BORIS GODUNOW Modest Mussorgskij
SYNOPSIS A crowd of people outside Moscow’s Novodevichiy Monastery are being whipped to force them to beg Boris Godunow to become their Tsar. The throne is vacant following the murder of Dimitri, the rightful heir. Filled with dreadful premonitions, next day Boris proceeds to the Kremlin for his coronation to the jubilation of the people. The monk Pimen is completing his history of Russia at the Chudov Monastery. The last chapter deals with the murder of the tsarevitch Dimitri by Boris’s henchmen. The elderly monk tells his pupil Grigory that Dimitri would be exactly the same age as him, which makes a deep impression on Grigory. When Pimen departs for prayers, Dimitri absconds from the monastery with the intention of fighting against Boris. Now a wanted man, he joins up with the mendicant friars Varlaam and Missail. In a tavern near the Lithuanian frontier, he barely escapes from a patrol. Boris Godunow is plagued with qualms of conscience in the tsar’s palace in the Kremlin. Prince Shuisky reports that a man claiming to be Dimitri has appeared in Poland. This prompts Boris to ask Shuisky – who witnessed the crime – to describe the murder of Dimitri to him once again. In a fit of insanity, the figure of the murdered child appears to him. In front of St. Basil’s Cathedral in Moscow, the starving people are begging Boris to give them bread. The Holy Fool accuses Boris of murdering the tsarevitch. The assembly of boyars learns about Boris's hallucinations from Shuisky. When Boris himself appears, he realizes his end is near. He takes leave of his son and dies.
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SY NOPSIS
ÜBER DIESES PROGRAMMBUCH
In seinem epochalen, 25 Szenen umfassenden Drama Boris Godunow ließ Aleksandr Puškin die bis dahin gültigen, klassizistischen Regeln hinter sich und betrat, hinsichtlich Form und Erzählstrategie einen für die damalige Zeit gänzlich neuen Weg. Zugleich wagte er mit seiner Analyse des Wandels von der Feudalherrschaft zum Absolutismus sowie seiner Kritik an der verklärenden Rückwärtsgerichtetheit des Volkes mit diesem Stück einen Blick in die gesellschaftliche Entwicklung der Zukunft. Diese beiden Aspekte werden von Gudrun Ziegler (ab Seite 22) und dem Philosophen György Lukács (ab Seite 18) beschrieben. Für den Komponisten Modest Mussorgskij, der jede musikalische Konvention entschieden ablehnte, fungierte gerade diese ungewohnte Dramenanlage Aleksandr Puškins als eminente Anregung: 1869 konnte er mit Boris Godunow die Partitur seiner ersten vollendeten Oper beenden. Zugleich zeigte er sich durch einen gänzlich neuen und ungewohnten Musikstil, der einerseits aus der russischen Tradition schöpfte und andererseits die akademische Kompositions- und Harmonielehre bewusst unterlief, als musikdramatischer Erneuerer, wie Andreas Láng ab Seite 36 nachzeichnet. Die grundsätzliche Entstehung der russischen Kunstmusik und die Etappen der Emanzipation derselben von den in Russland zunächst vorherrschenden Musikstilen westeuropäischer Prägung, erzählt Oliver Láng ab Seite 30. Die Zeitlosigkeit, beziehungsweise die Aktualität der hier in Form einer allgemeingültigen Parabel über Missbrauch, Unterdrückung und Instrumentalisierung des Volkes durch seine Herrscher geschilderten Geschichte, werden im Interview mit Regisseur Yannis Kokkos (Seite 8) ebenso hervorgehoben, wie im Beitrag von Sergej Buntman (Seite 68) und Michail Ryklin (Seite 54). Einen Überblick über die Wiener Rezeptionsgeschichte von Boris Godunow in Wien bietet abschließend Andreas Láng ab Seite 72. Ü BER DIE SE S PROGR A M MBUCH
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György Lukács
PUŠKINS BORIS GODUNOW
Wenn Puškin in Boris Godunow einen tragischen Abschnitt der Entstehungskrise des russischen Absolutismus darstellt, so ist dieses Drama zugleich – freilich unausgesprochen – auch das Vorspiel der Auflösungskrise desselben Absolutismus. Der dramatische Historismus Puškins ist gleichzeitig eine gesellschaftliche Prophezeiung. Puškin gestaltet die Entwicklung des Absolutismus und dessen unaufhaltsamen Triumphweg derart, dass die kommende und sich später offenbarende Problematik dieses Systems bereits sinnfällig wird. Im Vordergrund steht selbstverständlich auch hier der Gegensatz von Absolutismus und Feudalismus, und die Überlegenheit des ersteren. Der Absolutismus bedeutet auch hier, wie überall, dass der Adel im Prozess der Umwandlung zum Hofadel seine Unabhängigkeit verliert. Menschlich offenbart sich dieser Prozess in erster Linie als moralischer Verfall; die Übergangsform ist eine mit Wut gepaarte Ohnmacht gegen den Absolutismus. Der Adel hat seine alten feudalen Tugenden verloren, aber seine spätere höfische Kultiviertheit noch nicht erreicht: eine Mischung aus der alten Rohheit und der neuen Niederträchtigkeit charakterisiert die Vertreter des Adels. Sie sind sich ihrer Schwäche dem Volk gegenüber bewusst, ebenso ihres Entwurzeltseins aus dem Volksboden. Einer der Bojaren spricht dies so aus: GYÖRGY LU K ÁCS
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» Die Kunst ist ein Mittel, nicht aber ein Zweck, um mit Menschen zu sprechen. «
Modest Mussorgskij
Andreas Láng
EIN EIGENER, NEUER WEG
Anmerkungen zu Mussorgskijs Boris Godunow
EINE RUSSISCHE VOLKSOPER Das Glück wollte es, dass in Puškin und Mussorgskij zwei Genies hohen Ranges aufeinander trafen. Das Ergebnis war die Oper Boris Godunow. Hatte Puškin mit der »Komödie vom Zaren Boris und Grischka Otrepjew« die russische Hochsprache und das russische Drama begründet, so schuf Mussorgskij die russische Volksoper. Hatte bei Puškin das Erlebnis Shakespeares grandios befruchtend gewirkt, so war es bei Mussorgskij die Erfassung des russischen Kirchengesangs und des Volksliedes. Puškin, von der Intelligenz Mozarts und Mussorgskij, melodisch und harmonisch hochbegabt, der geborene Musikdramatiker, dessen kühne Harmonik Debussy und Strawinskij wesentlich prägte, sind die Säulen großer Kunst geworden. Die Striche und Einführung neuer Figuren, die Mussorgskij vornahm, führten zu bezwingender Verdichtung der Handlung. Zar Boris und das Volk sind die Hauptfiguren. Alles andere dient dazu, das Schicksal dieser beiden Facetten reich zu beleuchten. Mussorgskijs Briefe lassen uns die Entstehung eines Meisterwerkes miterleben. Seien wir dankbar, es zu besitzen. Lassen wir uns nicht durch anmaßende Dirigenten und Regisseure die Größe dieses Werkes verschleiern und empfangen wir das Werk mit Freude. Gottfried von Einem, Rindlberg 1991
Ü BER BOR IS GODU NOW
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Reinhold Thur
LIED VON DER EROBERUNG KASANS Das in Strophenform gehaltene Lied von der Eroberung der Stadt Kasan (Zweiter Teil, zweites Bild), mit welchem Warlaam seinen großen Soloauftritt zu bestreiten hat, befindet sich in der Sammlung großrussischer historischer Volkslieder des Historikers und Folkloristen Iwan Chudjakow (1842-1876). Mussorgskij hat das Lied fast wortgetreu in die Oper übernommen. In manchen Fällen wurden aus den Textvorlagen Verszeilen ausgelassen oder vertauscht. Beschrieben wird die Schlacht Iwans des Schrecklichen vom Jahr 1552 um die tatarische Stadt Kasan an der Wolga (heute Hauptstadt der russischen Republik Tatarstan mit rund 1.240.000 Einwohnern). Die Kasaner Feldzüge von 1545-1552 waren kriegerische Unternehmen russischer Heere gegen das Kasaner Chanat. Das Chanat versperrte Russland den wichtigen Handelsweg der Wolga in den Süden. Der Kampf um die Einverleibung begann bereits Ende des 15. Jahrhunderts. 1546 wurde Schah Ali, ein Günstling Iwans IV., des Schrecklichen, als Chan ernannt, er flüchtete jedoch im Februar 1552 aus Kasan, sodass der Astrachaner Zarewitsch Jadigar als Chan eingesetzt wurde. Im Juni 1552 verließ das russische Heer unter dem 22-jährigen Iwan IV. mit 150.000 Mann Moskau. Nachdem bei Tula das Heer des Krim-Chans Dewlet-Girej geschlagen wurde, teilte sich das russische Heer in zwei Flügel: die Vorhut (rechter Flügel) R EIN HOLD T H U R
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