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August 2015

Lecker Unkraut

Löwenzahn, Giersch & Co.: essen, was andere jäten Uni für Flüchtlinge: Iman studiert in Hildesheim Neue Technik gegen Raser: Teststrecke bei Hannover Dieulefit: Zuflucht für deutsche Emigranten


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Asphalt 08/2015

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Titelthemen... Uni für Flüchtlinge Asylbewerberin Iman aus Afghanistan studiert als offizielle Gasthörerin in Hildesheim. Ein bisher einzigartiges Projekt. ______________________________ 6 Neue Technik gegen Raser Das System »Section Control« überwacht ganze Strecken. Die Testphase in Laatzen startet im Herbst. _ ___________________ 8 Das Beschützerdorf Im südfranzösischen Dieulefit wurden während des Zweiten Weltkriegs 1.500 Flüchtlinge vor den Nazis versteckt. Alle haben überlebt. ________________________________________ 12 Lecker Unkraut Was andere wegschmeißen, bringt Birgit Brinkmann auf den Tisch. Köstliches und Nützliches aus und über Unkraut. _______________ 24

...und mehr Notizblock ________________________________________________ 4 Angespitzt: Wolf und Hummel _______________________________ 5 Serie: Wer war eigentlich … Lotte Specht? ______________________ 11 Kultur im Fokus ____________________________________________ 15

gewinne!

August-Tipps _____________________________________________ 16 Aus der Szene _____________________________________________ 18 Aus dem Leben: Asphalt-Verkäufer Martin erzählt. _ _____________ 21 Rund um Asphalt _ ________________________________________ 22

gewinne!

Wir verlosen Karten für den Zoo_____________________________ 22 Impressum_______________________________________________ 23 Leben auf dem Land: Alt werden im Dorf _____________________ 27 Danke für Ihr Engagement _ ________________________________ 30

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Silbenrätsel/Cartoon _______________________________________ 31

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Titelfoto: julietphotography/123rf.com

August 2015

Lecker Unkraut

Liebe Leserinnen und Leser, es reicht nicht, dass wir entsetzt sind, wenn immer mehr Asyl­ unterkünfte brennen. Oder wenn ein hannoverscher Polizist offenbar Flüchtlinge quält und erniedrigt. Es ist nicht genug, wenn wir erschüttert sind über die vielen Toten im Mittel­ meer. Wir müssen endlich begreifen, dass die Menschen, die hier Schutz suchen, eine Riesenchance für uns sind. Eine Chance auf Veränderung unseres alltäglichen Verhaltens, eine Chance, unsere Kultur zu beleben. Als Anregung dazu haben wir zwei Beispiele im Heft, die zeigen, welchen Reich­ tum Flüchtlinge mitbringen. Zum einen eine junge Pakistane­ rin, die jetzt in Hildesheim zur Uni gehen darf. Sie ist glücklich darüber. Im Grunde beschämend für uns, denn erlaubt ist ihr gerade mal ein »Schnupperstudium«. Immerhin macht das Beispiel deutlich, wie Hilfe aussehen kann, wenn wir nicht ständig auf überholten Vorschriften beharren und Flüchtlinge im deutschen Bürokratie-Dschungel untergehen lassen. Statt­ dessen sollten wir uns über ihren Wissensdurst freuen. Das zweite Beispiel ist das kleine französische Dorf Dieulefit, das in der Nazizeit 1500 Flüchtlingen Schutz bot. Aber eben nicht nur Schutz. Die Verfolgten konnten hier arbeiten. So­ fort. Ihre Fähigkeiten als Künstler, Lehrer, Ärzte waren ge­ fragt. Es entstand eine inspirierende Atmosphäre für alle, für die Einheimischen und die Fremden. Der Grund ist ganz ein­ fach: hier handelten Menschen mutig. Die Dorfbewohner hatten keine Angst vor den Flüchtlingen, sondern höchstens vor dem Nazi-Regime, vor dem die Asylsuchenden geflohen waren. Die Franzosen zeigten Zivilcourage, fälschten Pässe, adoptierten Kinder. Vorbildlich, kann ich nur sagen. Mut und Phantasie im Um­ gang mit Flüchtlingen. Das sollten wir uns auch leisten. Wir müssen dafür keine Gesetze brechen, sondern nur unsinnige Beschränkungen abschaffen. Flüchtlingen Schulen und Unis zu öffnen, kann doch nicht so schwer sein. Und wer weiß, was noch. Phantasie und Improvisation sind gefragt. Wie er­­ frischend. Das täte uns allen in unserem deutschen Alltag gut! Ihre

Löwenzahn, Giersch & Co.: essen, was andere jäten Uni für Flüchtlinge: Iman studiert in Hildesheim Neue Technik gegen Raser: Teststrecke bei Hannover Dieulefit: Zuflucht für deutsche Emigranten

Hanna Legatis, Asphalt-Herausgeberin


Asphalt 08/2015 Notizblock

Gericht bremst Weservertiefung Bremen/Brake. Der Europäische Gerichtshof EuGH hat der geplanten Vertiefung der Weser auf 120 Kilometern zwischen Wremen und Bremen vorerst einen Dämpfer versetzt. Gegen die geplante Weservertiefung hatte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) im Jahr 2011 Klage eingereicht. Die Naturschützer befürchteten steigenden Tidenhub, höhere Strömungsge­ schwindigkeiten und mehr Salzwasserein­ trag seitens der Nordsee in die Unterweser. Dem folgten die Luxemburger Richter jetzt weitgehend und stellten einen Vorrang von Gewässerschutz vor Wirtschaftsinteressen fest, es gelte ein »Verschlechterungsverbot« für Gewässer. »Das ist ein großer Erfolg für Bäche, Flüsse, Seen und Grundwasser in

Heidjer gegen Fracking

Walsrode. Walsrode stemmt sich gegen das vermehrte Entsorgen von giftigem Fra­ ckingwasser in seinen Tiefen. Der Energie­ konzern ExxonMobil braucht für die Ver­ klappung eine Genehmigung, Gemeinde­ Anzeige

Beratung sofort nach Beitritt! Jetzt Mitglied werden! Kompetente Hilfe bei allen Fragen zum Mietrecht. Herrenstraße 14 · 30159 Hannover Telefon: 0511–12106-0 Internet: www.dmb-hannover.de E-Mail: info@dmb-hannover.de Außenstellen: Nienburg, Hoya, Celle, Neustadt, Rinteln, Springe, Bückeburg und Obernkirchen.

Foto: Picture-Alliance/blickwinkel/G. Franz

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ganz Europa«, sagte dazu Carl-Wilhelm Bodenstein-Dresler, Landesgeschäftsführer des BUND Niedersachsen. Allerdings: Es darf Ausnahmen geben. Und genau dafür macht sich jetzt Niedersach­ sens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) stark. »Unabhängige Gutachten« seien jetzt nötig, die einen hohen volkswirtschaftli­ chen Nutzen der Vertiefung nachweisen müssten. Bremen und Niedersachsen hatten

bereits im Jahr 2000 das Ausbaggern der Fahrrinne von Außen- und Unterweser beim Bund beantragt, um damit die Häfen am Fluss für Containerschiffe tauglich und somit wirtschaftlich konkurrenzfähig zu halten. Der Vorsitzende des Wirtschaftsver­ bandes Weser, Bremens früherer Bürger­ meister Klaus Wedemeier, hofft trotz des EuGH-Urteils spätestens 2022 mit dem Aus­ baggern beginnen zu können. mac

straßen mit Tanklastern zu nutzen. Das hat die Stadt in der Heide dem Konzern jetzt verweigert. Eigentlich will der Konzern insgesamt 60.000 Kubikmeter der giftigen Flüssigkeit im Nordwesten Walsrodes in den Boden pressen. Bisher war lediglich die Hälfte genehmigt, ein Antrag für das Mehr wurde beim zuständigen Landesbergamt gestellt. Seit Jahren schon wird in der Gegend giftiges Lagerstättenwasser in nur 750 m tief liegende durchlässige Schichten aus der Kreidezeit entsorgt. Grundwasser­ schäden und Erdbeben drohen. Die Gemeinde Walsrode hat selbst keine Mög­ lichkeit, auf das eigentliche Genehmigungs­ verfahren Einfluss zu nehmen. Außer über jene Straßennutzung. Formsache eigentlich. Doch Bürgermeisterin Helma Spöring unterschreibt bisher standhaft nicht und wird dabei von Politikern aus dem Heide­ kreis und Bürgerinitiativen gestützt. mac

gebracht. Demnach soll das Abweisen auf Grund ethnischer Herkunft oder der Reli­ gion als Ordnungswidrigkeit geahndet wer­ den können. Der Gesetzentwurf schließt auch den Entzug der Gewerbeerlaubnis mit ein, wenn ein Betreiber einer Lokalität mehrfach gegen den Anti-Diskriminierungs­ paragraphen verstößt. Solches Verhalten sei mit Willkommenskultur und religiöser Toleranz unvereinbar, so Wirtschaftsminis­ ter Olaf Lies (SPD). me

Discos für alle

Hannover. Diskriminierung an der Disco Tür soll in Niedersachsen unter Strafe gestellt werden. Die Landesregierung hat dafür jetzt eine Änderung des Niedersächsi­ schen Gaststättengesetzes auf den Weg

Weniger Neubürger

Hannover. 2014 sind mit insgesamt 7.722 Personen etwa 500 Menschen weniger in Niedersachsen eingebürgert worden als im Vorjahr. Das hat das Bundesamt für

Zitat des Monats »Das ist ein in Zahlen gegossenes Eingeständnis politischen Versagens.« CDU-Fraktionschef Björn Thümler zum 201 Mio. Euro teureren Nachtragshaushalt der Landesregierung.


Notizblock Asphalt 08/2015

Angespitzt

Zahlenspiegel

diesmal: Frauen mit Job

50,6% der Frauen in Niedersachsen hatten 2014 einen sozialversicherungspflichtigen Job. Das sind zwar 9,1 Prozentpunkte mehr als 2005. Allerdings liegt der Abstand der Männer zu den Frauen 2014 mit 60,4 % wie bereits 2005 etwa 10 Punkte höher. So das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Bei Minijobbern ist der Unterschied noch deutlicher: Doppelt so viele Frauen (12,1 %) als Männer (5,1 %) verdienen weniger als 450 Euro. Besonders hoch ist die Quote der Minijobberinnen in West-Niedersachsen: 15,2 %. me

Statistik ermittelt. Auch bundesweit ist die Zahl zum Vorjahreszeitraum gesunken. Rund ein Fünftel der Neu-Niedersachsen kamen aus der Türkei. Danach folgen die Ursprungsländer Polen, Irak und Syrien. Das Bundesamt für Statistik hat bei ihrer Analyse festgestellt, dass bundesweit ledig­ lich 2,2 Prozent aller Ausländer, die die Voraussetzungen für eine Einbürgerung erfüllen würden, auch einen Antrag auf Einbürgerung stellen. me

DGB gegen Rot-Grün

Hannover. Der Deutsche Gewerkschafts­ bund (DGB) fordert zur Halbzeit der Lan­ desregierung in Niedersachsen mit Nach­ druck den »Sozialen Arbeitsmarkt« für Langzeitarbeitslose. Eigentlich war dieser im Koalitionsvertrag von Rot-Grün ver­ sprochen worden. Der Vorsitzende des DGB in Niedersachsen Hartmut Tölle: »Die Landesregierung ist stark gestartet und hat vor allem beim Thema ›Gute Arbeit‹ enorm gepunktet. Auf der Langstrecke kommen SPD und Grüne aber schwer in Gang.« Hochproblematisch sei zudem, dass die Landesregierung mittlerweile auch nicht mehr vor »Lohndumping« im Sozial­ bereich zurückschrecke. So sei geplant, weitergeleitetes Geld aus dem Europäi­ schen Sozialfonds (ESF) künftig nur noch als Pauschale an die freien Träger weiter­ zuleiten. Effekt: Sozialarbeitern beispiels­ weise der Jugendhilfe könnten unabhängig von Alter und Erfahrung nur noch Einstiegs­ gehälter ge­­ zahlt werden, das wäre bis zu ein Drittel weniger als Tarif. Weiterer Kritikpunkt sei die bei der Regierungsüber­ nahme ange­k ün­­d igte Ausbildungsgarantie, die noch immer nicht eingeführt wurde. mac/me

87 neue Ganztagschulen

Hannover. Nach den Sommerferien werden 87 Schulen in Niedersachsen ihren Schul­ betrieb mit einem Ganztagsangebot erwei­ tern, so das Kultusministerium. Unter den neuen Ganztagsschulen befinden sich 65 Grundschulen, neun Oberschulen, sie­ ben Gesamtschulen, drei Gymnasien, zwei Realschulen und eine Förderschule. »Ganz­ tagsschulen bieten viele Chancen und ver­ ändern Schule vom Lern- zum Lebensort. Sie können dabei helfen, Flüchtlingskinder zu integrieren, Sprachförderung zu betrei­ ben oder junge Menschen besser aufs Berufsleben vorzubereiten«, so Kultusmi­ nisterin Frauke Heiligenstadt. Der Ausbau der Ganztagsschulen gilt als zentraler Bestandteil des Koalitionsvertrages von SPD und Grünen. Bis zum Jahr 2018 will die Landesregierung die Mittel für den Ganz­ tagsausbau um rund 418 Millionen Euro aufstocken. me

Mehr Senioren

Hannover. Niedersachsen wird älter: Sind heute 27 Prozent der Bevölkerung älter als 60, werden es in 20 Jahren 36 Prozent sein. Das hat Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) mitgeteilt. Starke absolute Zuwächse werde es vor allem um Hamburg, Bremen, Braunschweig und Wolfsburg geben. Im Süden und Nordosten des Landes bleibe die Zahl der Senioren relativ stabil. Mit der wachsenden Zahl der älteren Bevölkerungs­ gruppe in Niedersachsen steigt der Bedarf an barrierefreiem Wohnraum und kleineren Wohnungen. Dafür will die Ministerin das erst im letzten Herbst um 40 Millionen Euro aufgestockte Wohnraumförderungs­ programm abermals anheben. mac

Wolf & Hummel Früher, zu Rotkäppchens Zeiten, als der Wolf noch durch unsere Wälder streifte, ohne dass das Fernsehen über ihn berichtete, war er trotzdem schon verhasst. Kein Mensch mochte den Wolf, er riss Nutztiere, heulte nachts und hatte unergründliche Augen. Der Mensch wollte, dass der böse Wolf ein­ fach nur verschwindet. Weg damit. Der Mensch ist aber auch böse, das wis­ sen wir aus der Bibel (»böse von Jugend auf«). Und so dachte er sich etwas Per­ fides aus. Der Mensch legte Köder aus: feines Fleisch vom Lamm, Huhn oder Kalb, leckerlecker, gespickt mit Teilen des Eisenhuts. Diese Pflanze ist hoch­ giftig. Von der Wurzel bis zur Blüte ent­ hält sie scheußliche Alkaloide, schon in geringer Menge für einen Wolf absolut tödlich. Um 1860 herum war der Erfolg da: Ende des bösen Wolfs. Ermordet, zu Tode gefüttert, ausgerottet. Jetzt ist er zwar wieder da. Eingewan­ dert über östliche Korridore. Und wie­ der verhasst, weil er Nutztiere reißt, nachts heult und unergründlich viele Nachkommen zeugt. Aber etwas ande­ res hat sich geändert, still und leise. Die langrüsselige Hummel wird’s nicht mehr lange machen mit ihrem Rüssel. Wegen der Pestizide und überhaupt der hummelfeindlichen Agro-Indus­ trie des Menschen ist sie im Bestand hoch gefährdet. Nur sie kann aber den Eisenhut bestäuben. Darum ist wiederum der Eisenhut in der freien Natur fast verschwunden (existiert nur noch als degenerierte Vorgarten­ pflanze). Will heißen: Der Wolf findet heute beste Bedingungen vor und ist geschützt. Doch Hummel und Eisen­ hut, seine einstigen Mordwerkzeuge, erliegen gerade dem Artensterben. Klingt irgendwie gerecht, ist aber öko­ logisch dumm. Er kriegt’s wohl nicht hin, der böse Mensch, das Gleichge­ wicht in der Natur. Renate Schwarzbauer

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»Ich genieße diese Zeit«

Unbürokratische Willkommenskultur: Die Uni Hildesheim lässt Flüchtlinge unkompliziert am Studienbetrieb teilnehmen. Für die ist das ein Segen. Iman Ziaudin ist glücklich. In wenigen Minuten beginnt ihre Vorlesung an der Uni Hildesheim. Algebra, Statistik und Logik, das sind ihre Themen. Für die meisten eine eher trockene Materie – für Iman die pure Freude. Und alles andere als normal. Denn dass sie überhaupt in einem Hörsaal sitzt, ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit  – weder in ihrem ersten Leben, noch jetzt. Das erste Leben begann vor gut 24 Jahren in Afghanistan. Als Iman noch kein Jahr alt war, siedelte sie mit ihrer Familie über nach Pakistan. Wie heute in Hildesheim ging Iman auch dort schließlich zur Universität. »Dafür habe ich sehr lange kämpfen müs­ sen«, erzählt sie. Kämpfen, das musste sie gegen die Erwartungen ihrer Familie und des Umfelds, in dem Iman lebte. Dort gab es eine sehr klare Vorstellung davon, wel­ chen Lebensweg die junge Frau einschla­ gen sollte – und das war ein ganz anderer, als Iman selbst ihn sich erträumte. Dennoch

Hannes Schammann, Politikwissenschaftler.

machte sie allen Schwierigkeiten zum Trotz einen Bachelor: Englisch und die Landes­ sprache Urdu waren ihre Fächer. »Mein Ziel war es nun einmal nicht, zu heiraten, Kinder zu kriegen und zu Hause zu sitzen«, sagt sie selbstbewusst. »Ich wollte frei sein.«

Das neue Leben Seit etwa anderthalb Jahren lebt Iman nun in Deutschland – und beherrscht die Spra­ che bereits fließend. Auch dies ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Denn Integrations- und Sprachkurse gibt es nur für anerkannte Flüchtlinge – Imans Asylverfahren ist aber bis heute nicht abge­ schlossen. Im Flüchtlingsheim gebe es Men­ schen, so erzählt sie, die lebten bereits seit drei oder vier Jahren in Hildesheim und sprächen bisher kaum ein Wort Deutsch. Traurig sei das. Seit Iman in Deutschland sei, habe sie aber die Sprache lernen, sich mit anderen Menschen unterhalten und die Kultur des Landes kennenlernen wollen. Die Lösung kam schließlich über den Hildes­ heimer Verein Asyl e.V. zustande. Der ver­ mittelte ihr einen Platz in einem privaten Sprachkursus. Dass sie dafür mehrere Kilo­ meter zu Fuß laufen musste, nahm sie gerne in Kauf. Die dortige Lehrerin brachte Iman später in einem weiterführenden Kursus an der Volkshochschule unter. Wiederum über Asyl e.V. kam dann eine neuerliche Wen­ dung. Iman hörte von dem Projekt der Uni Hildesheim, das es Flüchtlingen ermöglicht, Lehrveranstaltungen an der Hochschule zu besuchen. Und damit begann ihr neues Leben eigentlich erst so richtig. Ausgelegt ist das Projekt zunächst als »Schnupperstu­ dium« – wie es etwa auch Schüler machen können, die sich, bevor sie sich fest ein­ schreiben, erst einmal orientieren wollen. Ein solches »Schnupperstudium« ist kosten­ frei und an keine formalen Zulassungsvor­ aussetzungen geknüpft. Das ist für Asylsu­

chende oft besonders wichtig, da viele von ihnen nach der Flucht keine Papiere mehr haben, geschweige denn ein Schulabgangs­ zeugnis, das vorschriftsgemäß einer deut­ schen Hochschulzugangsberechtigung ent­ spricht. Prüfungen ablegen und Abschlüsse machen können die Flüchtlinge so zwar zunächst nicht, dafür aber immerhin am Hochschulbetrieb teilnehmen und ihre Tage mit Sinn füllen. »Im Flüchtlingsheim ist der Tagesrhythmus nur essen, schlafen, vielleicht mal nach draußen gehen und wie­ der schlafen«, erklärt Iman. »Und manch­ mal läuft das Asylverfahren vier oder fünf Jahre. Diese Zeit kann man doch nutzen.«

Fachkräfte von morgen Das sieht auch Hannes Schammann so. Seit Oktober vergangenen Jahres ist der Poli­ tikwissenschaftler an der Uni Hildesheim Juniorprofessor für Migrationspolitik und mitverantwortlich dafür, dass die Hoch­ schule ihre Tore für Flüchtlinge öffnete. »Ganz besonders wichtig ist dabei, dass die Asylsuchenden hier als jemand angespro­ chen werden, der Potentiale hat«, sagt er. Denn auch wenn die Politik offiziell über Fachkräftemangel klagt – die Möglichkei­ ten für Flüchtlinge, ihre Qualifikationen in Deutschland einzubringen, sind aufgrund eines nahezu undurchdringlichen Büro­ kratie-Dschungels äußerst gering: Arbei­ ten dürfen sie in den ersten drei Monaten nach ihrer Ankunft zunächst gar nicht und dann bis zum 16. Monat ihres Aufenthalts nur mit einer Arbeitserlaubnis. Die erhalten sie lediglich, wenn eine sogenannte »Nach­ rangigkeitsprüfung« ergibt, dass ihre Arbeit nicht auch von Deutschen, anderen EUBürgern oder denen rechtlich gleichgestell­ ten Ausländern ausgeführt werden kann. In der Praxis kommt das für viele Flüchtlinge einem Arbeitsverbot gleich. »Und selbst wenn man einen guten Job gefunden hat,


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Fotos: S. Nolte

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Geht in Hildesheim zur Uni: Asylbewerberin Iman Ziaudin.

kann man nicht einfach auf sein Asylverfah­ ren verzichten und stattdessen ein Arbeits­ visum beantragen«, so Schammann. »Dafür müsste man nämlich zunächst wieder aus­ reisen, sein Visum beantragen und dann wieder einreisen.« In Schweden sei ein sol­ cher »Spurwechsel« möglich, in Deutsch­ land leider nicht. Trotzdem stelle sich immer drängender die Frage, ob die Asylsuchen­ den von heute nicht die gesuchten Fach­ kräfte von morgen seien. Aus dieser Frage hat sich nun in Hildesheim die Idee entwi­ ckelt, Flüchtlinge mit akademischem Hin­ tergrund an die Uni zu holen – und zwar zunächst einmal so unbürokratisch wie möglich.

Die »BAföG-Falle« Eigentlich, so erklärt Hannes Schammann weiter, könnten sich viele der Asylsuchen­ den, die jetzt als »Schnupperstudenten« in die Vorlesungen kämen, sogar für ein rich­

tiges Studium einschreiben und dann auch einen Abschluss machen. Rein rechtlich gebe es da keine Hinderungsgründe. Allein: Es existiert ein großes Problem mit der Finanzierung. Denn hier schnappt die soge­ nannte »BAföG-Falle« zu. Sobald Asylsu­ chende ein Studium aufnehmen, verlieren sie jeden Anspruch auf anderweitige finan­ zielle Unterstützung, weil sie theoretisch BAföG erhalten könnten. BAföG bekom­ men sie aber nur, wenn sie bereits vier Jahre in Deutschland leben. Das bedeutet: Neh­ men sie früher ein Studium auf, erhalten sie schlicht gar keine Leistungen mehr. Zwar wird die Frist ab dem 1. August 2016 von vier Jahren auf 15 Monate verkürzt, aber auch in dieser Wartezeit sind die Flüchtlinge im Grunde weiterhin zum Nichtstun verdon­ nert. »Es bleibt eine Frage, wie man das aufbre­ chen kann«, sagt Uni-Sprecherin Isa Lange. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise die

Unterstützung durch die Bürgerschaft, etwa durch eine Beteiligung an Stipen­ dien. »Daran arbeiten wir jetzt und suchen gemeinsam Schritt für Schritt nach Lösun­ gen«, beschreibt sie den durchaus pragmati­ schen Ansatz der Hochschule. Für Iman wäre das ein Segen. Ihr nächs­ tes Ziel ist jetzt, eine weitere formale Hürde zu nehmen, die ihr als Voraussetzung für die Einschreibung zum ersehnten Informa­ tik-Studium noch fehlt: Das C1-Zertifikat für Deutsch. »Wenn man das hat, ist man schon annähernd auf dem Niveau eines Muttersprachlers«, sagt Politikwissenschaft­ ler Hannes Schammann. Iman jeden­ falls lässt sich nicht beirren und besucht mittlerweile fünf bis sechs Vorlesungen pro Woche. »So komme ich jeden Tag ein Stück weiter, stehe mit Deutschen in Kon­ takt und lerne immer besser die Sprache«, sagt sie strahlend. »Ich genieße diese Zeit.« Sören Nolte


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Erfasst werden: Alle

Nach europäischem Vorbild kommt »Section Control« nun auch nach Deutschland, die Test­ strecke liegt zwischen Laatzen und Gleidingen in der Region Hannover. Dieses »Streckenradar« kann die Zahl der Unfälle reduzieren, verlangt aber einen hohen Preis: den gläsernen Autofahrer. im Einsatz, das im Laufe des Jahres auch nach Deutschland kommt: die Geschwindigkeits­ messung über einen längeren Abschnitt. Bei uns wird das System »Section Control« genannt werden. Paradoxer­ weise kennt diesen Begriff auf der Insel niemand. »Section Control« ist ein typischer Schein-Anglizismus, den es nur im Deutschen gibt.

Während Radarfallen nur an einem einzigen Punkt blitzen, lässt sich durch »Section Con­ trol« ein längerer Abschnitt überwachen. Dafür werden alle Verkehrsteilnehmer zweimal fotografiert: am Anfang und am Ende der betreffenden Stre­ cke. Anhand der Zeit, die sie für den Weg benötigen, lässt sich ihre Durchschnittsgeschwindig­ keit berechnen. »Das ist simple

Mathematik«, sagt Collins, »wes­ halb die Anlagen viel zuverläs­ siger arbeiten als Blitzer.« Sein wichtigstes Argument hebt er sich bis zum Schluss auf, wie eine gute Pointe: »Die Unfall­ zahlen sinken dramatisch.« Auf der A9 in Schottland, wo im Oktober 2014 ein 220 Kilome­ ter langes Streckenradar ins­ talliert wurde, sei die Zahl der Raser um 97 Prozent gesunken. Foto: Vysionics

Big Brother? Damit kann Geoff Collins nichts anfangen. »Ich würde eher von einem Schutz­ engel sprechen, der die Men­ schen vor sich selbst bewahrt.« Eine bizarre Vorstellung, aber was soll der Mann anderes sagen? Collins ist Firmenspre­ cher von »Vysionics«, dem briti­ schen Marktführer von Ver­ kehrskameras. Seit 16 Jahren ist in Großbritannien ein System

Die schottische A9: Hier ist »Section Control« auf 220 Kilometern im Einsatz. Jedes einzelne Auto wird auf seine Durchschnittsgeschwindigkeit

überprüft. Wer zu schnell fährt, den bestraft die Verkehrsbehörde. Wer ordentlich fährt, wird trotzdem registriert.


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Quelle: ASFINAG

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Offenbar ist das mehr als nur eine PR-Phrase: Selbst der Chef der schottischen Verkehrspolizei räumte in einem BBC-Interview ein, das neue System habe einen »äußerst positiven Einfluss« auf die Fahrer. Bereits drei Monate, nachdem die drei Millionen Pfund (4,1 Millionen Euro) teure Anlage installiert wurde, sei die Zahl der Unfälle um ein Fünftel zurückgegangen. Von solchen Zahlen beflügelt, will Niedersachsen als erstes Bundesland die Technik nach Deutschland bringen. Innen­ minister Boris Pistorius (SPD) verspricht sich davon vor allem einen Rückgang der Zahl der Unfalltoten – im vergangenen Jahr war sie in Niedersachsen auf 446 Personen gestiegen, ein Plus von 8,3 Prozent im Ver­ gleich zum Vorjahr. Als Teststre­ cke soll ein drei Kilometer lan­ ger Abschnitt auf der B6 zwi­ schen Gleidingen und Laatzen dienen. »Seit 2011 gab es dort 28 Verkehrsunfälle, bei denen insgesamt zehn Personen leicht, drei schwer und zwei sogar tödlich verletzt worden sind«, heißt es aus dem niedersächsi­ schen Innenministerium. »Sec­ tion Con­­­­t rol« werde in Nieder­ sachsen nur an Unfallschwer­ punkten zum Einsatz kommen, verspricht Pistorius. Was wohl auch am Geld liegen dürfte: 200.000 Euro kostet das System allein auf der drei Kilometer lan­ gen Strecke. Wann genau die ersten Raser erwischt werden, steht aller­ dings bis heute nicht fest. Mehr­

Bedenken in anderen Ländern

Typisch deutsch ist die Sorge vor dem »gläsernen Autofahrer« nicht. Auch in anderen Ländern gab es massive Bedenken, als »Section Control« eingeführt wurde:  – Österreich: Nach längeren gerichtlichen Auseinandersetzungen bestätigte der Verfassungsgerichtshof die Rechtmäßigkeit des Streckenradars, knüpfte den Einsatz aber an hohe Hürden. So müssen die Daten derjenigen Autofahrer, die sich ans Tempolimit halten, an Ort und Stelle gelöscht werden. Auch müssen die Abschnitte, auf denen »Section Control« eingesetzt wird, deutlich gekennzeichnet werden.  – Großbritannien: Obwohl das Land nicht gerade für strenge Datenschutzregeln bekannt ist, regte sich Widerstand, als die Pläne für die Überwachung der 220 Kilometer langen A9-Strecke bekannt wurden. Gebracht hat es am Ende nichts – die Befürworter haben sich durchgesetzt.

mals schon wurde der Zeitplan verschoben, nun sollen ab Herbst zumindest die ersten Tests beginnen. Der Echtbetrieb soll hingegen erst ab Anfang 2016 starten, wie das nieder­ sächsische Innenministerium auf Nachfrage mitteilt. Nach wie vor herrscht Unklarheit darüber, ob die Anlage die gesetzlichen Anforderungen zum Daten­ schutz erfüllt – noch immer hat die niedersächsische Daten­ schutzbeauftragte Barbara Thiel keine Betriebsgenehmigung er­ ­ teilt. »Wir haben noch etliche Bedenken«, sagt Thiel. So sei noch immer nicht klar, ob die Fotos verschlüsselt würden, bevor das System sie per Funk an die Polizei übermittle. »Wir begleiten das Projekt konstruk­ tiv«, beteuert Thiel, »aber es gibt Fragen, die vorher beantwortet werden müssen.« Noch immer warte man auf die betreffenden Dokumente, die wiederum gründlich geprüft werden müss­ ten. »Der Starttermin im Herbst

ist deshalb mehr als fraglich«, so die Datenschützerin. Auch die Physikalisch-Technische Bun­ desanstalt (PTB) hat noch keine Betriebsgenehmigung erteilt. Gebaut wird die Anlage vom thüringischen Technologiekon­ zern »Jenoptik«, zu dem seit ver­ gangenem Jahr auch der briti­ sche Kameraproduzent »Vysio­ nics« gehört. »Jenoptik« betätigt sich schon lange im »SectionControl«-Geschäft, unter ande­ rem in Österreich, wo die Kame­ ras seit 2003 im Einsatz sind. Die österreichische Autobahn­ gesell­schaft ASFINAG sagt, »Sec­ tion Control« habe zu einer »erfreulichen Tempodisziplin« geführt. Im Kaisermühlen-Tun­ nel, wo die erste Anlage die­ ser Art installiert wurde, sei die Durchschnittsgeschwindigkeit um 15 km/h zurückgegangen. Auch habe es im Tunnel seither keine Todesopfer mehr gegeben. Erfreuliche Zahlen gibt es auch aus Italien. Das dortige System, genannt »Tutor«, ist auf einer

Länge von 2.500 Kilometern im Einsatz. In den ersten zwölf Monaten sei die Zahl der Unfälle um 19 Prozent zurückgegangen, so der Autobahnbetreiber »Auto­ strade per l’Italia«. Es ist also durchaus verständ­ lich, dass Verkehrsexperten die neue Technik begrüßen. »Das ist ein gescheiter Ansatz«, sagt Rainer Hillgärtner, Sprecher des Automobilclubs Europa (ACE), »denn 30 Prozent aller Unfälle gehen auf zu schnelles Fahren zurück.« Der Deutsche Verkehrs­ sicherheitsrat (DVR) und der Verkehrsgerichtstag in Goslar sprechen sich ebenfalls für »Sec­ tion Control« aus. Der »Euro­ pean Transport Safety Council« (ETSC) hat vor sechs Jahren die unterschiedlichen Systeme in Europa verglichen. Das Resultat: »Section Control« sei eine »effi­ ziente Methode der Geschwin­ digkeitsüberwachung«.

Fortsetzung auf der nächsten Seite


10 Asphalt 08/2015

Patrick Breyer. »›Section Con­ trol‹ ist teuer, fehleranfällig und leistet einer zukünftigen Zweck­ entfremdung der Daten Vor­ schub – bis hin zur Erstellung von Bewegungsprofilen.« Der schleswig-holsteinische Daten­ schutzbeauftragte Thilo Wei­ chert spricht von einem »Grund­ rechtseingriff« und »anlassloser Verarbeitung von personenbe­ ziehbaren Daten«. In Deutschland ist die Nutzung der Fotos an strenge Auflagen gebunden. So dürfen die erfass­ ten Daten nur zur Überwachung der Geschwindigkeit genutzt werden, nicht aber zur Verfol­

Foto: Innenministerium Niedersachsen

So verlockend die Wunderwaffe gegen Raser aber auch sein mag, so groß ist das Missbrauchspo­ tenzial in den Augen ihrer Kri­ tiker. »Geschwindigkeitskontrol­ len können niemals den gläser­ nen Autofahrer rechtfertigen«, mahnt etwa der niedersächsi­ sche FDP-Landtags­abgeordnete Jörg Bode. In Schleswig-Hol­ stein, wo die Landesregierung ebenfalls mit »Section Con­ trol« liebäugelt, kämpft die Piratenpartei massiv dagegen an. »Nach geltendem Recht ist es illegal, gesetzestreue Auto­ fahrer zu fotografieren«, kriti­ siert der Landtagsabgeordnete Anzeige

DAS FACHKRANKENHAUS FÜR DIE SEELE HEIMBEREICH

Aufbau der »Section-Control«-Teststrecke zwischen Laatzen und Gleidingen.

In den WahrenWohnWelten geben wir dem Alltag eine Struktur.

Niedersachsen will deutscher Vorreiter sein beim Streckenradar, doch es

gibt noch viele datenrechtliche Bedenken. Der Startmonat des neuen Systems ist daher noch unklar.

Holger Heipl, Heimleitung WahrenWohnWelten

Seelisch und geistig behinderte Menschen finden in unseren Heimbereichen vielfältige Wohn- und Lebensperspektiven.

Neu sind unsere WahrenWohnWelten: Die WahrenWohnWelten bieten ein ganzheitliches Konzept für Menschen, die ihr Leben aktiv selbstständig gestalten wollen. Wir möchten die Lebensqualität der Bewohner durch Erfolgserlebnisse verbessern und den Konsum von Suchtmitteln reduzieren.

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Wir sind ein seit über 150 Jahren privat geführtes psychiatrisches und psychosomatisches Fachkrankenhaus. Unser Stammhaus liegt in Ilten am östlichen Rand von Hannover. Sie finden uns mehrfach in Hannover, Celle und Lehrte. Sie haben Interesse? Hier bekommen Sie weitere Informationen:

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gung anderer Straftaten. Liegt kein Verstoß vor, müssen die Fotos an Ort und Stelle gelöscht werden – wie in Österreich. Doch das Misstrauen der Kriti­ ker sitzt tief, zumal der NSASkandal gezeigt hat, wie schnell sich selbst vermeintlich sichere IT-Systeme unterwandern las­ sen. Der grüne Europa-Abgeord­ nete Jan Philipp Albrecht hält die Skepsis für angebracht: »Hinter der Einführung solcher Technologien steht mit Sicher­ heit auch das Interesse der Sicherheitsbehörden an den ent­ stehenden personenbezogenen Kfz-Daten«. Der Blick nach Großbritannien zeigt, dass solche Vermutun­ gen gar nicht so weit hergeholt sind. Zwar dürfen auch dort die »Section-Control«-Kameras nur

genutzt werden, um Tempover­ stöße festzustellen. Oft hängt direkt daneben aber eine wei­ tere Kamera, die Nummern­ schilder automatisch erfasst und mit einer Polizei-Daten­ bank abgleicht. Firmensprecher Geoff Collins sieht darin kein Problem: »Am meisten machen sich immer diejenigen Sorgen, die am wenigsten zu befürchten haben.« Ein weiteres Detail bestätigt er hingegen erst auf Nachfrage: Die Kameras, die die Polizei zur Nummernschild-Erkennung nutzt, werden ebenfalls von »Vysionics« gebaut. Es sind sogar die gleichen Modelle, die beim Streckenradar zum Einsatz kommen – nur mit einem ande­ ren Zweck. Steve Przybilla


Biografisches Asphalt 08/2015 11

Wer war eigentlich … Lotte Specht liebte Fußball, besonders den heimischen FSV Frankfurt. Und sie wollte spielen. »Was die Männer können, können wir auch«, sagte sie. Doch Lotte Specht hatte diese Idee nicht im Jahr 2015, in dem die deutsche Nationalmannschaft der Frauen bei der Fußballweltmeisterschaft als Favori­ tin ins Rennen ging und am Ende immerhin den vierten Platz belegte. Lotte Specht hatte diese Idee im Jahr 1930. Und das war ihr Problem.

Foto: Picture-Alliance/dpa

… Lotte Specht? schrieb etwa die Journalistin Helli Knoll: »Wir Frauen treiben den Sport, den wir wol­ len, und nicht den, der uns gnädigst von den Männern erlaubt wird.« Sie trafen aber auch auf viele Vorbehalte, wurden als »Manns­ weiber« verschrien, als unsittlich bezeich­ net. Lotte Specht wandte sich deshalb auch an den Deutschen Fußball-Bund (DFB), bat um Unterstützung. Doch die Fußballherren wehrten sich gegen die spielenden Frauen.

Spechts Eltern trugen das Freizeitvergnü­ gen der Tochter mit Fassung. Den Vater, In England spielten Frauen bereits Ende des Gottlob Specht, störte es zunächst, dass er 19. Jahrhunderts organisierten Fußball. Die an der Fleischtheke in der Hufnagelstraße Frauenrechtlerin Nettie Honeyball gründete auf die fußballspielende Tochter angespro­ mit Gleichgesinnten 1894 den »British Ladies’ chen wurde. Aber als sie in der Zeitung Football Club«. Die Spiele lockten bald zehn­ stand, da siegte sein Stolz und auch der sei­ tausende Zuschauer an. ner Frau Barbara. Andere Eltern sahen das Die unstete Zeit der Weimarer Republik anders, wollten den Spott und auch man­ schien günstig für fußballspielende Frauen. che Anfeindungen nicht ertragen. »Manche Zum Jahresbeginn 1930 suchte die 19-jäh­ rige Lotte in einer Frankfurter Zeitung per Annonce nach Gleich­ Männer warfen sogar Steine nach uns«, sagte Lotte Specht später. gesinnten. Mehr als 40 junge Frauen meldeten sich, 35 von ihnen Nach einem Jahr war alles vorbei, da hatten zu viele Spielerin­ trafen sich im Gasthof Steinernes Haus in der Frankfurter Innen­ nen aufgegeben. Lotte Specht nahm es pragmatisch, sie entdeckte stadt und gründeten den 1. Deutschen Damenfußballclub Frank­ andere Vorlieben. Sie spielte Theater, gründete in den 50er Jah­ furt (1. DDFC). Lotte Spechts Idee sei nicht nur aus der Liebe zum ren die Frankfurter Mundartbühne. Broterwerb aber war ein Job als Sekretärin für die Stadt Fußball entstanden, sagte sie Frankfurt. selbst 1999 in einem Inter­ Das Steinewerfen sollte view. Es sei ihr vor allem um weitergehen. Lotte Specht Frauenrechte gegangen. musste miterleben, wie der Ende März 1930 zierte sie als »Spielführerin des ersten Deutschen Klubs« die Titelseite DFB 1955 den Frauenfußball in seinen Vereinen verbot. Ein Aus­ des Frankfurter Magazins »Das Illustrierte Blatt«. Dort stand sie, zug aus der Begründung: »Im Kampf um den Ball verschwindet die Charlotte Specht, die Tochter eines Frankfurter Metzgermeisters, weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Scha­ auf matschigem Grund, in dunkler Spielkleidung, mit Baskenmütze  den und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit  – zum Schutz bei Kopfbällen. Stürmerin war sie. Und schnell, die und Anstand.« Das Verbot blieb bis 1970 bestehen. 1989 gewann die Deutsche Frauennationalmannschaft die Fußballeuropameis­ »flotte Lotte«. Der 1. DDFC trainierte zweimal in der Woche auf der Seehofwiese terschaft – dafür gab es vom Verband für jede Spielerin ein 40-teili­ in Sachsenhausen. Da sie keine gegnerische Mannschaft hat­ ges Kaffeeservice. ten, spielten die Frauen unter sich. Die Teams unterschieden sich Lotte Specht bekam zu ihrem 90. Geburtstag im Jahr 2001 ein Foto durch rote und schwarze Stofffetzen, die sie sich an die Hemden der DFB-Frauen mit Autogrammen geschenkt. Sie freute sich, aber ihr fehlte bei den Damen doch ein hefteten. Später gab es dann weiße wenig die Eleganz der ersten Tage. Ein Trikots, auf die die Spielerinnen das halbes Jahr darauf, im Februar 2002, Frankfurter Wappen nähten. Einmal – Eduard Hoffmann, Jürgen Nendza: Verlacht, verboten und gefeiert. Zur Geschichte des Frauenfußballs in starb die überzeugte Junggesellin traten sie gegen eine Männermann­ Deutschland. Verlag Landpresse, Weilerswist und mutige Pionierin des deutschen schaft aus dem Frankfurter Umland – Ronny Galczynski: Frauenfußball von A – Z, Humboldt, Frauen ­f ußballs. an. Manche Frankfurter solidarisier­ Hannover 2010 ten sich mit den Sportlerinnen. So Gerd Schild

Pionierin des deutschen Frauenfußballs


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Das Beschützerdorf

Zwischen 1938 und 1945 nahmen die 3.000 Einwohner der südfranzösischen Kleinstadt Dieulefit rund 1.500 Flüchtlinge bei sich auf – darunter politisch Verfolgte, viele Juden, viele Deutsche. Alle überlebten, niemand wurde denunziert. Von Docteur Georges Springer (sprich: Spräeschee) redet jeder in Dieulefit mit Hochachtung. Der beliebte Arzt starb 2006. Er war einer der letzten Zeitzeugen einer außergewöhnlichen humanitären Rettungs­ aktion in barbarischen Zeiten. Für die Ein­ wohner der kleinen Stadt im Norden der Provence etwas völlig Normales, nennt der Rest der Welt diese Aktion gerne das »Wun­ der von Dieulefit«.

für Wirtschaftsgeschichte, Dr. Max Springer Historiker Bernard Delpal aus Dieulefit, und seine Frau Elisabeth um Asyl in der sicher auch an der »geistigen Ausbildung«, kleinen Stadt am Flüsschen Jabron. Deren die an den Schulen Beauvallon und La Rose­ Söhne Heinrich und Georg lernten Franzö­ raie damals vermittelt wurde, und in deren sisch, besuchten in Dieulefit das Gymna­ Genuss auch die Springer-Söhne Heinrich sium und machten ihr Abitur. 1944 schlos­ und Georg kamen. Beide Institute wurden sen sich die Zwillinge dem kommunisti­ zum emotionalen und logistischen Zent­ schen Widerstand an und kämpften in rum des zivilen Widerstands im Landkreis. bewaffneten Widerstandsgruppen gegen Dies ist vor allem den Persönlichkeiten und die deutsche Besatzung. 1946 und 1947 dem beherzten Eingreifen dreier Lehrerin­ erhielten sie die französische Staatsbürger­ nen zu verdanken, die die École de Bauval­ In den Jahren der deutschen Besatzung schaft. Heinrich hieß jetzt Henri, wurde lon 1929 im Geist der Reformpädagogik der Frankreichs und des Vichy-Regimes wurde zunächst Ingenieur, dann Priester und Jesu­ Zwanziger Jahre gründeten und fortan führ­ das Örtchen Dieulefit (sinngemäß übersetzt: itenpater. Er starb 2012. Sein Bruder Georg ten: Marguerite Soubeyran (1894  – 1980), »Gott hat es gemacht«) zum Refugium für studierte Medizin und praktizierte als Catherine Krafft (1899  – 1982) und Simone zahlreiche Flüchtlinge aus Frankreich und Docteur Georges Springer bis ins hohe Alter Monnier (1913 – 2010). dem Ausland. Wer immer vor den Faschis­ in Dieulefit. ten Zuflucht suchte – politisch Verfolgte, Anna Tüne vom Verein Courage gegen Menschen jüdischen Glaubens, Erwach­ Dass die Geschichte dieser jüdischen Fami­ Fremdenhass in Berlin hat sich neben sene und Kinder – wurde aufgenommen, lie rückblickend als ein Beispiel für gelun­ Bernard Delpal um die umfassende Aufar­ versteckt und ernährt. Die ersten kamen gene Integration gelten kann, liegt, so der beitung des Themas verdient gemacht. Sie bereits während des Spanischen beschreibt das Engagement der Bürgerkriegs. Nach dem Münch­ Frauen folgendermaßen: »Jede ner Abkommen und der Pogrom­ von ihnen adoptierte mindes­ nacht folgten viele Deutsche – tens ein verlassenes Kind. Sie bald auch die ersten Franzosen. versteckten und schützten die Dass mein Gesicht die Türschwelle und das Zifferblatt sei 1940 spülten die antisemitischen Kinder von politisch und ras­ Ist wichtig Verordnungen der Pétain-Regie­ sisch Verfolgten ebenso selbst­ Dass jeder Blick und jeder Strahl darin die Stunde zeigt rung eine wahre Flüchtlings­ verständlich, wie sie vorher Kin­ Dass der Tag in meinem Hause den Tisch bereitet welle in die noch unbesetzte der aus verletzenden familiären Mein Haus sei ein Krug frischen Wassers Zone im Süden des Landes und und sozialen Verhältnissen oder in den Landkreis von Dieule­ auch Kinder aus den Kampfge­ Dass ich gebe das junge Brot mit dem Salz meiner Jahre fit. Insgesamt retteten die Dieu­ bieten des spanischen Bürger­ Ist wichtig lefitains rund 1.500 Menschen krieges aufgenommen hatten. Dass ich nie satt werde zu teilen das Leben. Bei einer ursprüng­ Alle Kinder ihrer Schule haben Dass der Erstbeste komme an meinen Tisch lichen Einwohnerzahl von 3.000 überlebt. Die Frauen schafften Und ohne Opfer seine Reise fortsetzt war von 1938 bis 1945 also jeder es sogar, in den Jahren der Ille­ Dritte ein Fremder, der Schutz galität deren Schulbildung zu Alles zu geben, von Gott nichts erwarten suchte, umgehend Hilfe und sichern.« Das unkonventionelle Ist wichtig Solidarität erfuhr und zeitweise Heldentum der drei »Feen von Für die Obdachlosen bereit sein und die Gottlosen oder für immer in Dieulefit ein Beauvallon« bestand zu einem Zu leben neues Zuhause fand. nicht unbeträchtlichen Teil Ist wichtig. darin, ihren rund 100 Schützlin­ Pierre Emmanuel Um 1940 baten auch der aus gen – das waren doppelt so viele Heidelberg stammende Professor wie vor dem Krieg – in Zeiten der

Es ist wichtig


Foto: Wikimedia Commons

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Dieulefit heute und gestern: In dem beschaulichen Städtchen fanden während des

Zweiten Weltkriegs zahlreiche Flüchtlinge Unterschlupf.

Barbarei ein Stück Normalität und Lebens­ freude zu vermitteln. Sie halfen den zum Teil verwaisten Kindern zu Persönlichkeiten zu reifen, die fähig waren, der allgegenwär­ tigen Angst und Bedrohung etwas entgegen­ zusetzen: Zuversicht und Vertrauen. Oder, wie Bernard Delpal es ausdrückt: »Sie hat­ ten das Böse gesehen. Sie waren dem Guten begegnet.« Ergänzend zum Unterricht in Beauvallon gab es mit La Roseraie ein benachbartes Internat, in dem ältere Kinder von Flücht­ lingen inmitten regulärer Schüler versteckt ihr Abitur machen konnten – darunter auch die Springer-Zwillinge. Neben deren Vater Max Springer gehörten namhafte Exilanten verschiedener Nationalitäten zum Lehrkör­ per. Wissenschaftler und Künstler arbeite­ ten meist illegal in der Roseraie – mit Billi­ gung der Schulleitung. Wie ein Zeitzeuge berichtet, habe der Direktor einen Brief mit dem Befehl, alle jüdischen Lehrer umge­ hend zu entlassen, vor seinen Augen zerris­ sen. Gérard Brunschwig, einst Schüler in La Roseraie, erinnert sich: »Die Roseraie war

ein echtes Kulturzentrum und nicht nur eine Schule; es gab Vortragsreihen, die von allen Intellektuellen abgehalten wur­ den, die in Dieulefit Schutz und Hilfe erhalten hatten.« Mit ihren Kursen, Musik- und Chorstun­ den bereicherten sie nicht nur den Lehr­ plan, sondern gestalteten das kulturelle Leben in Dieulefit entscheidend mit. Der berühmte französische Dichter des Wider­ stands Pierre Emmanuel gehörte ebenso zu ihnen wie die Autoren Pierre Jean-Jouve und Pierre Leyris. Als Englisch- und Sportleh­ rer lebte im Internat von Beauvallon damals der Schriftsteller Henri-Pierre Roché. Auf dem Dachboden der Schule schrieb er die ersten Kapitel seines Romans »Jules et Jim«, der in den 60er Jahren durch die Verfilmung von François Truffaut weltbekannt wurde. Etwas außerhalb der Stadt waren der Maler WOLS – eigentlich Alfred Otto Wolfgang Schulze – aus Berlin und sein Wiener Kol­ lege Willy Eisenschitz in Hütten unterge­ bracht. Anna Tüne: »Alle verband, so treu sie auch den Wurzeln ihres jeweiligen kulturel­

len und philosophischen Herkommens blie­ ben, ein entspannter, fast heiterer, libertärer Geist, ein hochkommunikativer Nonkonfor­ mismus und selbstverständlich eine klare Ablehnung der Ideologie des Okkupanten und seiner Statthalter in Vichy.« Aufgrund der großen Anzahl bedeutender Namen im Umkreis der beiden Schulen galt das kleine Dieulefit neben Paris und Lyon als eines der drei intellektuellen Zentren im okkupierten Frankreich. Und doch lebten alle in der ständigen Angst, die im 30 Kilometer entfernten Montélimar stationierte Wehrmacht könne nach Dieu­ lefit kommen. Im kargen Hochplateau über der Stadt standen die Bauernhöfe, die die Fortsetzung auf der nächsten Seite


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Fotos (2): AJZ Verlag Bielefeld 2013/ISBN 978-3-86039-030-6

Schule von Beauvallon mit Lebensmitteln versorgten und im Notfall als Versteck auf Zeit dienten. Mehrfach gab es Alarm, worauf Lehrerinnen und Schüler in die Berge nahe des Dorfes Comps zogen und die Nacht in Hütten und Sandsteinhöhlen verbrachten. Dort begegneten sie nicht nur dem damals berühmtesten Schriftsteller Frankreichs, dem Kommunisten Louis Aragon und seiner Frau Elsa Triolet, die unter falschem Namen in einem baufälligen Hof Unterschlupf fan­ den. Auch bewaffnete Widerstandskämp­ fer durchstreiften die Gegend. Denn auch das war Dieulefit: Logistisches Zentrum eines internationalen Widerstandsnetzes, das aus London per Fallschirm mit Waffen und Munition versorgt wurde und über eine eigene Sendestation verfügte. Lokale Fir­ men transportierten Agenten und Material weiter bis ans Mittelmeer. Auch die furcht­ Kinder in Beauvallon: Beherzte Lehrerinnen verhalfen Flüchtlingen und Einheimischen zu einer lose Lehrerin Marguerite Soubeyran enga­ guten Schulbildung. gierte sich als Vermittlerin. eben­­ so wie wenig vermögende Bürger alt, unter Einsatz ihres Lebens rund tau­ Dass in Dieulefit so viele Menschen vor  –  nahmen Kinder deportierter Juden in ihre send falsche Personalausweise und Lebens­ Denunziation und Verhaftung gerettet Familien auf. Bauern und Handwerker lie­ mittelkarten aus – mit Wissen und Dul­ wurden, ist dem freien Geist, der solidari­ ferten Essen und Heizmaterial. Alle jedoch dung ihres Chefs, des von der Vichy-Regie­ schen Gesinnung und dem beherzten waren sie auf die tatkräftige Unterstützung rung eingesetzten Bürgermeisters von Eingreifen von Einzelpersonen wie den und das Schweigen derjenigen angewiesen, Dieulefit. Pastoren riefen von der Kanzel »Feen von Beauvallon« zu verdanken. Sie die von Staates und Gesetzes wegen die zum Widerstand auf. Gendarmen stellten vermittelten ihre Schützlinge an Hotels, Kette der Hilfeleistungen hätten unterbre­ sich taub. In den Ämtern leitete man Pensionen und Sanatorien weiter. Zahlrei­ chen können. So stellte die Gemeinde­ De­nunziationen nicht weiter. Zu vermuten che Einwohner – wohlhabende Fabrikanten sekretärin Jeanne Barnier, damals 23 Jahre ist, dass hinter der alle Schichten der Bevöl­ kerung erfassenden Solidarität am Jabron auch die Tradition des Protestantismus steht, der sich in der Geschichte des Öfteren gegen die katholische Mehrheit verteidigen Der Luftkurort Dieulefit liegt ca. 30 km östlich von Montélimar im Départmement Drôme. musste – notfalls auch mit Waffen. Anna Dieulefit hat eine sozialistische Bürgermeisterin und verfügt über ein sozial und ökologisch Tüne: »Hier hat sich bestätigt, dass Wider­ stark engagiertes »Bürgerkollektiv«, das sich auch für Asylsuchende einsetzt. Touristische stand nicht allein und zwangsläufig im Informationen: www.paysdedieulefit.eu unmittelbar Unterdrückten heranwächst, er kann im Gegenteil ebenso gut beim Anblick der Unterdrückung eines Nächsten (www.topographiendermenschlichkeit.de) ist ein Projekt des Vereins Courage gegen Fremdenentstehen. Das Phänomen der ›compassion hass e.V./Berlin, den die Autorin und Kulturmanagerin Anna Tüne 1991 gründete. Im Mittelfatiguée‹, des in der Überfülle der Not punkt steht die Frage nach den besten Themen, Ansätzen und Methoden zur Vermittlung er­ müdenden Erbarmens, hat hier nicht demokratischer Haltungen und Motivationen – meist in Kooperation mit namhaften Wissenschaftlern. Gemeinsam mit dem Historiker Bernard Delpal dokumentiert der Verein die Ereiggegriffen. Das Erbarmen ist wach und prag­ nisse in Dieulefit in einer Wanderausstellung und in einem Katalog mit zahlreichen Originalmatisch geblieben, bis zum Schluss.« Neun dokumenten: Rettungswiderstand in Dieulefit. Herausgegeben von Bernard Delpal und Bürgerinnen und Bürger Dieulefits, unter Anna Tüne, Topographien der Menschlichkeit 1, AJZ Verlag und Druck GmbH, Bielefeld 2013. ihnen Jeanne Barnier, wurden bisher von Die École de Beauvallon existiert in Dieulefit bis heute als Schule und Internat für verhaltensder Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und lernauffällige Kinder zwischen sechs und 16 Jahren: www.ecoledebeauvallon.fr. mit dem Ehrentitel »Gerechte/r unter den Informationen zum Ehrentitel »Gerechte/r unter den Völkern«: www.yadvashem.org Völkern« ausgezeichnet. Sie alle sind bereits verstorben. Sabine Göttel

Dieulefit

Topographien der Menschlichkeit


Kultur im Fokus Asphalt 08/2015 15

Etwas Positives Bergen-Belsen. 70 Jahre ist es her, dass das Kon­ zentrationslager von der NS-Herrschaft befreit wurde. Zusammen mit dem Landesverband der jüdischen Gemeinden hat die GEDOK Nieder­ sachsen (Gemeinschaft der Künst­ lerinnen und Kunstförderer) jetzt eine Wanderausstellung kon­ zipiert. Der Titel: Befreiung.

Foto: GEDOK

Kunstausstellung zur Befreiung von Bergen-Belsen. ist und aus wackelnden Steinen besteht – Hin­ weise auf beginnende, dynamische Verände­ rungen. Die Künstlerin Inga Rutzen wiederum erinnert mit einem ganz besonderen Objekt an die Befreiung vom NSRegime: mit einem ori­ ginal Care-Paket von da­­ mals.

Mit der Ausstellung Be­f reiung sollen die Be­ ­ sucher zur Besinnung Erste Assoziationen mit kommen und auch Bergen-Belsen führen 70 Jahre später das einem vielleicht auto­ Geschehene nicht ver­ matisch Bilder des Grau­ gessen. Sie sollen aber ens vor Augen. Doch Das Werk von Künstlerin Serpil Neuhaus zum Thema »Befreiung«. eben auch erfahren, so die Ausstellung will den positiven Aspekt des Begriffes »Befreiung« betonen: »Wir verbinden Heralde Schmitt-Ulms, »dass Befreiung etwas ganz besonders mit ›Befreiung‹ Gedanken wie Überleben und vor allem Neubeginn Schönes ist, egal aus welcher Situation – aus Drangsalen, aus von etwas Schönem in einer Gesellschaft, die Vielfalt als Bereiche­ Gefangenschaft, aus Elend, aus Krankheit. Immer ist Befreiung rung begrüßt, zulässt und lebt«, sagt Heralde Schmitt-Ulms, erste etwas Schönes!« Vorsitzende der GEDOK-Niedersachsen und Organisatorin der Aus­ Die GEDOK gilt als ältestes und europaweit größtes Netzwerk für stellung. Aufgabe war es also, etwas Positives zu gestalten. Über 70 Künst­ Künstlerinnen aller Art. Zu ihren berühmten Mitgliedern zählen lerinnen haben sich mit über 500 Exponaten für die Ausstellung u.a. Käthe Kollwitz und Ricarda Huch. Ziel der GEDOK ist die För­ beworben. Davon wurden letztendlich 49 ausgewählt. Zu sehen derung der künstlerischen Arbeit von Frauen. 1926 von Ida Dehmel sind die unterschiedlichsten Stilrichtungen. Das reicht von Male­ gegründet, feiert die GEDOK nächstes Jahr ihr 90-jähriges Jubiläum. rei, Grafik, Collage über Installationen und Radierungen bis hin Lorenz Varga zu textilen Bildern und Skulpturen. Spannend: die unterschiedli­ chen künstlerischen Ansätze zum vorgegebenen Thema. Heralde Befreiung – Wanderausstellung Schmitt-Ulms: »Befreiung kann auch sein, dass eine Blüte aus der Rathaus Nienburg 14.8. – 7.9.2015 Erde wächst und sich entfaltet, oder dass die im Eis eingefrorene Kloster Mariensee 10.9. – 20.9.2015 Blume geschmolzen wird. Oder auch der Schlüssel als Symbol der Theater Lüneburg 26.9. – 18.10.2015 Öffnung.« So führen viele Schlüssel in die Freiheit. Ein Motiv, das Marktkirche Hannover 21.10. – 7.11.2015 Anzeige häufig auftaucht, ist der Phoenix, das Sich-in-die-Lüfte-erheben aus Asche und Erdenschwere. Etwa bei der Installation von Heide Heike oder dem Gemälde von Serpil Neuhaus (siehe Foto). Die Künstlerin bricht in ihrem Ölgemälde einen Stacheldrahtzahn auf. Die Fesseln der Gefangenschaft werden dermaßen gesprengt, dass die befreiten Elemente im Vogelflug entschwinden. Eine ähnlich beglückende Befreiung ist bei Karin Bach zu sehen. Sie arbeitet mit dem Zitat von Joachim Gauck: »Befreiung ist noch beglückender als Freiheit.« Der Satz steht als Graffiti auf einer Mauer, die allerdings durchlässig


16 Asphalt 08/2015 Unsere August-Tipps

Theater

Musik

Rats

Musikalischer Hofnarr

Die Rattenfängersage mal an­ ­ ders: Das Musical RATS ist die humorvolle musikalische Inter­ pretation der Geschichte vom Rattenfänger, um den sich in Hameln so vieles dreht. Mit Ohrwürmern von Walzer über Marsch und Balladen bis zum Rap.

Wer mit »Alter Musik« nur steife getragene Tänze für steife Men­ schen bei Hofe verbindet, der kann sich eines besseren belehren lassen. Bei »Hofnarr – Musik für Könige« ist Lachen ausdrücklich erwünscht! Das preisgekrönte Barockensemble Musica Alta Ripa spielt ausgewählte kleine Tanzsätze aus der bekannten Wasser­ musik von Händel und Musik aus Opern von Purcell auf histori­ schen Instrumenten. Der zeitgenössische Hofnarr – Clown Bulipp – sorgt nebenbei dafür, dass kein Auge trocken bleibt. Das Publikum ist Teil der Inszenierung und die besonderen Aufführungsorte sorgen für eine ganz besondere Stimmung.

5., 12., 19., 26.8., 16.30 bis 17.15 Uhr, Hochzeitshaus-Terrasse, Osterstraße 2, Hameln. Eintritt frei.

Sagenhaftes Theater In der norddeutschen Tiefebe­ ne ist einiges los: Liebestolle ­ Glocken, lebensfrohe Baumeis­ ter, trauernde Zwerge, ein ge­ ­ nervter Riese und weitere obskure Gestalten tummeln sich in der Region Hannover – und das Ein-Frau-Theater am Barg/ Christiane Hess präsentiert die mal tiefsinnige, mal tragische und mal urkomische Sagenwelt beim Sagen-Theater – Hexen, Heiden, Heilige (22.) oder Götter, Glocken, Gläubige (23.) – in einer Anzeige

27.8., 20 Uhr, Schloss Landestrost, Schlossstraße 1, Neustadt am Rbge. 28.8., 20 Uhr, Fagus Werk, Hannoversche Straße 58, Alfeld (Leine) 29.8., 20 Uhr, Christuskirche, Conrad-Wilhelm-Hase-Platz 1, Hannover 30.8., 19 Uhr, Schloss Oelber, Rittergut 1, Baddeckenstedt Eintritt: jeweils 20 Euro (Vorverkauf im Künstlerhaus: 0511 – 16 84 12 22, unter www.vvk-kuenstlerhaus.de oder www.reservix.de).

Kombination aus Schauspiel, Masken- und Objekttheater. Ein sagenhaftes Vergnügen für Alt und Jung (geeignet ab 8 Jahren).

22.8., 19 Uhr, Gemeindehaus Bantorf (neben der Kirche), Luttringhäuser Straße, Barsing­ hausen-Bantorf (bei Regen in der Alexandri Kirche). Eintritt frei. 23.8., 17 Uhr, Dorfplatz Engensen, Thönser Straße/Kapellenstraße, Burgwedel-Engensen. Eintritt frei.

Kinder Flohmarkt Der Altstadtflohmarkt hat Nach­ wuchs bekommen: den AltstadtKinderflohmarkt! Kinderbeklei­ dung, Kinderspielzeug, Kinder­ bücher, Kinderfahrzeuge, Baby­­ausstattung und alles da­­ zwischen können Eltern und Kinder (immer am 2. Samstag im Monat) beim Bummeln und Stöbern auf dem Ballhofplatz finden.

8.8., 9 bis 12 Uhr, Ballhofplatz, Hannover. Eintritt: frei.

Verschiedenes 70 Jahre Hiroshima Am 6. August 1945 wurde die japanische Hafenstadt Hiro­ shima weltweit bekannt: Sie wurde das Ziel des ersten kriege­

rischen Atomwaffeneinsatzes. Etwa 92.000 Menschen starben sofort, weitere 130.000 allein bis Ende 1945. Daran erinnern zum 70. Jahrestag verschiedene Ver­ anstaltungen in Hannover, der Partnerstadt von Hiroshima. Beispielsweise bietet die Kantine des Neuen Rathauses unter dem Motto »Essen verbindet« im August ein (kostenpflichtiges) japanisches Mittagsmenü, vom 4. bis 15. August ist wochentags zwischen 10 und 19 Uhr im Bürgersaal des Neuen Rathauses die Ausstellung »70 Jahre Hiro­ shima – 6.8.1945« zu sehen. Mit dem Anschlagen der Friedens­ glocke beginnt am 6. August um 8 Uhr das offizielle Gedenken im Mahnmal Aegidienkirche mit anschließender Trauer-Teezere­ monie, um 17.30 Uhr widmet sich dort eine Haiku-Lesung auf Japanisch und Deutsch dem Thema Krieg und Frieden. Um 22 Uhr werden am Maschteich zum Gedenken an die Atom­ bombenopfer in Hiroshima und


Unsere August-Tipps Asphalt 08/2015 17

Musik auf den hannoverschen Ballhofplatz. Am 1. August zeigt Anja Ritterbusch, die in Hannover Jazzgesang studierte, mit ihrem Repertoire von Modern Jazz über Bossa Nova und den Standards des Great American Songbooks bis hin zu Pop und Musical, was ihre klare Stimme so alles kann. Vorwiegend Eigen ­­kompositionen mit starken Funk- und Modern Jazz-Einflüssen bringt Inna Vysotzka mit Band zwei Wochen später zu Gehör (15.). Ohren auf!

1. und 15.8., 11 bis 14 Uhr, Ballhofplatz, Hannover. Eintritt frei.

A-capella Open Air

Musik

Nagasaki Papierlaternen ausge­ setzt. Das gesamte Programm kann auf www.hannover.de unter »Hiroshima-Gedenkver­ Jazz am Ballhof anstaltungen« heruntergeladen Swingen unter freiem Himmel: werden. Die Konzertreihe »Jazz am Ball­ hof« bringt bis zum 19. Septem­ August, verschiedene Zeiten, ber am ersten und dritten Sams­ verschiedene Orte, Hannover. Eintritt frei. tag im Monat drei Stunden

10. Lobetal Open Air Nach den Sommerferien feiert die Diakonische Lobetalarbeit, die Menschen mit Behinderung betreut, auf ihrer Festwiese bereits das zehnte Lobetal Open Air. Diesmal sorgen für ein begeistern­ des Programm: Manfred Mann’s Earth Band mit ihren Hits wie »Mighty Quinn« oder »Blinded by the light«, Brixtonboogie aus Hamburg (Foto) mit Blues, Soul, Rock, Hip Hop und einer Prise Funk und SputniX, die Hausband der Lobetalarbeit, mit Cover­ songs aus Rock und Pop. Alle sind willkommen!

12.9., ab 17.30 Uhr, Festwiese der Lobetalarbeit, Fuhrberger Straße 219, Celle. Eintritt: VVK 15 Euro, Abendkasse 17 Euro, Kinder bis 5 Jahre frei, Kinder zwischen 6 und 14 Jahren 8 Euro.

Asphalt verlost 3 mal 2 Karten für das zehnte Lobetal Open Air! Bitte schreiben Sie bis zum 1.9.2015 mit Angabe ihrer Post­ adresse an: Asphalt-Magazin, Hallerstraße 3 (Hofgebäude), 30161 Hannover, Fax: 0511 – 30 12 69-15. Oder eine E-Mail an: gewinne@asphalt-magazin.de. Viel Glück!

Internet unter www.kultursom­ mer-region-hannover.de.

22.8., 17 bis 18.30 Uhr (Einlass 16 Uhr), Volkswagen-Seebühne Steinhude, Deichstraße, Steinhude. Eintritt: frei, um Spenden wird gebeten.

Feinkost-Kirchengang Feinkost Lampe lädt das Or­ ­ chester im Treppenhaus und das Folkpop-Projekt Hanna & Kerttu für ein Gastspiel in die Mar­ tinskirche. Eigens für diese Nacht arrangierte das Kompo­ nisten-Duo Christopher Böhm und Hans-Christian Stephan eine orchestrale Klangwelt: nach Tschaikowskys berauschender Komposition »Souvenir de Flo­ rence« werden dann Band und Orchester gemeinsam die fein­ gliedrigen, märchenhaften Songs von Hanna & Kerttu zelebrieren. Drumherum lädt ein vegan-kuli­ narisches Angebot zum Entspan­ nen, Lauschen und Genießen ein.

Nationale und internationale A-capella-Formationen zeigen beim großen A-capella-OpenAir im Rahmen des Kultur­ sommers auf der wunderschö­ nen Steinhuder Seebühne unter freiem Himmel ihr Können. Es sind die HörBänd aus Hannover und die Singers aus Dänemark. 28.8., 20.30 Uhr, Martinskirche, Das gesamte Programm des An der Martinskirche 15, Hannover. Kultursommers finden Sie im Eintritt: 15 Euro.

gewinne!


18 Asphalt 08/2015 Aus der Szene

Heimat und Hoffnung Wohnungslosigkeit hat viele Gesichter und die Gründe für den Verlust einer Wohnung sind komplex. Um Menschen ohne Obdach beizustehen, bedarf es mehr, als ihnen Wohnraum und Arbeit zu vermitteln. In Nienburg an der Weser hat sich die Hilfesituation jetzt erheblich verbessert. Im Juli wurden die neuen Räume der Ambulanten Hilfe des Diakonischen Werks eingeweiht und die »Herberge zur Heimat«, eine stationäre Hilfeeinrichtung, ist seit letztem Jahr ausgebaut und saniert worden. Beide Einrichtungen liegen an der Bahnhofstraße nur wenige Hausnummern voneinander entfernt. Die Angebote sind »niedrigschwellig«, wie Sozialarbeiter sagen: Keine Anmeldung erforderlich, zu den Öffnungszeiten stehen Hilfebedürftigen die Türen weit offen. Seit 32 Jahren kümmert sich die Ambulante Hilfe in Nienburg um die Anliegen wohnungsloser Menschen. Damals war sie die erste Einrichtung der Zentralen Beratungsstelle des Diakonischen Werks Hannover außerhalb der Landeshauptstadt. Inzwischen bieten solche Beratungsstellen in acht weiteren Orten in Niedersachsen offene Türen, ein Sofa zum Ausruhen, eine Küche für die Mahlzeiten oder Computer mit Internetanschluss an. »Unsere neue Anlaufstelle können die Gäste wie eine eigene Wohnung nutzen«, erläuAnzeige

Fotos C. Eickhoff-Klouvi

Umbau, Neubau, Eröffnung und Mahnung: »Quantensprünge« in Nienburgs Obdachlosenhilfe.

Die sanierte »Herberge zur Heimat« bietet bis zu 29 Obdachlosen eine Unterkunft.

tert Sozialarbeiterin Caroline Lampe. »Nur über Nacht schlafen ist hier nicht möglich.« Zusammen mit Heinrich Behneking arbeitet sie seit einem Jahr in der Beratungsstelle, die neuen Räume sind schon nach wenigen Wochen fester Anlauf- und Treffpunkt für die Klienten geworden. Eine kleine Kleiderkammer bietet Ersatzklamotten, im Bad stehen Dusche, Waschmaschine und Trockner zur Verfügung, und die Mitarbeiter beraten und vermitteln bei allen Problemen mit Behörden und eigener Lebensplanung. Ziel sei es, wieder dauerhaften Wohnraum und ein würdiges Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen. Ein Angebot unter vielen ist der Verkauf des Magazins Asphalt, der in der Beratungsstelle koordiniert wird und den Wohnungslosen eine Aufgabe mit Struktur und Selbstbestimmung gibt sowie ein Zubrot ermöglicht. Besonders wichtig sind die offenen PCs. Hier pflegen die Gäste etwa private Kontakte zu Angehörigen und Freunden, kommunizieren aber auch mit Behörden wie dem Jobcenter und suchen

online nach Wohnungs- und Stellenanzeigen. Zur Einweihungsfeier im Juli wurde die Vernetzung der beteiligten Institutionen in Nienburg deutlich. Kooperationspartner aus Kirche, Kommune und Gesellschaft zeigten übereinstimmend Zuversicht, dass in den neuen, hellen Räumen die ambulante Beratung noch besser Hilfe leisten kann als bisher. Für Diakoniepastor Rainer MüllerBrandes ist der Umzug aus der FriedrichLudwig-Jahn-Straße in die Nähe des Jobcenters »ein Quantensprung der ambulanten Hilfe.« Und Superintendent Martin Lechler machte unter Rückgriff auf den biblischen Jesaja-Vers »Brich dem Hungrigen dein Brot, und die, so im Elend sind, führe ins Haus« deutlich, dass solche Arbeit wie die der Ambulanz ohnehin seit rund 2.000 Jahren Christenpflicht sei. Und aktuell: Das Engagement sei umso wichtiger, als es in Nienburg viel zu wenig einfachen aber ordentlichen Wohnraum für Einzelpersonen zu günstigen Preisen gebe, so Lechler.


Aus der Szene Asphalt 08/2015 19

Genau dort setzt die stationäre Herberge zur Heimat an. Für 29 Personen stehen seit dem Erweiterungs- und Umbau des vereinseigenen Hauses an der Bahnhofstraße 20 im letzten Jahr Appartements zur Verfügung. Die verarmten Klienten können von einer Übernachtung bis zu einigen Monaten unterkommen, sogar an die im Obdachlosenmilieu besondere Verbindung von Hund und Herrchen ist gedacht, es gibt einige Zimmer mit Körbchen. Rechtzeitig zum 110. Jahr des Bestehens, der Verein Herberge zur Heimat wurde 1904 gegründet, waren die Baumaßnahmen fertig. Wie in einer zeitgemäßen Pension sind alle Zimmer mit Bad, TV und Kühlschrank ausgestattet, täglich kocht das Mitarbeiterteam frisch und serviert drei Mahlzeiten im zentralen Speisesaal. »Seit dem Umbau sind wir so gut wie voll belegt«, zeigt sich Leiter Roland Rinaldo zufrieden, verweist aber gleichzeitig auf den angespannten Markt im Bereich des sozialen Wohnungsbaus in Nienburg. Der Traditionsverein, einst als Hilfeeinrichtung für bedürftige Reisende, Burschen auf der Walz und Wohnungslose gegründet, will noch in diesem Jahr eine Immobilie erwerben

und umbauen. Für eine Million Euro sollen sechs bis sieben solide und bezahlbare Wohnungen für mittellose Einzelpersonen entstehen. In den letzten zwanzig Jahren hat sich der Verein rasant entwickelt: Die Herberge zur Heimat betreibt in der Stadt auch die Beratungsstelle Wohnwege, die der Wohnungslosigkeit vorbeugt (bei Mietschulden, fristloser Kündigung oder unzumutbaren Verhältnissen), die Nienburger Tafel sowie das faire Kaufhaus Fundus in der Lange Straße, das Langzeitarbeitslosen Perspektiven und schmalen Geldbeuteln Einkaufsmöglichkeiten bietet. Carmen Eickhoff-Klouvi Ambulante Beratungsstelle Nienburg Bahnhofstrasse 3 · 31582 Nienburg/Weser Telefon: 05021 – 667 76, Mail: wohnungs­ losenhilfe.nienburg@zbs-hannover.de www.diakonisches-werk-hannover.de Herberge zur Heimat e.V. Bahnhofstrasse 20 · 31582 Nienburg/Weser Telefon: 05021 – 121 30 Mail: info@herberge-nienburg.de www.herberge-nienburg.de

Mit bitterbösem Blick Man muss Harry Potter nicht mögen, um von diesem Buch beeindruckt zu sein. Ein Roman für Erwachsene (kein Krimi), mit bitterbösem Blick auf soziale Ausgrenzung, von Geburt an fehlende Chancen, Klassendünkel und die Vererbung des Benachteiligtseins auf die nächste Generation. Die Zauberwelt von Hogwarts erwuchs aus Rowlings Fantasie, sie selbst ist nie von Gleis 9 ¾ abgereist, hat nie einen Zauberstab in der Winkelgasse gekauft und keine Minute Quidditch gespielt. Aber die Verlorenheit der Armen und die Kälte und Überheblichkeit der Bessergestellten, die sie in »Ein plötzlicher Todesfall« schildert, beobachtete Rowling ganz konkret in den englischen Städten (und könnte es auch in den deutschen). Sie schildert präzise und mit sezierender Ironie.

Feierten Nienburgs neue Ambulante Hilfe

(v.r.n.l.): die Sozialarbeiter Heinrich Behneking

und Carolin Lampe mit ZBS-Leiterin Nadine Haandrikman-Lampen, Superintendent

Martin Lechler und Diakoniepastor Rainer MüllerBrandes (hinten).

Arm und Reich im Buch Der Lesetipp

Es ist das Panorama einer hübschen Kleinstadt und ihres an die Außengrenzen gedrängten Armenviertels, irgendwo in England. Rowling lässt uns teilhaben an der negativen Dynamik in mehreren Familien, die Perspektive wandert von den Jugendlichen zu den Erwachsenen, von den Armen zu den Reichen, von den Politikern zu den Drogensüchtigen. Und zurück. Einen Mord gilt es nicht aufzuklären. Aber der plötzliche Todesfall auf den Eingangsseiten setzt so viele Hass-, Neid- und Abwertungsreaktionen in Gang, dass sich die soziale Spannung in der Kleinstadt von Tag zu Tag erhöht. Unbeherrschbare Entladungen sind irgendwann nicht mehr abzuwenden. Und minutiös beschrieben. Das literarische Plädoyer einer Schriftstellerin für mehr Gerechtigkeit Joanne K. Rowling, Ein plötzlicher Todes­ fall. Ullstein Taschenbuch 2013, 572 Seiten, und Chancengleichheit. 11,99 Euro. Renate Schwarzbauer


20 Asphalt 08/2015 Aus der Szene

Das muss mal gesagt werden

Die Presse hat sich wieder einmal eines Themas bemächtigen müssen, das einer Gesellschaft wie der unseren wahrlich unwürdig ist: Da gibt es Menschen, die einen derartigen Hass auf Hundebesitzer haben, dass sie präparierte Köder auslegen, um deren Hunde qualvoll zu töten. Wie krank muss man im Kopf sein, um auf solch eine Idee zu kommen? Selbst Besitzerin eines Hundes, kann ich es trotzdem durchaus verstehen, dass eine Wut auf dieje-

gesucht – gefunden

nigen aufkommt, die mit den Worten »mein Hund tut doch nichts, der will nur spielen«, reagieren, wenn ihr Hund auf Jogger, Spaziergänger, Radfahrer oder auch auf kleinere Hunde (wie meiner einer ist) zuläuft. Sie ignorieren die Gefühle anderer vollkommen, anstatt ihren Hund an die Leine zu nehmen, wenn sich jemand nähert. Dabei sind allein sie es, die verantwortlich dafür sind, dass es Menschen gibt, die zu Hundehassern werden. Ich denke, hier ist eine Verhaltungsänderung vieler Hundebesitzer dringend erforderlich, damit nicht den Argumenten der Gegner Stoff gegeben wird! Aber noch einmal: Wer es übers Herz bringt, Hunde derart grausam zu quälen, hat selbst kein Herz und verdient tiefste Verachtung und müsste hart bestraft werden. Karin Powser

Karin Powser lebte jahrelang auf der Straße, bevor ihr eine Foto­ kamera den Weg in ein würdevolleres Leben ermöglichte. Ihre Fotografien sind mittlerweile preisgekrönt. Durch ihre Fotos und mit ihrer Kolumne zeigt sie ihre ganz spezielle Sicht auf diese Welt.

Verkäuferin Natalie, Nr. 2170: Ich suche einen Fahrrad­ anhänger. Sollte auch gut zu schieben sein. Kontakt: 0178 – 873 84 58. Verkäufer Wolfhardt, Nr. 1886: Ich suche amerikanische, australische, irische T-Shirts. Vielen Dank. Kontakt: 0511 – 30 12 69-20. Verkäufer Torsten, Nr. 2194: Suche dringend ein 28er-Herrenrad. Danke schön. Kontakt: 0152 – 57 66 03 93. Verkäufer Guido, Nr. 1907: Meine Lebensgefährtin und ich suchen eine Wohnung bis 60 m2 in Hannover und Region. Da wir beide ALG-II beziehen, darf die Miete nicht höher als 430 Euro sein. Aus gesundheitlichen Gründen bitte maximal 2. Stock, Gartennutzung und Balkon wären toll. Kontakt: 0160 – 696 05 55. Verkäufer Mario, Nr. 1970: Ich brauche eine Waschmaschine (Toplader) sowie ein Damenrad (gern älter), eine Couch mit

Rundeck sowie ein Laptop. Kontakt: 01575 – 543 35 09. Verkäuferin Heidi, Nr. 1786: Suche für mich und Hund ›Motte‹ eine kleine 1-2-Zimmerwohnung, Hartz-IV-tauglich, allerspätestens 31.12.2015. Kein Schufa­eintrag. Vielen Dank. Kontakt: 0179 – 377 75 92. Der Asphalt-Vertrieb sucht für unseren ehemaligen Verkäufer Herbert, Nr. 2190 einen Rollstuhl, oder noch besser eine Fahrrad-Rollstuhl-Kombination, da er ständig auf fremde Hilfe angewiesen ist. Sein bisheriger Rollstuhl wurde leider gestohlen. Kontakt: 0511 – 30 12 69-20. Wenn Sie Kleidung oder Kleinelektrogeräte kostenlos abgeben möchten, wenden Sie sich bitte an den Asphalt-Vertrieb unter 0511 – 30 12 69-20. (Abgabe nur nach vorheriger Absprache möglich!) Unter www.asphalt-magazin.de finden Sie außerdem verschiedene Anlaufstellen in unserem Verbreitungsgebiet.

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Das Asphalt-Magazin sucht Journalisten mit abgeschlossenem Volontariat im Raum Oldenburg/Wilhelmshaven/Leer. Idealerweise haben Sie ein Faible für Lokalpolitik und gute Geschichten. Kontakt: Asphalt-Redaktionsleiter Volker Macke, Telefon 0511 – 30 12 69-14. Bewerbungen gern online an macke@asphalt-magazin.de.


Rund um Asphalt Asphalt 08/2015 21

»Ich würd’ alles ändern« Aus dem Leben: Asphalt-Verkäufer Martin erzählt. es dann zurück nach Hameln zu meinen Eltern in die Wohnung. Da bekam ich eine Lehrstelle als Straßenbauer. Vom Verdienst sah ich allerdings kaum etwas, da meine Mutter fast alles Geld einbehielt. Ich hatte ihr dummerweise die Kontovollmacht gegeben, und das nutzte sie aus. Naja, und so haute ich mit 20 wieder ab nach Hildesheim. Und da kippte mein Leben. Ich war so fertig zu dieser Zeit. Ständig habe ich mich geprügelt, ich war spielsüchtig und schlimm am Saufen. Wenn ich morgens aufstand, brauchte ich Alkohol. Egal was. Ich trank alles, was mir in die Finger kam. Selbst Spiritus. Auch vor Rasierwasser machte ich keinen Halt. Und das war auch die Zeit, zu der ich anfing, Menschen auszurauben. Meine Knastkarriere begann und meine Eltern wollten nichts mehr von mir wissen. Mitte der neunziger Jahre starben sie beide, und seitdem habe ich auch nichts mehr mit Knast und Raubüberfällen am Hut. Zum Glück. Das ist so einer der Wendepunkte in meinem Leben. Auch in Bezug auf meine Sauferei, denn während meiner Gefängnisaufenthalte wurde ich therapiert und habe seitdem den Alkohol im Griff. 1997 kam ich zu Asphalt. Mit einem Kollegen zusammen waren wir die ersten und einzigen Ver­ käufer in Hildesheim. Allerdings habe ich zu der Zeit vier Jahre auf der Straße gelebt. Wobei auch das sein Gutes hatte, denn dadurch bin ich auf meinen damaligen Hund Frantek gestoßen. Er war mit anderen in dem Wald ausgesetzt worden, in dem ich zeltete. Mittlerweile ist Frantek auch schon tot. Durch diesen Hund habe ich meine jetzige Freundin gefunden, da sie sich in Frantek verliebte. So spielt das Schicksal. Jetzt fehlt nur noch eine Wohnung in Peine, in der wir beide zusammenziehen können. Doch das ist nicht ganz einfach – meine Freundin sitzt im Rollstuhl.« Foto: K. Powser

»Ich bin gerade vor drei Wochen 54 Jahre alt geworden. Und ich habe fast ein Viertel meines Lebens im Knast verbracht – 13,5 Jahre. Ich weiß, ich finde das selbst auch zum Kotzen. Und deswegen bin ich auch sehr stolz, dass ich seit rund 20 Jahren nichts mehr damit am Hut habe. Ich hatte damals mehrfach arglose Passanten überfallen und sie beraubt. Zu der Zeit war ich spielsüchtig und schwer alkoholabhängig. Und da ich Geld brauchte, machte ich so einen Schwachsinn. Schrecklich. Ich würd’ alles ändern, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte. Wenn man mich heute fragt, wie ich denn so auf diese schiefe Bahn kommen konnte, dann kann ich es eigentlich nur mit meiner Kindheit und Jugendzeit erklären. Geboren bin ich in Oldenburg. Allerdings ist meine Mutter mit mir als Säugling schon nach Hameln gezogen. Dort bin ich aufgewachsen- ohne Vater, den habe ich nie kennengelernt. In Hameln hat meine Mutter auch wieder geheiratet und zwei weitere Söhne bekommen. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, wurde sie schwer krank. Sie hatte einen Hirntumor und musste ins Krankenhaus. Mein Stiefvater hatte nichts Besseres zu tun als abzuhauen, als sie in die Klinik kam. Damit nicht genug: Da ja nun niemand mehr zu Hause war, der auf uns Kinder aufpassen konnte, kamen wir in ein Heim. Nun ja. Irgendwann ging es ihr nach elf Operationen wieder etwas besser und meine Mutter wurde entlassen. Dann heiratete sie erneut. Ich erinnere mich, dass ihr neuer Mann anfangs am Wochenende ins Heim kam, um uns abzuholen. Allerdings nahm er immer nur meine beiden Brüder mit. Ich musste allein im Heim zurückbleiben. Auch danach, als wir zu fünft in einer kleinen Wohnung wohnten, musste ich ständig zurückstecken. Wenn meine Geschwister Mist gebaut hatten, bekam ich die Schläge. Dort zu leben war einfach nur Stress für mich. Wir haben alle fünf in einem Bett geschlafen. Ungelogen! Ich musste da raus. Und so haute ich immer wieder ab. Mit etwa elf Jahren bin ich in eine freiwillige Erziehungshilfe in Hildesheim gekommen. Mit 18 ging

Verkäufer Martin (54) verkauft in der Regel von Montag bis Samstag 10.30 Uhr bis 13 Uhr in der Nähe der Ecke Breite Straße/Echterngasse in Peine. Aufgezeichnet von Mark Eickhorst


22 Asphalt 08/2015 Rund um Asphalt

»Rente ist wie Geburtstag – nur das ganze Jahr« – so bezeichnet Noch-Asphalt-Vertriebsleiter Helmut Jochens die Zeit, die nach seinem Ausscheiden von Asphalt vor ihm liegt. Zwölf Jahre hat der 63-Jährige die Geschicke unseres Straßenmagazins mitbestimmt. Und viele haben von ihm profitiert. »Helmut hat dem Vertrieb immer die nötige Struktur gegeben. Es imponiert mir, mit welcher tollen Art er mit den Verkäuferinnen und Verkäufern umzugehen weiß. Es ist schade, dass er geht, und er wird fehlen, das ist jetzt schon klar«, sagt Asphalt-Geschäftsführer Reent Stade. Auch Helmut Jochens selbst schaut gern auf seine Zeit bei Asphalt zurück und schätzt die Erfahrungen, die er hier sammeln konnte: »Ich habe bei Asphalt gelernt, hinzugucken, wenn mir Armut auf der Straße begegnet. Und das ist ganz wichtig! Auch als Rentner werde ich immer Zeit dafür haben, mit einem Verkäufer ein paar Worte zu wechseln.« Noch bis Ende August wird Helmut Jochens seinen Nachfolger einarbeiten, dann geht es in den verdienten Ruhestand. Sein Plan für diese Zeit: nichts Konkretes. Zumindest erstmal. Ab September wird dann Thomas Eichler den Asphalt-Vertrieb leiten. Er kommt ursprünglich aus der Logistikbranche und hat lange Zeit bei einer Spedition gearbeitet. Wir sind überzeugt, dass auch Thomas Eichler einen tollen Job machen wird. Schluss nach zwölf Jahren: Helmut Jochens.

gewinne!

Neuigkeiten aus dem Zoo

Happy Birthday!

Foto: Zoo Hannover

Als Neyla, Basu und Tamika an diesem Morgen aufwachten, staunten sie nicht schlecht: Da standen jede Menge ungemein verlockend duftende Geschenke und eine große Eins mitten im Löwengehege! Zur Feier des ersten Geburtstags der Ber-

berlöwendrillinge gab es ein Geschenk zum anschleichen, anspringen, auseinandernehmen und anschließend verschlingen – mit lauter Leckereien gefüllte Kartons. Die drei jungen Löwen sind der zweite Wurf des Berberlöwenpaares Binta und Chalid,

Foto: M. Eickhorst

Abschied im Vertrieb

Mit Asphalt in den Zoo!

Jeden zweiten Monat 10 x 2 Tageskarten zu gewinnen. Zur Verfügung gestellt vom Erlebnis-Zoo Hannover

die seit 2010 im Zoo Hannover leben. In ihrer nordafrikanischen Heimat sind Berberlöwen in freier Wildbahn seit Mitte des 20. Jahrhunderts ausgestorben. Möchten Sie die Löwenfamilie gern besu­ chen? Dann beantworten Sie uns einfach folgende Frage: Seit wann leben die Eltern der kleinen Löwen im Zoo Hannover? Schicken Sie uns eine Postkarte, eine E-Mail

oder ein Fax mit ihrer Antwort und dem Stich-

wort »Zoo« bis zum 31. August 2015 an: AsphaltRedaktion, Hallerstraße 3 (Hofgebäude),

30161 Hannover, gewinne@asphalt-magazin.de, Fax: 0511 – 30 12 69-15. Bitte vergessen Sie Ihre

Absenderadresse nicht! Viel Glück!

Die Lösung unseres letzten Zoo-Rätsels lautete: Himba, Victoria, Cherry und Kiboko.


Rund um Asphalt Asphalt 08/2015 23

Politische Fahrt nach Berlin Auf Einladung des Bundestagsabgeordneten Sven Christian Kindler (Bündnis90/Die Grünen) verbrachte das Asphalt-Team im Juni zwei Tage in Berlin. Kindler ist regelmäßiger Leser des Magazins und hat auch schon den Sozialen Stadtrundgang mitgemacht, den Asphalt anbietet. Nun konnten Verwaltung, Vertrieb und Redaktion an einem der Berlin-Aufenthalte teilnehmen, die jede/r Abgeordnete dreimal im Jahr für interessierte Personen anbieten darf. Leider waren vier Mitglieder der AsphaltCrew aus persönlichen Gründen verhindert. Die verbleibenden Acht erlebten ein sehr gut organisiertes, politisch und historisch anregendes Programm, gemeinsam mit 35 weiteren Personen aus Kindlers Wahlkreis.

Stationen waren unter anderem: die Ausstellungen »Topographie des Terrors« zur NS-Geschichte in Berlin und »Die Entwicklung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland«; eine Führung zur neuesten Streetart, eine Diskussion zu sozialpolitischen Problemen im Ministerium für Arbeit und Soziales, ein Besuch der Reichstags­ kuppel sowie ein Abendgespräch mit Kindler. Als haushaltspolitischem Sprecher seiner Fraktion wurden ihm vor allem Fragen zur aktuellen Griechenlandpolitik gestellt. sch Infos zu Berlin-Fahrten auf Einladung von Abgeordneten unter www.bundestag.de/ MdB Sven Christian Kindler (Dritter v.l.) mit besuche. einem Teil des Asphalt-Teams.

Sponsorenlauf für Drogenarbeit egal ob zu Fuß oder mit Fortbewegungsmitteln. Vom Kettcar bis zum Rollator ist alles erlaubt. Drei Strecken stehen zur Auswahl. Die Startgebühr von 15 Euro pro Person und jede gelaufene Runde können sich die Teilnehmer sponsern lassen. In den vergangenen Jahren kamen bereits fast 30.000 Euro zusammen. »Neues Land« setzt sich seit rund 40 Jahren für soziale Randgruppen ein. So betreibt die Einrichtung auch ein Bistro, unter anderem für Obdachlose. me Anmeldungen zum Sponsorenlauf sind noch möglich: www.neuesland.de/hoffnover

Foto: M. Lenzen

Am 19. September startet der mittlerweile dritte Sponsorenlauf der christlichen Drogenarbeit »Neues Land« in Hannover. Auch Ex-Asphalt-Verkäufer Andreas Böll, selbst lange Zeit drogenabhängig gewesen, will stellvertretend für viele Asphalt-Verkäufer mitmachen, damit für die Einrichtung ordentlich Geld zusammen kommt. »Neues Land« konnte ihm und vielen anderen bei ihrem Drogenproblem helfen. Heute ist Andreas Böll clean. »Ich bin der Drogenhilfe und auch Asphalt für die Unterstützung sehr dankbar«, betont Böll. Beim sogenannten »Hoffnover 3.0« können alle mitmachen,

Andreas Böll läuft für »Neues Land«

Impressum Anzeigen: Heike Meyer Herausgeber: Prof. Dr. Heiko Geiling, Hanna Legatis, Rainer Müller-Brandes Gründungsherausgeber: Walter Lampe

Verwaltung: Janne Birnstiel (Assistentin der Geschäftsführung), Heike Meyer Archiv: Dr. Waltraud Lübbe

Redaktion: Volker Macke (Leitung, V.i.S.d.P.), Jeanette Kießling, Renate Schwarzbauer

Vertrieb & Soziale Arbeit: Helmut Jochens (Leitung), Romana Bienert, Christian Ahring (Sozialarbeiter)

Freie MitarbeiterInnen dieser Ausgabe: C ­ . Eickhoff-Klouvi, M. Eickhorst, S. Göttel, Greser & Lenz, S. Nolte, K. Powser, S. Przybilla, G. Schild, S. Szameitat, L. Varga

Asphalt Vertrieb & Verlag gGmbH Hallerstraße 3 (Hofgebäude) 30161 Hannover Telefon 0511 – 30 12 69-0 Fax 0511 – 30 12 69-15

Fotografin: Karin Powser

Geschäftsführer: Reent Stade

Spendenkonto: Evangelische Bank eG IBAN: DE 35 5206 0410 0000 6022 30 BIC: GENODEF1EK1 Online: www.asphalt-magazin.de redaktion@asphalt-magazin.de vertrieb@asphalt-magazin.de herausgeber@asphalt-magazin.de Redaktion Celle: Ulrich Rennpferdt Redaktion Nord-West: Mark Brockmann

Asphalt erscheint monatlich. Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 17.7.2015

Für un­auf­gefor­dert ­ein­ge­sandte Manu­­­skripte, ­Bilder und Bücher über­nehmen wir keine Gewähr. ­Rück­sendung nur, wenn Porto beigelegt wurde. Gesellschafter:

Herstellung: eindruck, Hannover Druck: v. Stern’sche Druckerei, ­Lüneburg Druckauflage: ø 27.000

H.I.o.B. e.V. Hannoversche Initiative obdachloser Bürger


24 Asphalt 08/2015

Lecker Unkraut

Köstliches und Nützliches aus Löwenzahn, Giersch und Co.

Birgit Brinkmann aus Rinteln liebt ihren Garten. Allerdings mehr als viele andere: Fast alles, was in ihrem Garten wächst, isst sie. Auch das, was andere gern als Unkraut bezeichnen. Ihre besondere Vorliebe: Brennnesseln. »Eine völlig unterschätzte Pflanze«, sagt Birgit Brinkmann. »Brennhild«, wie sie sich selbst gerne nennt, interessiert sich bereits seit ihrer Jugend für »Unkräuter«. So wurde ihre Leidenschaft auch zu ihrer Berufung. Birgit Brinkmann studierte Sozialwissenschaften mit dem Spezialgebiet Ernährung und Ökologie. Heute gibt sie unter anderem Kurse und zeigt, welche Wildpflanzen auf welche Art und Weise essbar sind. Dass Giersch gut in der Küche genutzt werden kann, hat

Horsd’œuvre: Löwenzahn im Käsemantel Stängel Löwenzahn samt Blüte Halbe Scheibe Käse Stängel der Länge nach aufschlitzen und in kaltes Wasser legen, bis eine Spirale entsteht, Scheibe Käse aufrollen und mit der Spirale umwickeln/fixieren, Blüte in das Röllchen stecken. Fertig!

sich mittlerweile herumgesprochen. Kombiniert mit Orangen ist es ein leckeres Dessert. Ebenso die Brennnessel als Hauptgericht und Fliederblüten als Getränk. Birgit Brinkmann sagt, dass es kein Problem sei, sich mindestens eine Woche von dem, was am Wegesrand wächst, zu ernähren. Also im Prinzip ohne Geld. Für Asphalt hat sie Informationen und ein kleines, wildes Menue zusammengestellt. Doch Vorsicht: ungeübte Mägen könnten sensibel reagieren … Mark Eickhorst Mehr Informationen zu Wildkräutern und Birgit Brinkmann finden sie im Internet: www.kann-man-essen.de

Getränk: Sommerlicher Eistee Triebe von Zitronenmelisse Blüten vom Flieder oder Trauben­k irsche Leitungswasser Alles über Nacht im normalen Leitungswasser ziehen lassen. Wenn die Triebe braun werden, sollten sie spätestens herausgenommen werden. Nach Belieben süßen.

Was Sie wissen sollten

1. Sammeln und essen Sie nur, was Sie genau kennen. Wenn sie ein Wildkraut zum ersten Mal verwenden, legen sie es am besten mal auf ein Butterbrot und warten sie etwas ab, wie es ihnen dabei und danach geht.

2. Sammeln Sie möglichst in wenig belasteten Gegenden (eher ungeeignet: Straßenrand, Nähe von Feldern, in öffentlichen Parks) 3. Jeder Sammler darf etwa eine Handvoll am Tag im öffentlichen Raum sammeln 4. Reinigen Sie die Pflanzen gründlich 5. Ernten Sie möglichst bei trockenem Wetter (sonst Schimmelgefahr) 6. Richtige Ausrüstung: Handschuhe, Korb, Schere, evtl. ein Kräuterbestimmungsbuch


Fotos: M. Eickhorst

Asphalt 08/2015 25

Würze: Giersch-Knoblauch-Salz 1 Knoblauchzehe Handvoll Gierschblätter 100 gr. Meersalz Alles im Mörser zerreiben. In ein verschließbares Glas abfüllen. Darin ist es im Kühlschrank lange haltbar.

Hauptgericht: Käsekrustenbrennie 1 Topf voll Brennnesseln Salz Scheibenkäse 1 Zwiebel 1 Ei Pfeffer Curry Muskat Vierkornflocken oder Haferflocken Eisbergsalat Dressing: 2/3 Joghurt 1/3 Salatmayonnaise Giersch-Knoblauch-Salz (siehe Anleitung rechts) Brennnesseln in einem großen Topf mit etwas gesalzenem Wasser ca.

10 – 15 Mi­nuten dünsten. In der Zwischenzeit eine Zwiebel klein hacken. Danach Brennnesseln aus dem Topf fischen und ebenfalls klein hacken. Alles zusammen mit einem Ei und den Flocken in einem Topf zu einer Masse verrühren. Käse in rechteckige, kleine Scheiben schneiden und jeweils mit Masse belegen. Die Käsehappen dann mit der Käseseite nach unten in die nicht zu heiße Pfanne geben und bei mittlerer Hitze die Käsekrustenbrennies ca. 5 Minuten braten, umdrehen und auf der anderen Seite fertig garen. Das Dressing aus Mayo und Joghurt mit etwas Giersch-Knoblauch-Salz würzen. Zum Schluss aus dem kleingeschnittenen Eisbergsalat ein Salatbett anrichten. Etwas Dressing dazugeben und die Brennies mit der Knusperkruste nach oben dazu legen.

Getränk und Nachtisch: Wilder Schaum Handvoll Gundelrebe (Gundermann) Handvoll Pfefferminz Handvoll Zitronenmelisse Alles zusammen mit etwas Wasser pürieren und durch einen Trichter und ein Sieb in eine Flasche abfüllen. Der Sud kann als geschmackvoller und gesunder Teeextrakt mit kaltem oder heißem Wasser aufgegossen werden und ist etwa drei Tage haltbar. Den im Sieb gewonnenen eiweißreichen Kräuterschaum beispielsweise mit etwas Apfelmus anrichten und genießen.

Dessert: Giersch-Walnuss-Orangen Orangen Gierschstängel Walnüsse Salz Orangen schälen und in Scheiben schneiden. Gierschstängel klein schneiden. Einige Walnüsse knacken und zerkleinern. Orangenscheiben auf einem Teller an­ r ichten und mit zerkleinerten Giersch und Wallnüssen bestreuen. Etwas salzen. Fertig.


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Löwenzahn Wirkung: Appetit- und verdauungsanregend, reinigt und entschlackt Bes. Inhaltsstoffe: Bitterstoffe Sammelzeit: Blätter und Blüten April bis Juli/August. Wurzel im Frühling oder Frühherbst Verwendete Pflanzenteile: Alle (Blüte, Stängel, Blätter, Wurzel) Verwendungsmöglichkeit: Salat (schmeckt ähnlich wie Chicorée), Brotbelag, Eierspeisen. Passend zu allem Deftigen, z. B. Spaghetti Carbonara. Aus der Wurzel lässt sich Kaffee herstellen. Blütenblätter wurden früher als Safranersatz verwendet.

Sauerampfer

Gundermann Wirkung: Schleimlösend, entzündungshemmend, stoffwechselfördernd Bes. Inhaltsstoffe: Bitterstoffe, ätherische Öle Sammelzeit: März bis Juli Verwendete Pflanzenteile: Blätter, Blüten Verwendungsmöglichkeit: Schmeckt minzig-herb. Tee, Saft, Gewürz. Eher mediterran: zu Fisch, Lamm, Eier­ speisen, Kräuterbutter und -käse.

Wirkung: Vor allem gegen Akne und Pickel, entschlackt, blutreinigend Bes. Inhaltsstoffe: Vitamin C Sammelzeit: März bis Oktober Verwendete Pflanzenteile: Blätter, Wurzeln Verwendungsmöglichkeit: Salat, Suppe, zu fettreichen Gerichten.

Spitzwegerich Wirkung: Wirkt antibakteriell, stillt Blutungen, hemmt Entzündungen Sammelzeit: April bis Oktober Verwendete Pflanzenteile: Blätter, Früchte, Samen, Wurzeln, Knospen (schmecken wie Pilze) Bes. Inhaltsstoffe: Vitamin C, antibiotische Stoffe Verwendungsmöglichkeit: Zu mediterranen Gerichten, als Pesto.

Giersch Wirkung: Entzündungshemmend, harntreibend Bes. Inhaltsstoffe: Vitamin C, ätherische Öle Sammelzeit: Mai bis September Verwendete Pflanzenteile: Stängel (schmeckt ähnlich Möhre/Sellerie), Blatt (schmeckt wie Petersilie, kann sehr gut getrocknet werden) Verwendungsmöglichkeit: Kraut in Suppen, Tee, Salat Achtung: Verwechslungsgefahr mit giftigen Pflanzen.

Brennnessel Wirkung: Stärkung der körpereigenen Abwehrkräfte, harntreibend, blutreinigend Bes. Inhaltsstoffe: Eiweiß, ungesättigte Fettsäuren, Vitamin A,C,E, Eisen und Kalium Sammelzeit: März bis Oktober Verwendete Pflanzenteile : Kraut, Blüten, Früchte, Samen, Wurzel Verwendungsmöglichkeit : Schmeckt roh als Salat süßlich und gegart ähnlich wie Spinat, kann sehr gut getrocknet und als Tee genutzt werden.


Asphalt 08/2015 27

Alt auf dem Land

Die Niedersachsen werden älter und weniger. Besonders auf dem Land. Solidarität und Senioren-WGs könnten helfen. Immer weniger ist noch so wie früher. Während landesweit die Bevölkerung in der Zeit von 2000 bis 2012 um 1,9 Prozent schrumpfte, waren es jenseits der Städte beinah drei. Und das ist ein Trend. In den nächsten 15 Jahren wird nach Einschätzung der Landesregierung die Bevölkerung auf dem Land sogar um 7,8 Prozent abnehmen. Und: Heute sind 27 Prozent der Niedersachsen 60 Jahre und älter. 2035 werden es bereits 36 Prozent sein. Besonders viele Menschen im Rentenalter wohnen in Gebieten wie Goslar, Northeim und Osterode am Harz, aber auch bei Cuxhaven und im Wendland. Manche würden lieber heute als morgen aus ihrem Dorf wegziehen. Wenn es keine Lebensmittel mehr zu kaufen und

weder Arzt noch Apotheke am Ort gibt und die Kinder schon lange in die Stadt gezogen sind, erscheint ein Umzug beinahe logisch. Noch vor zwei oder drei Generationen war es auf dem Land selbstverständlich, dass die Kinder, wenn sie sesshaft wurden, auf den elterlichen Hof zurückkamen oder zumindest im selben Dorf bauten. Heute greift um sich, was früheren Generationen undenkbar schien: Oma und Opa ziehen noch einmal um – in die Stadt. Vorausschauende Rentner müssen in manchen Regionen Niedersachsens befürchten, das Leben im Dorf allein nicht mehr meistern zu können und das womöglich ohne Auto und mit dürftigen Busverbindungen. Am Ende ist das Haus zu groß geworden, der Garten nicht mehr

zu bewältigen. »Wir beobachten eine Landflucht aus den schrumpfenden Regionen im südlichen Niedersachsen, im nördlichen Hessen, im Ruhrpott, aber auch in Bayern«, erklärt Alexander Wiech vom Eigentümerverband Haus und Grund, Berlin. »Größere Städte sind bei jungen Leuten wahnsinnig attraktiv, schließlich bleiben in den Dörfern nur noch ältere Menschen zurück.« Ganze Ortschaften stürben aus. »Wenn ein wichtiger Arbeitgeber den Laden zumacht, wird es problematisch«, so Wiech. Manche Eigentümer von zu groß gewordenen Häusern auf dem Dorf überlegten heutzutage genau, ob es sich noch lohne, in Modernisierung zu Fortsetzung auf der nächsten Seite

Manches Einfamilienhaus in ländlichen Regionen steht schon lange leer. Immer mehr Alte ziehen zurück in die Stadt, und junge Familien bleiben

mangels beruflicher Perspektiven aus.


28 Asphalt 08/2015

Die Themenreihe:

Leben auf dem Land – Hat Dorf Zukunft? – Mobilität dank Ehrenamt – Armut auf dem Land – Jung zwischen Alten – Dörfer ohne Bauern

– Alt werden im Dorf – Fremde im Ort

Fraktion und Diplomingenieurin für Raumplanung. »Wenn die Senioren ihr altes, zu großes Haus verkaufen können, um in eine kleinere Wohneinheit zu ziehen, ist damit allen Beteiligten gedient.« Nach Beobachtung der Delmenhorsterin wollen ältere Menschen gar nicht gleich vom Dorf in die Großstadt ziehen, sondern lieber ins nächstgelegene Mittelzentrum. »Sie wollen den täglichen Einkauf allein bewältigen und den Arzt in der Nähe haben.«

Oft fehlen Ärzte Dabei könnten Initiativen wie die in Delmenhorst helfen, wo die Malteser nicht

Fotos (2): S. Szameitat

investieren, wenn sie hinterher doch keinen angemessene Miet- oder guten Verkaufspreis erzielen könnten. »Und anders als früher, wo Haus und Hof vererbt wurden, sind heute nur unzureichend modernisierte Häuser für die Kinder eher ein Klotz am Bein.« »In vielen Landgemeinden muss bereits kein neues Bauland aus­ gewiesen werden, weil genug Häuser mit großen Grundstücken leer stehen«, ergänzt Sylvia Bruns, sozialpolitische Sprecherin der FDP im Landtag. Bau- und Sozialministerin Cornelia Rundt will wegen der Wanderungsbewegung jetzt »einen klaren Schwerpunkt setzen mit der neuen Wohnraumförderung, die auf die Schaffung von Wohnungen für ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und pflegebedürftige Menschen abzielt.« Was genau das heißt, bleibt abzuwarten. Die Landes-CDU jedenfalls fordert direkte finanzielle Unterstützung von jungen Familien, um ein ländliches Haus in passender Größe zu erwerben. »Heizungsmodernisierung und Grundrissänderungen sind teuer. Für alte Bausubstanz muss es Zuschüsse geben, damit sie marktgängig gemacht werden kann«, fordert Annette Schwarz, seniorenpolitische Sprecherin der

Teilhabe ist wichtig: Von ihrer Bank vor der Wohngemeinschaft haben Werner Wächter (von links),

Lisa Ripke und Karin Bergmann das Dorfleben genau im Blick.

mehr mobile alte Menschen beim Einkaufen unterstützten. »Sie fahren mit den Senioren samt Rollator gegen einen Obulus in einen Supermarkt, wo es auch eine Reinigung, ein Café und einen Blumenladen gibt«, berichtet Schwarz. Solche Initiativen sollten von der Landesregierung unterstützt werden, ebenso wie Dorfläden, Sprachkurse in der Erwachsenenbildung und Bürgerbusse, deren Fahrer häufig selbst im Rentenalter sind, so die CDU. Oder auch rollende Arztpraxen, die über die Dörfer zu den immobilen alten Leuten fahren. Ein derartiges Pilotprojekt bei Salzgitter wurde indes trotz allerlei Lob und Lorbeer wieder eingestellt. Weil Menschen im höheren Lebensalter aber nun mal häufiger zum Arzt gehen müssen, aber nicht mal eben nach Feierabend mit dem Auto vorbeifahren können, sind sie auf die wohnortnahe ärztliche Versorgung angewiesen. »Aber die Landesregierung hat die Förderung für Ärzte, die sich in ländlichen Gebieten niederlassen möchten, von einer Million auf 400.000 Euro zusammengestrichen«, moniert Frank Richter, Referent der CDU-Fraktion im Landtag. Damit alte Menschen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben könnten, sollte nach Vorstellung der CDU die Schaffung von barrierearmem und altersgerechtem Wohnraum besser gefördert werden. Außerdem solle mehr Geld in eine bürgernahe Krankenhauslandschaft gesteckt werden. »Mit Ausnahme weniger dünn besiedelter Flächen ist in Niedersachsen eine Krankenhausgrundversorgung innerhalb einer Fahrzeit von maximal 30 Minuten erreichbar«, heißt es dazu seitens der Landesregierung. Ein technischer Wert. »Wir haben bei uns zwar drei Zahnärzte und drei zum Teil schon ältere Allgemeinärzte, aber keinen Facharzt, und die Busverbindungen nach Winsen oder Celle sind suboptimal«, sagt beispielsweise Karin Lahrs, Mitarbeiterin in der 8000-Seelengemeinde Wietze, dazu. »Mehr Landärzte ließen sich gewinnen, wenn junge Ärzte nicht gezwungen wären, mit der Übernahme einer teuren Praxis in einer schrumpfenden Region ein hohes finanzielles Wagnis einzugehen, sondern sich lediglich für zwei bis fünf Jahre niederlassen zu können«, mahnt FDP-Frau Bruns.


Vor allem bei den Alten beliebt: der selbst organisierte Dorfladen in Bolzum bei Sehnde.

Mag der ländliche Ärztemangel fehlender finanzieller Unerstützung und zu starren Regelungen geschuldet sein, sind Dorfbewohner an fehlenden Einzelhandelsgeschäften oft sogar selbst schuld: Der Discounter war billiger als der örtliche Tante-Emma-Laden, der schließlich mangels Kundschaft zumachte. Wer früher Pfennigfuchser und mobil war, muss heute die Konsequenzen tragen.

Solidarität für Teilhabe Zumindest an der schlechten Nahversorgung lässt sich mit etwas Eigeninitiative viel ändern: Erst im März dieses Jahres haben die Bewohner von Bolzum bei Sehnde einen Dorfladen und Treffpunkt eröffnet, für den sie mehr als 70.000 Euro aufbrachten. Zuvor gab es für die insgesamt 1.950 Menschen in den beiden Nachbardörfern Bolzum und Wehmingen nur eine Gärtnerei, einen Kiosk und eine Volksbankfiliale. Jetzt ist das Dorf wieder komplett. Das Beispiel könnte Schule machen – die Region Hannover fördert so viel Eigeninitiative mit einer spezialisierten Gründungsberatung. Bundesweit gibt es nach Schätzungen des Dorfladen-Netzwerkes mittlerweile mehr als 200 genossenschaftlich betriebene Dorfläden. Das wünschten sich auch die Alten in Immensen bei Lehrte. »Ein Lebensmittelgeschäft fehlt im Dorf, aber auch der Blumenladen hat ja jetzt zugemacht«, bedauert Karin Bergmann. Die 71-Jährige wohnt in einer Senioren-Wohngemeinschaft zusam-

men mit Lisa Ripke und Werner Wächter. Selbstorganisiert, die Kinder halfen mit bei der Gründung. Die drei sind pflegebedürftig und werden unter der Regie eines Peiner Pflegedienstes von zwei Pflegehelferinnen versorgt. Das hilft zu bleiben. Und das hilft zu leben. Gern sitzen sie auf »ihrer« Bank vor der umgebauten Wohnung an der Dorfstraße, die früher Post, Fleischer und Getränkeladen beherbergte. »Hier können wir uns frei bewegen und müssen uns nicht dem Trott in einem Altenheim fügen«, meinen sie einmütig. Seit einem Jahr wohnen die drei in der aktuellen Konstellation zusammen. Gegründet wurde die Wohngemeinschaft vor vier Jahren. Über einen Neuling im Team würden sie – wie in jeder richtigen WG üblich – gemeinsam entscheiden. Viel Geld haben sie nicht, alle drei bekommen Pflegegeld, das sie für die stundenweise Betreuung durch die beiden Altenpflegerinnen ausgeben. Doch »Hier auf unserer Bank sehen wir auch, was auf der Straße passiert, und die Leute bleiben auch mal stehen für ein Gespräch«, meint Lisa Ripke. Teilhabe ist ein Grundrecht. Man braucht nicht immer viel dafür. Und längst ist auch wissenschaftlich gesichert: Gerade Menschen mit demenziellen Problemen bietet das Altwerden in der gewohnten Umgebung lange Zeit die wenigsten Schwierigkeiten. Oft kennt man sich von Kindesbeinen an, und wenn die alte Frau Müller tüdelig wird, kümmert man sich. Im Lebensmittelladen wird sie sanft darauf hingewiesen, dass sie

schon einmal Brötchen gekauft hat, beim Friseur wird diskret hinter ihrem Rücken die Nachbarin herbeitelefoniert, damit die alte Dame sicher nach Hause kommt. Der Dorftratsch hat auch seine gute, menschliche Seite. Doch die Idee, selbstbestimmt in einer WG zusammen zu leben, ist vielen Älteren noch fremd. Erst 3.000 derartige Projekte gibt es bundesweit. In Hohenhameln, einer Gemeinde im Landkreis Peine mit elf Ortsteilen, hat sich deshalb ein Generationenhilfeverein gegründet, damit altersverwirrte Mitbürger möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung wohnen bleiben können. Kommunalpolitiker, Ärzte, Pastoren und Geschäftsleute, aber auch interessierte Mitbürger lernten in mehreren Vorträgen, wie sie mit dementen Personen umgehen können. Geübt wurde das auch in Spielszenen und Rollenspielen. Das Bürgerbüro der Gemeinde sollte auch für demenziell Erkrankte Anlaufstelle sein. Die Robert-Bosch-Stiftung und der Verein Aktion Demenz unterstützt Hohenhameln darin, eine demenzfreundliche Kommune zu werden. Den Betroffenen ermöglicht die neue Sachkenntnis der Mitbürger, sich in ihrem Wohnort noch lange zuhause zu fühlen. Ein Weg mit Zukunft? Sabine Szameitat Anzeige

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Silbenrätsel Asphalt 08/2015 31

Silbenrätsel Aus den nachfolgenden Silben sind 16 Wörter zu bilden, deren erste und vierte Buchstaben (Achtung: ch = 1 Buchstabe) – jeweils von oben nach unten gelesen – einen Spruch aus dem Buch »Spruch des Tages – Radio Niedersachsen Band 1« ergeben:

Das Silbenrätsel schrieb für Sie Ursula Gensch. Die Lösung (ggf. mit Angabe Ihres Wunsch­ gewinnes) bitte an: Asphalt-Magazin, Hallerstrasse 3 (Hofge­ bäude), 30161 Hannover; Fax: 0511 – 30 12 69-15. E-Mail: gewinne@asphalt-magazin.de. Bitte vergessen Sie Ihren Absender nicht! at – co – den – eber – ehe – ei – ein – er – fro – Einsendeschluss: 31. August 2015. gleis – hard – hur – il – ist – kan – keit – kum – la – lang – le – ler – man – mu – na – neue – Unter den Einsendern der richtigen Lösung rai – rin – ru – rung – sa – sam – scha – stand – verlosen wir zweimal den Fotoband »Wildte – ten – ti – tig – tru – uni – ver – zen – zu blumen« von Bob Gibbons: Blumenwiesen hoch in den Alpen, leuchtende Orchideen auf den Klippen Südportugals, blühende Wüsten in Südafrika – auf der ganzen Welt 1. Arbeiten am Schienennetz gibt es Blütenlandschaften, die einmalig sind und durch die Formen- und Farben2. ruhiges Tempo vielfalt ihrer Blumen betören. Dieses Buch zeigt die schönsten mit Wildblumen bewachsenen Plätze in der ganzen Welt, 3. einzigartiger Mensch, Narr dazu gibt es Informationen zum naturgeschichtlichen Hintergrund und zur besten 4. Monogamie Reisezeit.

Dreimal haben wir das Hörbuch »Breaking News« für Sie. Der neueste Roman von Erfolgsautor Frank Schätzing wird gelesen von Hansi Jochmann und Oliver Stritzel. Protagonist Tom Hagen ist als Starreporter immer an vorderster Front dabei, wenn es um eine gute Story geht. In Afghanistan überspannt er aber den Bogen und verliert in einer Nacht alles – Renommee, Geld und Zukunft. Sein journalistisches Comeback wird zu einer Hetzjagd durch die explosiv­ sten Gegenden der Welt. »Du bleibst, was du bist« behauptet der Journalist Marco Maurer in seinem Buch mit dem Untertitel »Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet«: Von 100 Akademikerkindern schaffen 71 den Sprung auf die Universität, von 100 Nichtakademikerkindern nur 24. Dieser Tatsache auf den Grund gegangen, zeichnet sich das Bild eines zutiefst ungerechten Landes ab. Bildungsforscher, Neurowissenschaftler und Psychologen kommen zu Wort. Das Buch verlosen wir viermal. Die Lösung des Juli-Rätsels lautete: Wenn die Pflicht ruft, gibt es viele Schwerhörige.

6. Randstück 7. aktuelle Lage 8. japanischer Adliger 9. amerikanischer Präsident (1945 bis 1953) 10. Hauptstadt von Colorado 11. Fluss zur Donau 12. Jungenname 13. englisch: gefroren 14. Hunnenkönig 15. natürliche Umhüllung eines Vogelproduktes

16. Postschiffreisen in Norwegen

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2015 08 Asphalt  

Asphalt - die soziale Straßenzeitung für Hannover und Niedersachsen.