Eine Kultur schafft sich ab

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Mario Andreotti Eine Kultur schafft sich ab

FormatOst Leseprobe

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Mario Andreotti

EINE KULTUR SCHAFFT SICH AB Beiträge zu Bildung und Sprache

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© 2019 by Verlag FormatOst, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten. Gestaltung Umschlag: Janine Durot Gesetzt in Minion Pro und ITC Avant Garde Gotic Std Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn ISBN 978-3-03895-013-4 www.formatost.ch

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Inhalt

Vorwort 7 Das Gymnasium schafft sich ab 13 Verkümmert unsere Sprache im Internet? 15 Welche Bildung zu welchem Preis? 17 Mit Englisch in die Sprachlosigkeit? 19 15 Jahre Bologna – ein kritischer Rückblick 21 Wozu historische Jubiläen in dürftiger Zeit? 23 Wenn Maturanden es nicht können 25 Mut zur Elite oder Gleichmacherei? 27 «Hauptsache, man versteht uns» 29 Rechtschreibreform – eine ernüchternde Bilanz 31 Wie nutzlos sind die Geisteswissenschaften? 33 Können Jugendliche nicht mehr schreiben? 35 Per Mausklick in eine geistige Pseudoaktivität 38 Die verkaufte Bildung: Schule im Sog des Marktes 40 Frühfremdsprachen – ein schulischer Leerlauf 42 Reformwütige Politiker, genervte Lehrer 45 L’Italien n’existe pas 47 Der Lehrplan 21 ist ein Blindenführer 49 Goethe oder Google: Wer erklärt uns die Welt? 51 Ist Luther der Schöpfer der deutschen Sprache? 53 Der sprachliche Schlendrian grassiert 55 Schule ohne Noten – kann das funktionieren? 57 Geschichte: fataler Niedergang eines Schulfachs 59 Geschichte auf Englisch – eine notwendige Kritik 61 Verkaufen wir Deutsch unter Wert? 63 Brauchen wir Ärztinnen und Ärzte? 65 Warum sprechen wir anders als Deutsche? 68 Neue Landeshymne auf erbärmlichem Niveau 70 Mut zur Erziehung – Haben wir das noch? 72 5


Talentförderung: Firmen drängen in die Schule Verkommt die Schule zur digitalen Diktatur? Kleider machen Leute, aber Titel eben auch Hausaufgaben – leeres Ritual oder notwendig? Wie Schulen sanft gesteuert werden Wenn Lernformen Kinder überfordern Deutsch, die ungeliebte Sprache – zu Recht? Lernen Gymnasiasten wirklich das Falsche? Lehrer – ein schwieriger Beruf in der Krise Frühdeutsch ist notwendiger als Frühenglisch Immer nur das Gymnasium? Privatisierung der Schule – als Reform getarnt Schweizer Geschichte im Abseits? Wie viel Pflege braucht die Sprache? Lasst sie endlich wieder unterrichten! Dürfen Kinder fehlerhaft schreiben? Zwingli oder die «rechte Teutzsche Sprache» Was Kinder wirklich brauchen Warum Geschichte heute wichtiger denn je ist Ist die Kirche noch ein Ort der Bildung? Bildung ist mehr als Fitmachen für den Beruf Privatschulen – mehr Segen oder Fluch? Wenn Lehrer den Schulen davonlaufen

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Vorwort

Im Silicon Valley tut sich Erstaunliches. Die Tech-Gurus, die in leitenden Positionen bei Facebook oder Google arbeiten, schicken ihre Kinder auf Montessori- und Waldorf-Schulen, wo sie mit digitalen Geräten möglichst nichts zu tun haben. Mit Bauklötzen spielen, in Wäldern die Wunder der Natur entdecken, gedruckte Bücher lesen, sich das Wissen ausschliesslich im direkten Kontakt mit der Lehrperson aneignen: Was in den Augen vieler als überholt gilt, wird plötzlich wieder zum Trend. Offensichtlich nicht ohne Grund, wie jüngst eine grosse Studie des US-Gesundheitsinstituts zeigte. Kinder, die mehr als zwei Stunden täglich vor dem Bildschirm verbringen, schneiden bei Sprachtests und Denkaufgaben schlechter ab als Kinder, die bildschirmfrei erzogen werden und deren Gehirn sich dadurch viel besser entwickelt. Dieser Befund ist mit Blick auf das Verhalten von Jugendlichen oder selbst Erwachsenen, wenn sie ein Smartphone in den Händen haben, nicht verwunderlich. Wer ständig von einem Portal zum nächsten surft, von einem Thema zum nächsten springt, sich durch Push-Meldungen ablenken lässt, alle zehn Minuten seine Mails checkt und auf sozialen Netzwerken jede Belanglosigkeit postet, kann gar nicht mehr konzentriert bei der Sache sein. Er macht alles – und gleichzeitig nichts. Die vielen Reize überfordern ihn. Einige Experten vergleichen die technischen Erfindungen rund um die digitale Kommunikation mittlerweile mit Drogen, von denen die Menschen nur schwer wieder loskommen. «Die Technologien, die wir entwickeln, sind toll, aber nicht für Kinder geeignet.» Das sagte nicht irgendein fundamentalistischer Technik-Gegner, sondern der 2011 verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs, der Erfinder des iPhones. In Zeiten, in denen Bildungsexperten die Schulstuben am liebsten flächendeckend mit Bildschirmen ausrüsten wollen, sind es solche Feststellungen wie diese, die den Kolumnen von Mario An7


dreotti eine dringliche Aktualität verleihen, weil sie eines seiner zentralen Anliegen aufnehmen: Nur weil das Digitale in unserer Berufs- und Alltagswelt eine immer dominantere Rolle einnimmt, heisst das noch lange nicht, dass auch für die Schule alles ein Segen ist, was nach Internet, App oder Tablet tönt – bei allen Vereinfachungen, die die moderne Technik bietet. Der Ruf ertönt ja mittlerweile auf fast allen Ebenen: Dutzende von Millionen sollen in die Digitalisierung der Bildung investiert werden, um das Lernen vermeintlich einfacher zu machen. Zuweilen entsteht der Eindruck, dass alles, was unter dem Stichwort «Digitalisierung» läuft, ohne nachzudenken, als gut befunden wird. Eine eigentliche Goldgräber-Stimmung hat sich breitgemacht, von der nicht zuletzt all jene Firmen profitieren, die für die Schule massgeschneiderte Angebote machen. So sollen Software-Programme in Schulzimmern Einzug halten, die mit dem Schüler direkt kommunizieren, ihre Lernerfolge überwachen. Der Lehrer wird in dieser Lernumgebung immer mehr zum «Begleiter und Coach» degradiert. Dass er den Unterricht mit seiner Persönlichkeit prägt, ist nur noch in beschränktem Masse erwünscht. Doch jeder weiss es aus seiner eigenen Schulzeit: Ein guter Lehrer kann motivieren, neugierig machen, auf Dinge hinweisen, auf die der wissbegierige Schüler selber nie kommen würde, und Türen zu Welten öffnen, von denen man als Erwachsener noch profitiert. Ähnlich verhält es sich mit dem «selbst gesteuerten Lernen». «Dieses setzt eine Autonomie voraus, über die Kinder noch gar nicht verfügen», schreibt Andreotti. Wenn Kinder alles machen können, wenn ihnen keine Grenzen mehr gesetzt werden, gereicht ihnen das selten zum Vorteil. Schon gar nicht in der Schule. Denn das Leben in der Gesellschaft setzt immer auch Pflichten voraus, die einem nicht immer gefallen. Da­ rauf muss die Schule, wenn sie ihre Verantwortung wahrnehmen will, vorbereiten. Hausaufgaben, die von Reformpädagogen oder einzelnen Politikern in Frage gestellt werden, können ein wichtiges Hilfsmittel dafür sein. Es geht hier nicht nur um die Möglichkeit für die Eltern, ein Schaufenster für die schulischen Stoffe und die Lernfortschritte ihrer Kinder zu erhalten, sondern auch um «Selbst8


disziplin und Durchhaltevermögen», wie Andreotti schreibt. Und um das reine Lustprinzip, das nach seiner Auffassung in der Bildung nichts zu suchen hat. Vor allem auch nicht in der Sprache. Es ist daher keine Überraschung, wenn Andreotti dafür plädiert, dass Schüler schon früh auch mit den Rechtschreibregeln vertraut gemacht werden. Um angeblich die Kreativität nicht zu behindern, wird von immer mehr Bildungsexperten das «Schreiben nach Gehör» in den ersten Schuljahren gefordert, und das ohne Rotstift-Korrektur der Lehrperson. Dieser Haltung liegt der Trugschluss zugrunde, dass sich Kreativität und die Beachtung von Regeln ausschliessen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Oft bedingen sie sich sogar. Zur Veranschaulichung kann ein Blick auf den Spitzensport dienen. Obwohl sie sich in einem streng reglementierten Spiel wie Fussball bewegen, sind Ronaldo, Messi oder Neymar Künstler am Ball. Ihre stupende Kreativität schöpfen sie gerade daraus, dass sie die Regeln und die äusseren und inneren Bedingungen des Spiels bis in die kleinsten Verästelungen verinnerlicht haben. Auch Roger Federer kann nur darum mit dem Tennisschläger zaubern, weil ihm schon sehr früh die richtige Schlagtechnik antrainiert wurde. Wer die Vorhand jahrelang falsch spielt, wird nie mehr die Tennisbühnen dieser Welt erobern. Überhaupt die Sprache. Fast nichts liegt dem Sprach- und Literaturwissenschaftler Andreotti so sehr am Herzen wie sie. Vor allem wenn es um seine – neben dem Italienischen – zweite Muttersprache Deutsch geht. Wenn Andreotti von Bundesbeamten und Lehrern gleichermassen «gutes und verständliches Deutsch» fordert, das ohne PR-Geschwurbel, ohne Leerformeln und verschleiernde Begriffe, wie sie so gerne von Politikern verwendet werden, auskommen soll, dann ist das ein Anspruch, den er an erster Stelle auch an sich selber stellt. Und in jeder seiner Kolumnen einhält. Andreotti analysiert in einer verständlichen Sprache, die aufklärt und Sachverhalte auf den Punkt bringt, die Irrungen von immer neuen Bildungsreformen, die Wichtigkeit des richtigen Spracherwerbs und der humanistischen Bildung oder die wachsenden Herausforderungen für Lehrerinnen und Lehrer. Das kommt offen9


sichtlich an. Seine während vielen Jahren publizierten Kolumnen im St. Galler Tagblatt und seinen Regionalausgaben und später im ganzen CH-Media-Verbund mit der Luzerner und der Aargauer Zeitung haben immer wieder enorme Leserreaktionen ausgelöst – oft geprägt von euphorischer Zustimmung. Andreotti schreibt eben nicht als Theoretiker, seine Erfahrungen aus seiner langen Praxis als Kantonsschullehrer und Hochschuldozent geben für jeden Text einen ebenso anschaulichen wie glaubwürdigen Untergrund. Und seine Texte haben eine Haltung. Wenn er beispielsweise für mehr Mut in der Erziehung plädiert. Haltungen werden auch in Zukunft gefragt sein. Denn die Veränderungen der Gesellschaft durch die Digitalisierung werden gross und kaum aufzuhalten sein. Selbstfahrende Autos, Haushaltsgeräte, die sich von irgendwoher auf der Welt einschalten lassen, Handys, die mit immer mehr Funktionen und Speicherkapazitäten ausgerüstet sind, Algorithmen, die in Unternehmen dank breiter Analyse von Datenbergen Entscheidungen treffen: Es stellen sich neue und grundlegende Fragen bezüglich des menschlichen Zusammenlebens. Denken wir hier nur an die scheinbar grenzenlose Gentechnik und die Eingriffe in die menschlichen Keimbahnen. Um tragfähige Antworten auf diese schwierigen Fragen zu erhalten, braucht es in der Schule weiterhin auch Philosophie und Geschichte – um die gewaltigen Veränderungen auch im historischen Kontext und in ihrer ethischen und gesellschaftlichen Dimension einordnen zu können. Nur wer weiss, woher er kommt, kann einen tragfähigen Weg in die Zukunft finden. Keine Google-Suchabfrage ersetzt das historische oder sprachliche Wissen, das man sich in der Schule angeeignet hat und das gerade in der Informationsflut des 21. Jahrhunderts wichtige Orientierungspunkte liefern kann. «Schulische Bildung darf sich nicht auf testbares Wissen, auf ein paar Kernkompetenzen reduzieren», schreibt Andreotti völlig zu Recht. Genau diese Kompetenzen sind in Zeiten von Fake News und von Präsidenten, die so leichtsinnig mit Tatsachen und Begriffen umgehen, nötiger denn je. Gerade auch für das Funktionieren einer (direkten) Demokratie. 10


Das wäre dann eine Bildung, die in ihrer zweckfreien Offenheit auch wichtige Freiräume schafft, die den Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten gibt, eigene Gedanken zu entwickeln, das soziale Verhalten zu erlernen und mit den Mitschülern anstatt mit dem Computer zu kommunizieren. Denn nicht alles Alte ist schlecht. Schon gar nicht in der Bildung. Dies bestätigen auch Erfahrungen aus der eigenen Schulzeit. Im Gymnasium anfangs der 1990er-Jahre spielte für die Matura Typus B Latein eine wichtige Rolle. Man mag sich heute, wo die Weltsprache Englisch derart dominant ist, zu Recht fragen, ob es sinnvoll war, bis zur Matura deutlich mehr Lateinstunden als Lektionen in der Sprache Shakespeares absolviert zu haben. Aber für das logische Denken, das Erkennen von Zusammenhängen, das Sprachgefühl und die Möglichkeit, sich genau und differenziert auszudrücken, – dafür war Latein mit Sicherheit eine herausragende Schule. Das reine Nützlichkeitsdenken ist darum in der Schule fehl am Platz. Hier kommt ein grundlegender humanistischer Gedanke zum Vorschein. Bei der Bildung soll es «um ein ganzheitliches Wissen gehen, das primär persönlichkeitsfordernd» ist, wie es Andre­ otti formuliert. Wer nach der Schule über ein solides Rüstzeug verfügt, hat eine Basis, die ihm niemand mehr nehmen kann. Bei allem Reformeifer sollten sich Bildungspolitiker und -experten stets auch daran erinnern. Die Erziehung zur Mündigkeit muss eine zentrale Aufgabe der Schule bleiben. Und sie soll von Lehrerinnen und Lehrern und nicht von Computern oder Algorithmen übernommen werden. Darauf weisen viele Texte von Mario Andreotti hin; das macht sie in unserer, von Digitalisierungseuphorikern geprägten Zeit derart wertvoll. Jürg Ackermann

Dr. Jürg Ackermann ist Historiker und stellvertretender Chefredaktor beim «St. Galler Tagblatt».

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Das Gymnasium schafft sich ab

Dass sich die heutige Bildungslandschaft grundlegend gewandelt hat, ist längst eine Binsenwahrheit: Das Gymnasium, einst der alleinige Königsweg für den Zugang zur Hochschule, hat diese herausragende Position zunehmend verloren. Die Berufsmaturität stellt eine ernst zu nehmende Alternative zum gymnasialen Angebot dar, führt doch der Weg in die Fachhochschulen über sie und nicht über die gymnasiale Matura. Zudem ist die Matura nicht mehr einfach gleichbedeutend mit einem Hochschulzugangsausweis. Das macht schon die Tatsache deutlich, dass für den Eintritt in die Fachhochschulen Maturae und Maturi eine zusätzliche Fachprüfung zu bestehen haben. Und das wird noch deutlicher, wenn man an die Einführung des Numerus Clausus in der Medizin denkt; mit ihr wurde das Maturitätszeugnis faktisch abgewertet, gilt es doch nicht mehr als hinreichende Voraussetzung für das Medizinstudium. Dagegen haben einige Universitäten, vor allem in der Romandie, den Hochschulzugang via Matura aufgeweicht, indem sie ihre Studienanwärter auch über eine fachspezifische Aufnahmeprüfung zulassen, eine Regelung, die übrigens für die ETH schon lange gilt. Zu all dem gesellt sich neuerdings der Vorschlag der kantonalen Erziehungsdirektorenkonferenz, dass die Ausbildung zum Volksschullehrer künftig auch ohne Matura möglich sein soll. Gleichzeitig scheint immer weniger klar zu sein, was «gymnasiale Bildung» heute bedeutet und wie das Gymnasium auf die Entwicklungen im Hochschulbereich antworten soll, um seine Schüler so auf das Studium vorzubereiten, dass der allgemeine Hochschulzugang mindestens grundsätzlich weiterhin gesichert ist. Betrieb das einstige Gymnasium vorwiegend Wissenschaftspropädeutik, d.h., waren seine Lerninhalte, festgelegt in einem verbindlichen Bildungskanon, klar auf ein Hochschulstudium hin ausgerichtet, so tritt heute an ihre Stelle als Zielsetzung immer mehr eine Allgemeinbildung, die inhalt13


lich vage und unbestimmt bleibt. Vor allem wird nicht mehr ausreichend deutlich, wie sich diese Allgemeinbildung im Gymnasium von jener in den Diplom- und Berufsmittelschulen unterscheidet. Es dürfte kein Zufall sein, dass inzwischen längst von einer einheitlichen Sekundarstufe II die Rede ist, in der die Unterschiede zwischen den einzelnen Schultypen fast ganz verschwinden sollen. Diese Entwicklung des Gymnasiums von einer Eliteschule zu einem Schultyp der Sekundarstufe II blieb nicht ohne Folgen. Sie hat dazu geführt, dass die institutionelle Verbindung von Gymnasium und Universität in den letzten Jahrzehnten immer schwächer geworden ist. Ablesen lässt sich das u.a. schon daran, dass in den Erziehungsdirektionen «Mittel- und Hochschulen» nicht mehr wie früher zusammen, sondern getrennte Ämter sind. Die Entwicklung hat aber noch weitreichendere Folgen: Sie bewirkte eine Verlagerung des Schwergewichts der Lehrerbildung von den Fachwissenschaften hin zu Pädagogik und Didaktik. Das äussert sich schon darin, dass die Universitäten die pädagogisch-didaktische Ausbildung der Mittelschullehrkräfte immer mehr an die neu geschaffenen Pädagogischen Hochschulen abgeben. Die Pädagogisierung und Didaktisierung der Lehrerbildung hat eine neue Generation von Mittelschullehrkräften hervorgebracht, deren Ehrgeiz weniger im wissenschaftlichen als vielmehr im pädagogisch-didaktischen Bereich liegt. Aus den ehemaligen Mittelschulprofessoren sind zunehmend Lehrer geworden, die sich in ihrem Berufsverständnis von den Lehrkräften an den Volksschulen kaum mehr unterscheiden. Es muss vor allem um eines gehen: nämlich darum, dass das Gymnasium klarer als bisher definiert, welcher Bildungskanon unab­ dingbar ist, um die Studierfähigkeit seiner Absolventen zu erreichen. Dazu gehört zwingend, eine weitere Abkoppelung von der Universität durch Angleichungen an die Berufs- und Diplommittelschulen zu verhindern, um so den allgemeinen Hochschulzugang zu sichern. Nur so gewinnt das Gymnasium seine herausragende Funktion als Bildungsträger zurück, wird es nicht zur blossen High School. 14.06.2012 14


Verkümmert unsere Sprache im Internet?

Kein anderer als der Satan stecke hinter der schwarzen Kunst – so ereiferten sich zu Beginn der Neuzeit die Gegner des Buchdrucks und verdammten die technische Neuerung, welche die Gutenberg-Galaxis einläutete. Ähnliche Hetzkampagnen wiederholten sich, als Telegraphie, Radio und Fernsehen eingeführt wurden. Wen wundert es da, dass heute für viele das Internet schuld sein soll am Untergang des Abendlandes. Es zerstöre die zwischenmenschliche Kommunikation, lasse vor allem die Sprache zerfallen, wie es dann häufig heisst. Dabei vergisst man gerne, dass es zum Wesen einer lebendigen Sprache gehört, dass sie sich dauernd verändert. Unser Wort «Frau» etwa bezeichnete in mittelhochdeutscher Zeit als «frouwe» nur die adelige und verheiratete «Herrin»; später blieb davon noch die verheiratete Frau übrig und heute darf sich jedes nicht allzu junge weibliche Wesen «Frau» nennen. So wandelt sich die Sprache, hier am Beispiel der Wortbedeutung gezeigt, im Laufe ihrer Geschichte. Während sich dieser Wandel früher aber in langsamen Schritten vollzog, schreitet er heute immer schneller voran. Diese Beschleunigung hängt ganz wesentlich mit den neuen, elektronischen Medien, mit dem Computer, dem Handy, dem Smartphone, und wie die mobilen Geräte alle heissen, zusammen. Ja, es ist im Umgang mit ihnen gar so etwas wie eine linguistische Revolution im Gange, deren Ende noch nicht absehbar ist. Wo bis vor Kurzem in der Linguistik die Auffassung galt, die Mundart diene vorwiegend der mündlichen Kommunikation, die Standardoder Hochsprache der schriftlichen, da haben sich die Gewichte heute gewaltig verschoben. Vor allem bei den Jungen läuft der private schriftliche Austausch – per SMS, Chat, Mail, Postkarte usw. – fast ausschliesslich in der Mundart ab, so dass die Linguisten längst nicht mehr von einem «Dialekt», sondern vielmehr von ei15


nem «Schriftdialekt» sprechen. Und wo im Deutschen seit dem 18. Jahrhundert, seit Johann Christoph Gottsched, konsequent zwischen Gross- und Kleinschreibung unterschieden wurde, da wird heute, in E-Mails und SMS etwa, selbst am Satzanfang zunehmend alles klein geschrieben. Was die Rechtschreibreform von 1996 nicht zustande brachte, nämlich die Abschaffung der Grossschreibung, scheint sich nun in einer «Revolution von unten» Schritt um Schritt durchzusetzen. Was in den neuen Medien, vor allem an der Kommunikation per E-Mail, aber am meisten auffällt, ist die Vermischung von gesprochener und schriftlich fixierter Sprache, d.h. der Umstand, dass der Schreiber so tut, als würde er sprechen. So verwendet man denn typische Merkmale der mündlichen Kommunikation wie zum Beispiel umgangssprachliche Formulierungen («letzten tage sau warm, denkt man sich, jo kurze hose, T-shirt geht klar, und zack wieder um einiges kälter»), Tilgungen («[ich] freu[e] mich so»), elliptische Wendungen («hey bro, alles [ist] easy») und Kürzungen («hdgdl» statt «[ich] hab dich ganz doll lieb»). Zum einen soll damit der Eindruck von Nähe entstehen – einer Nähe, die bei der Kommunikation per Mail oder SMS im Grunde nicht gegeben ist. Und zum andern ist es Ausdruck eines Prinzips, das durch die ganze Sprachgeschichte hindurch lebendig war: des Prinzips der Sprachökonomie, der Tatsache also, dass die Sprache alles weglässt, was sie zur Verständigung nicht unbedingt braucht. Diesem Prinzip gehorchen auch eine ganze Reihe englischer Fachbegriffe aus dem Bereich der neuen Medien: Statt der längeren deutschen Wortgruppe «elektronische Post» verwenden wir das englische Kurzwort «E-Mail» und statt von einem Datenträger oder eine Kompaktschallplatte sprechen wir englisch ganz verkürzt von einer CD. Das alles ist zwar Sprachwandel, aber noch lange kein Sprachverfall. 29.07.2013

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Welche Bildung zu welchem Preis?

Die Kantone stecken seit Jahren in finanziellen Schwierigkeiten. Das hat einen Spardruck zur Folge, der immer schmerzhafter spürbar wird: Steuererhöhungen stehen ins Haus, staatliche Leistungen werden abgebaut, Sparpakete von jährlich hundert und mehr Millionen Franken geschnürt. Davon betroffen ist nicht zuletzt auch der Bildungsbereich. Und hier sind es in erster Linie die Gymnasien, die alle möglichen Kürzungen hinzunehmen haben. Abstriche bei den Kernfächern, Abbau der Fächervielfalt vor allem im Bereich der Schwerpunktfächer und beim Freifachangebot, das z.T. ganz gestrichen wird, Verzicht auf projektorientierte Unterrichtsformen, Reduktion des Informatikangebots, Kürzung der Lektionsdauer etwa beim Instrumentalunterricht, weniger Begabtenförderung, Erhöhung der Anzahl Wochenlektionen für Lehrkräfte. Das sind nur einige der Kürzungen, die in vielen Kantonen im Gang oder in Vorbereitung sind. Dazu kommen die Zusammenlegung von Gymnasien wie etwa in Thun und Biel, die Stilllegung ganzer Kantonsschulen wie in Zürich, die Vermittlung des Maturitätsstoffes in Form von Vorlesungen mit bis zu hundert Schülern wie beispielsweise in St. Gallen, um Lohnkosten einzusparen, die Einführung von Selbstlernsemestern, in denen man, wie etwa an der Kantonsschule Wetzikon, Klassen ein halbes Jahr im Selbststudium lernen lässt, leicht beschönigend als «selbstorganisiertes Lernen» bezeichnet, und nicht zuletzt die Verordnung unbezahlter Zwangsferien. Zu all dem sollen in einigen Kantonen die Löhne der Mittelschullehrkräfte gesenkt werden. Alles Vorhaben, die reinen Sparzwecken dienen und von denen nicht wenige den Betroffenen als pädagogische Projekte verkauft werden. Geht es nach Bund und Kantonen, so soll die Bildungsqualität an unsern Schulen gehoben werden. Sieht man aber die Budgetkürzungen, denen die Gymnasien ausgesetzt sind, so erweist sich 17