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Thomas Renggli - Die Eishelden (Kurzvorschau)

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Aus der sportlichen Düsternis mit Vollgas an die Weltspitze. So lässt sich die Entwicklung des Schweizer Eishockeys in den vergangenen 40 Jahren umschreiben. Sensationell gewann das Nationalteam 2013 und 2018 zweimal WMSilber und zog das ganze Land in seinen Bann. Und das soll erst der Anfang gewesen sein. Der Walliser Superstar Nico Hischier sagt: «Wir wollen Weltmeister werden.» Dieses Buch beschreibt diese grossartige Entwicklung, lässt Zeitzeugen von gestern und heute zu Wort kommen und macht auch deutlich, weshalb die Eishockeykultur (mit ihren meist bodenständigen und volksnahen Protagonisten) helvetische Grundwerte verkörpert und das breite Publikum über die Grenzen des Sports hinaus anspricht. Und es zeigt auf, dass die jüngsten Rückschläge wohl nur Episoden auf dem Weg nach ganz oben waren.

«In diesem Buch lässt sich die ganze Faszination des Eishockeys am Beispiel der Schweizer Szene hautnah und authentisch erleben. Es ist ein Objekt der sportlichen Zeitgeschichte, das eine der schönsten Erfolgsstorys im Schweizer Sport der vergangenen 50 Jahre dokumentiert.» René Fasel

neutral Drucksache No. 01-12-409142 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership

ISBN 978-3-03922-130-1 Werd & Weber Verlag AG CH-3645 Thun/Gwatt www.weberverlag.ch

THOMAS RENGGLI

DIE EISHELDEN

WIE DIE SCHWEIZ ZUR EISHOCKEY-NATION WURDE

THOMAS RENGGLI

DIE EISHELDEN WIE DIE SCHWEIZ ZUR EISHOCKEY-NATION WURDE


VORWORT von René Fasel

Als ich 1995 in Schweden meine erste Weltmeisterschaft als Präsident des Internationa­ len Verbandes erleben durfte, war die Eishockeywelt noch eine andere: Die A-Gruppe bestand aus zwölf Teams, die Taktik war geprägt von der «Mittelzonen-Falle» – und die Schweizer Nationalmannschaft befand sich im Fahrstuhl zwischen den Ligen. Das Turnier in Stockholm und Gävle endete für sie mit der sportlichen Höchststrafe: Abstieg nach Niederlage in den Relegationspielen gegen Österreich. Trainer Mats Waltin, der während der Saison für den entlassenen Hardy Nilsson als Coach eingesprungen war, musste gehen. Es sollte bis heute der letzte Sturz aus der Beletage gewesen sein. Drei Jahre später kehrte die Schweiz an der Heim-WM in den Elite-Zirkel zurück; und das mit Pauken und Trompeten. Mit einer fast schon märchenhaften Effizienz und einem sensationellen Sieg gegen Russland stürmte das Team von Ralph K ­ rueger bis in die Halbfinals und sorgte trotz frühsommer­lichen Temperaturen im ganzen Land für eine riesige Euphorie. Es sind Gefühle, die das Schweizer Eishockeypublikum 2013 und 2018 nochmals erleben durfte: als unsere Nationalmannschaft in Stockholm und Kopenhagen bis in den Final vorstiess und zweimal erst an Schweden scheiterte. Was mich besonders freut: Mit Patrick Fischer war es ein Schweizer Trainer, der das Wunder von Kopenhagen fast möglich machte. Dies zeigt, dass wir in der Schweiz auch in Sachen Taktik und Ausbildung auf höchstem Niveau arbeiten. Die verpasste Möglichkeit von 2018 war indirekt auch ein klares Zeichen – ein Zeichen, dass die Schweiz bereit ist für den grossen Coup. Sie hat sich in den vergan­genen Jahren kontinuierlich der Weltspitze angenähert: dank eines hervorragenden Nachwuchsprogramms im Verband, dank der wertvollen Ausbildungsarbeit der Klubs, dank des Durchbruchs der Schweizer Spieler in der NHL, dank des in allen Bereichen gewachsenen Selbstvertrauens. Heute kommen unsere Eishockeyspieler nicht mehr an eine WM, um ehrenvoll im Viertelfinal zu scheitern. Heute sagen sie laut und unbescheiden: «Wir wollen Welt­ meister werden.» Allerdings muss dafür alles zusammenpassen. Im Frühling 2020 hätte die Schweiz an der WM in Zürich und Lausanne die ­Geschichte gerne umgeschrieben. Und alles war perfekt orchestriert: Die Schweizer Schlüssel­ spieler befanden sich fast ausnahmslos in Topform, aus der NHL signalisierten ­sämtliche Protagonisten ihre Zusage für die Teilnahme, schon zwei Monate vor Turnierstart hatten

BEREIT FÜR DEN GROSSEN COUP

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die Veranstalter 320 000 Tickets verkauft: Einem grossen Sportfest stand nichts im Wege – bis der Coronavirus «zuschlug». Es war ein Faktor, mit dem niemand gerechnet hatte – den ich in meinen 26 Jahren an der Verbandsspitze nie erlebte. Zwar war 2009 die Bedrohung durch SARS ein grosses Thema – doch so konkret wie nun wurde es damals nie. Im Jahr 2020 ist alles anders – und so blieb uns nichts anderes ­übrig, als den Weisungen der Schweizer B ­ehörden zu folgen und das grosse Eishockey-Fest abzusagen, bevor es beginnen konnte. Doch nun gehen die Blicke wieder nach vorne. 2026 soll die WM in die Schweiz zurückkommen. Erhält der Schweizer Verband im kommenden Frühling den Zuschlag, ist dies für den ganzen Eishockeysport eine grosse Chance. Denn wir können ein Turnier der kurzen Wege und der perfekten Infrastruktur garantieren. Doch zuerst warten andere Herausforderungen auf das Schweizer Eishockey – mit dem Olympiaturnier 2022 in Peking und der WM zweieinhalb Monate später in Finnland. Dieses Buch soll die Vorfreude auf diese Ereignisse zusätzlich verstärken. In den folgenden rund 150 Seiten lässt sich die ganze Faszination des Eishockeys am Beispiel der Schweizer Szene hautnah und authentisch erleben: Alte Glücksgefühle werden aufgefrischt, Erinnerungen an epische Niederlagen aber nicht verdrängt. Dieses Buch ist ein Objekt der sportlichen Zeitgeschichte, das eine der schönsten Erfolgsstorys im Schweizer Sport der vergangenen 50 Jahren dokumentiert.

Der Freiburger R ­ ené Fasel war von 1994 bis 2021 Präsident des I­nternationalen Eis­ hockeyverbandes.

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EINFÜHRUNG DES AUTORS

Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Ein Blick in die Geschichte des Schweizer Eishockeys liefert die ganze Bandbreite der Emotionen. Für einen ersten ­Höhepunkt sorgte ein Hotelvolontär namens Toni Morosani. Tief im letzten Jahrhundert war das Schweizer Eishockey-Nationalteam populärer als die nationale Fussballauswahl. Die olympischen Triumphe von 1928 und 1948 (­ Bronze) sowie mehrere Europameister-Titel und WM-Medaillen zwischen 1928 und 1953 überstrahlten die Heldentaten der Fussballer bei Weitem. Aber dann folgte der Sturz in die Bedeutungslosigkeit. Fast 30 Jahre lang versank das Schweizer Eishockey, von ­einem kurzen Zwischenhoch 1971 abgesehen, in einer tiefen internationalen Depression. 1973 stürzten die Schweizer gar zum zweiten Mal in die C-Gruppe ab, damals die niedrigste Leistungsstufe. Auf das Niveau von Australien. Der «Blick» schrieb: «Dann spielt doch gegen Hawaii.» Immerhin verdanken wir unserem temporären Eishockey-Keller­dasein einige happige Triumphe: 20:0 gegen Australien, 15:0 gegen Korea, 9:0 gegen Dänemark. Den deutlichsten Sieg in der 112-jährigen Geschichte des Schweizer Eishockeyverbands feierten wir am 4. Februar 1939 gegen Jugoslawien: 23:0! Gegen das etwas grössere China b ­ egnügten wir uns 1994 mit einem 20:1. Doch Hochmut kommt vor dem Fall. Den tiefsten Absturz ­erlebte unser Nationalteam an den ersten Olympischen Winterspielen in Chamonix 1924. Jede zweite Minute ­kassierten wir ein Tor. Kanada – Schweiz 33:0. Aber Rache ist bekanntlich süss. Vier Jahre später, am 20. Februar 1928, rächte uns der 21-jährige Toni Morosani, damals Hotelvolontär, später Generaldirektor des Davoser Fünf-Sterne-Grandhotels Belvédère. Die in St. Moritz Olympiasieger gewordenen Varsity Grads aus Toronto machten auf ihrer Heimreise halt in Davos und sollen sich dort den ­einen oder anderen oder noch anderen Whisky genehmigt haben, ­weshalb im anschliessenden Freundschaftsspiel gegen den HCD der kanadische Goalie erstens etwas wacklig auf den Beinen stand und zweitens offenbar Sehprobleme hatte. Worauf der Puck vom Stock des erwähnten Hotelvolontärs ins Tor rollte. Der Jubel der Davoser echote von allen Bergen, denn nie zuvor in der 68-jährigen EishockeyWeltgeschichte hatte ein Europäer gegen Kanada in das 1,83  ­Meter breite und 1,22 Meter hohe Drahtgehäuse getroffen. Hoteldirektor Morosani musste die Geschichte des

VON EINER REISE NACH HAWAII UND DER RACHE DES VOLONTÄRS

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Volontärs Morosani immer und immer wieder verkünden, doch die 1:6-Niederlage, die wackligen Beine und die Sehprobleme des kanadischen Torhüters schien er vergessen zu haben. In der Neuzeit fordern die Schweizer auch nüchterne Topnationen. Ausgangspunkt des Hochs war die Heim-WM 1998 (und die Verpflichtung von Ralph Krueger als Nationaltrainer). Der Kanadier mit deutschen Wurzeln änderte Tonalität und Denkweise. Die Schweizer Nationalmannschaft begeisterte das ganze Land und erreichte sensationell die Halbfinals. Auch sonst brach der Bann. Denn die neue Generation verschaffte sich genauso in Nordamerika grössten Respekt und die Aussicht auf lukrative Verträge in der National Hockey League. Heute stellt die Schweiz in der besten Liga der Welt Spieler für eine ganze Mannschaft. Die Silbermedaillengewinne von 2013 und 2018 spiegeln die neue Leistungskultur auch auf WM-Niveau. Heute sagt Nico Hischier voller Selbstvertrauen: «Wir wollen Weltmeister werden.» Doch eigentlich ist Französisch die Muttersprache des Schweizer Eishockeys. Drei Waadtländer Vereine gründeten 1908 den nationalen Verband und stellten auch die Mannschaft für die erste Weltmeisterschaft. Sie fand 1920 in Antwerpen statt und feierte vor Jahresfrist fast unbemerkt ihren 100. Geburtstag. Gründungspräsident Max S ­ illig, gleichzeitig Delegationsleiter, Kassier, Trainer, Captain und Stürmer, reiste mit acht ­Confrères an die Schelde. Sein Budget, 800 Franken für zehn Tage, entsprach ungefähr dem sportlichen Ergebnis: 0:29-Niederlage gegen Silbermedaillengewinner USA. Weltmeister wurde Kanada. Die Hegemonie des Eishockey-Mutterlandes dauerte bis Anfang der 1960er-Jahre. Ab 1964 übernahm die Sowjetunion das Kommando. Erst drei Jahrzehnte später er­ oberten die Kanadier den Eishockey-Thron zurück. Darauf sitzen sie, zumindest nach dem eigenen Selbstverständnis, noch immer – wie es sich gebührt für den Erfinder des schnellsten Mannschaftsspiels. Dessen Wiege stand 1860 in Kingston Harbour. Für die allererste Profiliga zeichnete damals ein Mann namens J. L. Gibson verantwortlich. ­Seine Berufskollegen sind ihm noch heute dankbar. Eishockeyaner zählen zu ihren besten Kunden: Mr. Gibson war Zahnarzt. Doch auch zahnlose Spieler, deren es auf Glatteis viele gibt, kämpfen verbissen. Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen dieses Buches. Thomas Renggli

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Schulterschluss: Die Eishockey-Nationalmannschaft symbolisiert das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl wie nur ganz wenige Institutionen des Landes.

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AUS DEM DSCHUNGEL AN DIE SCHWEIZER BANDE Weltmeister der Herzen. Die Schweizer EishockeyNationalmannschaft stürmte 2018 in Kopenhagen begeisternd zu WM-Silber. Trainer PATRICK FISCHER legte sein Meisterstück ab.

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ischer gibt es wie Sand am Meer: ­Helmut, Urs, Joschka, Helene, die Ski, die Chöre und die Bettwaren. Doch keiner ist in der Schweiz derzeit populärer als ­Patrick. Der 46-jährige Zuger schaffte mit der Eishockey-Nationalmannschaft vor drei Jahren innerhalb von drei Monaten eine der erstaunlichsten Wenden der Sportgeschichte: vom Totalversager an Olympia zum Heilsbringer an der WM. Den Titel verpasste seine Mannschaft nur um Haares­breite. Im Finale gegen Schweden lag sie zweimal in Führung – und schien auch im Penaltyschiessen auf Erfolgskurs. Doch letztlich fehlte ihr ein erfolgreicher Schuss zum totalen Glück. Denkt Patrick Fischer an jenes Spiel zurück, wird ihm bewusst, wie schmal der Grat zwischen Triumph und Niederlage im Eishockey ist: «In neun von zehn Fällen verwertet Fiala seine Riesenchance,

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die er in der Verlängerung vier Minuten vor Schluss auf dem Stock hatte. Wir wären Weltmeister gewesen. Doch so glitt uns das Spiel im Penaltyschiessen aus der Hand.» Aber auch vor Jahresfrist seien sie viel knapper an einer Medaille vorbeigeschrammt, als es heute aussehe: «Im Viertelfinale glichen die Kanadier erst 0,4 Sekunden vor Schluss aus. Hätten wir den Vorsprung über die Zeit gerettet, wären wir unter den Top 4 gewesen.» Doch zurück nach Kopenhagen ins Jahr 2018. Die Schweizer Spieler nahmen die Silbermedaille an jenem Sonntag mit leeren Blicken und hängenden Köpfen entgegen. Fischer reflektierte das schwer Fassbare bereits kurz nach der letzten Parade des schwedischen Goalies Nilsson mit bemerkenswerter Nüchternheit: «An den Winterspielen in Pyeongchang ver­ loren wir gegen Deutschland in der


Verlängerung und waren die Deppen. Jetzt sind wir Helden, weil wir das Finale erreichten. Aber wir sind weder Deppen noch Helden, sondern ehrliche Arbeiter.» Fischer sprach klar und mit gefasster Stimme. Selbst nach dem dramatischen Ende wirkte er in seinem dunklen ­Sakko, mit der blauen Krawatte und den zurückgekämmten Haaren eher wie ein Banker nach Feierabend als ein Eishockeytrainer, der gerade das wichtigste Spiel seiner Karriere durchlitten hatte. Nur wenn er mit aufgerissenem Mund einen Schluck aus der Plastiktrinkflasche nahm, erinnerte er an einen Sportler. In seinem Auftreten und der Kommunikation weist der Zuger auffällige Parallelen zu Ralph Krueger auf – zum Schweizer Nationaltrainer, der zwischen 1998 und ­ 2010 den Positivismus auf dem helve­ tischen Glatteis kultivierte, selbst eine Kanterniederlage gegen Kanada zum Sieg erklärte und auch immer etwas als Verkäufer in eigener Sache auftrat. So sprach ­Fischer, der die Mehrzahl seiner 184 Länderspiele in der Ära Krueger absolvierte, vor den Winterspielen in Pyeongchang laut von einer Medaille. Es war eine Aussage, für die er nach dem Scheitern scharf kritisiert wurde. Von SCB-Manager Marc Lüthi etwa wurden ihm die fehlende Ausbildung und Erfahrung als Trainer vorgehalten – ein Einwand, der nicht völlig aus der Luft gegriffen war. Seinen ersten Job als Trainer erhielt Fischer 2010 in der Junioren-Abteilung ­ des HC Lugano. Eigentlich aspirierte er auf den Posten des Schweizer U20-Nationaltrainers. Aber nach der Entlassung von Philippe Bozon in Lugano wurde er quasi

«WIR SIND WEDER DEPPEN NOCH HELDEN, SONDERN EHRLICHE ARBEITER.» über Nacht als Co-Trainer an die Bande der ersten Mannschaft gespült. 2013 trat er offiziell als Headcoach in die Verantwortung. Im selben Jahr assistierte er in der Nationalmannschaft Headcoach Sean Simpson und gehörte zu den Silbermedaillengewinnern von Stockholm. Unter dem Anspruch, der «Nati» wieder mehr Swissness zu verleihen, erhielt er im Dezember 2015 seinen ersten Vertrag als Nationalcoach. Eine Personalie, die in den Medien kritisch beurteilt wurde. Fischer sagt heute dazu: «Ich verstehe, dass dieser Entscheid für einige schwer nachvollziehbar war.

Ein Mann mit vielen Facetten – Patrick Fischer im Jahr 2007.

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Schliesslich war ich in Lugano entlassen worden. Aber ich spürte, dass mit diesen talentierten Spielern und einer offensiveren Spielweise vieles möglich ist.» Hätte der Verband allerdings nicht einen Strategiewechsel vollzogen, wäre er kaum zum Zug gekommen: «Es war mein Glück, dass Swiss Ice Hockey im Umbruch war – und die neue sportliche Führung auf frische Kräfte setzte.» Fischer weist jedoch darauf hin, dass in Lugano nicht alles schlecht gewesen sei: «In den ersten beiden Jahren lief es gut. Wir schlossen die Qualifikation jeweils mit einem Punktrekord ab und leiteten den Generationenumbruch ein. Ich war wohl der erste Trainer in der Resega seit John Slettvoll, der drei aufeinanderfolgende Saisons beginnen konnte.» Er sei Lugano für diese Chance heute noch unendlich dankbar. Gleichzeitig habe er in jenen Jahren als Assistent im Schweizer Nationalteam von Sean Simpson und Colin Muller sehr viel gelernt: «Vor allem der Weg zur Silbermedaille 2013 war ein überragendes Erlebnis.» Im Eishockey

«ICH WAR WOHL DER ERSTE ­TRAINER IN DER RESEGA SEIT JOHN ­SLETTVOLL, DER DREI SAISONS IN FOLGE BEGINNEN KONNTE.» könne man das Siegen nicht auf Knopfdruck lernen, es sei ein Prozess, den man verinnerlichen und erleben müsse. Als er 2015 seinen Einstand als Nationaltrainer gab, habe er viel von der Arbeit seiner Vorgänger profitiert: «Wir hatten

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ein funktionierendes System und eine breite personelle Basis. Und nun stiess eine Generation von Spielern nach, die das ­ offensive Element verstärkte. Plötzlich hatte die Schweiz rund ein Dutzend NHL-Spieler.» Es habe ihm ausserdem in die Karten gespielt, dass mit kreativen Verteidigern wie Diaz, Blum, Josi oder ­Gehring plötzlich eine viel optimistischere Spielweise möglich war. Gleichzeitig sagt Fischer, der frühere Goalgetter: «Das Toreschiessen ist Willenssache. Es geht darum, pausenlos an sich selber zu arbeiten.» Patrick Fischer war in seinem Leben oft im richtigen Moment am richtigen Ort – aber er besass auch immer wieder den Mut, vorwärtszugehen und Neues zu probieren. Mit über 30, einem Alter, in dem sich die meisten seiner Berufskollegen auf den Ruhestand vorbereiten, wagte er den Sprung in die NHL. Bei den Phoenix Coyotes brachte er es immerhin auf 27 ­ Spiele und vier Tore. Vor allem machte er Bekanntschaft mit dem grössten Spieler der Geschichte, Wayne Gretzky, der damals Headcoach und Mitbesitzer der Coyotes war und den Transfer des Schweizers einfädelte. Noch heute steht Fischer mit Gretzky in Kontakt – und ist beeindruckt von dessen Aura: «Trotz seinem riesigen Erfolg und seiner Berühmtheit ist er eine ganz normale Person wie du und ich. Er ist ein absolut sympathischer Typ, der einen guten Humor hat und sehr ­offen ist.» Wayne Gretzky sei äusserst bescheiden und habe es vor allem geschätzt, dass er von Fischer ganz normal behandelt worden sei. Dies ist einer der obersten Grundsätze von Patrick Fischer: «Ich versuche allen


Gewiefter Kommunikator: Fischer verschafft sich bei seinen Spielern Gehör.

Menschen gleich zu begegnen – frei von Vorurteilen oder vorgefassten Meinungen.» Von seinen früheren Trainern hat bei ihm Arno Del Curto den wohl stärksten Eindruck hinterlassen: «Ich bin ihm das erste Mal begegnet, als er beim HC Luzern meinen Bruder Marco trainierte.» Marco habe ihm damals gesagt: «Du, wir haben einen Trainer, der tickt nicht ganz richtig. Wie der uns übers Eis jagt, ist abnormal.» Fischer lacht, wenn er diese Geschichte erzählt – und fügt sofort hinzu: «Arno hat mit seiner Intensität, Energie und Motivationskunst die Trainingslehre in der Schweiz auf ein neues Niveau gehoben. In Davos trainierten wir oft drei- bis viermal pro Tag. Es ist erstaunlich, dass nicht schon früher andere diesen Weg gegangen sind.» Auf die Frage, wie er seine persönliche Beziehung zum St. Moritzer be-

schreibt, antwortet Fischer: «Wir glauben beide ans Unmögliche. Und Arno wusste, wie er mit mir umgehen musste. Er konnte auch akzeptieren, dass ich das Eishockey im Ausgang manchmal vergessen habe.» Im entscheidenden Moment fand Patrick Fischer den Fokus jedoch immer. Sonst hätte er es kaum zu Meisterehren mit Davos und Lugano sowie zu 183 Einsätzen mit der Schweizer Nationalmannschaft gebracht. Seine Weltoffenheit erschloss ihm immer wieder unerwartete Perspektiven. So spielte er gegen Ende seiner Laufbahn kurz für SKA St. Petersburg in der russischen KHL. Zu jener Zeit sagt er schonungslos ehrlich: «Finanziell war dies das beste Angebot, das mir je vorlag. Barry Smith, den ich aus Phoenix kannte, coachte das Team. Aber ich merkte schnell, dass ich für diese Topmannschaft nicht gut g ­ enug war.

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In der Wüste: Fischer Smith hätte alles umstellen müssen, um während seines für mich Platz zu schaffen. Das wollte ich NHL-Gastspiels bei den nicht. Deshalb lösten wir den Vertrag nach Phoenix Coyotes.

drei Monaten auf.» Zuletzt kehrte Patrick Fischer zum EV Zug zurück und gab 2009 trotz weiterlaufendem Vertrag unvermittelt den Rücktritt bekannt: «Ich habe meine Ansprüche nicht

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mehr erfüllt – basta», kommentierte er damals seine Entscheidung. Patrick Fischer hatte genug vom Eishockey – und schien auch sonst mit seinem alten Leben aufräumen zu wollen. Der Weg der Selbstfindung führte ihn auf erstaunliche Nebenpfade: Tai Chi, Yoga, Charakterlehre und eine Zwischenstation als professionellen Pokerspieler. Ausserdem befasste er sich intensiv mit der indigenen Lebensweise in Südamerika, erstand Land im Dschungel von Peru und verbrachte in der Sommerpause jährlich einen Monat abseits der Zivilisation bei einem Indianerstamm: «Ich wollte die absolute Ruhe erleben und über mein Leben reflektieren.» Zu erreichen war er während dieser Zeit nur für seinen Sohn Kimi. Dieser war auch der Grund, weshalb es ihn nach Lugano zurückzog. Zwar war die Ehe mit seiner ersten Frau schon länger geschieden, doch Fischer suchte die Nähe zum Sohn. Mittlerweile hat er seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Zug verlegt. Damit schloss sich ein Kreis. Patrick ­Fischer war in der Zentralschweiz quasi in den Eishockeysport hineingeboren worden. Er wuchs im Zuger Herti-Quartier – einen Steinwurf von der Eishalle entfernt – als jüngstes von drei Kindern auf. Vater Walter war in führender Position für eine amerikanische Firma tätig. In der Freizeit gehörte er zum erweiterten Betreuerstab beim EV Zug. Patrick galt immer als Frohnatur, die die Menschen mit Charme und Schalk einnahm. Dies verhalf ihm auch im Eishockey zu Beliebtheit. Wo auch immer er spielte, gehörte er zu den Stimmungsmachern in der Garderobe. In Lugano bildete er mit


Marcel Jenni und Gian-Marco Crameri eine der erfolgreichsten Schweizer Sturmlinien der 1990er-Jahre. Doch wie seine beiden Sturmpartner wurde er aus dem Eishockey-Paradies vertrieben. Fischer war zu stark für das grosse Ego von Trainer Jimmy Koleff. Mit dem HC Davos gewann er später seinen zweiten Meistertitel als Spieler. Wie gut Patrick Fischer als Trainer wirklich ist, wird sich in den kommenden Jahren weisen. Mit 46 Jahren steht er erst am Anfang seiner Karriere. Doch während seiner Zeit an der Schweizer Bande zeigte er eine beeindruckende Lernfähigkeit. Nach der missglückten Olympia-Mission 2018 in Südkorea – mit nur einem Sieg gegen das Heimteam – stand er offen zu seinen Fehlern. Es sei ein Versäumnis gewesen, dass man den Spielern im Vorfeld des Turniers eine Verschnaufpause gewährt und die Intensität im Training reduziert habe. Danach sei es der Mannschaft nicht mehr gelungen, den Motor wieder auf Touren zu bringen. «Wir hätten voll durchziehen müssen», meint Fischer rückblickend. Auch sonst sprach er die Mängel schonungslos an: vor allem im Power- und Boxplay. Und rückblickend würde er auch in der langfristigen Vorbereitung einiges anders machen: «Wenn wir im Herbst anders vorgegangen wären, hätte ich den Schlüsselspielern am Spengler Cup wohl freigegeben.» Die Kurzanalyse seiner bisherigen WMTurniere fällt sehr präzise aus: «2016 scheiterten wir in der Vorrunde, doch wir erzielten acht Treffer mehr als im Jahr davor. Das gab mir die Gewissheit, dass wir auf dem richtigen Weg sind. 2017 spiel-

ten wir eine ganz starke Gruppenphase, bezwangen Kanada und Tschechien, aber im Viertelfinale scheiterten wir an Schweden. Und was 2018 geschah, ist bekannt.» Dieser Triumph sei für ihn nicht so überraschend gekommen, denn die Konstellation im Olympiajahr sei sehr gut gewesen: «Die grossen Nationen waren nicht top ­besetzt.» Überhaupt habe er das Gefühl, dass sie 2019 in Bratislava fast noch besser gespielt hätten als in Kopenhagen: «Aber uns fehlte das Schlachtenglück.» Bleibt der Blick nach vorne auf die kommenden Grossereignisse. Was denkt Patrick Fischer, wenn er seine Spieler unverblümt von der Goldmedaille sprechen hört? «Mich freut das. Aber eigentlich ist das normal. Unser NHL-Spieler stehen ­jeden Tag gegen die besten der Welt auf dem Eis.» Die Mannschaft werde sich an den Winterspielen in Peking und an der WM 2022 in Finnland auf ihre eigene ­Reise begeben, eine ­Reise, die hoffentlich so lange wie möglich daure, sagt Fischer. Seine Reise führte ihn einst zu den Indianern in den südamerikanischen D ­ schungel. Und vielleicht kann er auch im Olympiajahr 2022 auf einen Schuss indigenen Medizinmann-Zauber hoffen.

«DASS WIR ZU HAUSE SPIELEN ­KÖNNEN, IST EIN RIESENVORTEIL. UNSERE FANS WERDEN UNS EINEN EXTRA-BOOST GEBEN.»

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