Violoncello D-Dur TWV 53: D5

Matthias Goerne Bass-Bariton

Daniela Lieb Flöte

Freiburger Barockorchester

Susanne Regel Oboe

Juan de la Rubia Orgel Gottfried von der Goltz Violine und Leitung

Auch wenn es das Telemann-Jahr ist: Johann Sebastian Bach kommt beim FBO nicht zu kurz. Mit Bach in Ansbach beginnt bereits die Saison und in ihrem weiteren Verlauf folgt eine ganze Reihe von immer wieder variierten Konzerten rund um Bach.

Guido Larisch Violoncello Jaroslav Roucˇek Trompete Freiburger Barockorchester Mechthild Karkow Violine und Leitung J. S. Bach ** Ouvertüre Nr. 1 C-Dur BWV 1066 Brandenburgisches Konzert Nr. 4 G-Dur BWV 1049 Ouvertüre Nr. 2 h-Moll BWV 1067 Brandenburgisches Konzert Nr. 5 D-Dur BWV 1050 Concerto F-Dur für Cembalo BWV 1057 Sebastian Wienand Cembalo Freiburger Barockorchester

The Johann Sebastian Bach Journey *  8. September 2017 | 18 Uhr

Leipzig, Altes Rathaus

G. Fr. Händel  *** Concerto grosso h-Moll op. 6 Nr. 12

Den Auftakt macht ein Abend in Bachs langjähriger Wirkungsstätte Leipzig. Dorthin hat die Reiseagentur Martin Randall Travel Ldt. eine „Johann Sebastian Bach Journey“, eine einwöchige Reise mit Besichtigung historischer Orte und exklusiven Konzerten organisiert und unter vielen anderen renommierten Ensembles auch das Freiburger Barockorchester eingeladen, ein Konzert für die Teilnehmer zu geben. Neben einigen Konzerten und der 2. Suite von Bach wird auch das Konzert für Trompete, Cello und Violine des anderen Leipziger Meisters Georg Philipp Telemann zu hören sein.

und wurden bis 1770 über ein Dutzend Mal nachgedruckt. Matthias Goerne, der bereits letzte Spielzeit unser Gast war, wird dem FBO erneut sein einzigartiges Timbre für diese Kantaten zur Verfügung stellen. Die Orgel hingegen spielt Juan de la Rubia, Organist der berühmten Kathedrale „La Sagrada Família“ in Barcelona.

Bach nehmen wir dann im März mit nach Weimar, einer weiteren wichtigen Station seines Lebens. Dort am Hof des Herzogs Wilhelm Ernst sind zwischen 1708 und 1717 einige Orchester- und Instrumentalwerke entstanden und es wurde im Kontakt mit der Hofkapelle der Keim für das weitere Komponieren für instrumentale Besetzung gelegt. Dies bringen wir bei den Thüringer Bachwochen mit zwei der Ouvertüren (Nr. 1 und Nr. 2), zwei Brandenburgischen Konzerten (Nr. 4 und Nr. 5) und einer originalen Bearbeitung zum Cembalokonzert F-Dur zu Bewusstsein. Am Cembalo wird unser vertrauter Partner in Tastenangelegenheiten Sebastian Wienand zu hören sein. Von Weimar geht es im Mai nach Spanien, genauer nach Barcelona, wo das FBO im Palau de la Música regelmäßig gastiert. Bei diesem Programm mischen wir zwei BassKantaten, die berühmten „Ich habe genug“ und „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“, mit dem Concerto grosso in h-Moll aus Opus 6 und dem Orgelkonzert g-Moll aus Opus 4 von Georg Friedrich Händel. Die 1738 veröffentlichten Orgelkonzerte waren schon zu Händels Lebzeiten überaus beliebt 15 14


Mit Mendelssohn bei den Proms BBC Proms 3. September 2017 | 13 Uhr

London, Royal Albert Hall

F. Mendelssohn Bartholdy Hebriden-Ouvertüre op. 26 MWV P 7 Violinkonzert e-Moll op. 64 Sinfonie d-Moll MWV N 15 „Reformation“ Isabelle Faust Violine Freiburger Barockorchester Pablo Heras-Casado Dirigent

Bereits zweimal, 2004 und 2007, war das FBO zu Gast bei den Proms, damals mit barocken Programmen aus Werken von Händel, Bach und dessen Söhnen. Nun präsentiert es am 3. September zusammen mit Pablo Heras-Casado und Isabelle Faust den im Rahmen der Abo-Reihe zelebrierten „romantischen“ Mendelssohn-Abend.

Die BBC Proms sind ein sommerliches Musikfestival, das seit 1895 zunächst in der Queen’s Hall, seit dem 2. Weltkrieg in der Royal Albert Hall in London veranstaltet wird. Der Name „Proms“ bezieht sich auf eine wesentlich ältere Londoner Einrichtung, nämlich die seit Mitte des 18. Jahrhunderts stattfindenden Promenaden-Konzerte, bei denen das Publikum herumwandeln durfte und die also – wie die späteren Proms – einen lockereren, volksnahen und fast schon demokratischen Charakter annahmen.

Heute hingegen erkennt man weltweit zunehmend die Breite seines ästhetischen Ansatzes und verzichtet darauf, seine Musik gegen die Beethovens oder Wagners unnötig auszuspielen – eine Entwicklung, zu der wir mit unserem historisch informierten Ansatz gerne beitragen.

Neben der Hebriden-Ouvertüre werden dort nun die Reformationssinfonie und das beliebte Violinkonzert in e-Moll – beide auf CD erschienen – erklingen. Fausts Interpretation dieses im Musikbetrieb im höchsten Maße präsenten „Spätwerks“ von Mendelssohn hat gezeigt, dass auch ein Klassik-Schlager immer wieder neu gehört werden kann. Durch ihr Spiel mit historischen Fingersätzen, auf Darmseiten und (fast) ohne Vibrato ist sie die ideale Partnerin des FBO. Ebenso wie sie das Publikum in die Mitte des 19. Jahrhunderts versetzt führt sie das Violinkonzert ins 21. Jahrhundert. Auf diese Weise wird die Orientierung am Historischen zum Motor für Neues, bisher Ungehörtes und – für manch Einen – auch Unerhörtes. Mendelssohns Musik passt dabei nach Großbritannien mindestens ebenso wie die Händels. Nicht nur unternahm er zahlreiche, zum Teil ausgedehnte Reisen dorthin und komponierte dabei etwa einen Großteil seiner Reformationssinfonie. Im viktorianischen England herrschte auch eine regelrechte Mendelssohn-Manie, die erst im Zuge von Richard Wagners antisemitischen Anfeindungen und des Wunsches, die viktorianische Ära zu überwinden, gedämpft wurde. 17 16


Ensemble Akademie Freiburg 2017 Eröffnungskonzert 10. September 2017 | 20 Uhr

Freiburg, Ensemblehaus Soli am Morgen … … mit Åsa Åkerberg 10. September 2017 | 9.30 Uhr

Ensemblehaus

Meisterkurse zur Aufführungspraxis älterer und neuer Musik Freiburger Barockorchester und ensemble recherche Eröffnungskonzert J. S. Bach, Brandenburgisches Konzert Nr. 3 G-Dur BWV 1048 G. Ph. Telemann, Quartett G-Dur TWV 43:G2 Concerto für Violine, Cello und Trompete D-Dur TWV 53:D5 Daniela Lieb, Flöte Katharina Arfken, Oboe Jaroslav Roucˇek, Trompete Petra Müllejans, Violine Anne Katharina Schreiber, Violine Mechthild Karkow, Violine Guido Larisch, Violoncello Freiburger Barockorchester E. Carter, Triple Duo G. F. Haas, Tria ex uno ensemble recherche Soli am Morgen… … mit Åsa Åkerberg, Violoncello …M  echthild Karkow, Barockvioline: The art of playing on the violin – Barocke Violinschulen … Jean-Pierre Collot, Klavier … Jaroslav Roucˇek, Barocktrompete Abschlusskonzert Musik des 18. bis 21. Jahrhunderts Teilnehmer der Ensemble-Akademie

… mit Jean-Pierre Collot 12. September 2017 | 9.30 Uhr

Ensemblehaus … mit Jaroslav Roucˇek 13. September 2017 | 9.30 Uhr

Ensemblehaus

… mit Mechthild Karkow 11. September 2017 | 9.30 Uhr

Abschlusskonzert 14. September 2017 | 20 Uhr

Ensemblehaus

Ensemblehaus

Im September ist es wieder an der Zeit, die Türen des Ensemblehauses weit zu öffnen, um junge Musiker einzulassen, die sich austauschen und von den erfahrenen Musikern der Ensembles FBO und recherche lernen möchten: die Ensemble Akademie Freiburg geht in die 13. Runde. Keine Unglückszahl, sondern Beweis des anhaltenden Erfolgs des Konzepts.

Vor kurzem hat der für die Bewegung der historisch informierten Aufführungspraxis wichtige Reinhard Goebel, Gründer und langjähriger Leiter der Musica Antiqua Köln, eine Polemik in der Zeitschrift „Üben und Musizieren“ mit dem Titel „Musikalische Paradiesvogel-Scheiße“ verfasst. Darin kreidet er der Alten Musik-Szene an, sich im Spezialistentum zu verkriechen und keine herausragenden Talente hervorzubringen. Auch wenn Goebel übertreibt, deutet seine Polemik auf einen Missstand hin, den das FBO bereits seit 12 Jahren zu beseitigen sucht, indem es zusammen mit dem ensemble recherche die Ensemble Akademie Freiburg ausrichtet.

und 3 Celli instrumentiert ist, sowie ein Tripelkonzert von Telemann für Trompete, Violine und Cello auf. Dessen Quartett für Flöte, Oboe, Fagott und Violine stellt hier die Ausnahme von der 3er-Regel dar. Das ensemble recherche steuert seinerseits das „Triple Duo“ des amerikanischen Grandseigneurs der neuen Musik, Elliott Carter, von 1983 und die 2002 entstandene Komposition „Tria ex uno“ von Georg Friedrich Haas bei. Beide Stücke sind Sextette, in denen der Teiler 3 eine strukturelle Rolle spielt. Haas widmet sich zudem in drei Annäherungs-Schritten einem Messsatz des Renaissance-Meisters Josquin Desprez.

Hier treffen junge Musiker, Studierende und Berufsanfänger, aus aller Welt zusammen, die (noch) gar keine Barock- oder Neue-Musik-Spezialisten sind und möglicherweise auch gar nicht werden wollen, sondern die ihre Spielweisen erweitern, in die eine, die andere oder beide Richtungen bereichern möchten. Die Neugier und der Drang sich zu entwickeln treiben die Teilnehmer ins Ensemblehaus. Dort können sie sich 2017 wieder im freien Ensemblespiel ohne Dirigenten üben. Das Freiburger Barockorchester bietet neben Einzelunterricht wieder zwei Orchesterkurse an, in denen Werke von Bach, Telemann und Händel einstudiert werden. Außerdem geben Dozenten beider Ensembles „Soli am Morgen“, ein besonderer Gast ist dieses Jahr Mechthild Karkow, die über barocke Violinschulen unterrichtet. Die Höhepunkte für unser Publikum sind auch 2017 sicherlich die öffentlichen Konzerte zu Beginn und zum Ausklang der Akademie. Das Eröffnungskonzert am Sonntag, den 10. September, steht unter dem Motto der Dreiheit: Das FBO führt das 3. Brandenburgische Konzert von Bach, das für 3 Violinen, 3 Bratschen 19 18


Biber-Requiem mit Vox Luminis

Als Hofkapellmeister verfasste Heinrich Ignaz Franz Biber nicht nur Instrumentalmusik, sondern vor allem auch geistliche Vokalmusik. Zahlreiche Messen, darunter die 53-stimmige Missa Salisburgensis, Huldigungskantaten, Vespern, ein „Stabat Mater“ und zwei Totenmessen sind von ihm überliefert. Das Requiem in f-Moll oder „ex F con terza minore“, wie der Originaltitel lautet, gilt als eines der ausdrucksvollsten Beispiele seiner Gattung im 17. Jahrhundert.

A. Steffani Stabat mater (1728) H. I. Fr. Biber Requiem f-Moll Vox Luminis Freiburger BarockConsort

Benefizkonzert für die Freiburger Tafel 21. September 2017 | 20 Uhr

Freiburg, Christuskirche 23. September 2017 | 20 Uhr

Pisa, Festival Anima Mundi

Über Bibers Leben ist wenig bekannt. 1644 wurde er in Böhmen als Sohn eines Jägers geboren. Die erste musikalische Spur ist die Abschrift seines „Salve Regina“ von 1663. Von einer Anstellung beim Fürsterzbischof in Olmütz entfernte er sich ohne dessen Erlaubnis und taucht zu Beginn der 1670er Jahre am Salzburger Hof wieder auf, zunächst im Rang eines Kammerdieners, dann als Vizekapellmeister und schließlich seit 1684 als Hofkapellmeister mit ungewöhnlich hohem Gehalt. Überregional war Biber als Violinvirtuose bekannt. Seine zahlreichen Violinsonaten legen Zeugnis von seinen Fertigkeiten ab, mit denen er mehrere Male in seinem Leben auch den Kaiser beeindruckte. Im Dom zu Salzburg, wo das Stück unter Biber aufgeführt wurde, gibt es vier Kuppelpfeileremporen und jeweils dazugehörige Orgeln. Diese Architektur bildete die räumliche Voraussetzung für eine Musizierpraxis nach venezianischem Vorbild. In Bibers prachtvollen geistlichen Werken gipfelte diese Tradition in einem für den Bereich diesseits der Alpen bemerkenswerten „kirchenmusikalischen Kolossalstil“. Von einem Bericht von Bibers Sohn Carl Heinrich aus dem Jahr 1745 über die Aufstellung der Musiker im Dom können wir auf die Praxis zur Zeit Bibers schließen. Dort lernen wir, dass auf der rechten vorderen Empore, dem „PrincipalChor“, die Solosänger, der Hoforganist an der Orgel, ein Violoncellist, ein Violonist, zwei Fagottisten, drei Posaunisten und der den Takt schlagende Kapellmeister oder der Vizekapellmeister standen. Die zwölf Violinspieler mit ihrem Konzertmeister an der Spitze waren auf der gegenüberliegenden Empore platziert; auf den beiden rückwärtigen Emporen, den sogenannten Trompeterchören, die Trompeter und Pauker. Ein fünftes Ensemble bildete die sogenannte

„Capelln Music“, die zusammen mit einem Kontrabassisten um die Chororgel im Presbyterium „herunten bey dem Altar“ gruppiert war, also die Chorsänger – „diese aber süngen nur mit wann es Tutti ist“. Die Komposition steht somit in der vom Venezianischen Domkapellmeister Claudio Monteverdi und seinen Zeitgenossen angestoßenen Tradition der konzertanten Kirchenmusik, in der der ältere „stile antico“ und der neuere „stile concertato“ sich gegenüberstehen. Dabei folgt Biber in seiner musikalischen Gestaltung sehr genau den durch den sprachgewaltigen Text vorgegebenen Bildern, die von musikalisch-rhetorischen Figuren dem Ohr klangsinnlich vermittelt werden. Das „Stabat Mater“ von 1728 ist Agostino Steffanis letzte Komposition. Am 1. Juli 1727 hatte ihn die Londoner Royal Academy of Vocal Music zum Präsidenten gewählt, was dem 73-jährigen Komponisten, der einen Großteil seines Lebens am Hofe von Hannover verbracht hat, eine große Freude bereitete. Zwar reiste er nie nach England, doch schickte er viele ältere Werke sowie neue Kompositionen dorthin, darunter das „Stabat Mater“, das den Ton der englischen Kirchenmusik mit italienischen Gestaltungsformen verbinden sollte. Hier stehen sich sechs Vokalstimmen und sechs Instrumentalstimmen gegenüber, die das mittelalterliche Gedicht über die am Kreuz weinende Mutter Gottes nach allen Regeln der Kunst mit großem kontrapunktischem Aufgebot und wortausdeutenden Tonverbindungen, so genannten Madrigalismen, musikalisieren: chromatische Gänge zu Beschreibungen der Trauer, züngelnde g-Moll-Kolloraturen zu „inflammatus“ einerseits, sechsstimmige Fugen wie zum Beschluss des Stücks andererseits. 21 20


Telemann 250

Georg Philipp Telemann ist vor 250 Jahren in Hamburg gestorben. Zu diesem Zeitpunkt war er Cantor Johannei und Director Musices dieser Stadt, also eine Art städtischer Generalmusikdirektor. Zudem hatte er sich für die Oper am Gänsemarkt engagiert, war erfolgreicher Autor mehrerer musiktheoretischer Traktate und betrieb zeitweilig nicht minder erfolgreich eine musikalische Zeitschrift.

G. Ph. Telemann Ouvertüre D-Dur TWV 55:D1 aus „Tafelmusik“, 2. Production Concerto d-Moll für 2 Chalumeaux TWV 52:d1 Conclusion Sinfonia D-Dur TWV 50:D9 „Ino“ Kantate TWV 20:41 Carolyn Sampson Sopran Lorenzo Coppola & Tindaro Capuano Chalumeau Freiburger Barockorchester Gottfried von der Goltz Violine und Leitung

8. Oktober 2017 | 19 Uhr

Reutlingen, Stadthalle 9. Oktober 2017 | 20 Uhr

Stuttgart, Liederhalle | Mozartsaal 10. Oktober 2017 | 20 Uhr

Freiburg, Konzerthaus | Rolf-Böhme-Saal 11. Oktober 2017 | 20 Uhr

Berlin, Philharmonie | Kammermusiksaal

Telemann war ein Tausendsassa und Hans-Dampf-in-allenGassen. Seine Kompositionen genügten nicht nur hohen ästhetischen Ansprüchen, sondern sie waren auch oft geschickt auf den damaligen Musikmarkt zugeschnitten. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, ungewöhnliche Klangfarben durch experimentelle Instrumentenkombinationen zu kreieren und harmonische Wendungen zu erdenken, die von Zeitgenossen als kühn eingestuft wurden. Telemann gilt uns heute als Inbegriff des barocken Musicus, des durch und durch musikalischen Menschen, dessen Talent zum Multitasking vor keinem musikalischem Gebiet Halt machte. Dieses Bild bestimmte keinesfalls zu jeder Zeit die Wertschätzung Telemanns. Bis noch vor kurzem war sich die Musikwelt einig darüber, dass Telemann ein „Vielschreiber“ und dudeliger Gebrauchskomponist war – kaum der Beschäftigung wert! Und wenn man sich alte Aufnahmen seiner Stücke anhört, kann man ein solches Urteil kaum jemandem zum Vorwurf machen. Die Tempi, die Phrasierungen, die Akzente und vor allem die modernen Instrumente waren nicht dazu angetan, die Lebendigkeit und den Klangfarbenreiz zur Geltung zu bringen. Telemanns Wiederentdeckung ist daher untrennbar mit der historisch informierten Aufführungspraxis verbunden.

spielung von 2010 in Erinnerung. Mit dem d-Moll Konzert für zwei Chalumeaux, diesem rätselhaften Vorgänger der Klarinette, stellt das Orchester Telemanns Interesse an „exotischen“ Instrumenten und deren Klangfarben heraus. Die „Ino“-Kantate schließlich repräsentiert den „späten“ Telemann. In diesem 1765, zwei Jahre vor seinem Tod komponierten Stück beschreitet Telemann einen Weg, der bereits aus dem Barock herausführt. Der ausgesprochen gelungene Text des 1725 geborenen Aufklärungsschriftstellers Karl Wilhelm Ramler beschreibt die letzten dramatischen Augenblicke im Leben Inos, der Tochter von König Kadmos und Schwester Semeles. Ino ist auf der Flucht vor ihrem wahnsinnig gewordenen Gatten, der bereits eines ihrer Kinder getötet hat. Zu Beginn der Kantate steht sie mit ihrem verbliebenen Sohn an einer Meeresklippe und sieht keinen anderen Ausweg als den Sprung in den sicheren Tod. Wir begleiten sie in diesen schweren Minuten, erleben ihr Hadern und erfahren ihre letzten Gedanken bis zu ihrer Erhebung in den Götterstatus, womit das Stück versöhnlich endet. Telemann hat dafür zu einer Musiksprache gefunden, die nicht nur die gesamte Vielseitigkeit seines Könnens wie gebündelt zusammenfasst, sondern an Dramatik, Expressivität und Virtuosität alles überbietet, was man in der Mitte des 18. Jahrhunderts erwarten durfte.

Wenn das FBO nun seine Abo-Reihe der Jubiläumssaison eröffnet, dann ist ein reines Telemann-Programm dafür in besonderer Weise geeignet. Das Orchester gedenkt damit eines Komponisten, dem es über 30 Jahre hinweg viele großartige Konzerte und CD-Produktionen zu verdanken hat. Mit der D-Dur-Ouvertüre aus der 2. Production der Tafelmusik ruft das FBO seine maßstabsetzende CD-Ein23 22


Leonore 1805

L. v. Beethoven „Leonore“, Oper in 3 Akten (Urfassung des „Fidelio“ von 1805) Tareq Nazmi, Don Fernando Minister & Zweiter Gefangener (Bariton)

Einem verbreiteten Vorurteil zufolge sind die späteren Fassungen eines Werks die gelungensten. Warum sonst hätte der Komponist weiter daran gearbeitet? Und sicherlich: Die letzte Version von Beethovens „Fidelio“ von 1814 ist straffer und pointierter als die Vorgänger von 1805 und 1806. Allerdings lohnt es sich immer wieder auch frühere Fassungen kennen zu lernen, denn oftmals fallen der späteren Überarbeitung wunderbare Stellen, sehr gelungene Passagen zum Opfer.

Johannes Weisser, Don Pizarro Gouverneur eines Staatsgefängnisses (Bariton) Maximilian Schmitt, Florestan Gefangener (Tenor)

Im Falle von Beethovens Oper sind manche bereits so weit gegangen zu behaupten, diese Unterschiede zwischen der „Ur-Leonore“ und dem „Fidelio“ seien derart gravierend, dass man von zwei Opern bei Beethoven sprechen könne. Und tatsächlich hat sich der Charakter des Bühnenstücks in den fast 10 Jahren seiner Bearbeitung erheblich gewandelt.

Marlis Petersen, Leonore seine Gemahlin (Sopran) Dimitry Ivashchenko, Rocco Kerkermeister (Bass) Robin Johannsen, Marzelline seine Tochter (Sopran) Johannes Chum, Jaquino Pförtner & Erster Gefangener (Tenor) Zürcher Sing-Akademie Freiburger Barockorchester René Jacobs Dirigent

Konzert statt Schule! 23. Oktober 2017 | 11 Uhr

Freiburg, Konzerthaus | Rolf-Böhme-Saal

30. Oktober 2017 | 20 Uhr

Athen, Megaron

24. Oktober 2017 | 19 Uhr

3. November 2017 | 19 Uhr

Wien, Theater an der Wien

Baden-Baden, Festspielhaus

26. Oktober 2017 | 20 Uhr

5. November 2017 | 18 Uhr

Brüssel, Bozar

Köln, Philharmonie

28. Oktober 2017 | 13 Uhr

7. November 2017 | 19.30 Uhr

Amsterdam, Concertgebouw

Paris, Philharmonie

Während der „Fidelio“ sich durch seinen utopisch-humanistischen Gehalt und seine zielstrebig lineare Dramaturgie auszeichnet, besitzt die „Ur-Leonore“ – soweit man sie rekonstruiert hat – einen bildhaft-beschaulichen Charakter. Jeder der drei Akte – im „Fidelio“ sind es nur noch zwei – verbreitet eine spezifische Atmosphäre: vom familiären Bereich der privaten Verwicklungen (1. Akt) über den martialischen Rahmen des 2. Akts zum düsteren, komplett im Kerker angesiedelten 3. Akt, der eine dramatische Zuspitzung der Handlung bringt. Jede dieser drei Sphären besitzt einen Repräsentanten unter den Dramatis Personae, erst Marzelline, dann Pizzaro und schließlich Florestan, die „ihren“ jeweiligen Akt mit einem Solo einleiten. Darüber hinaus verwirklicht jeder Akt eine eigene Form von Steigerungsdramaturgie: Arie, Duett, Terzett, Quartett – und in Akt II und III – Ensemble mit Chor. Die Kritik, „Leonore“ habe dramaturgische Schwächen, die erst der „Fidelio“ ausgleiche, bedarf daher einer neuerlichen Prüfung, die nicht vom angeblichen Ziel aus, nämlich der Fassung von 1814, rückwärts auf die Vorgänger blickt. Aber auch musikalisch werden wir beschenkt, wenn wir die „Ur-Leonore“ hören. Viele Nummern hat Beethoven später herausgestrichen, Nummern wie das vom Hörner- und Klarinettenklang bestimmte Terzett „Ein Mann ist bald genommen“ im 1. Akt,

in dem Rocco, Jaquino und Marzeline unterschiedliche Auffassungen der Ehe austauschen, oder das Duett „Um in der Ehe froh zu leben“ zwischen Marzelline und der als Mann verkleideten Leonore im 2. Akt, das wiederum – von SoloVioline und -Cello begleitet – die Idee vom Zusammenleben im Zeichen der trügerischen Maskerade thematisiert. Diese sehr intimen bürgerlich-privaten Züge des Stücks sollten Beethovens späteren humanistisch-heroischen Utopie und dem Willen, eine „große Oper“ zu schreiben, weichen. Die Uraufführung der Leonore am 20. November 1805 stand unter ungünstigen Vorzeichen: manch eitler Sänger, der mit Beethovens – im Vergleich zu Mozart etwa – „unsanglicher“, sehr instrumental empfundener Schreibart nicht zurechtkam, und dann vor allem die Tatsache, dass Napoleons Truppen eine Woche zuvor in Wien einmarschiert waren, woraufhin Beethovens Zielpublikum, der Wiener Adel, fluchtartig die Stadt verlassen hatte. Stattdessen versammelten sich französische Soldaten im Theater an der Wien. All dies – und weniger die musikalische Substanz des Stücks – ließ die Premiere zum Flop werden. René Jacobs hat es sich zum Ziel gesetzt, mit seiner von inszenatorischen Ablenkungen freien, halbszenischen Aufführung die wenig bekannten Schätze der „Ur-Leonore“ zu bergen, wobei ihm das FBO und ein handverlesenes Sängerensemble gerne behilflich sind.

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Corelli XL

2017 ist Monteverdi- und Telemann-Jahr; Komponisten am Anfangs- und Endpunkt des so genannten Barock. Genau dazwischen wirkte Arcangelo Corelli, der nicht nur mit seinen Concerti grossi neue Maßstäbe des instrumentalen Ensemblespiels setzte. Grund genug, ihn in unserer Jubiläumssaison mitzufeiern.

A. Corelli Concerti grossi aus op. 6 Nr. 1 D-Dur Nr. 2 F-Dur Nr. 3 c-Moll Nr. 7 D-Dur Sinfonia d-Moll Santa Beatrice d’Este Concerti grossi aus op. 6 Nr. 6 F-Dur Nr. 5 B-Dur Nr. 4 D-Dur Freiburger Barockorchester Gottfried von der Goltz Violine und Leitung

21. November 2017 | 20 Uhr

Freiburg, Konzerthaus | Rolf-Böhme-Saal 22. November 2017 | 20 Uhr

Berlin, Philharmonie | Kammermusiksaal 23. November 2017 | 20 Uhr

Stuttgart, Liederhalle | Mozartsaal

Der Name „Barock“ ist eine ungenaue und schwerfällige Bezeichnung für die Kunst und Kultur der Periode zwischen 1600 und 1750. Abgesehen von der Fragwürdigkeit der Eckdaten, muss befremden, dass damit ein langer Zeitraum von 150 Jahren gleichsam unter ein und denselben Hut gepresst wird – ein Zeitraum also, der ohne Zweifel in jeder Hinsicht zahlreichen Veränderungen und Umbrüchen unterworfen war. Man höre sich die Musik Monteverdis im Vergleich zu den der Bachs oder Telemanns an und bemerke, dass sie nur mit Gewalt derselben Epoche zugeschrieben werden können; so verschieden ist ihre Musiksprache, ihre Gattungswelt, ihre Ausdrucksform. Unter „Barock“ kann demnach nur eine Vielzahl von Stilen verstanden werden, lokal und chronologisch voneinander abgegrenzt. Bei der Transformation dessen, was man daher nicht weniger unbeholfen als Frühbarock bezeichnet, in das, was wir gewohnt sind, Spätbarock zu nennen, nimmt das Schaffen Arcangelo Corellis eine Schlüsselposition ein. Seine Hauptschaffensphase fällt in die Zeit zwischen 1680 und 1700 und damit genau in die Jahre, in denen sich eine „neue Art“ von Musik entwickelte und etablierte. Der Vergleich zu vielen seiner Zeitgenossen macht auffällig, dass Corelli sich – so zumindest will es die Überlieferung seiner Musik – ausschließlich der Instrumentalmusik gewidmet hat; und dies in einer Zeit, in der der Vokalmusik Priorität eingeräumt wurde. Mit jedem seiner publizierten Opera 1 bis 6 erforschte Corelli systematisch das Gebiet des instrumentalen Komponierens: zunächst die Triosonate, dann die begleitete Solosonate und schließlich das Concerto grosso. Damit legte er den Grundstein für das konzertante Ensemblespiel in den kommenden Jahrhunderten. Corellis Werke

wurden zum Modell, wurden nachgeahmt, weiterentwickelt und erzielten hohe Auflagen sowie ständige Neuausgaben. Die Sonaten und Konzerte von Vivaldi, Händel, Bach und Telemann sind ohne das Vorbild Corellis kaum denkbar. Wenn das FBO sieben der zwölf Concerti aus op. 6 ins Programm nimmt, dann ist dies ausdrücklich als Verneigung vor der historischen Leistung des Römers gemeint. Unser Versprechen einer historisch informierten Aufführungspraxis lösen wir ein, indem wir die am Ende des 17. Jahrhunderts in Rom gängige tiefe Stimmung von a = 392 Hz umsetzen. Dadurch klingen die Instrumente einen vollen Ganzton tiefer als in der modernen Stimmung von 440 Hz. Außerdem besetzen wir das jeweils erste und letzte Stück in beiden Programmhälften „XL“; das bedeutet, wir folgen Dokumenten, die bezeugen, dass Corelli manche Concerti – und zwar diejenigen, die in der etwas strengeren „Da chiesa“-Form im Gegensatz zur „tänzerischen“ Form „Da camera“ gehalten sind – größer besetzte. Bläser (Oboen, Trompeten und Posaunen) verstärken dabei die Streicherstimmen und im Continuo treten Orgel und Laute hinzu.

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„Seliges Erwägen“ beim NDR 1. Dezember 2017 | 20 Uhr

Hamburg, Laeiszhalle | NDR

G. Ph. Telemann Passionsoratorium „Seliges Erwägen“ TWV 5:2

Bereits in der Passionszeit 2016 wagte das Freiburger Barockorchester den Versuch, eine Alternative zu den stets präsenten Passionen Johann Sebastian Bachs vorzuschlagen: Georg Philipp Telemanns Oratorium mit dem barocken Titel „Seliges Erwägen des bittren Leidens und Sterbens Jesu Christi“ (TWV 5:2). In dieser Spielzeit gibt es eine Wiederaufnahme in Telemanns langjähriger Wirkstätte Hamburg.

Anna Lucia Richter Glaube/Zion Sopran Colin Balzer Andacht Tenor Tobias Berndt Jesus Bariton Michael Feyfar Petrus Tenor Konstantin Wolff Caiphas Bariton Julienne Mbodjé Choräle Alt Freiburger Barockorchester Gottfried von der Goltz Violine und Leitung

Ein weiterer Beitrag des FBO zum Telemann-Jahr 2017: Die Konzertreihe „NDR Das Alte Werk“ in Hamburg ehrt das „Kind dieser Stadt“ und veranstaltet zwischen dem 24. November und dem 3. Dezember 2017 ein großes Telemann-Festival – in Kooperation mit der Elbphilharmonie Hamburg, unterstützt von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und der Kulturbehörde Hamburg. Dies gibt uns den Anlass, das im März 2016 aufgeführte Passionsoratorium „Seliges Erwägen“ wiederaufzunehmen. Während das FBO es damals bei den Telemann-Festtagen in der Geburtsstadt Magdeburg zu Gehör brachte, erklingt es nun in der Stadt, in der Telemann von 1722 bis zu seinem Tod 1767 tätig war. Die Reize dieser von Bachs Gestaltung abweichenden Passionsdarstellung sind Konsequenzen aus den andersartigen Prämissen: Zum Einen dachte Telemann – das gilt auch für seine Kantaten – weniger oft rhetorisch im Sinne einer Tradition, die aus protestantischen Lateinschulen über Komponisten wie Heinrich Schütz in die geistliche Musik eingegangen ist. Ihm geht es bei der Textvertonung weniger als Bach um die sinnige Figur einer musikalischen Erfindung, sondern vielmehr um deren dramatischen Effekt. Telemann dachte stark in musikdramatischen Vorstellungen. Die JesusDarstellung nähert sich daher hin und wieder einem Operncharakter an. Mit kämpferischer Geste („Ich will kämpfen“) und sehr direkten Beschreibungen des eigenen Zustands („Vater | Die Kräfte wollen mir gebrechen“) macht Telemann die Hörer zum hautnahen Zeugen seiner letzten Stunden. Zum anderen war Telemann offenbar noch stärker als Bach von einem an der jeweiligen Kirchengemeinde orientierten Gebrauch seiner geistlichen Musik geprägt, weshalb manches

weniger komplex und artistisch ausfällt – wie der Choralsatz quasi „zum Mitsingen“, der jegliche Form von Chorvirtuosität ersetzt. Den bei Bach so prominenten Evangelisten gibt es bei Telemann ebenfalls nicht. An dessen Stelle treten die allegorischen Figuren Andacht und Glaube. Mit ihren Betrachtungen des „blutschwitzenden“ und „verspeieten“ Jesus werben sie um Mitleiden und vermitteln somit – Bachs Evangelisten vergleichbar – zwischen dem Geschehen und den Zuhörern. Den Text dazu übrigens hatte Telemann selbst verfasst und er zeugt in beeindruckender Weise von seiner allgemeinen und theologischen Bildung. Mit unserer Aufführung möchten wir dazu beitragen, dass Telemann weiter aus dem Schatten Bachs heraustritt. Voraussetzung dafür ist es, seine Werke in adäquater Weise zu spielen und interpretieren. In den Händen von Orchestern, die an einem „monumentalen“ Bach und einem romantischen Repertoire geschult waren, klang lange Zeit Telemann langweilig, einfallslos und „dudelig“. Diese Gefahr ist beim FBO mit seiner langen Verbundenheit zu gerade diesem Komponisten nicht gegeben. Je nach dramatischer Situation gilt es, einen leuchtenden oder dunklen Instrumentalgrund zu bereiten. Dabei werden mit solistischen Fäden farbige Tupfer in das Gewebe aus Gesangs- und Begleitstimmen gesponnen. Insbesondere die selten zu hörenden Chalumeaux – Vorläufer der Klarinette – unterlegen mit ihrem samtig-dunklen Klang sinnfällig Jesus’ letzte Arie „Es ist vollbracht“. Telemanns Instrumentation, die geschickt und raffiniert den Stimmungsgehalt der Nummern unterstützt, erfährt durch die FBO-Musiker eine durchsichtige, kontrastund spannungsreiche Umsetzung. 29 28


Alte Musik für junge Ohren

Alte Musik braucht neue Ohren! Dass „Klassische Musik“ und insbesondere die ältere „klassische Musik“ nur etwas für Menschen mit einer bestimmten Reife sei, können und wollen wir nicht hinnehmen. Wenn der musikliebende Nachwuchs fehlt, liegt es nicht an der Musik, sondern an ihrer Vermittlung und Präsentation. Daher ist „Alte Musik für junge Ohren“ des FBOs wichtigste Investition in die Zukunft.

Konzert statt Schule! L. v. Beethoven: „Leonore“ (1805) mit René Jacobs Familienkonzert 4 + Der klingende Adventskalender Familienkonzert 8 + La serva padrona – Opern zum Schnuppern Landesjugendbarockorchester Baden-Württemberg Freiburger Barockorchester Brigitte Täubl, Organisation Elisabeth Theisohn, Konzeption und Moderation

Konzert statt Schule! 23. Oktober 2017 | 11 Uhr

Familienkonzert 8 + 3. März 2018 | 15 und 17 Uhr

Freiburg, Konzerthaus

Freiburg, Ensemblehaus

Familienkonzert 4 + 3. Dezember 2017 | 12 und 16 Uhr (öffentlich) 4. Dezember 2017 | 9 und 11 Uhr ( für Kindergärten und Schulen) 5. Dezember 2017 | 9 und 11 Uhr ( für Kindergärten und Schulen)

Freiburg, Ensemblehaus

Landesjugendbarockorchester Baden-Württemberg 2. – 5. Januar 2018 (Arbeitsphase)

Die Education-Abteilung des Freiburger Barockorchesters hat sich über die Jahre ihres Bestehens hinweg zu einer festen und erfolgreichen Institution entwickelt. Jede Spielzeit treffen sich hunderte von Kindern und Jugendlichen, Lehrern, Eltern und Großeltern im Ensemblehaus Freiburg, um sich von den Musiker*innen, Pädagog*innen und Musikvermittler*innen des FBO in die Welt der älteren Musikgeschichte mit ihren historischen Instrumenten entführen und davon verzaubern zu lassen. Das FBO verfolgt damit eine Herzensangelegenheit: Die ältere Musik soll in all ihrer Lebendigkeit und Vielfalt möglichst authentisch und auf höchstem Niveau Menschen aus allen Altersgruppen nahegebracht werden. Wenn wir vermitteln können, welchen Spaß und welche Lebensfreude das Hören und Selbermachen von älterer Musik bereiten können, dann haben wir unser erstes Ziel erreicht. Wenn darüber hinaus noch die eigene Kreativität unseres kleinen und großen Publikums angeregt wird, haben wir einen Volltreffer gelandet. Wir bemühen uns, unsere Arbeit den Ansprüchen unserer jungen Hörer ständig neu anzupassen. Es ist uns ein besonderes Anliegen, selbst genau hinzuhören, wie junge Ohren alter Musik begegnen wollen. Und so haben sich von Saison zu Saison die folgenden Vermittlungsformate etabliert: Familienkonzerte entweder für ältere Kindergartenkinder aufwärts oder für junge Menschen, die mit ihren mindestens 8 Jahren bereits routinierte Schulkinder sind. Außerdem bieten wir Konzerte an, die gezielt für Unter-, Mittel oder Oberstufenklassen angelegt sind. Daneben gibt es zahlreiche

Kooperationen mit einzelnen Kindergärten und Schulen sowie das Landesjugendbarockorchester, für das das FBO die Schirmherrschaft übernommen hat. In unserer Jubiläumssaison veranstalten wir wieder zwei Familienkonzerte. Das „4+“-Konzert ist ein „klingender Adventskalender“, dessen Türchen in Kooperation mit der Hochschule für Musik Freiburg geöffnet werden. Die Besonderheit des diesjährigen Adventskonzerts ist, dass Kinder und Jugendliche vor dem Konzert einen Workshop besuchen können, um die Adventsüberraschungen mit den Musiker*innen selbst einzustudieren. Das Familienkonzert 8+ hingegen ist eine „Oper zum Schnuppern“. Pergolesis „La serva padrona“ bietet genug Turbulenzen, komische Musik, Schauspiel und Pantomine, um aus jungen Leuten Opernliebhaber zu machen. Das „Konzert statt Schule!“ richtet sich an Schüler der Klassenstufen 6 bis 9. Ihnen möchte der Opernspezialist René Jacobs die Urfassung von Beethovens „Fidelio“ mit dem Namen „Leonore“ näherbringen. Beethoven hatte seine einzige Oper über 10 Jahre hinweg zwischen 1804 und 1814 immer wieder bearbeitet, und zwar so stark, dass manch einer meint, er hätte eigentlich zwei Opern komponiert. Jacobs wird einige Nummern aus der ersten Fassung von 1805 dirigieren und sein gesamtes Hintergrundwissen mit dem jungen Publikum teilen. Für diese ganz besondere Veranstaltung ziehen wir vom Ensemblehaus ins Freiburger Konzerthaus um.

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Beethoven – 5 Klavierkonzerte

L. v. Beethoven  * Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15 Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 19 Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37 L. v. Beethoven  ** Ouvertüre „Die Geschöpfe des Prometheus“ op. 43 Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58 Ouvertüre zu „Coriolan“ op. 62 Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73 Kristian Bezuidenhout Hammerflügel Freiburger Barockorchester Pablo Heras-Casado Dirigent

18. Dezember 2017 | 20 Uhr *

Freiburg, Konzerthaus | Rolf-Böhme-Saal (Abokonzert) 20. Dezember 2017 | 20 Uhr **

Freiburg, Konzerthaus | Rolf-Böhme-Saal (Sonderkonzert)

All fünf Beethoven-Klavierkonzerte an zwei kurz aufeinanderfolgenden Abenden, flankiert von dramatischen Ouvertüren. Mit diesem Doppelkonzertereignis gibt Kristian Bezuidenhout – Künstlerischer Leiter beim FBO in den nächsten drei Jahren – am historischen Hammerflügel seinen saisonalen Einstand im Freiburger Konzerthaus. Zeitgleich mit den Proben entsteht im Ensemblehaus die Gesamteinspielung auf CD für harmonia mundi.

Das Klavier war Beethovens Instrument. Rein quantitativ überwiegt es im Gesamtœuvre als Solo- und Begleitinstrument vor jedem anderen: 32 Klaviersonaten mit Opuszahl und die drei so genannten „Kurfürsten-Sonaten“ von 1795, etliche Variationszyklen, Fantasien, Rondos, Bagatellen, Capricci, die anspruchsvollen Beteiligungen in Ensemblesonaten und Kammermusikwerken und schließlich – natürlich – die fünf Klavierkonzerte. Beethoven war ein Komponist – und das ist eine seiner faszinierendsten Facetten –, der jede Gattung, die er sich vornahm, in neue Richtungen führte, modellierte, transformierte, re-definierte. Deshalb ist das Komponieren insgesamt nach Beethoven ein anderes als vor ihm. Beethoven – und das gilt zumindest für die Geschichte der europäischen Konzertmusik seit dem 19. Jahrhundert – war ein Ereignis, das alles Bestehende verändert hat. Unter diese Prämisse fallen auch die Klavierkonzerte. Die Anfänge der Gattung liegen bei Bach und seinen sieben Cembalokonzerten, in denen dieses vormalige ContinuoBegleitinstrument auf einmal zum Soloinstrument avanciert. Der historische Beitrag Mozarts sind 27 Exemplare, die vom concertohaften Ensemblespiel zur sinfonischen Großform mit dramatischen Spannungselementen führen. Diesen Impetus greift Beethoven auf, als er zwischen 1795 und 1800, in den ersten Wiener Jahren und auf Haydns und Mozarts Spuren, sein erstes Klavierkonzert in C-Dur op. 15 in Angriff nimmt. Und selbst noch mit dem beliebten dritten Klavierkonzert in c-Moll op. 37, 1803 fertiggestellt und das einzige der fünf in einer Molltonart, atmet den Geist von Mozarts Mollkonzerten, insbesondere des c-Moll-Konzerts KV 491. Die rasanten Entwicklungen im Klavierbau, das Streben vom Salon in den

Konzertsaal und der Drang, die Musiksprache immer weiter zu individualisieren, zu subjektivieren, werden hier aufs Deutlichste hörbar. Zwischen dem dritten und dem vierten Konzert G-Dur op. 58 liegen zwar nur drei Jahre, doch sind es ganz entscheidende Jahre in Beethovens Entwicklung als Komponist. Biografisch hatte er eine Depression zu verkraften, die nicht zuletzt auf die Gewissheit zurückzuführen ist, dass sein Gehörleiden in Taubheit enden wird. Er sei nun, mit Anfang dreißig, gezwungen ein Philosoph zu werden, wie er sich ausdrückte. Das bedeutete eine insgesamt nach innen gerichtete, idealistische und an bestimmten moralischen Werten orientierte Haltung einzunehmen. Dies ist dem G-Dur-Konzert direkt anzuhören: lange lyrische Passagen, eine sinfonische Form, worunter eine sehr ausdifferenzierte thematische „Arbeit“ und ein engmaschiges Ineinander von Orchester und Solist zu verstehen sind, und eine „Aussage“, eine „Botschaft“, die Solist und Orchester wie Held und Gesellschaft im Sinne eines Dramas „sprechen“ lassen. Das fünfte Konzert schließlich in Es-Dur op. 73 entstand in einer der produktivsten Phasen in Beethovens Leben zwischen 1808 und 1809 in Nachbarschaft zu den Sinfonien Nr. 5 bis Nr. 7. Die zunehmende Taubheit machte eine eigenhändige Uraufführung unmöglich, weshalb einer seiner begabtesten Klavierschüler, Carl Czerny, die erste öffentliche Aufführung am 11. Februar 1812 bei einer Akademie im Theater am Kärntnertor spielte. Konsequent setzt Beethoven hier die im G-Dur-Konzert eingeschlagene Richtung fort und fügt dem Werk jenen heroisch-triumphalen Tonfall hinzu, für den Beethovens Name ebenfalls steht. Wie im Bereich der Sinfonie ebnet Beethoven auch beim Solokonzert damit den Weg zu etwa Brahms und seinen „Neuen Bahnen“. 33 32


Haydns Schöpfung

„Die Schöpfung“ von Joseph Haydn war das erste Stück, das René Jacobs 1999 mit dem Freiburger Barockorchester musizierte. 10 Jahre später entstand eine CD in dieser Konstellation. Nun – in der Jubiläumssaison – widmen sich der Maestro und das Orchester abermals diesem seit seiner Uraufführung 1798 höchst erfolgreichen Oratorium, um den Jahreswechsel in Freiburg und Berlin feierlich und erhaben zu gestalten.

J. Haydn „Die Schöpfung“ Hob. XXI:2 Anett Fritsch Sopran Sebastian Kohlhepp Tenor Michael Nagy Bass RIAS Kammerchor Freiburger Barockorchester René Jacobs Dirigent

Silvesterkonzert 31. Dezember 2017 | 18 Uhr

Freiburg, Konzerthaus | Rolf-Böhme-Saal Neujahrskonzert 1. Januar 2018 | 20 Uhr

Berlin, Philharmonie | Großer Saal

Als Haydn Mitte der 1790er Jahre begann, ein ausgedehntes Oratorium über den biblischen Schöpfungsbericht zu schreiben, war er einer der meist umjubelten Komponisten Europas. Sein Ruhm allerdings gründete fast ausschließlich in seiner Instrumentalmusik. Streichquartette, Sinfonien, Sonaten hatte er geschaffen, die das Verständnis der jeweiligen Gattung entscheidend prägten oder diese gar überhaupt erst ins Leben riefen. Die überaus reiche Opernproduktion Haydns hingegen war größtenteils ein lokales Phänomen auf Schloss Esterházy und blieb ohne größeren Erfolg. Doch bereits 1796 – ein Jahr nachdem er seine letzte Sinfonie, die 104., komponiert hatte – lenkte der nun 64-jährige seine Aufmerksamkeit in die Richtung geistlicher oder zumindest religiös empfundener Vokalmusik. Dazu gehören sechs Messen, von denen das FBO und René Jacobs die letzte, die „Harmoniemesse“, in der vergangenen Spielzeit aufgeführt haben, sowie die Oratorien „Die Sieben letzte Worte des Erlösers am Kreuze“, „Die Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“. Zu seinen Oratorien wurde Haydn inspiriert durch das Vorbild Händels, dessen Musik er auf seinen Englandreisen intensiv kennenlernte. Baron Gottfried van Swieten, Präfekt der kaiserlichen Hofbibliothek in Wien, der nicht nur ein bedeutender Musikmäzen war, sondern sich insbesondere um die Pflege der älteren, barocken Musik bemühte, hatte Haydn offenbar schon vor seiner ersten Englandreise die Idee eingeimpft, ein Oratorium im Stile Händels zu schreiben. Von ihm stammt schließlich auch das Libretto zur „Schöpfung“, das seinen eigenen Angaben zufolge allerdings die Übertragung eines heute nicht mehr zu identifizierenden Originallibrettos aus dem Englischen darstellt. Deutlich sind zumindest einige Anklänge an die Sprachbilder von John

Miltons epischem Gedicht „Paradise Lost“ von 1667, einer sehr freien und kontrovers diskutierten Nachdichtung der Schöpfungsgeschichte. Besonders auffällig sind zwei Eigenheiten der Haydnschen „Schöpfung“: Die thematische Auslassung des ansonsten so zentralen Sündenfalls und die Häufung von Tonmalereien, wenn es darum geht, die Naturvorgänge zu musikalisieren. Beides hat Haydn recht früh den Vorwurf eingebracht, naiv an das Thema herangegangen zu sein. Das Menschbild sei zu positiv, die Naturwahrnehmung kindlich staunend. Ein solches Urteil geht aber möglicherweise zu einseitig von Kritik und Reflexion als höchste Zwecke der Kunst aus. Es ist hingegen auch denkbar, dass Haydn durch eine gewisse Reife und philosophische Einsicht zu solchen Gestaltungsweisen gelangt ist, einerseits nach dem biblischen Spruch: „Es sei denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen“, andererseits nach Aristoteles’ Ausspruch: „Das Staunen ist der erste Grund der Philosophie“.

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Gran Partita

„Die Partitur sah nach nichts aus. Der Anfang, so simpel, fast lächerlich. Nur ein Pulsieren, Fagotte, Bassetthörner – wie eine rostige Quetschkommode. Doch da, plötzlich, hoch darüber, eine einsame Oboe, ein einzelner Ton, unerschütterlich über allem, bis eine Klarinette ihn aufnimmt, in einer Phrase von solch himmlischer Süße! Das war keine Komposition eines Zirkusaffen! So eine Musik hatte ich noch nie vernommen. Voll tiefster Sehnsucht; einer so unstillbaren Sehnsucht, dass ich erbebte und es mir schien, als hörte ich die Stimme Gottes.“

G. Rossini Ouvertüre aus „Il turco in Italia“ (in einer Bearbeitung für Bläserensemble von Giorgio Mandolesi) F. Mendelssohn Bartholdy Notturno C-Dur für Harmoniemusik op. 24 W. A. Mozart Serenade Nr. 10 in B-Dur KV 361 „Gran Partita“ Bläser des FBO

16. Januar 2018 | 20 Uhr

Berlin, Philharmonie | Kammermusiksaal 17. Januar 2018 | 20 Uhr

Stuttgart, Liederhalle | Mozartsaal 18. Januar 2018 | 20 Uhr

Freiburg, Konzerthaus | Rolf-Böhme-Saal 19. Januar 2018 | 20 Uhr

Köln, Philharmonie

Diese Worte spricht Antonio Salieri in Miloš Formans Film „Amadeus“ in dem Augenblick, als er begreift, was für ein Komponist Mozart ist. Das Stück, in dessen Partitur Salieri hier liest und im Kopf sofort hört, ist die „Gran Partita“, Mozarts Serenade für Bläser KV 361 von 1781. Und natürlich ist Mozarts Kompositionsweise subtil, ja sublim, doch haften ihrer Beschreibung als sehnsuchtsvoll und als Stimme Gottes Klischees an, die aus dem „romantischen“ 19. Jahrhundert stammen (dies ist ein Zug des Films insgesamt). Mozart nämlich, mag sich als Werkzeug Gottes verstanden haben, da die Musik insgesamt als von Gott geschenkte Kunst galt. Als individuelles Genie, als Erfüller eines tiefen Sehnsuchtsverlangens hat er sich aber sicherlich nicht gesehen. Mozart war ein Spieler-Typ: Er spielte immer mit hohem Einsatz, in der Kunst und im Leben, wo er manches auch verspielte. Das Aufregende an seiner Musik ist, dass er alle traditionellen Forderungen, die Konventionen, in denen er sich bewegte, bestens kannte und sie nicht nur erfüllte, sondern mit ihnen eben spielte, sie dabei ausreizte, untergrub, aushöhlte oder sprengte. Das lässt sich gut an der „Gran Partita“ ablesen, die den monumentalen Schlusspunkt unseres Bläser-Programms bildet. Als Bläser-Serenade ist sie einerseits der Unterhaltungsmusik zuzurechnen. „Serenade“ leitet sich von „sera“ (Abend) und „sereno“ (heiter) ab, es geht um abendliches Entertainment also für meist adelige Gesellschaften. In Salzburg hat Mozart über 20 Serenaden und Stücke verwandter Gattungen (Kassationen, Notturnos, Märsche und Divertimenti) geschrieben. Die berühmten Serenaden „Posthorn“ und „Haffner“ bildeten den Abschluss der Salzburger Serie, während die „Gran Partita“ in den ersten Wiener Jahren entstand. Und während sie die

Unterhaltungsfunktion mustergültig erfüllt, geht sie doch in ihrer Kunstfertigkeit weit darüber hinaus. Mozart hat ein Stück geschrieben, das nicht nur den filmischen Salieri, sondern auch uns heute in Staunen versetzen oder zum Schwärmen bringen kann. Vorbereitet wird die Serenade in unserem Programm von zwei weiteren Bläserstücken. Zwischen 1770 und 1820 hatte die Harmoniemusik Konjunktur. Damit wird originale oder bearbeitete Musik für Bläserensembles bezeichnet, die ebenfalls unterhaltenden oder aber militärischen Zwecken dienlich war. Mozart selbst hat seine Opernmusik zum „Figaro“ und „Don Giovanni“ „für die Harmonie“ bearbeitet, um eine einträgliche Zweitverwertung zu erzielen. Eine moderne Bearbeitung von Opernmusik liegt im Fall von Giorgio Mandolesis Bläserarrangement der Sinfonia zu Rossinis 1814 entstandener Opera buffa „Il turco in Italia“ vor, während Mendelsohns Notturno op. 24 eine originale Bläserkomposition ist. Entstanden ist sie zeitgleich zu der frühreifgenialischen Musik zum „Sommernachtstraum“ Mitte der 1820er Jahre. Heute ist sie am ehesten in der späteren Fassung für großes Orchester verbreitet. Doch gerade die klangdelikate Urfassung zeigt Mendelssohns Faszination für den Bläsersound, die ihn dazu bewog, auch das seltene Basshorn miteinzubeziehen.

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Händels Saul in Wien

G. F. Händel „Saul“, Oratorium in drei Akten HWV 53 Florian Boesch Saul Bass-Bariton Jake Arditti David Countertenor Anna Prohaska Merab Sopran Giulia Semenzato Michal Sopran Arnold Schoenberg Chor Freiburger Barockorchester Laurence Cummings Dirigent Claus Guth Regie

Theater an der Wien 16. Februar 2018 | 20 Uhr

25. Februar 2018 | 20 Uhr

Wien, Theater an der Wien

Wien, Theater an der Wien

18. Februar 2018 | 20 Uhr

27. Februar 2018 | 20 Uhr

Wien, Theater an der Wien

Wien, Theater an der Wien

20. Februar 2018 | 20 Uhr

Wien, Theater an der Wien

Die Oratorien Georg Friedrich Händels gehören nach England wie Rugby oder Sunday Roast. Auch deshalb ist Laurence Cummings – Professor für Historische Aufführungspraxis an der Royal Academy of Music in London und Künstlerischer Leiter der Händel Festspiele in Göttingen – der richtige Mann, das Freiburger Barockorchester beim „Saul“ anzuleiten.

Mit seinen Oratorien verneigte sich der Komponist vor Sprache und Kultur des Landes, das ihn so warm empfangen hatte und seit 1710 seine Heimat war. Doch war das Oratorium zunächst nicht Händels bevorzugte Gattung. Sein Ruhm in London gründete sich in den ersten Jahrzehnten auf seine Fähigkeit, jedes Jahr eine bis drei neue Opern im italienischen Stil zu schreiben und den aufstrebenden Theatern der Stadt zur Verfügung zu stellen. Doch die Oper war im 18. Jahrhundert – trotz der Errungenschaften in Frankreich und spannender Experimente in Deutschland und England – untrennbar mit der italienischen Sprache verwoben. Folglich musste sich Händel einer anderen Gattung zuwenden, wenn er englischsprachige Vokalmusik komponieren wollte. Und das wollte er, denn seit ca. 1717 verkehrte Händel in Kreisen, denen Literaten wie John Gay und Alexander Pope angehörten, die sein Denken sehr inspirierten. Und außerdem geriet der ehemalige Erfolgsmotor der Opera seria in London gewaltig ins Stocken. Oratorien gab es zwar schon längere Zeit in Italien und – als Passionsoratorium – in Deutschland, doch waren sie sehr stark an der Opera seria mit ihrem Wechsel zwischen Rezitativ und Arie orientiert. Händels Leistung war es, aus Modellen verschiedener englischer und kontinentaler Musikformen eine neue Gattung, das englische Oratorium, mit einer neuartigen Dramaturgie zu entwickeln – mit enormem Erfolg. Denn zwischen 1733 und 1757 komponierte und „inszenierte“ er 21 Oratorien, mit denen er einen bis weit ins 19. Jahrhundert hineinreichenden Oratorienkult auf den Inseln begründete, an dem nicht mehr nur der Adel, sondern auch das Bürgertum partizipierte.

„Saul“ von 1739 war eines der ersten englischen Oratorien, das erste mit einem Libretto von Charles Jennens, der einige Jahre später auch den Text zum „Messiah“ verfassen sollte. Es erzählt die Geschichte des unglückseligen israelischen Königs Saul, der die Philister und Ammoniter besiegte. Den damit verbundenen Ruhm konnte er aber als König nicht auskosten, weil er von Neid auf den beliebten und erfolgreichen David wie zerfressen war. Sein gesamtes Trachten richtete er in unberechenbarem Verfolgungswahn darauf aus, David ums Leben zu bringen. Dabei schreckte er – der sich von Gott verlassen glaubte – nicht einmal vor der Inanspruchnahme okkulter Magie der Hexe von Endor zurück. Ihre Weissagung schließlich führte dazu, dass Saul den Speer auf dem Schlachtfeld gegen sich selbst richtete, um den Königs-Weg für den aufstrebenden David frei zu machen. Der Trauermarsch, den Händel auf den Tod Sauls komponierte, erlangte weltweit anhaltende Berühmtheit. Doch nicht nur dieser ist hörenswert. Die vielen eingängigen Arien, die packenden Accompagnato-Rezitative und vor allem die beeindruckenden Chorszenen haben von sich aus eine dramatische Dimension, wie sie zuvor nur in Ausnahmefällen bekannt war. Darüberhinaus hat Händel die Partitur äußerst farbig instrumentiert. Um der Zeit David und Sauls möglichst nahe zu sein, setzte er Instrumente ein, von denen man annahm, dass sie zu Davids Zeit schon verwendet wurden, darunter Posaunen, Schlagwerk, Harfe und ein Carillon, also ein über Tastatur zu spielendes Glockenspiel.

23. Februar 2018 | 20 Uhr

Wien, Theater an der Wien

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La serva padrona

Mit Pergolesis „La serva padrona“ ist eine einschneidende Veränderung im Musiktheater des 18. Jahrhunderts verbunden. Das Stück diente als komisches Intermezzo, als amüsantes Zwischenakttheater, zum eigentlichen „main act“, der ernsten Oper „Il prigionier superbo“. Doch während diese, Pergolesis zweite Opera seria, nach der Uraufführung 1733 recht schnell wieder in Vergessenheit geriet, hielt sich „La serva“ hingegen ungewöhnlich hartnäckig im Repertoire und trat einen Siegeszug durch die europäischen Theater an. „La serva padrona“ kann heute stolz auf eine stetige Aufführungsgeschichte zurückblicken, auch in diversen Übersetzungen und Bearbeitungen. Es ist eines der ersten „Repertoirestücke“ des Musiktheaters überhaupt. U. W. Graf v. Wassenaer Concerto Nr. 5 f-Moll In Paris sorgte eine Aufführung 1752 zusammen mit einer Oper von Lully für einen Eklat. Um die Frage, ob die ernste Oper oder die Opera buffa Priorität besitze, entbrannte der so genannte Buffonisten-Streit. Die Auseinandersetzung führte schließlich zu einer Umwälzung im Opernbetrieb: die „alte“, höfische Opera seria mit ihren als zu starr empfundenen Konventionen geriet allmählich in den Hintergrund, die temporeichere, lebensnähere und bürgerliche komische Oper erhielt dagegen immer mehr Aufmerksamkeit – eine Entwicklung, die Stücke wie die drei Da-Ponte-Opern von Mozart überhaupt erst möglich machte.

G. B. Pergolesi Concerto B-Dur für Violine Salve Regina c-moll La serva padrona Sunhae Im Serpina Sopran Michael Nagy Uberto Bariton Tristan Braun Vespone Regie Freiburger Barockorchester Gottfried von der Goltz Violine und Leitung

3. März 2018 | 15 und 17 Uhr

11. März 2018 | 20 Uhr

Familienkonzert 8+, Ensemblehaus Freiburg

Budapest, Béla Bartók National Concert Hall

4. März 2018 | 16 Uhr

Köln, Philharmonie 5. März 2018 | 20 Uhr

Stuttgart, Liederhalle | Mozartsaal 6. März 2018 | 20 Uhr

Freiburg, Konzerthaus | Rolf-Böhme-Saal

Faszinierend ist die Tatsache, dass dieser musikgeschichtliche Vorgang mit der Handlung von „La serva“ korrespondiert. Denn ebenso wie sich die komische Oper aus ihrer untergeordneten Rolle gegenüber der ernsten Oper emanzipierte, übernimmt im Stück die temperamentvolle Dienstmagd, Serpina, den Haushalt ihres Herrn, des Junggesellen Uberto, und wird so zur „Magd als Herrin“. Uberto hatte Serpina als junges Mädchen bei sich aufgenommen und wie eine eigene Tochter behandelt. Nun fühlt sie sich als Hausherrin und verlangt eine entsprechende Behandlung. Uberto ist von ihrem sehr dominanten Verhalten genervt und beschließt, sich eine Gattin zu suchen, damit die häuslichen Verhältnisse in geregelte Bahnen kommen. Serpina nimmt dies als Aufforderung, sich selbst in die Position der Braut zu bringen. Um Ubertos Herz zu gewinnen, provoziert sie über den als Brautwerber verkleideten Diener Vespone seine Eifersucht. Der Plan geht auf, die Liebe erblüht und am Ende können alle Beteiligten ihr Glück besingen.

Das Stück verlangt der Sängerin und dem Sänger eine große Portion an schauspielerischem Einsatz ab. Es lebt von der Energie und vom Humor der Darstellung. Mit Sunhae Im und Michael Nagy konnten wir zwei Künstler gewinnen, die immer wieder durch ihre überzeugenden und lebhaften Charakterdarstellungen auffallen. So war Im letzte Saison mit dem Freiburger Barockorchester und René Jacobs als temperamentvolle Despina in Mozarts „Così fan tutte“ zu bewundern. Mit Im, Jacobs und dem FBO stand Nagy 2010/2011 bei der gemeinsamen Wiederentdeckung von Mozarts Verwechslungskomödie „La finta giardiniera“ auf der Bühne und konnte dort seine Buffo-Talente ausspielen. Zusammen mit dem jungen Regisseur Tristan Braun, der zudem die stumme Rolle des Dieners Vespone übernimmt, können nun beide ihre beeindruckende Bühnenpräsenz zur vollen Entfaltung bringen. Eingerahmt wird Pergolesis Zweiakter von konzertanter Instrumentalmusik und einem geistlichen Werk. Neben einem Concerto grosso des Grafen Willem Unico van Wassenaer, das lange Zeit Pergolesi zugeschrieben wurde, erklingt Pergolesis beliebtes Violinkonzert sowie sein herzergreifendes Salve Regina in c-Moll.

7. März 2018 | 20 Uhr

Berlin, Philharmonie | Kammermusiksaal 41 40


Mendelssohns Elias

Georg Friedrich Händel hat mit seinen englischen Oratorien Mitte des 18. Jahrhunderts einen Oratorienboom auf den britischen Inseln ausgelöst. Dies war 100 Jahre später noch spürbar, sodass es kein Zufall ist, dass Mendelssohn sein zweites Oratorium, „Elias“, 1846 in England, genauer: in Birmingham, uraufführte. Dafür wurden mit einem Sonderzug eigens 300 Aufführende von London nach Birmingham chauffiert. Das Konzert dauerte dreieinhalb Stunden, da außerdem noch Teile von Haydns „Schöpfung“ und Beethovens „Missa Solemnis“ aufgeführt wurden. Trotz dieses Mammutprogramms verlangte das Publikum diverse Zugaben aus Mendelssohns Werk. F. Mendelssohn Bartholdy „Elias“ Oratorium op. 70 (MWV A 25) Matthias Goerne Elias Bass-Bariton Sophie Karthäuser Die Witwe Sopran Sebastian Kohlhepp Obadjah und Ahab Tenor Wiebke Lehmkuhl Die Königin Alt RIAS Kammerchor Freiburger Barockorchester Pablo Heras-Casado Dirigent

2. April 2018 | 20 Uhr

Freiburg, Konzerthaus | Rolf-Böhme-Saal 6. April 2018 | 20.30 Uhr

Paris, Philharmonie 8. April 2018 | 20 Uhr

Madrid, Teatro Real

Im Jahr nach der Premiere „tourte“ das Stück in einer überarbeiteten Fassung nach London, Manchester und wieder nach Birmingham. Erst ein Jahr nach der Uraufführung fand die erste deutschsprachige Aufführung in Köln statt. Die weiteren geplanten Aufführungen in Berlin und Leipzig wurden dann zu Gedenkkonzerten, da Mendelssohn im Herbst 1847 erkrankte und mit 38 Jahren starb. Mendelssohns Darstellung des alttestamentarischen Propheten Elias ist der Anlage des Oratoriums in zwei Akten entsprechend zweigeteilt. Der erste Akt zeigt uns einen kämpferischen Elias, der zweite einen melancholischen. Mit Elan verfolgt Elias zunächst das Ziel, die israelitische Lehre von dem EINEN Gott Jahwe im Lande Kanaan gegen den dort praktizierten Baalskult – eine lokale Form der Vielgötterei – durchzusetzen. Mit energiegeladener, dramatischer Musik malt Mendelssohn die Geschehnisse aus: Im Land herrscht bedrückende Wasserknappheit. Das Volk leidet unter der Dürre, die die gesamte Versorgung bedroht. Unter diesen Umständen begibt sich Elias nach Zarpat, wo er eine trauernde Witwe um Wasser und Brot bittet. Sie entspricht seinem Wunsch, da sie in ihm einen Propheten erkennt. Daraufhin wird sie mit zwei Wundern belohnt, die auch im Neuen Testament eine Rolle spielen werden. Ihre Mehl- und Ölvorräte werden nicht mehr versiegen und ihr unerwartet verstorbener einziger Sohn wird wieder zum Leben erweckt. Zum Abschluss des ersten Teils begibt sich Elias zu König Ahab und den Priestern des Baal, um sie zum Gott Abrahams zu bekehren. Den Höhepunkt bildet das großangelegte Regenwunder, das Elias zur Begeisterung der Bevölkerung herbeiführt.

Der zweite Teil ist weniger dramatisch, sondern eher lyrischbesinnlich angelegt. Königin Isebel verfolgt Elias mit aller Härte, so dass dieser in die Berge fliehen muss. In seiner Resignation erscheint ihm Gott selbst, was den Höhepunkt seines Prophetentums bildet und ihm neuen Mut für seine kämpferische Mission gibt. Das Ende seines Lebens markiert Elias’ Himmelfahrt in einem feurigen Wagen und die von Engeln verkündete Botschaft, dass Elias Prophet des Messias war, der sein Werk fortführen und vollenden wird, womit das Oratorium auf die Berichte des Neuen Testaments und das Christentum verweist. Für eine hochkarätige Wiedergabe dieses beeindruckenden, chor-intensiven, lyrisch-dramatischen Werks stehen neben dem FBO namhafte Solisten, der exzellente RIAS Kammerchor sowie der spanische Dirigent Pablo Heras-Casado ein, der bereits in der letzten FBO-Spielzeit mit einem puren Mendelssohn-Programm das Publikum begeisterte.

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Anfänge der Klassik

Kristian Bezuidenhout ist mit Beginn der Jubiläumssaison auf drei Jahre zum Künstlerischen Leiter des FBO neben Gottfried von der Goltz berufen. Seinen pianistischen Einstand gibt er mit dem Zyklus von Beethovens Klavierkonzerten im Dezember; als Leiter und Solisten erleben wir ihn in dieser Funktion mit einem Programm, das die Umbruchsjahre um 1780 präsentiert. Dies kommt nicht von ungefähr, bilden sie doch einen großen thematischen Schwerpunkt der Arbeit des gefeierten Hammerklaviervirtuosen, wie wir in der vorigen Saisoneröffnung mit „Sturm und Drang“ bereits gesehen und gehört haben.

J. Haydn Sinfonie Es-Dur Hob. I:74 W. A. Mozart Klavierkonzert G-Dur KV 453 J. Chr. Bach Sinfonie g-Moll op. 6,6 W. A. Mozart Klavierkonzert Es-Dur KV 271 „Jenamy” Freiburger Barockorchester Kristian Bezuidenhout Hammerklavier und Leitung

21. April 2018 | 20 Uhr

28. April 2018 | 18 Uhr

Rotary-Gala Rust, Globe-Theater

Örebro, Konserthus

22. April 2018 | 20 Uhr

Göteborg, Konserthus

Lörrach, Burghof 26. April 2018 | 19 Uhr

Västernås, Konserthus 27. April 2018 | 19 Uhr

Stockholm, Konserthuset

29. April 2018 | 18 Uhr 19. Mai 2018 | 20 Uhr

New York, Lincoln Center | Alice Tully Hall 20. Mai 2018 | 20 Uhr

Baltimore, Shriver Hall 3. Juni 2018 | 20 Uhr

Kopenhagen, Tivoli Festival

Viele Darstellungen der Musikgeschichte weisen das Jahr 1750 – Bachs Todesjahr – als große Zäsur aus: der Barock gehe zu Ende und die Klassik beginne. Dass es nicht ganz so einfach ist, sagt uns bereits der gesunde Menschenverstand. Epochen entstehen und vergehen nicht einfach von heute auf morgen. Die Jahre vor 1780 waren in der allmählichen Überführung barocker Stile in einen Wiener Musikstil, der dann später zum Klassischen geadelt wurde, einschneidender als Bachs Tod. In dieser Zeit herrschte eine beeindruckende Buntheit an musikalischen Kompositions- und Ausdrucksweisen, die oft mit verschiedenen Etiketten wie „Galanter Stil“, „Empfindsamer Stil“, „Sturm und Drang“, „Vor-Klassik“ oder „Frühklassik“ uvm. belegt werden. Dies spricht dafür, dass verschiedene Komponisten in unterschiedlichen Regionen Europas unterschiedliche Ziele mit verschiedenen Mitteln verfolgten, wovon dann der „Klassische Stil“ nur eine, wenn auch in mancherlei Hinsicht herausragende Spielart ist. Mozart hatte eine besondere Beziehung zum Klavier. Als Kind wurde er der europäischen Öffentlichkeit gerade mit diesem Instrument präsentiert, seine Klaviersonaten, -variationen und -fantasien und besonders seine 27 Klavierkonzerte zeugen von der lebenslangen Beschäftigung mit den Tasten. Anhand der Klavierkonzerte, deren Kompositionszeitraum sich auf beinahe das gesamte kurze Leben des Komponisten erstreckt, können gut die Veränderungen und Entwicklungen der Kompositions- und Spielweise nachvollzogen werden. Beide Konzerte in diesem Programm, das 9. und das 17., wurden für talentierte und virtuose Pianistinnen geschrieben: Das so genannte „Jenamy“-Konzert KV 271 entstand 1777 und ist somit das letzte Klavierkonzert, das Mozart noch in

Salzburg schrieb. Die Widmungsträgerin Louise Victoire Jenamy geb. Noverre, Tochter des mit Mozart befreundeten Tänzers und Choreografen Jean-Georges Noverre, muss eine außerordentliche Musikerin gewesen sein, denn das Konzert überflügelt die Vorgängerkonzerte an spieltechnischen Raffinessen und enthält allerlei neue Ideen, wie z. B. das Soloinstrument bereits im Orchesterritornell zu Beginn einzusetzen. Eine Besonderheit liegt auch darin, dass der zweite, langsame Satz in Moll steht, weshalb er oft als Ausdruck von Mozarts „Sturm und Drang“-Phase interpretiert wird. Ihm steht die g-Moll-Sinfonie op. 6 Nr. 6 des vom jungen Mozart so bewunderten Johann Christian Bach – des Londoner Bach – nahe, in der alle drei Sätze in Moll gesetzt sind. Das G-Dur-Konzert KV 453 entstand erst sieben Jahre später, also 1784. Es bildet mit den beiden Vorgängern KV 450 und 451 eine zweite Gruppe von Wiener Konzerten, in denen eine große Form mit Bläsern als selbstständigen Melodieinstrumenten verwirklicht wird. Die Textur besteht aus einem feinen und komplexen Gewebe aus Klangschichten von Streichern, Bläsern und Klavier – die „klassische“ Form also, wie sie bis zu Beethovens Konzerten Bestand haben wird. Haydn – Lehrer und Schüler Mozarts zugleich – hatte 1780 seine „Sturm und Drang“-Phase bereits überwunden. In diesem Jahr entstand seine 74. Sinfonie für das Orchester auf Schloss Esterházy, wie die meisten von Haydns Sinfonien. Das kompakte Stück besticht durch seinen unterhaltenden, aber nicht seichten Tonfall, der das Verfolgen der dichten thematisch-motivischen Arbeit zu einem Hörvergnügen werden lässt. Auch dieses Werk ein Produkt, das das Gütesiegel „Klassik“ zurecht bekommen hat. 45 44


Altäre und Höfe

Was verbirgt sich hinter dem ungewöhnlichen Titel „Sonatae tam aris, quam aulis servientes“, zu Deutsch: „Sonaten, sowohl für den Altar als auch bei Tisch“? Was bezweckte der Komponist Heinrich Ignaz Franz Biber mit seiner um 1670 angefertigten Sammlung? Das Freiburger BarockConsort widmet sich dieser exquisiten, hochbarocken Quelle instrumentaler Kammermusik.

H. I. Fr. Biber Sonatae tam aris, quam aulis servientes Freiburger BarockConsort

9. Mai 2018 | 20 Uhr

Berlin, Pierre Boulez Saal 10. Mai 2018 | 20 Uhr

Stuttgart, Liederhalle | Mozartsaal 11. Mai 2018 | 20 Uhr

Eichstätt, Musikfest

Heinrich Ignaz Franz Biber galt als einer der genialsten Violinvirtuosen seiner Zeit. Seine 16 „Mysterien-Sonaten“, auch „Rosenkranzsonaten“ genannt, sind ebenso legendär wie seine 53-stimmige „Missa Salisburgensis“. Bizarr und experimentell klingen auch heute noch viele seiner Kompositionen. Das portugiesische Wort „barocco“, das eben mit „bizarr“ oder „verzerrt“ übersetzt werden kann, wird sehr anschaulich von Bibers Musik repräsentiert. Dass der Barock kein Stil, sondern eine Pluralität von Stilen war, machen Bibers Sonatenzyklen außerdem deutlich. Sie zielen gerade nicht – wie man den Begriff „Zyklus“ häufig ausgelegt findet – auf eine vereinheitlichende Gestaltungweise, sondern im Gegenteil auf das Zusammensetzen, also wörtlich com-ponere, mannigfaltiger Elemente und Charakteristika. Seine 12 Ensemblesonaten „Tam aris“ komponierte Biber gleich nachdem er in den Dienst des Fürsterzbischof Maximilian Gandolf Graf Khuenburg von Salzburg getreten war, und widmete dann seinem neuen Dienstherrn die 1676 erschienene Sammlung. Es ging Biber darum, musikalische Tonfälle zu entwickeln, die beiden Gebrauchsfunktionen, der kirchlichen und der höfischen gerecht würden und somit der Liaison von Hof und Kirche des Fürstbischofs perfekt entsprächen. Die „Sonatae“ sind hochvirtuose Kammermusik für ein Ensemble aus zwei Trompeten, Streichern und Continuo. Sie sind ausgesprochen abwechslungsreich, was ihre Tonarten, ihren Ausdruck und ihre Besetzung angeht: Eine kurzweilige Folge von polyphonem Gewebe, improvisatorischem Phantasieren, klaren Kontrasten, sanften Klängen, Signalen, Melodischem, Dreiklangsmotivik, virtuosen Figurationen, tänzerischen Rhythmen, diversen Besetzungskombinationen

vergnügt das Ohr des Hörers. Den Ansprüchen eines kirchlichen Stils begegnete Biber mit einer strengen kontrapunktischen Anlage, während die „Tafelmusik“ in den tanzmusikalischen Sätzen zu hören ist. Bei aller Pracht und Kunstfertigkeit machen uns diese höfisch-kirchlichen Sonaten auch deutlich, dass Salzburg im 17. Jahrhundert ein Zentrum im Habsburgischen Machtbereich war und dadurch diverse – heute würde man sagen multikulturelle – Einflüsse aufnahm. Das Territorium war schließlich Vorläufer des später als Vielvölkerstaat zusammengefassten Österreich-Ungarn. Entsprechend ließ sich Biber von vielfältigen Quellen inspirieren: Musik mit alpenländischen, französischen, spanischen, slawischen, ungarischen und mediterranen Zügen hinterließen ihre Spuren und wehren jegliche Form von Monotonie im Zyklus von vorneherein ab. Unsere drei Konzerte finden statt in gewohnter Umgebung in der Stuttgarter Liederhalle, in ungewohnter Umgebung des neuen Pierre Boulez Saals in Berlin, wo Frank Gehry und Yasuhisa Toyota einen elliptischen, modularen Raum mit unverwechselbarem architektonisch-akustischem Profil geschaffen haben, und in der barocken, ehemaligen Residenzstadt Eichstätt, deren schöne Räume hochkarätige Musiker zum Musikfest locken.

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Jubiläumskonzerte: 30 Jahre FBO

G. Ph. Telemann Suite e-Moll aus Tafelmusik TWV 55: e1 C. Ph. E. Bach Clavierkonzert C-Dur Wq. 20 (H. 423) L. v. Beethoven 9. Sinfonie d-Moll op. 125 Anna Lucia Richter Sopran Sophie Harmsen Alt Julian Prégardien Tenor Tareq Nazmi Bass RIAS Kammerchor Freiburger Barockorchester Petra Müllejans Violine und Leitung (Telemann) Kristian Bezuidenhout Hammerklavier und Leitung (Bach) Gottfried von der Goltz Dirigent (Beethoven)

11. Juni 2018 | 20 Uhr

Berlin, Philharmonie | Großer Saal 12. Juni 2018 | 20 Uhr

Stuttgart, Liederhalle | Beethovensaal 13. Juni 2018 | 20 Uhr

Freiburg, Konzerthaus | Rolf-Böhme-Saal (Abokonzert) 14. Juni 2018 | 20 Uhr

Drei Jahrzehnte Freiburger Barockorchester, drei musikalische Leiter, drei Komponisten aus drei Generationen in drei Abonnement-Städten: Das sind unsere Jubiläumskonzerte 2017/18 zwischen Rückblick und Ausblick und Genuss des Moments. Seien Sie herzlich eingeladen, mit uns unser 30-jähriges Bestehen in den großen Sälen unserer angestammten Spielorte zu feiern.

Freiburg, Konzerthaus | Rolf-Böhme-Saal (Sonderkonzert)

Telemann, C. Ph. E. Bach und Beethoven repräsentieren drei Generationen, drei Epochen, denen sich das Freiburger Barockorchester in den vergangenen 30 Jahren intensiv gewidmet hat. Der älteste von ihnen, Telemann, wurde 1681 geboren und prägte maßgeblich die Zeit des Spätbarocks. Der zweitälteste Bach-Sohn, Carl Philipp Emanuel, Telemanns Patensohn, wurde in diese Welt 1714 hineingeboren und arbeitete an Veränderungen, Brüchen, Transformationen ihres Stils. Seine radikalen Ideen zum musikalischen Empfinden und Phantasieren haben die nachfolgende Generation Haydns, Mozarts und insbesondere Beethovens – die Wiener Klassik – nachhaltig beeinflusst. 1824, als Beethoven seine 9. Sinfonie uraufführen ließ, war allerdings auch diese bereits ein untergehender Stern. Die musikalische Romantik, der Beethoven in mancherlei Hinsicht bereits zugerechnet wurde, war dabei, ihren Einfluss geltend zu machen. Diese Veränderungsprozesse – Stilfindung, Stilbrüche, Stilwandlung – haben das FBO immer interessiert. Bei der Wiederentdeckung Telemanns als herausragendem Komponisten war es in vorderster Linie mit dabei. Mit dessen repräsentativer Sammlung „Tafelmusik“, die unterschiedliche Instrumentalgattungen wie Suite, Konzert und Sonate zusammenfasst, hat es 2010 schließlich als Frucht der langen Beschäftigung eine maßstabsetzende CD-Einspielung vorgelegt. Die e-Moll Suite eröffnet die „1. Production“, also den ersten Durchgang durch das allen drei Teilen gleichermaßen zugrundeliegende Modell von französischer Suite, Quartett, Konzert, Triosonate, Solosonate und Schlussstück. Die großbesetzte Suite lässt auch Raum für konzertierende Violinen und Flöten und entspricht dem Vorbild des repräsentativen französischen Geschmacks in dieser Zeit.

Auch die Bach-Söhne gehören zum Stammrepertoire des Freiburger Barockorchesters, wie etwa die vierteilige CD-Reihe „Die Bach-Söhne“ aus den Jahren zwischen 2002 und 2007 eindrucksvoll belegt. Carl Philipp Emanuel war nicht nur Telemanns Patenkind, sondern auch sein Nachfolger im Amt des städtischen Musikdirektors in Hamburg. Er war ein begnadeter, virtuoser Cembalist und seine Schrift „Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen“ ist bis heute eine der wichtigsten historischen Quellen. Das Clavierkonzert C-Dur Wq. 20 entstand 1746, also in Bachs Berliner Zeit, als er Konzertcembalist in der Hofkapelle Friedrichs II. war. In dieser Zeit schrieb er sagenhafte 150 Sonaten und 50 Konzerte für „sein“ Instrument. Mit der Aufführung von Beethovens 9. bekräftigt das FBO seinen vor 10 Jahren mit der 1. Sinfonie begonnen Kurs, sich auch konstant dem Orchesterrepertoire nach 1800 zu widmen. Was die Notwendigkeit eines Dirigenten betrifft, so steht die Beethovensche Sinfonik gerade am Scheideweg der Geschichte. Bis zur 7. Sinfonie konnten die Stücke auch vom Pult des Konzertmeisters oder Clavieristen aus geleitet werden. Nach 1810 wurden die Anlagen der Werke derart komplex, dass diese Praxis zunehmend in Frage gestellt und mit dem Dirigenten ein neuer Musiker-Typus geboren wurde, den der Komponist selbst aufgrund seiner Taubheit in nur bescheidenem Maße ausfüllen konnte. Der Erfolg des Zyklus’ von Beethoven-Sinfonien im Oktober 2016 in Mexiko hat das FBO ermutigt, die vielleicht feierlichste und zutiefst humanistische Sinfonie an das Ende einer außergewöhnlichen Saison zu setzen.

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Herzlich willkommen zum

›Fr e

vom 28. August bis zum 10. September

IMPRESSUM Herausgeber: Freiburger Barockorchester GbR Hans-Georg Kaiser, Intendant und Geschäftsführer Telefon: +49 761 7 05 76-0 Telefax: +49 761 7 05 76-50 info@barockorchester.de www.barockorchester.de Redaktion und Texte: Dr. Gregor Herzfeld Gestaltung und Satz: Herbert P. Löhle | www.triathlondesign.com Fotos: Foppe Schut (Titelbild, S. 20, 27, 46); Annelies van der Vegt (S. 4, 22 links, 24, 35, 36, 48); Wikicommons (S. 6, 10 unten, 28); André de Geare (S. 8); Hermann und Clärchen Baus (S. 9 links); Marco Borggreve (S. 9 rechts, 22 rechts); Ilgin Erarlan Yanmaz (S. 10 oben, 15 rechts, 26); Valentin Behringer (S. 12); Stefan Lippert (S. 13, 32, 34, 40); Jan Hordijk (S. 15 links); Felix Broede (S. 16); Judit Plana (S. 17, 30); Beate Rieker (S. 18, 19); Anton Säckl (S. 38); vbw (S. 39) Druck: schwarz auf weiss, Freiburg, www.sawdruck.de

Infos und Ticketbestellung unter 0711 – 61 921 61 und www.musikfest.de

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Umweltfreundlich gedruckt auf chlorfrei gebleichtem, holzfreiem Papier.

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Freiburger Barockorchester GbR Ensemblehaus Schützenallee 72 79102 Freiburg Telefon: +49 761 7 05 76-0 Telefax: +49 761 7 05 76-50 info@barockorchester.de www.barockorchester.de

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