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N° 167

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AUSGABE FEBRUAR / MÄRZ 2018 — THE GAP IST KOSTENLOS UND ERSCHEINT ZWEIMONATLICH. VERLAGSPOSTAMT 1040 WIEN, P.B.B. | GZ 05Z036212 M


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1. bis 4.. März

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2018

Wiener Stadthalle 9 bis 18 Uhr, 4. März bis 17 Uhr Eintritt frei

www.facebook.com/bestinfo.at www.twitter.com/bestinfo_at

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Editorial Analog(ie)

Web Facebook Twitter Instagram Issuu

www.thegap.at www.facebook.com / thegapmagazin @the_gap thegapmag the_gap

Herausgeber Manuel Fronhofer, Martin Mühl Chefredakteurin Yasmin Vihaus Leitende Redakteure Manfred Gram, Thomas Weber

Die Schallplatte galt als todgeweiht, lebt nun in einer Zeit, in der sich Streamingplattformen im Preisdumping battlen, vielleicht besser als vor gut zehn Jahren. Der Vinylboom, so wird in unserer aktuellen Coverstory gefolgert, ist gewissermaßen Ergebnis der fortschreitenden Technologie und eine Gegenbewegung zu dem, was online in Massenabfertigung passiert. Natürlich ist die Schallplatte noch immer ein Nischenmedium, dennoch wurde in Österreich im Jahr 2018 gerade das erste Vinylpresswerk eröffnet, um der steigenden Nachfrage nachzukommen. Im Printmedienbereich darf man sich selbiges nur Wünschen. Genug Anlass für eine Gegenbewegung gäbe es schon lange: Wenn der US-Wahlkampf durch Fake-News und russische Werbeanzeigen auf Facebook manipuliert wird, wenn mit Metapedia eine Plattform existiert, die eine Parallelwelt ohne Holocaust und Verbrechen im zweiten Weltkrieg vorgaukelt, wenn Seiten wie Unzensuriert ihre eigene Wahrheit verbreiten und vom österreichischen Vizekanzler geteilt werden, dann sehnt man sich nach vertrauenswürdigen Gatekeepern, die nicht nur Blasen bedient, sondern den Überblick bewahren. Wenn man dann nach einem zehnstündigen Arbeitstag vor dem Computer nachhause kommt, hat man vielleicht zunehmend weniger Lust, auf Online-Medienflut vor einem weiteren Screen. Ob wir in zehn Jahren auf unserem Cover über die Rückkehr des Printmagazins berichten werden? Wir hoffen es. Bis dahin wird es wohl nicht einfach – nicht nur für uns, sondern auch für die, über die wir schreiben. Zumindest Teile der neuen Regierung haben ein Kulturverständnis, das sich mit unserem wohl nicht so ganz überschneidet. Aber Totgeglaubte leben ja bekanntlich länger.

Yasmin Vihaus

vihaus@thegap.at • @yasmin_vihaus

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Gestaltung Michael Mickl, Lisa Weishäupl Autoren dieser Ausgabe Barbara Fohringer, Catherine Hazotte, Alexander Kleedorfer, Michael Bela Kurz, Viktoria Kirner, Thomas Nussbaumer, Dominik Oswald, Michaela Pichler, Gabriel Roland, Werner Schröttner, Sarah Wetzlmayr Kolumnisten Therese Kaiser, Gabriel Roland, Martin Mühl, Illbilly Fotografen dieser Ausgabe Anna Breit (Cover), Alexander Gotter, Marlene Mautner, Patrick Rieser Lektorat Adalbert Gratzer, Katja Schifferegger Anzeigenverkauf Herwig Bauer, Emma Eminenz, Thomas Heher, Micky Klemsch, Martin Mühl, Thomas Weber (Leitung) Distribution Martin Mühl Druck Ferdinand Berger & Söhne GmbH Pulverturmgasse 3, 1090 Wien Geschäftsführung Martin Mühl Produktion & Medieninhaberin Monopol GmbH, Wohllebengasse 16 / 6, 1040 Wien Kontakt The Gap c/o Monopol GmbH Wohllebengasse 16 / 6, 1040 Wien office@thegap.at — www.thegap.at Bankverbindung Monopol GmbH, Bank Austria, IBAN AT 54 1200 0515 8200 1929, BIC BKAUATWW Abonnement 10 Ausgaben; Euro 19,— www.thegap.at/abo Heftpreis Euro 0,— Erscheinungsweise 6 Ausgaben pro Jahr; Erscheinungsort Wien; Verlagspostamt 1040 Wien Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder. Für den Inhalt von Inseraten haftet ausschließlich der Inserent. Für unaufgefordert zugesandtes Bildund Textmaterial wird keine Haftung übernommen. Jegliche Reproduktion nur mit schriftlicher Genehmigung der Geschäftsführung.

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Magazin

Totgeglaubte leben länger Über den anhaltenden Vinylboom

016 In Österreich werden wieder Schallplatten gepresst Austrovinyl im Interview 020 Mehr als nur ein Plattencover Vinylverpackungen als Kunstform 024 Musik als Bedürfnisbefriedigung Neun Jahre Meat Market 028 10 interessante JungschauspielerInnen im Porträt Teil 2 034 »What is porn?« Wien bekommt ein Pornofestival

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038 Ausgebrannt Von »Uni brennt« zur Finanzierbarkeit des Studiums 041 Minecraft in der Schule Spielend lernen 042 Sprungbrett für Riot Girls Bildung am Rrriot Festival 044 Ausbildung anders Es muss nicht immer ein Studium sein

Jana Sabo, Alexander Gotter, Pretty Vacant Boys, Robert Schwarz, Tina Bauer, Privat, Sarah Weishäupl

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028 Anna Breit Arbeitet als freie Fotografin in Wien. Hat am Foto K einen Lehrgang besucht, anschließend drei Monate Praktikum bei einer Fotoagentur in New York. Hauptthema ihrer Fotografien sind meist Menschen aus ihrem näherem Umfeld.

Viktoria Kirner

034 Rubriken 003 Editorial / Impressum 006 Leitartikel 010 Golden Frame 048 Workstation: Natascha Muhic & Christoph Freidhöfer Dieter Kovacˇicˇ 052 Prosa: Mercedes Kornberger 054 Gewinnen 055 Rezensionen 059 Termine

Viktoria Kirner hat sich nach ihrem abgeschlossenen Jus-Studium für ein Praktikum bei uns beworben. Neben ihrer Band Dives und ihrem Job im Parlament hat sie sich für diese Ausgabe mit Bildungsinitiativen am Rrriot Festival beschäftigt, nachzulesen auf Seite 42.

Katja Schiffereger Lebt und arbeitet in Wien und hat sich schon als Kind über Fehler in Büchern geärgert. Heute hat sie es sich zum Beruf gemacht, ebendiese in Texten zu finden, am liebsten in solchen über Musik – der anderen großen Leidenschaft neben jener fürs geschriebene Wort. In dieser Ausgabe sorgt sie für fehlerfreie Texte.

Lisa Weishäupl

Kolumnen

War mit dieser Ausgabe erstmals an der Gestaltung des Hefts beteiligt. In ihrer Freizeit treibt sie sich gerne in dunklen Spelunken und gut sortierten Buchhandlungen herum.

007 Einteiler: Gabriel Roland 008 Lokaljournalismus: Martin Mühl 009 Gender Gap: Therese Kaiser 066 Know-Nothing-Gesellschaft: Illbilly

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Martin Mühl

Co-Herausgeber The Gap

Bei der Verleihung des Österreichischen Filmpreises 2018 wurden aktuelle Themen in den Mittelpunkt gerückt: Das Unbehagen mit der neuen Regierung und die Rolle von Frauen in unserer Gesellschaft. ———— Der Abend beginnt launig und doch haben sich schon vor der eigentlichen Preisverleihung die inhaltlichen Themen angekündigt. Es wurden Armbänder mit politischen Statements verteilt. Christoph Grissemann und Hilde Dalik beginnen ihre Moderation mit einer Reihe von Witzen über die neue Regierung und die laufenden Bestätigungen über die Ansichten mancher FPÖ-Mitglieder – Austragungsort der Gala ist immerhin das niederösterreichische Grafenegg, kurz nach der Landtagswahl und während der laufenden Diskussionen über die Wiener Neustädter Burschenschaft Germania. »Sebastian Kurz meinte kürzlich, du bist seine Lieblingsschauspielerin«, meint Grissemann früh in Richtung Dalik. »Er ist auch mein Lieblingsschauspieler«, kommentiert diese knapp. Die Eröffnungsrede hält die Präsidentschaft der Akademie des Österreichischen Films: Ursula Strauss und Stefan Ruzowitzky. Die beiden kommen sofort zum Punkt: Empathie und Solidarität sind laut ihnen wichtige Eigenschaften ihres Berufs und aller FilmemacherInnen – und mehr denn je gefragt, da es offenbar viele gibt, denen diese Werte nichts bedeuten. Lukas Miko, der den Preis für die beste männliche Nebenrolle in »Die beste aller Welten« gewinnt, nutzt den Abend, um eine Rede zu verlesen, auf die sich rund 260 Filmschaffende per Unterschrift einigen konnten. Darin wurde die Regierung aufgefordert, die Zusammenarbeit mit rechtsradikalen Burschenschaften aufzugeben und mehr Solidarität mit Benachteiligten und jenen, die Hilfe brauchen, zu zeigen.

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Das zweite große Thema des Abends ist die Rolle von Frauen, nicht zuletzt in Zusammenhang mit #metoo. Bei großen Teilen des Publikums und der Akademie herrscht große Freude darüber, dass der Event von Mirjam Unger und damit erstmals von einer Frau gestaltet wurde. Darüber hinaus sind nicht nur viele der Nominierten, sondern auch auffallend viele Ausgezeichnete, Frauen. Die aktuelle politische Entwicklung und Feminismus sind dann auch die Themen der Gastrede von Doris Knecht, die einerseits eine traurige Entwicklung der Regierung beschreibt und dann dazu überleitet – gemäß dem Thema des Abends »Into the Future« – in der hier versammelten Gesellschaft, in der Frauen eine wichtige, gleichberechtigte Rolle spielen, ein hoffnungsvolles Statement zu sehen. Während dieser drei Stunden des Abends gibt es nur vereinzelt Leute, die zu diesem Zeitpunkt den Saal verlassen, sich Kommentare des Widerspruchs zuraunen oder auf der Rückreise im Bus ihrem Ärger Luft machen. Ein positives Signal und eine schöne Beobachtung. Nur selten, aber doch kommt die Rede dann auch auf die finanzielle Situation von Filmschaffenden in Österreich. Denn so sehr hier einzelne Personen ein mehr als gutes Auskommen finden, so schwierig ist allgemein die Situation der Kreativen. Der heimische Markt ist klein und ermöglicht quasi keine Finanzierung eines Films über den Markt. Vertriebe gibt es für Österreich oder den weltweiten Markt. Ohne entsprechende Förderungen durch offizielle Stellen von Bund und Regionen oder TVStationen gibt es keinen österreichischen Film. Es ist nicht vorstellbar, dass die Bestrebungen der heimischen Bundesregierung, die Kurz auch anlässlich des Besuchs von Viktor Orban bekräftigte, die Nationalstaaten und ihre klei-

nen Märkte gegenüber der EU zu stärken, es für Kulturschaffende und die für sie nötigen Märkte einfacher macht. Im März 2018 eröffnet die Diagonale in Graz, deren aktuelle Intendanz Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber aus ihrer politischen Einstellung kein Geheimnis macht, mit »Murer – Anatomie eines Prozesses«, einem Film über den erst 1963 stattgefundenen Prozess gegen Franz Murer, der an der Tötung vieler Juden zwischen 1941 und 1943 beteiligt gewesen sein soll. Wir widmen unsere kommende Ausgabe Anfang März dem österreichischen Film, der bei allem, was diskutierenswert an ihm ist oder auch mal nicht gefällt, für diesen Moment eine Stimme der Hoffnung und der Standfestigkeit darstellt. Seit 12. Februar ist es auch möglich, das Frauenvolksbegehren 2.0 mit Unterstützungserklärungen zu unterstützen und – ob man im Detail mit jeder Forderung einverstanden ist oder nicht – ein Zeichen für Solidarität und Gleichberechtigung zu setzen. Die ersten im Rahmen des Events auf die Bühne des Filmpreises gesprayten Worte waren: Empathie, Mut, Feminismus. Und jetzt wir. •

Andreas Jakwerth

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Leitartikel Empathie, Mut, Feminismus

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Gabriel Roland

betrachtet die hiesige Modeszene Stück für Stück

Marlene Mautner

Einteiler Outside In

Es gibt diese Momente, in denen einen eine Erkenntnis heiß und dann erheiternd erwischt: Man hat den bisherigen Tag ein Kleidungsstück verkehrt herum angehabt – sei es mit der Hinterseite nach vorne oder der Innenseite nach außen. Gewand inside out zu tragen legt die Innereien eines Kleidungsstücks – Nähte, Labels und so weiter – frei und zeugt entweder von geistiger Abwesenheit oder anarchischem Stilbewusstsein. Fast genauso drängend wie das Verlangen festzulegen, was hinaus und was hinein gehört, ist aber der Wunsch genau diese Kategorien aufzubrechen oder zumindest zu verwischen. Unsere Kleidung ist voller Öffnungen, Aufschläge, Transparenzen, Taschen, Löcher, Umstülpungen, Verflechtungen und Schlitze, deren Aufgabe es ist das Drinnen und das Draußen durcheinander zu bringen. Das ist eine der Sachen, die es so spannend machen sich anzuziehen. Die hier abgebildete Jacke von Published by geht in dieser Hinsicht einen besonderen Weg. Die Futterseite des Materials wendet sich nicht nur beim Umschlag am Kragen nach außen, sondern wird auch an den Ärmeln und unter den Taschen sichtbar. Indem die Nahtzugaben dort nach außen gekehrt werden, verwandeln sich die abstehenden Stoffkanten, die einem normalerweise verraten, dass jemand sein T-Shirt verkehrt herum anhat, zu Stilmitteln. Eine digitale Verwindung, die sich allen Fragen nach Außen oder Innen entzieht, liegt der an der Jacke steckenden Brosche zugrunde. Nur um eine Brosche handelt es sich bei dem Stück, welches mit Hilfe einer 3D-gedruckten Form gegossen wird, eigentlich ohnehin nicht. Vielmehr ist es ein Bauteil der Taschenkollektion, die Published by lancieren wird. Und damit

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sind wir auch schon dabei, wie das brandneue Wiener Label das übliche Geschäftsmodel umstülpen will. Anstelle umfassender Saisonalkollektionen dürfen wir Capsules erwarten, die zur Rahmung von Accessoires gedacht sind. Rucksäcke und Taschen sollen nämlich das ökonomische Rückgrat von Published by werden. Jacken wie diese hier sind eher Beiwerk – auf hohem Niveau. Getragen wird das Ganze von frischem Unternehmergeist, aktiver Gestaltungslust und einer forschenden Affinität zu Technologie. So krempelt man Mode um. • Published by präsentiert seine Debutkollektion dieses Jahr in Paris und London. Unter published-by.com gibt es in Kürze mehr über das Label.

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Martin Mühl isst sich durch Wien

Charts Lukas Lauermann TOP 10

Demosprüche gegen Schwarz-Blau 01 I’ve seen smarter cabinets at Ikea 02 This Black Mirror episode sucks 03 Konzentrier dich selbst du Arschloch 04 Ich scheiß dir ins Geilomobil 05 NEIN 06 Bitte nicht schon wieder 07 Lieber Pickel als Kickl 08 Kurz nur die Frisur 09 I don’t need sex. My government fucks me everyday. 10 Na wäää

Lokaljournalismus Tel Aviv Standard

TOP 03

Superheldinnen (ex aequo) 01 Malala Yousafzai 01 Tarana Burke 01 Ute Bock

Lukas Lauermann spielt Cello – in zahllosen Formationen und

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seit kurzem auch solo, im Herbst erschien sein Debütalbum.

Charts Viktoria Kirner TOP 10

Dinge, die ich am und im Winter hasse 01 Die »Weihnachtsbeleuchtung« auf der Thaliastraße 02 Die Weihnachtsbeleuchtung im Fenster von anderen Leuten 03 Handschuhe, die nach Langos riechen 04 Punsch 05 Punschstände 06 Punschtrinken mit ArbeitskollegInnen 07 Leute, die Punschheferl als Andenken behalten 08 Leute, die nur zu Weihnachten trinken (nämlich Punsch) 09 Weihnachtszauber im Museumsquartier 10 Heizschwammerl

TOP 03

Dinge, die jede/r im Sommer tun sollte 01 Nachtbootfahren an der Alten Donau 02 Nachtbootfahren an der Alten Donau 03 Nachtbootfahren an der Alten Donau Auch nicht schlecht: Pommes essen vom Imbisstand am Romaplatz an der Alten Donau Viktoria Kirner spielt in der Band Dives, hat ein abgeschlossenes JusStudium und wollte trotzdem ein Praktikum bei The Gap absolvieren.

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Israels Küche hat in den letzten Jahren dank Yotam Ottolenghi, Miznon-Hype und dem allgegenwärtigen Shakshouka (auch wenn dessen Israel-Herkunft umstritten ist) mehr Aufmerksamkeit bekommen. Mit dem Florentin gibt es seit Herbst in der Berggasse ein weiteres Lokal, das auf Tel Aviv als Referenz setzt und nach einem Grätzel der Mittelmeerstadt benannt ist. Da gibt es bei der Einrichtung jede Menge Bauhaus-Referenzen, gelungen zusammengewürfeltes Mobiliar und zwischen den Tischen angenehm viel Platz. Die Karte ist kurz und setzt auf viele Bekannte. Zum Frühstück gibt es Granola, Pancakes oder Omelette, tagsüber außerdem diverse Salate und Hummus-Variationen. Shakshouka ist hier eine der Hauptspeisen, von denen generell viele vegan und vegetarisch ausfallen. Wir bestellen »Pochierte Eier auf Rindfleisch«, die sich als Shakshouka-Variation herausstellen, in deren Tomaten-Paprika-Pfanne ordentlich gut gewürztes faschiertes Rind untergemengt wurde. Die »Gebackene Aubergine« mit Bulgur und griechischem Yoghurt dürfte mit zumindest ähnlich zubereitetem Rindfleisch gefüllt worden sein. Als Beilage teilen wir uns einen Karfiol – den gibt es hier nicht nur im Ganzen gebacken, sondern auch als Sesam-Karfiol paniert. Außerdem auf der Karte Zucchinilaibchen, Süßkartoffeln, Brokkoli oder Sabih. Das Essen kommt schnell an den Tisch und Preis-Leistung passen. Auch wenn nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch der Geschmack durchaus darauf hindeuten, dass die Küche hier viel standardisiert und vorbereitet. Beim Bier gibt es eine eher klassische Auswahl in Richtung Craft Bier (Augustiner, Sierra Nevada, Gutmann, O’Hara’s, …). Das angekündigte Interesse für Bio erkennt man am ehesten am Bio-Kaffee und an der Weinkarte mit vielen Bioweinen von Hareter, Jurtschitsch, Artisan oder auch Zuschman-Schöffmann. Das Florentin bietet so alles in allem einen willkommenen Standard und eine gute Gelegenheit leistbare isrealische Küche in Wien zu genießen. Konstanz scheint der Küche aber von höherem Wert als kreativer Ausdruck. • Florentin, Berggasse 8, 1090 Wien florentin1090.com

Speisen 3,60 bis 11,50 Euro

Andreas Jakwerth, Tina Bauer, Andreas Jakwerth, Martin Mühl

Auch nicht schlecht: Altersheime mit Friedhofsblick

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Therese Kaiser

beschäftigt sich hier mit den großen und kleinen Fragen zu Feminismus.

Pamela Rußmann

Wie vielen anderen hat auch mir Dr. Sommer ziemlich viel zum Thema Sex erklärt. Neue Bravo, gleich zu den spannenden Themen durchgeblättert – wen interessieren schon die Backstreet Boys, wenn weiter hinten Lusttropfen, Petting und Orgasmus erläutert werden? Was mir Dr. Sommer ebenfalls beigebracht hat: Bei uns Mädchen ist das alles ein bisschen anders mit der Sexualität. Während die Buben ständig an Sex denken und sich mit Dauerständer rumquälen, ist unsere Libido weit nicht so ausgeprägt, beim Sex kommen wir seltener und überhaupt sind wir wohl eher die passiveren sexuellen Wesen. Dr. Sommer war noch relativ harmlos im Gegensatz zu dem, was in den nächsten Jahren via Privatsendern, Frauenzeitschriften und später dem Internet an weiblichen Sexualnarrativen angeschwemmt wurde. Und ganz generell: Weibliche Sexualität habe ich vor allem im Zusammenhang mit Fragen um Cellulitis (ist mein Hintern schön genug für ihn?!?), Vagina-Schönheitsstandards (sind meine Schamlippen eh ok?!?) oder MännerBefriedigungstipps (so bläst du richtig!!!) vermittelt bekommen. Wenn ihr mir kurz erlaubt, nun ungefähr im Rahmen meiner Generation zu bleiben (Orientierung: Studienbeginn um Pratersauna-Eröffnung, MySpace und StudiVZ gequält, gottseidank X-JAM 2006 ausgelassen) und in meinen Breitengraden (Wien), dann kann ich euch erzählen, was es bedeutet, mit einem diesem Zeitraum entsprechenden Bild weiblicher Sexualität aufzuwachsen. Es bedeutet vor allem, dass man wirklich irgendwie glaubt, Lust, Orgasmus, sexuelle Experimentierfreude wären etwas, das Männern mehr liegt als einem selbst. Dass sexuelles Empfinden von Person zu Person variieren könnte? Bitte nur im jeweilig eigenen Spektrum. Dass das ständige Wiederholen weiblicher sexueller Unvollständigkeit sich womöglich gewissermaßen manifestieren könnte? Dass hinter dieser ganzen Sache mit der weiblichen Sexualität und ihrer angeblichen Unschuld vielleicht doch etwas stecken könnte, das

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mit Macht zu tun hat? Interessant! Denkt ihr euch jetzt sicher. Aber bleiben wir mal auf einer sehr Output-orientierten Ebene, bevor wir uns zu schnell den Politics of Sexuality widmen. Ich habe also gelernt, mich beim Sex eher auf meinen Partner zu konzentrieren, als auf mich selbst, habe fast ausschließlich Pornografie gesehen, die einer sehr männlichen – im stereotypischsten Sinne des Wortes – Perspektive entsprungen ist, und mich wenig damit befasst, was Sexualität für mich selbst bedeutet. Das sind zwei Jahrzehnte unreflektierter Konsum unglaublicher Mythen, die also mein Verständnis geprägt haben. Großes Glück: Wenn frau etwas länger sucht, dann findet frau auch mit der Zeit Räume, via denen ein etwas anderes Bild weiblicher Sexualität transportiert wird. Und wenn frau dann irgendwann verstanden hat, dass das Recht auf Libido besteht, dass Freud auch nur ein Boi war und es keinen Unterschied zwischen vaginalem und klitoralem Orgasmus gibt, dann zerlegen sich diese Narrative mehr und mehr vor den eigenen Augen. Sich von solchen Vorstellungen zu lösen, ist ein schwieriger Prozess. »Frauen können nicht kommen« ist immer noch irgendwo verankert. Jemandem seine Sexualität in dieser Form abzusprechen, ist tatsächlich kein Lercherlschas. Übrigens auch nicht für die Jungs: Das dominante Konzept männlicher Sexualität kann ebenfalls recht hinderlich in Sachen Lust und Intimität sein. Für Frauen bedeutet es jedenfalls, viel Fun zu verpassen. Eines meiner Lieblingsthemen in Sachen FrauenSex-Bullshit-Bingo sind Ergüsse zum Thema Lichtverhältnisse und Frauenkörper, in denen über Seiten darüber lamentiert wird, wie wir in welchen Positionen am besten aussehen, dass wir den Bauch einziehen sollen, wenn wir oben sitzen, damit er die Fettpölsterchen nicht sieht, hihi, und dass wir uns doch mit aufreizender Unterwäsche bitte sowieso besonders bemühen sollen, damit er uns ja attraktiv findet! Und rasieren nicht vergessen, aber vor allem darauf achten, wie er eure Haare da unten will und brav gehorchen, damit ihr eh gut seid im

Bett und ihr euch da nichts nachsagen lassen müsst! Aber aufpassen, gell? Er könnte auch glauben, dass ihr eine Schlampe seid, also nicht zuuuuu gut performen. Aber trotzdem gut performen und ihm brav stöhnend bestätigen, dass er alles richtig macht und aber bitte gleichzeitig abschalten, weil sonst kann frau ja nicht kommen. Alter. Wenn Männer sich angesichts feministischer Gesellschaftsentwürfe »Ja bei all den unterschiedlichen Erwartungen an sie« gar nicht mehr auskennen, wer und wie sie wirklich sein sollen: Welcome to our world! Und wenn so eine Art von Druck ausgeübt wird, am intimsten aller Orte, bei der schönsten Sache der Welt, dann ist das eigentlich tragisch. Niemand kann »loslassen« oder »sich fallen lassen«, wenn ein jahrzehntelang trainierter ästhetischer Perfektionsdrang kultiviert wurde. Manchmal denke ich mir, wenn alle wüssten, wie toll Sex sein kann, wenn man sich etwas von solchen Bildern löst, wenn man sich und seinem Gegenüber zugesteht, nicht diesen Bildern entsprechen zu müssen. Es passiert auch gar nichts, wenn man etwas loslässt und wir würden uns tatsächlich alle einen riesigen Gefallen tun. Ich schwör. •

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Gender Gap Ich komm gleich!

Therese Kaiser ist Co-Geschäftsführerin des feministischen Business Riot Festivals und ist vor allem auf Instagram anzutreffen. facebook.com / businessriot instagram.com / thereseterror

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Simon Fujiwara, »Hope House«, 2018, Ausstellungsansicht 2. OG, Kunsthaus Bregenz, The Gap 167 012-035 Story_1.indd 11

Mit seiner fast überheblich großen Installation »Hope House« fällt der britische Künstler Simon Fujiwara nicht mit der Tür, sondern mit dem Haus ins Haus. In diesem Fall ins Kunsthaus Bregenz, in welches er seine Rekonstruktion des Amsterdamer Anne Frank Hauses in nur drei Wochen hineinbaute. ———— Damit hat sich das Kunsthaus, nicht nur logistisch, einiges zugetraut. Thomas D. Trummer, Direktor des KUB, bezeichnet das Hope House gar als eine der gewagtesten Aktionen bisher. Während in unserer Gesellschaft der Hausbau als fest eingemauertes Zeichen des Erwachsenseins von einer Generation an die nächste weitergegeben wird, nützt Fujiwara sein Hope House als Spielwiese für seine eigenen komplexen Gedankengänge. Wer glaubt, hier in ein Werk einzutreten, das auf authentische Weise Geschichte abzubilden versucht, der irrt sich. Worum es Fujiwara geht, ist Versatzstücke seiner eigenen künstlerischen Gegenwart, einer allgemeinen Gegenwart und der Vergangenheit auf drei Stockwerken übereinander zu schichten. Den Rahmen dafür bildet die Kopie einer Kopie, denn Fujiwaras Installation versucht nicht das Haus der Anne Frank real zu reproduzieren, sondern die Amsterdamer Rekonstruktion zu rekonstruieren. Für jeden der Besucher und Besucherinnen ist es daher ein Erstbezug des Hauses, schließlich sind seine Bezugspunkte genauso vielfältig und individuell wie sie selbst. Neben einer Reproduktion des Bücherschranks der Familie Frank finden sich Kunstwerke Fujiwaras, aber auch alltägliche Gegenstände und Artefakte, wie ein Schreibtisch, Polster und über den Holzfußboden verstreutes Katzenfutter. Es ist nicht die authentische Erfahrung von Geschichte, welche die Besucher und Besucherinnen hier erwartet, sondern eine Erfahrung, die sie sich selbst, durch ihren Besuch im Kunsthaus, erst aneignen und zusammenstückeln müssen. Und die sie dann, wie ein Souvenir, mit nach Hause nehmen können. Quasi ein Gegenentwurf zum beliebten Souvenir, das es im Anne Frank Haus in der Prinsengracht zu kaufen gibt – einem Bastelbausatz des Hauses, das dem Künstler ebenfalls als Modell für sein Projekt diente. Ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen im Anne Frank Haus und dem dort erhältlichen kleinen Bastelbausatz geht es Fujiwara auch um die Frage nach der Vermarktbarkeit von Geschichte und dem damit verbundenen Ausstellen des Kapitalismus. Gleichzeitig stellt er damit seine eigenen Kunstwerke und somit auch ein wenig sich selbst aus. Auf genau solche Widersprüche ist das Hope House gegründet und versucht damit erst gar nicht historischen Eindruck zu erzeugen, sondern konfrontiert die Besucher und Besucherinnen mit der Unmöglichkeit, das vollkommen losgelöst von subjektiver Wahrnehmung und Vermarktungsstrategien zu tun. Am Ende werden sie sich irgendwo zwischen gefühlter Wahrheit und verkaufter Unwahrheit wiederfinden und mehr über sich selbst als über das Leben der Anne Frank erfahren haben. Sarah Wetzlmayr

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Markus Tretter, Courtesy of Simon Fujiwara , © Simon Fujiwara, Kunsthaus Bregenz

Simon Fujiwaras Hope House: Gefühlte Wahrheit

Simon Fujiwara wurde 1982 in London geboren und wuchs in Japan, Europa und Afrika auf. Neben einer Vielzahl an Gruppenausstellungen hatte Fujiwara auch schon Einzelausstellungen in Toronto, Tokio, Düsseldorf, Dublin und Tel Aviv. Das Hope House kann noch bis 2. April im Kunsthaus Bregenz besucht werden.

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Die Schallplatte war eigentlich schon für tot erklärt worden, dann hoben sie die Musikfans doch noch aus dem Grab. Schuld ist die Digitalisierung und ein Erlebnis, das mehr als nur den Hörsinn reizt. Zum Status quo in Sachen Vinyl. ———— »Save The Vinyl« – unter diesem Slogan versammelten sich Anfang der 90er Jahre namhafte DJs weltweit, um dem drohenden Ende der Schallplatte entgegenzuwirken. Die Umsatzzahlen der Compact Disc hatten jene ihrer analogen Schwester damals längst hinter sich gelassen, Produktionskapazitäten wurden mehr und mehr in Richtung Silberling verlagert und mit dessen vermeintlicher technischer Übergelegenheit schien die gute alte Schallplatte tatsächlich keine Zukunft zu haben.

Herzensthema Vinyl Auch in Österreich fanden MusikaktivistInnen zusammen, die bei ihrem Publikum und in der Branche Aufmerksamkeit und Engagement für das Herzensthema Vinyl ankurbeln wollten. Die damals unter der Ägide von Martin »Sugar B« Forster entstandene Compilation, die besagten Slogan im Titel führt, war aber bestenfalls Fußnote in einem Kampf, in dem sich kalte Marktdaten gegen den warmen Sound des »schwarzen Golds« durchsetzen sollten. Der Abstieg ging jedenfalls weiter: 2006 wurden weltweit nur noch drei Millionen Alben verkauft. Zur Hochzeit des Vinyls, Ende der 1970er, waren es pro Jahr mehr als eine Milliarde gewesen. Und dann geschah etwas. Während die Musikindustrie zu dieser Zeit noch mit illegalen Downloads zu kämpfen hatte, die CD-Umsätze sanken und sanken und sanken, schien klar zu sein, dass die Zukunft der Musik digital, körperlos und von uneingeschränkter Verfügbarkeit geprägt sein würde. Mit den aufkommenden Streaming-Diensten als Höhepunkt der Entwicklung und physischen Formaten auf dem Weg in die sichere

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Bedeutungslosigkeit. Doch wie zum Trotz entschied sich ein kleiner, aber nicht unbedeutender Teil der KonsumentInnen anders: für das Haptische, für eine umfassendere Erfahrung – für Vinyl. Nur auf den ersten Blick widersprüchlich: »Die Rache des Analogen«, wie David Sax im gleichnamigen Buch festhält, finde statt, »eben weil die digitale Technologie so verdammt gut geworden ist«. Peter Tschmuck, der sich als Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien vor allem mit musikwirtschaftlichen Fragestellungen beschäftigt, sieht es ähnlich: »Der Vinylboom ist ein Ergebnis der Digitalisierung – so wie jede Technologie ihre Gegenbewegung hervorbringt.« Angesichts der Entwicklung hin zur Streaming-Ökonomie würden Fans die Eigenschaften des physischen Formats und das Erlebnis Vinyl nun wieder verstärkt wertschätzen. Schon seit einigen Jahren drückt sich diese Wertschätzung auch in jenen Zahlen aus, die die IFPI Austria, der Verband der österreichischen Musikwirtschaft, regelmäßig zum heimischen Markt vorlegt. Nach Anstiegen von 40 bzw. 25 % in den Jahren 2015 und 2016 hat der Umsatz im Segment Vinyl 2017 um 10 % auf 7,8 Millionen Euro zugelegt. Das entspricht einem Marktanteil von 7 %, also immer noch eine Nische. Aber: Rund 345.000 Schallplatten gingen 2017 über die Ladentische, ein Wert, der zuletzt im Jahr 1991 erreicht wurde. »Somit ist auch Vinyl mitverantwortlich dafür, dass der Musikmarkt insgesamt wieder gewachsen ist«, erklärt IFPI-Sprecher Thomas Böhm. Deutlich weniger zwar als Streaming, aber eben doch. Und wer trägt diese Entwicklung? Was ist über die Vinylkäuferin, über den Vinylkäufer bekannt? Aus der Marktforschung nur wenig, so Professor Tschmuck: »Das sind meist Heavy User, wirkliche Fans, die Musik durchaus auch in unterschiedlichen Formaten konsumieren. Es ist nicht unüblich, dass die dann

auch ein Spotify-Premium-Abo haben und gegebenenfalls auch noch Musik auf CD kaufen. Und diese kleine Schicht – man spricht da von ungefähr 1 bis 2 % der Bevölkerung – ist durchaus noch bereit, für den besonderen Musikgenuss viel Geld auszugeben.« Auf Seiten des Fachhandels heißen solche Heavy User StammkundInnen. Es sei nicht außergewöhnlich, dass diese jede Woche die Neuigkeiten durchstöberten und mit fünf, sechs Platten ihren Shop verließen, so Sylvia Benedikter vom Recordbag in Wien. Genau wie seine Kollegin in der Bundeshauptstadt sieht auch Niko Zagler, der bei Inandout Records in Graz arbeitet, einem der größten Plattenläden Österreichs, seit 2012/2013 wieder mehr junge Menschen zu Vinyl greifen: »Man merkt schon, dass es ein gewisser Hipsterfaktor ist, der den Boom trägt.« Die Jungen seien aufs Vinyl gekommen, wird ein Warner-Music-Manager in »Die Rache des Analogen« zitiert, weil ihre Eltern iPods und Facebook für sich entdeckt hatten, also zur Abgrenzung. Dass sie nun Plattenspieler kaufen – etwa vom überaus erfolgreichen österreichischen Hersteller Pro-Ject –, die ja bekanntlich nur Platten abspielen können, sei wie ein Investment, dank dem der Vinylmarkt auch weiter wachsen werde, so eine andere Einschätzung aus Sax’ Buch.

Volksfeststimmung im April Doch zu einem weiteren wesentlichen Faktor in der jüngeren Erfolgsgeschichte der Schallplatte: dem Record Store Day. Ins Leben gerufen 2008 in den USA, um zu zeigen, dass unabhängige Plattenläden – anders als zu dieser Zeit gerne angenommen – durchaus erfolgreich geführt werden können, ist der dritte Samstag im April mittlerweile auch für die heimischen Shops einer der Höhepunkte im Geschäftsjahr. Siegfried Wacker, der den Indie-Vertrieb Good To Go in Österreich vertritt und die Facebook-Gruppe Vinyl Aus-

Anna Breit

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Ăœber den anhaltenden Vinylboom The Gap 167 012-035 Story_1.indd 13

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»Der Vinylboom ist ein Ergebnis der Digitalisierung – so wie jede Technologie ihre Gegenbewegung hervorbringt.« — Peter Tschmuck

tria betreibt, berichtet etwa begeistert von »Volksfeststimmung« im Musikladen Salzburg mit zwei Livebands und 180 Leuten im bzw. vor dem Geschäft. Der Plattenladenfeiertag sei jedenfalls absolut positiv für die Branche. »Man muss halt aufpassen, dass die Majors nicht alles zuschwappen«, spricht Wacker aber auch Kritik an, die in den letzten Jahren aufgekommen ist. Mit speziellen Record-Store-Day-Releases hätten es manche übertrieben: »Eine Justin-Bieber-PictureDisc braucht kein Mensch.« Auch die inflationären Reissues – zu den erfolgreichsten Schallplatten des vergangenen Jahres zählen laut IFPI Alben von Nirvana, Amy Winehouse und The Beatles – stoßen vielen in der Branche schon sauer auf. Wegen ihrer zunehmenden Lieblosigkeit, die an Geschäftemacherei denken lässt, aber auch, weil sie ohnehin knappe Verkaufsflächen im Handel belegen. Und darüberhinaus noch die Produktionskapazitäten der wenigen Vinylpresswerke zusätzlich strapazieren. Selbst wenn es dank einiger Neugründungen und neuer Hersteller für Plattenpressen besser geworden ist: Wartezeiten von mehreren Monaten sind durchaus üblich und treffen vor allem die kleinen Bands und Labels.

Gebraucht, aber gut Wie der Markt für Neuware erfreut sich auch jener für gebrauchte Schallplatten guter Gesundheit, wobei zu diesem kaum verlässliches Zahlenmaterial zur Verfügung steht. »Auf Börsen, Messen und natürlich Flohmärkten wird zum Großteil Gebrauchtware

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gedealt«, erzählt Till Philippi vom Vinyl & Music Festival. »Gemeinsam mit dem, was in Second-Hand-Läden und vor allem auf Online-Plattformen umgesetzt wird, ist das meiner Einschätzung nach mehr als bei der Neuware.« Um zumindest eine Zahl zu nennen: Bei Discogs, eine der wichtigsten der angesprochenen Online-Plattformen, sollen laut eigenen Angaben 2015 mehr als fünf Millionen Platten verkauft worden sein. Auf Philippis Veranstaltung gibt es nicht nur die typischen Standler von den Plattenbörsen, sondern auch Hardware-Anbieter (gerade wieder im Kommen: Jukeboxen), Poster-Artists, Indie-Labels und Konzerte. Das Publikum ist daher eher gemischt, aber es finden sich natürlich auch zuverlässig die klassischen Sammler: männlich, 50 plus, immer auf der Jagd und 10.000 bis 100.000 Platten zuhause in den Regalen. »Für manche ist es eine Wertanlage, andere stehen auf ein bestimmtes Genre und suchen Sachen, die sie noch nicht kennen«, so Philippi. In solchen Größenordnungen sei das Habenwollen teils schon wichtiger als die Musik. »Wobei: Ohne Musikleidenschaft würde man nicht anfangen zu sammeln.« Das Erlebnis Vinyl, das gerne etwas unzeitgemäß mit Bildern von loderndem Kaminfeuer und schwerem französischem Rotwein ausgeschmückt wird, ist in jedem Fall eines für alle Sinne: Zum Regal gehen, den Finger über die Rücken der Sleeves wandern lassen, eine Platte herausnehmen, ihr großformatiges Cover begutachten, das Vinyl vorsichtig aus dem Karton ziehen, die Nadel ebenso vorsichtig aufsetzen,

das typische Knistern hören, bevor die Musik einsetzt, und dann einfach genießen – zumindest 15 Minuten lang, bis das Ende der ersten Seite erreicht ist und die Platte umgedreht werden muss. In Sachen Streaming sind eher keine derartigen Rituale überliefert. Oder wie der Musiker Jack White, Analog-Enthusiast und Neo-Presswerkbesitzer, einmal gesagt hat: »There is no romance in a mouse click.«

Verlangsamtes Wachstum Dass der Vinylboom noch eine Zeit anhalten wird, da sind sich unsere GesprächspartnerInnen einig, wenn auch bei verlangsamtem Wachstum. Und auch dass die Schallplatte – anders als man vor 30 Jahren angenommen hatte – jetzt sogar die CD überlebt, halten die meisten für wahrscheinlich. Neben der Haptik und dem Klang – eine Sache der Weltanschauung! – sei einer der großen Vorteile gegenüber der CD, dass Vinyl nicht oxidiert und verrottet, so Till Philippi. Und im schlimmsten Fall lässt sich das PVC einer Schallplatte ja noch relativ einfach einschmelzen und recyceln. Anders als die CD, die auf Grund ihrer Zusammensetzung (Polycarbonat, Aluminium, Schutzlacke) als Problemstoff entsorgt werden sollte. Manuel Fronhofer

Das Vinyl & Music Festival findet am 3. und 4. März in der Ottakringer Brauerei in Wien statt, der Record Store Day am 21. April in zahlreichen teilnehmenden Plattenläden weltweit. Das Buch »Die Rache des Analogen – Warum wir uns nach realen Dingen sehnen« von David Sax ist im Residenz Verlag erschienen.

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Niche to Pop!

The Subways Shout Out Louds Eels Ziggy Marley Fink White Lies

+ many more soon

25 Years

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Es gibt nirgends eine Anleitung ÂťWie baue ich mir ein Schallplattenpresswerk?ÂŤ

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Fotobank Schmidbauer

Seit kurzem werden in Österreich wieder Schallplatten gepresst – in einem adaptierten 300 Jahre alten Bürgerhaus in Fehring in der Südoststeiermark. Unter dem Namen Austrovinyl machen dort Johann Fauster, Johann Koller und Peter Wendler aus ihrer Musikleidenschaft schwarzes Gold. Es sei denn, die Kundschaft bevorzugt eine der 24 Farbvarianten, die die drei Jugendfreunde und Bandkollegen (Trio Cuvée) im Angebot haben. Ein Interview mit zwei der Presswerkbetreiber über verbogene Schallplatten, verloren gegangenes Know-how und Granulat mit Geschichte. Was war die erste Austrovinyl-Pressung und wie ist es euch dabei ergangen? johann koller: Das war Deladap, Mitte September. Die erste Produktion, die wir geschafft haben. (lacht) johann fauster: Ja, das kann man so sagen. koller: Das ist alles sehr kurzfristig gewesen: Die Maschine haben wir Anfang Juli gekriegt. Und von Juli bis September haben wir schauen müssen, dass wir alles Technische unter einen Hut bringen, dass wir mit dem Gerät überhaupt einmal zum Fahren kommen. fauster: Eine Vinylpresse ist kein Plug&-Play-Gerät, bei dem man auf einen Knopf drückt und dann purzeln vorne die Schallplatten raus. Du brauchst Dampf, Hydraulik, Kühlwasser, Strom natürlich, Druckluft, Vakuumluft – du hast so viele Gewerke, die die Presse braucht, damit du sie überhaupt starten kannst. Wir haben uns dann den Arsch abgefreut, als wir die erste Platte rausbekommen haben, obwohl die eh total verbogen

Das Glück ist eine Scheibe: Peter Wendler, Johann Fauster und Johann Koller (v.l.n.r.) vor ihrer Schallplattenpresse.

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»Wir wollten kein altes Klumpert, das du ständig reparieren musst.« — Johann Koller

war. Bis dann alles gepasst hat, war es noch ein langer Weg, aber ich glaube – und das hat uns auch die Reaktion so mancher Marktbegleiter gezeigt –, dass wir das relativ schnell in den Griff gekriegt haben. Was nicht heißt, dass wir jetzt vom Prozess her schon am Ende sind. Aber es rennt. Wie seid ihr überhaupt zu dem Entschluss gekommen, ein Presswerk aufzusperren? fauster: Die Idee dazu hat Peter gehabt, vor ungefähr zwei Jahren. Er ist leidenschaftlicher Sammler und seit mehr als 20 Jahren DJ. Irgendwann hat er sich die Frage gestellt, warum man die Vinylversion eines Albums oft erst ein halbes Jahr nach der CD kriegt. Er hat recherchiert, woran das liegt (an der Auslastung bestehender Presswerke; Anm. d. Red.) und ist so auf die Idee gekommen, selbst mit dem Pressen anzufangen. Als Maschinenbauingenieur hat er sich gleich informiert, welche Anlagen es gibt und wie das technisch funktioniert. Dabei war eine der ersten großen Hürden, dass es 30 Jahre lang keine neuen Maschinen mehr auf dem Markt gegeben hat. Die bestehenden Presswerke haben alle ihre alten Maschinen aus den 60er, 70er, vielleicht noch aus den frühen 80er Jahren – danach war finito. Anfang der 90er (mit dem Aufstieg der CD; Anm. d. Red.) kam es zu einem totalen Bruch. koller: Wobei es unsere Vorgabe war, eine neue Maschine zu kaufen. Und nicht so ein altes Klumpert, das du ständig reparieren

musst. Peter und Johann haben sich auch angeschaut, wie andere Werke arbeiten – mit ihren alten Maschinen. Dort sind die Ölseen gestanden, von der Hydraulik. Was mit ein Grund dafür war, dass wir eine neue Maschine gekauft haben. fauster: Unsere Presse hat die Seriennummer 008 – also das ist die achte neue Maschine nach 30 Jahren Pause. Im Wesentlichen ist es ein Nachbau des damaligen Industriestandards, der bis Ende der 80er von einer schwedischen Firma hergestellt worden ist. Danach wurde auf CD- und DVDAnlagen umgeschwenkt. Seit etwas mehr als einem Jahr stellen die nun wieder Vinylpressen her. Im Grunde genommen sind das zwei, drei alte Ingenieure, die damals schon dabei waren, und ein junges Team dazu. Die haben die originalen Blaupausen rausgeholt und die Maschinen nachgebaut – aber eben mit modernster Fertigungs- und Steuerungstechnik.

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Das Team von Austrovinyl im Interview

In welcher Größenordnung spielt sich so etwas finanziell ab? fauster: Also die Vinylpresse allein, wie sie dasteht, kostet an die 200.000 Euro. Aber du brauchst noch das ganze Gewerk rundherum. Den Dampf, das Kühlsystem und, und, und. Wir verwenden teilweise auch Maschinen aus komplett anderen Branchen, haben geschaut, was könnte für diesen oder jenen Prozess funktionieren, und haben das dann adaptiert. Wir haben zum Beispiel zwei Maschinen aus dem Töpfereiwesen im Einsatz – weil’s halt nix mehr gibt. Eine unserer Maschinen hat sogar die Seriennummer 001. Sie macht das Mittelloch in die Pressmatrize. Das ist wirklich die erste neue seit 30 Jahren. Auf Peters Drängen hin haben die die Pläne aus der Schublade geholt und gesagt: »Ja, okay, bauen wir für euch.« koller: Und damit es nicht ganz so einfach ist, haben wir das gesamte Graffelwerk in ein 300 Jahre altes Haus hineingestellt… fauster: Es gehört Peter, der hat das von seiner Tante Mitzi geerbt. Ein schönes Haus. Es war nicht ganz einfach, das zu adaptieren, aber es gibt was her. Wie hoch war dann das gesamte Investitionsvolumen, bevor ihr starten habt können? fauster: Sehr hoch. (lacht) koller: Man liegt damit schon im siebenstelligen Bereich.

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Wie groß sind theoretisch eure Produktionskapazitäten? koller: In acht Stunden gehen sich 500 bis 1.000 Platten aus. fauster: Jede halbe Minute eine. Aber das ist Theorie, weil du je nach Auftrag die Maschine umbauen musst. Für jede Produktion musst du die Pressmatrizen wechseln. Beim Pressen von 140-Gramm-Platten brauchst du eine andere Pressform als bei 180 Gramm. Und auch bei einem Farbwechsel musst du Rüstzeiten berücksichtigen. koller: Wir haben das grundsätzlich schon so geplant, dass wir vier Tage pressen und einen Tag servicieren. Aber das muss man auch sagen: Von vier Tagen pressen sind wir natürlich noch entfernt. Wir müssen uns den Markt erst erarbeiten, obwohl die ersten Feedbacks, die wir gekriegt haben, wirklich irre positiv sind. Deshalb haben wir auch überhaupt keine Angst, dass wir das nicht schaffen. fauster: Der Markt ist absolut da. Und es kommt mir so vor, als würde er sogar immer größer. Grad in dem Segment, in dem wir uns bewegen – mit kleinen Auflagen und im direkten Kontakt und Austausch mit den Bands und Labels. Ohne einen Broker dazwischen, wo du ja eigentlich nicht weißt: Wo passiert es, wie passiert es und was passiert überhaupt? Mit dieser Interaktion haben wir schon viele klasse Sachen zusammengebracht, zum Beispiel das neue Album von Farewell Dear Ghost in marmoriertem Rosa. Die Band hat uns gesagt, in welche Richtung es gehen soll und ich hab dann ein paar Muster gemacht und Fotos davon geschickt. Soll es eher in die Richtung gehen? Eher dieses Rot oder eher das andere? Das kriegst du sicher in ganz Europa nicht. Ich glaub, das macht’s interessant.

koller: Die Band hat dann auch noch eine EP bei uns gemacht – in kürzester Zeit. Wo noch dazu die Pressmatrize auf dem Postweg verloren gegangen ist. Dann haben wir die Platte – die war noch warm – zur Präsentation nach Wien rausgeführt. Grad, dass sie uns im Wuk nicht um den Hals gefallen sind… Das sind halt die schönen Sachen. Wesentlichen Anteil an der Qualität eine Schallplatte hat das PVC-Granulat. Woher bezieht ihr diesen Rohstoff? fauster: Aus Italien, von einem Familienbetrieb, den es seit den 60er Jahren gibt. Dessen Granulat ist in Wahrheit legendär: Die ganzen Italo-Hits, Adriano Celentano und so, sind damit gemacht worden. Wir setzen beim Pressen ja auch auf Farben und haben viele Varianten im Programm. Wichtig ist, dass diese Farben Echtfarben sind. Das Rot ist schon als Granulat vom Hersteller ein Rot und nicht ein eingefärbtes Weiß. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das solide Farbmaterial einen super Sound hat. Es sind viele kleine Positionen, die unserer Meinung nach die Qualität ausmachen. Und das fängt beim Granulat an. Presst ihr alle gängigen Formate oder benötigt man dafür jeweils eine eigene Presse? fauster: Leider, nein. Wir machen nur 12 Inch, die Presse ist genau dafür gebaut. Wenn du 7 Inch pressen möchtest, brauchst du eine kleinere Presse. Man kann aber trotzdem 7 Inches über uns bestellen. Wir haben einen Mitbewerber, mit dem wir in sehr gutem Kontakt stehen und der darauf spezialisiert ist. Unter den Kleinen gibt es ja eh ganz klar ein Miteinander. Wie hat einer davon so schön gesagt? Die Weide, auf der wie grasen, ist für alle groß genug. (lacht) Es ist genug Arbeit da. Und es nimmt zur Zeit sicher keiner dem anderen etwas weg. Manuel Fronhofer

Geerbt von Tante Mitzi: Ein altes Bürgerhaus in der Südoststeiermark ist das Zuhause von Austrovinyl.

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Einmal pressen, bitte!

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Noch kommen die Pressmatrizen per Zustelldienst aus Italien (und Vorleistungen dafür aus Deutschland), doch sobald die Anlage für den Lackschnitt geliefert und jene für die Galvanik betriebsbereit ist, sollen in Fehring auch die ersten beiden Schritte der Schallplattenproduktion inhouse abgewickelt werden: zum einen das Ritzen der gemasterten Tonaufnahmen in den Lack einer beschichteten Aluminiumplatte (in Echtzeit mittels einer Diamantnadel); und zum anderen die Weiterverarbeitung dieses sogenannten Lackschnitts durch Versilberung und Nickelbeschichtung, sodass davon schließlich ein Negativ für die Produktion abgezogen werden kann – eben die Pressmatrize, auch Stamper genannt.

Manuel Fronhofer

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Man kann also nicht gerade von einem Hobby sprechen… koller: Nein, absolut nicht. Das muss funktionieren. Auch aufgrund des Aufwands in Sachen Know-how. Wir haben uns da überall komplett reindenken, uns das alles selbst erarbeiten müssen. fauster: Das ist ja die nächste Geschichte: Es gibt kein Know-how mehr. Es gibt nirgends eine Anleitung »Wie baue ich mir ein Schallplattenpresswerk?«. Das ist nach wie vor jeden Tag Learning by Doing.

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#D #F

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Manuel Fronhofer

Vom Audiomaster zur fertigen Platte – wie bei Austrovinyl eine Schallplatte entsteht

Damit die fertige Platte absolut rund läuft, wird die Auslaufrille einer jeden Pressmatrize auf Hundertstelmillimeter genau ausgemessen und exakt mittig ein Loch gestanzt.

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Der Rand der Matrize wird zugeschnitten und mit Hilfe einer Werkstattpresse abgeschrägt.

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Sind die Matrizen für die Aund die B-Seite der Schallplatte entsprechend vorbereitet, können sie in die Vinylpresse eingespannt werden.

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PVC-Granulat wird in der Vinylpresse erhitzt und in Form eines so genannten »Kuchens« (englisch: »cake« oder »biscuit«), einem Eishockeypuck nicht unähnlich, zwischen die beiden Pressmatrizen geschoben. Dann wird das Ganze – samt Labels – unter hohem Druck zu einer Schallplatte gepresst. Nach einer kurzen Abkühlphase öffnet sich die Presse. Anschließend wird der Rand der Platte zugeschnitten, um den beim Pressvorgang entstandenen Quetschgrat zu entfernen.

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Auf einer Spindel werden die fertigen Platten zwischengelagert, bevor sie außerhalb der Presse weiter abkühlen können und schließlich konfektioniert und verpackt werden.

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»Eine Vinylpresse ist kein Plug-&-Play-Gerät, bei dem man auf einen Knopf drückt und dann purzeln vorne die Schallplatten raus.« — Johann Fauster

Diagonale’18 Festival des österreichischen Films

Graz, 13. — 18. März 2018 diagonale.at

#Diagonale18 #FestivalOfAustrianFilm

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ÂťAlle haben die Platte nur noch als Produkt begriffenÂŤ

Die Verpackung von Vinyl als Kunst The Gap 167 012-035 Story_1.indd 20

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Jana Sabo

»Punk, Punk, Punk!«

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Gregor Samsa ist naturgemäß nicht sein echter Name: »Ich finde es gut, wenn sich jeder mit 18 einen Namen aussucht, besser als würden die Eltern darüber entscheiden.« Er hat sein Alias – Kafka, eh schon wissen – studiert und sieht es implizit als Selbstkritik an seinem eigenen Handeln, sich selbst nicht so wichtig

zu nehmen. Der heute 43-Jährige wächst in der DDR auf und sozialisiert sich dort bereits im Punk. »Als ich ein Kind war, gab es ein Punktreffen, wo Punks einen Kassettenrekorder und einen Song ›Punk, Punk, Punk‹ dabei hatten. Alle hatten Angst davor, alle waren irritiert, ich war fasziniert.« Auf seinem ersten Tape war nichts, was heute noch unter Punk fallen würde: Markus Oehlen, Frieder Butzmann, Der Plan. Avantgarde. In Kassel gründet Samsa sein Label Sounds Of Subterrania, das 2018 20 Jahre alt wird. »Ich habe vorher ein Fanzine gemacht und gemerkt, dass viele Bands immer die gleichen Antworten gaben. Es war alles ein bisschen unterkomplex. Ich habe damals schon Konzerte organisiert, es hat sich entwickelt, Bands zu unterstützen, die sonst keinen finden, der sie unterstützt.« Samsa studiert Politik, Philosophie und Soziologie in Kassel, zieht 2008 nach Hamburg, wo er heute lebt. Bei Gregor Samsa stecken Vinylplatten nicht nur in einer Verpackung, damit sie nicht zerkratzt werden oder das Grading für den Weiterverkauf abgewertet wird, sondern das Packaging selbst ist ein Kunstwerk, das oftmals den künstlerischen Wert des Inhalts – wenn man vergleichend sein möchte – übersteigt. Sein Erweckungserlebnis war dabei der digitale Siegeszug. »Dass man etwas auf 2 × 2 Zentimeter am Bildschirm erkennen konnte, war das Einzige, was zählt. Die eigentliche Gestaltung, die wichtig ist, um Informationen weiterzugeben, ist weggefallen.« Samsa bezieht sich dabei auf den Subtext, den viele Schallplatten mit Aussagen gestalterisch bis in die 1970er Jahre immer dabei hatten, als durch die Gestaltung noch Inhalte kommuniziert wurden. Vor allem für politische Bands war dies ein wichtiges Stil- und Ausdrucksmittel. Frühe Punk- und HardcorePlatten machten das auch inhaltlich bis Mitte der 1990er. Die Abwertung des Kunstwerks Musik war es, die Samsa dann dazu bewog, Platten selbst zu gestalten. »Ich habe gesehen, dass sich keiner mehr Mühe gibt. Alle haben die Platte nur noch als Produkt begriffen, nicht mehr als Medium für Informationsweiterga-

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Der Hamburger Gregor Samsa, der auch in Wien analoge Duftmarken setzt, produziert die aufwendigsten Plattencover der Welt. Mit Message. Seine Kunstwerke erscheinen auf seinem Label Sounds Of Subterrania, das 2018 seinen 20. Geburtstag feiert und Künstler wie Gewalt, Lubomyr Melnyk und Listener beheimatet. Mehr als Grund genug, sich mit dem Mann zu beschäftigen. ———— Schön langsam wird’s eng. Die großen Elektronikhändler vergrößern schon fast in monatlichem Rhythmus ihre Vinylregale und kapitalisieren noch mehr schwarzes Gold. Mehr Platz könnte trotzdem sein, auch in den kleinen Plattenläden. Die Regale werden vollgestopft, mit zahlreichen, sich im Grunde immer ähnelnden Special Editions. Auch die Online-Tandler reihen die Vinylpakete vor. Die, die mit billigem Merchandise-Schund hausieren, Unfair-Trade-T-Shirts in Boxen klatschen und – das ist fast das Schlimmste – buntes Vinyl verkaufen. Es ist Gesetz der Szene und eine für Fans überteuerte, aber für KünstlerInnen konzeptionell und kreativ billige Eintrittskarte in die Charts. Der oftmals zitierte Vinylhype hat die Majorlabels zu den weitaus größten Profiteuren gemacht und so zahlen sie es einem zurück. Wie bei jeder turbokapitalistischen Entwicklung braucht es Menschen, die da nicht mitmachen wollen, nicht mitmachen können, weil ihnen das Produkt zu nah am Herzen liegt. Ein besonderer Vertreter ist Gregor Samsa, »der Mann, der die aufwendigsten Plattencover der Welt macht«. Diese Selbstbezeichnung ist weit mehr als bloße Koketterie mit Superlativen. Sie ist der unsäglichen Inhaltslosigkeit einer gesamten Branche geschuldet, aber vor allem Ausdruck einer großen kreativen Leistung eines Einzelnen.

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Von Särgen, Schiebespielen und Lego-Clubs Er beginnt, aufwendige Werke zu produzieren. Als Inspiration dient ihm die DIYGeschichte des Punks, »aber nicht die westliche«. Die hierbei gerne zitierten Minor Treath haben zwar ihre Cover selbst geklebt, der 43-Jährige geht aber auch bei seinen In-

»Ich könnte das gar nicht machen, wenn man das kapitalistisch aufsetzen und reale Rechnungen stellen würde.« — Gregor Samsa

be. Als etwas, was keinen Wert als Kunst an sich hat, sondern als das, was es für Majors immer schon war: ein Produkt, um Geld zu verdienen.« Samsa redet ausschweifend, als wir uns im Wiener Analoggeschäft Supersense treffen, in dem er als musikalischer Leiter arbeitet und das Programm kuratiert. Und: Er hält sich nicht mit Kritik zurück. »Bei den meisten zählt nur, ob es online funktioniert. Das ist ein falscher Kulturansatz, der mich stört. Das wollte ich einfach nicht haben.« Selbstverständlich fällt da auch Streaming hinein, ein weiterer Weg der Vermeidung, Kontext mitzutransportieren.

spirationsquellen die Extrameile. »Es waren eher DDR-Punks, die Tapes gemacht haben, Fanzines mit Schreibmaschinen, Fotokopien mit Abzugsgeräten – tierisch großer Aufwand dahinter!« Samsas Werke sind von Vielseitigkeit geprägt, sowohl handwerklich als auch vom Interpretationsraum. Am aufwendigsten dabei sind vor allem die Releases für den Psychobilly-Künstler Reverend Beat-Man und dessen Gruppe The Monsters. Für die Solo10-Inch »Poems From The Graveyard« baut Samsa einen 25 kg schweren Sarg, Konzeption und Produktion – jedes der 70 Exemplare ist ein handgefertigtes Einzelstück – dauern über zwei Jahre. Für »Pop Up Yours« von The Monsters denkt er sich ein Schiebespiel aus, dessen 200 Einheiten handgeschliffen werden, die Herstellung dauert pro Platte rund 20 Stunden. Neben dem Broterwerb natürlich. Für die Schweizer Band veröffentlicht Samsa 2017 auch den jüngsten Coup der besonders speziellen Special Editions. Zu »M« bekommt man das Modell eines Clubs, das

Mehr als nur Vinylcover: Gregor Samsas Arbeiten sind von Vielseitigkeit geprägt, sowohl handwerklich als auch den Interpretationsspielraum betreffend.

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aus Lego gebaut ist, stilecht mit Human-Abfall-Poster, echten Figuren und echten Steinen. Heute, nicht einmal ein Jahr später, ein Ding der Unmöglichkeit. »Danach hat Lego ihre Policy geändert, so dass sie beim Verkauf anwesend sein müssen. Ich war der Letzte, der es noch so machen konnte.« Samsa gründet kurzerhand einen kostenpflichtigen Club und verschenkt das Lego-Set an die Mitglieder als Eintrittsgeschenk. Für die vielleicht größten Helden des deutschen Punk EA80 gießt Samsa eine 7-Inch-Single in einen Betonblock und hat direkt eine Aufgabe für die KonsumentInnen: Man muss das Cover zerstören, um die Platte zu hören. »Da geht es um Entscheidungen. Entweder sie haben einen Stein zuhause, der an sich keinen Wert hat. Nur als Produkt, aber nicht als das, was er eigentlich ist. Oder sie entscheiden sich dafür, zu hören, was da drauf ist. Sie können dabei belohnt oder enttäuscht werden.« Ein paar haben die Platte dann aufgemacht, einer hat sie sogar vom Plattenstand genommen und hingeschmissen.

Esther Crapelle / Atelier Mystique / Vinyl & Music Festival

»Produkt und Arbeit sind getrennt« Samsa setzt ganz bewusst auf die Auseinandersetzung mit seinem Werk, lädt es intellektuell und kulturkritisch auf. »Bei manchen Sachen geht es um Denkanstöße, die nicht am Präsentierteller liegen. Ich halte nichts davon, es den Leuten supereinfach zu machen, um ihnen den Genuss, sich mit einer Sache zu beschäftigen, zu nehmen. Ich erwarte schon, dass die Leute sagen: ›Warum hat er das jetzt so gemacht?‹«. Denn: Viele Fragen stellen heutige Plattencover ohnehin nicht mehr. »Die meisten Artworks versuchen, die Leute in etwas hineinzuziehen. Sie geben ein Klischee wieder, ungebrochen, um viele Leute zum Kaufen anzuregen.« Er selbst nimmt davon Abstand, ist kritisch. Das Album »Cradle Of Snake« von Snake wird etwa mit Jeansstoff verhüllt. Um die Codierung von weiblich/ männlich in der Musiklandschaft zu hinterfragen. Ein Metallcover für die Band Action Beat zum Album »Where Are You?« neigt zum Erodieren und spielt auf die im Album aufge-

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nommene Thematik der Dekonstruktion an. Für das Projekt »Showtime« von Amos trommelt Samsa 400 Designer für ein Artwork zusammen, das größte DIY-Kunstprojekt aller Zeiten, das 2011 mit dem IF Design Award ausgezeichnet und für den German Design Award nominiert wird. Samsa geht es vor allem um Respekt. »Ich möchte eigentlich eine Wertediskussion haben, auch über Arbeit. Design und Kunst sind ein Vehikel dazu. Wir leben in einer Welt, die Produkt und Arbeit komplett getrennt hat. Sachen werden nach Nachfrage bewertet, nicht nach Arbeitsaufwand.« Neoliberalismus, der auch in der Kunst gang und gäbe ist. Samsa verrechnet selbst nur die Materialkosten, wenn viele Leute kostenlos mithelfen. Die kreative Leistung wird also zu einem Teil gar nicht monetarisiert, das Staunen in den Augen reicht, die Wertschätzung wird gerne angenommen. Dadurch entstehen Netzwerke, Menschen helfen sich gegenseitig. »Ich könnte das gar nicht machen, wenn man das kapitalistisch aufsetzen und reale Rechnungen stellen würde.« Meistens kaufen Fans der Bands die einzelnen Kunstwerke. Es gibt nur zwei Handvoll Special-Editions-Sammler, die fast alle Werke Samsas besitzen.

»Zu unterkomplex« Die Vorgehensweise, wie aus Gedanken Werke werden, ist meistens sehr ähnlich. Samsa hört eine Band und möchte mit ihr eine Platte machen. Er entwickelt ein Konzept der Visualisierung der Musik, wiegt Interessen verschiedener Beteiligter ab und stellt die Idee den KünstlerInnen vor. Manchen Bands ist das zu viel Brimborium, sie wollen die Musik in den Vordergrund stellen. Samsa macht aber auch »normale« Platten. Meistens ist es eine Frage des Vermittelns, man muss Bands überzeugen,

IllustratorInnen finden, alles koordinieren. Das Sujet ist dann häufig Samsas persönliche Interpretation der Message des Albums. Die Genres, die in den Genuss der Interpretation kommen, sind in ihrer Tiefe beträchtlich: Klassische Musiker wie Lubomyr Melnyk reihen sich an die Spoken-Word-Ikonen Listener oder an Düster-Punk wie dem von Es war Mord. »Mittlerweile interessiert es mich nicht mehr, nur ein Genre zu bedienen. Aber das Schöne an der Kunst ist, dass man, wenn man sich darauf einlässt, daran wachsen kann und Dinge nicht sieht, die man sehen konnte, weil einem das Verständnis dafür gefehlt hat.« Aus seinem Plattenzimmer holt er selbst am liebsten Jazz und Noise hervor: Ornette Coleman, Albert Ayler, The Flying Luttenbachers. »Sehr viel Musik, die heute produziert wird, ist mir zu unterkomplex, da kann ich keine Freude daran entwickeln.« Dominik Oswald

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Für die 10-Inch »Poems From The Graveyard« baute Samsa einen 25 kg schweren Sarg, Konzeption und Produktion dauerten über zwei Jahre.

Das Label Sounds Of Subterrania feiert 2018 sein 20-jähriges Jubiläum mit einer Konzertwoche im Hamburger Hafenklang. In absehbarer Zukunft sind Releases von Lubomyr Melnyk, The Courettes und African Connection sowie ein Soundtrack zu »Train Of Thoughts« und ein deutscher Noise-Rock-Sampler geplant. Zusammen mit Supersense, wo man viele seiner Werke erstehen kann, arbeitet Gregor Samsa an einer Weltsensation, einem Vinylvideo, das über bisherige Prototypen hinausgeht. Vom Wiener Gebhard Sengmüller Ende der 1990er konzipiert, wird dafür ein Filmdokument auf eine handelsübliche Schallplatte gepresst, abgespeichert und wieder abspielbar gemacht. Mittels einer Black-Box, einer speziellen technischen Vorrichtung, wird das Video- und Audio-Signal auf einen ebenso handelsüblichen Fernseher übertragen.

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Anna Breit, Meat Market

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Seit neun Jahren ist Meat Market eine fixe Größe in der Wiener Szene. Aus dem Bedürfnis nach einem Freiraum in der Clublandschaft wurde ein Veranstaltungskonglomerat, das sich nun vor allem über Musik definiert. ———— Samstag, 13 Uhr mittags, am Main Floor der Grellen Forelle dröhnt treibender Techno, im Raucherbereich ist es heller als gewohnt, die Stimmung im gesamten Club aber wohl nicht weniger ausgelassen als gut zwölf Stunden zuvor. Was in Wien im Gegensatz zu Berlin aufgrund strenger gesetzlicher Auflagen und demnach beschränkter Öffnungszeiten für Clubs bisher kaum möglich war, funktioniert mit 52 Degrees nun doch: tagsüber feiern gehen. »Wer diese Party Afterhour nennt, kann nach Hause gehen«, schreibt Mitinitiator Gerald Wenschitz, bekannt für seine direkte und kompromisslose Haltung, die er auch in sozialen Medien gerne kundtut. Den Begriff Afterhour hört man hier nicht wirklich, die meisten Gäste kommen nach dem Frühstück, ein paar Leute mit besonders großem Durchhaltevermögen von der ebenfalls von Meat Market konzipierten Vinyl-only-House-Reihe im Sass. Zugegeben: Die Wienerinnen und Wiener müssen sich erst an das Feiern nach dem Aufstehen gewöhnen – zu Mittag ist der Club nicht ganz voll. Bei dieser – der dritten – Ausgabe füllt sich die Tanzfläche gegen Ende und damit lange nach dem Set von Mainact Electric Indigo aber immer mehr. Man merkt, dass ein Großteil der Menschen kurz vor 20 Uhr eben doch etwas mehr Energie hat als samstags um sechs Uhr morgens. Dass »Meat-Market-Papa« Wenschitz, gemeinsam mit »Dead Sea Diaries«, hinter dem Projekt steht, verwundert kaum. Umtriebig als Bezeichnung für das, was er tut und auch wie er Dinge tut, ist wohl eine Untertreibung. Vor neun Jahren gründete er, nach einigen Jahren als Veranstalter in der Drum’n’BassSzene, gemeinsam mit seinem damaligen Lebensgefährten Will Paterson die Veranstaltungsreihe »Meat Market«, danach folgten die Formate »F*cken Plus« und »Mutter«, vor einem halben Jahr dann schließlich die Tagesparty »52 Degrees«. Alle Veranstaltungen

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geht in Wien nicht sofort. Am Anfang hatten wir ganz andere Residents, wie beispielsweise Frieda und Anette von der Kommune 22 und Campari Safari aus England. Zuerst wollten wir einfach mal ein Alternativprogramm zur Mainstream Schwulenszene bieten«, erzählt Wenschitz. Die starke Fokussierung auf Techno erfolgte erst in den letzten Jahren – aus einer »erlebnisorientierten« Gay-Party wurde eine Veranstaltung, die sich mehr über die gespielte Musik orientiert. Bei der Meat Market ist das ausnahmslos dunkler, harter Techno, nach Dekoration sucht man hier vergeblich. Wer etwas anders als den Club und den DJ sehen oder erleben will, dem bleibt allein der bei Partys in der Grellen Forelle eingerichtete Dark Room.

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Musik als Bedürfnis Neun Jahre Meat Market

Ohne Kompromisse wurden ursprünglich für die Gay-Szene entwickelt, willkommen sind aber alle, die Musik schätzen und sich an die Regeln halten, die nicht nur in der Veranstaltungsbeschreibung, sondern auch im Club und auf T-Shirts propagiert werden: No homophobia, no rassism, so sexism, no discussion. Der Begriff GayParty macht in der Kommunikation dennoch Sinn, nicht zuletzt »um gewisse Leute, die nicht zu uns passen, vielleicht abzuschrecken«, so Wenschitz.

Bedürfnisbefriedigung Entstanden ist Meat Market aus einem Bedürfnis, wie er erzählt: »Ich hatte damals keinen Freiraum, wo es um Musik ging, wo ich weggehen konnte und wo ich ich selbst sein konnte. Heute glaube ich, dass es viele Partys gibt, auf denen ich mich wohl fühlen würde.« Von einer reinen Techno-Party war die Party, die jetzt, zu ihrer Jubiläumsfeier etwa die britische Techno-Legende Luke Slater nach Wien holt, in der Anfangsphase weiter entfernt. »Unsere These war, dass sich die Veranstaltung und die dort gespielte Musik entwickeln muss. Ziel war es, am Schluss ähnliche Musik zu spielen und einen ähnlichen Vibe zu kreieren, wie das im Berghain unten der Fall ist. Wir haben gewusst, das

Die Ausrichtung der Veranstaltung ist kompromisslos, sowohl was gesellschaftliche und politische Positionen betrifft, als auch was die Musik angeht. Kompromisslosigkeit lebt der Mitbegründer auch online in einer sehr intensiven Form aus, teilt aus, eckt an und nimmt Stellung – egal, ob er gefragt wird oder nicht. Viele seiner Postings sind politischer Natur, Toleranz gegenüber den Rechten ist für ihn indiskutabel, aber auch mit Kritik an anderen Veranstaltern spart er nicht. »Das hat sicher auch mit meiner Sozialisierung im Punk und Hardcore zu tun – da schreit man es raus. Diese Möglichkeit habe ich nicht auf der Bühne,

»Wer diese Party Afterhour nennt, kann nach Hause gehen.« — Gerald Wenschitz 08.02.18 18:30


deshalb gibt es mehr oder weniger ein anderes Ventil. Eine Zeit lang habe ich mich eh gefragt, warum noch jemand auf meine Partys kommt, wenn alle das so furchtbar finden«, erklärt er und lacht. Würde er mit dem ein oder anderen Veranstalter, dessen Formate er sonst kritisiert, auf ein Bier gehen, so würden sie sich wahrscheinlich gut verstehen, wie er selbst sagt. Dennoch hält er sich nicht zurück. »Leben und leben lassen« kommt als Motto nicht in Frage, auch oder vor allem, weil Partys für ihn nicht nur hedonistischen Charakter haben dürfen: »Meine Punk- und Hardcore-Zeit hat Attitüde-mäßig schon etwas hinterlassen. Es geht auch darum, dass man Musik eben nicht als reine Unterhaltungsform sieht und sie durchaus auch ernst nimmt.«

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Während Wut, wenn auch oft punktuell, wohl eine der größten Motivationen ist, um Meinung rauszuschreien, so ist Leidenschaft für Wenschitz eindeutig der größte Antrieb dafür, Musik zu machen und zu verbreiten. Nicht selten beendet er seine Sets im Club weinend, gerührt vor Freude, seinem Publikum applaudierend. Nach seinen musikalischen Anfängen in einer Band kam er über Freunde zur elektronischen Musik, verkauft Schlagzeug und Gitarre für »einen komplett unbrauchbaren Plattenspieler, CD-Deck und ein VivancoMischpult« und übt jahrelang das, was man heute unter Beatmatching versteht. Nach einigen Jahren ist er nicht nur als DJ, sondern auch als Veranstalter und Produzent in der Drum’n’Bass Szene aktiv und nach fast 200 Veranstaltungen gut verankert, auch wenn das nicht immer ganz einfach war: »Ganz akzeptiert war ich nie, das ist als queerer Jugendlicher glaube ich nicht so einfach bis unmöglich, denn Drum’n’Bass ist noch eine viel größere Männerdomäne als Techno.« Männliche Dominanz innerhalb der Community beschäftigt aber auch die Technoszene. Frauenförderung ist ein Thema, das viele zwar als wichtig erachten, bei der Umsetzung mangelt es dennoch, auch bei Meat Market. Der Frauenanteil unter den gebuchten Acts ist verschwindend gering und gerade, wer sich offen gegen Sexismus positioniert, könnte mehr tun, wie Wenschitz zugibt: »Ja, wir müssen mehr machen. Es tut mir im Herzen weh, dass wir noch nicht so weit sind. Egal was ich dazu sage, oder welches ›aber‹ ich bringe, ich hätte das Gefühl, dass ich aus dem Mund stinke.« Begründet ist das natürlich nicht zuletzt in einem großteils männlichen Freundeskreis, aus dem und um den herum sich die Veran-

Meat Market

Ohne Fleiß, …

Die Regeln, die auf den Partys gelten, werden auch auf den T-Shirts klar kommuniziert.

staltungsreihen entwickelt haben. Denn Meat Market ist nicht Gerald Wenschitz alleine, auch wenn er als Person oft im Vordergrund steht. Ohne die vielen Helfer und Helferinnen, ohne die vielen Stammgäste, ohne die Meat Market Community, ohne die Residents Robert »Bört« Neuwirth und Josef »Scirox« Sotriffer und ohne die Zusammenarbeit mit Matthias Markovits von Wechselstrom wäre wohl vieles nicht ganz so gewachsen, wie es das bis heute ist. Die Vinyl-only-Veranstaltung Mutter füllt regelmäßig das Sass und bietet Alternativprogramm zum sonst strikten Technoangebot aus demselben Hause. F*cken Plus wurde zum Fixpunkt im Werk, zum Treffpunkt aller, die sich zwischen Techno und Trash nicht so ganz entscheiden wollen. Dass die Menschen, die dieses Ding aufgebaut haben, bei jeder Veranstaltung auch spielen, verringert die Slots für neue, weibliche Artists natürlich – Ausrede dürfe das jedoch keine sein, so Wenschitz. Für die

»Es geht auch darum, dass man Musik eben nicht als reine Unterhaltungsform sieht und sie durchaus auch ernst nimmt.« — Gerald Wenschitz The Gap 167 012-035 Story_1.indd 26

nächsten Partys wurden zwei weibliche Mainacts gebucht und auch beim Local Support will man sich künftig bemühen. Spielen darf allerdings nur, wer musikalisch dazu passt und wer den Ansprüchen genügt – egal ob männlich oder weiblich. »Unsere jungen DJs verzweifeln an mir«, lacht Gerald. Wenn es darum geht, Auflegen als etwas Einfaches abzutun, versteht er keinen Spaß. DJing braucht viel Übung, noch lange, bevor man für einen Auftritt gebucht wird. »Natürlich muss man auch im Club lernen, aber da muss es bereits einen Grundstein geben. Der Unterschied zwischen zuhause Auflegen und im Club Auflegen ist ein bisschen wie der Unterschied zwischen Wichsen und Budern, man muss sich selbst und die Materie kennenlernen«, so Wenschitz. Vom ständigen Üben, Herumprobieren und Musik Entdecken nimmt auch er sich nicht aus, seit einiger Zeit produziert er auch wieder selbst. Mit »Meat Recordings« folgte die – aktuell fast obligatorische – Labelgründung. Nach fünf Digitalreleases im letzten Jahr erschien im Januar die erste Platte, fünf weitere könnten 2018 folgen – wenn die Musik stimmt: »Es gibt viele gute Musiker in meinem Umfeld, insofern ist die Labelgründung ein logischer Schritt. Es soll aber so sein, dass wir Platten dann rausbringen, wenn wir ein Bedürfnis dazu haben.« Yasmin Vihaus Meat Market feiert am Freitag, den 23. Februar, in der Grellen Forelle neunjähriges Bestehen, zu Gast ist Luke Slater.

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DATUM – das Monatsmagazin für Politik und Gesellschaft steht für : » Unabhängigen Qualitätsjournalismus » gehaltvolle Lektüre » Spannende Erzählungen und Reportagen » Recherche in inhaltlicher Tiefe und thematischer Breite » ausführliche Interviews » Aktualität jenseits des Tagesgeschehens

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Welche Gefühle hast du, wenn du auf der Bühne stehst? An einem guten Tag ist sowohl mein Körper als auch Geist so extrem auf das Stück eingestellt, dass ich alles um mich herum vergesse. Das fühlt sich für mich wahnsinnig befreiend an. Auf der Bühne stehen macht mich mutiger und gibt mir Sicherheit. Welche versteckten Talente hast du neben der Schauspielerei noch? Kein verstecktes Talent, aber ich habe sehr lange getanzt. Ansonsten bin ich wohl wirklich sehr talentfrei. Ich probiere sehr viele Dinge aus, wie zum Beispiel Boxen – aber das ist noch kein verstecktes Talent.

»Auf mein Bauchgefühl vertraue ich fast immer.« — Vassilina Reznikoff

Auf was bist du besonders stolz? Ich bin auf mein Bauchgefühl und meine Intuition sehr stolz. Darauf vertraue ich fast immer.

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10 interessante JungschauspielerInnen im Porträt — Teil 2 Schon in unserer letzten Ausgabe porträtierten wir fünf junge Schauspieltalente – nun folgt die Fortsetzung unserer zweiteiligen Porträtreihe, die sich mit der Lebensrealität junger DarstellerInnen auf Wiens Bühnen beschäftigt. Alexander Gotter

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Catherine Hazotte

VAS SILIS SA REZNIKOFF Die gebürtige Französin studierte Bühnentanz und Schauspiel in Hamburg und Salzburg, bevor es sie nach Wien zog. Vassilissa wünscht sich, dass Erfolg nichts für sie bedeuten und nur das Interesse an der Arbeit selbst als Schauspielerin zählen würde. Derzeit spielt sie im Schauspielhaus in »Die junge Schauspielerin« in der Porzellangasse und ist noch bis 14.02.2018 im Stück »Elektra« zu sehen, kurz darauf feiert ihr neustes Stück »Mitwisser« Ende März Premiere.

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»Ich habe mich am Boden gewälzt und Urtöne gesucht.« — Marie-Luise Stockinger

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MARTA KIZYMA Wenn man am ganzen Körper ein Kribbeln spürt und weiß, dass jeder Moment auf der Bühne zählt und dass es richtig ist, jedes Risiko für dieses Gefühl einzugehen, dann ist man genau dort richtig, wo man sich gerade befindet. Marta kam mit 17 aus der Ukraine nach Wien, um für die Schauspielschule vorzusprechen. Die Angst zu versagen spielt für sie eine weniger große Rolle, da Scheitern für sie grundsätzlich ein positiv besetzter Begriff ist. Alle scheitern und machen Fehler. Das ist auch gut so, denn nur so kann man sich verbessern. Sei es auf der Bühne oder im Privatleben. Sich verlaufen, stolpern, hinfallen und wieder aufstehen. Marta spielt seit 2017 im fixen Ensemble des Burgtheaters, scheitert manchmal daran sich den Text zu merken – was aber sonst niemand im Publikum bemerkt – und ist derzeit in den Stücken »An der Arche um acht«, »paradies fluten«, »Der eingebildete Kranke« und »Komödie der Irrungen« zu sehen.

Zweifelst du heute noch immer an dir? In Hinsicht darauf was ich mit der Schauspielerei in der Zukunft machen will und in welche Richtung es gehen soll, sicher. Man muss sich ja immer entscheiden, was einem einerseits Möglichkeiten nimmt, andererseits auch Möglichkeiten gibt. Wie wichtig ist die Auswahl der Universität oder Schauspielschule? Gerade sprachlich war die Schauspielschule sehr wichtig für mich. Ich habe vor allem das erste halbe Jahr dazu genutzt meinen Wortschatz und meine Aussprache zu verbessern. Die gute Sprachausbildung an meiner Universität war sicherlich eines der Dinge, die ich am meisten schätze. Wie ist es in einer Fremdsprache zu schauspielern? Eine gewisse Entfremdung ist natürlich immer da. Wie zum Beispiel bei der richtigen Aussprache meines Namens. Aber mir hilft das ehrlich gesagt, um noch mehr in die Rolle zu finden.

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MARIE- LUISE STOCKINGER Marie-Luise Stockinger studierte am Max Reinhardt Seminar, ist das jüngste Ensemblemitglied des Burgtheaters und war 2016 für den Nestroypreis in der Nachwuchskategorie nominiert. Ihre Sprache auf der Bühne ist gewaltig – in Interviews hingegen gerne kurz und bündig. Als die spannendste Zeit ihres Berufes beschreibt sie die Probezeit, in der man sich wochenlang mit dem Theaterstoff in kleinen Gruppen auseinandersetzt und ein gemeinsames Denken entwickelt und Schnittstellen zusammenlegt. Derzeit ist sie in sechs unterschiedlichen Produktionen zu sehen und spielt bis Anfang März mehrmals wöchentlich auf der Bühne.

Wie bist du zur Schauspielerei gekommen? Ich hab’s studiert, mich viel am Boden gewälzt und Urtöne gesucht. Wie würdest du das Gefühl beschreiben, wenn du auf der Bühne stehst? Im besten Fall wie beim Gruppensport, im schlimmsten Fall wie beim Ausdauerlauf. Zweifelst du manchmal an dir? Jeden Tag. Das ist gesund und hält wach.

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»Ich finde es schön, dass vieles am Theater sich einer Verwertungslogik entzieht.« — Katharina Klar

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Wie bist du zur Schauspielerei gekommen? Eskapismus. Als Teenager war Theater für mich ein anziehender Ort, weil es dort nicht um Coolness und Anpassung geht. Heute finde ich es schön, dass vieles am Theater sich einer Verwertungslogik entzieht. Dass erwachsene Menschen viel Zeit aufwenden, um am Ende ein vergängliches Ereignis herzustellen, mit dem kein Geld zu machen ist.

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Wie würdest du das Gefühl beschreiben, wenn du auf der Bühne stehst? In den guten Momenten fühle ich mich auf der Bühne so, wie ich im Leben auch gerne wäre. Souverän, klar, im Augenblick. Was war die größte Herausforderung in deiner bisherigen Schauspielkarriere? Wie hast du sie gemeistert? Die Schauspielschule. So viel Angst, Aufregung und Selbstbezogenheit auf einem Haufen und kein Publikum und keine Inhalte. Aber ich habe in meiner Klasse zwei faszinierende und kluge Frauen kennengelernt, die immer noch meine Freundinnen sind, insofern hat es sich voll ausgezahlt.

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LISA FURTNER Die Schauspielerin Lisa Furtner war bereits im Tatort zu sehen, stellte mit ihrer Neuinterpretation von Shakespeares »Sturm« die scheinbar natürliche Notwendigkeit der binären Geschlechteropposition in Frage, postulierte das Matriarchat als Utopie der Stunde und wurde 2017 prompt für ebendieses Stück für den Newcomer Award der Volksbühne Wien nominiert. Im neuen Jahr wird es auf der Bühne zwar etwas ruhiger, dafür tobt Lisa sich im gesamten Schauspielapparat aus und arbeitet unter anderem als Regieassistentin.

Welche Hürden musstest du bisher meistern? Hürden sind vor allem dann überwindbar, wenn man Menschen in seinem Umfeld hat, denen man vertrauen kann und die einem Sicherheit geben. Gemeinsam sind diese Hürden auch immer leichter zu schaffen.

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Wie bist du zur Schauspielerei gekommen? Ich habe es wohl schon immer in mir getragen. Aber direkt nach der Matura wollte ich als erstes die Welt retten – eine ziemlich größenwahnsinnige Idee – und habe etwas in Richtung Umwelt studiert. Bis ich dann schließlich die Notwendigkeit gesehen habe zu wechseln. Ich habe mich daraufhin für die Schauspielschule Kraus entschieden und dort drei Jahre lang von ziemlich coolen Menschen sehr viel gelernt.

Gibt es Ziele, die du gerne erreichen möchtest? Ich habe eine sehr große Liebe zu Worten und zur Sprache. Damit zu spielen ist eine irrsinnige Freude für mich. Gleichzeitig möchte ich das aber auch nicht zu sehr romantisieren. Als Schauspielerin will ich natürlich auch diesen Beruf ausüben, allerdings ist es mir auch wichtig, was ich in den Rollen transportiere und zu sagen habe. Mein Ziel ist sicherlich gemeinsam mit anderen gute Geschichten zu erzählen.

K ATHARINA KL AR Katharina Klar zweifelt manchmal an sich: Um sich selbst einzureden, dass das wichtig für ihre Arbeit ist. All diese Ungewissheiten sind allerdings vollkommen unbegründet, sieht man sich ihr aktuellstes Projekt einmal etwas genauer an: Die gegenwärtige Stückentwicklung von »Gutmenschen« mit der Theaterregisseurin und Autorin Yael Ronen, in dem die Geschichte der Figur namens Yousif, der als Flüchtling aus dem Irak nach Wien kommt, in Retroperspektive aufgearbeitet wird. In dem Stück werden die aktuelle Stimmung im Land sowie die persönliche Situation der Figur Yousif humoristisch dargestellt. Premiere ist am 11. Februar im Volkstheater.

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Zwischen Kunst und Kopulation Das erstmals stattfindende Porn Film Festival zeigt unter dem Motto »What is porn?« vor allem eines: Diese Frage zu beantworten, dauert länger als ein klassischer Porno. ———— »Wann hast du dir zuletzt einen Porno angeschaut?«, »Was bedeutet Porno für dich?« – mit diesen Fragen im Rahmen eines Streettalks startet der kurze Teaserfilm für das erste Porn Film Festival, das im März in unterschiedlichen Spielstätten in Wien über die Bühne geht. Während der kurze Onlineteaser zunächst eher niederschwellig bis oberflächlich wirkt, darf man sich vom kommenden viertägigen Festival durchaus Tiefgang und gleichzeitig einen offenen vielfältigen Zugang erwarten. Festivaldirektor Yavuz Kurtulmus ist keiner, der es sich einfach macht. 2009 gründete er den Verein MiGay, der homosexuelle MigrantInnen betreut und Aufklärungsarbeit leistet, als Festivaldirektor des Transition-Festivals bringt er seit Jahren Filme auf die Leinwand, die die Vielfalt von LGTIQ-Menschen widerspiegeln. Thematisiert werden dabei körperliche Beeinträchtigung genauso wie Migrationshintergrund, immer in Verbindung mit Menschen, die schon allein durch ihre sexuelle Orientierung oft Ausgrenzung erfahren. Unter dem Motto »Claim Your Space« kämpft man beim Transition-Festival für mehr Sichtbarkeit und vor allem natürlich für einen Platz in der Mitte der Gesellschaft. Mit seinem neuen Projekt will er Aufmerksamkeit für ein Thema kreieren, das ohnehin im Blickfeld vieler steht, dessen Diskurs aber doch oft nur im Privaten geführt wird.

den, Panels mit SexualwissenschaftlerInnen und Workshops wie »How To Make a Porn« schaffen den nötigen diskursiven Rahmen. »Wir möchten die Monotonie und auch Heteronormativität der Mainstream Pornoindustrie aufbrechen, welche zumal ja meist für den männlichen Blick geschaffen ist. Wir wollen zeigen, wie weit sich auch das Genre Porno entwickelt hat und was alles möglich ist«, so das Festivalkernteam, bestehend aus Yavuz Kurtulmus, Jasmin Hagendorfer, Saif Can und Gregor Schmidinger. Unter dem Motto »What is porn?« will man in verschiedenen Locations wie dem Erotikkino Fortuna, dem Topkino, dem Schikaneder oder den Räumlichkeiten des Vereins Schwelle7 nicht unbedingt eine explizite Antwort finden, sondern Grenzen ausloten und Vielfalt präsentieren.

Anders und doch gleich Schon der Eröffnungsfilm »Pieles« des spanischen Regisseurs Eduardo Casanova, der im letzten Jahr auf der Berlinale Premiere feierte, schafft in seiner pastellfarbenen Traumwelt Platz für gesellschaftliche und sexuelle Außenseiter und holt die Hauptpersonen, ein Mädchen, das statt eines Mundes einen Anus im Gesicht trägt und einen jungen Mann, der davon träumt, sich die Beine abzuschneiden, um eine Meerjungfrau zu werden, aus ihrem Versteck hervor. Fast im Gegensatz dazu spielt »Don’t Love Me« mit einer für einen Erotikfilm fast erfrischenden Normalität: Aus einem One-Night-Stand zweier Berliner Boys wird eine Liebesgeschichte, die so normal und real wirkt und bei der sich explizite Sexszenen so

»Wir möchten die Monotonie und auch Heteronormativität der Mainstream Pornoindustrie aufbrechen.« — Yavuz Kurtulmus

Grundidee Vielfalt Bereits in den vergangenen Jahren kooperierte das Transition-Festival mit dem Porn Film Fesitival Berlin – aus der Zusammenarbeit entstand letztlich die Idee, ein derartiges Event in Wien auf die Beine zu stellen. Vielfalt ist dabei wie auch beim Transition-Festival ein großes Thema, nicht zuletzt, um Vorurteile abzubauen und um zu zeigen, dass Pornografie im Jahr 2018 durchaus diverser und inklusiver ist, als vielleicht gemeinhin vermutet wird. Gezeigt werden neben klassischen Pornos sowie Erotikfilmen und Kurzfilmen in verschiedenen Kategorien auch internationale Dokumentationen. Q&As mit Filmschaffen-

»Don’t Love Me« porträtiert zwei Berliner, deren Date zu einer Liebesgeschichte wird.

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»Vs«, eine Produktion von Maria Blah, ist Teil einer der zahlreichen thematischen Kurzfilmreihen.

organisch in das Geschehen einfügen, als würde einem der bester Freund beim Fortgehen vom Ausgang seines Grindr-Dates erzählen.

Pretty Vacant Boys, Maria Blah / »Vs«, Porn Film Festival

Aus Frauensicht Einen Schwerpunkt bilden außerdem queerfreundliche Produktionen, die explizit im Gegensatz zur heteronormativen Objektivierung im Mainstream Porno stehen. Gezeigt wird etwa der mehrfach ausgezeichnete Film »Silver Shoes« der niederländischen Regisseurin und Produzentin Jennifer Lyon Bell, der weder mit expliziten Szenen noch mit gelungenem Storytelling, Witz und Emotionalisierung spart. In einem Panel spricht die Gründerin der Produktionsfirma Blue Artichoke Films zudem über ihr Konzept der »pornographic empathy«, feministische Methoden und ihr Credo »Erotic films for people who like film«.

allerbesten Fall zumindest im Kontext des Festivalbesuchs zu befriedigen. In Berlin gelingt das in der mittlerweile 13. Ausgabe durchaus erfolgreich – sowohl inhaltlich als auch die Auslastung betreffend. Ob die Wiener und Wienerinnen offen für ein Porn Film Festival sind, muss sich zeigen, die PreviewVeranstaltung im Schikaneder lässt jedenfalls Yasmin Vihaus darauf hoffen.

Das Porn Film Festival findet von 1. bis 4. März in verschiedenen Locations in Wien statt. Zur Finanzierung wurde kürzlich eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, alle Informationen dazu unter pornfilmfestivalvienna.at.

Befriedigt? Dass sich die Ausgangsfrage des Festivals, »What is porn?«, selbst im viertägigen Programm nicht einmal annähernd beantworten lassen wird, ist klar – viel mehr zählt der Versuch, Pornografie aus der Privatheit in die Öffentlichkeit zu holen, Herausforderungen der Branche zu diskutieren und Lösungsansätze zu präsentieren, einen mal sozialkritischen, mal feministischen, mal queeren, mal neutralen Blick auf die Thematik zu werfen und BesucherInnen zu überraschen und im

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Das Team des Porn Film Festivals: Yavuz Kurtulmus, Jasmin Hagendorfer, Gregor Schmidinger und Saif Can.

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Aktuelle Projekte aus dem Medienhaus Monopol S PA S S M I T A N S TA N D

Samstag,, 27.01.2018 Samstag S RATHAUS WIEN

EINGANG LICHTENFELSGASSE EINLASS 20.00 • BEGINN 21.00 S PA S S M I T A N S TA N D Damen und Herren: Ballrobe, Frack, bodenlanges Abendkleid, Smoking, Cocktail-Kleid, schwarzer Anzug oder Gala-Uniform.

TA N Z M I T H A LT U N G

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Das Ballkomitee behält sich das Recht vor, bei nicht entsprechender Kleidung den Eintritt zu verwehren • Mit Ihrem Besuch stimmen Sie der Veröffentlichung TA N Z M I T H A LT U N G von Fotos und Filmaufnahmen, die im Rahmen des Balls enstehen, ausdrücklich zu • Bereits bezahlte Karten können nicht zurückgenommen werden • Verein Wien Wissen c/o Presseclub Concordia, 1010 Wien, Bankgasse 8

Samstag,, 27.01.2018 S Samstag Damen und Herren: Ballrobe, Frack, bodenlanges Abendkleid, Smoking, Cocktail-Kleid, schwarzer Anzug oder Gala-Uniform.

eco fashion

€ 1,–

€ 90,– Das Ballkomitee behält sich das Recht vor, bei nicht entsprechender Kleidung den Eintritt zu verwehren • Mit Ihrem Besuch stimmen Sie der Veröffentlichung von Fotos und Filmaufnahmen, die im Rahmen des Balls enstehen, ausdrücklich zu • Bereits bezahlte Karten können nicht zurückgenommen werden • Verein Wien Wissen c/o Presseclub Concordia, 1010 Wien, Bankgasse 8

25.–27. mai 2018 creau, wien biorama fair fair macht sommerfrische im prater! komm vorbei und geniesse bio street food und drinks, eco fashion, design und sustainable goods in der creau. direkt an der U2 stadion!

Wiener Ball der Wissenschaften

Biorama Fair Fair

»Spaß mit Anstand – Tanz mit Haltung«. Unter diesem Motto fand heuer der vierte Wiener Ball der Wissenschaften statt. Um den Wiener Leistungen in den verschiedenen Bereichen der Forschung und Wissenschaft eine Bühne zu geben und als Gegenpol zum Akademikerball, wird einmal im Jahr ins Wiener Rathaus geladen. Monopol steuert von Anfang an die Produktion der Werbe- und Druckmittel bei: vom Magazin, über das Programm bis hin zu den Tischaufstellern.

Längst zur Institution geworden, findet die Biorama Fair Fair 2018 nun zum zweiten Mal in der Wiener Creau statt. Einerseits Markt für nachhaltige Produkte – feine Bio-Ware, Eco-Fashion und Sustainable Design – gibt es anderseits auch 2018 ein ansprechendes Rahmenprogramm: hochkarätig besetzte Talks zu brennenden Themen, Buch- und Start-upPräsentationen, ein Lastenrad-Wettrennen und erstmals nach Einbruch der Dunkelheit Film-Vorführungen.

Unsere Leistungen:

Unsere Leistungen:

Design

Eigenveranstaltung

Layout

Konzeption

Werbemittelproduktion

Durchführung

monopol.at

fairfair. at

Verkauf

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Bildung

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THEMENSPECIAL

038 041 Studieren finanzieren Minecraft in der Schule Studieren ist nicht leicht, sich das Studium tatsächlich leisten zu können, umso schwieriger. Wir haben drei Studierende in unterschiedlichen Wohnsituationen dazu befragt.

In der Neuen Mittelschule Floridsdorf in Wien dürfen SchülerInnen auch im Unterricht »Minecraft« spielen – und sie lernen dabei sogar etwas.

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Becca Tapert / Unsplash

Riot Tech Girls Lehre nach der Matura Während das Business Riot Festival Frauen in Karrierefragen berät, können Mädchen ab 13 Jahren bei der Mädchenwerkstatt im Rahmen des Rrriot Festivals in die Welt der Mechanik, Mechatronik und Elektronik eintauchen.

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Nach der Matura begeben sich viele auf die Suche nach dem richtigen Studium. Je nach Traumberuf kann eine Lehre zur echten Alternative werden, wie Steinmetzin Magdalena Roland erzählt.

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THEMENSPECIAL

Edwin Andrade / Unsplash, Sarah Wetzlmayr

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Von »unibrennt« zur Finanzierbarkeit des Studiums

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Bildung

Ausgebrannt

Studieren finanzieren Die 28-jährige Boku-Studentin Donna sieht den Ausdruck in einem etwas positiveren Licht: »Um sich im Studium erstmal zu orientieren und zu schauen, wohin die Reise geht, fehlt vielen einfach der notwendige finanzielle Rahmen. Obwohl es ja an sich nichts Schlechtes wäre, sich dafür ein bisschen mehr Zeit lassen zu können und die Uni als Bildungseinrichtung, statt als pure Ausbildungsstätte zu sehen.« Wer neben dem Studium arbeitet, hat für solche Bildungsreisen in die Welt der verschiedenen Curricula allerdings weder Zeit noch Geld. Die vom Verfassungsgerichtshof beschlossene Abschaffung der Studiengebührenbefreiung der berufstätigen Studierenden, die die Mindeststudienzeit bereits überschritten haben, bringt Bologna, BummelstudentInnen und Studiengebühren momentan wieder in den bildungspolitischen Diskurs zurück. Innerhalb der Universitätenkonferenz, der die Rektorin der Akademie der bildenden Künste, Eva Blimlinger, vorsteht, wird bereits diskutiert, ob es sich die Universitäten vorstellen könnten, berufstätigen Studierenden bis zu einer bestimmten Einkommensgrenze die Studiengebühren wieder zurückzuerstatten. An der Akademie wird ein solches Rückzahlungsmodell bereits praktiziert – allerdings für alle Studierenden, die Studiengebühren bezahlen müssen. Die Debatte um die Studiengebühren brodelt schon seit Jahrzehnten leise vor sich hin, kocht hin und wieder mal über, wie 2009 während der »uni brennt«-Bewegung, bewegt sich aber eher im moderat aufgeregten Bereich irgendwo zwischen »Dahinwurschteln« und »eh wurscht«. Moderat werden, laut neuem Regierungsprogramm, auch die Studiengebühren künftig ausfallen. Geht es nach Eva Blimlinger, sollte der staatliche Bildungsbereich allerdings von jeglichen Gebühren befreit sein – »es gibt schließlich kein Lehrgeld, es gibt kein Schulgeld, deshalb soll es auch keine Studien(geld)beiträge geben.« Wenn schon Studiengebühren, dann müssen diese unbedingt mit anderen Maßnahmen verknüpft sein: »Das Stipendienwesen und hier vor allem die Anspruchsberechtigungen sollten grundlegend reformiert werden und

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sich stärker vom elterlichen Bezugssystem abkoppeln. Zweitens sollte die Familienbeihilfe an die Studierenden ausbezahlt werden, wenn diese nicht im gemeinsamen Haushalt leben. Drittens müssen die Betreuungsrelationen verbessert werden.« Auch Christa Neuper, Rektorin der Karl-Franzens-Universität Graz, spricht sich gegen einen Ansatz aus, der ein inklusives System verhindert und das Studium zu einem Exklusivangebot für finanzstarke Schichten macht. Bei Wiedereinführung der Studiengebühren für alle braucht es allerdings auch ein gut durchdachtes und transparentes Stipendiensystem. Donna, die mit 28 Jahren schon aus vielen Teilen des Vergünstigungsnetzes für Studierende herausgefallen ist, stützt sich bei alltäglichen Ausgaben, wie Wohnen, Nahrungsmitteln und öffentlichem Verkehr, auf ihr Selbsterhalterstipendium. Die Höhe ihres Stipendiums beträgt monatlich 801 Euro, dafür sind 30 ECTS im Jahr vorzuweisen. »Hätte ich mir während meiner Berufstätigkeit nicht einen kleinen Polster zusammengespart, wäre vieles an Freizeitspaß nicht drin und Urlaube sowieso nicht«, erklärt sie ihr Verhältnis von Einnahmen und Ausgaben, das sie ohne genauen Finanzplan zu überblicken versucht. »Ich war glücklicherweise noch nie in der Situation Angst davor zu haben, die nächste Miete nicht bezahlen zu können. Mit dieser psychischen Belastung auch noch erfolgreich zu studieren, ist vermutlich unmöglich.«

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»Es gibt kein Lehrgeld, es gibt kein Schulgeld, deshalb soll es auch keine Studienbeiträge geben.« — Eva Blimlinger

Kleine Umwege im Studium zu nehmen können sich viele Studierende mittlerweile nicht mehr leisten. Dabei bergen gerade diese oft wichtige Meilensteine. ———— Die Frage, ob sie schon mal vom Begriff »Bummelstudent« gehört hat, muss die 20-jährige Erasmus-Studentin Maria Revert, die aus Madrid in ein PopUpDorm in der Seestadt Aspern gezogen ist, lachend verneinen. Im Spanischen gibt es kein solch negativ aufgeladenes und medial ausgeschlachtetes Äquivalent für diesen Ausdruck. Vermutlich wurde nicht einmal der 82-jährige spanische Pensionist Jose Luis Iborte Baque als solcher bezeichnet, obwohl er 13 verschiedene Studienfächer abgeschlossen hat – darunter Kunstgeschichte, Anglistik, Romanistik, Germanistik, Wirtschaftswissenschaften, Betriebswirtschaft und Allgemeinmedizin. Geht es um die österreichischen Universitäten, fällt der Begriff genauso häufig wie das Wort »Bologna« in einem Kontext, der mit der Stadt per se eigentlich nichts zu tun hat. Nicht einmal Wanda konnten an diesem semantischen Ungleichgewicht etwas ändern.

Die Wohngelegenheit als Sparmöglichkeit In einer WG wohnt Donna einfach weil es günstiger ist. Mit 28 könnte sie sich eine eigene Wohnung auch gut vorstellen, doch mit 420 Euro für ihr WG-Zimmer ist sie bereits an ihrem Budget-Limit angekommen. »Wären es 500 Euro, müsste ich mich in anderen Bereichen doch sehr

In ihrem WG-Zimmer in Wien lebt und studiert die 28-jährige Donna.

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Die PopUp Dorms können insgesamt fünfmal ab - und wieder aufgebaut werden und sollen beweisen, dass flexibler Wohnraum tatsächlich möglich ist.

einschränken, deshalb ist diese Lösung in Ordnung«, fügt sie hinzu. Gerne heimzugehen und genug Platz für die eigenen Sachen zu haben, stehen für die Studentin an oberster Stelle. Auch die 25-jährige WU-Studentin Katharina Stadtler kommt gerne heim und nennt, seit seiner Eröffnung, das Studentenheim Milestone am WU-Campus ihr Zuhause. Von hier wegzuziehen kann sie sich eigentlich gar nicht vorstellen, schließlich fühlt sie sich im Milestone gut aufgehoben und »irgendwie wie in einem Gemeindebau für Studenten, aber einem, den man auch den Eltern zeigen kann. Man muss sich nicht schämen, manchmal bleibt in der Lobby schon etwas stehen, aber es ist immer Cleaning Personal da, das voll dahinter steht.« In einem kleinen Dorf in Niederösterreich aufgewachsen, war es ihren Eltern wichtig, dass es an ihrem neuen Wohnort sauber und sicher ist. Ganz hinter sich gelassen hat sie ihr Leben vor dem Milestone aber noch nicht, bezeichnet sie die Lobby doch als Dorfplatz, auf dem während eines Workshops für Erasmus-Studierende schon mal Wiener Walzer getanzt wird. Die Verschränkung von Luxus-Gemeindebau, Lobby mit DorfplatzAtmosphäre, Fitnessstudio, Lernraum und Portier liegt preislich allerdings auf demselben Niveau wie eine Wiener Single-Wohnung. 655 Euro kostet Katharinas Einzelzimmer mit Prater-Aussicht, die von ihren Eltern übernommen werden. Zusätzliche Kosten kann sie durch zwei geringfügige Jobs selbst tragen. Ein paar U2-Stationen davon entfernt lässt es sich, mit 350 Euro für ein Einzelzimmer, etwas günstiger wohnen. Die PopUp-Dorms in Aspern sprechen wegen ihres guten Preis-Leitungs-Verhältnisses vor allem Erasmus- und Joint Study-Studierende wie Maria Revert an. »Der große Gemeinschaftsbereich macht es einfach Leute kennenzulernen. Aspern ist zwar etwas weit vom Zentrum entfernt, aber vielleicht ist das ohnehin besser so für mich, weil Wien schon ziemlich teuer ist und ich mich so besser aufs Lernen konzentrieren kann«, beschreibt sie ihr erstes Semester in der Seestadt. Auch Studierende, denen Ökologie und Nachhaltigkeit wichtig sind, werden sich in den Holz- und Schiffscontainern eher angekommen als nur gestrandet fühlen. Die Container können bis zu fünfmal ab- und wieder aufgebaut werden und sollen zeigen, dass flexibler Wohnraum möglich ist. Über mehr Durchlässigkeit, Flexibilität und nachhaltigere Ansätze in der Hochschulpolitik würden sich auch die Studierenden freuen. Wichtige Meilensteine können schließlich auch mit der ein oder anderen Bummelei zwischendurch erreicht werden. Sarah Wetzlmayr

Das Milestone ist direkt am WU-Campus gelegen und verspricht Prater-Ausblick im oft öden Lernalltag.

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Geli Goldmann

»Irgendwie wie in einem Gemeindebau für Stundenten.« — Katharina, 25, wohnt im Milestone

JWa+P, Erika Mayer

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Bildung

Spielend lernen Minecraft in der Schule

Spielumgebung Für den Unterricht kann »Minecraft« beziehungsweise dessen »Educational Edition« in verschiedenen Varianten eingesetzt werden. In manchen Fächern eignet es sich, um direkt mit Formen und Flächen umzugehen und diese leichter zu verstehen. In anderen dient es als spielerische Umgebung im Hintergrund: SpielerInnen bewegen sich in einer eigenen Welt und müssen nach und nach immer mehr Übungsaufgaben erledigen, um

Schüler können in Minecraft Aufgaben lösen, die Lehrer ihnen stellen und sich gegenseitig Aufgaben programmieren.

borative Umgebungen zu erstellen, in denen LehrerInnen und SchülerInnen interagieren und sich gemeinsam bewegen. Einstellbare Regelwerke verhindern, dass sich Kinder gegenseitig ihre Werke zerstören. Die Server kommen dabei von Microsoft und müssen nicht von den Schulen zur Verfügung gestellt werden. Die Schule Kinzerplatz ist eine so genannte Microsoft Showcase School, eine weltweite Gemeinschaft von Schulen, die sich mit digitalem Wandel beschäftigen, um das Unterrichten und Lernen zu verbessern. Um »Minecraft« einzusetzen, benötigen Schulen

Microsoft

»Minecraft versteht jeder und es macht Spaß.« — Michael Fleischhacker weiterzukommen. Dabei können Inhalte nicht nur überprüft, sondern auch – etwa in Form von Lernvideos – zur Verfügung gestellt werden. Klassische NPCs – nicht spielbare Charaktere – können außerdem Hinweise geben oder Aufgaben verteilen. Zudem gibt es eigene Module, in denen etwa Musik programmiert werden kann oder virtuelle Chemiebausätze zum Experimentieren einladen. Unterrichtende haben die Möglichkeit, kolla-

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eine entsprechende Office356-Lizenz und Lizenzen der »Minecraft Educational Edition« für jeden Schüler und jede Schülerin. Diese können die SchülerInnen dann auf allen Rechnern und Tablets mit Windows 10 nutzen. Derartige technischen Ressourcen sind eine der Einschränkungen und Hürden, die es dabei zu überwinden gilt. Eine andere ist das Netzwerk der Schule. Dort sehe es laut Michael Fleischhacker in der Praxis nicht ganz

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Die Neue Mittelschule Kinzerplatz in Wien Floridsdorf nutzt die »Minecraft Educational Edition“ im Unterricht. ———— »Ich habe mich viel damit auseinandergesetzt, was die Schüler und Schülerinnen in der Freizeit machen und was sie unternehmen. ›Minecraft‹ wird viel gespielt, kennt jeder, versteht jeder und es macht Spaß.« Michael Fleischhacker unterrichtet an der Neuen Mittelschule Kinzerplatz in Wien Floridsdorf Mathematik, Werken und Musik und nutzt seit einiger Zeit die »Minecraft Education Edition« im Unterricht: »Es ist der Versuch den Unterricht mit Dingen zu gestalten, die Kinder auch in ihrer Freizeit nutzen.« Er sieht dabei viele Einsatzgebiete für das Spiel: Dazu gehören natürlich Mathematik und Geometrie, aber auch viele andere Bereiche. »Minecraft« ist ein vom Schweden Markus »Notch« Persson erstmals 2009 veröffentlichtes Spiel, in dem es möglich ist, eine offene Spielwelt zu gestalten, indem man aus Blöcken Gebäude, Gegenstände und Landschaften baut. Es wird von vielen Kindern geschätzt und lädt auch dazu ein, sich kooperativ in den Spielwelten zu beschäftigen. Seitdem sind viele Versionen für quasi alle Plattformen erschienen. 2014 kaufte Microsoft Perssons Unternehmen Majong für rund 1,9 Milliarden Euro.

so gut aus: »Da kommen Schulen mit ihren WLAN-Ressourcen schon an ihre Grenzen, wenn viele Schüler gleichzeitig einsteigen.«

Voneinander lernen Neben den Inhalten, so berichtet Fleischhacker weiter, werden mit dem Programm auch Soft Skills vermittelt: »Das wird grundsätzlich unterschätzt, welche Auswirkungen es hat, wenn die SchülerInnen sich spielerisch in einer Lernumgebung bewegen können und etwa untereinander Aufgaben füreinander produzieren und sich gegenseitig helfen. Das sind die Skills, die der Arbeitsmarkt in Zukunft sucht.« Michael Fleischhacker ist ein Global Minecraft Mentor, tauscht sich mit anderen Lehrkräften über Erfahrungen aus und unterstützt Interessierte. Ihm ist bewusst, dass dieser neue Unterrichtsstil von LehrerInnen etwas Mut erfordert und den Willen, sich auch von den SchülerInnen etwas zeigen zu lassen und auch von diesen zu lernen: »Dabei sieht man oft, dass wir die Möglichkeiten, die das Programm bietet, bei Weitem nicht in Martin Mühl allem erkennen.«

Michael Fleischhacker betreibt als »Flipp den Fleischhacker« einen Youtubekanal mit Lerninhalten und Minecraft-Einblicken. Infos zur »Minecraft Educationel Edition« unter education. minecraft.net

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Rrriot Festival Sprungbrett für Riot Girls Frauen sind in technischen Berufen noch immer unterrepräsentiert – gleichzeitig sind die Chancen für Frauen in technischen Berufen besonders hoch. Ein Thema, das auch das RrriotFestival im März im Rahmen von Workshops der Mädchenwerkstatt des Vereins Sprungbrett aufgreift. ———— Das Business Riot Festival geht in die dritte Runde – und vergrößert sich: Zur Arbeitsmarktkonferenz mit Fokus auf Frauenförderung gesellt sich mit dem Rrriot ein Programmfestival, das – nicht nur für Frauen – zu Diskussion, Information und zum Ausprobieren einlädt. Zehn Tage lang stehen verschiedene Locations in Wien damit ganz im Zeichen des feministischen Diskurses, der Zukunft der Erwerbsarbeit und letztendlich auch des Grundsteins, der Bildung. Im Gegensatz zum bisher bekannten Hauptteil, dem Business Riot Festival, steht das Rrriot allen Interessierten offen. Gemeinsam mit über 40 ProgrammpartnerInnen werden im Rahmen zahlreicher Events unterschiedliche Aspekte rund um die Themen Feminismus, Kunst, Kultur, Forschung, neue Arbeitswelt und Digitalisierung bei weitgehend freiem Eintritt diskutiert.

Bildung am Rrriot-Festival Das Programm ist ebenso dicht wie divers: Neben Film, Kunst und Design werden auch Fragen rund um das Überthema Bildung diskutiert. So bieten beispielsweise die Frauenreferate der TU und der BOKU im Rahmen einer Vortragsreihe feministisch-akademischen Diskurs, die Büchereien Wien laden zu einer Lesung von HeldInnengeschichten. Erstmals findet heuer auch ein Networking-Event für »Female Makers« statt, bei dem insgesamt zehn Frauen die Teilnahme am ersten »All Female Maker Bootcamp« im Happylab gewinnen können. Empowerment von Mädchen und jungen Frauen im technischen Bereich hat insbesondere der Workshop des Vereins Sprungbrett zum Ziel: Teilnehmerinnen ab 13 Jahren können sich im Rahmen des Programmpunktes »Young Fit – Check It Out Basic« in der Sprungbrett Mädchenwerkstatt

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Bildung

THEMENSPECIAL

sprungbrett / Brigitte Gradwohl

Nicht nur, dass jährlich rund doppelt so viele Männer wie Frauen in Lehrberufen ausgebildet werden – wirft man einen Blick auf die Lehrlingsstatistik 2017 der Wirtschaftskammer Österreich, wird schnell deutlich, dass auch im Jahr 2017 stereotype Rollenverteilungen in diesem Bereich die Regel sind: Die beliebtesten Lehrberufe bei Frauen finden sich – noch immer – in »typisch weiblichen« Sparten: Einzelhandel, Bürokauffrau oder Friseurin, während bei Männern die Lehrberufe Metalltechnik, Elektrotechnik oder Kraftfahrzeugtechnik die gefragtesten sind. Von insgesamt 44.602 Lehrlingen im Bereich Gewerbe und Handwerk sind lediglich 9.065 und damit knapp 20 Prozent weiblich – und das, obwohl die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Frauen in technischen Berufen besonders gut stehen: Nicht nur, dass die Entlohnung bereits bei den Lehrlingsentschädigungen im technischen Bereich höher sei, auch die Weiterbildungsmöglichkeiten seien um einiges vielfältiger, so Desiree Schröcker, Mitarbeiterin des Vereins Sprungbrett und Teil des Projektleitungsteams des Projekts »Young Fit«. In einem digitalen und technologischen Zeitalter seien Fachkräfte gefragter denn je – das bedeute nicht nur eine höhere Arbeitsplatzsicherheit, sondern auch gute Aufstiegschancen im Unternehmen selbst. Häufig werde diese Schieflage in Berufsstatistiken schlichtweg durch die klischeehaften Vorstellungen von »typisch männlichen« und »typisch weiblichen« Berufen verursacht, so Schröcker. Das startet bereits mit dem »Blau-Rosa-Schubladendenken« im Kindheitsalter und wird unterstützt durch das Elternhaus, den Freundeskreis oder das schulische Umfeld, die häufig ein sehr traditionelles Rollendenken verfolgen. Bedenken müsse man laut Schröcker zudem, dass Berufsbeschreibungen oft sehr abstrakt seien, sodass es oft schwer falle, sich unter bestimmten Ausbildungen etwas vorzustellen. Das Aufgabenfeld einer Friseurin ist dagegen meist sofort klar, der genaue Tätigkeitsbereich einer Mechatronikerin hingegen gerade für Jugendliche oft nur durch Recherche erfahrbar.

scheidungen zu treffen, überfordert viele und wenn dann beispielsweise seitens des Elternhauses oder des Freundeskreises eine ›traditionelle‹ Ausbildung bevorzugt wird, trauen sich junge Frauen oft nicht einen Weg zu gehen, der vielleicht vom Großteil des näheren Umfelds nicht unterstützt wird.« Das »Young Fit«-Projekt bietet deshalb Selbstbehauptungsworkshops, Einzelcoachings und Probebewerbungsgespräche an. Dabei soll das Selbstbewusstsein der Teilnehmerinnen gestärkt, mögliche Unsicherheiten aufgearbeitet und Ängste reduziert werden.

Eintauchen und Ausprobieren Im Rahmen des diesjährigen Rrriot Festivals können Mädchen und junge Frauen beim Workshops »Young Fit – Check It Out Basic« in die Welt der Mechanik, Konstruktion oder Elektronik eintauchen und sich über aktuelle Trends informieren oder sich bei der Lehrstellensuche beraten lassen. Ergänzend zu den Workshops gibt es für all jene, die sich mit Technikerinnen oder Studentinnen technischer oder naturwissenschaftlicher Fächer austauschen möchten, zudem eine SMS-Lounge im Hotel am Brillantengrund. Im Rahmen dessen können sich Interessierte direkt mit anderen Frauen über Karriere, Ausbildungswege und Herausforderungen in technischen Berufen austauschen. Viktoria Kirner

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Stereotype brechen

sprechen, erklärt Schröcker. Letztendlich geht es zudem darum, aufzuzeigen, dass Frauen das gleiche wie Männer können und dass Berufe, Lebensabläufe oder Verhaltensweisen nicht vom Geschlecht bestimmt werden. Der Verein Sprungbrett ist eine Beratungsstelle für Mädchen und junge Frauen bis 21 Jahre, bietet Unterstützung bei der beruflichen Orientierung und der Lehrstellensuche und informiert über Berufe, die nicht als »typisch weibliche« gelten. Darüber hinaus versteht sich der Verein aber auch als eine Art Safe Space, in dem man Ängste deponieren und Zuspruch erfahren kann. Es geht darum, Mädchen dabei zu unterstützen, eine für sich persönlich richtige Berufsentscheidung zu treffen. Das ist natürlich nicht einfach, wie Schröcker betont: »So lebenswichtige Ent-

»Es ist wichtig aufzuzeigen, dass Frauen das Gleiche wie Männer können.« — Desiree Schröcker, Verein Sprungbrett

ausprobieren, erhalten nützliche Infos über berufliche Zukunftsperspektiven im Bereich Handwerk und Technik und bekommen wertvolle Tipps für die Lehrstellensuche.

Das Rrriot Festival findet von 1. bis 7. März bei weitgehend freiem Eintritt statt. Das Business Riot Festival findet von 8. bis 10. März statt – Tickets gibt’s auf riotfestival.at. Der Workshop »Young Fit – Check It Out Basic« findet am 5. März direkt in den Räumlichkeiten des Vereins Sprungbrett statt.

Wenn die Zukunft Angst macht Nicht nur aufgrund des Arguments der Arbeitsplatzsicherheit ist es daher besonders wichtig, dass Frauen in technischen Bereichen vermehrt Fuß fassen. Auch die höhere Entlohnung und die zukunftsträchtigen Aussichten, welche wiederum eine persönliche, unabhängige und selbstbestimmte Absicherung ermöglichen, würden ganz klar dafür

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Beim Workshop »Young Fit« können Mädchen in die Welt der Mechanik, Konstruktion oder Elektronik eintauchen.

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THEMENSPECIAL

Es muss nicht immer ein Studium sein Ausbildung anders daran gedacht, etwas anderes zu machen als zu studieren. Bei einem Lehrberuf denkt man schnell an Klischee-Lehrberufe, und eine Friseur- oder KFZ-Mechaniker-Lehre hätte mich nicht interessiert«, erzählt Magdalena Roland. Heute ist sie ausgelernte Steinmetzin, absolvierte ihre Prüfung mit Auszeichnung und arbeitet in einer Dombauhütte in Passau, unter anderem an der Renovierung des Passauer Doms. Mit ihrem Ausbildungsweg ist Magdalena damit gewissermaßen eine Ausnahme. Denn obwohl die Anzahl all jener,

die sich nach der Matura für eine Lehre entscheiden, wächst, geht es hier nur um einen Bruchteil: Laut WKO waren im Jahr 2016 österreichweit 106.950 Lehrlinge in Ausbildung, darunter nur 1.151 MaturantInnen.

Werkstatt statt Bibliothek Die Entscheidung für eine Lehre und gegen ein Studium in Wien traf auch Magdalena Roland eher über Umwege: Nach einer HTL für Modetechnik wollte sie eigentlich Restauration studieren, entschied sich dann aber für

Sebastian Wimmer

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Magdalena Roland ist aktuell an der Restauration des Passauer Doms beteiligt, davor absolvierte sie eine Lehre als Steinmetzin – nach der Matura. ———— Wer die Matura abschließt, begibt sich oft fast automatisch auf die Suche nach dem richtigen Studium. Studieren ist ähnlich normal geworden wie der vorherige Schulbesuch. Man studiert, weil eben fast alle um einen herum studieren. Dabei gäbe es genug Alternativen, die von all jenen, die bereits einen Matura-Abschluss haben, gern übersehen werden. »Ich habe zuerst gar nicht

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Bildung

»Wenn man einen guten Lehrbetrieb hat, dann ist die Lehre wirklich das Ultimative.« — Magdalena Roland, Steinmetzin

ein freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege, das Jugendlichen in Deutschland ähnlich wie ein freiwilliges soziales Jahr in Österreich die Möglichkeit bietet, sich zu orientieren. Nach einem Jahr in der Dombauhütte in Passau war die Entscheidung klar: »Ich hatte wahnsinnig viel Spaß mit den Kollegen und es war das erste Mal, dass ich Kontakt zu Handwerkern hatte. Ich wurde sehr schnell akzeptiert, obwohl ich eine Städterin bin – und jung und eine Frau«, erzählt Magdalena. Wenn sie über ihren Alltag redet, merkt man, wie sehr ihr die

Arbeit und auch die KollegInnen am Herzen liegen, trotz straffen Zeitplans: Um sechs Uhr beginnt die Arbeit in der Werkstatt oder auf der Baustelle, im Sommer wird viel draußen direkt am Gebäude erledigt, im Winter werden Steine für die Verarbeitung vorbereitet. Früh aufstehen sei kein Problem, nur an die fehlende Ferienzeit hätte sie sich erst gewöhnen müssen: »Wenn man aus der Schule kommt und immer zwei Monate Sommerferien hatte, ist es schon ungewohnt, wenn man dann plötzlich nur vier Wochen Urlaub im Jahr zur Verfügung hat. Vor allem, wenn alle um einen herum zu studieren beginnen und damit noch mehr Ferien haben.« In der freien Zeit pendelt Magdalena oft zwischen Wien und ihrem Lehrbetrieb in Passau. Eigentlich hätte sie nach einem Lehrstellenplatz in Österreich gesucht, doch in der näheren Umgebung fand sie keinen passenden Lehrbetrieb.

Technical Experts gesucht Ein Problem, das Lehrlinge der Metalltechnik und der Mechatronik in der Steiermark wohl kaum kennen. Im Rahmen der Initiative »Technical Experts« der WKO wird explizit nach MaturantInnen gesucht, die eine Lehre absolvieren wollen, um dem Mangel an Fachkräften und qualifizierten Lehrlingen entgegenzuwirken und technikaffinen jungen Menschen nach der Matura eine Alternative zum Studium zu bieten. Insgesamt 40 Unternehmen sind Teil des Projekts, das im Rahmen

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Die New Design University ist die Privatuniversität der Wirtschaftskammer NÖ und ihres WIFI

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»Ich habe zuerst auch gar nicht daran gedacht, etwas anderes zu machen als zu studieren.«

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© Nikolaus Ostermann.

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Infos zur Lehre nach der Matura • Wer eine drei- oder vierjährige Lehre nach der Matura absolviert, kann seine Lehrzeit jeweils um ein Jahr verkürzen, die jeweiligen Lehrjahre dauern dann nur acht bzw. zehn Monate.

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• Einige Berufsschulen bieten eigene Klassen für SchülerInnen an, die sich nach der Matura für eine Lehre entscheiden und ihre Lehrzeit verkürzen möchten.

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• Wer seine Lehrzeit im Betrieb nicht verkürzen möchte, kann sich von einzelnen Fächern befreien lassen, wenn bereits entsprechende Vorkenntnisse nachgewiesen werden können. von Informationsveranstaltungen an Schulen die Lehre populärer machen will. Als Anreiz für MaturantInnen wirbt man etwa mit einer verkürzten Lehrzeit von nur zweieinhalb Jahren, guten Jobaussichten in der Region und gutem Verdienst schon während der Ausbildung.

Der richtige Ausbildungsbetrieb Anreize, die für Magdalena Roland weniger relevant waren, denn die Steinmetz-Lehre in Deutschland ist einer der schlechter bezahlten Lehrberufe. »Wenn ich beim Hofer vorbeigegangen bin und gesehen habe, was Lehrlinge dort im ersten Lehrjahr verdienen, war das schon etwas bitter«, gibt sie zu. Der geringe Verdienst in den ersten Lehrjahren war für sie jedoch kein Hindernis und mit dem ersten selbstverdienten Geld kam sie gut zurecht. Für die Ausbildung zur Steinmetzin hat sie sich vor allem aus Interessensgründen entschieden und nicht zuletzt, weil ihr die praktische Arbeit im Betrieb schon während des freiwilligen Jahres Spaß gemacht hat. Entscheidend ist letztendlich aber auch der ausbildende Betrieb, mit dem Magdalena sehr zufrieden war: »Es kommt sicher extrem auf den Lehrstellenplatz an. Ich hatte einen Chef, der mich sehr gefordert hat und mich in sehr viele Dinge eingebunden hat. Wenn man einen guten Lehrbetrieb hat, dann ist die Lehre das Ultimative. Ich habe aber bei vielen aus meiner Berufsschulklasse gesehen, dass es

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auch anders passieren kann. Viele waren einfach Hilfshackler und hatten nichts zu melden. Das hätte ich nicht gemacht, aber wenn man 15 oder 16 ist, dann macht man Dinge eben einfach und denkt vielleicht nicht darüber nach, dass das so nicht sein sollte.« Wer nach der Matura eine Berufsschule besucht, kann sich auch unabhängig von einer verkürzten Lehrzeit gewisse Fächer wie Deutsch oder Fremdsprachen anrechnen lassen. Die fachspezifischen Lehreinheiten müssen absolviert werden, in einigen Fällen ist jedoch ein Fernstudium möglich. So viel einfacher sei die Berufsschule nach der Matura dennoch nicht unbedingt, so Magdalena Roland, die in der Steinmetz-Berufsschule mit ganz anderen Fächern konfrontiert war als in der HTL zuvor: »Insgesamt fällt einem das Lernen oder auch das Vorbereiten eines Referats nach der Matura sicher leichter, aber der Lernstoff unterscheidet sich natürlich. Von Gesteinskunde hat man beispielsweise in Geografie vielleicht ein bisschen etwas gehört, verschiedene Zementarten spielen im Unterricht im Gymnasium oder in der HTL aber keine Rolle.«

• Über 18-Jährige können in bestimmten Bereichen mit einer erhöhten Lehrlingsentschädigung rechnen. Das AMS fördert dies mit 755 pro Monat für drei Jahre.

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• Gerade in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern ist der Bedarf an Lehrlingen besonders groß. Viele Betriebe suchen explizit nach Lehrlingen, die bereits eine Matura absolviert haben.

Eine Lehre schließt ein Studium nicht aus

eventuell kürzere Lehrzeit angepasst wurde. Bei vielen Lehrberufen, gerade im technischen oder naturwissenschaftlichen Bereich kann die Lehre aber auch ein erster Schritt in die Praxis sein, der ein anschließendes Studium nicht ausschließt, sondern einen Grundstein dafür legt und gleichzeitig die Chance bietet, noch vor einer oft langen theoretischen Ausbildungszeit direkt in die Berufswelt zu schnuppern. Ein Studium, etwa im Bereich Restauration, schließt auch Magdalena nicht aus. Yasmin Vihaus

In einigen österreichischen Bundesländern gibt es zudem seit kurzem eigene Berufsschulklassen für MaturantInnen, deren Lehrplan speziell an das Lernniveau, aber auch an eine

Informationen zu Lehrberufen nach der Matura stellt beispielsweise die WKO oder das AMS zur Verfügung.

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Workstation Menschen am Arbeitsplatz Patrick Rieser

Natascha Muhic, 36, bildende Künstlerin Wer den Projektraum in der Schönbrunner Straße 6 betritt, wird sofort spüren, mit welcher Leidenschaft dessen BetreiberInnen – eine davon ist Natascha Muhic – an ihre Arbeit herangehen. Auf lauschigen 28 m² kann man nicht nur Musik und Kunst erleben, hier befindet sich auch das Herzstück der »SSTR6«: der Vinylograph – ein von Muhic und Christoph Freidhöfer entwickelter Schallplattenschneideautomat. Damit können Live-Tonaufnahmen und digitale Files in Echtzeit auf Platte geschnitten werden. »Geprägt ist unsere Arbeit nicht nur von einem DIY-Gedanken, sondern auch von einem ›Do it together‹-Spirit. Es ist schön zu sehen, wie viele helfende Hände an einem Projekt letztlich mitwirken und welche Freundschaften daraus entstehen.« Muhic ist nicht nur Tausendsasserin der Wiener Kunst- und Musikszene, sie unterrichtet überdies auch an einem Gymnasium. Das geregelte Einkommen ermögliche ihr ein gewisses Maß an Freiheit und Entfaltung in ihrer künstlerischen Arbeit, ohne ständigen finanziellen Druck. »Klar hätte ich mir schon ein Auto kaufen können mit dem Geld, das bereits in den Vinylographen geflossen ist – aber darum geht’s schließlich nicht«. Das zeigt auch ihr neuestes Projekt: die Viktoria Kirner Entwicklung eines Vinylographen, der im öffentlichen Raum wie ein Automat für alle nutzbar sein soll.

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Dieter Kovačič (Dieb 13), 44, Turntablist Seine Instrumente sind Plattenspieler und Vinyl – selbstgeschnitten. Seit rund 20 Jahren spielt Dieter Kovačič als Turntablist in verschiedensten musikalischen und geografischen Kontexten – mit Hip-Hop oder Techno hat seine Arbeit allerdings nur bedingt zu tun. Dieb 13 ist Turntablist und digitaler Klangtüftler und verfolgt als solcher die experimentelle Traditionslinie des Turntablism, deren Grundlagen aus der Musique concrète stammen und die Christian Marclay Mitte der 70er Jahre technisch und ästhetisch verortet hat. Der Betreiber des großartigen Webportals klingt.org hat sich als Musiker einem Open-Source-Gedanken verschrieben, bedient sich fremder Klänge und gibt eigene zur Verarbeitung frei. Zudem arbeitet er auch längst auf einer Metaebene, indem er aus seinen eigenen Performancemitschnitten wiederum Schallplatten schneidet, um sich so selbst zu recyceln. »Meine Vinylschneidemaschine macht’s möglich, dass ich dabei beliebige Sounds als Ausgangsmaterial verwende. Oft schneide ich zum Beispiel eigene Konzerte auf Platte, spiele damit live, Thomas Nussbaumer schneide die Aufnahme wieder auf Platte usw. Ich würde meinen Zugang ›aktives Filtern‹ nennen.«

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PROSA — MERCEDES KORNBERGER

Wer zuletzt locht … Phobien, Sex und Busfahrten. Mercedes Kornberger nähert sich den großen Fragen des Lebens über die scheinbaren Banalitäten des Großstadtalltags. Eine stimmungsvolle Gefühlsrevue der kleinen und großen Gesten.

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Trypophobia Es gibt Menschen, die haben eine Phobie vor Dingen mit Löchern. Ob es wirklich eine Phobie ist oder nur Ekel, ist noch nicht ganz geklärt, jedenfalls ist es evolutionsbedingt, weil der Mensch sich vor Krankheiten schützen will. Er sieht Bienenwaben und muss so schnell wie möglich weg, weil der Mensch den Unterschied zwischen Hautwucherung, eiterndem Furunkel und Wabengebilde nicht wahrnehmen kann. Vielleicht liegt es aber auch an der Entfremdung von der Natur und am Internet. Wenn man lange genug sieht, wie viele andere Opfer der Lochphobie es gibt, dann möchte man auch unbedingt dazu gehören und kann nicht mehr durch die Mall in Wien Mitte gehen, zumindest muss man immer zu Boden schauen, wegen der löchrigen Decke. Wenn ich mit Menschen am Frühstückstisch sitze, muss ich immer das Radio anschalten, damit ich sie nicht schlucken höre. In der Früh, wenn die Kehlen noch nicht geschmiert sind, ist es besonders schlimm und die Kombination von hüpfendem Kehlkopf und dem Schluckgeräusch stellt mir die Haare auf und löst einen Aggressionsanfall in mir aus. Manchmal gehe ich einfach aus dem Raum, in dem Moment, wenn einer das Glas hebt. Es gibt Situationen, da tut mir das so leid, dass ich stattdessen anfange laut eine Geschichte zu erzählen. Wenn ich aber sehr müde bin, dann versuche ich einfach nur still zu leiden. Besonders schlimm ist es bei Männern, mit denen ich davor unbefriedigenden Sex hatte. Immer kommen während des Moments des ekelerregenden Schluckens die Bilder vom Sex hoch, wo irgendwas nicht funktioniert hat. Während das Gegenüber sein Trinkerlebnis mit einem genüsslichen »Aahhh« beendet, denke ich an Körperteile, die einander verfehlen. Aber auch untertags ist es ein großes Problem für mich, nicht selten habe ich mich in der Straßenbahn weggesetzt, wenn jemand seine Trinkflasche neben mir hervorgeholt hat.

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Vor allem weil ja alle permanent glauben, sie könnten jeden Moment dehydrieren. Während einer Vorlesung sind mehr Trinkflaschen im Raum als Menschen. In Wien gibt es zwei Fenster in die andere Dimension, das eine befindet sich am Volkertmarkt und das andere am Busbahnhof Erdberg. Manche Menschen mögen Fernbusreisen, weil sie es irgendwie romantisch finden, wenn die Landschaft an ihnen vorbeizieht. Es ist dunkel, als ich in Erdberg ankomme, ich finde den Lift nicht, der zum Dimensionsfenster führt, ein Mann hilft mir. Ich habe große Angst vor der Reise, ich habe überhaupt kein gutes Gefühl, ich sage mir, dass ich die meiste Zeit meines Lebens kein gutes Gefühl habe und dass ich mir nur selbst gut zureden müsste. Ich mustere den Mann unauffällig von der Seite, er schaut aus, als hätte er alles im Griff, er schaut gepflegt aus und als hätte er einen Job und niemals emotionale Ausbrüche. »Fährst du zufällig auch nach Leipzig?«, frage ich. »Ja«, sagt er lächelnd. »Willst du auf mich aufpassen? Nur so ein bisschen.« Im Bus setze ich mich neben ihn an den unbequemen Gangplatz, ich werde sowieso nicht schlafen können, mir ist noch immer so schlecht von gestern, ich bin erst seit drei Stunden wach, jetzt bin ich wenigstens nicht mehr alleine. Meine beste Freundin wollte mir das FernbusKrisenpaket mitgeben: eine Flasche Wein und eine Packung Benzos, aber ich habe geglaubt, ich muss da ohne Hilfe durch. Er stellt mir ein paar Fragen, warum ich wegfahre und andere höfliche Dinge. Ich frage immer nur, ob wir im richtigen Bus sitzen, und der Bus fährt los, der Fahrer wünscht eine angenehme Nachtruhe durchs Mikrofon, mir ist speiübel, ich frage nochmal, ob wir im richtigen Bus sitzen, der Mann neben mir lacht nur, er glaubt, das ist mein Humor. Er fährt nach Hause, weil sein Vater Geburtstag hat, er nimmt einen lauten Schluck Wasser aus seiner Trinkflasche und schläft nach 20 Minuten ein.

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Simon Spitzer

Während der Typ neben mir beruhigend schnarcht, denke ich über den gestrigen Sex nach. Ich bin ein schlechter Mensch, weil ich vor ein paar Stunden noch Sex hatte und jetzt zu meinem Freund fahre. Jedes Mal, wenn der Bus wackelt, spüre ich den Schwanz in allen meinen Öffnungen und ich werde ihn bis morgen früh auch nicht aus mir hinaus bekommen. Ich wünschte, der Mann neben mir und ich hätten eine Spießerbeziehung, wir würden zu seinen Eltern fahren, ich hätte kein Alkoholproblem und wir würden abends fernschauen in Deutschland. Die Eltern würden mich mögen, weil ich so ein guter Gegenpart zu ihrem Sohn bin und so eine liebe, sensible, junge Frau. Es gäbe extra vegetarisches Essen für mich. Der Busfahrer hat das Licht im Bus ausgeschaltet, es sind noch sieben Stunden Fahrt. Meine beste Freundin schreibt mir, ob ich eh im Bus sitze, ob ich mich freue und dass sie jetzt gerne mit mir im Bus sitzen und die anderen Leute wahnsinnig machen würde. Mein Akku wird bald leer sein und ich müsste mich über den Fremden beugen, um mein Handy anzustecken. Ich überlege, ob ich einfach den Kopf auf seine Schulter legen soll, dann könnte ich bestimmt schlafen. Vielleicht bin ich verliebt in den Mann von gestern, der Bus rumpelt, mein Arsch tut wieder weh. Plötzlich verstehe ich, warum wir zu mir gefahren sind und wieso der Mann so unverbindlich zu mir war, er hat eine Freundin, ich kenne Männer, und Männer in Beziehungen sind genauso wie der. Ich schreibe eine SMS und frage, ob er eine Frau hat, er antwortet, er hat eine Frau und sogar ein Kind. Ich schließe die Augen und versuche Schäfchen zu zählen, aber statt der Schäfchen sehe ich die Bilder von gestern: 1 wir küssen uns, 2 er wirft mich aufs Bett, 3 er dreht mich um, 4 er schlägt mir auf den Arsch, 5, 6, 7, 8 er schlägt mich, 9, 10, 11 er schlägt mich fester, 12 er fickt mich in den Arsch, 13 es ist ein guter Schmerz, 14 ich ziehe ihn aus dem Bett in die Dusche, 15 wir haben Sex im Stehen, 16 das Einschlafen funktioniert nicht.

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Wir haben Mercedes Kornberger gebeten, ein Ad Personam zu sich zu schreiben: 1989 in Wien geboren, lebt noch immer im 15. Bezirk, war in der Waldorfschule, hat das Studium der Vegleichenden Literaturwissenschaft abgebrochen und geht gern ins Beisl. Sie singt klassisch, schreibt und steppt manchmal. Unter anderem darf sie ab Ende Jänner jeden letzten Montag im Monat den »Blumenmontag« im Wiener Cafe Stadtbahn mitgestalten, wo die Blüten der Literatur, Poesie und Prosa gelesen werden. Am 19. April 2018 liest sie um 19 Uhr in der Bücherei Engerthstraße.

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Mercedes Kornberger

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Filmpremiere L’Animale

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Das Coming-of-Age-Drama »L’Animale« begleitet die 18-jährige Hauptdarstellerin Mati auf ihrer Suche nach Freiheit und Identität. In einer Welt geprägt von festen Normen und Rollenbildern, neuen Freundschaften und alten Cliquen, gestaltet sich das nicht einfach.

Do., 15. März 2018, 19.30 Uhr Gartenbaukino Parkring 12, 1010 Wien Wir verlosen 75 × 2 Tickets für die Premiere von »L’Animale«. Der Film wird in Anwesenheit von Katharina Mückstein (Regie und Buch) und ihres Casts (Sophie Stockinger, Kathrin Resetarits, Dominik Warta, Julia Franz Richter u. a.) gezeigt. Die Gewinnspielteilnahme ist bis 8. März 2018 unter thegap.at/gewinnen möglich. In Kooperation mit

Am 16. Februar erscheint »Bayonetta 2«, das abgefahrene Action-Spiel rund um die kampferprobte Hexe, für Nintendos Switch – ein weiteres Highlight, das sich zu »Super Mario Odyssey«, »Mario Kart 8 Deluxe«, »Zelda: Breath Of The Wild« und »1-2-Switch« gesellt. Wir verlosen ein Nintendo-SwitchPaket bestehend aus allen fünf Spielen.

Maze Runner Mit »Maze Runner – Die Auserwählten in der Todeszone« läuft aktuell der dritte Teil der »Maze Runner«-Trilogie in den Kinos. Wes Ball hat auch das Finale der auf den Büchern von James Dashner basierenden Jungendabenteuer verfilmt. Wir verlosen einen Gutschein für das Escape-Game »Crime Runners« (crimerunners.at) für bis zu vier Personen im Wert von 99 Euro sowie je zwei Schlüsselanhänger und Bücher zum Film.

The Deuce David Simon, der unter anderem für das große Serienmeisterwerk »The Wire« verantwortlich zeichnet, widmet sich in »The Deuce« gemeinsam mit George P. Pelecanos der aufblühenden Porno-Industrie in den 70er Jahren. Vor der Kamera sind hier unter anderem James Franco und Maggie Gyllenhaal zu sehen. Die HBO-Serie erscheint nun auf DVD und Blu-ray. Wir verlosen zwei Blu-rays der kompletten ersten Staffel.

Es Andrés Muschietti brachte 2017 eine Neuverfilmung des Stephen-KingKlassikers »Es« ins Kino, die dessen Coming-of-Age-Elemente betont und mit Klassikern des Jugendfilms wie »Stand By Me« kurzschließt. Im Kern der Geschichte stehen aber nach wie vor Bill und der unheimliche Pennywise, damit auch der Horror nicht zu kurz kommt. Wir verlosen zwei Blu-rays.

Kingsman: The Golden Circle »The Golden Circle« ist der zweite Teil von »Kingsman«, dem auf einem Comic basierenden Agentenabenteuer, das knallbunt und actionreich unterhält. Taron Egerton gibt abermals den jungen Agenten, Colin Firth seinen Mentor. Den tendenziell treibenden Soundtrack veredelt Elton John. Teil drei soll übrigens schon in Planung sein. Wir verlosen drei DVDs.

The Smell Of Us Teilnahmebedingungen: Die Gewinnspielteilnahme kann ausschließlich unter der angegebenen Adresse erfolgen. Die GewinnerInnen werden bis 12. März 2018 per E-Mail verständigt. Eine Ablöse des Gewinns in bar ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. MitarbeiterInnen des Verlags sind nicht teilnahmeberechtigt.

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Larry Clark hat 1995 mit »Kids« einen Nerv getroffen und ziellose Jugendliche in ihrem Alltag mit Skateboards, Drogen und Sex gezeigt. Themen, denen er auch in späteren Werken treu geblieben ist. »The Smell Of Us« begleitet eine Gruppe Pariser Jugendlicher, die ihre Körper verkaufen, um Spaß, Drogen und Alltag zu finanzieren. Wir verlosen drei Blu-rays.

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Rezensionen Musik Teresa Rotschopf

Christoph Pirnbacher

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»Into The Future« hieß einer der bekannteren Songs der Band Bunny Lake, die bis 2012 Herz und Hirn der beiden Hauptakteure Teresa Rotschopf und Christian Fuchs (aktuell: Die Buben im Pelz, Black Palms Orchestra) auf exaltierte und exponierte Weise fusionierte. In dieser Zukunft ist Teresa Rotschopf mittlerweile nicht nur angekommen, sie geht auf ihrem Album »Messiah« sogar noch ein Stückchen weiter. Nämlich hinein in eine mystische Zukunft, in der sie vor allem die Liebe beschwört. Nicht viele schaffen das, ohne dabei ins Schwelgerische zu verfallen. Rotschopf schon. Frei von formelhaften Phrasen feiert sie die Liebe und die Wiedergeburt – drischt sie einem bereits am Coverfoto, das die Sängerin mit Babybauch zeigt, sogar förmlich ins Gesicht. Sie tut das mit teils hauchender, teils ekstatischer Stimme und gibt einem so nie ganz das Gefühl, dass man in ihrer Zukunft auch selbst schon angekommen ist. Aber man ist ihr zumindest auf der Spur, und das muss vorerst reichen. Wer die Spur nicht halten kann und sich in den einzelnen Stücken verloren fühlt, der kann immer noch probieren, sich an den zahlreichen Synthies und Drum-Beats entlangzuhanteln. Wie im Song »Thieves Of The Sun« werden diese immer wieder von Klaviermusik durchbrochen. Im Titelsong des Albums – produziert wurde es von niemand geringerem als Patrick Pulsinger – meldet sich Rotschopf als fragile Stimme aus der Unterwelt zurück, die ihrem Gegenüber ein Bekenntnis abzuringen versucht. Rotschopf kennt sich selbst mittlerweile sehr gut und lässt die HörerInnen auf ihrem äußerst intimen Debütalbum auch ein Stück weit an sich heran. Es sind tiefgründige Gefühlswelten, die sie hier aufmacht, doch als HörerIn prallt man, trotz melancholischer Grundstimmung, nie am nackten Grund auf, sondern wird stets von einem feinmaschigen Netz aus Rotschopfs Stimme und kunstvoll arrangierten Beats weitergetragen. Das Album lädt dazu ein, in sich zu gehen – aber nicht um zur Ruhe zu kommen, sondern um herauszufinden, wie viel wunderschöne Aufregung in jedem von uns steckt. (VÖ: 16. Februar) Sarah Wetzlmayr

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Messiah — Comfortzone

Live: 20. Februar, Wien, Radiokulturhaus

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Rezensionen Musik

Buntspecht

The Crispies

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Es kann uns scheißegal sein, was die Leute in den Bierzelten, an den Stammtischen und auf der Regierungsbank sagen und denken. Die schwafeln da irgendwas von nationaler Identität. Ungeachtet dessen, ob so ein Schmafu überhaupt existieren kann, in Österreich tut er es auf keinen Fall. Alles Kultur, alles Leben, alles, was eben diese Identität ausmachen sollte, ist nicht hausgemacht. Das war schon immer so. Und so wurden hier auch die Musiken, ursprünglich weit gereist, auseinander dividiert, damit sich möglichst viele Leute zusammenfinden. Klezmer, Gypsy, Bossa nova, Folk, Balkan-Pop – alles, was man so abwertend und heilfasten-esoterisch als World Music verunglimpft, kam nach Wien, wurde vereinnahmt und austriatisiert. Die jeweiligen Szenen bleiben den Popkultur-Konsument_innen weitgehend verborgen, vielleicht verirrt man sich am Donauinselfest einmal ins Ö1-Zelt, aber das war’s auch schon mit Berührungspunkten. Bemüht sich jemand um Ausnahmen, wie etwa 5/8erl in Ehr’n, hagelt’s gleich Amadeusse. Einen solchen könnte es alsbald also auch für die erst 2016 gegründete Wiener Gruppe Buntspecht geben, die mit ihrem fabulösen Debüt »Großteils Kleinigkeiten« die Verbindung von vermeintlich zu Hochkultur gewordener Gypsy-Musik mit modernem, aber niemals aufgesetzt wirkendem Pop-Appeal betreiben. Die elf Stücke entwickeln dabei einen fast ungewohnt dichten Sog, animieren zum Tanzen und zu Zwischenrufen – Achtung: Gefahrenpotenzial für Cultural Appropriation von Seiten des Publikums. Vorgetragen in einprägsamer nasaler Stimme in Wiener Hochdeutsch vermag auch die Lyrik zu begeistern. Sie ist überraschend und treibt das Instrumentale vor sich her. Dass sich Buntspecht auch größtmöglichen Unwegsamkeiten gerne stellen, teilen sie dabei unverblümt mit: »Ja, alle wollen Rosen, wollen Blumen frischgepflückt, aber am herrlichsten sind Brennnesseln, nackt an die Brust gedrückt«, heißt es etwa in »Brennnesseln«. Gute Einstellung und eine gute Voraussetzung dafür, die hohen Erwartungen von Fans der ersten Stunde, der Branche und sich selbst zu Dominik Oswald erfüllen. (VÖ: 25. Februar) Live: 15. März, Wien Radiokulturhaus

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Fake Leather — Seayou Man hat es krachen gehört, man hat sie rumpeln gesehen – am Popfest, beim Donaukanaltreiben, in irgendeinem verschwitzten Gürtelbogen. The Crispies haben sich einen Namen im österreichischen Musikbiotop erspielt und ihren Newcomer-Status längst überwunden. Mit dem Debüt »Death Row Kids« haben sie 2016 einen gefeierten Start hingelegt, daran gilt es jetzt anzuschließen. Mit ihrem zweiten Album streift die Band die abgetragenen Lederjacken ihrer Rock-AlterEgos ab und tauscht diese gegen »Fake Leather« – zumindest legt dies der Albumtitel nahe. Die elf neuen Tracks poltern dabei jedoch ähnlich ungestüm wie jene des Erstlingswerks. Neben rotzigem Image und Gitarrenverzerrung mischen sich aber auch andere Facetten in den Sound der Crispies. Denn was kommt nach der großen Rebellion? Vielleicht ein bisschen Depression. Und Teen Angst zum Drüberstreuen. Vielleicht weniger Draufhauen, dafür mehr nachdenkliche Zwischentöne. Trotz omnipräsenter Rockgitarren klingen außerdem wieder Referenzen an andere Genres im knusprigen Crispies-Sound durch: Diffuse Trap-Anleihen lassen an »Auto-Tune« denken (»Candy«, »Fake Leather«). Hie und da gibt es auch ein paar Rap-Lines zum Mitnuscheln für all die Hip-Hop-Kids (»H-Bomb«). Und natürlich ganz viel Punkrock, der sich wie die Anti-alles-Haltung der Teenagertage durchs Album schlängelt. Über allem liegt Frontmann Tino Romanas unique, bohrende Kopfstimme. In »Easy«, der ersten, hitverdächtigen Singleauskoppelung, fragt er sich: „Why are my friends always high? / I don’t know how to keep them from dying.“ Eine fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrte E-Gitarre, die entfernt an entschleunigtes Dubstep-Röhren erinnert, begleitet die Frage nach dem Warum. »Fake Leather« beweist, dass hinter dem Wiener Quartett mehr als bloß archetypische cocky punkrock dudes stecken, dass sie eben auch anders können. Neben Hits wie »Easy« finden sich zwar leider auch Lückenfüller, »Fake Leather« gefällt Michaela Pichler aber anyway. (VÖ: 9. März) Live: 22. März, Graz, PPC — 24. März, Linz, Stadtwerkstatt — 29. März, Klagenfurt, Stereo — 13. April, Wien, Flex

Mona Steinmetzer, Lukas Gansterer, Ingo Pertramer

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Großteils Kleinigkeiten — Phat Penguin

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Rezensionen Musik

Kreisky

Blitz — Wohnzimmer

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Ist man nach zwölf Jahren etabliert? Ist man mit fünf Alben ein /boring old fart/? Hat man noch was zu erzählen? Oder holt man sich besser Hilfe für frischen Input? Pah, nichts da! Kreisky geben Kreisky und produzieren sich selbst. Nehmen sich Zeit und machen ihr neues Album dennoch knackig schnell fertig. Dabei doch eine Zäsur: Gregor Tischberger hat sich als fixer Viersaiter verabschiedet, bleibt aber als Freund und Ratgeber erhalten. Der im Einspringen schon versierte Lelo Brossmann wird befördert. Change? Nope. Kein Bruch. Alles rund, als wäre der First Vienna Football Club noch immer bestens besetzt und würde erstklassig um den Titel rittern. Ein poppiges Album hatte das Indierock-Quartett angepeilt, heißt es. Dem Fan jagt das womöglich Angst ein, weil man sogleich den Verlust von Ecken, Kanten oder des geliebten Abgeschrägten vermutet, aber Entwarnung: Da sind ein paar zugänglichere Formatierungen an Bord, kurz gehaltene Lieder, exakt nach Maß bis zum Siedepunkt hochgekocht. Eine Prise Wave der frühen 80er ist zu spüren, starke Momente und dichte Atmosphäre. Das Hungrig-Dringliche der erzählenden Trägerfigur des zornigen Mannes bleibt unbeschadet, die amüsant trickreich gesetzten Wendungen sind scharf. So bekommen das nur wenige hin, die in diesen Gewässern fischen. »Blitz« ist nach vier Jahren ein Heimkommen ins Erhoffte, ein Wohlfühlen im Unbequemen, ein Album voller Perlen wie »Mon Général« oder »Veteranen der vertanen Chance« – was für eine Großartigkeit von Gedicht für die Wortlosen! »Autokauf ist Männersache« gerät zur Hymne für gescheiterte Zweisamkeit, die einsame Seele an der Bar mit der letzten Bastion an Ausrede. Der Weg nach Mordor ist offen, jemand muss ihn gehen. Glorienschein für die Unheiligen. Danke, Buben! (VÖ: 16. März) Michael Bela Kurz Live: 12. April, Graz, PPC — 13. April, Innsbruck, PMK — 14. April, Linz, Stadtwerkstatt — 19. April, Wien, Wuk

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Rezensionen Musik

B. Fleischmann

Harakiri For The Sky

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Live: 28. Februar, Graz, Orpheum — 8. März, Wien, Grelle Forelle — 9. März, Ottensheim, Koma

Live: 10. Februar, Wien, Szene

Wenn Morr Music einen archetypischen Sound hat, dann ist es wohl der von Bernhard Fleischmann. Seit 1999 macht er die Musiklandschaft und seit 2003 das Label Morr mit seinen von menschenfreundlicher Elektronik durchzogenen Indie-Hits ein bisschen besser – Easy Listening der guten Sorte. Fleischmanns Umtriebigkeit verdanken wir außerdem unzählige Kooperationen, vor allem in der Wiener Szene – etwa das Duo 505 mit Herbert Weixelbaum und die Produzentenarbeit für Lionoir. Mit »Stop Making Fans« erscheint nun das erste B.-Fleischmann-Album seit »I’m Not Ready For The Grave Yet« aus dem Jahr 2012. Sein Titel eine Verneigung vor den Talking Heads, sein Inhalt ein waschechter Fleischmann. Der Wiener erfindet sich auf dem neuen Longplayer sicher nicht neu, doch drehen er und seine drei MitmusikerInnen kontinuierlich an kleinen Schrauben, stellen neue Bezüge her und spannen Bögen. »Stay Hungry« heißt es bei den Talking Heads – Bernhard Fleischmann, Gloria Amesbauer (Gesang und Bass), Markus Schneider (Gitarre) und Valentin Duit (Schlagzeug) scheinen es sich als Devise genommen zu haben; die Produktion aus dem Hause Christoph Amann tut ein Übriges. Mit dem Video zu »There Is A Head« schuf Frank Kalero eine Hommage an »Space Invaders« und »Tron«, ganz 8-Bit – und Bernhard Fleischmann singt dazu eine vermutlich zentrale Textzeile des Albums: »Between the chairs, there’s place for stairs«; Indietronic zwischen den beiden Stühlen E-Musik und Club. Man kann sich hier wohlfühlen, umsehen und weitergehen oder gut und gerne bleiben. Die Schlussnummer »Endless Stunner« schürt frühe Frühlingsgefühle – der Soundtrack zu Donaukanal, Sonnenuntergang und Spritzwein. Wäre »Stop Making Fans« ein Comeback, man könnte es definitiv als gelungen bezeichnen. Die Produktion hat den Beteiligten auch hörbar Spaß gemacht. Aus unseren Ohren war der umtriebige Herr Fleischmann aber eh nie weg. Jedenfalls: immer schön von ihm zu hören. (VÖ: 2. Februar) Thomas Nussbaumer

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Arson — AOP

Die Kategorie »Hard & Heavy« wird bei den Amadeus Austrian Music Awards seit jeher ein wenig belächelt. Das Genre passt ungefähr so gut in das Setting der Preisverleihung wie Schlager oder Volksmusik. Dementsprechend schräg wirken oft die Nominierungen. Dass es im Jahr 2017 Harakiri For The Sky auf die Shortlist geschafft haben, war selbst für Genrekenner eine kleine Überraschung. Überraschend deshalb, weil sich das Projekt um M. S. (Musik) und J. J. (Texte, Gesang) mit seinen bis dahin drei Alben zwar durch beständiges Touren eine ansehnliche internationale Fanbase aufgebaut hatte, sich in Österreich aber doch noch eher in der Underground-Metal-Szene rund um das Escape oder den Viper Room bewegte. Spätestens mit »Arson«, ihrem vierten Album, haben Harakiri For The Sky nun aber endgültig den Geheimtippstatus abgelegt. Das liegt einerseits an den neuen Songs, die mit (atmosphärischem) Black Metal nur mehr am Rande etwas zu tun haben. Die Öffnung hin zu Postrock, aber auch zu Metalcore (z. B. »Fire, Walk With Me« oder »The Graves We’ve Dug«) haben dazu geführt, dass nicht mehr nur klassisches (Black-)Metal-Publikum Interesse zeigt. Andererseits wissen sowohl das deutsche Label als auch die Band ganz genau, was heutzutage getan werden muss, um Aufmerksamkeit zu generieren. Perfekt bespielte Social-Media-Kanäle gehören hier genauso dazu wie CD / Vinyl / Tape-Sondereditionen (die Metal-Community gibt für Musik noch Geld aus) und Dutzende Konzerte in ganz Europa. Mit Kerim »Krimh« Lechner (Septicflesh, Behemoth) wurde für »Arson« außerdem erstmals ein Schlagzeuger engagiert – bisher spielte M. S. im Studio alle Instrumente selbst ein. Dem Album hat das gut getan. Einziger Kritikpunkt bei Songs, die – für Post-Metal typisch – zwischen acht und neun Minuten dauern: Man würde sich manchmal etwas mehr stimmliche Variation wünschen, auch wenn der Gesang äußerst druckvoll und eigentlich stimmig ist. Nichtsdestotrotz: Harakiri For The Sky haben das Zeug dazu, der nächste große österreichische Metal-Export zu werden. Absolut zu Recht. (VÖ: 16. Februar) Werner Schröttner

Walter Mussil, Krist Mort

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Stop Making Fans — Morr

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Termine Kunst

Sarah Wetzlmayr

Marc Domage, courtesy Galerie Eva Meyer, Paris; Man Ray Trust / Bildrecht, Wien, 2017/18

Ydessa Hendeles 059

Rund um die vierteilige Installation »Death To Pigs« spannt sich in der Kunsthalle im Museumsquartier die erste institutionelle Retrospektive der kanadischen Künstlerin Ydessa Hendeles in Europa. In ihrer Kunst versucht sie nicht nur Bezüge zwischen unterschiedlichen Medien wie Fotografie und historischen Artefakten herzustellen, sondern verbindet auch tatsächlich Erlebtes mit Erzähltem und Interpretiertem. Im Zentrum steht die menschliche Natur, die Hendeles mit provokativem und psychologisch aufgeladenem Blick zu durchleuchten versucht. 28. Februar bis 27. Mai Wien, Kunsthalle

Günter Brus In seinen Arbeiten konzentrierte sich Günter Brus vor allem auf den menschlichen Körper. Während dieser in früheren Phasen noch als Trägermaterial seiner Malerei diente, wurde er später zur Projektionsfläche für jene gesellschaftlichen Zustände, die Brus nicht mehr ertrug. Im Obergeschoß des Belvedere 21 werden all diese Phasen neu aufgerollt, und das Werk des Künstlers wird in seiner Gesamtheit sichtbar. 2. Februar bis 12. August Wien, Belvedere 21

Oliver Ressler Der Künstler, Aktivist und Filmemacher bearbeitet Themen wie Ökonomie, Demokratie, Klimawandel, Widerstandsformen und gesellschaftliche Alternativen. Seine künstlerischen Auseinandersetzungen stützen sich auf ausführliche Rechercheprozesse und werden meist aufwendig realisiert. In der Garage des Kunsthauses werden vier Filme gezeigt, die Schlüsselmomente der Klimabewegung dokumentieren. 25. Jänner bis 2. April Wien, Kunsthaus

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Man Ray Wer die kreative Abwechslung liebt, wird es sich nicht lang in einem Genre gemütlich machen. Das gilt auch für Man Ray, obwohl der 1976 verstorbene Künstler in erster Linie als Fotograf rezipiert wurde und vor allem mit seinen Porträts zu weitreichender Berühmtheit kam. Dabei balancierte Man Ray gerne entlang der Genreränder und ließ sich immer wieder in ein anderes künstlerisches Medium hineinfallen. Malerei, Design, Film, Typografie und das Verfassen von Schriften gehörten zu den Kunstformen, denen sich der Künstler neben der Fotografie widmete. Genauso wie in seiner Kunst schätzte Man Ray auch in räumlicher Hinsicht Abwechslung und schlug abwechselnd in New York und Paris seine Zelte auf. Die Einzelausstellung im Kunstforum gibt dem umfangreichen Werk Man Rays zumindest für kurze Zeit ein Zuhause und präsentiert 150 Schlüsselwerke aus der ganzen Welt. 14. Februar bis 24. Juni Wien, Kunstforum

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Termine Musik

Große Musik im schönen Kino

Score – Eine Geschichte der Filmmusik

20.2.

Mit: Trent Reznor, James Cameron, Quincy Jones „Ein Fest für die Augen und die Ohren.“ Los Angeles Times

20.2. [anschl. Gespräch mit Filmkomponisten] Zusatztermine ab 23.2.

On the Road

23.3.

Nick Cave & The Bad Seeds Live In Copenhagen

Hochgelobt und hochverlegt. Trotz großer Diskussion über die Verlegung des Konzerts von der Simm City in den Gasometer darf man weiterhin davon ausgehen, Sängerin Karin Dreijer Andersson in Höchstform in Wien anzutreffen. Schließlich sind seit dem selbstbetitelten Debüt ganze acht Jahre vergangen. Passend zum Titel ihres neuen Albums »Plunge« lädt Andersson dazu ein, in ihre unverwechselbaren Klangwelten einzutauchen. Idealerweise lässt man sich aber einfach fallen. 19. Februar Wien, Gasometer

12.4.

„Eine außergewöhnliche Antwort auf das Unvorstellbare.“ The Telegraph

12.4. One Night Only

Tickets & Infos: www.filmcasino.at/poolinale Filmcasino | Margaretenstraße 78 | 1050 Wien

13 Jahre Siluh Records Zwar kein runder Geburtstag, aber eine runde Sache. Das Wiener Independent Label Siluh Records feiert – unter dem Titel »Jetzt schlägt’s 13« – seinen 13. Geburtstag. Und holt damit musikalisch zum Vierfachschlag aus. Schließlich bespielen gleich vier Bands aus der Siluh-Riege (Aivery, Dives, Mile Me Deaf und Euroteuro) zu diesem Anlass das Flex. Auch für alle, die das Label nicht kennen, sind das vier gute und wichtige Gründe wieder mal ins Flex zu gehen. 23. März Wien, Flex

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Rabid Records, Beate Ponsold, Phil Sharp, Peter Verzilov, David Edwards, Christoph Liebentritt, Erli Grünzweil

23.3. One Night Only

Fever Ray

Sarah Wetzlmayr

Von Michael Winterbo†om Mit: Wolf Alice „Romantisch, erotisch und voll musikalischer Euphorie.“ The Guardian

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Termine Musik Ezra Furman Ezra Furman war irgendwie nie weg und doch ist er viel zu selten da. Das ändert sich bald, denn der Songwriter spielt wieder in Wien. »Love you so bad«, singt er auf seinem neuen Album und die Liebe wird auch diesmal nicht unerhört bleiben. Unerwidert auch nicht, denn Furmans coolem Gitarrensound kann und möchte man sich nicht so leicht entziehen. 17. Februar Wien, Arena

Pussy Riot Viel mehr als PerformerInnen denn als MusikerInnen präsentieren sich Pussy Riot in ihrer Show »Riot Days«. Der Frage nach der Freiheit auf der Spur bewegt sich die Performance von den Anfängen Pussy Riots bis hin zu Trump. Stets präsent: Vladimir Putin. Auch wenn der Inhalt sehr dicht ist, lässt einen die Energie der Gruppe sicher nicht unberührt. 9. März Wien, Arena

Franz Ferdinand Trotz längerer Pause lässt sich die Band rund um Lead-Sänger Alex Kapranos nicht so einfach abschreiben. Auf ihrem neuen Album postulieren sie mit dem Titel »Always Ascending« sogar das Gegenteil. Ob die neuen Songs genauso einfahren wie die »Darts Of Pleasure« damals, lässt sich während des Tourstopps der Band in Wien gut überprüfen. 13. März Wien, Gasometer

Sinnesrauschen »Farewell Dear Winter«, verkündet das Sinnesrauschen Festival auch in diesem Jahr. Schließlich lässt sich der Frühling kaum wo besser begrüßen als im glasüberdachten Haus-der-Musik-Innenhof. Frühlingsgefühle löst auch das Line-up aus. Feinster Sound kommt von Farewell Dear Ghost, Catastrophe And Cure, Cari Cari und Three For Silver. 24. März Wien, Haus der Musik

Ant Antic Das Duo aus Wien und Berlin ist Beweis dafür, dass Schwermut wunderschöne Blüten treiben kann. Zwar ergibt sich daraus kein bunter Frühlingsstrauß, aber das würde man sich von Marco Kleebauer und Tobias Koett ohnehin nicht erwarten. Auf ihrem Debüt »Wealth« klingt Traurigkeit jedenfalls wunderschön. 15. März Innsbruck, Treibhaus — 7. April Dornbirn, Dynamo Festival

Nada Surf

Alice Merton

Ghostpoet

Die einen kennen sie aus »O.C. California«, die anderen vom Indie-Karaoke-Event. Dass sich Nada Surf mittlerweile als Urgesteine der IndieSzene bezeichnen dürfen, beweist auch der 15. Geburtstag ihres Albums »Let Go«. Diesen feiern sie mit einer Tour. 19. März Linz, Posthof — 7. April Wien, WUK

Mit »No Roots« gelang Alice Merton der Durchbruch. Für ihre erste große Europa-Tournee gibt die Sängerin ihre Wurzeln tatsächlich zumindest temporär auf und macht dabei auch in Wien Halt. Man darf sich dabei auf neue Songs wie auch auf ältere Stücke ihrer EP freuen. 27. Februar Wien, WUK

Wer streng in Genres denkt, wird bei Ghostpoet schnell an seine Grenzen stoßen. So leicht einzuordnen ist der britische Musiker, der eigentlich Obaro Ejimiwe heißt, nämlich nicht. Worauf man sich allerdings verlassen kann, ist seine unglaubliche Dynamik und Power – vor allem im Livekontext. 21. Februar Wien, Flex

DJ KOZE JOHN MAUS BEN FROST W/ MFO NOSAJ THING DJ DEEON NURSE WITH WOUND PETER BRODERICK OBJEKT JACKMASTER STEFFI KAMAAL WILLIAMS B.FLEISCHMANN ROMAN FLÜGEL FENNESZ + LILLEVAN UMFANG CAKES DA KILLA NÍDIA MICK HARRIS/FRET MARIO BATKOVIC MIKE SERVITO DJ TAYE CATERINA BARBIERI ERRORSMITH GREG FOX WILLOW IGLOOGHOST WILL GUTHRIE SOFIE MARCO PASSARANI RASHAD BECKER SPENCER SCHALLFELD ENSEMBLE W/ ONOXO SCHTUM AND MANY MORE

28 FEB — 04 MAR 2018 GRAZ / AUSTRIA

#ELEVATEFESTIVAL ELEVATE.AT

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Termine Festivals

highlights Do. 15.02. // 20:00 Songwriter / Pop

Faber ..................................................

Do. 22.02. // 20:00 HipHop

Bild: Barracuda Music

Delinquent Habits

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Do. 01.03. // 20:00 Kabarett

Robert Blöchl ..................................................

Sa. 03.03 // 20:00 Musikkabarett

Familie Lässig ..................................................

Mi. 07. – Do. 08.03. // 20:00 Kabarett

Thomas Maurer ..................................................

Di. 13.03. // 20:00 Blues / Soul

An evening with Jools Holland & friends ..................................................

Mi. 14.03. // 20:00 Theater

Julia & Katharina Stemberger, Christa & Kurt Schwertsik ..................................................

Do. 15.03. // 20:00 Groove / Jazz / Rock

Bartolomey Bittmann ..................................................

Sa. 17.03. // 20:00 TanzTage

Bild: Óscar Romero

Compañía Patricia Guerrero

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Mo. 19.03. // 20:00 Austropop

Austria 4+ ..................................................

Mo. 19.03. // 20:00 Americana

Calexico ..................................................

Di. 20.03. // 20:00 Wissenschaft

Science Slam Linz ..................................................

POSTHOF – Zeitkultur am Hafen, Posthofstraße 43, A – 4020 Linz Info + Tickets: 0732 / 78 18 00 kassa@posthof.at | www.posthof.at Weiterer VVK: LIVA Servicecenter im Brucknerhaus, Veritas Kartenbüro, oeticket und alle oberösterreichischen Raiffeisenbanken.

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Elevate Festival Dass das Elevate Festival mehr sein möchte als nur ein Festival mit großartigem Line-up, ist mittlerweile wohl bekannt. Dennoch sollte seine Alleinstellung, die es durch die Verbindung von kritisch-politischem Diskurs und avancierten musikalischen Zugängen bezogen hat, auch 2018 wieder betont werden. Tonangebendes ist sowohl von den MusikerInnen als auch von den Vortragenden zu erwarten. Passend zum diesjährigen Festivalthema »Risiko / Courage« präsentiert das Elevate ein couragiertes Programm, dem man sich ohne Risiken, aber hoffentlich mit einigen positiven Nebenwirkungen, aussetzen kann. Unter anderem mit: John Maus, DJ Koze, Peter Broderick, Julian Assange, Tara Houska. Der Donnerstagabend im Mausoleum wird von The Gap präsentiert. 28. Februar bis 4. März Graz, diverse Locations

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Termine Festivals

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… Sprechrollen fügen sich in »Murer – Anatomie eines Prozesses«, dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Diagonale in Graz zu einem brisanten Gerichtsfilm zusammen. Das Festival widmet sich, wie gewohnt, zur Gänze dem österreichischen Film. So versteht sich die Diagonale auch als Diskussionsforum, das dazu einlädt, die Projekte heimischer Filmschaffender zu besprechen. 13. bis 18. März Graz, diverse Locations

Business Riot und Rrriot Festival 063

Die Organisatorinnen des Business Riot Festivals bleiben auch in diesem Jahr ihren Ansprüchen treu und dementsprechend in ihren Forderungen knallhart. So hart, dass sich die Einkommensschere daran abstumpft. Hoffentlich. In einer Vielzahl an Workshops, Gesprächen, Diskussionsrunden und einigen neuen interaktiven Formaten kann um Rat gebeten und nach Lösungen gesucht werden. Außerdem wird das Festival diesmal noch um das Rrriot Festival ergänzt, das gemeinsam mit 50 PartnerInnen aus Kultur, Medien und Wissenschaft Gerechtigkeitsfragen beleuchtet. 1. bis 10. März Wien, diverse Locations

Sarah Wetzlmayr

Elevate Festival, Busienss Riot / Pamela Rußmann, Johanna Nordahl

Electric Spring Bereits zum vierten Mal gibt es auch heuer, inmitten der Wiener Museenlandschaft, Platz für sehr viel Neues. Kuratorin Therese Terror verspricht für die diesjährige Ausgabe einen Querschnitt durch die Vielfalt österreichischer Elektronik-Acts, die Anspruch mit Tanzbarkeit zu verbinden versuchen. Sowohl in- als auch outdoor kann man sich hier mit neuen und bereits etwas etablierteren Artists auf die wärmere Jahreszeit einstimmen. Der Eintritt ist frei. 12. bis 13. April Wien, Museumsquartier

Tricky Women Festival Auch wenn der Animationsfilm an sich grenzenlos ist, so ist die Aufmerksamkeit, die dem Animationsfilmschaffen der Frauen zuteil wird, immer noch stark begrenzt. Das Tricky Women Festival möchte dies ändern und rückt deshalb weibliche Animationsfilmerinnen ins Zentrum. Der Kartenvorverkauf startet am 20. Februar. 7. bis 11. März Wien, diverse Locations

Vinyl & Music Festival

Imagetanz Seit 1989 beweist Imagetanz, dass ein Bruch mit Traditionen auch immer die Verkörperung von etwas gänzlich Neuem bedeutet. In diesem Jahr blicken sich die ProtagonistInnen selbst über die Schulter und arbeiten ihre tänzerische Vergangenheit auf. So entstehen, mithilfe der Darstellungsformen Tanz und Performance, vielfältige Bezüge, die sich erst in der Rezeption durch das Publikum zur Gänze entfalten. 3. bis 25. März Wien, Brut

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Das Vinyl & Music Festival möchte »zusammenbringen was zusammengehört« und präsentiert sich deshalb sowohl als Verkaufsausstellung für Musikinstrumente als auch als Plattenbörse, IndieLabel-Markt sowie Ort für Konzerte. Wer Augen und Ohren offen hält, der findet hier bestimmt etwas. 3. bis 4. März Wien, Ottakringer Brauerei

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Termine Kino Arthur & Claire Regie: Miguel Alexandre Josef Hader ist aus dem österreichischen Kino kaum mehr wegzudenken. Nach seinem Regiedebüt »Wilde Maus« spielt er nun den suizidgefährdeten Arthur, der auf die ebenso suizidgefährdete Claire trifft – eine Begegnung, die beider Leben ändern wird. Für Fans von »A Long Way Down«. Start: 16. Februar

The Shape Of Water – Das Flüstern des Wassers

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L’Animale Regie: Katharina Mückstein ———— »Und einen ordentlichen BH musst dir natürlich anziehen. Wirst sehen, jetzt ist es dir bald nimma wurscht, was die Burschen von dir denken«, sagt Gabi (Kathrin Resetarits) zu ihrer Tochter Mati (Sophie Stockinger) zu Beginn von »L’Animale«. Mati rollt nur mit den Augen und widerspricht ihrer Mutter mit einem Wort: »Oida«. Mati ist eher die junge Frau, die im englischen Sprachraum als Tomboy bezeichnet wird. Sie hängt am liebsten mit ihrer Burschenclique ab, gemeinsam fahren sie mit ihren Mopeds, gemeinsam machen sie den Ort unsicher. Denn cool ist hier, wer laut, wer aggressiv ist, wer in der Dorfdisko das Sagen hat. Als Carla (Julia Richter) in Matis Leben tritt, gerät dieses ins Wanken; aber auch ihre Eltern haben mit Problemen zu kämpfen. Ein Film über Mut und Angst. Start: 16. März

Regie: Guillermo del Toro In diesem fantastischen Film verliebt sich Elisa (Sally Hawkins), die in ihrer Kindheit ihre Stimmbänder verloren hat und stumm ist, in einen Amphibien-Mann, der für ein Experiment in einem Wassertank festgehalten wird. »The Shape Of Water« changiert zwischen den Genres und konnte die Kritik bereits überzeugen. Start: 16. Februar

Die Verlegerin Regie: Steven Spielberg Einen Blick zurück wirft Spielbergs neuer Film, der die Geschehnisse rund um die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere thematisiert und mit Meryl Streep in der Rolle als erste weibliche Zeitungsverlegerin Kay Graham aufwarten kann. Weitere Stars wie Tom Hanks und Allison Brie sind ebenso zu sehen. Start: 22. Februar

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The Green Lie

Die letzte Party deines Lebens Regie: Dominik Hartl ———— Dass die Matura per se für viele Horror ist / war / sein wird, ist allseits bekannt. Dominik Hartl, der schon mit seinem Film »Angriff der Lederhosenzombies« bewiesen hat, dass österreichisches Kino auch Horror kann, macht in »Die letzte Party deines Lebens« die Maturareise zum Ort des Grauens. Julia, gespielt von Elisabeth Wabitsch, die für ihre Rolle in Monja Arts Coming-of-Age-Drama »Siebzehn« letztes Jahr bejubelt wurde, will mit ihren KlassenkollegInnen das Ende ihres Schullebens auf einer Insel in Kroatien feiern, dabei zeigt sich schnell: Schlechte Musik oder zu schwache Drinks sind bei Weitem nicht ihr größtes Problem. Hartl, der in Wien Regie und Drehbuch studierte und unter anderem auch als Musiker tätig ist, hat eigentlich Angst vor Horrorfilmen, daher rührt wohl auch seine Faszination für das Genre. Start: 22. März

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Regie: Giorgos Lanthimos Nach Filmen wie »Plastic Planet« und »Population Boom« widmet sich Boote in »The Green Lie« den Ökolügen der großen Konzerne und geht gemeinsam mit der Umweltspezialistin Kathrin Hartmann der Frage nach, wie wir uns gegen diese wehren können. Eine Doku, die bestimmt für Gesprächsstoff sorgen wird. Start: 9. März

The Florida Project Regie: Sean Baker Das Drama begleitet die sechsjährige Moonee (Brooklynn Prince), die zusammen mit ihrer jungen Mutter Halley (Bria Vinaite) in der Nähe von Disney World am Rande des Existenzminimums lebt. Beide versuchen dennoch das Beste aus ihrer Situation zu machen. Premiere in Cannes und mehrere Auszeichnungen bisher. Start: 16. März

Barbara Fohringer

Regie: John Francis Daley und Jonathan Goldstein Ein Spieleabend scheint auf den ersten Blick kein allzu spannendes Thema für einen Film zu sein. In »Game Night« gerät jedoch genau so ein Spieleabend, bei dem eine Gruppe Pärchen einen Entführungsfall aufklären soll, aus den Fugen. Sicher spannender als sämtliche »Monopoly«-Runden. U. a. mit Rachel McAdams. Start: 2. März

La Banda Film, Thimfilm / Gebhardt Productions GmbH / Petro Domenigg

Game Night

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Illbilly

frönt der hohen Kunst der tiefen Pointe. Umgekehrt wird aber auch kein Schuh draus

Ich bin ein großer Freund von Eselsbrücken. Wohl auch, weil ich als eher zur Grundentspannung tendierender Mensch Abkürzungen liebe. Ist der Aufwand gering, sich Sinnlosigkeiten für lange Zeit, wenn nicht sogar für immer, zu merken, bin ich mit Begeisterung dabei. »333, bei Issos Keilerei« vergisst man nicht. Nachbohren und Details in Erfahrung bringen zu wollen, die direkt auf die schöne, historische Merkhilfe abzielen, sollte man jetzt aber auch nicht unbedingt. 333 vor oder nach Christi Geburt? Wo liegt Issos? Wer keilte mit wem und warum? Fragen über Fragen tun sich auf, die dann doch der Konsultierung einschlägiger Recherchequellen bedürfen, um mittelfristig keinen Schas zu verzapfen. Und, wenn ich an dieser Stelle nun mit Ehrlichkeit punkten darf: Eben musst ich auch nachschauen, wie denn Issos überhaupt geschrieben wird. Gefühlsmäßig hätte ich nämlich Isos zu Papier gebracht. Einfach, weil ich mir denke, dass bei der Keilerei im Jahre 333 neben zahlreichen Leben, auch eine Menge Blut und Schweiß verloren gingen, die es durch Verabreichung an Gallonen isotonischer Getränke aufzuwiegen galt. Tja, falsch gedacht. Ob nun Issos oder Isos bleibt also für den Laien ein orthographisches Glücksspiel. Auch weil es viel zu wenige Eselsbrücken gibt, die sich dezidiert mit Rechtschreibung beschäftigen. Bis heute weiß ich etwa nicht: Schreibt man skurill oder skurril, parallel oder paralell, weil es in der Mnemotechnikliteratur dazu null gibt. Das ist der Moment, in dem ich mir heimlich wünsche, etwas Anständigeres gelernt zu haben, oder wenigstens eine Spur mehr Ehrgeiz gehabt zu haben, damit ich mir über Derartiges keine Gedanken machen muss. Allerdings: Dann hätte ich wohl auch nicht diese sinnlose Liebe zu Eselsbrücken entwickelt, über die ich stundenlang sinnieren könnte. Wie diese etwa: »War das Mädchen brav, ist der Bauch konkav. Nicht aufgepasst beim Sex, Bauch konvex.« Im Prinzip ein ehrlicher Merkreim, der seinen Zweck erfüllt. Anfang des 21. Jahrhunderts sollte man sich den Unterschied zwischen

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konvex und konkav aber dann doch, dem aufgeklärten Zeitgeist entsprechend, merken. Weil, erstens: Enthaltsamkeit ist ein lustfeindlicher Scheißdreck und keine Lösung für gar nichts, zweitens darf man nach wie vor nicht ungeschützt herumpudern und drittens, falls doch, ist es sehr ungalant, der Frau das Misslingen für den Coitus Interruptus in die Schuhe zu schieben, wie es die hier angeführte Merkhilfe impliziert. Wie soll das außerdem argumentativ gehen? »Ich wollte ihn eh die ganze Zeit aus ihrer extrem tighten und superweten Lusthöhle ziehen, aber sie hat mit ihrer durchtrainierten Vaginalmuskulatur meinen Zagel derart fest gefangen gehalten, dass sie mich förmlich in sich abmolk. Ich konnte ihn nicht mehr rechtzeitig rausbekommen und ergoss mich in unendlichen Strömen der Geilheit direkt vor ihrem Gebärmutterhals. Jetzt ist der Bauch konvex und ich wollte das gar nicht.« Nein, so geht das nicht. Da muss tunlichst was anderes her, um sich den Unterschied fluffig und leicht für immer einzubrennen. Etwa in dieser Art: »Trinkt der Vati Bier auf Ex, ist sein Bauchi bald konvex.« Das ist irgendwie auch realistischer. Obwohl ich kein Statistiker bin, traue ich mich zu wetten, dass es zu jedem Zeitpunkt in Österreich mehr Bierbäuche gibt als von Schwangerschaften im fortgeschrittenen Stadium gewölbte Abdomen. Okidoki. Nun weiter im Text. Es existieren nämlich auch unsinnige Eselsbrücken. Etwa jener zur »Entdeckung« Amerikas durch Inspektor Kolumbus. Der bekannte Spruch lautet: »1-49-2 – Amerika schlüpft aus dem Ei«. Blöd: Das reimt sich auch auf die Zahl drei. Noch blöder: Die Metapher, in der ein ganzer Kontinent, der irgendwie eh immer da war, aus einem Ei schlüpft. Welcher Vogel hat dieses Riesenei gelegt? Extrem blöd: Für die Zahlenfolge 1-4-9-2 fällt mir bis heute nichts ein, wie sich diese unkompliziert ableiten ließe. Am ehesten noch so: »Zuerst die Eins, dann von den nächsten zwei Zahlen keins, bei vier die ausgelassenen Zahlen addier, dann hast du neun, jetzt noch zwei, weil ein Reim mit Ei ist auch dabei.« Aber was soll’s, es kann und darf auch un-

ter Eselsbrücken Blindgänger geben, und so schwer ist es jetzt auch nicht die Zahl 1492 zu verinnerlichen. Anders als 333 zu Issos kann man die auch brauchen, wenn die Sprache auf die Brauereien Murau und Stiegl kommt, die beide in diesem Jahr gegründet worden sind. Und erfahrungstechnisch kann ich sagen, dass ich in den letzten fünf Jahren öfters von Stiegloder Murauer-Bier gesprochen habe als über die Schlacht von Issos. Stiegl hat zudem Kolumbus sogar ein eigenes Bier gewidmet, um auf die Jahresparallele aufmerksam zu machen. Ein frisches Pale Ale, das ich gerne mit nach Hause nehme, weshalb sich auch schon einmal ein kleines Dramolett abgespielt hat, das nur entstehen kann, wenn sinnlose Restenergien und viel Liebe zur Streitlust durch den Raum wabern. A: Entsorg die Bierflaschen, die stinken! B: Ja, aber nur die »Columbusse«, weil für die anderen gibt es Pfand und die Geschäfte haben schon zu. Sonst morgen. Dafür aber alles. A: Ich glaube nicht, dass Columbus einen Plural hat. B: Doch – heißt ja auch Bus-Busse. A: So argumentiert nur ein Idiot. B: Na, dann nimm das da: »Es liegen die Eier des Kolumbus’ zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu treffen.« Ist von Hitler aus »Mein Kampf«. A: Trag die Flaschen weg. B: Schon merkwürdig. Wenn heutzutage ein österreichisches Bier direkt mit Hitler in Verbindung gesetzt wird, kriegt man wahrscheinlich mehr Probleme, als wenn man aus dem Stegreif »Mein Kampf« zitiert. A: Geh weg … facebook.com / illbilly

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