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N° 162 — Mavi Phoenix

AUSGABE april / mai 2017 — THE GAP IST KOSTENLOS UND ERSCHEINT ZWEIMONATLICH. VERLAGSPOSTAMT 1040 WIEN, P.B.B. | GZ 05Z036212 M


Art & Installation Sidsel Meineche Hansen Vika Kirchenbauer

Sound Actress Elysia Crampton Deafheaven Equiknoxx Ben Frost GAS live Girlband Gonjasufi Moor Mother Pharmakon The Body This Is Not This Heat Tommy Genesis Ulver

Volkmar Klien Keiichi Matsuda Gerald Moser Apichatpong Weerasethakul

Performance A Two Dogs Company / Kris Verdonck Ariel Efraim Ashbel and friends Stephan Geene feat. Claudia Basrawi, Justus Kรถhncke & Ricky Shayne Karl Karner / Linda Samaraweerovรก Ligia Lewis Doris Uhlich

Ticket und Infos: +43 (0) 2732/90 80 33 oder www.donaufestival.at

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Editorial Quarterlife Crisis

Web www.thegap.at Facebook www.facebook.com / thegapmagazin Twitter @the_gap Instagram thegapmag Issuu the_gap

Danke für die Blumen. Danke für die Gratulationen. Und was kommt jetzt?

Herausgeber Thomas Weber

In der letzten Ausgabe haben wir Geburtstag gefeiert, zurückgeblickt und uns der Nostalgie hingegeben. 20 Jahre hat The Gap nun in der rauen Medienwelt überlebt. Nach Amira Ben Saoud, die ziemlich genau ein Jahr lang viel Herzblut in dieses Heft gesteckt hat und Stefan Niederwieser, der das Blatt fünf Jahre lang geprägt hat, sowie nach zahlreichen Gratulationen und Schulterklopfern bin ich, als neue Chefredakteurin, gefühlt noch nicht ganz in meinem Job, ziemlich schnell aber am Boden der Tatsachen angekommen.

Leitende Redakteure Manuel Fronhofer, Manfred Gram, Martin Mühl

Es geht um Advertorials und Anzeigen, um Page Likes und Unique Clients und letztendlich auch darum, nicht zu alt zu werden oder es sich zumindest nicht anmerken zu lassen. »Am Puls der Zeit sein« nennen das wohl die Älteren, »fly am been sein« die Jüngeren – der Grat zwischen diesen Formulierungen ist alles andere als schmal, die Ansprüche von beiden zu erfüllen wohl nicht einfach. In unserem Alter ist es aber normal, in Frage zu stellen, wer wir sind und was wir wollen – für eine solche Phase wurde der kürzlich bekannt gemachte Begriff der Quarterlife Crisis praktisch ins Leben gerufen. Letztendlich bewegen wir uns als Medium zwischen unseren 20ern und 30ern, zwischen fly und am Puls, zwischen Begriffen wie Popkultur und Kreativwirtschaft, zwischen Filterbubbles und Szenen, zwischen online und Print und hoffen, dass wir dabei sowohl bisherige als auch zukünftige Leser_Innen ansprechen.

Kolumnisten Therese Kaiser, Gabriel Roland, Martin Mühl, Illbilly

In dieser Ausgabe versuchen wir das mit einem Blick über den Tellerrand, den Musikschwerpunkt betreffend, einem Blick auf Erfolge, neue Technologien und pulsierende Szenen, das Bildungs- und Makerspecial betreffend, einem Porträt über die Hyperreality-Kuratorin Marlene Engel, die sich schlecht in Schubladen einordnen lässt und mit einer Coverstory über eine Künstlerin, die kaum älter als wir ist, von der man aber noch viel erwarten darf. Den Tiefpunkt unserer Quarterlife Crisis haben wir bis auf Weiteres verschoben – der Definition nach bleiben uns dafür immerhin noch zehn Jahre Zeit.

Yasmin Vihaus

vihaus@thegap.at • @yasmin_vihaus

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Chefredakteurin Yasmin Vihaus

Art Direction Sig Ganhoer Gestaltung Sig Ganhoer, Michael Mickl Autoren dieser Ausgabe Amira Ben Saoud, Elisabeth Brandstetter, Barbara Fohringer, Manuel Fronhofer, Manfred Gram, Martin Mühl, Thomas Nussbaumer, Nadine Obermüller, Dominik Oswald, Gabriel Roland, Stefanie Schermann, Werner Sturmberger, Yasmin Vihaus, Theresa Ziegler

Fotografen dieser Ausgabe Erli Grünzweil (Cover), Nikolaus Ostermann Lektorat Wolfgang Smejkal, Adalbert Gratzer Anzeigen Herwig Bauer, Thomas Heher, Micky Klemsch, Martin Mühl, Clemens Reichholf, Bernadette Schmatzer, Thomas Weber (Leitung) Distribution Martin Mühl Druck Ferdinand Berger & Söhne GmbH Pulverturmgasse 3, 1090 Wien Geschäftsführung Martin Mühl Produktion & Medieninhaberin Monopol GmbH, Wohllebengasse 16 / 6, 1040 Wien Kontakt The Gap c/o Monopol GmbH Wohllebengasse 16 / 6, 1040 Wien office@thegap.at — www.thegap.at Bankverbindung Monopol GmbH, Bank Austria, IBAN AT 54 1200 0515 8200 1929, BIC BKAUATWW Abonnement 10 Ausgaben; Euro 19,— www.thegap.at/abo Heftpreis Euro 0,— Erscheinungsweise 6 Ausgaben pro Jahr; Erscheinungsort Wien; Verlagspostamt 1040 Wien Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder. Für den Inhalt von Inseraten haftet ausschließlich der Inserent. Für unaufgefordert zugesandtes Bildund Textmaterial wird keine Haftung übernommen. Jegliche Reproduktion nur mit schriftlicher Genehmigung der Geschäftsführung.

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Magazin 012 

Alles ist Mavi Wie ein Phoenix jetzt durchstartet

022 Heimlich, langsam, aber nicht leise Ein Downtempo-Mikrokosmos in Wien 025 Affenbande Das Regie-Duo Apesframed im Interview 030 Gegen die Erwartungen Seer-Gitarrist Thomas Eder 032 Big in Wien 7 Über die Marke Matthäus Bär 036 Der Bürgerkurator Marlene Engel im Porträt

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The Sound Of Education Musik studieren in Österreich Unis, Gesellschaft, Wirtschaft Wissenstransferzentren sorgen für Austausch Wenn Bildung Schule macht Georg-Danzer-Häuser im Porträt Is this the real life? Or is it Virtual Reality? Die eigene Szene hacken Maker_innen, vernetzt euch!

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032 Nadine Obermüller hat auf Verdacht Publizistik studiert und plötzlich beinahe hauptberuflich mit Headset telefoniert. Zu Gunsten der Textarbeit, LoFi-Podcasting und überhaupt mehr Lebensqualität hängte sie diese Karriere wieder an den Nagel. Wie promising so ein beruflicher Werdegang auch ausschauen kann, hat sie sich für die Coverstory von Österreichs musikalischer Nachwuchshoffnung Mavi Phoenix erzählen lassen. Seite 012

Pia Gärtner

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hört für uns hauptsächlich Musik. Für diese Ausgabe fragte sie sich, wie man die passenden Bilder dazu findet – und hat das feministische Regieduo Apesframed zum Interview gebeten. Seite 024

Stefanie Schermann

Rubriken 003 Editorial / Impressum 006 Leitweber 020 Golden Frame 052 Prosa: Puneh Ansari 054 Gewinnen 055 Rezensionen 060 Termine Musik 062 Termine Festival & Kunst 065 Termine Kino

Kolumnen 008 Lokaljournalismus: Martin Mühl 009 Einteiler: Gabriel Roland 010 Gender Gap: Therese Kaiser 066 Know-Nothing-Gesellschaft: Illbilly

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studiert, um Schreiben zu dürfen, und schreibt, um weiter studieren zu können. Sie wäre gern Superheroine bei Musik und (Pop)kultur, ist dann aber doch so ziemlich alles dazwischen. Für uns hat sie nach Musikstudien abseits des professionellen Blockflötenspiels gesucht. Seite 038

Martin Mühl schrieb und schreibt hier über Musik, Film, Games, Jungunternehmer, Essen und fast alles andere. Seit 1999. Manches davon genießt er heute nur mehr zum Privatvergnügen. Diesmal im Heft: Ein Interview mit Schlagerstar Thomas Eder und der Versuch, die Wissenstransferzentren der heimischen Universitäten zu durchschauen. Seite 040

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Thomas Weber

ist Herausgeber von The Gap und Biorama

Über Leben mit Musik ———— »Gerade Leute mit künstlerischen Ambitionen gehen oft einen Kompromiss mit der Realität ein. Es ist nicht selten, dass Menschen den Wunsch nach Selbstverwirklichung verschieben bis zum Sterbebett. Bei mir wäre es so, dass das Leben, das ich führe, riskant für meinen Lebensabend ist und für meine Rente, aber nicht für meinen Tod. Ich werde mein Leben also nicht am Sterbebett bereuen, nur vielleicht vorher in der Pension.« Diese ungeschönte Selbsteinschätzung von Frank Spilker, dem Sänger der Hamburger Band Die Sterne, wollte mir länger nicht aus dem Kopf gehen. Ein paar Tage, nachdem ich das Interview mit Spilker im Datum gelesen hatte, horchte ich beim Geschirrabwaschen auf – und schaltete das Radio lauter: Der Berlin-Korrespondent von FM4 war zu Gast bei Christiane Rösinger, der »Grande Dame des hauptstädtischen Künstlerprekariats«, in ihrer Mietwohnung ohne Zentralheizung, in der sie seit 1985 wohnt. »Die hat mir die letzten 30 Jahre das Leben als Musikerin ermöglicht«, erzählt Rösinger, »wenn ich hier rausmuss, werde ich hier (in Berlin-Kreuzberg, Anmerkung) nie wieder eine Wohnung finden. Das ist schon ziemlich bedrohlich.« Ja, nicht nur Hamburg, auch Berlin ist teuer geworden. Und Spilker, mittlerweile 51, und Rösinger, gerade 56 geworden, haben ihren künstlerischen Ambitionen zwar nicht abgeschworen, ahnen aber, dass das mit dem Rockstar womöglich nichts mehr wird. Szene-Fame ist beiden, zumindest bei denen, die mit einem

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älter werden, sicher. Regelmäßige Einnahmen bedeutet das aber längst noch keine.

Fail Like A Phoenix Dass sich Marlene Nader über Pensionsansprüche gegenwärtig allzu viele Gedanken macht, ist eher unwahrscheinlich. Dennoch bekennt die 21-jährige Linzerin, ihren Stage Name auch deshalb gewählt zu haben, weil das Phoenix in Mavi Phoenix eben auch für das Verhängnisvolle stehe – falls die angestrebte Karriere doch nicht so aufgehe. »Das Wichtigste, was man über mich wissen muss, ist eigentlich, dass ich zu hunderttausend Prozent immer in meiner eigenen Welt war«, sagt sie im Interview mit Nadine Obermüller über ihre Einflüsse. Was nicht danach klingt, als hätte die Musikerin großartig vor, Kompromisse mit der Realität einzugehen. Womit Mavi Phoenix genau so agiert wie das Dominik Oswald – ebenfalls in unserer aktuellen Ausgabe – dem Entertainer und Liedermacher Matthäus Bär bescheinigt. Dessen Credo: Entweder gescheit oder gar nicht. Einkommen zum Auskommen braucht volle Aufmerksamkeit. Seinen Brotjob (in der Kulturabteilung des Landes Niederösterreich) hat Bär, 27 und Familienvater, geschmissen. Er will es wissen, Musik machen. Und viele Eltern und Kinder lieben ihn dafür. Genau das – nämlich volle Aufmerksamkeit und Leidenschaft – fordern auch Major-Labels ein, wenn sie einen lokalen Act unter Vertrag nehmen. Schließlich investiert man eine Stange Geld in den Aufbau einer Karriere, da soll der

Künstler abends nicht erschöpft vom Regaleinräumen beim Billa auf die Bühne wackeln. Dass Majors dabei – wie Sony-A&R Nuri Nurbachsch meint – immerhin das alleinige Risiko tragen, ist aber freilich nur eine Sicht der Dinge. Während die Konzerne immer auf mehrere Pferde setzen, haben die Künstler ihre Arbeitsleistung nur ein einziges Mal. Bleiben die erhofften Einnahmen aus, gibt es keinerlei Kompensation des Verdienstentgangs. Das ist der Deal, klar. In größeren Zusammenhängen fehlt der Deal allerdings, oder ein bedingungsloses Grundeinkommen. Menschen, die Zig- oder Hunderttausenden Freude, eine schöne Zeit und Ohrwürmer beschert haben, sollten das in fortgeschrittenem Alter nicht bereuen müssen – nur weil ihnen keine Hits gelungen sind, die andere beim Regaleinräumen hören.  weber@thegap.at • @th_weber

Jürgen Schmücking

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Leitweber Leidenschaft für Fortgeschrittene

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d.signwerk linz / foto gerhard wasserbauer

Festival for creativity, design and communication

Erik Spiekermann · FREITAG · Eike König · Supersense · Snask · Studio Es · wild Sarah Illenberger · Google · Arte · Boiler Room · Friedrich Liechtenstein · LWZ

VIeNNA VIeNNA VIeNNA VIeNNA 21–22 April MAK

21–22 April MAK

21–22 April MAK

21–22 April MAK

Erik Spiekermann · FREITAG · Friedrich Liechtenstein · Eike König · Supersense Snask · Studio Es · Boiler Room · Sarah Illenberger · Google · Arte · wild · LWZ

MUNICH MUNICH MUNICH 15–16 June Alte Kongresshalle

15–16 June Alte Kongresshalle

15–16 June Alte Kongresshalle

Eike König · Erik Spiekermann · FREITAG · Studio Es · Snask Sarah Illenberger · Wild · Supersense · Boiler Room · Friedrich Liechtenstein

ZURICH ZURICH ZURICH

17-18 June FREITAG F-actory @ NOERD

17-18 June FREITAG F-actory

ZURICH

Erik Spiekermann · FREITAG · Eike König · Supersense · Snask · Studio Es · Google · Arte · Boiler Room · Friedrich Liechtenstein · Slanted · wild · LWZ

MUNICH MUNICH VIeNNA VIeNNA ZURICH 15–16 June Alte Kongresshalle

filmfestival linz // 25 – 30 april 2017 www.crossingEurope.at vergünstigter ticketvorverkauf ab 13. april

21–22 April MAK

21–22 April MAK

17-18 June FREITAG F-actory @ NOERD

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17-18 June FREITAG F-actory @ NOERD

forward-festival.com forward-festival.com forward-festival.com

After more than 110 layouts this is the final version of our design. dismissed.forward-festival.com

Vienna, 21-22 April 2017 – MAK · Munich, 15-16 June 2017 – Alte Kongresshalle · Zurich, 17-18 June 2017 – FREITAG F-actory @ NOERD 002-013 The Gap 162 Splitter.indd 7

Design · Zwupp

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Martin Mühl isst sich durch Wien

Charts Melanie Gerges TOP 10

Sinnloser Merch, den ich trotzdem gerne hätte 01 Alle Harry Potter-Zauberstäbe 02 »Star Wars« Mascara 03 Dr. Who’s Sonic Screwdriver 04 Ein Glas Dreck aus »Fluch der Karibik« 05 Eiserner Thron Wandtattoo für die Toilette 06 Alle Schwerter aus »Kill Bill« 07 Der Neuralisator aus »Men In Black« 08 »Deadpool«-Parfum 09 Harry Potters Tarnumhang 10 Orkrist-Brieföffner aus »Der Hobbit«

Lokaljournalismus Kommod: Tagebuch-Menü

Top 03

Grindige Gerüche in der U6 01 Döner um 7:00 Uhr morgens 02 Schweißgeruch bei 16 Grad 03 Red Bull Auch nicht schlecht: »Bohemian Rhapsody« in Dauerschleife

Charts Elisabeth Brandstetter TOP 10

Filme mit Keanu Reeves 01 »Im Auftrag des Teufels« 02 »The Gift« 03 »My Private Idaho« 04 »Matrix« 05 »Was das Herz begehrt« 06 »Speed« 07 »Bram Stoker’s Dracula« 08 »Constantine« 09 »Gefährliche Brandung« 10 »Sweet November«

Top 03

Tiere im Zoo Schönbrunn 01 Erdmännchen 02 Roter Panda 03 Faultier Auch nicht schlecht: Semmerl mit Butter und Marmelade Elisabeth Brandstetter geht gerne spazieren und liebt Avocados und Katzen.

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Der achte Bezirk in Wien ist reich an einer Vielfalt oft kleinerer Lokale, die verschiedenste Stile und Geschmäcker bedienen und neben klischeehafterweise nicht mehr ganz jungen Bezirkbewohnern und Theaterbesuchern auch viele Neugierige ansprechen. Seit letztem Jahr gibt es in der Strozzigasse das Kommod, betrieben von Christina Unteregger und Stephan Stahl. Sie begrüßt und bewirtet die Gäste in dem kleinen Lokal, während er für die Speisen zuständig ist. Ganz ohne Mitarbeiter ergibt das eine vom ersten Moment an ungewöhnliche Gastfreundschaft von fast privater Atmosphäre. Neben der Käseauswahl und Speisen, die ausnahmsweise vom Vortag noch verfügbar sind, besteht die Speisenkarte – von Hand in einem großen Tage- oder Gästebuch eingetragen – aus gerade einmal vier Positionen: Eine Vorspeise, ein Zwischengang, eine Hauptspeise und ein Dessert. Und auch von Tag zu Tag wechseln die Speisen tendenziell eher in Nuancen. Nach Topinambur-Chips als Gruß und einer jüdischen Leber – Hühner-Leber aufs cremigste passiert mit Zwiebeln, Preiselbeeren, Zimt oder auch Kardamon gewürzt – gibt es zur Vorspeise ein Roastbeef, angerichtet unter anderem mit Pinienkernen. Der Zwischengang ist ungewöhnlich zubereiteter Porree, der angebraten mit Thymian-Öl unter einem Bergkäseschaum serviert wird. Als Hauptspeise kommt einerseits Kabeljau mit Fenchel und schaumiger Zitronensauce – optisch komplett weiß in weiß. Die Ochsenbackerl mit ihrer dunklen Sauce werden auf einem intensiven Selleriepürree serviert, gemeinsam mit Mandeln und dünn aufgeschnittenen Herbsttrompetenpilzen. Zur Atmosphäre des Lokals trägt neben dem persönlichen Service die originalbelassene Holztäfelung und der gelungene Umgang mit Dekoration bei.  muehl@thegap.at • @muehlmartin Kommod, Strozzigasse 40, 1080 Wien kommod-essen.at

Vorspeisen 3,90–6,90 Euro, Hauptspeisen 6,50–17,20 Euro

Andreas Jakwerth, Martin Mühl

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Meli geht nie ohne Buch aus dem Haus, auch nicht beim Feiern.

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Gabriel Roland

betrachtet die hiesige Modeszene Stück für Stück

Die von Jakob Lena Knebl gestaltete Ausstellung »Oh …«, bei der dieses Latexkleid auf einer Skulptur zu sehen sein wird, läuft bis zum 22. Oktober im Mumok. Teile der dafür von House Of The Very Islands produzierten Kollektion wird es bei Samstag in der Margaretenstraße 46 zu kaufen geben. Die Ausstellung »Vulgär: Fashion Redefined« ist bis 25. Juni im Winterpalais des Belvedere zu sehen.

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Erli Grünzweil

Sich anzukleiden ist einer der ersten Schritte der täglichen Inszenierung namens »an der Menschheit teilnehmen«. Das mag für viele spielerische Freude und für manche ernsten Ausdruck bedeuten, für andere mühselige Pflicht oder gar verwerfliche Oberflächlichkeit. Fakt aber ist, dass auch die entschiedenste Ablehnung modischen Ausdrucks ein ebensolcher ist. Die Künstlerin Jakob Lena Knebl ist sicherlich niemand, der die Ausdruckskraft der Mode in Abrede stellt. Vielmehr ist Kleidung ein definierender Faktor für Fragen, die sie mit ihrer Arbeit aufwirft: Wie denken wir bei allem, was wir tun, den imaginierten Betrachter mit? Wie beeinflusst die Vorstellung – und der Wunsch oder auch die Angst – gesehen zu werden die Art, wie wir uns zeigen und geben? Während Moralisten hier schon Zeter und Mordio schreien gegen eine Gesellschaft, die es für nötig erachtet sich hinter artifiziellen Masken zu verbergen, zeigt Knebl die Lust am Spiel mit der Oberfläche und dem Schatz an Versatzstücken. Mit dem Kostüm als Schutz vor der Welt bringt sie ihre lustvolltheatralische Unehrlichkeit gegen einen verlogenen und unterdrückerischen Echtheitskult in Stellung. Wie sonst könnte sie gemeinsam mit dem Wiener Label House Of The Very Islands etc. etwas entwerfen, das Einflüsse aus dem Werk der Künstler Domenico Gnoli und August Walla zu einem vom Margaretener Latex-Matador Rubberik gefertigten viktorianischen Glam-Rock-Kleid in 70er-Erbsengrün verbindet, das abgerundet von einer Tasche aus einer unbeschnittenen Lederhaut und Waldviertlern mit Plateau-Tuning zum Outfit wird? Und wie sonst könnte sie eine Ausstellung konzipieren, die eigene Werke, Kunst aus der Sammlung des Mumok, Möbel, ein Computerspiel, ein Kochbuch und vermutlich viele weitere Dinge, die mir noch nicht verraten wurden, zu einem sinnlichen Ganzen macht? Es ist die Mode als Elsternhistorikerin, wie es Judith Clark, die Kuratorin der aktuellen Modeausstellung im Winterpalais ausdrückt, die uns diese Methode lehrt.   roland@thegap.at • @wasichgsehnhab

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Einteiler Selbstgestaltung

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F r F D & 2 1

Therese Kaiser

beschäftigt sich hier mit den großen und kleinen Fragen zu Feminismus

Die Kronen Zeitung macht deutlich, wie es um den Handlungsspielraum von Frauen in Österreich steht. Spoiler: eher schlecht. ———— Wenn man sich grundsätzlich viel in alternativen Räumen bewegt, in denen binäre Geschlechterkonstruktionen durchaus und gewollt zumindest ansatzweise verschwimmen, dann vergisst man manchmal, dass es ja auch noch eine andere Welt gibt da draußen. Und wenn dann unterschiedliche Welten wie Paralleluniversen aneinanderkrachen, kommt man leider nicht umhin, anzuerkennen, dass es einen breiten gesellschaftlichen Diskurs braucht um Geschlechteridentitäten. Wovon ich spreche? Von Babykatzen und Stefanie Sargnagel natürlich. Wer zumindest fünf Minuten täglich im Schlund sozialer Medien verbringt, an dem dürfte nicht vorbeigegangen sein, dass die Kronen Zeitung am 8.3.2017 – (nicht) zufällig am Weltfrauentag – das im derStandard erschienene Reisetagebuch von Stefanie Sargnagel, Lydia Haider und Maria Hofer zum Politikum ernannte. Das Reisekostenstipendium, das zwei der Autorinnen in Anspruch nahmen, war zumindest in der Krone-Weltanschauung Basis genug, sich über die »mittelbekannten und mittelbegabten« Protagonistinnen zu echauffieren. Darauf folgte ein weiterer Text in der Kärntner Krone, mit Angabe von Stefanie Sargnagels aktuellem Wohnort und dem Beisatz, dass diese »willig« wäre. Die Causa hat so viele problematische Ebenen, dass es fast schwerfällt, sich nur mit einer einzigen auseinanderzusetzen. Ich versuch’s: Die Kampagne der Krone ist vor allem deswegen so irritierend, weil sie mit Bildern arbeitet, die so tradiert sind, dass ich fast schon vergessen habe, dass sie existieren. Kiffende, saufende, katzentretende Frauen, die noch dazu »im Minirock ohne BH« durch das marokkanische

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Essaouira stolzieren – das ist natürlich so skandalös, dass der »Drogen-Ausflug auf Kosten der Steuerzahler« gleich vom Chefredakteur selbst kommentiert werden muss. Was jedem klar sein müsste: Sogar der Kronen Zeitung ist wohl »ein Gramm Haschisch« herzlichst egal; die Öffentlichkeit, die Stefanie Sargnagel in Anspruch nimmt, jedoch anscheinend nicht. Die so plakativ konservativen Gegenbilder, die hier hocherzählt werden, funktionieren nur deswegen, weil ihr Gegenstück eine Frau ist, die stellvertretend für lauten Feminismus steht und deren Öffentlichkeit mittlerweile weit über Österreichs Grenzen hinausreicht. Die Babykatzen-Keule zu schwingen hat selbstverständlich den Zweck, sogar bei den uninteressiertesten Leser_innen Empörung hervorzurufen, sofern diese wirklich der Ansicht sind, Haschischkonsum würde zu Katzenmord führen. Zurück zum Thema: die Krone hat es geschafft, einen komplexen Diskurs über Rollenbilder quasi für Vollidiot_innen zu veranschaulichen. Während die Feminist_innen unter uns sowieso schon lange wissen, dass weibliches Verhalten abseits der Etikette grundsätzlich als obszön oder hysterisch gewertet wird, wird es hier nochmal plakativ veranschaulicht. Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, aber es gibt einen Grund, warum »Feuchtgebiete« auf Netflix ein Ein-Stern-Rating hat, und der hat wenig mit cineastischen Qualitätskriterien zu tun. »Valentinstag« kommt auf dreieinhalb Sterne, just saying. Wenn solche Bilder gegenübergestellt werden, geht es meistens darum, jemandem eine Sprechposition zu nehmen oder schlichtweg zu bestrafen. Eine Frau, die obszön oder hysterisch ist, arrogant oder zickig, kann ja kaum in einem professionellen Kontext ernstgenommen

werden. Nicht nur das, noch dazu steht sie sich im Narrativ natürlich selbst im Weg, immerhin könnte sie auch anmutig, bescheiden und rhetorisch talentiert sein, das sind immer noch die besten Ehefrauen und Empfangsdamen. Ich hoffe, alle Ehefrauen und Empfangsdamen nehmen mir diesen Vergleich nicht übel – es geht hier um Zuschreibungen, und leider nicht um reale komplexe individuelle private oder professionelle Identitäten. Die Kronen Zeitung hat also drei Frauen eine mehrtägige mediale Ausnahmesituation beschert, aber zumindest irgendwie auch sehr deutlich aufgezeigt, dass die Grenzen, die Frauen in ihrem Schaffen nicht übertreten dürfen, nach wie vor sehr dicht sind. Nicht, dass ich der Meinung wäre, wir würden in einer gleichberechtigten Welt leben – aber vom gesamtgesellschaftlichen Diskurslevel lasse ich mich doch immer wieder überraschen. Zum feministischen Ungehorsam aufzurufen ist also offensichtlich gar nicht überholt; breit über Rollenbilder zu diskutieren auch nicht.  kaiser@thegap.at @thereseterror Therese Kaiser ist Co-Geschäftsführerin des feministischen Business Riot Festivals (facebook.com / businessriot) und ist vor allem auf Instagram anzutreffen (instagram.com / thereseterror).

Pamela Rußmann

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Gender Gap Babykatzen und Feuchtgebiete

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Festival zur Stadtraumgestaltung in Feldkirch Design, Fotografie & Medienkunst 25. Oktober – 12. November 2017

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Erli GrĂźnzweil

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Wie ein Phoenix jetzt durchstartet

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Alles ist Mavi 020-039 Gap 162 Story KORR.indd 13

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Auf internationalen Musikblogs ist Mavi Phoenix mit ihren Songs »Quiet« und »Love Longtime« längst bekannt und auch in Österreich wird sie immer mehr als nächste große Hoffnungsträgerin gehandelt. Wir haben mit ihr über ihre Anfänge in Linz und ihre neue, gleich zweimal produzierte EP gesprochen. ———— Von Prophezeiungen im Allgemeinen hält Mavi nicht viel. Oder zumindest nicht mehr oder weniger als jeder andere auch. Warum die zweite EP der Linzer Musikerin »Young Prophet« heißt, hat andere Gründe. »Ich habe ursprünglich ein Lied mit dem Titel für die neue EP aufgenommen«, erzählt Mavi Phoenix, die mit bürgerlichem Namen Marlene Nader heißt. Der Song sei ihr dann aber schlussendlich zu Old-School-Hiphop gewesen. »Young Prophet ist für mich ein starker persönlicher Begriff«, fährt Mavi fort, während ein paar Sonnenstrahlen durch das Caféfenster fallen und ihr hellblaues Poloshirt zum Leuchten bringen, »ich glaube, für mein Umfeld und für mich selbst bin ich jetzt soweit gekommen, dass ich diesen Status erreicht habe.«

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Rise of the Underground-Blog-Queen Warum Mavi? Warum Phoenix? »Mavi hätte mein Bruder heißen sollen, wenn er ein Mädchen geworden wäre.« Außerdem gefalle ihr, dass die Anfangsbuchstaben von Marlene auch in Mavi stecken. Und Phoenix sei einfach ein großer Nachname. Einer, der auch verhängnisvoll werden könnte, wenn die Karriere doch nicht so aufgehe. »Da tut man sich dann mit einem Namen wie Princess Nokia natürlich leichter«, sagt die junge Künstlerin, der durchaus bewusst ist, dass gerade viele Augen auf sie gerichtet sind und nimmt einen Schluck vom Soda-Himbeer. Aber sie hat ja noch Zeit. »Mavi Phoenix ist die beste Version von mir selbst, die ich irgendwann einmal werden will.« Die Transformation ist bereits in vollem Gange. Seit dem Release von »Quiet« wird sie auf internationalen Musikblogs als »Lo-Fi-PopHeroine« gefeiert und mit großen Namen wie M.I.A. verglichen. Hierzulande hatte man sie schon ein wenig früher am Radar – im Jahr 2015 nämlich, als sie den Song »Green Queen« veröffentlichte, der schon damals eine ganz eigenständige Handschrift vorausblicken ließ. Für Mavi war dies rückblickend der beste Track auf ihrer ersten EP »My Fault«. Im Jahr darauf trat sie auf der Popfest-Bühne auf, was ihr außerdem ein Falter-Cover bescherte. Es folgten weitere Gigs, zum Beispiel am Showcase-Festival Waves Vienna – oder jüngst ein Auftritt am Soundframe Festival. »Beim Soundframe hat es mich richtig überrascht, als das Publikum plötzlich den Text zu ›Quiet‹ mitgesungen hat.« Mit Support aus Österreich hat sie nie so wirklich gerechnet. »Gerade bei ›Quiet‹ dachte ich, das klingt zu arg«, sagt die mittlerweile 21-Jährige. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein – der autotuneaffine Sound, der sich bei ihr im letzten Jahr entwickelte, brachte ihr erst vor Kurzem zwei Nominierungen für den diesjährigen Amadeus Award.

»Das Wichtigste, das man über mich wissen muss, ist eigentlich, dass ich zu hunderttausend Prozent immer in meiner eigenen Welt war.« 020-039 Gap 162 Story KORR.indd 14

Phoenix gegen den Rest der Welt Bevor Mavi antwortet, nimmt sie sich ein wenig Zeit. Nicht aus Unsicherheit, sie weiß beeindruckend genau, was sie sagen will. Auch Kalkül steckt wohl nicht dahinter, ihr dürfte es nicht ansatzweise wichtig sein, cool rüberzukommen. Es scheint ihr vielmehr um etwas Größeres bei ihren Antworten zu gehen. Ganz so, als ob sie jedes Mal ihre ganz persönliche Wahrheit zum Thema einfangen wolle. Es wirkt sympathisch. Zum Beispiel, wenn man sie nach ihrem Bezug zur Linzer HipHop-Szene fragt und sie nach kurzem Innehalten folgende Antwort liefert: »Das Wichtigste, was man über mich wissen muss, ist eigentlich, dass ich zu hunderttausend Prozent immer in meiner eigenen Welt war.« Durch dieses Leben im eigenen Phoenix-Universum stellte Mavi erst vor einem Jahr fest, wie bekannt ihre Heimatstadt für HipHop eigentlich ist. »Als ich mit der Musik angefangen habe, habe ich mich nur an Amerika und der ganzen Popkultur dort im Fernsehen und im Internet orientiert«, erklärt die Künstlerin. Zum Beispiel an MTV oder Miley Cyrus. Um Auftritte in Österreich habe sie sich daher nicht gekümmert, eher darum, online viel präsent zu sein. Dass die jetzige Zeit für österreichische Acts von Nachfrage und Hype geprägt ist, deckt sich auch mit Mavis Beobachtung zur Lage der Musiknation. Man merke, dass die Medien derzeit österreichischen Musikern wieder positiver gegenüberstehen. Mit der allgemeinen Vermutung, dass sich jetzt die Nächsten nach den Vorreitern Wanda und Bilderbuch auch wieder mehr trauen würden, kann sie nichts anfangen. »Egal, was mit den Acts gerade passiert, die jetzt groß werden, ich hätte trotzdem meinen Weg gemacht.« Immerhin geht sie den ja auch schon seit bald über zehn Jahren. Nur, dass dieser – gerade – auch durch Österreich führen könnte, hätte sie eben nicht gedacht. Das betont Mavi immer wieder. »Ich habe geglaubt, dass ich erst einmal international anfangen werde. Ich dachte lange, dass sich hier keiner für das, was ich mache, interessiert und dass ich lieber nach London geh’ und so einen Scheiß.« Damals sei sie der hiesigen Szene gegenüber fast trotzig eingestellt gewesen, schaut die Musikerin belustigt zurück. Heute will sie definitiv ein Teil der österreichischen Musikszene sein. Expandieren dennoch erwünscht.

Macbook als Roots Angefangen hat alles mit einem geschichtsträchtigen Macbook, das sie bis heute aufbewahrt hat und das zumindest mit angestecktem Ladekabel noch funktioniert. Ein Geschenk ihres Vaters, mit dem die damals Elfjährige das Musikprogramm Garage Band ausprobierte. Mavi brachte sich damit selbst bei, ihre eigenen Songs zu produzieren und dabei blieb es auch lange. Ihre erste EP hat sie beinahe in Eigenregie zusammengestellt. Simon Herzog, der unter anderem Songs von Left Boy produzierte und ihr auch heute noch Feedback auf neues Material gibt, stand ihr als Executive Producer unterstützend zur Seite. Einige Youtube-Videos ihrer Anfangswerke sind mittlerweile nur mehr privat sichtbar. Manche Zeilen daraus, würde man sie auf Deutsch übersetzen, wären fast schon Schlager gewesen, sagt sie heute über ihre alten Stücke. Thematisch kreisten diese schon damals um ihr Lieblingsmotiv, welches sie als »Ich gegen die ganze Welt« bezeichnen würde. »Keine Ahnung, woher das kommt«, überlegt Mavi, hält inne, schaut kurz aus dem Fenster und fährt dann fort: »Vielleicht liegt es daran, dass man natürlich nicht unbedingt Zuspruch findet, wenn man in der Unterstufe ankündigt, ein Star werden zu wollen.« Es den Leuten zu zeigen, die sie nicht ernst nehmen, sei ihr schon immer wichtig gewesen – gerade als Frau im Rap sei dieses Thema allgegenwärtig. Vorbilder für Mavi Phoenix waren vor allem Stars from abroad. Zum Beispiel Tyler The Creator. Er habe als kompromissloser Soloartist gezeigt, dass man auch ohne jegliche Lobby einen MTV Award kriegen könne. Das habe ihr imponiert. Lady Gaga bewundert sie für ihre Stärke, auch wenn sie »The Fame Monster« jetzt nicht mehr so feiern kann. »Wenn ich alte Sachen von mir anschaue, sehe ich einfach, wie ich damals noch jemand anderes sein wollte. Ich habe mich noch nicht getraut, das zu machen, was ich wirklich machen wollte.« Früher habe

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sie einfach schnell einen Track ins Internet gestellt und gedacht, dass das der geilste Scheiß sei. Heute dauert die Arbeit an einem Song schon mal drei Monate. »Ich glaube, der Schlüssel zum Erfolg ist, dass man, so gut es geht, man selbst bleibt. Ich seh’s bei mir: Je mehr ich ich selbst bin, umso besser läuft’s.«

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Doppelt produzieren hält besser

»Mavi Phoenix ist die beste Version von mir selbst, die ich irgendwann einmal werden will.« 020-039 Gap 162 Story KORR.indd 16

Beim Songwriting kommt für Mavi zuerst immer der Beat und dann die Mood, also die Stimmung, die dieser bei ihr auslöst. Aus dieser Kombination heraus ergeben sich die Texte. So wie bei »Quiet« – für Mavi der politischste Song, den sie bis dato geschrieben hat. Die Zeile »Make the world go quiet« richtet sich gegen die Lautstärke unserer Zeit, die für sie nach Trump und Co. Einzug hielt. Auch die Entstehungsgeschichte der neuen EP »Young Prophet« erzählt viel über Marlenes Werdegang zum Phoenix. Anfang 2016 war die EP bereits komplett fertig produziert, von den ursprünglichen sechs Tracks blieb jedoch nicht viel übrig. Die Auswahl habe einfach nicht mehr gepasst, drei komplett neue Songs mussten her – nur der gefühlt zwei Millionen Mal überarbeitete Track »Fly« durfte bleiben. »Ich denke, jeder Song bereitet den Weg für den nächsten. Wir haben die EP ja schon fertig gehabt und es sind auch gute Songs drauf gewesen, aber bei manchen fehlten einfach diese letzten 20 Prozent.« Diese Tracks verworfen zu haben, sei aus heutiger Sicht ein wichtiger Zwischenschritt gewesen, der für Songs wie »Quiet« notwendig war. Die neue EP, so wie sie jetzt ist, repräsentiere jedenfalls hundert Prozent sie selbst. »Deswegen bin ich dankbar dafür, dass ich damals den Mumm gehabt habe, zu sagen: Wir fangen nochmal ganz von vorne an«, erklärt Mavi. Es ist nicht zu übersehen, wie wichtig Mavi Phoenix Professionalität ist. Vor dem Interview an einem Samstagnachmittag hat die junge Künstlerin bereits an zwei neuen Songs gewerkelt – trotzdem denkt sie manchmal, dass sie vielleicht noch mehr machen müsste: »Es gibt noch viele Sachen, die ich verbessern kann. Ich bin wirklich bereit, alles zu geben.« Man glaubt es ihr sofort. Mavis Co-Produzent Alex The Flipper ist gleichzeitig ihr bester Freund. »Ich bin schlecht darin, Freundschaften zu pflegen«, sagt sie offen, »Alex und ich haben das gleiche Ziel, das verbindet natürlich extrem. Wir waren jeden Tag gemeinsam im Studio und je persönlicher ich von mir erzählt habe, umso mehr hat er auch Dinge über mich verstanden.« Eine besondere Ebene, die man beim Produktionsprozess sonst kaum erreichen könne – diese Form der Zusammenarbeit habe Songs wie »Love Longtime« erst möglich gemacht, meint Mavi. Sie sei jeden Tag froh darüber, dass sie das Team in der jetzigen Form, so wie es seit einem halben Jahr besteht, um sich habe. Mavi hat kein Problem damit, Dinge auszusprechen. Es scheint sogar so, als verstehe sie sich als eine Künstlerin, die wieder gerne persönlich werden möchte. Auch ganz konkrete Ziele für die Zukunft gibt sie ohne Weiteres preis. Eines davon ist zum Beispiel, den Grammy zu gewinnen. Während sie das sagt, lacht ihr der innere Young Prophet ein wenig aus den Augen. »Okay, den Grammy lassen wir mal beiseite.« Aber »ein geiles Album machen und auf Tour gehen«, das schwebt Mavi schon vor. Am besten eine Europatour, und eine Welttour eigentlich auch. Und ein MTV-Award, so wie Tyler ja einen hat, wäre wahrscheinlich auch nicht schlecht. Es ist seltsam, aber irgendwie möchte man ihr das sogar zutrauen. Es scheint alles wieder möglich. Alles ist Mavi. Nadine Obermüller 

Mavi Phoenix wird als Support-Act die »Magic-Life«-Tour von Bilderbuch begleiten. Los geht’s am 26. März 2017 in Zürich. Außerdem spielt sie am 16. Juni bei »20 Jahre The Gap« im Wiener Fluc.

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Suzanne K. Koenig

Alex The Flipper macht selbst Musik und ist verantwortlich für die Beats der neuen Mavi Phoenix-EP. Wie eng die Zusammenarbeit zwischen Artist und Produzent ist, welche Unterschiede es zwischen seinem eigenen Projekt und dem Produzieren gibt und wie er sich musikalisch entwickelt hat, erzählt er im Interview. Wie kam es dazu, dass du dich seit deinen Anfängen mit 17 weg vom HipHop hin zum eingängigen French House für große internationale Locations entwickelt hast? Mit 17 oder 18 habe ich angefangen, ganz straighten HipHop am Laptop zu machen – Learning by Doing quasi. Mein Bruder war damals schon in der Band Da Stammtisch und irgendwann habe ich ihm dann Sachen von mir geschickt. Danach sind wir es relativ schnell angegangen, wir haben auch viel gespielt – am Donauinselfest unter anderem – und auch zwei Alben gemacht. War cool. Es gibt in Linz eine sehr eingeschworene HipHop-Szene, in der bin auch ich sozialisiert worden, aber ich habe eigentlich schon immer alles gehört. Ich war nie auf HipHop festgelegt. Im Sommer 2013 hatte ich dann ein paar Ideen im Kopf, die ich als Soloartist umsetzen wollte. Anfang 2014 habe ich meine ersten Tracks released, und obwohl ich sie eigentlich gar nicht wirklich herumgeschickt habe, bekamen sie gleich mehrere Reviews auf internationalen Blogs. Ich habe eigentlich mit gar nix gerechnet, als ich sie hochgeladen habe. Das Feedback war jetzt nicht voll big, aber es ist natürlich schon cool zu sehen, wenn beispielsweise Blogs aus Kanada darüber schreiben. Wie unterschiedlich erlebst du die Rolle des Produzenten und die des Artists? Denkt man beim Produzieren für andere Künstler den Markt mehr mit als bei seinen eigenen Sachen? Natürlich ist man da schon gefordert, die Rollen nicht zu vermischen. Aber ich sehe mich jetzt bei einem Projekt wie dem mit Mavi auch mehr als kreativen Input. Wir sind beide sehr offen, was Ideen anbelangt, und arbeiten gemeinsam am Sound. Das ist jetzt nicht so ein reiner Producer-Job, wo das strikt getrennt ist. Aber der Spagat ist nicht leicht, das stimmt.

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Bei Alex The Flipper ist es so, dass man schon teilweise bewusst in eine poppige Richtung geht. Das taugt mir auch. Es ist tatsächlich so, dass ich einfach im Studio dahinproduziere und vorher nicht lange überlege. Also in Richtung: »Jetzt mach ich eine Produktion für Alex The Flipper und jetzt mache ich eine für Wen-auch-immer«. Natürlich schaut man, dass ein Song ins Soundkonzept passt, aber ich sehe das nicht ganz so streng. Es gibt bei mir elektronischere Songs und auch durchaus poppigere. Im Hinblick auf ein Album möchte ich mir einen gewissen Horizont erarbeiten. Was sind die Vorteile davon, wenn Producing und Songwriting bis zum Schluss miteinander verknüpft sind? Inwiefern ergänzen sich Mavi und du gut und wo seid ihr euch weniger einig? Bei dem Projekt Mavi Phoenix ist ganz klar, wer das letzte Wort hat. In jedem Prozess gibt es Diskussionen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Bis jetzt war es aber immer noch so, dass man sich irgendwann anschaut und merkt: Jetzt wissen wir, wo der Song hin muss. Mavi und ich unterscheiden uns einerseits sehr, aber andererseits sind wir uns auch extrem ähnlich. Musikalisch kommen wir natürlich aus unterschiedlichen Richtungen, aber ich glaube, um das geht es eigentlich nicht. Mir ist ein gewisser Tiefgang wichtig, und wenn man sich da einig ist, kommt es auf die Details nicht so an. Welche Rolle spielte im Arbeitsprozess für Mavis EP, dass ihr beide Freunde seid, die aus Linz kommen und ihr auch beide international arbeiten wollt? International ausgerichtete Musik machen zu wollen – das sagt man so leicht dahin, aber es ist natürlich schon extrem hart. Wir wissen beide, was es bedeutet, wenn man diesen Step geht. Das verbindet auf jeden Fall. Wie eine gemeinsame Vision, die man teilt. Nachdem man

so gut befreundet ist, ist es auch kein Muss, ewig zusammenzuarbeiten. Jetzt fühlt sich das ganz natürlich an – und die Freundschaft steht sowieso außen vor. Zum ersten Mal am Screen gesehen habe ich Mavi, als sie »Green Queen« released hat. Da wir den gleichen Manager haben, haben wir uns dann bald einmal kennengelernt und sind dann auch schon ins Studio gegangen. Ab dem Zeitpunkt hat es sich ziemlich schnell entwickelt, dass wir Freunde geworden sind. Welche Projekte planst du in den nächsten Jahren? Hast du konkrete Pläne? Jetzt kommt bald ein neuer Song von mir raus und bei Mavi geht es in Richtung Album. Ich hatte als Alex The Flipper Auftritte von Paris bis Helsinki und war viel in Europa unterwegs. Ich versuche, das Ganze jetzt zu genießen und das, was jetzt da ist, auszuschöpfen. 

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Alex The Flipper »Es ist klar, wer das letzte Wort hat«

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Drei Gründe, warum sie das nächste große Ding wird

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Dass Mavi Phoenix irre gut ist, wird sie allein nicht zum Star machen. Drei Gründe, warum sie aber genau das Potenzial dazu hat.

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Der Sound

Style und Zielgruppe

Timing, Marketing und Wille

Der Satz »Mavi Phoenix klingt wie …« ist nicht so einfach zu vervollständigen. Das ist in einem Zeitalter, in dem elektronische Musikproduktion so niederschwellig geworden ist, dass der allgemeine Output gegenseitige Imitation provoziert und schnell in Sound-Einheitsbrei resultiert, wirklich bemerkenswert. Zum größten Teil liegt das an Mavis Stimme, deren Timbre an sich schon hervorsticht, deren Einsatz aber den relevanten Unterschied macht. Sie wird in der Produktion behandelt wie ein VST-Plugin, wie etwas Digitales, das verzerrt, gelayert und gepitcht oft befremdlich, aber umso einprägsamer klingt. Mavi Phoenix entzieht sich damit auch einer immer noch gültigen Regel der Musikindustrie, die für Sängerinnen neben gutem Aussehen vorsieht, »schön zu singen«. Darüber hinaus holen (Co-)Produzent Alex The Flipper und Phoenix das beste auseinander heraus. Natürlich mäandert die EP »Young Prophet« herum, zeigt noch wenig roten Faden und hat Luft nach oben, aber genau dieses aufregende 4-Track-Ideen-Chaos lässt die Hörer am Ball bleiben und nach mehr lechzen – die beste Vorausseztung für eine längerfristige Karriere.

Wenn weiße Radlerhosen wieder getragen werden ohne mit der Wimper zu zucken (vgl. Video zu »Quiet«), ist die Zeit der Ironie definitiv vorbei. Phoenix produziert im Moment für eine Zielgruppe Anfang / Mitte 20, für die Authentizität kein Witz und Owezahn kein Wert ist. Man gibt sich einen Künstlernamen, der klingt wie der einer Superheldin, man will wieder jemand sein, der funktioniert, der inspiriert. Es ist nicht wurscht, wie die Videos aussehen und was man anhat – ohne sich dabei aber zu verkleiden oder mit Versatzstücken zu arbeiten. Es geht um Statements, die über die Ländergrenzen hinaus von einer bestimmten Gruppe verstanden werden. Das Selbstbild von Mavi Phoenix ist nicht das einer österreichischen Künstlerin, sondern das einer internationalen – und deswegen kauft man es ihr auch ab: Deswegen kann sie international reüssieren.

Gewisse Timing-Parameter lassen sich planen und sollten auch gut geplant sein. Andere sind glücklicher Zufall, den man im besten Fall ausnutzt. Die aktuellen äußeren Umstände kommen Mavi Phoenix in mehr als nur einer Hinsicht zu pass. So ist es gar nicht so sehr der Hype um Musik aus Österreich, der ihr helfen wird, sondern, was man aus ihm gelernt hat und was er nach sich zieht: Die Professionalisierung im Erschaffen von Brands, im Umgang mit Medien und auch in der Einschätzung von Potenzial nützt nun einer jüngeren Generation. Was Phoenix – obwohl sie damit nicht spielt – natürlich auch nützt, ist die aktuelle kapitalistisch angetriebene mediale Vereinnahmung feministischer Themen, also gewissermaßen »Marketingfeminismus« der Sorte Beyoncé/#thefutureisfemale, die Aufmerksamkeit für Projekte von Frauen schafft und sie – endlich!– auf die Covers, auf die Panels, in den Diskurs bringt. Dazu kommt eine herzerwärmende Origin-Story – 11-jähriges Mädchen bekommt Mac-Book von Papa und macht Musik – und die nicht näher definierten »Syrian Roots«, die jemandem gleich die Aura eines Weltbürgers verleihen, der sich im breitesten oberösterreichischen Dialekt palavernd seiner Sog-Wirkung gar nicht bewusst ist. Das ist natürlich der Stoff, aus dem Journalisten-Träume gemacht sind. Zu guter Letzt will Mavi Phoenix erfolgreich sein. Vielleicht nicht in dem Sinne, dass morgen große Hallen zu füllen das Ziel ist, aber im Sinne, sich konstant musikalisch weiterzuentwickeln, den Musikindustrie-Zirkus mitzumachen und abzuliefern. Sie hat den Biss, sie meint es ernst. Amira Ben Saoud

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WIEN NORD

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Keiichi Matsuda – »Hyper Reality« 020-039 Gap 162 Story KORR.indd 21

Mit Hyper Reality entführt Keiichi Matsuda den Betrachter in eine Welt, in der physische und virtuelle Realitäten verschwimmen, die totale Reizüberflutung zum Normalzustand und das Leben zum Gaming-Abenteuer wird. ———— Im Rahmen einer Videoinstallation wird das Werk am Donaufestival gezeigt und ist damit eingebettet in eine Veranstaltung, die es sich selbst zum Ziel macht, eine Parallelwelt zwischen Systemabsturz und Neustart zu erschaffen. In dieses Umfeld passt das Video, das den Betrachter nicht nur durch die filmische Subjektive, sondern vor allem durch die Masse an Reizen in seinen Bann zieht, nur zu gut. Wie gefangen in einer Spielhölle scheint es dem Betrachter fast unmöglich zu entscheiden, welchem Erlebnis er sich zuerst hingeben will und auf welchen Bildausschnitt er fokussieren soll. Die drohende Gefahr eines neuronalen Game Overs bleibt dabei ständiger Begleiter. Der Weg durch die Stadt Bogota entpuppt sich als Gaming-Experience – von der Stadt etwas zu erkennen ist kaum denkbar – zu viele Layer liegen über dem eigentlich Wahrgenommenen. Die Welt verschwimmt hinter einem fast unüberblickbaren Angebot an Information, Unterhaltung und Werbung, Distraktion wird dabei zur Hauptattraktion. Der Weg zum Supermarkt verwandelt sich in eine Suche nach Punkten, um das nächste Level zu erreichen, ein Telefonat erscheint in einer virtuellen Umgebung, die andauernd mit den darin befindlichen Akteuren kommunizieren will, nur wenig spannend. Kommt es – wie im Werk gezeigt – zu einem Systemabsturz, wirkt die Realität plötzlich fast grau und öde. Wer zu verlieren droht, dem bleibt letztendlich nur die Religion, doch selbst die erfordert nur wenig Hingabe: die Aktivierung via Swipe über ein virtuelles Kreuz reicht für Level 1 im Katholikendasein. Matsuda schafft es, mit seiner dystopischen und zum Teil befremdlichen Darstellung dennoch nah genug an einer Zukunftsvision zu kratzen, in der die Möglichkeiten moderner Technologien wie Virtual Reality oder Augmented Reality bis zum Exzess ausgereizt werden. Das Verschwimmen der echten mit der virtuellen Welt bereitet auch der Protagonistin zunehmend Probleme – vor allem dann, wenn das System, in dem sie sich bewegt, zu kollabieren droht. Das Werk setzt sich mit der Herrschaft über die eigene Identität auseinander und weist zudem auf die bereits vorhandenen und möglicherweise noch kommenden Sicherheitsproblematiken hin. Thematisiert wird zudem der ständige Konsumzwang – dargestellt durch Produkte, die mit der handelnden Person in Dialog treten, deren Wünsche scheinbar kennen und dessen Präsenz man sich kaum zu entziehen vermag. Extreme Reizübersättigung – ob durch grelle Farben, Pop-Ups oder Soundeffekte – zieht sich durch die gesamte Videoinstallation, die kaum schriller sein könnte. So (über)fordernd Matsudas Darstellung einer Hyperrealität zunächst auch sein mag, so nachvollziehbar, einprägsam und klar zeigt sie gesellschaftliche und netzpolitische Probleme auf, die neue Technologien mit sich bringen.  Yasmin Vihaus

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Keiichi Matsuda Neuronales Game Over

Die Videoinstallation »Hyper-Reality« wird von 28. April bis 6. Mai am Donaufestival in Krems gezeigt. Das diesjährige Thema »Du steckst mich an« zieht sich durch das umfangreiche Kunst- und Performanceprogramm sowie durch die in diesem Jahr neue Theory & Talks-Schiene, das Überraschungsformat Stockholm-Syndrom und den Reader. Ergänzt wird dies durch ein spannendes Musikaufgebot mit Acts wie Einstürzende Neubauten, Gas, Actress oder Ben Frost.

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Downtempo-Mikrokosmos in Wien Heimlich, langsam, aber nicht leise

Langsam ist gewissermaßen das musikalische Credo, »Heimlich« der Name eines Kollektivs aus neun Menschen, das die Wiener Clubszene im letzten Jahr mit ihren Partys nicht nur bereicherte, sondern gleichermaßen aufhorchen ließ. ———— Weder langsam noch heimlich verbreitete sich in Wien die Kunde, dass die liebevoll dekorierten und jeweils mit wunderschönen Artworks sowie eigenen Podcasts promoteten Downtempo-Veranstaltungen einen Besuch wert sind. Ein Konzept, mit dem man viele Menschen begeistern konnte und das die Veranstalter zunehmend vor ein Problem stellte, von dem andere nur träumen können: Vor und in den meist kleinen, aber feinen Locations fanden sich schon vor Mitternacht so viele Menschen ein, dass ein Reinkommen und Mitfeiern danach für Interessierte kaum mehr möglich war. Ein relativ unbekanntes Phänomen in Wien. Während viele Veranstalter mit Eintrittsspecials zwar versuchen, den Club vor zwei Uhr früh zu füllen und dabei trotzdem oft scheitern, bringt ein Kollektiv Menschen dazu, aus Liebe zur Veranstaltung einfach mal gleich zu Beginn anzutanzen – und durchzutanzen.

Downtempo als Nische Die Gründe für den Erfolg sind wohl vielschichtig. Zum einen hat man mit Downtempo gewissermaßen eine musikalische Nische gefunden, in der man im Vergleich zu Veran-

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staltungen im Techno-, Drum’n’Bass-, Goaoder House-Bereich wenig Konkurrenz hat. Zum anderen spielt wohl auch der Zugang zu den Partys selbst eine große Rolle. Während man den wenigsten Veranstaltern Herzblut für die Sache absprechen kann, hat es das Heimlich-Kollektiv nicht nur durch die musikalische Positionierung, sondern auch durch sorgfältiges und konsequentes Booking und die liebevolle Gestaltung der immer unterschiedlichen Locations geschafft, eine verhältnismäßig große Community aufzubauen. »Was Heimlich unter anderem so besonders macht, sind die Leute, die wirklich zu jeder unserer Veranstaltungen kommen und teilweise schon um 23 Uhr vor der Tür stehen oder uns danach noch beim Abbau helfen«, erzählt Matthieu Spitzer. Er ist Teil des neunköpfigen Kollektivs, das sich seit Anfang 2016 langsam zusammengefunden hat und Downtempo in Wien einen besonderen Platz geben möchte. Während man anfangs nur eine einzelne Party gemeinsam geplant hatte, folgten viele weitere, das Kollektiv gründete einen Verein und die zahlreichen Teppiche, Deko-Materialien und Pflanzen finden mittlerweile in einem etwa 150 Quadratmeter großen Lager Platz. Heimlich allein als Veranstalter zu bezeichnen, wäre zu kurz gegriffen, denn neben den Partys veröffentlicht das Kollektiv auch regelmäßig Podcasts mit Sets von Artists wie

Martha van Straaten, MoM oder Rolandson – in Kürze releasen sie zudem ihre erste Compilation und auch von der möglichen Gründung eines Labels wird gesprochen.

Off-Locations selbstgemacht Der ursprüngliche Plan, in Off Locations zu veranstalten, wurde in der Zwischenzeit zumindest teilweise verworfen. Während mit Heimlich ein Name geblieben ist, der gewissermaßen suggeriert, das die Veranstaltungen und deren Ort nicht öffentlich promotet wird, finden aktuell auch regelmäßig Events in etablierten Wiener Clubs statt. Ein Zugang, den das Kollektiv nicht bereut, der es zulässt, die Partys für mehr Menschen zugänglich zu machen und der die Suche nach immer neuen Orten vereinfacht, erklärt Andreas Buchner von Heimlich: »Wenn man verschiedene Clubs so umbaut, dass sie wie Off-Locations aussehen und niemand mehr die Location als solche erkennt, ist das fast einfacher, als jedes Mal eine neue Off Location zu finden« Zudem sei, wie Oliver Rottmann ergänzt, auch eine gewisse Infrastruktur bereits gegeben, von der man natürlich profitiere. Einfach macht es sich das Kollektiv dennoch nicht: Etwa acht Stunden sind sie alleine mit der Dekoration vor den Partys beschäftigt – ein Aufwand, den man sieht. Betritt man als Gast eine Location, sind die Clubs selbst tatsächlich kaum wiederzuerkennen: Teppiche verzieren den

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Best of Haneke in Cannes Wer dieses Jahr bei den Internationales Filmfestspielen in Cannes auftreten darf, bleibt noch spannend. Beim Zurückschauen auf die letzten Jahre österreichischer Film in Cannes fällt aber immer wieder ein Name: Michael Haneke. Wir haben uns das Verhältnis von Cannes’ Lieblingsösterreicher und den Filmfestspielen genauer angesehen.

Acht filme Filme gezeigt acht Von Hanekes zwölf Kinofilmen, die er bisher als Regisseur gedreht hat, wurden acht in Cannes gezeigt. Gut 58 Prozent seines Werks feierte also bei den Filmfestspielen in Südfrankreich Premiere. Hanekes Cannes-Filme sind: »Der siebente Kontinent«, »Funny Games«, »Code: unbekannt«, »Die Klavierspielerin«, »Wolfzeit«, »Caché«, »Das weiße Band« und »Liebe«.

Zwei auszeichnungen Auszeichnungen zwei

33 statt 45 33 orientalisch statt 45 angehauchte Ergänzt wird die

Ergänzt wird die orientalisch angehauchte Wohnzimmer-Atmosphäre durch elektronische Musik, selten über 100 Beats Minute, Wohnzimmer-Atmosphäre durchper elektronischesogar Musik, selten über 100 Beats perdazu Minute, oft weit darunter. Dass man tatoft sogartanzen weit darunter. dazu der tatsächlich kann, warDass auchman für einige sächlich tanzen kann, war auch für einige der Heimlich-Mitglieder zunächst nur schwer Heimlich-Mitglieder nur besucht, schwer vorstellbar – wer die zunächst Partys heute wird jedoch – wer eines Besseren belehrt. Liebe vorstellbar die Partys heuteDie besucht, wird eines hat Besseren belehrt. Die Liebe zum jedoch Langsamen sich bei Andreas Buchzum Langsamen hat sich bei AndreasOberst Buchner, Teil des DJ- und Producer-Duos ner, Teil desdurchs DJ- und Producer-Duos Oberst & Buchner Feiern, aber auch durchs & Buchner durchsentwickelt: Feiern, aber auch durchs Experimentieren »Wir haben vor Experimentieren entwickelt: »Wir haben vor ein paar Jahren Platten bei mir zuhause auf einrpm paarabgespielt, Jahren Platten bei mir zuhause auf 33 die eigentlich auf 45 rpm 33 rpmwürden. abgespielt, die auf 45aufgerpm laufen Uns isteigentlich damals schon laufen dass würden. Uns ist schonund aufgefallen, die Bässe, diedamals Base-Drums die fallen, dass die Bässe, die Base-Drums und die Drums dadurch viel mehr Raum bekommen. Drums dadurch viel mehr bekommen. Man hört alles länger und Raum dadurch kommen Man hörtElemente alles länger und dadurch kommen gewisse natürlich viel stärker zu

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gewisse Elemente natürlich Geltung« Zudem habe man, viel wie stärker Oliver zu Geltung«ergänzt, Zudem mehr habe man, wie Oliver Rottmann Möglichkeiten, Rottmann ergänzt, mehr Möglichkeiten, Sets abwechslungsreicher zu gestalten: Sets habe abwechslungsreicher gestalten: »Ich gesehen, dass es zu genauso treibend habe sein kann, wie dass beispielsweise »Ich gesehen, es genausoDeep treiHouse. Allerdings kann man auch weniger bend sein kann, wie beispielsweise Deep House. Allerdings man weniger beat-lastige Teile inkann einem Setauch unterbringen beat-lastige in einem Set unterbringen und es damitTeile gewissermaßen aufbrechen« undOb es damit gewissermaßen diese langsame, wenn aufbrechen« auch treibenOb dieseelektronischer langsame, wenn auch auch treibende Spielart Musik in de Spielart elektronischer Musik auch Foin der eher technolastig bespielten Grellen der eher technolastig bespielten Grellen Forelle funktioniert, wird das Kollektiv Ende relle funktioniert, wird dasGeburtstagsfeier Kollektiv Ende März bei der einjährigen März der einjährigen testen.bei Ein Event, das sieGeburtstagsfeier sich selbst zum testen. Ein Event, das sie sichhaben selbst alles, zum Geburtstag schenken. »Wir Geburtstag »Wir haben alles, was wir bei schenken. unseren Veranstaltungen verdienen, dasunseren Projekt Veranstaltungen investiert. Man kann was wirinbei verdienen, in das Manhingekann also sagen, wirProjekt habeninvestiert. auf die Party also wir hochkarätige haben auf dieBookings Party hingespart.sagen, Um drei an einem Abend unterzubringen, braucht man spart. Um drei hochkarätige Bookings an einem Abend unterzubringen, braucht allerdings einen Club, in den mehr alsman 150 allerdings einen Club, in den mehr alsRott150 Leute hineinpassen«, erklärt Oliver Leute Oliver Rottmann. hineinpassen«, Auf die kleinen,erklärt privaten Events in Off-Locations das Kollektiv auch mann. Auf diewill kleinen, privaten aber Events in Off-Locations willverzichten das Kollektiv aberbleibt auch in Zukunft nicht – und in Zukunft verzichten – undVihaus bleibt letztlich demnicht Namen treu. Yasmin letztlich dem Namen treu.  Yasmin Vihaus Das Kollektiv Heimlich feiert am 31. März in Das Kollektiv Heimlich feiert am 31.Straaten, März in der Grellen Forelle mit Martha von der Grellen Forelle mit MarthaAm van Straaten, Ninze, Just uvm. Geburtstag. 2. April veröffentlichen sieEmma ihre erste Compilation. Ninze und Just Geburtstag. Am 2. April erscheint die erste Heimlich-Compilation.

AuSSer konkurrenz Konkurrenz ausser Hanekes Film »Wolfzeit« wurde 2003 in Cannes uraufgeführt, durfte aber nicht am Wettbewerb teilnehmen, da der damalige Jury-Präsident Patrice Chereau als Schauspieler im Film zu sehen war.

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Das Regelwerk verbietet mittlerweile, dass Filme, die die Goldene Palme, den Großen Preis der Jury oder den Regiepreis bekommen, auch eine zweite Auszeichnung erhalten dürfen. 2012 meinte Jurypräsident Nanni Moretti, dass er Hanekes »Liebe« ohne diese Regelung gerne auch den Darsteller- und Drehbuchpreis verliehen hätte. 2001 war diese Regel noch nicht in Kraft getreten: »Die Klavierspielerin« bekam sowohl den Großen Preis der Jury als auch den Preis für Bester Schauspieler (Benoît Magimel) und Beste Schauspielerin (Isabelle Huppert).

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Mahir Jamal Jahmal

Affenbande Das Regie-Duo Apesframed im Interview

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Wie laufen die aktuellen Projekte, wie geht es voran? martina: Wir haben einen Muskelkater vom Schleppen beim Dreh für einen Werbefilm gestern, weil wir in drei Locations zu zweit auf- und abgebaut haben. Das wäre ei-

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gentlich ein Job für vier gewesen (lacht). nicola: Ich finde körperliche Arbeit ganz gut im Ausgleich zur kreativen Kopfarbeit. martina: Im Verleih wurde ich einmal gefragt, ob mir die Kamera nicht viel zu schwer ist. Ständig will mir jemand helfen oder mit mir flirten. Es ist immer wieder Thema in der Branche, dass wir Frauen sind. nicola: Das liegt auch daran, also Martina – du bist wirklich klein und süß! Einen kleinen Mann würde ich auch fragen, ob er Hilfe beim Tragen braucht. Warum habt ihr euch entschlossen, ein gemeinsames Projekt zu starten? nicola: Film ist generell etwas Kollaboratives, man arbeitet immer mit anderen. Es ist aber schwierig, jemanden zu finden, der das selbe ästhetische Empfinden hat, darum ist Regie auch meist ein Einzeljob. Es ist aber schon viel geiler zu zweit und natürlich wird man als Frau in der Branche generell nicht so stark gesehen – als Duo ist das einfacher. Doppelte Power. Ihr wollt als Duo wahrgenommen werden und habt mit der Regie auch die leitende Rolle. Mit wem arbeitet ihr sonst gerne zusammen? martina: Apesframed sind wir beide. Frauen ganz oben in der Filmhierarchie gibt es leider zu selten. Das wollen wir ändern. Aber wir arbeiten gemeinsam mit einem Kameramann, Jakob Carl Sauer, der eigent-

lich lieber »Bildermaler« genannt wird. Und natürlich auch mit anderen Menschen, mit denen wir davor schon gerne zusammengearbeitet haben. Sie alle sind Teil unserer Affenbande. Wie ist die Zusammenarbeit mit den Künstlern? Kommen sie schon mit Ideen zu euch, oder habt ihr völlige Freiheit? nicola: Viele Musiker haben zu ihren Songs gar keine Bilder im Kopf, was mich total wundert. martina: Bisher wurde uns immer viel Vertrauen entgegengebracht. Viele sind froh, wenn das Visuelle jemand für sie übernimmt. MOTSA kam mit einer abstrakten Stimmung zu mir. Dann haben wir das als Anlass genommen, Apesframed zu starten und zusammenzuarbeiten. nicola: Wir hatten wirklich sehr ähnliche Vorstellungen. martina: Man kann sich das so vorstellen wie Zahnräder, die ineinandergreifen. Innerhalb eines Nachmittages stand das Konzept. Der Dreh selbst war recht experimentell und aufregend. Wir sind zu dritt in den Alpen herumgefahren, auf der Suche nach Nebel und den Bildern, die wir wollten. Einmal sind wir mitten auf der Autobahn auf die Bremse gestiegen, um den perfekten Moment einzufangen. Im Kontrast dazu war es auch schön, mit über 20 Leuten stundenlang an nur einem Shot zu basteln. Das war dann der zweite

Instagram: Vakat.at

026 Apesframed machen authentische Musikvideos und nehmen sich dabei genügend Spielraum für Imperfektionismus und Zufall. Im Interview sprechen sie über Frauen in der Filmbranche und die neue Wertigkeit des Formates. ———— »Was ist menschlicher? Der hyperstylische, inszenierte Instagramer oder der Affe?«, fragen sich Martyna Trepczyks und Nicola von Leffern. Sie verstehen sich als Regieduo – das gibt es selten, aber zu zweit gefällt ihnen die Arbeit einfach besser. Wenn ein neues Musikvideo durch Signature-Farben und intelligente Kontraste heraussticht, Menschen und Natur auf cineastische und nicht-klischeehafte Weise mit dem Song zusammenspielen, ist die Chance groß, dass die Girls, die hinter dem Namen Apesframed stehen, etwas damit zu tun haben. Martyna Trepczyks und Nicola von Lefferns Stil ist so ähnlich, dass sie von Freunden zur Zusammenarbeit verkuppelt wurden. Ihre Arbeit kennt man von Videos für österreichische Darlings der Musikszene wie AVEC, Leyya oder Those Goddamn Hippies. Für ihr gemeinsames Regiedebüt verliehen sie MOTSAs »Petrichor« die perfekten Bilder.

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sie was von uns brauchen, würden wir es sofort machen. Und natürlich SOHN, Soap & Skin, da gibt es viele ... martina: … und unbedingt Schmieds Puls. Welche Bedeutung hat das Budget bei eurer Arbeit? nicola: Alle haben die selbe Vorstellung: Es muss nichts Aufwendiges sein, nur eine gute, einfache Idee und günstig umzusetzen. Den Spruch hört man einmal pro Woche. Und dann frag ich mich – hattest du diese Idee schon? Weil wenn nicht, was erwartest du von mir? Wie viele supergeile, superbillige Ideen soll ich haben? martina: Es ist schwer, Leuten, die mit Film nichts zu tun haben, zu erklären, wie aufwendig und kostenintensiv das wirklich ist. Mir ist schon oft Unverständnis begegnet, sobald ich reale Zahlen genannt habe, was Budget oder Honorar betrifft. nicola: Also wir würden nie grundsätzlich kleinere Projekte ablehnen, nur im Gegenzug erwarten wir uns eine intensive Zusammenarbeit. Es macht einen Unterschied, ob man an einem Auftrag arbeitet oder an einer Kollaboration. martina: Im Endeffekt würde es ja auf uns zurückfallen. Oft sind die Berechnungen halt sehr vage und decken sich nicht mit der Zeit, die du reinsteckst. Im Grunde soll es aber eine Bereicherung sein, wir machen es aus Liebe. Pia Gärtner

»Als Frau wird man in der Branche generell nicht so stark gesehen – als Duo ist das einfacher. Doppelte Power.«

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Drehblock in Wien. Jeder Beteiligte hat so sehr an dieses Bild geglaubt – das gibt ein unheimliches Gefühl, das kein Honorar der Welt geben kann. Es ist ja eigentlich so, dass unsere Generation mit MTV großgeworden ist, jetzt hat sich die Situation geändert. Welchen Zugang zu Musikvideos hat die Generation Streaming? nicola: Diesen budgetären Absturz, wenn man das so sagen kann, habe ich nicht so miterlebt, damals haben wir ja nur konsumiert, nicht produziert. Dadurch stört mich die Situation jetzt auch nicht so. Ich finde aber keineswegs, dass die Qualität der Videos nachgelassen hat. martina: Videos waren in den 90ern superwichtig, dann hat es ein bisschen nachgelassen. Mit dem Internet und Youtube ist es jetzt anders, aber nicht unbedingt schlechter. Du kannst es dir als Musiker nicht mehr erlauben, nichts online zu haben. nicola: Du kannst dir nicht mehr erlauben, überhaupt einen Song ohne Video zu veröffentlichen. Also diese Standbilder – ganz ehrlich. Nimm Bilderbuch: Sie sind unter anderem so erfolgreich geworden, weil das ganze visuelle Konzept Hand in Hand mit der Musik geht. martina: Vor ein paar Jahren konntest du noch ohne diese Präsenz groß werden. Heute gewinnt das Format an Wichtigkeit wieder dazu. Auch als Kunstform? nicola: Ja, es wird mehr und mehr so wahrgenommen. Nicht nur bei den Filmkollegen, sondern auch bei den Konsumenten – nicht nur als eine Form von Popkultur, sondern auch als eine Form von Kunst. Bei vielen Festivals gibt es mittlerweile eigene Musikvideo-Kategorien, in Österreich beispielsweise beim Crossing Europe oder beim VIS. Kurzfilme sind etwas sehr Spezielles für ein bestimmtes Publikum, aber Musikvideos schaut eigentlich jeder. Da hat man schneller Zugang. Du kannst Kurzfilme machen, die plötzlich viel mehr Leute erreichen. Sie verbreiten sich von selbst und sind international gültig. martina: Man kann sich austoben, es gibt wenig Grenzen. Das ist genau das, was uns Spaß macht. Wer steht auf eurer Wunschliste? nicola: Wir wollten beide schon immer was für Efterklang machen, und sind sogar gerade mit ihnen im Gespräch, was uns total freut. martina: Ich würde jetzt gerne mal was für eine coole Frau machen. Solange ist natürlich der Wahnsinn, aber sie hat uns nicht nötig, weil sie mit dem Regisseur Alan Ferguson verheiratet ist (lacht). Lianne LaHavas, oder Daughter hingegen: Wundervolle Musik, aber schlechte Videos. So klischeehaft. Für die würde ich auch liebend gerne was machen. nicola: Beyoncé hat mit »Lemonade« die Messlatte bei Videos generell neu gesetzt, hierzulande war das Bilderbuch. Also, wenn

Frischer Wind in der Musikvideo-Landschaft tut gut. Zukünftige Projekte der zwei stehen in den Startlöchern. Bis dahin kann man Augen und Ohren ruhig noch ein paar Mal mit »Petrichor« verwöhnen.

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© Ismail Gökmen

Michael L. beim Musizieren

ES EIN FRANZÖSISCH

CHANSON

Freude steht Monika und ihrem Gesangslehrer ins Gesicht geschrieben. Michael arbeitet in seinem Brotberuf als freier Journalist und Texter. Als er während seiner Bildungskarenz eine Anzeige des ÖHTB (Österreichisches Hilfswerk für taubblinde und hochgradig Hör- und Sehbehinderte) sieht, das einen „musikalischen Menschen“ sucht, hat er sofort angerufen und sich für das Ehrenamt beworben. Er fühlt sich hier sehr wohl. Monika sei ein künstlerisches Talent, Als erstes spielt Michael „Oh, du lieber Augustin“. sagt er. Bei seinen Besuchen präsentiert ihm Monika Monika singt mit, klatscht und ruft „Bravo“ als das jedes Mal ein selbstgemachtes buntes Stickbild. StiLied vorbei ist. Jetzt sind beide aufgewärmt und die cken ist neben dem Singen ihre zweite Leidenschaft. tönt aus dem Radio. Monika singt mit. Sie wartet schon sehnsüchtig auf Michael. Michael spielt mit Monika Gitarre. Das ist für beide ein Fixtermin. Der 43-jährige Michael Link ist seit drei Jahren ehrenamtlich engagiert. Er kommt jeden Mittwochvormittag in die Wohngemeinschaft für ältere Menschen mit Behinderung und musiziert mit Monika. Sie kennt alle Lieder auswendig.

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„Freiwillig fü r Wien“ – Online-Plattf orm für alle ehrenamtlich HelferInnen en Ein Initiative der Stadt Wien bringt Angebot und Nachfrage zusammen: Freiwilligenorganisationen und Interessierte, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, können einander online finden und zwar auf www.freiwillig.wien.at. Für Wienerinnen und Wiener, die einen freiwilligen Beitrag für die Gesellschaft leisten wollen und nicht wissen, wo oder wie, gibt es im Internet die Orientierungs- und Entscheidungshilfe „Freiwillig für Wien“. Das Online-Netzwerk wird von den Helfern Wiens organisatorisch betreut.

n und sich ein ke üc dr on tt Bu en ün Den gr hen Einsatzgebiet aussuc Die Plattform „Freiwillig für Wien“ macht es möglich, schnell und unkompliziert online die passe de Tätigkeit für sich zu finden. Das Netzwerk der Stadt Wien für alle, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, bietet mittels Suchfunktion einfache und praktische Hilfe. Durch die Eingabe von diversen Kriterien, wie etwa möglicher Zeitaufwand pro Woche, Interessengebiet oder Ortsangabe, findet man ganz leicht eine auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnittene Freiwilligenarbeit.

Wo kannst du dich noch ehrenamtlich engagieren? Oftmals hat man im Leben Probleme, Sorgen und Fragen und weiß eigentlich gar nicht so recht, wo man die nötige Hilfe bekommt. Man läuft von A nach B und am Ende stellt man fest, man hätte zu Z müssen. Um den Weg abzukürzen und gleich die benötigte Hilfe zu finden, sind die „Stadtmenschen“ für die BewohnerInnen Wiens da. In Wien gibt es mit den vorhandenen Behörden, Institutionen und Vereinen ein vielfältiges und reichhaltiges Sozialangebot. Viele Hilfesuchende sind allerdings von den zahlreichen Möglichkeiten relevanter Beratungsstellen und der Unkenntnis, welche die

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richtige Anlaufstelle für ihr Problem ist, überfordert. Die „Stadtmenschen“ kennen das Wiener Sozial- und Unterstützungsnetzwerk und geben Hilfestellung, begleiten und unterstützen Menschen. Schnell und unbürokratisch suchen die Ehrenamtlichen gemeinsam mit den Betroffenen die richtigen AnsprechpartnerInnen. Die ehrenamtlichen „Stadtmenschen“ fungieren als Drehscheibe zwischen den WienerInnen und sozialen Angeboten. Weitere Informationen dazu findest du auf www.stadtmenschen.wien.

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Thomas Eder kann sich auf Facebook nur schwer mit seiner Meinung zurückhalten … und torpediert dabei gern Klischees. ———— Der Niederösterreicher Thomas Eder hat sich den Traum wohl vieler junger Menschen erfüllt: Er lebt davon, in Bands Gitarre zu spielen. Als Grunge-Fan in den 90er Jahren hat er dabei wohl nicht daran gedacht, eines Tages Mitglied der Schlager-Band Die Seer sein – genau das ist er aber nun bereits seit 2003. Und er ist es gern. Und während Die Seer darum bemüht sind, dezidiert unpolitisch zu agieren, lässt Thomas Eder, der auch einige Jahre in der Live-Band von Andreas Gabalier gespielt hat, es sich privat nicht nehmen, auf seinem Facebook-Profil äußerst aktiv seine Meinung zu allerlei gesellschaftspolitischen Themen abzugeben. Er äußert sich gegen Hömöopathie und andere esoterische Spielarten und ist dagegen, dass etwa Religionen sich einen Vorteil verschaffen oder den Alltag aller bestimmen. Und auch wenn er sich parteipolitisch ungern einordnen lässt, so ist doch klar, dass seine Meinung nicht dem entspricht, was man klischeehafterweise oft mir Schlager in Verbindung bringt.

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Wie bist du zum Schlager gekommen? Mit dem Genre »Schlager« hatte ich so gut wie kaum Kontakt, bis ich 2003 zu den Seern kam, die damals auf der Suche nach einem Gitarristen waren. Mit deren Schlagzeuger Wolfgang spielte ich damals in einigen anderen Bands in Wien und er hat mich dem Bandleader der Seer, Fred Jaklitsch, empfohlen. 14 Jahre und hunderte Konzerte später bin ich noch immer froh und dankbar darüber. Etwas Besseres hätte mir wohl nicht passieren können, sowohl aus musikalischer als auch aus menschlicher Sicht. Welche Rolle hat es dabei gespielt, dass es oft heißt, Schlager sei eines der wenigen Genres, in denen überhaupt noch professionell Geld verdient werden kann? Ich würde lügen, wenn ich sage, dass Geld keine Rolle spielt. Natürlich war es immer mein Ziel – schon als Jugendlicher – von der Musik leben zu können. Allerdings war der finanzielle Aspekt nie der wichtigste. Langfristig will man Spaß an der Musik haben und mit coolen Leuten auf der Bühne stehen. Ich habe noch immer, bei jedem einzelnen Konzert, genauso viel Spaß wie vor 15 Jahren, die

»Ich habe vier Jahre lang in der Band von Andi (Gabalier) gespielt. Dass da teilweise sehr unterschiedliche Weltanschauungen aufeinandergeprallt sind, wird jetzt niemanden überraschen.«

Stimmung in der Band ist großartig, ich habe Freude an dem, was ich mache. Gibt es für dich heute einen Unterschied zwischen dem, was du als deine Musik bezeichnen würdest und dem, was du beruflich tust? »Meine Musik« ist ein sehr schwieriger und schwammiger Begriff, den nicht mal ich selbst ordentlich definieren kann. Es gibt so vieles, was mir gefällt, aus den verschiedensten Gründen, dass ich mich gar nicht auf eine gewisse Stilrichtung festlegen könnte. Auch bei meinen Engagements war ich immer sehr

Hans Eder

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Seer-Gitarrist Thomas Eder Gegen die Erwartungen

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danke an oberster Stelle steht. Ein wenig mehr Rationalität und Wille, Dinge zu hinterfragen, täte uns allen gut. Wie reagieren die Fans – kommt es da zu Diskussionen? Grundsätzlich diskutiere ich politische Themen mit Fans eher nicht. Wir machen Musik und es ist nicht unsere Aufgabe, zu politisieren. Auf Facebook lässt sich das natürlich nicht immer vermeiden und vor allem auf meinem privaten Profil gab es natürlich Diskussionen, nicht nur mit Fans, sondern auch mit Bekannten und sogar mit Familienmitgliedern. Ich glaube auch, dass es sehr wichtig ist, zu diskutieren. Die Frage ist: Bringt das auch etwas oder ist es nicht vielleicht sogar kontraproduktiv? Gerade bei der Bundespräsidenten-Wahl hat man ja gesehen, wie das Land in zwei Lager geteilt war und zum Teil immer noch ist. Dass das nicht optimal sein kann, muss jedem klar sein. Diskussion ja, Dialog ja, Streit nein. Aber das ist leichter gesagt als getan, gerade ich als Parade-Polemiker ertappe mich immer wieder dabei, etwas über die Stränge zu schlagen. Wie sehen das deine Kollegen? Auch in den Tourfahrzeugen und an der Hotelbar wird genug diskutiert, bei so vielen Bandmitgliedern und ebensovielen Meinungen ist das wohl kaum vermeidbar, vor allem, wenn man so viel Zeit zusammen verbringt wie wir. Ich werde auch immer wieder gern aufgezogen, weil ich ja »an gar nichts glaube« und »immer alles hinterfragen muss«, das ist mittlerweile offensichtlich schon sowas wie ein Running Gag. Alles in allem sind wir je-

doch wirklich gute Freunde und verstehen uns blendend. Und es gibt auch keine Themen, bei denen die Gräben zwischen den verschiedenen Meinungen unüberbrückbar wären. Du hast live auch schon mit Andreas Gabalier gespielt? Wie schätzt du ihn ein, wie gehst du mit der Auswahl deiner Engagements um? Ich habe vier Jahre lang in der Band von Andi gespielt und bin letztes Jahr ausgestiegen – vor allem auch aus gesundheitlichen Gründen (Ich hatte 2015 einen Hörsturz und versuche seitdem, Stress bzw. die Anzahl meiner Engagements etwas zu minimieren). Dass da teilweise sehr unterschiedliche Weltanschauungen aufeinandergeprallt sind, wird jetzt niemanden überraschen. Das wurde aber nie wirklich thematisiert, ich hab meinen Job gemacht und bin sehr dankbar dafür, dass ich diese Erfahrungen machen durfte. Man hat als Musiker nicht oft die Möglichkeit, solche Tourneen und Konzerte zu spielen, und es war für mich eine durchwegs positive und erinnerungswürdige Zeit mit tollen Kollegen auf und hinter der Bühne. Mit Andi selbst hab ich über politische Themen nie wirklich gesprochen, auch wenn ich – so wie viele – bei einigen seiner Statements den Kopf schütteln musste. Ich würde mir jedoch nie anmaßen, ihn zu be- oder gar zu verurteilen, ganz einfach deshalb, weil ich ihn als Menschen viel zu wenig kenne. Martin Mühl

Die Seer spielen auch 2017 wieder ausgiebige Touren – unter anderem am 7. Juli 2017 in der Wiener Arena.

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offen, ich war und bin der Meinung, dass man immer und überall noch was lernen kann und niemals den Fehler machen darf, ein Genre oder eine Musikrichtung zu belächeln. Ich war auch auf Tour mit Brunner & Brunner oder dem Musikantenstadl, und auch wenn ich mir privat eher andere Musik reinziehe: Aus musikalischer Sicht waren diese Erfahrungen um nichts weniger anspruchsvoll als sonst irgendwas. Wer dir auf Facebook folgt, sieht von dir viele meinungstarke Postings und Kommentare mit klaren und eindeutigen Aussagen. Was ist dein Ansporn? Es tut mir einfach weh, wenn ich Tag für Tag sehen muss, dass logisches Denken und Rationalität mehr und mehr an Bedeutung zu verlieren scheinen. Und es gibt einfach zu viele Themen und Punkte, bei denen ich meinen Senf dazugeben muss. Ich nehme mir immer wieder vor, mich etwas zurückzuhalten, schaffe es aber dann doch nicht. Es ist wie ein Ventil, das ab und zu geöffnet werden muss. Klischeehafterweise rechnet man »volkstümliche Musik« eher konservativen Strömungen zu. Wie ist da deine persönliche Erfahrung, dein Einblick? Grundsätzlich stimmt das vermutlich, auch wenn es – auf beiden Seiten – viele Ausnahmen gibt. Die volkstümliche Musik behandelt natürlich Themen, in denen sich konservativere Menschen eher wiederfinden. Es liegt aber auch immer an der Band selbst und an den Messages, die vermittelt werden. Ich kenne sehr viele moderne oder neue Volksmusik-Acts wie etwa Folkshilfe, die alles andere als konservativ sind. Auch wir bei den Seern versuchen größtmöglich, politische Themen auszuklammern, weil wir es als Aufgabe sehen, einfach nur Musik zu machen, in der sich wirklich jeder wiederfinden kann, egal ob konservativ oder liberal. Ich würde dich als Skeptiker bezeichnen, der kritisch bis ablehnend gegenüber Religion ist, noch mehr gegenüber Esoterik, Spiritualität und auch Homöopathie? Das trifft es recht gut, ja. Aber eines gleich vorweg: Ich bin nicht »gegen« Spiritualität oder Glauben. Ich selber brauche nichts Übersinnliches oder Spirituelles in meinem Leben, aber offensichtlich gibt der Glaube sehr vielen Menschen Halt, was ja auch ok ist! Die Grenze ist für mich halt dann überschritten, wenn dieser Glaube plötzlich nicht mehr Privatsache ist. Ein schöner Spruch zu diesem Thema ist: »Don’t pray in my school and I won’t think in your church«. Wenn zum einen die Rationalität mit Füßen getreten und zum anderen den Leuten auch noch ihr Geld aus der Tasche gezogen wird, ist das halt doppelt bitter. Deshalb auch meine Ablehnung gegenüber Esoterik, Homöopathie und ähnlichem Firlefanz. Gibt es von dir klare politische Bekenntnisse oder scheinen diese nur naheliegend, wenn dich jemand bestimmten Richtungen zuordnet? Klare politische Bekenntnisse gibt es nicht wirklich. Jeder der mich kennt weiß, wie ich ticke und welchen Parteien ich wohl nie meine Stimme geben werde. Ich bin einfach jemand, bei dem der humanistische Ge-

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»Im Kindergarten meiner Tochter sprechen die Kinder in der dritten Person über Matthäus Bär, sie wissen, dass er eine Bühnenfigur ist.« — Matthäus Bär Matthäus Bär macht Kindermusik. Ein gewisses Alleinstellungsmerkmal für den früheren IndieMusiker. Aber auch sein größtes Handicap: Wie positioniert man sich als Künstler in einem Genre mit Imageproblem? ———— Die Strizzis. Der Gangster. Der Sir. Die Glam-Boys. Die Düstere. Es sind große Narrative, die jenen österreichischen Bands zugrunde liegen, die es aus der Nische geschafft haben. Es sind die Storys um sie herum, die ihr Image definieren und so zur Reflexionsfläche für viele werden lassen. Die Bierseligkeit Wandas mit ihren großen Gesten und das nostalgische Halblegale von Voodoo Jürgens, die arrogante Künstlerpersönlichkeit Falcos und die cheesy Sexyness von Bilderbuch. Aber auch die dunkle Erhabenheit von Soap & Skin. Vor allem bei den ganz großen Verkaufsschlagern ist es oft eine solche Geschichte, die die Leute abholt. Der damit verbundene, wie auch immer geartete Glamour, der das »Ich bin ein Star!« auch den unbedarftesten Rezipienten ins Bewusstsein impft. Das muss ein Nimbus sein, der leicht vermittelbar ist. Es ist wie beim Songwriting an sich: »Das Schwierigste ist, einfach zu sein. Wie ›Imagine‹ von John Lennon – dodeleinfacher Song und trotzdem Meganummer. Stefan Redelsteiner ist das ›Imagine‹ im Manage-

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ment-Bereich – die einfachsten Ideen, die niemand hat.« Das sagt einer, der sich selbst sehr genau mit Image beschäftigt, der das erkennt: Matthäus Bär, seines Zeichens Liedermacher und Entertainer im Bereich der Kindermusik.

Das hier ist kein Kindergarten Kindermusik. Musik für Kinder. Es gibt nur wenige Genres, die mit größeren Imageproblemen zu kämpfen haben. Wenn jemand Kindermusik macht, wirkt das immer ein bisschen Dings. Den Begriff in den Mund zu nehmen, ist verpönt. Ein anderes Wording stets ratsam – Eltern sollten immer miteinbezogen werden. Matthäus Bär löst das oft mit »Kindermusik für Eltern« oder »Elternmusik für Kinder«. Es ist die Segmentierung, die zu schaffen macht und für Veranstalter ausgrenzt, auch über die Subgenres hinweg. Denn die musikalische Zielgruppenoptimierung steht der der U-Musik in nichts nach, für jede Erwachsenenvorliebe gibt es ein Kinderpendant: Tote-Hosen-Punk für Kinder, Kiddie-HipHop und auch viel deutschen Pop.

Niko Ostermann

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Big in Wien 7 Über die Marke Matthäus Bär

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Gerade daran stieß sich Matthäus Bär – ehemaliger Sänger der braven Indie-Rocker The End Band und schon damals unter diesem Spitznamen bekannt – als er vor dreieinhalb Jahren auf Anraten der Mutter seiner Kinder erstmals probierte, auf Deutsch Musik für Kinder zu machen. »Vieles von dem, was es da gab, wirkte wie hingeschissen. Inhaltlich und ästhetisch muss es eh jeder selbst wissen, aber erstens war das technisch oft ›KeyboardPreset 1‹ und zweitens werden Kinder auch inhaltlich für dumm verkauft.« Und da kann man doch ansetzen, es besser machen, das Ganze in ein neues Gewand zu kleiden: »Ich wollte etwas schaffen, was man sich als Kind und Elternteil mit einer Ernsthaftigkeit anhören kann. Etwas, das den Ansprüchen von Erwachsenenmusik entspricht.« Matthäus Bär geht es nicht um Trash, nicht um Ruhigstellen der Kleinen in den Kinder- und Bälleparadiesen der Einkaufszentren der Nation. In den letzten beiden Jahren trat er mit Begleitband rund 50 Mal auf, idealerweise auf eigens veranstalteten Konzerten. Denn: Die großen Kinderfeste der Bundesländer, wo er in Kinderbespaßungsecken neben Krapfen, Kinderschminken und Luftballonfiguren auftrat, sind die neuen »Schweinsfestln«, wo niemand wegen einer Indie-Rock-Band kommt. Viele neue Fans gewinnt man nicht, wenn man dort spielt. Hintergrundbespaßung ist vor allem als Entertainer für Kids nur semi-interessant. »Kinder lassen dich sowieso sofort spüren, wenn du sie nicht bei der Stange hältst.« Ein Musikantenstadl mit Animationen wie beim Clubtourismus mit Mitklatschen und Ballaballa kommt nicht infrage. Niemand wird zum Mitsingen animiert, wenn doch, dann nur musikalisch, nicht mit großen Gesten. Der Erfolg gibt Bär durchaus recht, die erste Auflage der ersten beiden Alben »Matthäus Bär singt seine großen Kinderlieder« und »Stromgitarre, Schlagzeug, Bass«, die eher zufällig entstanden sind, sind jeweils ausverkauft und mussten nachgepresst werden. Als Betreiber des Labels Phonotron ist Matthäus Maier – so heißt er mit bürgerlichem Namen – auch Investor und Vertrieb in einem: Zielgruppengerechte Kindergeschäfte werden noch von ihm selbst bedient.

merksamkeit. Und in zehn Jahren würde er sich diesen Schritt nicht mehr trauen. Dafür passt er sein musikalisches Konzept etwas an: Es sind Songs, die weder klaren Eltern- noch klaren Kinderkontext haben. Ziel war und ist erreicht: Eine Schlager-Platte, ganz im Stile der Allergrößten, der großen Verbinder aller Generationen und Zielgruppen. Udo Jürgens etwa. Matthäus Bär: »Auf den bin ich total reingekippt. Er funktioniert für alle Generationen. Lieder für Kinderserien wie ›Es war einmal der Mensch‹ oder ›Tom und Jerry‹ verstehen die Kleinen total.« Hintergründige Sozialkritik freut die vordergründigen Schlagerfreunde und das Bildungsbürgertum. Und ja, es sind sozialkritischere Themen auf »Nichts für Kinder«, aber schon auch für Kinder verpackt. Für den passenden Schlagersound sorgt die Studio-Begleitband Polkov.

Spaß braucht Ernst Wenn man sich musikalisch neu orientiert, ist das nicht selten mit einer Image-Korrektur verbunden, mit einer Änderung des transportierten Narrativs. Matthäus Bär war immer als Dandy konzipiert, im Anzug im Stile Bryan Ferrys. »Die Kinder haben das sofort verstanden.« Kinder verstehen sowieso mehr, als man denken mag: »Im Kindergarten meiner Tochter sprechen die Kinder in der dritten Person über Matthäus Bär, sie wissen, dass er eine Bühnenfigur ist.« Diese Erkenntnis erlaubt ihm, das Spiel weiterzutreiben, zu übertreiben. Mit Posen, klassischen Gesten, Goldschuhen und silbernem Helene-Fischer-Mikrofon. Mit Sekt am

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Stromgitarre, Schlagzeug, Bass, das macht allen Kindern Spaß

Schotter, Kies und Kröten, Mäuse, Kohle, Heu und Stroh Wenn nun die neue EP »Nichts für Kinder« erscheint, bedeutet das eine Zäsur für Matthäus Bär – der Bär geht sozusagen »all in«. Bislang hat er immer nebenbei gehackelt. Jetzt heißt es: Entweder gescheit oder gar nicht. Einkommen zum Auskommen braucht volle Auf-

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Kindergeburtstag statt mit der Bierdose im Rinnsal. Es geht um Bühnenshow, um ShowEntertainment, wo man der Musik gerne zuhört. »Bei Robbie Williams hören die Leute den Songs zu, auch wenn er vorher mit dem Hubschrauber ins Wembley-Stadion fliegt.« Die größten Übertreiber des Schlagers, Christian Steiffen oder Alexander Marcus, sie alle brauchen aber die Ernsthaftigkeit zum Augenzwinkern. Es geht nur, wenn man es richtig ernst meint, damit es lustig ist. »Es ist ein bisschen dieser Austrofred-Schmäh«, meint Bär. Ein guter Vergleich. Das Hauptziel ist es eindeutig, die angesprochene Segmentierung aufzuheben, die Darstellung als reiner Künstler für Kinder aufzubrechen. Matthäus Bär will wahrgenommen werden, als Künstler, der auch Erwachsene anspricht. »Wenn man als normale Band ein Kinderlied macht, ist es egal, das schluckt jeder. ›Gegenteiltag‹ von Peter Licht etwa, das könnte auf jedem Album sein. Wenn du als Kindermusiker sagst, du machst einen Song für Eltern, geht das überhaupt nicht.« Auch welche Menschen Bär erreicht, steht der Weiterentwicklung ein bisschen im Wege. Die Zielgruppe sind natürlich die Eltern. »Ich bin big in Wien 7, da werde ich beim Bäcker nach Autogrammen gefragt. In Wien 6 passiert das schon nicht mehr.« Ganz klar, vor allem Bobos interessieren sich für Matthäus Bär. »Die Leute, die in gesunde Ernährung oder Holzspielzeug für ihre Kinder investieren, investieren auch bei Unterhaltung in Qualität. Die Leute, denen das nicht so wich-

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tig ist, hören halt das, was es im Libro-Regal unter ›Kinder‹ gibt.«

Reichweite, Reichweite, Reichweite Um die Marke Matthäus Bär aufzubauen, muss man eine Geschichte erzählen, sozusagen Content Marketing betreiben, sein Gesicht in die Kameras halten, auf Youtube die Kinder abholen, auf Facebook die Eltern. Matthäus Bär macht das mit Learninvg by Doing, mit Ausprobieren, mit Zielgruppen-Eruieren. Am besten werden alle Kanäle bespielt. Facebook-Kampagnen sollen die Insights bringen, bei Print darf man ruhig größer denken. »Durch meine Sozialisation kontaktierte ich hauptsächlich Indie-Medien. Die neuen Themen würden aber auch gut in Woman passen.« Ein sehr großes deutsches Männermagazin präsentiert Bär in einer Daddy-Beilage neben Super-Staubsaugern. Eltern-Blogs mit Zugriffen im siebenstelligen Bereich sind noch unerforschtes Land, aber das nächste große Ziel, um Reichweite zu generieren. Was dabei rauskommen soll, ist klar definiert, es geht um alles. Um das Schaffen von purer Bekanntheit, aber vor allem um das, was tatsächlich Einkommen bringt: Der Verkauf von CDs und Konzerttickets. Zuerst muss aber Präsenz aufgebaut werden: »Mir wäre es eigentlich sogar lieber, wenn die Leute die CD beim Saturn kaufen – das ist eine Form von Reichweite. Im Onlineshop bleibt zwar am Ende des Tages mehr über. Aber ich würde es cooler finden, wenn der Saturn sie einfach

liegen hätte oder wenn die Leute sie dort bestellen. Damit Matthäus Bär ein größerer Begriff wird.« So, wie es auch Wanda und BilDominik Oswald derbuch wurden.  Die EP »Nichts für Kinder« von Matthäus Bär erscheint am 7. April 2017 bei Phonotron. Am 4. April findet das Release-Konzert im Wiener Wuk statt.

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Mit Hyperreality erhalten die Wiener Festwochen ein Clubformat, das Regeln brechen will. Seine Kuratorin macht schon länger vor, wie das gehen kann. ———— Marlene Engel ist keine, die einem mal einen Schwank aus ihrem Leben erzählt. Dass sie während ihrer Kremser Schulzeit vom Chemie-Klassenzimmer auf den Backstage-Bereich des Donaufestivals sehen konnte, ist fast das einzige, was im Gespräch als Anekdote durchgehen könnte. Wenn es kein Coke Zero gibt, nimmt Engel halt Light und wenn statt dem bestellten Cappuccino Café Latte gebracht wird, ist ihr das auch egal. Selbstdarstellung und Nebensächlichkeiten sind das Ihre nicht; Spleens oder ein Hang zur Exzentrik, wie man ihn von vielen Kuratoren und Kulturmanagern kennt, sucht man vergebens. Google weiß quasi nichts über sie, Medien beschäftigen sich nachvollziehbarer Weise eher mit dem schillernden Neo-Festwochen-Chef Tomas Zierhofer-Kin. Und trotzdem kennt sie fast jeder, der sich in den letzten zehn Jahren irgendwie mit der österreichischen Festivallandschaft oder politischen Clubkultur beschäftigt hat. Soundframe, Elevate, Donaufestival, das eigene Label Moun10, Radio Orange, ihre Veranstaltungsreihe Bliss, Electric Spring und nicht zuletzt die Burschenschaft Hysteria – Engels Stationen machen sie zu einer der wichtigsten Figuren, die sich seit Jahren nicht nur in Worten, sondern in Taten für einen progressiveren aber auch inklusiveren Kulturbegriff einsetzen. Sie hat ihr Leben den schwierigen Themen gewidmet, auch wenn sie das wahrscheinlich nicht so sagen würde. Gender, Hautfarbe, Sexualität etc. – Diskurse, die im klassischen Kulturbetrieb, aber vor allem in der aktuellen Club- und Ausgehkultur noch unterrepräsentiert sind. Wieso eigentlich, kann sie nicht ganz rekonstruieren. Ihre eigene Homosexualität und die damit einhergehenden Konfrontationen, die Übergrifflichkeiten beim Weggehen in Wien haben – wie sie erzählt – sicherlich eine Rolle dabei gespielt, über die Utopie eines freien Raums, über den Idealclub nachzudenken. Wichti-

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»Die Festwochen sind eine Chance, die man nicht verspielen darf.« ger scheint aber die Entscheidung gewesen zu sein, das eigene Privileg immer wieder zu hinterfragen. Macht man das Verlernen gesellschaftlicher, kapitalistischer Regeln zum Dreh- und Angelpunkt der eigenen Arbeit, ist der eingeschlagene Weg kein einfacher.

Establishment mit Reibung Bei den Festwochen, deren Gesamtbudget sich auf 13 Millionen Euro beläuft, kuratiert Engel nun zusammen mit einem kleinen Team ein Festival im Festival. Wie viel genau des Budgets für Hyperreality reserviert ist, kommunizieren die Festwochen nicht nach außen; Mit der Auflösung der Spartenzuständigkeiten (Schauspiel, Musiktheater) sei diese Zuteilung obsolet geworden, wie es von offizieller Seite heißt. Das macht eine Einschätzung, wie das Kuratorinnenteam mit dem vorhandenen Budget wirtschaftet, unmöglich. Die Kritik, dass es mit solchen Summen ein Leichtes wäre, ein Festival von diesem Format umzusetzen, wird man sich gefallen lassen müssen, auch wenn sie nicht ganz greift. Denn auch genügend andere, gut subventionierte Festivals kümmern sich in keinster Weise darum, unterrepräsentierten Strömungen – nicht nur in der Clubkultur, denn die gibt es ja überall – eine Plattform zu geben. Hyperreality dagegen hat es sich zur Aufgabe gemacht, globale, im Mainstream wenig beachtete Clubmusik vorzustellen, gibt Labels und Kollektiven die Möglichkeit, ihre Showcases selbst zu gestalten und ist auch auf den Austausch der KünstlerInnen untereinander bedacht. Es versucht nicht nur, die ungeschriebenen Gesetze des Nachtlebens, des

Festivalzirkus zu hinterfragen, sondern auch eine Alternative anzubieten. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass Engel auf der großen Bühne agiert, doch im Vergleich zu ihrer Arbeit bei Soundframe, Donaufestival oder Elevate – Festivals, deren Selbstverständnis von Anfang an ein radikaleres, politischeres war, muss sie nun vor einem anderen, größeren – und man muss unterstellen – weniger aufgeschlossenem (Stamm-) Publikum reüssieren. So sehr man auch geneigt ist zu denken, dass Zierhofer-Kin und Engel es sich nun im schön durchgeförderten Establishment-Olymp bequem gemacht haben, so unbequem ist oft die Arbeitsrealität. Nicht jeder innerhalb des Festwochenteams, das ja nicht komplett ausgetauscht, sondern um die neuen MitarbeiterInnen ergänzt wurde, kann sich mit der neuen Richtung identifizieren, viel der Aufklärungsarbeit, die das KuratorInnenteam, bestehend aus Engel, Nadine Jessen, Johannes Maile und nicht zuletzt Zierhofer-Kin leistet, hat erst einmal in den eigenen Reihen zu geschehen. Da hat die Öffentlichkeitsarbeit noch gar nicht begonnen. Die Kompromisse, die Engel bei ihren eigenen Veranstaltungen in der Weise nicht eingehen musste, beschäftigen sie, zehren an den Nerven, wobei sie trotzdem versucht, aus den Reibungen das Gute und Lehrreiche herauszuziehen. »Natürlich ist man manchmal wutentbrannt und muss drüber schlafen, bevor man irgendeine E-Mail tippt. Aber die Festwochen sind eine Chance, die man nicht verspielen darf. Und oft wollen sich Leute mit einem anderen Weltverständnis einbringen, weil’s ihnen halt zu radikal ist und wenn ich das zuließe, würden sie damit das Projekt schlechter machen. Aber ihre Intention ist ja keine schlechte. Sie wollen es aus ihrem Verständnis heraus richtig machen«, so Engel. Im Gespräch, wenn sie Kritik äußert, sei es nun an bestimmten Bookings in Clubs oder an größeren strukturellen Mechanismen des Kulturbetriebs, schiebt sie oft ein »Aber ich versteh das« nach. Es wirkt nicht aufgesetzt oder bemüht diplomatisch. Engel kann im

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Marlene Engel im Porträt Der Bürgerkurator

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Gegensatz zu vielen, die nur so tun, Gegenliebe gestoßen sein; doch auch diese Meinungsverschiedenheit dürfandere Positionen im Diskurs nachte eine inhaltliche, keine persönliche vollziehen, sie kann zuhören. »Margewesen sein. »Marlene sammelt lene würde sich auch stundenlang mit Leuten unterhalten, die gar nicht ja keine Feinde. Absichtlich hat sie gehen. Aber ohne missionarischen sich’s ja mit niemandem verscherzt. Impetus, einfach weil sie an anderen Und wenn, geht es bei ihr auch nie um Meinungen interessiert ist«, so Naetwas Privates«, so Farahani. talie Brunner, die bei FM4 unter an- Umkehrung mit Humor: Engel will ein Festival, das sich für die Idealismus und Realität Stadt öffnet und persifliert mit dem Begriff »Bürgerkurator« H.C. derem La Boum de Luxe moderiert Straches Selbstbezeichnung als »Bürgerkanzler«, der damit eine Es sind tatsächlich inhaltliche Fraund zum engsten Kreis von Engel nationalistisch motivierte, vermeintliche »Öffnung« propagiert. gen, um die sich Engels Welt dreht, zählt. Unterhält man sich mit ihren WegbegleiterInnen, neuen wie alten, wobei sie Realistin bleibt: »Ich stehe wird sie durchwegs als leidenschaftfür nicht binäre Konstrukte ein, alle liche, fachlich äußerst kompetente, arbeitssa- die Releases aus dem Ausland bekam, war es systematischen Kategorisierungen, die man schwierig, in Wien voranzukommen, vor al- nicht braucht. Zwischen schwarz und weiß, me und freundliche Person beschrieben. Das verwundert vielleicht, denn jemand, der wie lem mit einer Musik, die damals nicht club- schwul und hetero, Mann Frau. Aber ich muss Engel mit seiner Meinung nicht hinter dem mir auch eingestehen, dass das idealistisch ist. tauglich war.« »Für unsere Nerven war das Die Realität ist eine andere und wie gehe ich Zaun hält, Stellung zu gesellschaftspoliti- nicht gesund«, erinnert sich Farahani an die schen Themen bezieht und mit der ein oder Anfangsphase. Najder und Mayr-Keber, die ihr damit um? Laut Wiener Veranstaltungsgesetz anderen Aktion vielleicht sogar gezielt Leu- eigenes Kollektiv V Are gründen sollte, verlie- darfst du zum Beispiel keine gemischten Klos te vor den Kopf stoßen will – einen Pulli mit ßen Moun10, Farahani und Engel versuchten haben. Die Kategorisierung wird dir ja aufgeder Aufschrift »Gegen Inländer!« wird nicht es noch länger, bis die Sache dann doch ein- zwungen. Und mit dieser Realität muss ich schlief. Die Arbeitsweise, nämlich eine kolla- arbeiten.« nur das Krone-Forum nicht verstehen – eckt borative, sollte Engel aber beibehalten. »Sie natürlich auch mal an. Nicht nur außerhalb Engel arbeitet gut mit der Realität. Das der Blase. erstellt gemeinsam mit Leuten Ideen und Line-up von Hyperreality ist in sich und für setzt sie dann auch gemeinsam um. Es ist kein sich nicht nur stimmig, konsequent und quaEin Festival-Lebenslauf Top-Down-Konzept; Sie holt unterschiedli- litativ hochwertig, es ist natürlich vor allem Engel stammt aus Krems, studierte in Wien che Positionen rein, das zieht sich durch bis ein Statement, dass das, was wir unter einem kurz Französisch, sattelte dann auf internati- zu den Festwochen«, so Bernhard Staudinger, Club, unter Clubkultur verstehen, auch anonale Betriebswirtschaft auf der WU um und ders aussehen kann. Und nein, diese Ansage der Engel seit einigen Jahren kennt und nun ließ im Wissen, dass sie bei etwas, das nunmal kommt nicht von oben. Sie wird nicht von als kuratorischer Assistent in ihrem Team bei nichts für sie ist, auch nicht das Nötige leisten Hyperreality mitarbeitet. »Wenn ich an sie jemandem gemacht, der wie ein neureicher kann, das Studium nach drei Jahren bleiben. denke, denke ich immer an Solidarität und Investor sein Geld in ein eco-friendly StartEin Nebenjob bei HIAS, einer Organisation, eine totale Begeisterung für die Arbeit von Up steckt und dann allen erzählt, dass man die politische Flüchtlinge betreut, sorgte für anderen Leuten. Ich kenne viele Leute in eh ganz einfach nachhaltig wirtschaften ein kleines Einkommen. Sie arbeitete am der Kunstszene, die neidisch sind. So ist sie kann. Sie wird von jemandem gemacht, der Soundframe mit, bis sich ihre Vorstellungen nicht«, sagt Jessyca R. Hauser, die zusammen seit Jahren privat und beruflich Commufür das Festival zu sehr von jenen der Grün- mit Lilly Pfalzer als »Blissquad« bei und mit nities, Menschen und Visionen unterstützt, derin Eva Fischer entfernt hatten, was beide verschiedenen Bliss-Bookings performt. Pfal- begleitet, featured. Ob sie eigentlich je darüheute aber entspannt sehen. »Wir sind beide zer und Hauser werden auch bei Hyperreality ber nachgedacht hat, Erfolg haben zu wollen, ein Projekt namens Sub Rosa verwirklichen. frage ich Marlene Engel, oder ob sie einfach starke Persönlichkeiten; jede wollte ihr Ding Zusammen mit Staudinger richtete Engel die durchziehen. Im Nachhinein betrachtet, ist nur ihr Ding machen wollte? »Ich glaube eher Letzteres. Ich erinnere mich an Diskussionen riesige Radio Orange 15-Jahres-Feier, bei der viel Positives dabei entstanden«, so Fischer. mit guten Freunden zurück, als es bei mir Einen Tag nach der Kündigung bot Zierho- Werk und Grelle Forelle bespielt wurden, aus und holte dafür Acts wie Inga Copeland, Lotic fer-Kin Engel einen Job beim Donaufestival mit den Veranstaltungen schlecht gelaufen an. Parallel zu ihrer Arbeit in Krems gründete und MikeQ nach Wien. Ein damals noch fast ist, die dann sagten ›Was willst du damit? sie mit Rana Farahani a.k.a Fauna, Matteusz unbekannter Arca, der wenig später mit sei- Den Job, den du willst, gibt es einfach nicht‹. Najder und Johanna Mayr-Keber das Label nem Debütalbum »Xen« einen Meilenstein Und das stimmte auch. Denn der Job, den ich Moun10. Die ersten Bliss-Partys, die damals der neueren Musikgeschichte hinlegen soll- jetzt habe, musste erst erfunden werden.« noch nicht so hießen, gingen über die Bühne, Amira Ben Saoud te, musste kurzfristig absagen. Die Program-  finanziell war die Lage schwierig. »Bei den mierung der Feier in der Größenordnung mit diesem Gespür für außergewöhnliche und Hyperreality – Festival for Club Culture by Wieersten Veranstaltungen haben wir viel Geld ner Festwochen wird von 24.–27. Mai im Schloss verloren, das konnte auf Dauer nicht so wei- im besten Sinne zeitgemäße Acts soll bei der tergehen. Auch wenn man gutes Feedback auf damaligen Radio Orange-Chefin nicht nur auf Neugebäude stattfinden.

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Musik studieren in Österreich The Sound Of Education Der Einstieg zur Karriere in der Musik wirkt heute einfacher denn je. Bei genauerem Hinsehen ist aber auch schnell klar: Musiker, die von ihrer Kunst leben können, haben oft nicht umsonst ihr Handwerk professionell gelernt. Eine Auswahl, wo und wie man hierzulande Musik studieren kann. ———— Ankathie Koi hatte einen Bachelor in Jazzgesang, bevor sie ihre Fijuka-Kollegin Judith Filimónova an der Angewandten kennenlernte. Lukas König studierte an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz und am Gustav Mahler Konservatorium in Wien, bevor wir seine Beats zu hören bekamen. Und Left Boy knüpfte beim Tontechnikstudium in New York erste Kontakte zur Rap-Szene. Natürlich gibt es genug Gegenbeispiele, die ohne

Studium erfolgreich Musik machen. Eine professionelle Ausbildung hat aber noch keiner Karriere geschadet. Möglichkeiten gibt es genug: Hat es dir ein bestimmtes Instrument angetan, kannst du dich für deinen Liebling im Hauptfach an einer der zahlreichen Musikunis einschreiben – vorausgesetzt du überzeugst bei der Aufnahmeprüfung. Aber auch, wenn dich Musik-Produktion, ein bestimmtes Genre oder das Drumherum fasziniert, kannst du in Österreich aus zahlreichen Studiengängen auswählen. 390 sind es, um genau zu sein, vom populären Lehramtsstudium über das klassische Musikstudium bis hin zu Alternativen wie einer Ausbildung zum Instrumentenbauer.  Stefanie Schermann 

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»Klassik«

»Pop«(ulär)

Du möchtest doch den klassischen Weg gehen, bist eins mit deinem Instrument und weißt, worauf du dich einlässt, nämlich üben, üben und noch mehr üben? Komponieren, Dirigieren und alles, was dazu gehört, kannst du während des Studiums an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien, sowie an der an der Privatuniversität der Stadt Wien erlernen. Dort werden jeweils verschiedene Ausbildungszweige – von Jazzposaune bis Operngesang – angeboten. Ähnliche Ausbildungsmöglichkeiten gibt es auch an den Konservatorien in anderen Bundesländern. Voraussetzung ist allerdings, dass man sein Instrument bereits gut genug beherrscht, um die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Zudem bietet die Wiener Dependance der Deutsche Pop Praxislehrgänge in dieser Richtung an – unter anderem zum Komponisten oder zur Komponistin. Ob man sich dafür entscheidet, ist allerdings auch eine Kostenfrage – ein mehrjähriges Studium kostet mehrere tausend Euro.

Das Lehramtsstudium ist unter all jenen, die Musik zu ihrem Beruf machen wollen, wohl der Popstar unter den Studiengängen – zumindest was den Bekanntheitsgrad angeht. Musik auf Lehramt kann man an jeder größeren österreichischen Universität studieren – zudem bieten die Pädagogischen Hochschulen in den Bundesländern meist einen musikalischen Schwerpunkt an. Wer zukünftig nicht mit der 3b »Yesterday« singen oder »Für Elise« analysieren will, wird möglicherweise an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien das passende – wenn auch weniger populäre – Studium finden. Angeboten wird dort unter anderem das Studium Musik- und Bewegungspädagogik, Instrumental- und Gesangspädagogik, zusätzlich kann man dort auch eine Ausbildung zum Musiktherapeuten machen.

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»Techno / Electronic«

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Wen vor allem der elektronische Musikbereich interessiert und wer sich vor Technik nicht scheut, könnte mit einem Studium im Bereich Musikproduktion oder Tontechnik den richtigen Weg einschlagen. Die Privatinstitution Deutsche Pop bietet in Wien ein Bachelorstudium zum »Music Technology Specialist« an. Dabei lernst du nicht nur professionell samplen und loopen, sondern beschäftigst dich zudem mit unterschiedlichsten Aufnahmetechniken oder der professionellen Nachbearbeitung von Audiofiles. Auch eine Ausbildung zum Tonmeister, Audio Engineer, Audioproduzent, Audio- oder Musikdesigner, oder Mastering Engineer ist dort gegen Bezahlung möglich. Wem diese Ausbildungen zu teuer sind, oder wer neben Musik auch Interesse an TV-Produktion hat, wird an der FH St. Pölten fündig. Der Studiengang Medientechnik bietet eine Spezialisierung im Bereich Audio und Video an. Neben umfassenden Kenntnissen zu Aufnahme-, Schnitt- und Bearbeitungstechniken erhalten Studierende auch einen Einblick in die Bereiche Fernsehproduktion oder Motion Graphics.

»Volks(wirtschaft &)musik« Nicht zu vergessen ist der (volks-)wirtschaftliche Aspekt von Musik. An der FH Kufstein können sich all jene, die Musik nicht nur gerne hören, sondern auch an Bereichen wie Booking, Label- und Verlagswesen oder Musikvermarktung interessiert sind, ein Semester lang im Rahmen des Zertifikatslehrgangs Musikwirtschaft weiterbilden. Zudem bietet die Ebam Business Akademie eine Ausbildung zum Musikfachwirt in Form von Abendkursen an. Diese Ausbildung ist als Weiterbildung für Wirtschaftsfachkräfte gedacht, die in die Musikindustrie einsteigen wollen. An der Deutschen Pop ist zudem die Ausbildung zum Musikund Eventmanager möglich. Außerdem wird ein Bachelorabschluss im Bereich Music Management angeboten. Wer sein Bachelorstudium bereits abgeschlossen hat und eine zusätzliche Ausbildung machen möchte, wird in Krems fündig – an der Donauuniversität kann man den Masterstudiengang »Musikmanager« absolvieren. Nicht zu vergessen sind bei all diesen Bildungsangeboten jedoch die entstehenden Kosten.

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»Indie / Alternative« Du suchst nach hippen, ungewöhnlichen Alternativen? Vielleicht ist dann eine Lehre zum Instrumentenbauer das Richtige für dich. Die Früchte deiner Arbeit könnten bald zwischen Fender und Gibson in der Klangfarbe stehen. Im Zentrum für Zeitgenössische Musik an der Donau-Universität Krems können sich Interessierte zudem auf die Suche nach »neuen Wegen der Kunstvermittlung mit Schwerpunkt Musik« machen. Eine Suche, die dich jedoch um etwa 1.800 Euro ärmer macht.

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Seit 2014 arbeiten die heimischen Universitäten daran, ihr Fachwissen miteinander zu teilen und auf neue Art für Hochschulen, Wirtschaft und Gesellschaft nutzbar zu machen. ———— Mit den Wissenstransferzentren haben die heimischen Universitäten sich dem Wissens- und Technologie-Austausch zwischen den Universitäten und ihren Fachrichtungen verschrieben. Zielgruppen sind in erster Linie die Studierenden, Alumni und Universitätsangestellten. Laut Georg Russegger, einem der Projektleiter des Wissenstransferzentrums Ost und Teil des Vizerektorats an der Akademie der bildenden Künste Wien, kann man dies als »Dritte Mission« neben Forschung und Lehre verstehen. Vermittelt wird aber nicht nur untereinander, sondern auch an Wirtschaft und Gesellschaft. Entstanden sind drei Zentren – Süd, West und Ost – seit 2014 im Auftrag einer Zusammenarbeit von Wissenschafts- und Finanzministerium und dem AWS im Sinne der EU-Strategie »Europa 2020« und der Innovations-Strategie »Der Weg zum Innovation Leader« der Bundesregierung. Neben regionalen Wis-

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»Eine andere Maxime der Projekte der Wissenstransferzentren ist ihre ErgebnisOffenheit.« — Georg Russegger

senstransferzentren umfasst das Programm auch die Patent- und Prototypenförderung und ein Zentrum im Bereich Life Science.

Ökonomisch überlebensfähig Einer der Schwerpunkte ist die Verwertung und Nutzung von Wissen und Technologie – es geht also unter anderem darum, Vorhandenes auch unternehmerisch einzusetzen: »Insbesondere in den sogenannten Soft Sciences, aber auch in der künstlerischen For-

schung und in der Kunst, bei den Kreativen und GestalterInnen ist die Bedarfslage spezieller – hier geht es speziell um die Befähigung ökonomisch überlebensfähig zu sein und unternehmerisch zu agieren,« erklärt dazu Russegger. Naheliegend ist im Wissentransferzentrum Ost so auch die Wirtschaftsuniversität Wien beziehungsweise das WU Gründungszentrum ein wichtiger Partner. Rudolf Dömötör, auch Projektleiter und sonst beim Gründungszentrum, beschreibt deren Aufgabe so: »Wir bieten schon sehr frühphasig Unterstützung an – und das beginnt bei Awareness. Wenn Du deinen Traum, dein Projekt, … verwirklichen willst, ist es durchaus sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen, was ein Geschäftsmodell ist.« Eine andere Maxime der Projekte der Wissenstransferzentren ist ihre ErgebnisOffenheit. »Komplexe Kanäle und hohe Vernetzungsgrade, Wissensblasen und Aufmerksamkeitsökonomien können blinde Flecken nur dann überkommen, wenn auch Ergebnisoffenheit, Versuch und Irrtum ihren Platz finden,« erklärt Russegger: »Die Wissenstrans-

Anna Konrath, Arge Schwarz 2017, werksalon.net

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Unis, Gesellschaft, Wirtschaft Wissenstransferzentren sorgen für Austausch

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I Do It My Way Mit dem Anspruch, »Von der Idee in die unternehmerische Selbstständigkeit« zu begleiten, leitet Betriebswirtin Antoinette Rhomberg dieses Projekt. In einfachen Schritten soll es gelingen, die eigene Gründungsidee durchzudenken und zu Papier zu bringen. Der Werksalon findet heuer bereits zum dritten Mal statt und ist eine Mischung aus Maker-Werkstatt und Co-Working-Space. Es ist eines von vielen Modulen, die Entrepreneurship unterstützen und fördern.

Transfer & Creativity Hubs Transfer & Creativity Hubs sind Trainingsprogamme im WTZ Ost, die über mehrere Monate ausgewählte Personen oder Gruppen unterstützen. Ziel ist es, thematische Schwerpunkte zu identifizieren und diese auf die Teilnehmer zugeschnittenen Trainings & Coachings dabei einen Schritt weiter in ihrer Professionalisierung, in ihrer ökonomischen und fachlichen Qualifikation zu bringen. Ein Beispiel ist der daraus entstandene Spin-Off »Pixel Bytes & Film«, der in Kooperation mit dem BKA (Abteilung Film), Arte Creative und ORFIII durchgeführt wird – als Testmarkt und Erstverwertungsfeld für die frischen Experts.

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ferzentren als Organisationseinheiten des Wissenstransfer müssen deshalb flexibel und anpassungsfähig für viele Wissensfelder und Themenbereiche sein und sind auch deshalb per Definition Zentren des Wandels und der Transformation.« Das ist auch der Grund, warum die Organisation der Projekte durchaus komplex und von außen nicht immer leicht durchschaubar ist. Die einzelnen Zentren und ihre Projekte, Module, Arbeitsgruppen und Spin-Offs finden auf vielen Ebenen statt und sind untereinander vernetzt. Dömötör findet es aber besonders lohnend, »wenn wir den Wissenstransfer auf Peer-to-peer-Ebene hinbekommen. Also ein Setting schaffen, in dem etwa Workshop-Teilnehmer von den Kunstunis und WU-Studenten voneinander lernen können. Teilnehmer sind darin nicht nur »Informations / Know-how-Empfänger, sondern bringen ihre jeweiligen Skills auch für andere ein, die davon profitieren. Das bringt Empowerment.« In den vergangenen drei Jahren konnten bereits einige Projekte in diesem Kontext umgesetzt werden.  Martin Mühl 

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Marianne Engelmann war eine der ersten, die sich für die Betreuung, Bildung und Unterbringung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge eingesetzt hat. Heute, zwei Jahre nach der Eröffnung des ersten Georg-Danzer-Hauses, kann sie auf eine Geschichte mit vielen Hochs und Tiefs zurückblicken. ———— Die Initiatorin wollte nicht länger zusehen, wie Jugendlichen eine Familie und der Zugang zu Bildung verwehrt wird und war eine der ersten, die sich privat für die Unterbringung und Betreuung der jungen Menschen einsetzte. Kritik üben allein war ihr zu wenig. Mit dem ersten Georg-Danzer-Haus in Wien wollte sie ein Zuhause für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge schaffen, ihnen Zugang zu Bildung und ein vertrautes Umfeld bieten. »Ich bin eine, die nicht lang fragt oder um Förderungen schnorren geht, sondern einfach macht«, erklärt sie pragmatisch. Wenn man mit ihr spricht, wird schnell klar, dass sie nicht leicht aufgibt – eine Eigenschaft, die dem Projekt und dem Verein Fluchtweg zu Gute kam.

Ein Bett alleine reicht nicht Die von ihr angestoßenen, privaten Wohneinrichtungen gelten immer noch als Vorzeigeprojekt – dabei hat sie sich bei der Eröffnung zunächst nicht nur Freunde gemacht. Streitigkeiten mit den Behörden in Wien, bürokratische Hürden und fehlende Förderungen ließen das Projekt in der Bundeshaupstadt scheitern. Aktuell bieten heute drei Häuser in Niederösterreich Platz für 40 Jugendliche. Neben einem familiären Umfeld war Bildung immer eines der Kernthemen – von Anfang an. Unrsprünglich stellte Engelmann auch eine Lehrerin an – vorgesehen waren Weiterbildungsmöglichkeiten im Budget für die Betreuung von Jugendlichen von Seiten der Politik zu dieser Zeit noch nicht. »Mir war damals schon klar, dass ein Bett alleine nicht reichen wird. Man kann diesen Menschen, die nach Österreich kommen, nicht einfach den Zugang zu Bildung verwehren. Außerdem brauchen sie Alltag und Struktur. Bei uns gab es von Anfang an eine Trennung zwischen

Wochentagen, an denen gelernt wird und dem Wochenende, an dem Zeit für Freizeitaktivitäten ist. So entsteht weniger Langeweile und alle sind ausgelastet«, so Engelmann. Ziel sei letztendlich aber, das die Jugendlichen die Sprache lernen, einen Schulabschluss machen oder eine geeignete Lehre finden und so in Österreich Fuß fassen.

Traum vom eigenen Bildungshaus Während die jungen Geflüchteten bis zum Sommersemester 2016 öffentliche Schulen besuchen konnten, stellte eine Gesetzesänderung die Betreuungseinrichtungen vor neue Herausforderungen. Seitdem dürfen öffentliche Schulen in Niederösterreich keine Flüchtlinge, die über 15 Jahre alt und damit nicht mehr schulpflichtig sind, aufnehmen. »Wir hatten damals 60 Jugendliche in damals noch vier Häusern in Wien und Niederösterreich in Betreuung, von denen viele ihren Schulplatz verloren haben. Die Enttäuschung war damals natürlich groß, weil die meisten lernen wollen und davon ausgegangen sind, dass sie im Herbst wieder in die Schule gehen können. Wir haben uns dann die Frage gestellt, was wir mit diesen Menschen machen. Natürlich findet man vereinzelt Plätze und wir haben sie in den Häusern weiterhin unterrichtet, aber sie brauchen eine Möglichkeit, den Hauptschulabschluss oder zumindest Deutschzertifizierungen abzulegen«, so Engelmann. Um die Situation für ihre Schützlinge zu verbessern, eröffnete sie kurzerhand selbst eine Schule in Stockerau, die die Jugendlichen im besten Fall bis zum Hauptschulabschluss bringen sollte. Neben dem Deutschunterricht stand auch Ethik, Englisch, Mathematik und Sport auf dem Stundenplan. Zudem wurde auch Unterricht für all jene, die weder Lesen noch Schreiben konnten, angeboten. Während das mediale Echo und der Zuspruch zunächst groß war, musste die Bildungseinrichtung in der Zwischenzeit aus finanziellen Gründen wieder schließen. Den vermeintlichen Rückschlag sieht Engelmann mit einem lachenden und einem weinenden Auge: »Es war für uns

Wenn Bildung Schule macht 040-051 Gap 162 Story 02.indd 44

alleine ohne die Unterstützung vom Land finanziell letztendlich nicht mehr tragbar. Ich sehe das Projekt dennoch als Erfolg, weil seitdem ein Umdenken stattgefunden hat. In Niederösterreich starten jetzt flächendeckend Weiterbildungsmöglichkeiten, von denen auch unsere Jugendlichen profitieren. Mir geht es nicht um meinen persönlichen Erfolg, mir geht es darum, dass etwas in dieser Richtung unternommen wird.« Sie will jene Organisationen, die die Ausschreibungen für Bildungsangebote von Land und Bund gewonnen haben und damit auch ein gewisses Budget zur Verfügung haben, nun »ihre Arbeit machen lassen«. Letztendlich gehe es darum, nicht nur für ihre eigenen Schützlinge, sondern für alle Jugendlichen in Österreich eine passende Lösung zu finden – ein Auftrag, den sie alleine ohnehin nicht erfüllen könne.

Forderung nach Recht auf Bildung Je nach Bildungsniveau und Aufenthaltsstatus sind die Jugendlichen der Georg-DanzerHäuser jetzt in unterschiedlichen Kursen und Weiterbildungsprojekten untergebracht. Während die einen Deutschkurse absolvieren, haben die anderen bereits den Sprung ins Gymnasium oder in eine Übergangsstufe geschafft, wiederum andere besuchen Kurse des AMS. Ohne Bildungsangebote würde es nicht gehen – das hat Marianne Engelmann gerade in der Zeit kurz nach der Schließung des Bildungshauses und bevor einige der Jugendlichen in anderen Weiterbildungsprogrammen untergekommen sind, gesehen. »In den drei Wochen, als sie keinen Unterricht hatten, haben wir die Unruhe in der Gruppe gemerkt. Sie fordern das Recht auf Bildung und kommen dann sogar mit VHS-Kursen, die sich selbst suchen. Sie merken, dass sie wesentlich weiterkommen, wenn sie Deutsch können, sich benehmen und höflich und freundlich sind«, so Engelmann. Entscheidend sei dabei auch die Gruppendynamik und das familiäre Umfeld. Wertebildung und der Umgang mit Mitmenschen ist dabei ein ganz zentrales Thema. Ein Vorteil sind vor allem die klei-

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Die Georg-DanzerHäuser im Porträt

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im Porträt S P E C I A L

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nen Gruppen von nur 16 Bewohnern, die ein familiäres Umfeld ermöglichen. Das Lernen voneinander und von den Betreuern und Betreuerinnen steht dabei im Vordergrund. Heute nehmen die Georg-Danzer-Häuser auch Jugendliche auf, die anderen Orts Schwierigkeiten machen – für Marianne Engelmann ein ganz persönlicher Erfolg: »Die jungen Menschen, die in anderen Einrichtungen Schwierigkeiten machen, sind uns oft am liebsten. Das sind meistens die, die ihre Rechte einfordern, gleichzeitig aber auch fordern, etwas zu lernen. Wenn man ihnen die Hand reicht, sie unterstützt und ihnen Vertrauen gibt, greifen sie meist gern danach – diese Hand wird ihnen nur zu selten angeboten.«

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Die »Happy Refugees«-Familie Das Konzept des familiären Umfelds will Engelmann mit ihrem Verein nun fortsetzen. Während die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge mit dem 18. Lebensjahr eigentlich endet, können sich viele ihrer Schützlinge von dem gewohnten Umfeld nur schwer trennen. Um dem entgegenzuwirken, gründete Engelmann den Verein Unbegleitet, der sie bei Angelegenheiten wie der Wohnungs- und Jobsuche oder dem Asylverfahren begleitet. »Wir möchten ihnen dadurch weiterhin die Sicherheit geben, dass sie nicht alleine sind. Es tut im Herzen weh, wenn man sieht, dass jemand auf einem guten Weg ist und dann durch die neue Situation wieder überfordert und alleine dasteht«, so Engelmann. Mit ihren Häusern will sie ihren »Georg-Danzer-Haus-Kids« eine Familie bieten, die – wie die meisten herkömmlichen Familien – nicht mit dem 18. Lebensjahr auseinanderbricht, sondern letztendlich immer weiter wächst.  Yasmin Vihaus

Die Georg-Danzer-Häuser sind aus einer Initiative des Vereins Fluchtweg entstanden. Die Finanzierung erfolgt über die vom Land Niederösterreich ausgezahlten Tagsätze für die Bewohner.

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Ob in der Pornoindustrie, im Medienbereich, im Bildungssektor oder in der Werbung – an Virtual Reality kommt kaum jemand vorbei. Wie entwickelt sich die Technologie in Österreich und vor welchen Herausforderungen stehen die Macher? ———— Virtual Reality ist Realität – gerade im letzten Jahr schafften es viele der Anwendungen und Gadgets in private Haushalte. Während die Preise sinken, entwickelt sich die Technologie weiter und mit Tools wie der Samsung Gear VR oder der Playstation VR sind bereits leistbare Geräte für den Endnutzer im Informations- und Unterhaltungssektor erhältlich. Am weitesten verbreitet ist allerdings nach wie vor die einfachste Variante des virtuellen Eintauchens in Form von 360-Grad-Videos – nicht zuletzt, weil auch Netzwerke und Videoplattformen wie Facebook, Youtube oder Vimeo das Format unterstützen und so die Verbreitung der Inhalte vereinfachen – eine Einstiegsdroge also.

All it takes is a smartphone Alleine auf Facebook wurden bis Juni letzten Jahres mehr als 25 Millionen 360-Grad-Bilder und mehr als eine Million 360-Grad-Videos gepostet. Zudem ist gerade diese, am wenigsten immersive Form von Virtual Reality,

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einem großen Teil der Rezipienten ohne die Anschaffung zusätzlicher Hardware zugänglich – »All it takes is a smartphone«, wirbt etwa die New York Times auf ihrer Plattform NYTVR, die bereits im November 2015 gelauncht wurde. Zum Start verschickte die amerikanische Zeitung mehr als eine Mio. Google Cardboards an ihre Abonnenten und machte sie damit VR-ready. Doch auch andere Medienhäuser ziehen nach – Anfang März kündigte beispielsweise CNN eine eigene Virtual-Reality-Nachrichteneinheit an, die sich auf 360-Grad-Content und Live-Streams in VR spezialisieren wird.

Storytelling neu definieren In Österreich finden sich derzeit hauptsächlich Einzelprojekte, bei denen mit Virtual Reality gearbeitet wird. Im letzten Jahr wurde beispielsweise das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker vom ORF in Kooperation mit Wien Tourismus mit acht 360-GradKameras eingefangen. Seher können dabei nicht nur die Blickrichtung, sondern auch die Perspektive wechseln. Aktuell würden die Möglichkeiten, die VR biete, allerdings bei Weitem noch nicht voll ausgeschöpft. »Wir Medienmacher müssen uns verstärkt um die

vielfältigen neuen Formen des Storytellings, die dadurch geschaffen werden, kümmern«, so Siegfried Steinlechner, Redakteur der ORF TV-Kultur. Viel Potenzial sieht auch Axel Dietrich, CEO von vrisch, einem der ersten Unternehmen, dass sich in Österreich ausschließlich auf die Erstellung von VR-Content konzentriert: »Aktuell stehen wir am Anfang und viel passiert durch Trial and Error. Zum einen ist die Technik neu, zum anderen muss auch Storytelling neu definiert werden. Der Film hatte als Medium über 100 Jahre Zeit, um eine Bildsprache zu entwickeln – bei VRContent muss diese mehr oder weniger neu erfunden werden.« Gemeinsam mit der Wiener Zeitung setzte das Team von vrisch das 360-Grad-Projekt eXodus um, das den Alltag von Kriegsflüchtlingen an der libanesischen Grenze zeigt. Der Blickwinkel kann während dem 13-minütigen Video selbst bestimmt werden und der Nutzer hat die Möglichkeit, das Camp aus den Augen der Flüchtlingskinder Aishe und Abdallah zu sehen. »Im Endeffekt ging es in diesem Projekt viel um Verständnis und Empathie. Durch die Technik hat man bei einem gewöhnlichen Interview tatsächlich das Gefühl, mit den Flüchtlingen in einem Zelt zu sitzen. Das schafft eine besondere

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real life?

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Atmosphäre der Unmittelbarkeit«, erklärt Dietrich. Das Ergebnis ist nun sowohl auf der Seite der Wiener Zeitung als auch mit einer eigenen Virtual Reality App sowie mit einer Spezialbrille auf Youtube 360 zu sehen.

Virtual Reality in Österreich Laut einer Studie des Gallup Instituts zum Media Innovation Day kennen aktuell 53 Prozent der Österreicher¬ und Österreicherinnen den Begriff Virtual Reality, bei den 16-30-Jährigen sind es 78 Prozent, unter Schülern und Studenten sogar 94 Prozent. »Wir sehen, dass die Bekanntheit und das Interesse gerade bei den Millenials stark ansteigt. Aktuell informieren sich viele Leute über Inhalte und Gadgets«, so Nils Behrendt, Marketingleiter bei vrisch. Auch Vlad Gozman, Mitbegründer des österreichischen Start-ups Stereosense, das sich auf die Bearbeitung, Herausgabe, Distribution und Monetarisierung von Virtual Reality spezialisiert hat, sieht in der österreichischen VR-Szene durchaus Potenzial: »Meiner Auffassung nach traf Virtual Reality in Österreich auf regen Enthusiasmus. Es gibt vermehrt Jungunternehmen und Start-ups, die sich dem Thema widmen. Beispielsweise hat in Wien mit Vrei eines der ersten VR-Cafés

in Europa eröffnet, innovative Produktionsunternehmen wie Vrisch und Junge Römer produzieren Custom-Experiences, mit der Virtual Reality Association Austria und der VRVienna gibt es auch seit geraumer Zeit einen Fachverband und ein periodisches Meetup der Szene und Technologieanbieter wie Bitmovin oder eben stereosense bieten ein zunehmendes Angebot an Plattformen und Infrastruktur für 360-Grad-Content in VR.« Die Einsatzfelder sind vielfältig – von begehbaren Architektur-Renderings über virtuelle Rundgänge bis hin zur realitätsnahen Probefahrt mit dem Traumauto ist viel möglich. Letztendlich gehe es – bei werblicher wie informativer Nutzung der neuen Technologie – vor allem darum, für den Nutzer ein Erlebnis zu schaffen, das er oder sie im Gedächtnis behält und, im Falle von Werbemaßnahmen, mit der Marke verbindet. »2016 war das Jahr, in dem Virtual Reality einer breiteren Masse vorgestellt wurde und gerade im Marketingbereich wird viel damit experimentiert. Man kann Geschichten jetzt noch globaler, größer und realistischer erzählen«, so Gozman. Durch das Eintauchen in eine virtuelle Realität wird der Zuseher noch stärker emotionalisiert, da er nicht mehr nur Beobachter ist, sondern Teil

des Geschehens wird. »Gerade für Brands ist es wichtig, ein Produkt als Erlebnis anfassbar zu machen. Alles, was Marketing erfolgreich macht, wirkt in der Virtualität dank Immersion intensiver. Bei keinem anderen Medium ist die Wahrscheinlichkeit so hoch, dass Konsumenten direkt und in Echtzeit reagieren«, erklärt Gozman. Sind damit künftig alle Probleme der Werbeindustrie gelöst? Wohl kaum – denn auch der Zuseher gewöhnt sich an ein neues Medium. Auch in Zukunft werde vor allem der Inhalt darüber bestimmen, welche Inhalte Aufmerksamkeit generieren, vermutet Nils Behrendt: »VR-Macher sollten sich nicht nur auf den ›Wow-Effekt‹ bei den Rezipientinnen und Rezipienten verlassen. Wir haben heute die Möglichkeiten, hochwertige, einzigartige und nutzenstiftende Erlebnisse zu schaffen, die im Unternehmen, zuhause und online geteilt werden und in Erinnerung Yasmin Vihaus bleiben.« 

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Das 360-Grad-Projekt eXodus thematisiert das Leben der Menschen im libanesischen Flüchtlingslager Moussa Taleb unweit der syrischen Grenze.

Virtual Reality wird auch ein Schwerpunkt der Maker Faire Vienna, die von 20. bis 21. Mai 2017 in Wien stattfindet. Dort können im Ausstellerbereich verschiedene Gadgets ausprobiert werden, zudem finden auch zahlreiche Talks und Workshops zum Thema statt.

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Rainer Nowak Chefredakteur und Herausgeber

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Optical Engineers

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S P E C I A L

B I L D U N G

Maker_innen, vernetzt euch! Die eigene Szene hacken

Open Access alleine reicht nicht. Wie Maker_innen sich Raum und Wissen in der vorwiegend männlich dominierten Szene aneignen. ———— »Einfach machen.« – so könnte das Motto einer Szene lauten, die seit etwa 15 Jahren wächst, gedeiht und ihren Weg nach Österreich gefunden hat. Der Grundgedanke besteht darin, möglichst allen Menschen einen niederschwelligen Zugang zu hochtechnologischen und damit oft auch teuren Geräten wie 3D-Druckern, CNC-Fräsen, Plottern oder Lasercuttern zu bieten. Zudem sollen eigene Räume auch die Vernetzung von Menschen, die an ähnlichen Projekten arbeiten, fördern. 2002 eröffnete der Informatiker Neil Gershenfeld das erste Fabrication Laboratory (kurz FabLab) am MIT und setzte damit den Grundstein für die heute rund 600 FabLabs weltweit. Es ist schwierig, die Szene genau ab- oder einzugrenzen – nicht zuletzt, weil DIY kaum Grenzen kennt und sich die Gemeinschaft neben Open Source auch Open Access als Leitmotiv auf die Fahnen schreibt. Diese gewisse ideologische Komponente ist es auch, die Maker von Bastlern im klassischen Sinne unterscheidet. Die von diesem Grundkonzept ausgehende Faszination hat sich in den letzten Jahren auch hierzulande verbreitet – aktuell gibt es über 30 Maker- und Hackerspaces, die Interessierten Raum und die nötigen Arbeitswerkzeuge zur Umsetzung ihrer Ideen zur Verfügung stellen. Die Konzepte sind dabei unterschiedlich – während in Wien das HappyLab und Maker Austria zu den FabLabs zählen, ist das Metalab ein unabhängig und gemeinschaftlich betriebener Raum, dessen Nutzer sich als Kollektiv verstehen.

Hemmschwelle für Frauen oft größer Teil dieses Kollektivs war auch Stefanie Wurschitz. 2009 gründete sie mit Mz* Baltatzar’s Laboratory, den ersten feministischen Hackerspace

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in Österreich, der zunächst Platz im Metalab fand. So wirklich wohl fühlten sich die Hackerinnen dort allerdings nicht. Obwohl Open Access ein großes Thema ist, bleibt die Hackerszene männlich dominiert und der Zugang für Frauen gestaltet sich oft schwieriger. »Es besteht ein unglaublicher Aufholbedarf, weil die Hemmschwelle für Frauen einfach größer ist. Viele sind fasziniert von der Maker Culture und sehen diese als Möglichkeit, ihre Träume umzusetzen, trauen sich aber letztendlich nicht in einen Makerspace, weil sie sich unwohl oder technisch nicht gut genug fühlen oder weil sie das Gefühl haben, hier nicht hinzugehören«, erzählt Wurschitz. Dabei sollten Hacker- oder Makerspaces wie ein gemeinsames Wohnzimmer fungieren, in dem sich Menschen einen Raum, aber auch Werkzeuge, Arbeitsplätze und Wissen teilen. Grundlage dafür ist eine angenehme Atmosphäre, in der sich die Maker_Innen ein Stück weit zuhause, vor allem aber respektiert fühlen.

Auch Rollenbilder können gehackt werden Einen solchen Raum hat das Mz* Baltatzar’s Laboratory jetzt im 20. Wiener Gemeindebezirk gefunden – geöffnet ist der Hackerspace ausschließlich für Frauen und Transgender. Erklärtes Ziel der Hacker_ Innen ist es, sich mit Technik auseinanderzusetzen, sie zu verstehen und sie dadurch auch ein Stück weit zu entmystifizieren. »Auch eine CNC-Fräse ist kein Wunderding. Keine dieser Technologien ist magisch, alles ist erklärbar und erlernbar«, erklärt Wurschitz pragmatisch. Neben Technologien setzen sich die Hacker_innen von Mz* Baltatzar’s Laboratory aber auch mit Ideologien auseinander – denn auch Rollenbilder lassen sich hacken oder zumindest diskutieren. Wer an eine Person, die beispielsweise eine CNC-Fräse bedient denkt, hat zunächst oft das Bild eines Mannes vor sich. Eine Vorstellung, die es durchaus

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050 Innen aus verschiedenen Bereichen haben dort die Möglichkeit, ihre Projekte einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Zudem werden Vorträge und Workshops angeboten. Im Rahmen des Festivals organisiert Wurschitz gemeinsam mit Joanna Kowolik und Magdalena Reiter erstmalig ein Netzwerktreffen für die Szene. »Es ist total wichtig, dass Frauen Netzwerke knüpfen, weil wir noch bei Weitem nicht so viele Zugänge haben. Es ist ein systematisches Problem, dass Frauen immer wieder benachteiligt werden und dem muss man sich einfach stellen«, erklärt Magdalena Reiter, die als Designerin arbeitet und im Metalab aktiv ist, die Notwendigkeit. Mit dem Netzwerktreffen will man verschiedenen aktiven ProtagonistInnen in der Szene aktiv die Möglichkeit geben, sich kennenzulernen, sich über Projekte auszutauschen und sich zu vernetzen – denn gemeinsam hackt und maked es sich bekanntlich leichter. Yasmin Vihaus  Die Maker Faire findet von 20. bis 21. Mai 2017 in der METAStadt in Wien statt.

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Maker Faire In Wien trifft man sich wieder zum Maken. Nach der Premiere im letzten Jahr kehrt das DIY-Festival, das mittlerweile an 150 Orten in 38 Ländern stattfindet, von 20. bis 21. Mai nach Österreich zurück. Die Veranstaltung in der METAStadt bietet Bastlern, Hackern und DIY-Enthusiasten die Möglichkeit, ihre eigenen Projekte einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen und sich gleichzeitig auszutauschen. Vom Bauen eines eigenen VR-Cardboards über das Bestaunen von Robotern, die Cocktails mixen, bis hin zum selbstgedruckten 3D-Maskottchen bietet das Festival aber auch für alle, die zum ersten Mal Maker-Luft schnuppern wollen, genügend Programm. Neben den ausgestellten Projekten werden zahlreiche Workshops, Vorträge und Podiumsdiskussionen angeboten. Der Fokus liegt in diesem Jahr vor allem auf Virtual Reality, Nachhaltigkeit und Startup-Services, die Makern dabei helfen sollen, ihr Hobby zum Beruf zu machen.

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Prosa — Puneh A nsa r i

Prinzip Hoffnun’ Puneh Ansari bahnt sich gerade ihren Weg an die Öffentlichkeit. Die Autorin versorgt mit wortgewaltigen, scharfen und hintergründigen Statusmeldungen seit geraumer Zeit einen sehr erweiterten Freundeskreis auf Facebook. Die Statushighlights der Wienerin gibt es nun in ihrem Debüt »Hoffnun’« (mikrotext) gesammelt zum Nachlesen. Hier ein Auszug.

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h mein gott ein paartherapeutenpaar bist du deppat das muss jenseits unser aller vorstellungskraft sein was sie für ein sexualleben haben, jenseits von gut & böse, von hell & dunkel, von sado und maso. alle grenzen mit gesprächen durchfoltert, speiben sich nur mehr transzendent zam und massieren sich mit ihrer kotze die handflächen und so zeugs. sie bauen ihr eigenes kautschuk an und sie sprechen harmonisch geschlossen, lösen sich als eigene endivien auf und schreiben ihre honorarnoten zusammen auf ein blatt, als 1 alter merged ego unter einem namen, sprechen mit einer stimme wie siamesische shiningzwillinge. tantrische zwillinge, die sich ihre schwarzwurzelchakren fisten in liebe und hingabe, aber mit aufgeklärter entspannter hingabe. keine gier, keine furcht, keine geschwollenheit befällt ihr herz. der orgasmus ein leises asmr-pusten, eine liebe brise, eine schneeflocke auf der nasenspitze macht sie shaky und bringt sie zum zerrütteln. dann zerspringt sie wie eine wundertüte zu silvester, knapp am punkt vorbei wenn du nicht abdrückst im vorbeigehen. die erleuchtung unspektakulär wie gott. für sie ist schlechter sex guter sex und guter sex karmischer sex. sie rammen zum valentinstag baumstämme in einen erdberg. sie führen sich nicht in versuchung sondern erlösen sich von deinem kreislauf.

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ie habsburger waren teils ur fertig eigentlich. viele suizide und so. aber niemand lädt zur habsburgerdoku die extherapeutinnen vor die kamera wie bei der marilyn. damals gab‘s gar keine therapeuten. die leute gingen zur beichte und haben sich zumindest noch geschämt wenn sie scheiße waren, geschämt bis in den tod du bitch. früher gab es keine dokus und keine videos und auch keine sexualität und keine psychologie. es gab bis ins 19te jahrhundert keine richtungen oder schulen und keine namen für diese sachen. erst im 20sten. den menschen war inzest wurscht. mord und totschlag und menschenrechte alles nicht da. früher gab es nichts. wenn jemand auf einem stein eine kerze anzündet & klatscht & dazu singt mit drei tönen war das schon »unterhaltung«, beglückung. heute wären 4 tage in so einem zustand ein fall für den psd. wahrscheinlich gab’s bei hof jungfrauenblunzengröstel und hanswurstleberknödeln wenn er nicht lustig genug war und wir wissen das alles nicht und machen sissifilmchen und milchmehlspeisen und nichts entspricht der wahrheit.

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#hu n d e rt h ja h r e i n t e rn e t jetzt wo ich in der verbannung lebe auf einem schottischen moosfels auf einem orgelwachturm aus kupfer und kein fernseher mehr da ist die selbstmisshandlung durch den internetkonsum zu betäuben, in der betäubung dem bewussten zu entwenden und in den schlund der magengrube wegzusperren, ist diese sofakonstellation mit dem tv-schrein obsolet geworden. ich könnte das sofa umstellen, noch ohrensessel und fauteuils hinstellen und einen salon machen wo sich die elite trifft und über die geschehnisse des fernsehens diskutiert an legendären abenden voller urbaner mythen bei brötchen und absinth. oder lesekreise, oder malkreise, bastelkreise, internetzirkel, mondmessen, und so etwas. fin de siecle II

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eit es saft gibt mag ich obst. früher war mir obstkonsum zu utilitaristisch und ich war nicht in meiner mitte aber jetzt ist alles besser geworden.

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n einer unverkrampfteren welt hätte der typ von fifty shades of gray seine angebetete in seinem zu einem slingdisneyworld tiefergelegten maisonetteloftpalast tarzanesque durch sein folterterrarium hindurchpeitschen und sie nach dem kaviarabendmahl zu sich herdrosseln können vom ersten stock in den 3. Stock, um ihr ein gutenachtfisty zu richten im romantischen hochhäuserschwindellicht. er hätte sie in wachs gießen, am kran baumeln lassen und pflicht wahl oder wahrheit mit ihr spielen können, sie fenster putzen lassen wie einen hammerhai mit dem glasputzdings ins gesicht geknebelt, sie in einer katzenkiste mit glöckchen im kleiderschrank zamsperren, sie seine schuhsammlung putzen und dann daraus apfelsaft trinken lassen können, einen köder in ihr verstecken und das würgereptil freilassen, ihr ein bad einlassen und dann die e-tschick hineinschmeißen, sie zu mussorgski improvisationstanzen lassen am nagelbrettteppich, sie mit einem stabmixer aufwecken, ihr eine bluttransfusion ans bett bringen, mit ihr dvd schauen, in die disko gehen mit ihr an der langen leine und alle verheddern sich und brechen sich alles und müssen weiter machen und tanzen und tanzen gnadenlos unter seiner despotischen hand. sie so lange nicht füttern bis sie einen felgeaufschwung schafft am reck, ihre finger bei den hämmern fixieren und laut klavierspielen je nachdem, ihr die augen verbinden und topfschlagen spielen im park. zu feuerschluckworkshops laden, zu faschingsbällen laden wo alle als turtles kommen, nächte mit flambiertem schokobrunnen nude igelvölkerball »seiltanz« und was weiß ich. doch die gesellschaftlichen konventionen zwingen das junge ungleiche paar, ihre zarte zuneigung hinter gittern auszuleben, sich in einem spielzimmer vor den eltern und der welt zu verstecken, im verborgenen ihre körper achtsam beschämt mit dem anblick weinroter einervorhänge zu martern.

Puneh Ansari Facebook eignet sich ausgezeichnet, um literarische Kleinode zu schmieden und unter die Leute zu bringen. Puneh Ansari hat mittlerweile eine solide Fanbasis auf der Social-Media-Plattform aufgebaut und schmiedet derartige Kleinode. Ihre Statusmeldungen werden eifrig gelesen und kommentiert. Kein Wunder, sind es doch genaue Beobachtungen, die subtil scheinbare Alltagsbanalitäten aufspießen, die uns die 34-jährige Wienerin in ihrem literarischen Debüt »Hoffnun’« (mikrotext) serviert. Thema: das Leben. Resultat: intime und wuchtige Bestandsaufnahmen einer Autorin, die mit Sprachgefühl und sprachlichem Eigensinn in einer zusehends brüchig werdenden Welt Fragen stellt, Antworten sucht und Erkenntnisse findet. Böse, dunkel und mit lakonischem Witz garniert, verdichtet Ansari ihre Beobachtungen zu feinen literarischen Skizzen, hinter denen das Groteske und Absurde unserer Existenz lauern. Was bleibt, ist aber immer noch die Hoffnun’ – auch wenn diese gerade im Begriff ist, sich langsam aufzulösen.  Manfred Gram

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Filmpremiere #SINGLE

Gewinnen thegap.at/gewinnen

Gola Equipe Suede und Gola Aster Print Gola setzt in der neuen Sommerkollektion auf eine Balance aus neuen Modellen und beliebten Klassikern – und auch die Kampagne schließt an bekannten Brit Chic an, der reduziert und mit einem Hauch von Nostalgie inszeniert wird. Wir verlosen zwei Paare des Equipe Suede für die Herren und ein Paar des floralen Aster Print für die Damen.

Alien Covenant inne

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Mit der »Prometheus«-Fortsetzung schließt Ridley Scott die Lücke zu seinem 1979er-Meilenstein »Alien« und lässt lässt die Crew der Covenant auf einem verlassenen Planeten auf den Androiden David treffen. Ab 18. Mai im Kino. Wir verlosen ein FanPaket bestehend aus der Blu-Ray »Prome­theus To Alien – Evolution«, Schlüsselanhänger und T-Shirt. aliencovenant.at

Das menschliche Paarungsverhalten im 21. Jahrhundert. Andrea Eder wirft einen kritischen, aber humorvollen Blick auf das Phänomen Online-­Dating. Erleichtert das Überangebot an Möglich­keiten es, einen Partner zu finden, oder ist die Menschheit dabei, mit Hilfe von Social Media zu vereinsamen?

Di, 16. Mai 2017, 20 Uhr Votivkino Währinger Straße 12, 1090 Wien Wir verlosen 40 � 2 Tickets für die Premiere des österreichischen Dokumentarfilms »#SINGLE«. Die Gewinnspielteilnahme ist bis 9. Mai 2017 unter thegap.at/gewinnen möglich.

In Kooperation mit

Snowden Oliver Stone hat sich mit »Snowden« (VÖ: 7. April) wieder ein klar politisches Thema gesucht und mit einer Reihe an hochdekorierten Darstellern, die Geschichte von Edward Snowden (in der Hauptrolle: Joseph Gordon-Levitt) verfilmt. Stone konzentriert sich dabei auf die Entwicklung Snowdens – vom Start seines Jobs bis zu seinen Veröffentlichungen über die Überwachung durch die NSA. Wir verlosen drei DVDs.

Nick Cave & The Bad Seeds: One More Time With Feeling Nick Cave hat sich für den Film »One More Time With Feeling« mit der Kamera bei der Arbeit begleiten lassen. Gedreht in 3D und in einer Mischung aus Farb- und Schwarzweiß-Aufnahmen gelingt eine intime Annäherung – gerade in der schwierigen Zeit kurz nach dem Tod seines Sohnes. Wir verlosen eine DVD und zwei Best-of-Alben.

Was hat dich bloß so ruiniert

Teilnahmebedingungen: Die Gewinnspielteilnahme kann ausschließlich unter der angegebenen Adresse erfolgen. Die Teilnehmer werden im Falle eines Gewinns bis 10. Mai 2017 per E-Mail verständigt. Eine Ablöse des Gewinns in bar ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mitarbeiter des Verlags sind nicht teilnahmeberechtigt.

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Marie Kreutzer lässt in ihrem Film eine Riege erfolgreicher junger Schauspieler aus dem vollen Schöpfen und ihre sogenannten Bobo-Existenzen aufeinanderkrachen. Drei Paare stehen im Mittelpunkt – alle mit jungen Kindern oder kurz davor, welche zu bekommen. Und alle wehren sich nach ihren Möglichkeiten dagegen zu verspießern. Wir verlosen 3 DVDs.

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Rezensionen Musik 5/8erl in Ehr’n

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Duft der Männer — Viennese Soulfood

Astrid Knie

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Elf Jahre bestehen 5/8erl in Ehr’n mittlerweile als Band. Im selbst begründeten Genre Wiener Soul reicht ihr Repertoire von tiefernst-politisch über poetisch-verkopft bis hin zu weinschwanger-trübsinnig, von Protest- über Liebes- bis Wienerlied. Das Grundkonzept bleibt dabei im Großen und Ganzen unverändert: Gitarre, Kontrabass, Akkordeon, Wurlitzer und zwei Männerstimmen schaffen einen Gegenentwurf zu einem allzu geradlinigen Pop-Verständnis. 13 Tracks finden sich auf dem neuen Album »Duft der Männer«, welches auf weite Strecken ohne das typisch Wienerische Granteln auskommt. »Badeschluss« eröffnet jedoch resignativ Wienerisch: Vergänglichkeit als Leitmotiv anhand eines Sommertages am Wasser – ein Post-Liebeslied? »Campari Soda« ist das erste einer Reihe politscher Songs auf dem Album, klanglich im Geiste eines Adriano Celentano und unter Mitwirkung von Nadia Zampini auf Italienisch. Die Rechte wird zur Mitte, geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut, der Populismus wird zur treibenden Kraft ohne Aussicht auf Besserung – »diese Welt schädigt die Gesundheit«. Absolute Zustimmung. Die zweite Single »Geh bitte Bobo« rechnet, natürlich nicht ganz frei von Selbstironie, mit dem Duktus und Ökonomieverhalten der Hipster- und Boboszene ab – aus »Geh ma Mahühü« wird inhaltlich ein eh nettes »Geht’s bitte scheißen«. Als Bonus gibt’s ein GTA- Video mit Hannibal Scheutz als Paradehipster. »Sterne essen Kapitäne« wiederum ist vermutlich in Kombination mit dem dafür vorab veröffentlichten Video der gefühlt poetischste Track des Albums. Zwischen Sprachmalerei in 4/4 und Wurlitzer in 6/8 breitet sich wohlig eine romantisch-traurige Geborgenheit aus. Und dann wird noch bei Hannah Arendt vorbeigeschaut: »Wir bekämpfen nicht das Böse, wir bekämpfen die Banalität.« 5 / 8erl in Ehr’n werden auch gegen die Banalität des Bösen nichts ausrichten können. Gegen die Banalität als solche ziehen sie jedoch auf diesem Album sowie auf den Bühnen des Landes mit Erfolg ins Gefecht. Eine Umarmung! (VÖ: 21. April 2017) Thomas Nussbaumer 

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Der Nino aus Wien

Ankathie Koi

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Wach — Problembär

Wenn sich die anderen überlegen, wie sie noch mehr LoFi sein und noch unmotivierter an ihrer Gitarre schrammeln können, scheut sich eine nicht, so dick wie möglich aufzutragen. Allein dafür gebühren Ankathie Koi schon Extrapunkte aus Dankbarkeit. Als Hälfte von Fijuka fing sie mit einem eingekehrten Sound an, der sich noch im weitesten Sinne Folk nannte und seit der ersten Solo-EP und dem zweiten Album als Duo extrovertierter wurde. Zwei Jahre später dreht sie die Nebelmaschine des Mysteriösen endgültig ab und verpasst uns damit auf »I Hate The Way You Chew« eine gewaltige Zuckersynthie-Watschn. Es glitzert und funkelt, wo es nur kann. Gleich mit dem ersten Beat von »Black Mamba« erzeugt Ankathie Koi eine Stimmung, in der man hüftschwingend mit den Fäusten in der Lederjacke zur U-Bahn gehen und sich vorstellen will, das wäre der Anfang eines subversiven Tanzfilms aus den 80ern. Doch man kann die 80er nicht als Patron einkaufen, ohne ihre Ambivalenz mitzunehmen. Das Zuckergussklischee treibt sich in »Foreign Heart (Caribbean Theme)« selbst hoch und wird in Balladenform schnell too much to handle. Nicht ganz sicher, ob meh oder eh geil, ist man sich auch bei »I Am Jealous Of My Boyfriend’s Past« – hört sich an wie ein Songcontest-Beitrag aus Island, der oft douze points bekommt. Das muss jeder selber wissen. Man tut der ersten Koi-Only-LP aber großes Unrecht, wenn man nicht hinter den Glitzer schaut. Gerade bei »Fruitflesh« – dem besten Song des Albums – macht sie Dream-Pop eingängig und ist dabei das Gegenteil von langweilig. Und »Hurricane« ist ein Sieben-Minuten-Epos, bei dem man ehrlich hofft, das es nie aufhört. Das Beisein eines frühen Michael Jackson wird dort spätestens bei Kois »Hi-hi« evident. Mehr treibende Beats im Zusammenspiel mit »Ich hab heute noch was vor«-Attitüde serviert sie uns bei der großartigen Vorabsingle »Little Hell«. Das alte Mysterium von Fijuka gibt es einzig noch in »Loose« zu hören. Dort singt sie gegen Frauen an, die nie zu weit gehen, weil das nicht ladylike sei. Wir sind sehr froh, dass Ankathie Koi so was wurscht ist. (VÖ: 21. April 2017) Theresa Ziegler

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»I’m not like everybody else«, im Chor vorgetragen, ist nicht zuletzt deshalb das zynischste Lied der an selbsthassendem Liedgut nicht gerade armen Kinks. In seiner puren Botschaft passt sie natürlich zum größten Wiener Popstar des letzten Jahrzehnts. Die Wahrhaftigsten der 60er Jahre stehen Nino teilweise Pate für sein nunmehr siebtes reguläres Studioalbum. Im Gitarrentraum »Sandy Simmons« – Kennern ist die Dame schon aus der Vorgängeralbumhälfte »Träume« bekannt – zitiert er das ähnliche »Too Much On My Mind«. Nur, das »And there’s nothing I can say« passt dann gar nicht dazu. Denn: Nino Mandl hat natürlich einiges zu sagen. Er tut das wieder dialektfrei, auch wenn vor allem die Wienerischen Lieder – insbesondere der letztjährige Überhit »Praterlied« von der EP »Adria« und das Top-3-Album »Unser Österreich« – die großen Erfolge der letzten 35 Monate seit dem hochdeutschen Doppelschlag »Bäume« und »Träume« markierten. Gerade jetzt, wo Dialekt Trumpf ist, wo Spezln wie der Voodoo abräumen, ist das eine konsequente und daher richtige Entscheidung. Genau wie die Wahl des Hyper-Erfolgsproduzenten Paul Gallister, der neben Amadeus, ESC-Auszeichnung und Platin jetzt auch einen Österreichischen Filmpreis rumstehen hat. Sein »Wach« ist, das darf man durchaus nicht missverstehen, »poppiger« geworden, ist sozusagen die Vermischung dessen, was man beim letzten Mal noch trennte – aber halt schon mehr »Träume« als »Bäume«. Da gibt es auch Raum für Experimente, für elektrisch anmutendes Schlagzeug (»Tränen machen wach«), für Psychedelisches (»Sei froh«) oder SitarSpaghetti-Western (»Sunshine Blues«). Dennoch sind, was nicht anders zu erwarten war, vor allem die klassisch-morbid-existenzialistischen Gitarren-»Balladen«, die seit jeher den größten Reiz ausmachten, die Einserscheiben. Ganz vorne: »Die Bohème«, der ein »ewiges und nebliges Hoch auf die Bohème« ausspricht und mit Streicherbegleitung an die Allerschönsten des Œuvres erinnert und sich mit seiner assoziativen Betextung nahtlos darin einreiht. Nicht zuletzt deshalb ist »Wach« trotz dezentem Exotenfaktor eine sichere Bank. (VÖ: 7. April 2017) Dominik Oswald

I Hate The Way You Chew — Seayou

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Pamela Russmann, David Kleinl

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Rezensionen Musik

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Series on the Practice of Digital Games

MuseumsQuartier / Q21 / Raum D, 1070 Wien

PROGRAM MARCH – MAY 2017 Thu. 02.03.17, 19h

LIVE PITCH OF AUSTRIAN GAMES #8: GAME PROTOTYPES

Jury: Luke Valentine Production Manager Io-Interactive, DK Susan Cummings Executive Producer and Founder Tiny Rebel Games, UK Alexander Hofmann Director Game Engineering and Simulation Technology, Technikum Wien

Thu. 23.03.17, 19h

STUDIO TOUR: DEVELOPER-PRESENTATIONS AND ROUNDTABLE Johanna Schober Martin Filipp

Fri. 24.03.17, 13h

Wallis Bird Findlay Leyya Milliarden Kytes White Miles Dero & Klumzy Attwenger Onk Lou Ogris Debris Polkov Mimo Inner Tongue Autonomics uvm.

20. > 22. April 2017

Spielboden Dornbirn

13:00 – 14:30 : Sproing GmbH 15:00 – 16:30 : Mi’pu’mi Games GmbH registration@subotron.com

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Thu. 06.04.17, 19h

GAMES & MOVIES: LIVING IN THE FUTURE

Christian Fonnesbech Strategic advisor, board member & consultant, Copenhagen Alois Kozar freelance film and entertainment producer Florian Jindra junior lecturer at Salzburg University of Applied Science Michael Großauer head of computeranimation at MultiMediaArt FH Salzburg

subotron.com/veranstaltungen/pro-games

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Festival Opening > 20. April > Karren Bergstation

TOUR TO GAME DEVELOPER STUDIOS IN VIENNA

Thu. 04.05.17, 19h

LIVE PITCH OF AUSTRIAN GAMES #9: STUDENT PROJECTS

Jury: Hannes Seifert Country Manager GAS at Riot Games , Berlin Susan Cummings Executive Producer and Founder Tiny Rebel Games, UK Michael Putz CEO & Founder at Bongfish GmbH

Unterstützt von der Wirtschaftskammer Wien

Medienpartner:

www.dynamofestival.at

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Dino Spiluttini

To Be A Beast — Cut Surface Es braucht schon eine eigenwillige Drift, um auf die Idee zu kommen, Ambient zu machen oder auch nur zu hören. Im Fall von Dino Spiluttini war es die Abgeschiedenheit und Isolation eines alten Bauernhauses abseits vom Hamburg. Ambient ist für die meisten Menschen ja nur im Rahmen von Wellnessresorts oder als Soundeffekt im Film erträglich. Gerade Film, wo Drones instrumentell als Soundeffekt eingesetzt werden, liefert Zeugnis ihrer Wirkungsweise und Wirkmächtigkeit: Sie setzen die Atmosphäre einer gesamten Szene, subkutan und subtil, manchmal sogar manipulativ. Ambient ist natürlich mehr als bloße Filmuntermalung, sondern eine für sich stehende musikalische Ausdrucksform. Akustik-Gouache, wenn man so will. Hallgeräte, Vierspurkassettenrekorder und ein Tonbandgerät ersetzen den Pinsel und verfremden Spiluttinis Klaviarminiaturen, um die Geister darin zum Leben zu erwecken, wie er sagt. Ein iterativer Prozess aus Hören und Verfremden und erneutem Hören und Verfremden. Und die Geister die Spiluttini ruft, fahren mit dir Gefühlskarussell oder Fahrstuhl gen Himmel, nur um dir von dort einen präziseren Blick auf den Abgrund zu erlauben. »To Be A Beast« ist das Ergebnis eines Kampfes mit dem eigenen inneren Biest, mit Körperlichkeit, Identität und Krisen, wie der Musiker erklärt. Die zwölf Stücke sind dessen Artefakte und Abstraktion und stehen nun ganz universell für den menschlichen Widerstreit der manichäischen Dämonen in uns. Es ist Spiluttinis bisher roughestes Werk und es huldigt einer streitbaren, uneitlen Ideen von Schönheit – Erhabenheit vielleicht. Die Stücke sind dabei genreuntypisch kompakt. Die Dramaturgien die Spiluttini in knapp vier Minuten entspinnt (»Permission To Sleep«, »Kerstin In Ecstasy« oder »Wreck The Infinite«), sind unaufhaltsam wie der Golfstrom und entführen in einen dunkel und geheimnisvoll schimmernden Ozean, der genauso rätselhaft bleibt, wie die Kreaturen, die ihn bewohnen. Gewiss ist nur: Es gibt einen Himmel über diesem Ozean und Spiluttini kennt den Weg dorthin. (VÖ: 30. März 2017) Werner Sturmberger

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Tine Marie Spiluttini

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Schönes Wochenende

Ob Gespräch, Hörbuch, Hörspiel oder Reportage – Themen-Specials zum Nachhören

Mehr Letter als News: eine ziemlich persönliche Kolumne in Briefform von Michael Fleischhacker.

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LIVE @ RKH

ÖSTERREICHS CLUBSZENE IM RADIOKULTURHAUS

PLAyINg SAVAgE + gRANT

18.04.2017

grant © Redelsteiner

KARTEN UND INFOS: radiokulturhaus.ORF.at

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C’est la Mü Festival Ich weiß nicht, was ich hier empfehle, aber ich empfehle es. Die Cselley Mühle ist seit 40 Jahren Kulturhauptstätte im Burgenland. Beim dritten C’est la Mü sagen Lieblinge aus Österreich zahlreich Hallo: Voodoo Jürgens (Foto), das Barock-Electro-Trio Johann Sebastian Bass und die Wiener Dream-Popper Little Big Sea. Robb sind auch down with it. Aus Deutschland schaut Die höchste Eisenbahn vorbei und Rachel Sermanni wird mit ihrem Folk Noir aus Schottland eingeflogen. 27. Mai Oslip, Cselley Mühle

Theresa Ziegler

Donaufestival »Du steckst mich an« ist das diesjährige Motto des Donaufestivals in Krems. Wer wen womit ansteckt, bleibt interpretativer Spielraum – wichtig ist: Empathie statt Soziopathie. Zur Sozialkritik passen unter anderem Einstürzende Neubauten, die britischen New Waver Scritti Politti und die Protestsongs der Lo-Fi-Rapperin Moor Mother (Foto). Im Geiste des gesamtkünstlerischen Anspruchs wird zum Beispiel auch Maurice Ravels Bolero in einen House-Track verwandelt. Impress yourself! 28. April bis 6. Mai Krems, verschiedene Locations

Sarah Phyars-Burgess, Wolfgang Bohusch, Antoine Lyers, Max Zerrahn, Lucia Bartl, Daniel Shaked, Amanda Marsalis, Arcadia Live

Termine Musik

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Termine Musik Oddisee

highlights Fr. 12.05. Lesung

Während sein Album »The Odd Tape« wohl eher eine sehr fancy Hotellounge beschallt hätte, hat man mit Oddisees Sound auf dem aktuellen »The Iceberg« ein abgehendes Clubvolk direkt vor Augen und Ohren. Auch ohne seine Kollegen von Diamond District wird er die East Coast gebührend representen. Nämlich mit Washingtoner Oldschool, der auf zeitgeistige Cleanness trifft. 10. April Wien, Grelle Forelle

Max Goldt: Lippen abwischen und lächeln

Mit seinem Soloprojekt All diese Gewalt schlägt Max Rieger ruhigere Töne an als in seiner Stuttgarter Band Die Nerven. Nach Gruppe hört es sich aber trotzdem an, wenn er in Personalunion teils mehrere hundert Spuren managt. Ein Klangteppich, der ihm live einiges abverlangen wird. Rieger ist aber jedenfalls jemand, der uns zeigen kann, »Wie es geht«. 5. Mai Wien, Rhiz, 6. Mai Weyer, Bertholdsaal

Bild: Axel Martens

All diese Gewalt 

Do. 18.05. Kabarett

Gregor Seberg: Honigdachs 

Solo Together Ankathie Koi und Robert Summerfield stehen in der Tradition von sweeten Synths und treibenden Pop-Beats, auch wenn sie ganz andere Ansätze haben. Summerfield tritt als Sänger von Robb aus dem R&B auf die Bühne, Koi aus den neuen quirky 80ern. Die Reihe »Solo Together« bringt die beiden für ein einmaliges Konzert zusammen. 5. April Wien, Radiokulturhaus

Angel Olsen

Catastrophe & Cure / Like Elephants 

Fr. 19.05. Comedy

Leo Bassi: The Power Of Innocence 

Di. 23.05. Kabarett

Science Busters: Bierstern, ich dich grüße XL 

Cigarettes After Sex Eine Band aus Texas, die mit nur einer EP und einzelnen Singles durch Europa tourt – das muss Cigarettes After Sex erst mal jemand nachmachen. Mit »Nothing’s Gonna Hurt You Baby« und allem, was danach kam, haben sich Greg Gonzalez und seine nostalgischen Freunde allerdings auch schnell in unsere Herzen geslowdanced. Ambient Pop fürs romantische Hin- und Her­ schwelgen. 27. April Wien, Flex

Xiu Xiu

Chilly Gonzales

Sleaford Mods

Xiu Xiu bewegen sich gekonnt zwischen Pop und Avantgarde. Düsterer Post-Punk-Weird-Wave der fiebrigen Sorte – live immer besonders intensiv. 25. April Wien, Chelsea — 27. April Innsbruck, PMK — 28. April Graz, Forum Stadtpark — 29. April Linz, Crossing Europe Film Festival — 30. April Salzburg, Rockhouse

Wer im Klavierunterricht mit Yann Tiersen zwangsversehen wurde, hätte rückblickend wohl lieber Chilly Gonzales gespielt. Mit satirischem Rap bekannt geworden, inszeniert er sich seit »Solo Piano« (2004) als innovativer Klassik- und Jazzpianist. Ein Beat hie und da darf trotzdem sein. 3. Mai Wien, Konzerthaus

Man stelle sich vor, zwei Freunde sitzen im Pub. Bier für Bier regen sie sich immer mehr über die heutige Gesellschaft in ihrer englischen Heimat auf. Dazu ein sperriger Lo-FiBeat und raus kommen die Sleaford Mods. Auch live ein kathartisches Reinsteigern in Brexit und sonstige Deppertheiten. 8. Mai Wien, Flex

Mi. 24.05. Comedy

Yllana: The Gagfather 

Sa. 27.05. Songwriter / Pop

Sóley 

Do. 01.06. Wiener Soul

5/8erl in Ehr’n 

Mi. 07.06. Comedy & Magic

Marc Haller: Erwin aus der Schweiz 

Di. 11.07. Open Air

Arcade Fire / Grandaddy / Explosions In The Sky / Steaming Satellites / Get Well Soon Bild: Creative Artists Agency

Dass sie »Leaving On A Jetplane«-Nostalgie kann, und das auf sehr hohem Niveau, hat uns Angel Olsen schon lange bewiesen. Auf ihrem neuen Album »My Woman« zeigt sie uns aber auch eine zeitgeistigere Persona, poppiger und extrovertierter. Ebenso voraus- wie zurückschauend: Der australische Synthie-Songwriter Alex Cameron als Support. 30. Mai Wien, WUK

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Fr. 19.05. Indie



Fr. 11.08. Summer Sessions

Billy Bragg solo 

POSTHOF – Zeitkultur am Hafen, Posthofstraße 43, A – 4020 Linz Info + Tickets: 0732 / 78 18 00 kassa@posthof.at | www.posthof.at Weiterer VVK: LIVA Servicecenter im Brucknerhaus, Veritas Kartenbüro, oeticket und alle oö. Raiffeisenbanken.

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Kunsthalle Wien

Termine Kunst

Camille Henrot If Wishes Were Horses Karlsplatz #Henrot 22/3 – 28/5 2017 If Wishes Were Horses, die erste institutionelle Präsentation von Camille Henrots Werk in Österreich, besteht zur Gänze aus speziell für diese Ausstellung entstandenen Arbeiten. In der für sie charakteristischen Bildsprache thematisiert Henrot in Skulpturen, einer Installation und einem Film insbesondere binäre Machtstrukturen, wie sie sich im Sadomasochismus, in Ritualen und in Bezug auf Autorität und Kontrolle finden. Auch in der formalen Struktur der Ausstellung wird Henrots Interesse an der grundsätzlichen menschlichen Neigung zur Abhängigkeit thematisiert.

Di 25/4 2017, 19 Uhr Kuratorenführung mit Luca Lo Pinto (in Englisch)

www.kunsthallewien.at

James Welling Die Ausstellung »Metamorphosis« zeigt Fotografien des US-Amerikaners James Welling. Als einer der wegweisenden Vertreter der internationalen zeitgenössischen Fotografie bewegt sich der »postmoderne Modernist« mit seinen von Experimentierfreude und Stilvielfalt geprägten Arbeiten im Grenzbereich zu Malerei, Film, Architektur, Bildhauerei und Tanz. Sie vereinen dokumentarische Ästhetik, amerikanischen Realismus und einen spezifischen, in der bildnerischen Tradition der Westküste stehenden Umgang mit Farbe. Die Ausstellung, ein gemeinsames Projekt des Kunstforums mit dem S.M.A.K. in Gent, setzt in den 1970er-Jahren an und präsentiert eine Auswahl von Bildserien Wellings, die den fundamentalen Wandel der Fotografie in den letzten Jahrzehnten reflektieren. Während Wellings Werk in den USA regelmäßig gezeigt wird, ist es in Europa bislang eher selten zu sehen gewesen. 5. Mai bis 16. Juli Wien, Kunstforum

Credit: Camille Henrot, Tuesday, 2017, Image Research, Courtesy die Künstlerin, König Galerie, Berlin; kamel mennour, Paris/London und Metro Pictures, New York

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Forward Festival Schon die schicke Website lässt es erahnen: Das Forward Festival ist ein Spielplatz für Kreative. Neben München und Zürich hat das internationale Event seinen Platz in Wien gefunden, wo Konferenzen, Networking-Spaces und Workshops angeboten werden. Vor allem aber lassen uns wieder führende Design- und Kommunikationsinnovatoren wissen, was sie zu zeigen haben. Von Schmuck-Eremit und Gesamtkunstwerk Friedrich Liechtenstein (Foto) über Hate-Mail-Illustrator Mr Bingo bis hin zu Designstudios wie Snask aus Stockholm und LWZ aus Wien gibt es viel Inspirierendes zu sehen. 21. bis 22. April Wien, MAK

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Elisabeth Brandstetter, Theresa Ziegler, Yasmin Vihaus

3 Fragen an Electric Spring Das DJ- und VJ-Trio Etepetete, die diesjährigen Kuratorinnen des Festivals, über die dritte Ausgabe des Electric Spring. Ihr folgt Thomas Heher und Katharina Seidler als Kuratoren nach – wie unterscheidet sich euer Zugang, was ist euch bei der Programmierung wichtig? Lisge: Der Background unterscheidet uns natürlich schon mal grundlegend. Katharina Seidler hat als Musikredakteurin einen anderen Zugang als wir, die von der Clubszene kommen. Lisa: Wir wollen einfach unsere eigene Handschrift hinterlassen. Man wird am Booking einerseits erkennen, was uns gefällt, und natürlich andererseits auch, was uns musikalisch über die Jahre begleitet hat. Wir haben drei verschiedene Musikgeschmäcker, die sich aber in gewissen Bereichen durch unser Musikprojekt treffen. Dadurch haben wir schon einen gemeinsamen Nenner. Wenn es uns allen Dreien gefällt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Publikum damit umgehen kann, natürlich auch größer. Insofern hoffen wir, dass das passt.

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Dynamo Festival Vorarlberg steht demnächst wieder unter Strom, wenn das dritte Dynamo Festival mit energiegeladenen Acts aus der heimischen und internationalen Musikszene aufwartet. Eröffnet wird mit dem Schlagzeug-und-Quetschn-Duo Attwenger. Und zwar nicht irgendwo, sondern hoch oben auf der Karren-Bergstation. Danach geht es unten indoor und outdoor weiter – mit dem Münchner Hype-Act Kytes und den Amadeus-Award-Nominees Leyya (Foto). Zum Abschluss geben sich Findlay, Wallis Bird und Inner Tongue sowie die österreichischen Indie-Lieblinge Polkov und Ogris Debris die Ehre. 20. bis 22. April Dornbirn, Spielboden

James Welling (Courtesy David Zwirner, New York / London), Hendrik Wagner, Bert Spangemacher, Gersin Livia Paya

Termine Festivals

Das Electric Spring soll einen niederschwelligen Zugang zu elektronischer Musik bieten. Gleichzeitig ist ein Gratisfestival auch eine Möglichkeit, einem breiten Publikum etwas Neues vorzustellen. Wie seht ihr das? Nane: Wir gestalten das Festival so, wie wir unsere Sets gestalten – das war immer ein niederschwelliger Zugang zu elektronischer Musik. Für uns war es immer wichtig, dass das Publikum eine gute Zeit haben kann. Wir haben den Abend nicht für Leute aus der Szene konzipiert, sondern eher für Menschen, die einfach hineinschnuppern wollen. Die Kritik ist ja oft: »Da ist es eh schon gratis – warum bucht man nicht mutiger?« Aber man muss schon auch auf das Publikum eingehen. Es hilft wenig, wenn der Act super experimentell ist, das Publikum dem aber keinen Respekt zollt. Dann kommen wir mal zum Line-up … Nane: Überraschenderweise haben wir jetzt mehr Bands und weniger DJ-Sets, als erwartet – auch später am Abend in der Halle. Die Main-Acts sind Mr. Dero & Klumzy Tung, Gerard, Mavi Phoenix, Lulu Schmidt – eine gute Mischung, wie wir finden. 20. bis 21. April Wien, Museumsquartier

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GASTLAND: TSCHECHISCHE REPUBLIK KULINARIK • LIVE-MUSIK BIERKULTUR • SPIRITUOSEN

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MARX HALLE, WIEN C R A F T B I E R F EST. AT

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CRAFTBIERFEST

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Termine Kino

Die Taschendiebin

Regie: Terrence Malick ———— Eigentlich könnte man die folgenden Zeilen nur mit Namedropping füllen, vereint Terrence Malick in seinem neuen Projekt »Song To Song« doch die Crème de la Crème Film- und Musikschaffender – etwa Ryan Gosling, Natalie Portman, Michael Fassbender, Cate Blanchett oder Bands wie Arcade Fire, Iron & Wine und Fleet Foxes. Erzählt werden dabei verschiedene Liebesgeschichten innerhalb der Musikszene Austins. Laut Gosling gab es kein Skript und so dauerte die Postproduktion ganze drei Jahre, weil Malick erst aus den vielzähligen Szenen eine Geschichte zusammenstellte. Gefilmt wurde unter anderem am Austin City Limits Festival. Am berühmten South By Southwest Festival in Austin feierte der Film schließlich auch seine Premiere. Man darf gespannt sein – besonders auf den Soundtrack. Start: 26. Mai

Guardians Of The Galaxy 2 Regie: James Gunn Da der erste Teil ein großer Erfolg war, lag die Fortsetzung für Regisseur und Team recht nahe. Und so können sich Fans nun auf neue Abenteuer im Weltall freuen, muss die Gruppe doch dieses Mal auch wieder kämpfen – mitunter um sich selbst, da Peter Quills (Chris Pratt) Neues über seine Herkunft erfährt. Start: 27. April

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Song To Song

Regie: Park Chan-wook Die 1930er. Korea. Die junge Sook-Hee (Tae-ri Kim) wird bei der reichen Erbin Lady Hideko (Min-hee Kim) als neues Dienstmädchen eingestellt, doch eigentlich ist sie eine Taschendiebin, die dabei helfen soll, Lady Hideko zu berauben. Der Plan geht jedoch schief, als unentdeckte Gefühle auftauchen. Start: 13. April

Barbara Fohringer

Constantin / Studiocanal, Filmladen / Audoin Desforges

Free Lunch Society

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Regie: Christian Tod Das bedingungslose Grundeinkommen ist auch eines der Themen, die öfters in den Medien herumgeistern. Diese österreichische Doku hat sich auf der ganzen Welt auf die Suche begeben, um der Frage nachzugehen, was es denn auf sich hat mit dem Einkommen ohne Arbeit. Interessant, brisant und aktuell. Start: 5. Mai

20th Century Women

Victoria Regie: Justine Triet ———— Victoria (Virginie Efira), Ende 30, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und Anwältin führt ein stressiges Leben in Paris. Auf einer Hochzeit trifft sie zufällig ihren alten Freund Vincent (Melvil Poupaud) und dessen Klienten Sam (Vincent Lacoste) wieder – eine Begegnung, die noch länger in ihrem Leben nachwirken wird. Kurz danach muss Vincent vor Gericht und sein einziger Entlastungszeuge ist ein Dalmatiner. Sam wiederum zieht bei Victoria als Au-pair ein. Turbulenzen, Liebe und ein Affe im Gerichtssaal – in »Victoria« lässt Justine Triet die Hauptdarstellerin in der Rolle der modernen, leicht neurotischen Frau, die immer alles unter Kontrolle haben will, glänzen. Ein gelungenes Beispiel für jene Art leicht verschrobene französische Komödie, die auch im deutschsprachigen Raum so gerne gesehen wird. Start: 26. Mai

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Regie: Mike Mills Zum Teil basierend auf der Lebensgeschichte Mills’, der ebenso Grafiker und MusikvideoRegisseur ist, erzählt der Film, der in South Carolina der 1970er-Jahre angesetzt ist, vom Einfluss dreier Frauen (Annette Bening, Elle Fanning und Greta Gerwig) auf den heranwachsenden Jamie (Lucas Jade Zumann). Start: 18. Mai

#Single Regie: Andrea Eder Online-Dating, das ist nicht mehr nur etwas für die Übriggebliebenen am Liebeswühltisch. Alleine in den USA haben es laut einer Studie aus 2016 fast 50 Millionen Menschen zumindest mal ausprobiert. Diese österreichische Doku geht dem Phänomen nach. #klingtinteressant #filmfürserstedate? Start: 19. Mai

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Illbilly

frönt der hohen Kunst der tiefen Pointe. Umgekehrt wird aber auch kein Schuh draus

Die Freude war sehr groß, als ich über die Meldung stolperte, dass Forscher nun bestätigt haben, dass Menschen durchaus so heißen wie sie aussehen. Der Vorname gräbt sich, so die valide Studie, ins Gesicht ein. Oder etwas plakativer: Wenn einer Horst heißt, schaut er irgendwann auch wie ein Horst aus. Und wird dementsprechend auch als Horst erkannt. Diese These habe ich schon vor Jahren bei geselligen Zusammenkünften in die Runde geknallt. Manchmal erntete ich dafür Zustimmung, manchmal nicht, ab und an wurde die These gar um Familiennamen erweitert. Das brachte aber immer auch die Gefahr mit, dass dieses durchaus ernste Thema verblödelt wurde. »Wenn eine Hühnin Klein heißt, wirkt sie ein wenig kürzer, ein Zwerg, der Lang heißt, bleibt aber immer ein Zwerg und reizt zu Spott.« Schnell landet man dann übrigens in noch niedereren Gefilden des Humors, denn müde Scherze und mickrige Kalauer über Namen zu machen ist unterste Schublade. Man tut es halt trotzdem, weil man ja weiß, dass es einfach gestrickte Gemüter immer wieder erheitert, von Namen wie Rosa Schlüpfer, Axel Schweiß oder Bine Maier zu hören oder gar zu lesen. Und oft will man sich selbst auch nicht so anstrengen. Um aus dieser (dummerweise) selbstverschuldeten Niveaufalle nun rauszukommen, sei darauf hingewiesen, dass Thomas Mann, der immerhin einen Nobelpreis für Literatur zu Hause stehen hatte, in dieser Hinsicht nicht viel besser war. Zu einer seiner Spezialitäten zählte es nämlich, Romanfiguren sprechende Namen zu verleihen. Eine Schnatterliese taufte man Schweigestill, eine Witwe hört bei ihm auf Sauerkringel und ein bisschen ein vulgärer Großkaufmann schreibt sich vielversprechend Klöterjahn. Eine andere Spezialität von Thomas Mann war es übrigens, detailgenaue Bleistiftzeichnungen seines enormen Geschlechts, er nannte es mit feinem Gespür für kontradiktischen Witz »Manni«, zu

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Papier zu bringen. Vorwiegend im FamilienUrlaub an der Nordsee zeigte er die Bilder her, legte sie in Strandkörbe und steckte sie unbedarften Menschen heimlich zu. Was für ein Arsch. Aber dazu ein anderes Mal mehr. Thomas Mann ist übrigens nicht der einzige, der seinen Figuren gerne mal einen sprechenden Namen verpasst. Erwähnt sei hier einfach einmal die berühmte Romanheldin Holly Golightly, die in »Frühstück bei Tiffany« gegen die Widrigkeiten des Lebens ankämpft. Ich hätte jetzt übrigens auch ein anderes Beispiel der unzähligen Beispiele aus der Literatur herauspicken können, aber ich brauche den Namen Holly ein wenig weiter unten im Text. Goodygoody. Das Niveau scheint mir jetzt jedenfalls wieder ein wenig gehoben zu sein. Deswegen an dieser Stelle nun eine Beobachtung, die ich gemacht habe und die das Thema ergänzt: Das sogenannte »Namengesicht«. Es gibt beneidenswerte Kreaturen, denen etwa jede Art von Namen steht. Ein Phänomen, das man etwa von Hüten und Brillen kennt, da es Menschen auf diesem Erdenrund gibt, die tatsächlich mit allen Arten von Kopfbedeckungen am Haupte vortrefflich aussehen, oder sich jede erdenkliche Brillenform auf die Nase schieben können, ohne dabei an Würde zu verlieren. So etwas gibt es eben auch mit Namen. Wer ein Namengesicht sein eigen nennen darf, kann sich glücklich schätzen, denn kein Vor- und Nachname der Welt kann ihn entstellen. Ob Horst oder Warthild, Agnes oder FerrisFinn – an der Physiognomie wahrer Namengesichter perlen derartige Taufgemeinheiten ab und halten ihre Träger schadlos. Der Sänger Andreas Bourani ist übrigens so ein glücklicher Besitzer eines Namengesichtes. Ob man den Barden nun Kevin Kotyani, Raimund Maria Zoller, Dennis Snördgör oder gar Holly Huber riefe – alles passt. Ich verbrachte Stunden damit, Andreas Bourani neue Namen zu geben, um meine wag-

halsige Behauptung zu verifizieren. Was soll ich sagen. Es stimmt. Sicher, es ist auch traurig, dass ich mit derartigen Dingen meine Zeit verbringen muss, aber egal. Sonst macht es nämlich keiner, sollen doch die anderen Startup-Millionen scheffeln oder pleite gehen. Um das Versprechen von oben einzulösen, hier nun ein Fun-Fact: Holly heißt Stechpalme. Das ist nicht unbedingt ein 1-A Name. Es gibt wohl viel coolere Pflanzen, nach denen man Menschen nennen kann. Es geht aber auch schlimmer. Oleanderich, Gerania, oder Thuja. Überhaupt sei Thuja etwa im Moment als Vorname bei Mädchen sehr beliebt und löst Kamilla ab, wurde mir unlängst zugeflüstert. Ziemlich ungut, wenn man bedenkt, dass Thujenhecken neben Gartenzwergen über die Jahrzehnte zu den Insignien des Spießertums avancierten. Wobei – eigentlich ist es auch wieder ziemlich konsequent, wenn diese ganzen Stadtfluchtwappler ihre Brut jetzt wie lebende Zäune nennen. Wie eine heuer geborene Thuja im Jahr 2047 mit 30 so aussehen wird, ob ihr das gewisse Botanische aus dem Auge blitzt und Mitmenschen dann Dinge wie »Ja, ja, das Leben hat aus ihr unverkennbar eine Thuja gemacht« sagen, kann ich leider nicht prophezeien. Aber es wird und muss so wohl sein. Erstens wäre nämlich sonst die eingangs erwähnte Studie umsonst gewesen und zweitens diese Kolumne dann irgendwie auch komplett für den Hugo.  facebook.com / illbilly

Jakob Kirchmayr

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Know-Nothing-Gesellschaft Wie Pflanzen heißen

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The Gap 162  

Coverstory: Mavi Phoenix — Marlene Engel im Porträt: Der Bürgerkurator, Regieduo Apesframed, Seer-Gitarrist Thomas Eder, Matthäus Bär, Heiml...

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