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ULTRAS TALIBANISIERUNG DER KURVEN? STREET ART EIN RESÜMEE

Sommer / 2012

GESELLSCHAFT, DISKURS, DISKO

LEBEN NACH DEM TOD

LINKIN PARK

MONOGAMIEN & MONOTONIE:

SEX WIRD ÜBERSCHÄTZT

BORIS GUSCHLBAUER

REISEN IN ZEITEN DES ÜBERFLUSS

FOTOSTRECKE

MIT ALLER KRAFT

ALLES AUSSER

WACKEN MUSIK, KUNST UND KONSUM


EDITORIAL

Zwischen

Geilheit Und Unschärfe von Johannes Finke

Wir verteilen gerne Schuld. Warum auch nicht. Schuld an andere oder viele zu verteilen ist besser als selbst mit- oder alleinschuldig zu sein. Doch wir sind alle schuldig. Der eine mehr. Der andere weniger. Keine Verbrechen gegen Menschlichkeit. Aber nun mal auch keine Verbrechen dafür. Keine Mutter Courage. Nur Vater Vertrauen. Wir entern Establishment und das allein schon generiert Zufriedenheit. Aufbrechen und Ausbrechen bleiben Fremdwörter für die vermeintliche Avantgarde. Es ging, es geht immer nur um das eigene Seelenheil, um den Buchvertrag, den Platz in der Talkshow, das Portrait im Boulevard, das Mango-Lassi und den besten Tweet. Ein Leben für den Favstar der Stunde, des Tages, der Woche …. und schon wieder vergessen. Selten bleibt etwas scharf. Meistens sind wir nur geil. Und ab und an machen wir ein neues Heft. Schuld daran sind wir ganz alleine.

EDITORIAL BLANK I 3


BLANK NR. 09 / SOMMER 2012

Titelfoto : Christian Thiele 6 Mit Aller Kraft Live-Fotografien von Christian Thiele 20 Sinnliche Erfahrungen und das wahre Leben Liebt sie oder hasst sie – hinnehmen müsst ihr es sowieso: LINKIN PARK sind eine der größten Bands unserer Zeit. 26 der w Stephan Weidner ist DER W und darüber hinaus noch so viel mehr. Jetzt tritt er an, um sein vakantes Erbe einfach selber anzunehmen. Und zu reinvestieren. 28 Rock im Stadtpark Das immerjunge Festival 32 Is it still Street-Art? Berlin hat seit Jahren den Status des Graffitiund StreetArt-Mekka für sich gepachtet – Zeit für ein kleines Resümee 36 Selbstfindung zwischen den Zeilen Indien – Wo einst tausende Hippies der Magie des ­Ostens folgten, um ihren Geist zu erweitern. Boris Guschlbauer auf Spurensuche. 58 Foll Lustik Die deutsche Sprache brachte der Welt wunderbare Kunst: Die Lyrik Goethes, die Prosa von Grass oder die Wortmacht von Polt. Die Autoren Manuel Grebing und Stephan Scheler brachten der Welt immerhin schon zwei Ausgaben von „Cumshots“. Im Sommer 2012 haben beide ihre Kompetenzen vereinigt. 62 Über falsch verstandene Treue und neoromantische Antifolklore Johannes Finke meint: Sex wird überschätzt. 4 I  BLANK


66 Talibanisierung der Kurven? Fußball ist gefährlich. Sollte man zumindest glauben gemacht werden. Dabei ist alles gar nicht so schlimm. Oder wenigstens nicht so einfach. 72 PRINT Jennifer Egan, Hermann Hesse, Ben Tewaag, Wolfgang Herrndorf, Arezu Weitholz, Leif Randt, Martin Lindstrom 77 Tonträger Chuck Ragan, Broilers, The Kordz, Carpark North 80 CLOSE UP Livefotografien von Svenja Eckert 90 Geschenke für alle Die große BLANK-Sommerverlosung 96 Blank Fashion Fotos Fotograf Matthias David hatte wieder aktuelle Trends vor der Linse. Und eine schöne Frau. 102 Tatort München Roman Libbertz traf den Kameramann Markus Förderer und Regisseur Tim Trachte. HEFT ZWEI Mein Glashaus

Feine freie Aassoziation zu Christian Krachts „Imperium“ von Johannes Finke ICE of the living dead

Kurzprosa von Stefan Kalbers Das Urheberrecht, im unbekannten Wesen liegt die Verführung. Aber warum es mich auch nicht mehr interessiert.

Johannes Finke über Urheberrecht und Kunstverständnis Los, geh auf die Knie!

Teresa Bücker sucht den „homme à femms“ und findet Verachtung für Mensch und System DSK Urlaub in Berlin

Glosse von André Krüger über das Hipsterleben in der Bundeshauptstadt

119 Impressum INHALT BLANK I 5


Mit Aller

KrAft live-fOtOGrAfien vOn christiAn thiele der Fotograf christian Thiele schießt seine Bilder nicht nur für Bands wie die Toten hosen, Broilers, In Extremo oder dritte Wahl, sondern auch für uns. und lieferte imposante Impressionen von vor, auf und hinter der Bühne. Viele Bilder bedürfen weniger Worte! Nur so viel: With Full Force ist nicht nur der Name des Festivals, auf dem diese Bilderstrecke entstanden ist, sondern auch das motto für die Arbeiten Thieles. manchmal liegt die Kraft nämlich auch in der Ruhe. der Ruhe vor dem Sturm. mehr von christian Thiele findet man übrigens unter www.christianthiele.de


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Sinnliche

Erfahrungen und das wahre

Leben Text Till Erdenberger

Liebt sie oder hasst sie – hinnehmen müsst ihr es sowieso: LINKIN PARK sind eine der größten Bands unserer Zeit.

Ü

ber 20 Millionen verkaufte Platten weltweit machen diese Einschätzung über jeden Zweifel erhaben und ihre ikonenhafte Bedeutung für das immer noch junge Nu MetalGenre lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass ein gewisser Rick Rubin seit inzwischen drei Alben für das Endergebnis verantwortlich zeichnet. Denn Rubin, der Übervater der Produzentenszene, Reanimateur von Johnny Cash und Entdecker der Beasty Boys, arbeitet nicht mit jedem zusammen. Nein, er lässt nur Visionäre und Legenden antreten und einmal in der Woche Songideen und Fragmente vorstellen. Aber es geht nicht um Rick Rubin, der durfte nur herhalten, um zu verdeutlichen, um was es wirk-

lich geht: LIVING THINGS ist da, das fünfte Studioalbum von LINKIN PARK. Inzwischen ist das Album in Deutschland, den USA, Großbritannien und diversen weiteren Märkten direkt auf eins gegangen, der Hype ist schon wieder gewaltig und die von Sänger Chester Bennington ausgegebene Einschätzung, das neue Album werde polarisieren, hat voll ins Schwarze getroffen. Allerorten wird geschimpft und gejubelt, zwischendrin headlined man mal eben Rock am Ring und zwei Tage später spielt man für den Sponsor Telekom einen exklusiven Minigig aus der „Telekom Streetgigs“-Reihe in Berlin. Der aber wiederum zeitversetzt in rund 500 US-Kinos übertragen wird. Die Maschinerie läuft, BLANK konnte sich zwischen die Kollegen vom

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Musikfernsehen und dem Rolling Stone drängen und eine der raren Zehn-Minuten-Audienzen sichern. Eigentlich wenig sinnvoll, braucht es bei den völlig durchprofessionalisierten USMusikern in der Regel doch alleine schon acht Minuten, um den üblichen „das aufregendste Album unserer Karriere, das wir genau so und genau zu diesem Zeitpunkt machen wollten, wir sind sehr glücklich und alles ist großartig“-Sermon abtropfen zu lassen. Wir haben uns entschieden, nicht über das Album zu

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MUSIK

reden, sondern über... Nun ja... Das Album. Aber als Teil des Konzepts. Und irgendwie auch ein bisschen über das Leben nach dem Tod. Rapper Mike Shinoda ist nicht nur für das gesprochene Wort auf der Bühne verantwortlich, sondern hat auch das Auge

für die visuellen Aspekte des Kunstwerks Linkin Park. „Jedes Album bringt uns ein Stück näher an den Punkt, zu dem wir wollen. Wir bekommen zumindest eine immer klarer werdende Vision davon“, erzählt

„Jedes Album bringt uns ein Stück näher an den Punkt, zu dem wir wollen. Wir bekommen zumindest eine immer klarer werdende Vision davon.“


der zierliche Rapper, der zum Interview beinahe ungebührlich pünktlich und stilecht mit Starbuck‘s Becher in der Hand in die Suite eines Berliner Hotels geschlichen kam. Ja, geschlichen stimmt wirklich. Ohne Aufhebens, ohne große Entourage und ohne den großen Auftritt zu markieren. „Bei diesem Album bin ich deshalb besonders zufrieden, weil das Artwork tatsächlich auf visueller Ebene transportiert, worum es musikalisch geht und was der Titel „Living Things“ aussagen möchte. Und zwar nicht zu plakativ, sondern gleichzeitig subtil aber nicht zu abstrakt. Die Musik ist gleichzeitig sehr organisch, aber auch sehr stark von technischen, elektronischen Elementen beeinflusst. Ein ständiges Zusammenspiel von Menschen und unbelebten Objekten. Das Artwork erzählt diese Geschichte nach: Es basiert auf 3D-Scans der Band, die die Jungs aus unserem Designteam durch verschiedene Filter gejagt haben. Die rohe, ursprüngliche, organische Form wurde durch Maschinen verformt und manipuliert. „Living Things“ eben.“ Während man dem 35-Jährigen zuhört, wie er eigentlich etwas so Triviales, fast Offensichtliches wie die Auslegung des Zwei-Wort-Albumtitels erklärt, fällt einem der Film Spinal Tap ein. Eine Schein-Dokumentation über eine völlig aus der Realität verschwundene Rockband voller Schwachköp-

fe, die mit ungeheurer Ernsthaftigkeit über Nichtigkeiten, die Relevanz ihrer völlig dämlichen Texte und nicht vorhandenen musikalischen Visionen dozieren können. Ein Phänomen, das auch heute noch allgegenwärtig ist, trifft man Musiker vielerlei Couleur. Mike Shinoda ist keiner davon, auch wenn die schiere Komplexität des Albumtitels wohl nur die wenigsten Fans vor unlösbare Probleme stellen dürfte. Aber darum geht es dem Mann mit den russischen und japanischen Wurzeln nicht, denn was er sagt, illustriert vor allem, dass Linkin Park auch nach der 20.000.000sten verkauften Platte eine Band sind, die sich mit sich und ihrem Werk eingehend auseinander setzt – auch über die Musik hinaus. „Ich bin involviert in alles, was unsere

(Hahn, DJ – Anm. d. Red.) ist hier auch dabei und arbeitet außerdem mit an unseren Videos. Darüber hinaus stellen wir die Teams zusammen, die in allen Bereichen für uns arbeiten. Die ändern sich dann von Album zu Album.“ Und so durften sich für „Living Things“ ausnahmsweise die Jungs austoben, die eigentlich für die Videos der Band und die exotischen Effekte verantwortlich sind, nachdem für den Vorgänger „A Thousand Suns“ noch der Künstler Josh Vanover die visuelle Marschrichtung vorgeben durfte. Shinoda, der selbst Illustration und Grafikdesign studierte und es inzwischen selbst zumindest zu bescheidener Berühmtheit als grafischer Künstler mit eigenen Ausstellungen gebracht hat, bleibt trotz aller Akribie realistisch und weiß

„Die Musik ist gleichzeitig sehr ­organisch, aber auch sehr stark von technischen, elektronischen Elementen beeinflusst. Ein ständiges Zusammenspiel von Menschen und unbelebten Objekten.“ Printartworks betrifft, sowohl rund um Album und Tour als auch im Merchandisebereich. Dazu kümmere ich mich zusammen mit unseren Mitarbeitern um unsere Webpräsenz. Joe

um die veränderten Rezeptionsgewohnheiten einer neuen Generation Musikkonsumenten: „Klar, sicher wissen nicht alle Fans zu schätzen, dass wir uns auch um die visuellen Aspekte

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rund um ein Album viele Gedanken machen. Und es wäre wirklich schön, wenn alle unsere Fans sich die Musik anhören und dabei aufmerksam Booklet und Cover studieren, um auf alle kleinen Ideen und Zwischentöne zu stoßen, die dort eingeflossen sind oder sich dort zeigen. Aber darauf zu hoffen, ist heutzutage eine Illusion.“ Aber aus je-

Medienwandel als Chance. „Ich bin nicht unbedingt traurig oder verbittert darüber, dass diese Zeiten des audio-visuellen Gesamterlebnisses in der Form, wie wir es noch kennen gelernt haben, vorbei sind. Im Gegenteil, ich glaube, es gibt noch viel bessere Möglichkeiten, ein Album visuell zu begleiten und den Hörer zu fesseln, als wir es

„Eine umfassende sinnliche Erfahrung kann im Moment nur ein Konzert liefern.“ der medialen Revolution sind noch immer neue Innovationen hervor gegangen, die sich den Konsumgewohnheiten der an den Inhalten Interessierten orientierten und diese neu formten. So denkt auch Shinoda und statt den alten, romantischen Zeiten nachzutrauern, begreift er den

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MUSIK

bisher kannten. Mir fehlen im Moment leider die Zeit und auch die richtige Idee, um etwas in diese Richtung weiter zu entwickeln. Aber ich bin überzeugt davon, dass es zukünftig Wege geben wird, dem Hörer ein auditives und gleichzeitig ein visuelles Erlebnis zu bescheren, während

er ein Album hört. Und dabei denke ich nicht einfach an ein 45-minütiges Musikvideo. Eine umfassende sinnliche Erfahrung. Das kann im Moment nur ein Konzert liefern.“ Und das muss noch nicht mal zwingend im üblichen Stil einer der großen LINKIN PARK-Inszenierungen sein. Ob die Band heute auch noch ohne die ganz große Inszenierung, ohne ein visuelles VorArmageddon mit Donnerhall funktioniert? „Wir haben erst kürzlich ein paar Shows in kleinerem Rahmen gespielt, die waren für unsere Verhältnisse schon sehr rudimentär inszeniert. Aber es ist ganz einfach so: Mir macht es Spaß, mit den Visuals zu arbeiten und in unser Werk eben auch diese visuelle Ebene zu integrieren. Und deshalb lege ich auch Wert darauf, dass wir es so als Paket umsetzen. Unsere Musik könnte natürlich aber auch


für sich alleine stehen, wenn sie es müsste.“ Ob dem rapper das auch gelingen würde, so alleine zu stehen, ohne eine ganze Armada von fans, ohne den Kick auf der Bühne zu stehen und ohne die Bestätigung durch Platten- und ticketverkäufe, das ist die letzte frage. denn die Uhr steht bereits bei achteinhalb Minuten und der stille Begleiter der Musikers tippt freundlich lächelnd aber unmissverständlich auf seine Uhr: „last question!“. „es sind ja nicht die Menschen, die da sind, um uns beim Musikmachen zuzuschauen“, holt er zum philosophischen Abschluss aus, „die unser tun zur wirklichkeit machen. wir würden auch Musik machen, wenn niemand oder deutlich weniger leute zu unseren shows kommen und unsere Platten kaufen würden. wir haben auch schon Musik gemacht, bevor die Band durch die decke gegangen ist. Alle meine freunde wissen das über mich: ich kann nicht still sitzen und ich kann nicht anders, als irgendetwas zu produzieren. sei es, einen song zu schreiben, sei es, ein Bild zu malen, oder sei es, ein video zu produzieren. wenn ich also nicht Musik machen würde, wäre es etwas anderes. Also ja, es gäbe definitiv ein leben nach linKin PArK.“ das leben nach dem tod wird aber noch auf sich warten lassen: „living things“ geht gerade in die dritte woche an der spitze der deutschen charts.

Ihr habt es gelesen: Die Telekom Street Gigs sind selbst für die ganz Großen und Weitgereisten etwas besonderes. Und das nächste Event aus der Reihe steht schon wieder in den Startlöchern. Am 29.08. werden die Alternative-Veteranen BILLY TALENT in Leipzig das kleine Gasometer wieder ordentlich unter Druck setzen und die traditionsreiche Industriekulisse in eine postapokalyptische Punklandschaft unter offenem Stahlnetzhimmel verwandeln. Mit im Gepäck: Bewährte Klassiker und noch unveröffentlichte Perlen des im September erscheinenden neuen Albums. Tickets gibt es nicht zu kaufen, sondern nur unter www.telekom-streetgigs.de zu gewinnen. Wir haben auch keine Tickets, dafür ein funkelnagelneues HTC Desire C (inkl. HTC Inears) für euch. Das Teil hält mit seiner leistungsstarken 5 MP-Kamera selbst dem Druck eines Billy TalentGigs stand, passt kompakt in jede Hosentasche und dank Beats Audio habt ihr auch außerhalb der Konzerte immer den spektakulärsten Sound von allen am Start, versprochen.

Wenn ihr euch das Schätzchen sichern wollt, schreibt bist zum 28.08. eine Mail mit dem Betreff „Billy Talent/ Telekom“ an folgende Adresse: verlosung@blank-magazin.de Wir wünschen Euch viel Glück!

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OPerAtiOn

trAnsfOrMAtiOn TexT TILL WILhELm FoTograFie chRISTIAN ThIELE

Stephan Weidner ist dER W und darüber hinaus noch so viel mehr. Jetzt tritt er an, um sein vakantes Erbe einfach selber anzunehmen. und zu reinvestieren.

s

eit 34 Jahren im rock Business und der Mann ist immer noch unterwegs. sieben nr. 1 Alben mit den Böhsen Onkelz, knapp 10 Millionen verkaufter scheiben, 5 echo-nominierungen und einmal für die rolling stones den Anheizer gegeben. eine weitere Aufzählung der Meriten aus der vergangenheit würde aber in die falsche richtung gehen, denn die Onkelz gibt es schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Und das vakuum, das die Band hinterlassen hat, ist weiterhin nicht gefüllt. Kommerziell nicht und künstlerisch schon zweimal nicht. Zwar bewerben sich immer wieder nachahmer aus einem immer größer werdenden Pool an Möchtegern-epigonen darum, sich als so etwas wie der Onkelz-nachfolger ausrufen zu lassen, scheitern aber schon im Ansatz. denn wer sich stets auf bereits ausgetretenen Pfaden

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bewegt, kann nicht nur keine eigenen fußabdrücke hinterlassen, sondern hat den Kern dessen, was die Onkelz und ihren Anspruch ausgemacht hat, nicht verstanden. Also muss doch wieder weidner persönlich ran, um die erste hälfte seines künstlerischen lebens fortzuführen. solo, aber nicht allein. der w haut auf den tisch und dokumentiert das Anfang Oktober mit einem neuen Album, das das möglicherweise beste aus seiner feder seit langer, langer Zeit ist. sein musikalisches vorleben inbegriffen. Und er stellt klar: „ich habe nicht die geringsten Ambitionen in diesem trüben, sich selbst kopierenden deutschrocktümpel nach fans zu fischen.“ wird er auch nicht müssen, denn „w iii“ spricht für sich. Auf nummer sicher geht der weidner nicht. ruhiger wird er auch nicht


auf seinem dritten soloalbum. versöhnlicher schon gar nicht. im Gegenteil. da geht einer mit sich selbst ins Gericht und rockt sich alles von der seele, was sich im laufe der Zeit angestaut hat. schon der Opener „Operation transformation“ wirbelt die Zielgruppe durcheinander. ist das deutschrock? nein, ist es nicht! war es auch noch nie. „... raus aus der vernunft, rein in den rausch, Blitzkrieg, rolle vorwärts, tapetenwechsel, trikottausch...“ dichtet der frankfurter hier und dokumentiert gleich die Marschrichtung seiner Arbeit: Kein stein bleibt auf dem anderen. schon bei der vorab-Präsentation des Albums waren sich die redakteure der fachmagazine ausnahmsweise einmal einig: „Ach du scheiße, da kommt was Großes auf uns zu!“ Und während der vorgänger

„Autonomie!“ noch viel von innerem Ausgleich, von Ying und Yang, von für weidnersche verhältnisse beinahe buddhistischer Gelassenheit handelte, schaltet der frankfurter auf „w iii“ wieder auf Angriff. Und das steht ihm auch in seinem 50. lebensjahr einfach gut. dass die standards hoch bleiben, dass sich weidners hohe Ansprüche auch während der studioarbeit objektivieren lassen, dafür sorgen seine Musiker: Gitarrist dirk czuya ist wohl so etwas wie der sidekick, den sich weidner gerade in den letzten Jahren der Onkelz immer gewünscht hatte und wenn man „w iii“ etwas anmerkt, dann ist es die tatsache, dass Bassist henning menke und drummer Jc dwyer „der w“ zu einem team formen, das hohen Ansprüchen gerecht wird. den eigenen vor allen dingen. Jetzt heißt es wohl nur noch warten.

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Rock im Stadtpark: Das immerjunge

Festival Text Till Wilhelm Fotografie Stefan Deutsch

Was vor 6 Jahren mit wenigen 100 Fans und ein paar kleinen Bands begann ist heute aus dem Festivalkalender der Republik nicht mehr wegzudenken: Rock im Stadtpark in Magdeburg lockt inzwischen nicht nur Jahr für Jahr tausende von Bands an, sondern versammelt auch immer wieder nationale und internationale Größen der härteren Musik in seinem Line-Up. 2012 folgten so unter ­anderem The BossHoss, Jennifer Rostock, Gentleman, Marteria und Royal Republic der Einladung von Veranstalterin Janin Niele. Und die ist das, was „Rock im Stadtpark“ endgültig einzigartig macht.

D

enn wenn am ersten AugustWo c h e n e n d e (3. – 5.) drei Tage lang Bands auf zwei Bühnen den altehrwürdigen Stadtpark zum Kochen und mehrere tausend Besucher zum Springen bringen, blickt die junge Frau hoffentlich am zufriedensten auf „ihr“ Festival ohne auch nur eine Band vollständig gesehen zu haben. Und die Anführungszeichen könnte man eigentlich getrost weglassen. Denn das Festival ist seit der Erstauflage im Jahr 2007 das Lebenswerk der jungen Frau, die ihre ersten Konzerte bereits mit 15 Jahren veranstaltete. Des Hinterherreisens müde, beschloss sie pragmatisch, die Bands einfach nach Magdeburg zu holen. Und was

klein anfing ist inzwischen ein Vollzeitprojekt geworden, das jährlich weit über 100.000 Euro an Kosten verursacht. Heute ist Janin 21 und Geschäftsführerin einer GmbH, die sich um die Abwicklung von „Rock im Stadtpark“ kümmert. Heute ist

sammenarbeite ist das Vertrauen da. Veranstaltet man über Jahre Newcomerbands der Agenturen, bekommt man auch die Headliner. Viele Leute haben gesehen wie es sich entwickelt hat und aller Anfang ist schwer. Wer mit uns den Weg gegangen ist,

Manchmal hilft ein kurzer Rock und ein nettes Lächeln, oft provoziert man damit aber auch Penetranz. damit natürlich vieles deutlich einfacher als früher: „Früher wie heute gibt es Gebietsschutz und exklusive Auftritte, wodurch es bei namenhaften Bands nicht ganz einfach ist diese auch zu bekommen. Da ich mit vielen Agenturen über die Jahre gut zu-

verzeiht auch Fehler, denn wo gehobelt wird, da fallen Späne.“ Die Schattenseiten des Erfolgs sprechen aber auch eine deutliche Sprache, wie die junge Selfmade-Festivalmacherin erzählt: „Als ich älter wurde, kamen bei einigen Männern, darunter

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Ich habe letztes Jahr bei ­Facebook „Alles ist doof“ gepostet und am nächsten Tag stand in zwölf ­verschiedenen Zeitungen, dass das Festival umzieht und der MDR ­kreuzte vor meiner Haustür auf. auch Geschäftspartner, Hintergedanken auf. Da Frau hier fast allein in einer Männerdomäne kämpft, ist es nicht immer einfach. Manchmal hilft ein kurzer Rock und ein nettes Lächeln, oft provoziert man damit aber auch Penetranz. Was ich jetzt immer mehr merke ist der Neid, vorne rum lächeln einen alle an, hintenrum Rufmord ohne Ende. Nimmt man Angebote an, hat man die besten Freunde, lehnt man diese ab, kann es zur Hölle auf Erden werden.“ Umso wichtiger ist ein funktionierendes Team um die Frontfrau herum. Denn große Aufmerksamkeit weckt auch Begehrlichkeiten von Seiten, die nicht unbedingt zum Tagesgeschäft rund um das Veranstalten eines dreitägigen Festivals gibt. „Man braucht ein starkes Umfeld mit echten Freunden, die dir selbst zeigen, wie wichtig du bist, denn abgesehen von Kritik bekommt man als Veranstalter kaum was ab. Es kommt keiner zu dir und sagt „Danke, dass du das für uns gemacht hast“. Es gibt

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MUSIK

also immer wieder Momente, in denen man denkt, dass diesmal möglicherweise das letzte Mal war. Es gibt auch echte Konflikte, welche durch die Medien gehen, wofür man ein starkes Fell braucht. Ich habe letztes Jahr bei Facebook „Alles ist doof“ gepostet und am nächsten Tag stand in zwölf verschiedenen Zeitungen, dass das Festival umzieht und der MDR kreuzte vor meiner Haustür auf. Hinzu kommt, dass man dann allen Frage und Antwort stehen muss, es immer Besserwisser gibt, die im Internet eine Kalkulation erstellen, obwohl sie keine Ahnung haben, alles schon da gewesen.“ Dass dafür Janins Kalkulation auch 2012 aufgehen wird, sorgt gerade auch der Wettergott. Sympathische Festivaltemperaturen im mittleren Zwanzigerbereich werden wohl noch einige Kurzentschlossene in die Hauptsadt Sachsen-Anhalts locken. Das Team um Deutschlands jüngste Festivalmacherin hat seine Hausaufgaben ja bereits erledigt und ein abwechslungs-

reiches, hochkarätiges Line-Up zusammen gezimmert. Wünsche werden hier musikalisch kaum offen bleiben und wer außer tollem Wetter, großartigen Bands und einer einzigartigen Veranstalterin noch weitere Gründe braucht, warum er ab Freitag im Stadtpark aufschlagen sollte, bekommt sie von der Chefin persönlich geliefert: „Das stärkste Merkmal von Rock im Stadtpark ist die Sympathie. Das Festival wird von keiner großen Veranstaltungsagentur gemacht, sondern von ein paar Jugendlichen, das ist es auch was es greifbar macht. Die Leute haben ständig einen Ansprechpartner vor Augen, können über Mails oder Facebook direkt mit uns kommunizieren. Außerdem ist es das einzige Festival weit und breit, das mitten in der Stadt liegt: 10 Minuten Fußweg und man steht in der Innenstadt, die Atmosphäre ist traumhaft schön. Für junge Festivalbesucher kommt der attrkative Preis dazu. Die Preise liegen zwischen 25 – 45€ für das komplette Wochenende.“ Tickets sind noch im Vorverkauf auf www.rock-im-stadtpark.de zu haben. Und welche Träume möchte sich Janin noch mit ihrem Festival erfüllen? „Ich möchte auf meiner Bühne unbedingt noch Die Ärzte, Die Toten Hosen und Clueso sehen“. „Sehen“ dann wohl eher im Sinne von „Hören“. Aus dem Produktionsbüro. Zu viel zu tun.


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Is it still

Street-Art? Text Yuppi Buge

Berlin hat seit Jahren den Status des Graffiti- und StreetArt-Mekkas für sich gepachtet – Zeit für ein kleines Resümee

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an muss schon blind sein, um diesem Phänomen zu entgehen. Berlins Schatten, omnipräsent und vielfältig, reicht von klassischem Graffiti über Schablonen und Papers hin zu Installationen. Nur woher kommt das alles? Ist oder wird hier jeder zum StreetArtist? Wenn überhaupt wird dieser Eindruck durch viele Trittbrettfahrer nach dem „Affe sieht, Affe macht nach“-Prinzip erzeugt. Doch was für Auswirkungen hat das auf die Qualität der Arbeiten und die Szene an sich? Gehen wir ein paar Jahre zurück. Damals war StreetArt noch neu, die Anzahl an Künstlern noch überschaubar. Spontan fallen einem Namen wie Nomad, Alias und El Bocho ein. Deren Arbeiten erfreuten sich schnell größer Beliebtheit und Akzeptanz. Schneller als bei dem klassischen Graffiti, nicht

grad zur Freude vieler Graffitikünstler. Diskreter, illustrativer und meist leichter zu entziffern bzw. zu verstehen. StreetArt hat seine Vorteile. Prinzipiell unproblematisch – die Stile beider Richtungen der urbanen Künste lassen sich relativ leicht zu gelungenen Konzepten verbinden.

Ballungsgebieten Kreuzberg und Friedrichshain ansiedeln. Das animierte viele zum Selbstmachen. Mittlerweile sind wir einen Schritt weiter. Mittlerweile gibt es groß angelegte Aktionen, wie Wedding Walls, im Zuge

Der Erfolg bringt Hyänen, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Ein Gewinn für beide Seiten. Zudem ist es für den Einzelnen sicherlich kein negativer Zustand mit seinem Schaffen das Taschengeld aufzubessern. Galerien sind für diese Vermarktung sicherlich hilfreich. So war es nur eine Frage der Zeit bis sich in Berlin bestimmte Galerien, temporäre wie etablierte, auf die urbanen Künste fixierten. Skalitzers Contemporary, Box32-Beispiele für Galerien, die sich vornehmlich in den

derer riesige Wände gestaltet werden. Mittlerweile gibt es die STROKE – eine Messe für urbane Kunst. Urban Art für die breite Maße zugänglich zu machen, ist prinzipiell nicht verkehrt, avanciert sie doch zu DER zeitgenössischen Kunstform. Doch spätestens hier kommt die Kehrseite der Medaille zum Vorschein. Der Erfolg bringt Hyänen, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Einerseits fördert dies

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sein. Die Straße als Plattform und Medium wird nie ihren Reiz verlieren.

die Vernetzung, andererseits führt diese Flut an sogenannten StreetArtists zu elitärer Grüppchenbildung innerhalb der Szene. Das kann kontraproduktiv auf die Vielfalt der StreetArt wirken. Es ist verstörend für einen jahrelangen StreetArtLiebhaber, auf einer Messe verkaufsträchtige klare Trends und Stile zu erkennen. Urbane Kunst zugänglich für Jedermann heißt eben auch Mainstream. Doch war StreetArt nicht Guerilla? Wenn StreetArt nicht mehr auf der Straße ist, ist sie dann Tot? Tot wie HipHop? Das wurde ja auch schon behauptet. Die

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Kunst

Antwort damals wie heute: Nein! Genau wie bei HipHop und Graffiti besteht verständlicherweise die Angst, dass eine aus rebellischer Intention gekeimte Bewegung im Zuge der Kommerzialisierung ihren Geist verkauft. Doch wie bei den ersten beiden Beispielen wird auch StreetArt immer auch Guerilla

Neben der mittlerweile gesellschaftlich anerkannten Komponente dieser Kunstform wird es eben auch immer (neue) von denen geben, die die Fahne in Sachen Kontroverse hochhalten, die nachts durch die Straßen streifen um ihre Botschaft zu verbreiten, so sie denn eine haben. Die, die Grenzen und Wahrnehmungen testen und aushebeln. Ungefragt und trotzdem ästhetisch. Teilweise sogar gefragt: die Farbattacke auf das KaDeWe vor mehreren Jahren war als Werbeaktion für Lacoste geplant, ein Anschlag war sicherlich nicht ihre Erwartung, als sie StreetArtist Brad Downey engagierten. Es wird deutlich: Zwischen GuerillaAktionen und dem legalen Arbeiten in der Öffentlichkeit gibt es unzählige Schnittflächen. Die Stile, die Künstler – alles befruchtet sich gegenseitig. Das Potential ist noch lange nicht ausgeschöpft. Solange das so bleibt, ist alles gut!

Genau wie bei HipHop und Graffiti besteht verständlicherweise die Angst, dass eine aus rebellischer Intention gekeimte Bewegung im Zuge der ­Kommerzialisierung ihren Geist verkauft.


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selBstfindUnG Zwischen den

Zeilen TexT & FoTograFie BoRIS guSchLBAuER

Die letzte Ausgabe der BLANK liegt nun schon etliche Monate zurück. Viel Wasser floss die Spree hinab. Zeit und Raum genug, um sich Gedanken zu machen, neu zu orientieren, Sinn zu suchen, sich selbst zu finden. Die Art Direktorin gründete eine kleine Familie und bekam ein süßes Kind, die Musikredakteurin suchte nach drei Tagen Pilgerweg eine Universität auf, die Moderedakteurin ging rüber in den Westen zu mehr Arbeit und Geld, der Fotograf blieb seiner Leidenschaft treu und gründete ein Studio, der Chefredakteur eröffnete eine der beliebtesten Szenebars von Berlin.

Und wo blieb ich? Als Reiseredakteur wusste ich was zu tun war. Um Abstand zu gewinnen, kehrte ich Deutschland den Rücken. Und welches Land lag nicht näher auf der Hand als der indische Subkontinent. Hunderttausende Hippies folgten einst der Magie des ostens, um ihren Geist zu erweitern und fanden meist nur billige Drogen. ich war gespannt, was mich Jahrzehnte nach diesem Exodus erwarten würde. Hier nun die Selbstfindung in zehn Bildern.


Delhi Meist landet der reisende in der indischen hauptstadt. der flughafen funkelt neu, eine hochmoderne Bahn bringt dich direkt in das Zentrum der stadt. Auf dieser fahrt bekommt man noch kein klares Gefühl, was einen in der nächsten Zeit erwartet. tritt man aus dem unterirdischen Bahnhof ans tageslicht, wird man vom indischen trubel, leben, verkehr, Müll, den

Geräuschen und der Armut förmlich überrollt. in allem herrscht eine Abnormität, die man aus dem westen nicht gewohnt ist. es dauert wochen, bis man sich an das chaos halbwegs gewöhnt hat. sein ego allerdings verliert man in dieser Menschenmasse schon in den ersten sekunden. delhi überfordert den neuen Besucher, also flucht richtung norden ...


Rishikesh In den Ausläufern des Himalayas und am Ufer des Ganges übten sich einst die Beatles in Transzendentaler Meditation. Die Kleinstadt Rishikesh ist bunt und freundlich und hat den Anspruch Welthauptstadt des Yoga zu sein. Das ehemalige Beatles-Ashram von Maharishi Mahesh Yogi allerdings ist verfallen und wird von der Natur übernommen. Efeu krallt sich in

den Stein, Schlingpflanzen überwuchern die Wege, unzählige Hanuman-Languren queren die Trampelpfade oder gammeln in den Bäumen. Mir wird bewusst, dass alles seine Zeit hat. Der Geist der Beatles ist ergraut, die Aufbruchstimmung der 68er längst eingeschlafen. Ich ziehe weiter nach Amritsar ...


Amritsar Die Stadt Amritsar ist das spirituelle Zentrum des Sikhismus. Viele Pilger kommen in den Bundesstaat Punjab, um wenigstens einmal in ihrem Leben einen Blick auf und in den Goldenen Tempel zu werfen, das höchste Heiligtum der Sikhs. Menschen jeglicher Religion sind willkommen und erhalten ein freies Mittagsmahl. Tausende werden tagtäglich ver-

köstigt. So bekommt man ein Tablett aus Blech und Besteck ausgehändigt und reiht sich in einer Halle auf dem Boden ein. Freiwillige laufen durch die Reihen und servieren den Linsen-Dal aus Eimern. Ein großes Gemeinschaftsgefühl entsteht beim Essen. Trotzdem falle ich abends alleine ins Bett und reise am nächsten Tag weiter ...


Dharamsala Dharamsala in den Bergen des Himalaja ist der offi zielle Sitz der Tibetischen Exilregierung. An manchen Tagen im Jahr gibt der Dalai Lama Teachings, zu welchen hunderte Menschen aus aller Welt strömen. Leider habe ich kein Transistorradio bei mir, um der englischen Übersetzung seiner Rede zu lauschen, so dass es mir schnell

langweilig wird und ich seinen Palast verlasse, um mir ein Frühstück zu gönnen. Bei einem Milchkaffee wird mir bewusst, dass ich weiterhin keinen Geistlichen in meinem Leben benötige und setze meinen Weg zum wahren Ursprung des Buddhismus fort ...


bodhgaya Genau hinter dieser Absperrung erlangte Siddharta Gautama in seinem 35. Lebensjahr nach langer Meditation Erleuchtung. Just in dem Moment, als ihm ein Blatt vom Bodhibaum auf den Bauch fiel, wurde er zu Buddha, dem Erleuchteten. Aus diesem Grunde ist Bodhgaya ein beliebter Pilgerort für spirituelle Menschen von überall her.

Ich selbst stoße in dieser Stadt auf einen Sadhu (Heiliger Mann), der mir ein Chillum nach dem anderen stopft. Anstatt Erleuchtung finde ich, dank des gigantischen Rausches, ein ungeordnetes Chaos in mir selbst und fühle mich fast als Hippie. Schnelle Weiterreise ...


varanasi Varanasi am Ganges ist die heiligste Stadt Indiens und die verrückteste der Welt. Ein jeder Hindu träumt davon hier zu sterben, damit seine Überreste in aller Öffentlichkeit am Ufer verbrannt und die Asche den Fluten des Ganges übergeben werden. Mit diesem Ritual erlangt er nur hier ohne Wiedergeburten den Zustand Moksha, was dem Nirvana der Buddhis-

ten gleicht. So sieht sich Varanasi mit einem unaufhaltsamen Strom an Alten, Kranken, Heiligen und Pilgern konfrontiert. In kürzester Zeit sehe ich so viel Leid und Tod, der in einer absoluten Normalität neben dem täglichen Leben und der Liebe existiert, so dass mich die Faszination zum Stehenbleiben zwingt ...


varanasi (Manikarnika ghat) Als Ghat bezeichnet man die Stufen zum Ufer des Ganges. Der Manikarnika Ghat ist HauptVerbrennungsghat und einer der günstigsten Orte, um Verbrennungen beobachten zu können. Die Scheiterhaufen lodern rund um die Uhr. Lebende sitzen auf Bänken und blicken in die Flammen, als wäre es ein Grillfeuer. Man sieht Arme aus dem Feuer ragen, erkennt den Schädel des Toten, Asche fliegt durch die Luft und sammelt sich auf der Haut. Ist ein Scheiterhaufen erloschen, wird die Asche dem Ganges übergeben und bildet eine schwarze Schicht auf der Wasseroberfläche. Keine zehn Meter weiter baden Kinder im Fluss und prusten Wasser aus ihrem Mund.

Daneben angelt ein Mann nach Fischen oder ein Sadhu kostet vom heiligen Gangeswasser oder ein Bauer treibt seine Ochsen zur Abkühlung in das Nass. Viele Scheiterhaufen benötigen viel Holz. Auf diesem Foto sehen wir einen Dom (ein Mitglied aus der untersten Kaste), der neues Brennholz für eine weitere Leiche trägt. Am Manikarnika Ghat türmt sich das Holz, ausreichend für alle Toten aus der ganzen Welt. Zu viel Tod verursacht ein ungutes Gefühl. Deshalb reise ich weiter. Und zwar in den Himalaja, dem Sitz der Götter, nach Nepal ...


pokhara Auf dem Weg durch Nepal stoße ich auf Pokhara. Hippies waren die ersten, die diese Kleinstadt am See, im Schatten des Annapurna-Massivs, für sich entdeckten. Mittlerweile hat sich Pokhara zu einem beliebten Reiseziel entwickelt, trotzdem kann man dem Trubel mit Spaziergängen in die umliegende Natur entgehen.

Beim Umwandern des Sees genieße ich die Einsamkeit, erkenne unglaubliche Graustufen, entdecke ich die Augen Gottes im Himmel (siehe Foto) und spüre so etwas wie Schöpfung in der Natur. Doch allzu viel Einsamkeit kann auch Trugbilder erschaffen und so reise ich weiter in die Hauptstadt von Nepal ...


Kathmandu Die Hauptstadt Kathmandu ist mit knapp einer Millionen Einwohner die größte Stadt Nepals. Ähnlich wie in Delhi herrscht hier ein unglaubliches Verkehrschaos, Abgase verpestet die Luft, Müll liegt herum und zu viele Menschen schieben sich durch zu enge Straßen. Um mir einen Überblick zu verschaffen, steige ich den Hügel nach Swayambhu hinauf, um von oben auf alles und jeden zu blicken. Am Tempelkomplex angekommen, entdecke ich diesen Affen, der anschei-

nend dieselbe Idee gehabt hat. Was unterscheidet mich also von einem Primaten, frage ich mich. Warum überhaupt muss man sich selbst fi nden? Ist man nicht immer und überall nur man selbst? Um endgültige Gewissheit zu erlangen, entschließe ich noch weiter hinauf zu gelangen. Ich muss mich unbedingt über wirklich allem wissen, die Welt zu meinen Füßen und das All im Nacken. Also geht es dem Himmel entgegen ...


Über den wolken Flugzeug, Fensterplatz, rechte Seite. Ich blicke auf die Achttausender des Himalaja. Schon beim Start rüttelte ein Gewitter den Flieger durch, nun zwingen gigantische Luftlöcher die komplette Besatzung an die Anschnallgurte. Der Flieger verliert urplötzlich an Höhe, fängt sich dann aber wieder. Immer und immer wieder. Mit Angstschweiß auf der Stirn starre ich durch das kleine Fenster. Die massiven Berge lassen mich klein fühlen, fast wie ein Nichts, hier oben bin ich ganz armselig abhängig von der Technik. Ich kralle mich an der

Armlehne fest und weiß, dass ich wie jedes Lebewesen einfach nur sterblich bin. Früher oder später werde auch ich den Löffel abgeben und immer werde ich eine Angst dabei verspüren. Warum sich deshalb zu viele Gedanken machen? Nichts tun, der Frühling kommt, das Gras wächst! Eine Erkenntnis. In genau diesem Moment liegt die Selbstfindung hinter mir. Und wenn ich auch nicht immer Signor Rossis Meinung teile, dass es zu Hause doch am schönsten ist, freue ich mich wieder auf Berlin. Also bleibe ich einfach sitzen und fliege zurück zum Anfang ...


Mördan - Schatz, ich kann nicht mehr warten

mal, d sind? krass

FishLo MÖRD

azncri Ich we meine

...abe was s

0:43 / 3:49

Mördan ist eines jener neuen Internet-Phänomene, dem es mit seinen skurrilen Eigenkompositionen gelang, innerhalb weniger Wochen die Millionengrenze an Klicks zu überschreiten. Der 22-jährige Metallbauer aus Bayern stellte seine kafkaeske und melodiefreie Liebeserklärung laut eigener Aussage etwas voreilig ins Netz und...blieb erwartungsgemäß alleine. Zahlreiche Presse- und TV-Berichte über das symbolschwangere Video sollten ihn mittlerweile jedoch über die besungene Dame hinweg getröstet haben. Zunächst ließ der Künstler nur handverlesene Kommentare zu ... FKOGod Seine Texte sind wie Poesie, gepaart mit dieser ausdrucksstarken, technisch perfekten Stimme, seinem Charisma, seiner emotionsgeladenen Mimik und dem brillianten Schnitt ist das ein absolutes Ausnahmewerk, einfach unglaublich. finalspinal Der song ist so cool,mir winken alle leute und lächeln mich an,wenn ich diesen song auf der straße spiele 58 I BLANK

LITERATUR 38

DREAAAAMFUL Der Song berührt mein Herz aufs übelste. So schön, man kann ihn nicht in Worte fassen <3 Er ist die Perfektion von Mensch Schnittlauchjim die deutsche rapszene ohne mördan wär wie pommes ohne ketchup mördan wir lieben dich! triefchen15 Wie er auf den Beat abflowt ist echt genial. Dazu seine komplexen Reimketten und ultra Punchlines. Wer meinte noch-

bjeorn So du mand wahrs geel p ganze fox sic darauf das als ich ein ich zu

TZiimm ohhh m vor de

kingfir ey leu einer i me ist

fkkboy Ohren

barialg wenn sam a hat ma

linsch1 Mörda Tekkan


dass Kollegah und Savas die besten Gegen Mördan stinken sie nämlich ab.

ovesHerOpfer DAN VOR EVER <3 ;D

ime erde meinen Sohn Mördan 1 und e Tochter Mördan 2 nennen.

er schließlich gab er seinen Fans, sie wollten: Meinungsfreiheit.

n95 u fette nudel hat dir schon mal jegesagt das dein Spiegen höchst scheinlich kaputt ist und dein haarpferde scheiße ? Ich musst mir das e lied jetzt anhören weil mein Firech nicht schließen lassen hat und f mein explorer abgekackt ist und s weiter lief.. Ich brauch jetzt glaub n Therapeuten , bei so lidern werd um Heater !

mop mein gott wich erschise mich noch em refrein

ras1 ute der junge ist sehr schwoll wen ihn sieht dan rend weg seine stimt schwull

y100 n Kreps

gin man das 10x hört, fängt man langan es zu mögen ..aber auf sein leben an überhaupt kein bock mehr!

18 an ist das Sonnenlicht nachdem Grup n immer gesucht hat !

halilstylerboy DER WA SORGER IM FERNSEHR

fOll

lUstiK

Gangstaaa94 wie er immer mit den händen wackeln muss ! xD un dann ncoh der trauermarsch durchs treppenhaus xDDD du musst deine "rimes" un "verse" nit mittanzen man TexT TILL ERdENBERgER !!! :D scheiß wannabe hiphoper :D

Die deutsche Sprache brachte der Welt wunderbare Kunst: Die Ly-

Keysen94 rikmit Goethes, die Prosa von Grass oder die Wortmacht von Polt. Die ne oma nem rollator läuft schneller

Autoren Manuel Grebing und Stephan Scheler brachten der Welt immerhin schon zwei Ausgaben von „Cumshots“, zwei wunderbamachierl ren Dokumentationen der Absurditäten der Sexfilmchenindustrie. Wie geil!!! Den Kommunionsanzug mit im Sommer 2012 haben beide den Schlappen vom kik kombiniert. Da ihre Kompetenzen vereinigt. muß erst mal einer draufkommen!

d

VenxAkaVanis as ergebnis so werden lesben gemacht

nungsstarker diskursraum und heißt „lolst du obskurer Plattheiten zwischen noch oder roflst fäkalausfällen und naziversialmali4 hört auf zu haten man du wasschon“ ist mit und euch gleichen unter dem deckmantel eine los man soviel eier habtistihr netüberaus das zu- der Anonymität. Oder wie der komische, gleichermaßen schomachen das ist zwar nicht perfekt aber geneigte Youtube-User es wohl nungslose, das sind GEFÜHLEwomöglich scheiß hatererschre- sagen würde: rOflMAO, ihr ckende und hoffentlich nicht noobs! repräsentative BestandsaufnahKWHmostWaNtEd786 me des deutschen 21.schbast Jahr„lolst du noch oder roflst du Yout tube ist wie mikado im jeder hundert. schon“ könnte man ohne weihat seine finger im spiel! teres als ein kleines, unterhaltUnd auch, wenn die dokumen- sames Büchlein durchwinken. EastSideKarlsruhe tarische wissenschaft Katego@KWHmostWaNtEd786 Lerne Lesen und denn das Milieu, in das die Aurien Wir wiehelfen „erschreckend“ Schreiben. weiter. Alpha-nicht Tele- toren hinab gestiegen sind, wimfon Münster. kennt, dürfte den Autoren bei melt von absurd komischen, weil ihrer Arbeit das lachen man- überheblichen und mitteilsamen x3SwetiiiFreaKx3 ches mal gefroren sein. der Ge- dummköpfen, die andere User Diesergenstand Song, ist ihrer sehr gut. Für Hörbehin- zurechtweisen. rechtschreibung Beobachtungen derte.war nämlich noch weit absurder, und Grammatik haben hier unbizarrer und schlüpfriger als die ten keine Befugnisse mehr. das K3VINB3NZ recherche im Pornomilieu: ihr sieht dann so aus: „was ist das stonedneues klingtBuch es nicht ganz so scheiße präsentiert die welt:D für ein phychiopat“, „scheiss der Youtube-Kommentare. ein gymnasier“, „jaja das opfa hat terra668 Binnenkosmos von Kurzpro- gestan kasiet“, „was für eine Ich hasse mich selber dafür das ich das hOle nuss“ oder „die hat wohl sa, zusammengekürzter, mei-

Video geguckt habe....

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LITERATUR BLANK I 59


Das Milieu, in das die Autoren hinab gestiegen sind, wimmelt von absurd komischen, weil überheblichen und mitteilsamen Dummköpfen. nur 1 iq“. Je stärker der Grad der Empörung, je größer die Überzeugung der User, auf der richtigen Seite zu stehen, desto größer ist der Lesespaß. In kleinen Dosen wohlgemerkt, denn die Schmerzgrenze ist spätestens dann erreicht, wenn man sich vom amüsierten Dauerkopfschütteln eine Nackenzerrung geholt hat. „Lolst du noch oder roflst du schon“ ist eine Dokumentation des Grauens und dabei brüllend komisch. Dabei befriedigt sie eigentlich „nur“ die gleichen Instinkte, wie das Ansehen von Scripted Reality-Sendungen: „Die da unten und wir hier oben“ oder einfach „das kann doch nicht wahr sein“. Denn inhaltlich haben die allerwenigsten Kommentare so etwas wie Witz oder gar Geist zu bieten. Und deshalb soll das Buch auch mehr sein als der kleine komponierte Klamauk. Die Autoren haben den Titel um die Unterzeile „Die Feränderung der deutschen Sprache“ ergänzt und weisen im Vorwort halb ironisch, halb ernst darauf hin, dass ihre Arbeit „Pflichtlektüre

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Literatur

für alle Germanistikstudenten und Deutschlehrer“ sei. Und damit haben sie natürlich – vollkommen unironisch – völlig Recht, denn die deutsche Sprache kennt nicht nur zwei Lautverschiebungen und eine jüngere Rechtschreibreform, sondern muss sich auch mit ihrer Pervertierung oder Mutation in Zeiten des Internets, von Smartphones und damit einhergehender Mikrokommunikation plagen. Goethe wäre mit dieser

den Zweiten Weltkrieg entfesseln und später rechtfertigen, wenn einem nur Vokabeln wie „Fratzenfasching“, „Daumenbettler“ und „Geilomatiko“ zur Verfügung stehen? Scheler und Grebing haben deshalb nicht nur jedem der acht thematisch geordneten Kapitel eine kommentierende Einleitung voran gestellt, sondern auch ein Vorwort verfasst, durch das sich wohl nur die wenigsten der vorgestellten Anonymen Youtuber arbeiten dürften. „Lolst du noch oder roflst du schon“ ist aber natürlich Unterhaltung pur. So gemeint, so konzipiert und vor allem auch genau so in der Wirkung. Es ist aber allemal das Verdienst der Autoren, dass sie ihr Werk durchaus auch

Wie will man einen Weltkrieg ­entfesseln, wenn einem nur Vokabeln wie „Fratzenfasching“, „Daumen­ bettler“ und „Geilomatiko“ zur ­Verfügung stehen? Youtube-Ausgabe des Deutschen genauso unmöglich gewesen wie der FaschistenAgitator Goebbels. Denn was reimt sich schon auf „geowned“ oder „Hässlon“ und wie will man einen Epic Fail wie

als Fleißbeitrag in den Diskurs rund um den aktuellen Zustand der Sprache der Dichter und Denker einbringen. Und wo die Frage nach „gutem“ und „schlechtem“ Deutsch ganze Essaybände füllt, sich


Einmal als Voyeur, einmal als Wissenschaftler. Nix mit „plamasche opfa“, „Lolst du noch oder roflst du schon“ kürzt die Frage nach Sinn des Sprachwandels auf Daumendicke ab: Es ist zu komisch, um darüber traurig zu sein. Aber bitte, bitte lasst sie nie raus aus diesem Youtube. „Lolst du noch oder roflst du schon?“ erschien am 30.7. im Metronom Verlag.

Manuel Grebing · Stephan Scheler Metronom Verlag Manuel Grebing · Stephan Scheler

Lolst du noch oder

Roflst du schon ? Die Feränderung derdeutschen deutschen Sprache Sprache Das große Aus der

Mit den en skurrilst d Clips un taren Kommen be Tu u aus Yo

Metronom Verlag

deutschlandweit zig Lehrstühle mit dem Wandel der Schriftsprache auseinander setzen und kein Sarrazin mehr ohne den Verweis auf die Verrohung der Sitten und die Gefahr für das deutsche Bildungsbürgertum durch den Angriff von außen und unten auskommt, machen Scheler und Grebing auf 176 Seiten weiter das, was sie können: Beobachten, sortieren und den Rest einfach für sich stehen lassen. Das ist unheimlich unterhaltsam. Und gar nicht gefährlich. Und man kann es prima zweimal lesen.


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Über falsch verstandene

Treue und

neoromantische

Antifolklore Text Johannes Finke

„Nicht Untreue zerstört unser Beziehungsleben, sondern falsch verstandene Treue. Das muss sich ändern.“ So leitete die Autorin Michéle Binswanger in der ZEIT ein Manifest(chen) unter der Überschrift „Die große Lüge“ ein und sie steht damit nicht alleine da. Feminismus muss dahin wo es weh tut und das pseudo-religiöse Dogma der ehelichen Monogamie als männliches Behauptungswerkzeug ist für viele keines mehr, dass noch Anspruch hat dem gerecht zu werden, was wir leben und leben wollen. Oder zumindest viele. Oder einige. In einer Stadt lebend, in der Sex und Sehnsucht ständig und allerorten kollidieren, hat man oft das unangenehme Gefühl Zeuge von Unzulänglichkeiten zu werden. Das alles macht bei dem Thema nicht unbedingt Mut. Doch sollte es in erster Linie nicht um andere gehen,

sondern um Selbstbestimmung und was man für Folgen daraus zieht. Nur dann kann man auch Vorstellungen entwickeln, die einen durch die Liebe leiten. Auch der ZEIT-Autorin Michèle Binswanger ist bewusst (und das hat nichts mit ‚Eingeständnis‘ zu tun), dass viele Menschen eine Sehnsucht nach Familie und Heimat in sich tragen, eine Sehnsucht von der viele glauben, dass sie vervollständigt, glücklich macht und der eigenen Existenz mehr Sinn verleiht, vielleicht sogar erst dann überhaupt Sinn verleiht. Ein Metaprogramm, das einsetzt, wenn man daran denkt gemeinsam mit jemandem Kinder zu haben. Wahrscheinlich beginnt da der monogame Gedanke sich als Ideal auszubreiten. Sich dann vorzustellen, man lebe in einer Beziehung, einem familienarti-

GESELLSCHAFT BLANK I 63


gen Verbund, in dem letztendlich egal ist wer der biologische Vater ist, ist schwer vorstellbar. Zumindest geht mir das so. Mit was sich Menschen abfinden können ist eine andere Frage. Auch was Zeit und Anstrengung mit einem machen. Auch wenn mich die Vorstellung wie meine Freundin mit jemand anderen fickt bzw. dabei zu sein oder auch andere Szenarien mich zuweilen geil machen ist die Vorstellung sie führt bei einem Glas Wein mit jemand anderen intellektuelle Gesprä-

len Spannung kann Sex entstehen), sondern musisch und sexuell. Ich habe auch manchmal Lust Heroin zu nehmen oder jemanden eine ordentliche Abreibung zu verpassen. Aber ich mache es nicht, weil ich glaube, dass Freiheit sich in jedem Moment neu hinterfragen muss. Ich glaube, will man ‚Vorleben‘ , weil man verändern möchte, muss man sich erst ‚Einleben‘. Das Gefühl jemanden nicht ausfüllen zu können und deshalb teilen zu müssen, stelle ich mir nicht schön vor. Die

Das normative Moment geht meiner inneren Haltung ab. che, fängt irgendwann dann an mit demjenigen zu knutschen und geht mit ihm heim, keine die mir gefällt und mit der ich glaube mich (zum jetzigen Zeitpunkt) anfreunden zu können. Das normative Moment geht meiner inneren Haltung ab. Erstmal möchte ich dass wir glücklich sind und uns glücklich machen. Die kleinstmögliche Einheit an Vertrauen. Der Kern gegenseitiger Zuneigung. Falsch verstandener Hedonismus ist da fehl am Platze. Doch ich habe auch manchmal Lust auf andere Frauen, meistens weniger intellektuell (doch auch aus der intellektuel-

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GESELLSCHAFT

Idee sich gegenseitig glücklich zu machen und Glück zu gewähren kann was anderes sein. Es geht um die Fragen ‚Was ist Ersatz?‘ und ‚Was ist Ergänzung?‘ und was man davon für sich akzeptieren kann. Ich glaube um aus dem ‚Korsett‘ der Monogamie entfliehen zu können, muss man Monogamie verstanden haben. Nur dann kann man Muster überwinden, die einen daran hindern sich frei und ausgefüllt zu fühlen. Und dann ist das Befreien der Sexualität aus der Ehe für alle Paare, die den Auftrag zu verändern, den Feminismus und den eigenen Er-

lebnishorizont ernst nehmen, oberste Bürger-, Hipster- und FeministInnenpflicht. Über das gemeinsame ‚Stopfen‘ von Wissens- und Erfahrungslöchern kann man vielleicht gemeinsam an Punkte kommen, die es erlauben Dinge andenken zu können. Das Fleisch ist bekanntlich willig. Manchmal langt es ehrlich zu sein. Letztendlich besteht trotzdem stets ein Ungewicht zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Man wäre gerne viel lockerer als man ist. Speziell in Berlin. Hier blühen die Neurosen in jedem Grünstreifen. Trotzdem, man möchte zeigen, dass man sich nicht mit dem zufrieden gibt, was Gesellschaft einem als Lösung vorschlägt. Man hat das Gefühl, es wird dem eigenen Lifestyle, den man im Begriff ist zu finden, nicht gerecht. Doch ich glaube um einen Wertewandel anzustoßen, darf man nicht die Hoheit über das eigene Handeln aus der Hand geben. Man muss den leider oftmals qualvollen Weg der Selbstfindung gehen. Die Moodmap ausbreiten, die Hashtags in den Rucksack packen und los gehts! Protest richtet sich auch immer gegen das eigene Glück, weil visionäres Bewusstsein auch den gesellschaftlichen Realitäten und der eigenen Zufriedenheit gerecht werden muss und die entspricht im Re-


gelfall nicht dem ideal. nach wie vor glaube ich, dass es speziell in unserer offenen, globalen, kommunikativen und ichbezogenen welt wahnsinnig schwer ist (und immer schwerer wird) Modelle zu finden, die es ermöglichen, dass Menschen sich grundlegende fragen stellen. dazu gehört zum Beispiel auch der oben angerissene Komplex, warum man irgendwann zu einem gemeinsamen Kinderwunsch kommt. Und grundlegende fragen und der versuch sie zu beantworten enden nun mal in der Phantasiewelt, in der religion, in weltanschauung, in Momenten in denen Metaphysik und Glauben mit zivilisatorischer vernunft kollidieren. Unsere waffen sind rationalität und hedonismus. Und vielleicht eine form neoromantischer Antifolklore, deren Mäanderungen noch unabsehbar sind. Glaube und daraus resultierende dogmen, erlösungsund heilversprechen scheinen wahnsinnig schwer zu schlagen. Man munkelt der Papst bereiste jüngst Kuba, weil fi-

del sich rückbesinnend auf seine erziehung und dem tod ins Antlitz blickend wieder dem Glauben zuwendet. doch das geht jetzt zu weit. Am ende bleibt einem liebespaar – modern, aufgeschlossen oder im Klischee verhaftet – nur die chance dem Gefühl, dass man für- und miteinander empfi ndet, gerecht zu werden. Allein das ist schon Aufgabe genug. doch zuerst natürlich welt retten, ego in sicherheit bringen und sich so richtig austoben. hier, in Berlin. wo wir alle so edgy sind und dem Zeitgeist jeden tag aufs neue beweisen wollen, wie sehr wie bereit sind, die uns auferlegten fesseln zu sprengen. wenn da nur nicht immer wieder diese Momente wären, in denen wir verwundet, verletzt und verlassen, ganz allein dasitzen und uns fragen, was wir denn diesmal wieder falsch gemacht haben. denn Monogamie hat weniger mit sex tun, vielmehr mit verbindlichkeit und vertrauen. sex wird überschätzt. das ist die chance.

272 S., Paperback 0 ISBN 978-3-89533-847-2, € 14,9

Eine differenzierte Betrachtung der UltraBewegung aus Sicht von Fans, Journalisten, Wissenschaftlern – und der Ultras selbst.

224 S., Paperback, Fotos 0 ISBN 978-3-89533-771-0, € 16,9

„Ein immens wichtiges Buch.“ (11Freunde)

verlag die werkstatt

Unsere Waffen sind Rationalität und Hedonismus. Und vielleicht eine Form neoromantischer Antifolklore, deren Mäanderungen noch unabsehbar sind.

Mehr als ein Spiel …

160 S., Paperback ISBN 978-3-89533-855-7, € 9,90

„Buch des Monats.“ (11Freunde) BLANK I 65

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Talibanisierung der Kurven? Text Till Erdenberger

Rückblickend lässt sich nicht mehr genau sagen, wann der Kriegszustand in die Stadien der ­Bundesliga und der unteren Spielklassen eingezogen ist. Spätestens mit dem Platzsturm beim ­Relegationsrückspiel zwischen Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf, als bereits wenige Sekunden vor dem Abpfiff buchstäblich die Dämme brachen und sich ein Schwall feiernder Fortuna-Anhänger aufs Spielfeld ergoss, war klar: Fußball ist gefährlich.

U

nd die, die es dazu machen, stehen in der von Medien und Verbänden geschürten Wahrnehmung der „normalen“ Zuschauer zu Recht mit einem Bein im Knast. Von der „Schande von Düsseldorf“ war die Rede, von Skandal und auch dem endgültigen Beweis, dass fortan nur noch mit starken und konsequenten Sanktionen dem Chaos in den Kurven Herr zu werden sei. Die Abschaffung der Stehplätze wird spätestens seit jenem unheilvollen Tag im Mai gefordert und vieles – streng Restriktives – mehr. In den Talkshows der ÖffentlichRechtlichen überschlugen sich so genannte Experten danach mit Kommentaren, die allein darauf ausgelegt schienen, sich gegenseitig an Dramatik, an Schärfe und an der Schaffung klarer Fronten

zu übertreffen. Alleine: In diesen Debatten wurde ausnahmslos über Fans, aber nicht mit Fans gesprochen, der Kardinalsfehler der ganzen Auseinandersetzung von Anfang an.

verfahrens der Berliner gegen die Spielwertung nach sich. Immerhin durfte der vor dem Ausschuss schon leicht greise wirkende Edelzeuge Rehhagel ungestraft und unkommentiert

„Da waren Frauen, da waren ­Kinder. Eine Dame hat mir sogar die Hand gegeben.“ Otto Rehhagel Dabei ging die einzige Gewalt an jenem Abend von Düsseldorf offen- und inzwischen aktenkundig von den „zu Tode verängstigten“ und inzwischen abgestiegenen Spielern von Hertha BSC aus, die nach dem Spiel Schiedsrichter Wolfgang Stark attackiert hatten. Nichts anderes förderten die zwei Instanzen des Einspruch-

davon berichten, dass er ´43 die Bombardierung Essens im Bunker miterleben musste und sich 70 Jahre später in Düsseldorf an eben jenes Trauma erinnert gefühlt habe. „Da waren Frauen, da waren Kinder. Eine Dame hat mir sogar die Hand gegeben“, sagte der Alttrainer zum Abschluss. Essen ´43 eben.

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Außer ein paar feinen Anekdoten zum Schmunzeln haben die Verhandlungen nichts zutage gefördert, das der Hysterie Nahrung hätte verschaffen können. Zumal das Phänomen des Platzsturms nach Aufstiegen nun keines der Neuzeit ist. Aber das Thema ist viel zu ernst, geht es doch beim Thema „Fußballgewalt“, unter dem inzwischen alles subsummiert wird, was in den heimischen Stadien nicht nach Wunsch einiger läuft, doch um weitaus mehr als den bloßen und objektivierbaren Wunsch, Gewalt und faschistische Verbalexzesse aus den Kurven zu vertreiben, wie es schon einmal Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger gelungen ist. Heute dagegen wird grotes-

Gruppen mit stark maskulinem Einschlag, die zuvorderst dafür sorgen, dass in den Stadien jene stimmungsvolle Atmosphäre herrscht, die das „Event“ Fußball für die zahlungskräftigen Logengänger erst über das bloße Geschehen auf dem Spielfeld hinaus attraktiv macht. Eigentlich müsste also zwischen Vereinen, Verbänden und Vermarktern ein gemeinsames Interesse bestehen, ihre engagiertesten Mitarbeiter nach Kräften zu hofieren. Dass dem nicht so ist, liegt an der Widerspenstigkeit der Gruppen. Sie fordern vielfach Mitspracherechte, sie wollen Pyrotechnik einsetzen und sie treten ein gegen eine Durchkommerzialisierung des Sports,

„Ultras sind die Taliban der Fans.“ Sandra Maischberger, Margot Honecker des Talks? kerweise der Verfall der Sitten und die Verrohung der Kurven just jenen angelastet, die durch mehrheitlich antifaschistische Bekenntnisse nicht unerheblich dazu beitragen, dass Affenlaute und Hakenkreuze heute nur noch unerfreuliche Nebenrollen in den Kurven spielen: Die Ultras. Oder wie Sandra Maischberger – völlig aus der Reihe fallend – als „Taliban der Fans“ bezeichnen durfte. Jene

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GESELLSCHAFT

auch wenn dies ein überaus abstraktes, fast diffuses Feld ist. Kurz: Ultras lassen sich nicht regulieren. Und die Gruppen sind heterogen, es besteht mitunter ein durchaus diffuses Verhältnis zu Gewalt und eine breite Ablehnung von Reglementierungen durch Instanzen. Das Paradebeispiel: Das Abbrennen von Feuerwerkskörpern, ergo Pyrotechnik im Rahmen der Spiele.

Es ist dabei Teil der offensichtlichen öffentlich-rechtlichen Doppelmoral, dass bis vor nicht zu langer Zeit brennende süd- und osteuropäische Arenen begeistert als „elektrisierende Europapokalatmosphäre“ und „südländisches Flair“ kommentiert wurden, man seit dem Beginn der Empörung von zündelnden Stehplatzzuschauern aber nur noch mit inbrünstiger Distanzierung von „sogenannten Fans“ und – nicht selten – einfach als „Idioten“ spricht. Und am Ende wurde nicht nur in der Berichterstattung sondern vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung alles in einen Topf geschmissen und so manch einfache Gleichung aufgemacht. Wenn schon nicht der Besuch eines Fußballspiels im statistischen Mittel mindestens eine körperliche Versehrtheit bedeuten würde, so musste doch dem durchschnittlich interessierten Stadionbesucher klar sein: Fußball lässt sich nur noch in Kriegsmetaphern erklären und der Kern allen Übels ist eine völlig heterogene Gruppierung junger Gewalttäter namens „Ultras“. Fußball = Krieg, Pyro = Gewalt, Ultras = die Totengräber des Erlebnis Stadionbesuch. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass „die Ultras“ ein völlig heterogenes Gebilde sind, mit lokalen – auch innerhalb der Struktu-


„Ein Kodex, der sich auf das ­Verhalten der Fans auswirkt, kann nur mit ihnen gemeinsam erarbeitet werden.“ Dirk Zingler, Präsident Union Berlin ren, individuellen Szenen und entsprechend vielfältigen Interessen. Und die beschränken sich längst nicht auf das Abbrennen von Bengalos und dem körperlichen Kräftemessen mit anderen Szenen. Der DFB veranstaltete kürzlich in Berlin eine beispielhafte Sicherheitskonferenz, in der sich alle Teilnehmer, die Vereine der ersten drei Ligen mit einer Ausnahme auf einen „Verhaltenskodex mit klarer Ablehnung und Sanktionierung von Pyro-Technik“ einigten. Der Makel an dieser geschlossenen Einheitsfront? Dirk Zingler, Präsident des einzigen Abweichlers Union Berlin: „Ein Kodex, der sich auf das Verhalten der Fans auswirkt, kann nur mit ihnen gemeinsam erarbeitet werden.“ Dass die Ultra-Szenen sich und ihre Anliegen durchaus zu artikulieren wissen, zeigte ein konstruktiver Fankongress in Berlin im vergangenen Jahr und nicht zuletzt die Lobbyarbeit der Initiative „Pyrotechnik legalisieren“, die mit Vertretern des DFB lange über einzelne

Pilotprojekte verhandelten, bevor das lange als ergebnisoffen und konstruktiv kommentierte Palaver einseitig vom Verband beendet wurde. Eine Reaktion darauf: Brennende Kurven an beinahe jedem Spieltag. Die Lehre: Wenn die moderaten Kräfte in allen Lagern miteinander sprechen, scheint ein Konsens in Reichweite, denn auch die Ultras sind mehrheitlich an einem interessiert: Dem Spiel an sich. Man muss nur mit ihnen reden. Gemeinsam, auf Augenhöhe. Und zum gemeinsamen Dialog gehört das gegenseitige Verständnis. Dr. Martin Thein und Jannis Linkelmann beschäftigen sich von Berufs wegen mit dem Phänomen „Ultra“ und haben jüngst ein viel beachtetes Buch zum Thema veröffentlicht. In „Ultras im Abseits?“ wird der Komplexität der Jugendkultur Rechnung getragen, wie es einzelne Medien nicht leisten können und – das darf getrost der Eindruck der „Debatte“ sein, wie sie vielerort abgebildet wird – nicht leisten wollen. „Das Portrait einer verwegenen Jugendkultur“ (so der Unterti-

tel) wird von den Herausgebern anhand einer Sammlung von Beiträgen gezeichnet, die aus allen Lagern kommen. Es wird hier zwar auch nicht miteinander gesprochen, aber es wird alleine durch die Art der Komposition greifbar, dass eine Lösung des Konflikts zwischen der Jugendkultur und dem regelgebenden Fußball-Establishment, bestehend aus Vereinen, Verbänden und Ordnungsmacht nicht durch die Durchsetzung einfacher Wahrheiten in Reichweite kommen wird. BLANK: Herr Dr. Thein, Herr Linkelmann, Sie als Herausgeber versammeln in Ihrem Buch eine große Anzahl verschiedener Ein-, An- und Draufsichten zum Thema „Ultra“ und das völlig unkommentiert. Ist das die einzige Möglichkeit, sich diesem komplexen Feld angemessen zu nähern? Den Königsweg, sich einer so komplexen Fankultur wie den Ultras anzunähern, gibt es sicherlich nicht und so stellt unser Vorgehen auch nicht den einzigen Weg dar. Uns ging es um etwas anderes: Über Ultras wird viel geschrieben und gesprochen, häufig jedoch oberflächlich und mit negativer Tendenz. Wir wollten nun möglichst viele Akteure zu Wort kommen lassen und dem Leser die Möglichkeit geben, sich eine eigene Meinung zu

GESELLSCHAFT BLANK I 69


bilden. Gleichzeitig sollte aufgezeigt werden, dass Ultras mehr als Chaotentum und Gewalt sind und eine Reduzierung darauf dieser Fanszene nicht gerecht wird. BLANK: Was glauben Sie, als jemand, der sich wissenschaftlich mit diesem Thema auseinander setzt: Wie geht es weiter mit der Kultur „Ultra“? Werden die Ultras irgendwann aus den Kurven verdrängt, genau so wie die in den Achtzigern und frühen Neunzigern vielerorts noch allgegenwärtigen Hooligans und Rechten? Der kommenden Saison wird sicherlich eine besondere Bedeutung für die Präsenz der Ultras in den Stadien zu kommen. Durch die Vorkommnisse zu Saisonende, z. B. in Düsseldorf, sind Pyrotechnik und Co. wieder in den Fokus der Öffentlichkeit und der Politik geraten. Selbst wenn nicht alle Geschehnisse auf Ultras zurückzuführen sein dürften – der „Platzsturm“ im Düsseldorf steht dafür sinnbildlich

– werden sie durch mögliche Maßnahmen an härtesten getroffen. Die Abschaffung der Stehplätze sei hier besonders genannt. Wir hoffen jedoch sehr stark, dass sich die Wogen bald wieder glätten, da die Fankulturen in Deutschland in ihrer Vielfalt unbedingt weiter bestehen sollten. BLANK: Ist es für die Jugendkultur Ultra nicht gefährlich, wenn von Seiten der Verbände und Vereine zu viele ihrer Forderungen erfüllt werden sollten? Eine Jugendkultur ist ja historisch gesehen erfolgreich und attraktiv, nur so lange sie gegen etwas aufbegehren und sich von etwas Etabliertem distanzieren kann. Aufbegehren gehört sicherlich zu vielen Jugendkulturen dazu und es gehört auch ein Stück zum Fußball selbst. Schließlich werfen auch viele „Normalos“ während der Spiele sämtliche Manieren über Bord und legen ein für sie ungewohntes Verhalten an den Tag. Das leidenschaftliche Beschimpfen des

„Wir hoffen sehr stark, dass sich die Wogen bald wieder glätten, da die Fankulturen in Deutschland in ihrer Vielfalt unbedingt weiter bestehen sollten.“ 70 I  BLANK

GESELLSCHAFT

Schiedsrichters sei hier nur als ein Beispiel genannt. Aber aktuell scheint ein zu starkes Zugehen auf die Ultras durch die Vereine und Verbände nicht in dem Maße ersichtlich zu sein, dass daraus eine Gefahr für deren Bestand resultiert. Die Äußerungen zu Saisonende könnten die Kluft eher wachsen lassen. BLANK: Können Sie eine persönliche Sicht auf das „Problem“ schildern? Oder ist das Buch tatsächlich so etwas wie eine Sammlung von Einzelaspekten, die sich nie zu einem objektiven Bild der Szene, der Kultur, der Bewegung zusammen fügen lassen? Da es DIE Ultras nicht gibt, wird man auch kein wirklich objektives Bild zusammen fügen lassen. Was in drei oder vier Gruppen vergleichbar ist, kann in den nächsten Gruppen ganz anders sein. Aber macht genau dies nicht diese Fankultur aus?! Wir wollen daher auch in Interviews bewusst kein bestimmtes Bild zeichnen, sondern diese bunte Fankultur für sich sprechen lassen. Gewalt darf dabei jedoch selbstverständlich keine Rolle spielen. BLANK: Im Rahmen der EM fiel auf, dass in den Gruppen, die die Nationalelf begleiten, ein erschreckend hoher Anteil


„In den Stadien der ersten Liga ­scheinen rassistische Äußerungen ­tatsächlich rückläufig zu sein, wozu vielerorts die Ultras sicherlich einen Beitrag geleistet haben.“

Grundsätzlich ist Rechtsextremismus im Fußball immer wieder ein Problem und sollte auch

stetig genau beobachtet werden. Imitierte Affengeräusche bei der gerade abgelaufenen EM verdeutlichen dies nachhaltig – auch wenn deutsche Fans damit nicht im Zusammenhang standen. In den Stadien der ersten Liga scheinen rassistische Äußerungen tatsächlich rückläufig zu sein, wozu vielerorts die Ultras sicherlich einen Beitrag geleistet haben. Wichtig ist letztlich jedoch, dass – egal ob bei der Nationalelf oder in der Liga – Rassismus keine Spielwiese findet.

Dr. Martin Thein und Jannis Linkelmann sind die Herausgeber von „Ultras im Abseits? Portrait einer verwegenen Fankultur“ (Verlag Die Werkstatt, 272 Seiten). Thein und Linkelmann sind als Lehrbeauftragte am Institut für Sportwissenschaften der Univer-

sität Würzburg tätig. Gemeinsam gründeten sie das „Institut für Fankultur“ (IfF) und sind die Initiatoren der Internetplattform fankultur.com. IfF und fankultur. com beschäftigen sich mit auf wissenschaftlicher Basis mit den Fragen der Fankultur und dem Beschreiben und Verstehen des Phänomens aus kultur-, verhaltensund sozialwissenschaftlicher Perspektive. In ihrem Buch lassen sie Vertreter von Polizei, Wissenschaftler, Journalisten und Ultras zu Wort kommen.

Rechter unterwegs ist. Ist das ein subjektiver Eindruck? Oder ist das eine Konsequenz daraus, dass diese Leute nicht zuletzt durch die einzelnen lokalen Ultra-Bewegungen aus den Kurven der Vereine zur Nationalmannschaft vertrieben wurden? Dort gibt es als „Kurvenkorrektiv“ nur den synthetischen „Fanclub Nationalmannschaft“.

BLANK: Zum Abschluss: Wem nutzt eine „Kriminalisierung“ der Ultras - im tatsächlichen strafrechtlichen Sinne oder zumindest im Sinne der Sanktionierbarkeit seitens der Vereine und Verbände? Nach meiner Auffassung lässt sich die Frage letztlich nicht seriös beantworten und es wäre ein Stückweit Kaffeesatzleserei dabei. Sicherlich haben die Vereine und Verbände ein Interesse an „friedfertigen Stadien“ und verbinden abweichendes Verhalten gerne lediglich mit Ultras. Dies jedoch per se zu unterstellen, wird nicht belegbar sein. Es wäre also tatsächlich eine schöne eigene wissenschaftliche Studie, in der man die Vereine und Verbände über ihre Sicht zu Ultras befragt. Aber die Rücklaufquote wäre wohl gering.

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über streicht. // Sie sehen sich so ähnlich, es ist, als würde Dad sein mageres Ich von ganz früher an sich drücken. // Die ganze Wüste ist eine Pause.

PRINT

Der größere Teil der Welt funktioniert wie ein Musikalbum. Jedem Stück wohnt nicht nur der Geist des Ganzen inne, sondern ist vor allem im Kontext brilliant. (RL) Schöffling; 392 Seiten; 22,95 Euro

Der größere Teil der Welt

Jennifer Egan Die 1962 in Chicago geborene Jennifer Egan hat mit ihrem nunmehr vierten Roman den Pulitzer//Preis gewonnen. Das Buch handelt von der durchwachsenen Karriere eines Musikmanagers, dessen Wegbegleitern wie wiederum deren Wegbegleiter. Schicksal in allen Seiten. Einige der besten Zeilen: Stephanies einziger Wunsch war, wegzukommen, als trage sie eine Granate aus dem Haus, die nur sie selbst zerstören sollte, wenn sie schließlich explodierte. // Er sah klein aus, aber das war bei berühmten Leuten immer der Fall. // Man gewöhnt sich nie an die Sterne , egal, wie lange man hier lebt. // Gleich nach dem Rasieren quietscht seine Haut, wenn man mit dem Finger dar-

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LITERATUR

Unterm Rad

Hermann Hesse Der 1962 verstorbene Nobelpreisträger Hermann Hesse ist nicht nur durch seinen Siddhartha oder Steppenwolf heutzutage nahezu jedem ein Begriff.

Bereits 1906 verfasste er jedoch bereits ein regelrechtes Meisterwerk. In „Unterm Rad“ seiner wahrscheinlich autobiographischsten Erzählung nahm er sich all der überzogenen Erwartungen, die das Leben für einen Menschen bereithaltet kann, an. Einige der besten Zeilen: Ihm gefiel das an der Mathematik, dass es hier keine Irrungen und keinen Schwindel gab, keine Möglichkeit, vom Thema abzuirren und trügerische Nebengebiete zu streifen. // Beide sahen nun einander ins Gesicht, und wahrscheinlich sah jeder in diesem Augenblick des anderen Gesicht zum ersten Male ernstlich an und versuchte, sich vorzustellen, dass hinter diesen jünglinghaften glatten Zügen ein besonderes Menschenleben mit seinen Eigenarten und eine besondere, in ihrer Weise gezeichnete Seele wohne. // Auf den Weihern knisterte im Frost das klare Eis. // Alles Gute und Freudige in ihm lachte dem Freund entgegen, doch hatte er sich nun an die Rolle des Herben und Eisamen gewöhnt und behielt wenigstens die Maske davon einstweilen vor dem Gesicht. // In dieser Stunde zerriß etwas in ihm und tat ein neues, fremdartig verlockendes Land mit fernen blauen Küsten sich vor seiner Seele auf. Eine reine Tragödie. Jeder sollte dieses Buch lesen. (RL) Suhrkamp, 168 Seiten, 7 Euro


Arezu Weitholz

Knast ist kein Lifestyle. Der Rest zuweilen schon. „313“ von Ben Tewaag.

Ben Tewaag hat Anfang des Jahres ein Buch geschrieben. „Große Buchstaben. Liest sich einfach. Ist unterhaltsam“ verkündet er, als er mir voller Stolz und doch mit einer gespielten Beiläufigkeit ein Exemplar seines frisch aus der Druckerei angelieferten Romans „313“ überreicht. Auch wenn er sich vorstellen könnte ein weiteres Buch zu schreiben (und das ist nicht die schlechteste Idee die er in den letzten Jahren hatte), so ist „313“ zuallererst einmal kein literarisches Debüt, sondern Bens Versuch seiner selbst habhaft zu werden. Und das ist ihm mehr als gelungen. Die stark autobiographisch-verortete Geschichte erzählt, wie der Protagonist namens Oli, ein erfolgreicher Musiker, medial begleitet seine Haftstrafe wegen

Körperverletzung antritt und beschreibt den darauf folgenden Kampf gegen Vorurteile, Neid und Missgunst, den Kampf gegen den eigenen, inneren Schweinehund, gegen die Angst und die Wut, gegen die Sensationsgier der Medien und den Kampf für die eigene Würde, Privatsphäre, moralische und ausgleichende Gerechtigkeit und letztendlich auch für die große Liebe. Dies alles geschieht dramaturgisch geschickt (natürlich auch den äußeren Zwängen folgend), erzählerisch durchaus souverän, nicht ohne Humor und bewusster Lakonie und eigen larmoyant. Musiker Oli ist, ebenso wie sein reales Vorbild, kein wirkliches Weichei und nimmt sein Schicksal, nach großen Wechselbädern aus Wut und Wehklage, schließlich selbst in die Hand, lotet die formalen Möglichkeiten des Strafvollzugs aus, setzt seine u.a. in der ‚Boulevardhölle‘ (STERN) erworbene Menschenkenntnis ein, bewährt sich, zweifelt, findet Freunde, überprüft seinen eigenen moralischen Kodex, gleicht ihn mit anderen ab und leidet an der Liebe: „Ich bin der Grund, warum meine Süße nicht auf täglicher Basis Sex hat. Der Grund, warum ihr niemand hilft, die Waschmaschine hochzutragen, bin ich. Der Grund, dass sie niemand tröstet, wenn sie Misserfolge im Job hat, bin ich. Der Grund, warum sie alleine einschläft, bin ich.“ Ben inszeniert sein Alter Ego

Arezu Weitholz wenn die nacht am stillsten ist Roman 224 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag Euro 17,95 (D) | 18,50 (A) ISBN 978-3-88897-775-6 Warengruppe: 1112

Poetisch und radikal erzählt Arezu Weitholz von einer Generation und einer Zeit, in der die Oberfläche, der Konsum, das richtige Outfit den Ton angaben. Und doch ist dieser Roman wie ein langes Lied über die Liebe.

Ein Roman wie ein langes Lied über die Liebe verlag antje

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weder als helden noch als Antihelden. Auch wenn er zuweilen härte und Männlichkeit für sich akzeptiert, so ist ihm doch stets bewusst, was strafvollzug mit Menschen machen kann, wo die Grenzen dessen liegen, mit dem man konfrontiert werden möchte: „Man ist 24 stunden sieben tage die woche von krimineller energie umgeben. woher man eine AK-47 bekommt, hätte ich letztes Jahr nicht beantworten können, jetzt würde ich „‚ne gebrauchte oder ‚ne neue“ zurückfragen können und das, ohne mich aktiv damit

auseinandergesetzt zu haben.“ Ben gelingt es den Knast in seiner normalität zu schildern und streift hierbei auf erfrischende Art und weise gesellschaftlich relevante themen wie integration und resozialisierung, drogen und statussymbole, Musik und Mode: „viele scheinen besonderen wert auf ihr äusseres zu legen. ich sehe überall getrimmte Bärte. die Atmosphäre ist fast poserhaft, wie beim schaulaufen, unglaublich maskulin, sehr männerstyled, was mir nicht unbedingt unsympathisch ist.“ Auch der sich mit der Zeit immer bes-

ser zurecht findende Oli beweist, nachdem er in die essensausgabe befördert wurde, stilsicherheit: „du kriegst weiße hosen, weiße t-shirts, weiße socken und ein weißes Barrett. die sachen kannst du super mit anderen kombinieren und dadurch in einem ganz coolen style auftreten. ich habe nach der Arbeit nur die hosen gewechselt, weil mir diese grauen, weit geschnittenen dinger, die alle tragen, besser gefallen. Aber wenn ich zum hofgang raus bin, hatte ich ab sofort nicht mehr dieses verwaschene weinrote Oberteil an wie alle, sondern ein enges, weißes t-shirt,

TIpp DES MOnATS

wenn die nacht am stillsten ist Arezu weitholz

(erscheint im Verlag Antje Kunstmann am 5. September) Es ist nicht so, als ob auf die klischeehafte Oberflächlichkeit der Irgendwasmitmedienbranche nicht schon exzessiv drauf gehauen wurde, aufschlagen, zuschlagen, immer wieder. Bücherweise. John Niven meisterlich und mit unfassbar anarchischem Mitekelhumor in „Kill Your Friends“, Frédéric Beigbeder ebenso meisterlich und abgrundtief fesselnd in „39,90“ und viele andere in Schattierungen oder Ableitungen. Aber keiner hat es bisher geschafft, so eloquent, so menschlich und so greifbar über die zwischen Konsumterror und der Suche nach einem höheren

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LITERATUR

Sinn gefangenen selbst ernannten Opinion Leader zu schreiben, wie die Berlinerin Arezu Weitholz in „Wenn die Nacht am stillsten ist“, ihrem jüngst im Verlag Antje Kunstmann erschienen Romandebüt. In einem Kammerspiel lässt sie Anna, unpoetisch aber romantisch, optimistisch aber beladen mit einer schweren Vergangenheit und anstrengender Gegenwart, am Bett ihres stillen und beinahe regungslosen Partners Ludwig eine Lebensbeichte ablegen. Ludwig, Medienmensch, Hedonist, poetisch aber gefühlskalt, liegt in einer Art Wachkoma und gibt keine Widerworte, während Anna ihm, sich und uns von einer bezaubernd unverdorbenen Warte aus ihr eigenes und das gemeinsame Leben

erzählt. Dass beide Geheimnisse voreinander hatten, die nun zur Sprache kommen oder alte und neue Wunden aufreißen, die Entwicklung ihrer Beziehung und die Frage, ob Ludwig absichtlich eine


das immer neu und frisch war.“ Besser man verliert seine würde nicht. niemals aber verliere deinen style. Ben und ich haben gemeinsam ein bisschen was erlebt. vielleicht auch überlebt. Absturz, Klischee, laue nächte, laute nächte, lange nächte, Aktion und reaktion. Und nicht nur darum bin ich Ben diese unbedingte Kaufempfehlung seines romans „313“ (erschienen bei tag & nacht) schuldig. denn er hat mit diesem Buch ehrlich gesagt nicht nur mich, sondern viele andere und nicht zuletzt vielleicht

Überdosis Schlaftabletten genommen hat, um aus dem Leben zu scheiden, das für ihn beruflich eine Wendung zu nehmen schien, ist das dramatische Moment, der dramaturgische Faden, der den Roman am Laufen hält. Leben eingehaucht bekommt er aber vor allem durch die Wort-, nein, die Satzmacht der Autorin, die dieses Werk selbst dann außergewöhnlich machte, wäre es eine bloße Aneinanderreihung von Sätzen. Weitholz versammelt in „Wenn die Nacht am stillsten ist“ Sätze von so absoluter und gleichzeitig nonchalanter Schönheit und Wahrheit, dass man sie gerne absätzeweise mit jemand ganz besonderem teilen möchte. Dass sie dabei meistens unerfreuliches oder wenigstens unappetitliches

auch sich selbst überrascht und eine Geschichte niedergeschrieben, die für sich selbst steht, in ihrer Authentizität aber unabdingbar mit der Person Ben tewaag verbunden ist. das ist nichts schlechtes. das kann man lesen. egal ob feministin oder Gangster. Am strand oder in einer zehnten Klasse. Gutes Buch, digger! respekt! Und diese Pfeife einer großen tageszeitung, die dich für ein Portrait besucht hat und irgendwann betrunken und Onkelz grölend im wohnzimmer stand, diese Pfeifen vergisst du besser. lohnt nicht. (Jf) Tschick

transportiert, spielt für Momente keine Rollen. Form und Funktion gehen bei der Autorin meisterhaft Hand in Hand und wenn sie ihre Protagonistin bittere Wahrheiten in Sätzen aussprechen lässt, die auch der Refrain deines neuen Lieblingslieds sein könnten, dann ist das reine Berechnung. Und natürlich soll die romantische Anna mit all ihren Problemen, ihrer Vorgeschichte, ihrem Lieben und ihrem Verlassenwerden der Gegenentwurf zum verlassenden, zum kalten und nur sich selbst und die Symbole des Konsums und der Hochkultur liebenden Ludwig sein, ein guter Mensch, vielleicht sogar so etwas wie eine sympathische Verliererin. Charakterfest selbst in der Krise, barmherzig vor allem gegenüber anderen. Wenn es in

wolfgang herrndorf 2012 bekam der 1965 in hamburg geborene wolfgang herrndorf für seinen neuestes Buch den Preis der leipziger Buchmesse. in „tschick“ seinem vorangegangenem werk nimmt er den leser auf eine reise durch endorphine, über Autobahnen, wie landstrassen und direkt zurück in die eigene Adoleszenz. einige der besten Zeilen: „Ich muss mal mit dir reden“ sagte der Arzt, und das ist logisch der dümmste Gesprächsanfang, den ich kenne. // Erstens, man

dieser Geschichte einen Sympathieträger geben würde, denjenigen, auf den man alle seine Empathie verwenden würde, dann wäre es nicht Ludwig. Versuchte Arezu Weitholz also ein Plädoyer für die Überlegenheit der emotionalen Tiefe gegenüber der hedonistischen Oberflächlichkeit zu halten? Wohl kaum. Ihr Buch lässt am Ende keine Gewinner übrig, aber vielleicht wenigstens ein bisschen Hoffnung. Hoffnung, dass der Schein dem Sein höchstens ein Spiegel ist, die Fläche für Reflektion und die Möglichkeit zur letztendlichen Erkenntnis, dass alles Leben nur einem Punkt zustrebt. Und an diesem Punkt ist es Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen. (TE)

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kann über alles reden. Und zweitens, was die Leute denken, ist scheiß egal.“ Das hat mir sofort eingeleuchtet. Über alles reden. Und scheiß auf die Leute. // Was

schön, dass man Freudentränen weinen möchte. (RL)

No.4, 28 Seiten, 18 Euro.

256 Seiten, Rororo, 8,99 Euro.

Von der Flüssigkeit Magnon

Leif Randt Leif Randt, 1983 in Frankfurt geboren, setzte mit seinem im letzten Jahr erschienenen Roman „Schimmernder Dunst über Coby County“ mehr als eine Duftmarke in der deutschen Literaturszene. Mit seiner neusten Kurzgeschichte, dem vermeintlichen Drogentrip während einer Beerdigungsfeier, beweist er abermals sein stilistisches Können und seine außerordentliche Begabung für leise Zwischentöne. ich lange nicht begriff, war, warum sie sich nicht scheiden ließen. Eine Weile hatte ich mir eingebildet, ich wäre der Grund dafür. Oder das Geld. Aber irgendwann kam ich zu dem Schluss, dass sie sich gern anschrieen. // Dir Tropfen waren so groß, dass fast die ganze Scheibe nass wurde. // Auf der Schule heisst es ja immer, Gewalt ist keine Lösung. Aber Lösung mein Arsch. Wenn man einmal so eine Handvoll in der Fresse hat, weiß man, dass das sehr wohl eine Lösung ist. // Aber es war ein Riesengestank, der von ihr ausging. Ein Comiczeichner hätte Fliegen um ihren Kopf schwirren lassen. „Tschick“ ist an vielen Stellen so

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Literatur

Brandwashed

Martin Lindstrom

Einige der besten Zeilen: Sie lächelt fast nie, denn wenn sie mal lächelt, sind in ihrem Gesicht plötzlich einige Falten zu sehen und das stellt ihre Mädchenhaftigkeit auf einen Schlag in Frage. // Die meisten Menschen sind nicht stark genug, um alleine in einer kleinen Münchner Stadtwohnung auf das Alter zu warten.  // Im Licht der Straßenlaternen stapelt sich frisches Herbstlaub, und das Radio spielt aktuelle Popmusik, in der es um Liebe oder gebrochene Herzen geht, aber niemals um Aufbruch.

Der dänische Medienexperte Martin Lindstrom, der dem „Time Magazine“ zufolge zu den einflussreichsten Menschen der Erde zählt, öffnet einem in seinem neuen Buch die Augen inwieweit unser tägliches Handeln der Fremdbestimmung unterliegt. Er veranschaulicht allerhand Eingriffe der Werbeindustrie in die Privatsphäre, erklärt Gruppenzwänge , unterlässt es den Zeigefinger zu heben, unterhält und stellt es jedem Leser am Ende frei sich in seinem Konsumverhalten selbst zu hinterfragen. (RL)

Randt trifft den Puls der Zeit. (RL) Spread your tree Edition

Campus Verlag, 352 Seiten, 24, 99 Euro.


– zumindest für europäische Ohren –verschüttet geglaubten musikalischen Tradition ab.

Feast Or Famine

Chuck Ragan Chuck Ragan ist in den letzten Jahren zu so etwas wie dem „großen, alten Mann“ einer jungen US-amerikanischen Folkbewegung geworden. Auf inzwischen vier Alben arbeitet sich der Mann mit dem unglaublich physischen Gesangsstil nun schon an den Ideen, Standards, Geschichten und Emotionen einer lange

Ragan, der sich als Sänger der Indiepunk-Heroen Hot Water Music (deren Relevanz sich mir allerdings nie erschloss) Ikonenstatus erarbeitet hat, hat auf „Feast Or Famine“ (von 2005) zwölf Nummern versammelt, die allesamt eines verbindet: Der Kopf dahinter hat etwas zu erzählen und lässt sich davon verdammt nochmal nicht abbringen. Allein „American Burritos“, „The Boat“ oder „For Broken Ears“ versammeln – vorgetragen von Hardest Working Man in Showbusiness zusammen mit zumeist nicht mehr als Kontrabassisten und Violinisten – mehr Emotionen und Vitalität als andere Bands in ihr komplettes Oeuvre zu packen imstande sind. Auch die beiden nachfolgenden Scheiben sollten dringend mal angetestet werden, an die Eindringlichkeit dieser Vorstellung kommen sie allerdings nicht ganz ran. Ausgelöst wurde der Chuck Ragan-Revivalimpuls

übrigens durch die gerade zuende gegangene „Revival Tour“, für die der Sänger Kollegen im Zeichen des Folk versammelt hat, die allesamt ebenfalls dieser Tage erstklassige und überaus empfehlenswerte Soloalben an den Start gebracht haben. (Dave Hause – Resolutions, Brian Fallon als „The Horrible Crows“ – Elsie und Dan Andriano – Hurricane Season). www.chuckragan.com

Santa Muerte

Broilers Nun gut, wenig kontrovers und man muss aufpassen, dass man sich nicht dem Vorwurf aussetzt, hier auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Dennoch: Ich verlasse das sichere Nest des Liebhabertums und stelle diese Platte in den gebührenden (Klang-)Farben vor. Denn den Broilers gelingt mit „Santa Muerte“ endgültig das, was sich schon auf dem Vorgänger „Vanitas“ angedeutet hatte: Die

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erfolgreiche Kombination einer betonschweren, teerfarbenen Bodenständigkeit, exotisch-progressiv-frech daher kommender Instrumentaleinsätze und einer textlichen Ambitioniertheit, die mal mit mit kunstvoller Einfachheit komplexen Alltag beschreibt und dann auch wieder andersrum daher kommt. Dieses Werk ist nichts für musikalische und gesellschaftspolitische Analphabeten, sondern für eine intellektuell ambitionierte, am politischen und sozialen Diskurs interessierte Zuhörerschaft. Aber wisst ihr was? Schluss mit dem Geschwurbel. Denn „Santa Muerte“ ist eine Platte, die von vorne bis hinten mit ganz wenigen Ausnahmen viel Spaß macht. Und auch wenn sie manchmal etwas verkopft daher kommen mag, so ist dieser Gedanke nie Selbstzweck, sondern zwingt den Zuhörer, sich nicht nur mit der Form, sondern auch dem Inhalt der Songs auseinander zu setzen. Denn zwischen Bläsersätzen, die hier so geschmackvoll arrangiert und effektiv wie noch nie zuvor in der Broilers-Laufbahn, lauert hinter jeder Ecke Botschaft und Aufforderung zu irgendwas. Vorsicht, diese Platte ist durch und durch politisch – und zwar, weil alles politisch. Außer vielleicht der schieren musikalischen Freude und Fülle an auditiven Gedanken, die auf „Santa Muerte“ verarbeitet sind. Anspieltipps: „Weckt die Toten“, „In ein paar Jahren“, „The World Is Yours

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MUSIK

(Nicht)“, „Tanzt du noch einmal mit mir“. www.broilers.de

Beauty And The East

The Kordz Mit dieser und der nächsten Scheibe wird es ein bisschen exotischer und ich wette, mindestens eine der beiden Bands wird bei euch nur Fragezeichen produzieren. Und weil das so schade ist, will ich euch beide vorstellen. Los geht es mit den Kordz und die räumen in Sachen Exotenbonus voll ab, auch wenn sie den eigentlich weder wollen noch brauchen. Die Band um Sänger und Mastermind Moe Hamzeh kommt aus dem Libanon und wenn sich das große Raunen unter den Rockfreunden gelegt hat, bleibt in der Regel eine große Neugier zurück. So war es auch bei mir, als ich meine Finger an diese Platte bekommen habe. Und man bekommt eigentlich genau das, was man erwartet – zumindest musikalisch: Eine

Band, die handwerklich über alle Zweifel erhaben agiert und darüber hinaus selbstbewusst und mit großer Finesse immer wieder völlig klischeebefreit und gut dosiert das kulturelle Erbe ihrer Heimat zitiert. Ansonsten ist „Beauty And The East“ eine Platte, deren Titel das selbstironischste Element ist. Denn inhaltlich wird hier durchaus schwere Kost geboten, auch wenn es wider Erwarten eher unpolitisch zugeht. Dass Sänger und Texter Moe kein luftiger Springinsfeld ist, trieft aus jeder Zeile der Texte, die sich häufig mit den ganz großen Fragen („The End“) beschäftigen. The Kordz liefern hier ein lebendig-melancholisches Album ab, das gerade für mitteleuropäische Ohren unheimlich viel unheimlich unaufdringlich zu Entdecken bereit hält. Und am Ende des Tages vor allem eines ist: Ein verdammt gutes Stück Rockmusik! www.thekordz.com

Lost/ All Things To All People

Carpark North Meine dänische Zweitlieblingsband – noch deutlich vor Volbeat – hört auf den Namen Carpark North und ist vielleicht dem einen oder anderen hier schon ein Begriff. Das Trio spielt elektronisch beeinflussten, stets etwas poppigen Rock und ist gerade in der Heimat schon weit mehr als


ein Geheimtipp – bei uns lassen sich die Herren jedoch eher selten blicken und auch ihr Album „Lost“ ist, zumindest so weit ich das mitbekommen habe, ziemlich unter Wert gelaufen. Dabei ist „Lost“ so etwas wie eine Art Best Of der frühen Jahre, denn

wenn man die Originale und ihre sperrige Intensität kennt, dann fehlt hier deutlich was. Deshalb empfehle ich – wenn die Chance besteht – doch den Griff zum „Original“. Denn hier kracht, knallt und fließt es noch einen ganzen Zacken energischer

als auf „Lost“. Zieht euch mal auf Youtube „The Beasts“ und „Transparent And Glasslike“ in den Liveversionen rein und es werden wohl keine Fragen offen bleiben. www.carparknorth.dk

hier sind nicht nur feine Ohrenschmeichler wie das saustarke „More“ und das beinahe an Kraftwerk gemahnende „Shall We Be Grateful“ versammelt, sondern auch mit „The Beasts“, „Transparent And Glasslike“ und „Human“ die drei stärksten Hits ihres Dänemark-Debüts „All Things To All People“, das hierzulande nicht erschienen ist und nur per Import zu kriegen war. Und möglicherweise liegt genau hier die Krux (und der Grund, warum oben zwei Alben stehen): Denn die drei letztgenannten Nummern wurden für das deutlich für eine kommerziellere Zielgruppe produzierte „Lost“ auf Linie gebracht und so ihrer Ecken und Kanten beraubt. Nicht falsch verstehen, starke Songs bleiben starke Songs. Aber

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PHOENIX 80 I BLANK


CLOSE UP

Live-Fotografien von Svenja Eckert Die Stuttgarter Fotografin macht von Anfang an Bilder f체r das BLANK. Ihr Motto: Unauff채llig anschleichen. Zoom und Klick.

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LAURA LOPEZCASTRO


JOCHEN DISTELMEYER BLANK I 83


MAX HERR 84 I BLANK


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THE WOM BATS


KEITH CAPUTO


CASPER


gESchENKE FÜR ALLE Sagt, wäre das nicht schön, den wankelmütigen Sommer mit einem echten highlight zu verabschieden? Ein Selbstgeschenk an euch völlig aus der Reihe? Wir versorgen euch mit allerlei Brauchbarem, Kleidsamen, Kurzweiligen oder einfach nur schönem. Alles auf einmal wäre wohl eine Eierlegende Wollmilchsau. Aber die haben wir nicht, deshalb freuen wir uns, dass wir von unseren gewinnspielpartnern so viele dinge einsammeln konnten, die alle mindestens zwei der genannten Attribute auf sich vereinen. Rucksäcke, Bücher, Schuhe, dresses warten auf glückliche gewinner. Was ihr dafür tun müsst, um euch ins Rennen zu werfen? Schreibt bis zum 31.08. eine mail mit dem Betreff „Verlosung“ und euren drei Traumgewinnen an verlosung@blank-magazin.de. Nur wer mitmacht, kann gewinnen.

„PRoJEcT ZERo 2“ FÜR NINTENdo Wii okay, Sommer, Sonne, Strand und Festivalfieber – alles prima. Aber freuen sich nicht zumindest die gamer unter euch auch wieder auf die verregneten Tage, an denen man reinen gewissens den ganzen tag vor der Wii verbringen kann? Wir liefern euch einen guten grund, auch dieser Tage mal zumindest verschämt die controller heiß laufen zu lassen. denn Nintendo hat uns fünfmal „Project Zero 2“ rüber gereicht. die Neuauflage des japanischen horrorspieleklassikers bietet noch mehr Spannung, noch mehr grusel und noch mehr Überraschungsmomente. das ganze bei vereinfachter Steuerung und völlig neuen Enden und Ereignissen. Ehrlich gesagt und bei näherer Betrachtung: Scheiß auf Sonne, gib her den controller.

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MODE & LIFESTYLE


ANToNY moRATo ouTFIT urban chic meets classic Fashion: Antony morato spricht den Kosmopoliten von heute an. Vielleicht sogar dich? die Kosmopolitendichte unter unseren Lesern ist ja recht hoch, deshalb solltest gerade du hier zweimal hinschauen. denn wir verlosen ein komplettes Antony morato-outfit, bestehend aus einer Bermuda im Five-Pocket Stil mit hosenträgern und Lederdetails, handgefertigten desertboots in blauem Leder, einem T-Shirt in weiß blau und als krönendem Abschluss einer sportlichen Bomberjacke aus Nylon in blau. Kurz durchatmen, sacken lassen, nochmal das Bild anschauen und dann sofort mitmachen. So einfach ging unantastbarer Schick noch nie!

EASTPAK coNVERTIBLE RucKSAcK PAddEd PAK‘R Eastpak begeistert seit generationen outdoor-Begeisterte, Trendfreunde und sonstige Rucksackträger und gepäckbeweger. das ändert sich auch mit der aktuellen Kollektion nicht. No doubt about it! und wir freuen uns diebisch, drei Teile an euch weiter geben zu dürfen. Nämlich dreimal den coolen convertible Rucksack Padded Pak´r – zweimal in camo, einmal in Khaki im klassischen Eastpak-Schnitt. gepolsterter Rücken, Schulterriemen mit Antirutsch-Beschichtung und Reißverschlusstasche vorne. und der clou: Alles ist in sekundenschnelle zusammenfaltbar auf handtaschenformat. Alles dabei, alles drin.

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ÜBERLEBEN AuF FESTIVALS der Autor und musikjournalist oliver uschmann hat den ultimativen Survival guide für Festivalfreunde geschrieben, die sich in der Saison in die diversen dB-Biotope wagen, um dort irgendwo zwischen besinnlich und besinnungslos messen der maß- und Zügellosigkeit zu feiern. Vieles kommt bekannt vor, es musste einfach nur mal jemand kommen, der alles aufschreibt, damit alle anderen wiederum darüber schmunzeln können. halb ernst, halb situationssarkastisch - aber immer unterhaltsam. oliver uschmann hat mit „Überleben auf Festivals“ ein zweifellos wichtiges dokument abgeliefert. Wir führen 5 von euch ins Licht!

cASIo BABY-g Bgd-140-1BER ohne Übertreibung: mit dieser casio Baby-g Bgd-1401BER läuft die Zeit ab sofort nie mehr gegen dich. Stoßfest, LEd-Indikator, multifunktionsalarme, Kalender, Weltzeitfunktion und viele weitere praktische und schicke Features zeichnen diesen Neuzugang in der Baby-gFamilie aus. Klar, in Schwarz eher was für Jungs, aber die ultraschlanken 48 gramm machen sich auch elegant an jedem damenhandgelenk. und seien wir ehrlich: die Zeichen der Zeit erkennen die mädels doch eh immer als erstes, oder?

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MODE & LIFESTYLE


ARmEdANgELS LEWIS cIRcLE uNd LEWIS ARRoW PuLLoVER

BLANK verlost zwei hoodies von armedangels in größe L. mit dem global organic Textile Standard (goTS) und dem Fairtrade Zertifikat sorgt der Vorreiter der deutschen Eco-Fashion-Bewegung nachweislich für eine gewissenhafte, ökologische Produktion und gerechten Arbeitsbedingungen, die vom Anbau über Konfektion, vom Färben bis hin zum druck aller Produkte auf die umweltverträglichkeit und Fairness kontrolliert wird. Kuschelig, gemütlich und stylisch zugleich kommt der hoodie „Lewis“ und “Arrow” mit praktischer Känguru-Tasche und Kapuze. Preis je Pullover: 74,90 Euro

WRAP&PLAY SchAL VoN WEARPoSITIVE Aus eins mach viel – der ideale Begleiter für den Rucksack: der WRAP&PLAY Schal von WearPositive aus weicher organic Baumwolle zaubert mehr als 50 Festival-Looks. Schick im Sommer, schick im herbst, bezaubernd im Winter. und wartet, bis erst der Frühling kommt. Wir haben den Schal in Toffee zweimal für euch.

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SoFTcLoX der Sommerschuh zum Festival. die leichten Softclox aus Erlenholz sind dank einer hochflexiblen elastischen Schuhsohle wunderbar bequem, statt starr, wie sonst bei clogs üblich – ideal um unter dem Sternenhimmel die ganze Nacht lang zu tanzen. Wir machen das für eine dame möglich – mit dem modell hella in größe 40.

A SmART guIdE To uToPIA

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MODE & LIFESTYLE

„A smart guide to utopia“ ist der Reiseführer für eine bessere Stadt. 111 inspirierende Ideen aus über 40 europäischen Städten zeigen in den Bereichen Leben, Arbeiten, Essen und Trinken, Spielen und Kaufen, wie das Leben in unseren Städten schöner, spannender und nachhaltiger gestaltet werden kann. die Projekte, die vor ort besuch- und erlebbar sind, stammen von mehr als 30 Autoren und Kreativen – das Buch ist ein guide von Städtern für Städter. das Buch gibt es ab sofort online und in mehr als 50 concept Stores weltweit zu kaufen. oder einmal hier bei uns zu gewinnen. die Auflage dieses einzigartigen Buches liegt bei nur 4.000 Stück, der gewinner steigt also in einen erlauchten Kreis von Wissenden mit dem extra Bisschen charme auf.


die Jeansbrand mavi widmet Berlin eine limitierte T-Shirt Edition. die designs stammen aus der Feder der Berliner Künstler cristóbal Schmal, martin haake, Silke Werzinger und Rinah Lang. So vielseitig und abwechslungsreich wie die hauptstadt, so kreativ sind die designs der damen- und männershirts mit typischen und auch untypischen Szenen aus Berlin. Wir machen zwei damen (größen S und m) und zwei herren (m und L) glücklich und hip.

mAVI T-ShIRTS

o’NEILL BIKINI mit dem Bikini auf’s Festival? mit dem o’Neill Superkini kein Problem mehr. denn das innovative material Nanofront hat bis zu 200% mehr Reibungskraft im Vergleich zu traditionellen Swimwearstoffen, so dass der Bikini nicht verrutscht, egal was passiert. ganz egal, ob beim Planschen im Wasser, beim Tanzen im matsch oder strömenden Sommerregen. Zwei Stück im hippiedesign (jeweils größe 38) warten auf glückliche gewinnerinnen.

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BlAnK

fAshiOn fOtOs

FOTOGRAFIE MATTHiAS DAViD MODEL NADiyA „NoKo“ GÖNENLi HAAR/MAKEUP-STYLISTIN FREDERiKE GUTLEBER

An der Kulturbrauerei gibt es Kultur und eine menge Filmpremieren. Es gibt ein russisches Theater und leider nicht mehr das NBI, einen bis zum Zeitpunkt seiner Schließung richtig coolen Laden mit coolen Konzerten und die ursprüngliche heimat u.a. von „Tiere streicheln menschen“. In der Kulturbrauerei gibt es zuweilen auch Shootings. manchmal auch fürs BLANK.


Rundhals Dawson Top mit Perlen f端r den Sommer 2012, Farbe: Whip Cream. Jeans Shorts vintage gewaschen in Retro Green, beides One Green Elephant.


KAPUZEN-SWEATSHiRT iN CHERRy RED UND BLUE-DENiM iN SUPER-STRETCHiGEM STyLE VoN oNE GREEN ELEPHANT. SCHUHE VoN BERSHKA (NUR iN BARCELoNA ERH채LTLiCH).

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Tank Top mit modernem Druck, dazu lässig Parka in Dark Night Grey und Jeans Shorts in grün, alles von One Green Elephant. Leggins Leopardenmuster von H&M Divided. Leder Boots mit Nieten von ZiGigirl (New York).

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MODE


Tank Top in Whip Cream und OGE Coloured-Denim von One Green Elephant. Sonnenbrille von Pepe Jeans London. Schuhe von Bershka (nur in BarceBLANK Why I 101 lona erh채ltlich). Roller-Modell: Yamaha


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Tatort München Text Roman Libbertz

München hat über das letzte Jahrzehnt bei vielen meiner Freunde den Ruf, unspektakulär und eingeschlafen zu sein. Zu Recht! In Erinnerungen über das alte P1, Ultraschall, Kraftwerk oder Schumanns ärgert man sich über hochgeklappte Bordsteine, erzählt sich die Mär der hohen Lebensqualität und nur noch der Englische Garten bildet eine dauerhaft positive Konstante. Doch jede Senke ­beherbergt selbstverständlich Ausreißer. Grund genug, diese Menschen zu würdigen, vielleicht auch, damit M ­ ünchen durch Menschen wie sie generell wiederauflebe.

M

arkus Förderer, 1983 geboren, bereits zu Hochschulzeiten vielbeschäftigter Kameramann und nun dekoriert mit dem Deutschen Kamerapreis 2012 für seine außergewöhnliche Bildgestaltung in „Hell“ (einem Endzeitthriller von Tim Fehlbaum mit Hannah Herzsprung und Lars Eidinger).

BLANK: Warum so hell? MF: Weil ich noch nie so eine helle Leinwand im Kino gesehen habe. Die besondere Prämisse, dass die Sonne mit ihrer übergroßen Strahlkraft die Menschen bedroht, hat uns viel Spielraum in der visuellen Gestaltung der Apokalypse gegeben. Es war mir wichtig dass der Zuschauer im Kino die Strahlkraft der Sonne physisch spürt, das haben wir unter An-

derem durch extreme Überbelichtung erreicht. BLANK: War es für Regisseur Tim Fehlbaum schwer Dich für das Projekt zu gewinnen? MF: Nein, das Drehbuch ist unglaublich spannend geschrieben. Nach der ersten Seite wusste ich: „Diesen Film will ich unbedingt sehen.“ Ein paar

im Kopf. Von diesem Moment an wollte ich das unbedingt machen. BLANK: Wie war die Arbeit mit Tim Fehlbaum? MF: Tim ist ein unglaublich leidenschaftlicher Filmemacher. Er führt nicht nur Regie, sondern schreibt auch als Autor am Drehbuch und führt oft selbst

„Es war mir wichtig dass der Zuschauer im Kino die Strahlkraft der Sonne physisch spürt.“ Seiten weiter war klar, dass die Geschichte ein extremes Lichtkonzept und einen besonderen Kamerastil braucht, um glaubhaft zu erscheinen, und um nicht im Schatten amerikanischer Filmen dieser Art zu versinken. Ich hatte so viele Bilder

eine Kamera am Set. Unsere Zusammenarbeit lief so gut, weil wir eine sehr ähnliche Auffassung von guten Bildern und Geschichten haben. BLANK: Inwieweit war Roland Emmerich, der beim Ka-

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merapreis die Laudatio auf Dich hielt, eine Hilfe? MF: Roland Emmerich ist sicher einer der größten Experten im Bereich filmischer Apokalypse. Er hat mehrfach die Welt zerstört. In der Drehvorbereitung hat er den Regisseur Tim Fehlbaum bei der Ausgestaltung der Apokalypse beraten. Er hat uns von Anfang an darauf hingewiesen, wie entscheidend ein massiver Einsatz von Staub für die Illusion einer ausgetrockneten Welt ist. Darauf hin hatten wir während der ganzen Drehzeit zwei motorbetriebene Flugzeugpropeller am Set, die kontinuierlich Staub durch den Bildhintergrund wehten. BLANK: Wie kamst du auf die Idee, große Teile des Films überzubelichten? MF: Mir war klar, dass wir hier in Deutschland keine Kalifornische Sonne haben werden. Deshalb musst eine Lösung her, wie ich auch bei schlechtem Wetter die Illusion von extremem Sonnenschein erzeugen kann. Zum anderen hat uns die Überbelichtung dabei geholfen, störende Hintergründe wie grüne Bäume in der Helligkeit verschwinden zu lassen. BLANK: Hattest du deswegen nicht auch anfänglich mit Vorbehalten zu kämpfen? MF: Ich glaube, zu Beginn haben viele nicht so richtig verstanden, in welchem Ausmaße das die Wirkung der Locations verän-

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dern wird. Als wir die ersten geschnittenen Szenen abends nach Drehschluss gesehen haben, waren wir alle begeistert, dass das Konzept mit den extrem hellen Bildern aufgeht. Damit die hellen Bilder so gleißend wirken, müssen große Teile des Films aber in der Dunkelheit stattfinden, so gewöhnt sich das Auge an wenig Licht und wird dann tatsächlich geblendet, sobald die Außenwelt bei Tageslicht zu sehen ist. Und das obwohl die Leuchtkraft eines Kinoprojektors weitaus geringer ist als die der Sonne. BLANK: Wie hoch würdest du den Anteil beziffern, die Schauspieler an deiner Form der Bildgestaltung haben? MF: Gute Frage. So ein Schauspieler füllt schließlich einen Großteil der Bildfläche. Hannah Herzsprung zum Beispiel schafft es, in Hell so präsent in der Kamera zu sein, das ist unbezahlbar. BLANK: Inwieweit hat dein Studium an der Münchner Filmhochschule dir Sicherheit gegeben? MF: Das Studium war eine intensive Zeit, in der einem recht schnell bewusst wird, welche Art Film man machen möchte. Ich habe täglich zwei bis drei Filme aus der Bibliothek angeschaut, das schärft das Gespür für eine eigene Richtung. BLANK: Gab es in deinem Leben einen bestimmten Moment,

in dem der Entschluss reifte, Kameramann zu werden? MF: Als Kind habe ich alleine Odyssee 2001 von Kubrick im Fernsehen gesehen, da war mein Interesse geweckt. 1997 kam Independence Day in die deutschen Kinos, da wusste ich, dass ich Filme machen wollte, ich war so beeindruckt. Endlich hatte jemand die Möglichkeiten des Kinos genutzt. Damals dachte ich noch, ich möchte Regisseur werden. Nachdem ich mich länger mit der Materie befasst hatte, wurde mir aber klar, dass alles was ich am Filmemachen spannend finde nicht unbedingt die Aufgabe des Regisseurs ist, sondern die des Kameramanns. BLANK: Ballhaus, Toland oder eher Serra? MF: Deakins. BLANK: Gibt es neue Projekte über die du bereits sprechen darfst? MF: Im Herbst kommt mein neuer Film „Puppe, Icke & der Dicke“ in die Kinos. Momentan bereite ich den nächsten Kinofilm „Finsterworld“ vor, der hoffentlich wieder einen sehr besonderen Look haben wird. BLANK: Was würde passieren wenn Buck, Verhoeven oder Schweiger bei dir anklopfen würden? Dann würde ich mich mit denen auf ein Bier treffen und fragen, wieso sie angeklopft haben.


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im Trachte, 1976 geboren. Der zum Regisseur ausgebildete Absolvent der Münchner Filmhochschule, beeindruckte mit seinem Spielfilmdebüt „Davon willst du nichts wissen“, einem nervenaufreibenden, unkonventionellen Psychothriller, der entgegen dem in der deutschen Filmlandschaft vorherrschenden Gute-Laune-

bedürfnis neue Wege beschritt und den Zuschauer von Beginn an zum Mittäter machte. BLANK: Warum so anders? TT: Mir war natürlich bewusst, dass es sich bei dem Stoff um keinen „Feel-Good-Movie“ handelt, dennoch war mein Anliegen, einen Film zu machen, der atmosphärisch spannend ist und unterhält. Ein wenig ungewohnt ist der Film wohl,

„Ein wenig ­ungewohnt ist der Film, weil er ein Familien­ drama im ­Gewand eines Thrillers erzählt.“ FILM BLANK I 105


weil er ein Familiendrama im Gewand eines Thrillers erzählt. Eine Suspense-Geschichte also, wie man sie vielleicht von Highsmith kennt. Im klassischen Thriller gibt es ja meistens einen Jäger, im deutschen Fernsehen oft in Form eines Ermittlers, oder eines Gejagten, der bald selbst zum „Ermittler“ wird. In beiden Fällen natürlich dramaturgisch dankbarer, weil eine aktive Hauptfigur die Handlung voran treibt. In meinem Fall ging es mir aber

ner dabei, der Redakteur und die Produzenten, haben sich immer sehr kritisch mit dem Drehbuch auseinandergesetzt, mir jedoch letztlich die Freiheit zugestanden, die allerletzten Entscheidungen selbst zu treffen. Eine Freiheit, die damit zu tun hatte, dass allen Beteiligten klar war, dass wir einen kleinen, aber womöglich spannenden und interessanten Film machen, der aber wohl nicht in den Mainstream passt und die kommerziellen Chancen

„Ich lege großen Wert auf die Filmmusik. Kaum ein anderes Mittel kann auf die emotionale Wahrnehmung so subtil Einfluss nehmen.“ um die Verdrängung einer Tat und letztlich dem Verdrängen der eigenen dunklen Seiten und wohin diese Verdrängung führen kann. Eine Opfer-TäterUmkehrung. BLANK: Hattest du im Vorhinein mit Vorbehalten zu kämpfen? TT: Es gab wie bei jeder Drehbuchentwicklung natürlich immer wieder Diskussionen über diese oder jene inhaltliche Entscheidung. Meine Part-

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somit eher klein sind. Meine Angst, Fehler zu machen, war dementsprechend kleiner, als der Wille in vielen Punkten meinem Bauchgefühl zu folgen und dafür ein Risiko einzugehen. Tatsächlich muss ich zugeben, dass einige Dinge nicht so funktioniert haben, wie ich sie mir gewünscht hätte. Einem kleinen Autorenfilm wie meinem, der dem Zuschauer eine gewisse Distanz gewährt, verzeiht man zum Glück seine

Ecken und Kanten leichter, als einer emotional eng geführten Erzählung, in der einen jede Irritation zurück in die Wirklichkeit des Zuschauerraums holt. BLANK: Inwieweit hat dir deine Erfahrung als Cutter Vorteile bei der Regie verschafft? TT: Ich denke, dass der Filmschnitt zu den hilfreichsten handwerklichen Fähigkeiten eines Regisseurs gehört, da sich hier alle Bausteine eines Films zusammenfinden, von der Dramaturgie, über die Inszenierung, der Schauspielführung und der visuellen Umsetzung bis hin zur Filmmusik. Inwieweit mir meine Erfahrungen als Cutter tatsächlich dabei helfen, Regie zu führen, kann ich nicht beurteilen. Ich kann nur sagen, dass ich oft Vorstellungen davon habe, wie ich jene Aufnahme an eine andere schneiden werde und wie das Ganze dann wirken wird. Trotzdem kommt es oft ganz anders. BLANK: Wie kamst du auf die Idee? TT: Es gab ein grundsätzliches thematisches Interesse und den Wunsch eine Suspense-Geschichte zu erzählen. Der Rest hat sich ausgehend von dem Ehepaar und nach und nach über die Figurenkonstellationen ergeben. BLANK: Ist der Film weit entfernt von der ursprünglichen Drehbuchidee?


TT: Ursprünglich hatte ich, selbst noch in der Drehfassung des Buchs, mehr Gewicht auf dem familiären Drama. Der Thriller-Plot hat allerdings wenig Platz dafür gelassen und so mussten auch im Schnitt noch einige Szenen weichen, die die Erzählgeschwindigkeit zur falschen Zeit zu stark gebremst hätten. BLANK: Hattest du es schwer so hochkarätige Schauspieler wie Sophie von Kessel und Andreas Lust für das Projekt zu gewinnen? TT: Glücklicherweise war das Drehbuch interessant genug, um so hervorragende Schauspieler für meinen Debütfilm zu gewinnen. Da es für die Darsteller, wie auch für den Rest des Teams, nicht viel zu verdienen gab, bestand die Hauptschwierigkeit für die Produktion darin, den Drehzeitraum und die Drehtage für die Schauspieler so zu legen, dass es ihnen möglich war, andere Engagements wahrzunehmen. BLANK: Gab es eventuell Hindernisse, die beim Dreh überwunden werden mussten? TT: In der Vorproduktion war die Hauptschwierigkeit, trotz des geringen Budgets die richtigen Motive zu finden. Während des Drehs gab es die üblichen Schwierigkeiten mit dem Wetter, aber insgesamt würde ich sagen, dass alles recht glücklich verlaufen ist.

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BLANK: Welchen Anteil spielt die musikalische Untermalung in deinem Film? TT: Ich lege großen Wert auf die Filmmusik. Kaum ein anderes Mittel kann auf die emotionale Wahrnehmung so subtil Einfluss nehmen. Ebenso unangenehm finde ich es, wenn jemand unachtsam mit der musikalischen Untermalung seines Filmes umgeht. Das kann dann schnell unangenehm manipulativ oder einfach nur nervtötend sein. BLANK: Sollen/dürfen Filme weh tun? TT: Filme dürfen weh tun, es sollte aber kein Selbstzweck sein. Filme dürfen aber auch unterhalten und Mut machen und aufbauend sein. Zum denken könne sie trotzdem anregen. Ich glaube, es ist leichter, negative Gefühle zu vermitteln, als positive. Den positiven Gefühlen merkt man schnell an, wenn sie schal und leer sind. Dann hakt man das Ganze als dumme Komödie oder blöden Liebesfilm ab. Die negativen wirken nicht so schnell oberflächlich, man fühlt sich nur ein bisschen schäbig hinterher. BLANK: Gab es einen bestimmten Moment in deinem Leben der dich unbedingt Filme machen lassen wollte? TT: Nein, eher die plötzliche Erkenntnis, das Film am besten zu mir und meinen Interessen und Fähigkeiten passt. Vielleicht wür-

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de ich heute auch Musik machen, Bücher schreiben, Bilder malen oder als Koch arbeiten, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass mein Talent besonders in einem dieser Bereiche ausgeprägt ist. BLANK: Gibt es bestimmte Schauspieler mit denen es ein Traum wäre zu arbeiten? TT: Da gibt es sehr viele, zum Glück auch in Deutschland. International gesehen habe ich zum Beispiel letztens erst gedacht, wie gerne ich einmal mit Michael Pitt arbeiten würde. BLANK: Hitchcock, Kubrick oder ­Haneke? TT: Hitchcock, Kubrick und Haneke. Und ganz viele andere auch. Wenn ein Regisseur mit seinen Filmen ein großes Publikum abholen kann und trotzdem eine Handschrift besitzt, das beeindruckt mich. Das zeichnet für mich auch beispielsweise einen Regisseur wie Christopher Nolan aus. Da wird ein riesen Spektakel abgebrannt und trotzdem habe ich das Gefühl: Da erzählt mir einer auf seine eigene Art eine Geschichte. Es ist ja schon etwas an der Feststellung dran, dass bereits alles erzählt wurde und letztlich auch die immer wieder gleichen Plots bemüht werden. Aber wenn es jemanden schafft, mir diese Geschichten auf seine eigene Art zu erzählen, ist es doch immer wieder spannend, aufschlussreich und neu.

BLANK: Würdest du sagen in Deutschland ist es einfacher eine Komödie zu drehen? TT: Im deutschen Kino sind generell und besonders zur Zeit Komödien sicherlich das meist gefragte Genre, wenn es sich um deutschen Produktionen handelt. Eine gute Komödie findet eigentlich immer sein Publikum. Für andere Genres gilt das leider nicht. Mit keinem anderen Genre ist den Filmemachern bislang gelungen, dem deutschen Publikum mit einer Verlässlichkeit gute Unterhaltung, die mit internationalen Filmen, besonders aus den USA, konkurrieren könnte. Dadurch gibt es leider immer wieder sehr gelungene Filme anderer Genres, die dennoch keine Zuschauerzahlen machen. Die Angst bei den Investoren ist dementsprechend groß. Ein gutes Drehbuch allein genügt da nicht. Ich glaube, dass die Zukunft für deutsche Filmemacher in dieser Hinsicht in internationalen, auch rein europäischen, Koproduktionen liegt, die dann meist in englischer Sprache gedreht werden. BLANK: Was sind die weiteren Pläne? Kommt jetzt eine Komödie? TT: Es gibt verschiedene Projekte an denen ich arbeite. Eigene Drehbücher und auch fremde Stoffe. Eine Komödie ist auch darunter. Grundsätzlich bin ich daran interessiert, mit meinem nächsten Film ein größeres Publikum zu erreichen.


HEFT ZWEI Mein Glashaus Feine freie Aassoziation zu Christian Krachts „Imperium“ von Johannes Finke ICE of the living dead Kurzprosa von Stefan Kalbers Das Urheberrecht, im unbekannten Wesen liegt die Verführung. Aber warum es mich auch nicht mehr interessiert. Johannes Finke über Urheberrecht und Kunstverständnis Los, geh auf die Knie! Teresa Bücker sucht den „homme à femms“ und findet Verachtung für Mensch und System DSK Urlaub in Berlin Glosse von André Krüger über das Hipsterleben in der Bundeshauptstadt


HEFT ZWEI Darum steht das Glashaus im Garten und wir nennen den Anblick romantisch. Wir zeigen den Gästen unser liebstes Stück, indem wir den Vorhang ein wenig zur Seite ziehen und sagen: Schau mal, ist das nicht schön? Wir lassen es einfach so. Wir lassen es Verwuchern. Verwachsen. Wir erkennen im Verfall und in der Verwilderung eine Ästhetik des Kaputten, die uns ein romantisches Ideal vermittelt, das zwar Sehnsüchte wecken und befriedigen, aber keine Schmerzen entstehen lassen kann. Denn Schmerzen, soviel ist sicher, fügen wir uns nur selbst zu. Wir uns. Gegenseitig und sich selbst.

Mein Glashaus Eine Assoziation von Johannes Finke zu „Das Imperium“ von Christian Kracht Mein Glashaus existiert seit Jahren nur als Gerüst. Ein Skelett aus Form gebenden Trägern, durch die der Wind pfeift. Ein offenes Dach, das den Regen schon lange nicht mehr draußen hält. Ein aufgewühlter, lehmiger Boden, durchweicht und sämtlicher Festigkeit beraubt, von Steinen und Samen befreit, aseptisch. Hier wächst nichts mehr reales. Kein Getreide. Kein Obst. Keine Blumen. Kein Unkraut. Nur Ungeduld. Die Gezeiten haben mein Glashaus zu einer bloßen Idee der Vollkommenheit, der Abgeschiedenheit und des Intakten verkommen lassen, die der inneren Realität jedoch leider gerecht wird. Nichts ist mehr heil. Ich werfe mit dem Schlamm, in dem ich mich suhle. Ein Kreislauf der Eigenheit. Irgendwo losgetreten, mich erfassend, dahin treibend ohne wirkliches Ziel. Symptomatisch für uns, jene, die ohne Kriege und Probleme, weich gebettet auf Palmfasern oder Latexkern, gewickelt in feinstes Tuch, Pashmina oder Pampers, mit Goldstaub oder kosmischen Partikeln im Haar und Rosen- oder Gletscherwasser den Hals herunter rinnend, dem Leben nur noch hinterherrennen und sich aneinander aufreiben, verletzen, peinigen, den Schorf streichelnd um Erlösung betteln. Wir haben uns aus einer gelebten Gegenwart verabschiedet, sachte und behutsam, fast unbemerkt. Wir haben den Olymp erklommen. Wir haben Walhalla okkupiert. Wir haben die große Ruhmeshalle in einen Wellnesstempel und die Geister der Vergangenheit in Fabelwesen verwandelt. Wir haben die Sündenkartei jeglicher Semantik beraubt und ein unleserliches Lochsystem entwickelt, dass in seiner Abstraktion den ästhetischen Ansprüchen unserer gelebten Wirklichkeit entspricht und uns von jeglicher Schuld befreit. Wir sind unschuldig. Zumindest wollen wir das sein. Zumindest fühlen wir uns zuweilen so. Unschuldig. Kindgleich. Aber keineswegs heil. Und wir haben die große Angst, dass wir es nie sein werden. Das ist der Antrieb unserer Rastlosigkeit. Dem steten Streben nach Bewunderung. Dem Entstehen von Eitelkeiten, die auf uns lasten, als wären sie Gottgegeben und nicht aus unserem Unvermögen heraus entstanden. Und unser Unvermögen ist groß. Größer als das Ego einer ganzen Generation, größer als Gott. Halleluja.

ICE of the living dead von Stefan Kalbers

Ich habe einen Traum, und der geht so: Schichtbeginn Samstag mittag 14.00 Uhr. Ich komme aus dem Freibad direkt zur Arbeit. Und zwar mit dem Taxi. In einer Plastiktüte stecken mein nasses Handtuch, das Duschgel, eine Packung Gummibärchen und eine verklebte Ausgabe von Willards Fußfetisch Magazin. Ich steige aus dem Taxi ohne zu zahlen, denn ich habe eine Taxiflatrate. Vor dem Bahnhof grüße ich den ein oder anderen Kollegen von Ferne. Mein Bauch quillt fettig über den Saum der Badehose. Mein Kopf, mein ganzer Körper ist von der ungewohnten Sonne krebsrot und total verbrannt. Die Schlappen an meinen Füßen machen ein floppendes Geräusch. Ich steige in meinen ICE, schließe die Führerkabine auf und mache als erstes den Technikcheck. Anschließend laufe ich alle Waggons ab. Es gibt keine Reservierungen. Es gibt außer mir kein Personal. Alle Plätze sind frei, alle Wagen sind leer. Wenn das Signal von rot auf grün springt, setzt sich das Ungetüm langsam in Bewegung. Wie eine Schlange kriecht der Zug durch die zahlreichen Weichen im Bahnhofsbereich. Dann werden die Gleise weniger, bis nur noch das eine zu sehen ist, auf dem ich mich selbst bewege. Die Richtung ist vorgegeben, und die Panoramascheibe zeigt mir einen blauen Himmel. Die Beschleunigung lässt die Bäume und Häuser am Wegesrand zu einem einzigen farbfrohen Schmierfilm zerfließen. Tonnenschweres Stahl macht sich auf den

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HEFT ZWEI Ich zähle auf die Schnelle dreizehn ältere Herrschaften mit Rucksack, Sonnenhut und Wanderstock auf den Gleisen. Ja, Entschuldigung, dass ich jetzt lachen muss, aber das sieht einfach lustig aus. Die blöden Gesichter, das wilde gestikulieren. Hätten sie in Physik besser aufgepasst, dann wüssten sie, dass ich den Zug nicht mehr rechtzeitig stoppen kann, selbst wenn ich wollte. Dann macht es ‹‹klatsch, klatsch, klatsch››, rechts und links spritzt Gedärm, Kopf und Wurstbrot durch die Luft. Wenn ich das richtig gesehen habe, hat der Zug einen Mann genau in der Mitte durchtrennt. Na ja, geteiltes Leid ist bekanntermaßen nur halbes Leid. Ich greife wieder nach den Gummibärchen, aber die Tüte ist leer.

Weg, all die unglücklichen Seelen abzuholen. Meine Arbeit kann beginnen. Ich kann ihn schon von Weitem sehen, wie er da auf der Brücke steht und mir entgegenblickt. Vielleicht hält er sich schon seit Stunden da oben auf und hat zahlreiche Züge an sich vorbeiziehen lassen. Unentschlossen, ängstlich. Ich gebe ihm mit den Frontscheinwerfern ein Signal. Hier bin ich. Ich bin der richtige. Jetzt darfst du. Und dann klettert er auch schon über das Geländer, springt und fällt und fällt. Jeans und T-Shirt stürzen durch die Luft. Mein Club kennt keine Türsteher. Heute heißt es wieder: Eintritt frei. Jeder darf. Bringt eure Freunde mit. Und als wäre die Höhe nicht schon schlimm genug gewesen und seine Glieder aufgeplatzt, blutig und die Knochen gesplittert, so werden jetzt, unumkehrbare Tatsachen geschaffen. Der Zug donnert über ihn hinweg, Blut spritzt an die Scheibe …und das war’s. Das Fahrgeräusch bleibt das Gleiche. Kein Rumpeln, kein Zögern, nur zärtliches Dahingleiten auf Schienen. Der erste Passagier ist an Bord. Ich schalte die Scheibenwischer an, das Blut schmiert etwas, und greife nach der Tüte mit den Gummibärchen.

In den nächsten zwei Stunden sammle ich noch ein Liebespaar ein, dessen Beziehung vom familiären Umfeld nicht geduldet wird, einen Mann, dessen Frau vor kurzem bei einem Unfall ums Leben kam, einen jüngeren Mann, der eine Krebsdiagnose bekommen hat, und schließlich einen reichen Unternehmer, der es nicht ertragen kann, sich an der Börse verspekuliert zu haben. Alle werden sie nacheinander in die Luft geschleudert, zerrissen und zerteilt, zu Brei gepresst und gleichen anschließend einer frischen Schlachtplatte. Voilà, es ist angerichtet. Dann mache ich Pause. In einem mitteldeutschen Städtchen steht der ICE auf einem Sondergleis. Weit weg von gewöhnlichen Passagieren, die mit neugierigen Blicken auf etwas stoßen könnten, das sie nichts angeht. Die Anzeigetafel ist blank, die Türen bleiben geschlossen.

Der nächste Fahrgast ist eine Frau. Sie steht im Gebüsch, genau in der Biegung einer ziemlich unübersichtlichen Kurve. Sie will nicht entdeckt werden, will auf Nummer sicher gehen, will auf jeden Fall vermeiden, dass der Zug noch bremsen könnte. Kein Angst, junge Frau, ich nehme jeden Anhalter mit. Unbeholfen klettert sie auf die leicht erhöhten Gleise. Für eine Sekunde kann ich ihr verheultes Gesicht sehen und denke mir noch: Komm, zeig mir ein letztes Mal deine Titten, aber dann klebt sie auch schon irgendwo unter mir an der Frontseite. Ein abgerissenes Bein fliegt durch die Luft, zurück in den Wald, wird wichtige Nahrungsquelle für allerlei Getier. So haben alle was davon: die Frau, die Tiere und ich.

Ich schlappe durch den Bahnhof, grüsse auch hier von Ferne bekannte Gesichter. In dieser Branche entkommt man einander nicht. Jeder kennt jeden und Gerüchte und Geschichten verbreiten sich schneller als Lucky Luke ziehen kann. Bei McDonald’s lasse ich mir acht verschiedene Burger und eine Cola geben. Verlegen taste ich die Seiten meiner Badehose ab. ‹‹Oh, Scheiße. Kein Geld dabei.››

Keine fünf Kilometer weiter muss ich dann aber doch den Kopf schütteln. Immer diese Rentner. Sollten doch Vorbild sein. Schranke unten heißt nun mal, Achtung Zug, bitte stehen bleiben. Auch dann, wenn der ehemalige Herr Studienrat nicht mehr richtig hören kann und Frau ‹‹Ich mach regelmäßig Gymnastik und fühle mich noch ganz fit›› sagt: ‹‹Also, von rechts kommt nichts.›› Beim Überqueren der Gleise empfiehlt sich immer zweimal zu schauen. Und das gilt auch für Wandergruppen.

Der Andere mahnt mit dem Zeigefinger. ‹‹Dann gib mir die Badehose.›› Wir lachen beide, man kennt mich hier. Ich habe eine Burgerflatrate samt Extras. Mit dem Tablett in der Hand verziehe ich mich in die hinterste Ecke und lasse es mir schmecken.

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HEFT ZWEI drei Wochen nach Berufsantritt. Ich sah den Mann auf die Gleise laufen, wie er dastand mit den aufgerissenen Augen, habe ihn überfahren und bin pünktlich im Zielbahnhof eingefahren. Natürlich hätte ich anhalten müssen. Habe ich aber nicht eingesehen. Ich lass mir doch nicht die Tour versauen. Später habe ich behauptet, ich hätte nichts gesehen. Die ganze Sache hätte unterhalb meines Sichtfeldes stattgefunden. Seitdem gelte ich unter den Kollegen als Monster. Aber ich sage euch was, ihr Fotzen: Wenn ihr nicht verstanden habt, dass das Leben eine Abfolge aus Niederlagen und Enttäuschungen ist, gespickt mit dem ein oder anderen Bonbon, dann verkriecht euch in Löcher oder werft euch vor den Zug. Wer nicht mehr leben will, soll sterben, und eure Schwäche ist nicht mein Problem.

‹‹Ja››, denke ich mir. ‹‹Bei uns wird Service groß geschrieben. Wir geben den Kunden, was sie haben wollen. Täglich sind wir im Einsatz. Für Sie, für Deutschland. Kostenlos. Hilfe direkt und unbürokratisch. Kein nerviges Anmelden, Mailadresse hinterlegen, Passwort abholen. Keine Altersverifikation per Postidentverfahren. Kein staatlich beglaubigter Nachweis, dass vorab ein Beratungsgespräch stattgefunden hat. Ich liebe meinen Beruf. Er ist sinnvoll, trägt ein klein wenig zur Verbesserung der Welt bei und wird gut bezahlt. Jeder hat das Recht, sein Leben zu beenden wann er möchte. Wir unterstützen die Kunden dabei. Mit vollem Bauch schlappe ich wenig später zurück zu meinem Zug. Ich lege mich in das Abteil eines Schlafwagens und halte ein Nickerchen. Nach einer Stunde geht es weiter. In einem großen Bogen werde ich die Richtung ändern und schließlich am Abend wieder in meiner Heimatstadt eintreffen. Bis dahin werde ich zwischen zehn und zwanzig weitere verlorene Seelen eingesammelt haben. Hängt immer ein wenig von der Jahreszeit ab, vom Wochentag oder der Ferienzeit. Ich mache das jetzt schon seit 16 Jahren und könnte mir nichts besseres vorstellen.

Das Urheberrecht, im unbekannten Wesen liegt die Verführung. Und die Vergütung. Aber warum es mich auch nicht mehr wirklich interessiert. von Johannes Finke Eines vorneweg: Ich kann leider keine Auswege aus dieser vermeintlichen Kulturkrise anbieten. Nichts was Diskutierenden und Diskurs wirklich weiterhilft. Ich habe auch ehrlich gesagt noch nichts gehört oder gelesen, was das macht. Auch wenn unglaublich viele unglaublich viel fordern und sich am Auswurf von Halbwissen und am Austausch von Beleidigungen beteiligen, so fällt es doch schwer den eigentlichen Kern des Problems zu erkennen. Ich zumindest habe das noch nicht.

Soweit der Traum. In Wirklichkeit muss natürlich auch ich eine Uniform tragen, habe nervige Kollegen und darf mir das Gemecker der Fahrgäste anhören. Der Job ist nicht mal halb so gut bezahlt, die Schichtdienste nerven. Die Taxiflatrate gibt es ebenso wenig wie eine Burgerflatrate.

Ich bin zuallererst jemand der Kunst macht und den Kunst interessiert, deren Zurschaustellung, Verbreitung und Möglichkeit entdeckt zu werden. Und dann, wenn die eigenen Ansprüche erfüllt, der Zwang und die Leidenschaft eingedämmt wurden, dann kommt vielleicht die Verwertung. Und falls mich die Verwertung dann doch mal ein wenig mehr interessiert, dann war es seit je her der DIY-Gedanke, der mich durch das Dickicht des Zwielichts führte. Ein Artefakt will und muss begleitet werden. Nur muss und will man es dann doch nicht immer selber machen. Es sind die Verbündeten, die einem die Raum und Luft verschaffen. Nicht immer uneigennützig. Aber ein gemeinsames Ziel verfolgend.

Ich hocke in der Lounge für Bahnangestellte und beobachte drei Kollegen am anderen Ende des Raumes. Zwei von ihnen sprechen auf den Betroffenen ein. Er sitzt mit krummem Rücken und hängenden Schultern in sich zusammengesunken da. Beinahe vier Monate hat er gefehlt. Nach dem ‹‹Unfall›› stand er unter Schock. Konnte wochenlang nicht arbeiten. Schuldgefühle zerpflügten sein Gewissen. Er bekam eine Therapie und wurde zur Kur geschickt. Jetzt hängt er wieder öfter hier herum. Will sich wieder eingewöhnen. Bereitet sich innerlich auf seinen ersten Arbeitstag vor. Und natürlich haben alle Verständnis für seine Niedergeschlagenheit. Behaupten, dass würde jedem so gehen. Aber das stimmt nicht. Den ersten Lebensmüden hatte ich keine

Natürlich kenne und pflege ich die Selbstverständ-

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HEFT ZWEI recht. Ich höre ein großes Haus und ich befinde mich im Schatten der Demut. Doch ich kann nachfühlen. Ich bin bei ihm. Ich kenne das. Das Schätzenlernen digitaler Artefakte wird eine große Herausforderung für manche Künstler, für viele Künstler, deren Gedankenwelten sich analog verorten, Doch die gute Nachricht ist, dass man auch getrost auf all das scheißen und einfach Kunst machen kann. Nicht alle. Nicht jeder. Aber das ist halt auch einfach so.

lichkeit Bücher und Platten im Regal stehen zu haben, immer von der Idee und dem Ideal ergriffen diese Ansammlung von Emotionen, Stimmungen, Momentaufnahmen und Wissen nicht dem Schwarm zu übergeben, sondern vielmehr in Tradition stehend im eigenen Stammbaum, der hier von Familie auf Freunde und künstlerisches Netzwerk erweitert wird, zu vererben. Individuelle Spuren sind für mich digital (noch) nicht richtig greifbar. Analoge Artefakte erfreuen mein Herz. Was nicht bedeutet, dass ich die große Chance nicht erkenne, die Netzkultur und digitales Zeitalter uns bieten, die Welt sozial gerechter zu machen, Wissen und Informationen besser zu verteilen, erfahrbar und zugänglich zu machen. Die Möglichkeit Zugang zu Bildung von finanziellen Möglichkeiten der Vorgängergeneration zu entkoppeln. Doch mit Kunst hat das alles erstmal nichts zu tun. Kunst darf nicht den Fehler machen auf technische Innovationen reagieren zu müssen. Kunst kann das. Kunst muss das aber nicht. Wir reden deshalb ja auch hauptsächlich von Verwertung und Geschäftsmodellen. Und nicht von neuer Kunst. Jene sollte sich gesellschaftlich nicht beliebig manifestieren dürfen. Sie erreicht dadurch zu schnelle eine kritische Masse, die es ihr nicht mehr erlaubt revolutionäre Relevanz für sich in Anspruch nehmen zu dürfen. Beim Urheberrecht geht es doch, wie in vielen anderen wichtigen Fragen unserer Zeit, um die Fragen: Was ist der Gesellschaft etwas wert. Und was ist jedem einzelnen etwas wert. Es geht darum ein Bewusstsein zu schaffen, dass es Menschen erlaubt, ihre Konsumhandlungen als ‚sinnvoll‘ zu verstehen, Und so etwas passiert eben nun mal bedingt durch gesetzliches Tod-Regeln.

Man konnte zuletzt viel lesen über dieses Urheberrecht, über Notwendigkeit und Mängel. Über veränderte Zeiten, neue Techniken und neues Nutzerverhalten. Der von mir verehrte Sven Regener, dessen Ofen aus Glas ich seit meiner späten Jugend befeuere, muss man seine jüngst getätigten Aussagen verzeihen. Sie waren nicht dem Umstand geschuldet, dass die Welt sich verändert, sondern dem Umstand dass der Mensch so seine lieben Probleme hat über den Tellerrand des ihn ernährenden Suppentellers hinaus zu blicken. Mir geht das ähnlich, wie dieser Text am Ende zeigen wird. Auch wenn ich gestehen muss, dass es hierbei nicht um Ignoranz geht, sondern schlichtweg um Abwägung in Anbetracht der Endlichkeit eigener, individueller Ressourcen wie Zeit, Muse, Interesse und Geld. Doch ohne Zweifel gilt es jetzt auch das digital gespeicherte und sich so, auch bewährende Wissen zu pflegen, zu bewahren, zu evaluieren, zu sortieren, für kommende Generationen zu synchronisieren und zugänglich zu machen. So gut es uns bzw. jenen die sich damit beschäftigen, eben möglich ist. Und Neues wird sich seine Wege bahnen. Wird es immer. Ehrlich gesagt ist mir das Urheberrecht ziemlich egal. Kunst war in ihrem Kern schon immer ein Subventionsgeschäft. Der Rest ist Business. Auch das muss man verstehen. Sonst enden die Diskussionen im Austausch sinnloser Selbstbewertungen und Positionierungen im öffentlichen Resonanzraum und das hilft keinem wirklich weiter. Vielleicht entsteht Kunst eben zumeist genau dort, wo es nicht um Verkaufszahlen, Chartplazierungen, Bestsellerlisten und Marketing geht. Ja, so wird es sein. Kunst entsteht immer dann, wenn die anderen sich die Eier lecken, das Geld zählen oder sich in Kleinkriegstreiberei verlieren. Kunst entsteht wenn die Sterne gut stehen. Wenn das Unerwartete die Erwartungen übertrifft. Wenn Du bereit bist Schmerzen auszuhalten. Und Häme. Und dunkle

Ich habe mich die Tage mit dem wunderbaren Fetsum getroffen. Er überreichte mir ein Exemplar seiner neuen, eigentlich ersten CD „The Color Of Hope“. Ein schönes Digi-pack. Ein ganz feines Artwork und zwölf Songs, prägnant, hingebungsvoll, tief. Kein Schnellschuß. Drei Jahre hat er daran gearbeitet. Eigentlich viel länger. Eigentlich ein ganzes Leben. Über Jahre hat er auf einem Sofa geschlafen. Jeden Cent, egal ob selbst erarbeitet, erspielt, ersungen oder von einem der Sponsoren, die an den Musiker Fetsum glauben, hat er in diese Aufnahmen gesteckt. Er sagt: „Das müsste so groß sein wie dieses Haus hier“ und zeigt auf das Gebäude neben uns. Die tatsächlichen zwölf mal zwölf Zentimeter Manifestation halte ich in meiner Hand. Es wird dem was ich beim Hören erfahre, empfinde und entdecke nur bedingt ge-

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HEFT ZWEI Los, geh auf die Knie! Teresa Bücker sucht den „hommes à femmes“ und findet Verachtung für das System DSK.

Zeiten. Letztendlich geht es verdammt nochmal nicht um die Verwertung von Kunst, sondern um deren Freiheit. Dass dafür Urheberrechte welcher Art auch immer wieder einem Makeover unterzogen werden müssen ist dabei doch selbstverständlich. Und wenn Kunst nicht nur befriedigen, inspirieren und unterhalten soll, sondern man ihr auch einen Bildungsauftrag unterstellt, dann bietet die Neugestaltung vieler Urheberrechte eine große Chance die Welt ein bisschen besser zu machen.

Er sieht ihr in die Augen. Dann gibt er ihr seine Hand und hält ihren Blick. Er zittert leicht. Dominique Strauss-Kahn versteht dies als Entschuldigung. Die Situation berührt ihn. Selten in seinem Leben hat er die Möglichkeit, Reue zu zeigen, angenommen. Er widersteht der Notwendigkeit um Verzeihung zu bitten nicht. Dieser Akt wird nicht der letzte sein.

So lange andere drüber nachdenken wie das funktionieren soll, habe ich hier alle meine Songs - zumindest so viele wie ich in die zwei Stunden freien Upload packen kann - zum freien Download bei Soundcloud vereint. Falls mir jemand eine schnelle und einfache Anleitung schicken kann, wie ich die alten Platten über Itunes vertreiben kann, würde ich das den Backkatalog betreffend natürlich anstreben, denn das kleine Berliner Label Pavlek Records, bei dem alle meine Platten erschienen sind, ist schon lange Pleite. Wahrscheinlich waren es die immensen Kosten für mein Video damals. Oder das teure Mastering für die Camping Group-Platte. Oder einfach nur die Tatsache, dass nicht jedes kleine Label groß wird und man zumindest einen Act haben sollte, der die Kastanien aus dem Feuer holt. Ich war da noch nicht bereit für. Aber dass es einen Typen gab, der tatsächlich meine Musik veröffentlichen wollte, ist mir bis heute unbegreiflich. Und ganz schön cool (habe erst da gemerkt, wie sich viele Autoren vom Lautsprecherverlag wahrscheinlich gefühlt haben). Jetzt verstehe ich wenn jemand Geld oder Arbeit und Liebe in meine Songs steckt. Ich bin mehr ich und meine Songs sind noch mehr ich. Aber ich stecke – so wie Fetsum es erlebte und viele andere – gerade irgendwo in diesen drei oder mehr Jahren. Aber da man es sich nun mal nicht aussuchen kann und der Drang und die Überlebensnotwendigkeit verwertungsunabhängig existieren und täglich nagen, zerren, einen zerreißen und wieder zusammensetzen, werde ich das, was wieder mal so groß wie ein Haus sein sollte, irgendwann in meinen Händen halten oder Dir vorspielen. Oder halt einen Link schicken.

Der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds könnte seinen Lebensabend damit verbringen, sich für sein respektloses Verhalten gegenüber Frauen zu entschuldigen. Persönlich. Er könnte bei jenen anfangen, die er als „Material“ bezeichnete, oder den Nackten, die für ihn ohne Kleidung nicht eindeutig als Prostituierte oder unentgeltlich an einer Sexparty teilnehmende Frauen zu erkennen waren. Oder bei seiner Frau. Bei seinen vier Kindern. Bei den Französinnen und allen anderen Frauen, denen durch das Verhalten von Menschen wie ihm ihre Würde genommen wird. Bei den Frauen, die in einer Welt der Dekadenz, in der Prostitution dazu gehört wie edler Champagner, nicht mehr als eigenständige Personen auftauchen, sondern nur noch als williges oder gekauftes oder vergewaltigtes Fleisch zwischen Männern jongliert werden. In dieser Erzählung haben Frauen kein Gesicht mehr, ihre Persönlichkeit weicht ihrem Körper und weibliche Sexualität besteht nur noch aus Verfügbarkeit. Dominique Strauss-Kahn und seine Geschäftsfreunde, die einander Escortgirls zu Hintergrundgesprächen mitbringen wie einen Wein als Gastgeschenk, könnten sich entschuldigen bei den Männern, die sie mit sich gleich setzen, wenn sie ohne Wimpernzucken und Zweifel signalisieren, dass der von ihnen gewählte Umgang mit Frauen die Norm sei. Weniger als nach einem Jahr nach Beginn der „Strauss-Kahn-Affäre“ in New York fingen auch die französischen Behören an gegen Strauss-Kahn zu ermitteln. Er soll an „organisierter Zuhälterei in Bandenform“ beteiligt gewesen sein, in deren Rahmen Sexarbeiterinnen für Partys in Frankreich und den USA vermittelt wurden. Im Zuge dieser Ermittlungen hat eine junge Belgierin ausgesagt, von Strauss-Kahn

Die Urheberrechtediskussion wird mich ab jetzt nicht mehr interessieren. Seht mir das bitte nach. Danke. (Originalversion)

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HEFT ZWEI und einem weiteren Partyteilnehmer vergewaltigt worden zu sein. Trotz Aussage bei Behörden in Lille und bei der Polizei in Belgien hat die Frau bislang keine Anzeige erstattet. Die französischen Behörden ermitteln daher derzeit nur wegen des Verdachts auf Zuhälterei, Unterschlagung von Gesellschaftsvermögen, Betrug und Geldwäsche. Dominique StraussKahn gibt an, nicht gewusst zu haben, dass die an den Zusammenkünften teilnehmenden Frauen dafür bezahlt wurden, mit ihm und seinen Geschäftsfreunden Sex zu haben. Sein Anwalt fügte hinzu: „Das ist eine Herausforderung – wie wollen sie eine nackte Prostituierte von einer nackten Dame unterscheiden?“ Aus dieser Logik lässt sich ein krudes Selbstbewusstsein und selbstvergessenes Verständnis der Geschlechterverhältnisse folgern: egal ob nackt, leicht bekleidet, bezahlt oder naturgeil - jede Frau musste fraglos zu Sex mit den anwesenden Männern bereit sein. Allein betrachtet klingen die Sexpartys mit all den nackten Schönen und Mächtigen befreit und bohème. In Anbetracht der mehrfachen Vergewaltigungsvorwürfe gegenüber Strauss-Kahn und einem realistischen Blick auf die Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen tun sie das weniger. Studien zufolge werden zwei Drittel der Prostituierten von ihren Freiern tätlich angegriffen, bei der überwiegenden Mehrheit der Frauen liegt Alkoholmissbrauch und die Abgängigkeit von harten Drogen vor. Die standartisierte Sterblichkeitsrate unter Sexarbeiterinnen in Großbritannien ist sechsmal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. Gegenüber der Presse gab DSK an, Prostitution „schrecklich“ zu finden. In SMS gegenüber Geschäftspartnern bat er darum, ihm „Material“ mitzubringen. DSK gilt als „hommes à femmes“, ein Mann, der Frauen liebt. Die Legitimation dieser schmeichelhaften Umschreibung scheint für ihn darin zu bestehen, über möglichst viel „Material“ zu verfügen. Als sei die Technik des Hochschlafens für mehr Macht und Machterhalt dort, wo heterosexuelle Männer unter sich bleiben, darauf beschränkt, Männlichkeit vor den Augen anderer durch das Besitzen von Frauen zu bestätigen. Er betört sich mit der Illusion der Macht um nicht zuzulassen, was größer ist: Den Verlust von Kontrolle im Angesicht einer Gleichen. Er umgibt sich ständig mit Frauen, doch bleibt ihnen immer fern. Dass ausgerechnet gekaufter Sex mit Schwächeren seinen Status affirmieren soll, überrascht

dabei am meisten – gelingt doch Zugewinn an Wissen und Lebenserfahrung nur durch die Annahme von Herausforderungen. Wenn ein „homme à femmes“ ein Verehrer der Frauen ist, dann ist er Feminist. Wer Frauen liebt, will ihre Freiheit, will Gerechtigkeit für sie und Glück. Ein solcher Mann würde demnach immer für sie Partei ergreifen, für ihre Rechte sprechen und seinen Ruf in Wort und Tat bekunden. Dominique Strauss-Kahn ist kein „hommes à femmes“. „Entschuldigen Sie mich, während ich vor Überraschung in ein Nickerchen falle“ kommentiert die Autorin des us-amerikanischen Frauenportals „Jezebel“ Erin Gloria Ryan den Vorwurf der gemeinschaftlichen Vergewaltigung gegenüber Strauss-Kahn, der als bislang jüngste Anschuldigung in einer Reihe von Vorwürfen von sadistischer Gewalt steht. Dominique Strauss-Kahn ist bislang nicht verurteilt worden. Doch ganz gleich, was tatsächlich zwischen den anklagenden Frauen und ihm passiert ist, es wäre für Personen mit Einfluss, Ansehen und der Liebe zum weiblichen Geschlecht nur angemessen, über Gewalt gegen Frauen zu sprechen. Denn Medienberichterstattung verkehrt das Verhältnis von Frauen, die vergewaltigt, genötigt oder belästigt werden, und den Männern, die dies tun oder zu Unrecht einer Straftat beschuldigt werden. Vergewaltigung ist eines der Verbrechen mit der höchsten Dunkelziffer. Laut UNIFEM wird eine von fünf Frauen im Laufe ihres Lebens Opfer einer Vergewaltigung oder versuchten Vergewaltigung. In der aktuellen, repräsentativen Untersuchung des Familienministeriums „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ gaben 40 Prozent der befragten Frauen an, körperliche oder sexuelle Gewalt oder beides seit dem 16. Lebensjahr erlebt zu haben. Unterschiedliche Formen von sexueller Belästigung hatten 58 Prozent erlebt. 8.000 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung erwachsener Personen wurden laut Bundeskriminalamt 2010 angezeigt. Man geht davon aus, dass nur eine von zwanzig Vergewaltigungen der Polizei gemeldet wird. Multipliziert mit der Dunkelziffer spielen sich allein in Deutschland täglich über 400 schwere sexuelle Gewalttaten ab. Schon jede versuchte Vergewaltigung ist ein gewalttätiger Übergriff zu viel. Für keine von ihnen gibt es eine Rechtfertigung, keine geschah im Überschwang, keine

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HEFT ZWEI im gegenseitigen Einverständnis. Ernüchternder, als die hohe Zahl der Gewalttaten, die niemals zur Anzeige kommen, ist dabei nur, wie selten diese Taten öffentlich verurteilt werden ­– insbesondere von prominenter männlicher Seite. Denn eine Entschuldigung im Namen anderer muss kein Eingeständnis von Schuld bedeuten. Sie könnte aber der Anfang einer Verhaltensänderung sein und den Realitätsblick schärfen. Wer entschuldigt sich? Wer bittet die tausenden von Frauen, die heute vergewaltigt werden, die in diesem Moment gegen ihren Willen angefasst werden, die Angst haben, sich machtlos fühlen, die nichts mehr fühlen, die verkauft werden, die ihre Traumata immer wieder durchleben, die sich nicht trauen, mit jemandem zu sprechen, die vor Scham keine Therapie in Anspruch zu nehmen, die sich nicht mehr anfassen lassen können, ohne dass es ihnen die Kehle zuschnürt, die sich mit einer Rasierklinge sechs Mal in den Arm schneiden, bevor der seelische Schmerz ein wenig nachlässt, um Vergebung? Wer verspricht ihnen, dass es nie wieder passieren wird? Wer sagt den Tätern, dass sie so etwas nie wieder tun werden? Wer steht auf, wer sagt und beweist, dass dies Monster ausmacht, aber keinesfalls den Mann? Der Mann, der im Frühjahr des letzten Jahres noch als vielversprechender Präsidentschaftsanwärter der französischen Sozialisten galt, könnte an dieser Stelle übernehmen. Er könnte nachdenklich zurückblicken, oder kritisch nach vorn. Nichts. Er schweigt. „Charmant, selbstbewusst, lebenslustig“ gebe er derzeit Interviews, so der Journalist Michel Taubman, der schon eine Biografie Strauss-Kahns verfasste und als häufiger Gesprächspartner des Franzosen gilt. Taubman beschreibt in seiner Aufarbeitung der Geschehnisse „Die Affäre DSK, die Gegen-Nachforschung“ den Vergewaltigungsvorwurf an Nafissatou Diallo wie folgt: „Sie sieht ihm in die Augen. Dann betrachtet sie ostentativ sein Geschlechtsteil. Das Fleisch ist schwach. Dominique Strauss-Kahn versteht dies als Angebot. Die Situation amüsiert ihn. Selten in seinem Leben hat er die Möglichkeit eines Vergnügens ausgeschlagen. Er widersteht der Versuchung einer Fellatio nicht. Der Akt ist sehr schnell.“ Die Mitarbeiterin des Sofitel New York zeigte Domi-

nique Strauss-Kahn am 14. Mai 2011 an und beschuldigte ihn, sie zum Oralverkehr gezwungen zu haben. Der Journalist Edward Jay Epstein zeichnete die Geschehnisse im Hotel in seiner Investigativreportage „Three Days in May“ anhand von Überwachungsdaten nach und wies nach, dass der Zeitraum, in dem aus Sicht von Nafissatou Diallo eine Vergewaltigung geschah und es laut DSK zu einer einvernehmlichen sexuellen Handlung kam, nicht mehr als sieben Minuten gedauert haben kann. Die forensischen Ermittlungen belegten Spermaspuren von DSK und Speichelflüssigkeit der Hotelangestellten in der Suite. Sofern die Geschehnisse im Hotel einer sexuellen Handlung zuzurechnen sind, ist klar, welcher der Beteiligten daraus Befriedigung zog. Die Art des Sexes bei der Frauen während der Fellatio an einem Mann zum Orgasmus kommen, ist nicht einmal eine eigene Pornogattung. Ein „homme à femmes“ aber verwechselt Verführung nicht mit Verfügbarkeit. Man hat dem „Frauenversteher“ Dominique Strauss-Kahn bislang die falschen Fragen gestellt. „Sie vollbrachten es, durch die Erwiderung eines lüsternen Blicks, durch die schiere Präsenz ihres Penis in einem hastigen oralen Akt, die Frau, die sie nur wenige Minuten kannten, in einem einvernehmlichen Akt der Lust zu beglücken?“ Aber mehr noch: einem Mann, dessen Karriere auf die Präsidentschaft einer Nation zulief, deren Motto „liberté, égalité, fraternité“ ist, könnte man vor allem Politisches abverlangen. Wer eine ausschweifende sexuelle Freiheit für sich in Anspruch nimmt, die den Kauf von Sex mit einschließt, müsste doch seinen Partnerinnen und allen Frauen ebendiese Freiheit und Gleichheit bieten wollen. Zur Auflösung einer Doppelmoral und für die Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit, müsste Prostitution entkriminalisiert werden und die Frauen und Männer, die hier ihren Lebensunterhalt verdienen, volle Arbeitnehmerrecht erhalte. Sex könnte theoretisch ohne Ausbeutung verkauft werden, Prostitution müsste nicht gleichbedeutend mit Gefahr für und Gewalt gegen Menschen sein. „Sexarbeit ist eine ökonomische Frage, keine moralische: In einer Welt, in der Scham und sexuelle Gewalt nach wie vor harte Währungen sind, ist die Tatsache, dass die Sexindustrie ein ganz normaler Wirtschaftszweig geworden ist, ein Symptom, und zwar nicht des sozialen Niedergangs, sondern der ökonomischen Ausbeutung der Frauen“, schreibt die Autorin Laurie Penny in „Fleischmarkt“.

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HEFT ZWEI mal eine Städtereise in eine der aufregenden Metropolen dieser Welt, New York oder meinetwegen Paris. Es ist einfach nur die kontinuierliche Planung meiner Abreise von einem sehr vertrauten Ort, an dem mich eigentlich nichts hält, und an dem ich bleibe, weil mich woandershin auch nichts zieht und schon gar nicht jemand. Der Rest ist überwiegend Wachzeitverbringung.

Sex ist wunderschön und menschlich. Gewalt ist es nicht. Menschen, die Mann genug und Frau genug sind um Präsident werden zu wollen, brechen die Norm und sprechen darüber. Sie engagieren sich für Gleichberechtigung, kulturellen Wandel und gegen Gewalt. Und sie ändern eine Gesetzgebung, die Sexarbeiterinnen kriminalisiert, ausgrenzt, verurteilt und ausbeutet. So lange Gewalt gegen Frauen minütlich verübt wird, lautet die schmerzhafte Aufgabe genau das zu benennen und dagegen zu arbeiten. In der Auseinandersetzung mit der Affäre DSK darf es nicht um die Frage nach der Glaubwürdigkeit einzelner gehen, sondern um Antworten auf hunderttausende Verbrechen im Jahr.

Zentrum meines sogenannten Urlaubsaufenthaltes ist dieses Mal Berlin-Mitte. Ich tue hier, was man in Berlin-Mitte zu tun pflegt: Morgens gehe ich frühstücken, irgendwas mit französischem Käse, mittags esse ich immerzu Pastrami-Sandwiches, nachmittags sitze ich in Kaffees und trinke Flat White. Abends besuche Restaurants, Bars, Clubs und Galerien. All dies wird nur unterbrochen von unvermeidlichen Gesprächen mit Menschen über Projekte. Projekte sind gut, denn sie haben einen definierten Schlusszeitpunkt, sie passen zu Berlin, wo an jeder Ecke etwas aufpopt, was contemporary ist: Bars, Clubs, Galerien und Beziehungen. Naturgemäß kommen die meisten Projekte nie zustande und die anderen bringen kein Geld ein. Mit Ersterem lernt man umzugehen und Letzteres wird einfach im Nachhinein als Kunst deklariert. Es ist wie immer alles eine Frage der Narration. Das Schöne an Klischees ist, dass sie so oft zutreffen, denke ich und blicke in den Spiegel und sehe einen Mann mit Vollbart, großer Hornbrille und einem Jutebeutel, in dem sich ein paar leere Notizbücher und ein Ladegerät für ein mobiles Telefon befinden.

(letzter Absatz wieder kursiv) Eine Frau und ein Mann sehen sich in die Augen und betrachten einander. Sie verstehen es als Angebot an den jeweils anderen. Die Situation entspannt sie. Selten in seinem Leben haben sie einander nicht vertraut. Sie widerstehen der Versuchung des partnerschaftlichen Miteinanders nicht. Der Akt dauert an. (Dieser Text erschien bereits in einer gekürzten Fassung in der Wochenzeitung „Der Freitag“)

Urlaub in Berlin von André Krüger

Das Wichtigste in Mitte sind Kontakte. Man muss hier nicht nur Leute kennen, man muss die richtigen Leute kennen. Wenn ich groß bin, mache ich eine Rating-Agentur für Mitte-People auf. Als Bewertungsfaktoren fließen ein:

Es ist Sommer und warum im Sommer nicht dorthin fahren, wo es schön ist? Nach Berlin. Das ist naturgemäß kein richtiger Urlaub, wie man ihn im Katalog bestellt; mit Strand und Meer oder Bergen und Schnee. Ich war schon einmal hier für ein paar Jahre, es ist noch nicht allzu lange her, das ist gut, denn so bin ich, obschon hier alles ständig im Wandel ist, noch einigermaßen orientiert. Kein Strand, keine Berge, kein Ortswechselschock – das ist gut. Ich wollte nur ein paar Tage bleiben, nun sind schon ein paar Wochen daraus geworden, genau genommen Monate. Ich muss aufpassen, dass mich dieses Berlin nicht wieder kriegt, so wie es mich damals schon einmal bekommen hat, also plane ich seit Wochen meine baldige Abreise.

Gästelistenplätze (gewichtet nach Bedeutung der Veranstaltung): 5-20 Punkte, Zugang zur VIPLounge: 5 Bonuspunkte. Auf der Fashion Week in der ersten Reihe sitzen: 10 Punkte, dabei ein überteurtes, aber nicht schönes Designer-Kleid tragen: 5 Bonuspunkte. Über den roten Teppich auf der Berlinale gehen: 25 Punkte, Foto zusammen mit Filmsternchen aus Amerika: 5 Bonuspunkte.

Es ist also kein richtiger Urlaub, mit Erholung bei einem guten Buch und viel Schlaf, wie man es sich immer vorstellt, wenn man an Urlaub denkt. Es ist nicht ein-

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HEFT ZWEI Karneval. Und weiter zur nächsten Verabredung.

Im angesagtesten Coffee Shop der Stadt kennen sie Deinen Namen: 10 Punkte.

Man weiß, dass man sich von so einem Ereignis nicht aus der Bahn bringen lassen darf, genau wie man sich niemals in DJanes, Türsteherinnen, Agenturkolleginnen und Bloggerinnen verlieben darf. Visier herunterklappen und weiter. Trotzdem denke ich plötzlich, dass Berlin ja gar nicht so schlecht ist, wie alle immer sagen, also, wie ich immer sage, und dass hier ja wohl doch einiges möglich ist usw. Und wie ich mich dabei ertappe, mir die Hauptstadt schön zu reden, folgt die Erdung in Form eines dicken Türstehers einer Bar, die eigentlich ein viel zu kleiner Club ist. Es ist nicht mein erster Besuch hier und trotzdem habe ich immer ein ungutes Gefühl, wenn jemand an der Tür steht, den ich nicht kenne, und, was noch schlimmer ist, der mich nicht kennt. Was ich mit dem Laden zu tun hätte, fragt er mich, und ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich hier gelegentlich Getränke trinke und seltener, so es die Umstände zuließen, auch tanze. Dem Türsteher gefällt die Antwort nicht, aber vor allem gefalle ich ihm nicht und es tritt eine Art Verhörsituation, für die man Berlin, insbesondere aber die Berliner Türsteherschaft schnell hassen lernt. Er hält mich für einen Werbefuzzi, und er scheint Werbefuzzis nicht zu mögen. Ob ich in einer Agentur arbeite, fragt er und ich setze mein Pokerface auf und sage nein, was nur noch halbrichtig ist. Er hat Menschenkenntnis, sonst wäre er kein Türsteher, und bohrt weiter. Ob ich in einem Internetunternehmen arbeite. Ich verneine erneut. Was ich denn mache, will er wissen. Ich bin Autor, sage ich, was ebenso halb gelogen ist, wie meine Auskunft zu meinem Werberdasein, aber das ist egal, die Antwort scheint ihm zu gefallen. Er lässt mich endlich in den Laden, der viel zu voll und viel zu laut und viel zu verraucht ist. Und ich frage mich, wozu das alles und ärgere mich, dass ich die unwürdige Türsteherprozedur über mich habe ergehen lassen und trinke kein Getränke und tanze keinen Tanz und verlasse nach wenigen Minuten den Laden wieder, um unangeschnallt im Taxi durch den Berliner Sommerregen dorthin zu fahren, was ich gerade mein Zuhause nenne, was aber kein Zuhause ist, weil ich hier nur Gast bin. Und während ich im Taxi sitze, denke ich, dass es doch alles nicht so doll ist in diesem Berlin und dass es Zeit wird, die Stadt wieder zu verlassen, bevor sich der Running Gag meiner Anwesenheitspermanenz in meinem Freundeskreis manifestiert. Und irgendwann werde ich zurückkommen und dann geht wieder alles von vorne los.

Türsteher erkennt Dich und freut sich, wenn er Dich sieht: 15 Punkte, Türsteher lässt Dich an der Warteschlange vorbeiziehen: 5 Bonuspunkte. DJ zur Begrüßung umarmen: 10 Punkte, DJ-Kumpel erfüllt einen Musikwunsch: 5 Bonuspunkte. Küsschen von der Barfrau zur Begrüßung: 20 Punkte, Barfrau gibt einen Drink aus: 10 Bonuspunkte. Die wichtigen PR-Agenturen der Stadt nehmen Dich auf ihren C-Promi-Verteiler auf: 10 Punkte, die Agenturen bemustern Dich mit neuartigen Drinks, Klamotten und Gadgets: bis zu 30 Bonuspunkte. Mit dem VIP-Shuttle nach Hause gebracht werden: 50 Punkte. Eine Galerie trägt Deinen Namen: 100 Punkte. All das multipliziert man mit dem Klout-Score, der versucht, die Bedeutsamkeit von Personen in Social Networks zu erfassen. Das Ergebnis hat wie bei Ratings zur Folge: Wer hat, dem wird gegeben – noch mehr Gästelistenplätze und manchmal auch falsche Freundschaften mit Menschen, die man nicht mag, und die einen auch nicht mögen, aber einen ähnlich hohen Mitte-Score aufweisen. Und während ich auf einer der vielen Bürowärmungszelebrationen herumstehe und über einen fancy Namen für meine Menschenbewertungsagentur nachdenke, um einem der vielen Geschäftsengel möglichst viel Kapital aus dem Ärmel zu leiern, entdecke ich an der Bar eine schöne Frau in einem schönen Kleid. Wir lächeln einander zu und gehen auf die Dachterrasse. Außer uns ist nur noch ein Heizpilz da; ich sage, ach wie romantisch, dann plötzlich küssen wir uns leidenschaftlich. Anschließend verrät sie mir ihren Namen und sagt, dass sie Atomphysikerin sei und schon immer mal jemanden mit Bart küssen wollte. Das Experiment ist gelungen. Zwei Sätze, noch ein Kuss, kein Austausch von Kontaktdaten. Berlin-Mitte, ein immerwährender

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Text & Reportagen elmar Bracht (www.dasbiestberlin.blogspot.com) teresa Bücker (www.twitter.com/fraeulein_tessa) till erdenberger (tillerdenberger.wordpress.com) Johannes finke Boris Guschlbauer (ichwilleineriesenbockwurst mitsenfundzwarsofort.de) Yuppi Buge stefan Kalbers roman libbertz (romanlibbertz.blogspot.com) André Krüger Fotografie christian thiele (christianthiele.de) Matthias david svenja eckert (www.svenjaeckert.de) V.i.S.d.P. Johannes finke

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