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Kooperation

the gap room service

Powered by Dulux

BILD: ARnO EBnER, MATTHIAS HOMBAUER, STEFAn SCHIERMEIER

The Gap schenkt dir ein Piece für zuhause. Der Street Artist Boicut könnte deine Wand verschönern. Wie, das erzählt er im Interview. Wie hast du deinen Stil entwickelt? Es sieht so aus, als hättest du in der Schule ständig in Hefte und Bücher gekritzelt? — Klar hab ich als Kind auch rumgekritzelt. Ich war fasziniert von Metallica-Shirts mit ihren Skull-Designs. Ich hab begonnen die Schädel nachzuzeichnen, war später von den Designs von Skatedecks begeistert. Es war purer Zufall, als ich mit ca. 21 ein Skizzenbuch und einen Stift geschenkt bekam. Damals war ich zwar auf der Uni inskribiert, aber kaum anwesend. Tagsüber jobbte ich in einem Call Center und abends zog ich um die Häuser. Das Zeichnen weckte eine Leidenschaft in mir und ich wusste, dass dies meine Chance ist, aus meinem Leben auszubrechen. Ich kündigte den Job, begann Grafik zu studieren und hörte nie wieder mit dem Zeichnen auf. Mit den Jahren hat sich ein Stil entwickelt. Was reizt dich an Wänden am meisten? — An Wänden reizen mich vor allem alte Wände. Ich liebe es, in Flecken und Rissen Formen zu sehen, die ich dann ins Artwork einbinde. Sie geben schon gewisse Formen vor, die das Artwork dann einzigartig werden lässt. Meistens gehe ich völlig planlos zur Wand, mache ein paar schnelle Skizzen und fange dann schon mit dem Malen auf

der Wand an. Ich mag diesen Stress, den ich dabei habe, nicht zu wissen, wie es wird. Skateboards, Fahrräder, Zimmerdecken, Mülleimer – nichts ist vor dir sicher. Hast du schon überlegt, Menschen zu tätowieren oder in Schildkrötenpanzer zu ritzen? — Haha, um ehrlich zu sein, damals hatte ich einen Plan B, Tätowierer zu werden. Erst gestern habe ich zufällig mit einem guten Freund darüber gesprochen. Meine Schwester hat eine Schildkröte und musste mich schon mal davon abhalten, sie zu bemalen. Erst letzte Woche habe ich aber zufällig eine Schildkröte aus Holz bemalt und das schon mal getestet. Weißt du schon, was du für »The Gap Roomservice – Powered By Dulux« malen wirst? — Sobald ich weiß, wessen Wand ich anmalen werde, werde ich beginnen, mir erste Gedanken zu machen. Ich werde auch hier relativ spontan mit dem Malen beginnen. So bleibt es für alle Beteiligten spannend. Ich werde soviel verraten, dass die Leser selbst Lust bekommen, ihre eigenen vier Wände zu verschönern. Oft muss man sich nur über den ersten Strich trauen. Wer das nicht schafft, kann immer noch mich anrufen, haha.

WIr lIefern DIr STreeT ArT AufS ZImmer. So kAnnST Du GeWInnen: Schreib uns eine Begründung warum deine Wand dringend schöner werden muss und schick ein Bild oder foto dazu. Wir erstellen ein facebookAlbum aller einsendungen. Das foto mit den meisten likes gewinnt. Schick ein mail an roomservice@thegap.at einsendeschluss: 22. oktober 2012


Leitartikel von Thomas Weber.

  GALIONSFIGUR DES WANDELS   Klar, Frank Stronach gibt als Politvisionär eine lächerliche Gestalt ab. Letztlich ist er aber vor allem eines: die falsche Galionsfigur eines unaufhaltsamen Wandels.

System. Die Erscheinung Frank Stronach ist der nächste – würdelose – Schritt der Selbstauflösung ebendieses; abermals ein Schritt in Richtung Postdemokratie.

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Im Schatten Stronachs: die Piraten

die Piratenpartei, von der sich viele einen konstruktiven Beitrag zur Erneuerung der Demokratie erwarten. Stronach allerdings ist vielleicht der personifizierte Ausdruck, letztlich aber vor allem die verkehrte Galionsfigur für den als dringlich empfundenen Wandel. Mit seiner dubiosen Mischung aus Wirtschaftsliberalismus und Sozialstaatsnostalgie (wobei sein Mitgefühl nur den »Fleißigen« gilt) verkörpert er einen Old-School-Zugang: eine antiintellektuelle Politik der Abschottung. Er orientiert sich konzeptlos am Gestern (»Ich bin der Behüter der Werte«; Stronach in »Im Zentrum«), fordert Unterordnung und ist zutiefst autoritär (»Die Werte gebe ich vor«). Weil davon auszugehen ist, dass nicht nur Minderbemittelte ihm dennoch ihre Stimme leihen: Skeptisch an Stronach sollte einen nicht zuletzt machen, dass der Mann es zwar gut meinen mag, er es aber – und er plappert ja nicht erst seit gestern vom Einstieg in die Politik – trotz seiner schier endlosen Mittel und damit Möglichkeiten niemand anderen für sein »Team Stronach« begeistern konnte als einen dubiosen Haufen von Hinterbänklern, politischen Verlierern, willfährigen Geschöpfen der bestehenden Parteiapparate kurz vor deren Exodus aus dem politischen

Zumindest einen Erkenntnisgewinn verdankt man dem Eintritt des Geschäftsmanns in die politische Arena. Er zwingt einen zur Neubewertung der ebenfalls neu im Spiel auftretenden Piraten. Der Piratenpartei wurde oftmals, auch von mir, Inhaltsleere und Konzeptlosigkeit vorgeworfen. Im Schatten von Stronach wird erst klar, wie unzutreffend und unfair dieser Vorwurf ist. Ihnen mögen Mittel und Möglichkeiten fehlen. Mit ihren Themen und Lösungsansätzen – von Grundrechten über Privatsphäre bis zum bedingungslosen Grundeinkommen – stehen die Piraten für einen konstruktiven Zugang zur Zukunft und haben zumindest einige der brennenden Themen der Zeit auf der Agenda. Der Unaufhaltsamkeit des Wandels all das betreffend widmen sie sich wenigstens mit Fortschrittsglauben. In ihrer Forderung nach »Transparenz« mögen sich die Piraten zwar mit Stronach treffen. Was eben diese zum Beispiel mit »Whistleblowing« und gar »Laizismus« zu tun haben könnte (beides Themen der Piraten), wird einem ein Frank Stronach aber vermutlich nicht vermitteln können. Und wohl auch keiner der Loser aus seinem »Team«. Bild michael winkelmann

an findet tatsächlich kaum Gründe, warum man Frank Stronach weniger ernst nehmen könnte als, zum Beispiel, die beiden Regierungsparteien. Der greise Geschäftsmann ist in seinem Gebrabbel letztlich nur graduell weniger glaubwürdig als das übrige Politpersonal. Vieles von dem, was er im Fernsehen oder in Zeitungsannoncen von sich gibt, versteht man nicht. Am Akzent liegt’s nicht. Was einen – und das ist jetzt nicht untergriffig, sondern durchaus sachlich gemeint – darauf schließen lässt, dass er bereits leicht dement ist. Doch wofür die beiden Koalitionsparteien SPÖ und ÖVP stehen, lässt sich auch nur mit viel Deutungsvermögen erahnen. Verheerendes Beispiel: Der anstehende Volksentscheid über die allgemeine Wehrpflicht oder ein Berufsheer. Da propagieren doch die beiden Regierungsparteien glatt das Gegenteil von dem, für das sie sich jahrzehntelang stark gemacht haben. Ernst zu nehmend? Geh bitte. Wie gesagt: Der Unterschied zwischen Stronach und dem Rest ist graduell. Doch es gibt ihn. Was aber weniger an der Überzeugungskraft des Schillingnostalgikers liegt als vielmehr daran, dass seine Mitbewerber derart jenseitig agieren. Sind diese schon kaum mehr auszuhalten, geht Stronach schlicht gar nicht mehr. Warum er dennoch so vielen als wählbar, manchen gar als »Messias von Ebreichsdorf« erscheint? Ich behaupte: Es ist ein kollektives Gespür für Wandel und Veränderung, das keine der bestehenden Parteien kanalisieren kann. Nicht einmal Grüne oder

Thomas Weber Herausgeber weber@thegap.at @th_weber

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Nazar Sein Album ist in Deutschland auf Platz 10 eingestiegen, in Österreich auf 5, er tourt durch ausverkaufte Hallen, hat eine Filmproduktionsfirma, gute Kontakte zu Stadt Wien und Musikfonds, er hat Millionen Seher auf Youtube und 150.000 Fans auf Facebook, war Star des Films »Schwarzkopf«, er kritisiert FPÖ, Novomatic, FM4, Go TV, Ö3, Polizei und integrationsunwillige Ausländer. Trotzdem läuft er in Österreich auf keinem Sender und niemand schreibt über ihn. Wie zur Hölle kann das sein?

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Magazin Atzgerei 018 —— Sie sind irgendwie Punk- und DIY-Design – und dann auch nicht. Sie haben keinen Stil, aber lassen sich nicht darauf festlegen. Wir haben den lebenden Widerspruch Atzgerei porträtiert. Golden Frame: Anne Hardy 022 —— Was war hier los? Und wann? Auf den Fotos von Anne Hardy fehlt etwas. Es sind durchdachte Arrangements, denen die Sezession jetzt eine Ausstellung widmet. Nazar 024 —— Er ist der wichtigste Rapper dieses Landes, mit großer Klappe, großem Herz, großen Eiern und einem hervorragenden Album. Wir haben ihn reden lassen. Bat For Lashes 028 —— Was für ein Coverfoto! Sonst aber hat sich Bat For Lashes darauf beschränkt, ihren Sound von Ironie und Ideen zu befreien. Das klingt trotzdem beeindruckend. HVOB – Her Voice Over Boys 030 —— HVOB haben die allerbesten Voraussetzungen für eine internationale Karriere. Wir haben Lunte gerochen und das Duo vom Fleck weg interviewt. Mashups 032 —— Abraham Lincoln und Vampire. Stolz und Vorurteil und Zombies. Sissi die Vampirjägerin. Das sind nur ein paar der Mashups, die sich Jonas Vogt angesehen hat.

kommt bald

50 Jahre Viennale 034 —— Wie, oh wie nur soll man so einem unglaublichen Festival auf nur zwei Seiten gerecht werden? Gunnar Landsgesell macht es. Leigh Bowery 036 —— Er war eine Sie war ein Er und Sie hat als Kunstfigur im London der 80er das öffentliche Bild von Queerness geprägt. Damals wie heute führt das zu Missverständnissen. Elevate: Liquid Democracy 039 —— Wir wollen mehr Demokratie wagen, dachte sich nach Willy Brandt nun auch das Grazer Elevate-Festival. Wir haben eine Expertin zum Thema interviewt. Vienna Open: Open Organisation 040 —— Georg Russ­ egger über den Themenkomplex Open Organisation, den er im Rahmen des Diskursfestivals Vienna Open betreut. David Schalko 044 —— Mit »Braunschlag« und der »Sendung ohne Namen« rettet er den Bildungsauftrag des ORF. David Schalko ist unsere heimliche dritte Coverstory in diesem Heft. Design: Hybrides Design 046 —— Grenzen zwischen den Disziplinen zu überschreiten ist ein Lieblingssport der Kreativen. Auch Grafikdesigner tun es.


Viennale Die Viennale ist mit Abstand das größte Filmfestival Österreichs. Aber kann sie mit Berlinale, Biennale und Locarno mithalten? Wird sie dem heimischen Film gerecht? Und was macht dieses Festival eigentlich aus? Die Taschen, die Subventionen, das Marketing, die Partys, die Trailer, der Chef – oder am Ende gar die Filme? Gunnar Landsgesell kommentiert ein halbes Jahrhundert Viennale.

034 Rubriken Leitartikel Inhalt Editorial Porträts / Impressum Fondue Unbezahlter Anzeiger Splitter Wortwechsel: Wie viel Vereinfachung verträgt und braucht Diskurs? Workstation: Rene Wallentin Prosa: Andrea Stift Reviews Introducing: Romain Gavras Termine

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Kolumnen Fabula Rasa Zahlen, bitte  Know-Nothing-Gesellschaft 

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kommt bald

Bild der Ausgabe Die Welt hat Banksy viel zu verdanken. Unter anderem, dass jetzt ein paar hundert andere Street Artists die Welt verschönern und das Interesse so gestiegen ist, dass sich in Wien allein zwei Festivals und eine Gallery um Street Art kümmern. Das haben jetzt sogar wir mitbekommen und posten deshalb wöchentlich herausragende Pieces mit Fokus auf Wien und Umgebung (www.mono.at/StreetArtFB). Hier im Bild: Ein kolossaler Blu, der vor zwei Jahren beim Blk River am Alberner Hafen in Wien entstanden ist.


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Doppeljackpot — Was sind wir nicht stolz auf unser Cover. Ein Doppelcover. Rufezeichen. Doppeltes. Dabei war es natürlich ein Unfall, eine verzweifelte Idee, die sich irgendwie in das denkbar Beste verwandelte, das wir uns am Cover vorstellen konnten. Alles begann mit der festen Idee, doch die erste umfassende Story zur Atzgerei machen zu müssen, dann ein Interview, in dem sich die gegenseitigen Erwartungen nicht so ganz trafen. Gleichzeitig hatten wir mit dem NazarInterview schon gar nicht mehr gerechnet, und auch nicht, dass es dann doch zweieinhalb Stunden dauerte. Oder dass tatsächlich niemand sonst in Österreich den Rapper interviewt hatte. Selbst nach Erscheinen des Albums. Da waren also zwei Coverstorys, die beide sehr viel für sich hatten. Und man muss sich doch entscheiden. Man muss sich im Leben immer entscheiden. Außer, man muss sich ausnahmsweise nicht entscheiden. Weil ein anderer einen blöden Scherz macht und jemand im Raum das dann plötzlich gut findet. Atzgerei und Nazar. Haha. Die Atzgerei illustriert Nazar. Haha? Von da weg musste nur noch die Atzgerei die Idee gut und lustig finden und jeder total spontan sein. Damit dann jeder ein außergewöhnliches Cover mitgestaltet hat. Zum Nachmachen empfehlen wir die Prozedur nicht, weil sie an einigen Stellen riskant war. Auch wenn wir uns jetzt natürlich doppelt freuen wie eine Mutter im Kreissaal über Zwillinge.  Stefan Niederwieser niederwieser@thegap.at @the_gap

KontrIBUt

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Sandra adler

Kevin reiterer

The Popular Music Bachelor — »Moment, da stand doch etwas bei Foucault.« Oder war es Simon Reynolds? Drechsler? Diederichsen? Sandra hat ihren Pop studiert. Nämlich so richtig. Dass es Popmusik im deutschen Sprachraum auch als eigenes Studium gibt, wissen wir selbst erst, seit sich Sandra bei uns vorgestellt hat. In Paderborn geht das; nur dort. Sie selbst hat dort mit einer BachelorArbeit zum deutschsprachigen Popjournalismus abgeschlossen. Erstaunlicherweise hat sie noch nicht genug davon und macht bei The Gap seit September ein Praktikum – wo sie jetzt mit viel zu anspruchslosen Aufgaben die mille plateaux des Blätterwalds erkundet. Hier in Wien gefällt ihr unter anderem die alte Bausubstanz, geboren wurde sie nämlich in Regensburg, auch alte Bausubstanz. Sie ist mit 25 Jahren bereits freie Mitarbeiterin bei De:Bug, hat Radiosendungen moderiert und die Reihe »Performing Pop« mitorganisiert. Unerträglich dabei und überhaupt für sie: Pauschalurteile über Frauen und Männer. Also Begriffe wie Frauenfilme, Frauenmusik, Männermagazin. Dass es sie da ausgerechnet zu The Gap verschlägt, freut uns wie Foucault auf Acid. 

Musik als zentrales Lebenselement — Diesen Verdacht hegt man gegenüber jedem MusikSchreiber. Bei Kevin wird man schnell fündig, zieht sich doch die Musik konsequent durch alle Lebensbereiche. Er ist gesuchter Autogrammjäger und Plattensammler – seine Verstrickungen mit der eBay- und PlattenladenMafia werden langsam unübersichtlich. Für The Gap hat er dieses Mal HVOB (Her Voice Over Boys) verhört und auch sonst ist er ein wichtiger Informant aktueller elektronischer Musiktrends oder britischen Indie-Rocks, mit dem er seine Pubertät begann. Sie – die Musik – führte ihn zielstrebig in die Musikindustrie und -presse. »Doppelagent!«, schreit die Pop-Polizei. Immerhin macht er auch Pressearbeit für das Wiener Label JHruza. Aber was kümmert’s Kevin? Der ist längst in einer Nachthöhle untergetaucht. Am Praterstern? Wahrscheinlich. Oder er hat sich ins Ausland abgesetzt. Spanien oder Portugal? Vielleicht. Vorausgesetzt, dort findet gerade ein interessantes Festival statt, denn auch bei seinen Reiseplänen bestimmt die Musik, wo die Musik spielt. Bon Voyage!  text SanDRa aDleR

text STeFan nieDeRwieSeR

ImPreSSUm

herausgeBer Thomas weber cheFredaktioN martin mühl, Stefan niederwieser redaktioN Ranya abd el Shafy, niko acherer, Gregor almassy, michael aniser, matthias Balgavy, claire Benedikt, Josef Berner, Sandra Bernhofer, liliane Blaha, David Bogner, manuel Bovio, ivo Brodnik, Stephan Bruckner, klaus Buchholz, Johannes Busching, ann cotten, lisa Dittlbacher, andreea Dosa, margit emesz, Juliane Fischer, holger Fleischmann, Philipp Forthuber, manuel Fronhofer, Daniel Garcia, lisa Gotthard, manfred Gram, Dominique Gromes, Benedikt Guschlbauer, Jan hestmann, christoph hofer, Sebastian hofer, lukas hoffmann, Peter hoffmann, michael huber, konstantin Jakabb, Reiner kapeller, iris kern, markus keuschnigg, hubert kickinger, michael kirchdorfer, Stefan kluger, michaela knapp, katrin kneissl, markus köhle, christian köllerer, Rainer krispel, michael Bela kurz, Philipp l’heritier, Gunnar landsgesell, enrico R. lackner, artemis linhart, ali mahlodji, David mochida krispel, christiane murer, nuri nurbachsch, michael Ortner, Ritchie Pettauer, Stefan Pichler, Johannes Piller, Stefanie Platzgummer, karolina Podolecka, christian Prenger, Teresa Reiter, werner Reiter, Tobias Riedl, Georg Russegger, Joachim Schätz, Barbara Schellner, Bernhard Schmidt, werner Schröttner, Richard Schwarz, katharina Seidler, wolfgang Smejkal, cornelia Stastny, Gerald c. Stocker, Johanna Stögmüller, Peter Stuiber, asha Taruvinga, martin Tschiderer, hanna Thiele, horst Thiele, Raphaela Valentini, Jonas Vogt, Ursula winterauer, imre withalm, maximilian Zeller, martin Zellhofer, Barbara Zeman praktikuM Sandra adler, Benjamin agostini, martin Riedl, katharina wiesler terMiNe Stefan niederwieser autoreN Georg cracked, michaela knapp, michael lanner, moriz Piffl-Percevic, Stefan Tasch, Jürgen wallner, martin G. wanko FotograFie Florian auer, lukas Beck, Stephan Doleschal, andreas Jakwerth, Georg molterer, ingo Pertramer, karin wasner, michael winkelmann illBilly-illustratioN Jakob kirchmayr coVer Tobias held / atzgerei workstatioN-Fotostrecke Rene wallentin art directioN Sig Ganhoer desigN monopol lektorat wolfgang Smejkal, adalbert Gratzer weB Super-Fi, m-otion aNzeigeN herwig Bauer, Thomas heher, wolfgang hoffer, micky klemsch, David kreytenberg, martin mühl, Thomas weber (leitung) distriButioN martin mühl druck Ferdinand Berger & Söhne Gmbh, Pulverturmgasse 3, 1090 wien geschÄFtsFühruNg Bernhard Schmidt produktioN & MedieNiNhaBeriN monopol Gmbh, Favoritenstraße 4–6/iii, 1040 wien koNtakt The Gap c/o monopol Gmbh, Favoritenstraße 4–6/ iii, 1040 wien; Tel. +43 1 9076766-41; wien@thegap.at, www.thegap.at, www.monopol.at, office@thegap.at BaNkVerBiNduNg monopol Gmbh, easybank, kontonummer 20010710457, BlZ 14200 aBoNNeMeNt 10 ausgaben; inland eUR 15, europa eUR 35, Rest der welt eUR 42; heFtpreis eUR 2,— erscheiNuNgsweise 10 ausgaben pro Jahr; erscheinungsort wien; Verlagspostamt 1040 wien namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die meinung des herausgebers wieder. Für den inhalt von inseraten haftet ausschließlich der inserent. Für unaufgefordert zugesandtes Bild- und Textmaterial wird keine haftung übernommen. Jegliche Reproduktion nur mit schriftlicher Genehmigung der Geschäftsführung.

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Mach’s Dir doch selbst! blind passenger 5 cl Orangensaft 5 cl Kirschsaft 5 cl afri cola Eiswürfel

Eiswürfel in ein Longdrink-Glas einfüllen. Orangensaft und Kirschsaft dazugeben und kurz anrühren. Mit afri cola auffüllen. Mit einer Kirsche und Orange am Glasrand dekorieren.

Viele coole afri drinks zum selber mischen gibt’s auch auf afri.at/drinks


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ND U E

Spähaugen und Schnappschützen aufgepasst: The Gap freut sich immer über bemerkenswerte Momentaufnahmen, optische Querschläger und belichtete Kuriositäten. Einsendungen an fondue@thegap.at

www.hoanzl.at MLE[e] 11 Buildings . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . CD, LP Kann man Indie sein und trotzdem auf Harmonie, eine klare Produktion, druckvolle und abwechslungsreiche Songs stehen? MLE[e] kann, will und muss gehört werden! Denn diese österreichische Band hat etwas zu sagen!

CURBS Colours . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . CD Für die Wiener Band dieses Namens um Sänger Alex Wunderbar, der das neue Album Wunderbar auch selbst produziert und gemischt hat, gibt es auf Colours stilistisch jedoch weit aus weniger Grenzen als auf den vorhergehenden Alben der Band.

KING ELECTRIC King Electric . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . CD, LP

Lediglich die Pfadfinderortsgruppe Wien-Währing hält Ernst Strasser in diesen schweren Tagen noch die Stange.

Man hört ja üble Dinge von öffentlichen Toiletten, aber ob man wirklich so weit gehen muss, sei dahingestellt.

The King Electric self titled debut LP is a sexy, cinematic, future-retro funk-disco affair, with a mildly pensive edge, and a warm, dub-infused psycadelic aura. The record was born over a period of 4 intense years around the globe.

WELLE WIEN Welle Wien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . CD Es geht um taube Wände, stumme Strassen, die Ratten am Kanal und die Musik aus der Disko. Um Protest und Parolen und das, was kommt … Welle Wien entstand im Herbst 2011 als Christian Musser aka Mu (Tanz Baby!, u.v.m.) MusikerInnen und KünstlerInnen einlud.

BRATZE Highlight . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . CD, LP Audiolith präsentiert endlich den dritten Streich des Hamburger Indie-Rave-Electro-Duos als CD im Digipack mit 18-seitigem 4c-Posterbooklet und LP inklusive Download, Postkarte und bedruckter Innenhülle.

DARK DARK DARK Who needs Who . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . CD, LP

Neben Black Metal und Rentieren gilt Fäkalhumor als der Exportschlager Finnlands. Gesehen in Helsinki.

Man erzählt sich, dass Franz Strohsack vor dieser Klotür am Gaisberg zum Euroskeptiker wurde.

Who Needs Who Who, the new album by Dark Dark Dark, is a stirring and rich body of songs that sees the band breaking new ground, and settling into the strengths of a quintet that has worked incredibly hard, both on the road and in their personal lives.

TOO TANGLED Where the echoes die . . . . . . . . . . . . . . . . CD Too Tangled ist ein belgisches TrashRockDuo, bestehend aus Roeland Vandemoortele und seiner Partnerin in crime Eva Buytaert. Ein Tick 80iger trifft TrashRock trifft Electro – irgendwie so kann man den Sound umschreiben.

NADEAH Venus gets even . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . CD Nadéah bekannt als Vokalistin Nadéah, bei Nouvelle Vague. Nadéah bewahrt sich die Energie des Rock und ihren kultivierten und anspruchsvollen Popstil, so dass sich Vergleiche mit Feist und Goldfrapp aufdrängen.

Das mit dem Nichtschwimmerbereich kann auch durchaus zu wörtlich genommen werden …

Klar, dass so mancher Männerhändler die Panik bekommt, wenn das Feuilleton ständig über das Auslaufmodell Mann berichtet.

Jetzt neu im Handel www.hoanzl.at


K

L U MNE

Fabula Rasa N 28

Inserat KuW_Biorama.pdf 1 10.09.2012 15:04:43

Es macht keinen Unterschied. Wenn es einen machen würde, dann wäre es schon verboten. Wenn es nicht verboten wäre, würde Ausnahmezustand herrschen. Wenn es eine Ausnahme wäre, kann es ja nicht die Regel sein. Wenn es nicht die Regel ist, dann gilt es nicht. Wenn es nicht gilt, kann man es nicht in die Betrachtung einbeziehen. Wenn es nicht zu betrachten ist, dann ist alles gleich. Wenn alles gleich ist, macht es keinen Unterschied. Es macht keinen Unterschied.  Die Arbeit eines Klugscheissers ist niemals vorbei. Und es ist auch nicht leicht. Da sitzt etwa einer und sagt »Wie John Lennon schon gesagt hat: Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.« Dann muss man antworten: »Du Fischkopf, vermaledeiter, das Zitat ist von Bertolt Brecht, stammt aus Mutter Courage und es lautet im Gesamtzusammenhang: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin, dann kommt der Krieg zu dir! Und was jetzt? Nochmal hinten anstellen?« Einfach nur auf die Frage: Mit wieviel »t« schreibt man Bertolt Brecht? zu antworten: mit drei! ist zu wenig. Das ist Grundschule-Klugscheißer-Niveau für altkluge dreizehnjährige Mädchen. Man muss schon was parat haben (wie immer im Leben geht es um Leistung), z.B. »Bei Ludwig Wittgensteins Satz ›Alles was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden‹ geht es mitnichten um Schreibstil, du Torfnase!« Und zum Abschluss noch ein letzer, wenn wieder einmal einer sagt: Lasst uns den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Dann gleich aufstehen und rufen: Das gibt es nicht! Es gibt nur das kleinste gemeinsame Vielfache oder den größten gemeinsamen Nenner! Das weiß sogar meine Nichte und die ist in der Unterstufe! Lern mal Bruchrechnen! Kein Wunder, dass es mit allem bergab geht!   »Imagine there’s no heaven, it’s easy if you try.« (John Lennon)   Die ganz hohe Schule des Klugscheißens ist allerdings, etwas besser zu wissen und dann gleich eine ordentliche Lektion Wissen für die Masse dranzuhängen. Wenn z.B. schon wieder jemand, wie es ja dauernd vorkommt, Klone und Cyborgs verwechselt, dann sofort das Thema auf Arbeitserleichterung bringen und sagen: Schwierig ist vor allem die Entscheidung Cyborg oder Klon? Cyborg ist kostentechnisch günstiger und leichter umzusetzen, aber wenn es dann ans Klonen geht, sind die Kosten um die ganzen Ersatzteile und den Techno-Schnickschnack teurer. Also langfristig gesehen rentiert sich Klonen. Ich bin dafür! Wichtig: Dann eine Pause machen, kurz abwarten und dann nachschießen: Und für Doping bin ich auch. Und die Party kann beginnen. Sie wird allerdings einsam sein. Aber der Job eines Klugscheißers ist eben auch kein leichter. Sag ich doch! 


UNBEZ

H L TER AN Z E I G ER

Es gibt Dinge da draußen, die sind so gut, die sind Segnungen für die Menschheit, echte Hits der Warenwelt, für die machen wir freiwillig Werbung.

Hypnose-DVD »Sex Appeal«

Shoqbox Lautsprecher von Philips

Tooth Hero

Zielgruppe: XY-Chromosomträger, die ihre Ausstrahlung auf XX verstärken wollen. Eindeutige Stoßrichtung: mehr XXX. Angeregt werden soll das durch Hypnose-Sessions, die mit positiven Botschaften Körper und Selbstwertgefühl stimulieren. »Ungefährlich, aber wirkungsvoll«, verspricht der Hersteller. Kann einem die 30 Euro schon wert sein. Oder doch besser bei Humboldt in den »Masterkurs Charisma« einsteigen?  www.effektivesdating.de

Für all jene, die eine gepflegte Wirtshausprügelei mit dem passenden Soundtrack unterlegen wollen, bietet Philips nun das richtige Produkt: Die »ShoqBox« ist ein portabler Blue­ tooth-Lautsprecher. Schockresistent und, für den Fall dass Bierkrüge fliegen sollten, spritzwasserfest obendrein. Die »ShoqBox« kann zur Not auch gewaltfrei genutzt werden. Ganz besonders mutige Draufgänger stellen sie einfach auf den Schreibtisch.  www.philips.at

Nein, »Tooth-Hero« ist nicht die Maultrommel-Variante von »Guitar-Hero«, sondern ein Mundhygieneset für Kinder. Und Kinder mögen ausgefuchste Hi-Tech-Gadgets. Deswegen bietet das Teil PH-Meter, Ultrasonic Brush, und einen Ultrasoud Transducer. Keine Ahnung, was die machen, aber laut Website machen diese Kinder zu Helden im realen Leben. Sind Zahnbürsten für den kollektiven Mangel an Selbstwertgefühl unserer Generation verantwortlich?  www.jamesdysonaward.com


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christoph Jarmer (Garish, esteban’s)

TOP 10

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let’s Dance – David Bowie Stuck in The middle with You – Stealer’s wheel hound Dog – elvis Presley Sexy m.F. - Prince Faith – George michael Break On Through (To The Other Side) – The Doors Start me Up – The Rolling Stones come Together – The Beatles wipeout – The Surfaris The First, The last, my everything – Barry white

subotron pro games: Bongfish

TOP 5

Bongfish stellen am 18. Oktober bei Subotron Pro Games ihr Spiel »Avatar Motocross Madness« vor. Das Grazer Studio wurde nach dem Erfolg von »Harms Way« mit der Wiederbelegung des legendären Spiels beauftragt.

DinGe, aUF Die man/ich GUT VeRZichTen kann:

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Blockflöten karina Sarkissova Tofu, und auch Pute natur (gut durchgebraten) nichtraucher-lokale eine Gelse im Schlafzimmer

aUch nichT SchlechT: Tagwache um 6 Uhr morgens.

katharina wiesler (DJ, Praktikantin The Gap / Biorama)

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Oscar wilde Simone de Beauvoir han Solo andy warhol kurt cobain Syd Barrett lucrezia Borgia Sappho Sid Vicious louise Bourgeois

TOP 5

SOnGS miT Dem wORT „SUmmeR“ im TiTel

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Summer holiday – wild nothing Sketch For Summer – Durutti column indian Summer – Beat happening Bummer in The Summer – love wait For The Summer – Yeasayer

aUch nichT SchlechT: Brown Sauce

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iNterView maRTin mühl Bild BOnGFiSh / micROSOFT GameS

PeRSOnen, miT Denen ich GeRn ZU aBenD GeGeSSen hÄTTe

Wie waren eure Erfahrungen, als kleines Entwicklerstudio mit Microsoft zu arbeiten? michael putz: Entgegen vieler Vorurteile speziell aus der IndieEcke ist die Zusammenarbeit mit Microsoft Studios meistens außergewöhnlich gut. Natürlich bewegt sich ein Riese wie Microsoft manchmal viel langsamer, als man selber gerne hätte, doch auf der anderen Seite bietet sich ein Zugang zu einzigartigen Ressourcen. Das betrifft Usability Research, umfassende QA-Tests oder einfach nur Unterstützung bei alltäglichen Problemen wie zum Beispiel. Bei Design-Fragen. Wenn man es richtig angeht, bekommt man relativ schnell die Möglichkeit zur direkten Zusammenarbeit mit Weltklasse-Talenten aus den Reihen der Microsoft Studios. Für uns ist diese Art der Kooperation ideal, auch wenn man dabei öfters über sein eigenes Ego springen muss. Wir wollen jedoch einfach nur großartige Videogames entwickeln und dieses gemeinsame Ziel zählt. Rückblickend, was gab für Microsoft neben euren Produkten den Ausschlag für die Zusammenarbeit? Soft Skills? Ich denke, wir haben mit »Stoked« und »Harms Way« gezeigt, dass unser Team zu ordentlichen Leistungen fähig ist. Als kleines innovatives Team mit starker eigener Technik – der SOMA Game Engine – sind wir sehr flexibel und können neue Ideen relativ schnell ausprobieren und umsetzen. Insbesondere aber zählt der absolute Wille zu erstklassiger Qualität, auch wenn das manchmal Probleme bei einem fixen Budget mit variablen Zeitplan bedeutet. Welche Rolle spielten euer Image und euer privates Interesse am (Fun-)Sport? Wie schon erwähnt haben wir von Anfang an versucht, uns relativ eindeutig zu positionieren, das private Interesse an Sportarten wie Snowboarden war dabei sicher hilfreich. Andererseits muss man nicht alles selber ausprobiert haben, um daraus ein Videogame zu entwickeln. (Anm.: Bei »Freestyle Motocross« wäre das auch nicht unbedingt ratsam!). Was zählt ist eher die Fähigkeit, bei einer Sportart das Wesen und den Kern zu verstehen, die essentiellen Dinge zu extrahieren und dann zu versuchen, das alles in ein Videogame umzusetzen. Könnt ihr schon irgendwas über kommende Projekte verraten? Vor ein paar Wochen wurde auf der PAX Prime erstmals unser neuestes Game vorgestellt. Diesmal gemeinsam mit Red Bull und Microsoft, es geht um die Umsetzung der Sportart Crashed Ice (Anm.: eine Mischung aus Eislaufen, Downhill und Boardercross) für Kinect. Das Projekt wird mit einer sehr aufwendigen und einzigartigen Promotion unterstützt, die uns als Studio hoffentlich viel mehr bekannt macht, viel mehr können wir aber im Moment dazu noch nicht sagen.  subotron.com/veranstaltungen/pro-games www.bongfish.com


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Ausstellung 2012 18. Okt – 10. nr:Ov r 8–19 uhr, sa: 8–18 uh Öffnungszeiten: Mo–F g und FH vorarlberg designforum vorarlber

vernissAge Mit F AnsprAcHe vOnnecBu2rri cybu richli und Fabien

18. Okt, 18:00 uHerrg rlb im designforum vora (cAMpus Dornbirn)

twenty.twenty #11: »user interface 2020«

text weRneR ReiTeR Bild FlORian aUeR

Am 20. September luden The Gap und A1 zu einem Diskussionsabend zum Thema »User Interface«. Die Keynote hielt Reactable-Erfinder Martin Kaltenbrunner. Es ging um die Frage, wie die Interaktion zwischen Mensch und Maschine in Zukunft aussehen wird. Martin Kaltenbrunner stellte in seinem Eröffnungsstatement den Reactable vor: ein elektronisches Musikinstrument in Form eines Tisches, das mit physischen Objekten bedient wird. »Mit einer Tastatur kann man nicht rocken«, das war die Überlegung, die Kaltenbrunner, Professor am Interface Culture Lab der Kunstuniversität Linz, zur Entwicklung des Reactable führte. In der anschließenden Diskussion wurde eine große Bandbreite von Bedienkonzepten angesprochen, von Sprache über Gesten bis hin zu implantierten Microchips. Auch wenn im Zusammenhang mit User Interfaces immer wieder von »intuitiver« Bedienung gesprochen wird: Die Bedienung muss immer erlernt werden. Für Michael Bechinie, Senior Consultant bei USECON – The Usability Consultants, besteht die Aufgabe bei der Schaffung einer guten User Experience darin, möglichst auf das zurückzugreifen, was Menschen in anderen Kontexten bereits erlernt haben und die User Interfaces auf die jeweiligen Anwendungsfälle hin zu optimieren. Das Schreiben von Texten braucht andere Bedienkonzepte wie etwa das Blättern in Fotoalben. Für Stefan Sennebogen, Geschäftsbereichsleiter von Windows bei Microsoft Österreich, steht im Vordergrund, möglichst unterschiedliche Wege zur Erreichung eines gewünschten Ergebnisses anzubieten. Die Anwender sollen die Wahl zwischen Touchscreen, Tastatur, Sprach- oder Gestensteuerung haben. Daniela Krautsack, Expertin für User Experience und Ambient Media und Gründerin von »Cows in Jackets«, sieht die 360°-Verwendung von intelligenter Technologie in den drei Lebensräumen des Menschen (home, work, leisure) sowie im urbanen Raum durchaus positiv. Trotzdem würde sie Stadtplanern zu »kommunikationsfreie Zonen« raten, in die sich die Bürger und Besucher unserer Städte zurückziehen können.  Das nächste twenty.twenty findet am 19. November im Wiener HUB zum Thema »Gamification« statt.

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azealia Banks – Us amanda Blank – a love Song carrie wilds – wild is The wind Tlc – Sumthin’ wicked This way comes ciara – Basic instinct (You Got me) m.i.a. – Bad Girls John legend / Teyana Taylor – Bliss cassie – long way 2 Go Pharrell – can i have it like That kid Sister – Pro nails

TOP 5

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nürnberger Rostbratwurst waldviertler weißwurst leberwurst Rohwurst (Salami)

aUch nichT SchlechT: Rap ist gegen Fettes Brot (kool Savas)

www.thegap.at/gewinnen looper � police Rian Johnson, Regisseur von »Brick« und einiger »Breaking Bad«-Folgen, bietet mit »Looper« vertrackte Science-Fiction, in der ein Killer (Joseph Gordon-Levitt) in die Zukunft reist, um sein eigenes Ich zu töten. Wir verlosen 1 Paket bestehend aus 1 Kinoplakat, 2 Tickets und einem Police-Dogtag.

the walking dead season 2 13 neue Folgen bietet die großartigste Zombie-Serie seit eigentlich immer in der zweiten Staffel. Die Bedrohung von außen bleibt unerbittlich groß während sich auch die internen Konflikte zwischen Rick und Shane weiter zuspitzen. Wir verlosen 3 blutige Fanpakate bestehend aus Blu-ray-Box, Kunstblut und Zombie-Make-Up.

yorkshire killer

nathalie halgand (Galeristin, inoperable Galerie)

TOP 10

In drei Folgen – »1974«, »1980« und »1983« – wirft »Yorkshire Killer« den Zuseher in eine Welt der Korruption und Paranoia. Ein Journalist, ein Polizist und ein Anwalt begeben sich auf die Suche nach der Wahrheit und begegnen verschwundenen Schulmädchen, einem verdorbenen Polizeiapparat und in erster Linie Gewalt. Wir verlosen 2 Pakete bestehend aus Buch und DVD-Box.

RaTGeBeR

FiFa 13

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Es muss schon wieder September sein, denn ein neues »FIFA« steht beim Händler. »FIFA 13« hat sich vor allem dem Gameplay angenommen und dieses realistischer gestaltet. Dies betrifft mit »First Ball Touch Control« vor allem eine nun unvorhersehbarere Ballphysik und die AI. Wir verlosen je 1 Exemplar für PS3, Xbox 360 und PC.

Die leber wächst mit ihren aufgaben nie mehr Blähungen! Der Schneckenflüsterer wunderbare wechseljahre kinderkacke: Das ehrliche elternbuch Polizei für anfänger Scheidungsrecht für anfänger Schweinefleisch und Gesundheit manipulationstechniken – Best Of edition männer, eine Spezies wird besichtigt

TOP 5

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aUch nichT SchlechT: Das zukünftige Restaurant von Stefanie herkner und das zukünftige modelabel von arthur arbesser!

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dexter season 5 Das Ende von Staffel 4 war hart und traurig. Staffel 5 setzt genau dort an. Gleichzeitig gilt es eine neue Mord-Serie aufzuklären und auch Dexters Geheimnisse könnten bald auffliegen. Wir verlosen 2 DVD-Boxen.

Mut zur schönheit Tarek Leitner mal höchst subjektiv. Der ORF-Anchorman hinterfragt in seinem Buch »Mut zur Schönheit« die Angewohnheit, dass Notwendiges wie Tankstellen, FastFood-Restaurants oder Leuchttafeln sich so unverfroren ins Bild rücken. Eine »Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs«. Wir verlosen 3 Exemplare.

Braunschlag Blu-ray Marienerscheinung im Waldviertel? Wir verlosen 3 Exemplare der Serie auf Blu-ray für all jene, die die Wampen und Palfrader und Ofczarek in HD genießen wollen.


SOAP&SKIN (with Ensemble)

SUBOTRON/WKW pro games Veranstaltungsreihe zur Praxis von digitalen Spielen im MuseumsQuartier / quartier21 / Raum D, 1070 Wien subotron.com/veranstaltungen/pro-games/

Radian meets Howe Gelb Brandt Brauer Frick Ensemble

Do. 04.10.12 pro games global

Crowd-Funding: Finanzierungsalternative oder Marketingtool? Denis Bartelt Gründer Startnext Anna Theil Kuratorin co:funding Konferenz Ido Yehieli tametick Michael Paeck Cliffhanger Productions Katharina Norden Three Coins Martin Langhammer Cyber Arena

Vladislav Delay Carla Kihlstedt & Matthias Bossi Denseland

Do. 18.10.12 pro games local

Projektanalyse österreichischer Games: Bongfish GmbH – Avatar Motocross Madness

Mo. 29.10.12 pro games gobal x Pioneers-Festival Insert coin! Live-Pitching österreichischer Game-Startups

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Do. 15.11.12 pro games local

Märkte der Games-Industrie: Social / Browser Alex Seifert pro3games Wolfie Christl Data Dealer Peter Purgathofer yourturn.fm

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22. – 24. November 2012 FORWARD MUSIC FESTIVAL

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Kolumne: Zahlen, bitte! von Thomas Edlinger

111 Gründe, Rainald Goetz gut zu finden und die als »111-Gründe«-getarnten abfalleimer für alle eher nicht. Plus 33 Bonusgründe.

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or Kurzem habe ich Rainald Goetz in einem Youtube-Video gesehen, wie er wie besoffen vom Glück des deutschen Feuilletonismus strahlte. Für ihn, meinte Goetz heiter wie selten, gäbe es überhaupt nichts Erhebenderes als das Eintauchen in den Mahlstrom der großformatigen Zeitungen, der unablässig Deutungen produziert, Zusammenhänge stiftet und also Welt herstellt. Interessant erschien mir auch die Begründung, die Goetz für seine Obsession mit Leitartikeln und Leitkulturen anführte. Es ginge ihm, der ja schon immer für mehr Reizüberflutung und mehr Pop war, um einen Exorzismus des Narzissmus, um den Zustand weitgehender Selbstvergessenheit anstatt einer platten Selbstverwirklichung. Das Ich sei nämlich nicht immer eine Lust, sondern oft eine Last, die abzuschütteln eine lohnende Anstrengung sei. Das Belauern von Bundestagsdebatten, Politikergesten und FAZ-Empfängen und die Bespitzelung des Treibens auf der Frankfurter Buchmesse etwa waren bei Goetz dann schon im letzten Buch »Loslabern« Resultate seiner fix eingeplanten Arbeitsurlaube vom Ich, das ansonsten im stillen Kämmerlein Gefahr lief, zuviel am »Abfall für alle« zu feilen. Das Getriebe des Feuilletons sei für ihn das Antidot zur Egomanie des Tagebuchs, der Goetz ja selbst ab und zu verfallen droht, wenn er eben nicht gerade liest und recherchiert – zum Beispiel für seine aktuelle, mit kaum prächtiger Verachtung für seinen Forschungsgegenstand versehenen Anatomiestudie des Wirtschaftslebens »Johann Holtrop«. Besonders toll findet Goetz in den Medien das, was so viele habituelle Millionenshow-Wegzapper nervt: die Wiederholung, das Drama des ewig fast Gleichen. Oder, allgemeiner gesprochen: das Serielle. Jeden Tag ein neuer Ziegel, eine neue Seite, neue Bilder, und alles doch im vertrauten Format. Diese Serie hat – im Gegensatz zu den 86 Stunden mit den »Sopranos« oder den monatelangen Sitzungen im Bann von »The Wire« – wirklich nie ein Ende, alles muss täglich neu abgewogen werden. Gleichwohl hat

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diese von Goetz geliebte Einübung in die Routine, das Unvertraute, Neue der Welt zu fassen, nichts zu tun mit den oft den letzten Nerv ziehenden Routinen des Alltags. In Johann »Holtrop« heißt es im Hinblick auf die dahingebrabbelten Bürogespräche am Kaffeautomaten: »Im richtigen Moment konnte die deprimierende Abgedroschenheit des auf diese Art Dahergeredeten deshalb Wohlbefinden, ein Gefühl von Gerfahrlosigkeit, Vertrautem und Vertrauen in gesellschaftliches Gehaltensein hervorrufen, im falschen Moment Abscheu, Ekel, Hass auf die Demenz der Normalität.«

111 Gründe, ZU ZaPPen Neulich fiel mir ein Verlagsprospekt in die Hände, der sich auch dem heiteren Gesetz der Serie verpflichtet fühlt und damit offenbar recht gute Geschäfte macht. Der Verlag ist auf leichte, erotisch eingefärbte Kost für junge Frauen spezialisiert. Seine Reihen heißen Girltalk, Lust und Liebe oder Anais. In diesen Reihen gibt es wiederum jede Menge Bücher, die sich an dem Titel dieser Kolumne Zahlen, bitte orientieren. Sie heißen zum Beispiel: 111 Gründe, eine beste Freundin zu haben, 111 Gründe, Single zu sein, 111 Gründe, SM zu lieben, 111 Gründe, Hunde zu lieben oder 33 Männer in 33 Tagen oder Meine 33 Online-Dates oder 33 wahre Geschichten über Wohnkonzepte, oder, als Crossover-Titel, 111 Gründe, Heavy Metal zu lieben plus 33 Bonusgründe oder 111 Gründe, Katzen zu lieben plus 33 zusätzlichen Gründen. Das Prinzip der Aufzählung findet sich auch in vielen neuen TV-Formaten, die so heißen, wie sie aussehen: von den besten Hits der 70er Jahre über die größten Hollywoodskandale, bis, schön selbtreferentiell, zu den größten TV-Skandalen aller Zeiten. Glaubt man den Kaffeesudlesereien der Fernsehprofis, dann sind diese TV-Serien auch deshalb im kulturindustriell hysterisierten Countdown-Modus angelegt, weil man dadurch jederzeit einsteigen kann. Man versäumt ja nicht wirklich etwas beim Zappen oder aufs Klo gehen, wenn man Platz 9 versäumt, und man versteht auch danach alles. Nun könnte man aber zurückfragen: Wenn man immer aussteigen kann in der Hitparade der sexiesten Blondinnen aller Zeiten oder bei Grund

79 bis 81, Heavy Metal zu lieben, wozu sollte man dann eigentlich überhaupt erst einmal einschalten oder reinlesen? Denn dafür fallen einem leider weder 111 noch 33 Gründe ein.

33 Gründe Für 111 Gründe Auffällig ist, dass solche Bücher nicht als klassische Ratgeberliteratur in dem Sinn verstehbar sind, dass sie Entscheidungsfindungen in schwierigen Lebenssituationen zu erleichtern vorgeben. Dafür sind sie schlicht zu affirmativ. Man macht sich nicht einmal die Mühe, der Katzenliebhaberin, der SM-Freundin und der Freundin der Idee einer besten Freudin ein dann eh auseinandergepflücktes Scheingegenargument an den Kopf zu werfen, sondern führt, halbironisch gebrochen durch die Vorgabe der Anzahl der Gründe, bloß in vielen Variationen vor Augen, warum es bitte schon ok ist, Tier-, SM- oder beste Freundin-Fan zu sein. Das ist nun zwar für das Publikum nicht gerade neu. Aber wenn es ok ist, dann ist auch die Leserin oder der Leser ok. Feeling good is being good. Bei Goetz hingegen ist es genau andersrum. Wenn er sich an Guttenberg oder Merkel oder Schirrmacher abarbeitet, will er sich nicht bestärkt fühlen. Sondern er will etwas rauskriegen, was weder 111 noch 33 Gründe hat, sondern sich nur als Text darstellen lässt. Und was die versprochenen 111 Gründe für Goetz betrifft: Die anderen 110 sind seine Stimme und 109 seiner akkurat sitzenden Haare. Die Qual der Zahl – 9 wie »Revolution Nr. 9« oder 99 wie in »99 Luftballons«? Schreibt uns eure Vorschläge, um welche Zahl zwischen 0 und unendlich es nächstes Mal gehen soll. zahlenbitte@thegap.at

Thomas Edlinger Journalist und Kurator


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Wer gehört hier zur Atzgerei? Antwort: Das weiß nicht einmal die Atzgerei so ganz genau. Für die Gruppenausstellung mit Weltuntergangsflair im Wiener Gschwandter arbeiten Künstler und Kreative quer über alle Disziplinen und Häuserlgrenzen zusammen. 018


atzgerei — Kollektives

stilBruch iM kollektiV Es gibt kaum etwas, das die Atzgerei nicht macht. Die Mitglieder illustrieren, designen, filmen, animieren und machen Poster von Sonic Youth oder Nazar. Ein einheitliches ästhetisches Konzept steckt ebenso wenig dahinter wie eine feste

Grenzen überschreiten und Teamwork schreiben sich in der Kunst und im Design viele auf die Fahnen. Oft bleiben es aber einfache Lippenbekenntnisse. Wenn man es tut, dann bitte konsequent. Wie die Atzgerei. Das Wiener Kollektiv hat in den vergangenen Jahren oft genug für Staunen gesorgt. Es greift auf ein Arsenal an Ausdrucksformen zurück, die man aus der Subkultur kennt: Comic, Street Art, Trash und Do-it-Yourself ergeben einen subversiven Mix, der sowohl bei Auftragsarbeiten als auch bei freien Kunstprojekten ausgelebt wird – mal mehr, mal weniger intensiv. Damit sticht die Atzgerei heraus, erntet Beifall wie Kopfschütteln, wird bewundert, aber auch skeptisch beäugt. In der Musikszene wurden die Künstler mit limitierten Konzertplakaten für Bands wie Sonic Youth, Melvins, Deichkind oder Xiu Xiu bekannt, die anfangs einfach persönlich kontaktiert wurden. Man muss sich eben nur trauen. Damit eroberte sich die Atzgerei einen Bereich, der zwar in den USA durchaus üblich ist, hierzulande aber Neuland war. Versteht sich von selbst, dass man sich nur an solche Bands wandte, die man auch selber gerne höre. Der erste und wichtigste Schritt in Richtung Professionalität war der Auftrag, eine visuelle Sprache für das Brut im Wiener Künstlerhaus zu entwickeln. »Die hatten damals zwei neue junge Chefs, die gerade nach Wien gekommen waren und sich für alles offen gezeigt haben«, so Michael Tripolt, ein Gründungsmitglied der Atzgerei. »Wenn dein Plakat plötzlich in der ganzen Stadt hängt, schafft das natürlich eine ungeheure Aufmerksamkeit.« Das bildete die Grundlage für neue Aufträge. Wie jenem vom Donaufestival, dessen Flyer und Plakate die Atzgerei vergangenes Jahr einem Redesign unterzog. Gegründet wurde das Kollektiv 2005 von Michael Hacker, Tobias Held, Franz Nikolaus Scheichenost, Christopher Sturmer und Michael Tripolt. Ein Großteil von ihnen studierte Grafik und Werbung an der 019

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Struktur. Was also ist die Atzgerei?


Angewandten und genoß die Möglichkeit, sich in den diversen Werkstätten auszutoben. Die Gründungsmitglieder verbanden vor allem zwei Dinge: Das Unbehagen, die künstlerische Freiheit des Studiums aufzugeben und die Liebe zum Siebdruck. Man fand ein Atelier in Atzgersdorf (im 23. Bezirk in Wien), das auch als Namensgeber fungierte. Seit 2005 hat sich manches geändert – der Kern ist aber der gleiche geblieben. Heute teilen sie sich mit anderen Kreativen zu neunt eine ehemalige Tischlerei in Ottakring, in der es nach Farbe riecht und in der man Apple-Laptops ebenso sieht wie eine bunt bemalte Waschmaschine. Wie viele Personen nun definitiv zur Atzgerei zählen, ist nicht ganz so klar und im Grunde auch egal. Kurt Prinz, Fotograf: »Ich arbeite gemeinsam mit Christopher Sturmer, der als Maler Autodidakt ist, im Künstlerkollektiv Stirn Prumzer, zähle mich aber selbst mittlerweile auch zur Atzgerei.«

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Die freie Vernetzung mit anderen Künstlern und Kreativen aus allen Bereichen – von Musik bis egal was – ist eines der zentralen Wesensmerkmale der Atzgerei. Berührungsängste gibt es nicht, aber auch keine gegenseitige Verpflichtung, Projekte immer zwingend gemeinsam durchzuziehen. Auch formal ist die Atzgerei kein Verein oder Firma, sondern jeder arbeitet als Einzelunternehmer. Ohne jeweils eigenes finanzielles Standbein würde das ganze vermutlich nicht funktionieren. Ob ein Auftrag in der Gruppe (und in welcher jeweiligen Zusammensetzung!) durchgeführt werde, ergebe sich so oder so. Dadurch entstehe ein beständiger Austausch zwischen der Gruppe und ihren Mitgliedern – in beide Richtungen. Ja, die Atzgerei sei eigentlich hauptsächlich eine Marke, und das, »obwohl wir das ganze

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Mit ihrem subversiven Anti-Stil läuft die Atzgerei freilich Gefahr, den Stempel des stets Alternativen aufgedrückt zu bekommen und womöglich in einigen Jahren als »Berufsjugendliche« zu gelten. Dagegen wehrt man sich selbstbewusst: »Auch Trashiges muss professionell gemacht werden. Oder wer glaubt ernsthaft, dass uns jemand ein Kampagnenbudget anvertrauen würde, nur weil wir so coole Jungs sind?« In solchen Fällen verweist man gerne auf potente Kunden wie Red Bull, die die Atzgerei schon mal mit dem kompletten Branding beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel beauftragt hat. Einen Widerspruch zwischen freien Arbeiten und kommerziellen Aufträgen sieht das Kollektiv nicht: »Jede kommerzielle Problemstellung ist eine Herausforderung, die absolut Spaß macht. Das Gute ist ja, dass die Kunden zu uns kommen, weil sie etwas Bestimmtes wollen, und nicht umgekehrt«, so Tripolt. Und Kurt Prinz ergänzt: »Was heißt schon alternativ oder trashig? Was früher trashig war, ist heute Mainstream. Wer sagt, dass das nicht auch bei ›unserem‹ Stil der Fall sein wird?« Ein Ablaufdatum der Atzgerei sei daher ebenso wenig abzusehen wie eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung –Kommerz oder Kunst. Mit dem Geldverdienen für große Namen spielt sich die Atzgerei jedenfalls wieder ein Stück frei für Projekte wie »Blut und Loden«, einem satirischen Low-Budget-Anti-Heimatfilm, der in den Kärntner Bergen spielt und kein Klischee auslässt: Da fließt Herzblut hinein, das sieht man bei jeder Szene. Ob die Arbeit im Kollektiv nicht auch seine negativen Seiten habe? Zweifelsohne gebe es Reibungsverluste, so Tripolt. »Man könnte vieles alleine schneller machen, Organisatorisches zum Beispiel. Die Kommunikation ist nicht immer einfach. Aber dafür trifft die eine Idee auf die andere, es wird auch viel gestritten, aber am Ende ist jeder fähig, runterzusteigen und sich auf den anderen einzulassen. Das ist schon eine ungeheure Bereicherung.« Die Atzgerei nimmt nicht für sich in Anspruch, in Österreich einzigartig zu sein. »Wir waren nicht die ersten und werden nicht die Studium lang gekämpft haben, keinen Markenkern haben zu müssen, letzten sein. Wir haben auch keine Vormachtstellung«, so Kurt Prinz. wozu uns unsere Professoren an der Angewandten immer gedrängt „»Es gibt jüngere, aber auch ältere, die ähnlich arbeiten, zum Beispiel haben«, so Tripolt, der es als gelernter Werbegrafiker wissen muss. das Designkollektiv Zwupp in Graz. Wir haben eine aktive, gute Szene Nur wofür die Marke Atzgerei denn stehe, das können oder wollen in Österreich.« Die Arbeit in der Menschentraube sehen die Atzgereidie Beteiligten nicht sagen. Antiästhetik? Trash? Hemdsärmeligkeit? Kreativen jedenfalls als Zukunftsmodell, allein schon deshalb, weil Punk-Attitude? Angeblich alles eher Halbwahrheiten. Auch gegen die die technischen Mittel – von Grafik über Musik bis Film – heute für Unterstellung, das Kollektiv würde ein gemeinsamer ästhetischer jeden verfügbar seien und dem Kollektiv alle Möglichkeiten zur VerEntwurf vereinen, wehrt man sich vehement. »Ein ästhetisches Kon- fügung stünden. Diese Revolution sei nicht aufzuhalten, selbst wenn zept verbindet unsere Arbeiten sicher nicht«, stellt Tripolt klar. Am es erst seit ein paar Jahren interdisziplinäre Klassen an den Kunstuniehesten noch die Leidenschaft für Analoges. »Es ist sympathisch und versitäten gebe. Im Klartext heißt das aber auch: Wenn das Kollektiv angenehm, ohne Computer zu arbeiten.« Das fällt natürlich besonders zum Modell und der einzelne Kreative zum eigenverantwortlichen in einer Zeit auf, in der die slicke Ästhetik allgegenwärtig ist. Einen Mitspieler wird, dann sind die Arbeitswelten von früher endgültig weiteren Vorteil der interdisziplinären Herangehensweise nennt Tri- Geschichte. Die vielfach prophezeite Welt der vernetzten Freelancer polt auch noch: »Nach dem Studium kannst du dich in eine Agentur wird Realität. Das scheint die Jungs von der Atzgerei nicht zu stören. setzen und als Grafiker oder Texter oder sonst was arbeiten. Ich wollte Man kann sich eh nur schwer vorstellen, wie sie als Grafiker oder Texaber diese Spezialisierung gar nicht, sondern ich wollte Verschiedenes ter nine-to-five in einer Agentur arbeiten und an ihre Pension denken. machen und eine Werkstatt haben.« Da bleiben sie lieber Handarbeiter. 020


links :

Die Atzgerei hat die komplette Grafik des Performancetheaters Brut gestaltet sowie die des Donaufestivals 2011, also zwei Hochburgen avancierter Gegenkultur. rechts: Mit Skateboards in den Weltuntergang. So sieht Armageddon auf der Kehrseite der wichtigsten Bretter der Welt aus. Michael Hacker hat acht Illustrationen für Yama Skateboards gezeichnet.

Apokalyptisch ausstellen Ein ehemaliger Amüsierbetrieb in Wien-Hernals beherbergt im Oktober eine Gruppenausstellung zum Thema Weltuntergang. Dass die Aktion nicht in gepflegte Langeweile abgeleitet, liegt an der Kuration, dem trashigen Zugang und natürlich der Atzgerei. Jaja, am 21. Dezember geht die Welt unter. Roland Emmerich und Lars von Trier haben deshalb Filme gedreht, Red Bull liefert mit einem Magazin die Energie für den Untergang, Verschwörungstheoretiker glauben tatsächlich daran und Maya-Forscher sind froh, mal in der Presse vorzukommen. Eine der positiven Nebenerscheinungen der angekündigten Apokalypse findet bereits jetzt im Etablissement Gschwandner statt. Das legendäre Haus in Wien-Hernals hat seit seiner Gründung im Jahr 1880 bis zu seiner Stilllegung 1960 manch denkwürdige Veranstaltung beherbergt. Vom 19. bis 28. Oktober dient es als Heimstätte von »Die letzte Weltausstellung / Arche 2012«, einer »künstlerischen Leistungsschau mit Endzeitstimmung«, wie es die Initiatoren selbst nennen. »Die Ausstellung umkreist den Hype um das Weltuntergangsdatum 21. Dezember«, erklärt Michael Tripolt vom Kunst- und Designkollektiv Atzgerei, um gleich danach eines entschieden festzustellen: Die Arche 2012 ist keinesfalls eine Atzgerei-Ausstellung, auch wenn sie viel Wind darum macht und die Mitglieder letztlich alle daran teilnehmen. »Die Ausstellung funktioniert eher als Atzgerei plus Gastbeiträge.«

Punk und Psychologie Insgesamt sind es 14 Künstler aus den Bereichen Bildende, Darstellende und Angewandte Kunst und Design, die sich zu der Gruppenausstellung zusammenfinden. Einige Namen wie Fuckhead oder Stirn Prumzer kennt man. »Viele Teilnehmer kommen aus dem losen Netzwerk um die Atzgerei, aber manche haben wir auch einfach angesprochen, weil uns ihre Arbeit gefallen hat«, erklärt Stefan Kreuzer, ein Künstler, der die Ausstellung mitorganisiert. Wie Helga Petrau Heinzel, die Skulpturen aus Marzipan macht. Die Initiatoren schreiben sich Interdisziplinarität auf die Fahnen. Wie eigentlich jeder heutzutage, nur meint es die Ausstellung hier wirklich ernst. »Es gibt einen relativ großen Musikschwerpunkt, dazu Filme, die teilweise im Kollektiv entstanden sind, Literaturlesungen, aber auch eine Modeschau.« Und abends immer wieder nette Programmpunkte wie Silent Disco oder ein Punk-Karaoke. Im Zentrum steht der Umgang mit dem Weltuntergang als psychologisches Phänomen. Doch nicht nur das hält die Beiträge zusammen: »Wichtig war uns der Do-It-Yourself-Gedanke. Das kommt in der gesamten Ausstellung und in jedem Beitrag durch«, erklärt Tripolt. Insgesamt steckt deshalb auch mehr Arbeit als Geld in der Ausstellung. Beim Rest helfen Partner wie das bereits erwähnte »Wir-haben-echt-viel-Kohle-für-Infografiken-2012«-Magazin aus dem Red Bull Media House. In der 1.500 m2 großen Fläche steckt viel von der charmanten »Probieren wir es halt mal«-Attitüde, welche die Atzgerei und ihr Umfeld auszeichnet. Bleibt nur zu hoffen, dass die Welt ja wirklich am 21. Dezember untergeht. Das wäre eine ziemlich coole Pointe. »Die letzte Weltausstellung / Arche2012« findet vom 19. bis 28. Oktober im Etablissement Gschwandner in Wien statt. Mehr Infos unter — www.arche2012.at — www.atzgerei.com — www.atzgereiproductions.com 021


Wo sind wir hier gelandet? Was sind das fßr Pokale? Was wurde gefeiert? Oder geht es etwa um etwas ganz anderes? – Bei Anne Hardy sind die richtigen Fragen wichtiger als die Antworten. 022


golden frame — Anne Hardy – Interval

Turnstunde In Anne Hardys großformatigen C-Prints sucht man vergebens nach einem Protagonisten. Was sich findet, das sind Spuren, Hinweise, assoziative Gegenstände und eine durchdringende Abwesenheit. »Interval« zeigt einen Übungsraum, eine Sportstätte, die offensichtlich dem Wettkampf gewidmet ist. Die Wandgestaltung mit Athleten in Turndressen erinnert an griechische Fresken mit Olympioniken. Farbgebung und Ornamente geben der Szene einen vergilbten – vielleicht kommunistischen – Touch, ebenso die dunklen Wände, von denen die zahlreichen bunten Schärpen teilweise abgerissen herabhängen. Woher kommt diese Unruhe, die die Ordnung des Übungsraums stört? Was hat sich hier zugetragen? Ein Wettkampf? Eine Feier? Kam es zu einer Auseinandersetzung? Warum liegen zerbrochene Hölzer auf dem Boden? Die Uhr zeigt kurz nach halb sieben. Der Blickwinkel der Kamera ist minimal – erst durch den Spiegel, ein Requisit, dass in Anne Hardys Arbeiten oft auftaucht, wird eine Räumlichkeit sichtbar. Ein kleiner Ausschnitt öffnet sich und lenkt den Blick in die Szene hinein. Gerne möchte man noch weiter um die Ecke schauen, um herauszufinden, was der Raum preisgibt. Ganz beiläufig entwickelt sich eine geradezu unheimliche Stimmung, als ob man im Spiegel etwas beobachten könnte, was lieber verborgen geblieben wäre. Das Auge sucht nach Hinweisen. Genau das ist Anne Hardys Spezialität. Sie gibt Anhaltspunkte für eine Handlung, die sich schier aufdrängt, aber doch nirgendwo anders stattgefunden hat, als in unseren Köpfen. Jede Eindeutigkeit wird tunlichst vermieden und doch vermeinen wir unmittelbare Andeutungen zu finden. Wie für ein filmisches Szenenbild stellt die Künstlerin ihre Settings zusammen, verbringt Wochen und Monate, die oftmals gefundenen Gegenstände perfekt im Raum zu arrangieren. Sie arbeitet auf den einzigen Shot hin, der von diesem akribischen Aufbau bleiben wird. Die Zusammenstellung und der Lichteinfall haben etwas Malerisches, wahrscheinlich nicht zuletzt aufgrund des Einflusses von Hardys ursprünglichem Studium: der Malerei. Die Titel ihrer Arbeiten, wie hier »Interval« – ein Dazwischen, ein Zeitabstand – geben einen weiteren Hinweis auf die Illusion einer Begebenheit. Anne Hardys Arbeiten sind derzeit erstmalig in Österreich zu sehen – die Secession Wien widmet ihr bis 25. November eine Einzelpräsentation. 023

Text margit emesz Bild Anne Hardy, Interval, 2011, Courtesy of the artist and Maureen Paley, London

Was ist hier passiert? Was wird hier geschehen? Ihre »Fictional Documentaries« inszeniert die Britin Anne Hardy in monatelanger Vorbereitungszeit – für letztlich eine einzige Aufnahme, die viele Geschichten birgt, aber alle Fragen offen lässt.


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»Narkose« – Eine rebellische One-Man-Show

Schwarzkopf wird erwachsen Nazar ist derzeit der wichtigste Rapper Österreichs. Klassische Medien braucht er dafür nicht. Hier ignorieren sie ihn sowieso. Stattdessen hat er Fans, von denen andere nur träumen können und eine Klappe, die sich andere wünschen würden. Nazar weiß noch dazu genau was er tut. Wir haben ihn daheim in Wien-Favoriten getroffen.

Text stefan niederwieser Bild jasmin baumgartner, studiocanal

Sein neues Album »Narkose« ist in Deutschland und Österreich in den Top Ten eingestiegen. Seine Songs könnten auf allen Radiosendern von Pop bis Alternative Mainstream laufen, aber weil Nazar oft nicht ganz so spurt und mitspielt, wie es gern erwartet wird, und er auch genaue Vorstellungen davon hat, was ihm zusteht, fand es trotz seines belegbaren Erfolgs bisher kein österreichisches Medium für nötig, nach Favoriten zu einem Interview zu fahren. Sein Album wäre die logische Wahl für den HipHop-Amadeus, aber wer weiß, vielleicht scheißt der im Iran geborene Rapper auch drauf. So wie auf Blockstars. Oder Angebote von US-Größen. Oder Angebote von deutschen Rappern, ein Video für ihn zu drehen. Vielleicht treiben ihn dabei ja auch die Folgen einer Verletzung an, die ihn seit Kindesbeinen begleitet. Seit 2008 hat er jährlich ein Album herausgebracht, Marketing für einen Energy-Drink gemacht und mit Nazar Films seine eigene Produktions­firma gegründet. Dass er daneben immer den richtigen Tonfall für seine Facebook-Fan­ gemeinde trifft, beweisen seine 150.000 Fans. 2010 hatte sich Nazar mit Produktionskosten verschuldet, das Album »Artkore« landete im Netz, noch bevor man es kaufen konnte. Die Brüder Riahi waren mit der Kamera dabei, ihr Dokufilm »Schwarzkopf« gewann bei der Diagonale den Publikumspreis. Da ging es eigentlich schon aufwärts. Er hat intakte Kontakte zur SPÖ, Strache würde er dafür sofort einen Bitchslap verpassen, wenn er ihn sieht. Er muckt auf und gibt sich nicht schnell zufrieden. Das lässt sich natürlich nicht so leicht in ganz Wien plakatieren wie David Alaba – obwohl beide auf ihrem Gebiet in diesem Land tonangebend sind. Wichtige Vorbilder sind sie beide. Zu sagen hat Nazar allerdings viel mehr, neuerdings sogar über Beats, die narkotisierend klingen wie Weeknd oder Drake.

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»Ich war froh, meine Stimme gegen die FPÖ erheben zu dürfen. Ich habe das für mich und alle, die sich durch diese Partei sehr gekränkt fühlen, gemacht.« Ist hier in deiner Wohnung auch »Schwarzkopf« gedreht worden? Ja. Damals hat die Wohnung noch anders ausgesehen. Schwarzkopf wurde fast 1,5 Jahre lang gedreht. Damals hatte ich eine ganz schlimme Phase. Das Album, das ein paar Wochen vor »Schwarzkopf« in die Läden kam, war dann ein Riesensprung. Ich hab ein paar schlaue Sachen gemacht. Meinst du schlau auf Musik bezogen? Ich habe hier in Österreich für HipHop Grundsteine gelegt, die eigentlich ein Schlager- oder Popsänger hätte legen müssen. Ich kann es nicht verstehen, warum in Deutschland die größten Medien mit mir Interviews führen, mich in ihre Sendungen einladen und die Radiosender meine Musik spielen, ohne dass wir sie bemustern und das 024

in Österreich noch nie der Fall war. Das tut mir so unglaublich weh. Wer weiß, vielleicht wird das bei der nächsten Generation von Künstlern besser werden. »Narkose« ist in Österreich auf Platz 5, in Deutschland auf 10 eingestiegen. Wer erreicht das außer dir? Gestern habe ich erfahren, dass ich der erste österreichische RapArtist bin, der in Deutschland in die Top Ten gestartet ist. Und das auch noch Independent. Ich hab es von hier aus geschafft. Ganz alleine, ich hab keinen dazu gebraucht. Trotz allem war ich nicht einmal nominiert für den Amadeus. Und dann gewinnen die Vamummtn, deren Manager in der Jury saß. Wie ekelhaft ist das eigentlich? Was waren die schlauen Entscheidungen, von denen du gerade gesprochen hast? Ich wusste mit meiner Person gut umzugehen. Ich habe mich nicht billig verkauft wie viele andere. Gratis Vorgruppe für einen deutschen Rap-Act, und man soll auch noch dankbar sein – so eine Scheiße habe ich nie gemacht. Wenn ich angefragt werde, dann habe ich Preise wie ein Superstar. 70 % können sich das nicht leisten, aber 30 % schon. Im Endeffekt nehme ich nach zehn Konzerten so viel ein wie jemand, der das ganze Jahr tourt und sich körperlich kaputt macht. Und so habe ich das in jeglicher Hinsicht gemacht. Dein Song »Hochmut kommt vor dem Fall« beginnt mit einem Zitat aus dem Film »La Haine – Hass«. Vergleich doch bitte mal Wien mit Paris … Es ist lächerlich, wenn jemand behauptet, dass es in Österreich ein Ghetto gibt. Wien ist die lebenswerteste Stadt der Welt. Jeder, der einmal arbeitslos war und Sozialhilfe bekommen hat, weiß, wie gut es uns hier eigentlich geht, und dass man nicht auf der Straße enden muss. Das Problem ist, dass es sich aber immer mehr in Richtung des Films entwickelt. Egal wie viele Fassaden sie im 10. Bezirk renovieren und wie viele neue Häuser sie bauen – die Wut der Leute wird immer größer, weil die Miete steigt und sie noch immer kein Geld haben. Denkst du, die Neue Mittelschule, die soziale Durchlässigkeit schaffen soll, würde hier etwas bringen? Gemischter wäre gut. In meiner Klasse waren von 20 Schülern 18 Ausländer und die Lehrer mussten teilweise auf Türkisch unterrichten. Was ist das für eine Scheiße? Wir leben hier in Österreich und jeder hat perfekt Österreichisch zu sprechen. Die Zustände in den Schulen, Schlägereien, Schutzgelderpressungen usw., liegen auch daran, dass die Lehrer unterbezahlt und überfordert sind. Bringt der Deutsch-Förderunterricht etwas? Das sollte Pflicht sein, und zwar indem die Leute keine Aufenthaltsgenehmigung und keinen Sozialanspruch bekommen, wenn sie nicht hingehen. Es klingt hart, aber was macht man in einem Land, dessen Sprache man nicht beherrscht und dessen Kultur man verabscheut? Dein aktuelles Album ist musikalisch offener. Gibt es einen Grund, dass es zwar nachdenklich, aber weniger deprimierend ist? Es geht mir finanziell besser und auch gesundheitlich. Ich kann meiner Familie helfen und habe nichts mehr mit den Leuten zu tun, die mich früher in schlimme Situationen gebracht haben. Ich, meine Musik und meine Fans sind älter geworden. Es wird auch in diese Richtung weiter gehen. »Stilles Meer« ist von The Weeknd inspiriert, den hab ich zu Tode gehört. Wenn es jemand schafft, das auf Deutsch umzusetzen, wird er ein Superstar. Der Songaufbau von »Sandsturm« ist an Drake orientiert. Ihre Textinhalte sind aber andere. O.Z., den


»Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut.« Nazars Song »Hochmut kommt vor dem Fall« beginnt mit einem Zitat aus Matthieu Kossovitz’ bahnbrechendem Film »La Haine – Hass« (1995). Wir haben Nazar kurz vor der Landung fotografiert. mittlerweile amerikanische Größen anfragen, habe ich entdeckt. Er ist ein 20-jähriger Schweizer Rohdiamant, ein türkischer Hipster-Junge. Ich bin nur mit Türken aufgewachsen, und eigentlich ist er das Gegenteil eines Türken. Seine Mutter rief mal an um mir zu sagen, wie krass der Beat ist. Der coole fröhliche Lifestyle von ASAP Rocky oder Cro, die ich mir privat überhaupt nicht gebe, ist durch ihn in meine triste Welt übergeschwappt. Aber als Iraner ist das Poetische, Traurige einfach in mir. Wie kommst du zu den Leuten, mit denen du zusammenarbeitest? An den Anfragen von österreichischen Produzenten und Rappern habe ich meistens kein Interesse. Und die alteingesessene HipHopSzene in Österreich, die nie erfolgreich war und mich von Anfang an als Bushido-Kopie beschimpft hat, wurde durch meinen Erfolg mundtot gemacht. Nur Kamp war cool zu mir, ein unglaubliches textliches Genie, der aber nicht auf das aktuelle Album gepasst hätte. Sido meinte in dem Video-Blog zum Album, dass er niemanden kennt, der so zielstrebig arbeitet. Mir ist aufgefallen, dass erfolgreiche Rapper faul werden. Die meisten sind noch dazu Kiffer. Das will ich für mich nicht. Meine Produktionen haben schon früh sehr professionell geklungen. Ich hab bei diesem Album bemerkt, dass ich mich anfangs in die falsche Richtung entwickelt habe, Mails nicht gleich aufgemacht habe und diesen Zug dann schnell wieder abgestellt. Ich bin Marketing-Chef, ich hab eine Produktionsfirma, wo wir Videos und Werbung drehen, bin als Künstler erfolgreich, unterstütze meine Familie und schreib auch für andere Texte – ich wundere mich und bin aber froh, dass das alles funktioniert. Führst du bei deinen Videos auch selbst Regie? Ich mach zwar auch Regie und liefere Ideen, hab aber gemerkt, die eigene Kamera, Final Cut und Logic, das wird zu viel. Manche Leute können Dinge besser als du selbst. Bei Nazar Films sind wir zu dritt ein perfektes Team. Wir haben viele Anfragen für Musikvideos von Musikgrößen und Superstars bekommen, die uns mit 10.000 Euro abspeisen wollten. Ich hab das nicht nötig, aus Imagegründen. Wenn die ein Video haben wollen, wie mein »Lost In Translation«, das 150.000 Euro gekostet hat, soll mir niemand kommen und glauben, das geht für einen Bruchteil. Und dann spielt Go TV mich nicht einmal. Genauso FM4. Wenn der Staat denen irgendwann kein Geld mehr in den Arsch schiebt, werde ich ganz krass lachen. Ich war einmal für »Schwarzkopf« dort im Studio und hab sie darauf angesprochen und auf ihre Freunde, die sie dort supporten. Da haben sie gelacht, meinten ›bist eh leiwand‹ und es hat sich nichts geändert. Die sollen ruhig weiter in der Liga spielen, in der sie spielen. Ich bin zu keinem Festival gebucht worden, bin sogar beim Bürgermeisterfest dem Donauinselchef und Radio NRG vorgestellt worden. Sido und Bushido spielen sie – was soll ich davon halten? Du hast in Österreich also kein Feature gehabt? Nichts. Gar nichts. Du bist mein erstes Interview zu einem Album, das in der Schweiz nur durch iTunes auf Platz 28 eingestiegen ist. Das Biber-Magazin müsste dich doch interviewt haben? Die machen ja mit Novomatic eine Akademie … Aha, krass. Ich hab mit SPÖ-Politikern gestritten, weil die mir weis026

machen wollten, dass es schlecht ist die Glücksspiel-Automaten zu verbieten, wo ich nur gesagt habe, ihr verdammten Wichser, ich kenn so viele, die sich scheiden haben lassen, Väter, die sich im Wohnzimmer aufgehängt haben, weil sie ihr ganzes Leben verspielt haben, und ihr wollt mir sagen, das ist schlecht, nur weil ihr daran Steuern verdient? Und wenn ich das jetzt höre, bekomme ich richtig das Kotzen. Du hast mit »Du bist Wien« Wahlkampf für die SPÖ gemacht. Würdest du wieder, oder anders? Ich war froh, meine Stimme gegen die FPÖ erheben zu dürfen. Ich habe das für mich und alle, die sich durch diese Partei sehr gekränkt fühlen, gemacht. Ich bin auch der Meinung, dass die SPÖ am meisten für die Jugend tut. Der Sebastian Kurz hatte Kampagnen … mit dem Hummer vor das Moulin Rouge … das war wieder nur für reiche Jugendliche. Die nächste Wahl in Wien ist schon kommendes Jahr. Wirst du dich wieder einmischen? Das mache ich, wenn sich Strache wieder erlaubt, seinen Mund zu weit aufzumachen. Dann wird er mich wiedersehen und ich werde wieder Morddrohungen und böse E-Mails bekommen. Àpropos Hass, hast du »Innocence Of Muslims« schon gesehen? Beschäftigt dich das? Nein, möchte ich mir auch nicht ansehen. Wenn ich jetzt mitbekomme, dass Unschuldige sterben, weil ein Idiot einen Verarschungsfilm über Mohammed gemacht hat, ist es wieder nicht richtig, mit Gewalt gegen Unschuldige zu reagieren. Du beschäftigst dich ja ziemlich intensiv mit langweiligen Kulturinstitutionen. Habt ihr für »Schwarzkopf« eine Förderung bekommen? Ja, 150.000 Euro. Was für so einen Film gar nichts ist. Ich hab damals viele Einblicke in das österreichische Filmsystem bekommen, es ist schmutzig. Da werden viele Gelder ungerechtfertigt verteilt. Die Kunstministerin Schmid, steckt das Geld nur in klassische Musik. 50 Millionen nur für die Staatsoper. Street Art und HipHop wird aber total vernachlässigt. Ich weiß, dass es sehr, sehr viel Geld in der Politik gibt. Ich weiß aus vielen Vorfällen, dass es in der Politik so unglaublich viel Geld gibt, das dem Volk gehört, nicht nur für die Kunst. Wo mehr Kindergeld bezahlt werden müsste, weil die Krankenkasse überhaupt nicht pleite ist. Ich hab auch mit der SPÖ gestritten und gesehen, dass Dinge anders gemacht wurden. Du hast gemerkt, dass du auch Macht hast. Natürlich, so ein Typ wie ich hat Macht. Ich bin die Stimme derjenigen, die sich noch trauen sich zu erheben und auf die Straße zu gehen und jemandem auf die Fresse zu hauen. Die Antifa hat mir einmal geschrieben, die sind nur leider gegen alles, sonst wären sie cool. Die haben mir gesagt, ich soll das gut nützen. Auch die SPÖ hat akzeptiert, dass sie mich nicht verändern können. Ich hab auch dem Bürgermeister gesagt, dass der Rassismus bei der Polizei nicht in Ordnung ist, und wie die Polizei mit den Leuten umgeht. Und der muss sich nicht mit einem kleinen Kanaken wie mir treffen, deswegen mag ich den auch. »Narkose« von Nazar sollte auf allen Sendern dieses Landes laufen, ist hervorragend und bereits erschienen.


DIE.NACHT ERWACHT jeden DI 22:00


Ryan McGinley hat sich für das Cover von »The Haunted Man« bei sich selbst bedient. 028


Bat for Lashes — Popkultur nachhaltig bewirtschaftet

Ikonen klonen 029 Bat for Lashes klingt jetzt hörbar. Artwork, Video und Sounds sind hochwertige, routinierte Abziehbilder. Was langweilig klingt, erfüllt dennoch alle Voraussetzungen für ein großes Album.

Hochwertiges Selbstplagiat Ryan McGinley als Fotografen für das Cover anzuheuern war daher naheliegend. Der hatte das Coverfoto bereits im Portfolio, nur mit einem Wolf auf den Schultern. Bat For Lashes musste das Foto also nur noch nachstellen. Vor allem aber ist Ryan McGinley der zurzeit wohl gehypteste Fotograf der Welt. Und das, obwohl die Welt momentan mehr Fotografen beherbergt als je zuvor. McGinley selbst hat vieles richtig gemacht. Er sieht ziemlich gut aus, ist ziemlich schwul, zog mit 18 nach New York und macht Fotos, die das Potenzial haben, die Postmoderne ikonisch zu erklären und die wie zufällig auch noch wunderschön sind. Ryan McGinley ist bewiesenermaßen spätestens 20-jährig schon brutal cool gewesen und hatte viele spannende Freunde. Wikipedia weiß sogar, dass er 1998 ins East Village gezogen ist und sein Appartement mit Polaroids von Leuten, die ihn dort besucht haben, übersät hat. OMFG – Polaroids! Eigentlich erfüllt er damit schon die wichtigste Voraussetzung, ein richtig stilprägender Künstler zu sein.

Rückblickend epochal Es überrascht nicht, dass McGinleys Arbeiten, als die eines Künstlers mit Star-Appeal, Covers von Bands zieren, die wohl erst in Zukunft und dann im Rückblick als stilprägend erkannt werden. Ähnlich wie The Velvet Underground oder Joy Division vielleicht. Ähnlich wie Bands also, die zu ihrer Zeit viel weniger Menschen hörten, als sich in den folgenden Jahrzehnten darauf beriefen. Was The Velvet Underground, Joy Division und New Order aber schon damals hatten, waren epochale Plattencover von epochalen Künstlern wie Andy Warhol oder Juergen Teller. Das Sigur Rós-Album mit dem vermutlich erst in 20 Jahren landläufig bekannten Namen »Með suð í eyrum við spilum endalaust« zierte bereits 2008 eines der bekanntesten McGinley-Fotos.

Druckvoll zur Reife gebracht Und nun also Bat For Lashes mit der McGinley-Kopie eines McGinley-Fotos auf dem Cover. Der Musik andererseits wird derzeit noch bei Weitem nicht so viel Aufmerksamkeit zuteil – zu Unrecht. Was Natasha Kahns Musik, als die einer Tochter eines pakistanischen SquashSpielers aus Peshawar, immer noch ausmacht, sind die atmosphärisch-

exotischen Klangteppiche. Ihr Sound ist sofort da. Er war es, der die ersten beiden Alben interessant machte, damals voller Zäsuren und fast jeder Song ein Experiment. Das neue Album hat ihn zu geradliniger Souveränität gebündelt. Verlorengegangen ist dadurch einiges vom innovativen Klang der ersten Alben. Das Spiel mit Materialen ist verschwunden, es werden keine neuen Aussagen, Standpunkte, Sounds, Inhalte mehr gesucht, vielmehr schöpft Bat For Lashes aus dem Pool ihrer Arbeit und schafft aus ihm einen leicht greifbaren Status Quo. Der Rhythmus ist nun durchgehend druckvoller, die Stimme fester. Dafür fehlen die lang gedehnten Fantasiereisen des ersten Albums. Damals wurde sie von einem mystischen goldenen Licht geweckt, sie trug eine Rüstung und Kinder sangen ihr, sie sei die Auserwählte und es gebe keinen Weg zurück. Was Bat For Lashes auf »The Haunted Man« beschäftigt, ist, dass sie letzte Nacht nicht schlafen konnte, weil sie versuchte, ihn zu vergessen. Ihr Leben ist offenbar pragmatischer geworden. Es mag mehr oder weniger gefallen, aber »The Haunted Man« ist hörbarer. Selten treffen die typischen Pressetextphrasen vom »erwachsenen Album einer gereiften Künstlerin« so sehr zu wie bei diesem.

Die Ironie endet am Marktplatz Wie trocken sich Popkultur hier selbst zu professioneller Reife bringt, ist allerdings ein wenig einschüchternd. Denn den Reiz von Bat For Lashes machte ja bisher besonders ihre unreife Verspieltheit aus. McGinleys wirklich gute Reproduktion seiner eigenen wirklich guten Arbeit auf dem Cover streut zusätzliches Salz in diese Wunde. Noel Paul, der Regisseur des Vorab-Videos zu »Laura«, tut es ihm gleich. Ihm verdanken wir eine intensive erste Einstellung, in der eine bitterernst um die eigene Achse kreiselnde Bat For Lashes den Zuseher förmlich in das Video hineinsaugt. Danach flacht es ab, wird glatter und konventioneller, wie zum Beispiel das Video zu »What’s A Girl To Do« vom ersten Album »Fur And Gold«. Die eigentlich bittere Liebesgeschichte des Songs wurde damals durch hüpfende Tiere auf BMX deutlich entspannt. Beim Video zu »Laura« bedient Noel Paul formal und inhaltlich mindestens eine Handvoll Romantik-Klischees mehr. Vermutlich ist ihm das auch bewusst – normalerweise steht er für humorvollere und experimentellere Musikvideos. Irgendwann muss bei der Produktion dieses Albums die Festlegung erfolgt sein, dass sich Bat For Lashes in Zukunft absolut unironisch sehen will, dass jetzt Schluss ist mit lustig und mit Ausprobieren. Da die Arbeiten von Ryan McGinley, Noel Paul und Natasha Kahn in den letzten Jahren meistens ziemlich humorschwanger und verspielt waren, kann man umso mehr von einer bewussten Entscheidung ausgehen. Was diese drei Akteure mit ihren Arbeiten zum neuen Album verdeutlichen, ist wie sich angewandte Kunstproduktion, nach der freien Experimentierphase, im popkulturellen Endstadium ihrer Entwicklung verfestigt – wenn der eigene Ausdruck bereits gefunden ist und in der Produktion auf einen breiten Markt anwendet wird. Das klingt vielleicht ein bisschen unromantisch, ist aber eigentlich grunddemokratisch. Eine große Gruppe von Menschen kann sich nämlich jetzt ein hochwertig verarbeitetes Werkstück der Popkultur in den Schrank stellen. Da steht es. Grundsolide. 029

Text yannick gotthardt Bild ryan mcginley, emi, arista / sony

Bat for Lashes aka Natasha Kahn entlässt ihr drittes Album in die Welt. Es heißt »The Haunted Man«. Auf dem Cover ist sie nackt. Grob gesagt ist das alles, was bislang berichtet wurde. Ein bisschen merkwürdig ist das schon, denn nach einem innovativen ersten und einem relativ erfolgreichen zweiten Album lag auf dem dritten Album die Hoffnung nach einem reifen und einflussreichen Werk der mittlerweile 32-jährigen Sängerin. Was aber »The Haunted Man« scheinbar am stärksten zu charakterisieren scheint, ist die Tatsache, dass Natasha Kahn auf dem Cover nicht viel anhat. Das Foto soll übrigens unretuschiert sein. Dem britischen Guardian sagte Kahn, sie wolle mit diesem Cover Patti Smith ehren, die sich auf ihrem Debüt »Horses« ungeschminkt und übervoll mit Selbstbewusstsein ablichten ließ. Coole Poetin, das könnte Bat For Lashes eventuell werden – abhängig eben von diesem Album. Dafür müsste Bat For Lashes aber für etwas stehen, sie müsste festlegbar sein.


hVoB — Debüt EP von Her Voice Over Boys

sMs aus Mauritius 030 Viel gibt es noch nicht zu hören. Wenn aber trotzdem alle Signale eine strahlende Zukunft unter der discokugel versprechen, läuft ganz viel schon im vorfeld richtig. Was, wer und wie genau, haben wir hvoB selbst gefragt. Das blutjunge Duo Her Voice Over Boys – HVOB – machte so ziemlich alles richtig, was man 2012 im Musikbusiness richtig machen kann. Sie veröffentlichen gerade einmal ihre Debüt-EP »Dogs«, doch eines der bekanntesten deutschen Labels für elektronische Musik, eine riesige BookingAgentur, ein Auftritt beim ruhmreichen Melt-Festival und das beste Vitamin B direkt vom Praterstern werfen ihren Schatten voraus. Nicht geschadet hat dem Duo wohl auch der Wegbegleiter der HVOB-Sängerin. Hennes Weiss, seines Zeichens 50 % Pratersauna, wo stets wichtige Produzenten-Granden ein und aus gehen, ist selbst Turbo-Netzwerker weit über Österreich hinaus. Und weil die Vorzeichen so schön auf große Welt standen, traf The Gap Anna Müller und Paul Wallner zu einem ersten umfassenden Interview.

### text keVin ReiTeReR Bild hVOB

Ihr kennt euch ja schon länger, wie sieht die Arbeitsaufteilung bei HVOB aus? am: Also bei den Songs ist es eigentlich so, dass ich zu Hause am Laptop mit Logic sitze. Da mache ich die meisten Sounds und Songs mit Stimme etc. fertig und dann beim Paul im Studio spiele ich ihm die Nummer vor, der sagt dann meistens »Ja, die ist schön!« (lacht). Dann arrangieren wir es im Studio und machen die Nummer gemeinsam fertig. Was ich nicht gut kann, kann der Pauli besser und was der Pauli nicht gut kann, kann ich besser. Was beeinflusst euch beim Produzieren? am: Natürlich beeinflussen mich gewisse Stimmungen, aber ich habe keine Vorbilder. Das finde ich eher gefährlich und darum versuche ich auch zu vermeiden, in einer Zeit, in der ich viel schreibe, zu viel andere Musik zu hören. Ich bin lieber ein schlechtes Original als eine gute Kopie. Ich muss ja ehrlich sagen, dass ich eigentlich gar nicht aus der elektronischen Szene komme.

Stil Vor Talent, wie kam es denn dazu? am: Anfang des Jahres habe ich den Oliver Koletzki in der Pratersauna kennengelernt. Wir hatten fünf oder sechs Songs, die habe ich ihm gegeben. Zwei Wochen später hat er mir aus seinem Urlaub auf Mauritius eine SMS geschickt, dass er es unbedingt machen möchte. pw: Wir haben uns in Berlin getroffen und waren uns ziemlich schnell einig. Was natürlich der größte Vorteil ist, dass Stil Vor Talent ein Label ist, das uns sehr viele Freiheiten lässt. Urban Art Forms, Melt Festival, Kater Holzig – gleich zu Beginn der Karriere auf die großen Bühnen. pw: Gerade das Melt hat uns extrem viele Sympathien in Form von Blogposts und Berichterstattungen eingebracht. Jetzt fängt es erst langsam an, dass wir Clubs spielen. Live haben wir ständig die volle Kontrolle. Daher können wir auch sehr gut improvisieren, an den vorhandenen Parts wird nichts verändert, aber eben Abläufe, Dynamik. Bei vielen elektronischen Acts ist der Schlagzeuger mehr als Gimmick zu sehen, bei uns nicht. So transportieren wir die Energie. Und ich denke, dass dieser Umstand auch vom Publikum honoriert wird, weil die großen Acts der Szene wie Justice genau wie auf Platte klingen. Es steht zwar »Live« darunter, aber eigentlich werden nur ein paar Knöpfe gedrückt. Das hat auch Deadmau5 vor Kurzem in seinem Blog gut beschrieben. am: Am Melt-Festival hat ja Boris aus dem Berghain vor uns gespielt. Als ich das eine Stunde vor unserem Gig gehört hab’, war alles so straight, deep und Techno, da war ich auf’s Schlimmste gefasst, fliegende Bierbecher und Buh-Rufe. Doch genau das Gegenteil war der Fall, es hat mich dann sehr überrascht, dass die Leute das so gut angenommen haben. »Dogs« von HVOB ist bereits via Stil Vor Talent erschienen. Das Album wird im Frühjahr 2013 erscheinen.


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Patrik, 31 Goldschmied

Keren, 26 Studentin

Während Patrik sich beim Klettern ab dem Einstieg schon auf dem Gipfel sieht, denkt Keren nur an den nächsten Griff. Seit 2006 klettern die beiden in der multifunktionellen „Sport und Fun“Halle Donaustadt. 1.200 m² der Halle sind dem Klettern gewidmet. Auf weiteren 4.000 m² tummeln sich die BallsportlerInnen. Die „Sport und Fun“-Halle im 22. Bezirk ist eine von drei Trendsporthallen, die den Wienerinnen und Wienern das ganze Jahr über preisgünstig zur Verfügung stehen. Jede der Hallen hat ihre Besonderheiten. Ist es das Kletterangebot in Stadlau, so bieten die Hallen in Ottakring und beim Dusika-Stadion zahlreiche Ballsportarten – von Tischtennis über Streetball, Beachvolleyball bis hin zum Volleyball – und darüber hinaus Fitnesseinrichtungen. www.sport.wien.at, www.sportundfun.at, www.kletterhallewien.at oder Telefon 01/40 00-51151


Gewisse semantische Übereinstimmungen sind nicht zufällig. Graham-Smith nahm sich den Grundplot des klassischen Werks um die komplizierte Verheiratung dreier Schwestern im England des späten 18. Jahrhunderts vor und ergänzte ihn mit Elementen moderner Untoten-Geschichten, inklusive zahlreicher Kampfszenen und Ninjas. »Pride and Prejudice and Zombies« stürmte die New York Times-Bestseller-Liste und begründete mal eben ein neues literarisches Genre: die Mashup Novel. Mashups sind keine reinen Parodien. Die Autoren remixen Literatur, ganz ähnlich wie im Musikbereich. Zwei Quellen werden zu etwas Neuem kombiniert, der Schöpfer des Originals wird dabei im Normalfall weiter als Co-Autor geführt. Der Bastard-Pop der 90er Jahre – »A Stroke Of Genius« wurde vom Guardian zur wichtigsten Single der Nullerjahre auserkoren – hat heute völlig zu Recht keine Bedeutung mehr, stand aber für die Herangehensweise Pate, ebenso wie es Parallelen zur Travestie-Literatur vergangener Jahrhunderts gibt. Dem Erfolg der Zombie-Austen-Melange folgten schnell einige Nachahmer. »Sense and Sensibility and Sea Monsters«, »Queen Victoria, Demon Hunter« oder „»Android Karenina« heißen mehr oder minder erfolgreiche Werke des Genres. Auch Graham-Smith, Vater der Mashups, legte nach. Erst mit seinem gerade verfilmten Zweitling »Abraham Lincoln, Vampire Hunter«, heuer im April folgte mit »Unholy Night« eine Mischung aus Weihnachtsgeschichte und dem homoerotischen Gemetzel in »300«. Auch in den deutschsprachigen Raum ist das Phänomen bereits vorgedrungen. Die Autorin Claudia Kern versuchte sich mit »Sissi, die Vampirjägerin. Scheusalsjahre einer Kaiserin« an der Neuinterpretation einer österreichisch-bayrischen Ikone.

aLtBeKannteS, neU Betrachtet Mashups — Melange aus der Trash-Kiste

stolz und hackebeil

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mashups vermischen Klassiker der Literatur oder die Lebensgeschichte historischer Personen mit elementen aus Zombie- oder vampirstorys. Das ist absurd, macht aber einen Heidenspaß — solange sie sich selbst nicht allzu ernst nehmen.

Das Ganze ist natürlich im höchsten Maße absurd. Wenn die Hauptfigur Elisabeth Bennet einen überraschenden Heiratsantrag nicht nur zornig zurückweist, sondern gleich mit dem Zweihandschwert beantwortet oder der Kampf zwischen Verstand und Gefühl um den Kampf gegen Seemonster ergänzt wird, fragt man sich unweigerlich, was zum Teufel das alles soll. Aber gerade an solchen Stellen offenbart sich das Wesen der Mashups: Sie bedienen sich an den bekannten und zentralen Punkten ihrer Quellen, ohne diese zu verraten. Deshalb auch die Vorliebe für Altbewährtes: »Pride and Prejudice« ist immer noch eines der beliebtesten Bücher des Vereinigten Königreichs, und die Handlung kennt im Grunde jedes Schulkind. Genauso wie die wichtigen Stationen des Lebens von Abraham Lincoln jedem Amerikaner bekannt sind. Die Eckdaten der Geschichten bleiben in den Mashups erhalten und erfüllen eine Doppelfunktion: Der Leser kann sich an diesen bekannten Fakten entlanghangeln und wird durch neue Perspektiven immer wieder überrascht. So schafft Lincoln die Sklaverei in dem Roman weniger aus politischen oder moralischen Gründen ab, sondern um seinen blutsaugenden Gegnern auf Seiten der Konföderierten die Nahrungsquelle abzudrehen.

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KULtUrerZeUGnISSe haBen Immer vorLÄUFer Dieser Text beginnt mit einer wenig überraschenden Feststellung: Wohlhabende Männer und Zombies haben unterschiedliche Bedürfnisse. Die Wünsche der Herren hat die britische Autorin Jane Austen zu Beginn ihres Schlüsselwerks »Pride and Prejudice« in einem der berühmtesten Einstiegssätze der Literaturgeschichte zusammengefasst: »It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.« Ähnliches tat der New Yorker Autor Seth Graham-Smith in seinem Debütroman für die Wünsche der Zombies: »It is a truth universally acknowledged that a zombie in possession of brains must be in want of more brains.«

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Die Technik, sich aus verschiedenen Quellen Inspiration zu holen und sich an Bekanntem zu bedienen, ist natürlich nicht neu. Im Gegenteil: Es ist eine elementare Kulturtechnik, die sich durch die gesamte Film- und Literaturgeschichte zieht. Sämtliche Dramentheorien basieren auf der Annahme, dass es Grundkonstellationen, Figuren und zentrale Motive gibt, die zumindest für einen bestimmten Kulturkreis und seine Erzeugnisse universell sind. Dabei ist es natürlich unmöglich, die Henne-Ei-Frage zu beantworten: Kommt in nahezu jedem Skript ein Vaterkonflikt vor, weil die Zuschauer psychologisch darauf anspringen, oder springen die Zuschauer darauf an, weil er ihnen von Kindesbeinen an in jedem Erzeugnis der Kulturindustrie begegnet? Das ist letztlich egal. Und manchmal entstehen aus Versatzstücken Werke, die für ihre Zeit stilprägend sind. Die »Star Wars«Saga ist im Grunde buntes Kaleidoskop aus Elementen, die George Lucas aus Western, antiker Mythologie und Samurai-Filmen ästhetisch und dramaturgisch (weitgehend) schlüssig zusammengefügt hat. Es mag heute modern sein, den Tod des Originals auszurufen. Dabei vergisst man aber gerne, dass die Werke auch früher nicht im Vakuum


entstanden. Shakespeares »A Midsummer Night’s Dream« – ein Stück, das Autoren und Filmemacher, von Botho Strauß bis Woody Allen, alle wie einen Steinbruch benutzt haben – geht auf mehrere Quellen zurück, unter anderem auf die Metamorphosen des römischen Dichters Ovid. Je länger die »Inspirationskette«, desto schwerer ist sie zurückzuverfolgen. Die Grenzen zwischen Inspiration und direktem Zitat sind dabei natürlich fließend. Letzteres wird übrigens durchaus unterschiedlich beurteilt: Horrorfans feiern meist jedes Bildzitat, während es sich ein Action-Regisseur heute nicht mehr erlauben sollte, vor einem Shoot-Out in Zeitlupe Tauben in den Himmel steigen zu lassen.

eXIStenZBerechtIGUnG dUrch LÄcherLIchKeIt Mashup, Inspiration, Bearbeitung, Zitate, Plagiat – die Grenzziehung ist in dem Bereich naturgemäß schwierig. Nicht alles, was auf den ersten Blick wie ein Mashup wirkt, ist es auch. Es reicht nicht aus, eine Geschichte in eine andere Epoche zu transportieren und Schwerter durch Kanonen zu ersetzen. Baz Luhrmanns »Romeo & Julia« aus dem Jahr 1996 gehört nicht zu diesem Genre. Als moderner Vorläufer kann aber zum Beispiel »From Dusk Till Dawn« gelten, der sowohl Splatterfilm als auch Roadmovie ist. Auch die indische Filmindustrie ist mittlerweile gut darin, westliche Klassiker mit den typischen Bollywood-Elementen zu vermischen. Letztlich hält die aktuellen Mashups vor allem eine Sache zusammen: die Lust am Trash. Wer ihnen mit Ernst begegnet, hat sie nicht verstanden. Das zeigt sich auch am Scheitern der Verfilmung von »Abraham Lincoln, Vampire Hunter«. Das Problem sind weniger die überladenen Actionszenen oder die Änderungen, die das Skript vom Buch unterscheiden. Das Problem ist die Grundhaltung. Der Russe Timur Bekmambetov (»Wächter der Nacht«, »Wächter des Tages«) inszeniert den Film mit einem heiligen Ernst, ohne jedes Gespür für die Lächerlichkeit der Geschichte. Und beraubt sie dadurch ihrer Existenzberechtigung. Natürlich ist auch das Trash, was Bekmambetov da macht. Aber Trash im wörtlichen Sinn: unnötiger Müll. Und nicht Geschichten, die die Übertreibungsspirale so weit drehen, dass es schon wieder unterhält. Wenn etwas unnötig ist, dann sollte es sich dessen bewusst sein und Spaß machen. Eine Lektion, die Graham-Smith und die anderen Autoren verstanden haben.

»Abraham Lincoln Vampirjäger« ist ab dem 4. Oktober in den österreichischen Kinos zu sehen.

Mashup-Literatur hat längst auch den deutschen Sprachraum erreicht. Von »Stolz und Vorurteil und Zombies« war es nicht weit bis zu »Sissi, die Vampirjägerin« und «Die Leichen des jungen Werther«.


viennale — 50 Jahre Wiener Filmfest

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Text Gunnar Landsgesell Bild viennale, united artists

Die Viennale feiert ihre 50. Ausgabe. Und viele Fans mit ihr. Wie kommt es, dass das Wiener Filmfest so beliebt ist? Die Tasche, die Festivalkinos in der Innenstadt ohne Multiplexe, ein jährlich neu gestaltetes Logo, ein qualitativ hochwertiger Katalog samt Essay-Strecke, ein von internationalen Regisseuren wie David Lynch auf Einladung gedrehter Festival-Trailer, vielleicht ein Dinner oder ein Viennale-Fest im Lusthaus ... All das sind gute Argumente für die Viennale. Klingt ein wenig profan? Ist aber so. Dafür nimmt man in Kauf, dass es keinen Wettbewerb, kein richtiges Festivalzentrum und keine richtig großen Stars zu bestaunen gibt. Wobei »in Kauf nehmen« nicht der richtige Ausdruck ist: Kritiker, Verleiher oder Kuratoren reisen auch gerade deshalb nach Wien, um Filme, die sie – von Ausnahmen abgesehen – natürlich auch auf anderen Festivals sehen könnten, hier in einer ganz bestimmten Atmosphäre zu sichten. Ein Autor der renommierten Londoner Filmzeitschrift »Sight & Sound« schrieb heuer ein wahres Loblied auf das Wiener Festival, in dem er gesteht, er wäre versucht, ein »I love Viennale«-T-Shirt zu kaufen, wenn es denn eines gäbe.

Trotzdem im Fokus: Film Natürlich besteht die Stärke der Viennale – insbesondere unter der bislang 14-jährigen Direktion von Hans Hurch, aber auch seiner Vorgänger Alexander Horwath, Wolfgang Ainberger und anderer – aus einer gut kalkulierten Programmierung, und nicht aus PR-Maßnahmen. Die Frage aber, wie es sein kann, dass Dokumentar-, Kurz- und Avantgardefilme, die vorher und nachher im Bewusstsein des Publikums 034

gar nicht (mehr) vorhanden sind, während der Viennale regelrecht gestürmt werden, lässt sich allerdings und gerade eben nicht durch die Filme selbst erklären. Der Verdacht liegt nahe, dass es auch ein noch so engagierter Festivaldirektor mit Wissen und Instinkt allein nicht schaffen würde, so viele Leute dafür zu interessieren. Dass die Viennale sich über die vergangenen Jahre zu einem regelrechten Hype ausgewachsen hat, bei dem die Karten für bekannte US-Produktionen innerhalb von zwei Stunden ausverkauft sind, und jene Menschen, die keine Karten mehr bekommen haben, dann scharenweise ins Metro-Kino wandern, um dort schwer zugängliche Cineastenwerke anzusehen – das ist nur in Verbindung mit einer PR zu erklären, die dazu beigetragen hat, das Festival zu einem »Selbstläufer« (Zitat eines Kollegen) zu machen. Es hat nicht geschadet. Die Viennale hinterlässt stattdessen Spuren des gefühlten Glücks, der Zugehörigkeit zu whatever und auch ein richtiges Gefühl für Film. So gesehen wäre niemandem etwas abgegangen, hätte es zur bevorstehenden 50. Ausgabe der Viennale keine Briefmarke, kein Viennale-Eis und keinen ÖBB-Viennale-Zug, also keine »50 Projekte« gegeben, sondern ein paar wenige, die sich mit Film selbst beschäftigen. Aber gut, man kann das auch als Opfergaben an den Festivaltrubel betrachten, mit denen das Augenmerk im Oktober wieder auf den Film selbst umgelenkt wird. Mit Hans Hurch hat das Festival schließlich einen Mann gefunden, der es versteht, zwischen Intellekt und Instinkt zu agieren und einen


50 Jahre zeigt die Viennale schon Beauties und Biester ganz im Zentrum Wiens. Heuer etwa »The Hills Have Eyes« (Wes Craven, 1977, links), »Meanwhile« (Hal Hartley, 2011, Mitte) und »Deep Blue Sea« (Terence Davies, 2011, rechts). breiten Fächer an filmischem Programm aufzuspannen. Er komponiert die jährliche Auswahl praktisch allein, greift in dem Sinn auf keine Kuratoren zurück. Er mischt populäre Entscheidungen – wie den Final Cut von »Blade Runner« zu zeigen – mit riskanteren Tributes, etwa jenes an den philippinischen Altmeister Lino Brocka. Und er steht nicht an, sich auch persönlich einzubringen, wenn er, vielleicht schon im Ton der Selbstironie, immer wieder Jean-Marie Straub als eines seiner großen filmischen Vorbilder zitiert. Als Publikumsliebling Nanni Moretti im Jahr 2006 »Il caimano« herausbrachte, lehnte der Direktor die Programmierung der Posse als zu flach ab. Für Projekte über den Film hinaus, ein Konzert mit Jane Birkin – mit deren Auftritt er sich wohl einen persönlichen Wunsch erfüllte – reichen die Finanzen des Festivals.

Und Europa? Geld nimmt die Stadt Wien für ihr internationales Festival mittlerweile schon länger gerne in die Hand. Mit 2,7 Mio. Euro war die Viennale die vergangenen Jahre ausgesprochen gut dotiert. Zum Vergleich: Das zweitgrößte Filmfestival Deutschlands, die Filmfestspiele München, verfügten zuletzt über 1,6 Mio. Euro. Und Locarno, das immerhin zu einer Handvoll A-Festivals auf der Welt gehört, hatte zuletzt nur ein paar Hunderttausend Euro mehr zur Verfügung als Wien. Und das beim Schweizer Preisniveau. Anerkennung verdient sich aber, dass das Geld der Viennale in ein Programm fließt, das einer konsumistischen Ausrichtung zuwiderläuft. Jene Stimmen, die zuweilen eine geschmäcklerische oder auch uninspirierte Programmierung kritisieren, etwa von einigen wenigen Filmen, die ohnehin einen Verleih in Österreich haben, sind gegenüber jenen, die ein kritisches, eigenwilliges und entdeckungsfreudiges Angebot orten, in der Unterzahl. Fragwürdiger ist schon, warum Osteuropa auf der Viennale geradezu hartnäckig ausgespart wird, während sich aus den USA oder Asien einiges findet, das vor allem Akklamationszwecken dient, dem der Geschmack des more of the same anhaftet. Das gilt auch und gerade für Produktionen aus den USA, die trotz ihres Independent-Ansatzes zuweilen redundant wirken. Der Tributes wie jener für den Blax- und Exploitation-Regisseur Larry Cohen oder die Setzung einzelner Filme aus dem B-Movie oder Horrorfach wirken hingegen etwas aufgesetzt und dem Druck geschuldet, jährlich neue Besucherrekorde aufzuwei-

sen. Dabei ist ohnehin unklar, welche Eintritte hier in Kinos oder auch zu Festen gezählt werden.

Handschrift Hurch Wenn es eine Handschrift Hurchs gibt, dann lässt sie sich in etwa so beschreiben: interessiert an einem Realismus, dem es gelingt, Verhältnisse auch in einer zeitlichen Dimension zu erfassen und diese haptisch, jenseits abgenudelter Repräsentationen spürbar zu machen (John Gianvito-Tribute!); eine politische Dimension, die nicht, wie so oft bei der Berlinale, mit Kritik an offizieller Politik oder gar mit einem Institutionendrama verwechselt wird; und das Eigentümliche an einem Werk, das bei Wiederaufführungen wie zum Beispiel beim Fake-Cajun-Drama, dem Kultfilm »Bayou aka Poor White Trash« von 1957, mit einem dämonisch überzeichneten Timothy Carey in der eigentlichen Hauptrolle, zu verspüren ist. Mit dem österreichischen Film scheint sich der Direktor zunehmend anzufreunden, je weiter die Kabarettfilmzeiten zurückliegen. Die Autoren konzentrierter, glasklarer Produktionen wie Tizza Covi und Rainer Frimmel, die im Oktober mit »Der Glanz des Tages« vertreten sind, wurden ebenso Dauergäste wie der Portugiese Miguel Gomes oder der thailändische Geisterseher Apichatpong Weerasethakul. Aber schon in der Vergangenheit schafften es auch österreichische Produktionen wie »Let’s Make Money« auf das Filmfest, trotz ihrer fernsehtauglichen Machart und vielleicht gerade, weil sie eben so topic-driven sind. Von den Ursprüngen im Jahr 1959 als internationale Festwoche der interessantesten Filme, später dann dem Festival der Heiterkeit und viel später immer noch dem erzieherischen Ansatz und den Einflussnahmen der Stadt Wien – davon hat sich die Veranstaltung natürlich schon weit entfernt und längst ihren eigenen Kosmos entwickelt. Solange die Viennale dieses Level beibehält, bleibt sie auch schwer angreifbar für jene, die die eingesetzten Fördersummen anderswo besser aufgehoben sehen. Und auch das Gartenbaukino, das mit einer geringen Auslastung viele Monate wieder auf seinen großen Auftritt wartet, bleibt nebenbei damit gesichert. Alles eine Frage der Positionierung. Trotz aller Kritik von Details – diese passt. Die 50. Ausgabe der Viennale findet von 25. Oktober bis 7. November in verschiedenen Programmkinos in Wien statt. The Gap gratuliert! www.viennale.at 035


Leigh Bowery — Queere Ästhetik, gekonnt inszeniert

Mainstreaming der 036 Minderheiten In der hypermedialen, visuellen Bilderflut scheint uns nichts mehr zu provozieren – Erst recht nicht, wenn es um sexuelle Identität oder schrille Outfits geht. Alles schon mal gesehen. Wieso das in den 80ern noch anders war und was die Londoner Subkultur, Leigh Bowery und die Medien damit zu haben.

Ist Queerness spätestens seit Madonnas Vogueing zum Marketingtool geworden? Der zunächst typische Tanzstil der Harlemer Schwulenszene wird zum Pop-Mainstream der 90er? Peaches, die auf ihrem Album »Fatherfucker« einen angeklebten Bart trägt, oder die Pop-Ikone Lady Gaga, die in Tokio eine Hochzeit mit ihrem schwulen Freund Terence Koh inszeniert, schockieren kaum noch. Ebenso wenig Elton John oder Rufus Wainwright im Tigerkostüm. Wieso auch? Bilder von queeren Gestalten scheinen so allgegenwärtig wie die Jutetüte – und wie selbstverständlich gibt es auch den Queer-Beutel für 9.90 bei dkp-queer.de zu kaufen. Die Ästhetik einer Subkultur wird vom Mainstream vereinnahmt. Haben so die Stile und Gesten des Rebellischen schon an Relevanz verloren? In Zeiten, in denen alles erlaubt ist, solange es vermarktet werden kann, stellt sich die Frage: Wie subversiv ist Queerness noch? Und ist das schlimm?

Getting ready for The Heaven Exzentrischer und subversiver als Gagakoh und Co. war Leigh Bowery (*1961–1994). Modedesigner, Performance-Künstler, Musiker und Clubbesitzer – »moderne Kunst auf Beinen«. Der in einem kleinen Vorort von Melbourne geborene Bowery kam 1980 mit seiner Nähmaschine in der einen Hand und einem Koffer in der anderen nach London. Die Begegnung mit der Drag Queen Yvette wird für Leigh zum Wendepunkt. Die Einlass-Hure öffnete dem jungen Leigh alle Pforten zu einer kleinen, marginalisierten oralen Szene rund um The Blitz, der britischen Version des Studio 54, The Heaven und anderen schrillen, schrägen, bunten, eben queeren Orten des Londoner Nachtlebens. Subkultur pur. Die Szene war theatralisch. Im Gegensatz zu den Straßen eine Art Bühne für Homosexuelle, Drag Queens, Drag Kings, Transsexuelle aber auch Heterosexuelle; Mannigfaltigkeit und Underground ein Markenzeichen.

Vom »Taboo« zum Star

Text Denise Sumi Bild fergus greer

Leigh zeigt seine Extravaganz allerdings auch auf den Straßen Londons. Er schockiert und unterhält zugleich. Mainstream und Massenmedien durchdringen zu Lebzeiten Leigh Bowery – bewusst auch von diesem mitinszeniert. Seine Arbeit als Künstler, Performer und Modedesigner geht durch die Medien. Exzentrische Auftritte in Talkshows, Late-Night-Shows oder in der Eröffnungsgesellschaft des Metropolitan Museum of Art waren gekonnt inszenierte Medienbilder einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. Im maßvoll geschneiderten Glitzerkostümen mit Maske, Plateauschuhen und aufwendiger Schminke ist Leigh weniger Drag als mehr Kostüm. Die Kostüme und Inszenierungen sollten dabei immer an der Grenze zum Absurden und Lächerlichen sein, sollten bedrohlich wie gleichermaßen faszinierend sein. Der provokative und radikale Akt ist dabei seine Gestalt und seine Gegenwart. Doch wenn Leigh Bowery im Video der U2 Pop-Mart-Show (1997–98) auf Großleinwand in schrillen Neonfarben die Bühnenshow ergänzt oder er der Hauptcharakter im Musical »Taboo« von Boy George ist, dann verliert die Figur Bowery als Abbild auch den subversiven Charakter ihrer Live-Performance. Bowery wird zum Entertainer der rund vier Millionen U2-Fans. Und so liegt in dem Gewinn, der immer gefordert wurde, nämlich mehr Bühne für Ausgegrenzte, zum Teil auch ein Verlust – alles ist immer und überall abrufbar, nur oft eben als harmloses Bild auf dem Schirm: We love to entertain you! Die Ausstellung »Xtravaganza Staging Leigh Bowery« ist ab 18. Oktober 2012 bis 3. Februar 2013 in der Kunsthalle Wien zu sehen. 036


eleVate FestiVal: liquid deMocracy — Judith Schoßböck

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Liquid democracy hätte das Zeug zum Wort des Jahres, wenn man nur wüsste, was das genau ist. Beim Grazer elevate wird das nicht nur ein für alle mal geklärt, Judith Schoßböck von der donau-Universität Krems hat mit uns außerdem über Karl Popper und irrationale massen geredet.

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Piraten-Partei, Occupy, Arabischer Frühling waren riesige mediale Themen der letzten beiden Jahre. Menschen auf der ganzen Welt fühlen sich von Entscheidungen ausgeschlossen. Wo stehen die Bemühungen um mehr Bürgerbeteiligung heute? Eine momentane Gefahr liegt in Top-Down-Aktivitäten und in Projekten, die eine Scheinpartizipation von Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen. Elektronische Beteiligung als Schlagwort und offenes Regieren – im Sinne der Open Government-Prinzipien – sind Schritte in die richtige Richtung, verlangen aber auch Kompromisslosigkeit und eine Veränderung der Kultur. Wenn offene Daten beispielsweise nur wenig brisante Informationen enthalten, führt dies nicht zu einer Aufwertung der Bürgerrechte durch mehr Transparenz. Tatsächlich gibt es aber – gerade im Bereich elektronischer Partizipation und auf lokaler Ebene – bereits viele Projekte, die eine direkte Beteiligung und mehr Mitbestimmung ermöglichen. Das Problem ist hierbei schlicht und ergreifend, dass viele dieser Aktionen wenig bekannt sind oder, weil sie nicht auf die politische Entscheidungsebene übertragen werden, als Marketing-Maßnahme wahrgenommen werden. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen für bindende Online-Partizipation sind vielfach nicht geklärt. Was sind ein paar der größten Missverständnisse zu Liquid Democracy? Eines der größten Missverständnisse ist, dass Bürgerinnen und Bürger hierzu rund um die Uhr politisch aktiv sein müssten – sozusagen ständig vor dem Computer sitzen und sich mit komplizierten Abstimmungsmodellen auseinandersetzen müssten. Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich darauf, dass gebildete Menschen überproportional teilnehmen würden und dadurch eine repräsentative Beteiligung nicht gewährleistet sei. Und überhaupt sei die Beteiligung generell zu gering – da ist Liquid Democracy aber keine Ausnahme von anderen Formen der Partizipation. Eine der großen Sorgen bei direkter Mitbestimmung war auch schon früher, dass Massen oft irrational und deshalb nicht in ihrem eigenen Interesse handeln. Oder sind Menschen und ihre Stimmungen schlauer, als man denkt? Ich denke, dass Menschen lernen können, mit Verantwortung umzugehen. Wenn es möglich ist, den Bürgerinnen und Bürgern verantwortungsvolle Teilhabe schmackhaft zu machen, würden diese auch wissen, wann sie in einem derartigen Modell selbst entscheiden oder lieber ihre Stimme abgeben, also nicht bei allem mitreden, sondern sich je nach Kompetenz dort einbringen, wo sie es für richtig halten. Mit der Entscheidung der Masse hängt auch der Minderheitenschutz zusammen: Liquid Democracy ist sinnvoll, um Meinungen von Massen in technischen Systemen abzubilden. Problematisch könnte es aber werden, wenn über Liquid Democracy allgemeine Verbindlichkeiten entschieden werden sollen bzw. die Mehrheit, die sich in diesen Systemen abzeichnet, zu einer allgemeinen Verbindlichkeit werden soll. Daher wird z.B. innerhalb der Piraten stark diskutiert, wie man Minderheiten in diesen Prozess stark einbinden könnte.


ARGE KULTUR ST 2012 S A L Z B U R G

KONZERTE HERB

Anonymous hat die Lulz meist auf seiner Seite. Das Aktivistennetzwerk hackte sich bereits quer durch die österreichische Parteienlandschaft. Es bildet eine Speerspitze der Kritik an den klassischen Instrumenten der Demokratie.

Ist Liquid Democracy – in Anlehnung an Karl Popper – die schlechteste aller Regierungsformen, mit der alleinigen Ausnahme aller anderen Regierungsformen? Die Idee zu Liquid Democracy ist ja aus der Überlegung entstanden, wie bestehende Aspekte politischer Modelle kombiniert werden könnten, um den Anforderungen unsere Zeit besser zu begegnen – also einerseits als Reaktion auf die Forderung nach mehr direkter Demokratie bei gleichzeitigem Wissen um deren Nachteile und der Unzufriedenheit mit rein repräsentativen Modellen. Es gibt also schwerlich eine »beste« und »schlechteste« Form, Demokratie zu machen bzw. zu regieren, sondern nur eine ideale Regierungsform für bestimmte Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger. Auf welchen Ebenen das Liquid-Modell zukünftig funktionieren wird, werden wir erst wissen, wenn es auf höherer Ebene umgesetzt würde – dass es innerhalb von Parteien und Vereinen sowie auf lokaler Ebene funktioniert, hat sich bereits gezeigt. In einem neuen Umsetzungsrahmen könnten wir aber natürlich auch mit neuen Problemen konfrontiert sein. Das Elevate findet von 24. bis 28. Oktober in verschiedenen Locations in Graz statt. Das gesamte Diskursprogramm ist gratis.

WWW.ARGEKULTUR.AT| T:+43-662-848784 | M:OFFICE@ARGEKULTUR.AT

hausdermusik das klangmuseum

Wendy Mcneill

hausdermusik das klangmuseum

12. OktOber 2012, 20.00 uHr live On stage

ticket s € 12, er

Vinciane Verguethen

hältlich an de kassa im Ha r us der M usik.

©

Judith Schoßböck ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für E-Governance der Donau-Universität Krems und Mitglied der interdisziplinären Internetforschungsgruppe an der Universität Wien. Sie schreibt regelmäßig Beiträge für alternative Medienprojekte wie The Occupied Times oder Neuwal.com.

Haus der Musik, seilerstätte 30, 1010 Wien, täglich 10 - 22 uhr www.hdm.at


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kooperatioN

Open Organisation im Rahmen des Festivals Vienna Open

die krise des dogmatischen handelns 041 Manfred Faßler schreibt im CIS Doc #4: »So viel Offenheit war noch Zusammenarbeit bedeutet also auch ähnliche Grundlagen, Normen nie!« Teilst du diese positive Einstellung und in welchen Bereichen und Schnittstellen zu haben. Lassen sich die – auch wirtschaftlichen gibt es den größten Aufholbedarf? – Vorteile solcher Vorgehensweisen (Offene Schnittstellen, IndustIch denke, das ist in Bezug auf die menschliche Entwicklung (evo- riestandards, …) messen und vermitteln? lutionär) gemeint und weniger wertend. Klar ist, dass das Thema OfAktuell ist zu erkennen das sich technische »MetaSchnittstellen« fenheit in vielen Belangen (Commons, Data, Source, Design, Govern- wie zum Beispiel Arduino sehr gut dazu eignen, dies zu veranschauliment udgl.) Hochkonjunktur hat. Das hängt damit zusammen, dass chen. Es ist zwar eine sehr technische Form, zeigt aber, dass sehr viele Produzenten dem jeweiligen User – von was auch immer – stärker in Ingenieure im Feld Open Design auf diese Technologie zugreifen. Verden Prozess des Entwickelns, Modifizierens, Mitgestaltens, Eingrei- mitteln geht zum aktuellen Zeitpunkt immer noch sehr theoretisch fens integrieren wollen. Aufholbedarf denke ich gibt es keinen, denn vonstatten und messen oder bewerten sollte man dies natürlich auch das würde voraussetzen, dass es etwas gibt, das eingeholt werden können, aber dazu fehlt die Grundlagenforschung. Dafür sollte es müsste – aktuell wird viel ausprobiert und auch mit guten Erfolgen, Calls geben! aber das ist der kreativste Moment in Bewegungen – weil noch nichts Wie ist der Zusammenhang von Offenheit und einem Agieren auf klar ist. Uns sollte allerdings klar sein, das der gesamte Openness- Augenhöhe (siehe etwa departure-Call-Kooperation) und schließt Diskurs, so wie er heute geführt wird, großteils auf die Ideologie Offenheit Hierarchien per se aus? des Open Source bezogen wird. Der Grundgedanke ist einfach: GeSolche Calls gibt es wie Sand am Meer – auch weil die EU diese meinsam ist alles besser. Das ist eine positive und zu begrüßende Richtung sehr stark forciert. Das Grundproblem ist, dass gerade KreEinstellung, es bleibt aber undefiniert, welches »gemeinsam« damit ativwirtschaft ein sehr unscharfer und in vielerlei Hinsicht auch verangesprochen wird. Menschen funktionieren nun einmal in Organi- zerrter Begriff ist. Augenhöhe würde dann auch gleich ökonomische sationszusammenhängen: Staat, Familie, Firma, Gesellschaft, Kultur und organisatorische Momente und Gemeinsamkeiten betreffen oder Ökonomie. – doch diese sind zum aktuellen Zeitpunkt ja nicht einmal den AkKann Offenheit organisiert werden oder muss diese wachsen? teuren selbst klar. Offenheit darf hier nicht als Synonym für hierarWachsen ist ja sehr organisch! Ich denke, ohne Gewachsenem kann chielos bzw. ebenenfrei verwendet werden. Wäre alles offen, dann auch nicht organisiert werden. Zuerst braucht es ein Vertrauen, dass bräuchten wir darüber nicht zu sprechen. Es geht viel mehr darum, Offenheit nicht zerstörerisch auf historisch gewachsene Systeme den Mehrwert des Teilens von bestimmten Inhalten, Wissensschätwirkt. Doch das tut es natürlich – es ist jedoch eine kreative Zerstö- zen, Informationskanälen, Netzwerken und Ressourcen zu erkennen. rung (Creative Destruction), eine Erneuerung, die immer Veränderung Augenhöhe bedeutet dann auch zu wissen, was zu öffnen ist und was mit sich bringt. Konkret heißt das, dass wir uns die Felder, in denen geschlossen bzw. intern verhandelt und verwertet werden kann. DaOffenheit forciert wird, genau anschauen müssen: Wie sind sie or- mit ist die Logik der Ergebnisoffenheit im Agieren und Organisieren ganisiert, wie wachsen sie, welche strukturellen Bedingungen haben (Planen, Verstehen, Entwickeln, Sichern, Freigeben, Teilen, Tauschen, sie und auch: Wie engagieren sich Menschen in diesen Feldern? Also Nutzen, Umnutzen, Weiterentwickeln usw.) angesprochen. welche Regeln werden hier erfunden, (weiter-)entwickelt, negiert und Nicht nur aufgrund eines technologischen Fortschritts kommt es trainiert? Hier macht es Sinn, sich konkret mit organisatorischen The- auch in Kunst und Design immer mehr zu Zusammenarbeiten untermen zu befassen. Wie können Standards und Normen formuliert wer- schiedlicher Personen und Disziplinen. Ist es in kreativen Prozessen den, dass sie für ein Kollektiv anschlussfähig sind bzw. werden? Für einfacher, offen zusammenzuarbeiten? jemanden, der sich mit Organisationen auseinandersetzt, wird hier Die Erreichbarkeit / Vernetzung von Informationen und Inhalten, ein wichtiger Ansatz in den Vordergrund gestellt: Partizipation (Teil- welche sich in der Informationsgesellschaft explosionsartig multihaben). Dies hat in Bezug auf offene Organisationen viel mit einer pliziert hat, verändert alle Lebensbereiche. Auch Kunst und Design Neuverfassung von Verantwortung und Ethik zu tun und schrammt haben dadurch neue Formen der Kooperation und des Vertriebs geimmer wieder an einem aufklärerischen Moment. funden. Trans- und Interdisziplinarität ist keine Zauberformel, es ist 041

iNterView maRTin mühl Bild elFie SemOTan, 2011

Georg Russegger im Interview über seine Lecture »open organisation« und darüber, wie offenheit hilft zu verstehen, aber nicht zwangsweise bedeutet, alles erprobte wegzuwerfen.


Programm — marketplace, Ecke Westbahnstraße  / Zieglergasse, 1070 Wien 19.10. FESTIVAL & GALLERY — Opening OPEN DATA: Katarína Lukić Balážiková (SK) 24.10. / 19.00 Uhr Lecture OPEN ORGANISATION: Georg Russegger (AT) 25.10. / 19.00 Uhr Lecture OPEN DESIGN: Ronen Kadushin (IL / DE) 31.10. / 19.00 Uhr Lecture 01.11. / 13.00–17.00 Uhr Workshop OPEN DESIGN CONTEST: Gerin Trautenberger (AT) 02.11. / 19.00 Uhr Lecture OPEN FASHION: Cecilia Palmer (SE / DE) 07.11. / 19.00 Uhr Lecture 08.11. / 11.00–17.00 Uhr Workshop OPEN STRUCTURES: Thomas Lommée (BE) 09.11. / 19.00 Uhr Lecture 10.11. / 11.00–17.00 Uhr Workshop OPEN SOUND: Peter Kirn (US / DE) 14.11. / 19.00 Uhr Lecture 15.11. / 11.00–17.00 Uhr Workshop

der Zustand von Informations- und Kommunikationskulturen. Kreativität kommt dadurch ins Gerede von Wirtschaftstreibenden, weil ein großer Glaube daran besteht, dass Innovation in kreativen Prozessen auf dem Verwenden von vorhandenen Ressourcen auf neuartige Weise basiert. Es ist deshalb nicht einfacher, offen zusammenzuarbeiten, doch in asynchron globalverteilten Prozessen des Gestaltens, Erfindens, Entwerfens, Designens und Schaffens von Neuem (das immer eine Kombination von Altem ist, aber auf neuartige Weise) trägt die Organisation von offenen Plattformen und Gemeinschaften zum besseren Verstehen dieser oft hochkomplexen Gegebenheiten bei. Wer sich das antun will, wird wohl nicht darum herumkommen, sich dieser Komplexität zu öffnen. Kunstschaffende und Designer sind Spezialisten in ihrem sehr individuellen Feld, doch handelt es 15.11. Finissage (Wirr) sich um Nischenbereiche. Lange Zeit wurden hier das Alleinstellungs- Peter Kirn — Andreas Stoiber — Tingel Tangel merkmal von Künstlern und Designern in den Vordergrund gestellt. Legt man diesen Anspruch auf Einzigartigkeit ab und kollaboriert, — www.viennaopen.net dann öffnet man sich dahingehend, dass individuelles Schaffen so vermittelt wird, das es auch andere etwas damit auf der »Macherebene« anfangen können. Nicht nur Unternehmen, sondern auch Vereine und Projekte sind klassischerweise Top-Down organisiert, weil dies auch Vorteile bietet. Lassen sich diese irgendwie in offene Strukturen übertragen? Organisationsstrukturen für Verbünde sind gewachsen, es haben sich Praktiken herausgebildet, die seit Langem gut laufen. Regelsysteme wie Politik und Staat setzen Normen fest und diese werden auch anerkannt und oft bieten diese auch Vorteile. Es ist zu Top-Down dual Bottom-Up zu setzen. Zum Beispiel haben große Softwareunternehmen wie IBM und Microsoft schon lange die Vorteile von Open Source erkannt und diese Praktiken aktiv in ihr Unternehmen integriert, ohne dabei alles aufs Spiel zu setzen. Es geht eher darum, den Mut aufzubringen, gewisse Teile der Organisationsstruktur offen zu gestalten. Diesem Bereich auch eine Funktion zuzuschreiben und diesen auch richtig zu bewerten. Wir können hier viel von dem Experiment der Öffnung hin zu anderen Organisationsformen lernen. Es bedeutet nicht, dass alles geöffnet werden muss oder basisorganisatorisch durch eine Mehrheit abgesegnet sein muss. Vielmehr bedeutet es die Weisheit der Vielen, aber auch eine kritische Masse als Korrekturmöglichkeit Ernst zu nehmen. Dies haben wir leider durch starre bürokratische und organisatorische Dogmen versäumt. Die Krise, welche wir heute in vielen Organisationen wie Kirche, Partei, Staatenbünde und Finanzsysteme sehen, liegt weniger in der Organisation selbst, als im dogmatischen Handeln dieser. Offenheit kann hier nichts lösen, aber eben Neues eröffnen / ermöglichen. Die Vorstellung, allgemeine Offenheit und Zusammenarbeit würde allen zum Vorteil werden, klingt ein bisschen gar romantisch – oder »Trans- und Interdisziplinarität ist keine nicht?   Zauberformel, es ist der Zustand von Ist sie und das bleibt ein Wunschtraum bzw. kann dies nicht passieren. Was wäre, wenn alles offen ist – dann braucht es keine Offenheit Informations- und Kommunikationskulturen.« mehr. Offenheit ist dort wichtig, wo Geschlossenheit und Stillstand Georg Russegger herrscht.

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david schalko — Oberster Spaßmacher des ORF im Interview

Ginsberg wollte meinen Körper Das Cafe Ritter auf der Wiener Mariahilfer Straße wird spätsommerlich ausgeleuchtet. David Schalko schwingt das Sakko über die Sessellehne. Nein, rauchen ist nicht mehr. Seit dem »Aufschneider«-Dreh raucht er nur mehr, wenn er trinkt. Tee darf es sein. Der Herbst liegt in der Luft. Schalkos Haare sind länger als erwartet, wohl ein Resultat der Ferien am Land. Kommendes Jahr wird er 40 – sein Alter erwähnt er immer wieder. Zwischen einem überraschten »Gut« auf die Frage nach dem Befinden und einem Gewitter, das Schalko kommen spürt, spricht der ORF-Qualitäts-Vorzeigemann über seinen »Haus-Sender«, seine Ängste, Dallas und Allen Ginsberg. Sein Tee darf eine Dreiviertelstunde ziehen, bevor Schalko ihn wieder bemerkt.  Sport? Nein, leider. Bis 18 war ich sehr sportlich und dann mit der Matura: aus. Völliges Gehenlassen. Gibt es in deinem Leben eine Angst, die dich immer wieder überrascht? Höhenangst und Klaustrophobie. Habe ich beides, sehr stark. Es ist schwierig. Wenn man ein 20-stöckiges Haus zu Fuß raufgehen muss, überwindet man die Angst eher als wenn es dreistöckig ist. Drei Stockwerke gehe ich aber zu Fuß. Aufzüge und enge Räume sind ein Problem. Ich hatte früher Flugangst, die hab aber ich durchs viele Fliegen eigentlich verloren. Im Alter ist dann die Höhenangst gekommen, die hatte ich früher nicht. Die kam. Wie war das, als du Allen Ginsberg getroffen hast? Ich glaub, Ginsberg hat sich in erster Linie für meinen Körper interessiert (lacht). Nach einer Stunde war ihm dann klar, dass da nichts zu holen ist. Dann war ich nicht mehr so interessant für ihn. Das war im Rahmen der Schule für Dichtung. Ewig her. Locker 20 Jahre. (Ginsberg war 1993 für die »analoge klasse: mind writing slogans« zu Gast bei der Schule für Dichtung, Anm.) Ginsberg war ein alter, dicker Mann, der aber sehr liebenswürdig war und sehr offen – für junge Männer. Aber mich hat Burroughs immer mehr interessiert. Ginsberg war mir immer zu hippie-esk. Burroughs fand ich viel revolutionärer und radikaler. Erinnerst du dich an den letzten Teil der »Piefke Saga«? Den fand ich ein bisschen albern, aber die ersten drei Teile waren toll. Super geschrieben von Mitterer, muss man sagen. Es ist aber oft so, dass bei Fortsetzungen die Dinge ein bisschen albern werden, weil sie sich selber überhöhen müssen. Das ist genau der Grund, warum ich keine Fortsetzung von »Braunschlag« machen will, weil es genauso wäre. Mir ging es mit dem letzten Drittel von »Braunschlag« wie mit dem letzten »Piefke Saga«-Teil. Es war grenzwertig. Die Charaktere tragen nicht und der Kunstgriff mit dem Keller scheint zu gewollt. Eine nachvollziehbare Kritik? Wirklich? Diese Kellergeschichte basiert eigentlich auf einer Kurzgeschichte von mir, die ich vor ein paar Jahren schon geschrieben habe. Ich wollte der Frau Berner eine Geschichte geben, die als einzige Figur sechs Folgen lang keine eigene Geschichte hatte. Natürlich gehört das sehr zu Niederösterreich dazu. Ich fand es spannend, ein Thema, das so gar nicht humoristisch ist, humoristisch aufzubereiten, ohne dass es die Würde verliert. Das war für mich das Wichtigste. Womit rechnest Du bei der ORF-Ausstrahlung? »Braunschlag« ist ja schon länger draußen und falls jemand reagieren hätte wollen, dann hätte er das schon längst gemacht. Ich glaub nicht, dass da jetzt was kommt. Und wenn, ist es auch wurscht.

Welche unwiderruflichen Entscheidungen würdest du treffen, wenn du einen Tag lang ORF General sein könntest? Ich würde den öffentlich-rechtlichen Sender ORF von der Abhängigkeit durch die Werbung erlösen und ihn zu einem rein gebührenfinanzierten Sender machen. Was sagst du zur Blasphemieklage gegen Ulrich Seidls »Paradies: Glaube«? Seidl hatte die Abnahme seines Films ein paar Tage bevor wir »Braunschlag« abnahmen. Lorenz (Wolfgang Lorenz, Programmdirektor Fernsehen ORF, Anm.) hat mir damals schon von dieser Szene erzählt. Ich dachte mir, die Onanierszene mit den Priestern in »Braunschlag« wird ein Problem. Lorenz meinte aber, er wäre gerade bei der Seidl-Abnahme gewesen und »Braunschlag« sei dagegen ein völliges Kinkerlitzchen. Das könnten wir ruhig drinnen lassen. Was würde Thomas Bernhard heute über Österreich sagen? Das gleiche wie vor 30 Jahren, es hat sich auch nicht sehr viel verändert, muss man sagen. Die interessantere Frage wäre, ob Thomas Bernhard eine Facebook Seite hätte? Wahrscheinlich nicht. Du setzt dich für die Studierenden ein, sagst, dass bewaffneter Widerstand unter gewissen Umständen zu rechtfertigen sei. Da klingt Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Veränderungen durch, auch Ungehorsam und Courage. Bist du mit dir selbst in dieser Hinsicht zufrieden? Bei meinen Sendungen muss ich mir eigentlich keine Vorwürfe machen. Vor allem während der schwarz-blauen Koalition haben wir viele Formate gemacht, die sich gegen diese politische Kultur gestellt haben. Das war damals nicht leicht. Aber die Courage, die man heute braucht, ist letztendlich in einem ungefährlichen Raum. Das ist eine Frage, ob es jemand zulässt oder nicht. Und nicht vergleichbar mit der Nazizeit zum Beispiel. Überhaupt kein Vergleich. Und ob ich genug Courage gehabt hätte, in der Nazizeit einen Juden zu verstecken, das weiß ich auch nicht. Wir sind alle in einer wahnsinnig luxuriösen Situation, denn was heute unter Courage läuft, findet ja auf einem sehr niedrigen Courage-Niveau statt. In Die Zeit schreibst du über den »Braunschlag«-Dreh, dass du dabei viele »hilfsbereite Menschen (getroffen hast), die nicht vom Geld verdorben waren.« Ist das eine Thema für dich: vom Geld verdorben zu werden? Geld verändert dein Leben dahingehend, dass es Trägheit reinbringt, weil du dir über Dinge einfach keine Gedanken mehr machen musst. Das hat einen trägen Moment und einen Moment der Unaufmerksamkeit in sich. Das meine ich mit verdorben sein, nicht, dass man ein schlechterer Charakter ist. Was machst du, damit das für dich keine Gefahr wird? Ich bin schon so gesättigt (lacht). Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich nun schon seit etwa zehn Jahren keine finanziellen Probleme mehr habe. Ich bin jetzt nicht reich, aber ich muss mir nicht überlegen, wie ich nächsten Monat meine Miete bezahle. Aber ich kenne es anders auch. Zehn Jahre lang habe ich fast überhaupt kein Geld verdient. Man lebt dann halt auch anders. Man muss sich mehr Gedanken machen, wie man einen Urlaub organisiert, der möglichst nichts kostet. Aber es kann ja auch sein, dass ich in zwei Jahren wieder kein Geld habe. In diesem Beruf ist es wirklich schwierig vorauszusagen, was mit einem passiert.  Die 8 × 45-minütige Serie »Braunschlag« von David Schalko mit Roman Palfrader und Nicholas Ofczarek in den Hauptrollen läuft seit 18. September 2012 jeweils dienstags um 21.05 Uhr auf ORF eins. 045

interview David Baldinger Bild Werner Streitfelder

Dem Mann entkommt man dieser Tage nur schwer. David Schalko läutet eine neue Staffel der »Sendung Ohne Namen« ein, stellt »Braunschlag« vor und kündigt ein Drehbuchduett mit Daniel Kehlmann an. Wie viele Stunden passen in einen Schalko-Tag?


Wenn Grafiker und Designer auf Abwegen sind, entsteht Schön-Unpraktisches. Wie überdimensionale Feuerlöscher und Abfalleimer von Daniel Eatock.

greNzüBerschreiteNdes desigN — Kreative Hybride, hybride Kreative

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Grenzen zwischen den Disziplinen zu überschreiten ist ein Lieblingssport der Kreativen. auch Grafikdesigner tun es, wie nicht nur eine ausstellung im Quartier 21 zeigt.

Früher war alles einfacher. Man ging zur Vernissage eines Künstlers in eine Galerie, nahm Platz auf Sesseln, die von einem Designer entworfen worden waren, genoss das Essen vom Caterer und kaufte sich den Katalog, den ein Grafiker gestaltet hatte. Heute könnte die Sache so aussehen: Ein Produktdesigner lädt zu einer Koch-Performance in einen Concept Store, in dem sogenannte Künstlerentwürfe als Sitzmöbel herumstehen, eine befreundete Designerin beschallt das Publikum und ihr Mann hat als Kleinverleger nicht nur das Booklet zum Event drucken lassen, sondern es auch gleich selbst in eine grafische Form gebracht. Anything goes: Das war einst ein berühmter, oft missverstandener Schlachtruf des Philosophen Paul Feyerabend, der den Methodenzwang in der Wissenschaft aushebeln wollte und weniger Logik und Objektivität, dafür mehr Kreativität forderte. Diesem »Anything goes« haben sich mittlerweile viele in der Kreativbranche selbst mit Haut und Haar verschrieben, aus den unterschiedlichsten Gründen. Art Design, Limited Editions und experimentelle Entwürfe von bildenden Künstlern oder von Produktdesignern sind seit den späten 90er Jahren im Trend, Modelabels kümmern sich um Möbel, Architekten interessieren sich für Food Design, Köche entwerfen Tafelgeschirr oder schreiben kulinarische Krimis. 046

IndeSIGn GoeS Auch Grafikdesign ist längst »entgrenzt« – was sich unter anderem der Tatsache verdankt, dass die technischen Tools, die Grafikdesigner verwenden, allen offenstehen. Wer keine ästhetische Wildsau ist und InDesign beherrscht, kann heute passable Folder entwerfen oder Bücher professionell aussehen lassen – oder sogar verdammt gut. Auf den Einbruch in ihre ureigene Domäne reagieren Grafikdesigner mit der Eroberung anderer Disziplinen, wie der Niederländer Erik Kessels erläutert, der die Ausstellung »Graphic Detour – Crossing Borders in European Design« kuratiert hat, die derzeit im Quartier 21 zu sehen ist. Kessels selbst hat als Gründer und Kreativdirektor der Werbeagentur Kessels Kramer immer wieder furios gezeigt, wie man aus den klassischen Kategorien von Werbung, Grafik, Design oder Kunst lässig ausbrechen kann. »Es gibt zwei Gründe für den Wandel: technische Innovationen und neue Colleges. Für Studenten an Kunsthochschulen oder anderen kreativen Hochschulen sind Grenzüberschreitungen längst etwas Natürliches geworden. Sie beginnen bereits im frühen Alter, die Disziplinen zu mixen. Einst brauchte man einen Spezialisten für bestimmte Techniken, heute ist das alles viel zugänglicher. Junge Designer haben keine Angst zu switchen, wohingegen ältere oft zu sehr in Ehrfurcht erstarren vor Technik oder handwerklichem Können.« Und andererseits komme dazu, dass das Publikum gegenüber dem


Geschäftsberichte: langweilig. Diesen hier muss man backen, damit die Buchstaben erscheinen. So ist er schön warm und – immer noch langweilig.

Kombinieren von Grafik, Design, Mode, Musik, Multimedia etc. nicht nur offen sei, sondern es geradezu einfordere. Für Kessels ist diese Entwicklung höchst positiv, denn: »Heute geht es nicht mehr ums technische Können, sondern um echte Kreativität. Und die hat nicht jeder.« Grafikdesign ist davon mehr als andere Felder betroffen, denn »es gibt Millionen von Grafikdesignern. Amateure und Professionals.« Die Schattenseiten davon leugnet Kessels gar nicht: »Es gibt unglaublich viel gut aussehendes Grafikdesign, das gar nichts zu kommunizieren hat und auch niemanden berührt. Leere Schönheit.« Daher brauche es eine außergewöhnliche Idee, um aus der Masse herauszuragen, und die Inspiration dazu komme meist von außerhalb, eben aus anderen Disziplinen. Es sei ein Irrglaube, so Kessels, dass Grafikdesigner bei Ausflügen in andere Bereiche neue Fertigkeiten erlernen müssten. »Sie müssen nicht ihre Skills verbessern, sondern ihre Ideen.«

hyBrIdIty GoeS Dass »Interkreativität« (wie das MAK-Chef Christoph Thun-Hohenstein genannt hat) mittlerweile längst das Biotop der Galerien und Museen verlassen hat, beweist seit Jahren der Markt selbst. Kessels: »Wer erfolgreich sein will, muss eine starke Idee haben, die Leute auf den unterschiedlichsten Ebenen erreicht. Die Kunden, für die ich arbeite, verstehen, dass ihre Kunden selbst interdisziplinäre Wesen sind. Vor Kurzem haben wir eine Modekollektion für Absolut Vodka, eine Skulptur für eine Schule und eine Wasserflasche für eine Biermarke entworfen. Wer hätte vor Jahren gedacht, dass so etwas möglich ist?« Wie spannend Grenzgänge sein können, soll die Ausstellung »Graphic Detour« vor Augen führen. Dazu wurden acht Grafikdesigner und Künstler mit Betrieben aus der niederländischen Provinz Brabant (die sich als Kulturhauptstadt 2018 bewirbt) zusammengespannt, was zu hybriden Ergebnissen geführt hat, etwa zu Totemfiguren, inspiriert von Süßigkeiten, oder zu einer Installation, in der Keramikerzeugnisse von Alltagsgegenständen schwer zu unterscheiden sind. »Es war für die Beteiligten ein Blind Date«, so Kessels. »Da kamen Leute zusammen, die sich unter normalen Umständen nie getroffen hätten. Die Ergebnisse sind extrem überraschend.« Auch wenn es sich nicht zwangsläufig um markttaugliche Ideen handeln muss, solche Projekte verweisen darauf, dass im internatio-

nalen Geschäft eine außergewöhnliche, konsequent durchgezogene Idee die konventionellen Methoden – und seien sie bis ins Detail hinein ausgefeilt – schnell alt aussehen lassen. Ein Beispiel dafür lieferte kürzlich etwa die kroatische Kreativagentur Bruketa & Žini, die schon oft ins internationale Rampenlicht gelangt sind – und das unter anderem mit einer Materie, die normalerweise kaum jemanden hinter dem Ofen hervorlockt: Geschäftsberichte. Nur was für welche! Für den Mischkonzern Adris entwickelte man das Buch »In Good Hands«, das sich beim Durchblättern grün verfärbt – temperaturempfindliche Farbe reagiert auf die Berührung durch den Leser. Ebenfalls thermoaktives Papier verwendete man bereits ein paar Jahre vorher für den Lebensmittelproduzenten Podravka, dessen Geschäftsbericht man erst eine halbe Stunde im Rohr »backen« muss, ehe auf den zunächst leeren Seiten etwas zu lesen ist …

FreISchWInGer GoeS Das sind die Glücksfälle. Es kann aber auch knapp daneben gehen, selbst bei den ganz Großen. Nehmen wir Österreichs bekannten Grafik-Export, den in New York tätigen Stefan Sagmeister, der ja gerade für seine Innovationsfreude weltberühmt geworden ist. Vor geraumer Zeit meinte er, einen Sessel entwerfen zu müssen, der einem Freischwinger nachempfunden ist und von zweihundert Papierbögen bedeckt ist, die unterschiedliche Muster haben. Ist eines abgenutzt oder hat man sich sattgesehen, so reißt man einfach das Blatt ab und hat einen komplett neuen Stuhl zu Hause. Vorgestellt wurde der skurrile »Darwin Chair« bei der Design Miami/Basel, bei den meisten hat er jedoch nur Kopfschütteln hervorgerufen. Schulmeister, bleib bei deinen Leisten? So streng muss man darauf vielleicht nicht reagieren. Vielleicht ist ja die Idee beim nächsten Ausflug in die Möbelbranche ein bisschen stärker. Oder zumindest die Ausführung. Bei allem anything goes ist das noch immer entscheidend.

»Graphic Detour – Crossing Borders in European Design« ist bis 25. November im Quartier 21 zu sehen. www.quartier21.at www.kesselskramer.com www.bruketa-zinic.com 047


hosea ratschiller

der wortwechsel. vier personen zur frage:

satiriker

Schwarm-Dummheit: Wie viel Vereinfachung verträgt und braucht Diskurs?

Fresst die Reichen. Muslim Rage. Neiddebatten. Heuschreckenkapitalismus. Esogate. Hipster Metal. – Fast alles lässt sich so vereinfachen, dass sich der Schwarm auf das Thema wie die Meute auf den Knochen stürzt. Menschenmassen handeln immerhin irrational, sie sind nicht Herr im eigenen Haus, und sie mit einem Tier zu vergleichen, ist zwar erst wieder eine grobe Vereinfachung, liegt aber nahe und könnte helfen das Verhalten zu verstehen. Man müsste nur noch wissen, ob sich Massen nun doch eher wie Stacheltiere, Lemminge, Schafe oder Wölfe benehmen, wenn sie sich um ein Thema scharen. Dabei hat jeder sein berechtigtes Anliegen und sucht eine Bühne dafür. Heute sind die Schranken niedriger, dahin zu kommen. In Diskussionen einzusteigen ist leichter geworden, sei es über Twitterwalls, Flashmob-Aktionismus oder Facebook-Pages mit lustigen Namen. Jeder kann sein eigenes Sprachrohr spitzen und einfach mal abfeuern. Aufmerksamkeit zu erregen war noch nie so einfach. Dafür bricht heute schon wegen kleiner Dinge ein Scheißeregen los. Shitstorm ist das Wort des Jahres, jetzt schon. Und täglich wird der Klimawandel der Worte schlimmer. Die Wut kocht, und man muss schreien: Ich lass mir das nicht mehr gefallen! Oder: Empört euch! Oder: Wir Systemtrotteln haben es satt im Hamsterrad zu laufen! Vielleicht merkt man es sogar an sich selbst. Der Ton ist rauer geworden, weil auch die Verteilungskämpfe schärfer werden. Ein Facebook-Bürger hat unlängst die US-Sängerin Nicki Minaj in einem Posting mit Krebs verglichen, will beim Hören ihrer Musik seiner Katze ins Gesicht schlagen und vermutet man kann AIDS vom Ansehen ihrer Videos bekommen. 900.000 Likes. Disclaimer: Er möchte niemand beleidigen. Social Media übernimmt aber auch wichtige Kontrollfunktionen, Walter Gröbchen hat für seine Blogbeiträge und Postings letztes Jahr zu recht den Karl Renner Publizistikpreis gewonnen. Dennoch, ohne Vereinfachung geht es nicht mehr. Und seien wir uns ehrlich: ging es auch früher nicht. Wenn aber auch die Herrschenden von diesem Fieber gepackt werden, hört sich der Spaß auf. Wenn die Doofen und ihre einfachen Lösungen regieren. Wie viel Vereinfachung verträgt und braucht also Diskurs?  The Gap wird das Thema auf www.thegap.at weiter verfolgen. 048

TEXT Stefan Niederwieser DOKUMENTATION Martin Mühl, Stefan Niederwieser, Thomas Weber

Plötzlich sterben Leute und die Meinungsfreiheit wird angezweifelt. Oft braucht es aber viel weniger, als das unfassbar dumme Video »The Innocence Of Muslims« um Empörung auszulösen. Klar, Vereinfachung ist unvermeidbar, aber wie viel davon ist gut?

»Gemma, Oida!« — So wie bisher können wir unmöglich weiter machen. Einer steht auf einem erhellten Podest und doziert, der Rest sitzt im Dunkeln und schweigt. Dieses Format hat sich tot gelaufen. Unsere Möbel sollen wir selber zusammen bauen, aber in der heiligen Messe dürfen wir nur die Fürbitten mitgestalten?! Das versteht kein Mensch. Was soll das heißen, das Internet ist ein Adventkalender mit viel zu vielen Fenstern und ohne Erlösung? Web 2.0 ist mein Hobbyraum und ich bin der Heimwerkerking! Bam, Oida! Wir ersetzen die hierarchische, autoritäre Vermittlung von Wissen und Aufmerksamkeit durch eine demokratische. Fix, Oida! Wissenschaftliche oder politische Auseinandersetzungen entscheidet nicht mehr das vernünftige Argument sondern das Ergebnis einer Abstimmung. So ähnlich wie im Kolosseum im alten Rom, wo die Demokratie schließlich erfunden wurde. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Daumen rauf, Daumen runter bzw. Daumen rauf, Daumen weg. Daumen runter geht ja oft gar nicht. Wurscht. Die Devise lautet: Unlock human potential! Gemma Vollgas! Versetzen wir die Profiteure der vordigitalen Machtstrukturen in Angst und Schrecken. So kommt endlich Leben in die Bude, die unzähligen Facebook-Stunden erstrahlen im Anschein eines Sinns und wenige Frauen gibt es nicht nur bei der Piratenpartei. Schau mal ins Priesterseminar, auf eine Bude oder zum Amadeus Award. Der Steuerzahler soll Forschung und Kultur finanzieren, die er sich mehrheitlich gar nicht anschauen will? Diese Zeiten sind vorbei. Wir erleben gerade den Zusammenbruch eines Systems. Und vom Krochn kann man nicht leben. Vernunft und Schönheit werden mit Drittmitteln aus dem Callcenter finanziert. Die Thesen zur kulturwissenschaftliche Dissertation über Postdemokratie entstehen an der Teigmaschine. Und der Rest der  Systemerneuerer hackelt als Christbaumverkäufer. Bam, Oida!  Hosea Ratschiller hat für FM4 und Ö1 Radioprogramme gestaltet, war mit Soloprogrammen wie »Liebe Krise« und »Die FM4 Ombudsmann Dienstreise« unterwegs und hat 2012 den österreichischen KabarettFörderpreis bekommen.


peter dietrich

corinna milborn

michael Schmidt-Salomon

Kommunikationsmanager

Journalistin

philosoph

»Gesellschaft auf Autopilot« — Wie hoch ist eigentlich die aktuelle Informationsüberlastung? Verschiedene Studien kommen auf unterschiedlichste Werte, die meisten davon liegen dabei weit jenseits der 90%! Wir steuern im »Autopilot« durch das Leben und picken uns hochselektiv lediglich die reizvollsten Rosinen aus dem Reizkuchen. Unser Alltag ist ein einziges »Rauschen« – geprägt und strukturiert durch Gewohnheiten. Konrad Paul Liessmann bringt es auf den Punkt, wenn er den Alltag als einen Ort beschreibt, »in dem es in einem nahezu existenziellen Sinn um Wahrnehmungsreduktion, nicht um Wahrnehmungsschärfung geht.« In dieser Reduktion nehmen wir lediglich Atmosphären wahr, die uns zu beiläufig wirkenden Urteilen wie »irgendwie gut …« oder »eh ok …« veranlassen. Das bedeutet aber wiederum, dass die Wahrnehmung von ausdifferenzierten Informationen und daraus resultierenden Meinungen und Handlungsweisen (jenseits von Schwarz-und-Weiß), nur in Situationen möglich ist, in denen wir eine gewisse Involvierungsschwelle übersteigen oder bei einigen wenigen Themen, bei denen wir uns selbst einen Expertenstatus zuschreiben. Es scheint klar, dass diese »Autopilotisierung« unserer Gesellschaft dem Populismus, der Werbung und überhaupt der Manipulation der Massen Türen und Tore öffnet. Es kommt das Einfache vor dem Komplexen, die Bewertung vor der Auseinandersetzung und überhaupt die Lösung vor dem Problem. Dass diese Strategie durchgeht, kann den Eindruck einer dumpfen Gesellschaft erwecken. Wo die Grenze zu ziehen ist, ab der die Dumpfheit in selbstzerstörerischem Maße gefährlich wird, ist wahrscheinlich die falsche Frage, schon deshalb, weil ich darauf keine Antwort hätte.  

»Zum Beispiel verpackte Bananen« — Was haben wir uns nicht gefreut über die Crowd Intelligence, die uns Wunder wie die Wikipedia beschert hat. Doch leider ist die Crowd auch dumm – und wenn sie mal tobt, sind Argumente sinnlos. Nehmen wir den jüngsten Shitstorm: verpackte Bananen. Solche wurden Mitte September in einer Billa-Filiale fotografiert und auf die BillaFacebook-Page gestellt. Der Konzern reagierte schnell: Es sei nicht üblich, Bananen ihrer Schale zu berauben, man habe angewiesen, das Verpacken von Bananen einzustellen. Doch Stellungnahmen nützten nichts. Die Facebook-Page von Billa quoll über. Gizmodo, Time Magazine, HuffPost, Süddeutsche und die globale Medienwelt berichtete über drei Packungen Bananen. Dabei wusste niemand, ob es sich nicht um einen Fake handelte, oder vielleicht ein Angestellter Bananen vor dem Mist retten wollte. Es kümmerte auch niemanden, dass verpackte, gekochte, geschälte Kartoffel in Plastikdöschen Supermarkt-Alltag sind. Und schon gar nicht, dass verpackte Bananen das geringste Problem in einem Supermarkt voller Flugmangos, Plastikschrott, Erbsen aus Kenia, Blumen aus Äthiopien sind. Denn darum geht es nicht. Die billige Empörung dient nur dazu, sich sichtbar auf die Seite der Guten zu stellen – und das ohne jeglichen Denkaufwand: Blick, Klick, geteilt. Nun könnte man sagen: Egal – die Menschen sind eben online nicht gescheiter als offline. Doch die Crowd-Dummheit hat einen Haken: Es gibt nur ein gewisses Maß an Empörung, das Durchschnittsmenschen gegen Missstände aufbringen können. Wenn das mit dem Protest gegen verpackte Bananen schon aufgebraucht wird, dann bleibt nichts für die wirklich wichtigen Dinge. Und die kann man meist nicht mit einem simplen Foto erklären.  

»Wider die Schwarmdummheit« — Es ist eine Binsenweisheit, dass größere Menschenmassen größere Probleme erzeugen. Dennoch: Der eigentliche Grund für die globale Misere liegt nicht in der gestiegenen Biomasse des Menschen, sondern in der zu wenig genutzten Hirnmasse: Wir sind schlichtweg zu doof, um so viele zu sein! Angesichts der Katastrophen, die wir bereits ausgelöst haben, muss man sich wirklich fragen, was die intelligentere Lebensform ist: Mensch oder Ameise? Immerhin übersteigt die Biomasse der Ameisen die des Menschen um ein Vielfaches. Doch bei ihnen gibt es weder Überbevölkerungs- noch Müllprobleme. Allem Anschein nach verstehen sie es, intelligenter zu wirtschaften als wir. Aber warum ist das so? Sind wir als Einzelwesen nicht unendlich viel klüger? Natürlich sind wir das! Als Individuen sind wir den Ameisen kolossal überlegen, auf der Ebene des Kollektivs haben wir trotzdem das Nachsehen: Denn Ameisen zeichnen sich durch Schwarmintelligenz aus, Menschen durch Schwarmdummheit. Wir haben ein System geschaffen, das die Rationalität des Einzelnen mit tödlicher Präzision zur Grundlage eines kollektiven Irrsinns macht, das uns Entscheidungen treffen lässt, die innerhalb des Systems als »klug«, ja sogar »vernünftig« erscheinen, obwohl sie in Wahrheit von atemberaubender Dummheit sind. In »Keine Macht den Doofen!« habe ich dies u.a. am Beispiel von Politik und Wirtschaft demonstriert. Solange wir nicht den Mut aufbringen, die systemischen Ursachen unseres Irrsinns zu hinterfragen, werden wir keinen Ausweg aus der Misere finden. Statt »Empört euch!« sollte es daher heißen: »Entblödet euch!«. Immerhin hat uns die Evolution mit einem erstaunlich komplexen Denkapparat ausgestattet. Wir sollten beginnen, ihn auf intelligentere Weise zu nutzen … 

»Statt ›Empört euch!‹ sollte es heißen: ›Entblödet euch!‹« (Michael SchmidtSalomon)

Peter Dietrich ist Bereichsleiter für Strategisches Kommunikationsmanagement am Institut für Kommunikation, Marketing und Sales der FH Wien.

Corinna Milborn ist Journalistin, Buchautorin und TV-Moderatorin bei Puls4.

Michael Schmidt-Salomon ist Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano-BrunoStiftung. Zuletzt erschienen: »Keine Macht den Doofen!« (Piper 2012). Infos unter: www.schmidt-salomon.de 

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Workstation — MENSCHEN AM ARBEITSPLATZ

Fadi Merza, 34, Thaiboxer

Das ist echt die Härte! Wenn Thaiboxer Fadi Merza auf den nächsten Kampf hin trainiert, verlangt er seinem Körper alles ab – sechs Wochen lang. Als Motivation dient dem Routinier einzig die Vorstellung zu siegen: »Das ist die beste Belohnung, die ich mir vorstellen kann.« Als Jugendlicher wollte er mithilfe von Thaiboxen bloß fit werden, doch bald bestritt er nationale und internationale Kämpfe. Das Ausnahmetalent wurde Junioren-Weltmeister, Europameister und Weltmeister, weist also eine überragende Siegbilanz auf. Und obgleich er alles erreicht hat, was er sich vornahm, denkt er nicht ans Aufhören: Seine Faszination für Härte und Fairness dieser Sportart sei ungebrochen. Freie Stunden verbringt er am liebsten gemütlich – mit Shoppen, Kino, Freunde treffen. »Damit schaffe ich den idealen Ausgleich, finde abseits des stressigen Alltags Entspannung«, sagt Fadi Merza. 


bild Rene Wallentin dokumentation stefan kluger


Workstation — MENSCHEN AM ARBEITSPLATZ

Sasa Schwarzjirg, 25, Viva-Moderatorin

»Fuck it!«, dachte sich Sasa Schwarzjirg, als sie verkatert beim Frisör saß. Und entschied sich für eine neue Frisur, schließlich wolle sie in jeder Hinsicht herausstechen. Nachdem sich die Viva-Moderatorin frühmorgens aus dem Bett gequält hat, sorgt sie persönlich für das richtige Styling: »Ich habe eine Visagisten-Phobie«. Bereits an der Werbeakademie redete sie ununterbrochen, zum Fernsehen kam sie dennoch eher durch Zufall: Ihre Schwester zerrte sie zu einem Casting, das sie in Folge gewann. Sie liebt ihren Job, räumt jedoch ein, dass er gelegentlich ziemlich hart und unglamourös sei: Etwa bei klirrender Kälte in Innsbruck oder bei brütender Hitze in der Türkei endlos vor der Kamera zu stehen. Ihre Freizeit verbringt die Plaudertasche mal mit Jet-Ski oder Tauchen, mal Disney-Filme schauend auf der Couch. »If you can dream it, you can do it.« Sasa Schwarzjirg lebt danach.


Prosa von Andrea Stift

die grazer autorin andrea stift hat einen gesunden sinn fürs skurrile. für the gap wirft sie einen kurzen, scharfen blick auf den literaturbetrieb, respektive auf einen verstörend erfolgreichen bestsellerautor.

Auf den Zahn fühlen Aus den Schmandke-Chronicles »Das Entgleisen der Gesichtszüge beim Kalibrieren meiner Zahnspange« hieß das neue, epochemachende Werk Schmandkes, das pünktlich zur Frankfurter Buchmesse erschien. Die Feuilletonschreiber überschlugen sich breitspaltig. Das Buch erklomm sämtliche Bestsellerlisten und Schmandkes Literaturagentin besoff sich jeden Abend voller Freude über ihren ausgesorgten Lebensabend. Schmandke jedoch saß Tag für Tag traurig in seinem goldenen Schloss und drehte brütend an seinem Sechser. Der Sechser hatte ihn nun auch noch um seine vierte Frau, die wahnsinnige Johanna, gebracht. Die Frauen davor hatten mal kürzer, mal weniger lang ausgehalten. Ein One-Night-Stand war noch in derselben Nacht abgehauen, als sich seine Zähne an ihrem Nippelring verfangen hatten. So war das mit dem Erfolg. Am Anfang sahen sie alle nur den erfolgreichen Schriftsteller in ihm, näherte er sich jedoch mit seinem Gebiss ihren Weichteilen, wurden sie ganz starr vor Angst. Auch die wahnsinnige Johanna war nur wegen ihrer beinamengebenden, vorrangigen Eigenschaft bei ihm geblieben. Sehr spät entschloss sich Schmandke zu einem Besuch beim Kieferorthopäden, prompt verliebte er sich dort in die Assistentin, sie wusste nicht, wer er war, damit hätte er leben können, viel trauriger war, dass er ihr diese Liebe niemals gestehen würde können, hatte sie doch stets vier bis sieben Finger in seinem Mund und verschloss ihm so jegliche Möglichkeit eines intimen Bekenntnisses.

—)— Schmandke fühlte sich zufrieden und unzufrieden in einem. Das war der Sensibilität seiner zarten Dichterseele zu verdanken, das wusste er, diesen Zustand kannte er bereits. Wenn Schmandke zufrieden und

unzufrieden in einem war, setzte er sich in seinem kleinen, versteckten Häuschen mitten im Wald alleine an seinen Schreibtisch und legte ein weißes Blatt Papier vor sich hin. Das hatte ihm sein bester Freund, der Schreibtherapeut, geraten: Wenn du zufrieden und unzufrieden in einem bist, hatte der gesagt, dann leg ein unbeschriebenes Blatt vor dich hin, und schreibe darauf pro und con. Schmandke hatte zuerst gedacht, es handle sich um ein Gesundheitsspiel, irgendetwas mit prostata und constitution, doch sein bester Freund hatte ihn mit zarter aber herzlicher Hand zurechtgewiesen. Nun saß Schmandke also an seiner PlusMinus-Stricherlliste und überlegte, warum er zum Beispiel zufrieden war. Er war zum Beispiel zufrieden, weil sein Hausorgan, die Zeitschrift schmus, sein letztes Buch total gut beworben hatte. Eine winterliche Reise zu den Flüssen Isar, Neckar, Rhein und Bodensee, daneben ein fettes Coverbild und ein Foto von ihm selbst, untertitelt mit: »Schmandke, wie man ihn kaum kennt: humorig als Trüffelschwein«. Über den Inhalt des Buches hatten sie zwar nichts geschrieben, aber das war egal, denn es hatte ja keinen. Schmandke malte ein fettes Plus auf die pro-Liste und kritzelte, unleserlich, denn er war ja Schriftsteller, in Klammer dazu: schmus. Dann schnaufte er kurz, fuhr sich mit beiden Händen durch das wallende, graue Haar und biss sich auf die vom Leben zerfurchte Unterlippe. Was ihn unzufrieden machte, so erkannte er hellsichtig, war, dass er sich schon wieder verliebt hatte. Diese Frauen! Dauernd liefen sie an ihm vorüber! Gerade eben hatte er sich in seine Putzfrau verknallt. Sie hieß Elisabeth Tier und sprach kein Wort Französisch. Welcher Sprache sie mächtig war, hatte er bis heute noch nicht herausgefunden. Meist grunzte sie nur, wenn Schmandke ihr etwas zeigen wollte,

aber sie grunzte gut. Schmandkes blutige Unterlippe schmerzte, als er mit deutlichem Kraftaufwand auf die con-Liste kritzelte: e.tier. Da aber fiel es ihm wie Schmandkeschuppen von den Augen – in dem Moment, in dem er der lieblichen Putzfrau Namen geschrieben hatte, war ein Wunder geschehen. Auf dem Papier stand jetzt: schmus e.tier Schmandke sprang auf, jubilierte und streckte seine künstlerisch wertvollen Hände gen Himmel: Ein Schmusetier war genau, was er brauchte zu seinem Glück. Er lief, so schnell es ihm sein Denkerkörper erlaubte, in das allerletzte Zimmer seines kleinen Häuschens, ganz hinten am Gang: Hier waren all die ungeöffneten Briefe und Pakete gelagert, die ihm seine Fans im Laufe der Jahre zugeschickt hatten: Ein Fanpostkammerl. Vorsichtig betrat er das Zimmer und freute sich wie ein Kind, als er die Verpackung von einer kleinen Schachtel riss. Leider enthielt die Schachtel nur einen rosaroten BH und einen vermutlich getragenen Slip, kein Schmusetier. Schmandke setzte sich stöhnend auf den Boden, drückte Slip und bh an seine Brust und begann leise zu weinen. Vielleicht, dachte er sich, vielleicht würde er noch ein bisschen mehr Fanpost bekommen, nach der grandiosen Rezension im schmus und darin, ja darin, würde ihm möglicherweise irgendwer ein Schmusetier schicken.

—)— Eingecheckt und mit der Welt im Reinen. Auf seinem Zimmer stellte Schmandke fest, dass der versprochene Internetzugang sich nicht auf das erwartete wlan bezog, sondern auf ein Kabel, dass man an der Rezeption abholen konnte. Also mit dem Lift wieder hinunter, die immerglei-


Ad Personam: Andrea Stift

Das Schauderhafte im Alltäglichen, die Qual des Routinierten und Eingespielten und das Aberwitzige im Zwischenmenschlichen – das sind die großen Themen, die von der Grazer Autorin Andrea Stift wortgewaltig, gerne auch mit anarchisch subtilem Witz beackert werden. Stilistisch gibt sich die 36-Jährige dabei sehr vielfältig, ja nahezu bunt. Gerne werden dabei Raum und Zeit gebrochen, Literarisches mit Journalistischem vermischt. Was bei weniger versierten Schreibern beim Lesen wohl an die Nerven ginge, bringt Andrea Stift mit dem Kunststück zu Boden, die Leser mit lieblicher Heimtücke an ihre Geschichten zu binden. Als Einstieg in dieses Universum sei ihr aktueller Erzählband »Elfriede Jelinek spielt Gameboy« (Edition Keiper) empfohlen, der Manfred Gram alleine schon ob seines Titels hohen Zitierwert besitzt. 

che, arschwarme Liftmusik wie in jedem Hotel. Irgendwann würde Schmandke mal ein Buch schreiben: Die immer gleiche, arschwarme Musik in den immer gleichen Hotels. Seufzend aus dem Lift und hin zu der hübschen Blondine. Schmandke hätte nix dagegen, würde sie ihn erkennen und ihm in den ruhigen Nachtstunden einen Blowjob hinter der Theke bereiten, wie es ihm bereits in Barcelona, Paris und einem kleinen steirischen Kaff namens Unterlupitscheni passiert war. Die Sprache des Landes beherrschte er nur bruchstückhaft. Ich brauche das Kabel bitte, radebrechte er auf gargolitisch, die Rezeptionistin umfing ihn sofort mit ihren strahlend weißen Zähnen und sprach: Welches Kabel hätten sie denn gern? Nun musste er doch auf Englisch umsteigen. Das Kabel für … doch sie sprach weiter, unterbrach ihn: Das Internetkabel oder das Suizidkabel? Schmandke dachte: Pornos haben meine Libido zerstört. Mein Hirn wahrscheinlich auch. Die gute Dame muss mich falsch verstanden haben. Nein, nein. Ich brauche das Kabel für … Wahrscheinlich hatte die Dame an der Rezeption schon viel erlebt: herumdrucksende Dichter inklusive. Sie reichte ihm mit sehr bestimmtem Lächeln ein Kabel. Zwei Stunden später saß Schmandke immer noch mit dem Kabel auf seinem Bett. Seine gute Laune hatte sich völlig verwandelt, das Kabel in seinen Händen, das noch deutliche Spuren vom Erbrochenen seiner Vorgänger trug, hatte sämtliche Erdenschwere in Schmandkes sensitives Herz gesogen, sein Leben, seine Bestseller und sein neues Gebiss, all das konnte ihm nichts mehr bedeuten: mit diesem Kabel in Händen. Ohne Liebe. Ohne Internet. Allein und verlassen. Wenn ihm doch einfallen würde, wie dieser verdammte Stopperstek-Knoten gebunden wurde, den ihm sein Opa Heinrich-der-Seebär mal gezeigt hatte. So riss sich Schmandke die Depression seines Lebens auf, um grandios daran zu scheitern.


SFI

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A B H I ER : RE Z EN S ONEN

130 Efterklang Piramida (Rumraket / 4AD)

Eisiger Blues

BILD Rasmus Weng Karlsen

Efterklang wagen sich entgegen bisheriger Verspieltheit in ungekannte Gewässer – düster, pathetisch, ruhelos. Man möchte langsam darin ertrinken. Es hat sich etwas verändert. Efterklang haben seit ihrem letzten Album »Magic Chairs« (2010) unzählige Meilen zurückgelegt. Metaphorisch gemeint, hat sich doch der charakteristische bunte Charme des Kopenhagener Trios beinahe in dunklen Nebelschwaden aufgelöst. Die Meilen sind jedoch auch wörtlich zu nehmen. Efterklang sind nach Piramida, einer verlassenen und mittlerweile zur Geisterstadt mutierten, ehemaligen Minenarbeiter-Kolonie im hohen Norden Russlands gereist, um sich inspirieren zu lassen. Diese eisige Isolation, dieses trostlos scheinende Milieu haben zu all dem beigetragen, was »Piramida« ist – ein kleines Meisterwerk. Efterklang erleben während ihres vierten Albums einen Young Man Blues par excellence. Die gesamte Atmosphäre ist sachlicher und reifer als alles bisher Dagewesene. Bestimmend für diese ist bereits der Opener »Hollow Mountain«, in dem die warme Stimme Caspar Clausens teils beherzt, teils erschöpft über gekonnt feingliedrige elektronische Soundwellen schwirrt. »Apples« passt sich mit melodramatischen Hörnern der schwermütigen Stimmung an, die mit »Sedna« noch weitere Tiefen erreicht. Verhalten verschmelzen Vocals, leise Chöre und Basslinien ineinander, ehe sie langsam ermattet und überwältigt in der Dunkelheit ertrinken. Inmitten des neu entdeckten Wehmuts und der alles ummantelnden Düsternis bringen es Efterklang auf »Piramida« trotzdem auch zustande, Lichtblicke am vibrierenden Klanghimmel aufleuchten zu lassen. »Told To Be Fine« und »The Ghost« fungieren durch die harmonische Polyrhythmik als fantastische Hoffnungsanker zwischen all den großartig melancholischen Balladen und Dramen, die ihren Höhepunkt wohl im nachfolgenden Epos »Black Summer« finden. »Between The Walls« ist einer der wirklich raren Momente auf »Piramida«, die an die »früheren« Efterklang erinnern, ehe das Finale »Monument« wieder den heißkalten Ambient-Pop als roten Faden des gesamten vierten Albums aufgabelt und dann ganz langsam verblasst. Efterklang verwurzeln sich mit »Piramida« auf grazile Weise noch tiefer als umjubeltes und eigensinniges Unikat in der europäischen Musiklandschaft. Ganz groß! 09/10 Nicole Schöndorfer

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Rez

Daphni Jiaolong (Jiaolong)

Friendly Fires / Metronomy Late Night Tales (EMI)

Panda Beats Caribous Dan Snaith packt in sein neues Projekt all das, was sonst nirgends reingepasst hat – Club-Beats, House-Synths und Samples aus aller Herren Länder. Ein pumpender Beat, Acid und Claps – gleich zu Beginn der Daphni-Platte ist klar, dass das definitiv kein Caribou-Album ist. Einfach nur House, das wäre für Dan Snaith andererseits viel zu langweilig, immerhin hat er vor Kurzem mit Caribou das eine alles vereinende Album gemacht, das Song und Track zusammengebracht hat, das Laptop mit Band versöhnte und Leute aus allen Lagern. Der Multiinstrumentalist, Mathematiker, Geek und Sportsandalenträger Dan Snaith macht mit seinem Projekt Daphni etwas anderes. Er will in den Club und samplet sich dabei einmal um den ganzen Globus – bei »Yes, I Know« kommt zum Beispiel Buddy Miles’ »The Segment« zu Sample-Ehren. Doch gerade diese SampleWut wird schon beim nächsten Track »Cos-Ber-Zam – Ne Noya« zum Verhängnis. Das Afrobeat-Sample ist weitgehend nervtötend und zum Glück nach knapp fünfeinhalb Minuten vorbei. So kristallisiert sich bereits nach zwei Tracks, welche schon vorher über Snaiths Label Jiaolong bekannt waren, die Ausrichtung des Projektes heraus – gelungene Clubtracks da, und anstrengend gesetzte Samples dort. In ähnlicher Tonart geht es weiter, einmal sind es verhaltene Microbeats, die als Stimmungsmittel eingesetzt werden, dann wieder zerrüttete Samples mit südamerikanischer Panflöte, Schlangenbeschwörungen und 8-bit-Sounds. Das Ziel ist der Club, oft bewegt sich Daphni allerdings gezielt daran vorbei. Auf »Springs« meint er, er wäre offenbar ein Südstaaten-HipHop-Wizard, der seine Crowd nur mit ein paar wenigen Samples über einem trockenen Beat in Rage bringt. Auf »Long« verschiebt er den rhythmischen Schwerpunkt quer durch den Track. Und im Grunde ist aber der herausragende Track »Ye Ye« schon seit über einem Jahr bekannt. »Jiaolong« ist was es ist, ein Album zwischen zwei Welten, da der Zwang alles und jeden mit Aphex Twin’scher Leichtigkeit und Experimentierfreude zu überraschen und dort die Überforderung damit zurechtzukommen. Das nächste Caribou-Album kommt bestimmt. 06/10 Kevin Reiterer 058

m usik

It’s My Life Eine Mix-Serie macht sich auch die Suche nach der verlorenen Zukunft und schreibt dabei auch noch Geschichte neu. Wann hast du eigentlich dein letztes Mixtape gemacht? Eines mit Liebe, das jemandem sagt, wer du bist, was dir wichtig ist und welche Töne du spuckst, mit dem du aufschneidest, dein Inneres aufschneidest und dich für andere in Form bringst? Die Londoner Serie »Late Night Tales« bittet bekannte Gestalten der Musik, das zu tun. Eben ist die Serie zehn Jahre alt geworden, heuer erstmals mit erhöhter Schlagzahl – mit vier Stück innerhalb von nur acht Monaten. Die Nachtgeschichten selbst schalten dafür oft genug auf Zeitlupe um, auf echte Ohrwaschelmusik, zum drin wohnen, mit feinstem Ausblick und Bildungsauftrag. Irgendwie sind die »Late Night Tales« damit auch eine Antwort auf das Modell DJ-Mix. Statt Visitenkarte der Gegenwart sind sie Memos und Erinnerungsbänder. Das vergangene Jahrzehnt Popmusik war ja bereits von seinen digitalisierten Archiven und der neuen, geilen Allverfügbarkeit von jeder Musik besessen. Da braucht es außer maschinellen Algorithmen noch andere Führer durch die unwegsamen Plateaus. Experten, Stalker, die außergewöhnliche Songs erkennen. Was beide ohnehin mühelos schaffen. Manchmal heißt das auch das wertschätzen, was gestern noch links liegen gelassen worden wäre. Wenn nun sowohl Friendly Fires wie auch Metronomy plötzlich mit ihren Coverversionen durch die Ruinen elektronischer Musik aus den 70ern streifen, durch die Traummusik der 90er, nebeligen R ’n’ B und Weltraumfunk, dann ist das nicht nur ein Ausflug in die Geschichte. Sie stellen als Kuratoren die Frage, wo denn bitte bloß die Zukunft von früher hin ist. Und ob die Zukunft von damals nicht teilweise sogar brauchbarer ist, als die von heute. Betörend wird das durch Coverbilder illustriert, auf denen vertraute Gegenständen sonderbar von innen leuchten, aus nächster Nähe glühen und so wie die Tracks selbst Geheimnisse in sich tragen. Popgeschichte wird von ihrer Zeit und ihren Rätseln neu geschrieben. Mit ein bisschen Glück werden durch genau solche Mixtapes Songs wiederentdeckt, bekommen posthum viel Geld über eine Autowerbung und werden danach so verehrt wie Nick Drake. Das Zauberzeug dazu haben viele. Und so wird das vielleicht doch noch etwas, mit uns und der Zukunft nach ihrem Tod. 08/10 Stefan Niederwieser


Rez

Prince Rama Top Ten Hits Of The End Of The World (Paw Tracks)

Der Sinn des Lebens

BILD John Londono, EMI Music, Paw Tracks, Secretly canadian

Prince Rama empfangen aus der Zukunft ein Album, das zwar Untergangsängste und Esoterik fantastisch überzeichnet, aber leider nicht entsprechend gut klingt. Wer kennt noch Grotus? Zu selig-seelenlosen GrungeZeiten experimentierte die US-Band mit fremden Skalen, mit Trommeln, Sounds, Dissonanzen und brachten Politik, Umwelt und Humor in die verwirrenden frühen 90er. Mike Patton und Nine Inch Nails waren Fans. Und wer kennt Grotus heute? Man könnte sagen: viel zu wenige Menschen. Ähnlich wird es Prince Rama ergehen. Ihr Album ist großartig und abgedreht, ist ein gezieltes Chaos aus Konzepten, Visionen und Eingebungen. So richtig weiß man dabei nie, ob das Kunst, Parodie, Pop, New Age, zu viel Ironie oder ein schlechter Scherz ist. Im Zweifelsfall – wie immer – etwas von allem. So wie ja auch die Kollegen von Ariel Pink. Die haben das Album zur Hälfte produziert. Klar, auch die unfehlbaren Animal Collective sind Fans. Und warum kennt man Prince Rama heute? Prince Rama haben zehn Songs aus der Zukunft empfangen, haben sich von fiktiven Bands mit Namen wie Rage Peace, Taohaus oder Guns Of Dubai aus der Geisterwelt einflüstern lassen. Prince Rama haben die viel zu überdrehten Biografien und die viel zu ähnlichen Songs nur noch niedergeschrieben. Die Basis sind einfache Rhythmen und einfache Synths. Darauf singen die New Yorker Schwestern wie Hare-Krishna-Hipsters, improvisieren mit Flöten oder einem Mellotron, wenn ihnen auf den Tasten gerade nichts einfällt. Oft wirken die Songs, als wäre die zweitbeste Melodie schon gut genug gewesen. Das klingt anständig, ist live sicher Irrsinn, aber halt auch schon ein paar Jahre bekannt. Egal – das Konzept geht vor. Und da gehen reihenweise Bands auf der Suche nach der Erlösung kurz vor dem Weltuntergang über den Jordan. Das macht zwar keinen Sinn und ist deshalb geil. Als nächstes planen Prince Rama ein Kickstarter-Projekt für eine Now-Age-Psychedelic-Oper. Und reichten gleich im Anschluss ein zweites Kickstarter-Projekt ein für die Erklärung, was das überhaupt bedeutet. Prince Rama fahren so mit Esoterik, Weltuntergangsstimmung und dem Prekariat Achterbahn durch ihren Dimensionsparcours. Und Grotus? Die waren ähnlich visionär, haben auch gar nicht so gut geklungen und sind heute vergessen. 06/10 Stefan Niederwieser

m usik

Taken By Tress Other Worlds (Secretly Canadian)

Geisterstrandhaus Taken By Trees konstruiert einen flüchtigen, von allem entrückten Weltmusik-Pop, der nur mehr in der Wolke zuhause ist. Anfang der Nuller-Jahre formierte sich im schwedischen Göteborg rund um das Label Service und Acts wie Studio, Air France oder The Tough Alliance eine Szene, die die Kühle und die hochentwickelte Geschmackssicherheit des Nordens in ein tropikalisches Licht tauchte. Geschmeidig griffen hier zerdehnte Italo-Disco und sphärischer Synthie-Pop ineinander, umschmiegten sich Frühformen von »weichem« Techno mit Indie-Pop der repetitiven Manchester-Rave-Schule. Nicht bloß aufgrund einiger herausragender Releases waren hier The Tough Alliance bemerkenswert: Der ostentativen Sanftheit ihrer Musik entgegenwirkend, gerierte sich das Duo in Interviews rüpelhaft, als Prankster vom Schlage KLF: Bei Live-Performances trat es zu Voll-Playback auf und hantierte auf der Bühne lieber mit Baseball-Schlägern, als zu singen. Auf ihrem eigenen Label Sincerely Yours vertrieben The Tough Alliance kugelsichere Westen. Über schnöde Arbeitsprozesse innerhalb des Bandgefüges wollten sie nicht Auskunft geben. Die Musik ist, was sie ist. The Tough Alliance haben sich mittlerweile aufgelöst, Henning Fürst, eine Hälfte des Duos, hat das neue, dritte Album von Taken By Trees produziert und zu großen Teilen aktiv mitgestaltet, bzw. Victoria Bergsmann, die Frau hinter Taken By Trees, hat sich von Fürst behilflich sein lassen. Über Zuständigkeiten, Rollenverteilungen und Arbeitsmaterialen ist wenig bekannt. Analog und digital, diverse Weltmusiken, die hier nirgendwo mehr eine Verknüpfung zu ihrer Herkunft haben zu scheinen und bloß als leere Zeichen Verwendung finden, verschmelzen auf »Other Worlds« zu einer völlig ortlosen, geisterhaften MetaMusik. Dub, Calypso, tropikalischer Pop, Steel Drums, Percussions in Zeitlupe – darüber thront der verhuschte Gesang von Bergsmann, die sich für diese Platte von einem Trip nach Hawaii hat inspirieren hat lassen. Tatsächlich könnten wir hier aber auch genauso Kingston, Portof-Spain oder Bristol hören. Es ist eine konstruierte Musik, die sich jeder Verbindlichkeit entledigt hat. Post-Internet, wie Frau Grimes eventuell einmal gesagt hat – hier ist es. 08/10 Philipp L’heritier 059


Rez

Reptile Youth Reptile Youth (HFN Music / Rough Trade)

Unfrisiert Reptile Youth sagen auf ihrem gleichnamigen Debütalbum der Monotonie den Kampf an – und lassen dabei keinen Stein auf dem anderen. Da ist es also, das Debütalbum dieser beiden mindestens so sympathischen wie unfrisierten Dänen namens Reptile Youth. Bereits der erste Song »Black Swan Born White« wirft die Frage auf, ob es sich hier nun um Indie Rock oder doch um Electro Pop handelt – und noch im selben Song entlarven Reptile Youth diese Frage als eine komplett überflüssige: Genregrenzen werden hier mit beiden Händen über Bord geworfen, und alles was am Ende übrig bleibt, ist ein bunt schillernder Film auf der Oberfläche eines Ozeans voll großer Melodien und kleiner Meisterwerke. Mühelos und souverän singen sich Reptile Youth durch ihr Erstlingswerk – nicht selten nur einen Kinderchor entfernt von einer Paul-Epworth-Produktion in Stadiongröße. Dann plötzlich wieder Themenwechsel: düstere Gitarrenriffs und knarzige Synths, unheilverkündende Trommelwirbel und apokalyptische Textpassagen – unglaublicherweise präsentiert in ohrwurmtauglicher Verpackung. »Reptile Youth« als tanzbar zu bezeichnen wäre eine heillose Untertreibung, und so wähnt man sich allerspätestens bei »Speeddance«, dem singleerprobten vierten Song des Albums, in der brodelnden ersten Reihe eines verschwitzen Clubs an einem dieser Abende an denen es ganz bestimmt nicht bei einem Bier bleiben wird. Mal unbeschwert und trivial, mal melancholisch und tiefgründig: von Kindheitserinnerungen und Lebensweisheiten bis hin zu Yoko Ono und Moses wird auf »Reptile Youth« so ziemlich alles und jeder besungen. »I’m surfing on endorphines« singen Reptile Youth drei Songs weiter auf »Shooting Up Sunshine«, und übertreiben auch hier kein bisschen: ein perfekter Song, um verschlafen in den Sonnenaufgang zu blinzeln – ob am Heimweg nach einer durchtanzten Nacht oder bei einem Frühstück am Gipfel der Gefühle wird allerdings offen gelassen. Reptile Youth sagen auf ihrem gleichnamigen Debütalbum der Monotonie den Kampf an, lassen dabei nichts unversucht und sind nie um musikalische Leihgaben und Referenzen verlegen. Ein kleines Meisterwerk. 08/10 jakob bouchal 060

m usik

Stumbleine Spiderwebbed (Monotreme)

Trampolinspringen in Zeitlupe Stumbleine liefert die Musik zu Instagram-Aufnahmen. Das ist teilweise sehr schön, trägt aber nicht wirklich ein volles Album. Unter den Sünden der Musikproduktion erreichen gepitchte Stimmen zwar lange nicht die Top 3, gehen aber im Prinzip trotzdem überhaupt nicht. Die Helium-Vocals haben immer ein bisschen was von Alvin & The Chipmunks, Vadder Abraham und die Schlümpfe oder Gangster-Rap aus einem Vorort von Kassel. Wer immer Stumbleine zu dem exzessiven Gebrauch dieses Instruments geraten hat, kann kein guter Freund gewesen sein. Das Erstaunliche: Das Debüt des Produzenten aus Bristol, der im Vorfeld bereits mit verwirrend vielen EPs von sich reden gemacht hat, schafft es sogar nach diesem Schuss ins eigene Knie in respektabler Zeit ins Ziel. »Spiderwebbed« ist Chillwave der langsamen und fröhlichen Sorte, der mit Ende Oktober eigentlich einige Monate zu spät erscheint. Zu der Musik von Stumbleine möchte man seine Sommerromanze küssen, Menschen auf Wiesen mit Instagram fotografieren oder in Zeitlupe auf einem Trampolin herumspringen. Je nach Ausmaß des Broken Beat-Anteils klingt das Ganze dann mal nach Neon Indian, mal nach Gold Panda, oft halt dann auch wie irgendetwas dazwischen. Der Überhit des Albums und gleichzeitig unbedingter Anspieltipp ist das wunderbare »If You«, das von der Kombination aus klickerndem Beat und extrem reduzierter Gitarre lebt. Überhaupt schafft Stumbleine immer wieder, dem Hörer mit wenigen Mitteln ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Tracks wie »Honeycomb« oder »The Corner Of Her Eye« werden im Grunde viereinhalb Minuten durch ein einzelnes, zerbrechlich schimmerndes Riff zusammengehalten. Doch jedes Mal, wenn man denkt, dass das eigentlich nicht reichen kann, erwischt man sich doch wieder, wie man dazu ins Träumen gerät. Mit »Fade Into You« hat sich sogar ein Mazzy-Star-Cover auf das Album verirrt, das als richtiger Song seltsam aus dem Rahmen fällt. Leider ist »Spiderwebbed« auf Albumlänge dann doch etwas zu süßlich geraten. Die Tracks sind letztlich sehr einheitlich, und der Soundentwurf trägt nicht zehn davon in Folge. Wobei: Das mag auch eine Frage der Jahreszeit sein. Der nächste Sommer kommt bestimmt. 06/10 Jonas Vogt


Rez

m usik

FM4

SOUNDPARK

TOUR FM4.ORF.AT

Vessel Order Of Noise (Tri Angle Records)

Ghost On The Dancefloor

BILD HFN Music, Monotreme, Tri Angle Records

Der Produzent aus Bristol verbindet auf seinem Debüt DubTechno und Witch House. Das ist überraschend schlüssig. Es gibt einen Ort, an dem die urbane Finsternis zuhause ist. Es ist eine gepflegte, urbane Finsternis. Mehr Schauer als Horror. Wie ein Film, an dessen Ende nicht nur die Frau, sondern zur Abwechslung auch ihr Freund überlebt. Dieser Ort liegt in London und hört auf den Namen Tri Angle Records. Das Label hat Witch House mit allen seinen wunderbaren und extrem nervigen Facetten (Dreiecke in Labelnamen zum Beispiel!) kultiviert und weiterentwickelt. Heuer erschienen mit How To Dress Wells »Total Loss« und Holy Others »Held« allerdings schon zwei extrem intime und wunderbare Platten auf Tri Angle. Mit Vessels Debüt »Order Of Noise« führt das Label dieser Tage ein weiteres Album dieser Reihe hinzu, die dem geisterhaften Soundentwurf neue Nuancen abgewinnen kann. Anders als zum Beispiel Holy Other, der seine Musik im abgedunkelten Schlafzimmer produziert und die letztlich auch dort zuhause ist, ist Vessels Output viel technoider. Der Produzent aus Bristol verzichtet keinesfalls auf die typischen, sphärischen Synthies, die Autotune-verfremdeten Stimmen oder den massiven Einsatz von Delay. Aber Vessel hat offenbar eine Vorliebe für Dub Techno, die sich auf seinem Album überall widerspiegelt: Die Beats und Bässe auf »Order Of Noise« sind viel pumpender, viel treibender als bei seinen Label- oder Genrekollegen. Aber auch Versatzstücke von Ambient finden sich zuhauf. Auf »2 Moon Dub« vereint Vessel im Grunde programmatisch seine Einflussquellen: Der Track beginnt klickernd und hallend wie ein düsteres Stück Noise. Irgendwann unterbricht ein überraschend schneller und melodischer Basslauf das Szenario, über den dann nach der Hälfte des Songs ein noch melodischeres und träumerisches Thema gelegt wird. Tracks wie das hämmernde »Scarletta« oder piepende »Lache« ziehen sogar – völlig ungewöhnlich für Tri Angle-Artists – auf die Tanzfläche. Überhaupt ist »Order Of Noise« eher eine angenehme Finsternis. Weniger die Traurigkeit einer einsamen Wohnung, sondern mehr die Lakonie einer morgendlichen, fast leeren Tanzfläche. Wird schon alles wieder. 07/10 Jonas Vogt

KOMMANDO ELEFANT

ELOUI

beginn 20:00

GUDRUN VON LAXENBURG

Mi, 24.10. Salzburg

Rockhouse

Do, 25.10. Dornbirn

Spielboden

Fr, 26.10. Innsbruck

Weekender

Sa, 27.10. Klagenfurt Parkhaus So, 28.10. Wien

Chelsea


reZ

mUSIK

GEWINNE EIN JUKE-ABO, INDEM DU UNS DEIN LIKE AUF FACEBOOK GIBST. AUS ALLEN LIKES PRO BILD VERLOSEN WIR JE EIN ABO FÜR 3 MONATE AUF MONO.AT/MYJUKECHARTS MUSIK IN DER FLATRATE STREAMEN AUF WWW.MYJUKE.AT anstam stones and woods (50 Weapons) — introvertierte electronica der alten Schule. weniger an Druck, neuesten Tricks oder Trends interessiert, sondern mehr kunstvoll ausgeführt.

liliane Blaha

shaun Berkovits lights spill like oceans (In Bloom) — Das Debüt der Grazer indierockband liefert einen ausgereiften Sound mit großem hang zum erhabenen. 7/10 GERALD C. STOCKER

6/10 THOMAS WIESER

Boys Noize out of the Black (Boys Noize Records) — »Out Of The Black« ist ein konsensalbum – electroRoots, eDm-Geballere, haudrauf-attitüde, Snoop Dogg und alles, was sonst noch raus muss. 6/10 KEVIN REITERER

(Super-Fi, Breakview VJs)

TOP 10

winTeR iS cOminG

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The Forest – Trentemoeller eyesdown (Floating Points) – Bonobo feat. a. Triana Stick to my side – Pantha du Prince feat. Panda Bear Rusty nails – moderat Feel Something – holy Other Drowned city – Dark Sky nitesky – Robot koch feat. John lamonicaby channel 1 Suite – The cinematic Orchestra witch hunt – Zomby The First, The last, my everything – Barry white

TOP 5

lOVe’S OVeR

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apart – Balam acab The eraser – Thom Yorke archangel – Burial edison – ellen allien & apparat Goodby – apparat feat. Soap & Skin

hugh cornwell totem and tabu (Cadiz) — Der ex-»würger« von den Stranglers setzt sich auf seinem neuen album intensiv mit Sigmund Freud auseinander. 6/10 GERALD C. STOCKER

dark dark dark who Needs who (Melodic) — Der verspielte kammer-Folk des USQuintetts streift feinste emotionale nuancen zwischen Sehnsucht, Resignation und weisheit - und trifft damit ganz ganz tief.

dignan porch Nothing Bad will ever happen (Captured Tracks) — eine weitere, feine Platte zwischen Shoegaze und Post-Punk aus dem hause captured Tracks. wo finden die nur all diese Bands?

7/10 NICOLE SCHÖNDORFER

7/10 RICHARD TURKOWITSCH

Neurosis in a shadow world (Neurot) — Die hölle, das sind die anderen. Das gilt heute mehr denn je. Und neurosis sind sowieso die obersten Posaunisten der zwischenmenschlichen endzeit.

reptile youth reptile youth (Hfn Music / Rough Trade) — Reptile Youth sagen auf ihrem gleichnamigen Debütalbum der monotonie den kampf an – und lassen dabei keinen Stein auf dem anderen. 8/10 JAKOB BOUCHAL

aUch nichT SchlechT: Don’t U know – Placeholder

max Zeller

(The Gap, Bebop Rodeo, Rts.fm)

TOP 10

Mumford & sons Babel (Universal) — Das wunder »Sigh no more« ist nicht wiederholbar. Das nachfolgealbum der britischen Folk-Rocker ist okay, wenn mensch Geschmacksverstärker mag. 4/10 RAINER KRISPEL

6/10 STEFAN NIEDERWIESER

hOUSe claSSicS

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kerri chandler – Rain Tyree – Video crash Frankie knuckles –Baby want’s To Ride Fingers inc. – mystery Of love DJ Pierre – muzik (The Tribal wild Pitch mix) adonis – no way Back DJ Sneak – keep On Groovin (Pitch Disco mix) harddrive – Deep inside Phuture – Rise From Your Grave (wild Pitch mix) Joe Smooth – Promised land

TOP 5

hiPSTeR RaP

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Quakers – Fitta happier Death Grips – The Fever (aye aye) Tyler The creator feat. hodgy Beats – French kendrick lamar – The Recipe asap Rocky – Pretty Flacko

aUch nichT SchlechT: alif Tree – Forgotten Places (moodymann Remix)

tracey thorn tinsel and lights (Strange Feeling) — eine 80er Jahre ikone und 90er Jahre indie Disco Queen geht auf charmante Zeitreise mit einem saisonalen weihnachtscoveralbum.

too tangled where echoes die (Popup) — Das selbsternannte belgische Trashrock Duo versteigt sich in düster-süßlichen Popsongs, die zu oft nur nach solidem handwerk klingen.

6/10 GERALD C. STOCKER

4/10 GERALD C. STOCKER

ufomammut oro opus alter (Neurot) — Die zwingendere, zweite hälfte eines Doom konzeptalbums. kürzer, knackiger und nicht minder episch als sein Vorgänger. 7/10 REINER KAPELLER


peter Broderick these walls of Mine (Erased Tapes / Indigo) — Peter Broderick beherrscht leise Stimmungen und geduckte Texte, nur Songs nicht so. 5/10 STEFAN NIEDERWIESER

calexico algiers (City Slang) — Die Gentlemen Joey Burns und John convertino verblüffen damit, wie brillant ihr sechstes Studio-album ist. ein weiteres karriere-highlight. 7/10 RAINER KRISPEL

mUSIK

candy Beat camp stay okay (Lasvegasrecords) — exincredible Staggers-Drummer candee Beat folgt seiner Pop-Punk-muse mit diesem dritten album seiner eigenen Band. kurzweiliges entertainment. 6/10 RAINER KRISPEL

cemeteries the wilderness (Lefse) — Dreampop mit naturbezug tritt schlafwandelnd den Rückzug in die Romanik an, zurück zur wildnis und zum synthetischen Goth-Folk. 8/10 JULIANE FISCHER

collapse under the empire Fragments of a prayer (Finaltune / Broken Silence) — Solider, instrumentaler melancholie-Post-Rock im Stile von mogwai, explosions in The Sky oder The album leaf. Das Ganze hat man aber schon spannender gehört. 5/10 WERNER SCHRÖTTNER

heavenly Beat talent (Captured Track) — Der frühere Bassist der Brooklyner Band Beach Fossils rührt mit seinem Solo-Projekt cremefarbene Popmusik für – achtung! – den Strand an. Früher hat man »chillwave« dazu gesagt. 7/10 PHILIPP L‘HERITIER

peter Van hoesen perceiver (Time To Express) — Peter Van hoesen beginnt mit »Perceiver« dort, wo er 2010 mit »entropic city« aufgehört hat – düsterer, kompromissloser Techno. 7/10 KEVIN REITERER

hVoB – her Voice over Boys dogs ep (Stil Vor Talent) — hVOB stellen die weichen für eine große Zukunft, sie könnten bald neben Parov Stelar und camo & krooked zum größten elektronikexportschlager aufsteigen.

Moullinex Flora (Gomma) — Disco à la minga: auf Platte gepresster Sonnenschein, kurzweil und gute laune durch die fetten Gläser einer teuren Retrobrille, spaßig, aber nichts neues.

Mouse on Mars wow (Monkeytown) — ein weiteres programmiertechnisches muskelspiel der deutschen iDm-Veteranen, das diesmal ein wenig selbstbezogen daherkommt.

5/10 MARTIN RIEDL

6/10 THOMAS WIESER

sizarr psycho Boy happy (Four music / Sony) — Reifer haben Schülerbands noch nicht geklungen: Sizarr aus landau - dem klassenzimmer entwachsen - machen musik für eine weltbühne.

susanne sundfør the silicone Veil (Grönland Records) — chamber-Pop-mädchen springt auf den vollbesetzten Zug der düster-traurigen Synthie-Bräute. in Sundførs norwegischer heimat geht das konzept bereits voll auf.

7/10 KEVIN REITERER

s3 (Miles Bonny and Brenk sinatra) supa soul shit (Melting Pot Music) — Sonnendurchfluteter, auf hip hop beruhender elektronischer, samplebasierter Soul für die Sonntagmorgengrillparty im Park.

schneider tM construction sounds (Bureau B) — Zum ambientös-dronigen wall of Sound aufgeblasener Baustellenlärm für Freunde der kopflastigen konzeptkunst. 6/10 THOMAS WIESER

6/10 THOMAS WIESER

sinner dc Future that Never happend (Mental Groove) — Das Dreiergespann aus Genf wirkt nach über einer Dekade des Schaffens sichtlich ziel- und stilsicher aber auch berechenbar und überbordend.

8/10 MARTIN RIEDL

5/10 KEVIN REITERER

Van she idea of happiness (Modular People) — kurzweiliges album für sonnige nachmittage, irgendwo zwischen Beach Boys, miami Vice und elektropop - ganz ohne händein-die-höhe momente.

Various artists ancestors of rap (Tramp Records) — Sprechgesang ist nicht automatisch Rapping. Trotz dieses leberflecks im konzept, ist die ahnenschauch lehrreich, auch wenn es zwingedere compilations zum Thema gibt.

7/10 JAKOB BOUCHAL

5/10 STEFAN NIEDERWIESER

Various artists country soul sisters (Soul Jazz Records) — Brillante compilation! 25 großartige Songs von country-Sängerinnen wie Dolly Parton, Tammy wynette und der unlängst verstorbenen kitty wells. 8/10 RAINER KRISPEL

7/10 SANDRA BERNHOFER

welle wien welle wien (Geco Tonwaren) — Ujegerl. eine offene Formation um einen Tanz, Baby-musiker beschwört ein anderes wiengefühl und macht alles falsch. So notwendig wie die Stronach-Partei.

woolfy vs projections the return of love (Permanent Vacation) — Da wo sich walgesänge und weltraumdisco gute nacht sagen, entdeckt ein kalifornisches Duo die liebe neu. Die Folge: vor lauter watte taube Ohren.

2/10 RAINER KRISPEL

4/10 STEFAN NIEDERWIESER

063

01/10 GROTTiG 02/10 SchlechT 03/10 naJa 04/10 Ok, PaSST eh 05/10 GUTeR DURchSchniTT 06/10 SehR GUT 07/10 SUPeR 08/10 ein TOP-alBUm DeS JahReS, GenRe-klaSSikeR 09/10 aBSOlUTeS meiSTeRweRk

reZ


Rez Die Kunst, sich die Schuhe zu binden (von Lena Koppel) — Die Happy-Ending-Story »Die Kunst, sich die Schuhe zu binden« hat im Sommer 2011 das schwedische Kino aufgeheitert. Als Vorlage diente die Entstehungsgeschichte des Theaterprojekts Glada Hudik. Eine betreute Gruppe geistig behinderter Menschen entdeckt das Schauspiel für sich. In dieser Zusammenarbeit entstand ein besonderes Feingefühl, das auch im Film spürbar ist. So ist die Entwicklung des menschlichen Umgangs Dreh-und Angelpunkt der Handlung (und war es bei den Dreharbeiten). Das ergibt eine schmale lineare Erzählspur ohne Nebenhandlungen. Diese einseitige Sichtweise muss man in Kauf nehmen, um die familiäre Atmosphäre zwischen den Amateurschauspielern zu spüren. Der neue Betreuer Alex lernt als anfänglicher Versagertyp mit Geduld von seinen Schützlingen im Behindertenheim. Auch vor der Leinwand bewährt es sich, einen Gang zurückzuschalten und behutsam auf die feinen Zwischentöne zu hören. Der Film fordert reflektierende Blickwinkel und das Abweichen von Vorurteilen. Das benötigt viel Geduld und wirkt gelegentlich fad. 05/10 Juliane Fischer Die Vermessung der Welt (von Detlev Buck) — Ende des 18. Jahrhunderts schreiben zwei deutsche Wissenschaftler Geschichte. Alexander von Humboldt (Albrecht Schuch) tingelt den Amazonas entlang und steigt langsam zum umjubelten Forscher-Star auf. Währenddessen schreibt Carl Friedrich Gauß (Florian Fitz) in der Heimat an einem revolutionären Buch. Das wird ihm zuerst Kopfschütteln und später einen Sitz im Pantheon der Mathematiker einbringen. Die beiden Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein. So inszeniert Regisseur Detlev Buck die Doppel-Biografie denn auch als Ringelspiel der Gegensätze. Nobel trifft auf arm, Eheglück auf Männerfreundschaft, Intellekt und Genie auf Tatendrang und Entdeckerfreude. Trotz Dichotomien-Overkill kommt ein kluger, unterhaltsamer Film zustande. Er behandelt das Coming-of-Age der westlichen Zivilisation sowie den menschlichen Trieb, weiße Flecken von Landkarten zu tilgen. Auf dem visuellen Level überzeugt »Die Vermessung der Welt« durch atmosphärisch dichte Bilder und hervorragende 3D-Effekte (an denen sich so mancher Hollywood-Streifen ein Vorbild nehmen könnte). Ein wenig mehr Humor und eine bessere Nachsynchronisation hätten dem Film jedoch nicht schlecht getan. 07/10 Leo Dworschak Richtung Nowa Huta (von Dariusz Kowalski) — Dem Titel angemessen bringt »Richtung Nowa Huta« nichts auf den Punkt. Dariusz Kowalski thematisiert die Geschichtlichkeit seines Geburtsorts Nowa Huta, jener geplanten Stahlstadt östlich von Krakau. Fortwährend setzt sich der dortige Alltag – mehr oder weniger absichtlich – mit dem Erbe des polnischen Kommunismus auseinander. Er zeigt Jugendliche die versuchen, die unendlichen Industrieruinen für sich zu nutzen; ein Ehepaar, das ihre Hochzeitsfotos in Fabrikstrümmern schießen lässt; Gespräche zwischen alten sich erinnernden Arbeitern; eine folkloristische Kindertanzgruppe; lange begleitet er einen jungen Reiseführer, der historische Touren in einem Trabi anbietet. Im persönlichen Dialog kommt Kowalski den Menschen und seiner eigenen Biografie nahe, seine Kamera bleibt diskret. Aus dieser Reibung entwickelt sich eine sehr nachdenklicher und anregender Dokumentarfilm über eine gebeutelte Stadt und ihre Bewohner. Verständnisvoll überträgt »Richtung Nowa Hutta« seine Sozialgeschichte ins Kino. 07/10 Klaus Buchholz 064

F il m

On The Road (von Walter Salles; mit Garrett Hedlund, Sam Riley, Kristen Stewart, Kirsten Dunst, Viggo Mortensen)

Faszination Wahnsinn Mit großem Schauspiel hat Walter Salles Jack Kerouacs Quasi-Autobiografie verfilmt. Was als Roman zum Sinnbild der Beatniks wurde, mangelt auf der Leinwand an der Skript-Umsetzung. Die endlosen Weiten der Prärie, blau dünstende Berge am Horizont, geometrische Anordnungen von Regentropfen auf Windschutzscheiben – so sieht ein Roadmovie aus. Doch »On The Road« ist mehr als der Reisebericht eines jungen Schriftstellers. Jack Kerouac hat seine Vita zum Verhandlungsort einer Gesellschaftskritik gemacht. Er gibt seinen Beobachtungen Raum zur topographischen Entfaltung, durchzieht die unterschiedlichen Facetten wie die wechselnden Städte. Im Film verstumpft dieser Ansatz in einer verklärten Ansicht jugendlicher Zügellosigkeit. Wir waren doch alle mal jung und aufmüpfig und wollten an die Grenzen. So will der Film in erster Linie ästhetisch verzücken, was ihm gelingt (was aber auch in 25 Minuten weniger Laufzeit gelungen wäre). Sal Paradise (Sam Riley) träumt vom Leben. Er stürzt sich in die Abenteuer und diese sind für ihn vor allem mit einer Person verbunden: Dean Moriarty (Garrett Hedlund). Fasziniert von seinem kompromisslosen Lebenshunger verfängt sich Sal immer mehr in dessen Bann, bis er an seine Grenzen stößt. Dabei ist er nicht allein. Die Figuren im Film drehen sich in den Umlaufbahnen von Deans Charme. Einzig Old Bull Lee erkennt die Gefahr, die von Moriartys Wahn ausgeht (Viggo Mortensen beehrt uns kurz als Über-Beatnik William S. Burroughs). Was den Wahn ausmacht und warum er so anziehend ist, bleibt dennoch ein Rätsel. Garrett Hedlund verleiht seinem Dean zwar das Aussehen, um eine solche, beinah magische Anziehungskraft glaubwürdig zu machen. Doch am mangelnden Tiefgang des Skripts ändert das leider nichts. Lob gilt es für die grandiose Schauspielleistung auszusprechen: Sam Riley und Garrett Hedlund passen ausgezeichnet in ihre Counterparts. Tom Sturridge überzeugt als von der Muse des Wahnsinns geküsster Poet Carlo Marx (also Allen Ginsberg). Selbst Kristen Stewart wirkt nicht fehl am Platz. Eingefleischte Kerouac-Fans seien gewarnt, ebenso wie jene, die sich von dem Film eine Darstellung der Beat-Generation erwarten, die sich an Kontexten orientiert. Alle anderen dürfen sich getrost 137 Minuten lang unterhalten lassen. 06/10 Lena Stölzl


Rez

F il m Cinema Paradiso Rathausplatz St. Pölten Freitag + Samstag Der neue Club in der Innenstadt von St. Pölten. Jedes Wochenende Filme, Konzerte und DJ-Lines bis die Sonne aufwacht. Dazu eine lässige Bar direkt am Rathausplatz.

We Need To Talk About Kevin (von Lynne Ramsay; mit Tilda Swinton, John C. Reilly, Ezra Miller)

Alles über Kevin Ein Kind zerstört das Leben seiner ganzen Familie. Das Drama »We Need To Talk About Kevin« ist fesselnd, verliert sich schlussendlich aber leider in sich selbst. Tabletten, Alkohol ein heruntergekommenes Haus und eine Frau, die scheinbar viel durchgemacht hat, stehen am Anfang von »We Need To Talk About Kevin«. In Rückblenden erzählt der Film nach und nach, dass das Leben dieser Frau zerstört wurde. Und zwar von ihrem eigenen Kind. Von Geburt an schafft es die Mutter nicht, eine wirkliche Bindung zu ihrem Sohn aufzubauen. Kevin hasst ohne ersichtlichen Grund seine Mutter und lässt auch keine Gelegenheit aus, sie diese Verachtung spüren zu lassen. Am Ende kommt es zum Showdown: ein beispielloser Amoklauf, den Kevin an seiner Schule verübt, ohne jegliches Motiv. Neben breiten Dokumentationen wie »Bowling For Columbine« (2002) oder punktuellen Fernsehfilmen wie der ARD-Produktion »Ein Jahr nach morgen« (2012) empfiehlt sich insbesondere Gus Van Sants Film »Elephant« (2003) zum Thema Amokläufe an Schulen. Bei Van Sant sind es Außenseiter, die sich mit Waffengewalt gegen die Unterdrückung durch Mitschüler und Lehrer wehren wollen. Lionel Shriver, die Autorin der Romanvorlage von »We Need To Talk About Kevin«, geht anders an die Thematik heran. Den stereotypen Jugendlichen, der von seinen Mitschülern ausgegrenzt oder von den Eltern vernachlässigt wird, gibt es hier nicht. Genauso wenig sehen wir fadenscheinige Zusammenhänge zwischen Gewalt und Computerspielen. Vielmehr wird gar keine Erklärung abgegeben, weshalb Kevin seine Umgebung zerstört. Das macht den Film besonders. »We Need To Talk About Kevin« ist keine gesellschaftskritische Abbildung der Probleme von heutigen Jugendlichen. Gerade deswegen lässt der Film einen zunächst nicht los, tut es dann aber leider doch. Tilda Swinton spielt ihre Rolle als Mutter Eva großartig, nach dem Unglück scheint sie in einer Ohnmacht zu leben. Auch der jugendliche Kevin-Darsteller Ezra Miller wirkt überaus einnehmend. Doch sie schaffen es beide nicht, den Film alleine zu tragen. Denn die Story wirft zwischendurch zu viele Fragen auf. Die nichtstringente, episodenartige Erzählung lähmt schließlich. Das ist dann auch der Grund, weshalb wir vermutlich nicht so lange über diesen Kevin sprechen werden. 07/10 Lena Nitsch

5.10.12 Indie pepper

22.30 Uhr DJs Sabrina Reiter + manshee

12.10.12 Johann Sebastian Bass Konzert

13.10.12 LIMUKA

Live-Musik-Karaoke

22.00 Uhr 21.30 Uhr

19.10.12 The Su´sis

20.00 Uhr Swing Party mit Konzert + Club 79

20.10.12 Electronic Time Trip 22.00 Uhr 26.10.12 Studio 54 22.30 Uhr 30.10.12 Fire, Light & Austrofred Der „Champion“ ist zurück! 20.30 Uhr

10.11.12 Amsterdam Klezmer Band Konzert

21.00 Uhr

16.11.12 Julian LePlay

22.00 Uhr Konzert des Pop-Newcomers 2012

17.11.12 Binder & Krieglstein Konzert

23.11.12 kuhbus presents

22.00 Uhr 22.30 Uhr

30.11.12 Brasstronaut

22.00 Uhr Konzert: Indie. Soul. Jazz. Piano.

16.12.12 Shantel & Bucovina Club Orkestar Konzert

20.00 Uhr

Rathausplatz 14 3100 St. Pölten Info: 02742 - 21 400 www.cinema-paradiso.at/club3


Rez

Casino Jack (Studiocanal) von George Hickenlooper auf DVD und Blu-Ray

Introducing Romain Gavras Romain Gavras überträgt die Provokation seiner Videos aufs Kino. Mit Gaspar Noé gehört er derzeit zu den aufreibendsten Filmemachern Frankreichs. Für Romain Gavras ist Provokation Kür und Pflicht. Die Musikclips des Franzosen sorgen für Aufsehen. Für die Pariser Banlieue-Rapper Mafia K’1 Fry inszeniert er 2004 »Pour Ceux«. Die Gruppe rappt vor unschönen Hochhäusern und angriffslustigen Männerhorden. Seine hektische Kamera und die rasante Montage erzeugen eine enorme aggressive Spannung. Dieses Muster ist seither Vorbild unzähliger Straßen-Rap-Videos in Europa. Die herausfordernde Erregung seiner Bilder, die provokative Gewalt und das Ausstellen von Außenseitern wird sein bestimmendes Stilmittel. Handkamera und Fischaugenobjektiv unterstreichen die ruppige Untergrundästhetik seiner frühen Filme. Im Laufe der Jahre vergrößern sich Ruf und Budgets. Besonders seine Clips für M.I.A. haben Anteil daran. Ebenso folgt eine künstlerische Veränderung. Die einstige Reizüberflutung weicht einem cineastischen Formalismus. Gavras spielt mit Tempo und Distanz. Er durchdringt nach wie vor die unterrepräsentierten Milieus, die seine Figuren verkörpern. Doch dem Publikum wird wesentlich mehr Zeit gelassen, um sich auf sie einzulassen – bis es von brutalen Schockeffekten aufgeschreckt wird. Im Video zu »Born Free« von M.I.A. (2010) begleitet der Zuseher rothaarige Jugendliche, die von einem brutalen Militär zu einem Minenfeld transportiert werden. Sie werden geschlagen, erschossen oder explodieren. »Our Day Will Come« steht im Film als Parole zu lesen. So heißt auch sein Spielfilmdebüt (2010): Vincent Cassel spielt einen gewaltbereiten Psychiater, der mit einem verwirrten rothaarigen Außenseiter (Olivier Barthélémy) ins rothaarige Irland flüchtet. Mit diesem absurden, fahrigen Roadmovie versichert uns Gavras einer anstößigen Kinozukunft.  »Our Day Will Come« erscheint in deutscher Fassung am 29. September erstmals auf DVD. TEXT Klaus Buchholz BILD Universum / Film Frontal

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Dead Set (Sony) von Charlie Brooker auf DVD

Headhunters von Morten Tyldum auf DVD

Juan Of The Dead (Pandastorm Pictures) von Alejandro Brugués auf DVD

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Kevin Spacey trägt als Jack Abramoff gut gelaunt durch »Casino Jack«. Er spielt den real existierenden US-Lobbyisten, dessen Geschäfte sich in Richtung Korruption und Mord ausweiten mit offensichtlicher Freude und gibt dem Film das nötige Tempo. Dabei ist das zugrundeliegende Thema nicht ausschließlich lustig und es ist nicht unbedingt naheliegend, in einer Verfilmung des Lebens des Jack Abramoff auf gute Laune zu setzen. Und ja, ein bisschen gehen auch die Zusammenhänge verloren und es ist mitunter nicht immer ganz klar, warum Jack mit wem spricht und welchen Deal er gerade einfädelt. Andererseits ist es genau das, was sein Geschäft ausmacht – dass Jack zwar herausstreicht, Jude und Republikaner zu sein, gleichzeitig aber für so ziemlich jeden sprechen würde, wenn das Gehalt stimmt. Sehenswert sind außerdem die Nebendarsteller, vor allem Jon Lovitz als leicht dümmlicher Möchtegern-Geschäftsmann und Barry Pepper als – ähm, leicht dümmlicher – Lackaffe. Schade, dass der Film, bis auf seinen Unterhaltungswert, nicht wirkt und daher wenig hängen bleibt – Spaß macht Lobbyismus hier trotzdem. 07/10 Martin mühl Zu Halloween 2008 veröffentlichte der britische TV-Sender E4 die Mini-Serie »Dead Set«, die bis dahin schärfste Mediensatire von Charlie Brooker. In der Versuchsanordnung »Big Brother« werden die Protagonisten der Show von einer Zombie-Epidemie überrannt. In fünf kurzen Episoden überlagern sich diese beiden sozialen Extremsituationen. Der untote Terror dauert insgesamt knapp 140 Minuten und passiert in den ausweglosen Räumen eines Fernsehstudios. Das bedeutet verdichteten Horror: räumliche Enge, kalkulierbarer Wahnsinn, radikale Selbstzerstörung. Im Vergleich zum melodramatischen US-Western bei »The Walking Dead«, ist »Dead Set« die atemberaubende Apokalypse einer Mediengesellschaft. Bis zum letzten Blutstropfen fordert die Serie heraus und macht dabei wahnsinnig viel Spaß. 08/10 Klaus Buchholz Der norwegische Thriller »Headhunters« ist eine Ausnahme seiner Art. Der Film verpflichtet sich gänzlich seinem Genre, spielt mit den erwarteten Stilmitteln nur subtil und verblüfft sein Publikum dennoch mit größtem Effekt. Hier lässt nicht nur der finale Plot-Twist den Mund weit offen stehen, hier überrascht das ganze unerbittliche Drehbuch, das seinen Protagonisten mit größtmöglicher Härte durch Norwegen peitscht. Beeindruckend verkörpert Aksel Hennie einen erfolgreichen Unternehmer, der sich nebenher als Kunsträuber verdingt. Ganz plötzlich wird er seiner Lebensgrundlagen beraubt und zum gejagten Tier. Die Handlung nimmt ihren Lauf und wird fast absurd dynamisch. Regisseur Morten Tyldum beweist eine Liebe zu unmittelbarer menschlicher Brutalität und verbindet diese mit dunklem Humor. Das schafft Atempausen und einen Rhythmus, der vom ersten Abgrund weg mitreißt. 09/10 Klaus Buchholz Die Ähnlichkeiten sind natürlich gewollt. Bereits im Titel verweist die kubanisch-spanische Produktion auf das Vorbild »Shaun Of The Dead«. Dieses wiederum parodierte 2004 den Horrorklassiker »Dawn Of The Dead« in einer eigenwilligen und bisher unerreichten Mischung aus UK-Komödie und blutigem Splatter-Film. Obwohl Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen sind, ist »Juan Of The Dead« alles andere als eine schamlose Kopie. So entpuppt sich der Kampf gegen die vom kubanischen Staatsfernsehen als Dissidenten eingestuften Zombiehorden als größtenteils eigenständiger Film und für Kenner des Systems zudem als schonungsloser politischer Kommentar. Selbst wenn manche Szenen etwas lieblos aneinandergereiht wirken und der Witz generell gröber als im Vorbild ist. »Juan Of The Dead« wird getragen von einer sympathischen Leichtigkeit, die den Hauptprotagonisten bis zur entscheidenden, vollkommen ernst gemeinten Wahl begleitet: Rettung suchen im sicheren Hafen der USA, oder lieber doch das geringere Übel im Kampf gegen die neue kubanische Revolution suchen? 06/10 Reiner Kapeller Auf www.thegap.at außerdem Reviews von »The Avengers« (Disney), »Amer« (Koch), »Blackout – Die Erinnerung ist tödlich« (Fernseh­ juwelen), »Die Frau in Schwarz« (Concorde), »The Grey – Unter Wölfen« (Universum Film), »Iron Sky« (Splendid), »Lockout« (Universum), »Der Mönch« (Ascot Elite), »Project X« (Warner), »Rosewood Lane« (Studiocanal), »Sex & Drugs & Rock & Roll« (Universum), »Starship Troopers Invasion« (Sony), »The Swell Season« (Studiocanal)


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s a c h bu c h Hermann Hesse Hesse antwortet … auf Facebook (Suhrkamp Verlag)

Toter Autor, lebendiges Facebook-Profil Suhrkamp richtete sich mit Briefen, die Hesse an seine damalige Leserschaft schrieb, an die heutigen Facebook-Fans und goss die Reaktionen abermals in Papierform. Unmittelbarkeit und Partizipation als zwei wichtige Säulen der Online-Welt können mehr oder minder gut von einem Buchverlag zu Marketing-Zwecken genutzt werden. Auf der Jagd nach wertvollen Leserkontakten übertrumpfen sich Buchverlage derzeit in sozialen Netzwerken. Bei der Jagd um junges, netzaffines Publikum ist man bisher nur im Unterhaltungssegment erfolgreich. Passend auch aus Anlass des Hermann-Hesse-Jubiläums wurden auf der Seite »Hesse antwortet« Briefe gepostet, die Hesse einst an seine zeitgenössischen Leser geschrieben hatte. Facebook-Nutzer haben, motiviert durch den Suhrkamp Verlag, »per like oder Kommentar« auf Hesses Post reagiert. Am Ende der Werbeaktion steht wiederum ein Buch. Der Suhrkamp Verlag fand einen sinnvollen Weg, Social Media geschickt zu nutzen, soviel steht mit diesem Buch fest. Ohne allzu großen Aufwand wird hier User Generated Content als Inhalt für ein Buch verwendet. Dazwischen gestreut finden sich ein paar von Hesses begnadeten Gedichten und Zitat-Sätzchen. Vielstimmig und doch soweit unisono, dass es den einzelnen Leser wie ein intimes Zweigespräch vorkommt, schreibt Hesse, wenn man den vielen Leserstimmen Glauben schenken darf. Von der Schullektüre ist er vielen von ihnen zum lebenslangen Begleiter geworden. Hesse stellte für Leser aus allen gesellschaftlichen Schichten den Gesellen in der Pubertät, der mitwuchs und auch später immer wieder mit Rat zur Seite stand. Das große Identifikationspotenzial half bei der Selbstfindung half schon den Hippies der 70er Jahre. Im Laufe seines Lebens erhielt Hermann Hesse tausende Zuschriften von Lesern, die nach der Lektüre seiner Bücher ein solches Vertrauen gefasst hatten, dass sie ihn um Rat zu ihren Lebensproblemen fragten. Oft waren es junge Menschen, denen die Anpassung an das Vorgegebene, die Erwartungen der Eltern und Erzieher zu schaffen machten. Aber auch Generationskonflikte, Pubertäts- und Partnerprobleme, religiöse Zweifel, Fragen der Berufswahl und der Fremdbestimmung sind durchgängige Themen dieser Briefe. Obwohl man all diese Themen in Hesses Büchern auf überpersönliche Weise dargestellt findet, hat er nicht die Mühe gescheut, sich den konkreten Einzelfällen zu stellen und viele dieser Briefe individuell zu beantworten.

Auf Facebook kann man nun zusätzlich über sein Hesse-Lieblingsbuch oder -gedicht abstimmen, seine erste Begegnung mit Literatur von Hesse beschreiben, zu Hesse-Briefen Kommentare abgeben und »den Pressesprecher des Autors« um Rat fragen. 07/10 Juliane Fischer 01

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Helwig Brunner, Kathrin Passig, Franz Schuh Die Kunst des Zwitscherns 01 (Residenz) — Die medial Aufgeschlossenen denken bei dem Buchtitel zuerst an Twitter. Weit gefehlt! Der bei Residenz erschienene Essayband nimmt sich des Zwitscherns umfassend an. Der Autor und Biologe Helwig Brunner beleuchtet das Vogelzwitschern sorgfältig von allen Seiten, und liefert nebst den wichtigsten Fakten diverse interdisziplinäre Abgrenzungsversuche. Kathrin Passig veranstaltet einen Schnellkurs in Sachen Twitter und unterteilt ihren Beitrag völlig überflüssigerweise in 140-Zeichen-Häppchen. Wer von Twitter nichts weiß, wird mit dem notwendigen Grundlagenwissen versorgt. Weitergehende theoretische Reflexion? Fehlanzeige! Amüsant dagegen ist der Beitrag des Wiener Essayisten Franz Schuh über das Zwitschern im alkoholischen Sinne. Er liefert nicht nur einen autobiografischen Einblick in die Trinkgewohnheiten österreichischer Intellektueller (keine Namen!), sondern weiß auch geistreich von Harald Juhnke und Hans Falladas Trinker zu berichten. In Buchform wirken die drei Essays trotz der Einleitung von Thomas Macho etwas disparat. 04/10 Christian Köllerer

Michael Fliri Arbeiten 2001–2012 02 (Folio) — Micheal Fliri ist ein bunter Vogel und Meister der Metamorphose. Zeugnis seiner bisherigen Transformationen, die sich größtenteils in Performances manifestieren, legt die in Kürze erscheinende Publikation »Michael Fliri. Arbeiten 2001–2012« ab. Analytische und beschreibende Texte internationaler Kunstkritiker und Kuratoren – zu lesen in deutscher, englischer und italienischer Sprache, sowie ein aufschlussreiches Interview erörtern die emsigen Verwandlungs(kunst)stücke des sich gerne der Ironie bedienenden Südtirolers. Der Katalog bannt die bewegten Bilder der bis zu diesem Jahr entstandenen Arbeiten auf Papier: Da gebiert und absorbiert Fliri, das Schaf, auf einmal Fliri, das Schwein, da wird das Gesicht des Künstlers zu einer teuflischen Fratze und schließlich ein harmloses Kuhantlitz. Fliri agiert dabei weder als Held noch Antiheld, doch er stellt sich, seinen Körper und seine Identität den Herausforderungen der Veränderung, deren Ergebnis ungewiss sein kann, aber nicht ausschlaggebend für das Gelingen seiner prinzipiellen Vorhaben ist. 07/10 Margit Emesz Gerhard Roth Im Irrgarten der Bilder. Die Gugginger Künstler 03 (Residenz) — In einem opulenten Prachtband kompiliert der österreichische Ausnahme-Romancier seine persönliche Werksichtung der exzeptionellen Überwinder von Barrieren psychischer Krankheiten. Die Register psychiatrischer Fachwelt lässt der steirische Romanzyklen-Verfasser (»Die Archive des Schweigens«, »Orkus«) rund um Wahn und Sinn, Gesellschaft und Politik bereits 1978 außen vor, als er in den Orbit der Künstler jener Nervenheilanstalt Maria Gugging eintritt, die nachfolgend sowohl im Therapeutischen als auch im Kunstmarkt reüssiert. In diesem Band beschreibt er Maler, Zeichner, auch Dichter jener Generationen bis heute, denen dank Leo Navratil und v.a. des jetzigen Leiters Johann Feilacher ein würdiges Leben inner- und außerhalb ihrer Beeinträchtigungen ermöglicht wird. Ein Band von Zeugnissen der so genannten Art Brut, begleitet von Schilderungen des Autors über die Beziehungen zu diesen, vor allem aber über deren Werk. Begeisternd in jeder Hinsicht! 10/10 Roland Steiner 067


Rez Mark Boog Mein letzter Mord 01 (Dumont) — Der Bericht als literarisches Stilmittel gibt dem Autor möglichst große Freiheiten, und dennoch arbeitet er in der Klammer, wahrhaftig zu sein. Der Niederländer Mark Boog wählte diese Form und schlüpft in die Rolle eines knapp vor der Rente stehenden Ermittlers. Er bekommt als nicht ganz ernst gemeintes Abschiedsgeschenk den Auftrag erteilt, den spektakulären »Mühlenmord« nochmals unter die Lupe zu nehmen. Blöd nur, dass der Fall bereits 30 Jahre zurückliegt und auch der vermeintliche Mörder bereits tot ist. Es geht also nur noch um des Kaisers Bart, könnte man glauben, aber weit gefehlt. Mark Boog steigt in den Ring, um einen grausamen Fall zu lösen, ein Mädchen wurde mit 16 Schüssen ermordet, hier geht es dem Autor sehr stark ums Prinzip der Fallaufklärung, wozu sonst schreibt man einen Krimi? Zum andern wirft der Autor bizarre Blicke ins Innenleben seiner Charaktere. Er packt das ganze Leben des Ermittlers in den Bericht, der erst kurz vor seiner Rente wirklich zu leben beginnt. Er besucht den Tatort, eine magische alte Mühle sowie die äußerst anziehende Witwe des scheinbaren Mörders, macht ausgiebige Spaziergänge und verliert sich dann und wann in seiner eigenen Welt – aber doch immer wieder nur um zu überraschen und zu dem Fall zurückzukehren, den es zu lösen gibt. Vielleicht liegt es an der Ernsthaftigkeit, mit der der Autor ans Werk ging. Auf alle Fälle zahlt es sich aus, den Krimi zu lesen.

Rainald Goetz Johann Holtrop (Suhrkamp)

Die Worte des Irrsinns Der wichtigste Gegenwartsautor Rainald Goetz kommt mit seinem bisher untypischsten Roman in Hochform. Rainald Goetz hat sich mit Büchern wie »Irre« oder dem mehrbändigen, die 90er porträtierenden »Heute Morgen«-Projekt einen Status erschrieben, der bei jeder neuen Veröffentlichung nicht fragen lässt: »Wie ist es?«, sondern: »Wie hat er diesmal geil abgeliefert (und wie geht geil abliefern also hier und jetzt)?« Eine Antwort darauf ist sein aktuelles Großprojekt »Schlucht«, das uns die Nullerjahre erklären will. Dessen dritter Band »Johann Holtrop« ist in mehrfacher Hinsicht untypisch für Goetz. Während früher meist ein zur Verwechslung mit dem Autor einladender IchErzähler und -Mitschreiber unter absolutem Welterklärungsanspruch der Jetzt-Zeit im Text möglichst dringlich, heftig und nahe auf den Pelz rücken wollte, ist »Johann Holtrop« auf den ersten Blick nachgerade altmodisch erzählt. Ein distanziert-allwissender Erzählonkel schwebt gemächlich über den Figuren, blickt in ihre Köpfe und die Landschaft hinein, wie es ihm passt und tut fast so, als wäre dies ein Roman, wie es eben früher so gehörte. Auch inhaltlich ist die Titelfigur Neuland: Holtrop ist Top-Manager und sein Roman berichtet folgerichtig vom Niedergang der Welt der weltfremden Großkapital-Manager in den Nullerjahren. Wer aber nun wie bei Goetz' früheren Weltausschnitten, der RaveKultur oder der Medienwelt etwa (für die er Beschreibungskompetenz ohne Zweifel mitbrachte), eine realistische und einleuchtende Beschreibung des Sujets sucht, wird enttäuscht sein. Denn darum, zu verstehen, warum, mit welchen Folgen und wie welche Leute in der Weltwirtschaft E-Mails, Untergebene und Milliönchen hin- und herschicken (oder wie die sich dabei fühlen), geht es bei »Johann Holtrop« nun wirklich nicht. Vielmehr geht es darum, dass bei diesem ganzen gerade so wunderbar kaputtgehenden Wahnwitz namens Wirtschaft vom Konzernchef bis zum Putztruppenmitglied das alles eben niemand mehr durchschaut, weswegen alle möglichst intrigant, niederträchtig und blindlings angsterfüllt in alle Richtungen treten, spucken und loslabern, obwohl es soundso egal ist, was sie tun oder dazu sagen. Mit großer Freude an der selbst erfundenen Sprache dieses von allem Realen abgelösten Irrsinns streut Goetz zur Verdeutlichung dessen feine Dosen an Surrealismus (Folterszenen in der Klapse!) ein und erzeugt so eine phantastische Groteske, irgendwo genau in der Schnittmenge von »The Wire« und »Mad Men«, Kathrin Röggla und Thomas Mann, altvaterisch und überkandidelt zugleich – in etwa so wie im jüngsten Roman von Leif Randt, der von Johann Holtrop übrigens einmal angerufen wird. Wer in den Nullerjahren Büro gespielt hat, weiß, wovon Goetz mit dem witzigsten Wutroman überhaupt spricht, den anderen sei gesagt: So ging geil abliefern in den Nullzigern. 10/10 MARTIN FRITZ

08/10 Martin G. Wanko

David Vann Die Unermesslichkeit 02 (Suhrkamp) — Thriller, Kammerspiel, Naturepos, Tragödie? Die Selbstzerfleischung eines Ehepaars im unwirtlichsten Teil Alaskas hat alles davon. Garys Existenz ist geprägt von Ichsucht, Misanthropie, Selbsthass und Wunschstau: Nichts hat er zuwege gebracht, am Lebensabend will er es aber noch einmal wissen. Devotion vor der Ewigkeit, mystisch verbrämt. Er bringt seine nicht nur von ihm frustrierte Ehefrau Irene dazu, ihm beim Bau der schlussendlich wohnunmöglichen Hütte auf einer Insel zu helfen, während die Tochter zu heiraten trachtet – wie die Mutter den falschen Mann. Kann es sein, dass Beziehungspartner genau den »Falschen« bewusst suchen? Mit epischen Naturschilderungen rahmt Vann, in Alaska geborener Literaturprofessor, ein Schreckensgemälde kommunikationsarmer und auch deshalb scheiternder Liebe – Bruchstücke seiner eigenen Biografie, wie im preisgekrönten Erzählband zuvor. Rau sind die Sitten zwischen Gary und Irene, jene zwischen ihrer Tochter Rhoda und dem Zahnarzt Jim verlogener; rau die abstoßende Natur. Vanns hochspannende Dramaturgie zielt auf ein schreckliches Ende, in dem Bogenschießen nicht sportlich betrieben wird. Düstere, kalte Einsamkeit – auf sprachlich höchstem Niveau. 09/10 Roland Steiner Per Johansson Der Sturm 03 (Fischer) — Also etwas mehr Ernsthaftigkeit hätte man sich von Per Johansson in seinem Kriminalroman »Der Sturm« auch erwarten können. Vielleicht, dass er jetzt einmal kein Pseudonym verwendet, sondern unter seinem richtigen Namen schreibt, nämlich Thomas Steinfeld, immerhin Feuilletonchef der Süddeutsche Zeitung, und den literarisch dahingemetzelten Journalisten im Roman – nicht unähnlich zum FAZ-Herausgeber Frank Schirr­ macher – beim Namen nennt. Als die Blase dann doch platzte, war einige Tage für Aufregung gesorgt, aber mittlerweile hat sich das Rauschen im 068

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Blätterwald gelegt, alles halb so schlimm, war ja bloß ein Buch, ein Schwedenkrimi, von einem Deutschen geschrieben. Betrachtet man nun den Krimi genauer, muss man ehrlich sagen, er ist zwar etwas papieren, man hat aber schon Schlimmeres gelesen, Sarah Kuttner zum Beispiel, um bei den deutschen Medienstars zu bleiben. Der Autor Steinfeld wird halt Urlaub in Südschweden gemacht und dort mit seinem Kumpel Martin Winkler alles zusammenkonstruiert haben, viel gelacht dabei und im Nu war der »erste deutsche Schwedenkrimi« fertig, inklusive dem deutschen Anstrich. Aber wer weiß: Wenn sich das Buch gut verkauft, und halbwegs intelligent ist es ja, vielleicht wird das ja noch eine Erfolgsstory, ein eigenes Genre, ähnlich wie die Edgar-Wallace-Verfilmungen mit deutschen Schauspielern. Vor dem könnten wir uns fürchten. 07/10 Martin G. Wanko Davide Longo Der aufrechte Mann 04 (Rowohlt) — Für alle, die Cormac McCarthys »Die Straße« nicht nachvollziehen konnten, ist Longos metallischer Roman Pflicht – und für Liebhaber des Endzeitlichen. Leonardo, ob der Sexvideo-Erpressung seitens einer Studentin aus Familie und Arbeit gekappter Lyrikdozent, ist in sein norditalienisches Heimatdorf zurückgekehrt: Stetig penetrieren hier wie im gesamten Land marodierende Banden die öffentliche Ordnung, bald funktioniert rein gar nichts mehr; das Essen wird knapp, es mangelt an allen Gütern. Seine Impulse und Emotionen glosen in Richtung Endzeit, hätte nicht seine ExFrau die gemeinsame 16-jährige Tochter Lucia samt 12-jährigem Sohn ihres Liebhabers ihm zur Obhut anvertraut, während sie dem neuen Mann in die Schweiz nachflüchtet. Als die Übergriffe zunehmen, flieht auch der tapsige Möchtegern-Stoiker mit den Kindern – und gerät in die Falle eines Heilsversprechers. Longo, bereits im Vorgängerroman »Der Steingänger«, ist ein Solitär unter den opulenten italienischen Autoren, karg sind seine Landschaften, amerikanisch sein Stil und welthaltig übertragbar seine Geschichten. Eine gewaltigere, bisweilen skurrile, epochalere Geschichte ist dieses Jahr nicht zu lesen! 10/10 Roland Steiner Martha Gellhorn Das Gesicht des Krieges 05 (Dörlemann) — Wäre Powerfrau nicht so ein unattraktives Wort, wäre Martha Gellhorn als solche zu beschreiben. In der Rolle »Ehefrau von Ernest Hemingway« durfte man bestimmt schon mal von Haus aus nicht zimperlich sein. Im Feld der Kriegsberichtserstattung kann Martha Gellhorn ihrem Kurzzeit-Ehemann leicht das Wasser reichen. Ihre persönliche Timeline als Berichterstatterin geopolitischer Konflikte umfasst den Zeitraum von 19371987 und wurde nun neu herausgegeben. Die Ausschnitte verschmelzen letztlich zu einem einzigen, dicht gedrängten, erschreckenden Bild, wie eine redaktionelle Umsetzung von Picassos Gemälde »Guernica«. Der Krieg erzählt in Wahrheit nur eine Geschichte, die Handlung basiert auf Hunger, Obdachlosigkeit, Furcht, Schmerz und Verlust. Die Pressesprecher der USArmee, die Vorsager der amerikanischen Presse, waren ein engstirniger Haufen, dem es nicht passte, dass eine Frau bei den Kampftruppen Korrespondentin sein sollte. Doch Gellhorn agiert wie ein Fußsoldat: wagemutig und am Boden der Tatsachen. Sie schreibt darüber anregend und seriös zugleich. Jener dreckigen Schlammspur, die der Krieg zieht, spürt sie über den ganzen Globus verteilt nach und berichtet reportagenartig. Bis das Unheil eintrifft, denn die Menschheit ist eher bereit Lügen zu schlucken als die warnende Wahrheit zu glauben. Beharrlich wie das Zirpen einer Grille beschreibt sie ungeschönt ihre Umgebung, die zerstörten Kriegssteppen ringsumher. Durch den Feldstecher sieht man das, was sich im Geschichtsunterricht oftmals nicht mehr ausgeht: Das Gesicht des Krieges. 09/10 Juliane Fischer Kevin Wilson Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung 06 (Luchterhand) — Zwei Kinder legen sich ins Zeug, Gitarre und Schlagzeug möglichst falsch zu spielen, ihre Eltern buhen sie aus – alle anderen aber jubeln. Das ist eine der Aktionen, die Annie und Buster über sich ergehen lassen müssen, denn ihre Eltern sind Performancekünstler sehr mittleren Rangs: Dutzende andere, viel absurdere folgen, die Papa Fang mittels Brillenkamera aufzeichnet. Der überraschend zum Bestseller avancierte Roman wechselt zwischen den Kindheits- und den nicht weniger seltsamen Erlebnissen der Sprösslinge des Kunstaktionisten-Paars: Buster, in seiner kalifornischen Kemenate pleite, schreibt für das Männermagazin Potent über Kartoffelkanonen und Gangbangs, seine Schwester Annie ziert sich, in einem Trash-Film ihre Brüste zu zeigen. Und schließlich, freilich, aber doch: sind die Eltern zurück in ihrem verkorksten Leben. Wilson legt einen Roman vor, der grassierenden Exhibitionismus auf bizarre und kühle Weise entlarvt, und dies mit dem Schulterzucken-Gehabe eines in Happenings geeichten Kreativschreiben-Profis: Selbstverwirklichung isse tolle. 07/10 Roland Steiner

Soviel ist sicher: 10 × The Gap. Mit etwas Glück: 5 × adult swim. The Gap im Jahresabo um € 16,50. Unter allen Neuabonnenten verlosen wir 5 × das Einsteiger-Set in die schräge Welt von [adult swim]. TV-Serien für Feingeister und andere Freunde leicht abwegigen Humors. WWW.MONOMARKT.AT

WWW.THEGAP.AT/ABO


Rez Megan Kelso Artichoke Tales 01 (Fantagraphics) — Die 2010 erschienenen »Artichoke Tales« war Megan Kelsos erste längere Erzählung. Sie handelt von einer Nation, die verschiedene Kulturen vereint – die naturverbundene, den alten Traditionen verhaftete Kultur des Südens und die industrialisierte, militaristische Kultur des Nordens. Die wiedergeborene »Königin der Nation« muss in ihrer Kindheit und Jugend alle Völker besuchen und deren Lebensweisen kennenlernen, um allen eine gerechte Königin sein zu können – doch niemand ahnt, wie die Einsamkeit in ihr wächst und sie schließlich nur noch im Abstrakt der »Nation« ihren Halt findet. Und diese Nation kann den »unterentwickelten« Süden nicht mehr dulden. Als die wirtschaftliche Vereinnahmung scheitert und zum Aufstand führt, greift die Königin zu militärischer Gewalt. Kelso verbindet in dieser Erzählung das Persönliche mit dem Politischen und macht deutlich, wie nah Macht und Ohnmacht beieinander liegen – die Handelnden sind fragil, sensibel und machen sich dennoch schuldig, manchmal ohne es zu wissen. Ihr gelingt eine glaubwürdige, feingliedrig gezeichnete Darstellung einer Parallelwelt, die unserer doch in vielen Dingen gleicht. 08/10 Alexander Kesselring

Mat Johnson, Andrea Mutti Right State (DC Vertigo)

Macht durch Rechts Erneut beweist sich Mat Johnson als furchtloser Autor mit dem Mut, den Finger auf offene Wunden zu legen. Eine unbeschönigte Variante politischer Machtkämpfe in den USA. Die Präsidentschaftswahlen der Vereinigten Staaten von Amerika stehen bevor. Präsident Obama bereitet sich auf seine erneute Kandidatur für eine zweite Amtsperiode vor, während die konservativen Stimmen des Landes Propaganda für ihren Kandidaten machen. So laut und vehement, wie es geht. Eine der TV-Fronten wird von Ted Akers geführt, Politkritiker der rechten Fraktionen. Für gewisse Gruppierungen ist Akers zu öffentlichem Sprachrohr und Leitfigur geworden. Der CIA tritt an Akers heran, um ihn als Ermittler einzusetzen. Sie beobachten seit einiger Zeit eine verdächtige Zelle militanter Rechter. Um herauszufinden, was deren Führer tatsächlich plant, wollen sie Akers als Spitzel einschleusen. Sein Status soll es ihm ermöglichen, nah an den Kopf der Gruppe heranzukommen und relevante Informationen an den CIA weiterzugeben. Akers nimmt den Auftrag an, jedoch will er der CIA damit nur beweisen, dass selbstorganisierende Amerikaner eine gute Sache sind und die linksliberalen Medien eine unfaire Hetzjagd auf politisch konträre Meinungen betreiben. Mat Johnson beutelt unerbittlich am Zeitgeist einer Nation in Aufruhr. Die echte Präsidentschaftswahl findet am 6. November 2012 statt. Seit Beginn der Kandidatensuche der konservativen Partei können wir selbst miterleben, wie erhitzt die Gemüter in den USA sind. Beispielhaft für einen politischen Grundtenor, der auch in vielen europäischen Ländern überdeutlich zu spüren ist. Der Hang zum konservativen und darüber hinaus zum ausgesprochen politischen Rechten ist nicht zu leugnen. Johnson schafft es, sowohl die gesellschaftliche Basis für diese Entwicklung sowie die populistische Ausbeutung dergleichen in »Right State« zu kristallisieren. Er zeigt uns »good ol' boys«, deren Aussagen schwer ernst zu nehmen, aber deren Wurzeln auch nicht von der Hand zu weisen sind. Gefühle der Entmündigung und Entwertung, keine Perspektiven, Arbeitslosigkeit und die Suche nach einem Sündenbock. In diesen Thematiken steckt politischer Sprengstoff, Meinungen liegen hier immer auf der Kippe zwischen Vernunft und Kurzschluss. Damit konfrontiert Johnson seine Leser in Form der Motivation der führenden Figuren, aber auch der unterstützenden Masse. Er geht noch einen Schritt weiter und hält fest, wie Hass und Ablehnung, ist die Saat erst einmal gesät, Früchte tragen werden, weit in die Zukunft. Er macht das alles nüchtern und direkt. Keine poetische Verschleierung, keine Monsterjagd, keine heldenhafte Opposition. Unterstützt durch die geradlinige Bildsprache von Andrea Mutti – unaufgeregt und auf den Punkt – steigt die Potenz von »Right State«. Der Polit-Thriller wächst um eine weitere Dimension zur Studie gesellschaftlicher Angst und politischer Angstschürerei. Höchst aktuell und äußerst intelligent, ein Must Read für 2012. 10/10 Nuri Nurbachsch

Teddy Kristiansen, Steven T. Seagle The Red Diary / The Re[a]d Diary 02 (Image Comics / Man Of Action / Soleil) — Teddy Kristiansen und Steven T. Seagle sind schon seit geraumer Zeit eines der vielen Comic-Book-PowerDuos. Wir verdanken den beiden die 1996 bis 1998 laufende Serie »House Of Secrets« und »It’s A Bird« aus 2004. In den letzten Jahren verfolgten sie zwar lieber Solopfade, mit »The Red Diary / The Re[a]d Diary« nähern sie sich aber wieder aneinander an. Es ist die englische Übersetzung von Teddy Kristiansens emotionsstarker Geschichte über einen Autor und seine Recherchen zum Leben eines unbekannten, vom Schicksal gebeutelten Malers. Via Metanarrativ erforscht Kristiansen Fragen zu Tod, Werte und Wertigkeit und dem menschlichen Streben. Absolute Meisterklasse. Dreht man den Band herum, wartet dort ein nicht minder packendes Experiment, »The Re[a]d Diary«. Autor Steven T. Seagle erschafft eine völlig neue Erzählung zu Kristiansens Bildern, ohne zuvor dessen Text gelesen zu haben. Das Resultat ist eine intime Selbstsuche, elegant mit den Illustrationen verwoben. Die Faszination dieses Versuchs liegt in den Parallelen zwischen dem Original und der Interpretation Seagles. Einige der reduzierten, expressiven Illustrationen geben viel vor – Setting und Thema sind kaum zu verkennen. Jedoch besticht auch die emotive Konvergenz der beiden Storys, kräftig die Macht des Bildes unterstreichend. 08/10 Nuri Nurbachsch James Stokoe Orc Stain Vol. 1 03 (Image Comics) — Fantasy ist ein oft missbrauchtes Genre. Leider. »Orc Stain« von James Stokoe ist ein strahlendes Beispiel dafür, wie man es richtig macht. Simple Story: Die einen Orks mobilisieren sich, die anderen Orks werden nervös (und alle Nicht-Orks auch) und ein einzelner Ork – schlicht One-Eye genannt – stolpert in die ganze Angelegenheit, weil er ein besonderes Talent hat. Dazu noch eine gerissene Schamanin namens Bowie und eine gute Portion vorlauten Humors. Die Kapriolen können beginnen! Aber der wirkliche Preis sind die überwältigenden Bilder von Stokoe. Vor Details überquellende, graffitiartige, farbenprächtige Kunstwerke voller Elan und Esprit auf jeder Seite. »Orc Stain« ist eine Pracht, sowohl zum Anschauen, als auch als gutes Beispiel für Fantasy-Comics. 07/10 Nuri Nurbachsch 070

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ein etwas spröder Meister der rock-substanz Das Musikspiel mit echten Instrumenten fordert Präzision und gibt dafür neben Spaß auch tatsächlich Lernfortschritt zurück. Anfänger haben es trotzdem schwer. Die Idee war aufgelegt, nun ist »Rocksmith« endlich auch bei uns auf dem Markt. Und damit das erste Spiel, für das eine echte Gitarre bzw. ein echter Bass zur Eingabe verwendet werden kann. Und ja, es funktioniert! Im Gegensatz zu bisherigen Musikspielen ist »Rocksmith« aber für alle jene, die noch nie eine Gitarre in der Hand hatten, mindestens eine Herausforderung. Ist das Instrument erstmal eingestöpselt, gilt es ein paar kleine Einstellungen vorzunehmen und – wie vor jeder Aufgabe – die Gitarre zu stimmen. Und dann geht es auch schon los mit den ersten Nummern. In klassischer Game-Ansicht bekommt der Spieler angezeigt, auf welcher Saite (Farbcode) er auf welchem Bund zu greifen hat und dann muss noch im richtigen Moment die Saite angeschlagen werden. Soweit so klar – und gar nicht einfach. Allein durch die verschiedenen Saiten kommt hier eine neue Dimension dazu und präziser zu greifen gilt es obendrein. Die ersten Nummern sollten trotzdem halbwegs locker von der Hand gehen und verschiedene Übungstags und Einstellungsmöglichkeiten freischalten. Spätestens beim ersten Ingame-Auftritt ist dann wieder schwitzen angesagt, wenn schon die ersten Nummern an Komplexität und nötigem Tempo zulegen. Spaß macht es – im Gegensatz zu einem echten Konzert – aber auch, wenn man Fehler macht. Und weniger peinlich ist es auch. Apropos Spaß: Da wäre noch etwas mehr möglich gewesen. Die Präsentation ist etwas spröde geraten, die Songauswahl nur teilweise prickelnd und wenn nicht mehr als Zimmerlautstärke möglich ist, übertönen die Saiten im Zimmer schon mal das Spiel. Auch gibt es eine kleine Verzögerung beim freien Spiel, die anfangs irritiert. Trotzdem: »Rocksmith« macht Freude und motiviert, es hilft beim Üben und gibt die Möglichkeit, in den Aufbau und so manch speziellen Schmäh einer Nummer Einblick zu bekommen. Reine Gamer werden keinen Umstieg auf »Rocksmith« wagen, all jenen, die sowieso hin und wieder eine Gitarre oder einen Bass in der Hand haben, sei Spaß garantiert. 08/10 MartiN Mühl

rocksmith (Ubisoft); Xbox 360 (getestet), PS3; www.rocksmith.com 071


Rez

Games

Borderlands 2 01 (Gearbox / 2K); Xbox 360 (getestet), PS3; www.borderlands2.com — Wenn metzeln so richtig Spaß macht: In »Borderlands 2« schlüpft man in die Rolle von vier neuen Helden, deren Ziel es ist, Pandora von den Söldnern der bitterbösen Hyperion Corporation zu befreien. »Borderlands 2« ist in jeder Hinsicht besser als sein Vorgänger. Der Mix aus Shooter- und Rollenspielelementen geht im Neuaufguss um einiges smoother vonstatten. Auch der Sandbox-Charakter der riesigen Spielwelt Pandora zeigt sich in ihrem Aufbau harmonischer, fließender und organischer, als man es vom Vorgänger gewohnt war. Die bluttriefende, zwischen Spaß und Ernst wandelnde Comicgrafik bleibt gewöhnungsbedürftig, ist aber auch Trademark des bitterbösen Shooters. In manchen Missionen werden die Grenzen des guten Geschmacks allerdings eine Spur zu mutwillig übergangen. An Säure- und Brandattacken, Schädelbersten und Gliedmaßen-Abreißen mag man gewöhnt sein –Missionen, in denen ein rituelles Menschenopfer schreiend und zappelnd entflammt werden muss, oder ein Mutant, den Spieler darum bittet, ihm ins Gesicht zu schießen, sind unnötig. Tut man dies, belohnt das Achievement-System den Spieler mit Bonuspunkten. Die wahre Stärke von »Borderlands 2« liegt woanders. Das Spiel wird einfach nie langweilig. Nachdem zu monotones Gameplay einer der größten Kritikpunkte am Vorgänger war, wurden ausgewogener Schwierigkeitsgrad und Gegner-KI, Storytelling und Abwechslung im Spielverlauf von den Entwicklern groß geschrieben. »Borderlands 2« ist witzig, zynisch, bluttriefend und fordernd. 08/10 Michael Kirchdorfer

The Elder Scrolls V: Dawnguard 02 (Bethesda); Xbox 360 (getestet), PC; www.elderscrolls. com/Skyrim/add-ons — Das Hauptspiel »Skyrim« war so groß, dass seine erste Erweiterung »Dawnguard« mit seinen rund 10 bis 15 Stunden ziemlich bescheiden ausfällt. Das ist angesichts des hohen Preises (ca. 20 Euro) insofern ein Problem, da über weite Strecken Standardaufträge geboten werden und man bis zuletzt auf richtige Neuerungen wartet. Klar, der Kampf der zwei neuen Fraktionen – die vampirjagenden Dawnguard auf der einen, die düsteren Blutsauger auf der anderen Seite – haben Klasse und sind schön in Szene gesetzt. Bis auf zwei kleine neue Areale wurde die Welt jedoch nicht erweitert, was sehr bedauerlich ist. Ein paar neue Skills, eine Handvoll Waffen, der eine oder andere neue Gegner – das ist zu wenig für ein Add-On fürs aktuell umfangreichste Rollenspiel. Wer trotz des schlechten Preis-Leistungsverhältnisses zugreift, erlebt eine Geschichte, die mit der Zeit richtig spannend wird – im »The Elder Scrolls«-Universum keine Selbstverständlichkeit. Und »Skyrim«-Fans haben eigentlich sowieso keine andere Wahl, als weiterzuspielen. 06/10 Stefan Kluger F1 2012 03 (Codemasters / Namco-Bandai) PS3 (getestet), Xbox 360, PC; www.codemasters.com — Jahr für Jahr sorgt Codemasters verlässlich für ein Update ihrer Rennsimulation. Auch diesmal gibt es nur Verbesserungen im Detail, was angesichts des ohnehin schon hohen Niveaus durchaus eine Leistung ist. 08/10 Stefan Kluger Geheimakte 3 04 (Deep Silver); PC; sectretfiles.deepsilver.com — Das Traumpaar Nina und Max will endlich heiraten. Doch dann wird Archäologe Max entführt, und seine abenteuerlustige Freundin versucht, nicht nur ihn zu retten, sondern auch 01

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eine jahrtausendalte Verschwörung aufzudecken. Serientypisch wird in bester Point-&-Click-Manier rund um den Globus gerätselt, während biedere Technik ab und an Löcher in die dichte Atmosphäre frisst: Vor allem hakelige Animationen stören das Auge. Bemerkenswert gut sind dafür erneut einzelne Aufgaben und ganze Rätselketten gelungen – eine Eigenschaft, die maßgeblich zum Erfolg der Reihe beträgt. »Geheimakte 3« lässt Spieler mehrere Charaktere steuern, der Großteil der Spielzeit wurde dabei erneut Heldin Nina eingeräumt. Gewohnt charmant und sympathisch ist sie, manche ihrer Monologe gerieten aber zu lang und bemüht lustig – wens nervt, der überspringt diese Passagen. Der biederen Präsentation zum Trotz ist »Geheimakte 3« ein gutes, ein gemütliches, aber auch spannendes Adventure geworden. Das nächste Mal dann bitte mit neuer Grafik-Engine. 07/10 Stefan Kluger LittleBigPlanet PS Vita 05 (Sony); PS Vita; www.littlebigplanet.com — Dass es nicht all zu lange dauern darf, bis die Sackboys, Sonys kleine Stoffpuppen und Maskottchen der virtuellen MainstreamKreativität, die PS Vita erobern, war zu erwarten. Es war auch klar, dass die Vorzeigeserie alles nutzen wird, was die Vita zu bieten hat. Und was da jetzt auf der portablen Konsole angekommen ist, macht richtig Laune – mehr noch, als zu erwarten war. Der Ausflug der Sackboys auf die PSP war noch nicht viel mehr als ein Wandertag: Spaß und gute Laune waren dabei, aber echte Zufriedenheit machte sich erst zuhause wieder breit, nachdem die Puppen auf die PS3 zurückgekehrt waren. Ganz anders der PS Vita-Auftritt: Hier ist »LittleBigPlanet« in vollem Umfang angekommen. Mit amüsanten Story-Levels, gut integrierten Touch-Elementen und einem Level-Editor, der jenem der PS3-Versionen in nichts nachsteht. Auf grundlegende Neuerungen wurde seitens der Entwickler verzichtet. Und darin liegt vielleicht auch eine Stärke des Titels. Denn das ohnehin schon bestechende Spielprinzip wurde für die Vita behutsam erweitert, ohne dass die Integrierung des Touchscreens und des Neigungssensors schon bald mehr einen Fluch als einen Segen darstellt. Nomen est also auch in diesem Fall Omen: »LittleBigPlanet« für die PS Vita – nicht viel mehr, aber vor allem nicht weniger. Und all die netten Minigames, die sich während der Story-Levels freischalten lassen, würden auf der Wii schon als eigenständige Spielesammlung verkauft. 09/10 Harald Koberg Madden NFL 13 06 (EA Sports); KPS3 (getestet), Xbox 360 — Dank neuer Physik-Engine macht Madden dieses Jahr einen ordentlichen Sprung nach vorne, kleine Mängel im Detail stören da kaum. Die erste Wahl für Fans von American Football. 08/10 Stefan Kluger

NHL 13 07 (EA Sports); PS3 (getestet, Xbox 360); limbogame.org — Endlich mal ein Update, das wesentliche Neuerungen bringt. Während manche Aspekte des Spiels bis zur Perfektion poliert wurden, tun sich nun neue Baustellen auf. Trotzdem: erste Wahl für Hockey-Fans! 08/10 Stefan Kluger Tekken Tag Tournament 2 08 (Namco-Bandai) PS3 (getestet), Xbox 360; www.tekken. com — Unfreiwillige Zeitreise: Charaktermodelle und deren Animationen scheinen aus dem Jahr 2005 zu stammen. Dennoch ist es ein brauchbarer, einsteigerfreundlicher TagTeam-Prügler mit gigantischem Kämpferfeld geworden. 06/10 Stefan Kluger

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TEXT Andreea Dosa BILD Bernhard Knaus Fine Art, Privatstiftung Künstler aus Gugging, Angela Richter, ZKN / Christoph Fuchs, 100 Beste Plakate e.V. / Rocket & Wink, Tomasz Vollmann, David Payr

Wenn Frauen nackt sein müssen, um ins Museum zu kommen, wie die Guerilla Girls behaupteten, so haben nackte Männer andererseits im Tempel der Hochkultur gar nichts verloren. Das will die Schau »Der nackte Mann« im Linzer Lentos ändern. Gezeigt werden mehr als 300 Werke von Egon Schiele, Matthew Barney, Keith Haring, Oskar Kokoschka, Eduard Munch und Andy Warhol. Eröffnung: 25. Oktober; Ausstellung: 26. Oktober 2012 bis 17. Februar 2013 Linz, Lentos

Der nackte Mann

TERM I NE KULTUR


TERM I NE

KULTUR

Der Traum vom Fliegen Mit dieser Schau wird die Faszination der Art Brut für Flugzeuge, Raketen, Hubschrauber oder UFOs in den Fokus gerückt. Die Künstler der Galerie Gugging setzen sich mit der Technik ebenso wie mit Fernweh, Drang nach Freiheit oder der Verarbeitung von Reisen auseinander. Eröffnung: 10. Oktober; Ausstellung: 11. Oktober bis 7. April Maria Gugging, Galerie Gugging

Angela Richter – Assassinate Assange Im Oktober präsentiert Angela Richter ihre neuste Arbeit »Assassinate Assange«, die auf Recherche und intensiven Gesprächen zwischen der Hamburger Regisseurin und dem Wikileaks-Gründer Julian Assange basiert. Richter thematisiert den tragischen Aufstieg und Fall von Assange, die Faszination für die tiefen, dunklen Ecken des Internets, und den »Verrat« an sich. Vorführungen: 19. bis 22. Oktober Wien, Brut

Hans Kupelwieser – Reflections Die teils retrospektiv konzipierte Ausstellung »Reflections« wird sich sowohl dem fotografischen als auch dem skulpturalen Schaffen von Hans Kupelwieser widmen. Die ausgewählten Arbeiten bewegen sich im Grenzbereich zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, wobei der Fotografie ebenso große Bedeutung zukommt wie der Skulptur. Ausstellung: 29. September bis 13. Januar St. Pölten, Zeit Kunst Niederösterreich

100 beste Plakate Mit der Ausstellung »100 beste Plakate« werden herausragende grafische Leistungen des letzten Jahres aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gezeigt. Nach der Eröffnungsausstellung in Berlin und den Stationen in Nürnberg, Essen und Luzern kommt die Wanderausstellung nun nach Dornbirn. Eröffnung: 18. Oktober; Ausstellung: 19. Oktober bis 10. November Dornbirn, Designforum Vorarlberg

The Scientific People – Recherchen zum Mythos des Primitiven Hier setzen sich Künstler mit archaischen Spuren in unserer technisierten Gegenwart auseinander. DJ DSL gestaltete das Plakat zur Ausstellung. Mit Beiträgen von Heiko Bressnik, Kris Lemsalu, Heinz Frank, Tomek Vollmann, David Moises, Alexander Martinz. Eröffnung: 18. Oktober; Ausstellung: 19. Oktober bis 7. Dezember Wien, Kunstraum Niederösterreich

Phace – Grace Note Die »Sechs Vorschläge für das neue Jahrtausend« des italienischen Schriftstellers Italo Calvino bilden die thematische Grundlage für »Grace Note«, eine Mischung aus Performance und Video, Körper und Instrumente. Für diese Produktion hat das Ensemble für zeitgenössische Musik »Phace« mit den Künstlern Arturo Fuentes, Chris Haring und Günter Brus zusammen­ gearbeitet. Uraufführung: 31. Oktober; Termine: 1. bis 3. November Wien, Tanzquartier Wien 075


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Termine

Galerien

Nick Knight, Untitled (Leigh Bowery with Scull) 1992 © Nick Knight

Michael Sailstorfer »Zeit ist keine Autobahn – Salzburg«, 2012; tyre, iron, electric motor; 95 � 65 � 80 cm

TEXT Franziska Wildförster BILD Galerie Ropac, Galerie Elisabeth & Klaus Thoman

Michael Sailstorfer »Solarkatze«

Jürgen Klauke »Gebaute Figuren«, 1974; Detail aus fünfteiliger Fotosequenz; 40 � 30 cm

Jürgen Klauke

Objekte des Alltags ummünzen, Gewohntes in einen neuen Kontext bringen, vermeintlich simple Sachverhalte verund entwirren – durch Neuanordnung und Konstellationen von Gegenständen im Raum bringt Michael Sailstorfer ungeahnte Aspekte hervor. 15 präparierte »Solarkatzen« hocken lichtanbetend auf jeweils fünf Meter hohen Säulen, unbeeindruckt von dem geräusch- und geruchsintensiven Maschinengetöse unter ihnen. »Zeit ist keine Autobahn« arbeitet einen Autoreifen bis zur Felge an der Wand ab, »Reaktor« fängt die Schwingungen der Besucher auf und wirft sie verstärkt in den Raum. Krasser Gegensatz dazu ist die schmackhafte Butternote des frischen Popcorns, das sich aus der gleichnamigen Maschine ergießt. bis 22. Dezember Galerie Ropac

Der menschliche Körper steht im Zentrum von Jürgen Klaukes Interesse. In den 70er Jahren befasste er sich vor allem mit den Grenzen der sexuellen Identität und wurde somit zu einer der wichtigsten Figuren des Gender Crossing in Fotografie und Performance. Als »Ästhetisierung des Existenziellen« bezeichnet Klauke seine Arbeit, mit der er sich selbst zur Projektionsfläche, zum Arbeitsmaterial macht. Befasste er sich in den 70er Jahren noch mit dem Aufbrechen von Rollenbildern und Identitätsmustern, erkundet der aktuelle Werkblock »Schlachtfelder« die Vergänglichkeit, den Tod, die An- und Abwesenheit des Seins. bis 25. Oktober Galerie Elisabeth & Klaus Thoman curated by Michael Scott Hall

Niederösterreich

Vorarlberg

»... der traum vom fliegen« – Josef Bachler, Laila Bachtiar, Gregory Blackstock, François Burland, Leonhard Fink, Johann Garber, Ken Grimes, Johann Hauser, Franz Kernbeis, Johann Korec, Arnold Schmidt, Philipp Schöpke, Günther Schützenhöfer, Ionel Talpazan und Oswald Tschirtner bis 7. April Art Brut Galerie, Gugging

Oberösterreich

Christian Eisenberger, Roldan Kodritsch, Deborah Sengl bis 7. Oktober Galerie 422 Margund Lössl, Gmunden »Rosa« – Wolfgang Böhm, Helmut Kolar, Michael Lauss, Katja Vassilieva, Walter Vopava, Ewald Walser bis 9. November Maerz Künstlervereinigung, Linz

Salzburg

Maya Rochat_Philippe Gerlach – »a_nervous_system« bis 18. November Fotohof, Salzburg

Steiermark

Realness Respect (Martin Beck, Carola Dertnig, Christian Falsnaes, Claire Fontaine, Ilja Karilampi, Brad Butler / Karen Mirza, Santiago Sierra, Jason Simon, Franz Erhard Walther) bis 7. Dezember Kunstverein Medienturm, Graz »Art Is Concrete. And So Is Truth?« Koproduktion Steirischer Herbst 2012 bis 17. Februar Camera Austria, Graz

Tirol

Miriam Thomann bis 22. Dezember Galerie der Stadt Schwaz

XTRAVAGANZA Staging Leigh Bowery 19. Oktober – 3. Februar

„Every time I go out, it turns into a performance“ sagte Leigh Bowery über sich selbst. Mit seiner schrillen Selbstdarstellung mischte er die Londoner Subkultur der 1980er-Jahre auf und strapazierte mit viel Humor und einer Bad Taste Attitüde gesellschaftliche Konventionen. Leigh Bowerys exzentrische Darbietungen zwischen Performance, Mode und Musik stellen bis heute eine Inspirationsquelle für zahlreiche Künstler, Fotografen und Filmemacher dar.

Tue Greenfort »Eine Berggeschichte« bis 4. November Kunstraum Dornbirn

Wien

World Press Photo 2012 bis 21. Oktober West Licht. Schauplatz für Fotografie Patti Smith bis 7. November Galerie König Paul Renner: »Bienenkorb komprimiert« bis 20. Oktober Konzett Gallery Roman Signer bis 12. Jänner Galerie Janda Christian Mayer bis 4. Jänner Galerie Mezzanin »Shuffling the cards – Chinese contemporary art reloaded« bis 20. Dezember Brot Kunsthalle Tonspur 54: Candice Breitz & Alex Fahl »Vanitas Medley, 2012« bis 24. November Tonspur Passage, MuseumsQuartier curated by Niekolaas Johannes Lekkerkerk; Artists of the No: Nina Beier & Marie Lund, David Raymond Conroy, Ryan Gander, Dora Garcia, David Sherry, Pilvi Takala bis 25. Oktober Projektraum Viktor Bucher curated by Adam Carr; Detective: Meriç Algün Ringborg, Christian Burnoski, Sean Edwards, Ryan Gander, Leopold Kessler, Jonathan Monk, Alek O., Kirsten Pieroth, Wilfredo Prieto bis 25. Oktober Galerie Andreas Huber Anita Leisz, Nora Schultz; curated by Will Benedict Bis 25. Oktober Galerie Meyer Kainer

Fergus Greer, Leigh Bowery, Session VII, Look 37 June 1994 © Fergus Greer, Courtesy Fergus Greer

Sue Tilley, Untitled (Spotty) c. 1986, C-Print © Sue Tilley, Courtesy Sue Tilley

tägl. 10 bis 19 Uhr, Do. 10 bis 21 Uhr Museumsplatz 1, 1070 Wien www.kunsthallewien.at


TERM I NE

F E S T I VA L S

5 Fragen an Christof Dienz (Forward Festival)

Die Klangspuren Schwaz gibt es ja schon, ist das Forward Festival dann quasi die logische Erweiterung in Richtung Pop? Genau. Das Festival steht ja an der Schnittstelle zwischen Pop, Neuer Musik und Electronica. Wie hat man die vertretenen Acts ausgewählt? Gingst du nach deinem eigenen Interesse vor oder wie kam es zu diesem Line-up? Ja, eigentlich hatte ich ganz freie Hand. Es gibt auch keinen wirklichen Leitfaden, außer, dass ich unbedingt wollte, dass wenigstens ein Act dabei ist, der Tirol-Bezug hat, Denseland. Und auch österreichische Acts wie Soap & Skin und Ensemble oder Radian sollten dabei sein. Wieviele Besucher finden Platz im Cube der Kristallwelten? Also 500 Besucher pro Abend wären möglich, 1.500 an drei Abenden, darüber wären wir glücklich. Gibt es deiner Meinung nach genug Interesse und Publikum für diese musikalischen Bereiche in Tirol? Es ist schon ein bisschen für die Leute gedacht, die das Abenteuerliche suchen und hören wollen. Die Klangspuren sind ja ein erfolgreiches Festival und das funktioniert super in Tirol, also bin ich mir ziemlich sicher, dass es auch ein Publikum für das Forward Festival gibt. Die Acts, die auftreten, sind ein bisschen heikel, was Sponsoring betrifft. Wie sehr wird Swarovski erkennbar sein? Es findet in den Kristallwelten, dem Aushängeschild der Firma, statt. Es wird also nichts versteckt oder verheimlicht. Es ist zugegebener Maßen so, dass ein junges kritisches Publikum auch Swarovski kritisch gegenüber steht, aber man muss auch sagen, wenn Swarovski für solch ein Nischen-Festival Geld hergibt bzw. das gesamte Festival bezahlt, ist das eine gute Sache.  Fm Riese – Forward Music Festival 22. bis 24. November Wattens, Swarovski Kristall­ welten; www.kristallwelten.swarovski.com 078

Ihr wird ein gebührender Schwerpunkt zum Jubiläum des Festivals gewidmet: Komponistin Olga Neuwirth.

Wien Modern Wenn die Stille zur Musik wird und die Umgebung mit dem Werk verschmilzt, die Gesichter leicht perplex wirken, jede Bewegung und jedes kleine Geräusch das Stück formt, kann es sich nur um John Cages berühmtestes Werk »4' 33"« handeln. 2012 war das Jahr des Klangkünstlers und Wien Modern wirft einen konzentrierten Blick auf ebenjenen. Das Festival steht für Avantgarde, verbindet Gegenwartsmusik mit Tanz, Theater, Film oder einfach allem, was mit Musik in Symbiose treten kann. Diskussionen, Workshops und Seminare runden das Festivaltreiben ab. Ein thematischer Schwerpunkt wird während des Festivals Olga Neuwirth gewidmet. Sie stellt die Querverbindung her, für die Wien Modern steht: Ihre Musik erklang bereits in Theaterstücken und diversen Filmen. 22. Oktober bis 16. November Wien, diverse Locations


TERM I NE

F E S T I VA L S Was auf der Blickfang ausgestellt wird, gibt es meistens auch zu kaufen. Hier tippen wir auf: Sofa, Uhr, Handschuhe, Halskette und den trüben Kajal-Koks-Blick™.

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Zehnbillionenhundertsiebenundsechzigmillionenfünfhundertausend. So viele The Gap-Hefte muss man stapeln, um den Mond zu erreichen. Weil sich das Kontraste-Festival die Unerklärlichkeit des Kosmos zum Thema gemacht hat, reichen wir diese visionäre Installation nächstes Jahr ein.

Blickfang

TEXT Benjamin Agostini BILD Forward Festival, marion Kalter, Lothar Daniel Bechtold, Frank Robert

Bei all diesen Design-Messen, zu denen man nie eingeladen ist, kann man als Interessent schon einmal das Gefühl bekommen, die Designszene lässt niemanden an sich heran. Blickfang macht es anders und lässt auch die, die letztlich drauf sitzen oder es tragen müssen, direkt mit den Designern und deren Produkten in Kontakt treten. Man beschränkt sich zum Glück nicht nur auf das Ausstellen der schönen Stücke, auch der Verkauf gilt als zentrales Element der Messe. Kurze Zusammenfassung: Design für alle! 19. bis 21. Oktober Wien, Mak

Geht es ums Geschichtenerzählen, können Fotos als unendliche Inspirationsquelle dienen. Das Eyes On Festival lässt abschweifen.

Tyrolean Independent Film Festival

Was bedeutet Independent? Nicht von Konzernen abhängig zu sein? Sich nicht nach den Vorstellungen der großen Masse zu richten? Das TyIFF schaut über Budgets und große Namen hinweg, konzentriert sich auf die Qualität der Filme und bietet deren Machern eine Plattform sich zu präsentieren. Ein noch kleines, aber feines Filmfestival mitten in den Bergen Tirols. 12. bis 15. Oktober Innsbruck, Metropol Kino

Kontraste

Schon einmal von dunkler Materie und dunkler Energie gehört? Derzeit können sich Wissenschaftler bloß mit diesen vagen Begriffen den Zusammenhalt des Universums erklären. Das Kontraste Festival thematisiert alles Unerklärliche im Kosmos und versucht mit audiovisuellen Installationen und Performances, diese »elektrischen Schatten« kunstvoll darzustellen. 12. bis 14. Oktober Krems

Eyes On Auf das Knöpfchen drücken und darauf hoffen, dass es gut aussieht, kann jeder. Für alle, die etwas mehr aus den Kameras herausholen wollen, gibt es das Eyes On. Internationale Aussteller geben sich beim Monat der Fotografie die optische Klinke in die Hand und zeigen in verschiedenen Wiener Locations, dass diese riesigen Objektive, mit denen Fotografen zeigen, wie groß sie sind, doch nicht nur Pussy-Magneten sind und dass es mehr gibt als die verwackelten Fotos von letzter Nacht. Oder Instacamera. Oder wie das heißt. 30. Oktober bis 30. November Wien, diverse Locations

Viennale

50 Jahre auf dem Buckel und keine Anzeichen von Altersschwäche. Der Anspruch auf Qualität besteht nach wie vor und das urbane Flair kann man ihr sowieso nicht streitig machen. Die Viennale, Österreichs größtes internationales Filmfestival, schafft immer wieder den schwierigen Spagat zwischen ästhetischen Ambitionen und politischem Diskurs. 25. Oktober bis 7. November Wien, diverse Locations 079


jeunesse jazz+ experimental

termIne

mUSIK

Porgy & Bess | Riemergasse 11 | 1010 Wien

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10.10. Mi | 20:30 Biondini, Godard & Niggli

: jazz :

Luciano Biondini Akkordeon Michel Godard Tuba, Serpent, E-Bass Lucas Niggli Schlagzeug Anspruchs- und genussvoll: spielerischer Umgang mit Musik, zwischen Jazz, Klassik, imaginärer Folklore und Improvisation. 19:15 | Meet the artists: Ute Pinter im Gespräch mit den Künstlern

16.10. Di | 20:30 Hélène Labarrière Quartet

: jazz :

24.10. Mi | 20:30 : neue musik : Ensemble KLANG

Erik-Jan de With, Michiel van Dijk Saxophon Anton van Houten Posaune Pete Harden Gitarre Saskia Lankhoorn Klavier Joey Marijs Perkussion Tom Gelissen Klangregie NICE PRICE! < 26 Jahre eur 10,– Vollpreis eur 18,–

The Pains Of Being Pure At Heart tun auf Fotos oft quietschfidel, singen hinter deinem Rücken dann aber darüber, wie schlecht es ihnen geht.

ahoi! pop Das indoor-Festival ahoi! Pop verdient eine eigene Fernsehserie. So jung und so schön ist es. es besteht gerade einmal das zweite Jahr und schon gibt es sich sehr viel mühe, zur lebenden und lebendigen legende zu werden. Der Posthof schippert da eine ganz kostbare ware vom linzer hafen. ein paar highlights des line-ups in aller kürze: die eleganten Divine comedy, die emotionalen Pains Of Being Pure at heart, die bunten we have Band und die krassen Xiu Xiu. Zu entdecken gibt’s aber noch viel mehr. 31. oktober bis 3. November linz, posthof

Bo Candy And His Broken Hearts 18.10.

Do | 20:00 Einlass | 20:30 Beginn EUR 12,– | 14,– (VVK | AK)

Konzerte von Bonaparte sind immer schwer zu empfehlen, weil man sonst nie von so einem fantastischen Aktionismus-Musik-Theater überfordert wird. GARAGE X Petersplatz 1 1010 Wien

Bonaparte

saison

2012|13

klassik jazz world neue musik kinderkonzerte

(01) 505 63 56 www.jeunesse.at

Die royalen anarchisten von Bonaparte verlassen ihre Bastion in Berlin und führen ihre neueste kreation »Sorry we’re Open« dem Volke vor. halb Österreich soll invadiert werden. es darf mit chaotischen Tanz- und mutausbrüchen gerechnet werden, dafür sind sie bekannt. kein auftritt ohne »ist das jetzt wirklich passiert?«-moment, keine Tour ohne kostümkiste, denn das musizieren gehört bei den Zirkuspiraten genauso zu den Pflichten wie die Performance. Bringt festes Schuhwerk, ihr werdet es brauchen. 29. oktober salzburg, republic — 30. oktober wien, gasometer — 31. oktober graz, listhalle — 01. November innsbruck, hafen

text BenJamin aGOSTini Bild POSThOF, meliSSa hOSTeTleR, aRchiV (2), maciek POZOGa, Daniel SchReiBeR, eRic weiSS

Hélène Labarrière Kontrabass François Corneloup Saxophon Hasse Poulsen Gitarre Christophe Marguet Schlagzeug Wienpremiere des Hélène Labarrière Quartet: lustvoller KammerJazz, »unbändig, komplex – und bis in die Haarspitzen originell.« (Matthias Wagner)


TERM I NE

MUSIK

Electronic Beats Festival Keine Ahnung, ob es gerade heißeren Scheiß in der elektronischen Musikwelt gibt, als das Line-up des Electronic Beats Festival. Der nimmermüde James Blake bastelt fleißig an seinem zweiten Longplayer, nachdem er gefühlt hundert EPs veröffentlicht hat. Squarepusher und Hudson Mohawke sind jeder für sich monolithische Gebilde in der Elektroszene und die Nachwüchsler werden auch schon gehypt. Ach, wie schön. 12. Oktober Wien, Arena

Die Türen & The Gap Release Ein Abend im Zeichen von Glamour und Diskurs. Beides gibt es von Die Türen. Politische und gesellschaftliche Kritik haben die Hamburger in aufgekratzte und niemals langweilige Stücke verpackt. Für das neue Album »ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ« haben sie sich Andreas Spechtl von Ja, Panik an Bord geholt. Für Vieltänzer gibt es im Anschluss die traditionelle The Gap-Auflegerei. 20. Oktober Wien, Brut Konzerthaus

highlights oktober / november Do. 11. – Fr. 12.10. // 20:00   Theater

Gob Squad / Campo:  Before Your Very Eyes



Sa. 13.10. // 20:00   Indie / Alternative

Fuzzman / The  Nintendos / Yesayes /  Sister Jones:  Indie-Native #13 

Mi. 17.10. // 20:00   LiteraturSalon

Robert Menasse:

Der Europäische Landbote 

Fr. 19.10. // 20:00   Singer/Songwriter

Mark Gardener / Downpilot / Danny Michel

Tame Impala



Musik zum Augenschließen und Wegträumen. Wer braucht schon Schwammerl, wenn es Tame Impala gibt? 2010 mit »Innerspeaker« durchgestartet, folgt dieses Jahr der Nachfolger »Lonerism«. Psychedelische Klänge, die ebenso in den 70ern funktionieren würden, prägen den Sound der Australier. Vorhersage: Anwärter auf Album des Jahres. 25. Oktober Wien, Fluc Wanne

F. Zawrel – Erbbiologisch  und sozial minderwertig

Mi. 24.10. // 20:00   Figurentheater

Jack by The Gap So, jetzt aber: Das Morisson öffnet endlich wieder seine Pforten! Jack by The Gap darf somit den längst überfälligen Auftritt der aus dem HipHop-Kollektiv der Waxolutionists stammenden New Tower Generation ankündigen. Daniel und Fabian Schreiber nennen sich jetzt allerdings Twintowas. Macht keinen Unterschied, die beiden stehen immer noch für House der Chicago- oder Jersey-Gangart. DJ-Rahmung: The Gap’s finest Moogle und Laminat. 26. Oktober Wien, Morisson Club

Sizarr Wenn jemand in 20 Jahren fragt, wie sich die Nullzehner Jahre angehört haben, kann man ohne weiteres Bedenken Sizarr angeben. Diese werfen ihre Berliner Wurzeln genauso in das Potpourri, wie alles andere, das coole Synthies, eine drängende Stimme und gefinkelte Percussion abverlangt. Kein Wunder also, dass die aufstrebenden Jungs schon auf namhaften Festivals wie dem Melt, Reeperbahn oder Iceland Airwaves zu bestaunen waren. 18. Oktober Wien, Fluc

Schuberttheater: 



Fr. 26.10. // 20:00   Rock ’n’ Roll

Wanda Jackson  & Chris Aron and  The Single Bedrooms 

Mi. 31.10. – Sa. 03.11. // 20:00 Pop

Ahoi! Pop 2012 

Musikfestival mit The Divine  Comedy / The Pains Of  Being Pure At Heart /  A.G. Trio / Kraftklub / Nicole  Willis / Awolnation u. v. a.



Mi. 07.11. // 20:00   Kabarett

Pepi Hopf: Unschuldig 

Fr. 09.11. // 20:00   Kabarett

The Gaslight Hype!: Second Relation Anthem Der Hype Club bietet lokalen Bands die Möglichkeit, bei freiwilliger Spende – das verspricht größeres Publikum – im Wiener Fluc aufzutreten. I’m a Sloth und The Mob Fixing Freedom geben sich die Woche drauf die Ehre. Beide Bands leben von energiegeladenen Gitarren. Auch schön, mehr rockende Frauen auf den Bühnen zu sehen. 16. Oktober Wien, Fluc

Die Jungs gehören auf die große Bühne. Ihr neues Album »Handwritten« setzt den Sound der Vorgängeralben fort. Songs, die von Eddie Vedder, dem Boss oder vielleicht sogar von den Killers – in gut – stammen könnten. Da sind auch »Schalala’s« und »Oh Oh Ohs« in Ordnung. 29. Oktober Wien, Gasometer

The Tallest Man On Earth Viele wissen nicht, dass Kristian Matsson gar nicht der größte Mensch der Welt ist, das ist Sultan Kösen. Abgesehen von dieser Lüge ist die Musik von solch ehrlicher Schönheit, dass man über den Fakt gerne hinweg sieht. Wer das jetzt nicht glaubt, der kann sich ja selber davon überzeugen. 14. Oktober Wien, WUK

Theatre Du Pain:  Revoluzzion zum  Selbermachen 

Sa. 10.11. // 20:00   Pop-Satire

Der FM4 Ombudsmann  feat. Love & Fist Das komplette Programm gibt’s auf www.posthof.at POSTHOF – Zeitkultur am Hafen, Posthofstraße 43, A – 4020 Linz Info + Tickets: 0732 / 78 18 00, www.posthof.at


Know-Nothing-Gesellschaft von Illbilly The K.I.T.T.

Illbilly The K.I.T.T. www.facebook.com/ illbilly

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ls ich unlängst aufwachte, hatte ich gerade die merkwürdige Traumeingabe, mit dem längsten Kolumnentitel aller Zeiten einen Eintrag ins GuinnessBuch der Rekorde zu schaffen, allein mir schien, nachdem die anstrengende Nacht aus meinen Knochen gebeutelt war, das Unterfangen ein recht Altbackenes zu sein, weswegen ich mich nun auch entschließe, dieses Überschrift- respektive HeadlineVorhaben zu verwerfen und stattdessen einfach eine mordsmäßige Einleitung fabriziere, die, wie man bereits jetzt feststellen kann, ja auch schon über mehrere Zeilen geht und sinnlos angeschwollen und prall und bedeutungsschwanger und saftig da liegt wie eine willige Morgenerektion am Abdomen und dringendst ihrem Ende näher gebracht werden muss, wobei ich nicht darauf hinzuweisen vergessen möchte, dass die hier dargebrachte Gliedsatzorgie in ein Interview mit mir selbst übergehen wird, allerdings einem, das lediglich aus knackigen Antworten besteht und ohne Fragen auskommen soll, denn, so beobachtete ich, das macht man vor allem im angloamerikanischen Magazinen sehr gerne, um die Eitelkeiten des Fragestellers, der gemeinhin auch als Interviewer bezeichnet werden darf, außen vor zu lassen, was in diesem Fall, also einem Interview mit mir selbst, besonders ratsam ist, da davon auszugehen ist, dass die Antworten ohnehin nur so von Eitelkeit strotzen werden. »Immer, wenn ich besonders stolz auf einen meiner Einfälle bin, ärgere ich mich kurz darauf umso heftiger, weil irgendein kleines Detail übersehen worden ist. Eine Deadline zum Beispiel. Letztens fiel mir mein Postkastenschlüssel, den ich aus abergläubischen Gründen nicht am Schlüsselbund draufhänge, bei einem Spaziergang in einen Spalt. Mit der Hand kam ich nicht ran. Ein Magnet musste also her. Ich erinnerte mich daran, dass der Lautsprecher meines Aufnahmegeräts ein schönes Elektromagnetfeld abgibt, das etwas stärker wird, wenn das Gerät eingeschaltet ist. Mit den Kopfhörerkabeln, die sich in meinem leichten Gepäck befanden, machte ich einen ordentlichen Knoten

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und versuchte, den Schlüssel rauszuangeln. Beim dritten Versuch war es dann so weit. Aufnahmegerät, Kopfhörer und Schlüssel lagen im Spalt.« »Nein, darüber will ich jetzt wirklich nicht sprechen. Aber, dass der Postkastenschlüssel nicht am Schlüsselbund drauf ist, hat damit zu tun, dass ich auch freitags nicht zum Friseur gehe.« »Ich verpasse mir regelmäßig mehrere Tage andauernde Internetpausen, insbesondere, wenn mir etwas sehr Verstörendes unterkommt. Zuletzt etwa, als ich durch Zufall auf ein sehr freizügiges Bild einer Cousine zweiten Grades stieß, die im Bikini am Sandstrand mit ihrem Freund posierte. Ich erkannte an ihr die Brüste meiner Mutter. Vererbung ist schon auch komisch manchmal. Danke, Darwin!« „»Ja, ich war eine schwere Geburt, heißt es. In Steißlage durch den Geburtskanal gepresst, weil man vor 30 Jahren mit Kaiserschnitten noch nicht so freizügig umging. Vielleicht rührt daher mein Drang, überall reinkriechen zu wollen und meine Nase in Dinge zu stecken, die mich eigentlich nichts angehen. Beim Muschischlecken kann das ein Vorteil sein.« »Nein, das müssen andere beurteilen. Aber – ganz selbstkritisch und offen gesagt – ich bin eher mehr begeistert dabei, als besonders gut darin.« »Meine letzte handfeste Auseinandersetzung hatte ich am Kinderspielplatz mit einem älteren Jungvater. Ich teilte seine Meinung nicht, dass Kinder so wundervolle Lehrer fürs eigene Leben sind. Würden Sie einen Lehrer ernst nehmen, der wie eine läufige Hündin aus den 90er Jahren heißt? Sehr wütend zog er von dannen, mit seiner vierjährigen Lara-Dusty-Summer.« »Ich glaube nicht, dass ich Mädchen zeugen kann. Aber falls doch, ich würde eine Tochter dann nach einer Anti-BabyPille nennen. Cilest, Leios, Miranova oder Pink Luna klingt doch schön, oder?« »Es ist sehr lustig, als Indiana Jones verkleidet in einen SM-Shop zu gehen und eine Peitsche zu kaufen. Deswegen ist das auch immer ein Wetteinsatz von mir. Dreimal hab ich das bereits machen müssen, aber auch zwei Freundinnen und drei Freunde so schon zum Peitschenkauf geschickt. Einmal glaubte eine Verkäuferin, ich wäre der einzige Teilnehmer eines Flashmobs und erniedrigte mich deswegen sehr.«

»Als Dr. Sommer vor wenigen Wochen verstarb, war ich zwar traurig, da das Leben aber weitergeht, freute ich mich sehr für Gerti Senger, die jetzt in meinem Koordinatensystem die beste Sexratgeberin deutscher Zunge ist. Bitte, wer sagt sonst so wunderschöne Sachen, wie Der Penis ist die Antenne des Herzens? Ich hoffe, Gerti wird 120.« »Nein, das glaub ich nicht. Aber, ich kann mir vorstellen, dass zum Beispiel Erwin Wurm innerlich jubilierte, als Franz West starb und nun im Bewusstsein lebt, Österreichs international erfolgreichster Künstler zu sein. Thomas Bernhard soll ja vor Freude getanzt haben, als Doderer das Zeitliche segnete.« »Ich möchte nicht wissen, wer tanzt, wenn ich sterbe, aber ich habe ein paar unter Verdacht.« »Fettnäpfchen? Immer wieder gerne. Ich habe unlängst auf einem Medienevent aus Versehen sehr laut gefragt, ob dieses sprechende Dingsbums auf der Bühne der in der Einladung angekündigte BurlesqueTransvestit ist. Nein, das ist Doris Golpashin, hieß es.« »Plan B, C oder D zu haben, ist nie verkehrt. Wichtig ist, dass auch die ausgeklügelt sind. Zum Beispiel wollte ich einmal den längsten Kolumnentitel aller Zeiten machen. Das ging schief. Ich entschied mich dann für einen relativ kurzen, nihilistischen Titel, der dafür aber am Textende steht. Denn:

»Ich BIn eIn SPItZentyP, von denen eS Gott SeI danK nIcht mehr GeBen SoLLte!«


the souNdtrack of our lives (se) gold paNda (uk) paNtha du priNce (de) rustie (uk) lucy rose (uk) the weddiNg preseNt (uk) housse de racket (fr) kaviNsky (fr) dilloN (de) ghostpoet (uk) miloopa (pl) tu fawNiNg (us) viNNie who (dk) graveNhurst (uk) scout Niblett (us) b.fleischmaNN (at) uma (de) team me (No) mujuice (ru) paula & karol (pl) mieux (at) eiNar stray (No) sex jams (at) bloom (sk) mario & vidis (lt) aNNa aaroN (ch) mile me deaf (at) … aNd maNy more …

tickets & info: www.wavesvienna.com

04.10.–07.10.

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The Gap 130