Experience in Action! DesignBuild in der Architektur

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n i d l i u B n k tur g i s D e c h ite r A r de


Vorwort 6 Andres Lepik Experience in Action! Zur Entwicklung der DesignBuild-Methode Vera Simone Bader

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Vom richtigen Bauen im falschen – DesignBuild als Chance und Gefahr Martin Düchs

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Learning by Doing Statement von Peter Fattinger

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„Architektur ist zu wichtig, um sie den Architekten zu überlassen“ Partizipative Planungs- und Baustrategien Hilde Strobl

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Über DesignBuild Statement von Bernadette Heiermann und Judith Reitz

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Bauen in fremden Kulturen Interview mit Lorena Burbano und Sebastián Oviedo von Vera Simone Bader

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Erfahrungen 46 Die Studierenden Helena Brückner, Shpresa Cekaj, Moritz Klein, Martin Mitterhofer und Franziska Odametey im Gespräch mit Vera Simone Bader Limits Ursula Hartig

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Zur DesignBuild-Methode Statement von Ralf Pasel

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Gedanken zur Evaluation von DesignBuild Tomà Berlanda

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Was wollen wir heute Abend essen? Statement von Xavier Vendrell

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Form follows needs – DesignBuild aus der Perspektive einer Architekturpsychologin Tanja C. Vollmer

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Design-Manifest 77 Statement von Anupama Kundoo DesignBuild und die Soziologie Arlene Oak und Claire Nicholas

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Die „Response-Ability“ von DesignBuild-Programmen Statement von Hans Skotte

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Conflict Urbanisation – Politische Prozesse sichtbar machen. Der Architekt als sozialer Aktivist Teddy Cruz und Fonna Forman

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Wie Architekten lernen, durch die Zusammenarbeit am DesignBuild-Standort soziale Wirkung zu erzielen Statement von Sergio Palleroni

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Built Degree Juan Román

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PROJEKTE Sunderpur Housing in Bihar, Indien BASEhabitat, Kunstuniversität Linz

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Co-Housing Oldenburg/Home not Shelter! in Oldenburg, Deutschland Technische Universität Berlin; Jade Hochschule Oldenburg

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Centro Comunal in Alto Perú, Chorrillos, Lima, Peru E1nszu1ns, Universität Stuttgart

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Experimenteller (Wieder-)Aufbau und Northern-Cheyenne- Belastbarkeitsstudien in Northern Cheyenne Reservation, Montana, USA Center for Public Interest Design, Portland State University

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Quiané DesignBuild Studio in Santa Catarina Quiané, Oaxaca, Mexiko Hochschule München

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Gemeinschaftshaus Spinelli in Mannheim, Deutschland Technische Universität Kaiserslautern

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Maison pour tous (Haus für alle) in Four, Frankreich Design/BuildLAB, École nationale supérieure d’architecture de Grenoble (ENSAG)

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Herberge für Schüler in San Miguel de los Colorados, Jujuy, Argentinien Universidad de Morón (UM), Fadau

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Guga S’Thebe Theater in Kapstadt, Südafrika PBSA Düsseldorf HSD, RWTH Aachen, Gergia Tech (Atlanta), CS Studio Architects (Kapstadt), Imagine Structure (Frankfurt a.M./Köln)

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2019 Jim Vlock Building Project in New Haven, Connecticut, USA Yale School of Architecture, Yale University

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Kitchen on the Run, mobil Technische Universität Berlin

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Streetlight Talcoban in Leyte, Philippinen Norwegian Artistic Research Programme (NARP)

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Krankenhaus in Ngaoubela, Tibati, Kamerun Technische Universität München

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Pour Pir Elementary School in der Provinz Battambang, Kambodscha Shih Chien University Taipeh (UCS), Fakultät für Design; Flyoung International Service der Taipei Medical University (TMU)

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OBENauf in Unternalb, Retz, Österreich design.build studio, Technische Universität Wien

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Bibliothek in Newbern, Hale County, Alabama, USA Rural Studio, Auburn University

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Dank

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Vorwort ANDRES LEPIK

Das Studium der Architektur beruht im Kern auf dem Erlernen von abstraktem Wissen, das durch Fächer wie Statik, Bauphysik, Geschichte, Theorie, Baurecht etc. vermittelt wird. Und der Entwurfsunterricht konkretisiert sich überwiegend in Plänen und Schnitten, Fassaden­ansichten, digitalen Renderings und Modellen, die ohne reale Ausführungsperspektive bleiben. Die praktische Anwendung ihrer Kenntnisse erfolgt bei den Studierenden meist erst nach ihrem Abschluss. Wenn sie den Weg in ein Architekturbüro gefunden haben, dauert es noch immer lange, bis sie ein komplettes Projekt von der Entwurfsphase bis zur Übergabe des Baus erleben dürfen. Anders als in der Medizin, wo Studierende schon früh mit Patienten in Berührung gebracht werden und damit eine Vorstellung von den realen Wirkungsmöglichkeiten ihrer Disziplin bekommen, verschafft das Studium der Architektur wenig unmittelbaren Kontakt mit der Wirklichkeit des Bauens, d. h. dem Umgang mit Material, der Einbeziehung des Kontexts, dem Dialog mit den Handwerkern, aber auch mit den Erwartungen und Ansprüchen der späteren Nutzer. Aus diesem Grund haben einige Hochschulen ihr Lehrangebot durch Design­Build-Programme erweitert, um die Diskrepanz zwischen abstrak­tem Wissen und konkreter Erfahrung wenigstens punktuell zu überbrücken. In diesen Programmen planen Studierende konkrete Bauvorhaben und setzen sie dann im Team auch wirklich um. Solche DesignBuild-Programme, wie sie etwa seit 1967 an der Yale University oder ab 1993 beim Rural Studio in Alabama noch recht vereinzelt zu finden waren, erfahren in jüngster Zeit eine stärkere Verbreitung an den Hochschulen. Dies scheint zum einen damit zusammenzuhängen, dass auch viele Lehrende die Kluft zwischen abstrakter Vermittlung von Kenntnissen und der konkreten Anwendung schließen wollen. Zum anderen liegt es in vielen Fällen offensichtlich auch daran, dass die Studierenden selbst verstärkt danach fragen. Wesentliche Faktoren für die steigende Nachfrage sind – neben der unmittelbaren Erfahrung des Handwerklichen – das Arbeiten im Team und ganz besonders der in ­vielen Fällen soziale Anspruch der Projekte, die hier umgesetzt werden. Die Studierenden planen und realisieren also beispielsweise Kinder­gärten, Schulen, Flüchtlingstreffs oder auch Wohnraum für Unterversorgte und lernen dabei die gesellschaftliche Dimension ihrer Disziplin kennen. Der „social turn“ in der Architektur findet durch DesignBuild-Programme ein sinnvolles Instrument, um schon in der Ausbildung ein Bewusstsein für die ethische Dimension der Profession zu wecken. Die in den letzten Jahren steigende Zahl von DesignBuild-Angeboten, ob in den Vereinigten Staaten, Europa und inzwischen auch in Asien, hat zu einer Flut von Veröffentlichungen über einzelne Projekte und zu den Programmen einzelner Schulen geführt. Eine Website (dbxchange. eu) v ­ ersucht, eine gemeinsame Plattform für den Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen den Beteiligten bereitzustellen. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der DesignBuild-Bewegung und ihre

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ANDRES LEPIK


historisch-­theoretische Einordnung aber steht noch am Anfang. Denn es gibt weder eine verbindliche Definition dafür, was DesignBuild genau beinhaltet und was es leisten soll, noch eine gültige Methodik. Darüber hinaus fehlt es an einer systematischen Aufarbeitung der historischen Aspekte an Richtlinien für die Evaluation der fertigen Projekte. Es liegt in der Natur der meisten DesignBuild-­Aktionen, dass sie auf den Idealismus der Beteiligten bauen, d. h. der Lehrenden wie der Studierenden, aber eben auch vielfach der jeweiligen Projektpartner vor Ort. Das bedeutet, dass die meiste Energie bei der Planung und Durchführung in die Realisierung fließt – und nicht in die Aufarbeitung und reflektierende Betrachtung. Aber mit der wachsenden Zahl der Programme werden auch immer mehr kritische Stimmen laut: Kann es beispielsweise nicht als eine Form des Neokolonialismus gesehen werden, wenn Lehrende und Studierende aus industrialisierten Ländern in Entwicklungsländer fahren, um dort soziale Projekte zu ­realisieren? Die Ausstellung und der begleitende Katalog „Experience in Action!“ präsentieren 16 Beispiele aus DesignBuild-Programmen im Vergleich und schaffen die Grundlagen für eine vertiefte Reflexion und Debatte. Das Architekturmuseum der TUM ist dafür der geeignete Ort: Zum einen, weil es an unserer Architekturfakultät am Lehrstuhl von Hermann Kaufmann bereits seit 2007 ein erfolgreiches DesignBuild-Angebot gibt, das zahlreiche Projekte im In- und Ausland hervorgebracht hat. Und zum anderen, weil wir in unserem Ausstellungsprogramm das Thema Design­ Build schon mehrfach gestreift haben. Mit „Experience in Action!“ wollen wir eine fokussierte Darstellung von DesignBuild als Lehrmethode geben, weil wir fest daran glauben, dass diese nicht nur ein optionales Angebot bleiben, sondern fester Bestandteil in der Ausbildung der nächsten Generation von Architektinnen und Architekten werden sollte. Zugleich wollen wir weiterführende Aspekte der Ethik, Psychologie und Soziologie in die Diskussion um DesignBuild einbeziehen, um die interdisziplinäre Ausrichtung der Programme zu stärken. Wir leben in einer Epoche, in der extreme Herausforderungen auf die globale Gesellschaft zukommen. Dies bedeutet, dass Architektur schnellstmöglich angepasst werden muss, um ihre soziale Relevanz zu beweisen. DesignBuild ist ein guter Anfang dazu.

VORWORT

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VERA SIMONE BADER


Experience in Action! Zur Entwicklung der DesignBuild-Methode VERA SIMONE BADER

Operationsgebäude des DesignBuild-Projekts Krankenhaus in Ngaoubela, Kamerun, TUM, 2012 Richard Buckminster Fuller und seine Studierenden an der von ihnen gebauten geodätischen Kuppel hängend, 1948

DesignBuild bezeichnet eine Lehrmethode, die seit dem Beginn der Moderne an verschiedenen Architekturschulen angewandt wird und besonders in den letzten beiden Dekaden weltweit an Bedeutung gewonnen hat. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Bauindustrie und beschreibt ein Projektlieferungssystem und damit „einen Prozess, bei dem die Realisierung eines Bauwerkes von der konzeptionellen Entwicklung, über den Entwurf bis hin zur Ausführung in einer Hand liegt“.1 In der Architektur taucht er 1971 zum ersten Mal im Zusammenhang mit einem Design- und Konstruktionsprogramm am Goddard College in den USA auf, das von dem US-amerikanischen Architekten David Sellers geleitet wurde.2 Einigen Lehrenden ist dieser Terminus jedoch zu eng, weil er zwar den Prozess, nicht aber den sozialen Aspekt, der diesen Projekten immanent ist, umfasst. „1:1“, „Social Design“, „Hands-on“ etc. werden daher gern ebenfalls als alternative Bezeichnungen verwendet.3 Der Begriff „DesignBuild“ konnte sich in der Architekturdebatte bisher noch nicht vollständig durchsetzen. Bedenklich an seinem Gebrauch ist, dass die Bringschuld der Planer, ein fertiges Gebäude zu liefern, im Vordergrund steht. Fast alle an den Architekturschulen initiierten DesignBuild-Projekte zielen tatsächlich darauf, diese Bringschuld den Auftraggebern und den Nutzern gegenüber zu erfüllen – sei es durch permanente Bauwerke oder temporäre Installationen. Dabei besteht die Gefahr zu vergessen, dass es sich im universitären Bereich um eine Lehrmethode handelt, es also um wesentlich mehr geht, als um die Verwirklichung eines Projekts. Was sind also die übergreifenden Grundzüge von DesignBuild-Projekten heute? Sicherlich das Erlernen einer Entwurfsmethode, die sich an die ökonomischen, ökologischen, sozialen und funktionalen Rahmenbedingungen anpasst, genauso wie die Anleitung zum selbstständigen Bauen als neuer Erfahrungshorizont. Auch soll den Studierenden ein Gefühl für die Umsetzung einer architektonischen Idee vermittelt werden. Die Realisierung eines Raumprogramms reicht allein nicht aus; die Projekte müssen einen ästhetischen Ausdruck haben. Das stellt gewiss eine der größten Herausforderungen dar, gerade weil sie mit wenig Geld, mit nur lokal verfügbaren Materialien und von angehenden Architekten ausgeführt werden. Gestalterische Qualität ist dennoch die grundlegende Anforderung, die die Relevanz der Projekte auch in Zukunft unter Beweis stellen wird. Und darüber hinaus? Etwa das Einbeziehen von Methoden und Fakten aus unterschiedlichen Disziplinen, die dabei helfen, sowohl komplexe, dissonante Situationen zu verstehen und einordnen zu können als auch die eigene Position und Praxis zu hinterfragen. Denn das Reflektieren dessen, was man tut und wofür und für wen man es zu tun glaubt, ist genauso Teil der Aufgabe, die Studierende zu einem selbstständigen EXPERIENCE IN ACTION! ZUR ENTWICKLUNG DER DESIGNBUILD-METHODE

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ERFAHRUNGEN


Wie lange wart ihr in Sierra Leone? Martin Mitterhofer: Wir haben uns dort insgesamt zweieinhalb Monate aufgehalten.

Erfahrungen

Im Gespräch mit Helena B ­ rückner, Shpresa Cekaj, Moritz Klein, ­Martin ­Mitterhofer und ­Franziska ­Odametey, Studierende der ­Fakultät für Architektur an der TUM, Professur für Entwerfen und Holzbau. Das Interview für das Architektur­museum der TUM führte Vera Simone Bader. Ihr habt alle an dem DesignBuildProjekt eines Schulbaus in Pepel/ Sierra Leone teilgenommen, das die TUM 2018/2019 für Studierende im Masterstudiengang Entwerfen und Holzbau angeboten hat. Wart ihr davor schon einmal in Afrika? Moritz Klein: Nein, ich war noch nie in Afrika. Martin Mitterhofer: Ich war auch noch nie dort. Shpresa Cekaj: Ich auch noch nicht. Helena Brückner: Ich komme aus Namibia. Franziska Odametey: Ich war schon in Ghana. Dort habe ich an einem anderen Projekt teilgenommen. Das wollte ich unbedingt machen, da mein Vater aus Ghana stammt und ich noch nie dort war.

Erstellen des Ringankers für das Schulgebäude in Pepel, Sierra Leone, TUM, 2018/2019

Vermessen des Areals für das Schulgebäude

Wo habt ihr gelebt? Martin Mitterhofer: Wir haben direkt in Pepel gewohnt, im Zen­trum des Dorfs, in einem ehemaligen Entertainment-Komplex, den seinerzeit die Briten gebaut hatten. Jetzt dient er für Veranstaltungen im Dorf. Der Bau wurde für uns in ein Bettenlager umfunktioniert. Helena Brückner: Es war das einzige Gebäude in dieser Größe im ganzen Dorf, und das haben die Dorfbewohner uns überlassen. Da haben wir schon gemerkt, was für einen großen, auch finanziellen Aufwand sie für uns betreiben. Sie haben sich wirklich sehr gut um uns gekümmert. Seid ihr über das Wohnen direkt mit den Menschen in Kontakt getreten? Franziska Odametey: Über das Wohnen direkt sind wir leider nicht mit den Bewohnern des Dorfs in Kontakt gekommen, da das Gebäude von einer geschlossenen Mauer umgeben war. Das fand ich schade, weil ein spontanes Treffen außerhalb der Baustelle fast nicht möglich war. Wir hatten Leute, die für uns gekocht haben, und sogar so etwas Ähnliches wie Security, was wir am Anfang komisch und auch etwas unangenehm fanden. Aber mit den Sicherheitsleuten wurde die Verbindung mit der Zeit immer enger, da sie immer vor Ort waren. Man hat sich besser kennengelernt, was schön war. Martin Mitterhofer: Aber jeder wusste, dass wir dort sind. Außerdem stand das Gebäude direkt vor einem Fußballfeld, und da war immer etwas los. Die Kinder des Dorfs haben vor dem Gebäude gewartet, sind mit uns zur Baustelle hin- und zurückgegangen. Zum Schluss waren wir vom Gefühl her ein Teil des Dorfs.

Was habt ihr denn den ganzen Tag gemacht? Martin Mitterhofer: Gearbeitet! Der Tag fing spätestens um 9 Uhr auf der Baustelle an. Im Laufe des Tages wurde es unerträglich heiß. Wir waren dort bis gegen 19 Uhr, kurz bevor es dunkel wurde. Dann haben wir uns geduscht, gemeinsam gegessen und sind relativ früh ins Bett gegangen. Wie war es auf der Baustelle? Und wer war auf der Baustelle? Martin Mitterhofer: Auf der Baustelle waren wir Studenten und die Arbeiter, die uns geholfen haben, also die „Locals“. Teils waren sie in der Ausbildung, teils waren es professionelle Arbeiter, teils auch nur Hilfsarbeiter. Dann gab es noch die Security Guards, die gerne zugeschaut haben, was passiert. Am Anfang waren manchmal über 100 Personen auf der Baustelle. Sie war komplett voll. Aber nach und nach hat sich das geregelt. Es gab „Supervisors“ aus der Reihe der lokalen Helfer, die die Arbeiter zugeordnet haben. Habt ihr mit den Leuten zusammengearbeitet? Helena Brückner: Ohne die vielen Arbeiter hätten wir das Projekt gar nicht in der kurzen Zeit geschafft. Sie haben uns bei der Bambusernte, beim Bauen und auch beim Graben des Fundaments geholfen. Am Anfang gab es sicherlich ­Berührungsängste, aber dann wurden schnell Freundschaften geschlossen und hinterher war es herzzerreißend, als wir wieder weggeflogen sind. Martin Mitterhofer: Ich war im Bambusteam tätig. Ihm gehörten zwei Arbeiter an, die uns bei der Konstruktion zugeschaut haben. Unsere Assistenten hatten uns zuvor angelernt und wir haben unsere Kenntnisse sozusagen ­weitergegeben. Die Arbeiter haben sich teilweise Notizen gemacht und gezeichnet. Wir haben versucht, unsere Zusammenarbeit hierar­chielos zu gestalten, aber die Hierarchie steckt schon in den Köpfen. So wurden wir mit INTERVIEW

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RALF PASEL


Zur DesignBuild-Methode Mit DesignBuild-Projekten hochkarätige und relevante Architektur zu schaffen, ist eine Herausforderung in der Gestaltfindung und eine äußerst komplexe Aufgabe im Entwurfsprozess: Denn anders als in herkömmlichen Projektverläufen strukturieren sich DesignBuild-Projekte nicht chronologisch, sondern eher netzwerkartig durch die verschiedenen Planungs- und Realisierungsphasen und mäandern – von unterschiedlichsten Akteuren in kollaborativen Verfahren begünstigt – von einem Entwicklungsschritt zum nächsten. Dieses iterative Arbeiten führt dazu, dass sich sukzessiv die wesentlichen Erkenntnisschritte und Anforderungen an die Projekte herauskristallisieren. Um einen solchen transformativen und flexiblen Prozess zu steuern, bedarf es einer klaren (Entwurfs-)Haltung, robuster Konzepte und extensiver Entwurfsprozesse, bei denen dem Experiment (also dem Laborcharakter) eine besondere Stellung eingeräumt wird, um so zu einer passgenauen Architektur zu finden. Übergeordnetes Ziel ist es dabei, Orte und Räume zu schaffen, die den höchsten architektonischen Ansprüchen genügen und darüber hinaus als soziale Katalysatoren wirksam werden. Um diesem Ziel gerecht zu werden, liegt der „Lead“ ganz explizit bei uns, den ausgebildeten Architekten und Professoren am Lehrstuhl. Konkret bedeutet dies, dass die Studierenden in alle Phasen des Projekts aktiv eingebunden sind, die Qualität der Projekte jedoch durch professionelle Anleitung definiert und gesichert wird. DesignBuild-Projekte dienen bei CODE daher weniger der studentischen Selbsterfahrung; es sind vielmehr Projekte, bei denen die Studierenden lernen, eine eigene architektonische Haltung zu entwickeln mit dem Ziel, höchsten architektonischen Ansprüchen gerecht Ralf Pasel ist Professor für Entwerzu werden. Die Studierenden werden dabei bewusst fen und Baukonstruktion | CODE an der TU Berlin und Gründungspartner des in einen ganzheitlichen Prozess eingebunden, in Architekturbüros Pasel.Künzel Archidem sie nicht nur entwerfen, planen tects in Rotterdam, Berlin und München. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren und umsetzen, sondern darüber hinLandwirtschaftsschule und Internatsgebäude mit experimentellem Bauen im interaus die Bedeutung der Architektur Bella Vista in den Anden nationalen Kontext. Weltweit hat er an Boliviens, entworfen und deren Rolle im spezifischen Kon- verschiedenen Universitäten gelehrt, und realisiert von Architekturstudierenden u. a. an der Pontificia Universidad text verstehen. Es geht uns also bei der TU Berlin im Fachgebiet Entwerfen und Católica de Chile, der TU Delft und der unseren Design­Build-Projekten um Baukonstruktion unter Rotterdam Academy of Architecture and Leitung von Professor Ralf Pasel. Urban Design. einen echten Beitrag zur Bau­kultur! STATEMENT

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TANJA C. VOLLMER


Form follows needs –  DesignBuild aus der Perspektive einer Architekturpsychologin TANJA C. VOLLMER

20K Frank’s Home gebaut von Studierenden des Rural Studio der Auburn University, 2006 International Design Seminar (Indesem), TU Delft, 2009, „Entwerfen im Dunkeln“, Leitung: G. Koppen, T. C. Vollmer, H. Herzberger

Form folgt Bedürfnissen. In dieser Abwandlung des 1896 vom amerikanischen Architekten Louis Sullivan geprägten Ausdrucks „form follows function […]“1 könnte man den Ansatz der DesignBuild-Lehrmethode zusammenfassen. Studierende lernen im Kontakt mit Nutzern und Bauherren, Handwerkern und Baumaschinen, Steinen und Stahlträgern die Essenz dessen kennen, was im besten Fall am Ende einer Architekturleistung stehen sollte: ein Gebäude. Sie erforschen dabei die Realität eines Prozesses, der von vielseitigen und komplexen Bedürfnissen geprägt ist. Nutzer haben nicht selten andere Vorstellungen und Wünsche als ­Bauherren, was den Architekten unweigerlich in die Rolle des ChangeManagers manövriert. Handwerker haben Routinen, die schwer zu durchbrechen, und Materialien haben Tücken, deren Konsequenzen teilweise nicht vorherzusagen sind. Der Architekt tauscht dann seine Rolle als Schöpfer einer Raumkomposition gegen die des Coach, Materialkundlers und Krisenmanagers ein. Im Umgang mit realen Problemen auf dem Weg zur Realisierung ihres Designs in Form eines Gebäudes lernen Studierende die hinter diesen Problemen liegenden Bedürfnisse der beteiligten Faktoren, subjektive wie objektive, kennen. Sie üben Strategien ein, mit ihnen umzugehen und schließlich gemeinschaftlich eine Lösung zu finden. Die Pädagogik bezeichnet diesen Vorgang als problemorientiertes Lernen (POL).2 Wobei DesignBuild einen deutlichen Schritt weitergeht. Probleme sind nicht konstruiert oder simuliert, sondern durch den Realisierungsauftrag entstehen sie ganz natürlich und veranlassen den Studierenden zur kritischen Reflektion seines Designs und die daraus resultierenden Anpassungen. Wichtige Fähigkeiten wie soziale Interaktion und Empathie, Konfliktlösungsverhalten und Exploration werden auf der Suche nach Lösungen – neben den rein technischen und handwerklichen – eingeübt. „Bauen ist nicht mein Handwerk“, kommentiert 2016 die niederländische Architektin und Entwurfsprofessorin Francine Houben die Lehrmethode an der TU Delft, „[…] aber man sollte es kennen!“3 Der im rein akademisch gelehrten Entwerfen meist ausschließlich in Person der Professorin bzw. des Professors a ­ uftretende Entwurfskritiker, der in mehreren

FORM FOLLOWS NEEDS – DESIGNBUILD AUS DER PERSPEKTIVE EINER ARCHITEKTURPSYCHOLOGIN

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Weltkugel mit den 16 Projekten von Benny Nast

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DIALOG


Herberge für Schüler SAN MIGUEL DE LOS COLORADOS, JUJUY, ARGENTINIEN

3 Funktion: Unterkunft Schüler Größe: 52 m2 Baumaterial: Lehmziegel (Adobe), Stein (Fundament) Recherchephase: Anfang 2016 Planungsphase: 10.2016 Bauphase: 12.2016–06.2017 Studierende: 8 Lehrende: 12 Auftraggeber: Escuela secundaria N° 51, San Miguel de los Colorados Finanziert von: privaten Firmen; Gemeinde Projekt wurde initiiert von: Amiguito del Norte; UM, FADAU Projekt wurde geleitet von: Alejandro Borrachia

1 | Fertige Unterkunft für die Schüler 2 | Die Kuppeln werden verputzt. 3 | Blick über die Schule mit der Unterkunft für die Schüler im Hintergrund

UNIVERSIDAD DE MORÓN (UM), FADAU

Wie viele Architekturschulen in Südamerika fordert auch die Fakultät für Architektur, Design, Kunst und Urbanismus (FADAU) der Universidad de Morón (UM), Buenos Aires, seit 2016 die Teilnahme an einem ­DesignBuild-Programm. Die Studierenden sollen in ihrem Land zusammen mit verschiedenen Akteuren und Institutionen ein soziales Projekt entwickeln und so die extreme Armut und damit eine Parallelwelt ihres Landes kennenlernen. Im Blickpunkt stehen nicht nur die Großstädte, sondern vor allem ländliche Regionen. So auch San Miguel de los Colorados, ein Ort in der Provinz Jujuy im äußersten Nordwesten Argentiniens, der auf einer Höhe von knapp 3800 m liegt. Die Provinz steht vor großen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen, aber auch städtebaulichen ­Problemen. Deshalb erarbeiteten die Studierenden ein Modell für eine nachhaltige städtebauliche und architektonische Entwicklung und verwirklichten davon ein Modul: eine Unterkunft mit Sanitäranlagen und Küche für die Schüler der im Ort gelegenen Sekundarschule (Escuela secundaria N° 51), um die die Stiftung Amiguito del Norte, die mit der Gemeinde San Miguel de los ­Colorados zusammenarbeitet, g ­ ebeten hatte. Die ­Studierenden besuchten die Gemeinde und ­informierten sich über deren Bedürfnisse und die lokalen Gegebenheiten. So erfuhren sie, dass einige Schüler auf ihrem Schulweg etwa vier Stunden auf Berg­pfaden unterwegs sind, was sie bei schlechtem Wetter nicht schaffen. Viele von ihnen haben den HERBERGE FÜR SCHÜLER

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Schulbesuch wegen der dadurch entstandenen Wissens­lücken abgebrochen. Der Plan war daher, eine Unterkunft zu konzipieren, die es den Schülern ermöglicht, in der Schule zu bleiben und so die Teilnahme am täglichen Unterricht sicherzustellen. Acht Studierende der FADAU entwarfen zwei miteinander verbundene Kuppeln, die sich in der Form auf die umliegenden Berge beziehen. In der niedrigeren, 42 m2 großen Kuppel sollen die Schüler schlafen, in der kleineren, höheren sind eine Küche und die Sanitäranlagen untergebracht. Den Entwurf stellten die Studierenden der Gemeinde vor und nahmen deren Änderungswünsche auf. In weiteren Gesprächen konnten die Grundstücksfrage, die Bereitstellung von heimischen Materialien, die Mithilfe der Gemeindemitglieder, die Logistik für den Materialtransport und die Unterbringung der Studierenden geklärt werden. Für die Gebäude wurden selbst hergestellte Lehmziegel verwendet, die für Energieeffizienz sorgen: Weder im Sommer noch im Winter kommt es in den Räumen zu extremen Temperaturen. Die Kuppeln

4 | Schnitt Unterkunft

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5 | Grundriss Unterkunft

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DIALOG

schließen mit einer Öffnung ab, durch die das Tageslicht in die Räume fällt, sodass keine weitere Lichtquelle erforderlich ist. Für die Fertigung der Kuppeln kam eine selbst gebaute, radial drehbare Konstruktion zum Einsatz, mit der die Steine so gerichtet werden konnten, dass die gewünschte Form entstand. Dieses Gerät können die Gemeindemitglieder auch für andere Bauwerke verwenden. Zudem ist der Entwurf bewusst einfach gehalten, sodass er ohne Weiteres reproduzierbar ist. Denn die Studierenden hatten sich auch zum Ziel gesetzt, die aktiv am Bau beteiligten Gemeindemitglieder in der für sie neuen Bautechnik zu schulen und sie zu befähigen, weitere Gebäude in dieser Technik zu errichten. Damit können sie den Masterplan nun selbstständig umsetzen. VSB


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6 | Von den Studierenden entworfenes Gerät für den Bau der Kuppeln 7 | Innenansicht der fertigen Unterkunft 8 | Zum Trocknen ausgelegte Lehmsteine auf der Baustelle 9 | Funktions­ mechanismus des selbstgebauten Geräts für den Bau der Kuppeln

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10 | Fertige Unterkunft

HERBERGE FÜR SCHÜLER

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Kitchen on the Run MOBIL

TECHNISCHE UNIVERSITÄT BERLIN

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Funktion: mobiler Integrationsinkubator Größe: L 6,038 m, B 2,381 m, H 2,965 m Baumaterial: Holz, Stahl, Kunststoff

Als im Frühjahr 2015 immer mehr Geflüchtete nach Europa kamen, stellten sich Rabea Haß und Jule Schröder die Frage, wie sich Einheimische und Geflüchtete begegnen und kennenlernen könnten, um so gegenseitig Vorurteile abzubauen. Sie initiierten das Projekt einer mobilen Küche und traten dann mit dem Berliner Verein Über den Tellerrand in Verbindung, da dieser bereits durch kulinarische, gestalterische und sportliche Events über ein freundschaftliches Netzwerk von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung verfügte. Der Container sollte ermöglichen, dass sich Geflüchtete und Beheimatete beim gemeinsamen Kochen und Essen auf Augenhöhe im Gespräch näherkommen. Mit ihrer Idee gewannen sie im Wettbewerb „Advocate Europe“ einen von zehn Preisen und konnten sich damit eine Anschubfinanzierung sichern. Die Anfrage beim Lehrstuhl für Entwerfen und Baukonstruktion von Donatella Fioretti an der TU Berlin, ob die Idee im Rahmen eines DesignBuild-Projekts verwirklicht werden könne, wurde positiv beantwortet. Die Aufgabe, vor der die Studierenden standen, war die Transformation eines Frachtcontainers in einen Raum für gemeinschaftliches Kochen, der eine großzügige Arbeitsfläche, Stauraum und Platz für bis zu 25 Personen bietet und dabei trotzdem eine wohnliche, gemütliche Atmosphäre entstehen lässt. Gleichzeitig sollte die Konstruktion von wenigen Personen innerhalb eines Tages per Hand aufgebaut werden können und während der Reise zuverlässig funktionieren. Die Studierenden erarbeiteten in einer ersten Phase während eines dreiwöchigen Wettbewerbs in

Planungsphase: 10.2015–01.2016 Bauphase: 01.2016–02.2016 Studierende: 19 Weitere Teilnehmer auf der Baustelle: 5 Lehrende: 4 Auftraggeber: Kitchen on the Run/Über den Tellerrand e.V. Kosten: 17.500 € (Baukosten), 7.000 € (Spenden für die ­Ausstattung) Finanziert von: Stiftung Mercator; Sto-Stiftung; Hans Sauer Stiftung und weitere Spender Projekt wurde initiiert von: Rabea Haß, Jule Schröder, Andreas Reinhard Projekt wurde geleitet von: Donatella Fioretti zusammen mit Marc Benjamin Drewes, Simon Mahringer, Christoph Rokitta (TU Berlin); in der Nutzung von Über den Tellerrand e.V.

1 | Eingerichtete, fertige Küche 2 | Modell des Containers mit Terrasse und Möblierung 3 | Aufgebaute Terrasse mit offenen Wandplanen 4 | Seitenansicht mit aufgebauter Terrasse und geöffneter Containertür

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Zweiergruppen jeweils einen Vorschlag zum Umbau des Containers. Die Wettbewerbsjury, die sich aus den Lehrenden und den Initiatorinnen zusammensetzte, wählte aus den unterschiedlichen Beiträgen die besten Teilideen aus und forderte die Studierenden auf, diese zu einem Gesamtentwurf zu kombinieren. In der zweiten Phase wurde das endgültige Projekt kollektiv entworfen. Außerdem galt es, Kontakt zu verschiedenen Materialherstellern aufzunehmen und diese als Sponsoren zu gewinnen. Der endgültige Entwurf stellt die Küchenzeile als Herzstück des Projekts ins Zentrum. Von diesem Mittelpunkt aus öffnet sich der Container zu zwei Seiten. Um die nutzbare Grundfläche zu vergrößern, kann an der zu öffnenden Längsseite eine Terrasse aus Stützen und Bindern angebaut werden. In diese hölzerne Skelettkonstruktion lassen sich Fußbodenelemente einhängen und eine Dachhaut aus segmentierten Lkw-Planen aufspannen. Die Segmente sind gefaltet und bilden eine geneigte, nahezu skulpturale Dachstruktur. Als Seitenwände dienen die zu öffnenden Containertüren. An der rechten Schmalseite lässt sich ein kleiner Bartresen ausklappen, der als Kiosk funktioniert, aber auch ganz ausgeklappt werden kann, sodass ein weiterer Zugang zur Küche entsteht.

Multifunktionalität bestimmt als Kriterium auch die anderen Elemente des Interieurs. Insbesondere gilt dies für das Mobiliar, das die Studierenden entworfen haben. Die schlichten, an Origami erinnernden Tische und Bänke aus leichten Holzwerkstoffplatten sind faltbar und dienen, in zusammengeklappter Form, als Front des raumhohen Holzregals. Dieses erstreckt sich über die gesamte Rückwand des Containers. Hier lassen sich sämtliche Ess-, Koch- und Arbeitsutensilien verstauen. Über der Küchenzeile, die einen Gasherd, einen Ofen und zwei Spülbecken enthält, kann eine ebenso lange Abhängung aus Rundstahl angebracht werden, die, wie im klassischen Gastronomiebetrieb, viel Stauraum und praktische Hängemöglichkeiten für Kochgeräte bietet. Auch der Schlauch mit der Wasserbrause wird über die Decke des Containers geleitet und kann am jeweiligen Standort der mobilen Küche an einen Wasserhahn angeschlossen werden. Die dritte Phase diente der Erstellung von Ausführungs-, Detail-, Kosten- und Zeitplänen, während gleichzeitig Prototypen entstanden und Material­ experimente durchgeführt wurden. In der vierten und letzten Phase haben die Studierenden den Container umgebaut und so ihren gemeinsamen Entwurf umgesetzt. Vom Entwurf bis zur Fertigstellung benötigten sie dabei nur 18 Wochen. SBA

5 | Kitchen on the Run in Hof 6 + 7 | Axonometrische Darstellung des Containers mit auf­g e­ bauter Terrasse 8 | Grundriss Container mit aufgebauter Terrasse

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ENTWURF

9 | Gemeinsames Kochen im Container

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Interview

mit Rabea Haß und Jule Schröder, den Gründerinnen von Kitchen on the Run München, September 2019 Das Interview für das Architektur­ museum der TUM führten Simone Bader und Sina Brückner-Amin. Habt ihr vor Kitchen on the Run schon von DesignBuild-Projekten gehört, die Euch inspiriert haben? Und wenn ja von welchen? Haß: Eigentlich nicht, zumindest nicht konkret unter dem Namen. Mein Bruder ist Architekt und arbeitet an der TUM. Er hat selbst als Student einmal an einem ähnlichen Projekt mitgearbeitet und hat uns daher auf die Idee gebracht, den Container gemeinsam mit Studierenden auszubauen. Schröder: Ich hatte einen befreundeten Architekten aus Berlin getroffen, der mir von dem Weimarer Projekt Die Lücke erzählt hat, einem Pop-up-Restaurant, das ein Architekturstudent der Bauhaus-Universität im Rahmen seiner Masterthesis gebaut hat. Das hat uns ebenfalls inspiriert. Studierende der TU Berlin haben am Lehrstuhl für Entwerfen und Baukonstruktion unter der Leitung von Donatella Fioretti die Küche, die Möbel und den Außenraum entwickelt. Wie kam die Idee zustande, für dieses Projekt zusammenzuarbeiten? Schröder: Wir haben damals einfach gegoogelt: „Containerarchitektur und Lehrstuhl Berlin“, und dann poppte Donatella Fiorettis Lehrstuhl als erster Eintrag in den Suchergebnissen auf. Wir haben dort angerufen und mit der damaligen Lehrstuhlassistentin Elke Neumann telefoniert, die mir auf meine Anfrage hin erzählte, dass das geplante Thema für das ­anstehende Wintersemester „Koch- und Essplätze“ war. Beim ersten Treffen mit Donatella und ihrem Team an der TU waren wir schon nach 20 Minuten mitten im Planungsprozess für ein Design­Build-Projekt.

Es war sofort klar, dass wir das zusammen machen wollen. Mit welchen Ansprüchen seid ihr an die Studierenden herangetreten? Welche Vorgaben habt ihr gemacht? Schröder: Wir waren ziemlich unbedarft und haben eigentlich nur erzählt, was wir mit dem Raum vorhaben und ein einseitiges Briefing verfasst: Gemeinsam Kochen, mit 20–25 Menschen an einem großen Tisch essen, gemütlich soll es sein, für einen Abend so etwas wie Heimat vermitteln. Der Container als Raum war gesetzt und ein Budget – alles andere hat sich im Prozess ergeben, z. B. was alles in die Regale passen muss. Hattet ihr ein Mitspracherecht im Entwurfsprozess? Und wenn ja in welchem Umfang? Schröder: Wir waren immer wieder zu den Zwischenpräsentationen eingeladen und haben gemeinsam mit Donatella Fioretti und ihrem Team die Entwürfe begutachtet. Die beteiligten Studierenden hatten in Zweierteams insgesamt neun Entwürfe mit verschiedenen Schwerpunkten erarbeitet. Manche haben sich auf die Möbel konzen­ triert, manche auf die Überdachung der Terrasse, manche eher auf die Gestaltung der Küchenzeile. Wir durften mitentscheiden, welche Ideen davon weiterkommen. Erfüllt die Architektur eure Ansprüche? Haß: Total. Wir waren völlig überwältigt und haben vom ersten Augenblick an gemerkt, dass der Raum eine super Energie hat. Am Abend vor der offiziellen Einweihung saßen wir mit Pizza und Bier gemeinsam mit den Studierenden auf der Holzterrasse – die Tische und Bänke waren noch für den letzten Schliff in der Werkstatt, das Regal noch nicht einbaut – und da haben wir schon gemerkt: Hier fühlen sich alle wohl. Erst eine Stunde vor der Einweihung wurde dann der Raum komplett fertig, und wir haben bei grauem Winterwetter Anfang März von der ersten

Sekunde an gespürt, welch einladende Wärme unsere Container­ küche ausstrahlt. Wie hat sich die Architektur bisher in der Praxis bewährt? Haß: Dass der Container dann auch noch so robust und funktionell ist, ist immer wieder erstaunlich. Wir haben mit ihm eigentlich nur für eine halbjährige Europatour geplant. Nachdem das Projekt aber so erfolgreich war und immer noch ist, lädt er 2020 bereits im fünften Jahr Menschen mit und ohne Fluchthintergrund zum gemeinsamen Kochen ein. Er war inzwischen an 17 Standorten in 5 Ländern, mindestens 7000 Menschen haben hier gekocht, Spülpartys gefeiert, gespeist und getanzt und im Großen und Ganzen ist alles noch tiptop. Wir sagen immer: Der „dicke Blaue“ ist unser wichtigstes Teammitglied. Wenn er seine Arme ausbreitet, dann strömen die Menschen herein, sind neugierig, angezogen von seiner Schönheit. Er macht sich in jeder Umgebung gut – egal ob am Meer, im Grünen oder auf einem kleinen Marktplatz. Hat das Projekt eure Sicht auf DesignBuild-Projekte verändert? Schröder: Wir hatten vorher ja gar keine klare Vorstellung von Design­ Build. Jetzt würden wir sagen: Studierende einfach machen lassen, ist eine super Idee. Noch besser, wenn sie dabei so gut betreut werden wie in unserem Fall vom Lehrstuhlteam Fioretti: Mit vielen Freiheiten, aber auch hohen Ansprüchen, Dinge noch einmal zu durchdenken und zu perfektionieren. Für uns war das DesignBuild-Projekt die perfekte Lösung. Und aus der Zusammenarbeit mit den Studierenden haben beide Seiten viel mitgenommen.

INTERVIEW

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Diese Publikation erscheint anlässlich der Ausstellung EXPERIENCE IN ACTION! DESIGNBUILD IN DER ARCHITEKTUR im Architekturmuseum der TUM in der Pinakothek der Moderne: 19. März bis 14. Juni 2020

Gefördert durch die

PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne Arte Generali

AUSSTELLUNG

Direktor: Andres Lepik Kuratorin: Vera Simone Bader

Wissenschaftliche Mitarbeit: Jakob Bahret Assistenz: Clara Frey, Laura Höpfner, Mira Keipke, Eglé Kliucinskaité, Stella Sommer, Alessandro Visentin, Lennard Zimmermann Ausstellungsarchitektur: Labor Fou und Event Architectuur Graphische Gestaltung: Milkmonkey Kamera/Schnitt: Michael Jany Interviewpartner: Sigfried Atteneder, Konstantin Bauer, Helena Brückner, Lorena Burbano, Shpresa Cekaj, Maria Jose Chiriboga Ramirez, Tatjana Dürr, Andreas Emminger, Susanne Gampfer, Ursula Hartig, Ferdinand Hecht, Lisa Holzapfel, Moritz Klein, Viktoria Kozma, Stefan Krötsch, Sebastián Oviedo, Martin Mitterhofer, Franziska Odametey, Ralf Pasel, Merlin Tichy Aufbauteam: Andreas Bohmann, Thomas Lohmaier, Anton Heine Registrar: Thilo Schuster Lektorat: Carola Jacob-Ritz und Stefan Widdess Medienbearbeitung: Esther Vletsos Sekretariat: Marlies Blasl, Tina Heinemann, Rike Menacher, Tanja Nyc

KATALOG

Herausgeber: Vera Simone Bader, Andres Lepik Redaktion: Vera Simone Bader Redaktionsassistenz: Jakob Bahret, Sina Brückner-Armin, Barbara Wolf Übersetzung ins Deutsche: Antoinette Aichele-Platen Lektorat: Carola Jacob-Ritz Grafik: Verena Gerlach Katalogbeiträge von: Vera Simone Bader (VSB), Sina Brückner-Amin (SBA), Teresa Fankhänel (FT), Elena Markus (EM) © 2020, erste Auflage Architekturmuseum der TUM und DETAIL Business Information GmbH Messerschmittstraße 4 80992 München detail.de ISBN 978-3-95553-522-3 Projektleitung: Heide Wessely Chefredaktion: Sandra Hofmeister Herstellung: Roswitha Siegler Korrektorat: Sandra Leitte Lithografie: ludwig:media, Zell am See Druck und Bindung: Kösel GmbH & Co. KG, Altusried-Krugzell Papier Inhalt: Profibulk 135 g Einband: Peyprint glatt 130 g Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Eine Vervielfältigung ist – auch auszugsweise – nicht erlaubt. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts. Umschlag: Entwurf an der Yale School of Architecture für das 2019 Vlock Building Project, Foto: © Yale School of Architecture