Hallo. In dieser kurzen Präsentation als Teil des Seminars „Modellierung und Digitale Karten“ an der Universität Köln möchten wir Euch kurz das Webportal „Vision of Britain“ vorstellen. Hierbei handelt es sich um eine neue, dynamische Form von „Historischem Atlas“, eine „konstruierte Vision“ bzw. Visualisierung, wie sich Großbritannien in der näheren Vergangenheit, also vor allem den letzten 200 Jahren, verändert hat. Die Präsentation stützt sich auch eine wissenschaftliche Arbeit von Herrn Prof. Humphrey Southall der Universität Portsmouth aus dem Jahr 2016. Der Untertitel der Arbeit beschreibt den Umfang des Projekts: die Integration und Aufbereitung von historischen Karten, statistischen Erhebungen der Regierung und von literarischen Reise-Erzählungen bzw. historischen Reise-Führern für den Online-Zugang. Zunächst werden wir den „Use Case“ vorstellen, die Anwender und Sponsoren. Dann schauen wir auf die Inhalte, also die statistischen Ur-Quellen, ihre Implementation als Datenbank und die neuen Visualisierungsmöglichkeiten. Dabei werden wir auch über spezielle Herausforderungen und ihre Überwindung sprechen. Zuletzt geben wir Feedback zum Nutzererlebnis und fassen Gelerntes in 6 Kernpunkten zusammen. Es ist wichtig, den Unterschied zwischen diesem elektronischen historischen Atlas und einem traditionellem GIS zu verstanden: Es handelt sich um geo-semantische Datensätze und nicht einfache räumliche Vermessungen. Wir haben es mit benannten Orten und geometrischen Räumen bzw. Flächen zu tun. Der Fokus liegt auf Veränderung des Raums und der Raumnutzung in der nahen Vergangenheit. Dabei beginnt robuste statistische und geometrische Datenerhebung mit dem Anfang des 19. Jahrhunderts, während Reiseerfahrungen in schriftlicher Form aus dem 17. und 18. Jahrhundert auf die späteren Karten projiziert werden. Das Portal richtet sich an die kulturellhistorisch interessierte Allgemeinbevölkerung, an Schulen und Universtäten, Forscher und Laien, bzw. an Jedermann, der mehr über das Leben der Vorfahren oder die Geschichte eines Orts erfahren wollen. Demgemäß wurde der Projektaufbau maßgeblich aus Geldern der Nationallotterie finanziert. Die Digitalisierungsinitiative wurde durch Jisc, eine gemeinnützige Organisation, geleitet. Ein Großteil der verwendeten Daten ist frei verfügbar und steht unter der Creative Commons Lizenz. Auf dieser Folie werden die Datensätze aus statistischen Erhebungen der Regierung aufgeführt. Wir sehen Volkszählungen, Übersicht der Geburten, Heiraten und Todesfälle, landwirtschaftliche Erhebungen, Wahlergebnisse und Daten zur Sozialversorgung. Wichtig dabei ist, dass alle Werte in einer einzigen Spalte einer einzelnen Tabelle aufgeführt werden. So gelingt es, die statistischen Daten nicht nur - wie ein konventionelles GIS - als einen momentanen Snapsschuß in Form einer Karte darzustellen, sondern auch Querschnitt und als Zeitserie – ohne dabei vielfältige Kopien der Daten bzw. vorgefertigte Projektionen zu verwalten. Hier sehen wir z.B. eine Übersicht der Beschäftigungsfelder der arbeitenden Bevölkerung seit 1850 und eine Zeitserie der Arbeitslosenquote – für Großbritannien allgemein und den Ort Jarrow mit seiner Werft speziell, zwischen den zwei Weltkriegen. Die Implementation des Webportals beruht auf einer Object-relationalen Datenbank - rechts. Das System teilt sich konzeptuell in drei Haupttabellen auf: statistische Werte mit verschiedenen Inhalten; formal definierte geografische Gruppierungen, meist administrativer oder politischer Art, manchmal auch rein statistische Definitionen; und Orte, d.h. Siedlungen an denen Menschen lebten, und über die sie schrieben. Die links dargestellte Architektur zeigt, welche zusätzlichen Informationen neben der Werteserie in zusätzlichen Spalten derselben Tabelle verwaltet werden. Eine besondere Herausforderung besteht in der sich im Laufe der Zeit immer wieder ändernden administrativen Definition geografischer Räume. Dabei verändern sich nicht nur Grenzen, es gibt auch verschiedene Definitions-Typen, von denen einige zeitgleich bestehen. Z.B. fällt die Bevölkerungszahl für das hier gezeigte Cambridgeshire völlig anders aus, je nachdem ob man die
Registrierungsdefinition oder die administrative Einheit betrachtet. Manche Orte werden verlassen und vergessen, oder die digitalen Ausmaße sind trotz vorhandener Quellen noch nicht digitalisiert. Insgesamt eine teure und aufwendige Arbeit! Die Struktur der Administrativen Einheit Ontology (oder AUO) ist links dargestellt. Kommen wir nun zur zweiten Art der vom Portal genutzten Quellen und auf Orte und geografische Räume bezogenen Quellen: eingescannte historische Karten, mit teilweise sehr hohem Maßstab bis in kleinste Details, Reise-Führer und Reise-Berichte. Als Beispiel rechts die Orte, die auf einer Reise von Coventry nach London im Jahre 1607 von Celia Finnes beschrieben werden. Die Vorgehensweise zur Erstellung bzw. der Aufbau der Konkordanztabellen ist im Diagramm dargestellt und wird über den Ort an auf einer Karte darstellbare geografische Koordinaten gebunden. Zur Nutzererfahrung: Google Analytics zeigt uns, dass die meisten Nutzer durch eine Ortsspezifische geografische Webseite ihren Weg ins System finden. Rechts, ein Beispiel einer solchen Webseite, mit Links zu den zuvor beschriebenen weiterführenden Inhalten. Während die meisten GIS aufgrund der für Suchbots meist unsichtbaren Grafikdarstellung nicht auftauchen, bedeutet die Nutzung von Text und von IsPartOf Relationen in der AUO, dass viele kleinere Orte aus unserem Atlas – hier ein Sample von 188 – ein hohes Google Ranking erreichen. Nach einigen Jahren langsamen Aufbaus hat das Webportal nun ungefähr eine halbe Millionen Nutzer pro Jahr erreicht. Banner-Reklame ist heute eine wichtige Einkommensquelle zur Finanzierung des Teams und der IT-Infrastruktur geworden. Was haben wir über die Jahre gelernt, das anderen Kreatoren historischer Datenbanken von Nutzen sein könnte? Erstens: verstehe die Wünsche Deiner Ziel-Nutzergruppe, etabliere und bleibe im Dialog, z.B. durch ein Blog. Führe eigene DIY Praxistests durch. Um die Nutzererfahrung zu verbessern, sind Google Analytics Daten hilfreich. Zweitens: Verwechsele eine Druckpresse – das Standard-GIS – nicht mit einer Bibliothek wie dieser – bzw. einem Atlas. Zu schnell können aus semantischen Informationen unsinnige Karten entstehen. Als Webautor ist es Teil der Aufgabe, dem Nutzer Interpretationen bereitzustellen. Wichtiger als die flexible Kartendarstellung ist es, dem Nutzer die Möglichkeit des „drill-down“ zu den Originaldaten zu geben. Drittens: ein Atlas ist mehr als ein Inhaltsverzeichnis zu Büchern und Karten. Ein Atlas bietet dem Leser eine Kollage verschiedener Darstellungen mit meist so viel Textbeschreibung wie Karten und Grafiken. Dieser Atlas erlaubt die Darstellung der eindeutigen Daten in verschiedenster Form: als (interpretierte) Karte oder Zeitserie, in der originalen Tabellenform, als Datensatz. Viertens, die Definition des nicht geographischen Strukturmodells ist ebenso wichtig - vielleicht schwieriger - als das geographische. Z.B. die AUO Datenbankstruktur und Verknüpfung zum SubSystem der Originalquellen. Wo möglich, sollte man existierende Standards verwenden, wie Dublin Core. Fünftens, die wenigsten Menschen Lesen einen Atlas von vorn bis hinten. Daher ist es wichtig, im Aufbau der Webseiten auf gute Referenzierung durch Such-Maschinen zu achten, also eine Hybridlösung geo-spatialer und geo-semantischer Architektur. So sollte das System auch Blinden über Screen Readers zur Verfügung stehen. Zu guter Letzt, der Bau eines Webportals stellt den Entwickler vor viele Herausforderungen. Sicher ist es aufwendiger und daher teurer zu erstellen, als der traditionelle Atlas. Allerdings braucht der online Atlas nicht teuer gedruckt zu werden. Damit steht die eigene Geschichte und das Leben der Vorfahren nicht nur dem Spezialisten zur Verfügung, sondern wird einem breiten interessierten Publikum frei zugänglich. Danke.