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GESELLSCHAFT COSMA SHIVA HAGEN ÜBER HAMBURGER KULTURPOLITIK

GESELLSCHAFT, DISKURS, DISKO

Sommer / 2010

REISE

ABSCHIED

TSCHÜSS CHRISTOPH LIEBE 2.0

NEUE MEDIEN, MÄDCHEN & MÄRCHEN

NEUES AUS DEM NAHEN OSTEN BITTE SCHARF STELLEN

SABIN TAMBREA

4 198017 905008

f 5,00 4,00

WASSER

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ES GIBT WIEDER


EDITORIAL

ES WAR MAGIE.

Das vergisst man nie. Zum Tod von Christoph Schlingensief. von Johannes Finke Wenn man Leute traf, die mit ihm gearbeitet hatten, die ihn erlebten, konnte man stets feststellen, wie sehr sie ihm erlegen waren. Man wurde geschüttelt und gerührt, belehrt, bestraft und bestärkt. Ging mir nicht anders. Da stand ein wirrer Typ mit Megafon und schrie alles in Grund und Boden, das Theater, das Publikum, die Menschen auf der Straße, das Abendland, sich selbst und alle anderen. Da war Feuer. Ein Flächenbrand. Ein Blitzschlag, der dich trifft und auflädt. Das war nicht nur Theater, das war das pralle Leben. „Der Blick in das Gesicht/ eines Menschen dem geholfen ist/ ist der Blick in eine schöne Gegend“(1) – man kann davon ausgehen, dass Christoph viele schöne Gegenden gesehen hat und man kann es auch anders formulieren, die Idee mit der schönen Gegend: „Du hast uns auf den Kopf gestellt und wir haben gesehen, wie schön die Aussicht ist.“(2). Kein Künstler, Theatermacher oder Aktionist hat in Deutschland in den letzten zwanzig Jahren (nein, sind wir ehrlich: jemals) die schöne Landschaft so erbarmungslos bespielt, die schöne Aussicht so rigoros verstellt wie er. Bei Schlingensief gab es nie etwas umsonst. Man mußte immer etwas dafür geben. Und wenn es nur ein Stück seiner Selbstverliebtheit war. Neunzehnhundertachtundneunzig fuhren wir mal gemeinsam in meinem Auto von Stuttgart nach Freiburg. Ich hatte noch zwei Freunde dabei. Der eine mit journalistischem Hintergrund und ausgestattet mit einer Videokamera, der andere ein freischaffender Computer- und Softwarespezialist. Wir sprachen während der Fahrt über dieses und jenes und auch über Möglichkeiten, seine Daten, sein Leben, sich selbst zu schützen. Christoph fragte irgendwann nach, als der Begriff des öfteren gefallen war, was eigentlich eine ‚Firewall’ genau sei und wie sie funktioniere. Er bekam darauf hin eine klar formulierte, sachlich fundierte und einfach zu verstehende Antwort, die uns allen deutlich machte, dass es nicht schlecht wäre, könnte man eine Firewall in seinem eigenen, in jedem System installieren. Es würde Zeit sparen. Und Kraft. Würde die ganzen Idioten abhalten, die wie Krankheitserreger am Körper zehren. Am Abend war die Idee einer solchen Firewall bereits Teil seiner stets anarchischen und einnehmenden Bühnenschow, die damals davon handelte, dass sich jeder einzelne als Chance verstehen sollte. Und dass auch diejenigen, die es wirklich hart getroffen hat, ihr Scheitern als Chance sehen und sich selbst dadurch nicht mehr unsichtbar gegenüber stehen. Vielleicht wird es ja irgendwann mal eine Firewall geben, die dafür sorgt, dass wir Menschen Krankheiten wie Krebs nicht mehr erleiden müssen, den (auch wenn es in der Wahrnehmung vermeintlich immer zu schnell geht) schleichenden und qualvollen Prozess des Sterbens. Doch dann stürzt das Flugzeug ab, das dich in den Urlaub bringen soll, jemand hat die Mayo deiner Pommes zu lange in der Sonne gammeln lassen, eine Bombe explodiert in der U-Bahn oder

du rutschst einfach aus und brichst dir das Genick. Auch wenn Elfriede Jelinek schrieb: „Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre“, so muss man doch nüchtern feststellen, dass man bei einer menschlichen Sterblichkeitsrate von einhundert Prozent am Leben nur scheitern kann. Vielleicht ist deswegen in so vielen Nachrufen vom Himmel die Rede. Und von Petrus, dem alten Torpfosten und Trostspender. Eine kindlich-christliche Vorstellung vom Leben im Jenseits, dem sich in Trauer nur wenige erwähren können. Aber was will man machen? Sich die Hölle vorstellen? Einen Unort? Dann schon lieber die Harfe verweigern. Im Herbst achtundneunzig gab Christoph mir das OK, eine Buchdokumentation zum Projekt „Chance 2000“(3) in meinem Verlag, dem Lautsprecherverlag, zu veröffentlichen und ich fing an, Texte und Materialien zu sammeln, zusammenzustellen, zu hinterfragen, rief Rainald Götz hinterher, tauschte E-Mails mit Elfriede Jelinek, Dirk Baecker und Carl Hegemann aus und wagte mich daran, ein Nachwort zu schreiben. Das Vorwort diktierte Christoph einem Stimmerkennungsprogramm. Ich war vierundzwanzig und lernte eine Menge. Doch Christoph Schlingensiefs Kunsträume wurden mir zu hermetisch, zu solipsistisch. Es verlangte mir zuviel ab, mich daran abzuarbeiten. Ich wollte es auch nicht. Ich wollte mich nicht mit Wagner beschäftigen. Ich werde es nie tun. Ich empfinde Wagner auch heute noch als Beleidigung. Vielleicht war es nicht die Aufgabe des Künstlers Schlingensief, sich gegen das Establishment zu wehren. Vielleicht hat er das irgendwann erkannt, sich dem Gegenentwurf zugewandt, das Heil in der Flucht, in der Ferne, im vermeintlichen Unfrieden Afrikas gesucht und gefunden. Spätestens mit der Krebsdiagnose war für ihn das Establishment sowieso nur noch eine Farce. Doch wie streitbar er war, wieviel Haltung er abverlangte und wie prägend er für viele war und noch sein wird, wird man erst abschätzen können, wenn das Leben seine Geschichte weiterschreibt und wenn sie dann plötzlich auftauchen, die Versatzstücke, die Bilder, die Ideen und Visionen. Der letzte Eintrag auf Schlingensiefs Blog vom 07. August 2010 ist überschrieben mit „DIE BILDER VERSCHWINDEN AUTOMATISCH UND ÜBERMALEN SICH SO ODER SO ! – „ERINNERN HEISST : VERGESSEN !“ (Da können wir ruhig unbedingt auch mal schlafen!)“. Na dann, schlafen sie schön, Herr Schlingensief. Aber das mit dem Vergessen kannst du knicken! (1) Aus dem Rosa-Luxemburg-Fragment von Bertolt Brecht (2) Aus einem offenen Abschiedsbrief seines inneren Kreises an Christoph Schlingensief, veröffentlicht auf www.schlingensief.com (3) Chance 2000 – Die Dokumentation, Lautsprecherverlag, 1999, vergriffen

EDITORIAL BLANK I 3


BLANK NR. 08 / SOMMER 2010 6 Neuigkeiten aus dem nahen Osten

Der Winter war lang und hart, der Frühling kam nicht so recht in die Gänge, die Flüge nach Istanbul sind billig. Drei Gründe warum unser Reiseredakteur Boris Guschlbauer vom Fernweh gepackt wurde und es ihn nicht länger in der Redaktion hielt. So floh er an den Bosporus, um sich von der Blauen Moschee bis zu den Pyramiden von Gizeh durchzuschlagen.

26 EXIL der träume BLANK traf Shirin Neshat zu einem Gespräch über ihren neuen Film Women Without Men, den Iran und die Frage, was Kunst politisch zu leisten vermag.

29 Sabin Tambrea – Bitte mal scharfstellen Ein Interview mit dem neuen Star am Berliner Ensemble.

34 „IST das wirklich meine Stadt?“ Oder „Kulturpolitik von und für Bürokraten“ Cosma Shiva Hagen über Hamburg – einstmals und zukünftig.

38 What happened to tennis? Über die Vergänglichkeit von Ruhm und Glanz und weiße, kurze Tennisröckchen.

MUSIK 44 Listen all of y‘all, it‘s Hello again! – Eine Kolumne von Sven van Thom 45 Sophie Hunger – Entschuldigung und Liebeserklärung 46 Robyn – Personifizierter Pop 48 TONTRÄGER !!!, The Funeral Pyre, Smooth, Feindrehstar, Féloche, Kat Frankie, Herrenmagazin,The Pharmacy, PVT, Andreya Triana, Who Knew, Teenagers In Tokyo, Fallulah

50 Ein Klempner und sein kleiner Kosmos Mario ist der wohl berühmteste Italiener der Welt. Und rennen und springen kann er auch ganz gut.

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54 UM NICHTS VORWEGZUNEHMEN, ABER… Für seine Literaturkolumne traf sich Roman Libbertz diesmal mit Philippe Djian.

56 Mach mal was k aputt, das dich nicht k aputt macht Bücher verbrennen kommt seit einer Weile schon nicht mehr so gut an. Bücher kaputt machen dagegen kommt schwer in Mode.

62 PRINT John King, John Irving, Michael Lentz, Thor Kunkel, Bret Easton Ellis

65 Blau ist das neue GrÜn. oder zumindest das neue Gelb. Auf jeden Fall ist blau meer. 68 Blank Fashion Fotos Pt. 6 Es grünt so grün. Der Mädchentyp des Jahres.

76 Verschlimmbessern Ein immer wiederkehrender Freund. Die Kolumne von Blogger, Vater und Ex-Viva-VJ Nilz Bokelberg über die großen und wichtigen Themen unserer kleinen We

78 IMPRESSUM HEFT ZWEI Taktische Medien, Mädchen und Märchen oder Fräulein Tessa, ich und das Etablieren einer Streitkultur. Letzter Teil der Reihe Liebe 2.0 von Johannes Finke Von der Blauen Moschee zu den Pyramiden Ein Reisebericht von Boris Guschlbauer

INHALT BLANK I 5


nEUIGKEItEn AUS DEM

nAHEn oStEn TexT & FoTograFie BoriS GuSChLBauer

Der Winter war lang und hart, der Frühling kam nicht so recht in die Gänge, die Flüge nach istanbul sind billig. Drei Gründe warum unser reiseredakteur Boris Guschlbauer vom Fernweh gepackt wurde und es ihn nicht länger in der redaktion hielt. So floh er an den Bosporus, um sich von der Blauen Moschee bis zu den Pyramiden von Gizeh durchzuschlagen. auf dem Weg durch den nahen osten machte er zahlreiche Fotos und sammelte Geschichten. Die wichtigsten impressionen findet ihr auf den nächsten Seiten, die Geschichte dazu gibt es im heft Zwei.


Einblicke Auf dem Bazar von Istanbul herrschte großes Gedränge. Ich hielt einfach die Kamera in die Höhe und drückte auf den Auslöser, um das Wirrwarr einzufangen. Erst später entdeckte ich, dass ich zufällig das hübscheste Mädchen der türkei mit dem

tiefsten und besten Dekolleté aller zeiten fotografiert hatte. Ihr Anblick bannt den Betrachter und das Chaos um sie herum beginnt zu verblassen wie Morgennebel im Sonnenschein. Istanbul / Türkei


superkräfte Im Gegensatz zu seinem westlichen Pendant hat der Batman des nahen ostens mehr Eier und lebt nicht unerkannt in einer Höhle im verborgenen. Er besitzt sogar eine nummer, um im Ernstfall übers telefon erreichbar zu sein. Es benötigt keinen starken Strahler, der eine riesige Fledermaus in den Himmel projektiert um Kontakt herzustellen.

Als ich durch die Stadt Hama schlenderte, versuchte ich den oriental Batman in voller Aktion zu erleben. Leider entdeckte ich nur in schwarze bodenlange Chadors gekleidete Frauen, die darin aussahen wie zu große Fledermäuse, unfähig zum Flug. Batgirls ohne Ausstrahlung und irgendwelcher Superkräfte. Hama / Syrien


Energie In diesem bunten Schrein liegt Say´yeda Roqayya begraben, die tochter des Imam al-Husain, der seinerseits der Enkel des Propheten Mohammed war. Wie ich erfahren musste, starb das nur vier Jahre alte Mädchen an gebrochenem Herzen, als sie unter tränen nach ihrem vater verlangte, der allerdings kurz zuvor in Gefangenschaft geköpft worden war. Um sie zu beruhigen, brachte man ihr den Kopf des vaters, worauf sie an diesem ort zusammenbrach und starb. niemals zuvor habe ich so viele weinende und flehende Männer auf einem Haufen

gesehen. verzweifelt klammerten sie sich am Gitter des Schreins fest, viele beteten, manche verteilten Süßigkeiten oder warfen bunte Stofftiere auf den Schrein, die teilweise wieder herunter fielen. In der Ecke saßen junge Männer im Kreis, rezitierten Suren und geißelten sich, indem sie sich rhythmisch mit der Faust hart auf die Brust trommelten. Es herrschte eine Energie in diesem Schrein, dass ich mich gegen die Wand lehnen musste, staunte und alles Leben um mich herum vergaß. Damaskus / Syrien


sonnenuntergang Ich liebe Amman im Licht des Sonnenuntergangs. Jeden Abend stieg ich auf einen Hügel und blickte auf das Leben hinab. Die ewige Rotation des Geistes verlangsamte sich und ich überlegte mir, was all die vielen Menschen in diesem Meer aus Häusern wohl gerade taten, was sie dachten, wie ihre träume aussahen, ob sie glücklich

waren im Moment, oder Gedanken an Flucht sie beschäftigte. Dann blickte ich zum Mond und in die Sterne und darüber hinaus und die große Frage kam auf, ob wohl anderes Leben in dieser Unendlichkeit existierte und wenn ja, ob Glück und Unglück dort von Bedeutung waren. Amman / Jordanien


besucher Auf diese drei kaum zu definierbaren Maschinen traf ich, als ich durch die Mittagshitze in Aqaba kroch. Ich suchte nach Kleingeld in meinen taschen, um sie damit zu füttern und zu sehen was passiert, hatte aber kurz zuvor alles unklug für Bier ausgegeben. Bis heute frage ich mich, ob ich wohl mit der zukunft konfrontiert worden wäre, oder den Sinn des Lebens entdeckte

hätte, oder aber den Heimatplaneten dieser Maschinen erfahren hätte. Denn je länger ich mir die drei Kumpels betrachtete, desto mehr kam das Gefühl auf, dass nicht ich sie beobachtete, sondern sie mich, und sie tatsächlich Außerirdische waren, die der Erde einen Besuch abstatteten, um stoisch die Menschheit zu studieren. Aqaba / Jordanien


freundschaft Es ist verpönt zärtlichkeiten zwischen Mann und Frau in aller Öffentlichkeit auszutauschen. So sieht man des öfteren Männer, die untereinander zuneigung zeigen und so ihrer Freundschaft Ausdruck verleihen, aber dennoch nicht schwul sind. Sie halten Händchen oder laufen Arm in Arm umher oder sitzen eng beieinander. Für das westliche Auge sieht das fast so

aus, als wären alle diese Männer dem Leckund Fickknast im Berghain entlaufen. Leider ist Homosexualität in vielen Länder des nahen ostens noch immer illegal und wird mit Gefängnis bestraft. Meiner Meinung nach würde etwas mehr toleranz in Sachen Liebe dieser eher konservativen Gesellschaft extrem gut tun. Aqaba / Jordanien


parkplatz Einparken will gelernt sein. Wie man sieht, benötigt es nicht unzähliger Pferdestärken, ein PS ist absolut ausreichend. Wirklich kein Blatt passt zwischen Pferdekutsche und PKW. Ich frage mich nur, ob

der Fahrer des Mercedes beim ausrangieren Stoßstangenkontakt herstellen wird, um sich den Blick in den Rückspiegel zu sparen. Alexandria / Ägypten


Entspannung Kaum zu glauben, wie seelenruhig dieser Mann in diesem Hauseingang auf dem zeitungspapier schlief. Draußen auf der Straße herrschte ein so unglaubliches Gewühl, unentwegt hupten die Autos, Händler priesen lauthals ihre Ware an, Fahrradfahrer bahnten sich per Klingel einen Weg durch die Masse, die Autoabgase hüllte alles Leben in ein dichtes tuch. Augenblicklich hielt ich

in meinem hektischen Fußmarsch inne, bewunderte die Ruhe, die von diesem Anblick ausging und machte schnell ein Foto, um diese Ruhe zu konservieren. Bis heute frage ich mich, ob der Mann so müde war vom Backen der Brote, oder ob er einfach viel zu viel davon gegessen hatte, und ob die hintere treppe wohl direkt zur Erleuchtung führt. Kairo / Ägypten


Dunkelheit Ich liebe nächtliche Streifzüge durch eine fremde Stadt, wenn die Dunkelheit einen unsichtbar für andere macht und die eigenen Konturen mit der nacht verschmelzen. Ganz unverhofft schlägt man immer wieder in der Helligkeit auf, wie hier bei

diesem Lampenladen in der Altstadt von Kairo. Ich rieb mir kräftig die Augen und erfreute mich an der Schönheit des Moments und des elektrischen Lichts. Kairo / Ägypten


Anziehungskraft okay, die Pyramiden sind ein absolutes touristenziel und hätte ich dort alle Angebote eines Kamel- oder Pferderitts angenommen, hätte ich meinen Rückflug sparen und nach Hause reiten können. Und natürlich wird man auf Schritt und tritt von nervende Händler verfolgt, die ziemlich aggressiv den größten Ramsch als antike Einzigartigkeit zu einem „good price, good price“ anpreisen, aber für mich stellten die Pyramiden absolut mehr

als Abzocke dar. Die ganze Reise über waren sie wie ein gigantischer Magnet, der mich magisch anzog. Mit ihrem Anblick wusste ich, dass das Ende dieses langen trips gekommen war. Positive Gefühle überrollten mich wie eine Lawine, ein Glück war ich alleine unterwegs, so dass ich mich der tränen der absoluten Freude nicht schämen musste. Gizeh / Ägypten


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EXIL

DER TRÄUME Text Antonia MärzhäuseR

Es gibt diese Menschen, deren Anwesenheit einen alles um einen herum vergessen lassen. Die es unmöglich machen, auch nur einen Teil der eigenen Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten, als die Person, der man gerade gegenüber sitzt. Begegnungen dieser Art hinterlassen Spuren, die so schnell nicht verwischt werden können und Shirin Neshat hinterlässt schon seit langem Spuren in der Welt. Ob als eine der wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen, als Filmemacherin oder einfach als Mensch. BLANK traf Shirin Neshat zu einem Gespräch über ihren neuen Film Women Without Men, den Iran und die Frage, was Kunst politisch zu leisten vermag.

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s begann im Jahre 1990: Shirin Neshat hatte den Iran als Siebzehnjährige noch vor der Revolution 1979 verlassen und kehrte nun nach fast fünfzehn Jahren das erste Mal in ihr Heimatland zurück. Das Land, das ihr begegnete, hatte wenig mit dem Iran ihrer Kindheit und Jugend zu tun. Die islamische Revolution hatte nicht nur das politische System von Grund auf verändert, sie nahm auch in erschreckendem Ausmaß Einfluss auf Kultur und Zusammenleben der Menschen. Das Gesicht des Irans war ein anderes geworden und allem voran waren es die Gesichter der Frauen, die dieser tiefgehenden Veränderung Ausdruck verliehen. In der Fotoserie Women of Allah (1993-1997) portraitiert sie unter den Eindrücken ihrer Reise muslimische Frauen und greift damit eine Vielzahl von Themen zur kulturellen Selbstbestimmung, Geschlechterpolitik, Identität und Religion auf. Trotz dieser soziopolitischen Brisanz ist ihr Werk niemals belehrend. Eine politische Kunst, aber ohne den erhobenen Zeigefinger, da dieser der drückenden Hand des Systems viel zu ähnlich wäre. Auf die Fotografie folgten Videos und Videoinstallationen, dieses Jahr legt sie mit Women Without Men ihr Spielfilmdebüt hin. Die Medienentwicklung in ihrer künstlerischen Arbeit erklärt sie vor

allem mit den vielfältigen Möglichkeiten, die ihr das Medium „Film“ bietet: „Meine Fotoserien waren sehr konzeptionell, die Frauen waren wie Skulpturen, man hat immer eine bestimmte Distanz zu ihnen gewahrt. Im Film hingegen habe ich die Möglichkeit, Charaktere zu entwickeln und in ihre Seele einzudringen. “ Seit sieben Jahren arbeitet sie bereits an dem Filmprojekt Women Without Men. Der Film setzt sich aus vier einzelnen Videoprojekten zusammen, in deren

können. Während Munis Streben nach Freiheit und politischem Engagement durch ihren autoritären Bruder unterdrückt wird, sehnt sich Faezeh nach nichts mehr, als diesen zum Ehemann zu nehmen. Fakhri hat mit der Enge ihrer Ehe zu kämpfen und Zarin entflieht ihrer inneren Resignation, indem sie all ihre Kraft aufwendet, um aus der Prostitution zu flüchten. Die vier Einzelschicksale werden in Women Without Men auf einer fantastischen Ebene zusammengeführt. Dabei bedient sich Neshat der Stilmittel der Romantik. Traum und Realität,

In der Kunst wird Abstraktion akzeptiert und geliebt, es ist okay wenn du nicht alles verstehst. Film hingegen muss zugänglich sein. Mittelpunkt jeweils eine der weiblichen Hauptcharaktere des Films steht. Basierend auf dem Roman der Schriftstellerin Shahrnush Parsipur, spielt der Film 1953 in Teheran. In der westlichen Welt zum größten Teil unbekannt markiert das Jahr ´53 einen der großen Wendepunkte in der iranischen Geschichte. Im Kontext dieser gesellschaftlichen und politischen Veränderungen portraitiert Neshat fünf Frauen, die unterschiedlicher nicht sein

Einbildung und Wünsche vermischen sich und machen den Film zu einer Reise durch verschiedene Wirklichkeitsebenen. „Ich weise lediglich auf die Wichtigkeit des Themas hin, ich will die Menschen emotional berühren.“ Hier liegt die Stärke ihres Werkes, die Verbindung aus politischer Brisanz und der metaphernreichen Sprache der Kunst. Sie versteht es, die Möglichkeiten der Abstraktion in der Kunst auf das Medium des Spiel-

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films zu übertragen und dennoch eine Story zu entwickeln, die über das stimulierende hinausgeht. „In der Kunst wird Abstraktion akzeptiert und geliebt, es ist okay, wenn du nicht alles verstehst. Film hingegen muss zugänglich sein.“ Ein Jahr nach den Massenprotesten und der Formierung einer grünen Oppositionsbewegung, wird dem Film eine weitere Bedeutungsebene hinzugefügt. Neshat, die mit dem Projekt bereits 2003 begann, hat diese Koinzidenz stark berührt: „Während wir den Film geschnitten haben, liefen die Bilder der Demonstrationen im Fernsehen. Die Bilder waren so identisch und immer noch kämpfen die Iraner für ihre Rechte.“ Der Iran des Jahres ´53 ist ein offenerer und kosmopolitischerer Iran, als der von heute: „Es ist mir ein Anliegen, den Menschen zu zeigen, dass der Iran nicht

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FILM & GESELLSCHAFT

Ich bin keine Expertin für Frauen, ich bin Künstlerin. immer so war, wie er heute wahrgenommen wird.“ Der Westen hat sein Talent zum Schwarz-Weiß-Malen weiter perfektioniert und so werden unterschiedlichste Länder und Kulturen auch gerne mal pauschal als „der nahe Osten“ abgehandelt und Shirin Neshats Werk der Stempel „genderpolitisch“ aufgedrückt. Der Film Women Without Men vermag diese beiden Klischees zu sprengen, weil er sich nicht einfach auf den Gegensatz von Mann und Frau beschränken lässt. Jede der vier Protagonistinnen entwickelt ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Ide-

ale, Werte und Zukunftsvisionen. Diese Lebensläufe gehen über die der angepassten und gläubigen Muslimin und der rebellischen Freiheitskämpferin hinaus. „Ich bin keine Expertin für Frauen, ich bin Künstlerin“ und so schafft es Shirin Neshat, uns die Seele eines Landes näher zu bringen, dessen öffentliche Wahrnehmung sich zu oft auf schwarzweiß(-grün) beschränkt.

WOMEN WITHOUT MEN SHIRIN NESHAT/SHOJA AZARI Verleih: NFP marketing& distribution*


SABIn

tAMBREA – BIttE MAL

SCHARFStELLEn TexT JohanneS Finke FoTograFie MaTThiaS DaViD


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Sabin Tambrea ist groß gewachsen. Sein Blick ist eindringlich und wachsam, doch auch sehr scheu. Sein Gesicht ist jugendlich verhärmt und voller Tiefen und seine schwarzen Haare, das lange, schmale Gesicht mit den hohen Wangenknochen und die tiefliegenden Augen lassen vielleicht vermuten, dass des jungen Schauspielers Wurzeln nicht in Deutschland, sondern in Rumänien liegen. Er hat einen scheuen, doch eindringlichen Blick und vielleicht würde man anmerken wollen, dass er in einer Zeit, in der Vampir- und Zaubersagen den jugendlichen Zeitgeist mit prägen, den richtigen Look mitbringt um dementsprechend besetzt zu werden, doch damit wird man dem Talent des Schauspielers und Feingeistes Tambrea nicht gerecht.

A

nfang Juli konnte man Sabin nun in einer weiteren Premiere am Berliner Ensemble bewundern. Alt- und Starregisseur Peymann scheint einen Narren an Sabin gefressen zu haben. Auch Robert Wilson, so sagt man, war beeindruckt von den Fähigkeiten und der Ausstrahlung des jungen Mimen. Im Fernsehen konnte man ihn bereits in einer Folge vom Polizeiruf sehen und auch die Rollen, die zur Zeit im Raum stehen, deuten darauf hin, dass hier jemand kurz davor ist, den großen Sprung ins Rampenlicht, auf die großen Bühnen und die Kinoleindwand zu schaffen. So wird es höchste Zeit, dass wir mal nachfragen und uns ein schärferes Bild von Sabin Tambrea verschaffen. BLANK: Seit Dezember 2008 spielst du in einer Peymann-Inszenierung am Berliner Ensemble den Melchior in Wedekinds- Coming- Of-Age-Drama „Frühlingserwachen“. Ist da mit Mitte Zwanzig der Bezug zur Rolle noch oder überhaupt herstellbar oder ist das jetzt auch der Beruf des Schauspielers und Haltung generieren ist ein handwerklicher Vorgang? SABIN TAMBREA: Bei mir ist es immer eine Mischung zwischen Handwerk und Intuition. Um die Probleme der Jungendlichen glaubhaft darstellen zu können, muss ich sie in allen Facetten begreifen. Daher ist der zeitliche Abstand sehr hilfreich, in dem Alter wäre ich emotional zu eingebunden gewesen, um sie auch noch ohne Scham darstellen zu können. Das Handwerk ist im Theaterbetrieb meine absolute Basis, um Gefühle und andere kleinste Regungen des Geistes

so zu vergrößern, dass der zweite Rang es auch registriert. Ich gehe immer aus der Ferne auf eine Figur zu, sozialer Hintergrund, Ängste, Sehnsüchte, Unsicherheiten, charmante Schwächen von der die Figur selbst nicht weiß, all das sammelt sich zu einem enormen Pool an und gipfelt schließlich in der Premiere, wo ich jegliche Kontrolle fallenlasse und in dem Moment instinktiv aus der Situation entscheide. So gesehen kann ich den Melchior leichter projizierbar machen, als er es selbst in der Lage wäre, weil er nicht diesen Reflexionshintergrund über sich selbst hat, wie ich ihn mir erarbeite. BLANK: Ein Kritiker schrieb, dein Melchior wäre „reizbar ins Innere gekehrt“ und in ihm stecke, wie in jeder höheren Intelligenz, „ein Hauch Verführer“. Was sagen dir solche Beschreibungen, erkennst du dich da wieder oder blendest du diesen Echoraum weitestgehend aus? ST: Im Gegensatz zu vielen Kollegen gebe

Figur wie Melchior beschäftige ich mich 4 Monate lang intensiv mit der Rolle, vermische eigene Erfahrungen mit dem Rollentext Wedekinds, reichere an, konzentriere, unterstreiche Eigenschaften, nehme auch weg. Und gerade das Wegnehmen bietet dem Zuschauer wiederum Platz zum projizieren und interpretieren. Deshalb erkenne ich mich nicht selbst darin wieder, sehr wohl aber meine Arbeit an der Rolle. Im besten Falle ist die Figur weit weg von mir, wird aber dennoch als glaubhaft empfunden. Deshalb kann ich es nur als ein Kompliment meiner Arbeit nehmen. Dazu gehören auch schlechte Kritiken, wenn beispielsweise Kritiker die Unsicherheiten der Figur als meine eigenen als Schauspieler auslegen. BLANK: Wie ist die Arbeit mit Peymann, von dem man ja schon sagen kann, dass er ein Förderer deiner Talente ist? ST: Claus Peymann habe ich enorm viel zu verdanken, er hatte im richtigen Mo-

Es ist sehr spannend zu sehen, in welche Farbtöpfe die Kritiker ihre Formulierungspinsel tunken. ich offen zu, Kritiken zu lesen, und mich sogar darüber zu freuen, wenn sie zumindest in meinen Augen gerechtfertigt sind. In der Zeit am Berliner Ensemble habe ich erfahren, dass die Projektionsfläche, die man bietet, viel größer ist, als gedacht. Da ist es sehr spannend zu sehen, in welche Farbtöpfe die Kritiker ihre Formulierungspinsel tunken. Bei einer

ment das nötige Vertrauen, mir große Rollen anzubieten und mich unter seiner Aufsicht und Leitung wachsen zu lassen. Ich bin mit sehr viel Respekt und Demut in die ersten Proben gegangen, die Probensituation hat sich aber als sehr menschlich und schauspielerliebend herausgestellt, worauf ich mich sehr leicht von diesen hinderlichen Guterzogenheits-

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gesten verabschieden konnte. Peymann ist ein sehr emotionaler Regisseur, der alles in Worte kleidet, was er empfindet – was ihn zutiefst ehrlich macht. Wenn ich katastrophal daneben liege, dann kriege ich das genauso zu spüren, wie wenn er freudestrahlend verkündet, dass es nicht ganz schlecht war. Er ist genauso auf der Suche nach den Inhalten wie ich auch. Bei Melchior gab es eine wunderbare Wechselwirkung der Begabungen – was er mir an sprachlichem Wissen geschenkt hat, konnte ich durch ein Grundverständnis zur Jugendlichkeit der Rolle revanchieren, was bei ihm nun einmal ein wenig weiter zurück liegt, als bei mir. Natürlich gab es auch Streit und Blockaden, die haben sich aber im rechten Moment aufgelöst. Peymann hat die Rolle mit mir zusammen sehr genau gebaut, mir alle Hilfestellungen gegeben, aber mir im richtigen Moment auch die Freiheit gegeben, all das zu vergessen, um frei spielen zu können.

Claus Peymann habe ich enorm viel zu verdanken. BLANK: Du bist mit vier Jahren, kurz bevor der eiserne Vorhang fiel, mit deinen Eltern nach Deutschland ausgesiedelt. Was für eine Identität hast du dir aufgebaut und wie? Und welche Rolle spielte dabei die Musik und die darstellenden Künste? ST: Meine Eltern sind Orchestermusiker und haben dieses Können mir und meiner Schwester weitergegeben. Ich bekam Geigen-, Klavier-, Bratschen-, Dirigierunterricht und Harmonielehre, war rundum erfolgreich bei „Jugend musiziert“ und Mitglied des Landesjugendorchesters. So gesehen ist die Musik der einzige konstante Begleiter in meinem Leben. Als entwurzelter Mensch in einer entwurzelten Familie in einem fremden Land klarzukommen, erforderte viel Zusammenhalt innerhalb der Familie, aber auch das nötige Sensibilisieren für die neue Umwelt. Mir wurden andere Werte mitgegeben, als ich sie von vielen meiner Freunde präsentiert bekommen habe. Ich bin sehr glücklich

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THEATER & KULTUR


über meine Erziehung, und den manchmal komplizierten Weg, den mein Leben genommen hat. Es war ein ständiges Suchen nach den Dingen, die mich in fremder Umwelt haben aufgenommen werden lassen. Konnte ich nicht durch ein Motorrad im Alter von 16 punkten, musste ich durch Ironie, Humor und Schlagfertigkeit die zumeist weiblichen Verbündeten für mich gewinnen. BLANK: Hast du einen deutschen oder einen rumänischen Pass? ST: Ich habe einen deutschen Pass und fände alles andere auch nicht rechtfertigbar für mich, ich bin kein Gast, ich bin hier zu Hause, auch wenn ich meine Geburtsstadt als meine Heimat ansehe. BLANK: Erzähl mir von Tirgu Mures. Wie sieht es da aus? Gibt es Erinnerungen an Rumänien, die über die Sprache

hinausgehen oder ist es für dich selbstverständlich, auch an der rumänischen Gegenwart teilzunehmen? ST: Tirgu Mures ist die Quelle meiner schönsten Erinnerungen aus der Jugend. Grosseltern, Verwandte, Familie, das bestand und besteht dort immer noch, auch wenn sich viele bereits mit Erde zugedeckt haben. Es waren die Sommer, welche mir gezeigt haben, wie bunt und flirrend das Leben trotz Armut, heruntergekommener Viertel und viel Leid sein kann. Ich versuche immer noch jedes Jahr meine Stadt zu besuchen, und fühle mich absolut heimisch, wenn ich das Stadtschild passiere. Es ist trotz mancher infrastrukturellen Defizite ein charmantes einsturzgefährdetes Lebensgefühl – beispielsweise wurde ich vor wenigen Jahren im selben Krankenhaus vom Blindarm befreit, in dem ich auch geboren wurde, eine spannende Erfahrung.

Wenn es mir später möglich sein wird, möchte ich den Ausgang sehr gerne auch an diesem Ort nehmen, wo ich schon den Eingang nahm. BLANK: Sind Biografien wie die deine nicht eigentlich der ursprünglichste Antrieb zu Zusammenschlüssen wie zum Beispiel der europäischen Union, zum Zusammenwachsen der Völker in einer sich globalisierenden Zeitenwende, wenn man Werte, Sprachen und Gepflogenheiten herum reisen lässt? ST: Genauso wie die Eurogeldscheine die verschiedenen Länder besuchen, werden aus kleinen Mosaiksteinchen menschlicher Erfahrungen funkelnde Bilder neuer Gesellschaften entstehen, es ist ja schon voll im Wandel, doch gleiche Sprachen gleichen nicht Verständnis und Akzeptanz aus, die Offenheit der Seele muss das oberste Gut werden.

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„IST das wirklich

meine

stadt?“ Oder

„Kulturpolitik von und für

Bürokraten“ Hamburg – einstmals und zukünftig Text Cosma Shiva Hagen

S

eit über zehn Jahren lebe ich in meiner sogenannten Wahlheimat Hamburg. Vielleicht sollte ich noch hinzufügen: „Und das ist auch gut so!“. Denn seit geraumer Zeit werde ich mit ungläubigen, verdutzten Gesichtern bestraft, wenn ich zu der Frage nach meinem Wohnsitz mit „Hamburg“ antworte. Ich denke nicht, dass es daran liegt, dass die meisten Menschen Nina Hagen mit Berlin assoziieren, sondern daran, dass es den meisten Menschen schier unmöglich erscheint, als Schauspielerin und als Kunsthaus-Betreiberin in Hamburg zu überleben. Muss man als Künstler in Berlin angesiedelt sein? Die Presse überschlägt sich dieser Tage mit Meldungen über Künstler von Lindenberg bis Westernhagen, die dieser Stadt den Rücken kehren, weil der Reiz verloren gegangen ist und sie sich von der kreativen Szene Berlins angezogen fühlen. Dann liest man bahnbrechend intelligente Sätze wie „Hamburg darf im Wettbewerb um die besten Künstler und Events nicht den Anschluss verpassen“.…! …?

Nur, wer soll da helfen? Die Behörden? Bürokratisches Kulturschaffen geht meist in die falsche Richtung und oft am Publikum vorbei. Bedauerlicherweise hat noch niemand begriffen, dass es die Künstler, Musiker und Clubbesitzer sind, die die kulturelle Vielfalt einer Stadt gestalten und auch leben. Rücksichtsloser Umgang mit dem Nachtleben hat schon in anderen Städten dazu geführt, dass die Clubszene stirbt und es an geeigneten Venues mangelt. Wenn man die Themen „Subkultur Hamburg“ oder „Clubsterben Hamburg“ bei Google eingibt, wird man von einer Welle der Entrüstung und Panik überflutet. Dieses alarmierende Thema scheint grenzenlos und ein leises Flüstern wird langsam aber sicher zu einem hysterischen Anfall. Diskussionsforen sprudeln über, wenn es um die Clubs am Verkehrsknotenpunkt oder inzwischen Kulturknotenpunkt Sternbrücke geht, die bis zum Ende des Jahres 2009 das Feld für geplante Renovierungen der Deutschen Bahn räumen müssen. Dass die Frist für dieses Vorhaben nun bis 2014 verlängert wurde, tut der allgemeinen Panik verständlicherwei-

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Wenn man die Themen „Subkultur Hamburg“ oder „Clubsterben Hamburg“ bei Google eingibt, wird man von einer Welle der Entrüstung und Panik überflutet. se keinen Abbruch, denn beispielsweise der Waagenbau hat eines der abwechslungsreichsten Programme für alle Nachtschwärmer von Live Events bis zu Hip Hop, Elektronik und mehr. Das Ende des Waagenbaus und den umliegenden Clubs würde fast schon Münchener Verhältnissen gleichen… Das hört sich vielleicht übertrieben an, ist es aber keineswegs, wenn man bedenkt, dass die Staatsförderung der Elbphilharmonie von 70 Millionen auf 323 Millionen gestiegen ist und eine Plattform für eine Minderheit bietet. Ich will damit nicht sagen, dass die Elbphilharmonie überflüssig wäre! – Aber das Geld und vor allem die Energie, die investiert wird, beispielsweise in Akustiker, Architekten, Anwälte, Pläne und Gedanken, ist im Vergleich zu laufenden, um Hilfe ringenden Institutionen Hamburgs geradezu lächerlich. In Zeiten der Weltwirtschaftskrise wird gespart und an anderen Ecken wird geprasst. Die kleinen Clubs sterben, Arbeitsplätze gehen flöten, Existenzen werden ruiniert und es gibt keine vernünftige Förderung für Musik-, Club- und Kunstliebhaber im Alter von 20 bis 50 Jahren – also rund 70 Prozent der Gesellschaft. In der Vergangenheit gab es keinen guten Club ohne Gerüchte über eine Schliessung, sei es beispielsweise wegen finanzieller Probleme wie im relativ kleinen Molotow, wo Bands wie Mando Diao, Billy Talent, The White Stripes und andere ihre ersten Hamburg-Konzerte vor kleinem Publikum hatten. Anderswo ist die Lautstärke problematisch oder es gibt Querelen mit den Behörden. Fakt ist: Jede Schliessung beschneidet und unterdrückt die kulturelle Vielfalt der Stadt. Es ist mir ein Rätsel, warum es von der Stadt keine Förderung für die lebenswillige eigenständige (Sub-)Kultur Hamburgs gibt

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GESELLSCHAFT

und man sich gleichzeitig darüber wundert, dass viele Künstler, die hier leben, das Weite suchen, obwohl Hamburg als so weltoffen gilt. Möglicherweise bin ich bei diesem Thema ein wenig emotional aber ich glaube zu wissen, wovon ich spreche. In einem Anflug von Idealismus und Naivität habe ich im Mai 2009 die „Sichtbar“ eröffnet. Ich wollte im Rahmen einer Nachtclub-Galerie eine Plattform für Künstler aller Art schaffen und stellte mir das Ganze als eine endlose kreative Party vor. Schnell begriff ich, dass 80 Prozent der Arbeit das bürokratische Umkämpfen der eigenen Rechte darstellt. Andere Clubbesitzer sagten mir nur mit einem wissenden, müden Lächeln „Willkommen in der Gastronomie“. Es ist fast unmöglich, mit Musikclubs Geld zu verdienen. Abzüglich der Personal- und Technikkosten, Abgaben an die Künstlersozialkasse oder die GEMAGebühren, Quellensteuer usw. bleibt letztendlich meist nichts übrig. Ich las in einem Interview mit Karsten Schölermann, der seit mehr als 30 Jahren das „Knust“ betreibt und 2001 umziehen musste, um drei Jahre später im Schlachthof ein neues Domizil zu finden: „Musikclubs gibt es nur, weil es Selbstausbeutung gibt, wir werden einem Tarif zugeordnet, der für Tanzmusik in Hotelfoyers geschaffen wurde, machen aber keine Unterhaltung

sondern Präsentation, bilden Nachwuchs aus, auch den der GEMA, und werden dafür bestraft.“ Es gibt kaum eine Verhältnismäßigkeit bei der Wahrung der Rechte der Anwohner vs. der Rechte der Kulturschaffenden und Genießenden, grosses Beispiel dafür ist die Geschichte von Leila Pantel, Bossanova-Sängerin aus Hamburg, die um 23 Uhr bei einem Live Konzert am Hamburger Berg wegen einer einzelnen Beschwerde von der Polizei gestoppt wurde… Und wir sprechen hier von leisen BossanovaTönen, nicht von einem Subwoover, 150 bpm und elektroakustische Verstärkung! Ich wage zu bezweifeln, dass die Geräuschkulisse am Hamburger Berg durch die Beendung des Konzerts in irgendeiner Weise geschmälert wurde. Im persönlichen Miet- und Wohnrecht sind 2 Stunden täglich für eine „laute“ Beschäftigung – beispielsweise das Üben eines Instruments – erlaubt. Gastronomisch und gewerblich sieht es da leider anders aus. Eine einzige Beschwerdeperson kann den ganzen Saal stoppen. Um ein anderes sehr gutes Beispiel für Behördlichenwahn ohne Sinn zu erklären, erzählt man sich in Hamburg gerne das Schanzenviertel-Märchen: „Es war einmal, vor sehr langer Zeit ein unentdecktes Land, wo alles schöne bald verschwand…“ Im März 2009 explodierten die Mietpreise im Schanzenviertel und alt eingesessene Bewohner und Ladenbetreiber mussten sich in Staub auflösen. Läden, die seit jeher dort angesiedelt waren, mussten sich von neuen Läden verdrängen lassen. Peter Haß, 63-jähriger Robin Hood der Schanze, der seit mehr als 30 Jahren dort lebt und als Mitglied des Bürgerzentrums „Centro Soziale“ für den Erhalt des Viertels kämpft, sagte: „ Wenn das so weiter geht, haben wir bald nur noch SchickiMicki-Läden und -Ketten hier, die im

Ich würde mir von eingefleischten Hamburgern eine Art Revolution wünschen, um die Seele der Stadt zu erhalten.


Zentrum der Stadt schon mehrfach zu finden sind.“ Wenn man die Besonderheit eines Stadtteils ausdrücken will, würde man vielleicht auch den Ausdruck „das gewisse Etwas“ benutzen. Entweder man hat es, oder man hat es nicht! Die Ausstrahlung kommt von innen! Geographisch gesehen kann man also sagen, dass das Innere des Schanzenviertels die Menschen sind, die dort leben, arbeiten und etwas kostbares erschaffen – man könnte auch sagen, sie erschaffen gemeinsam die Seele des Viertels.

werden, weil man der Meinung ist, dass „sonst niemand Interesse daran haben könnte, etwas zu beschädigen“. Warum also lässt Hamburg das zu? Unwissenheit? Ignoranz? Habgier? Vielleicht eine Mischung aus all diesen Dingen. Der rettende Prinz heißt „Macciato-Stop“ und soll im kommenden Jahr mit einer Schutzverordnung mehrere Szeneviertel vor dem Untergang bewahren. Mitte 2011 soll eine Verordnung in Kraft treten, die die angestammte Bevölkerungsstruktur auf St. Pauli, im Karovier-

Aber ich frage mich, seit wann Aschenputtel zum Dornröschen wurde und eine Stadt sich vor sich selbst schützen muss, weil sie verschlafen hat, welch individuelle Schönheit sie in Wahrheit besitzt. Hamburg hat diese Seele an den Teufel verkauft. Seither erhofften sich nicht nennenswerte Firmen, dass sich durch ihre bloße Anwesenheit im „Schanzenhimmel“ wenigstens ein bisschen dieser sogenannten Seele abfärbt. Aber das Gegenteil war der Fall! MANN KÖNNTE ES AUCH ALS IRONIE DES SCHICKSALS BEZEICHNEN, dass man sich tatsächlich darüber wundert, dass die vor Diebstahl schützende Glasscheibe vorm Laden keine 24 Stunden hält und der Nachbar nichts abbekommen hat. Erleichtert stellt man fest, dass „zum Glück nichts geklaut wurde“ und ein Wink mit den Zaunpfeil wird zu einer Geschichte voller Missverständnissen… Denn niemand, der durchs Schanzenviertel läuft, braucht diese kommerziellen Läden. Die einzigen, die darunter leiden, sind die Ureinwohner die nun Gast im eigenen Land sind, oder Punks, die für alles schlechte verantwortlich gemacht

tel, in St. Georg und dem Schanzenviertel vor Luxussanierung oder spekulativer Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen bewahrt. Aber ich frage mich, seit wann Aschenputtel zum Dornröschen wurde und eine Stadt sich vor sich selbst schützen muss, weil sie verschlafen hat, welch individuelle Schönheit sie in Wahrheit besitzt. Tourismus entsteht nicht im Reiseführer! Sondern beispielsweise in den größten Musikclubs oder auf der Strasse – durch Mund-zu-Mund-Propaganda, Stille Post. Menschen lernen sich kennen und fragen: „Was ist das Geheimnis deiner Stadt? Wo muss man hin, wenn man die ‚heiligen Hallen‘ nicht verpassen möchte?“ Geheimnisse sind vergänglich! Und trotz der vielbesagten nordischen Distanz und Kühlheit ist auch dieses Geheimnis öffentlich geworden und Behörden, Geld

und Firmen haben versucht, ihren Teil zu sichern. Ich würde mir von eingefleischten Hamburgern eine Art Revolution wünschen, um die Seele der Stadt zu erhalten, beispielsweise in Form von Beschwerde-Briefen an die Senatsbehörden: Einen Kampf anzetteln für die Förderung der vielfältigen kreativen gewachsenen Subkulturen und deren Rechte . Frei nach dem Motto: „ …they tried to make me go to rehab, but I said no no no…!“ Eine lebende Hamburger Legende namens Otto Waalkes gab mir vor einigen Jahren den Ritterschlag und machte mich zum deutschen Schneewittchen. Die Frage zur Schönsten im ganzen Land ist mir seitdem also nicht unbekannt. Meiner Meinung nach ist Hamburg die schönste Stadt Deutschlands und schon deswegen zu beneiden. Auch wenn es die reichste Stadt nach dem letzten Krieg war, kann man sich Style bekanntlich nicht kaufen. Die Internationalität durch den Hafen, die Menschen, die Mentalität und die Schönheit dieser Stadt machen Hamburg einzigartig. Wenn sich weiterhin alles darum dreht, Stadtteile zu ändern weil keiner begreift, dass der Stadtteil von den Menschen und nicht von den Behörden gemacht wird, nimmt das eine sehr traurige Wendung. Es ist mir unbegreiflich, das Institutionen, die von der Kultur einer Stadt leben wollen und es im Endeffekt auch tun, ihren Kultur (er)schaffenden Instanzen Steine in den Weg legen, statt sie zu unterstützen und die grundlegendste Wahrheit ihrer eigenen Arbeit nicht begreifen: Musikclubs sind keine kommerziellen Betriebe, es sind Kulturbetriebe! Und freie Kultur entsteht nur da, wo es keine Frage des Portemonnaies ist. Die Moral der Geschichte lässt sich schnell zusammenfassen: Hamburg lässt sich nicht so einfach über den Tisch ziehen. Denn der wichtigste Faktor wurde beinahe vergessen: Das Herz, das mit jedem Schlag den Ton angibt! Jan Delay sagte einmal: „Das ist meine Stadt, schön und abgefucked“. Ich würde noch hinzufügen: „So soll es sein, so kann es bleiben.“

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WHAt

HAPPEnED to tEnnIS? TexT JohanneS Finke FoTograFie MaTThiaS DaViD

ich habe in diesem Jahr wieder angefangen, unregelmäßig regelmäßig Tennis zu spielen. Mein Partner ist nicht besonders talentiert und wird das in seinem fortgeschrittenen alter auch nicht mehr Wett machen können, aber er ist ambitioniert und gibt sich redlich Mühe. ich glaube er möchte nicht all zu schlecht da stehen, wenn er seine Fähigkeiten im Tennis nutzt, um sich als host seiner kleinen Web-TV-Show einigermaßen sportlich und begabt zu präsentieren. Doch das wird schwer. aber wir arbeiten daran.

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N

atürlich macht das nicht immer besonders viel Spaß und fördert auch das eigene Können nicht besonders, dafür strengt es auch nicht all zu sehr an. Man muss ja klein anfangen. Der Körper muss sich wieder daran gewöhnen, dass Muskeln beansprucht werden, die seit Jahren keiner wesentlichen Belastung ausgesetzt waren und die Lunge…, na ja, die Lunge die ist auch noch da. Doch ich bin soweit. Ich fühle die Finesse, den geschärften Geist. Alles kehrt wieder. Ich habe sogar eine Ahnung bekommen, was es heißt, auf dem Platz mit seinen Kräften zu haushalten. Ich spüre die Lockerheit beim Aufschlag und bei meiner einstigen Schwäche, dem Volley, erlebe ich neue Dimensionen von Verständnis. Demnächst frag ich mal auf den Nebenplätzen nach, da spielen öfters junge Damen, der Rückhand nach zu urteilen meist Hingis-Generation. Sie spielen schwungvoll und mit großem Krafteinsatz, ihr Spiel wirkt dynamisch und nicht ganz so verbissen. Ich spreche sie mal an, ganz zufällig, beim Ball auflesen oder Platz abziehen, ob nicht jemand gewillt ist, mit mir mal ein paar Bälle zu schlagen. Der Spielfreude und der Optik wegen. Mit fünfzehn, sechzehn hatte ich dafür keinen Blick. Die Ästhetik eines weißen, kurzen Rockes und weißer Socken in Sneakers in Verbindung mit schulterfreien Tops oder schlichten Polohemden und dem sich darin abzeichnenden Bewegungsapparat war mir damals nicht so bewusst. Meine Sexualität kam noch ohne Fetisch aus. Damals sollten Mädchen am Besten nichts mit Tennis zu tun haben, denn ich ahnte meinen nahenden Abschied von diesem Sport und wollte die Emotionalität der Liebe nicht den Regeln von Leistungssport unterwerfen. Ich hatte genug vom Leistungs- und Erwartungsdruck. Warum weiter mühen, wenn doch längst klar war, dass weder Sport noch Menschen mich weiterhin begeistern können. Der Sport hatte mich meine Lektionen gelehrt und in der letzten wurde mir klar, dass ich emotional schon längst ganz anderen Dingen verhaftet war. Mit zehn war das noch anders. Es war der Sommer fünfundachtzig und Becker

setzte im Finale von Wimbledon gegen Kevin Curren zum letzten Aufschlag an, als ich mit knapp dreißig anderen Jugendlichen im alljährlichen Tenniscamp den entscheidenden Schub bekam, der mich die nächsten 3, 4 Jahre an diesen Sport fesseln sollte. John McEnroe, Jimmy Conners und Ivan Lendl waren stets so weit weg, Boris Becker schien ganz nah. Doch was soll’s, irgendwann signalisierte mir der Zeitgeist, dass ich mit Gitarre, Skateboard und weichen Drogen erstmal besser zu mir finden würde. Seit Beckers Abschied vom Tenniszirkus ist Tennis in Deutschland sowieso nicht mehr dasselbe. Und, sind wir mal ehrlich, auch wenn Michael Stich ein paar Mal wirklich klasse Tennis gespielt und sogar Becker in dessen Wohnzimmer Wimbledon eine schreckliche Niederlage beigebracht hat, so hat er doch nie wirklich jemanden interessiert. Und wer kam dann: Kiefer war und ist ein netter Typ, aber kein wirklich richtiger „Typ“. Auf dem Court war er ein Jedermann, nicht nur von der Wechselhaftigkeit seiner Leistungen, auch sein Stil und sein Gebaren. Auf dem Platz und mit dem Schläger in der Hand war Kiefer nie etwas wirklich Besonderes. Und Tommy Haas war, zumindest mir, schon immer suspekt. Fast schon vergessen, dass der ehrgeizige Vater 1990 Anleger überzeugte, Geld in seine mehr oder weniger begabten Kinder zu investieren. Tommy war damals zwölf und galt nicht unbedingt als das Non Plus Ultra im deutschen Tennis-Nachwuchs. Doch der Vater konnte überzeugen und eine Rendite in Aussicht stellen, eine Tennistalentförderungs-GmbH wurde gegründet und die Anleger bis 2004 mit 15% am Income beteiligt. Doch während Schwester Sabine bei der Rendite nicht besonders hilfreich war, spielte der Sohn fleißig Preisgelder ein. Es dürften wohl so 10 Millionen gewesen sein. Doch anstelle anders lautender Vereinbarungen stellte Haas die Zahlungen 1999 ein. Das ganze endete erwartungsgemäß vor Gericht und Haas musste nachzahlen. Auch die Tatsache, dass er mittlerweile die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat zeigt, dass Tommy Haas seit seiner Zeit beim ehrgeizigen Erfolgscoach Nick Bollettieri keine große Bindung mehr zu seiner Heimat besaß. Er verstand sich in erster Linie immer als

Tennisprofi, als jemanden, der seinen Job macht und sich im harten Profi-Alltag der Tour zuerst um seine Belange kümmert. Publikum und Presse spüren so etwas und verlieren Interesse. Und ein deutscher Spieler, der Branchengrößen wie Federer und Nadal in die Quere kommen könnte, geschweige denn in der Lage ist, einen Moment so magisch werden zu lassen, dass sich die Nation begeistern lässt, ist nicht in Sicht. Tennis ist nach wie vor ein toller Sport, technisch hochgradig anspruchsvoll, ganzheitlich, taktisch und unglaublich spannend, doch Tennis in Deutschland ist wieder da, wo es vor Becker war. Irgendwo da wo auch Hockey ist. Und Golf. Da darf man sich nichts vormachen. Ich habe dagegen festgestellt, dass Tennis herrlich trashig sein kann und dass ich mit Tennis hin und wieder tatsächlich wieder richtig Spaß haben kann. So wie bei diesem Shooting mit Laura Osswald („Doctor’s Diary“) und unserem Hausfotografen Matthias David auf den Plätzen im Volkspark Friedrichshain. Der Belag, eine Art Kunstrasen, scheint auch ganz gut für die Gelenke zu sein. Kommt mir entgegen. Und man wird nicht so schmutzig, wie wenn man im roten Sand wühlt.

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Listen all of y‘all,

it‘s Hello again!

Eine Kolumne von Sven van thom

„Wollen wir dieses Jahr nich‘ zu Howard gehen?“, fragt mich Gotti. Um Himmels Willen! Will ich das? Bin ich wirklich schon bereit für Howard? Ich meine, ich bin jetzt 32 Jahre alt und halte mich selber für geistig noch völlig auf der Höhe. Wenn ich jetzt tatsächlich schon zu Howard gehe, ist das nicht ein eindeutiges Eingeständnis, dass ich mich längst viel älter fühle, als ich tatsächlich bin? Gotti war jedenfalls 2003 schon einmal bei einem Howard-Carpendale-Konzert und schwärmt noch immer in den höchsten Tönen von diesem Ereignis, und das, obwohl Carpendale selber relativ lustlos seine Show durchgezogen haben soll. Mittlerweile ist Howie 64 Jahre alt, und ich kann mir kaum vorstellen, dass seine Lust, auf der Bühne zu stehen und seine alten Hits zu singen, in den letzten sieben Jahren merklich größer geworden ist. Bei Wikipedia ist übrigens zu lesen, dass Howard auch am Entstehen der Titelmusik zu „Meister Eder und sein Pumuckl“ beteiligt war. Ob er das Lied auch auf seinen Konzerten singt und dabei lustig über die Bühne hüpft? Eine niedliche Vorstellung. Ich bin mir nur nicht sicher, ob das ein Grund wäre, zu einem Howard-Carpendale-Konzert zu gehen. Oder vielleicht doch eher ein Grund dafür, auf keinen Fall hinzugehen? Neulich musste ich ja weinen, als ich Howard Carpendale gehört habe. Nee, also nicht so richtig weinen, sondern mehr so das Vergießen einer Glücksträne. Vielleicht lag es auch daran, dass ich sowieso gerade glücklich war, als ich an jenem Morgen durch den Schnee nach Hause stiefelte. Am Tag zuvor hatte ich mir „Du hast mich“ heruntergeladen. „Du hast mich“ ist wahrscheinlich das beste Lied,

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das je geschrieben und aufgenommen wurde. Okay, okay, jetzt wird‘s unrealistisch. Aber es ist definitiv das beste Lied auf der Langspielplatte „Howard Carpendale Nr. 1“ von 1970. Was das Lied so besonders macht, ist wohl der Umstand, dass Herr Carpendale hier ansatzweise versucht, so wie Jimi Hendrix zu klingen. Nicht nur die Lead-Gitarre nervt sich grotesk verzerrt durch den Song, nein, auch Howie röhrt zwischendurch wie ein brünftiger Hirsch im Walde. Eine wahre Pracht.

iTunes „Tränen des Glücks“ in die Suchmaschine eingibt, dann erscheint nur der Satz: „Ihr Suche lieferte keine Ergebnisse.“ Sollte wirklich noch kein Schlagerproduzent auf die Idee gekommen sein, ein Lied namens „Tränen des Glücks“ zu schreiben? Nicht einmal Howie? Verrückt!) Neulich, beim so genannten Auflegen in einer Bar im Friedrichshain, gelang mir sogar der geschmackliche Glücksgriff, „Hello Again“ gleich nach „Sabotage“ von den Beastie Boys zu spielen. Was für eine Mischung! Aber ich schaute in glückliche Gesichter, und die Gäste tanzten einfach weiter. Das sind die Momente, in denen ich anfange, debil zu lächeln, denn ich weiß: Ich bin nicht allein. Ihr findet Howie doch auch alle geil! Und nun will Gotti also mit mir zum Carpendale-Konzert gehen. Gehe ich hin? Gehe ich nicht hin? Vielleicht doch lieber zu Arcade Fire?

Es ist völlig zwecklos, mir selber weiterhin etwas vorzumachen und so zu tun, als würde Howard Carpendale in meinem Leben überhaupt keine Rolle spielen. Ich lade seine Musik aus dem Internet herunter, bezahle sogar dafür, ich stehle seine Plakate von Theaterkassen, ich wähle um acht Uhr morgens gerade eines seiner Lieder aus, obwohl ich auch eines der anderen 12.000 auf meinem iPod hören könnte, und ich verspritze auch noch „Tränen des Glücks“ dabei. (Wenn man übrigens bei

Sven van Thom ist Sänger, Gitarrist und Schreiber seiner eigenen Lieder in Deutscher Sprache und jetzt auch BLANK-Kolumnist. Seine großen Themen sind Melancholie, Liebe und Albernheit. Er wurde 1977 geboren, wuchs in einem Dorf namens Stolzenhagen, nicht weit von Berlin auf und wohnt nun seit mehr als zehn Jahren in der Hauptstadt. Regelmäßig (an jedem letzten Sonntag im Monat) kann man Sven van Thom live im NBI in der Kulturbrauerei erleben. Dort tritt er mit seinem Wegbegleiter Martin Gottschild unter dem Namen „Tiere streicheln Menschen“ auf. Zwischendurch tourt er durch die Republik, veröffentlicht CDs oder produziert die Musik seiner Band BEATPLANET und die anderer Künstler.


Niemals Satt

Immer Hunger Text Elmar Bracht Fotografie Matthias David

So wie Tag und Nacht, im Schatten und im grellen Licht, behutsam und polternd – Ein paar Gedanken zur wunderbaren Sophie Hunger, einer verderbenden Weltsicht und warum Lykke Li weder wichtig noch geil ist.

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Im Dezember bei Sido war es hier nicht so voll. Und nicht so schön. Siebenundzwanzigster Mai. Astra Berlin. Viele Brillen. Viele Grüppchen aus drei oder vier Frauen. Auszüge eines Indie-Publikums. Radio-Fritz oder MotorFM-Hörer. Selten stilsicher, heute abend jedoch zielsicher am richtigen Ort. Der Schlagzeuger einer deutschen Indie-Band humpelt mit Gips und Krücken vorbei. Respekt. Auf dem Immergut musste der Sänger deshalb wahrscheinlich Geschichten lesen. Dann Sophie Hunger. Alles stimmt. Licht. Sound. Die begleitenden Musiker. Alles schlicht, zurückhaltend, alles um Fräulein Hunger kreisend. Man fühlt sich schlecht und gut. Man fühlt sich ertappt und ausgeleuchtet. Die intime Unnahbarkeit ihrer Bühnenpräsenz macht einen still und starr staunend. Man fängt an zu ahnen, warum man hier und noch nicht beim heute stattfindenden Mitte-Szene-Event mit Lykke Li ist. Doch es treibt an. Es zieht weg. Die alte Angst, etwas zu verpassen oder Gruppenzwang oder, wie man auch öfters sagt: Biz.

Zehn Minuten Taxi in eine andere Welt, der Empfang, die Gästeliste, das weitläufig hergemachte Ambiente; das Raumkonzept aus großen Quadern, die labyrinthisch angeordnet den Weg zu Bar, Bühne und Präsentationsfläche weisen. Dort steht ein Auto. Ab und an setzt sich jemand rein. Ab und an poliert jemand die Fingerabdrücke weg. Ab und an trifft man jemanden, den

Die intime Unnahbarkeit ihrer Bühnenpräsenz macht einen still und starr staunend. man nicht scheiße findet. Es gibt Whiskey Sour: Bourbon, Zitronensaft, Limette und Zuckersirup. Keine Ahnung was drin ist. Und wieviel. Er schmeckt etwas sauer. Doch es gibt auch Bier. An einer anderen Bar. Näher am neuen Volvo. Ich glaube er war weinrot. Eine Art von Weinrot. Ich mag Volvo. Lykke Li war schon auf der Bühne. Drei Songs. Jemand sagt, es waren mindestens gefühlte sechs Songs. Egal. Weit nach Mitternacht kommt sie nochmal auf die Bühne. Für gefühlte zwei Songs. Ein paar Beats. Bumm Bumm. Sequenzer. Ein bisschen Gitarrenkrach. Ein bisschen posieren. Ist ja gut, wir haben verstanden. Heute keine Burka als Bühnenshowelement? Das ist der Gegenentwurf. Schnöder Hype. Für eine Tat, wie die meine an diesem Abend, für diesen Akt der Verweigerung zugunsten schnöder Dekadenz, wird man in anderen Kulturen erschossen. Nochmal Glück gehabt. Entschuldigen Sie, Fräulein Hunger, ich habe gelernt.

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ROBYN –

personifizierter DANCE POP Text & Interview MIRNA FUNK

Es ist Anfang Mai und die ersten Sonnenstrahlen wärmen Berlin in einer sommerlichen Intensität auf. Die Flocken der Pusteblumen verwandeln die ganze Stadt in ein weißes Märchen. Ich mache mich auf den Weg in die Pfuelstraße. Zwischen Mitte und Kreuzberg, direkt am Wasser gelegen, befinden sich die Büros von Ministry of Sound. Hier soll mein Interview mit der Sängerin Robyn stattfinden. Eine Stunde wurde mir versprochen. Vor ein paar Tagen habe ich, zur Vorbereitung illegal Musik von ihr heruntergeladen. Geschafft habe ich von jedem Song nur wenige Sekunden. Zu schnell setzte ich ein quälendes Gesicht auf. Unbefangen und trotzdem kritisch werde ich in das Interview gehen. Über 30 Jahre ist sie mittlerweile alt. Vom Teen Star zum Pop Star mutiert. Immer scharf an der Geschmacksgrenze entlang schliddert ihre „Euro Dance Pop “ Musik. In den Büros werde ich freundlich empfangen. Ein bisschen Wasser hier, ein bisschen Gebäck dort. Man lässt mich warten. Eine halbe Stunde vergeht. Ich werde in den lichtdurchfluteten Raum geführt. Da sitzt sie schon am Ende des Tisches. Ein kleines dünnes Mädchen mit kurzen blonden Haaren. Müde sieht sie aus, während sie mich anlächelt. Ihre schiefen Vorderzähne blitzen durch die Lippen. Die ersten 20 Sekunden sollen, laut der Wissenschaft, die Sympathie bestimmen. Mein Bauchgefühl empfängt starke antipathische Störungen. Ich versuche mich auf meine Fragen zu konzentrieren, die auf einen weißen Zettel geschrieben sind. Nach 20 Minuten kommt ihr Manager und beendet das Interview. Ich bin erleichtert.

gefällt dir die Stadt? ROBYN: Ich mag Berlin. Es ist eine wirklich schöne Stadt. Ich mag die kulturellen Angebote.

BLANK: Was genau bedeutet dir Musik? ROBYN: Es ist mein Hobby. Es ist die Art wie ich meine Sicht auf die Welt ausdrücke.

BLANK: Du bist ein klassischer Teen Star. Wie war es, so aufzuwachsen? ROBYN: Ich habe darüber nie nachgedacht. Das Label Teen Star ist ein Medienbegriff für jemanden, der früh anfängt zu singen. Es war alles ein großer Zufall, damals. Ich wurde entdeckt und schlagartig war ich Teil der Pop-Industrie. Es hat mir viel Spaß gemacht. Vor allem, aber konnte ich viele Erfahrungen sammeln.

BLANK: Wenn du Musik hörst, kannst du dann diese Musik einfach nur genießen oder hörst du genau darauf, welche Samples benutzt wurden oder wie sie produziert ist. ROBYN: Sicher, wenn sie gut ist. Aber man wird sehr picky. Ich kann definitiv nicht einschlafen, wenn Musik läuft, weil sie mein Gehirn aktiviert.

BLANK: Wie geht es Dir? ROBYN: Gut, gut. Ein bisschen müde bin ich.

BLANK: Was glaubst du, wo du jetzt wärst, wenn es diesen Zufall nie gegeben hätte? ROBYN: Ich glaube, ich wäre genau dort, wo ich auch heute bin. Ich wäre nur auf normalerem Wege ins Pop Business gestoßen. Jung anzufangen ist hart, aber es gibt dir viele Möglichkeiten Erfahrungen zu machen. Besonders, wie die Musikindustrie funktioniert.

BLANK: In ein paar Tagen gibst Du ein Konzert im Berghain. Wirst du bis dahin in Berlin bleiben oder kommst du noch mal zurück? ROBYN: Nein, ich fliege morgen früh und komme in ein paar Tagen wieder.

BLANK: Kannst du dir vorstellen etwas ganz anderes als Musik zu machen? ROBYN: Es gibt viele Dinge, die ich gerne machen würde, aber die Musik nimmt mich komplett ein. Deswegen habe ich nicht wirklich die Möglichkeit.

BLANK: Du bist nicht das erste Mal in Berlin, sondern kommst öfter. Wie

BLANK: Was zum Beispiel? Ich weiß nicht. Vielleicht studieren.

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MUSIK

BLANK: Was sind deine Lieblingsmusiker? ROBYN: Das wechselt die meiste Zeit. Prince war sehr wichtig für mich. Da ich in den 90ern aufgewachsen bin, kommen natürlich alle wichtigen 90er-Jahre-Musiker dazu, wie Technotronic und Neneh Cherry. Aber Prince war definitiv ein wichtiger Einfluss. BLANK: Was hörst du momentan auf deinem ipod? ROBYN: Ich liebe elektronische Musik. Wie Chicago House. Ich war immer ein Fan von Pop-Musik. Daher liebe ich Dr. Alban, Michael Jackson und Janet Jackson. BLANK: Du bist ja in den 90´ern mit Dance Music aufgewachsen. Inspiriert sie dich immer noch? ROBYN: Ja, definitiv. Tanzen an sich ins-


piriert mich, sich zu bewegen war immer wichtig für mich. Dance Music inspiriert mich dann, wenn sie experimentell wird. Wenn es kulturell wird. Es ist immer noch ein sehr unentdecktes Feld. Auch diese Basis, auf der sich alle treffen, die in einen Club gehen. Zum Beispiel, um zu tanzen und Spaß zu haben. Das ist sehr experimentell und frei für mich. BLANK: Gehst du aus? ROBYN: Ja, ich gehe immer noch aus. Ich liebe es, in Clubs zu gehen. ClubKultur war die Inspiration für dieses Album. Die Tanzfl äche ist das, wo alle Menschen, sich ihren Gefühlen hingeben können. Es geht nicht nur ums glücklich sein. Es geht darum, dass der Club eine Plattform ist, menschliches Verhalten zu beobachten. Die Hoffnungen und Träume bevor man in die Nacht rausgeht. Werden sie erfüllt oder nicht? Es ist wie eine Kirche. Es ist ein wichtiges Element, in Zeiten, in denen man mehr und mehr kontrolliert wird. BLANK: Aber ist es nicht eine ständige Wiederholung? Die Hoffnungen und Träume, die man vor einem Abend hat. Am Ende ist es doch dasselbe Prozedere. Nur die Menschen mit denen man die Erlebnisse hat, wechseln mit jedem Wochenende. ROBYN: Ja vielleicht, aber das ist mir egal. Es geht mir nur darum, was in meinem Kopf vorgeht. Nicht, was die anderen erleben. BLANK: Möchtest du eine Familie? ROBYN: Ähm. Ja. Wahrscheinlich. Irgendwann. Natürlich muss man sich als Frau diese Gedanken machen, aber im Moment geht es mir so gut, dass ich nichts ändern wollen würde in meinem Leben. Ich habe einfach Spaß. BLANK: Wenn jetzt eine Fee käme und dir drei Wünsche erfüllt. Welche wären das? ROBYN: 1. Mehr Zeit. Der Tag sollte mehr Stunden haben, um all das erledigen zu können, was ich zu tun habe. 2. Ich würde gerne Malcom McLaren treffen. 3. Wirless Internet auf meinem Computer. Überall in der Welt, aber umsonst.


ge Rockschwarten mit Techno. Keine großen Überraschungen halt, nur der Wahnsinn hält sich wie schon erwähnt in Grenzen, in die ihn die Funktionalität aka Songintelligenz gewiesen hat. So ist die bisher am wenigsten „patchworkige“ !!! Platte entstanden, die stellenweise zwar richtig schön pumpt, deren glitzernde Oberfl ächen aber beizeiten auch mal tierisch auf den Sack gehen, eben weil es darunter nichts Substanzielles mehr zu entdecken gibt. Für Fans heißt das: Kein „Me And Giuliani By The Schoolyard“ mehr. Man könnte in einem fi ktiven Interview als Abschluß auch sagen: Finally, !!! have reached their destination – they´ve embraced the dictatorship of the beat. (DV)

bLAck mETAL

The funeral pyre

„Vultures At Dawn“ (Prosthetic Records)

pROgpOp

!!!

„Strange Weather Isn´t It?“ (Warp) Die drei Ausrufezeichen aus Brooklyn machen zwar auf der neuen Platte nicht alles richtig, Gott sei Dank aber auch nicht all zu viel falsch. Irgendwie ist der inzwischen neu zusammen gewürfelten Band die krautige Weirdness abhanden gekommen, stattdessen fusionieren die drei verbliebenen Mitglieder mit den drei Neuzugängen nun supertransparent – und verstärkt radiofriendly – Indiedisco mit Strassenfunk, glossy Electronica mit irrlichterndem Hipstertum und räudi-

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MUSIK

Die wohl beste Blackmetalscheibe dieses Jahr dürfte von The Funeral Pyre kommen. Mit den bekannt-beliebten, genrefreundlichen Zutaten wie Hexengekeife, Hasenfi ckdrumming, sirenenartigen Gitarren und einer – im H.P. Lovecraft´schen Sinne – monochromen Wand aus signifi kanten Halbtönen prügelt man sich durch eine mächtige Ahnenhalle: Venom, Sabbath, Dark Throne, Morbid Angel und Slayer; um ein paar der bekannten Namen zu droppen, die im Black/True Metal Kanon ästhetische Schwergewichte sind. Die fünf Schwarzmaler aus den U.S. of A. vermischen wunderbar intuitiv Doom mit Midtempomosh, Thrash und teufl isch dräuende Ambientscapes mit einem trommelfellmassierenden Geschwindigkeitsrausch. Quasi ein dreiviertelstündiger Exorzismus. Für Freunde des Genres eine zutiefst euphorisierende Angelegenheit. Alle anderen dürften es tatsächlich hassen. Ja, richtig gelesen: HASSEN. Weil zu unsexy, unzeitgemäß, misanthropisch, tribalistisch, krachig und, äh,… schlicht zu authentisch in seiner beständigen Schwarzmalerei. Nun ja, ist es zu schnell, bist du zu schwach. Für die neugierig gewordenen Leser unter euch: Funktioniert super beim Haustiere opfern und in der Muckibude. Minus der etwas muffig

garagigen Produktion wäre dies defi nitiv „Metal Machine Music For The 21st Century Neanderthal“. Ach ja, bevor ich es vergesse: R.I.P. Ronnie James Dio, sizilianischer Vater aller satanistischer Fingerübungen. (DV)

pOp

smooth

„Parade“ (Discograph) Wie zum Teufel schaffte es ausgerechnet ein Trio aus Nantes, auf deren aktueller Platte alle konsensträchtigen Popproduktionen der letzten Jahrzehnte Aufsehen erregend zu vereinen? Phoenix, Amy Winehouse, Fatboy Slim, Mark Ronson, Portishead, Stranglers, Gainsbourg etc. Smooth erhalten sich dabei verrückterweise auch immer einen spätneunziger HipHop Vibe der die Songs erdet und nicht in im ästhetischen Einerlei verkommen läßt. Eine ziemlich coole Sache wenn man bedenkt wie sehr sich Bands einen abbrechen, um Credibility, Emotion und Form zu einem stimmigen Bild zu verquirlen. Einzig beim Gesang gibt es einen minimalen Punktabzug, da er den wunderschönen Instrumentals nicht ganz das Wasser reichen kann und irgendwie eher Indiestylemäßig mitläuft als eben noch eine kompositorische Schippe draufzulegen. Wäre aber auch vermessen gewesen, das zu verlangen, oder? Fazit: Superüberraschung ohne Ausfälle und mein Tipp für die Konsenssommerplatte 2010. (DV)

kRAuTcLub

feindrehstar

„Feindrehstar“ (Kompakt) Kaffehaussound 4.0? Schicke, todestrockene Produktion im Spannungsfeld von Jazz und Dancefloor mit dem besonderen Augenmerk auf kniffl ig straighte Rhythmusarbeit. Ist zwar in etwa so originell wie Urlaub auf den Balearen aber was soll´s? Gut gemacht, gut gemischt und auch gut und gerne als Compilationersatz einsetzbar. (DV)


QuERbEET „10“MIT CRIS ALEXIS Die obersten zehn Promos vom vorsortierten Haufen nehmen und in den Zug Richtung Esslingen bei Stuttgart steigen. Dort treffe ich Cris Alexis, der zur Zeit seine ersten Ausstellungen für den Herbst in Barcelona und Berlin vorbereitet, also Farbe auf Leinwand knallt beziehungsweise auf gelbe Säcke und Styroportafeln. Puppen macht er jetzt übrigens auch noch. Zwischen viel Farbe, umgeben von Dämonen und Fratzen die von Leinwänden starren, unter einer im Raum hängenden Puppe im BondageLook und bei gefühlten vierzig Grad legen wir irgendwann die CDs ein. Eine nach der anderen. Die Presseinfos legen wir zur Seite. Auf einer sollte später ein Gedicht enstehen, ein kryptischer Verweis auf Rauch- und rauschgeschwängerte Album-Analysen und auf die Frage wie das in die Welt passt. Das Setting stimmt, also Cris, was hälst du davon? 1. SMOOTH „THE PARADE“ Das ist feines Sampling. Die besten Beats gibt es schon lange nicht mehr im HipHop. Erinnert an frühe 90-er BigBeatSachen, wie ein Update auf Leonard Cohen. Aber da steckt alles drin, hipper Shit wie Mando Diao, aber auch die Gorillaz hätten mal so einen Song machen können bzw. eigentlich machen sollen, denn diese Scheibe von Smooth ist großartig. 2. FÉLOCHE „LA VIE CAJUN“ (YA BASTA!) Extrem hohes Niveau diese Produktion. Auch hier muss man sagen, dass die besten HipHop-Beats mittlerweile nicht mehr im HipHop passieren. Ein französischer Beck, auch wenn mich die Gesangsperformance nicht hundertprozentig überzeugt, da geht noch mehr. Da fehlt ein bisschen der rote Faden, die Vocals schwingen manchmal so beliebig mit. Natürlich ist das ganze auch ein Chanson-Hipster-Eelektro-Clash. 3. KAT FRANKIE „THE DANCE OF A STRANGER HEART“ (ZELLEPHAN) Drei Songs und raus. Dann lieber Alev Lenz. 4. HERRENMAGAZIN „DAS WIRD

ALLES EINMAL DIR GEHÖREN“ (MOTOR) Ich weiss, dass man auch so hätte sozialisiert werden können, dass man so was mag. Ich finde das sehr deutsch. Ich glaube sowieso, dass es so typisch deutsche Musik gibt, Tocotronic, Tomte und wahrscheinlich auch Herrenmagazin. Aber ich bin weniger mit Gitarrenmusik groß geworden. Bei mir waren die Weichensteller RZA, DJ Shadow, DJ Vadim oder in Städten gesprochen: Marseille und NY, so 94, 95. 5. THE PHARMACY „WEEKEND“ (SEAYOU) Richtig gut. Gesang dilletantiert in Richtung Pete Doherty, die Musik zuweilen auch. Krachige Produktion, sehr retro, aber modern. Eine richtig gute Scheibe, anachronistisch. So wie Vampyr Weekend. Nur genau anders. Wie die zwei Seiten der Beatles. The Pharmacy sind mehr so die Wall Of Sound. 6. PVT “CHURCH WITH NO MAGIC” (WARP) (Hilfloses Achselzucken) Rick Rubin meets „99 Problems“, 80er-Retro-Wave. Erinnert mich an Suicide. Aber nicht vergleichbar, das war viel innovativer. (Skipt durch). Oh Gott, jetzt ist alles anders, stressiger, trashiger Elektro-Noise mit ein bisschen Industrial a la Nine Inch Nails. Viel Ambient. Viel Atmosphäre. Eher die Kunstabteilung. Will stören, aber stört nicht genug.

7. ANDREYA TRIANA „LOST WHERE I BELONG“ (NINJA TUNE/ ROUGH TRADE) Soul-Jazz, aber warten wir mal was da noch kommt. Oh, das ist so voll der Lauryn Hill „Misseducation“-Vibe. Ist eine nette Pathos-Geschichte, aber ein bisschen zu nett. Kein richtiger Tiefgang. Für einmal hören ganz schön. Mehr nicht. 8. WHO KNEW „BITS AND PIECES OF A MAJOR SPECTACLE“ (DEVIL DUCK) Besser als Empire Of the Sun, schlechter als MGMT. Auf jeden Fall rockiger als die beiden erwähnten. Man kann auf jeden Fall nicht sagen, dass das eine ScheißProduktion ist. 9. TEENAGERS IN TOKYO „SACRIFICE“ (BACKYARD/ ADA GLOBAL) Pressefoto sagt mir sofort zu, auch wenn der einzige Typ drauf stört. Die Mädels sehen fast Casting-like aus: Asiatisch, indisch, eurasisch. Der Opener ist super, lebt von der simplen Bassline. Dann wird’s schwächer. 10.FALLULAH „THE BLACK CAT NEIGHBOURHOOD“ (RCA/ SONY) Für Fans von Roisin Murphy, aber weniger elektronisch, dafür mehr in Richtung MTV-Shit das Ganze. Läuft aber auch auf Motor FM. Musikalische Weltklasse im Vergleich zu Lady Gaga. Stichwort Paloma Face, M.I.A. light. Mehr über Cris Alexis und seine Ausstellungen auf www.blank-magazin.de

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EIn

KLEMPnER UnD SEIn KLEInER KoSMoS illuSTraTion Mario MeiSSner

Seit ungefähr dreißig Jahren gibt es nun schon – den kleinen, digitalen italienischen Klempner. Und wie es sich für animierte oder gezeichnete Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens so ziemt, egal ob sie dem Marvel, Disney, Pixar oder eben dem Nintendo-Universum entspringen, wird auch Mario nicht älter, ganz im Gegenteil. Mit dem technischen Fortschritt kommen Schnelligkeit und Ausdauer, Vielfalt und Überraschungen. Und das freut, mittlerweile in der gefühlten 10. Generation, nicht nur die kleinen Kinder, sondern auch die Großen.

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ENTERTAINMENT


supER mARIO Seit ein Gorilla 1980 seine Freundin entführte, damals Mario noch als Zimmermann in dem Aracade-Spiel „Donkey Kong“, springt und rennt er durch und über die verschiedensten Konsolen- und Bildschirmvarianten dieser Welt und weicht Fässern, Bananen und anderen Gefahren aus. Bis heute ist Mario berühmtester und der wichtigster Einfluss auf das ganze Genre der Jump‘n‘Run-Spiele. Seinen Namen verdankt Mario, für den ursprünglich mal der Name Mr. Video vorgesehen war, dem Vermieter des Gebäudes in dem Nintendo damals residierte, einem Mario Segale, der wohl gewisse Ähnlichkeiten mit dem italienischen Overall-Träger aufzuweisen hatte.

Nilz Bokelberg (33), BLANK-Kolumnist, Blogger und Vater, stets im Einsatz für den Weltfrieden, denn so heißt auch sein viel besuchter Blog: „Das gute an NintendoSpielen ist fast immer das Leveldesign. Originell, aber schaffbar und immer mit klar steigender Lernkurve. Diese In-Game-Balance hat Nintendo perfektioniert.“

Cris Alexis (31), Künstler: „Ich werde wohl nicht drum herum kommen und Mario irgendwann auf eine Leinwand bannen.“(Cris Alexis stellt seine neuesten Werke im Hebst u. a. in Berlin und Barcelona aus.)

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LuIgI Luigi ist Marios jüngerer Bruder, war zu Anfang auch ähnlich dicklich, doch mit verbesserter Grafi k wurde er etwas schlacksiger und größer. Auch er trägt Schnauzer. Auch er ist Klempner und trägt die blaue Latzhose, doch im Gegensatz zu seinem Bruder trägt er ansonsten lieber die Trendfarbe grün. Zu Anfang war Luigi nur die „Zweitbesetzung“ für den zweiten Player und war als Helfer für seinen Bruder gedacht. Doch auch Luigi wurde zu einer der bekanntesten Nintendo-Figuren.

Wilson Gonzalez (20), Schauspieler, Musiker & Hobbyrennfahrer: „Endlich mal wieder ein Jump‘n‘Run, wie es dem Herrn von Welt gefällt.“ (Im Herbst ist Wilson Gonzalez an der Seite von Ben Becker und Hannah Herzsprung im nazi-Drama „Habermanns Mühle“ im Kino zu sehen)

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ENTERTAINMENT


YOshI Yoshis gibt es in vielen Farben, in orange, gelb, rot, hellblau, dunkelblau, rosa, violett, braun, weiß und schwarz. Doch der bekannteste Yoshi ist der grüne, der mit Mario befreundet ist und ihm als Reittier dient, mit Sattel und Schuhen und mit einer Vorliebe für Obst. Mit Birdo hat der grüne Yoshi seit Mario Tennis auf dem N64 eine Partnerin zu Seite gestellt bekommen, ein pinkfarbener Dino-Verschnitt, der aus seinem Rüssel mit Eiern ballen kann. Johannes Finke, 35, Chefredakteur: „1981 hatte mein Bruder Parachute, eines der ersten Handhelds von Nintendo und bis heute weckt Nintendo das Kind in mir.“

Levin (2): „Uii, Yoshi, Yoshi.“

pEAch Eine Mission benötigt in der Regel ein hehres Ziel. Bei Mario geht es zumeist darum, die blonde Prinzessin Peach aus den Fängen von Marios Erzfeind Bowser zu retten. Die junge Dame trägt ein rosa Ballkleid, weiße Handschuhe, runde Ohrringe und eine kleine, gezackte, goldene Krone. Geht es um sportliche Belange, trägt sie ihren langen Haare als Zopf und wirft sich in ein rosafarbenes SportDress. Man muss gerechterweise auch sagen, dass es schon ein Spiel gab, in dem das Fräulein Prinzessin die zwei italienischen Klempner befreien durfte. Teresa Mohr (25), Musikredakteurin: „War mir nicht beschieden – groß und blond zu sein. Aber retten muss man die Dinger!“

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Um nichts

vorwegzunehmen,

aber… EINE KOLUMNE von Roman Libbertz Teil 7 PHILIPPE DJIAN

Bücher haben bei vielen meiner Freunde den Ruf, langweilig und einschläfernd zu sein. Umständliche Sätze, endlose Beschreibungen anstatt fesselnder Geschichten. Das muss verflucht noch mal nicht sein! Ein Ansatzpunkt. Durch den Bezug zum Autor oder die Hintergründe, warum dieser oder jener Roman geschrieben wurde, kann Verborgenes sichtbar und ein Buch zu mehr als einem Buch werden. Kinderleicht. Mir geht es jedenfalls so. Hier ein weiterer Versuch, ein Buch für dich lebendig zu machen.

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KOLUMNE


Was wusste ich über Phillipe Djian vor unserem Treffen? Phillipe Djian wurde am 3.6.1949 geboren. Als Sohn eines algerischen Handwerkers wuchs er in Paris auf. Fast alle seine Bücher beschäftigen sich im schroffen Ton mit den Trivialitäten des Lebens. Vor 20 Jahren schrieb er sich mit „Betty Blue“ weltweit in die Herzen der Menschen, ein Roman, der heute noch in einem Atemzug mit Werken wie Salingers „Der Fänger im Roggen“ oder Kerouacs „Unterwegs“ genannt wird. In der französischen Literaturszene gilt er als Einzelgänger. Er gibt keine Lesungen in Frankreich. Für mich war er immer eine Art Tarantino der schreibenden Zunft. Was wusste ich über „Betty Blue“? Es ist die Geschichte einer „Amour fou“ zwischen dem Gelegenheitsarbeiter und Schriftsteller Zorg und der jungen Betty. Für mich ist „Betty Blue“ eine der schönsten Liebesgeschichten überhaupt, die nichts an Verrücktheit vermissen lässt und darüber hinaus mit einem gewaltigen Ende aufwartet. 30 Minuten mit dem Kultautor. Ich schalte das Tonband an. Minute 30: „Ein Schriftsteller braucht riesige Lebenserfahrung. Wie soll jemand schreiben, der nichts erlebt hat?“ Minute 29: „Ein Magazin bat mich, eine Seite über Quentin Tarantino zu schreiben. Für mich kopiert Tarantino gut und hat ein enormes Gefühl für Dialoge. Tarantino macht B-Movies, ein bisschen wie ich selbst in meinen Büchern.“ Minute 28: „Ich mag die Serien „Sopranos“ und „Six feet under“, die ich durch meine fernsehverrückte Tochter kennen gelernt habe.“ „Wenn ich ein Tier wäre, dann wohl irgendein Vogel.“ Minute 26: „Mein letzter Urlaub liegt lange Zeit zurück, habe ich die Schnauze voll von Paris, ziehe ich mich in mein Ferienhaus nach Biarritz zurück.“ Minute 25: „Das Internet als Recherchemittel ist nicht zu unterschätzen.“ Minute 24:

„Mit dem Geld von Betty Blue kaufte ich mir einen Mercedes und floh vor dem Rummel nach Amerika.“ Minute 22: „Ich will mein Schreiben ständig verbessern, das treibt mich an.“ Minute 20: „Entspannen kann ich nur außerhalb von Großstädten.“ Minute 19: „Als Kind wollte ich immer Musiker werden, weil ich aber auf einem Ohr taub bin, wurde nichts aus diesem Traum.“ Minute 18: „Ein Schriftsteller braucht Talent und Willen, beides zu gleichen Teilen.“ Minute 17: „Als Buch empfehle ich „Tokio Express“ von Richard Brautigan.“ Minute 16: „Ich wurde nie von einer Schreibblockade heimgesucht. Warum auch?“ „Ich benutze gerne Klischees, breche sie auf und lasse somit Neues entstehen.“ Minute 13: „Für Lars van Trier habe ich früher sogar Plakate geklebt, wofür sich Trier schriftlich bei mir bedankt hat.“ Minute 11: „Sprache muss so bearbeitet werden, dass sie in die jeweilige Zeit passt.“ Minute 10: „Das heutige französische Kino ist nicht wirklich meins.“ „Scorsese-Filme siehe ich mir gerne an.“ Minute 8: „Seit Shakespeare gibt es nichts Neues mehr zu erzählen“ „Am liebsten trinke ich einen Martini Dry oder Wasser.“ Minute 4: „Jegliche Form von nachträglicher Überarbeitung an meinen Werken lehne ich ab. Nur meine Frau hat mich einmal zu einer Korrektur bewogen.“ „Täglich schreibe ich 500 Wörter, eine Seite, aber nie mehr als 5 Stunden.“ „Für ein Buch brauche ich in der Regel ein Jahr.“ Minute 3: „Seit 30 Jahren bin ich mit meiner Frau zusammen.“ „Ich bin zufrieden.“ Minute 2: „Heute überlasse ich die In-Treffs lieber Houllebeq und Beigbeder, deren Bücher ich nett finde.“ Letzte Minute:

„Ich will über meine Literatur reden, nicht über mich.“ Das Interview ist zu Ende, aber Djian hat sich bei den Fragen „unterhalten gefühlt“. Gewonnen. Er meint, „es reicht auch, wenn er eine Minute vor Lesungsbeginn“ eintrifft. Wir machen ohne Tonband weiter. Djian lehnt sich zurück und erzählt über den Abbruch seines Literaturstudiums (Urteile sind „obszön“), seine vielen Gelegenheitsjobs (zum Beispiel als Docker in Paris-Le Mans), über seinen ersten Roman „50 zu 1“ ( diesen hat er, nicht wie oft „Betty Blue“ fälschlicherweise angelastet, während seiner Arbeit in einer Mautstelle geschrieben) und wie sehr ihn erotische Literatur langweilt. Anschließend fragt er Joel, der mir freundlicherweise übersetzt, nach seinem Leben, speziell nach seiner Sicht über ihre gemeinsame Heimat („Paris ist nach einem Leben des Herumreisens doch noch meine Heimat geworden.“) und fragt nach seiner Meinung über „Betty Blue“ (Für Djian ist dies nicht die Liebesgeschichte zweier Menschen, sondern von ein und derselben Person.). Zwischen den drei Büchern, die ich ihm mitgebracht habe, schreibt er mir eine Widmung in den „Fänger im Roggen“ („Das Buch, mit dem für mich alles begann.“), dann zieht er seine Schiebermütze auf und wenig später schlappen wir gemeinsam durch den Münchner Regen. „Das Leben kann man nicht durch Philosophie, Meister oder Heilige lernen, man muss an die Quelle, man muss leben“, hallt sein Satz am nächsten Morgen in meinen Ohren nach. Zuletzt erschien von Djian der Fortsetzungsroman „Doggy Bag“ im Stile einer modernen Soap.

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MACH MAL WAS

KAPUtt , DAS DICH nICHt KAPUtt MACHt

Bücher werden geschrieben, gedruckt und gelesen. Zuweilen werden sie auch gerne verschenkt. Manchmal stehen sie dann einfach so rum, liegen neben dem Bett, auf dem Couchtisch oder stehen als Staubfänger in regalen. Das nennt man dann den „Schein“, im Gegensatz zum „Sein“. Dann wird ein Buch zum Statussymbol, zur referenz. auf diesen Seiten wird „Mach dieses Buch fertig“ von keri Smith zum Führer durch die dunklen Seiten der menschlichen Seele, den zerstörerischen und denkstruktiven Seiten menschlicher Zuneigung. Das Buch wird zum opfer. Der Leser zum Täter. eine gelungene einladung zum reinigungsprozess. „Mach dieses Buch fertig“ ist im Verlag antje kunstmann erschienen.

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12 medien. Björn Wiede, Marcus Lisse und Stefan Guzy sind zusammen die Agentur ZWÖLF. Für die Covergestaltung der letzten Elyjah Platte gab es in New York bereits eine Anstecknadel vom ADC. Auch sonst sind 12 Medien vorne mit dabei.

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susanne kramer Als ehemalige Art-Direktorin des preisgekrönten Magazines „Aufstieg & Fall“ kennt sie sich mit den konstruktiven Seiten der Papiergestaltung aus. Jetzt offensichtlich auch mit den dekonstruktiven.

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Oliver polak Der Comedian veröffentlichte zuletzt sein Buch „Ich darf das, ich bin Jude“. Ab Herbst ist er mit seinem neuen Programm auf ausgedehnter Tour durch Deutschland.

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grönland Records Das kleine Label von Herbert Grönemeyer veröffentlicht nicht nur NEU!, sondern zum Beispiel auch die wunderbaren Platten von William Fitzsimmons und dem Stuttgarter Songwriter Philip Poisel.

Im Oktober erscheint keri smiths neues werk „Das ist mehr als ein buch“ und auch mit diesem gebundenen Etwas sprengt die Autorin wieder das verständnis von buch, denn dieses buch ist „ein biotop zum beispiel. Oder ein Experiment. Ein Interview. Ein fenster. Ein tragbares schwarzes Loch. Eine postsendung, ein spiegel, ein Rätsel. Dieses buch ist ein ventil. Ein freund. Ein sperrgebiet. Ein Traumfänger. Ein spiel mit dem Zufall. Ein Erste-hilfe-set. Eine mutprobe. Eine stimmungsänderungs-maschine.“ wir dürfen gespannt sein, was die Autorin uns als nächstes kredenzt.

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PRINT  The Football Factory John King (Heyne Hardcore)

Der „11 Freunde“-Autor Matthias Paskowsky hat über die aktuelle Schwemme an Literatur aus dem Hooliganumfeld kürzlich treffend geurteilt: „Mittlerweile tippt jeder an einem Hooliganschinken, der in Stadionnähe mal bei Rot über die Straße gegangen ist.“ John King lieferte bereits 1997 mit „Football Factory“ die Vorlage für den 2004 erschienen und nicht nur in entsprechenden Kreisen viel beachteten und wohlwollend besprochenen gleichnamigen Film. Seit Kurzem ist das Stück Milieu-Literatur erstmals auf Deutsch erschienen, das so viel mehr ist, als ein weiteres Blutund-Kotze-Bekenntnis eines literarisch unbeschlagenen Alt-Haudraufs. King erzählt nicht die Geschichte des Chelsea-Hools Tommy Johnson, seines Protagonisten, sondern die Geschichte einer abgehängten aber stolzen britischen Arbeiterklasse der Neunziger. Gewalt, Sex, Rassismus und ein ungebrochener, trotziger Stolz auf eigene Herkunft und Klassenzugehörigkeit sind die Themen. In seinen triphaften Schilderungen exzessiver Gewalt und gewaltiger Exzesse bewegt sich King immer wieder gerne nah am Trainspotting-Idiom. Und wenn der Großmeister der Arbeiterklassen-

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Studie, Irvine Welsh, „Football Factory“ attestiert, „das beste Buch über Fußball und die Kultur der britischen Arbeiterklasse in den Neunzigern“ zu sein, dann kann man getrost davon ausgehen, hier ein authentisches Stück Literatur in den Händen zu halten. Literatur, aus der Erbrochenes, Blut und Alkohol trieft. Aber auch die großen Werte wie Freundschaft, Loyalität und Zusammenhalt. Wenn Chelsea auf Firms anderer Clubs trifft, schürt King durch seine Schilderungen das Adrenalin. Man möchte für einen Augenblick dabei sein und wenn nicht in der ersten Reihe, dann doch weiter hinten. Man möchte den Nebenmann spüren, den festen Glauben an einen Sieg, die eigene Unverwundbarkeit oder wenigstens eine erhobenen Hauptes eingesteckte Niederlage. Man riecht den Schweiss, das Blut pumpt schneller durch die Adern und kurz verliert man jede Distanz zum blutigen Geschehen. Man versteht den Hooligan und die Faszination Gewalt für einige wenige Minuten, bevor der Adrenalinpegel sinkt und die Distanz zum Geschehen steigt. Es ist beängstigend und faszinierend zugleich, wenn ein Stück Literatur es schafft, an den eigenen unverbrüchlichen Grundfesten (Gewalt = schlecht) zu rütteln. Und John King wäre nicht Irvine Welsh, wenn am Ende der Reise der halb totgeschlagene Protagonist zur Einsicht gelänge, sein Leben nicht mehr auf der Wochenend-Gewalt im Kreise der Kumpels gründen zu müssen. Loyalität, Zusammenhalt, Schmerz. Dieses Buch tut weh und vermittelt gleichzeitig so viel unaufdringlichen, unpeinlichen Klassenkampfpathos, dass es schade wäre, es unbeachtet zu lassen. (TE)

Letzte Nacht in Twisted River John irving (Diogenes Verlag)

John Irving erzählt in seinem neuen Buch „Letzte Nacht in Twisted River“ eine Geschichte vom Erwachsen, Älterwerden und Einsamsein, die im rauen Holzfäller-Milieu der 50er-Jahre beginnt und mit den Erfahrungen von 9/11, irgendwo zwischen New Hampshire und Toronto, im Nordamerika der Gegenwart ihr berührendes Ende findet. Es ist die Geschichte von Vater und Sohn, die

vor einem stumpfsinnigen Sheriff flüchten und versuchen, ein Leben zu finden. Der Vater bleibt Koch, der Sohn wird Schriftsteller. Die Flucht wird zur Farce, die das Leben von Vater und Sohn über fast fünfzig Jahre verfolgt und prägt und in einem dramatischen Showdown mündet. Irving zeichnet das Bild einer Familie, die nie eine war und auch keine sein wird, in einem Amerika, in dem die Menschen suchen - sich selbst und den anderen. Irving erzählt von diesem Suchen nach einem Zuhause, nach einem Ort der Geborgenheit, nach Menschen, mit denen man gemeinsam solche Orte schaffen kann, jenseits von Wert- und Moralvorstellungen. Es geht in diesem Buch um allgegenwärtige Gewalt, die dafür sorgt, dass man Freiheit nur als Flucht begreift und daran scheitert, in der Flucht auch Frieden zu finden. Dem Schriftsteller Danny Angel, der eigentlich Daniel Baciagalupo heißt undder alle verloren hat - die Mutter, den Vater, den eigenen Sohn und den besten Freund -, erscheint am Ende ein echter Engel: Lady Sky, groß, stark und tätowiert, eine Begleiterin, die von einer kurzen, nackten Begegnung in frühen Jahren an immer existent, doch erst jetzt am Ende auch anwesend ist. Und plötzlich spürt man das elegische Moment, die tiefe Traurigkeit, die uns Menschen umgibt, wenn wir einfach sein wollen, die Sehnsucht nach Frieden und Familie, die Sehnsucht nach der konstanten Abwesenheit von Gewalt. (EB)


Auch Deutsche unter den Opfern Benjamin von Stuckrad-Barre (ROOF MUSIC)

Benjamin von Stuckrad-Barre mag es bestimmt nicht, wenn man ihn als Enfant terrible der „neueren deutschen Literaturszene“ bezeichnet. Herr von StuckradBarre mag so einiges nicht, einiges mag er aber auch. In „Auch Deutsche unter den Opfern“, einem Buch in Tradition seiner Werke wie „Remix“ oder „Deutsches Theater“, beobachtet er wieder und beobachtet dezidiert. Er sieht Westerwelle, Grass, Lindenberg, der Linken, Grönemeyer und Westernhagen aufs Maul, geht nebenbei zum Plattenkaufen, macht sich Gedanken über den Winter oder steht an der Theke im Grill Royal.

aufs Land. Hier einzukaufen ist billiger und bequemer als in Innenstädten, das ist kurz gesagt, blöd für – zum Beispiel Karstadt.

»Ein atemberaubend vollkommener Roman, vielleicht McEwans bester bisher.« Financial Times, London

Ein Buch wie eine Reise durch die Republik. Durch viel Subjektivität zum Objektiven. (RL)

Offene Unruh – 100 Liebesgedichte Michael Lentz (S. Fischer Verlag)

Einige der besten Zeilen: Lindenberg will, wie immer, alles. Es soll knallen und rocken, und natürlich sollen auch Tränen fließen, „Taschenlampe ganz tief rein in die Seele“, wie er das nennt. // Haußmann lacht: „Familie ist mein Spezialgebiet, da bin ick Meister im Inszenieren.“ // Mich selbst hatte ich beim hektischen Umsteigen auf irgendeinem Bahnhof des Landes stehen lassen. // Im Wartezimmer eines Unfallchirurgen lässt sich bei jedem Mitwartenden schnell erraten, warum er dort ist – bei HNO-Patienten ist das nicht ganz so leicht, obschon die betroffene Körperregion klar umgrenzt ist. Am unterhaltsamsten ist dieses wartezeitvertreibende Spielchen im Wartezimmer eines Psychiaters. // Eine Lösung könne immer nur die Reform der Reform bedeuten, aber dies dürften Politiker nun mal nicht zugeben, denn dann käme der nächste, der behauptet, er hätte jetzt die Lösung, und dann werde der gewählt. // Für sie gilt dasselbe wie für Damen, die man aus Versehen etwas zu früh zu einem abendlichen Vorhaben abholt und die einem dann missvergnügt, mit Lockenwicklern im Haar, Quarkmaske im Gesicht und Epiliergerät in der Hand die Tür öffnen: Ihre verzaubernde Wirkung entfalten sie erst im vollen Ornat, bitte bis zum Ende aller Dekorationsübungen die kritischen Augen schließen. // Heute fährt man dazu

Foto: © Bastian Schweitzer / Diogenes Verlag *unverbindliche Preisempfehlung

Texte über die Realität, unsere Zeit und allen voran über Deutschland.

Michael Lentz wurde 1964 in Düren geboren. Michael Lentz lebt in Berlin und Leipzig. Michael Lentz ist Dichter. Michael Lentz hat „Offene Unruh – 100 Liebesgedichte“ veröffentlicht. Michael Lentz ist ein Wortvirtuose. Einige der besten Zeilen, soweit das bei Gedichten möglich ist: von regen verstehen wir mehr als von uns // mit den räumen die geträumt sind, mit den träumen die geräumt sind // liebe ist was zum verwechseln, fertigbau mit energieausweis // handy wie bombe, nachricht wie tod, taste, weg //alleinsein ist auch nichts weiter, als realität // die sonne scheint, kälter kann es nicht werden // endlich gegenwart, und nichts ist da, als ein handschuh für später // der abschied ist eine kugel, die immer unterwegs ist // liebe, ein trockengelegtes neubaugebiet, aber das lachen kommt nicht // bleibe

Aus dem Englischen von Werner Schmitz 416 Seiten, Leinen € (D) 21.90 / sFr 38.90* / € (A) 22.60 ISBN 978-3-257-06765-1 Erscheint am 28. September

Michael Beard ist Physiker – und Frauenheld. Er hat den Nobelpreis erhalten, doch ist er alles andere als nobel: Im Beruf ruht er sich auf seinen Lorbeeren aus, privat hält es ihn auf Dauer bei keiner Frau. Bis die geniale Idee eines Rivalen für Zündstoff in seinem Leben sorgt. Auch als Diogenes Hörbuch, gelesen von Burghart Klaußner Webmagazin und Lesungstermine unter www.diogenes.ch

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hier und bleibe ganz, offene unruh // die wahrheit ist schwierig sie hat so viel mit worten zu tun wie ein luftballon mit luft wenn die luft raus ist // dieser zwang zu sprechen die schwallende entladung // ich fühl mich so ausgedrückt, habe zwei ratgeber intus, aber ich bin anders, vielleicht nur der kaffee // wieder, holung, zerstört Michael Lentz ist mit das Beste, was Deutschlands Dichtung zu bieten hat. (RL)

schaumschwester Thor Kunkel (Matthes & Seitz)

„Das viel beschworene Drama des Abstiegs, das erbitterte Ringen zwischen Mensch und Maschine – es war ausgeblieben. Die Ablösung vollzog sich im Stillen, im Halbdunkel, fast zärtlich, in den Ehebetten und mit dem vollen Einverständnis des Menschen.“ So endet der Prolog aus der Posthumanen Chronik von 3011, von Thor Kunkels neuen Roman „Schaumschwester“. Kunkel stützt sich dabei auf die Verklärung einer romantischen Idee, die in Menschen ebenso zu schlummern scheint wie ein ausgemachter Trieb zur Selbstzerstörung. Eingebettet in eine große, aber nur kurz angerissen Chroni menschlicher Irrtümer, kämpft sich der zwielichtige und zweifelnde Agent Kolther durch ein kriminalistisches Kammerspiel, das sich im sonnigen Nizza der Gegenwart abspielt, beschaulich und fast schon gemütsfrei, denn Kunkel geht es weniger darum, eine Geschichte zu erzählen, sondern vielmehr darum, eine Idee zu präsentieren, die sich von der menschlichen Angst nährt, austausch-, ersetz- oder unsichtbar zu sein bzw. zu werden. Abgesehen davon, dass Thor Kunkel es wie nur wenige andere seiner Generation versteht, mit Worten umzugehen und Beschreibungen zu fi nden, die universelle Schönheit in Details wiederzugeben im Stande sind, ist Thor Kunkel auch ein kluger Kopf, der sich, mittlerweile wahrscheinlich bewusst, abseits vom Markt der literarischen und feuilletonistischen Eitelkeiten inszeniert, gemütlich, distanziert und vielleicht auch etwas erschöpft. Auf Youtube gibt es eine Aufnahme, in der Kunkel über sein etwas gestörtes Verhältnis zur ‘deutschen Presse’ spricht, die ihn nach seinem wun-

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LITERATUR

derbaren Roman „Endstufe“ schmähte und ins ‘rechte’ Licht rücken wollte - ein Vorgang, der in Deutschland normal zu sein scheint, wenn Feuilleton und Kulturgesellschaft im Umgang mit der eigenen Identität etwas überfordert sind. Bei „Endstufe“ waren damals alle überfordert und leider auch alle einig in der Meinung, dass man diesem Autor, der mit seinen bis dato veröffentlichten Romanen „Das Schwarzlicht-Terrarium“ und „Ein Brief an Hanny Porter“ zwei wuchtige, zeitgeistige und doch zeitlose Meisterwerke abgeliefert hatte, die eigene Ebene historischer Reflexion und Verarbeitung nicht zugestehen möchte. Nicht seit Eichingers „Der Untergang“, aber spätestens seit Tarantinos „Inglorious Basterds“ ist klar, dass dies künftig anders sein wird. Auch wenn jetzt Kunkels neue Erzählung „Schaumschwester“ aufgrund ihrer auf das Wesentliche reduzierten Inhaltlichkeit etwas halbherzig wirkt und nicht an frühere Werke wie eben „Endstufe“ oder „Das Schwarzlicht-Terrarium“ anknüpfen kann, so ist es doch ein wichtiges Buch eines wichtigen Autors, da es, ähnlich wie zuletzt auch Juli Zehs „Corpus delicti“, moralische Fragen aufwirft, gegen deren Beantwortung sich die Intelligenzia unserer Tage konsequent verwehrt. (JF)

Imperial bedrooms

Bret Easton Ellis (Alfred A. Knopf, Inc.)

Der neue Ellis ist da! Der siebte Roman des amerikanischen Kultautors, wenn man die Kurzgeschichtensammlung „Informers“ als solchen gelten lässt, „Imperial Bedrooms“ ist die lang erwartete Fortsetzung des Welterfolges „Less then zero“. Bereits zu Beginn des Buches überrascht Ellis einem simplen Tricks, der den Leser im Nu zurückschießt in die bereits 20 Jahre zurückliegende Geschichte. Nahezu alle Personen aus dem ersten Teil tauchen wieder auf und ab, man ist wieder gefangen in der Ausweglosigkeit von Los Angelos und es geht wieder äußerst gnadenlos zu. Einige der besten Zeilen: This ist he girl who would usually make me afraid, but tonight she doesn´t. // „No. Everybody lies.“ I stub the cigarette out. „It´s just another language you have to learn.“ // She could be twenty. She could be thirty. You can´t tell. And if you could, everything would be over. Destiny. //„Sea and be seen.“ // „What´s unbelievable is clinging to a fading belief in love, Kit.“ He pauses. „But that´s just me.“ // „Have you ever heard the joke about the polish actress?“ Banks asks. „She came to Hollywood and fucked the writer.“ // What keeps me interested – and it alsways does – is how can she be a bad actress on film but a good one in reality? // … the teen porn sites seem different, repainted somehow, nothing kicks in, ist doesn´t work anymore … // „You´re a wirter. What do you mean, busy?“ // So leave everything you kno and carry only what you fear … // … and then I´m remembering the person who warned me about how the world has to be a place where no one is interested in your questions and that if your´re alone nothing bad can happen. // „What´s the worst thing that ever happend to you Jimmy? Someone playing a girl named Claire reads of the camera. „Unconditional love.“ // I never liked anyone and I´m afraid of people. Zweite Teile können nicht gelingen. Hier wird man eines Besseren belehrt. „Imperial Bedrooms“ besitzt die Sprachgewalt, die explizite Darstellung der eigenen beklemmenden Lebensrolle und die Kraft seines Vorgängers. Darüber hinaus wartet der Roman mit einem wunderbaren Ende auf. Nicht nur ein Muss für jeden, der „Less then zero“ gelesen hat. Ellis kann es immer noch. (RL)


BLau iST DaS neue GrÜn. oDer ZuMinDeST DaS neue GeLB. auF JeDen FaLL iST BLau Meer. Die blaue Blume stand bei den romantikern für die Sehnsucht nach einer harmonischen Welt, fernab von irdischen Zwängen, einer Welt, wo sich das sanfte künstlergemüt frei und froh entfalten konnte. Fast zweihundert Jahre später weckt Blau immer noch Sehnsüchte: Das künstlergemüt sucht mittlerweile heilung in blau-gepinselten Yogazentren oder bei Schnorchelkursen in azurblauen Lagunen. Für alle, die von Yoga nichts halten und sich gerade nicht auf den Seychellen befinden, hat BLank dennoch ein bisschen harmonie und Zufriedenheit – alltagstauglich und blau.

einFaCh MaL Die ZeiT anhaLTen Das Wasser ist bekanntlich nicht nur auf den Seychellen blau, auch heimische Freibäder locken im Sommer mit ein bisschen unendlichkeit. Mit der G-ShoCk von Casio bist du für unendlichkeit allemal gerüstet, mit automatischem kalender bis ins Jahr 2039 kannst du über deine gezogenen Bahnen ausführlich Protokoll halten. Die G-ShoCk hatte Mitte der 90er schon mal ihren großen auftritt und erlebt soeben in den Szenevierteln der republik ihr revival. Die handgelenke der Jungs und Mädchen haben lange genug Verzicht geübt und von understatement hielten die kids sowieso noch nie etwas. ob du also abkühlung vom alltagsstress suchst oder mit blinkendem anzeigenblatt in richtung Morgen tanzt, die G-ShoCk bleibt an deiner Seite ... und weckt dich pünktlich zum Sonnenaufgang.

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F Ür Die eWiGkeiT

Blau wie der himmel, Blau wie das Meer, blau ist die Dämmerung und blau ist die neue Casio eX-Z550. Macht ja auch Sinn, wenn sich die schönsten Motive alle in ein blau hüllen, warum dann nicht auch die kamera, mit der du diese festhältst? Die Casio eX-Z550 verfügt über einen 4-fach Zoom, ein 26 mmWeitwinkelobjektiv, so wie einen mechanischen Bildstabilisator. Für die Momente, die nicht einfach in einem Bild eingefangen werden können, weiß Casio ebenfalls abhilfe. Mit neuster hD-Videoaufnahme-Funktion lassen sich die schönsten Momente jetzt auch in bewegten Bildern festhalten. ob es sich dabei um das blaue Licht der Morgendämmerung oder den blauen kumpel während der Dämmerung handelt, bleibt dir überlassen.

VerLoSunG

STaDT, LanD, FLuSS Falls du diesen Sommer den Freibädern und Baggerseen den rücken zukehrst und es dich doch in die Ferne zieht, dann bitte nur mit passendem equipment. und wie ließe es sich besser verreisen, als mit diesem Model der eastpak Monochromic kollektion? Ganz egal wie lange dich die Sehnsucht durch die Welt treibt, das Compact Modell von eastpak garantiert dir 30 Jahre treue Begleitung. in indien steht die Farbe blau übrigens für göttliche erleuchtung und in China für die unsterblichkeit der Seele. Was soll man dazu noch sagen, außer pack deine Sachen und mach dich auf den Weg!

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MODE & LIFESTYLE

Wenn du an der Verlosung für die Casio EX-Z550 teilnehmen möchtest, schick uns eine Mail an verlosung@blank-magazin.de mit dem Betreff „Exilim“.


VerLoSunG

Mit der Manhattan Collection bringt Manhattan Cosmetics zweimal im Jahr eine limitierte Subline heraus. Diesen Sommer soll es bunt werden, inspiriert vom urban Chic Tokyos und new Yorks wird das Make-up ausdruckstärker und mutiger. Großstadtmädchen werden mit der Deep Sea Farbreihe zu Meerjungfrauen ... Deine blauen augen machen mich so sentimental. also Jungs nehmt euch in acht, vor allem vor den Blank-Leserinnen. Denn BLANK verlost an potentielle Großstadtamazonen 14 Manhattan KosmetikSets. Schickt uns einfach eine Mail an verlosung@blank-magazin.de mit dem Betreff „Manhattan“.

SChau Mir in Die auGen, kLeiner

JaCk SParroW W ÜrDe auGen MaChen Wenn ein Sport das Gefühl von Freiheit und unabhängigkeit verkörpert dann wohl das Segeln. hohe See, raues klima, meterhohe Wellen, einsamkeit und harte Bursche. Die Marke Sperry Top-Sider liefert seit 75 Jahren den passenden Schuh zu diesem Lebensgefühl. Gegründet von einem passionierten Segler, zeichneten sich die Schuhe vor allem durch die (von einem Cocker Spaniel namens Prince inspirierten) rutschfesten Sohlen aus. heute haben die Schuhe längst das Festland und die Modewelt erobert. Das Modell a/o 2-eye (im Vordergrund das Modell für Damen, hinten für herren) gehört zu unseren absoluten Lieblingen der kollektion. ob ihr also in hohe See stechen wollt, noch das passende accessoire zu eurem Dreitagebart sucht oder einfach nur mal wieder zur First aid kids Sailing Song tanzen wollt, hier ist der passende Schuh dafür!

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BLAnK

FASHIon FotoS Pt. 4

FotoGraFie MAttHIAS DAVID model LUZIE LooSE haare & make up YAB BERLIN StYlinG FLEUR UHLENBRocK & ELMAR BRAcHt

ob Sonnenaufgänge à lá olafur eliasson oder von Blumen übersäte röcke und WallaWalla-kleider, die natur ist diesen Sommer die liebste Freundin von kunst und Mode. Die Städter sehnen sich nach der grünen unschuld und es scheint so, als wären Jungen und Mädchen diesen Sommer aus einem astrid Lindgren Buch entschlüpft. Die romantiker wussten bekanntlich einige oden an die natur zu verfassen und so steht unser Sommer-Shooting ganz im Zeichen dieser sehnsuchtsvollen Verklärtheit.


SonnenBrille FREUDENHAUS Jacke ELLESSE unterhemd ZIMMERLI


Brille Lacoste Shirt & Wickeltop Esther Perbandt Schal Herrlicher

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Weste Herrlicher Tuch Fleur Kleid Esther Perbandt

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Jacke Ellesse Unterhemd Zimmerli

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GESCHMACKS-

SACHE

Jochen Wermescher (32) betreibt seit 2006 erfolgreich den Waterkant Store in hamburg und hat sich auf Streetwear und Fashion mit Funktion spezialisiert – vor allem skandinavische Labels haben es ihm angetan. Wir haben Jochen auf ein Feierabendbier getroffen und mit ihm über Geschmack, haltungsfragen, Brettsport und natürlich seinen Laden gesprochen. BLANK: Fangen wir mit Deiner Person an: Was hast Du für einen Hintergrund und wie kommst Du zu Deinem Laden? JOCHEN WERMESCHER: Meine Wurzeln liegen im Brettsport, ich habe viele Jahre geskatet. Gleichzeitig habe ich mich schon früh für Klamotten interessiert und mit kleinen Labels beschäftigt. Passend dazu habe ich eine Ausbildung in einem Skateshop gemacht und 2006 entschieden, einen eigenen Laden zu eröffnen. Dabei war von Anfang an klar, dass ich auch Marken aufnehmen will, die nichts mit Skaten zu tun haben. Großen Einfluss auf unser Angebot hat das Hamburger Wetter: Hier bei uns im Norden braucht man regenfeste Kleidung, will aber natürlich trotzdem nicht wie bei einer Bergexpedition rumlaufen. Deshalb haben wir Sachen im Sortiment, die Style und Funktionalität kombinieren. BLANK: Hast Du immer an den Erfolg des Ladens geglaubt? JW: Am Anfang hatte ich natürlich auch mal schlaflose Nächte und habe die ersten Jahre ohne Urlaub durchgearbeitet. Ich war aber immer davon überzeugt, dass es weiter geht, wenn ich vollen Einsatz zeige. BLANK: Wie würdest Du Dich und Deine Einstellung beschreiben und wo finden wir sie in Deinem Laden wieder? JW: Ich arbeite gerne und habe Spaß daran. Natürlich gibt es noch Träume, die ich

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gerne verwirklichen will, eine Weltreise zum Beispiel. Das hält mich aber nicht davon ab, das Hier und Jetzt zu genießen und mich darauf zu konzentrieren. Diese Zufriedenheit merkt man auch meinem Laden an. Ich führe ihn sehr persönlich und bekomme mit, was ankommt. Die Leute werden hier ehrlich beraten und kommen gerne wieder, weil ihnen nicht die falschen Sachen verkauft werden.

her an als in Deutschland. So wird man immer wieder auf Labels und Styles aufmerksam, beobachtet sie und nimmt sie irgendwann ins Sortiment auf, wodurch der Laden wächst und sich verändert. Wichtig ist auch mein persönliches Umfeld. Hier bekomme ich immer wieder Inspirationen, die mit meinem Geschäft nicht direkt etwas zu tun haben, aber gerade deshalb großen Einfluss haben.

Wenn man selbst sagt „Das gefällt mir“, ohne es von anderen gesagt zu bekommen oder ohne von anderen zu dieser Meinung gedrängt worden zu sein. Dann ist das echter Geschmack. BLANK: Was inspiriert Dich und wo fi ndest Du die richtigen Sachen für Deine Kunden? JW: Ich versuche immer die richtige Mischung zwischen dem, was Trend wird, und dem, was sich die Kunden wünschen, zu fi nden. Eine wichtige Rolle spielt dabei Kopenhagen: Die Fashionweek ist sehr bedeutend für skandinavische Labels und in der Stadt hat man das Gefühl, dass wirklich alle Wert auf Mode legen. Trends kommen dort etwa ein Jahr frü-

BLANK: Was macht für Dich Geschmack aus? JW: Wenn man selbst sagt „Das gefällt mir“, ohne es von anderen gesagt zu bekommen oder ohne von anderen zu dieser Meinung gedrängt worden zu sein. Dann ist das echter Geschmack. BLANK: Was für Pläne hast Du noch mit Deinem Laden? JW: Ich verbinde Klamotten und Stil sehr stark mit Musik und es ist schon länger ein Traum von mir, Hamburger


Jochen vor seinem Laden Waterkant in hamburg-ottensen: „Gib mir ein Brett und ich fahre es!“

Bands hier im Laden auftreten zu lassen und den Raum dadurch nochmal ganz anders zu nutzen. Grundsätzlich ist ein Laden schön, ein zweiter Laden wäre noch schöner. Dabei möchte ich aber auf jeden Fall in Hamburg bleiben, da ich den Stil der Hamburger verstehe und mag. BLANK: Was machst Du, wenn Du nicht im Laden bist? JW: Wenn gutes Wetter ist, versuche ich in jeder freien Minute draußen zu sein, momentan am liebsten beim Wakeskaten. In der Woche sitzen wir oft mit Kollegen, auch aus den Nachbarläden, vor der Tür auf ein Feierabendbierchen zusammen. BLANK: Also treffen wir Dich gerade in einer typischen Feierabendsituation? JW: Auf jeden Fall. Meistens redet man nochmal kurz über das Geschäft, die

einen gehen dann skaten, die anderen gehen ins Konzert. Im Laden kommen auch viele Leute vorbei, um einfach Hallo zu sagen, zu stöbern und etwas zu trinken. Oft bleibt also auch spontan ein Kunde noch sitzen, der unsere Einladung auf ein Beck‘s Gold angenommen hat. Das mag ich so an dieser Gegend und den Leuten hier, alle sind sehr entspannt und aufgeschlossen. Auch wir würden jederzeit wieder ein Beck‘s Gold vorm Waterkant trinken, denn ein Besuch lohnt sich aus vielen verschiedenen Gründen: Wir trafen sympathische Menschen mit einer offenen und frischen Einstellung zum Leben, wir entdeckten mindestens fünf neue Lieblingsteile und ein stimmiges Gesamtkonzept.

vERLOsuNg Beck‘s Gold bringt ein Stück dieses Lebensstils zu Euch: Auf facebook.com/BecksGold gibt es vom 25.–27. August eines von Jochens aktuellen Lieblingsteilen, die Office Bag von QWSTION, zu gewinnen. In aktuellen Votings gibt es dort außerdem laufend weitere Items für die am Zeitgeist orientierte Generation zu entdecken und gewinnen – auch hier geht es um frischen Geschmack!

Beck‘s Gold. The beer for a fresh generation.

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Die Kolumne von niLZ BokeLBerG

Ich habe eine erschreckende neue Leidenschaft entdeckt. Also, zumindest für mich war es erschreckend: Das nähen. Und das kam so: Meine tochter hatte Geburtstag. Mitten im Sommer (oder das, was man hier so nennt). Und vor kurzem hat sie sich dazu entschieden, seit neuestem Harry Potter Fan zu sein. Weswegen sie sich auch ein Hogwarts-outfit zum Geburtstag wünschte, also so eine englische Schuluniform. Gut, ihre Mutter hat es tatsächlich mit der ihr eigenen perfekten Stilsicherheit geschafft, ihr ein solches outfit aus, mehr oder weniger, „normalen“ Kollektionen bekannter Labels zusammenzustellen. Aber den Clou, den hatten wir noch nicht und das war der Umhang. viele Kostüm- und Kinderläden später hatten wir die Gewissheit, den auch nicht einfach so kaufen zu können. Herrgott noch mal, warum musste das Mädchen auch Fan des zauberers werden, wenn der gerade keine Saison hat? Wie soll man denn da an Merchandise kommen? Unsere Sucherei wurde mir zu bunt und ich beschloss ins nächste Kaufhaus zu fahren, bei den Schnittmustern nach einem Umhang zu gucken, den nötigen Stoff mitzunehmen und das teil dann zu Hause an der nähmaschine (ein Geschenk, das sie zu selten benutzt hat) selbst zusammenzuklöppeln. Meine Güte, ein Umhang! Wie schwer könnte das schon sein? Die Anleitung der nähmaschine war nicht mehr aufzufinden. Meine Beste wusste zwar och wie man den Faden einspinnt, mehr haben wir aber erstmal nicht herausbekommen. Ein bisschen googeln und schon hatte ich die Anleitung als PDF auf meinem Bildschirm. So ließ sich doch schon mal ar-

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beiten. Ich habe mich also eine gute Stunde lang mit der Maschine und ihren sämtlichen Knöpfen und Hebeln und Rädchen auseinandergesetzt. Dann war ich bereit. Meinte ich. Ich nahm ein Stück Stoff zum Probieren, legte es unter die nadel und trat das Pedal. Die Maschine nahm Fahrt auf. Brummte, summte, und klumpte. nämlich den Faden an einer Stelle des Stoffes. Ich war ja auch zu doof: natürlich würde ich das Stoffstück weiter schieben müssen, damit der Faden sich eben nicht an nur einer Stelle sammelte. Aber egal, was ich auch tat: Diesem Fadenklump-Problem war nicht beizukommen, die nähte wurden alle krumm und schief und das auch nur, wenn sie überhaupt nähte wurden. Das war nämlich nicht immer der Fall. Somit war klar: Irgendwas stimmt hier nicht. Die Stunden verstrichen. Erst eine, dann zwei, dann drei. Immer noch hatte ich die gleichen Probleme und ich war langsam bereit aufzugeben. Es hatte keinen Sinn, es würde nicht funktionieren. nähen ist eben doch diese geheime Wissenschaft, mit der man sich erst superlang beschäftigen muss, bevor man da mal was ordentlich gebacken kriegt. Und dann war er da. Dieser klassische Moment. Wo plötzlich Engelschöre lautstark in die ohren „Halleluja!“ singen , so dass man fast einen tinnitus bekommt. Der Himmel reißt auf und die paar Sonnenstrahlen, die am Start sind, treffen nur auf einen selbst. Denn ich hatte folgenden Gedanken: „Was ist eigentlich mit diesem Hebel hier hinten?“ Der Hebe setzte natürlich die nadel bzw. den Schlitten um die nadel auf den Stoff, fixierte diesen und sorgte auch dafür, dass die kleinen Rädchen unter dem Stoff diesen in einer gleichmäßigen Bewegung weiter transportierten. Plötzlich war

alles klar, war alles logisch. Es war zwar super spät, aber jetzt hatte mich mein Ehrgeiz gepackt. Der Umhang wurde genäht. Mit Kragen und allem PiPaPo. Und seitdem , man verzeihe mir diesen zwar recht flachen, aber eben auch äußerst treffenden Wortwitz, hänge ich an der nadel. Ich liege in meinem Bett und denke mir Schnittmuster aus. Ich begutachte Kleidungsstücke von mir genauestens, gucke mir die nähte von Jute-taschen an, liege gemütlich im Bett und google Schnittmuster. Und wenn mir was gefällt, dann probiere ich es eben aus. Ich war sogar schon in der Stoffabteilung vom Karstadt und habe mir Stoffe ausgesucht

und gekauft. Die älteren Damen haben mich ein bisschen verstört angesehen. Als wenn ich in ihr Revier eindringen würde. Ich hatte schon ein bisschen Angst, im vorrübergehen vielleicht die ein oder andere Stricknadel in den Rücken gerammt zu bekommen. Auch die verkäuferin, die mir den Stoff ja von den Ballen schneiden musste, hat mich von oben bis unten gemustert und schräg angesehen. Ich sage euch: Das näh-Business ist ein hartes Pflaster. Ich habe schon zwischen finsteren Gestalten in den übelsten Ecken irgendwelcher Grossstädte gestanden und


fing an, meinen Entzug aufzuschreiben, aber schreiben alleine ist kein toller Ersatz. Für nix. Dann fand ich plötzlich die Rettung: Pfefferminzbonbons. Weil man die lutscht und danach ein „anderes“ Halsgefühl hat, ähnlich also zum Rauchen. Aber, das mag keine gesundheits-wissenschaftliche Sensation sein, dennoch möchte ich es noch mal aus meiner eigenen Erfahrung mitteilen: Eine ganze Packung Pfefferminzbonbons am tag scheinen irgendwie nicht so gut zu tun. Schon allein verdauungstechnisch ist das nicht der wahre Jakob. Also musste ich mich auch schnell von dieser Ersatzbefriedigung entwöhnen. Und so hangelt man sich von Entwöhnung zu Entwöhnung.

mir überlegt, wie ich von dort wieder wegkommen würde (und vor allem: ob?), aber nirgends wehte ein so eisiger Wind, wie in einer Abteilung, in der Männer höchstens als träger auftauchen. Ich hatte mich hier weit in ein unbekanntes terrain vorgewagt. Ich muss jetzt aufpassen. So jemand wie ich, der ist hier nicht nur nicht erwünscht, sondern auch noch äußerst verdächtig. Eine berechtigte Frage ist natürlich: Wie konnte es überhaupt so weit kommen. Warum nähe ich jetzt so viel? Was hat das in mir ausgelöst? nur dieses Aha-Erlebnis? oder steckt da mehr dahinter? Ambitionierte Küchentischpsychologen (wobei ich ja der Meinung bin, gerade da Sprache ja etwas sehr lebendiges ist, dass man den terminus doch mal so langsam eher auf „Coffeetable-Psychologe“ umändern sollte. Denn das ist doch der ort, im ironisch eingerichteten Wohnzimmer, wo heute die Laien-Analysen der Psyche des Freundes stattfinden und nicht mehr an diesem veralteten Bild einer Öko-WG, die erstmal die Ausgaben der Woche am Küchentisch beim veganen Essen ausdiskutieren muss, bevor sie anfangen, ihren Streit nicht als solchen zu führen, sondern den jeweils anderen total zu psychologisieren, indem sie ihm beispielsweise vorwerfen, ein Problem mit der Länge seines Penisses zu haben, weil er Sätze formulieren würde, die kein Ende fänden, was der beschuldigte zwar vehement von sich weisen wird und muss, was aber allgemein nur als Bestätigung der eigenen kruden these gelesen wird, was wiederum, um das hier einmal in aller Deutlichkeit abschließend zu

klären, natürlich vollkommener Quastch ist, weil auch Freunde der Formulierung scheinbar nie enden wollender Sätze (vor allem in Klammern!), dennoch in den seltensten Fällen ein Problem mit ihrem Glied haben dürften.) werden an dieser Stelle eine frühkindliche Prägung vermuten. Was zwar stimmt, weil meine Mutter immer recht viel und gerne genäht hat, aber mich das natürlich noch lange nicht zum nachahmen verleitet haben muss. Auch meine Schwester, eine ausgebildete Schneiderin, ist nicht der Grund für meine neu entdeckte Leidenschaft. nein, die Begründing ist so doof, wie simpel, wie vorhersehbar: Ich habe aufgehört zu rauchen. Für mich auf alle Fälle ein „Big Deal“, weil ich am tag so um die zwei Schachteln geraucht habe. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich nicht irgendwann wieder anfangen werde, aber im Moment bin ich es erstmal los. Dafür habe ich keinen Alan Carr gebraucht, keine nikotinpflaster oder sonstiges Gedöns. Auch von dem vorschlag, erst langsam zu reduzieren und dann aufzuhören, hab ich nichts gehalten, denn mal ehrlich: Wie soll man das denn schaffen? zack, aufhören und gut ist. Klar, ich war die ersten zwei Wochen gut gereizt, einen zustand, den ich von mir so gut wie gar nicht kenne, aber es ging. zum Glück hatte ich die ersten tage direkt so sinnvolle Aufgaben wie einen siebentürigen Ikea-Schrank aufzubauen. Das war ein guter Energie-Katalysator. Aber als der Schrank stand, da ging’s dann los. Ich brauchte eine andere Beschäftigung. Ich

Mein Bruder hat mir, einen Monat nach meiner letzten zigarette, auch noch ein super Geschenk gemacht: Ein microKorg, so ein kleines Keyboard, das ich auch als Midi-Keyboard für den Computer benutzen kann. Denn mit der ganzen zeit, die ich plötzlich habe, um nicht zum Rauchen vor die tür zu gehen, kann man ja durchaus was Konstruktives anstellen. Und da war die nahe liegendste Idee erstmal: Musik. Übrigens, das sei noch am Rande erwähnt, ist das auch relativ gerissen, einem so etwas nach einem Monat zu schenken, weil man das immer vor sich hat und ermahnt wird, nicht wieder anzufangen. Das funktioniert als zusätzliches Druckmittel ganz gut. Ich habe auch schon ein paar kleine Liedchen komponiert. Macht Spaß. Wirklich. Ist aber nicht Abendfüllend. noch nicht. Und da schließt sich der Kreis: Ich kann stundenlang in dem kleinen Gästezimmer sitzen und mich auf die Maschine und die Probleme konzentrieren, was passiert wenn ich was wie zusammennähe. Wo muss die naht hin? Was ist innen und was ist außen? Und das allerbeste dabei: Bei den Sachen, die da rauskommen, freuen sich immer alle. Also, wenn die Sachen rauskommen, die rauskommen sollen. Die anderen kriegt keiner zu sehen. Die bleiben geheime Experimente von mir. Wie zum Beispiel den Kreis, den ich neulich genäht habe, der am Ende nicht mal rund war, sondern eher ein oktagon oder so. Und das ist das coolste am nähen, warum ich das nur jedem typen empfehlen kann, die nähmaschine zu okkupieren: Wenn man es richtig macht und auch das falsch machen richtig macht: Dann fühlt man sich wie ein verrückter aber genialer Wissenschaftler. Har Har Har! Lebe, oktagon, LEBE!

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Romy Berger Matthias David Johannes Finke

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HEFT ZWEI Taktische Medien, M채dchen und M채rchen oder Fr채ulein Tessa, ich und das Etablieren einer Streitkultur. Letzter Teil der Reihe Liebe 2.0 von Johannes Finke

Von der Blauen Moschee zu den Pyramiden von Boris Guschlbauer


HEFT ZWEI Taktische Medien, Mädchen und Märchen oder Fräulein Tessa, ich und das Etablieren einer Streitkultur. Letzter Teil der Reihe Liebe 2.0 von Johannes Finke

angesprochen und, das ist dann der etwas schwerer zu erklärende Teil, irgendwie mag ich das nicht. Genau genommen finde ich das größtenteils fürchterlich. Warum, das wird in diesem Text hoffentlich das ein oder andere Mal durchschimmern.

Meine Freundin bloggt1, macht in Community Management2 und Social Media, spricht auf der re:publica über „Liebe ist für alle da – New Story Telling am Beispiel der Netzgeschichten über Beziehung & Partner“ und schreibt auch regelmäßig und von Anfang an für das BLANK Texte u. a. über die/ das NEON 3 , über Weiblichkeit im Wahlkampf4 oder über den neuen Feminismus5. Alles Texte, die für das Selbstverständnis und die innere und äußere Zielrichtung von BLANK sehr wichtig sind. Alles Texte, die gut als Verhandlungsgrundlage funktionieren und an denen man sich reiben kann. Wir beide, also meine Freundin und ich, reiben uns sehr gerne, nicht nur körperlich, auch und speziell an Themen und Texten, an unterschiedlichen Auffassungen, Haltungen, emotionalen Verstrickungen und was man hinter dem vermutet, was der andere macht und noch viel mehr: warum er das macht. Manchmal ist das durchaus mit Schmerzen verbunden, denn es geht oft an die Substanz und kollidiert mit dem alltäglichen gegenseitigen Entgegenbringen und Empfangen von Liebe. Zum Glück sind es andere Menschen, die eine als Seminar getarnte Precht-Show benötigen um mit anderen und speziell dem Anderen auf Augenhöhe über, mit und in Liebe kommunizieren zu können. Doch das sind anders geartete Stilblüten moderner Verweserei. Meine Freundin und ich machen das unter uns aus. Beim Reiben.

Letztendlich sind es Annahmen, Unvollständig- und Belanglosigkeiten, an denen ich mich stoße. Natürlich entdecke ich hinter kurzen Tweets meiner Freundin auch ganz andere, mich, uns und unsere Beziehung betreffende Horizonte, die kein anderer beim Lesen im Kopf hat und trotzdem spielt Eifersucht eine Rolle, das banale Flirten, der Austausch digitaler Nettigkeiten und das gegenseitige Vermitteln einer We-AreOne-Mentalität im Kleinen. Ich frage mich zumindest oft, wie meine Freundin, aber auch Freunde und Bekannte, ihre Netz-Kontakte klassifizieren, was für ein Wertigkeitssystem sie anwenden und zu welchem Zweck. Und mir ist durchaus klar, dass die Pflege von Freundschaften, der Netzwerkgedanke oder die Idee up2date zu bleiben für andere schlüssige Erklärungen oder Antworten sind – für mich nun mal nicht. Und was die Eifersucht angeht, tja, da bleibt mir nur die persönliche Entscheidung, mich für das, was meine Freundin bei Facebook, Twitter & Co. kommuniziert, nicht zu interessieren. Ich nehme doch mal an, meine Freundin wird mir schon mitteilen, wenn es etwas gibt, das für mich wichtig oder relevant sein könnte. Ich glaube, das ist auch meiner Freundin lieber. Für mich ist meine Facebook-Nicht-Existenz keine Frage von Verweigerung, Verschmähung oder Herabwürdigung einer Kommunikations- bzw. Beschäftigungskultur, sondern vielmehr eine Haltungs- oder Mentalitätsfrage. Doch nochmal zurück zu allgemeinen Verständnisfragen: Nazis, die bloggen, sind Nazis, die ein Format bzw. ein Medium nutzen, um ihr wirres Gedankengut zu teilen oder sich mit anderen zu organisieren. Briefmarkensammler, die bloggen, sind Briefmarkensammler, die ein Format nutzen, um ihr wirres Gedankengut zu teilen oder sich mit anderen zu organisieren. Jetzt wird es etwas komplizierter: Blogger, die bloggen, sind Blogger, die usw. Da fängt mein Unverständnis an. Also weiter im Text: Um das ‘Sich-organisieren’ von Bloggern und anderen ‘Aktivisten’ dreht es sich bei Veranstaltungen wie der republica, bei der in diesem Jahr Programmpunkte auf dem Plan stehen, wie z. B. „Kostenloskultur vs. Paid

Speziell der Themenkomplex, den man grob als „Netzkultur“ umreißen könnte, erzeugt zuweilen Hitze zwischen uns, regelrechte Flächenbrände sind das, die langsam schwelend sich schnell ausbreiten und dann wild durch unser Wohnzimmer wüten. Ich bin zum Beispiel nicht bei Facebook. Das war zuerst wahrscheinlich Versäumnis, wurde jedoch irgendwann eine bewusste Entscheidung dagegen. Trotzdem werde ich auch in real life mit Facebook und der dort stattfindenden Kommunikation konfrontiert und werde im Freundes- oder Bekanntenkreis, aber auch von unerwarteter Seite, mal auf die ein oder andere, von meiner Freundin bei Facebook gepostete, Information

II


HEFT ZWEI same Schuluniform denn eingeführt? Die Eltern, die Schule oder am Ende gar wir selbst? Es macht die Welt zumindest bunter (an Orten, die Generationen zuvor grau angepinselt haben) und uns etwas ruhiger und selbstsicherer. Zur Rebellion langt da bereits eine runde Sonnenbrille11. Doch ich entferne mich vom eigentlichen Thema, dem diskrepantischen zwischen meiner Freundin und mir.

Content“, „Modefotografie auf der Straße“, „Blogs monetarisieren - aber wie?“, „Sex and the Internet“, „Netzneutralität: Eine Einführung“, „Das Urheberrecht im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“, „Blog und Blogger-Typologien“ und natürlich unvermeidliche Zeitgeistigkeiten wie eine Twitterlesung mit und wahrscheinlich um Sascha Lobo. Auffallend ist die Gewichtung von Mode bzw. Fashion (und das nicht bezugnehmend auf Sascha Lobo) in dieser ‘Szene’. Also nochmal kurz ein paar an vorhergehendes anschließende Überlegungen: FashionVictims, die bloggen, sind keine Fashion-Victims, sondern Fashion- bzw. Modeblogger. Das kann dann auch, wie im Falle von Tavi Gevinson, ein dreizehnjähriges Mädchen aus der amerikanischen Provinz6 sein, die sich vornhemlich in hohen Schuhen ablichtet und deren Kommentare mittlerweile auch bei Harper’s Bazarre7 gefragt sind. Aber jünger, dünner und dümmer ist in dieser Szene ja sowieso allgegenwärtig und die sich stetig wiederholende Pervertierung ästhetischer Normierungsversuche8 leider ein Dauerzustand. Aber Mode kommt an und spiegelt den momentanen Versuch eine neue Elite zu formulieren sehr gut wieder. So kommt auch der Lead-Award nicht an der Mode vorbei, egal ob am Branchenriesen Vogue oder am erfolgreichen Berliner Fashion-Blog LesMads9: zwei junge Damen, die zumindest eine gute Figur machen und dem Blog ein Gesicht geben. Hier ist die Mode in der ‘Netzgemeinde’ angekommen, auch wenn sich natürlich Fragen nach Positionierung, Vereinnahmung seitens der Industrie und Kommerzialisierung nicht vermeiden lassen, denn das Objekt der Begierde gibt es in der Regel nunmal leider nicht umsonst und in Goodie-Bags wächst auch kein Gemüse. Auf die Frage, ob die ‘Mode’ manchmal nicht nervt, antwortet die Modebloggerin Mary Scherpe in einem kurz vor der diesjährigen re:publica erschienen Kurzinterview in der Welt: „Der Modezirkus nervt einige, ich finde es aber eher belustigend, ihn zu beobachten.“ Doch genau diese Grenze zwischen belustigtem und darüber erhabenem Beobachter-Dasein und mittendrin statt nur dabei ist doch, auch in der ‘Mode’, eine spannende Frage, die man in erster Linie mal für sich selbst beantworten sollte und muss. Aber auch darüber10 wird natürlich auf der re:publica gesprochen. Ja, die Mode. Was ist mit uns passiert? Wer hat die gemein-

Meine Freundin ist öfters auf Veranstaltungen, bei denen ihr Beschäftigungs- und Betätigungsfeld, also Social Media im Allgemeinen, Blog-Kultur und Community Management im Speziellen, eine gewichtige Rolle spielen. So z. B. die bereits erwähnte re:publica und Veranstaltungen wie das Politcamp2010 und mir scheint, als würde sich meine Freundin auch dort in einem durchaus definierten Gebilde aus vornehmlich Personen, aber auch Institutionen und Meinungsbildern bewegen. Vom Versuch des von außen betrachtet, stellt sich mir immer weniger die Frage nach Methodik, Anwendung oder der stetigen gegenseitigen Bestätigung, sondern vielmehr nach dem ‘Gemeinsamen’, dem, was eine Gruppe von Leuten, die sich regelmäßig über ‘ihr’ Medium austauschen, an Haltungen und Absichten ausmacht und ob man – ob ich – dem trauen kann. Was bedeuten Begriffe wie „Internet-Szene“ und „Netzgemeinde“ bzw. die Intention der Etablierung einer solchen wirklich, wenn z. B. und u. a. die FAZ so selbstverständlich mit Begrifflichkeiten wie diesen umgeht12 und anlässlich des Politcamp2010 und der Anwesenheit der jungen CDU-Familienministerin Kristina Schröder anmerkt, dass ‘ihre Partei, also die CDU, der Internet-Szene inhaltlich nicht nahestehen’ würde. Das beschreibt sich selbst ja fast schon als Versuch der beidseitigen Einvernahme, eine Power-Allianz zwischen ‘Netzgemeinde’ und Politik und lässt mich fragen, wo denn diese ‘Internet-Gemeinde’ eigentlich steht und wo sie hin will. Fakt ist, sie glaubt zu sein und entwickelt Mechanismen der Abwehr vom Äußeren und der Manifestation des Inneren. Doch was sich im Inneren versteckt, lässt sich leider nicht erkennen. Doch um mitreden zu dürfen bedarf es der Beteiligung und das ist der mir missfallende Umstand: Der Trugschluss des Zusammenschließens, das Ausblenden anderer Realitäten und der Versuch, Meinungsho-

III


HEFT ZWEI kat- und Aufklebervorlagen, amtlichen Vordrucken, um einfacher an die Unterschriften für die Wahlzulassung zu kommen und zum intellektuellen Austausch, damals in Form eines Thinktanks, in dem Kuhlbrodt, Hegemann, Stuckrad-Barre, Goetz, Jelinek und andere Konsorten mal mehr und mal weniger den Austausch suchten. Doch je weiter nach unten sich die Strukturen im Verlaufe des Projekts verzweigten, desto wichtiger wurde das Internet, desto aktivistischer wurde das Treiben. Natürlich war die damit einhergehende Pseudo-Demokratisierung des Projektes dessen gleichzeitiges Ende, denn es war Kunst und wollte auch als solche wahrgenommen werden. Und Kunst ist nun mal nicht demokratisch.

heit und Kernkompetenz zu definieren. Natürlich ist es verlockend an etwas zu glauben, das dem Bild einer ‘Bewegung’ nahe kommt. So sind wir Menschen. So ist meine Freundin. So bin ich. Wir alle tragen die Hoffnung nach Erlösung in uns. Die Hoffnung, gemeinsam zu gestalten. Erfüllung. Das ist bei Kirchentagen nicht anders als bei der Love-Parade, bei Barcamps nicht anders als beim Tantra-Workshop, bei der re:publica nicht anders als beim TocotronicKonzert oder bei einem Treffen der Völkischen Jugend. Und sind wir ehrlich, auch wenn es schmerzt, im Berghain scheint dieses Gefühl ebenfalls allgegenwärtig. Meine Freundin und ich haben neulich mal festgestellt, dass wir, seitdem wir uns kennen, nicht mehr im Berghain waren. Weder einzeln, noch gemeinsam. Vielleicht nur ein Zufall. So ganz einig sind wir uns da nicht. Wir schaffen uns trotzdem Orte und Momente der Unordnung, der Verstörung, einzeln und auch gemeinsam. Gemeinsam auf Kongresse oder Zusammenkünfte, wie die hier behandelten, gehen meine Freundin und ich dagegen nicht. Da finden wir nicht richtig zueinander. Vielleicht, weil ich da etwas borniert bin und den alten Mann gebe. Vielleicht aber auch, weil ich die Faszination kenne, die Magie. Da liegt etwas in der Luft. Und es ist nicht der Klimawandel. Und auch kein Glaubensbekenntnis. Aber es ist etwas. Etwas anderes. Es kommt meist schleichend, doch plötzlich hat es dich. Das ist wie eine Sucht, wie Spiele ohne Brot.

Um es abzukürzen: In seinen Ausläufern brachte mich „Chance 2000“ dann hierher, in das ehrwürdige Amsterdamer Paradiso, anlässlich eines Kongresses zum grobschlächtigen Thema „Taktische Medien“. Und da war vielleicht was los! Neuformierte und alternative Macht- und Lobbyverbände, Vertreter neuer und unabhängiger Kommunikationsformen und – zugegebenermaßen – eine große Anzahl an Freaks und Interessierten, die sich durch die alles vereinnahmende Popkultur angesprochen und angezogen fühlten, trafen sich, um so etwas wie ‘freie Netzwerkforschung’ zu betreiben, diese zu emotionalisieren, aufzuspüren und für jeden einzelnen Teilnehmer greifbar zu machen. So die Idee. So mein rückblickendes Gefühl. Die subjektive Emo-Gurke. Ein Hauch von Widerstand war dort in diesen drei Tagen für mich spürbar, ein Anflug von Veränderung. Wir waren jung. Wir hatten Laptops. Und ein paar hatten bereits einen Communicator. Wir verbrachten quasi vierundzwanzig Stunden im Paradiso, zwischen Streaming-Sessions und LSD-Trips, zwischen Vorträgen, Workshops und Projektpräsentationen, vom Menschenrechtsprojekt im Irgendwo, über NGOs und Kunstprojekt bis zur Hacker-Community. Und hey, wir waren in Amsterdam, ein mir damals recht vertrautes Pflaster, stets bereit und Laster everywhere. Und durch eine freundeskreisbedingte Affinität zu Hackern, Crackern und Tradern kam mir diese Mischung aus Weltverbesserung, Tool-Kapazitäten und Nerd-Tum gerade Recht. Hinzu kam damals, ohne auf das in diesem Text unterschwellig mitschwingende Thema ‘Eifersucht’ wieder näher einzugehen, noch ein genau zu diesem

Im Jahre 1999 hatte ich das Glück, den in Amsterdam zum dritten Mal stattfindenden Kongress „next 5 minutes13“ besuchen zu können. Ich reiste dorthin im Zuge von Schlingensiefs „Chance 2000“, eines Projekts, das mich zumindest ansatzweise und kurzfristig geistig zerrüttet hatte, und sah dem ganzen aktivistischen Treiben eher unaufgeregt entgegen, aber durchaus interessiert. Schon beim Lautsprecherverlag hatten wir früh angefangen, solide im Netz aufzutreten und das Medium für Pressearbeit und Kommunikation zu nutzen. Doch bei „Chance 2000“ war das Internet, auch als Kontrapunkt zum archaischen, unmittelbaren und aktionistischen Kunstverständnis von Schlingensief und Hegemann stets präsent und eine wichtige Vorrausetzung, ein wichtiges Tool, für die Kommunikation untereinander, das Bereitstellen von Grundsatztexten, Parteiprogrammen, Flyer-, Pla-

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HEFT ZWEI nun eine Weile begleiten werden – in dieser Nacht jedoch war es das gesprochene Wort. Selten haben mich spoken words so berührt. Es hatte funktioniert. Ich fuhr nach Hause, hatte wieder etwas Kraft, hab mich wieder verliebt, Texte geschrieben und den Gedichtband „Sex mit Monika Kruse oder Stell Dir vor es ist Pop und keiner geht hin!“ veröffentlicht. Schrieb E-Mails, war bei Myspace. Hatte ein, zwei Bulletins und Newsletter. Für Netactivism und Netzkultur habe ich mich nicht mehr sonderlich interessiert. Mehr für Texte und den, der sie schreibt, vornehmlich für mich, aber auch für andere. Für Kunst und die, die sie machen und für das Selbermachen. Auch bei der Musik. Es sollte unmittelbar sein. Ohne etwas dazwischen. Keine Verwandlung in digitales Gestöber. Schweiß. Blut. Tränen. Bücher. Platten. Ewig lange Lesetouren, Theater, Ausstellungen, Projekte, denen man sich langfristig verschreiben muss und die doch endlich sind. Meine Freundin kennt mich. Sie kennt das Glänzen in meinen Augen. Ich glaube, sie mag das an mir und ich glaube, manchmal fragt sie sich doch, was das ist und ob sie es auch hat.

Stadtpunkt stattfindendes Liebeschaos. Ich muss gestehen, dass ich weniger in Amsterdam war, um die damals frisch erschienene Buchdoku über „Chance 2000“ vorzustellen, sondern mehr, um mich den immer und allgegenwärtigen Lebensthemen Selbstfindung und -erfahrung zu widmen. Ich hatte das Gefühl, mich emotional wieder aufladen zu müssen. Umso überraschter war ich, als ich feststellte, dass sich das wunderbar mit diesem Kongress verbinden lassen konnte, denn viele waren so wie ich. Zumindest mehr als woanders. Und das war schon mal was. Eines meiner persönliche Highlights damals war ein, wie sich später herausstellte, Abschlussvortrag, der, um es grob zu umreißen, zum Thema hatte: Gameboy hacken, vom Quellcode bis zum Cartridge, und ein Spiel coden, in dem man als Player in der Gestalt eines kleinen Mädchens oder eines kleinen Jungen, den Versuchungen der Welt zu widerstehen hatte: dem Dealer, dem Pfarrer und anderen Verschmutzern digitaler Jungfräulichkeit. Dieser zweieinhalbstündige Vortrag enthielt alles: die Entstehung von Nintendo, Yakuza und Spielkarten, Maschinen- und Konsolenspiele, technische Anleitungen zum Bespielen von Cartridges mit Spielen, das Anlegen von OnlineDatenbanken, die grafische Umsetzung, das Verhandeln mit Toys’r‘Us über einen Vertriebsdeal und vieles mehr. Noch heute klebt der verspiegelte Carbon Defense League14 -Aukleber pattexverhaftet auf meinem Gitarrenkoffer. Ein analoges Artefakt aus der Zeit meiner digitalen Bewusstwerdung. Man kann also durchaus sagen, ich habe eine recht früh gefestigte und emotionale Bindung zu den Möglichkeiten einer, meiner, digitalisierten Generation.

Natürlich kann ich mit diesem Text dem nicht gerecht werden, was zwischen mir und meiner Freundin funkt. Es sind so viele Kleinigkeiten, Aversionen, Ängste, das Gefühl, irgend jemand besetzt ein Allgemeingut, dass sich gute Gedanken nicht so schnell verbreiten lassen, wie ein guter Tweet, die FacebookGruppe zu einer Party, ein witziges Video oder das Bild deines ehemals guten Freundes, wie er über der Kloschüssel hängt und man deutlich erkennt, dass er sich auch schon schön in die Hose geschissen hat. Ich habe das Gefühl, ich bin misstrauisch und meine Freundin weniger. Ich glaube, es ist falsch, so viel von sich zu kommunizieren, dass Aussenstehende daraus ein für sich gültiges Pseudo-Profil von einem erstellen können. Ich habe tatsächlich Angst, dass die Vereinnahmung und Gleichschaltung so weit fortschreitet, dass kein Platz und keine Möglichkeit mehr übrig bleiben, im Falle des Falles zivilen Ungehorsam leisten zu können, keine Chance mehr besteht, alternative Strukturen schaffen zu können, die eine reelle Möglichkeit haben, sich einem System auch widersetzen zu können. Die Probleme werden nicht weniger, aber sie zu kommunizieren immer schwieriger und ich mag nicht, wie ernste Themen benutzt werden, um

Doch auch in dieser Nacht waren es keine Bits und Bytes, die mich nachhaltig beeindrucken sollten, sondern ein Live-Auftritt der Dead Poets NY und anderer Spoken Word Artists anlässlich der Europremiere von „Slam“, einem Film mit Saul Williams in der Hauptrolle. Ich kann mich noch heute sehr gut an alles erinnern, an die Emotionen, die nur so durch den Saal flogen, an den Schweiß, an die Wut, die Hoffnung und an das Heilsversprechen. Ich hatte nur wenige literarische Erweckungsmomente und in der Regel waren es Zeilen, Absätze, Kapitel und Bücher von Autoren, bei denen einem schnell bewusst wurde, dass sie einen

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HEFT ZWEI same Träume und etwas, das sich genauso schwer beund umschreiben lässt, wie vieles, was dazu führte, dass ich diesen Text anfing zu schreiben. Wir werden uns weiterstreiten, über alles und jeden. Ich glaube, wir beide schätzen die Möglichkeit, seine Meinung frei äußern zu dürfen. Und wir beide mögen die Hitze, wenn wir uns aneinander reiben.

sich an politischer Korrektheit abzuarbeiten und sich einer Schnittmenge aus durchschnittlicher Rezipienz anzubiedern, Allen geht es um Reichweite und nicht um Weitsicht. Das liest sich dann oft so, wie zum Beispiel ein Beitrag von Sixtus aus einem ZDF-Blog15 zum aktuellen Referenzthema ‘Netzsperren’: „Ist eine Sperr-Infrastruktur erst einmal installiert, werden die Begehrlichkeiten Anderer automatisch geweckt: Lobbyisten wie der Tonträger-Mann Dieter Gorny campieren ja quasi schon vor dem Kanzleramt, um dort rechtzeitig an die Tür zu klopfen. Online-Casinos? Untergraben schamlos das Glücksspiel-Monopol der Länder, ab hinter die Sperren damit! Nazi- und HassSeiten? Stopp-Schilder davor! Ego-Shooter? Nutzen doch nur potenzielle Amokläufer! Es wird nicht lange dauern und streitfreudige Zeitgenossen werden einzelne Blogs sperren lassen wollen, von denen sie sich – zurecht oder zu unrecht – beleidigt fühlen. Diese Entwicklung ist so vorhersehbar wie zwangsläufig und niemand, der gleichzeitig mit dem Finger auf Iran oder China zeigt, kann sie sich wünschen.“ Ich hoffe, ich stoße auf Verständnis, wenn ich auf die hellseherischen Fähigkeiten des Verfassers und das Ausmaß der Verirrungen nicht weiter eingehe, doch dieser Text zeigt sehr deutlich, wie ein Thema, das vermeintlich die eigene Netz-Kompetenz betrifft, benutzt wird, das eigene Ego wild und unkontrolliert zu exponieren. Darauf baut Misstrauen. Deswegen habe ich da ein schlechtes Gefühl. Das ist nicht sauber. Das ist Behauptung. Das ist populistisch. Aber wie heute, zum Start der re:publica, Marcus Jauer so schön in der FAZ schreibt: „Die Menge an Information ist nicht das Problem am Internet, solange sie jemand einordnet und bewertet. Lange sah es so aus, als könnten Blogger das übernehmen. Leider beschäftigen sie sich lieber mit sich selbst.“ Das ist in seiner Vieldeutigkeit vielleicht etwas unglücklich formuliert, aber zeigt eigentlich nur, dass Blogger jetzt auch im Mainstream angekommen sind und der CDU inhaltlich nicht unbedingt nahe stehen, aber vielleicht auch nicht unbedingt weit weg. Also, was solls? Ein Haus im Grünen. Das Segelboot. Die Bettpfanne. Der Baseball-Schläger. Das schnöde Geld. Der Weltfrieden. Ein ordentliches Filet vom Rind. Ein Sancerre Rosé. Ein Sonnenuntergang.

Die mit den Endnoten1-15 durchnummerierten Links haben wir für Euch hier bereit gestellt: blank-magazin.de/neuemedien

Von der Blauen Moschee zu den Pyramiden von Boris Guschlbauer Es gibt keine bessere Stadt, eine Reise zu beginnen, als Istanbul. In wenigen Minuten ist man von Europa nach Asien oder zurück geschippert und im Puddingshop, dem ehemaligen Hippietreff zwischen der Hagia Sofia und der Blauen Moschee, gibt es den besten türkischen Schokoladenpudding zum Frühstück, Mittag- und Abendessen und dazu vielleicht noch ein balik ekmek (Fischbrötchen) am Goldenen Horn mit Blick auf das mit Öl, Plastiktüten und Quallen verschmutzte Wasser. Von der asiatischen Seite startete der Nachtzug nach Konya, eine der konservativsten Städte der Türkei und leider auch eine der hässlichsten, denn Hochhäuser schlimmer als in Marzahn bestimmen das Bild. Die Stadt Adana steht dem in nichts nach und so hetzte ich weiter nach Antakya, um frühmorgens den klapprigen Bus nach Syrien zu besteigen. Geschickt wie eine Ratte schlängelte sich der Busfahrer durch den kilometerlangen LKW-Stau am Zoll, ich fragte mich ernsthaft, wie viele Wochen oder gar Monate die Fahrer in ihren Lastwägen ausharren müssen, um über die Grenze zu gelangen. Mein grüner Ausweis mit dem goldenen Adler darauf machte keine Schwierigkeiten. Der schwule Grenzbeamte mit rosa Blume im Knopfloch liebkoste meinen Pass mit dem Einreisestempel. Nur der junge Japaner

Meine Freundin und ich definieren uns zum Glück nicht über das Alltagsgeschäft, sondern über gemein-

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HEFT ZWEI hatte Pech, wegen eines israelischen Stempels im Ausweis verweigerten ihm die Beamten die Weiterfahrt nach Syrien und er musste den Rückweg in die Türkei antreten, ob er wollte oder nicht. Der Arme, denn hinter der Grenze änderte sich das Stadtbild zum Positiven und in der Stadt Aleppo wandelte ich durch einen wahr gewordenen Traum aus 1001 Nacht. Ungeahnte Hektik bestimmte das Leben in den Souqs, der Neustadt und natürlich im Straßenverkehr. Hier die Fahrbahn zu überqueren, war ein Spiel mit dem Tod, die Fahrer nahmen keinerlei Rücksicht auf Fußgänger. Mit Höchstgeschwindigkeit hielten sie direkt auf jedes bewegliche Ziel zu, manchmal bewahrte nur der berühmte Beckerhecht vor dem Elend unter Autoreifen. Um mich diesem stressigen Fluss annehmen zu können, betrank ich mich in meinem zwei Quadratmeter großem Zimmer – das einer Einzelzelle in Stammheim glich – mit Turbobier. Schnell schaltete es seinen Turbo ein und weiter ging`s in die Stadt Hama, die im Jahre 1982 vom eigenen Militär bombardiert worden war, weil Mitglieder der Muslimbrüder die Stadt zum Widerstandszentrum ausgebaut hatten. Die Nächte auf einem Flachdach verbringend, blickte ich in den endlosen Sternenhimmel, versuchte verzweifelt das Große Ganze zu begreifen, lauschte den Rufen der Muezzins von hunderten von Minaretten, dazu das Brummen der riesigen Wasserräder, welches sich anhörte wie ein in die Enge getriebener Grizzlybär. Über einen Umweg in das Wüstenkaff Palmyra, in dem ich mutwillig uralte römische Säulen umwarf, um dann die Ruinen im warmen orangefarbenem Licht des Sonnenuntergangs zu sehen, erreichte ich über die Straße, die auch nach Bagdad abzweigt – eine der ältesten Städte überhaupt und die Hauptstadt von Syrien, Damaskus. Für wenig Geld bot mir Tamer, dem ich zufällig über den Weg gelaufen war, seine Wohnung in der Altstadt an. Diese Unterkunft stellte nicht gerade den Hort der Sauberkeit dar, aber egal. Im Bad huschten die Küchenschaben umher, starben noch vor dem Stehklo an Herzversagen und ihre Leichen wurden zum Leibgericht der Ameisen. In der Küche schimmelte der mehrere Tage alte Kaffee in der Tasse und in der Nacht feierten die Bettwanzen auf mir und mit meinem Blut ein feuchtfröhliches Fest. Am nächsten Morgen sah ich aus,

als hätte ich die Beulenpest erwischt. Um Erlösung von diesen juckenden Stichen zu erflehen, suchte ich den heiligen Schrein von Say`yeda Roqayya auf – in dieser mit unzähligen kleine Spiegeln verzierten Halle lag die Tochter des Imam al-Husain begraben, der seinerseits der Enkel des Propheten Mohammed war. Noch nie habe ich so viele weinende und flehende Männer auf einem Haufen erlebt (außer beim Fußball vielleicht). Süßigkeiten wurden verteilt und Stofftiere auf den Schrein geworfen. Im Eck saßen junge Männer im Kreis, rezitierten Suren und geißelten sich selbst, indem sie sich rhythmisch mit der Faust hart auf die Brust hämmerten. Es herrschte eine Energie, die mich alle Bettwanzen der Welt vergessen ließ. Für wenige Minuten schien ich vom Juckreiz befreit. Jeder kann sicher verstehen, dass die Tage in Tamers Wohnung gezählt waren und so sprang ich in den Bus nach Jordanien, um einige Kilometer zwischen mich und die Wanzen zu bringen. An der Grenze angekommen, dauerte es länger, auf alle anderen Passagiere des Busses zu warten, bis sie mit Tüten gefüllt mit Alkohol und Parfum vom Duty Free Einkauf zurück kehrten, als die elende Passprozedur selbst. Dementsprechend spät kam ich in Amman an, der Hauptstadt von Jordanien, die wie Rom auf sieben Hügeln erbaut worden war. Noch in derselben Nacht kletterte ich auf einen der Hügel und blickte auf die vielen Lichter, das Leben und den Verkehr hinab und fühlte mich wie Gott weit oben im Himmel, unter mir meine weißen Schäfchen – im hellen Schein des Vollmondes verwandelte ich mich in einen Werwolf und riss die Schäfchen in blutige Stücke. Petra liegt nur drei Autostunden von Amman entfernt, eine von den Nabatäer im 3. Jahrhundert vor Christus in den Sandstein gehauene Stadt und eines der neuen Sieben Weltwunder. Erst im Jahre 1812 wurde sie von dem als Beduine verkleideten Schweizer Burckhardt wiederentdeckt, über hundert Jahre später fand und verlor Indiana Jones dort den Heiligen Kral. Ich persönlich fand eine absolut erbarmungslose Hitze, verschanzte mich für eine Nacht bei den Beduinen in einer der Höhlen und fuhr dann weiter in die Hafenstadt Aqaba, um ein kühlendes Bad im Roten Meer und die Fähre über das selbige zu nehmen.

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HEFT ZWEI Eine endlose Fährfahrt, danach Halt in der Stadt Dahab auf der Sinai Halbinsel, ein ehemaliger Stopp auf der Hippieroute, heute nur noch ein bunt blinkendes Touristenparadies – auf der Strandpromenade ziehen dich Verkäufer in ihre Ramschläden oder die Kellner einen ins Restaurant ihrer Wahl. Ich blieb zwei Nächte und planschte im Roten Meer mit Blick auf Saudi Arabien, umzingelt von zahlreichen bunten Fischen, wenn nicht sogar Haien. Weiter ging die Reise nach Suez. Am gleichnamigen Kanal zu sitzen und die riesigen Frachtschiffe an mir vorbei ziehen zu sehen, damit ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Nachdem ich als Jugendlicher das Buch „Reise um die Erde in 80 Tagen“ verschlungen hatte, wollte ich nur einmal diese Stadt erreichen, in der Phileas Fogg und Passepartout zum ersten Mal auf den Detektiven Fix gestoßen waren und Passepartout auf dem Bazar Socken und Hemden gekauft hatte. Danach wusste ich, konnte ich glücklich sterben und in der Wüste verscharrt werden. Aber so schnell gibt keiner den Löffel ab und so flog ich in einem alten Peugeot Kombi zusammen mit einer Großfamilie und ihrem ganzen Gepäck auf dem Dach weiter nach Alexandria. Hier fand ich Unterkunft im schönsten Hotel meines Lebens, direkt am Meer, in Sichtweite der berühmten Bibliothek. Man musste nur den Ekel über die viel zu fette, unfreundliche und ständig nach „money, money“ fragende Rezeptionistin mit dem entstellten Gesicht überwinden und den Dreck und die Küchenschaben im Zimmer übersehen, schon konnte man gemütlich auf dem Balkon sitzen, viel Stella Bier trinken und den Sonnenuntergang im offenen Meer erleben. Auf der Straße unter dem Balkon hupten die vielen Autos, im Foyer furzte die Rezeptionistin, die Falter kreisten um die nackte Glühbirne im Zimmer, in meinem Herzen lachte die Freiheit. Auf diesem Balkon wollte ich für immer verweilen, saufen, auf das Leben hinabblicken, Romane schreiben und jeden Morgen mit einem erholsamen Blick aufs Meer beginnen. Drei Tage hielt ich den Teufel Stillstand aus, dann packte mich erneut das Fernweh und die Rezeptionistin am Arm, um mehr Geld aus mir heraus zu pressen. Ich riss mich von ihr los, schulterte den Rucksack und sprang in den Zug nach Kairo, noch ehe die Rezep-

tionistin mir ihren Rotz unter die Schuhsohlen spucken konnte, damit ich kleben blieb. Die Flucht führte durch verlassene, im Müll erstickende Dörfer, vorbei an Palmen und über den Nil – am Ufer lag eine tote Kuh auf dem Rücken und streckte alle Viere weit von sich. Mit ihrer Verwesung in den Gedanken fuhr ich in den Bahnhof von Kairo ein. Der absolute Verkehr schlug mir entgegen und die Gedanken an den Tod aus dem Kopf, in diesem Wirrwarr aus Autos war nur noch mein Überlebenswille gefragt. Im siebten Stock in einem Hostel irgendwo im abgasumnebelten Downtown angekommen, verlangte ich nur noch nach Wasser und einer Runde Schlaf in der Schuhschachtel, meinem Zimmer. Der Ventilator versuchte vergebens die Hitze zu vertreiben, trotzdem fand ich Ruhe in der Erschöpfung. Einige Stunden später ging es gestärkt zur Schlussetappe, den Pyramiden von Gizeh. Ich nahm die S-Bahn in den turbulenten Vorort Gizeh, dann irgendeinen der vielen Linienbusse, die sich wie mit Plutonium betriebene Dampfwalzen einen Weg durch den Verkehr bahnten. Noch vor dem Eingang zu den Pyramiden fingen mich die vielen Verkäufer ab, die mir – teilweise ziemlich aggressiv – gefälschte Tickets zu einem Spottpreis andrehen, einen Pferde- oder Kamelritt aufdrängen oder wirklich antike Papyrusrollen zu einem „good price, good price“ verkaufen wollten. Dabei logen sie das Blaue vom Himmel hinunter, dass ich herzlich lachen musste. Sie alle lachten mit mir mit, als ich meine Taschen umdrehte und sie erkannten, dass ich kaum einen Heller besaß und wir somit Brüder im Geiste waren. Also fielen sie schlussendlich über die Touristengruppen her, die mit Bussen scharenweise hierher gekarrt wurden. Geschockt von so viel Trubel, fand ich ein friedliches, von den Massen verschontes und schattiges Plätzchen im Inneren der Cheopspyramide. Ich rülpste zu laut, die schweren Türen fielen zu und der Fluch des Pharaos kam über mich. Noch an Ort und Stelle gab ich den Geist auf – und sollte ich nicht wiedergeboren sein, dann liege ich da noch heute.

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BLANK 02/2010  

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