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Bernhard Gelderblom

Die Juden von Hameln

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ZerstĂśret das Letzte Die Erinnerung nicht.

W. G. Sebald

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Bernhard Gelderblom

Die Juden von Hameln von ihren Anfängen im 13. Jahrhundert bis zu ihrer Vernichtung durch das NS-Regime

Anhang Dokumentation der Grabsteine des jüdischen Friedhofs erstellt von Berndt Schaller zusammen mit Bernhard Gelderblom

Holzminden 2011 Verlag Jörg Mitzkat

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Zuschüsse zu den Druckkosten des Buches haben gewährt Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Hannover Stadt Hameln Landschaftsverband Hameln-Pyrmont e.V. Impuls gGmbH-Beschäftigungsgesellschaft Hameln Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Hameln Sprengel Hildesheim-Göttingen der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Hameln e.V. Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln e.V. Nancy und Thomas High, Boston, USA Ingrid Weidelt, Hannover Gudrun und Heinz Engelhard, Hameln

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. ISBN 978-3-940751-39-3 Alle Rechte vorbehalten. Verlag Jörg Mitzkat Holzminden 2011

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Inhalt Grußwort der Stadt Hameln................................................................................................................................ 9 Grußwort des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen................................................... 10 Einleitung ..................................................................................................................................................... 11 Mittelalter und Frühe Neuzeit........................................................................................................................... 14 Die Blüte jüdischen Lebens im 10. und 11. Jahrhundert.............................................................................. 15 Die Kreuzzüge im 11. und 12. Jahrhundert und ihre Folgen für die Juden.................................................... 15 Kirchlicher Antijudaismus im 12. und 13. Jahrhundert................................................................................. 16 Das Zusammenleben von Christen und Juden im hohen Mittelalter............................................................. 17 Juden in der Stadt Hameln in den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens..................................................... 18 Die Verfolgung und Vertreibung der Juden im späten Mittelalter und der beginnenden Neuzeit................... 20 Hameln zur Zeit der Pest und im Zeitalter von Renaissance und Reformation ............................................... 21 Tradition und Aufklärung: Die Jahre bis 1780.................................................................................................... 24 Der absolutistische Staat und die Juden im 17. Jahrhundert ........................................................................ 25 Die Institution der Pfandleihe........................................................................................................ 25 Die Festungsstadt Hameln im 17. Jahrhundert ............................................................................................ 25 Der Getreidekaufmann Joseph Goldschmidt-Hameln.............................................................................. 26 Die Memoiren der Glückel von Hameln......................................................................................... 29 Der Unternehmer Sostmann Gans ........................................................................................................ 30 Judenpolitik im Kurfürstentum Hannover im 18. Jahrhundert...................................................................... 30 Die Festungsstadt Hameln im 18. Jahrhundert ............................................................................................ 30 Die Einrichtung der „Schutzbriefe“................................................................................................ 32 Der Kaufmann Hertz Joseph Detmold und seine Kinder.......................................................................... 34 Vier Generationen der Familie Heine .................................................................................................... 36 Emanzipation und Assimilation: Das 19. Jahrhundert bis 1870........................................................................... 38 Die napoleonische Zeit und die Zeit des Vormärz ........................................................................................ 39 Die jüdische Namensgebung ......................................................................................................... 40 Hameln nach der Franzosenzeit ................................................................................................................. 41 Der Tierarzt Joseph Spiegelberg ............................................................................................................ 42 Das Zusammenleben von Christen und Juden in Hameln................................................................ 43 Senior Schläger und die Juden.............................................................................................................. 44 Die Witwe Caroline Philipp Beyfuss und ihr Sohn, der Göttinger Student Jacob Beyfuss .......................... 46 Vier Generationen der Familie Michaelis.............................................................................................. 48 Der Gemeindevorsteher und Putzhändler Ephraim Salomon Michaelis ................................................... 49 Stammbaum der Familie Michaelis ................................................................................................ 50 Der Tabakfabrikant Ezechiel Michaelis .................................................................................................. 54 Der Verleger, Hochschullehrer, politischer Schriftsteller und Konvertit Salomo Heinrich Michaelis ........... 55 Der Hochschullehrer und Konvertit Adolph Michaelis ........................................................................... 58 Der Naturforscher Heinrich Bürger und seine Familie ........................................................................... 59 Der Arzt Dr. Adolf Ferdinand Dessa ...................................................................................................... 64 Hameln im Jahr der Revolution von 1848 ................................................................................................... 65 Der Arzt Dr. Rudolph Meyerstein, Menschenfreund und Republikaner.................................................... 66 Politische Reaktion, staatsbürgerliche Emanzipation und beruflicher Aufstieg – Die Jahre 1849-1870 .......... 67 Der Rechtsanwalt Christian Ferdinand Naumann, Konvertit, Revolutionär und Schöngeist ....................... 67 Der Lehrer Josua Leszynsky und das jüdische Schulwesen...................................................................... 68 Zwei Generationen der Familie Oppenheimer: Vater Joseph und die Söhne Emanuel und Hermann ........ 71

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Umstrittene Integration: Die Jahre von 1871 bis 1933 ...................................................................................... 74 Jüdische Wohlfahrtsorganisationen und Vereine .......................................................................................... 79 Die Synagoge ............................................................................................................................................. 80 Die langjährigen Bemühungen um den Bau einer neuen Synagoge ........................................................ 81 Der Synagogenbaumeister Edwin Oppler .............................................................................................. 84 Die Hamelner Synagoge – im „germanischen Stil“ erbaut ..................................................................... 85 Der Gemeindevorsteher Carl Michaelis.................................................................................................. 89 Das Bankhaus Silberschmidt ................................................................................................................. 90 Der Musikalienhändler und Musikverleger Wilhelm Oppenheimer ......................................................... 92 Der Lehrer der Gemeinde Salomon Bachrach ........................................................................................ 93 Der Generaldirektor der Wesermühlen-AG Ernst Moritz Salm ................................................................ 94 Der Zahnarzt und Zionist Dr. Hermann Gradnauer und sein „Kind“ – der Kibbuz Cheruth ...................... 94 Die Zeit des Nationalsozialismus ....................................................................................................................... 98 Die jüdische Gemeinde der Stadt Hameln im Jahre 1933 ............................................................................ 99 Die Märzpogrome und der Boykott der jüdischen Geschäfte am 1. April 1933 .......................................... 100 Der Antisemitismus im Alltag ................................................................................................................... 102 Bleiben oder Auswandern? ....................................................................................................................... 105 Das Fluchtschicksal von Hilde Löwenstein .......................................................................................... 105 Die vielen Fluchten des Arztes Dr. Ernst Herzberg ............................................................................... 106 Der Fabrikant Albert Blank und die „Arisierung“ der Teppichwerke Otto Kuhlmann & Co...................... 107 Der Zionist und Schlossergeselle Werner Frankenstein alias Israel Paran ............................................... 108 Zwischen Bangen und Hoffen: Die Jahre 1935 – 1938 .............................................................................. 110 Die Schülerin Ruth Binheim ............................................................................................................... 112 Die Schülerin Grete Birnbaum alias Ruth Keret ................................................................................... 114 Der 9. November 1938 „... mussten einige Juden in Schutzhaft genommen werden.“ ............................... 114 Die Vertreibung des polnischen Schuhhändlers Salomon Kamenetzky und seiner Familie ...................... 115 Die Verbrechen des 9. November 1938 in Hameln.................................................................................... 116 Die „Verhandlungen“ mit der Stadt um den Verkauf des Synagogengrundstücks......................................... 118 Erich Adler: „Jede Erinnerung an diese Zeit kostet mich ein Stück Gesundheit.“................................... 119 Die Tragödie der Familie des Arztes Dr. Siegmund Kratzenstein ............................................................ 119 Der Blick aus dem fernen London auf die Katastrophe – Arthur Jonas .................................................. 122 „Ausmietungen“ und „Zwangseinweisungen“ – Leben in den “Judenhäusern” .......................................... 127 Martha Cohn..................................................................................................................................... 128 Nachrichten aus dem „Judenhaus“ – Albert, Bertha und Else Jonas...................................................... 129 Vier Generationen der Familie Jonas............................................................................................ 130 Die Jahre 1941 und 1942 – Deportation und Vernichtung......................................................................... 134 Bertha und Moritz Hohenstein ........................................................................................................... 136 Paula und Karl Bernstein .................................................................................................................... 137 Rieka Katz ......................................................................................................................................... 140 Johanne Michaelis ............................................................................................................................. 142 Max und Margarete Birnbaum ............................................................................................................ 144 Familie Hammerschlag ....................................................................................................................... 147 Ingrid Friedheim und ihre Mutter Sophie ........................................................................................... 149 Helene und Meta Bloch ..................................................................................................................... 151 Familie Keiser .................................................................................................................................... 152 Leon Elias Kratzenstein alias Leon Holman .......................................................................................... 155 Anneliese Jonas – Zeugin der Katastrophe und ihr letztes Opfer ........................................................... 158 Nachkriegszeit und Bundesrepublik Deutschland ............................................................................................ 162 Entnazifizierung der Stadtverwaltung? ..................................................................................................... 163 Überlebt Theresienstadt – Henriette Birnbaum ................................................................................... 163 Dem Schicksal entronnen – Ernst Hammerschlag und sein Antrag auf „Wiedergutmachung“ ................. 164 „Fachmann für alle Fragen der Wiedergutmachung“ – Dr. Ernst Katzenstein ........................................ 165 Als Kind geflohen – Susanne Aronson, geborene Herzberg ................................................................... 166 Die Synagoge im Gedächtnis der Stadt und ihrer Bürger ........................................................................... 167 Die Jahre bis 1960 ............................................................................................................................ 167 Die Errichtung des Gedenksteines im Jahre 1963 .............................................................................. 169 Die Neugestaltung des Mahnmals in der Bürenstraße im Jahre 1996 .................................................. 170 Neues jüdisches Leben in Hameln ............................................................................................................ 174

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Zur Geschichte des Friedhofs an der Scharnhorststraße................................................................................... 176 Die Anlage des „neuen“ Friedhofs am Sandfelde im Jahre 1743 ................................................................ 177 Der Friedhof im 19. und frühen 20. Jahrhundert ...................................................................................... 177 Der Friedhof im Dritten Reich .................................................................................................................. 180 Die „Verwertung“ des jüdischen Friedhofes .............................................................................................. 185 Die Wiederherstellung des jüdischen Friedhofs nach 1945........................................................................ 187 Der Friedhof im Besitz des Landesverbandes – Die Jahre ab 1960 ............................................................. 190 Statistik des jüdischen Friedhofs Hameln ................................................................................................. 193 Der jüdische Friedhof Hameln. Dokumentation der Grabstätten ...................................................................... 194 Einleitung ................................................................................................................................................ 195 Plan des jüdischen Friedhofs............................................................................................................... 196 Einführung............................................................................................................................................... 198 Lage und Größe................................................................................................................................. 198 Grabstellen und Grabsteine ............................................................................................................... 198 Inschriften......................................................................................................................................... 199 Die Grabsteine und ihre Inschriften.......................................................................................................... 202 Anhang.............................................................................................................................................. 287 Register der Namen..................................................................................................................... 287 Register nach der Lage................................................................................................................. 288 Verzeichnis der Zitate.................................................................................................................. 291 Jüdischer Kalender: Monate und Festtage.................................................................................... 292 Erklärung von Fachbegriffen........................................................................................................ 292 Literaturliste................................................................................................................................ 294 Die Namen der Opfer ..................................................................................................................................... 296 Anhang ................................................................................................................................................... 316 Anmerkungen........................................................................................................................................... 316 Quellen und Literatur............................................................................................................................... 322 Register der Namen.................................................................................................................................. 325

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Grußwort der Stadt Hameln Jüdisches Leben in Hameln hat eine lange Geschichte. Seit Jahrhunderten lebten Menschen jüdischen Glaubens in unserer Stadt. Es waren angesehene, geachtete Bürgerinnen und Bürger, die sich um Hameln verdient gemacht haben. In seinem neuen Werk zeichnet der Historiker Bernhard Gelderblom deren Lebensweg nach und beleuchtet die Geschichte der jüdischen Gemeinde Hameln – vom Mittelalter über die Zeit des Nationalsozialismus bis hin zur Neuentstehung jüdischen Lebens in den 1990er Jahren und schließlich zum Bau der neuen Synagoge im Jahr 2011. Bernhard Gelderblom ist wie kein anderer in diesem Themenkreis zu Hause. Bereits in den 1980er Jahren beschäftigte er sich mit der Geschichte des jüdischen Friedhofs in Hameln. Das war der Ausgangspunkt für die 1997 vorgelegte Erforschung des Schicksals der Hamelner Juden in der NS-Zeit unter dem Titel „Sie waren Bürger der Stadt“. In seinem jetzt vorgelegten Buch spannt der Historiker den Bogen noch wesentlich weiter. Das umfangreiche Werk ist das Ergebnis 30-jähriger intensiver Forschungsarbeit. Das macht diesen Band so wertvoll. Für Bernhard Gelderblom ist es so etwas wie die Vollendung eines Lebenswerks. Für die Stadt Hameln hat das, was auf mehr als 300 Seiten nachzulesen ist, unschätzbaren Wert. Bernhard Gelderblom schließt damit eine wichtige Lücke in der Darstellung unserer Historie. Viele einzelne Bausteine bilden in ihrer Summe ein lückenloses, sorgfältig erstelltes Gesamtbild der Geschichte der jüdischen Gemeinde. Wie kein Zweiter in Hameln hat Bernhard Gelderblom auch die düsteren Kapitel unserer Geschichte aufgearbeitet und dazu beigetragen, die Verbrechen an Menschen zu benennen und den vielen Opfern Namen und Gesichter zu geben. Durch seine langjährige, kontinuierliche Arbeit hat er damit auch das gesellschaftliche Bewusstsein in Hameln verändert. Es ist eine überaus wertvolle Erinnerungsarbeit, deren zugrunde liegender Gedanke hoffentlich Kreise ziehen wird. Das vorliegende Buch zeichnet sich wie die bisherigen Arbeiten durch detailgenaue, engagierte Recherchen aus. Es überzeugt mit behutsamen, präzisen Darstellungen ohne Verurteilung, aber auch ohne Vertuschung oder Beschönigung. In der Darstellung zahlreicher menschlicher Schicksale spiegeln sich die intensiven Kontakte, die Bernhard Gelderblom mit den Überlebenden der Vertreibung und des Holocaust – Kindern und Enkeln – in den unterschiedlichsten Ländern über Jahrzehnte hinweg aufgebaut hat. Prof. Dr. Berndt Schaller (Göttingen) hat in Zusammenarbeit mit Bernhard Gelderblom alle Grabsteine des Friedhofes in Fotos und Inschriften festgehalten. Von ihm stammen die überaus sorgsamen Übersetzungen der hebräischen Inschriften. Damit ist das wertvollste historische Zeugnis, das Hameln von seiner jüdischen Vergangenheit besitzt, nämlich der Friedhof, dokumentiert und Wissenschaftlern sowie interessierten Besuchern zugänglich gemacht. Ich danke Bernhard Gelderblom und Prof. Dr. Berndt Schaller für ihr Wirken und wünsche allen Lesern spannende Einblicke in wichtige Abschnitte unserer Stadtgeschichte.

Susanne Lippmann Oberbürgermeisterin der Stadt Hameln

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Grußwort des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen „Ich werde ihnen in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal stiften und einen Namen, besser denn Söhne und Töchter; einen ewigen Namen stifte ich ihnen, der unvertilgbar ist“ (Jes. 56,5). Dieser Vers aus dem Buch Jesaja gibt der Schoah Gedenkstätte Yad VaSchem in Jersualem ihren Namen. In Yad VaSchem wird nicht nur der Ermordeten und untergegangenen Gemeinden gedacht, sondern es wird auch versucht, die Namen und Schicksale der Hingeschlachteten und ihrer Gemeinden zu dokumentieren, um ihnen so wieder einen Shem, einen Namen zu geben, einen Namen, der, so wie es bei Jesaja heißt, unaustilgbar ist. Dieses Buch trägt zu diesem Anliegen bei. Denn das Verfassen von Monographien über Jüdische Gemeinden und deren Friedhöfe in Europa ist angesichts des Grauens der Schoah mehr als nur eine akademische Übung. Es ist mehr als nur Daten zusammenzuführen und in einen Prosatext zu bringen. Diese Bücher helfen an das zu erinnern, was mit der Zerstörung der Jüdischen Gemeinden in Europa unwiederbringlich untergegangen ist. Auch wenn es an ein Wunder grenzt, dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland, zumal auch in kleineren Städten wie Hameln, gibt, so kann diese Tatsache doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Gemeinden etwas Neues sind. Sie nehmen nicht einfach das Ende des Fadens wieder auf, der während der Schoah durchtrennt wurde. Diese Ambivalenz kommt sehr gut im folgenden Gedicht von Berhold Brecht zum Ausdruck: Der abgerissene Strick kann wieder geknotet werden er hält wieder, aber er ist zerrissen. Vielleicht begegnen wir uns wieder, aber da, wo du mich verlassen hast, triffst du mich nicht wieder. Anders als in Hameln sind es nur noch die Friedhöfe, die uns Zeugnis von jüdischem Leben an einem Ort geben. Seit Anfang der 1950er Jahre kümmert sich der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen um alle, der insgesamt 230 geschlossene Friedhöfe, zu denen aber auch immer wieder „neu“ entdeckte alte Friedhöfe hinzukommen. Auch wenn der Hamelner Friedhof nicht ganz geschlossen ist, war es doch nötig, die alten Grabsteine zu dokumentieren, da es durch die Schoah keinerlei Doumentation mehr gab. Aus allen diesen Gründen sind wir Herrn Berhard Gelderblom, sowie Herrn Prof. Dr. Berndt Schaller für die geleistete beeindruckende Arbeit dankbar. Diese Arbeit wäre auch nicht ohne den Kontakt, den Herr Bernhard Gelderblom seit über 30 Jahren mit ehemaligen Hamelner Juden und deren Nachkommen hält, denkbar. Berhard Gelderblom, mit Hilfe von Prof. Schaller, haben nicht nur einfach die Geschichte der Juden in Hameln und des dazugehörigen Friedhofs dokumentiert, sondern gleichzeitig den Opfern der Schoah ein Memorbuch geschaffen, und so den Ermordeten der Jüdischen Gemeinde Hameln vor der Schoah ihren Schem, ihren Namen, ihren unaustilgbaren Namen wiedergegeben. Hannover, den 24. Adar II 5771 / 30. März 2011 Michael Fürst Jonah Sievers Vorsitzender Landesrabbiner

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Einleitung Dieses Buch will das vielfältige Geflecht von Beziehungen zwischen Juden und Christen in der Stadt Hameln untersuchen. In Hameln lebten – mit Unterbrechungen – Menschen jüdischen Glaubens seit dem 13. Jahrhundert, also 700 Jahre. Die Konzentration auf den Holocaust verleitet dazu, unseren Blick auf die Juden zu verengen. Wir nehmen sie als Opfer wahr. Vor allem aber tritt in den Hintergrund, wie tief Juden in der deutschen Geschichte als ein durchaus bestimmender Faktor verankert sind. Schon in der ersten Phase der Stadtentwicklung siedelten sich hier jüdische Kaufleute an, so dass sie einen nicht unbedeutenden Beitrag bei der Stadtwerdung Hamelns geleistet haben dürften. Solange Hameln seine mittelalterliche Selbständigkeit besaß, waren Juden weitgehend gleichberechtigte Bürger. Vor allem der städtische Rat zeigte ein großes Interesse an den jüdischen Händlern mit ihren weit reichenden Wirtschaftsbeziehungen und den hohen Steuern, die sie an die städtische Kasse entrichteten. Die städtischen Mittelund Unterschichten lehnten hingegen aus wirtschaftlichem Konkurrenzneid und von der Kirche genährter religiöser Abneigung die jüdischen Einwohner häufig ab. So war der Status der jüdischen Bürgerinnen und Bürger auch in Hameln stets prekär, aber, weil der Rat seine schützende Hand über die jüdischen Einwohner hielt, weniger als anderswo. Zu mörderischen Übergriffen während des Mittelalters kam es offenkundig nicht. Verfolgungen wie zum Beispiel während der Großen Pest 1350 und die landesherrlichen Vertreibungen im 16. Jahrhundert konnte aber auch der Rat nicht verhindern. Als mit der Unterwerfung der Stadt durch den absoluten Fürstenstaat die städtische Selbstständigkeit verloren ging und das Recht des Rates, Juden aufzunehmen, annulliert wurde, verlor das Hamelner Judentum schrittweise an Bedeutung, bis es im 18. Jahrhundert zu einer in sich weitgehend abgeschlossenen, randständischen Gemeinschaft herabgesunken war, die nicht nur von Teilen der Bevölkerung, sondern auch von den Behörden diskriminiert wurde. Ein umfassender Wandel bahnte sich erst im 19. Jahrhundert an. Für die zweite Hälfte des 19. und das erste Drittel des 20. Jahrhunderts gilt, dass Juden Öffentlichkeit und Alltagsleben in Hameln aktiv mitgestalteten und geachtete Bürger waren. Ihrem Selbstverständnis nach waren sie „Deutsche jüdischen Glaubens“. Über einen Zeitraum von mehreren Generationen hatte sich zwischen Christen und Juden ein fruchtbares Nebeneinander entwickelt. Noch vor den Katholiken bildeten jüdische Menschen im weitgehend evangelischen Hameln die größte religiöse Minderheit, die ihre Religion offen und selbstbewusst lebte.

Parallel erwuchs allerdings bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der Antisemitismus zu neuer Größe. Ohne die lange, durch Luther noch verstärkte Tradition des christlichen Antijudaismus hätte sich das von der NS-Propaganda gezeichnete Zerrbild „des“ Juden nicht durchsetzen können. Der latente Antijudaismus christlich-bürgerlicher Kreise war zwar nicht mit dem brutalen rassistischen Antisemitismus der NSDAP zu vergleichen, bereitete diesem aber den Boden. Seit 1870 mehrten sich auch in Hameln die antisemitischen Stimmen und fanden bei Teilen der Bevölkerung ein williges Gehör. Die Integration der Juden in die Hamelner Gesellschaft blieb umstritten. In der NS-Zeit brachen alle Dämme. In Hameln brachten der besonders heftige „Radauantisemitismus“ der Nazis, die überaus willige und vorauseilende Bürokratie der städtischen Behörden, aber auch die Bereitschaft weiter Kreise der Bevölkerung, die jüdischen Nachbarn auszugrenzen und sich an ihrem Vermögen zu bereichern, gemeinsam das jüdische Leben zu einem mörderischen Ende. Noch intensiver als anderen Orts ist nach 1945 über die NS-Verbrechen, die auf dem Boden der Stadt verübt worden sind, geschwiegen worden. Eine juristische Aufarbeitung hat es nie gegeben. Noch weniger als anderen Orts wurde in Hameln die Seite der „Täter“ erforscht. Der Eindruck lässt sich nicht verdrängen, dass das Ausmaß der Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger in dieser Stadt besonders hoch gewesen ist. Wahrscheinlich bedingt eines das andere. Nach dem schrecklichen Ende waren die, die dem Verderben hatten entrinnen können, über die ganze Welt verstreut. In die Heimatstadt kam niemand zurück. So mutet es für mich angesichts der Vertreibung und Ausrottung der Hamelner Juden heute wie ein Wunder an, dass wir – verkörpert in zwei Gemeinden – in Hameln wieder ein aktives jüdisches Leben haben, das freilich anderen, nämlich osteuropäischen Wurzeln entstammt. Als der Verfasser 1986 mit der Erforschung der jüdischen Geschichte in Hameln begann, gab es kein jüdisches Leben in dieser Stadt, war der Friedhof der Juden ein verwunschener und vergessener Ort. Die kleine Schrift „Der jüdische Friedhof in Hameln“ von 1988 und das Buch „Sie waren Bürger der Stadt“ von 1996 waren erste Schritte auf dem Wege, dem Anteil der Juden an der Stadtgeschichte Geltung zu verschaffen. Über 25 Jahre habe ich mich seitdem kontinuierlich mit der Thematik befasst und bin immer tiefer in Details eingedrungen. Schon das Buch „Sie waren Bürger der Stadt“ lebte von den Gesprächen, die der Verfasser mit ehemaligen jüdi-

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schen Bürgerinnen und Bürgern führen konnte. Die Möglichkeit, über das Internet weltweit zu kommunizieren, brachte eine nicht für möglich gehaltene Intensivierung dieser Kontakte. Bei denen, die hatten entkommen können, aber nicht minder bei ihren Kindern und Kindeskindern, halten der Schmerz der Erinnerung und das Bedürfnis, vom erlittenen Unrecht zu berichten, an. So konnten 2008 erstmals Kontakte zu überlebenden Mitgliedern der Familie Jonas in Dublin hergestellt werden. Der umfangreiche Briefwechsel, den diese Familie in den Jahren 1939 bis 1941 und darüber hinaus mit ihrem nach London geflüchteten Sohn Arthur führte, gibt nicht nur erschütternde Einblicke in die Gefühle von Menschen, die sehenden Auges in die Vernichtung gingen, sondern lässt wertvolle Rückschlüsse auf die Zustände in den Hamelner „Judenhäusern“ zu. Was wir sonst aus den in der Sprache der Täter abgefassten Archivakten mühsam erschließen müssen, erhält durch die Lektüre der Briefe eine bedrückende emotionale Dichte. Zu den zahlreichen Dokumenten und Zeugnissen, die sich aus den langjährigen Kontakten ergaben, gehören auch Teile aus dem Werk des in Hameln geborenen, aber vergessenen Künstlers Leon Kratzenstein alias Leon Holman. Er wird hier zum ersten Male mit einigen seiner Werke der Öffentlichkeit vorgestellt. Andere Faktoren, welche die Forschung in den letzten Jahrzehnten intensiviert und vorangetrieben haben, sind die 1995 begonnene Mitarbeit des Verfassers am Historischen

Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen sowie am Arbeitskreis Geschichte der Juden der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen und die daraus erwachsenden zahlreichen Kontakte, Fragestellungen und Anregungen. Noch wichtiger waren neue Quellen, die das Hauptstaatsarchiv Hannover seit 2005 der Forschung zugänglich machte. Die Akten des Oberfinanzpräsidenten Hannover und ebenso die Entschädigungsakten lassen detaillierte Einblicke in die Vorgänge zu, die zu Vertreibung oder Deportation führten. Ein wichtiges Merkmal des Buches sind die zahlreichen biographischen Skizzen oder „Lebensbilder“. Der Verfasser verbindet mit ihnen nicht nur die Absicht, Geschichte anschaulich zu machen, sondern möchte vor allem verdeutlichen, dass jüdische Menschen nicht weniger als nichtjüdische aktiv handelnd ihr Leben und ihre Umwelt gestaltet haben. Dabei ist bedrückend zu sehen, wie zum Ende des Buches hin, wenn es um Schicksale in der NS-Zeit geht, der Spielraum an Handlungsmöglichkeiten immer eingeschränkter wird. Das erste „Lebensbild“ ist dem Getreidekaufmann Joseph Goldschmidt-Hameln, dem Vater der Glückel Hameln gewidmet, der im 17. Jahrhundert in Hameln wohnte – das letzte der aus Hameln vertriebenen und heute in Israel lebenden Susanne Aronson, geborene Herzberg. Die Lebensbilder führen uns bisweilen weit über Hameln hinaus. Mehrere Juden wie der Verleger, Hochschullehrer und politische

Schulabschlussklasse 1923 der Mittelschule in Hameln mit ihrem Lehrer Wallmann: In der Bildmitte – links neben dem Lehrer – steht Anneliese Jonas (mit Halskette). 20 Jahre später wurde sie nach Theresienstadt deportiert und wenig später in Auschwitz ermordet. Anneliese Jonas ist das letzte Opfer der jüdischen Gemeinde Hameln. (Foto: Margret Volker)

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Schriftsteller Salomo Heinrich Michaelis und der Naturforscher Heinrich Bürger mussten, um ihren erstaunlichen Lebensweg zu gehen, die enge Heimatstadt verlassen. Manche der biographischen Skizzen verfolgen Familien durch mehrere Jahrhunderte. Das gilt vor allem für die Familien Oppenheimer und Michaelis, die sich über vier Generationen dem Wohl der Judenschaft, aber auch dem Gemeinwohl der Stadt verpflichtet sahen. Es ist der Eigenart der Überlieferung geschuldet, dass mehr Licht auf Männer als auf Frauen und mehr auf wohlhabende als auf arme Menschen fällt. Und wenn etwa die Geschwister Jonas – Else, Arthur und Anneliese – an unterschiedlichen Stellen des Buches je ihre eigene Würdigung erhalten, so sind Überschneidungen nicht zu vermeiden, werden vielmehr bewusst in Kauf genommen, um die Einzigartigkeit jedes Schicksals zur Geltung zu bringen. Zur Darstellung der Geschichte der Hamelner Juden gesellt sich die Dokumentation ihres Friedhofes. Im Nebeneinander und in der Verschränkung beider Teile wird deutlich, dass die Darstellung der Grabsteine über eine Dokumentation hinaus auf die Menschen zielt, die auf diesem Friedhof bestattet wurden. Der Friedhof an der Scharnhorststraße ist von unschätzbarem Wert für die Erinnerung an die Hamelner Juden, weil er für den langen Zeitraum von 1741 bis zum Abbruch in der NS-Zeit die Existenz jüdischen Lebens dokumentiert. Den am 9. November 1938 von Hamelner Bürgern verwüsteten Friedhof ließ die Stadtverwaltung auf Befehl der Besatzungsmacht in den Jahren 1945/46 notdürftig wieder herstellen. Heute stehen auf dem Gelände des Friedhofes 173 Grabsteine aus der Zeit vor 1945. Ihre ursprüngliche Zahl dürfte bei vorsichtiger Schätzung bei 250 Steinen gelegen haben. Umfangreiche Lücken in den Reihen zeugen von den großen Verlusten. In den teilweise prächtigen Grabsteinen verkörpert sich die erhebliche Bedeutung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger für die Stadt, in seiner Zerstörung ihre Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung in der NS-Zeit. Der Friedhof, der unter Denkmalschutz steht, gehört dem Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, der die Jüdische Kultusgemeinde Hameln mit der Pflege beauftragt hat. Seit 1993 wird er neu belegt. In den späten 1980er Jahren hat der Verfasser die Grabsteine inventarisiert und mit dem Fotografen Rudi Günther Abbildungen aller Steine angefertigt. Dass diese Arbeiten damals gemacht wurden, erweist sich heute als Vorteil, hat doch die Luftverschmutzung die Inschriften inzwischen weiter zerstört. Die mühevolle Arbeit des Aufnehmens und Entzifferns der Inschriften vollführte in den Jahren 1992 und 1993 eine zehnköpfige studentische Arbeitsgruppe der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen unter Leitung von Prof. Dr. Berndt Schaller. Die Anfertigung der Übersetzungen hat Berndt Schaller in den letzten Jahren vorgenommen. Er

gehört zu den wenigen Spezialisten in Deutschland, welche diese anspruchsvolle Arbeit beherrschen. Mit der Dokumentation des Friedhofes und der Inschriften seiner Grabsteine wird dieser nicht nur der kleinen Gruppe der Fachleute für jüdische Geschichte erschlossen, sondern den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt als das wichtigste Zeugnis einer zerstörten Geschichte zugänglich gemacht.

Es ist vielfältiger Dank abzustatten. Zuerst den ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt und ihren Kindern und Enkeln, welche ihre schlimmen, aber auch ihre guten Erfahrungen und Erinnerungen mitgeteilt haben und immer wieder ihr Interesse am Werden dieses Buches bekundet haben. Ebenso aber auch den zahlreichen Hamelner Bürgerinnen und Bürgern, die zu erzählen bereit waren. In besonderer Weise Prof. Berndt Schaller, der im fort­ geschrittenen Ruhestand die umfangreiche Arbeit der Übersetzung der Grabsteininschriften auf sich genommen hat und mit seinem umfassenden Wissen die Dokumentation der Grabsteine außerordentlich bereichert hat. Den zahlreich nötigen Sponsoren, darunter auch mehreren privaten Spendern. Vielen Menschen aus dem Bereich der städtischen Verwaltung, insbesondere den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Stadtarchivs sowie des Kulturbüros. Jörg Mitzkat und seinen Mitarbeiterinnen, welche die Herstellung des Buches mit unermüdlicher Geduld befördert und ihm sein „Gesicht“ gegeben haben. Mario Keller-Holte und Heinz Engelhard, die nicht nur Korrektur gelesen, sondern auch in vielfältiger Weise mit Kritik und Anregungen geholfen haben. Am meisten danke ich meiner Frau, die das Werden des Buches über viele Jahre mit steter Geduld, lebendigem Interesse und nicht nachlassender Ermutigung begleitet hat.

Hameln, im April 2011 Bernhard Gelderblom

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Die Juden von Hameln  

Seit der Stadtgründung lebten Juden in Hameln und prägten die städtische Entwicklung mit. B. Gelderblom beleuchtet in diesem Buch das jüdisc...

Die Juden von Hameln  

Seit der Stadtgründung lebten Juden in Hameln und prägten die städtische Entwicklung mit. B. Gelderblom beleuchtet in diesem Buch das jüdisc...

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