Behörden Spiegel Juni 2020

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Verteidigung / Wehrtechnik

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ehörden Spiegel: Eine Frage zum aktuellen Komplex Corona: Könnte es sein, dass sich der turnusmäßige Wechsel der Bundeswehr-Kontingente im Ausland deshalb verzögert?

Zorn: Die Corona-Krise hat sich auf die Kontingentwechsel ausgewirkt. Es sind Verzögerungen eingetreten, da wir die Quarantänevorschriften der jeweiligen Einsatzländer zu berücksichtigen haben. Wir müssen unsere Soldaten vor Verlegung in den Einsatz zunächst 14 Tage in eine sogenannte zertifizierte Quarantäne nehmen. Das tun wir, indem wir uns auf Hotels an den jeweiligen Abflughäfen in Deutschland abstützen. Wir helfen damit auch den Hoteliers, über diese schwierige Zeit zu kommen. Außerdem bieten die Hotels im Hinblick auf Infektionsschutz und Betreuung ideale Rahmenbedingungen: Einzelunterbringung, separates Bad, Verpflegung, WLAN-Digitalanbindung, Fernseher und vieles mehr. Back-Ups haben wir natürlich auch in den Kasernen. Wir haben in allen Einsatzgebieten Verhandlungen geführt und erreicht, dass die Quarantäne in Deutschland weitestgehend akzeptiert wird. In den Einsatzländern sind nur noch teilweise zusätzliche Maßnahmen erforderlich. (Die übrigen Antworten von General Zorn zur Corona-Pandemie kann man in der Podcast-Folge Nr. 28 des “Public Sector Insider” unter www.behoerden-spiegel.de/ podcast hören.) Behörden Spiegel: In der Bundeswehr ist die Personalentwicklung in Richtung 203.000 Soldaten geplant. Woher bekommen Sie die geschicktesten Hände und die hellsten Köpfe? Zorn: Bei den Neueinstellungen sind wir mit Blick auf das zurückliegende Jahr in der Summe zu-

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Große Rüstungsprojekte positiv belegt Sorge bereitet die aktuelle Nutzung (BS) Die Bundeswehr ist gefordert wie lange nicht mehr. Neben der aktuellen Corona-Pandemie treiben die deutschen Streitkräfte unter anderem die Landes- und Bündnisverteidigung um, aber auch Themen wie Fähigkeitsprofil, Personalentwicklung und Beschaffung. Dazu und zu weiteren Themen interviewte Uwe Proll, Chefredakteur und Herausgeber des Behörden Spiegel, den Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn. die Ausbildungsorganisationen, wie gestaltet man die Planungsbereiche? Das gilt es zusätzlich zu berücksichtigen. Parallel habe ich im vergangenen Jahr eine Arbeitsgruppe aus Generalen und Admiralen, überwiegend bestehend aus den stellvertretenden Inspekteuren, beauftragt, die nationalen militärischen Führungsstrukturen zu überprüfen. Diese haben mir Ende des vergangenen Jahres einen weiteren “Input” für die Überlegungen zur Neubetrachtung der nationalen militärischen Führungsstrukturen geliefert und diese auch anhand von Szenarien überprüft. Nun wird das Bundesministerium der Verteidigung mit den Teilstreitkräften und militärischen Organisationsbereichen weitergehende Überlegungen anstellen.

Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn – hier auf der Berliner Sicherheitskonferenz des vergangenen Jahres –, stand dem Behörden Spiegel Rede und Antwort. Foto: BS/Dombrowsky

frieden. Wir konnten 120.000 Bewerber in die Assessment Center einladen. Wir haben es geschafft, davon rund 35.000 Menschen in die Erstausbildung der Streitkräfte zu bringen. 2016 haben wir die Trendwende Personal eingeleitet. Dazu gehörten mindestens drei Jahre Ausbildung bei den Feldwebeln, bei den Offizieren sechs Jahre. Ab 2019 merkten wir dann auch in der Truppe, dass das Personal langsam, aber stetig auf den vakanten Dienstposten ankommt. Seit 2016 ist die Bundeswehr um 9.000 Zeit- und Berufssoldaten aufgewachsen.

Und auch die Qualität stimmt: Sowohl bei Feldwebeln als auch bei Offizieren liegt die Quote bei vier Bewerbern je Dienstposten. Das ermöglicht eine qualifizierte Bestenauswahl. Behörden Spiegel: Welche Führungsstrukturen stellen Sie sich für die künftige Landes- und Bündnisverteidigung vor? Zorn: Das Thema haben wir in zwei Arbeitspaketen aufgegriffen: Einmal haben wir unseren Generalstabslehrgang an der Führungsakademie gebeten,

ohne Vorgaben Überlegungen anzustellen und kurz und knapp aufzuzeigen, wie eine ideale Führungsorganisation der Zukunft aussehen könnte. Das Ergebnis haben unsere angehenden TopFührungskräfte im vergangenen Sommer präsentiert. Dabei handelt es sich um eine Ableitung, die sich unmittelbar auf die Fähigkeiten bezieht, die die Bundeswehr für die Aufgabenerfüllung bereithalten muss. Die Frage nach dem Grundbetrieb wurde nicht betrachtet, sie war auch nicht beauftragt, gehört aber zum Gesamtbild dazu: Wohin hänge ich

Behörden Spiegel: Es gibt da einen Plan der Realisierung des Fähigkeitsprofils der Streitkräfte und der erste Schritt soll 2023 erreicht sein. Weitere Daten sind da auch genannt: 2027. Wie sieht der Fortschritt aus Ihrer Sicht hier aus? Zorn: 2023 stellen wir in der Stand-by-Phase die VJTF (“Very High Readiness Joint Task Force”), die sogenannte “Speerspitze” für die NATO. Dabei fokussieren wir auf die Ausstattung einer Brigade im Heer im Wirkverbund mit wesentlichen Beiträgen aus den anderen Organisationsbereichen. Hier sind wir gut im Zeitplan. Ein ganz wesentlicher Aspekt ist das Thema Digitalisierung landbasierter Operationen

(D-LBO). Dann das “Battle Management System”, das wir dafür benötigen – inklusive kryptierter Datenübertragung. Aktuell ist das Fähigkeitsprofil zu aktualisieren und für 2027 fortzuschreiben, und zwar im Lichte der neuen Eckwertebeschlüsse und am Ende des Jahres vor dem Hintergrund des nächsten Haushalts. Hier müssen wir immer schauen, ob unser Plan auch mit den nötigen Haushaltsmitteln hinterlegt ist. Behörden Spiegel: Die Forderungen des Fähigkeitsprofils münden häufig in großen und auch mittleren Rüstungsmaßnahmen. Wie sind Sie mit der Geschwindigkeit an dieser Stelle zufrieden? Zorn: Die großen Rüstungsprojekte sind tatsächlich im Augenblick bei mir mit einem positiven Smiley belegt. Wenn Sie schauen, was wir allein in den vergangenen Jahren an sogenannten 25-Millionen-Vorlagen auf den Weg gebracht haben, ist das ein gigantisches Werk. Wir sehen auch schon die ersten Ergebnisse in der Truppe: Radfahrzeuge, Panzer, A400M, Eurofighter. Auch bei der Marine läuft neues Material zu. Die Großprojekte, die nun zu entscheiden sind, sind das taktische Luftverteidigungssystem (TLVS), der schwere Transporthubschrauber, die multinationale U-Boot-Kooperation, die “Tornado”-Nachfolge. Dann die langfristigen Projekte, die Zusammenarbeit insbesondere mit Frankreich beim “Future Combat Air System” (FCAS) und beim “Main Ground Combat System” (MGCS). Bei den Großprojekten bin ich guter Dinge. Was mir mehr Sorge bereitet, ist die Nutzung heute, unter anderem fehlende Ersatzteile. Darüber hinaus wird zu berücksichtigen sein, inwieweit sich die CoronaPandemie auf die Zukunft der Rüstungsprojekte auswirkt. Fortsetzung auf S. 46...


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