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HEFT NR. 7/17 7. JAHRGANG

Geschichte

Musik

Kino

ERINNERUNGSKULTUR IN FREIBURG

JAZZFESTIVAL TRIFFT STAR WARS

FREIBURGS URBANE GÄRTEN


KULTUR

Geht das Gedenken baden? PLATZ DER ALTEN SYNAGOGE ENTFACHT DEBATTE ÜBER ERINNERUNGSKULTUR

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von Tanja Senn

INFO Die Alte Synagoge wurde 1869/70 erbaut. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten sie Männer der SS und SA nieder. Die Feuerwehr erhielt Anweisung, den Brand nicht zu löschen. In derselben Nacht wurden im gesamten Deutschen Reich Synagogen, Gebetsstuben, Geschäfte und Wohnungen jüdischer Familien zerstört. Ein Wettbewerb im Jahr 2006 bildete die Grundlage für die Umgestaltung des Platzes. Der Spatenstich erfolgte am 18. April 2016. Nach 16 Monaten Bauzeit wurde der 9,3 Millionen Euro teure Platz am 2. August eröffnet. Mit 130 mal 130 Metern ist er Freiburgs zweitgrößter Platz.

er neu eröffnete Platz der Alten Synagoge hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Der Grund: Spielende Kinder und herumtollende Hunde. Und zwar im Wasserbecken, das an die Zerstörung der Alten Synagoge durch die Nazis erinnern soll. Während die einen das Mahnmal – im wahrsten Sinne des Wortes – mit Füßen getreten sehen, plädieren die anderen für einen lebendigen Platz. Dabei ist gerade die Diskussion der beste Weg, um das Gedenken lebendig zu halten. Freitagabend. Der Platz der Alten Synagoge ist zwei Tage alt. Die Betriebsamkeit der Bagger wurde vom Gewusel der Menschen abgelöst. Die Freiburger mögen ihre neue Stadtmitte. Die Sonne ist kaum untergegangen, da tanzen blaue, rote und grüne Lichter über den Platz. Sie erinnern an große, bunte Glühwürmchen. Es sind die leuchtenden Kopfhörer, die der Australier Nathan Thurlow verteilt. Mit seiner Silent Party ist er seit einem guten Jahr in Freiburg unterwegs. An diesem Abend zum ersten Mal auf dem Platz der Alten Synagoge. Zu drei verschiedenen Musikrichtungen, die nur sie hören können, tanzen die KopfhörerträFotos: © tas ger über den Platz. Und durch den Brunnen. Im Umriss der von den Nazis niedergebrannten Synagoge spiegeln sich die Lichter der Uni-Bib – verzerrt und durchbrochen, überall dort, wo nackte Füße im Rhythmus des Beats Wellen schlagen. An diesem Abend scheint niemand sich etwas dabei zu denken. Wenn doch, behält er seine Meinung für sich. Dabei war es dieser Tage eines der liebsten Diskussionsthemen der Freiburger: Darf man in einem Mahnmal – das dieses Wasserbecken nun einmal ist –

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plantschen, waten und mit den Füßen wackeln? Dürfen kleine Kinder in Windeln durch das Nass rennen, Studenten ihre Campingstühle aufstellen? Natürlich, sagen die einen. Welch einen besseren Gegensatz zu den damaligen Schrecken gibt es, als lachende Kinder oder Studenten jeder Nation und Religion, die gemeinsam feiern? Respektlos, sagen die anderen. Man müsse den Platz zur Besinnung bewahren. Die Diskussion würde nicht so heftig geführt, wenn nicht beide Seiten Recht hätten. In einer Zeit, in der die Welt nach rechts zu driften scheint, ist es dringend nötig, dass wir uns unsere Geschichte immer wieder vergegenwärtigen. Die AfD will die Erinnerungskultur abschaffen.

Doch es geht nicht um das bloße Erinnern. Es geht darum, von der Vergangenheit zu lernen. Aus dem Platz ein ödes, stilles Lehrzimmer zu machen, würde nicht nur scheitern, es würde auch nichts bringen. Wie viel unseres Wissens über die NS-Zeit haben wir tatsächlich aus dem staubigen Klassenzimmer und wie viel aus Dokumentationen, Ausstellungen, Spielfilmen, Theaterstücken, Gesprächen oder Besichtigungen?


MAHNMAL Wer schon einmal auf einem der Soldatenfriedhöfe in der Normandie war, kennt dieses Bild wahrscheinlich: Reihe um Reihe weiße marmorne Kreuze auf sattgrünem Rasen. Dahinter das azurblaue Meer. Das Schreien der Möwen. Der Duft der Zedern. Es ist der Gegensatz dieser lebendigen Schönheit der Natur zu der unfassbar grausamen Zahl der Gräber, die einen dieses Bild nicht mehr vergessen lässt. Warum hatte der Berliner Satiriker Shahak Shapira mit seinem Yolocaust mehr als zweieinhalb Millionen Menschen erreicht? Weil der Gegensatz aus fröhlichen SelfieFotografien am Berliner Holocaust-Mahnmal, kopiert in Bilder von Vernichtungslagern, schockiert. Mehr, als es die grausigen Schwarz-Weiß-Bilder allein vermögen. Freiburg ist nicht die erste Stadt, die sich fragt, wie viel Fröhlichkeit an einem Mahnmal zulässig ist. Solch ein Mal steht beispielhaft für all die Orte, an denen gemahnt werden muss. Denn wir haben zu viele von diesen Orten, um an jedem ein großes Bauwerk anbringen zu können. Male finden sich in Freiburg daher vor allem im Kleinen, in Form der sogenannten Stolpersteine. Diese Steine erinnern an das Schicksal von Menschen, die während des Nazi-Terrors verhaftet, deportiert und ermordet wurden. Der Name macht die Idee klar: Man soll nicht still vor den goldenen Plättchen stehen, man soll – zumindest gedanklich – über sie stolpern. Beim Spazieren, beim Bummeln, beim Eisessen. Die Stellen wollen uns kurz aus der Gegenwart herausreißen. Ebenso wie die Gedenktafel im Brunnen den

einen oder anderen aus dem Tanzen hinausreißen mag, wenn er die Buchstaben mit den nackten Zehen streift. Die Tanzenden, Spielenden und Plantschenden halten die Diskussion und damit das Gedenken lebendig. Familien unterhalten sich über die spielenden Kleinkinder im Brunnen. Stadträte streiten sich über die Umbenennung in „Platz der Zerstörten Synagoge“. Die Jüdische Gemeinde empört sich über den Umgang mit den gefundenen Mauerresten. Die Medien machen die Positionen öffentlich.

Beim Bummeln oder Eisessen über die Geschichte stolpern Rund eine Woche nach seiner Eröffnung liegt der Platz ruhig da. 17 Grad und Nieselregen machen Freiburgs jüngstes Freibad unattraktiv. Die Debatten sind langsam am verklingen. Herbst und Winter werden die erregten Gemüter abkühlen. Die Freiburger werden sich an eine ruhige, ungetrübte Wasserfläche auf ihrem Mahnmal gewöhnen. Bis sich im Frühjahr wieder die ersten warmen Sonnenstrahlen zeigen. Bis die erste Kopfhörer-Party steigt, die ersten Menschen ihre Zehen ins Wasser halten. Dann werden die Diskussionen wieder neu hochkochen. Und das ist gut so. Denn sie werden uns wieder und wieder an die Bedeutung von Freiburgs neuer Mitte erinnern, wie es keine Gedenktafel je schaffen könnte.

Göhner beerbt Thiemann KULTURBÖRSE BALD MIT NEUER CHEFIN

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von Lars Bargmann

„Die Leitung der Kulturbörse in Freiburg ist eine fantastisch interessante Stelle, eine Traumstelle“, sagt Göhner. Was Thiemann in den letzten fast 30 Jahren aufgebaut habe, sei phänomenal. Die IKF sei nie stehen geblieben, habe immer wieder Neues probiert, etwa mit dem Wettbewerb Freiburger Leiter oder auch mit dem Setzen von bestimmten Themenschwerpunkten. Das wolle auch sie so machen. Thiemann, der die 54-Jährige als Nachfolge„Susanne Göhner hat viel Erfahrung in der rin vorgeschlagen hatte, wird Ende März 2018 Szene, ein großes Netzwerk, sie kann den erals dann 65-Jähriger seinen letzten Arbeitstag folgreichen Weg von Holger Thiemann sicher bei der FWTM haben. Bis dahin wird er Göhweitergehen“, sagt Strowitzki. Göhner hatte den ner in den neuen Job einarbeiten. „Ich kenne Burghof in Lörrach mit aufgebaut, war dort bis Foto: © Simone Fischer-Trefzer Mai 2011 neben Helmut Bürgel zweite Geschäftsführerin. sie schon viele Jahre, sie ist eine sehr gute KulturarbeiteVor allem aber hat sie dort auch das Programm mitgeprägt. rin, eine Top-Besetzung“, sagt der amtierende Chef der Danach arbeitete sie unter anderem für das Festival Culture IKF, der diese schon seit 1989 organisiert und aus einer Escapes oder das Tollhaus in Karlsruhe, wo sie zuletzt im kleinen Kulturbörse am Seepark die im deutschsprachigen städtischen Büro für Mitwirkung und Engagement Bürger- Raum führende Veranstaltung an der Freiburger Messe gemacht hat. projekte gemanagt und Fördergelder akquiriert hat. ie Kulturmanagerin Susanne Göhner wird Nachfolgerin des langjährigen Leiters der Internationalen Kulturbörse Freiburg (IKF), Holger Thiemann. Das bestätigt auf chilli-Anfrage Daniel Strowitzki, der Geschäftsführer der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH (FWTM).

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MUSIK

Klavier trifft Star Wars JAZZPROFESSOR SPIELT FLÜGEL MIT DATENHANDSCHUHEN

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von Till Neumann

ein, Luke Skywalker sitzt da nicht am Flügel. Doch mit seinen schwarzen Handschuhen könnte Ralf Schmid glatt eine Sternenkrieg-Filmrolle besetzen. Dabei kämpft der Freiburger nicht gegen das Böse, sondern verbindet moderne Sounds mit klassischem Flügelspiel. Jahrelang hat sich der 48-Jährige in die Technik eingearbeitet. Am 20. September stellt er sie als „Pyanook“ erstmals im E-Werk vor. Voll vernetzt: Ralf Schmid beim Üben in der Jazz und Rock Schule.

Fotos: © Till Neumann, Steffen Thalemann

JAZZFESTIVAL Das Freiburger Jazzfestival steigt vom 16. bis 24. September in verschiedenen Locations. Ralf Schmid feiert seine Pyanook-Premiere am 20. September ab 20 Uhr im E-Werk. Das ganze Programm auf: jazzfestival-freiburg.de

176 Tasten, zwei Handschuhe, ein Professor. In Jeans und Sportschuhen sitzt Ralf Schmid zwischen zwei Flügeln in der Freiburger Jazz und Rock Schule. Seine Hände gleiten über die Tasten. Nur die Fingerspitzen sind zu sehen, den Rest verbergen zwei schwarze Handschuhe mit Platinen und LEDs am Handgelenk. Bewegt Schmid seine Hände weg vom Flügel, bekommen Klänge Effekte: ein Echo, ein Tremolo, eine Verzerrung. Er ballt die Hand zur Faust, fährt mit dem Zeigefinger durch die Luft, schwenkt den Arm nach rechts. Töne fliegen als Echo durch den Raum, klingen plötzlich metallisch oder butterweich. „Das Klavierspiel wird entgrenzt“, schwärmt Schmid. Was magisch wirkt, ist technisch erklärbar: „Im Handschuh sind Bänder mit Sen-

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soren, sie reagieren auf Bewegung“, erklärt der Professor. Ein Sender schickt die Bewegungen an einen Router, der mit Schmids Macbook gekoppelt ist. So kann er Gesten einzelne Effekte zuweisen. Schmid ist Pianist, Arrangeur, Produzent. Er arbeitete mit Herbie Hancock und Whitney Houston, veröffentlichte sechs Alben mit dem Echo-gekrönten Trompeter Joo Kraus und landete auf Platz 1 der JazzCharts. Jetzt will er mit Pyanook etwas Neues schaffen: Es gebe zwar Musiker, die mit den Handschuhen arbeiten, keiner jedoch am Klavier. Ist ihm das Instrument zu langweilig geworden? „Nein, aber wir sind im Jahr 2017“, sagt er. Wenn er es nicht mache, tue es ein anderer. Vor fünf Jahren hat er ein Fuß-Effektpedal mit dem Flügel verbunden. Schließlich entdeckte er die Sensortechnik. Rund 5000 Pfund hat er für die Handschuhe der Londoner Entwicklergruppe mi.mu gezahlt. Sie sind mit drei Audioprogrammen auf seinem Rechner gekoppelt, um die nötigen Effekte zu erzeugen. „Das ist wahnsinnig aufwendig, eine Sache von Jahren“, sagt Schmid. Tage und Wochen habe er investiert, um Flügel und Handschuhe verschmelzen zu lassen. „Ich hatte viele Fehlläufe, viel Zeug steht mittlerweile in der Ecke“, berichtet er. Pyanook ist nun bühnenreif. Es soll seine Musik bunter machen, größer orchestrieren. Nicht alles ist dabei digital: Auch ein Kugelschreiber erzeugt Effekte. Für die Premiere im E-Werk plant Schmid auch visuell: Der Video-Künstler Pietro Gardarelli wird eine bunte Traumlandschaft entstehen lassen, die mit der Musik interagiert. „Musik für die Leute“, betont Schmid. Ein bisschen Jazz, ein bisschen Pop, ein bisschen Elektro. Er wolle nicht im Elfenbeinturm sitzen, sondern die Menschen unterhalten. Das können seine Handschuhe sogar ohne Musik: Seine Kinder spielen damit zu Hause Darth Vader.


MUSIK

„Bei den Eiern gepackt“ A-CAPPELLA-BAND UNDUZO LEGT IHR POPPIGSTES ALBUM VOR

Till Neumann

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or einem Retro-Radio posieren Unduzo auf dem Plattencover. Doch oldschool klingt der A-cappella-Sound auf „Reden Silber, Schweigen Gold“ nicht. Dafür ziemlich radiotauglich. Ende September stellen die fünf Freiburger ihre neue Platte im E-Werk vor. Bass-Bariton Richard Leisegang (33, links im Bild) schiebt dafür derzeit Extraschichten. Wer am goldenen Radioknopf den richtigen Song sucht, stößt auf ... Unduzo. Und kann sich gleich verlieben: „Keine Angst, das ist ein Liebeslied, das meint es gut mit dir“, schallt es aus der Box im ersten Song der Platte. Smooth groovt das „Liebes Lied“ vor sich hin, die Arrangements sind verspielt, der Beat geht in die Beine, der Text bleibt im Kopf. Das Radiocover ist kein Zufall: „Das ist glasklare Popmusik“, sagt Richard Leisegang zum neuen Album. Die Gruppe wolle mehr Leute erreichen, weg vom Kleinkunstimage. Das hat ihnen 2016 den Kleinkunstpreis Baden-Württemberg eingebracht. Doch die Bühnen sollen größer werden. Auf den Stilmix des Vorgängers „Und du so?“ hätten sie keine Lust mehr gehabt, sagt Leisegang. Die Scheibe von 2014 bot Ausflüge in Swing, Reggae oder Latin. „Reden Sil-

Foto: © Kreativpixel

ber, Schweigen Gold“ ist geradliniger, eine Platte zum Durchhören. Raffinierter Vokal-Pop für die breite Masse. Dafür haben sie sich ins Zeug gelegt. „Das war ein richtiger Kampf“, berichtet Leisegang. Sich gemeinsam auf den Sound einzulassen, Rollen zu verteilen, seinen Platz zu erkämpfen – das habe die Gruppe auf die Probe gestellt. „Da flogen auch mal die Fetzen“, erinnert er sich. So musste der zwischen Leipzig und Freiburg pendelnde Musiklehrer um sein Gesangsolo ringen. Nach viel Übung konnte er die Kollegen aber überzeugen. Es sei gelungen, Kompromisse zu finden – oder auch mal keine zu machen, betont Leisegang. „Jeder hat sich bei den Eiern gepackt“, sagt er und lacht. Sogar Linda, die keine habe. Elf Tracks sind auf der CD. Auf gewohnt hohem Niveau. Die Stimmen ergänzen sich blendend, die Drums von Julian Knörzer sind erstklassig, das Effektgerät setzt Highlights. Sogar eine Gitarre hat’s aufs Album geschafft. Zur Höchstform laufen die 2008 gegründeten Unduzos in „Superman“ auf. Garniert mit Filmsamples schlüpft Cornelius Mack in die Rolle eines Superhelden, der jeden Tag die Welt rettet. Getragen vom pfiffigem Beat und großartigen „Geil“-Backgroundvocals von Linda Jesse, erzählt er unter anderem, warum er im Bett so schnell kommt. Etwas an-

rüchig wird’s auch in „Gigolo“, der schon länger im Live-Programm ist. Tenor Patrick Heil spielt da einen Aufreißer, der im Spieglein Spieglein an der Wand den größten „Schwanz“ hat. Was live bisher zensiert war, kommt auf der CD unverblümt daher – einer der wenigen Ausreißer aus Popschemata. Womöglich auch eine Reminiszenz an Heils HipHop-Vergangenheit: Bis vor Kurzem war er parallel bei der Urban-Pop-Band Otto Normal am Keyboard, hat sich nun aber dort verabschiedet, um mehr Zeit für die Unduzos zu haben. Die Gruppe stellt sich thematisch gewohnt breit auf. Musik für Groß und Klein über das tägliche Auf und Ab. Es gibt Gefühlvolles („Astronaut“), Mitsingbares („Kleine Melodie“) und Urkomisches („Der Hausverwalter“). Da zeigt der „Hausmeister“ Patrick Heil „wo der Hammer hängt“. Das wollen Unduzo auch am 29. und 30. September im E-Werk. Dann präsentieren sie ihr Album mitsamt neuer Bühnenshow. Gleich zwei Abende in Folge? „Das war meine Idee“, sagt Leisegang und lacht. Er habe da jetzt eine Bringschuld. In den Sommerferien schiebt er Extra-Schichten für die Promo. Auf das Album ist er „mega stolz“. Wenn die Premiere dann noch mega voll wird – umso schöner.

VERLOSUNG Das chilli verlost zwei Exemplare von „Reden Silber, Schweigen Gold“. Wer gewinnen will, schickt eine Mail mit dem Betreff „Unduzo“ und seinem vollen Namen an redaktion@chilli-freiburg.de Einsendeschluss ist Sonntag, 24. September. Die Gewinner werden am 25. benachrichtigt. SEPTEMBER 2017 CHILLI CULTUR.ZEIT 57


e n g a a n ... r F 2

MADELINE JUNO

Peppertone Records / ADA / Warner

Embassy Of Music

FUNK CRUISIN‘

DNA

Foto: © tln

... Lukas Oberascher und Richard Ettwein

GRAND SLAM

„NICHT NUR WHISKEY UND KIPPEN“

Raketen-Funk

Deutsch mal anders

Zehn Tage probt die Urban-Pop-Band Otto Normal Ende August im Südufer – öffentlich. Hinter dem Projekt stehen deren Keyboarder Lukas Oberascher und Richard Ettwein, neuer Vorsitzender der MusikerInitiative Multicore. Die beiden erzählen im Interview mit Till Neumann, was hinter „Probezeit“ steckt.

(mik). Per Anhalter durch die Galaxis. So fühlt man sich, beim Hören des neuen Grand-Slam-Albums. An Bord der Rakete: Zehn bayerische Musiker, die den P-Funk in die unendlichen Weiten des Weltraums befördern. Mit 19 Tracks wirkt das Album erst mal wie eine „Neverending Voyage“. Die musikalische Vielfalt macht das Ganze zu einem kurzweiligen Trip: funk cruisin’ ist eine bunte Wundertüte. Klar, die Jungs leben den Funk. Aber mit einer Prise Jazz („Soul Machine“), ein paar satten Hip-Hop-Beats („Camp Down“), rockigen Instrumentalsoli („Chillin’ With My People“) und zahllosen Elektro-Elementen, beweisen sie, wie vielfältig, zeitlos und mitreißend Funk sein kann. Auf dem neunten Studioalbum der Funkateers hören wir alte Tracks, aber auch komplett neue, mit Gastauftritten von Funkmaster Ozone, verrückten Space-Synthie-Melodien und massenhaft verzerrten Vocals. Spannende Basslines à la Daft Punks Disco-Funk bringen uns zurück in die 80er. Gleichzeitig sind die Raketen-Funker den Bewohnern des Planeten Erde Hunderte von Lichtjahren voraus. Langweilig wird die Odyssee durch den Weltraum nicht. Zumal es obendrauf eine Bonus-DVD mit Konzertmitschnitten gibt. Wer die sieht, weiß Bescheid: Grand Slam starten live erst richtig durch.

(ank). Ein typisches deutsches Album sieht so aus: bisschen Gitarre hier, bisschen Gefühl da und eine ordentliche Portion Kitsch. Nicht bei Madeline Juno. Anstatt Akustik gibt es bei ihr Elektro-Beats. Anstatt Schnulze Texte mit Köpfchen. Die Platte fesselt sofort: Der erste Song („Halt mich fest“) startet mit Stille, dann hört man Madelines elektronisch verzerrte Stimme. Ohne Instrumente, ohne Drumherum. Jeder Song klingt anders, der rote Faden ist Madelines positive Grundeinstellung. Selbst wenn es um eine gescheiterte Beziehung („Gift“) oder den Verlust einer geliebten Person („Phantomschmerz“) geht, schimmert Hoffnung durch. Auch Ohrwürmer gibt’s: Der eingängige und entspannte Refrain von „Wenn ich angekommen bin“ bleibt gleich im Kopf. Leider rutscht die gebürtige Offenburgerin auch mal in den Kitsch ab: Die Melodie von „Unser Lied“ erinnert an Helene Fischer. Madeline schafft es aber immer wieder, emotionale Texte lässig rüberzubringen. Zum Beispiel in „Schatten ohne Licht“ – der Song ist ein einfaches, aber inniges Kompliment an ihre Mutter. Die 22-Jährige schafft es mit „DNA“, deutscher Pop-Musik ein neues Gesicht zu geben. Wie das live klingt, zeigt sie am 12. Oktober in der Offenburger Reithalle.

chilli: Lukas, wie kamt ihr auf die Idee? Oberascher: Wir haben uns als Band gefragt, wie wir die nächsten Proben finanzieren. Da kam die Idee, öffentlich am neuen Programm zu arbeiten. Also haben wir Richard von Multicore angesprochen. Ettwein: Ich find die Idee super geil. Viele haben noch nie eine professionelle Band proben sehen. Das soll Musik zum Anfassen sein. Sonst sieht man ja immer nur das Ergebnis auf der Bühne. Da steckt jahrelange Arbeit drin. chilli: Man kann euch direkt auf die Finger schauen? Oberascher: Ja klar. Das Südufer ist offen für alle. Wir werden Songs unseres neuen Albums erarbeiten und ein paar alte Tracks faceliften. Proben ist nicht nur Whiskey und Kippen. Dafür jede Menge Kaffee (lacht). Ettwein: Wir stemmen das Projekt mit dem E-Werk, dem Kulturamt und weiteren Förderern. Die „Ottos“ sind der Auftakt, 2018 geht’s mit einer anderen Band weiter. Freiburg hat eine coole Szene. Auch wenn wenig gefördert wird: Es herrscht Aufbruchsstimmung. INFO „Probezeit“ steigt vom 17. bis 27. August im Südufer. Für das nicht-öffentliche Abschlusskonzert am 26. August können sich Nachwuchsacts als Vorband bewerben. Mehr dazu auf multicore-freiburg.de 58 CHILLI CULTUR.ZEIT SEPTEMBER 2017


Zwei Stars, viele Helden ADEL TAWIL, XAVIER NAIDOO UND DISNEY ON ICE

Foto: © Katja Kuhl, Feld Entertainment/Disney, Promo

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roße Bühne, große Kunst: Zwei Popstars und viele Disneyhelden geben sich demnächst in Stuttgart die Ehre. Die Fahrt in die Landeshauptstadt könnte sich lohnen: Die beiden Sänger haben bewegende Geschichten im Gepäck. Und bei Holiday on Ice wimmelt’s von Helden. Fantastische Abenteuer gibt’s vom 26. bis 29. Oktober in der PorscheArena zu sehen. „Disney on Ice“ präsentiert eine Welt des Zaubers: So wird das Team von Disney-Pixars „Cars“ mit rasanten Stunts über das Eis rasen. „Arielle, die Meerjungfrau“ bringt einen zum Staunen und die „Toy Story“-Bande erlebt waghalsige Abenteuer für die ganze Familie. Schon kurze Zeit später steigt das nächste Großevent: Der Mannheimer Sänger Xavier Naidoo tritt am 1. Dezember in der Schleyer-Halle auf. Bei seiner Tour stellt der polarisierende Musiker das Bestseller-Album „Nicht von dieser Welt“, den Nachfolger

„Nicht von dieser Welt 2“ und viele seiner Hits vor. Naidoo präsentiert sich seinen Fans im Unplugged-Format auf einer Rundbühne. Begleitet von Neil Palmer am Flügel und Alex Auer an der Gitarre, gestaltet er ein intimes Konzert im großen Rahmen. Im Sommer 2018 dann die nächste Popgröße: Adel Tawil rockt am 9. Juni die spardaWelt Freilichtbühne. Beim „So schön anders – Open Air“ singt er Songs seiner neuen Platte. Seit dem jüngsten Album vor drei Jahren ist viel passiert: Da war ein lebensgefährlicher Unfall, bei dem er sich viermal denselben Halswirbel gebrochen hat. Da war die Scheidung von seiner Ehefrau, die er erst 2011 geheiratet hatte. Da waren die großen künstlerischen und beruflichen Erfolge. Bei einem Freund auf Hawaii fand er Ruhe. Auf Big Island, mitten im Dschungel. „Ich konnte niemanden mehr erreichen und niemand konnte mich erreichen“, erinnert sich der Sänger. Also schrieb er Lieder. Das Ergebnis präsentiert er nun seinen Fans. 

DER SOUNDDRECK ... ... zum Ballermann

HEADLINE Titel: Hände, Hände, Hände hoch Urheber: GeschPo Jahr: Unveröffentlicht Nach dem Malleurlaub ist vor dem Malleurlaub. Wer weiß das besser als wir? Die Soundtrack-Industrie für diese Form des Kotz-, pardon, Kurzurlaubs hat eigentlich always Hochkonjunktur und beschäftigt uns seit Jahren fast rund um die Uhr. Heuer waren es wieder die üblichen Verdächtigen wie Peter Wackel („ Ich verkauf meinen Körper“), Almklausi („Scheiß auf morgen“) oder Tim Toupet („Wir sind alle gestört aber geil“), die uns die Sommerferien versaut haben, aber so was von. Was kommt nächste Saison? Geht’s noch tiefer? Wer von den Arschlöchern sitzt schon wieder in den Startlöchern? Ein paar New-Kommer werden die Szene aufmischen – ein Ausblick: So produziert man wohl für Kevin Großkreutz (ja genau, der Kevin) die Abrissnummer „Ob Darmstadt oder Malle, ich mach euch alle alle“. Auch Kevin Kuranyi (genau, der Kevin) wird steil geschickt mit „ Lasst mich ran, an den Baller, Baller, Ballermann“ und Bayer Leverkusens Kevin Volland (genau, auch der Kevin) geht ebenfalls in die Vollen. Der Arbeitstitel seines Songs: „Was Mann nicht im Kopf hat, hat Mann zwischen den Beinen“. Oder so ähnlich. Nach 23 Eimern Sangria kann man nichts mehr oder wieder alles mitgrölen. Kopf in den Nacken und in den Sand gereihert, Hauptsache Spaß. Uns fragt ja keiner. Darum holen wir zum Gegenschlag aus. Die GeschPo geht mit einer eigenen Nummer an den Strand, respektive Start. Den Titel verraten wir hier exklusiv und veröffentlichen Textauszüge. „Hände, Hände, Hände hoch, ach so, ihr seid dafür zu doof, der Ballermann wird zum Knast erklärt, nichts ist vergessen, nichts verjährt“. Hoch hoch, hochprozentigst grüßt Für Ihre GeschPo, Ralf Welteroth


KINO

Keine soziale Hängematte KOMÖDIE ÜBER EHRGEIZIGE JOURNALISTEN BEI DER VERBREITUNG VON MANIPULATIVEN FAKE NEWS

Die Migrantigen Österreich 2017 Regie: Arman T. Riahi Mit: Aleksandar Petrovic, Faris Rahoma, Josef Hader u.a. Verleih: Camino Laufzeit: 98 Minuten Start: 7. September 2017

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ür eine Doku-Serie über Konflikte zwischen eingesessenen und zugezogenen Österreichern sowie Migranten untereinander begibt sich die ehrgeizige TV-Journalistin Marlene Weizenhuber auf die Suche nach O-Tönen in einen multikulturellen Wiener Bezirk. Doch weder im Viertel noch auf dem betriebsamen Wochenmarkt bekommt sie die gewünschten Beschwerden und Diffamierungen zu hören. Als sie entnervt aufgeben will, erblickt sie zwei junge Männer, die ein voluminöses, offenbar gebrauchtes Polstermöbel über den betontristen Hof eines riesigen, gleichfalls nicht mehr ganz neuen Wohnblocks schleppen. Die Reporterin atmet auf: Die beiden Männer, schwarzhaarig der eine und bärtig und kahlköpfig der andere, können ihr Projekt vielleicht retten – passen sie doch bestens in ihr Konzept vom Second-­ Hand-Leben von Migranten, zu ihrer Absicht, in ihrer Sendung ein Bild von den schwelenden interkulturellen Problemen überwiegend arbeitsloser Menschen auf engem Raum zu zeichnen. Überzeugt, die richtigen Protagonisten gefunden zu haben, strebt sie samt Kameramann und Tontechniker auf die beiden zu, die es sich ohnehin gerade für eine Zigarettenpause auf der Rückenlehne des Sofas gemütlich gemacht haben. Bis die mehr sensations- als neugierige Frau sie nach ihrem Migrationshintergrund fragt, unterhalten sie sich in bestem Wienerisch. Und antworten ihr dann mit Akzent. Der eine, Benny, fügt gar noch ein „leider“ hinzu. Dieses „leider“ bezieht sich freilich nicht auf das Zusammenleben im Viertel, in dem er gar nicht wohnt: Benny ist nämlich nicht nur Sohn eines ägyptischen Einwanderers, sondern auch

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Foto: © Camino Filmverleih

von Erika Weisser

Schauspieler. Dem beim Casting immer nur gesagt wird, dass er mit seinem Aussehen nur für die Rolle des türkischen Taxifahrers tauge und nicht für die von Bio-Österreichern – obwohl er diese perfekt und mit viel Schmäh vorträgt. Da er keine Lust auf diese Zuteilung hat, ist sein finanzielles Polster nicht eben üppig. Dasselbe gilt für seinen aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Freund Marko, dessen Arbeit als selbstständiger Werbegrafiker so wenig einbringt, dass er chronisch pleite ist. Die vage Aussicht auf ein wenig Geld für ihre Mitarbeit veranlasst sie schließlich dazu, auf das Angebot einzugehen. Innerhalb von Sekunden werden sie zu Omar und Tito, die der höchst zufriedenen Journalistin frei erfundene klischeehafte Storys aus ihrem angeblichen Alltag in der sozialen Hängematte auftischen – und abstruse Lügen über das Leben anderer Migranten. Dabei merken sie zunächst gar nicht, wie durch die Ausstrahlung der Serie die Stimmung kippt, die Ausländerfeindlichkeit zunimmt. Ein erfrischend anderer Film im Genre der Multikultikomödien: Er bedient keine fragwürdigen Klischees, sondern zeigt, wie sie für die Entstehung einer Anti-­ Stimmung eingesetzt werden – und welche Rolle die Medien dabei spielen. 


KINO GELOBT SEI DER KLEINE BETRÜGER

Frankreich 2017 Regie: Christian Duguay Mit: Dorian Le Clech u.a. Verleih: Weltkino Laufzeit: 113 Minuten Start: 17.8.2017

DAS IST UNSER LAND!

Deutschland, Jordanien, Niederlande 2016 Regie: Mahmoud al Massad Mit: Ahmad Thaher, Maher Khammash u.a. Verleih: Neue Visionen Laufzeit: 83 Minuten Start: 17.8.2017

Foto: © Alamode Film

Foto: © Neue Visionen

Foto: © Weltkino

EIN SACK MURMELN

Frankreich 2017 Regie: Lucas Belvaux Mit: Èmilie Dequenne, André Dussolier u.a. Verleih: Alamode Laufzeit: 117 Minuten Start: 24.8.2017

Auf dem Rücken des Bruders

Korrupte Seilschaften

Im Sog des Populismus

(ewei). Joseph ist zehn Jahre alt, als er mit seinem älteren Bruder durch Frankreich wandert. Doch in diesem Sommer 1941 sind beiden Jungen nicht auf Wanderschaft. Sondern auf der Flucht: Weil es in Paris für Juden zu gefährlich geworden ist, hat ihr Vater seinen ältesten und jüngsten Sohn allein auf den Weg ans Mittelmeer geschickt; er und seine Frau versuchen ebenfalls, dorthin zu gelangen – auf getrennten Wegen und mit jeweils einem der beiden mittleren Söhne. Ein gemeinsamer Fluchtversuch wäre zu auffällig, zu riskant gewesen. Die beiden Buben versuchen ihr Glück, geraten in so manche brenzlige Situation und an die Grenze ihrer Belastbarkeit – besonders Joseph. Doch wenn er nicht mehr kann, trägt sein Bruder ihn auf dem Rücken, über hohe Berge und steinige Wege, durch Flüsse und Wälder. Dass sie es schaffen und die Familie wiederfinden, grenzt an ein Wunder. Doch das Glück währt nicht lange ... Eine großartige und großartig gespielte Ode an die Menschlichkeit.

(mos). Der Bauunternehmer Ahmad hat eine Idee: Statt einen in Vorkasse bezahlten Bauauftrag zu erfüllen, nimmt er das Geld, um damit ein Dutzend Laptops zu kaufen, um schnell zu viel Geld zu kommen. Sein Auftraggeber und die Polizei finden das aber gar nicht lustig und Ahmad wandert in den Knast. Anfangs ist er entsetzt, als der Richter ihn zu drei Monaten hinter Gittern verdonnert, aber am Ende gefällt ihm sein „All-­inclusive-­Aufenthalt“ ganz gut. Er hat jeden Tag zu Essen und keine fiesen Geldeintreiber am Hals. Das einzige Problem ist, dass die in Kanada georderten Laptops im jordanischen Zoll stecken und Ahmads Cousin versuchen muss, den Zollbeamten mit einem Schaf zu bestechen. Dann stellt sich heraus, dass Ahmads Knastmitinsasse Ibrahim ihm ebenfalls die Laptops streitig machen will, ebenso wie der mit den Ermittlungen betraute Polizist. Pointiertes Komödienkino mit absurden Verwicklungen, bei dem Regisseur al Massad die alltägliche Korruption in Jordanien hinters Licht führt. 

(ewei). Im Mittelpunkt dieser Kino-­ Adaption von Jérôme Leroys Roman „Der Block“ steht Pauline, die sich in einer nordfranzösischen Kleinstadt als selbstständige Krankenpflegerin um pflegebedürftige Menschen kümmert. Sie erzieht ihre beiden Kinder allein, versorgt ihren kranken Vater, ist fleißig, sympathisch und aufmerksam, hat ein Ohr für die Sorgen und Bedürfnisse anderer. Das macht sie in den Augen des Arztes Philippe Berthier bei den bevorstehenden Bürgermeisterwahlen zur idealen Kandidatin für seine Nationale Volksbewegung. Anfangs ist sie skeptisch, doch fühlt sie sich von Berthiers Anwerbeversuchen auch geschmeichelt. In ihrem Beruf ständig mit sozialen Missständen konfrontiert, lässt sie sich von seinen populistischen Versprechungen einnehmen und willigt ein – in der Hoffnung, über die Kommunalpolitik etwas verändern zu können. Doch nur sie selbst verändert sich. Ein kluges Polit-Drama über die manipulativen Wirkungsweisen des Rechtspopulismus.


KINO

Gemüse vom Wegesrand

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von Erika Weisser

Sehnsucht nach Eden Freiburg 2017 Idee & Regie: Bodo & Niels Kaiser Dokumentarfilm Vertrieb: Imagofilm BK Laufzeit: 80 Minuten Premieren: 11.& 25.9., 20 Uhr im Kommunalen Kino, 16.& 24.9., 20 Uhr, im Vauban, Haus 37 (am Marktplatz)

Während im Gemeinschafts­ garten beim Vauban Vielfalt herrscht, stehen auf Bambis Beet immerhin noch Pfirsichbäume.

ie von der reflektierenden Fassade der Universitätsbibliothek widergespiegelten hochgewachsenen Sonnenblumen gibt es nur noch in Bodo Kaisers neuer Dokumentation „Sehnsucht nach Eden“: Von ihrem Standort, dem Gemeinschaftsgarten „Bambis Beet“ vor dem Stadttheater, sind nur noch zwei Ecken übrig. Der Rest wurde im Zuge der Neugestaltung des Platzes der Alten Synagoge zu einem akkurat begrenzten Rasenstück. In Freiburgs sogenannter neuer urbaner Mitte ist kein Platz für Urban Gardening. Der Garten, sagt der Filmemacher, hätte ein Ort der städtischen Naturerfahrung werden können, des gemeinsamen produktiven Handelns, wie es sich Freiburgs urbane Gärtner zum Ziel gesetzt haben. Ein Ort, der „in seiner Wildnis Leben, Freiheit und Demokratie symbolisiert, genau hier, wo jetzt diese Steinwüste entsteht“, wie Hans Kepler im Film klagt. Bodo Kaiser hat indessen nicht nur Bambis Beet besucht, wo immer noch Tomaten­tauschbörsen stattfinden, bei denen die Gartenbauer selbst erzeugtes Saatgut weitergeben. Zusammen mit seinem Sohn, dem Musiker und Biogärtner Niels Kaiser, hat er mehrere Streifzüge in und um Freiburg unternommen – zu Gärten, Feldern, ökologischen Gemeinschaftsbetrieben, Projekten der solidarischen Landwirtschaft, aber auch zu herkömmlich arbeitenden Monokultur-Höfen. Bei seinen Streifzügen bekam der 83-Jährige „Bilder wie in der Kindheit“ zu sehen: Bilder wie in den Notzeiten nach

dem Zweiten Weltkrieg, als Stadtbewohner wegen der herrschenden Lebensmittelknappheit öffentliche Grünflächen in gemeinschaftliche Gemüsegärten verwandelten. Heute, so zeigt der Film, verwandeln vor allem junge Städter wieder Freiflächen in Gärten – „ganz ohne Not, einfach aus Lust“: In vielen Stadtteilen sind zwischen Hochhäusern, in Parks, auf brachliegenden Freiflächen oder an Bachufern solche Projekte entstanden, die gemeinsam bewirtschaftet werden und zugleich als Orte für Kommunikation, Austausch, kulturelle Integration und solidarische Nachbarschaft dienen. Und nicht nur: Wie die Kaisers bei einem Treffen der vernetzten Projekte in Erfahrung bringen, geht es den Urban Gardenern langfristig auch darum, „dem Diktat der Lebensmittelindustrie etwas entgegenzusetzen und selbst Nahrung zu erzeugen“. Dazu bräuchte es allerdings mehr Fläche: Angesichts des Gemeinschaftsgartens in der Beurbarung stellt Niels Kaiser fest, dass die Versorgung des ganzen Stadtteils „mindestens das Tausendfache der jetzigen Anbaufläche“ erfordere. Es bleibt also noch viel zu tun, damit die Idee von der solidarischen Landwirtschaft, vom biologisch angebauten Gemüse am Wegesrand von der Utopie zur machbaren Alternative wird. „Sehnsucht nach Eden“ gibt einen schlüssigen Anstoß dazu. Und macht Lust zum Mitgärtnern. 

Fotos: © Erika Weisser

MIT GEMEINSCHAFTSGÄRTEN GEGEN DAS DIKTAT DER AGRARINDUSTRIE


DVD WHERE TO, MISS? Deutschland / Indien 2015 Regie: Manuela Bastian Dokumentarfilm Studio: Lighthouse Laufzeit: 83 Minuten Preis: 16 Euro

KUNDSCHAFTER DES FRIEDENS Deutschland 2016 Regie: Robert Thalheim Mit: Henry Hübchen, Antje Traue u.a. Studio : Majestic Laufzeit: 90 Minuten Preis: ca. 13 Euro

ELLE Frankreich 2016 Regie: Chris Kraus Mit: Isabelle Huppert. Laurent Lafitte u.a. Studio: MFA+ Laufzeit: 120 Minuten Preis: ca. 14 Euro

Der Traum vom Taxifahren

Unschlagbar krawallige Senioren

Außer Kontrolle

(ewei). Devki ist mutig. Sie will unbedingt Taxifahrerin werden, und zwar ausgerechnet in Delhi, wo Frauen abends nicht einmal ohne Begleitung auf die Straße gehen. Aber Devki ist nicht nur mutig, sondern auch ausgesprochen hartnäckig. Und so setzt sie sich schließlich gegen ihren Vater durch – und später gegen ihren Mann. Denn sie hat einen Traum: Sie möchte andere Frauen sicher durch die Nacht geleiten. Sehr einfühlsames und würdevolles Porträt eines Frauenlebens in Indien.

(ewei). 27 Jahre nach dem Mauerfall ist das Leben des einstigen und vom BND vorzeitig enttarnten DDR-TopSpions Jochen Falk ziemlich eintönig. Als aber die ehemaligen Erzfeinde um seine Hilfe in einem brisanten Fall bitten, wittert er die Chance, die offene Rechnung zu begleichen und stimmt dem Einsatz im fernen Katschekistan zu – unter der Bedingung, dass sein altes Team mit von der Partie ist. Die unschlagbar krawallige Rentergang zieht los – und stellt alles auf den Kopf. 

(ewei). Michèle wirkt unnahbar, gleichgültig routiniert – wie eine Frau, die nichts umwerfen kann. Selbst als die Chefin einer erfolgreichen Firma für brutale Videospiele eines Abends in ihrer Wohnung vergewaltigt wird, scheint ihr Seelenleben nicht außer Kontrolle geraten zu sein. Ist es aber: Ihr Leben ist in diesem einen Moment ein anderes geworden. Unerbittlich spürt sie den Angreifer auf, sinnt auf Rache – und verstrickt sich mit ihm in ein gefährlich abgründiges Spiel. 

DIE BLUMEN VON GESTERN Deutschland 2016 Regie: Chris Kraus Mit: Lars Eidinger, Adèle Haenel u.a. Studio : good!movies Laufzeit: 125 Minuten Preis: 2 DVDs ca. 16 Euro

DIE HÜTTE – EIN WOCHENENDE MIT GOTT USA 2017 Regie: Stuart Hazeldine Mit: Octavia Spencer u.a. Studio: Concorde Home Entertainment Laufzeit: 128 Minuten Preis: ca. 15 Euro

MOONLIGHT USA 2016 Regie: Barry Jenkins Mit: Trevante Rhodes, Mahershala u.a. Studio: DCD Laufzeit: 107 Minuten Preis: ca. 16 Euro

Wunden der Vergangenheit

Auf der Reise zu sich selbst

Entscheidende Momente

(ewei). Der ziemlich durchgeknallte Holocaust-Forscher Toto Blumen erhält bei seinen Vorbereitungen zu einer großen Ausstellung Unterstützung, die er gar nicht will: Der cholerische Eigenbrötler ist von der jungen Französin Zazie Rosencranz, die in seiner Abteilung des Ludwigsburger NS-Forschungsinstituts ein freiwilliges Jahr absolviert, einfach nur genervt. Dennoch verlieben sie sich. Doch die Wunden, die frühere familiäre Verstrickungen geschlagen haben, sind zu tief. 

(ewei). Als Mackenzie Phillips viele Jahre nach dem Verschwinden seiner Lieblingstochter Missy einen mysteriösen Brief mit einem noch mysteriöseren Absender erhält, folgt er der darin ausgesprochenen Einladung und begibt sich zu eben der Hütte, bei der man damals die letzten Spuren des Kindes fand. Immer noch von schmerzhaften Erinnerungen und heftigen Schuldgefühlen geplagt, begibt er sich auf eine Reise, die sein Leben erneut verändern wird und ihn schließlich zu sich selbst finden lässt. 

(ewei). Moonlight erzählt die berührende und erschütternde Geschichte des jungen Afroamerikaners Chiron, der in einem Problemviertel am Stadtrand von Miami aufwächst. Und dort wider Erwarten auch auf Leute trifft, die es gut mit ihm meinen. In eindrücklichen Bildern sind entscheidende Momente in Chirons Leben festgehalten, Momente, in denen er sich selbst entdeckt, für seinen Platz in der Welt kämpft, seine große Liebe findet und wieder verliert. Oscar 2017 als bester Film. SEPTEMBER 2017 CHILLI CULTUR.ZEIT 63


LITERATUR/MESSE

Fribourg en Français DIE FRANKFURTER BUCHMESSE IST HEUER ENG MIT FREIBURG VERQUICKT

D

Das ist dem diesjährigen Ehrengast zu verdanken, zu dem viele Freiburger eine besondere Beziehung pflegen: Frankreich, die französische Sprache und die frankophone Literatur. Und da so manche Beziehungen

Fotos: © privat

von Erika Weisser

ie Frankfurter Buchmesse rückt näher: Vom 11. bis 15. Oktober öffnet das international bedeutende Literatur-Ereignis seine Tore, in diesem Jahr bereits zum 69. Mal. Doch selten hatte die Messe so viel mit Freiburg zu tun wie in diesem Jahr.

Vermittlerinnen: Murielle Rousseau (li.) organisiert die PR-Arbeit für den Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Martine Chantrel bringt Freiburgern frankophone Autoren nahe.

nicht nur privater, sondern auch beruflicher Natur sind, werden hier seit Monaten Bücher übersetzt, örtliche Begleitprogramme geplant, Lesungen vorbereitet, werden von hier aus Pressefahrten und -konferenzen in Frankreich und Frankfurt organisiert. Denn die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für den Ehrengast-­ Auf Auftritt liegt in den Händen von Murielle Rousseau, der Inhaberin der in Freiburg seit mehr als 20 Jahren ansässigen Kultur-PR-Agentur „Buch Con­ tact“. Für sie, sagt die 51-Jährige, sei diese Aufgabe „geradezu maßgeschneidert“. Die gebürtige Französin, die mit ihrer Familie in Gundelfingen lebt, pflegt seit der Zeit ihres in Paris und Freiburg absolvierten Studiums der Literatur, Romanistik und Germanistik gute Kontakte zu Autoren und Verlagen ihres Heimatlandes. Sie empfindet es „als Ehre und Glück“, 64 CHILLI CULTUR.ZEIT SEPTEMBER 2017

diese Beziehungen nun vertiefen und mit ihrer Vermittlungstätigkeit in Deutschland verknüpfen zu können – auch wenn es eine „große Herausforderung“ ist. Rousseau freut sich, dazu beizutragen, dass die etwa 200 französischsprachigen Autoren, die aus aller Welt zu Veranstaltungen in Frankfurt und anderen deutschen Städten kommen, über Journalisten und ihre Medien die Leute erreichen, auf die es jedem Schriftsteller ankomme: die Leser. Und obwohl sie und ihre Mitarbeiterinnen „gerade alle Hände voll zu tun haben“, bleibt auch ihnen die Zeit für die Lektüre all der französischsprachigen Neuerscheinungen, die sie gerade „auf dem Silbertablett präsentiert bekommen“. Viel zu tun hat derzeit auch Martine ­Chantrel, Honorarkonsulin und Leiterin des Centre Culturel Français Freiburg (CCFF): Parallel zur Buchmesse wird es im Herbst unter dem Titel „Fribourg en Français“ auch hier eine Reihe von Veranstaltungen geben, die organisiert werden müssen – oder eher: organisiert werden wollen. Denn Martine Chantrel findet nicht nur, dass es „höchste Zeit“ sei, dass Frankreich nach 28 Jahren wieder Ehrengast in Frankfurt ist, sondern sie findet es auch „großartig“: Es habe sich eine Menge getan in der französischsprachigen Literatur, es gebe so viele neue Autoren, die gerade auch für deutsche Leser interessant seien und bekannt gemacht werden müssten.

dem Silbertablett serviert Die Gelegenheit zum Kennenlernen gibt es bei Begegnungen mit frankophonen Autoren, die in Zusammenarbeit mit dem Frankreichzentrum der Universität und dem Literaturbüro nach Freiburg eingeladen wurden. Zu ihnen gehören etwa die Preisträger des Prix Goncourt 2016 und 2004, Leila Slimani und Laurent Gaudé. Das Centre Culturel bietet am 12. Oktober auch eine Exkursion zur Buchmesse an und führt dort durch den Pavillon Français.


FREZI

MEIN BRUDER CHE

von Juan Martìn Guevara & Amélie Vincent Verlag: Tropen, 2017 352 Seiten, gebunden Preis: 22 Euro

NACH DER FLUCHT

UNSERE WILDE HEIMAT

Gesellschaft dt. Tier­fotografen, Regionalgruppe Baden (Hg.) von Ilija Trojanov Verlag: S. Fischer, 2017 128 Seiten, gebunden Preis: 15 Euro

Verlag: Knesebeck, 2015 208 Seiten, gebunden Preis: 34,95 Euro

Der unbekannte Bruder

Alltägliche Horrorszenarien

Tierischer Hingucker

(ewei). „Seien wir realistisch – versuchen wir das Unmögliche.“ So lautet eines der Zitate, die Ernesto Rafael Guevara de la Serna zugeschrieben werden. Dem argentinischen Arzt, internationalen Revolutionär, kubanischen Politiker und bolivianischen Guerillakämpfer, der vor 50 Jahren, am 9. Oktober 1967, in einen Hinterhalt geriet und erschossen wurde. Besser bekannt ist der Mann, der Lateinamerika, Afrika und die ganze Welt vom Kapitalismus und Postkolonialismus befreien wollte, als Che. Und als dieser ist er zur Ikone geworden, wird er bis heute wie eine mystische Gestalt verehrt. Wie so viele Menschen, die unter dramatischen und nie ganz geklärten Umständen starben – und außerdem noch jung waren: Ernesto „Che“ Guevara war zum Zeitpunkt seines Todes gerade 39 Jahre alt. Sein 15 Jahre jüngerer Bruder Juan Martín Guevara hat nun ein Buch veröffentlicht, mit dem er eben dieses Unmögliche versuchen will: Dem für ihn „unerträglichen Mythos Che“ ein Ende zu setzen und den hinter „der völlig entstellten Ikone“ verborgenen Menschen sichtbar zu machen. Ob es ihm gelungen ist, ist fraglich – schließlich hat er ihn selbst kaum gekannt. Doch er ermöglicht allemal aufschlussreiche Einblicke in das Familien- und Privatleben des Revolutionärs. 

(ewei). „Erst wenn er sich von den Zuschreibungen der Herkunft und den Zumutungen der Ankunft gelöst hat, ist der Geflüchtete wirklich frei.“ Dieser letzte Satz in Ilija Trojanows neuem Buch könnte auch an dessen Anfang stehen. Er tut es gewissermaßen auch: Er ist mit der Ordnungszahl 1 versehen, obwohl er am Ende einer Folge von Kurzdramen, Zitaten, Aphorismen und Lebensweisheiten steht, die mit der Nummer 99 beginnen. Und bis dorthin reihen sich römisch bezifferte Kleinkapitel von I bis XCIX aneinander. 188 nachdenkenswerte, zuweilen auch schwer verdauliche Überlegungen, Feststellungen und Behauptungen tischt der Autor uns auf – und wenn wir sie nach der ersten Lektüre in umgekehrter Reihenfolge lesen, stellt sich ein Gedankengang dar, der zwar anders, aber doch ebenso schlüssig ist wie der erste: Trojanow plädiert für die Überwindung von Grenzen, findet zu einer positiven, kosmopolitischen Umdeutung der Flucht. Auch seiner eigenen: Er dankt seinen Eltern, die ihn „mit der Flucht beschenkten“, als er Kind war. Ein kleines Kunstwerk, das von zwei Seiten zu einem weiteren Kunstwerk in der Mitte des schmalen Bändchens hinführt: Ein Bild aus dem Zyklus „The Migration Series“ von Jacob Lawrence, der ihn zu dem Buch inspirierte.

(dob). Den bunt gefiederten Bienenfresser gibt es im Kaiserstuhl, auch den Wiedehopf, der wegen seiner aufgestellten Haube auch als Punkrocker der Vogelwelt betitelt wird. Doch wir Wanderer bekommen die beiden Vögel so gut wie nie zu Gesicht, wohl weil Muße und Glück fehlen. Erfolgreicher ist da der Fotograf Lukas Thiess gewesen – und hat die seltenen Tiere eingefangen. Thiess ist einer von 26 Fotografen der Gesellschaft deutscher Tierfotografen, die unserer wilden Heimat ein spektakuläres Denkmal gesetzt haben. Von der Bodenseeregion geht die Exkursion über die Rheinauen, den Kaiserstuhl, die Vogesen, den Hegau bis zum Nationalpark Schwarz­wald. Da sind Dachs, Luchs, Rotfuchs und Gämsen, da sind die Kolbenenten über dem Bodensee, da sind die Nebelschwaden im Nationalpark Schwarzwald, da sitzt die Zwergmaus auf einer Getreideähre, da schauen drei plüschige junge Steinkäuze im Markgräfler Land in die Linse. Die begleitenden kurzen Texte vermitteln anschaulich das Wissen über das, was diese Landschaften und ihre tierischen Bewohner so besonders macht. Der opulente Bildband ist eine alles andere als kitschige Liebeserklärung – der man sich als Leser und Betrachter sehr schnell anschließt. SEPTEMBER 2017 CHILLI CULTUR.ZEIT 65

chilli cultur.zeit  

Der Kultur-Teil der aktuellen chilli-Ausgabe September 2017