MoMent Winter 2021-22

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MoMent Zeitschrift für die Rudolf Steiner-Schule Wien-MauerWinter 2021 / € 4,00 Erziehungskunst

Impressum

Medieninhaber, Verleger, Herausgeber:

Verein zur Föderung der Waldorf-Gemeinschaft (VFGW),

Obmann: Josef Prüller / DVR-Nr: 7864 9742

Absender: moment@waldorf-mauer.at / 1230 Wien, Endresstraße 100

Verlagspostamt: 1230 Wien, Zulassungsnr: 13Z039641M

MitarbeiterInnen der Redaktion: Nadja und Matthias Berke, Xu Chen, Brigitte Födinger, Margarete Goss, Seweryn Habdank-Wojewódzki, Ursula Kaufmann, Bettina Schwenk, Sabine Trierenberg ...

Kontoverbindung lautend auf „Redaktion Schulzeitung“:

IBAN AT44 2011 1822 2175 1000

Druck: Donau Forum Druck Wien / Umweltfreundliche Druckproduktion

Wir sind schon wieder auf der Suche!

Das MoMent braucht: RedakteurInnen für jeden Bereich und ChefInnen vom Dienst (SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen).

Ideelle Wunschdaten: Engagement und Spaß an Wort und Tat.

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Bitte

MoMent

Zeitschrift von und für Eltern, FreundInnen, LehrerInnen und SchülerInnen der Rudolf Steiner-Schule Wien-Mauer im 29. Jahr, Heft-Nr. 203

Liebe FreundInnen der Rudolf Steiner-Schule Wien-Mauer,

das MoMent kommt diesmal etwas „anders“ daher. Einerseits findet Ihr hier auf der Nebenseite die Seite 2 der „nullten Nummer“ aus dem Jahr 1992. Andererseits ist auch in dieser 203. Nummer das äußere „Gewand“ der Zeitschrift wieder etwas anders als gewohnt – und es wird sich auch in den nächsten Ausgaben weiter verwandeln, bis das neue Redaktionsteam zu neuer Form gefunden hat. Computerund Druckerengpässe gibt es diesmal nicht – eher Personalmangel.

Genau dieser Prozess – dieses immer aufs Neue erforderliche Suchen nach einer Form, die der Gegenwart gerecht wird – passt ganz ausgezeichnet zu unserem Thema „Erziehungskunst“, der diese Ausgabe unserer Schulzeitung gewidmet ist.

Auch der Lehrplan der Waldorfschulen ist in stetiger Entwicklung, um unseren Kindern zu ermöglichen, aus der Gegenwart heraus gut gerüstet in ihre Zukunft gestaltend hineinzuwachsen. Tobias Richter zitierte im Rahmen des ersten Vortrags der geplanten Reihe Erziehungskunst der Waldorfpädagogik im Elternrat Karl Valentin: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“.

Dem Thema entsprechend, ist diesmal das ganze Heft Thementeil: Die Berichte aus den Klassen spiegeln wider, was in den Klassen lebt, und das ist wie immer mannigfach, weil das Zulassen von Vielfältigkeit und das Fördern von Individualität das Wesen der Erziehungskunst ausmachen.

Viel Freude beim Lesen und Schauen wünscht im Namen der Redaktion

Nadja Berke

PS: Aktuelle Termine entnehmen Sie in Zeiten wie diesen bitte der Webpage unserer Schule (www.waldorf-mauer.at).

Auf ein MoMent mit Rudolf Steiner

Wir brauchen aber eine Menschheit, die tatsächlich aus dem tiefsten Inneren heraus soziale Impulse entwickelt. Das muss aus anderen Schulen hervorgehen. Jedem Menschen muss etwas daran liegen, was aus der nächsten Generation wird.

Erziehung zum Leben – Vortrag 1921, GA 297a, Dornach 1998

Die innerste Individualität erzieht sich eigentlich immer selbst; sie erzieht sich durch dasjenige, was sie wahrnimmt in der Umgebung, was sie mit Sympathie aufnimmt durch das Leben, durch die Situationen, in die sie hineingestellt ist. In dieses kann der Lehrer… nur indirekt hineinwirken: dadurch, dass er das Leibliche und Seelische des Menschen so bildet, dass später im Leben der Mensch die möglich geringsten Hindernisse und Hemmnisse an seiner eigenen Leiblichkeit, an dem Temperament und den Emotionen durch den Charakter seiner Erziehung hat.

Erziehung und Unterricht aus Menschenerkenntnis, GA 302a, Dornach 1979

Finsternis, Licht, Liebe

Dem Stoff sich verschreiben, Heißt Seelen zerreiben.

Im Geiste sich finden, Heißt Menschen verbinden.

Im Menschen sich schauen, Heißt Welten erbauen.

Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens – Vortrag 1924, GA 308 1986

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Dem Werdenden in seiner Entfaltung beistehen

„Die Erziehung ist eine Kunst, deren Ausübung durch viele Generationen vervollkommnet werden muß. […] Zwei Erfindungen der Menschen kann man wohl als die schwersten ansehen: die der Regierungs- und die der Erziehungskunst nämlich“.

Nein, es ist nicht Rudolf Steiner, der hier ganz selbstverständlich von der Erziehung als „Kunst“ spricht. Es ist vielmehr der Philosoph Immanuel Kant, für den Pädagogik anscheinend fraglos als „Kunst“ zu bezeichnen ist (vgl. Kant, 1977, S. 702f). Auch wenn uns der Ausdruck „Erziehungskunst“ heute oft als Spezifikum der Waldorfpädagogik erscheint: Eigentlich steht Steiner mit der Verwendung dieses Begriffes in einer langen Tradition. Diese Tradition umfasst u. a. eben Kant, aber etwa auch dessen Zeitgenossen Jean-Jacques Rousseau, der in seinem einflussreichen Erziehungsroman „Émile“ ebenfalls von der Pädagogik als „Kunst“ spricht. Und wenn in der Mitte des 18. Jahrhunderts an der Universität Halle erstmals ein Lehrstuhl für Pädagogik eingerichtet wird und der erste Inhaber dieses Lehrstuhls, Ernst Christian Trapp, seine Antrittsvorlesung mit dem Titel „Von der Notwendigkeit, Erziehung und Unterrichten als eine eigene Kunst zu studieren“ versieht, dann ist auch das Ausdruck dieser Tradition, deren Wurzeln bereits in der griechischen Antike liegen.

„paidagōgike technē“

Sprachen doch schon die alten Griechen von einer παιδαγωγικὴ τέχνη (paidagōgike technē) – und verwiesen mit technē auf Kunst, die wiederum immer als „Zwilling“ untrennbar mit poiesis verbunden war. Wobei technē nicht unsere „Technik“ meint, sondern vielmehr das Können (etwa der Handwerker, aber, wie bei Kant, auch der Politiker) und poiesis das (kunstmäßige) Hervorbringen. Unterschieden war die technē bei den Griechen von der episteme, worunter ein Wissen um Ursachen, eine Kenntnis von Tatsachenerklärun-

gen verstanden wurde – also ein eher „theoretisches Wissen“. Pädagogik ist dagegen immer eine Kunst – weil sie eine Praxis ist, in deren Zentrum nicht Allgemeines, sondern Individuelles steht.

Der Blick für das Individuelle Genau im oben skizzierten Sinne erklärt übrigens auch Steiner, warum seinem Verständnis nach „der ganze Unterricht von Kunst […] durchdrungen sein [muss]“: „Im Künstlerischen ist […] jeder Mensch eine Individualität“. Und Individualitäten stehen im Zentrum und im Fokus der Pädagogik. Daher darf, wer einem Heranwachsenden im Rahmen einer als „Kunst“ verstandenen Pädagogik gerecht werden möchte, diesen nicht als „‚einzelnen Fall’, den er nach einem Allgemeinen beurteilt“, begreifen, sondern als „ganz individuelles Rätsel, das er zu lösen sucht“ (Steiner, 1982, S. 271). Dies aber erfordert, so Steiners Überzeugung, einen „künstlerischen“ Zugang.

Das Mögliche werden lassen

Wie ist nun Steiners Kunstbegriff? In seinem 1889 im Wiener Goetheverein gehaltenen Vortrag, der dann als Autoreferat unter dem Titel „Goethe als Vater einer neuen Ästhetik“ erschien und immer wieder auch mit einigen Ergänzungen Steiners neu aufgelegt wurde, formuliert er so: „Nicht was ist, liegt also den Schöpfungen der Kunst zugrunde, sondern was sein könnte, nicht das Wirkliche, sondern das Mögliche…“ Und weiter: Das was in der Kunst zum Ausdruck kommt, ist nicht „die Idee in Form der sinnlichen Erscheinung“, das ist gerade das Umgekehrte, das ist eine „sinnliche Erscheinung in Form der Idee“ (GA 271, S. 30ff). Künstler sei also der, der das Material so zu gestalten wisse, dass darin Mögliches in Erscheinung treten könne. Michelangelo hat das an seiner über 5 Meter hohen David-Skulptur gezeigt – seinem „Gigante“, den er aus einem missratenen, beschädigten und verhauenen

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Zum Begriff und zu den Zielen einer „ErziehungsKUNST“

Marmorblock geschlagen hatte –, wenn er auf die Frage, wie ihm ein solch herausragendes Werk gelingen konnte, (angeblich) antwortete: “Ich habe nur das weggenommen, was zu viel war.“

Den Möglichkeiten des anderen Menschen begegnen

Und hier lässt sich wiederum die Brücke zur Pädagogik schlagen: zu einer Pädagogik, die sich als „Mäeutik“, als „Hebammenkunst“ versteht, die hilft, das im Kind veranlagte Mögliche, das Potenzielle immer wieder in Erscheinung treten zu lassen (s. o). Wobei immer zu erleben ist: Dieses Potenzielle gestaltet mit. Joseph Beuys beschreibt diese Erfahrung als Maler so: „Dem Bild in seiner Entfaltung beizustehen, jeden weiteren Schritt aus ihm zu erfragen, geduldig seinen leisesten Regungen zu lauschen und es nicht in seinem Werden durch gewaltsame, übereilte Eingriffe zu gefährden, es zu geleiten, bis es einen entlässt…“ (Beuys, 1995, S. 27).

Darin wird die Haltung eines Künstlers im Schaffensprozess deutlich, die auf dem vorher Dargestellten gründet: auf dem Können und dem Hervorbringen – auf technē und poiesis. Es ist zugleich aber auch die Haltung des Pädagogen, so wie ihn Steiner versteht – oder erträumt: desjenigen, der durch seine sich in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen zeigenden

künstlerischen Möglichkeiten (und für Beuys ist es eine Urerfahrung, dass über eine solche jeder Mensch verfügt!) den Möglichkeiten des Kindes, des Jugendlichen – aber natürlich auch der Kollegin, des Kollegen und der Eltern –begegnet. ¶

Tobias Richter & Leonhard Weiss sind Dozenten am Zentrum für Kultur und Pädagogik.

Literatur:

Beuys, J. (1995): Ausstellungskatalog van der Grinten. Joseph Beuys Fluxus, in: Hitsch, C./Matthiessen, J./Richter, T.: Die Kunst als Quelle der Pädagogik, Stuttgart.

Kant, I. (1977): Über Pädagogik, in: Kant, I.: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 2, Frankfurt/Main.

Steiner, R. (1982): Die pädagogische Zielsetzung der Waldorfschule in Stuttgart, in: Steiner, R.: Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915 - 1921, GA 24, Dornach.

Steiner, R. (1991): Goethe als Vater einer neuen Ästhetik, in: Steiner, R.: Kunst und Kunsterkenntnis, GA 271, Dornach.

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Lothar Trierenberg

Zum Raum wird hier die Zeit

Geschichts- und Deutschunterricht in der Oberstufe

Auszüge der Abschlussarbeit zur Waldorflehrerausbildung von Micha Schuster-Szabo ausgewählt und bearbeitet von Nadja Berke und Ursula Kaufmann

Oftmals wird die Frage in der Elternschaft der Oberstufe laut, warum gewisse Inhalte zu welcher Zeit und (scheinbar) unverändert jedes Jahr in den Klassen unterrichtet werden. Warum wird immer wieder eine ganze Epoche unter dem Thema „Die Nibelungen“ oder „Parzival“ geführt? Im 21. Jahrhundert könnte man sich doch auch anderen Themen intensiv widmen.

Frau Micha Schuster-Szabo hat uns ihre Abschlussarbeit der Waldorflehrerausbildung „Mythos Mensch und christliches Mittelalter – Interdependenzen der Literatur- und Geschichtsepochen in der Waldorf-Oberstufe“ zur Verfügung gestellt, die sich mit diesem Thema auseinandersetzt. Wir hoffen, mit Auszügen daraus einen Einblick schaffen zu können.

Heutzutage – in unserem noch so jungen 21. Jahrhundert –, da der Reformbedarf von Schulwesen und Lehrerausbildung mehr als evident erscheint, da soziale Gefüge und familiäre Strukturen sich als existenziell gefährdet erweisen und da der Faktor Zeit sich uns zusehends multi-tasking-unterlaufen und virtuell korrumpiert präsentiert, wird uns ein Höchstmaß an Simultanität und Synchronizität abverlangt. Der Verlust an spiritueller Orientierung und das Fehlen verbindlicher historisch-chronologischer Narrative bleiben diffus und in einer sonderbaren Sprachlosigkeit unbenannt. Das vorherrschende Tempo drängt uns ungestüm immer weiter und orientiert uns nach einer Zukunft hin, die umso rascher sich überlebt, je mehr sie sich von Wurzeln und Vergangenheit abkoppelt und entfremdet. So scheint es mir geboten, auf eine gewissermaßen kollektive Sehnsucht antwortend, das alternative Konzept – wie die

Waldorfschule es bietet – in Hinblick auf entwicklungsgeschichtliche und kulturhistorische Rückbindung (i.e. religio im eigentlichen Wortsinn) für meine Fächer Deutsch und Geschichte auf meine Weise zu referieren und gegebenenfalls individuell zu definieren. Dabei beziehe ich mich vor allem auf die Kenntnis der Oberstufenpraxis an SteinerSchulen und plädiere dabei vor allem für Kontinuität und Qualitätssicherung im durchgängigen organischen Aufbau vom Kindergarten über Grund-, Mittel- und Oberstufe. Das Ineinandergreifen und die Verschränkung von Form und Inhalt, indem in Lehre und Erziehung Bewusstseins- und Lebenszustände der Heranwachsenden jeweils in der adäquat entsprechenden Entwicklungsphase angesprochen werden, ermöglichen so ein harmonisches und hygienisches Entwickeln. Mangelndes Selbstbewusstsein der anthroposophischen Einrichtungen wäre in diesem Kontext fatal und falsch; Qualitätssicherung und Treue zu den fundierenden Konzepten ist geboten!

Die Frage also lautet, wie sich Literatur- und Geschichtsunterricht in der Oberstufe verschränken, wie die Fächer einander ergänzen, erklären und auseinander erwachsen.

Bereits in der Hochzeit der Kindheit (mit dem zwölften Lebensjahr beginnend) sollen rhythmischer Teil und Erzählteil keimhaft anlegen und vorbereiten, was in der Oberstufe gleichsam als Ernte auf einer anderen Ebene eingefahren und in das Bewusstsein gehoben werden darf. Ich möchte das den großen pädagogischen Dreischritt nennen: So werden beispielsweise die schon im Vorschulalter gemüthaft angelegten Bilder des Michaelskampfes, die aus der

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Arbeit des Waldorfkindergartens geprägt wirken, über den Erzählteil der 4. Schulstufe (aber auch der 5. und 6. Klasse) vermittelt. Durch Erinnern und Vergessen metamorphosiert, gelangen die zugrunde liegenden Bilder schließlich in die Bewusstheit und werden in die Sphäre des Urteilens gehoben. Über diesen Weg, der gleichsam lange Intervalle zwischen einem seelischen Ein- und Ausatmen assoziieren lässt, wird nicht zuletzt Arbeit und Lektüre der Nibelungenepoche an diesen Bildspeicher, zu diesem Bildgedächtnis an- respektive rückverbunden.

„In der 10., 11. und 12. Klasse, wenn sich der Seeleninnenraum nicht nur bildet, sondern sich auch mit dem Denken verbindet, tragen die Erziehungsbemühungen der früheren Jahre Früchte…“

Steiner, Rudolf: AMK, Vortrag 8.

Der Geschichtsunterricht in Analogie zur Menschenentwicklung Es ist der Entwicklungsvorgang, der von einer mythischen Verbindung von Umwelt und Mensch weiter hinaus führt. Diese Erfahrung steht am Anfang jeglichen geschichtlichen Narrativs, sei es individuelle Biografie oder Universalhistorie.

Der Weg, über den sich – gesäumt von Turbulenzen, Krisen und Revolutionen – über die Aufklärung der Verstand emanzipieren wird, mündet weiter in das aufkeimende Bewusstseinseelenzeitalter. Diese Analogie einer Entwicklung der menschlichen Individualität zum kollektiven Geschichtsverlauf spiegelt sich in den Kämpfen der Pubertät, der Schwere der Erdenreife. Die dringliche Aufgabe und Verantwortlichkeit für OberstufenpädagogInnen besteht nun darin, das Nähzeug für Peter Pans Schatten, der gelegentlich noch abgetrennt in der Schublade liegt, bereitzuhalten…

Der fachliche Bogen im Unterricht verschränkt nun, vom Geschichtsunterricht her grundiert, in der literarischen Ausund Überformung illustriert, eine differenzierte und doch koinzidente Darstellung dieser Prozesse. Beginnend mit den frühen Hochkulturen, über das Sesshaftwerden und über die so genannte neolithische Revolution in der 10. Klasse bis zur Mittelalterepoche der 11. Schulstufe hinzielend, spiegelt der Literaturunterricht zwischen Nibelungen- und Parzivalepoche graduell differenziert und subtil akzentuiert Rückbindungen und Ausblicke innerhalb dieses Entwicklungsspektrums. Die Parzival-Thematik wird in der 11. Klasse auch im Sozialpraktikum erlebbar gemacht.

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Matthias Berke

Sprache, die aus der Seele spricht

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt Wittenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, Satz 5.6

In der Oberstufe öffnen sich neue Sinne für die geistige Wirklichkeit der Sprache. Die Jugendlichen befinden sich auf der Suche nach einer eigenen und unverwechselbaren Sprache; die Krise der seelischen Entbindung kulminiert zeitweilig in Sprachskepsis und Rhetorik des Verstummens. Der Grad der jeweiligen seelischen Entwicklungsstufe ist an der Artikulationsfähigkeit direkt proportional ablesbar. Führt doch auch der Weg des Parzival von der stumm unterlassenen Mitleidsfrage über die Kenntnis der allgemeinen formelhaften Wendung „hêrre wie stêt iuwer nôt?“ zur nunmehr explizit individuellen Formulierung „oeheim, waz wirret dir?“!

Die Schwere des eigenen Körpers, der harte Aufprall der Erdenreife und ein Verlust an Lebendigkeit in der Verfangenheit der Abstraktion zerren und zehren an der Seele. Die Seelenfähigkeiten der Jugendlichen haben sich zwar

einerseits dramatisch verstärkt, sind aber untereinander nicht mehr im Lot, nicht mehr in der harmonischen Verbindung der frühen Kindheit. Die Konfrontation mit der eigenen Wesenheit erweist sich als schmerzhaft; innere und äußere Haltung werden nur schwierig gefunden respektive bewahrt.

… über die Sprache haben wir nicht nur am Akustischen teil – dem Klang, den Lauten, der Intonation, der Satzmelodie –, sondern auch an dem Gedanken, der uns durch die Worte vermittelt wird, ja, an dem Unsagbaren, das durch die Sprache eben doch den Weg zu uns findet und besonders in aller Dichtung aufklingt.

Schad, Wolfgang: Erziehung ist Kunst. Pädagogik aus Anthroposophie. Stuttgart 1994

Siegfried und Parzival im Zerrspiegel der Zeitgeschichte Nachdem uns das 20. Jahrhundert mit dem Nationalsozialismus, den Gräueln, dem Genozid und der Shoah sein grausames Antlitz gezeigt hat, mit den darauf folgenden Totalitarismen und Terrorismen unterschiedlicher Provenienz und auch in den problematischen zivilen gesell-

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Paul Berke

schaftlichen Kontinuitäten – vor allem in Österreich –, ist es nötig geworden, die wichtigen und überaus wirksamen Lehrplanüberlegungen Rudolf Steiners (und Johannes Steins) für die 10. und 11. Klasse, also sowohl die Nibelungen- als auch die Parzivalepoche, grundlegend gegenüber einschlägigen, politisch motivierten Verdachtsmomenten zu imprägnieren. Es gilt, die mittelhochdeutschen Texte assoziativ wieder von dem jüngeren zeitgeschichtlich-korrumpierten Kontext zu lösen und die jeweilige Textgestalt in ihrer ursprünglichen menschenkundlich sowie (literar-) historischen Bedeutung zu verankern, zu verorten und damit zu rehabilitieren.

Ich verweise explizit auf Rudolf Steiners Todesdatum am 30. März 1925 und auf die aktuell laufende, ständige Redigierung und Kommentierung nachträglich [!] eventuell problematisch-missverständlicher Passagen im Œuvre Rudolf Steiners. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebräuchliche Formulierungen und akzeptierte Termini erfordern mittlerweile naturgemäß eine neue kritische Rezeption im Sinne der für mich absolut bindenden Stuttgarter Erklärung seitens des Bundes der Freien Waldorfschulen vom 28.10.2007 [1]

Von den großen kollektiven und breitenwirksamen Bewegungen führt die historische mensch(heit)liche und menschenkundliche Entwicklung in die Tiefe, zur Verinnerlichung und zur Individualisierung. Die historische und literarische Tradition des Mittelalters beinhaltet bereits auf künftige Epochen vorausweisende Aspekte, variiert antike und christliche Themen und Bilder in sich wandelnden sozio-kulturellen Kontexten, die eine Rezeption im 21. Jahrhundert auf jeden Fall lohnend erscheinen lassen. ¶

Wer sich mehr zu diesem Thema wünscht, dem sei die Lektüre des MoMent Herbst 2019 ans Herz gelegt, in dem sich der Thementeil „Vom Ablegen der Rüstung“ aus verschiedenen Perspektiven der Nibelungen- und ParzivalEpochen nähert:

https://issuu.com/waldorf-schule_wien-mauer/docs/ moment_herbst_2019

[1] https://www.waldorf.at/organisation/wiener-erklaerung

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Matthias Berke Archiv Ursula Kaufmann

Vom Sinn der Schulfeiern

Das ganze Schuljahr 2020/2021 haben wir ohne Schulfeier überlebt. Damit stellt sich die Frage: Brauchen wir diese eigentlich? Oder sind wir es nur gewohnt, ab und zu eine Art „Leistungsschau“ von der Schule präsentiert zu bekommen? Haben Schulfeiern einen Sinn? Und wenn ja: welchen? In diesem Beitrag möchte ich ein paar Fragen aufwerfen und versuchen, diese auch zu beantworten. Für jene, die nicht weiterlesen möchten, eine kurze Antwort vorab: JA! Schulfeiern sind wichtig – und sie bieten ein vielseitiges Erlebnis und Erfahrung für die Kinder, ihre Eltern, Großeltern… und alle anderen Mitglieder und FreundInnen der Schulgemeinschaft.

Geschichte der Schulfeiern in Waldorfschulen Bereits in der ersten Waldorfschule der Welt wurden Schulfeiern veranstaltet. Zum damaligen Zeitpunkt war das Feiern religiöser Anlässe ein ganz normaler und regelmäßiger Bestandteil des täglichen Lebens – es war also für die Menschen nicht ungewöhnlich, öfters eine Feier abzuhalten. Daher war es nur verständlich, dass auch in der Stuttgarter Waldorfschule sehr bald gefeiert werden sollte: Am 7. September 1919 wurde die Schule eröffnet, und schon bei der ersten Konferenz im Dezember kam das Thema „Schulfeier“ erstmals zur Sprache.

Für Rudolf Steiner war jede Feier sehr wichtig: „Die Feier muß sehr würdig sein.“ [1] Auch hatte er ganz bestimmte Vorstellungen davon, wie sich die Darbietungen auf die Kinder auswirken sollten: „Es ist darauf zu sehen, daß nichts, was durchgenommen wird, rasch wieder aus den Kindern verschwindet, und das sollte nicht durch Wiederholung, sondern gleich durch die erste Darstellung erreicht werden.“ [1.1]

Steiner sah drei Typen von Schulfeiern vor: Schuleröffnungsfeier, Jahres- oder Schulschlussfeier und Monatsfeier.

Dr. Steiner zur Schuleröffnungsfeier…

Lehrer: Wir haben Samstag Schuleröffnungsfeier. Darüber ist noch nicht gesprochen worden.

Steiner: Die Sache ist schwierig, daß diese zwei Dinge rasch aufeinanderfolgen, Schluß und Eröffnung. Haben Sie irgend etwas gedacht, wie Sie es beginnen möchten?

Lehrer: Wenn wir Herrn Doktor bitten dürften zu sprechen.

Steiner: Ich werde das ganz gerne tun, daß ich etwas sage. Aber ich halte es für unbedingt notwendig, wenn wie in der Antwort zur Frage auch wieder die Klassenlehrer die Kinder ganz kurz empfangen würden. [...] Es macht doch einen gewissen Eindruck auf die Kinder, wenn die Klassenlehrer ihre Kinder empfangen,

und auch Repräsentanten für nicht klassenmäßige Unterrichtsgegenstände, ein Sprachlehrer, ein Eurythmielehrer, ein Handfertigkeitslehrer, eine Handarbeitslehrerin. Es ist eine etwas lange Galerie. Es macht einen gewissen Eindruck, wenn man ihnen ein beherztes Wort am Anfang sagt. […] Ich will die Ansprache zuerst machen, dann könnte sich das daranschließen, und dann – wäre es ganz unmöglich, daß doch irgend etwas den Kindern auch musikalisch entgegenklingt? Daß man etwas spielt als Schluß der Feier? Es wäre schön, wenn die Feier musikalisch ausklingen würde.

Lehrer: Wir können etwas singen. Steiner: So würde ich es schon meinen. [1.2]

Ich kann zuerst sprechen, dann alle Lehrer. Ich denke mir, wir machen es mit den Klassenlehrern jeder Klasse und mit Vertretern der Fachgruppen, der Reihe nach, von oben nach unten. Es kann von oben herunter gemacht werden, daß es bei der 10. anfängt. Auch die Fachlehrer sollen reden. 10., 9., 8., Fachlehrer für Eurythmie, Musik, Sprachen, Handarbeitsunterricht, Handfertigkeitsunterricht. [1.3]

… zur Schulschluss- bzw. Jahresschlussfeier… Sonst müßte es in der Form sein, daß jeder Lehrer eine Ansprache hält. Vielleicht ist Herr Baumann so gut und besorgt etwas Musikalisches. Dichten Sie doch etwas, was den Schulschluß eurythmisch darstellt. […] Es wäre doch wunderschön, wenn so etwas gemacht würde. Es beginnt eurythmisch; etwas, das musikalisch begleitet ist. Dann geht es über ins bloß Musikalische, und dann schließt es eurythmisch. [...] es müßte natürlich eine Art von Rede sein, die wie eine Lebensrede ist, zum Entlassen und Wiederkommen. So irgend etwas, was auf den Tag und das Entlassen und Wiederkommen Bezug hat. [1.4]

Ich würde die Jahresschlußfeier so gestalten, [...] daß das ganze eine Symphonie gibt von dem, was man den Schülern gerne sagen würde. Nicht Schülerproduktionen machen, das kann in der letzten Monatsfeier gemacht werden. Da würde man eine Wegleitung haben, die rückblickt auf das Schuljahr und vorblickt auf die Ferien, die Hoffnung erweckt und vorblickt auf das nächste Schuljahr und so weiter. [1.5]

Wenn sie [die Schulfeier; Anm.] so gemacht wird, daß die Kinder einen Schlußpunkt haben, ein paar Gedanken aufnehmen, so ist es doch gut. Es gehört zum ganzen im seelischen Erleben, sonst gehen die Kinder bloß fort und beginnen ein neues Schuljahr: sie werden zuletzt zu gleichgültig. Die Schlußfeier ist der Abschluß eines ganzen Schuljahres. [...] Es muß nicht prosaisch werden. [1.6]

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…und zur Monatsfeier

Lehrer: berichtet, daß man immer am ersten Montag jedes Monats, der nach Landesgewohnheit schulfrei ist, ein Schulfest veranstalten möchte; solche Feste hätten bisher schon am 3. November und am 1. Dezember stattgefunden.

Steiner: Solch eine Monatsfeier sollte besser auf den Donnerstag gelegt werden. Montag ist der Philistertag; für den Donnerstag sprechen innere Gründe. Der Donnerstag ist als Jupitertag der geeignetste Tag. Der Inhalt einer solchen Monatsfeier sollte sein ein Gedankensammeln über den Monatsinhalt, etwas Ähnliches wie beim „Seelenkalender“. Die Sprüche aus den „Zwölf Stimmungen“ kommen dabei aber höchstens für die 7. und 8. Klasse in Frage. [1.7]

Lehrer: Kann bei einer Monatsfeier Gymnastik gezeigt werden?

Steiner: Gymnastik bei der Monatsfeier, das ist sehr schön. [1.8]

So sind also die Schulfeiern an den Waldorfschulen entstanden.

Schulfeiern als Höhepunkte des Schuljahres

Einem Musikstück oder Gemälde ähnlich lebt auch das Schuljahr vom Wechsel zwischen Spannung und Entspannung. Die Entspannung bildet dabei den Hintergrund: Wolken, die über den ruhigen Himmel ziehen oder leise Akkorde, welche in den ruhigen Teil einer Symphonie hineinklingen. Ausatmen. Das regelmäßige Trainieren einer bestimmten Sportart. Im Schuljahr bildet das Lernen diesen Hintergrund. Die Kinder lernen für sich selbst. Sie bearbeiten den Stoff, ihr Gehirn nimmt Neues auf, neue Strukturen bilden sich.

Im Vordergrund und damit im Fokus steht hingegen die Spannung: ein in allen Details dargestellter Baum, Personen, ein rauschender Bach. Paukenschläge am Höhepunkt eines Musikstücks. Die Teilnahme an einem sportlichen Wettbewerb. Einatmen. Im Schuljahr begegnen uns diese Kulminationen in Gestalt von Prüfungen, Tests – und Schulfeiern. Die Herzen der Kinder schlagen schneller, ihr Gehirn arbeitet auf Hochtouren: Sie zeigen, was sie gelernt haben und nun können. Auf diese Momente der Spannung folgt – hoffentlich – erneut Entspannung. Ruhige Wasserflächen in friedlicher Landschaft. Das Ende der Symphonie. Ein gutes Prüfungsergebnis – oder eine süße Kugel Eis nach dem Sport.

Entwicklungsspirale

In westlichen Kulturen entspricht das Konzept von Zeit einer Linie oder Achse: Es geht unerbittlich voran. Endlose „go ahead“-Forderungen, Gantt-Diagramme, Projektplanungen, Zeitmanagement… 2020, 2021, 2022… nach vorne, nach vorne! In östlichen Kulturen ist das anders. Die Zeit bildet einen Kreis(lauf): Jedem Winter folgt der Frühling, jedem Sonntag ein neuer Montag, jedem Monatsende ein neuer Monatsanfang. Verknüpfen wir diese beiden Zeitmodelle, so erhalten wir eine Spirale.

Was bedeutet nun „Lebens- oder Entwicklungsspirale“? Jedes Jahr ist gleich, aber dennoch anders. Wir sind jedes Jahr älter.

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Seweryn Habdank-Wojewódzki

Wir kennen mehr. Wir haben mehr Erfahrung. Die Schulfeiern machen diese Entwicklungsspirale sichtbar. Jede Feier ist gleich – und dennoch bringt jede etwas Neues.

Was bewirkt die Schulfeier bei den Kindern?

Die Darbietungen, welche bei einer Schulfeier gezeigt werden, sind vielfältig: Die Kinder zeigen Sportliches, sie tanzen, präsentieren Rhythmikübungen, singen, spielen auf diversen Instrumenten. Sie berühren die verschiedensten Themenbereiche wie Geographie, Geschichte oder Mathematik und berichten von ihren Praktika. Damit beschäftigen sie sich mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten und Wissensbereichen.

In der ersten Klasse bleiben die Kinder nur Zuschauer. Sie können erleben, was in höheren Klassen passiert, was sie einmal erwarten wird. Damit gibt es keine Überraschung, kein schockierendes Erlebnis. Man wird einmal auf der Bühne stehen, etwas sagen, singen oder tanzen oder… Das ist kein Geheimnis und nichts Gefährliches. Alles einfach, oder?

In der zweiten Klasse sind sie schon „erfahrene“ Kinder. Sie wissen doch alles!... und doch nicht alles. Sie stellen fest: Um etwas zu zeigen, um gut tanzen oder singen zu können, muss jeder Mensch üben. Üben bedeutet jedoch für jedes Temperament etwas anderes [2]. Für Phlegmatiker und Melancholiker ist das Üben ganz normal. Sanguiniker langweilen sich, und Choleriker werden ungeduldig: So lange üben! 4 Wochen immer das Selbe!

Dann ist der Tag der Schulfeier da: Für den Melancholiker ist das Ende der Welt gekommen – der Himmel fällt herunter,

irgendetwas geht sicher schief. Auch dem Phlegmatiker fällt es mitunter schwer, wenn er auf die Bühne muss, sich vielleicht viel bewegen oder – oh mein Gott – gar schnell tanzen soll! Gut, dass der Auftritt nur ein paar Minuten dauert. Für den Choleriker hingegen ist seine Stunde gekommen: Der Auftritt –endlich eine Herausforderung – ist sein Ziel. Das schafft er sicher! Und der Sanguiniker ist auf der Bühne ohnedies zuhause: Alle schauen auf ihn, bewundern ihn – und auf der Bühne passieren nur die besten Sachen. Wie könnte jemand etwas anderes denken?! [3]

Wir sehen: Die Schulfeier bringt für jedes Temperament Vorteile. Die Vorbereitung ist einfacher für die Melancholiker und die Phlegmatiker. Der Bühnenauftritt selbst hingegen fällt den Sanguinikern und den Cholerikern leicht. Generell lernen die Kinder, etwas vor großem Publikum zu sagen oder zu tun, und – sie lernen, dass man einander unterstützen kann und gemeinsam mehr erreicht, wenn einander alle gegenseitig helfen. Hier entwickeln sich die Kraft und der Mut, die eigene Meinung auch öffentlich auszusprechen, anstatt in der Masse zu bleiben.

Der Schutz der Klassengemeinschaft spielt in der zweiten Klasse eine große Rolle. Alle Kinder machen zusammen das Gleiche, es gibt keine Einzelauftritte. Macht ein Kind einen Fehler, so fällt dieser nicht auf; es passiert nichts. Dieses Sicherheitsgefühl ist für die Kinder in diesem Jahrgang noch sehr wichtig.

In den folgenden Jahren treten die Kinder zunehmend als Einzelpersonen in den Vordergrund. Höhepunkt des Ganzen

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ist meiner Meinung nach die Modeschau in der 9. Klasse: Hier tritt nicht nur jede/r einzeln auf – es wird auch noch eine selbst geschaffene Kreation vorgeführt.

In den höheren Klassen nimmt die Anzahl der Möglichkeiten für „Soli“ weiter zu: Sei es als ModeratorIn oder als BeleuchterIn – für jede und jeden bieten sich zahlreiche Chancen, dem eigenen Wesen und Interesse entsprechend an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten. Hier wird die Basis für die Fähigkeit zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit gelegt.

Mit Blick auf die Entwicklungsspirale bedeutet das also: Jedes Jahr gibt es die gleiche Schulfeier, aber jedes Jahr ist diese etwas anders. Die zweite Klasse beobachtet die dritte, die siebente Klasse beobachtet die achte und die elfte Klasse schließlich die zwölfte. Damit ist klar, was im kommenden Jahr geschehen wird, und es gibt wenig Stress.

Was bewirkt die Schulfeier bei Eltern und Familie?

Das Publikum der Schulfeier besteht neben FreundInnen der SchülerInnen und sonstigen Menschen, die sich der Schulgemeinschaft verbunden fühlen, zum Großteil aus Eltern, Großeltern und anderen Familienmitgliedern. Die Schulfeier ist also ein willkommener Anlass, um liebe Menschen zu treffen. Sie bereichert unser soziales Leben.

Das ist der soziale Aspekt. Ein weiterer Aspekt ist die Möglichkeit zur Selbstreflexion – vor allem für Eltern: Was fühle ich, wenn mein Kind auf der Bühne steht, tanzt, singt oder spricht?

Sorge ich mich aus Angst, es könnte etwas Schlechtes passieren? Oder lasse ich meine Seele „fließen“ und genieße den

Moment, die Musik, die Worte, die Bewegungen? Was denke ich? Was fühle ich? Bin ich emotional in der selben Klasse wie mein Kind? Bin ich schon in der siebenten Klasse, obwohl mein Kind noch in der dritten ist? Oder ist mein Kind schon in der zehnten Klasse, aber meine Emotionen hängen in der vierten? Auch hier beeinflussen die Temperamente das Geschehen: Nutze ich als Elternteil die Vorteile meines Temperaments und bestärke mein Kind – oder werde ich zum Stressmacher? Wie kann ich mein Temperament nutzen, um mein Kind zu unterstützen? Welche Kräfte stehen mir dafür zur Verfügung? Und wo stehe ich eigentlich auf meiner Entwicklungsspirale? [4]

Abspann: Vielen Dank für Impulse an: Adam Winiarczyk, Małgorzata Habdank-Wojewódzka, John Carter, Danuta Habdank-Wojewódzka und Bolesława Habdank-Wojewódzka. Herzlichen Dank auch an Margarete Goss für ihre Vorschläge zur Textgestaltung. ¶

Seweryn Habdank-Wojewódzki ist Vater in der 8. u. 12. Klasse.

Literatur

[1] Rudolf Steiner, GA 300 a, b, c; Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach / Schweiz, 1975 [1.1] 22. Dezember 1919; [1.2] 16. Juni 1921; [1.3] 17. Juni 1921; [1.4] 23. Juni 1920; [1.5] 14. Juni 1920; [1.6] 26. Mai 1921; [1.7] 22. Dezember 1919; [1.8] 3. September 1924

[2] Roy Wilikinson, The temperaments in Education; 2008

[3] Ursula Grahl, How to Help Your Growing Child; 1997

[4] Gudrun Burkhard, Das Leben in die Hand nehmen, Arbeit an der eigenen Biografie; 2017

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Karl Hruza

...so werden sie liebevoll genannt: Elisabeth Bonsels, Xu Chen, Cora Pieper, Esther Schmidt und Karoline Weirich. Vielmehr als auf ihr Alter oder ihre Berufserfahrung zielt dieser Name auf die Dynamik ab, die unsere fünf „jungen“ Kolleginnen in den Kindergarten bringen: frischen Wind und eine andere Art, die Dinge zu denken. Vor allem aber Mut, Bekanntes neu zu greifen oder Unbekanntes auszuprobieren.

Mit den „langgedienten“ KollegInnen an ihrer Seite ermöglichen sie eine ausgewogene Mischung aus Tradition und „jugendlichem Tatendrang“, der man in unserem Kindergarten begegnen kann.

Wir stellen vor:

Elisabeth Bonsels

Ich bin in Camphill in Kärnten geboren; meine Eltern haben begeistert Anthroposophie diskutiert und diese Werte in der sozialtherapeutischen Arbeits- und Wohngemeinschaft gelebt. Ich kam in den Waldorfkindergarten, die Waldorfschule und hab‘ das alles von Anfang bis Ende erlebt, meist selbstverständlich und gut behütet. Dann hab‘ ich mich von alldem bewusst abgewandt und ging in die Welt. Bis ich Mutter wurde...

So: Ich wollte etwas Gutes für die Welt tun, etwas, das einen tiefen Sinn hat und verlässlich ist – mit Kindern arbeiten. Tagesmutterausbildung. Praktikum in einer städtischen Kinderkrippe. Nein, das ist irgendwie flach, eine Aneinanderreihung von Tätigkeiten, eh lieb gemeint. Da kam ich zu Waldorf zurück. Und da ging mir eine Welt auf!!! Als würde flach zu dreidimensional. Seitdem begeistern und überzeugen mich zunehmend anthroposophische Texte und die Tiefgründigkeit der Waldorfpädagogik. Nach Wien-Mauer trugen mich zufallsähnliche Umstände, denn nach Wien, in die Großstadt wollte ich nie. Jetzt bin ich doch da: wegen des Kindergartens, des Kollegiums, der Arbeitsbedingungen… und es ist alles stimmig. Wer hätte das gedacht? Danke, echt! Ich liebe meine Arbeit jeden Tag. Sie ist nie fad. Sie strengt und regt an, belebt, gibt Halt durch Rhythmus, tut gut, inspiriert und ermöglicht mir dank der Kinder, die Liebe zum Menschen weiter zu erforschen und zu praktizieren.

Cora Pieper

Ich bin 25 Jahre alt und arbeite seit September in der Kleinkindgruppe zusammen mit Anja Herkommer. Da ich sowohl den Waldorfkindergarten als auch die Rudolf Steiner-Schule Wien-Mauer zwölf Jahre lang besuchte, wuchs ich mit der Waldorfpädagogik auf. Danach absolvierte ich die Matura am Abendgymnasium, kurz darauf kam mein Sohn zur Welt. Für mich war von Anfang an klar, dass auch er „meinen“ Kindergarten besuchen würde, da ich mich in Waldorfkreisen immer sehr wohl und behütet gefühlt habe. Nach meiner Ausbildung zur Sozialpädagogin konnte ich im Kindergarten arbeiten, was mich sehr freute. Wer arbeitet nicht gerne an einem vertrauten Wohlfühlort? Ich liebe die Arbeit mit den Jüngsten, freue mich, sie begleiten und jeden Tag ihre Entwicklung beobachten zu können. Auf viele weitere Jahre!

Esther Schmidt

Nachdem ich hier in den Kindergarten und danach neun Jahre lang in diese Schule gegangen war, entschied ich mich für einen anderen Weg und machte später den Abschluss als diplomierte Kindergarten- und Hortpädagogin.

Meine ersten pädagogischen Erfahrungen sammelte ich als Leiterin einer Kindergartengruppe mit hörenden und hörbeeinträchtigten Kindern im Gehörloseninstitut. Eine Zeit, auf die ich sehr gerne zurückblicke.

Mit der Zeit erkannte ich, was mir bei der Arbeit mit Kindern besonders wichtig ist, und so führte mich mein Weg zurück zur Waldorfpädgogik. Drei Jahre später schloss ich das Waldorfkindergartenseminar ab und wurde kurz darauf Mutter eines wunderbaren Sohnes. Er und die Kinder im Kindergarten zeigen mir jeden Tag, wie wichtig es ist, einen Raum zu schaffen, in dem sie einfach sein können. Sie selbst, spielend, forschend, staunend. Einen Raum, in dem jeder Tag nicht von einer Uhr und Terminen bestimmt, sondern von Rhythmus und Wiederholung getragen wird. Wo wir die Geschehnisse in der Welt draußen lassen und im Hier und Jetzt zusammen wachsen können. Einen Raum, wo wir unsere eigene Welt erschaffen können, mit Fenstern, die uns den Blick nach draußen ermöglichen und Türen, die uns offen stehen, um die Welt zu beschreiten.

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Eine Handvoll „Jugend“

Karoline Weirich

Ich bin 30 Jahre alt und arbeite seit sechs Jahren als Elementarpädagogin. Zunächst war ich gruppenführende Pädagogin bei einem großen privaten Träger und kam dort mit allen Altersgruppen in Berührung. Ich war zwar sehr zufrieden mit meinem Arbeitgeber, erkannte aber bald, dass es mich in eine andere Richtung zog. Doch wohin? Wichtig ist mir etwa, den Kindern Naturkreisläufe näher zu bringen, was in vielen Einrichtungen leider viel zu kurz kommt. Ich suchte also einen Ort, wo ich Kindern so begegnen konnte, wie es für mich „richtig“ wäre. Schließlich empfahl mir meine Schwester einen Waldorfkindergarten, denn sie war überzeugt, dass ich mich dort wohlfühlen würde. Gesagt, getan! Ich tauchte in die Waldorfpädagogik ein und erkannte, wie stimmig sich alles anfühlte. Bekräftigt wurde dieses Gefühl, als ich mein jetziges Haus kennenlernen durfte.

Was hat mich also überzeugt, in der Waldorfpädagogik Fuß zu fassen? Vor allem erleben hier die Kinder eine Freiheit, die ich sonst nirgendwo gesehen habe. Sie dürfen auf Bäume klettern und wahrhaftige Naturerfahrungen machen, wie sie es für ihre Entwicklung brauchen. Die Pädagoginnen strahlen eine Ruhe und Freundlichkeit aus, die sich auf die Kinder überträgt.

Ich gehe mit Freude zur Arbeit, weil ich vom Konzept überzeugt bin und meinen Teil dazu beitrage, dass ein Ort erhalten bleibt, wo sich Kinder in ihrem Tempo entwickeln können.

Seit Herbst 2020 bin ich im Waldorfkindergarten WienMauer tätig. Nach der Matura war ich zunächst „auf der Suche“ und arbeitete in allerlei Branchen. 2014 entschied ich mich für die Elementarpädagogik, arbeitete anfangs als Springerin in verschiedenen Kindergärten und wurde später gruppenführende Pädagogin und stellvertretende Leiterin.

Was mich zum Wechsel veranlasst hat, ist einfach gesagt, jedoch schwer erklärt: die Waldorfpädagogik.

Bereits während meiner Ausbildung und in den ersten drei Jahren als Pädagogin dachte ich: „Da fehlt etwas. Das ist noch nicht alles.“ Nach Gesprächen mit Eva Sindelek und Magdalena Sperl hospitierte ich vorerst im Waldorfkindergarten und entschied mich zuletzt auch für diesen Kindergarten: Die Waldorfpädagogik hat das, was mir noch fehlte.

Warum ich Kindergartenpädagogin wurde? Einerseits ist es mir ein Anliegen, einen Ort zu schaffen, an dem sich Kinder wohl und geborgen fühlen. Mit der Waldorfpädagogik in ihrer Ganzheit wird dies möglich. Für den anderen Grund habe ich dieses Zitat von Rudolf Steiner gewählt: „Auch der Weiseste kann unermesslich viel von Kindern lernen.“

Die Arbeit mit Kindern ist wichtig und unglaublich bereichernd. Ich freue mich auf viele neue Begegnungen und hoffe, dass ich noch viele Kinder in ihrem ersten Jahrsiebt begleiten darf. ¶

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Esther Schmidt, Cora Pieper, Elisabeth Bonsels, Xu Chen, Karoline Weirich

Auf Waldtag mit der 1. Klasse

Das Wetter am allerersten Waldtag der ersten Klasse hätte schöner nicht sein können. Die Sonne und eine leichte Brise begleiteten uns den gesamten Weg von der Schule hinauf zum Maurer Wald, und auch im Wald blitzten die Sonnenstrahlen durch die noch grünen Baumkronen.

Am Ziel angekommen, war erstmal eine Stärkung nötig –noch ein andächtiges Sprüchlein, und schon wurden die Jausenbrote genüsslich verzehrt. Währenddessen konnte ein erster Eindruck von der Umgebung wirken. Da standen Tipis aus Ästen und dünnen Baumstämmen, gefällte Bäume, die uns als Sitzgelegenheiten dienten, und so viele Versteck-, Spiel- und Klettermöglichkeiten! Der lange Weg hier herauf hatte sich gelohnt. Nun wurden noch die Grenzen und Regeln besprochen, und schon durften die Kinder eigenmächtig die Gegend erkunden. Manche blieben noch verhalten sitzen oder in Frau Ammerings Nähe, um die Lage noch etwas zu sondieren, andere stürmten auf die Tipis zu, um sie genauer zu betrachten, hineinzuschlüpfen oder an ihnen hinaufzuklettern, und manche fanden sich in Grüppchen zusammen, um Rollenspiele zu spielen, Tiere zu beob-

achten oder Tipis nachzubauen. Letzteres führte zu einem Konflikt zweier Grüppchen, die einen offenbar ausgerissenen jungen Baum entdeckt hatten. Die eine Gruppe wollte den Baum zum Weiterbau des Tipis verwenden, und die andere wollte ihn „verarzten“ und wieder eingraben. Es wurde diskutiert, argumentiert und auch geweint, wer denn nun Recht habe, und schließlich kamen die Kinder zu der Vereinbarung, dass der Baum eingegraben werden sollte und – sollte das nicht funktionieren und er umfallen – er zum Tipibau verwendet werden durfte. Die TipibauerInnen waren natürlich sehr zuversichtlich, doch noch zu ihrem Baumaterial zu kommen. Jedoch hatten weder sie noch die erwachsenen Beobachterinnen damit gerechnet, dass die BaumretterInnen ein kleines Tipi als Stütze um den jungen Baum bauten. Natürlich durften alle mithelfen, und so kam es doch noch zu einer für alle erfreulichen Lösung.

Es war für mich als Beobachterin sehr beeindruckend, zu sehen, wie so viele starke einzelne Persönlichkeiten und ihre unterschiedlichen Ziele und Meinungen sich in dieser Situation miteinander vereinten. Es sind diese Situationen,

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die eine gute Klassengemeinschaft entstehen lassen und zu einem wachsenden Zusammenhalt beitragen. Und wo könnten sie freier und leichter entstehen, als bei einem ungezwungenen Beisammensein in der Natur außerhalb der begrenzenden Wände des Klassenzimmers?

Dieses gemeinsame Wachsen und Sammeln von Erfahrungen konnte ich auch bei meiner zweiten Waldtagbegleitung vier Wochen später beobachten. Hier wussten die Kinder bereits, wie weit der Weg zum Wald ist, wo Hunde ihnen aus Gärten entgegenbellen, und es gab bereits Rituale wie Trink- und Jackenausziehpausen an bestimmten Stellen. Auch im Wald merkte man die zunehmende Vertrautheit der Kinder. Sie führten Spiele von der vergangenen Woche fort, kannten viele Vorlieben und Verhaltensweisen ihrer MitschülerInnen, und es hatten sich bereits richtige Freundschaften gebildet. Auch die Begleitung durch die noch fremden Eltern wurde zur Gewohnheit, und die Zurückhaltung, die am ersten Waldtag noch ein wenig zu spüren gewesen war, verflog zusehends, sodass wir auch bei kleineren Konflikten hinzugezogen, zum Mitspielen animiert und

zum Tiereretten und -beobachten eingeladen wurden. Und auch wir wurden beobachtet und kritisch hinterfragt, warum wir denn die Weinbergschnecken mit den Fingern, die Nacktschnecken aber lieber mit Blättern vom Trampelpfad weggesetzt hätten. So ergaben sich lustige und nette Gespräche und hatten auch wir Eltern die Möglichkeit, die Kinder kennenzulernen und Gesichter mit bereits von der Klassenliste bekannten Namen zu verbinden.

Die Kinder bei der Erfahrungssammlung und in dieser zusammenwachsenden Klassengemeinschaft zu beobachten, ist für mich als Mutter sehr wertvoll und interessant, und es ist sehr bereichernd, diese besonderen Ausflüge auch über die Beschreibung der Kinder hinaus – die sich ja meistens auf „schön“, „toll“ oder „lustig“ beschränkt – selbst als mehr oder minder stille Beobachterin mitzuerleben. ¶

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Angela Schär ist Mutter in der 1. Klasse. Angela Schär

Klassenwochenende der 2. Klasse

In dieser besonderen, herausfordernden Zeit voller Ein- und Beschränkungen war uns eine wundervolle kleine Auszeit im idyllischen Burgenland gegönnt. Tage voller schöner Erlebnisse in Gemeinschaft, erfüllender Gespräche, Tanz, Musik und Gesang, Spiel und Spaß für Groß und Klein. Es wurden Erinnerungen fürs Leben geschaffen, Beziehungen vertieft oder neue Bekanntschaften geschlossen.

Der Wettergott meinte es gut mit uns an diesem wunderschönen Herbstwochenende Anfang Oktober. Schon der erste Eindruck des JUFA Gästehauses in Neutal verlief durchwegs positiv: Nettes Personal und schöne, gepflegte Zimmer sowie ein wahres Kinderparadies in Form von großem Spielplatz, Streichelzoo, Kletterwand und Indoorspielplatz, Kegelbahn und viel Platz zum Spielen und Toben hießen uns willkommen.

Der Freitagnachmittag wurde zum Erkunden des Geländes und Beziehen der Zimmer genutzt; nach dem Essen in Form eines großzügigen Buffets starteten wir gleich in ein buntes Abendprogramm im angrenzenden Veranstaltungsraum. Jung und Alt kamen einander bei verschiedenen Tänzen

näher, die SchülerInnen der 2. Klasse zeigten ihr Georgsspiel, und Branislav Krajčo alias Flaco de Nerja erfüllte den Raum mit seinen Flamenco-Gitarrenklängen. Beglückt und müde fielen die Kinder in ihre Betten; so mancher Elternteil fand sich danach noch in der Hotelbar auf das eine oder andere Gläschen ein.

Nach dem Frühstück am nächsten Tag und im Bewusstsein, alle Kinder in den liebevollen Händen einiger Schülerinnen der 10. Klasse zu wissen, lauschten Eltern und Lehrerinnen den Worten von Tobias Richter, der uns einen interessanten und kurzweiligen Vortrag schenkte, in welchem er einen Bogen über die gesamte Waldorfpädagogik spannte.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Herrn Richter für die wertvollen Einblicke in die Entwicklungsschritte der Kinder und Jugendlichen und die Einführung in die elementaren Bereiche der Waldorfpädagogik.

Nach dem Mittagessen fand sich eine größere Gruppe Erwachsener und Kinder für einen Spaziergang im angrenzenden Wald ein. Eine aufgefundene tote Äskulapnatter durfte – abwechselnd von verschiedenen Kindern getragen

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– als kurzzeitiges Maskottchen an der Wanderung teilnehmen, bevor sie dann doch im Wald ihre letzte Ruhe fand.

Gestärkt und aktiviert kamen die Erwachsenen danach für den zweiten Teil des Vortrages zusammen, während die Kinder ihre Freiheit auf dem Gelände des JUFA Hotels genossen.

Der Samstag endete mit einem gemeinsamen Abendessen, Saunagängen, Gruppenfotos via Drohne, einem großen Lagerfeuer und einem begeisterten bzw. begeisternden Konzert von Ingo Steinbach, Rudolf Schiedlbauer, Christian Kdolsky und Lothar Trierenberg, welche von vielen enthusiastischen SängerInnen unterstützt wurden. Das Lied „Haben bitte“ ist seither ein Dauerbrenner in vielen Familien... Geräuchert, beseelt und heiser fanden sich früher oder später alle in ihren Betten ein.

Aber auch das schönste Wochenende geht einmal zu Ende, und so mussten wir uns voneinander am Sonntag nach einem letzten gemeinsamen Mahl und Waldspaziergang verabschieden.

Herzlichen Dank den geduldigen SchülerInnen aus der 10. Klasse, die die Mädchen mit kunstvollen Frisuren verschönert und mit allen Kindern Spiele veranstaltet haben. Danke an Julia Knäussl für die hervorragende Organisation im Vorfeld und auch an das Personal des JUFA Hotels Neutal, das sich stets freundlich, zuvorkommend und besonders kinderlieb gezeigt hat. Und abschließend ein riesengroßes Dankeschön an Sabine Trierenberg für ihren Einsatz, ihre Motivation und ihre grenzenlose Liebe, die sie unseren Kindern tagtäglich schenkt.

Alle Anwesenden hatten eine unvergessliche Zeit, und ich kann mich den Stimmen der Kinder nur anschließen, die sich eine Wiederholung des Klassenwochenendes wünschen. Können wir das nochmal haben, bitte? ¶

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Lisa Klinger ist Mutter in der 2. Klasse. Georg Schibranji

Das Kennlern-Wochenende der 2. Klasse

Rückschau, zusammengefasst von Emanuel Fellmer

Was bleibt den Kindern in Erinnerung?

Es ist eigentlich das Feuer, an das erinnere ich mich noch so richtig! Und zu genießen und, dass man so viel Auslauf hatte; und es war auch cool, dass man auf’s Feld gehen und Kukuruz pflücken konnte… und, dass es drei Spielplätze gab und halt… dass man so viel Auslauf haben konnte. Irgendwie… einfach cool!

Vor allem, dass es lauter einzelne Häuser gab und da jeder sein konnte, überall, auch in der Früh, dass man da machen konnte, was man wollte … dass es halt niemanden gab, der einem so viele Sachen verbieten könnte. Man konnte ur viel spielen… und die Selbstbedienung in der Früh fand ich auch immer so cool. Und die vielen Spielplätze, drei an der Zahl mit zwei Rutschen und soviel Sand und… freust du dich aufs nächste Mal?!

Was bleibt den Eltern in Erinnerung?

Dass wir näher gerückt sind. Dass wir uns wieder jung und verlegen fühlen durfte, beim Ankommen zumindest. Dass sich Bekanntschaften vertiefen und neue Begegnungen entstehen konnten; vor allem weiß ich nun endlich bei allen,

wer zu wem gehört, inklusive Geschwisterkinder. Wir haben ausgelassen gesungen, einem Gitarren-Konzert gelauscht, gespielt, gelacht, getanzt und genossen, dass die Kinder so viel mit ihren KlassenkameradInnen unterwegs und glücklich waren. Der ausgezeichnete Vortrag von Tobias Richter, der allein durch seinen Esprit ein wunderbarer Vermittler und Botschafter der Waldorfpädagogik ist, regte auch unseren Intellekt an! An dieser Stelle nochmals unseren Dank auch an die älteren SchülerInnen, die zur Betreuung unserer Kinder während des Vortrags mit waren. Gesellig war‘s, verbindend und immer wieder dachte ich mir: Das ist schon etwas Besonderes, so eine Gemeinschaft, für die nächsten Jahre… ¶

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Emanuel Fellmer ist Vater in der 1. und 2. Klasse.

Karotten in allen Farben!

von Sabine Trierenberg

Die 2. Klasse durfte an einem herrlichen Herbsttag im wunderschönen Klostergarten der Barmherzigen Schwestern in Laab im Walde richtig zupacken und Karotten und anderes Wurzelgemüse in den schönsten Herbstfarben ernten. Wer hat schon mal eine weiße Karotte gesehen und gekostet? Wie heißt eigentlich eine orangefarbene „rote Rübe“? Auf diese Frage hatte nicht einmal Herr Kramer, der die Kinder mit Ruhe und Gelassenheit in diese sinnvolle Arbeit einführte, eine Antwort. (Herr Kramer ist Schülervater an unserer Schule und leitet den Klostergarten).

Die Klasse hing aufmerksam an seinen Lippen, als er ihnen von den sichtbaren und unsichtbaren Samen erzählte, die Lagerung der Ernte mit den Kindern besprach, sie neugierig und wach machte.

Viele Kilo wurden geerntet und nach Farben in Kisten geschlichtet. Karotten in allen Größen und Formen – riesengroße und sehr kleine, geringelte und in sich verschlungene Karottenpaare, „meine Karotte ist verliebt!“, „meine hat die allertollste Form!“

Wenn sich Arbeit mit Begeisterung paart, dann wird Waldorfpädagogik sichtbar, dann darf auch der Religionsunterricht ausfallen, denn die LehrerInnen haben uns zugestimmt:

die Früchte der Erde ehrfurchtsvoll und voller Freude auszugraben – auch das ist Religion.

In Scheibtruhen wurde das vorsichtig abgedrehte Grün der Karotten auf den Kompost geführt, schwere Kisten getragen, Salate und andere Gemüsesorten entdeckt, die unter anderem auch in unserer guten Schulküche verkocht werden. Und wieder einmal war ich sehr stolz auf meine Klasse: denn richtig zupacken, das können sie jetzt schon.

Am Ende dieses Vormittages wurde auch noch eine weißgewandete Klosterschwester in der Ferne gesichtet: „wie in meinem Buch… sie sieht wirklich aus wie in meinem Buch!“. Begeisterung an allen Ecken und Enden. Jedes Kind bekam eine kleine Ernte mit nach Hause, doch wie viel davon tatsächlich zu Hause ankam, ist die Frage, denn so frisch aus der Erde schmeckt es halt doch am allerbesten.

Vielen Dank Herrn Kramer für den sinnhaften Vormittag bei Ihnen am Hof! ¶

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Sabine Trierenberg ist Klassenlehrerin der 2. Klasse. Lothar Trierenberg

Die erste Epoche der 3. Klasse war die Schöpfungsgeschichte.  Wir Eltern konnten diese wunderbar gestaltete Darbietung zum Abschluss der Epoche miterleben.

Im Klassenzimmer wurden die Fensterläden geschlossen, und es herrschte Finsternis. Das Tohuwabohu, die Unordnung als Ausgangsstimmung brachten die Kinder zum Ausdruck, indem sie mit verschiedensten Instrumenten wild durcheinander spielten und trommelten.

Gott sprach: Es werde Licht.

Und es wurde Licht. Eine Kerze brachte Licht in das dunkle Klassenzimmer.

Die sieben Schöpfungstage wurden von den Kindern wunderbar vorgetragen. Zum Abschluss jedes Tages ertönte ein kräftiger Gongschlag.

Als Eltern waren wir sehr beeindruckt, als die Kinder mit einer Leichtigkeit „Im Anfang“ aus dem Buch Genesis in hebräischer Sprache rezitierten. „Bereschit bara elohim“.

Jeden Tag der Schöpfungsgeschichte konnten die Drittklässler und Drittklässlerinnen mit einem Nass-in-Nass Bild zum Ausdruck bringen und das Gehörte vom Vortag malen. Daraus entstand ein Buch zur Schöpfungsgeschichte.

Wir freuen uns schon auf den nächsten Einblick in die Welt der 3. Klasse. ¶

Sandra Krajco-Riemer ist Mutter in der 3. Klasse.

22 _ MoMent Winter 2021
Gott sprach: „Es werde Licht“
von Sandra Krajco-Riemer

Die Schöpfungsgeschichte – Quell der Resilienz

von Natascha Hermann

Die 3. Klasse hat das diesjährige Schuljahr mit der Schöpfungsgeschichte begonnen. Wir haben gehört, erlebt und damit experimentiert, wie aus dem anfänglichen Tohuwabohu langsam die Ordnung hervorging, mit Tag und Nacht, dem Entstehen von Luft und Erde, dem Entstehen von Lebendigem – zunächst den Pflanzen, dann den Tieren und schließlich dem Menschen. In der Geschichte, wie wir sie gehört haben, war DANKE das erste Wort, das der Mensch gesprochen hat.

In einer Zeichnung zur Geschichte hat ein Kind diesen Dank besonders gewürdigt: Es waren zwei Menschen abgebildet, mit Sprechblasen, in denen „Danke“ zu lesen war. Dieses scheinbar kleine Detail hat meinem Erleben der Schöpfungsgeschichte eine neue Bedeutung gegeben. Eine dankbare Haltung, Freude an etwas, Achtsamkeit gegenüber anderen – das sind unglaubliche Ressourcen in unserem Leben. Aus der Emotionsforschung und der Gesundheitsförderung wissen wir, dass eine dankbare, freudige Haltung der Welt gegenüber unsere Resilienz steigert und uns widerstandsfähiger macht, um Herausforderungen, die das Leben immer wieder an uns stellt, leichter überwinden zu können. Es ist

mir ein Anliegen, diese Haltung mit den Kindern noch zu vertiefen.

In der Klasse haben wir daraufhin unseren „Dankbarkeitstisch“ gestaltet. Die Kinder haben Muscheln, Steine, Blumen und vieles mehr mitgebracht, was ihnen aus der Natur besondere Freude bereitet. Um die Dankbarkeit über die Epoche hinaus pflegen zu können, habe ich für alle Kinder abschließend ein „Glücks-, Freuden- und Dankbarkeitsbuch“ angelegt, wo ich begonnen habe, jedem Kind eine ganz persönliche Freude bzw. Dankbarkeit meinerseits mitzugeben. Mein Gedanke ist, dass die Kinder über die Schulzeit hinweg selbst diese Freude weiterpflegen können, indem sie aus eigenem Antrieb heraus oder auf Anstoß von mir hin immer wieder einmal etwas in das Büchlein schreiben oder zeichnen, ebenso Eltern oder Großeltern für das Kind. Dass die Epoche der Schöpfungsgeschichte diese Anregung gegeben hat und Dankbarkeit für mich zur Quintessenz der Schöpfungsgeschichtsepoche wurde, habe ich mit Freude angenommen. ¶

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Natascha Herrmann ist Klassenlehrerin der 3. Klasse. Natascha Hermann

Das Martinsfest in der 4. Klasse

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von vielen SchülerInnen, gesammelt von Christina Bauer
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Habt Ihr Euch je gefragt, mit welchem „Pech“ denn die Faule aus Grimms Märchen „Frau Holle“ übergossen wurde? Was ist denn Pech?

Die vierte Klasse (jetzige Fünfte) ging dieser Frage auf den Grund und staunte nicht schlecht, als sie im südlichen Niederösterreich bei ihrem Handwerkerausflug auf einen der letzten Pecher Österreichs traf.

„Pecherei ist der im südlichen Niederösterreich gebräuchliche Ausdruck für die Harzgewinnung aus Schwarzkiefern. Die Pecherei dient der Gewinnung von Baumharz, auch „Pech“ genannt, das in weiterer Folge zu einer Reihe alter Haus- und Heilmittel (…) weiterverarbeitet wurde. Denjenigen, der die Pecherei ausübt, bezeichnet man als Pecher.“ (Quelle: https://pecherei-rendl.at ¶

Freiwillige

der 4. Klasse im SJ 2020/2021

von Brigitte Födinger

Gegen Ende letzten Schuljahres wagte sich eine Truppe beherzter Kinder der 4. Klasse an die freiwillige Radfahrprüfung mit dem Ziel, ab dem 10. Geburtstag mit dem Radfahrausweis unbegleitet im öffentlichen Verkehrsraum Rad zu fahren. Die Organisation wurde den Eltern überlassen und nicht wie in den Jahren zuvor über die Schule organisiert, da wegen der Covid-Bestimmungen nur zehn Kinder pro Termin antreten durften.

Ein gut bebildertes Skriptum unterstützte Kinder und Eltern bei der Lernvorbereitung. Wichtige Verkehrszeichen, Bodenmarkierungen, Ampelregelung, Handzeichen und vieles mehr mussten gelernt werden.

Bei einem Übungsnachmittag im ÖAMTC Mobilitätspark in Wien-Erdberg, der mit Ampelanlage, Kreisverkehr und Haltestellen auf einer Gesamtfläche von 3.400 m² realitätsnahe Bedingungen bietet, übten die Kinder vor Ort das Erlernte, unterstützt von MitarbeiterInnen der Verkehrserziehung der Polizei Wien, die da und dort noch Hilfestellung anboten. Fahrradhelme wurden mitgebracht, super Räder entliehen.

Die Kinder genossen das schöne Wetter und das Miteinander. Puh, gar nicht so einfach, das Erlernte in der „Realität“ umzusetzen.

Am Prüfungstag fanden sich die Kinder fröhlich, aber doch aufgeregt wieder im Mobilitätspark ein, um nach gut eineinhalb Stunden und bewältigtem Theorie- sowie praktischem Teil ihren ersten „Führerschein“ in der Hand zu halten. – Die Freude und Erleichterung war allseits groß! Geschafft!!! ¶

Brigitte Födinger ist Mutter in der 5., 9. und 12. Klasse.

26 _ MoMent Winter 2021
Kikeriki, unsere Pechmarie ist wieder hie!
Der erste Führerschein!
Radfahrprüfung
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Alexandra Bodingbauer

Nicht ausfallen lassen – machen!

Frau Rumetshofer hat mit ihrer 6. Klasse gleich im Herbst das Fest einer Olympiade gefeiert. Gut vernetzt mit der Kollegenschaft in Schönau ist es ihr gelungen, dass die Kinder auf dem herrlich schönen Areal ihre sportlichen Künste erproben und die sensationellen „Streitwägen“ benutzen durften. Große Unterstützung fand sie auch in Manuel Saurer, dem engagierten Turnlehrer der 6. Klasse.

Am Freitag ging es also mit der Schnellbahn und zu Fuß nach Schönau. Tagsüber stand das Training für die Wettkämpfe der olympischen Künste im Vordergrund: Es wurden kurze und lange Strecken gelaufen, gerungen, Speer geworfen, und natürlich kamen die tollen Wägen zum Einsatz.

Da kein Fest an unserer Schule ohne tatkräftige Hilfe von Eltern gelingen kann, kamen bereits am Abend zwei Mütter angefahren, kochten und verwöhnten die hungrige und noch lange nicht müde Rasselbande. Die „Bande“ berichtete im Nachhinein, dass der gemeinsame Abend dann mit zu den Höhepunkten des Wochenendes gezählt hatte. Frau Rumetshofer zeigte sich von ihrer humorvollen und sehr fröhlichen Seite, die Bühne durfte erobert, Sketches und Ähnliches gespielt werden. Endlich wieder sich als ganze Klasse spüren

dürfen: Nach dem vergangenen Jahr war die Freude hierüber besonders groß.

Auch in der Elternschaft war diese Sehnsucht zu spüren. Alle kamen am Sonntagvormittag angereist, bewunderten ihre Kinder, feuerten sie an. Und das Beste war: Wir Eltern durften mitmachen, auch wir bekamen die Gelegenheit, uns in den verschiedenen Künsten zu versuchen. Frau Rumetshofer und Herr Saurer machten den Anfang, und Erstere stellte wieder einmal ihre vielseitigen Begabungen unter Beweis.

So hatte diese kleine, aber feine Olympiade auch ihre Vorteile: In „großer Runde“ – mit allen Schulklassen aus Österreich und den Nachbarländern (wie es normalerweise üblich ist) gemeinsam – hätten Eltern und SchülerInnen diesen Spaß und diese große Freude am gemeinsamen Erlebnis nicht gehabt. So hat jede Medaille auch eine zweite Seite. Und eine Medaille hat diese Klasse mit Sicherheit verdient!

Gott Zeus selbst, zu dessen Ehren dieses Fest stattfand, bedankte sich mit einem herrlichen Wetter, die Sonne strahlte und der Himmel leuchtete in seinem schönsten Blau. ¶

28 _ MoMent Winter 2021
Sabine Trierenberg ist Mutter in der 6. Klasse.

Unsere Gastepochen

Wie vermutlich viele von Euch schon mitbekommen haben, gab es bei uns in der 7. Klasse eine recht aufgeheizte Stimmung zwischen der Klassenlehrerin und uns SchülerInnen.

Als wir dann unsere erste Gastepoche mit Marion Giannelos hatten, in der es um Geschichte ging, merkten wir, wie entspannt und unterhaltsam der Unterricht sein kann. Wir lernten von der Renaissance, der Auferstehung der Antike und den erstaunlichen Entdeckern, Wissenschaftlern und Erfindern, denen wir heute all unser Wissen verdanken. Auch das Sprichwort „Wer Geschichte nicht lernt, ist verdammt, sie zu wiederholen“ hat mich zum Nachdenken gebracht. Diesen Satz hat Frau Giannelos jedes Mal gesagt, wenn wir uns darüber beschwert haben, wie ungerecht das Recht eigentlich war und teilweise immer noch ist. Sie hat gesagt, wir sollen uns die Vergangenheit ansehen und alles, was uns daran nicht gefällt, einfach besser machen. Ich kann hier nur für mich sprechen, wobei ich glaube, dass das fast alle andern auch so sehen: Diese Epoche war sehr, sehr cool! Ich persönlich habe bis vor zwei Wochen nicht verstanden, wie andere Leute Mathe verstehen oder sogar Spaß daran haben können, doch dann, in der Epoche, in der wir Gleichungen mit Unbekannten und Klammern rechnen sollten, hat Frau Giannelos es geschafft, den Stoff so zu erklären, dass sogar ich es verstanden habe und plötzlich einen Riesenspaß am Rechnen hatte.

Ich hoffe, Dir hat die Zeit mit uns auch so gut gefallen und Du freust Dich so wie wir auch schon auf unsere nächste gemeinsame Epoche! Danke! ¶

Ilvy Steinbach ist Schülerin in der 7. Klasse.

Die 7. Klasse in der Küche

Wie war das Küchenpraktikum, mein Kind?

Cool, super! Wir haben geschält, geschnitten und gebacken. Also von Montag bis Mittwoch, 8 bis 11 Uhr: Guten Morgen, wie geht's, Schürze und Haube an, 30 Zwiebeln warteten auf uns – zu Hause weine ich bereits bei der ersten Zwiebel –Schneiden, Schälen , Anrichten von Obst und Gemüse… Wir haben sogar Schokoladenmuffins selbst gebacken! Wir durften auch Sachen probieren, wenn der Chef es erlaubt hat, und am Donnerstag und Freitag haben wir bei der Essenausgabe geholfen.

Aber warum war es super?

Ich kann mit ruhigen Gewissen dort essen. Die Qualität stimmt. Alles ist mit Liebe gemacht. ¶

von Aleksandra Hikade, Mutter in der 7. und 9. Klasse.

MoMent Winter 2021 _ 29
von Ilvy Steinbach Lothar Trierenberg

Die Sportwoche der 8. Klasse

mit einem Vorwort von Christine Bolleter

Da im vergangenen Schuljahr durch die zahlreichen CovidEinschränkungen auch der Schikurs in der 7. Klasse nicht stattfinden konnte, haben wir uns entschlossen, gleich zu Schuljahresbeginn eine Sportwoche in Döbriach/Kärnten zu buchen. Um es vorweg zu sagen: Sie ist vom Anfang bis zum Ende gelungen, zumal wir auch gerade noch den neuerlichen Covid-Einschränkungen in diesem Schuljahr entkommen konnten! Ein großes Dankeschön geht an Frau Khol für die Mithilfe bei der Organisation und an Herrn Kvasnicka für die tatkräftige Unterstützung. Genießen Sie nun einen Einblick in die Sportwoche aus der Feder unserer Jugendlichen:

„Am Montag, den 13.9.2021 sind wir, die 8. Klasse, um 8 Uhr in der Früh mit dem Bus nach Döbriach zum Millstättersee gefahren. Nach ca. 6 Stunden Fahrt sind wir in einer netten kleinen Familienpension angekommen, haben zu Mittag gegessen und sind danach gleich zum See gegangen. Dort konnte jeder seine selbst ausgesuchte Hauptsportart das erste Mal testen, wie z. B. Segeln, Tennis und Mountainbiking. Dienstag, Mittwoch und Donnerstag durften wir auch noch eine zweite Sportart wählen, die wir jeden Vormittag ausführten (Klettern, Nordic Walking, Wakeboard und

Wassermix). Zu Mittag gingen wir immer in ein sehr gutes Restaurant mit einem Strandbad essen, wo wir einmal sogar mit einem Luftkissen (Ufo) über den See gezogen wurden. Leider konnten wir nur zweimal segeln, da nicht viel Wind war, aber das Tretbootfahren war auch schön! Am meisten aber haben mir die Abende gefallen, weil wir immer sehr coole Aktivitäten gemacht haben, z. B. das „Schmuggler-Spiel“, eine Fackelwanderung oder einen Besuch beim Dorffest. Im Großen und Ganzen hat mir die Woche sehr viel Spaß gemacht, und ich freue mich schon sehr auf die nächste Klassenfahrt.“

„Beim Tennis haben wir erst geübt, den Ball zu kontrollieren und dann ging es schon zum Schlagen. Es wurde uns der Griff erklärt und Bälle zugeworfen, damit wir sie zurückschlagen. Wir haben Vor- und Rückhand gelernt. An den nächsten Tagen war es am Anfang gleich, wir gingen die Schläge durch und spielten ein Doppel. Es war sehr lustig und man lernte jeden Tag die Bälle besser zu schlagen. Wir lernten dann auch noch den Aufschlag.“

„Schön war noch, dass wir jeden Tag etwas gratis ausprobieren durften wie zum Beispiel Tretboot fahren oder Kajak

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und SUP (Stand-Up-Paddling). Auch das Essen war sehr lecker. Am schönsten fand ich, als wir den Grundschein bestanden haben, aber natürlich war das Ufo-Fahren am lustigsten.“

„Letztlich war es eine sehr erholsame und lustige Woche, die Klasse ist zusammengewachsen, und ich würde so eine Woche auf jeden Fall weiter empfehlen.“

„Die Klassenfahrt hat mir sehr gefallen, wir haben viel Sport und Spaß gehabt. Mir hat es auch sehr gefallen, dass es ein Tennisturnier am Ende gab.“

„Die Woche ist sehr schnell vergangen, zumindest hat es sich so angefühlt. Ich fühlte mich sehr wohl, wie wenn ich zuhause wäre, und es war ein wirklich tolles Erlebnis.“

„Für mich war diese Woche eine sehr schöne und sportliche Woche, in welcher ich viel gelernt habe.“

„Ich fand die Woche sehr schön und entspannend, weil man Ruhe von den Geschwistern hatte.“

„Es war eine schöne Woche, in der sich alle wieder ein bisschen näher gekommen sind.“ ¶

MoMent Winter 2021 _ 31
Christine Bolleter ist Lehrerin der 8. Klasse. Seweryn Habdank-Wojewódzki

Michaeli

organisiert und durchgeführt von der 8. Klasse gemeinsam mit Christine Bolleter und Wilhelm Kvasnicka

Das Feiern des Michaeli-Festes gehört zur Tradition einer jeden Waldorfschule und so auch zu unserer. Hierbei ist jede 8. Klasse aufgefordert, Mut- und Begegnungsstationen für die 2. – 7. Klasse zu erfinden, zu planen und zu organisieren. Schon diese Herausforderung ist nicht zu unterschätzen! Wie die Schülerinnen und Schüler der 2. – 7. Klasse diesen besonderen Tag im Durchlaufen der einzelnen Stationen erlebten, hat die 8. Klasse sehr lebendig in Aufsätzen beschrieben. Hier ein Beispiel und mehrere Ausschnitte davon:

„An Michaeli gehen sechs Klassen der Rudolf Steiner-Schule zur Himmelswiese, um Mutproben zu machen, die die 8. Klasse für sie organisiert. Ich bin mit einem Freund im Bus zum Treffpunkt gefahren, wo schon andere auf uns gewartet haben. Wir sind daraufhin zur Himmelswiese gegangen. Leon und Martin haben mir dann dabei geholfen, die Station aufzubauen. Unsere Station „Run and Shoot“ bestand darin, einen Parcours zu laufen und im Anschluss mit einem Ball in ein kleines Fußballtor zu schießen. Bald ging es los, und die erste Gruppe kam zu unserer Station, und sie schafften es sehr gut. So ging es für eine Weile weiter, bis ein Kind abhandengekommen ist. Es ist

unter einer Absperrung durchgelaufen und erschien bei einer anderen Station wieder. Bis auf diesen kleinen Vorfall ging aber alles gut. Michaeli hat viel Spaß gemacht, und es war schön zu sehen, dass den Kindern unsere Station gefallen hat!“

„Es war sehr schön, wenn man sah, wie die Kinder lächelten, und es gab einem ein gutes Gefühl. Ein gelungener Tag!“

„Ich hoffe sehr, dass allen die Stationen gefallen haben, denn ich für meinen Teil kann nur sagen, dass, obwohl es stressig war, es sehr viel Spaß gemacht hat. Leider waren es für uns die letzten Michaeli-Spiele, aber es war auf jeden Fall ein guter Abschluss.“

„Obwohl es viel Arbeit war und auch sehr anstrengend, war es am Ende eine sehr schöne Erfahrung. Die Grundidee, sich zu überwinden, haben wir, glaube ich, gut umsetzen können, und ich hoffe es hat allen gefallen.“

„Ich fand sehr schön, dass wir die Stationen selber erfinden und leiten durften. Ich hoffe, es war ein sehr schönes MichaeliFest für alle, die dabei waren.“

32 _ MoMent Winter 2021

„Mir haben die Michaeli-Spiele sehr gut gefallen, auch wenn es anstrengend war. Ich finde, es ist eine sehr schöne Tradition an unserer Schule.“

„Ich habe gedacht, dass wir sehr viel Zeit hätten, aber das war nicht so, wir waren immer auf den Beinen.“

„Die Michaeli-Spiele sind meiner Meinung nach ein „Highlight“ an unserer Schule.“

„Ich fand es gut, dass wir die Michaeli-Spiele gemacht haben, weil wir dann auch gelernt haben, Verantwortung für etwas zu übernehmen. Außerdem haben wir die anderen Klassen auch besser kennengelernt.“

„Es war eine schöne und tolle Erfahrung, den anderen Kindern eine Freude machen zu dürfen und ich hoffe, die anderen aus meiner Klasse können das auch von sich sagen.“

„Die Herausforderung, sich schöne Stationen auszudenken, hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich wünsche der nächsten 8. Klasse, dass sie auch viel Spaß haben möge und der nächsten 2. Klasse, dass sie sich auf viele schöne und neue Stationen freuen kann.“ ¶

MoMent Winter 2021 _ 33
Seweryn Habdank-Wojewódzki

Was hat uns dazu bewegt, TutorInnen zu werden?

Als Tutorin der 9. Klasse stellt man sich vielen Herausforderungen entgegen. In all den Jahren, die ich in unserer Schule gearbeitet habe, habe ich nie ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich mich dieser Verantwortung stellen sollte. Es war für mich aber schon immer ein großer Reiz, dies auszuprobieren. Die Frage war nur „Wann“ und bei welcher Klasse?

Die jetzige 9. Klasse unterrichte ich in Russisch seit der 6. Klasse. Wir haben zusammen Konflikte überstanden und freudige Momente zusammen geteilt. Trotzdem war es für mich überraschend und bewegend, als die Klasse ihr Vertrauen in mich setzte und vorschlug, die Tutorenschaft zu übernehmen. Da ich doch ein wenig unsicher war, ob ich das alles allein stemmen könne, begab ich mich auf die Suche nach einem Co-Tutor. Und zum Glück habe ich den perfekten Co-Tutor gefunden – unseren Sportlehrer Manuel Saurer, der auch bereit war, diese Aufgabe mit mir gemeinsam zu übernehmen. Herr Saurer dachte am Anfang, dass ich es als Scherz gemeint hätte, aber die Idee gefiel ihm sehr!

So ist die jetzige sportlich-russische Tutorenschaft der 9. Klasse entstanden. Wir sind Anfang September erfolgreich in das Schuljahr gestartet und freuen uns auf gemeinsame produktive Jahre in der Oberstufe!

Als relativ neuer Kollege hätte ich nie damit gerechnet, so bald die Chance einer Tutorenschaft angeboten zu bekommen. Ich machte mir viele Gedanken, ob ich auch all den Ansprüchen eines Tutors gerecht werden könnte? Mir wurde sehr schnell klar, dass ich mich dieser erfüllenden Herausforderung und Aufgabe, die dieses Amt mit sich bringt, stellen möchte. Zum Glück war eine Kollegin in derselben Situation wie ich: meine hoch geschätzte Co-Tutorin Frau Chebova. Gemeinsam sind wir nun die „Duotoren“ der 9. Klasse.

Wir fühlen uns der Verantwortung und Herausforderung gewachsen und freuen uns jeden Tag aufs Neue, unsere 9. Klasse als ZuhörerIn und AnsprechpartnerIn begleiten zu dürfen. ¶

34 _ MoMent Winter 2021

Die Oberstufe

von Philipp Binder, Peter Stafler und Jakob Tillian

Die 9. Klasse ist dieses Jahr in die Oberstufe gekommen und erzählt ihre ersten Erfahrungen.

Schon am 2. Schultag ging es mit dem Bus für 3 Tage nach Eschau, wo sich die Neunte mit ihren Tutoren bei Sport, Spiel und viel Spaß und abends am Lagerfeuer besser kennenlernten. Alle kehrten begeistert und zufrieden zurück. – Der Start war geglückt! Klasse und Tutoren happy! (Red.)

„Es ist angenehm, dass man 10 Minuten später zur Schule gehen kann und es ist gut, dass man das Schulgelände in den Pausen verlassen kann und sich ohne Aufsicht frei bewegen kann.”

„Ab dem man in der Oberstufe ist, hat man auch die Möglichkeit, der Tafelrunde beizuwohnen, wo Vertreter der verschiedenen Oberstufen-Klassen regelmäßig schulische Probleme und Anliegen der Schüler besprechen.“

„Ebenso sind die Praktika in der Oberstufe eine wichtige Erfahrung und mal ein anderes Erlebnis. Neben den Praktika gibt es auch andere Ausflüge wie z.B. die Sportwoche, die die 9. Klasse am Anfang des Schuljahres hatte.“

„Die Sportwoche war ein sehr angenehmer Start in das Schuljahr, da es nicht direkt mit Unterricht begonnen hat.“

„Die Sportwoche selber war sehr cool und hat viel Spaß gemacht.“ ¶

Die Autoren sind frisch gebackende Oberstufenschüler.

MoMent Winter 2021 _ 35
Paul Berke

Die 10. Klasse auf Shades Tours

von Ulrike Borovnyak

Dieses Foto entstand auf einer der Exkursionen, organisiert vom Verein SHADES TOURS, zu den Themen „Sucht & Drogen“ sowie „Armut & Obdachlosigkeit“, die wir am 13.9.2021 besucht haben. Geführt wurden wir von einem ehemaligen Obdachlosen sowie einem jungen Mann, der seine Sucht überwunden hat. Beide haben uns mit ihren Lebensgeschichten und den Hintergründen ihrer Situationen in Wien berührt.

Ulrike Borovnyak ist Tutorin der 10. Klasse.

36 _ MoMent Winter 2021

Religion, Glaube, Angehörigkeit

In der 11. Klasse treten die SchülerInnen als Individualitäten voreinander – mit einem Thema, das ihnen am Herzen liegt. Und sie verleihen diesem Thema ihre Stimme. Das ist mehr, als einfach nur in der Klasse eine Meinung kundzutun. Aufgabe ist, eine Rede zu halten, die einen Appell an die Menschen richtet. So wählen alle etwas, hinter dem sie stehen, was sie wichtig finden, und erüben im noch gewohnten Rahmen, ihren Standpunkt ganz eigenständig und persönlich zu vertreten. Gut argumentiert, strukturiert, zugewandt und klar. Hier ein Beispiel dafür! Ursula Kaufmann

Religion, Glaube, Angehörigkeit: Wir alle verbinden diese Begriffe miteinander. Warum verbinden sie uns nicht?

Das ist die Frage, die ich mir seit langer Zeit stelle.

Es gibt weniger als zehn Weltreligionen, aber mehrere tausend Glaubensgemeinschaften. Diesen gehören unzählige Menschen aus unterschiedlichen Kulturen an. Es gibt natürlich auch Atheisten und Agnostiker.

Ich erkläre kurz diese Begriffe:

Atheisten sind Menschen, die an keine Gottheit glauben und auch die Existenz jeder Gottheit ausschließen.

Agnostiker glauben an keine Gottheiten, schließen deren Existenz aber nicht aus. Sie glauben beziehungsweise halten sich an die moralischen Gesetze, die von Menschen gemacht sind.

Das Christentum, der Islam, das Judentum, der Hinduismus und der Buddhismus sind die größten Glaubensrichtungen auf der Welt. Viele von ihnen bestehen aus verschiedenen Glaubensgemeinschaften. Der Islam zum Beispiel besteht aus dem sunnitischen Islam, dem schiitischen Islam und weiteren kleineren Gruppen, das Christentum aus katholischen, orthodoxen und protestantischen Christen. Der Buddhismus hat ebenfalls drei Zweige. Im Judentum, Christentum und Islam wird nur ein Gott verehrt, im Hinduismus mehrere Götter. Der Buddhismus ist überhaupt anders. So, genug erklärt und ich komme wieder zu meiner Frage. Also: Warum gibt es so viele Konflikte zwischen den verschiedenen Religionen?

Jede dieser Religionen predigt die Nächstenliebe, den Frieden und die Gabe, zu verzeihen. Ich weiß nicht, ob manche die Aufforderung zur Verbreitung ihres Glaubens falsch verstehen, aber ich glaube nicht, dass damit die Unterdrückung anderer Überzeugungen gemeint ist.

Ich glaube vielmehr, dass es darum geht, die Ideale einer Religion zu verbreiten. Die Liebe, das Versuchen, sich in

andere hinein zu versetzen, um zu verstehen, wie es ihnen geht, anderen zu helfen und am wichtigsten: andere zu respektieren. Wie kann man sich selbst achten, wenn man nicht genug Courage hat, um jemand anderen zu achten? Wie kann man sich als treuer Anhänger einer Religion sehen, wenn man deren Regeln bricht und Andersgläubige aufgrund ihrer Ausrichtung beleidigt oder verletzt? Jemand, der eine andersgläubige Person aufgrund deren Religion verletzt, verletzt die Grundregeln seiner eigenen Religion. Das widerspricht sich grundsätzlich.

„Es gibt viele Religionen, aber nur eine Moral“.

Was ich mit diesem Zitat sagen will, ist, dass jede Religion das gleiche Grundgerüst hat: Auch wenn sie grundverschieden sind, sind sie einander doch ähnlicher als viele denken.

„Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenn's ihm gut geht und eine, wenn's ihm schlecht geht. Die letzte heißt Religion.“

Wenn es jemandem schlecht geht, oder wenn man sich fürchtet, kann es einem helfen, sich an etwas/jemanden wenden zu können. Deshalb sind arme oder einsame Menschen öfter gläubiger als Menschen, die glücklich und zufrieden sind. Auch Menschen, die Angst haben, wenden sich oft an Gottheiten. Es ist das Unkontrollierbare, das Unerklärliche, das uns gläubig macht. Anstatt diese Angst in Hass anderen gegenüber zu verwandeln, sollten wir alle gemeinsam die Angst mit Liebe besiegen.

Lasst uns die Individualitäten aller Religionen bewahren und zusammen gegen den Hass kämpfen! ¶

Theo Berke ist Schüler in der 11. Klasse.

MoMent Winter 2021 _ 37

Unser Sozialpraktikum

Das Sozialpraktikum meiner Klasse fand nicht wie üblich gegen Ende der 11. Klasse, sondern zu Beginn der 12. Klasse diesen Herbst statt. Drei Wochen hat jede/r SchülerIn in einer sozialen Institution gearbeitet.

Vier meiner MitschülerInnen und ich haben das Sozialpraktikum bei der Dorfgemeinschaft Breitenfurt absolviert. Die Dorfgemeinschaft Breitenfurt ist eine Institution, die Menschen mit besonderen Bedürfnissen einen Arbeitsplatz wie auch einen Wohnraum bietet. Ich habe den Eindruck, dass in der Dorfgemeinschaft das Miteinander-Tun am wichtigsten ist. „Wir machen spürbar, wie das eigene Fortkommen das soziale Zusammenleben verbessert. Und sehen den Menschen mit Unterstützungsbedarf deshalb nicht als Empfänger karitativer Leistungen, sondern als produktiven Teil unserer Gesellschaft.“[1]

Dort habe ich in der Wort- und Klang-Werkstatt mitgeholfen. Das Mithelfen und die Arbeit mit den Klienten haben mir gefallen und ich glaube, ich konnte viel im Umgang mit Menschen lernen. Es war zwar anstrengend, vor allem zu Beginn, wo ich die Abläufe noch nicht kannte, jedoch habe ich mich bald an die Arbeit gewöhnen können. Für mich

sind die Erfahrungen, die ich gemacht habe, sehr wichtig und ich bin froh, die Dorfgemeinschaft Breitenfurt für mein Praktikum gewählt zu haben. Ich habe in den drei Wochen die Menschen dort wirklich liebgewonnen.

Die vier MitschülerInnen und ich haben die Dorfgemeinschaft zwei Wochen später nochmals besucht und bei den jeweiligen Werkstätten, denen wir zugeteilt waren, vorbeigeschaut.

Im Endeffekt hätte ich mir gewünscht, dass das Praktikum zwei weitere Wochen gedauert hätte, da ich erst in der dritten Woche so richtig reingekommen bin, und ich weiß, dass mehrere andere aus der Klasse genau so denken. Ich finde, das Sozialpraktikum gibt uns SchülerInnen einen guten Einblick in das Umfeld der sozialen Arbeit und ist in wichtiger Bestandteil des Lehrplans.

Ein weiteres Highlight in Zusammenhang mit dem Sozialpraktikum war dessen Nachbesprechung. Diese jedoch war nicht wie üblich am ersten Montag nach dem Praktikum in der Schule, sondern sie fand in einem Hostel in Tulln statt.

38 _ MoMent Winter 2021
Julia Lingl

Am nächsten Tag fuhren wir weiter nach Melk, um das Stift zu besichtigen. In Tulln erzählten wir SchülerInnen über unsere Erfahrungen und Eindrücke und hörten einen Vortrag unseres Tutors Holger Finke über das Leben von Rudolf Steiner.

Nach einem gemeinsamen Spiele-Abend und einer kurzen Nacht hörten wir am nächsten Morgen einen Vortrag von Julia Lingl zum Thema Jahresarbeit und der wissenschaftlichen Arbeitsweise. Bald darauf machten wir uns auf den Weg nach Melk. Dort hatten wir eine Führung durch die Ausstellung im Stift.

Auch wenn diese „Reise“ etwas kurz war, so war sie die erste, die wir als Klasse in der Oberstufe gemacht haben. Diese gemeinsame Unternehmung hat, denke ich, der Klasse gutgetan und uns einen Vorgeschmack auf die Reise der zwölften Klasse gegeben, auf die wir uns nun umso mehr freuen! ¶

Paul Berke ist Schüler in der 12. Klasse.

[1] Von der Webseite der Dorfgemeinschaft Breitenfurt, 05.12.2021 11:40: https://www.dg-wienerwald.at/dorfgemeinschaft-breitenfurt/ueber-uns

MoMent Winter 2021 _ 39
Paul Berke Paul Berke

We proudly present ...

Nach meiner Schulzeit in Wien habe ich ein Jahr, in dem ich viel gereist bin und Neues kennenlernen durfte, als Au-pair in Irland verbracht. Zurück in Wien habe ich das Bachelorstudium Volksschullehramt mit dem Schwerpunkt katholischer Religion begonnen und im Juni dieses Jahres abgeschlossen. Den Schwerpunkt Religion habe ich einerseits gewählt, da Religion in meinem Leben einen hohen Stellenwert hat, und andererseits habe ich große Freude daran, mit Kindern und Jugendlichen zu philosophieren und theologisieren, was ich besonders in meiner ehrenamtlichen Arbeit in der Pfarre Canisius im 9. Bezirk entdecken durfte. Hier bin ich bei der Erstkommunions- und Firmvorbereitung sowie dem Sommerlager und verschiedensten Jugendevents tätig. Die Canisiuskirche begleitet mich bereits seit meiner Taufe als Baby, und auch meine Erstkommunion und Firmung durfte ich hier erhalten, wodurch sie für mich zu einem kleinen Stück Heimat geworden ist.

Nun unterrichte ich seit September katholische Religion in der 1. bis 9. Klasse und mache berufsbegleitend meinen Master. Am Religionsunterricht gefällt mir besonders gut, dass Werte eine wichtige Rolle spielen und ich sehr vertraut und persönlich mit den Kindern arbeiten und ihnen die Liebe Gottes näherbringen kann. Auch die Vielfalt und voneinander zu lernen sind zwei Aspekte, die den Religionsunterricht für mich besonders bereichernd machen. Ich freue mich sehr darüber, in den letzten Wochen so herzlichst in der Rudolf Steiner-Schule Mauer aufgenommen worden zu sein und bin schon gespannt, was die lebendige Gemeinschaft und das spannende Schulleben noch bereithalten. ¶

Ich soll mich, ich darf mich – mit etwas Verspätung – hier in dieser Spalte in aller Kürze vorstellen.

Aufgewachsen bin ich inmitten grüner Fichtenwälder in den obersteirischen Voralpen. Bereits früh habe ich meine Leidenschaft für die Literatur, das Schreiben und Lesen, für Zeichnung und Malerei entdeckt. Mein Weg hat mich daraufhin an die Akademie der bildenden Künste und die Universität Wien geführt. Ich suchte einen Ort, an dem sich diese Bereiche überschneiden, und so studierte ich die Fächer Philosophie, Psychologie, Deutsch, Kunst und Kommunikation im Lehramt.

Ich bewege mich seither meist im Dazwischen: zwischen Literatur(theorie) und Philosophie, zwischen theoretischer Auseinandersetzung und künstlerischer Praxis, zwischen Schule und Universität. Ich versuche, die Balance zwischen meiner Arbeit in den Literaturwissenschaften und der vermittelnden Rolle in der Schule zu finden und genieße dabei besonders den künstlerischen Schwerpunkt und das sensible, vertrauensvolle Umfeld in dieser besonderen Schule. ¶

40 _ MoMent Winter 2021
Mag.a phil. Julia Lingl Jennifer Kittel, BEd

Kürzlich wurde ich nach dem roten Faden in meinem Leben gefragt. Das war eine spannende Frage, auf die ich eine überraschende Antwort fand: Worte. Mein roter Faden sind Worte. Während meiner Kindheit und Jugend in Form von wechselnden Dialekten der jeweils neuen Umgebung: Ostberlin, Innsbruck, Linz(1) und Wien. Als Erwachsene kamen die Fremdsprachen der Wohnsitze hinzu: Niederlande, Schweiz und Serbien. In meiner begonnenen Schauspielausbildung(2) zog ich die Worte aus, zertrümmerte sie und fügte sie in Rollen neu zusammen. Als Fotomodell(3) verstummte ich, was perfekt zur Lebenskrise passte.

Als Euythmiestudentin(4) tanzte ich Worte, lernte ihre Lebenskraft persönlich kennen und ihre Spiegelung in allem Lebendigen lesen. Weltfriede.

Als alleinerziehende Mutter begleitete ich meine drei Kinder mit Worten ins Leben. Erzählend, singend, schimpfend, mit allem Drum und Dran.

Als Eurythmielehrerin(5) konnte ich alles Erlernte und Erfahrene zusammenfassen und die Essenz lehrend und lernend weitergeben.

Als SingerSongwriterin machten meine Worte erstmals Schlagzeilen, und ich gewann den FM4-Publikumspreis für „Unverstandene Leistungen um die Genesung der Menschheit“.

Als Autorin füllten sie Bücher, machten den Literaturnobelpreisträger auf mich aufmerksam und mich zur Delegierten der IG Autorinnen und Autoren.

Als politische Aktivistin lockten sie Mikros, Kameras und Talkshows heran, da ich verstummten Alleinerziehenden und ihren Kindern meine Stimme für bessere Gesetze und gegen Kinderarmut in einem der reichsten Länder der Welt gab.

Als Politikerin hätten meine Worte bei der letzten Plenarsitzung vor der Nationalratswahl 2017 um ein Haar 120.000 Alleinerziehende und ihre Kinder aus der Armut geholt. Als Spitzenpolitikerin(6) lernte ich das Verhältnis von Wort und Macht, von Politik und Medien hinterm Vorhang kennen. Derzeit gründe ich als Unternehmerin mit Worten aus aller Welt die erste weltumspannende Bewegung für Alleinerziehende und ihre Kinder(7). Auch, weil sie am schlimmsten von den sozialen Folgen der Pandemie betroffen sind – was bislang kaum jemanden interessiert. Und ich lerne, mit Worten zu zaubern: in meiner Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin(8)

Danke, dass ich Ihren Kindern die geheimnisvolle Welt der Worte in den Fächern Eurythmie und Politische Bildung näherbringen darf. Ich hoffe, dass ich den Jugendlichen – und damit einer Generation, die vor überwältigenden Aufgaben steht –ein bisserl Wort-Feuer weitergeben kann. Denn Worte sind Taten. Im Urbeginn und Jetzt. ¶

(1) 8 Jahre Freie Waldorfschule Linz

(2) Graumanntheater, Internationales Bewegungstheater am Odeon

(3) Stella Models

(4) Hogeschool Helicon, Den Haag

(5) 2 Jahre Waldorfkindergarten Linz Süd, 2 Jahre Sonnenlandschule, 8 Jahre Wien Pötzleinsdorf

(6) Chefin der Parlamentspartei „Jetzt“

(7) Thanks Day

(8) Trinergy International www.thanksday.org www.mariastern.at

MoMent Winter 2021 _ 41
Maria Stern

Seit September 2021 unterrichte ich an der Rudolf SteinerSchule in Wien-Mauer das Lehrfach Informatik und Medienkompetenz und freue mich auf eine gute Zusammenarbeit mit den SchülerInnen, dem Kollegium und den Eltern. Ich erzähle Ihnen hier gerne ein paar Hintergründe über meinen beruflichen Werdegang und meine Lehr- und Forschungsinteressen.

Als Hochschullehrer arbeite ich seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Medienwissenschaften, Informatik, Kulturtheorie und Kunst- und Bildwissenschaften. Zurzeit bin ich neben meinem Engagement an der Waldorfschule als Lehrbeauftragter an den Universitäten Angewandte Kunst in Wien (Digitale Medienkultur) und Mozarteum in Salzburg (Medientheorie, Bildwissenschaft), an der Kunstuniversität Linz (Medienphilosophie, Mediensoziologie) und an der FH Joanneum in Graz (Bildtheorie) tätig.

2017 – 2018 war ich als EU-Researcher an der University of Lancaster tätig und habe zum Themenfeld „Digital Literacy“ geforscht. In diesem Zusammenhang habe ich digitalisierungsbezogene Kompetenzmodelle für Anwendungsziele digitaler Bildung und Weiterbildung entwickelt. 2020 – 2021 leite ich das internationale EU-Forschungsprojekt „Addressing Violent Radicalisation: A Multi-Actor Response through Education“ im Rahmen des Horizon2020-Förderschwerpunktes. Das Projekt entwickelt regionale Wissens- und Bildungsnetzwerke für digital gestützte Lehr- und Lernräume. In meinen Büchern „Reader Neue Medien“, „Amateure im Netz“, „Die Macht der Vielen. Über den neuen Kult der digitalen Vernetzung“, „Big Data. Analysen zum digitalen Wandel von Wissen, Macht und Ökonomie“, „Digital Citizenship“ oder „Sozialmaschine Facebook“ habe ich mich eingehend mit Fragen der digitalen Transformation der Gesellschaft auseinandergesetzt.

Ich freue mich, gemeinsam mit den SchülerInnen der Oberstufe spannende Projekte auf Augenhöhe zu entwickeln. Vom Ansatz eines agilen und aktiven Lernens ausgehend, möchte ich die Fähigkeiten und Kompetenzen der teilnehmenden SchülerInnen fördern. ¶

Liebe Schülerinnen und Schüler, werte Eltern, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, hiermit möchte ich mich bei Ihnen vorstellen. Mein Name ist Dimitri Stukalin. Ich bin 36 Jahre alt und wurde in Kaliningrad (Russland) geboren. Im Sommer 2021 bin ich nach Wien umgezogen und darf das Fach Mathematik an der Rudolf Steiner-Schule vertreten.

Ich bin in Russland aufgewachsen, habe Deutsch und Englisch als Fremdsprachen gelernt und bin viel durch die Welt gereist. Ich träume davon, alle Länder der Welt mindestens einmal zu besuchen und war schon in 96 Ländern. Leider ist das Reisen momentan nicht einfach, aber ich hoffe, dass ich meinen Traum irgendwann verwirklichen kann… Meine Lieblingsreiseländer sind Japan und Brasilien.

2006 bin ich zum ersten Mal in Wien gewesen und habe mich in diese Stadt verliebt. In den folgenden Jahren bin ich immer wieder hierhergekommen und habe irgendwann realisiert, dass ich hier leben möchte. Wien fasziniert mich sehr, ich mag den Lebensrhythmus dieser Stadt, kleine Cafés, malerische Parks und die österreichische Küche. Für die Zukunft habe ich mir vorgenommen, Österreichisch zu verstehen und zu lernen.

Ich habe ein Diplomstudium im Fach Mathematik an der KantUniversität in Kaliningrad absolviert. 2013 habe ich in diesem Fach promoviert. Meine Promotion habe ich an der Ernst-Moritz-Arnst-Universität in Greifswald (Deutschland) verteidigt. In den letzten Jahren bin ich sowohl als wissenschaftlicher Mitarbeiter als auch als Lehrer für die Fächer Mathematik und Informatik tätig gewesen. Ich hoffe, dass ich Ihre unsere Kinder für Mathematik begeistern kann und freue mich auf eine gute Zusammenarbeit. ¶

42 _ MoMent Winter 2021
Dimitri Stukalin Ramón Reichert

Kontinuität und kreatives Tunein Interview mit Karl Hruza

Was hat Dich zur Waldorfpädagogik und zu unserer Schule gebracht?

In erster Linie die eigenen Kinder – wir haben in Mauer gewohnt und hatten keine Ahnung, dass es die Schule gab –durch Gäste im Hotel „Schloßgartenhof“, das Renates Vater betrieb und Renate leitete, haben wir vom Kindergarten erfahren. Die drei älteren Buben, Stephan, Daniel und Dominik, waren schon auf der Welt.

Der erste Kontakt war durch eine norwegische Familie, die im Schloßgartenhof wohnte und eine Tochter hatte, die in die Waldorfschule ging, ohne dass wir davon wussten, was für eine Schule das war. Das Mädchen ist immer wieder abgehauen. Der Klassenlehrer kam immer wieder zu Gesprächen mit den Eltern, um den Kontakt zur Familie zu pflegen. Einmal kam er, als niemand dieser Familie da war, und wir luden ihn ein, sich zu uns zu setzen. Wir redeten mit ihm, weil es uns faszinierte, dass sich ein Lehrer so sehr um ein einzelnes Mädchen kümmerte. Dieser Lehrer war Tobias Richter. Wir kamen ins Gespräch. Er erzählte uns auch vom Kindergarten, wo Stephan dann hinging und wir Inge Oberneder und Reinalda Chaloupek kennenlernten. Unsere fünf Kinder gingen dann alle in den Kindergarten und danach in die Schule.

Wirklich „schuld“, dass ich selbst an der Schule gelandet bin, ist Elisabeth Jordi, die mich angesprochen hat, ob ich den Job des Hausmeisters in der Schule übernehmen könnte, da der bisherige zurück nach Deutschland wollte. Das Angebot habe ich angenommen. Stephan war damals schon in der Schule und Elisabeth Jordi seine Klassenlehrerin. Ab Februar 1982 war ich also Hausmeister in unserer Schule.

Lustig ist ja, dass ich selbst im Maurer Schlössl in die Volksschule ging. Mein Klassenzimmer war dort, wo heute die große Bühne ist: ein großer Raum mit Fenster in den Park. Die Frau Direktor „residierte“ im heutigen kleinen Festsaal.

Während der Kindergartenjahre unserer ersten drei Söhne, also seit ca. 1980/81, habe ich berufsbegleitend das Lehrerseminar besucht. Christian Hitsch, Tobias Richter und Georg Friedrich Schulz waren u. a. die Dozenten – das war noch vor Zeiten der Studienstätte und lange vor der Existenz des Zentrums für Kultur und Pädagogik. Mit mir im Jahrgang waren Herta Hans, Elmar Dick, Gottfried Pühringer, Hans Weiss, Ina Schwaiger und viele andere. In meinem damaligen Job war ich unglücklich. Ich arbeitete

bei Bosch und verdiente sehr gut, war aber immer sehr viel unterwegs im Außendienst. Finanziell war es (der Wechsel von Bosch zur Waldorfschule; Anm. Red.) ein Abstieg für mich, aber ideell ein großer Gewinn.

Eff Trierenberg durften wir auch kennenlernen und ihre unglaubliche Großzügigkeit in jeglicher Hinsicht!

Wann hast Du angefangen zu unterrichten?

Schon ein Jahr, nachdem ich an die Schule gekommen war, bin ich auf das Vermessungspraktikum mitgefahren – mit Hannes Reisser und Helmut Wagner.

Danach begann ich mit Handwerksunterricht in der Mittelstufe, dann kam Tischlern und Kupfertreiben in der Oberstufe hinzu. Aber auch Epochen wie Darstellende Geometrie, Physik in der Mittel- und Oberstufe (Elektrotechnik; Anm. Red.), projektive und perspektive Geometrie, Technologie in der Oberstufe und auch Informatik. Den handwerklichen Bereich machte ich aber am liebsten.

Irgendwann – es muss so Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre gewesen sein – kam die Idee und auch die Umsetzung, PKE (praktisch-künstlerische Epochen; Anm. Red.) einzuführen: eine zweite kontinuierliche und rhythmische „Schiene“ neben dem Hauptunterricht auch nachmittags durch künstlerischhandwerkliche Fächer. Das war ein guter Schritt, wie ich finde. Mich macht es traurig, dass nun überlegt wird, davon wieder abzuweichen, ich hoffe man überlegt sich das gut. Durch personelle Ressourcen ist es sicher schwierig, dieses Prinzip auch zu realisieren, es bringt aber eine gewisse Klarheit in den Tages- und Wochen-Rhythmus so wie letztlich auch die Zweitepoche immer als 1. Fachstunde – diese entstand auch aus diesem Gesichtspunkt heraus.

Einige Male war ich Tutor. Die erste Klasse übernahm ich im zehnten Schuljahr von Ron Linberg, der am Flug in die USA, seine Heimat, verstorben war. In meiner zweiten Tutorenschaft übernahm ich gemeinsam mit Marion Platzer in der 10. jene Klasse, die in der Unter- und Mittelstufe zweizügig gewesen war und in der 9. Klasse mit 46 SchülerInnen zusammengeführt wurde. Wir entfernten die Wand zwischen 10.- und 11.Klassraum und blieben bis zur 12. Klasse in diesem Doppelraum mit dieser außergewöhnlich großen Oberstufenklasse (mehr als 35 SchülerInnen in der 12.). Die dritte Tutorenschaft hatte ich tatsächlich von der 9. an und alleine, und die letzte

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Tutorenschaft durfte ich mit Maria Leutzendorff führen.

Am schwierigsten war es immer in der 9. Klasse, ab der 11. Klasse dagegen fast immer „a g‘mahte Wies‘n“: Da konnte man schon mit allen über alles offen sprechen. Ganz wichtig war und ist: Du musst immer authentisch sein. Mit „Schmäh“ ist es gut, mit Lügen eine Katastrophe. Ehrlichkeit – Dir selbst und den Jugendlichen gegenüber – ist immer das Wichtigste!

Trotz all dieser Lehrertätigkeiten bist Du den „Edel-Hausmeister“ irgendwie nie wieder losgeworden – oder?

Einige Zeit war Fredi Kohlhofer in diesem Sinne an meiner Seite. Viele, viele andere kamen und gingen – aber Kontinuum war ich – so im Sinne des ersten Ansprechpartners für „Baustellen“ aller Art. Seit Peter Haas ist es besser geworden, seit Wolfgang Seyringer ist es überhaupt viel, viel besser – der ist ein Allrounder – da können wir uns auf gut Wienerisch „alle zehn Finger abschlecken“ in der Schule! Aber für alles, was sich für Wolfgang nicht ausgeht, bin ich da – nur langsam mag und kann ich nicht mehr.

Das heißt, Du willst Dich weiter zurückziehen… Seit 40 Jahren bin ich mit der Schule verbunden. Als Vater, als Lehrer, als Tutor, als Bühnentechniker, als Handwerker, als Elektriker. Die erste Website habe ich gemacht, die Stundenpläne jahrelang gesteckt, ich war in der Schulleitung und im Vorstand. 40 Jahre sind eine lange Zeit.

Das einzige, was Du an der Schule nicht gemacht hast, ist Eurythmie – oder?

(lacht) Naja, das Künstlerisch-Handwerkliche hat mir immer am meisten Spaß gemacht, hin und wieder mal eine Rolle in den Weihnachtsspielen und die Tutorenschaften.

Was mich am meisten belastet hat, waren damals manchmal die Konferenzen. Vor allem die Schulleitungskonferenzen und die Tätigkeit im Vorstand, weil man diese Diskussionen und Thematiken ganz automatisch mit heim nimmt und nicht zuhause in der Garderobe abhängen kann.

Du und Renate habt mit 5 Kindern und einem Elternteil als Lehrer an der Schule vermutlich sowieso das Dauerthema Schule zuhause gehabt.

Lange war Renate zuhause und hat alles „geschupft“ und auch die Kinder – auch in schulischen Belangen – versorgt. Mich haben die Kinder mehr in der Schule gesehen als zu Hause. Vier von fünf Kindern haben die Schule abgeschlossen. Einer hat nach der 9. abgebrochen.

Für mich galt damals – und das war manchmal nicht leicht, den Kolleginnen klar zu machen –, wenn es ein Problemchen mit einem meiner Kinder gab, nicht mich „am Gang“ damit zu konfrontieren, sondern wie bei allen anderen Kindern zum Telefon zu greifen und es so zu besprechen. Nimmt Schärfe und Spontanität und lässt das Problem objektiver werden. Je mehr die Kinder selbständig wurden, desto mehr wurde Renate auch in der Schule abgesehen vom Elterndasein tätig.

Archiv Karl Hruza MoMent Winter 2021 _ 45

Aushilfe im Sekretariat und zuletzt Vollzeit im Hort. Jahrzehntelang haben wir das Lehrerfest im Sommer bei uns veranstaltet, Renate führte das Buffet bei den Referaten ein. Auch sie hat gerne gestaltet und mich – und die Schule – immer unterstützt, so auch beim MoMent.

Die Höhepunkte Deiner „Schulkarriere“?

Die Freiheit, etwas zu gestalten! Wirklich etwas MACHEN zu können… man kann schöpferisch tätig sein, aus sich selbst heraus. Ob als Lehrer, als „Hofpflasterer“ auf 113, als Bauleiter bei unzähligen kleineren und größeren Schulbaustellen. Wichtig ist, sich kein Echo – vorher und selten auch nachher – zu erwarten: MACHEN! Immer die Meinung aller einholen zu wollen, das führt zu wenig bis nichts.

Und speziell als Lehrer und Tutor war der Höhepunkt immer die 12. Klasse! Der krönende Abschluss. Referatswoche, Klassenspiel, Klassenreise, der menschliche Kontakt!

… und die Tiefpunkte?

Ja, auch die hat es immer wieder gegeben. Meist in Form von menschlichen Enttäuschungen, oder wenn man sich von

„Alt-Anthros“ vor 30 Jahren mit erhabener Stimme hat sagen lassen müssen: „Da müssen Sie noch viel lernen“. Aber diesen Schlag gibt es an der Schule nicht mehr. Menschlich enttäuscht kann man aber auch jetzt noch werden.

Und wie bist Du „Mister MoMent“ geworden?

Nachdem Linda Kneucker und Karla Seyringer (mit vielen weiteren Mitarbeitern seitens der damaligen Waldorfwirtschaftsgemeinschaft WWG; Anm. Red.) die Herausgabe der Schulzeitung „Das Rauchzeichen“ einstellten, habe ich mich entschlossen, da weiter zu machen, aber nicht alleine: Lisbeth Denk, Dominik, einer meiner Söhne, Peter Lange, Peter Leutzendorff, Benjamin Mullan, Gerlinde und Michael Radanovics, Hans Voggenhuber (Funktion, Linie und Team siehe Faksimile aus dem 1. Heft; Anm. Red.).

Das war 1992. Im Laufe der Jahre hat sich das Redaktionsteam natürlich ständig verändert – Schüler und Eltern gingen, neue kamen dazu, die Häufigkeit der Ausgaben hat sich verändert. Anfangs erschien das MoMent einmal im Monat, sprich 10. Mal im Jahr, dann alle 2 Monate, mittlerweile 4 x im Jahr.

Auch hier wieder: Die Freiheit, etwas zu machen und zu gestalten, ist das Besondere und Gute daran. Jede Redaktionsge-

Archiv Karl Hruza 46 _ MoMent Winter 2021
Maurer Schlössl, 2. Klasse 1957 (Schüler Karl Hruza: obere Reihe, 3 von links)

meinschaft nutzte und nutzt auch heute diese Freiheit – und das ist gut so.

Rückmeldungen gab es immer wenige. Dafür darf man das MoMent nicht machen, sonst braucht man gar nicht erst damit anfangen. Tun, um zu gestalten, zu informieren, dass muss der Grund sein, warum man sich diese Arbeit antut.

Warum ziehst Du Dich jetzt auch hier zurück?

Es sind zwei Sachen:

Mir geht die Kreativität ab. Das, was in den letzten Ausgaben entstanden ist, ist etwas Besonderes, aber es ist nicht mehr meines – also höre ich auf. Und – nach 30 Jahren ist es ja auch legitim, sich zurückzuziehen.

Wie siehst Du die Entwicklung der Schule in den letzten 40 Jahren?

Da muss ich auf verschiedene Ebenen zurückblicken: einmal die Arbeit innerhalb des Kollegiums, da hat sich unheimlich viel Positives getan.

Vom „geschlossenen Cycle“ einer Schulleitungskonferenz – nur als ein Beispiel – hin zur offenen Arbeitsgruppe mit eindeutigen und durchschaubaren Mitarbeits- und Bestellungsregeln.

Sicher ein großer Verdienst von WZQ (Wege zur Qualität; Anm. Red.) und auch schon früheren Seminaren mit Verfahrensspezialisten.

In der Pädagogik bzw. in der Bestellung von KollegInnen. Da gab‘s, als ich in die Schule kam, durchaus noch – wenn auch nur vereinzelt, aber doch toleriert – „die g‘sunde Watschn“. Und die Elternschaft.

Mit Recht sind sie kritischer geworden. Sie fragen sich: „Ist die Schule richtig für mein Kind?“ Da es ja in jeder Klasse einen größeren Anteil an Eltern gibt, die auch selbst schon SchülerInnen bei uns oder in anderen Wiener Waldorfschulen waren und somit ihre Schulerfahrung mitbringen, ist dies legitim. Und aus der eigenen Familie weiß ich, dass sie nicht für alle Kinder zu 100% passt.

Was wünschst Du dir für die Schule nach diesen 40 Jahren?

Gott – schwer zu beantworten, um nicht gleich als „Kassandra“ zu gelten.

Kontinuität im Kollegium und von einigen mehr Herzblut. Man soll sich nicht bis zur Selbstaufgabe „opfern“ – aber verantwortungsvoll handeln muss man einfach an einer Waldorfschule – und für die Sache brennen, zumindest glühen. ¶

Maurer Schlössl, 11. Klasse 2013 (Tutor Karl Hruza: 1. Reihe, 2. von rechts)
MoMent Winter 2021 _ 47
Nadja Berke

Mauer Waldorf Lauf 2021

Zum vierten Mal lief’s gut im Maurer Wald.

48 _ MoMent
Winter 2021
Fotos: Martina Pfaffeneder, Nadja Berke und Seweryn Habdank-Wojewódzki
MoMent Winter 2021 _ 49

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Impressum Seite 2

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