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DEKVthema Ausgabe 01 | Juni 2010 | Zeitschrift des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes e.V.

Profile | Praxis | Dialog

Begleitung von Menschen mit Behinderung im Krankenhaus

Best Practice Beispiele aus Politik und Einrichtungen – Integration von Menschen mit Behinderungen im Stationsalltag Qualifizierung (Heil-)pädagogische und kommunikative Kompetenzen in der Pflegeausbildung stärken und fördern Telefonhotline Kollegialer Austausch, Hilfestellung und kostenlose Beratung zu Ihren Fragen


Prolog

Liebe Leserin, lieber Leser, Sie haben die erste Ausgabe des neuen Verbandsmagazins „DEKVthema“ vorliegen. Mit dem Relaunch setzen wir inhaltliche und optische Akzente. Ein thematischer Schwerpunkt soll Ihnen als Führungskräfte und Profis der unterschiedlichen Arbeitsbereiche, die für die medizinische und pflegerische Versorgung und den Service in unseren evangelischen Krankenhäusern Verantwortung tragen, regelmäßig Anregungen und Impulse geben. In dieser Ausgabe berichten wir über die Herausforderungen in der Versorgung von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung im Krankenhaus. Mit Best-Practice-Beispielen sowie einer Telefon-Hotline möchten wir Sie unterstützen und den Austausch zwischen unseren Mitgliedseinrichtungen fördern. Denn das Gespräch untereinander, zwischen den Professionen und nicht zuletzt mit den Patienten und Angehörigen gehört zu unseren christlichen Essentials. Diese wollen die Mitarbeitenden und Patienten, Besucher und Partner heute wieder verstärkt erleben. Sie sind der C-Faktor, der unseren Einrichtungen ein Gesicht gibt. Foto: Julia Scharte

Viel Anregung beim Lesen der Lektüre wünscht Ihnen Ihr

Manfred Witkowski DEKV Vorsitzender

In dieser Ausgabe:

Gesundheitspolitische Ziele Christlicher Krankenhäuser

Die kirchlichen Krankenhausverbände DEKV und KKVD setzen ihre gemeinsame politische Interessenvertretung fort und intensivieren ihre Kommunikation. Seite 8

Schwerpunkt

04 Behinderung: Herausforderung für jedes Krankenhaus 06 Hilfestellung: Begleitung von Menschen mit Behinderung 07 Ausbildung: Kompetenzen in Assistenz und Begleitung 07 Telefon-Hotline: Kollegialer Austausch und Beratung

Politik

08 Aktuelles: Positionierung in wertorientierter Perspektive Die Brücke zwischen Diakonie und Politik stärken:

Kerstin Griese ist neuer sozialpolitischer Vorstand im DW der EKD. Mit Neugierde an Menschen und an ihrem Amt stellt sie neue Weichen in der Diakonie. Seite 10

09 Kolumne: MVZ – für Krankenhäuser ein Auslaufmodell?

10 Vorstand DW: Brückenschlag für soziales Engagement

DEKVthema Profile | Praxis | Dialog

Begleitung von Menschen mit Behinderung im Krankenhaus

Best Practice Beispiele aus Politik und Einrichtungen – Integration von Menschen mit Behinderungen im Stationsalltag Qualifizierung (Heil-)pädagogische und kommunikative Kompetenzen in der Pflegeausbildung stärken und fördern Telefonhotline Kollegialer Austausch, Hilfestellung und kostenlose Beratung zu Ihren Fragen

Das Titelfoto dieser Ausgabe: „Der Reigen“ – ein Kunstprojekt der Bewohner der Pfeifferschen Stiftungen MagdeburgCracau mit dem Künstler Bernd Morgenroth. Es symbolisiert die Überwindung und Akzeptanz der geistigen und körperlichen Einschränkungen, die die Biographie vieler Bewohner und Patienten prägen.

INterview

Initiative

12 Die Bank: Krankenhäuser attraktive Partner 13 Organspende: Ausdruck persönlicher Haltung

Meldungen

14 Nachwuchs: Erwartungen junger Ärzte/-innen 14 Berufsverband: In der Pflege neu aufgestellt! 15 Weisse Liste: Patientenzufriedenheit als Qualitätsindikator 15 BGW: Betriebliche Gesundheitsförderung

Impressum: DEKVthema ist die Mitgliederzeitschrift des DEKV. Herausgeber: Deutscher Evangelischer Krankenhausverband e.V. Geschäftsführung: Norbert Groß | Redaktion: Stefanie Joeres | Mitarbeit an dieser Ausgabe: Inge Averdunk, Sandra Gruß, Ulrike Döring | Fotos: Ute Burbach-Tasso, Reinhard Elbracht, Ingo Jakschies, Stefanie Joeres, Julia Scharte | Grafik und Herstellung: xkontor, Hamburg | Druck: Langebartels, Hamburg | Auflage 3.500 Stück | Ausgabe Juni 2010 | Umwelthinweis: Druckerei und Papier dieser Zeitschrift sind FSC-zertifiziert.

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Foto: Ingo Jakschies

Impuls

Spiritualität in den Heilberufen

Existentielle Kommunikation als Profil von Diakonie Diakonische Identität als Ankerpunkt der Personalentwicklung verstehen und Kompetenzen in Ethik, Seelsorge und Kommunikation fördern

Diakonische Gesundheitsunternehmen können von dem Zutrauen profitieren, das christlichen Werten noch – und wieder neu – entgegen gebracht wird. Diakonische Werteorientierung muss aber aus dem „Zufälligen“ in die Phase konsequenter, identitätsbezogener Profilierung weitergeführt werden. Wir stehen am Grenzpunkt einer Entwicklung, in der sich die Identität der Diakonie angesichts der explosionsartigen Entwicklung der Fachlichkeiten immer mehr auf ein sprachloses Niemandsland zurückgezogen hat. Entstanden ist doppelte Sprachlosigkeit im klinischen Berufsalltag: die Sprachlosigkeit im Umgang mit Wertefragen und Wertverletzungen und die Sprachlosigkeit im Umgang mit existentiellen Betroffenheiten, mit spirituellen, religiösen, sinnbezogenen Fragen und Botschaften. Diakonie hat eine „Mission“ Die Gesellschaft leidet am Verschwimmen von Kontur und Profil, an fehlender Leidenschaft. Mission ist kein Unternehmensziel, und doch: Diakonie war und ist im Kern in einem nicht-invasiven Sinne missionarisch tätig: Sie wirbt mit ihren Diensten und bringt durch sie einen „theologischen Mehrwert“ zum Ausdruck.Wer von etwas überzeugt ist, zeigt sich in seinen Überzeugungen. Evangelische Krankenhäuser werden zu „evangelischen Krankenhäusern“, indem sie als solche erkennbar werden. Denn sie haben Grundhaltungen mitzuteilen: Zuversicht, Freimut und Lebensfreude, Freude an guter Arbeit,Verantwortung

und intelligenter Innovation, Freude am Menschen und am Menschsein, an Gesundheit und Heilung, am tiefen Sinn der menschlichen Solidarität auch in schwieriger Zeit. Sprachfähigkeit im Krankenhausalltag Was könnte das in der Praxis bedeuten? Eine erste, ganz traditionell anmutende Utopie. Angenommen, jede ärztliche Frühbesprechung beginnt mit einer kleinen Besinnung, die der Chefarzt hält. 2-3 Minuten, mit einigen freien Sätzen, zu dem, was ihm an der Tageslosung oder an einem anderen Text persönlich für den heutigen Tag wichtig ist. Utopie 2. Angenommen, das ärztliche Aufklärungsgespräch in der Onkologie über eine weit fortgeschrittene bösartige Erkrankung endet nicht mit einem betretenen Achselzucken und möglichst schnellem Rauslaufen des verantwortlichen Arztes, sondern mit einem Dabeibleiben, Mittragen für einige Minuten, einem persönlichen, von fachlicher Zuversicht und der Ressource des persönlichen Glaubens geprägten Trost. Utopie 3. Angenommen, die Essensverweigerung eines hochbetagten Patienten endet nicht mit einem hilflosen „aber Sie müssen doch essen“ der anwesenden Krankenschwester, zwangsweiser Fütterung und einer schematischen Empfehlung an den zuständigen Arzt, bald eine PEG zu legen – sondern mit einem sensiblen Spüren, Auf-

nehmen und Mittragen der existentiellen Situation des alten Patienten, seiner Lebensmüdigkeit, seiner Verzweiflung, seiner Suche nach Sinn und konstruktivem Ausweg, und die Pflegende sieht sich gestützt durch bereit stehende ethische und fachliche Leitlinien in dieser schwierigen Situation. Utopien. Vielleicht sind es ja gar nicht nur Utopien, und wir stehen manchmal schon kurz davor? „Wer Leistung verlangt, muss Sinn bieten“. Diese Führungsmaxime gilt inzwischen in vielen Bereichen moderner Industrie und Dienstleistungen, erst recht für die Diakonie. In der alltäglichen Situation am Krankenbett geht es um fachliches Können, aber es geht immer auch mit um die Glaubwürdigkeit der Diakonie und der christlichen Humanität. Diese Orientierungs- und Vermittlungsaufgabe zwischen Fachlichkeit und diakonischem Profil in den unterschiedlichen Facetten und Spannungsfeldern des Berufsalltags wäre Königsaufgabe aller Führungskräfte in der Diakonie. Existentielle Kommunikation und spirituelle Ressource Diakonie ist nicht nur Herzenssache, sondern auch eine Sache der Methodik, des Wissens und der Kommunikation. Das diakonische Handeln an der Basis droht sprachlos zu werden in Bezug auf seinen theologischen Gehalt, in der Unfähigkeit zum hilfreichen Gespräch. Es wird zukünftig verstärkt darum gehen, aus dem Sprachverlust des diakonischen Alltags wieder hin zur gemeinsamen lösungsorientierten und spirituellen Kommunikation zu kommen. Ein in dieser Perspektive neu aufgelegtes Projekt des Diakonischen Werkes der EKD zeigt Wege zu dieser spirituellen Ressource auf und entwickelt ein Curriculum zur existentiellen Kommunikation und Spiritualität in der Pflege, damit wir wieder das zum Thema machen können, was Menschen existentiell bewegt und uns am Herzen liegt.  Der vorstehende Artikel ist ein Auszug aus „Spiritualität,Werte, Organisation – diakonische Identität und Profilierung im Gesundheitsmarkt. Wege zum Menschen“ in WzM 60, 2008. Den vollständigen Artikel lesen Sie auch unter: www.dekv-ev.de Dr. Rainer Wettreck ist Theologischer Vorstand der Paul Gerhardt Diakonie e.V., Berlin und Wittenberg, www.pgdiakonie.de

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Schwerpunkt

Politik ist gefordert!

Patienten mit Behinderung – Herausforderung für jedes Haus Patientinnen und Patienten mit geistiger und mehrfacher Behinderung im Krankenhaus brauchen ein Mehr an Assistenz, Pflege und Behandlung – eine Herausforderung für jedes Krankenhaus. Auf einem Symposium unter dem gleichnamigen Titel am 4. Februar 2010 in Berlin unter Schirmherrschaft der rheinland-pfälzischen Sozialministerin wurden die komplexen Problemlagen erörtert und Lösungsperspektiven skizziert. von: Michael Seidel

Wohl für jeden Menschen ist ein Krankenhausaufenthalt ein belastendes und einschneidendes Erlebnis. Existentielle Ängste durch die Krankheit, Schmerzen und Beschwerden sowie Ungewissheit über die Prognose werden durch die oft fremde und undurchschaubare neue Krankenhaussituation verschärft. Nicht selten empfindet der Patient sich fremdbestimmt und desorientiert. Gleichzeitig wird von ihm immer mehr Mitwirkung am straff geplanten Behandlungsprozess verlangt. Wichtig sind in diesem Moment eine beruhigende Ansprache, Anteilnahme und Unterstützung. Was passiert aber, wenn Mitarbeitende im Krankenhaus mit Patientinnen und Patienten mit geistiger und mehrfacher Behinderung nicht angemessen umgehen können, sie nicht verstehen und sich ihnen nicht verständlich machen können? Bei geistig und mehrfach behinderten Patienten gestalten sich pflegerische, diagnostische und therapeutische Prozesse schwieriger, langwieriger, komplexer und ressourcenaufwändiger. Weil Menschen mit Behinderung oft nicht präzise genug ihre Beschwerden schildern können, sind überdurchschnittlicher Zeit- und Ressourceneinsatz, der vermehrte Rückgriff auf apparative Untersuchungsmethoden und lange Aufenthaltsdauern unumgänglich. 4

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Das in Deutschland zu unmittelbar geltendem Recht gewordene Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen bestimmt in seinem Artikel 25 unmissverständlich, dass Menschen mit Behinderungen die gleichen Gesundheitsleistungen wie allen anderen Menschen zustehen und dass Menschen mit Behinderungen darüber hinaus alle jene Leistungen erhalten sollen, die sie speziell wegen ihrer Behinderung benötigen. Damit ist das Ziel klar definiert, und alle Akteure, von der Gesundheitspolitik auf Bundesebene bis hinunter auf die Ebene der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort im jeweiligen Krankenhaus, sind aufgefordert, ihren Beitrag zu leisten. Die Versorgungsmängel für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung im deutschen Gesundheitswesen sind wiederholt thematisiert worden. Erstmals erörterten die fünf Fachverbände der Behindertenhilfe, kirchliche Krankenhausverbände, Deutsche Krankenhausgesellschaft und andere Verbände gemeinsam die Problematik auf einem Symposium mit Betroffenen, Krankenkassenvertretern, Juristen, Politikern, Ärzten, Pflegefachleuten und Vertretern anderer Berufsgruppen. Das Symposium war dringend notwendig, weil sich in den letzten Jahren – im Gefolge der DRG-Einführung – die Probleme deutlich zugespitzt haben.


Foto: Reinhard Elbracht

Schwerpunkt

Problemlagen Die Problemlagen von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung sind komplex und individuell durchaus unterschiedlich. Sie hängen von Schwere, Umfang und Ausprägungsform der jeweiligen Behinderungen ab. Der überdurchschnittliche Hilfebedarf im Krankenhaus bezieht sich sowohl auf die Unterstützung oder stellvertretende Übernahme bestimmter Verrichtungen für Aktivitäten des täglichen Lebens, als auch auf die emotionale Zuwendung und persönliche Assistenz, um der außergewöhnlich belastenden Situation des Krankenhauses begegnen zu können. Eine besondere Rolle spielt natürlich auch die Hilfestellung zur Orientierung in den schwer überschaubaren Abläufen des Krankenhauses. Personale Zuwendung und persönliche Unterstützung können durch nichts ersetzt werden, insbesondere nicht durch restriktive Maßnahmen wie Fixierungen oder Sedierungen, die übrigens auch rechtlich bedenklich sind. Diagnostik und Behandlung sind bei Patientinnen und Patienten mit geistiger und mehrfacher Behinderung oft komplizierter, komplexer und langwieriger als bei nicht behinderten Menschen. Bei ihnen manifestieren sich Krankheitsbilder und Verläufe in manchen Fällen anders als bei nicht behinderten Patienten. Ansprechpartner Krankenhaus Das Regelversorgungssystem, also jedes regional zuständige Krankenhaus, muss sich als Ansprechpartner auch für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung sehen, soweit der medizinische Versorgungsbedarf dem medizinischen Angebotsspektrum entspricht. Darüber hinaus sind für besonders komplexe Problemlagen und diffizile diagnostische Fragestellungen in einem bestimmten Umfang spezialisierte Krankenhäuser oder Krankenhausabteilungen notwendig. Ein Beispiel dafür ist das Krankenhaus Mara in Bethel. Begleitung und Assistenz Die Versorgung von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung im Krankenhaus ist zumeist mit Mehraufwand verbunden. Oft ist dieser Mehraufwand jedoch begrenzt und nur zu einem geringen Teil in der Durchschnittskalkulation der jeweiligen DRG berücksichtigt. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn eine Person mit einer mittelgradigen geistigen Behinderung regelmäßig Unterstützung beim Essen und beim Ankleiden, im Übrigen aber keine ständige personelle Präsenz benötigt. Des Weiteren kann ein überdurchschnittlicher Mehraufwand entstehen, wenn beispielsweise eine geistig behinderte Person ständige personelle Präsenz braucht, um zu verhindern, dass sie aus Angst oder Desorientierung das Zimmer verlässt, sich im Krankenhaus verläuft, dabei ggf. den Erfolg ihrer Behandlung gefährdet oder anderweitig zu Schaden kommt. Solche Fälle überdurchschnittlichen Mehraufwands sind im DRG-System üblicherweise nicht gedeckt. Deshalb braucht das Krankenhaus eine zusätzliche Vergütung, für die verschiedene Lösungswege vorstellbar sind, z. B. Zusatzentgelte. Schließlich gibt es noch die Situation, dass die erforderlichen Assistenz- und Pflegeleistungen aus fachlichen Gründen und aus Gründen der Unvertrautheit mit der betreffenden Person nicht sach- und fachgerecht durch das Personal des Krankenhauses erbracht werden können. Für solche Fälle müssen Assistenten mit ins Krankenhaus kommen, die die Person aus dem Alltag kennen. Dabei kann es sich um Angehörige oder um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Einrichtungen und Diensten der Behindertenhilfe handeln. Es ist völlig klar, dass ein solcher überdurchschnittlicher Ressourcenaufwand nicht aus den DRG vergütet werden kann. Er verlangt eine besondere Lösung, die sich anlehnen könnte an das im Jahr 2009 vom Gesetzgeber verabschiedete Pflegeassistenzbedarfsgesetz.

Barrierefreiheit und Kompetenzen in jeder Hinsicht Die Verbesserung der Versorgung behinderter Patienten im Krankenhaus verlangt entschlossene Aktivitäten auf verschiedenen Ebenen. Dies beginnt bei der Herstellung von Barrierefreiheit. Dabei bezieht sich Barrierefreiheit nicht allein auf rollstuhlzugängliche Toiletten, auf behindertengerechte Aufzüge usw., sondern gerade auch auf die Beseitigung von Barrieren in den Köpfen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Krankenhaus. Patientinnen und Patienten mit geistiger und mehrfacher Behinderung erleben nämlich nicht selten, dass sie nicht ernst genommen werden mit ihren Belangen, dass ihnen wenig Respekt entgegengebracht wird, dass beispielsweise über sie hinweg geredet wird. Es kommt darauf an, kommunikative Kompetenzen für den Umgang mit Menschen mit Behinderungen und behinderungsspezifisches Fachwissen zu erwerben. Das ist eine dringende Herausforderung an die Fortbildung, an die Weiterbildung und an die Ausbildung aller im Gesundheitswesen Tätigen. Außerdem müssen die Krankenhäuser die Abläufe an den Schnittstellen mit anderen Versorgungssystemen, vor allem das Aufnahme- und Entlassungsmanagement, im Hinblick auf die Anforderungen behinderter Menschen verbessern. Finanzierung des Mehraufwandes Schließlich müssen alle beteiligten Institutionen entschlossen an der Weiterentwicklung des DRG-Systems arbeiten, um die bisher als Ausgrenzungsmechanismus wirksame Durchschnittskalkulationen der DRG zu überwinden und erhebliche Mehrbedarfe behinderter Patienten adäquat abzubilden. Diesen Weg entschlossen zu beschreiten ist insbesondere im Hinblick auf jene Krankenhäuser und Krankenhausabteilungen unumgänglich, die sich speziell um behinderte Patienten kümmern wollen. Blieben sie allein auf die durchschnittlich kalkulierten DRG-Erlöse angewiesen, käme dies einem nicht tragbarem wirtschaftlichen Risiko gleich. Zumindest solange das DRG-System die aufwandsgerechte, auskömmliche Vergütung der Leistungen für geistig und mehrfach behinderte Patienten nicht adäquat sicherstellt, müssen die sogenannten Besonderen Einrichtungen mit tagesgleichen Pflegesätzen fortbestehen können. Übrigens müssen auch diese – und hierfür müssen gesetzgeberische Voraussetzungen geschaffen werden! – der Kostenentwicklung angepasst werden. Die Überwindung der beschämenden Versorgungsmängel von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung – ein gravierender Verstoß gegen das grundgesetzliche Diskriminierungsverbot und die Menschenrechte – ist eine vielschichtige Aufgabe, zu der verschiedene Akteure beitragen müssen. Deshalb werden die Veranstalter des Symposiums das systematische Gespräch mit den Akteuren der Gesundheitspolitik und der Selbstverwaltung fortsetzen und nicht in ihren Anstrengungen nachlassen, für konstruktive Lösungen förderliche Bedingungen zu schaffen. Es wäre sehr zu wünschen, dass alle evangelischen Krankenhäuser ihren Beitrag dazu leisten, damit die beschriebenen Mängel überwunden werden. Nicht alles kostet Geld, aber es braucht Engagement und Courage.  Prof. Dr. Michael Seidel ist Geschäftsführer und leitender Arzt der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, Bielefeld, Stiftungsbereich Behindertenhilfe Kontakt: michael.seidel@bethel.de www.bethel.de

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Auch im Krankenhausalltag Fähigkeiten fördern und unterstützen!

So erlaubten sie einem Patienten, auf einer Matratze auf dem Fußboden zu schlafen – nur dort fühlte er sich sicher.

Foto: Reinhard Elbracht / Ev. Krankenhaus Bielefeld

Einen hohen Stellenwert besitzt die Kommunikation, sowohl nach außen – zu Wohngruppenleitungen oder Angehörigen – als auch innerhalb des Krankenhauses. Deshalb geht ein sorgfältig ausgearbeiteter Überleitungsbogen intensiv auf Krankheits- und Behandlungsmerkmale ein, so dass die Kontinuität in der stationären und pflegerischen Betreuung gewährleistet ist.

Evangelisches Krankenhaus Alsterdorf

Ängste abbauen,Vertrauen gewinnen – mit ungewöhnlichen Wegen Und es geht doch: Integration von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung im Stationsalltag Ein Krankenhaus-Aufenthalt ist für Menschen mit geistiger Behinderung ein schwerer Einschnitt: Sie fühlen sich hilflos, Ärzten und Pflegekräften ausgeliefert. Oft verstehen sie gar nicht, was mit ihnen geschieht. Deshalb benötigen sie eine ganz besondere Behandlung und Pflege. Dieser Herausforderung stellt sich das Evangelische Krankenhaus Alsterdorf in Hamburg. Etwa zehn Prozent der Patienten sind Menschen mit Behinderungen. Sie werden hier in den Alltag integriert. Ein ausführlicher Katalog von Richtlinien hilft dabei, jeden Menschen als eigenständige Persönlichkeit zu erfassen, die individuell behandelt wird. 6

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Auch Kleinigkeiten gehören dazu: Menschen mit Behinderungen werden hier wie alle anderen Patienten ernst genommen und respektvoll behandelt – sie werden nicht geduzt, sondern mit „Herr“ oder „Frau“ angesprochen, es sei denn, der Patient möchte das nicht. Pflegekräfte und Ärzte haben sich darauf eingestellt, dass sie ihr normales Tempo drosseln müssen: „Behinderte Menschen sind oft langsam. Man braucht viel mehr Zeit für alles, was man macht“, sagt Schwester Veronica Bischoff, Pflegeleiterin in der Geriatrie. Um Ängste abzubauen und das Vertrauen der behinderten Patienten zu gewinnen, gehen die Pflegekräfte auch ungewöhnliche Wege:

Auch räumlich führten die Überlegungen zu neuen Lösungen: „Rooming in“ nennt sich ein Appartement von zwei Zimmern, die durch eine Tür verbunden sind. Hier werden Angehörige gemeinsam mit dem Patienten aufgenommen. Schwester Veronica: „Eine ganz tolle Sache. Die Zimmer sind zwar verbunden, aber man kann die Tür auch zumachen – die Privatsphäre bleibt gewahrt.“ Von dem Angebot haben schon viele Gebrauch gemacht, sei es der Sohn, der den an Demenz erkrankten Vater begleitete, oder die Mutter, die mit ihrer Anwesenheit ihre kranke behinderte Tochter beruhigte. Schwester Veronica hat die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen mit Behinderungen sehr religiös sind: „Wenn wir das Gefühl haben, dass jemand Bedarf nach einem Gespräch hat, besucht ihn der Krankenhausseelsorger.“ Der alltägliche Umgang mit behinderten Menschen führt dazu, dass ein besonderer Geist herrscht im Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf. Denn die Fürsorge kommt allen Patienten zugute: „So wie wir behinderte Menschen behandeln, müssen wir auch andere Menschen behandeln.“ Als oberster Grundsatz gilt: „Wir nehmen die Menschen so, wie sie sind.“ Aber das heißt auch: Jeder bekommt die Chance, sein Fähigkeiten zu verbessern. Schwester Veronica erinnert sich an einen älteren Mann mit geistiger Behinderung. Er wurde in die Geriatrie mit einem Katheter eingeliefert. Die Pflegekräfte machten mit ihm ein Blasentraining – es dauerte natürlich lange und war nicht einfach. Aber der Mann verließ das Krankenhaus ohne Katheter – er konnte die Toilette aufsuchen. Ein anderer Patient lernte während seines Krankenhaus-Aufenthalts, selbständig seine Bein-Prothese anzulegen. Dadurch wurde er unabhängig und konnte jederzeit aufstehen und mit Hilfe eines Rollators gehen. „Man darf nie sagen, nur weil ein Mensch geistig behindert ist, kann er das nicht“, sagt Schwester Veronica. (IA)


Schwerpunkt

Diakonisches Ausbildungsmodell

Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten

Zukunft der Pflegeausbildung

Nur interdisziplinäre Behandlungsstrategien führen zu Heilerfolgen

In einer gemeinsamen Pflegeausbildung sind zukünftig ebenfalls (heil-) pädagogische und kommunikative Kompetenzen stärker zu fördern.

Das Berliner Behandlungszentrum (BHZ) am KEH betreut seit 10 Jahren psychisch erkrankte Menschen mit geistiger Behinderung.

In einer generalistischen Pflegeausbildung sind zukünftig (heil-)pädagogische und kommunikative Kompetenzen stärker zu fördern. Nach dem Willen der Bundesregierung sollen die Ausbildungsprofile der Gesundheits- und Pflegeberufe grundlegend modernisiert und zusammengeführt werden. Das Diakonische Werk der EKD und seine Fachverbände haben sich hierzu positioniert und ein generalistisches und gestuftes Ausbildungsmodell vorgestellt. Darin werden die Grund-, Fort- und Weiterbildung in der Pflege so aufgestellt und modifiziert, dass übergreifende Kompetenzen entwickelt werden können. So soll zum einen die generalistische Pflegeausbildung um Kompetenzen für Assistenz und Betreuung erweitert werden. Zum anderen sind in der Gesundheits- und Krankenpflege verstärkte kommunikative Fähigkeiten in der Umsetzung von neuen Organisationsmodellen und für das Patientenmanagement erforderlich. Eine akademische Ausbildung allein reicht als Antwort auf künftige Bedarfe nicht aus – vielmehr sind die heutigen Ausbildungskapazitäten auszubauen und zu vernetzen. (SJ)

Von: Dr. Tatjana Voß, Ev. Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge

Häufig nicht erkannt und unbehandelt bleiben psychische Störungen, die Menschen mit einer geistigen Behinderung grundsätzlich ebenso wie nicht behinderte Menschen entwickeln können. Symptomatik und Verlauf solcher psychischen Störungen können aber von den üblichen Manifestationen abweichen. Die häufigsten Einweisungsgründe in das BHZ sind bei den schwer geistig behinderten Menschen Auto-, und Fremdaggressionen, die den Patienten selbst und das Zusammenleben schwer beeinträchtigen oder auch unmöglich gemacht haben. Gegenüber einer psychiatrischen Regelbehandlung hält das BHZ eine multiprofessionelle Herangehensweise für erforderlich. Das typische Methodenrepertoire der Psychiatrie muss um pädagogische und heilpädagogische Komponenten ergänzt werden. Eine ausführliche multiprofessionelle Anamnese und eine über mehrere Tage andauernde, mikroanalytische Verhaltensbeobachtung und somatische Basisdiagnostik stehen am Beginn der Behandlung. Dabei kommt es besonders darauf an, mit Angehörigen oder Mitarbeitenden der Einrichtungen und Dienste intensiv zu kooperieren, um in interdisziplinärer Zusammenarbeit psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten zu erkennen und zu verstehen. Erst unter entwicklungspsychologischer und kontextorientierter Sicht kann eine geeignete Behandlungsstrategie entwickelt werden. Für den Erfolg der Behandlung sind familiäre und heilpädagogische Begleitung genauso notwendig wie spezielle Kenntnisse der betreuenden Ärzte und des Teams. Damit die psychiatrische Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland weiter verbessert werden kann, bedarf es neben der Fachkompetenz des Teams der spezialisierten Kliniken eine finanziell angemessene Vergütung. Nur in angemessener räumlicher und personeller Ausstattung kann den besonderen Bedürfnissen psychiatrisch und auch somatisch kranker Menschen mit geistiger Behinderung gerecht und auch die Situation dieser Patientengruppe in den Akutkrankenhäusern wirklich verbessert werden.

Behindertenmedizin im Krankenhaus Mara

Telefonhotline unter 0521. 772 - 77 136 für kollegialen Austausch und Beratung Die Versorgung und Begleitung von behinderten Menschen stellt ungewohnte Anforderungen an ein Krankenhausteam – wir bieten kostenlose Hilfestellungen* und Beratung zu Ihren Fragen. profitieren.Wir bieten Ärzten/-innen sowie Pflegefachkräften eine telefonische Beratung zu allen medizinischen Fragen bei der Versorgung dieser Patientengruppe an. Bei speziellen pflegerischen Problemen vermitteln wir Gesprächskontakte zu erfahrenen Pflegekräften in unserem Haus. *Hinweis: Keine Mitbehandlung von Patienten/-innen im Sinne konsiliarärztlicher Tätigkeiten

Ihr Beratungs-Team des Evangelischen Krankenhauses Mara: (v.l.) Dr. Ulrich Pfaff, Bärbel Schneider, Dr. Jörg Stockmann

Foto: Reinhard Elbracht

Im Zentrum für Behindertenmedizin des Krankenhauses Mara gGmbH (von Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel, Bielefeld) konnten wir über viele Jahre wertvolle Erfahrungen in der stationären Versorgung von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung in den Fachabteilungen Innere Medizin und Chirurgie sammeln. Um die Versorgung dieser Patientengruppe über unsere Region hinaus zu verbessern, möchten wir allen evangelischen Krankenhäusern die Möglichkeit geben, von diesen Erfahrungen zu

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politik

Gemeinsam sind wir stark

Interessensvertretung Christlicher Krankenhäuser Die Ergebnisse der Prognos-Studie zur Bedeutung christlicher Krankenhäuser fordert eine verstärkte gemeinsame Kommunikation der kirchlichen Krankenhausverbände (DEKV und KKVD) über die Arbeit und Interessen ihrer Mitglieder in Politik und Öffentlichkeit. von: Norbert Groß, Verbandsdirektor DEKV

Der Bundesgesundheitsminister hat anlässlich des Frühlingsempfangs der Deutschen Krankenhausgesellschaft keinen Zweifel daran gelassen: angesichts der bleibenden Herausforderung, den steigenden Versorgungsbedarf und den Kosten für die Gesundheitsversorgung aus begrenzten Mitteln müssen sich auch die Krankenhäuser auf neue Belastungen einstellen. Wir, die kirchlichen Krankenhausverbände DEKV und KKVD, haben deshalb gesundheitspolitische Ziele und Handlungsbedarf aus einer werteorientierten, den Belangen der Patienten verpflichteten Perspektive formuliert. Die Positionierung wurde anlässlich des Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit Anfang Mai in Berlin veröffentlicht und mit Politikern diskutiert. Werteorientierte Perspektive So fordern wir auf der eine Seite nicht einfach nur mehr Geld für die Krankenhäuser, sondern eine Änderung der handlungsleitenden Perspektive: Das Ziel, eine bedarfsgerechte, zuwendungsgeprägte Patientenversorgung, muss die Mittel bestimmen, die dafür eingesetzt werden. Dieses Ziel erfordert nicht nur genügend qualifiziertes Personal, sondern auch Arbeitsbedingungen, die eine hohe Motivation der Mitarbeitenden fördern. In besonderer Weise muss der Situation von Menschen in besonderen Lebenslagen, z. B. Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung, Rechnung getragen werden. Ihre Versorgung ist mit einem erheblichen Mehraufwand verbunden, der den Krankenhäusern bisher nicht vergütet wird. 8

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Gemeinsam für eine Sache kämpfen – mehrere tausend Mitarbeitende aus diakonischen Krankenhäusern kamen im Hebst 2008 nach Berlin, um für bessere Rahmenbedingungen zu demonstrieren.


politik

Auf der anderen Seite widersprechen wir einem Verständnis von Gesundheitswirtschaft, das Krankenhäuser als Wirtschaftsunternehmen wie alle anderen versteht. Das wäre mit einem solidarisch finanzierten Gesundheitssystem nicht vereinbar. Wettbewerb im Krankenhaussektor muss deshalb nach besonderen Maßstäben beurteilt und geregelt werden. Er setzt Trägervielfalt und Wahlfreiheit der Patienten voraus. Er muss die Steigerung der Versorgungsqualität einschließlich eines sparsamen, nachhaltigen Einsatzes der knappen finanziellen Mittel befördern.

Kolumne Dr. Uwe K. Preusker, Chefredakteur des Branchendienstes „Klinik Markt inside“

Zukunftsfähige Versorgung Wir plädieren – nicht zuletzt im Sinne der Patienten – für erweiterte Möglichkeiten zur ambulanten fachärztlichen Versorgung in und am Krankenhaus, nicht nur in ländlichen, unterversorgten Regionen. Damit widersprechen wir entschieden konträren Positionen aus der Vertragsärzteschaft, deren Umsetzung die bereits bestehenden Versorgungsdefizite massiv verschärfen würde.

Foto: Ingo Jakschies

Wir verzichten auf einen konkreten Vorschlag zur Lösung des strukturellen Finanzierungsproblems der gesetzlichen Krankenversicherung.Vorstellbar sind verschiedene Lösungen, sie müssen aber den Anforderungen an eine solidarische Finanzierung genügen, die der Belastungsfähigkeit des Einzelnen gerecht wird. Insbesondere muss sichergestellt sein, dass chronisch kranke und arme Menschen nicht auf die medizinisch notwendige Versorgung, die sie benötigen, verzichten müssen, weil sie sich diese nicht mehr leisten können. Angesichts der chronisch unzureichenden Finanzierung von Investitionen, für die laut Gesetz die Bundesländer zuständig sind, sehen wir verstärkt den Bund in der Pflicht, die Länder anzuhalten und in die Lage zu versetzen, ihrer Verantwortung in dieser Hinsicht gerecht zu werden. Eine Änderung der Finanzierungsweise, insbesondere auch die Umstellung auf eine behandlungsfallbezogene, pauschalierte Zuschlagsfinanzierung, für die aus betriebswirtschaftlicher Sicht viel spricht, wird demgegenüber als zweitrangig beurteilt. Personalwirtschaftliche Herausforderungen Die größte Herausforderung für die Krankenhäuser stellt die Gewinnung des heute schon knappen und künftig noch knapper werdenden qualifizierten Personals dar. Nötig sind nicht nur zusätzliche Studienplätze im Fach Humanmedizin und eine Reform der Ausbildung in den Pflegeberufen. Es bedarf gezielter Maßnahmen, junge Menschen für die Gesundheits- und Sozialberufe zu gewinnen und gegebenenfalls überhaupt erst dafür zu qualifizieren. Die Mehrzahl der Beschäftigten in den Krankenhäusern, auch im ärztlichen Dienst, werden künftig Frauen sein. Auch deshalb muss eine deutlich besser als heute realisierte Vereinbarkeit von Beruf und Familie das Ziel sein. Das erfordert tiefgreifende Veränderungen in der Struktur- und Ablauforganisation. Die kirchlichen Krankenhäuser nehmen die damit verbundenen Herausforderungen an. Wir erwarten von der Politik, dass sie die Leistungsträger bei ihrer Arbeit unterstützt und die notwendigen flankierenden Maßnahmen ergreift. Für künftige gesetzliche Regelungen heißt das z. B., dass deren Auswirkungen auf das Personal, etwa im Blick auf neuen Bürokratieaufwand oder weitere Arbeitsverdichtung, sehr genau geprüft werden müssen. 

MVZ/ambulante Versorgung: Auslaufmodell für Kliniken? Noch deutlicher kann man es eigentlich nicht sagen: Die Situation vor Ort sieht in den allermeisten Fällen sehr viel harmonischer aus, als dies in Berlin vermutet worden sei. Ärzte und Kliniken wüssten sehr gut, dass sie einander benötigten. Gesagt hat dies Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSUBundestagsfraktion. Ergänzend betonte er, die im Koalitionsvertrag vorgesehene Einschränkung für die Trägerschaft von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) durch Kliniken auf unter 50 Prozent der Anteile solle nicht realisiert werden. Gut so! Denn die Realität der MVZ ist keineswegs durch kapitalkräftige Krankenhäuser oder gar „Heuschrecken“ geprägt. Stattdessen überwiegen gute und reibungslose Kooperationen. Wenn es Ansätze zur ambulanten Kettenbildung gibt, dann eher bei unternehmerisch aktiven niedergelassenen Vertragsärzten. Beispiele hierfür sind etwa die Polikum Gruppe mit ihren großen MVZ mit zum Teil über 40 Ärzten, das Endokrinologikum mit Hauptsitz in Hamburg oder die RNR-Gruppe, ein Verbund von medizinischen Versorgungszentren in Nordrhein-Westfalen mit 15 Standorten, davon neun mit Klinik-Anbindung. Hinzu kommt die wachsende Zahl an Berufsausübungsgemeinschaften – einer durch das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz neu geschaffenen Form der vertragsärztlichen Berufsausübung, bei der sich Praxen auch über die Grenzen von Kassenärztlichen Vereinigungen hinweg zusammenschließen können. Bis zu knapp 30 Vertragsarzt-Sitze gehören den größten dieser Art inzwischen an – hinzu kommen häufig Filialpraxen. Diese neuen Formen wurden geschaffen, um niedergelassenen Ärzten mehr Freiheit für ihre Berufsausübung zu ermöglichen. Außerdem sollten die Spieße zwischen ihnen und den Kliniken angeglichen werden. Dass dies Realität ist, zeigen nicht nur die hier aufgeführten Beispiele. Jens Spahn hat Recht: Die zukünftige flächendeckende Versorgung kann man nur gemeinsam durch Niedergelassene und Kliniken sichern – nicht aber durch neue Grenzziehungen und einseitige Beschränkungen! 

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Kerstin Griese im Gespräch

Neuer sozialpolitischer Vorstand

Die Brücke zwischen Diakonie und Politik stärken Der Diakonische Rat des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland (DW der EKD) hat Kerstin Griese zum neuen sozialpolitischen Vorstand der Diakonie berufen. Die bisherige SPD-Bundestagsabgeordnete und Familienpolitikerin schildert, wie sie ihre neue Aufgabe wahrnimmt und wo sie heute Chancen und politische Herausforderungen für evangelische Krankenhäuser sieht. Interview: Stefanie Joeres

Frau Griese, Sie sind seit November 2009 Mitglied im Vorstand des Diakonischen Werkes der EKD. Mit welchen Erwartungen haben Sie das Amt übernommen? Als Familienpolitikerin habe ich die Diakonie als profilierte Akteurin in diesem Politikfeld kennengelernt, und als EKD-Synodale und Kirchenbeauftragte der SPD-Bundestagfraktion bin ich dem evangelischen Wohlfahrtsverband von jeher verbunden gewesen. Mein neues Amt habe ich vor allen Dingen mit neugierigen Erwartungen angetreten. Ich bin neugierig auf die Menschen, die im Diakonie Bundesverband arbeiten und sich engagieren, wie auf die Themenvielfalt im Spektrum der Sozial- und Gesundheitspolitik. Ich habe das Amt mit der Erwartung übernommen, im Dienst einer evangelisch profilierten Organisation Sozialpolitik an verantwortlicher Stelle mitgestalten zu können. Sie sind u.a. zuständig für die Arbeitsfelder Gesundheit, Rehabilitation und Pflege. Wo liegen Ihre Arbeitsansätze und welche Schwerpunkte werden Sie in diesem Jahr setzen? In diesem Jahr steht mal wieder eine Gesundheitsreform auf der politischen Tagesordnung. Wir werden sie mit dem Ziel begleiten, dass arme Menschen und Menschen mit niedrigem Einkommen finanziell nicht überfordert werden und chronisch kranke sowie behinderte Menschen medizinisch gut versorgt werden. Gleichzeitig werden wir 10

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darauf achten, dass die Rahmenbedingungen für die Arbeit im Gesundheitswesen sich nachhaltig positiv entwickeln. Und um nur zwei Themen aus dem Bereich der Krankenhäuser zu nennen: Uns beschäftigt die Zukunft der Psychiatrischen Institutsambulanzen (PIA) sehr, weil wir die Defizite in der ambulanten Versorgung psychisch kranker Menschen auch aus sozialpsychiatrischer Perspektive genau kennen. Auch die von der Regierung geplanten Einschränkungen bei den Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) sind ein Diakonie-Thema, weil auch Einrichtungen der Behindertenhilfe dieses Instrument nutzen, um Lücken in der medizinischen Versorgung zu schließen. Wir treten auch dafür ein, dass Menschen mit Behinderung möglichst gemeinsam mit dem Rest der Bevölkerung in jedem Krankenhaus versorgt werden können. Das erfordert Respekt, aber auch mehr Zeit und ein entsprechend geschultes Personal. Der Mehraufwand muss in den Finanzierungssystemen der Regelversorgung abgebildet werden. Sie haben weitreichende Erfahrungen auf der politischen Bühne. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dem Anliegen der Diakonie in der Politik noch stärker Gehör zu verschaffen? Wir haben sehr gute Chancen, die Anliegen benachteiligter Menschen und die berechtigten Interessen unserer Dienste und Einrichtungen in die politische Debatte einzubringen. Wir sind fachlich gut aufgestellt


Interview

Foto: Ute Barbach-Tasso

und bringen die ganze Fülle unserer Erfahrungen aus der praktischen Arbeit mit. Unsere Kommunikationspartner in der Politik haben natürlich ganz bestimmte Informationsbedarfe, sie arbeiten unter spezifischen Bedingungen des Parlaments- und Regierungsalltags. Das müssen wir in unserer politischen Kommunikation berücksichtigen, und da helfen uns meine Erfahrungen als Politikerin und natürlich auch die in neun Jahren Parlamentstätigkeit aufgebauten und bewährten Netzwerke weiter. Sie führten kürzlich ein Gespräch mit dem Gesundheitsminister Dr. Phillip Rösler. Wie schätzen Sie die Aussichten ein, dass den Belangen der Krankenhäuser Rechnung getragen wird? Die neue Bundesregierung und nicht zuletzt Herr Dr. Rösler hat Verständnis für die Belange der Leistungserbringer im Gesundheitswesen, darunter auch die Krankenhäuser, signalisiert. Die Arbeitsbedingungen von Ärztinnen und Ärzten, aber auch von Pflegekräften im Krankenhaus, sollten nach seiner Meinung verbessert werden. Der Bundesminister will auch gegen ein Übermaß an Bürokratie im Krankenhaus kämpfen, hält aber an den MDK-Prüfungen fest. Er hat sich noch nicht festgelegt, wie die Krankenhausinvestitionskosten künftig getragen werden sollen. Provoziert die neue Regierung Gefahren für den sozialstaatlichen Konsens? In der Gesetzlichen Krankenversicherung hat sich die Bundesregierung mit der Gesundheitsprämie auf einen Ansatz festgelegt, den die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger und sogar die Mehrheit derjenigen ablehnen, die die Koalitionsparteien gewählt haben. Seitens der Diakonie stehen wir der gesamten „Kopfpauschalen“-Diskussion sehr kritisch gegenüber und plädieren stattdessen für eine Weiterentwicklung der Gesetzlichen Krankenversicherung, einschließlich der gemeinsamen Finanzierung durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Sie sind Mitglied im Vorstand der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Wie können die Interessen christlicher Krankenhäuser deutlicher nach vorne gebracht werden? Die christlichen Krankenhäuser haben Gewicht, weil sie sich in politischen Fragen wie auch in den ethischen Grundhaltungen über die Konfessionsgrenzen hinweg einig sind. Christliche Krankenhäuser können als freigemeinnützige Einrichtungen selbstbewusst für ihre Linie eintreten. Ich werde mich in der

DKG, aber auch an anderer Stelle, für die Rahmenbedingungen einsetzen, die unsere Häuser brauchen: Sie müssen ja ohne die Defizithaftung einer Kommune und ohne die Finanzierungsmöglichkeiten eines gewinnorientierten Trägers auskommen – und dabei nicht nur ihre tägliche Arbeit tun, sondern auch Investitionen tätigen. Mit welchen Programmen betreibt die Diakonie Nachwuchsförderung in den sozialen und pflegerischen Berufen, um dem zukünftigen Pflegenotstand zu begegnen? Viele diakonische Dienste und Einrichtungen betreiben eine aktive Nachwuchsgewinnung vor Ort. Dies ist sehr wichtig, denn junge Menschen brauchen Ausbildungsmöglichkeiten in ihrer Nähe. Der Diakonie Bundesverband unterstützt die Einrichtungen, in dem wir uns politisch dafür einsetzen, dass Pflege ein attraktives Berufsfeld bleibt. Dazu gehören die Fragen nach den Arbeitsbedingungen und nach der Finanzierung. Gleichzeitig werben wir bundesweit bei jungen Menschen für die sozialen Berufe durch Informationsmaterialen und im Internet. In diesem Bereich wollen wir uns zukünftig noch mehr engagieren. Sie gehören seit 2003 der Synode der EKD an. Diakonie versteht sich als gelebte Kirche. Worin sehen Sie hier Ihre Aufgabe, den Dialog und die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie zu stärken? Diakonie und Kirche können von ihren individuellen Stärken profitieren und noch enger miteinander kooperieren. Der Ansatz einer gemeinwesenorientierten Diakonie zeigt, dass Kirchengemeinden und diakonische Dienste und Einrichtungen gemeinsam die Menschen besser erreichen, sie unterstützen und ihnen bei Bedarf helfen können. Das trägt dazu bei, dass Einrichtungen vor Ort mit ihrem Fachwissen präsent sind und Kirchengemeinden die diakonische Dimension ihres Auftrags besser wahrnehmen können. Diese engere Verbindung von Kirche und Diakonie möchte ich auch in Zukunft mit meinem Engagement in Kirche und Diakonie befördern. Diakonie und Brot für die Welt befinden sich in einem Fusionsprozess mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst .Welche Auswirkungen wird das im operativen Tagesgeschäft haben? Das „Evangelische Zentrum für Entwicklung und Diakonie“ wird von zwei Säulen getragen werden. Diese Säulen werden „Diakonie. Der evangelische Bundesverband“ und „Brot für die Welt. Der evangelische Entwicklungs-

dienst“ sein und heißen. Ich hoffe, dass der weltweite Horizont, in den wir unsere Arbeit nun sehr viel bewusster stellen, auch zu einer Bewusstseinsveränderung in den evangelischen Krankenhäusern führen wird. Manche diakonische Einrichtung pflegt bereits Kontakte in die Länder des Südens oder nach Osteuropa. Demnächst haben wir noch mehr Partner, die diese weltweiten Beziehungen auf einem sehr hohen fachlichen Niveau weiterentwickeln können. Sie haben sich schon früh in der kirchlichen Jugendarbeit und später in der Hochschulpolitik engagiert. Welches Wort oder Bild leitet Sie als christliche Funktionärin bei Ihrem Engagement für die Menschen? Prägend war und ist für mich ein Vers aus dem Matthäus-Evangelium „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ (Matth. 4,4). Dieser Vers ist nicht nur mein Konfirmationsspruch, sondern war auch Predigtext im Gottesdienst anlässlich meiner Einführung als sozialpolitischer Vorstand im Diakonie Bundesverband. Hier geht es um mein wichtigstes Thema: soziale Gerechtigkeit. 

Zur Person Kerstin Griese trat am 1. November 2009 ihr Amt als sozialpolitischer Vorstand des Diakonischen Werkes der EKD an. Die 43-jährige Historikerin und Politologin ist seit 2003 Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Sozialkammer der EKD. Sie war von 2002 bis 2009 Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und seit 2006 Beauftragte für Kirchen und Religionsgemeinschaften der SPD-Bundestagsfraktion. Im Diakonie Vorstand ist Frau Griese zuständig für die sozialpolitischen Zentren Gesundheit, Rehabilitation und Pflege (GRP) sowie Familie, Integration, Bildung und Armut (FIBA), für das Brüsseler Büro, das Diakonische Institut für Qualitätsentwicklung und mehrere Stabsstellen. Sie hat im DEKV-Vorstand eine beratende Stimme und ist Vorstandsmitglied der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).

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Kirchliche Krankenhäuser

Aus der Sicht einer Bank Werteorientiert, innovativ und wettbewerbsstark – haben kirchliche Krankenhäuser neben ihrem deutlichen Alleinstellungsmerkmal auch tatsächlich einen wirtschaftlichen Standortvorteil? Von: Roland Radtke, Deutsche Kreditbank AG

Werteorientiert, innovativ und wettbewerbsstark – mit diesen Worten werden die kirchlichen Krankenhäuser laut der aktuellen PrognosStudie charakterisiert. Dies bedeutet zunächst ein wertvolles Alleinstellungsmerkmal der konfessionellen Krankenhäuser. Aber macht sich dieser Vorteil bei den derzeitig angespannten Rahmenbedingungen für die Krankenhäuser auch wirtschaftlich positiv bemerkbar? Ein Blick in den Krankenhaus Rating Report 2010 des RWI Essen zeigt, dass die freigemeinnützigen Häuser tendenziell besser abschneiden als kommunale Einrichtungen. Die vorherrschenden Gegebenheiten stellen das Management vor vielfältige komplexe Herausforderungen, um für das jeweilige Krankenhaus eine zukunftsfeste Strategie zu entwickeln. Als Stichworte seien hier erwähnt: Personalmangel im Ärzte- und Pflegebereich, Prozessoptimierung, Aufbruch der Sektorengrenzen mit Chancen und Risiken aus dem ambulanten Bereich (einerseits Verlängerung der Wertschöpfungskette durch Angebot von ambulanten Leistungen über eigene MVZs, ambulante OP-Zentren oder beispielsweise den § 116b, andererseits aber Verlagerungen von stationären Leistungen in den ambulanten Bereich der niedergelassenen Vertragsärzte), der Trend zum Pay for Performance und der Wunsch der Krankenkassen zum selektiven Kontrahieren. Darüber hinaus spielt das Marketing bei der Bindung der Einweiser und Patienten an das Haus eine entscheidende Rolle.

Die deutsche Kreditbank (DKB) Die DKB mit Sitz in Berlin wurde 1990 gegründet. Die Bank ist auf Zielgruppen ausgewählter Branchen, wie z. B. auf die Wohnungswirtschaft, Gesundheitswirtschaft oder die Landwirtschaft, spezialisiert. Diese Kunden werden von Mitarbeitern in 17

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Niederlassungen bundesweit betreut. Im Privatkundengeschäft ist das Unternehmen Direktbank. Mehr als 1,9 Mio. Privatkunden nutzen inzwischen die Konten und Finanzierungsangebote der DKB. www.DKB.de

In diesem Zusammenhang kann die jeweilige Einrichtung auf ihre konkreten Besonderheiten im Außenauftritt hinweisen, um mit der Abgrenzung spezielle Patientenbedürfnisse anzusprechen. Wenn das nach außen verkündete Leitbild gelebt wird, die als besondere Merkmale versprochenen Leistungen tatsächlich angeboten werden und letztlich von den Patienten in der Versorgungsrealität ein spürbarer Unterschied zu anderen Trägern wahrgenommen wird − dann sind gute Voraussetzungen gegeben, um die Patienten, die auf diese besonderen Gegebenheiten in einem konfessionellen Haus Wert legen, nachhaltig zu gewinnen. Gleiches gilt auch im Hinblick auf die Personalgewinnung. Gerade in diesem Umfeld stehen die konfessionellen Häuser im starken Wettbewerb um Ärzte und qualifiziertes Pflegepersonal. Etliche Mitarbeiter entscheiden sich bewusst für einen kirchlichen Träger, da sie dort ein anderes Arbeits- bzw. Werteumfeld erwarten, als in anderen Häusern. Die Mitarbeiter sind das wichtigste Gut, über das ein Krankenhaus verfügt. Folglich führen gut ausgebildete und hoch motivierte Mitarbeiter zusammen mit einem versierten Management das Unternehmen auch zu einem wirtschaftlichen Erfolg. Somit sind die in der PrognosStudie herausgearbeiteten Mehrwerte kirchlicher Krankenhäuser nicht nur immaterielle Werte, sondern können auch zu betriebswirtschaftlich messbaren positiven Ergebnissen führen.Wirtschaftlich geordnete Verhältnisse sind die Grundvoraussetzung, um von einer Bank als kreditwürdig eingestuft zu werden. Die Bedeutung von Investitionen ist dabei unverändert hoch. Nur wer investiert, schafft die Basis, um im Wettbewerb langfristig zu bestehen. Bereits heute nehmen Krankenhäuser Fremdmittel auf, um Investitionen zeitlich vorzuziehen. Denn das Warten auf Fördermittel dauert vielen Trägern zu lange. Eine Bedienung der Fremdmittel ist jedoch nicht möglich, wenn das Haus keinen positiven Netto-Cashflow erwirtschaftet. Da die DRG für die durchschnittlichen Betriebskosten kalkuliert sind, werden nur die Häuser einen positiven Netto-Cashflow erwirtschaften, deren Kosten darunter liegen, d.h. es sind bereits Effizienzreserven gehoben worden. Effizienzsteigerung und Prozessoptimierung müssen dem werteorientierten Strategieansatz eines Krankenhauses keinesfalls widersprechen. Sie tragen dazu bei, dass man als ein innovatives Haus wahrgenommen wird, das sich im Wettbewerb gut behaupten kann. Diese Krankenhäuser sind auch für Banken ein attraktiver Partner. 


initiative

DEKV-Initiative

Organspende – An potenziellen Organspendern mangelt es nicht...

Foto: Ingo Jakschies

Am Tag der Organspende startet der DEKV die Initiative „Leib und Leben: kostbar – verletzlich – ein Geschenk“ in allen evangelischen Krankenhäusern. Der 5. Juni ist Tag der Organspende. Der DEKV will durch eine entsprechende Initiative dazu beitragen, dass mehr Menschen durch Ausfüllen eines Organspendeausweises zum Ausdruck bringen, ob sie persönlich zur Organspende bereit sind. Nach wie vor übersteigt die Zahl der Menschen, die auf eine Organtransplantation warten, die Zahl der verfügbaren Spenderorgane bei weitem. Dabei belegen Umfragen regelmäßig eine hohe Bereitschaft in der Bevölkerung, Organe zu spenden? Krankenhäuser sind durch das Transplantationsgesetz verpflichtet, Personen, die als mögliche Organspender in Frage kommen, dem zuständigen Transplantationszentrum zu melden. Dennoch bleibt die ermittelte Anzahl weit hinter der möglichen zurück. Wenn in evangelischen Krankenhäusern insgesamt relativ wenige Organspender ermittelt werden, hat das zunächst strukturelle bzw. medizinische Gründe, z. B. die geringe Zahl neurochirurgischer Abteilungen. Zu berücksichtigen wäre aber auch, dass Zuwendung und Begleitung, die Sterbende und ihre Angehörigen erfahren, mit dem Eintreten des Todes nicht einfach aufhören. Angehörige in diesem Zusammenhang mit der Frage nach einer Organspende zu konfrontieren und um ihre Einwilligung zur Organentnahme zu bitten, stellt eine damit oft kaum vereinbare Zumutung dar, und das umso mehr, wenn sie darauf nicht vorbereitet sind. Ganz anders stellt sich die Situation dar, wenn Menschen sich zu Lebzeiten mit der Frage auseinandergesetzt haben, ob bzw. unter welchen Umständen sie bereit sind, Organe zu spenden.Wenn sie ihre persönliche Entscheidung durch einen ausgefüllten Organspendeausweis dokumentiert und ihre Angehörigen darüber in Kenntnis gesetzt haben, können Ärzte und Pflegende sich gemeinsam mit den Angehörigen bewusst auf eine mögliche Organ-Explantation

und anschließende ‑Transplantation einstellen. Hier setzen die Überlegungen des DEKV-Vorstandsreferats Theologie und Ethik zum Thema „Förderung der Organspende in evangelischen Krankenhäusern“ an. Dabei geht es nicht darum, einseitig Menschen für eine Organspende zu gewinnen. Der Respekt vor dem unverfügbaren, von Gott geschenkten Leben jedes Menschen sowie die Achtung seiner Würde, in persönlicher Verantwortung frei zu entscheiden, ob er unter bestimmten Umständen zur Organspende bereit ist, verbieten es, in dieser Hinsicht Druck auszuüben oder über Menschen, auch nach ihrem Tod, einfach zu verfügen. Auch das Ziel, die Zahl der für Transplantationen verfügbaren Organe zu erhöhen, rechtfertigt dergleichen nicht. Nötig und möglich aber wäre es, dass mehr Menschen sich zu Lebzeiten mit dem Thema Organspende beschäftigen, eine persönliche Entscheidung dazu treffen und diese, sei sie zustimmend oder ablehnend, möglichst durch Ausfüllen eines Organspendeausweises zu erkennen geben. Ein Organspendeausweis schafft Klarheit, darauf kommt es an. Dazu will der DEKV und können die evangelischen Krankenhäuser einen Beitrag leisten. Deshalb wurde ein an Besucher und Patienten in evangelischen Krankenhäusern gerichtetes, persönlich formuliertes Informationsschreiben konzipiert, das genau dazu auffordert. Das Informationsblatt mit integriertem Organspendeausweis ist zur Auslage z. B. in Wartebereichen oder zur Beilage in Patienteninformationsmappen gedacht. Man kann danach greifen und ihn lesen, muss es aber nicht. Als Ansprechpartner für die Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen mögen, wird auf die Ärztinnen und Ärzte sowie die Seelsorgerinnen und Seelsorger in dem jeweiligen evangelischen Krankenhaus verwiesen. Der Informationsbrief wird den Mitgliedseinrichtungen in ausreichender Anzahl im Juni zur Verfügung gestellt werden. (NG)

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Neues entsteht durch Veränderung!

Pflege neu aufgestellt Evangelischer Fach- und Berufsverband für Pflege und Gesundheit e.V. reagiert auf neue Herausforderungen. Foto: Stefanie Joeres

Die neue Arztgeneration ist weiblich und an ethischen Fragen interessiert.

Jobbörse in Berlin

Quo vadis? – Junge MedizinerInnen suchen Orientierungshilfe in ihrem Beruf Den Unkenrufen des Marburger Bundes (MB) zum Trotz zeigen sich angehende Ärztinnen und Ärzte an den Angeboten und Themen Christlicher Krankenhäuser interessiert. Es sollte ein Testlauf werden – in Kooperation mit neun katholischen und evangelischen Trägern präsentierte der DEKV mit seinem katholischen Partner KKVD die Christlichen Krankenhäuser auf der Jobbörse docsteps des MB. Ziel war es, die Polemik des MB gegenüber kirchlichen Trägern durch Präsenz und persönliche Gespräche zu entschärfen. In den Gesprächen signalisierten die Teilnehmer/-innen, dass sie einen ungestillten Orientierungsbedarf in ihrer Ausbildung haben. Manch einer kam forsch zum Stand „Christlicher Krankenhäuser“ und ließ sich die tatsächliche Tarifstruktur erläutern. Erste Vorurteile über eine geringere Bezahlung konnten schnell ausgeräumt werden. Darüber hinaus wurden die Möglichkeiten der klinischen Ausbildung in christlichen Krankenhäusern erfragt. Fachrichtung,Trägerausrichtung und Orte waren in der umgekehrten Reihenfolge von Wichtigkeit, denn viele Besucher/-innen standen erst am Anfang ihrer Ausbildung. Sensibel für ethische Fragen sind sie sehr interessiert, sich mit ihrer zukünftigen Aufgabe kritisch auseinanderzusetzen; auch wollen sie mit anderen Professionen gleichberechtigt in einem Team zusammenarbeiten. Ihre ersten praktischen Erfahrungen in Famulatur und später im PJ werden daher in diesem Kontext Prüfsteine für eine 14

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Berufsorientierung und Trägerbindung sein. Viele Anfragen kamen gerade von Medizinstudenten/-innen, die kirchenfern aufgewachsen sind, in deren Familien Werte jedoch eine große Rolle spielen. Haben sie ungetauft trotzdem eine Chance, sich in unseren Krankenhäusern zu bewerben? Diese jungen Menschen zeigten sich offen, ihr Berufsverständnis an einem christlichen Leitbild hin auszurichten. Kirchliche Träger müssen sich zunehmend auf diese wachsende Gruppe einstellen und sollten ihnen Möglichkeiten zur Mitarbeit eröffnen. Angehende Ärzte/-innen können aufgrund des bereits vorherrschenden Ärztemangels ihre Arbeitsbedingungen mitbestimmen. Nicht nur Ärztinnen haben ein großes Interesse, Familie und Beruf zu vereinbaren. Im Sinne einer guten WorkLife-Balance sind familienorientierte Arbeitszeitzeiten, werteorientierte Managementkonzepte sowie weitsichtige Personalentwicklung in den Krankenhäusern heute mehr denn je im Wettbewerb um Fachpersonal gefordert. „Führen wie Mose“ wäre dafür ein praktikabler Ansatz und Orientierungshilfe zugleich. (SJ) Einen Impuls zu „Führen wie Mose“ von Prof. Dr. Krolzik finden Sie auf unserer Internetseite: www.dekv-ev.de

Geschafft! Der bisherige „Evangelische Fach- und Berufsverband für Pflege e.V.“ (EFAKS) hat mit seiner neuen Satzung auf die vielfältigen Herausforderungen in den Pflege- und Gesundheitsberufen reagiert und die Möglichkeit geschaffen, sowohl andere Verbände von Pflegenden aus dem kirchlich-diakonischen Bereich als korporative Mitglieder aufzunehmen als auch für die Mitgliedschaft von Pflegenden attraktiver zu werden. Mit der neuen Vielfalt verbunden ist der neue Name. Zukünftig sollen alle Fragen im Hinblick auf pflegefachliche Positionen und ethische Grundsätze im evangelischen Bereich gemeinsam diskutiert und in der Öffentlichkeit und im politischen Raum vertreten werden. Die „evangelische Stimme“ soll damit im „Chor“ der Verbände in der Pflege deutlicher hörbar werden. Als wesentlichste Ziele der zukünftigen Arbeit sieht der neue Verband die Förderung der Pflege und der Pflege(aus)bildung, die weitere Förderung von Wissenschaft und Forschung im Bereich von Pflege und Gesundheit sowie die Interessenvertretung der Pflege nach innen und außen. Dies zukünftig vereint zu leisten, ist eine interessante Herausforderung, der sich hoffentlich viele neue Mitglieder stellen, um gemeinsam mit größerer Kraft zum Wohle der Pflegenden und der pflegebedürftigen Menschen handeln zu können. Die persönliche Mitgliedschaft im neuen und weiterhin als gemeinnützig anerkannten Evangelischen Fach- und Berufsverband für Pflege und Gesundheit e.V. beinhaltet die Absicherung der Berufstätigkeit über eine Berufshaftpflicht- und Berufsrechtschutzversicherung. Das Erbringen der täglich geforderten verantwortlichen beruflichen Leistung kann durch ein solches Angebot erleichtert werden. (UD) Informieren Sie sich über den Verband unter www.efaks.de. Werden Sie durch eine Mitgliedschaft berufspolitisch aktiv. Nutzen sie die Chance, selbst die Entwicklungen in Ihrem Beruf mitzugestalten. Junge und aktive Mitglieder sind im Verband sehr willkommen.


Meldungen

Internetportal „Weisse Liste“

Von Wertschätzung und Zuwendung geprägter Umgang muss in Qualitätsportalen auch Kriterium sein.

Kirchliche Krankenhäuser werden von Patienten gut beurteilt

Die Weisse Liste ist das von der Bertelsmann-Stiftung in Verbindung mit den großen Verbraucher- und Patientenorganisationen getragene unabhängige Internetportal, das über die Qualität der Leistungsanbieter im Gesundheitswesen informiert.Wurden zunächst nur Daten über die rund 2000 Krankenhäuser berücksichtigt, stehen demnächst auch Informationen über niedergelassene Ärzte zur Verfügung. Immer mehr Krankenkassen kooperieren mit der Weissen Liste und verweisen ihre Versicherten darauf. Das besondere Merkmal der Weissen Liste ist ihre Unabhängigkeit, verbunden mit den hohen methodischen Standards, die insbesondere an die aus Patientenbefragungen gewonnenen, hier veröffentlichten Bewer-

Foto: Reinhard Elbracht

Das Projekt der kirchlichen Krankenhausverbände DEKV und KKVD „Patientenbefragungen mit dem PEQ®“ hat den guten Ruf kirchlicher Krankenhäuser im Urteil ihre Patienten bestätigt und hilfreiche Erkenntnisse zur Weiterentwicklung des Internetportals „Weisse Liste“ geliefert. tungen gelegt werden. Die Ergebnisse des Befragungsprojekts von DEKV und KKVD legen u. a. eine Ergänzung des zu Grunde gelegten Fragenkatalogs Patients’ Experience Questionnaire PEQ® nahe. Die Antwort etwa auf die speziell für das Projekt konzipierte Zusatzfrage nach der im Krankenhaus wahrgenommenen Atmosphäre und dem Umgang der Menschen miteinander korreliert in hohem Maße mit der Weiterempfehlungsbereitschaft der Patienten.Weiterhin wird empfohlen, die methodischen Standards der Befragung zu modifizieren, um die Berücksichtigung kleinerer Fachabteilungen zu erleichtern. Das Projekt bestätigte den für christliche Krankenhäuser nicht überraschenden

Ansatz, gute Qualität vor allem durch exzellente medizinische Versorgung und einen von Wertschätzung und Zuwendung geprägten Umgang mit Patienten und Mitarbeitern zu erreichen. Dass katholische und evangelische Krankenhäuser im Urteil ihrer Patienten gleich gut abschneiden, verwundert nicht. Es bestätigt die Strategie, gemeinsam als christliche Krankenhäuser aufzutreten und sich unter dieser „Marke“ zu profilieren. Die Projektteilnehmer haben nicht nur wertvolle Hinweise für ihr Qualitätsmanagement gewonnen, sondern können sich in der Weissen Liste als Kliniken präsentieren, die das Urteil ihrer Patienten nicht zu scheuen brauchen. DEKV und KKVD prüfen deshalb die Durchführung eines Anschlussprojekts. (NG)

BGW gesu.per

Persönliche Ressourcen stärken: Betriebliche Gesundheitsförderung durch Personalentwicklung Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) bietet ein flexibles Weiterbildungsprogramm zum Umgang mit beruflichen Belastungen an. Das Arbeiten im Krankenhaus kann körperlich und psychisch sehr belastend sein. Und wenn Mitarbeitende krank werden, steigen die Anforderungen an die verbleibenden Beschäftigten noch zusätzlich. Darum sollten Kliniken neben den betrieblichen Rahmenbedingungen auch die Fähigkeit ihrer Beschäftigten im Umgang mit beruflichen Belastungen verbessern. Die BGW hat dazu das Qualifizierungsprogramm „Betriebliche Gesundheitsförderung durch Personalentwicklung“, kurz gesu.per, entwickelt. BGW gesu.per

trainiert Schlüsselqualifikationen wie Zeitund Selbstmanagement, Kommunikations- und Teamfähigkeit und Selbstreflexion. Das Programm ist als Baukastensystem konzipiert, damit es auf den individuellen Bedarf der verschiedenen Berufsgruppen im jeweiligen Haus abgestimmt werden kann.Weitere Informationen bietet die Broschüre „Persönliche Ressourcen stärken – Betriebliche Gesundheitsförderung durch Personalentwicklung“. Sie ist unter www.bgw-online.de erhältlich.

Ihre Ansprechpartnerinnen in der BGW Hamburg: Sabine Gregersen und Heike Pieper, Telefon: (040) 202 07-3223, heike.pieper@ bgw-online.de

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Begleitung von Menschenmit Behinderung im Krankenhaus  

Der thematischer Schwerpunkt In dieser Ausgabe berichtet über die Herausforderungen in der Ver-sorgung von Menschen mit geistiger und mehrf...

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