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st son m u

Weil uns der ORF nicht Wurst ist: 3 Szenarien zur Zukunft des Öffentlich-Rechtlichen 117 Magazin für Glamour und Diskurs. MONATLICH. VERLAGSPOSTAMT 1040 WIEN, P.B.B. GZ 05Z036212 M, Nº 117, JUNI / JULI 2011

L.A. Noire. Triumph of the City. Wu Lyf. Bon Iver. Ulrike Königshofer. The Guild. Washed Out. Dirt 3. Casper. Lukas Meschik. EMA. Impulstanz . Im Wortwechsel: Wie filtern wir in Zukunft Information?

€ 0,-


003 null null drei

► l e i ta rt i k e l ►Von Thomas Weber

österreich schafft sich ab ein gedankenexperiment

Bevor die völkische FPÖ die Macht im Land an sich reißt und die politische Kultur vollständig zerstört: Sollte man Österreich nicht besser gleich ganz einsparen und zur bundesdeutschen »Genussregion« upgraden?

atürlich könnte man Österreich genauso gut zur italienischen Provinz machen. Auch das hatten wir schon einmal. Doch der Mensch strebt eigennützig nach Besserem, niemand möchte noch tiefer in den Sumpf waten. Also besser Deutschland, eine entwickelte Demokratie mit funk­ tionierender Parteienlandschaft, funktionierender Politik und Medienvielfalt, die den politischen Horizont des hiesigen Establishments zwangserweitern würde. Nein, ich rede hier keinem »Anschluss« das Wort. Mein Gedankenexperiment geht nicht von der Annahme aus, Ös­ terreich gehöre als Teil einer deutschen Volksgemeinschaft heim in irgendein dubioses Großdeutsches Reich. Nennen wir es besser: angewandte Entwicklungshilfe und eine su­ chende Abkehr vom ewigen Verdammtsein zur Provinzialität. Ruhig auch: Gedanken an eine Verzweiflungstat.

BILD MICHAEL WINKELMANN

Deutschrational

Denn Österreichs Realverfassung ist verrottet. Den Par­ teien ist absolut nichts Positives zuzutrauen. Die Akteure befinden sich im Schwitzkasten der Bünde und Gewerk­ schaften, weil sie nicht von Bürgern gewählt, sondern von Lobbys legitimiert werden. Wer in diesem Land an eine po­ litische Stelle gelangt, an der er oder sie theoretisch etwas bewegen könnte, hat praktisch keine Chance: Realpolitik ist allerorts unschön, doch in Österreich balanciert der Real­ politiker auf einem Mosaik aus Günstlingsgefalltüren. Bloß keine falsche Bewegung! Über das Versprechen einer »Poli­ tik der kleinen Schritte« kann man als routinierter Polit­ beobachter bloß noch bitter lachen. Warum also statt der dauernd wiederholten Ankündigung einer Verwaltungsre­ form (an die ohnehin kein Mensch mehr glaubt) nicht eine totale Verfassungsreform?

Was müsste Österreich aufgeben? Sogar die Bundesländer könnten nostalgisch als bessere Bezirksverwaltungsein­ heiten erhalten bleiben. Die Rede von der »Kulturnation« ist ohnehin nicht mehr als eine perpetuierte Behauptung, die es zur touristisch tragfähigen Lebenslüge geschafft hat. Und seine Identität als Wiener Kultur-Cluster mit schöner Landschaft rundum, in der gesunde, naturnahe Lebensmittel produziert und gleich vor Ort verkostet werden können, dürf­ te Österreich als deutsche Genussregion beibehalten. So­ gar patriotisch volkstümeln können diejenigen, die ohne ihr Brauchtum nicht auskommen. Bloß die Bundesebene ließe sich einsparen. Vielleicht am besten ersatzlos. Das schicke Globetrotter-Magazin Monocle hat in seiner vor dem Royal Wedding erschienenen Ausgabe launig durch­ illustriert, was es den Briten brächte, würden sie sich von der Monarchie verabschieden und zur Volksherrschaft bekennen. Was eingespart würde, welche Impulse es der Kreativwirt­ schaft brächte, würden sich Royal Mail & Co umbenennen und neue Corporate Identities entwerfen müssen. Ähnliches ließe sich locker auch für eine Genussregion Österreich durchrechnen. Auch andere Grenzen würden fallen und zusammenfüh­ ren, was zusammengehört ‒ etwa die radikale Rechte. Die FPÖ könnte endlich Teil der NPD werden. Und der denkende Teil der Bevölkerung dürfte sich dann den Kopf darüber zer­ brechen, ob diese Partei nicht eigentlich verboten gehört. ¶

Thomas Weber, Herausgeber versucht konstruktiv destruktiv zu sein. weber@thegap.at

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022 OR F – D i e Z u kunft d es Öffe n tl ic h - Rec h t li c h e n Der ORF ist ein Nutztier, das der Allgemeinheit zu dienen hat. Doch wie die Medienwelt insgesamt ist auch alles Öffentlich-Rechtliche im Umbruch. Patricia Käfer schildert in drei Szenarien, wie die Zukunft der staatlichen TV-Programme, von Teletext, FM4, Ö3, Ö1, den Bundesländerradios und ORF On aussehen könnte.

040 L.A. Noire Das neue Rockstar-Game stammt vom australischen Team Bondi und bietet Krimi-Unterhaltung der gehobenen Art. Dialoge spielen hier eine besondere Rolle und gerade in den Verhörsituationen zeigt die neue MotionScan-Technik ihre Stärke. Der Spieler bleibt aber in erster Linie wegen Story und Atmosphäre am Controller.

Magazin 022 ORF Jeder schimpft über den ORF, jeder will und erwartet

etwas anderes von ihm. Wir haben uns Gedanken darüber gemacht wie der ORF im Jahr 2031 aussehen wird. 030 Golden Frame Ulrike Königshofer produziert nachts Melatonin. Das Hormon, das den Tag-Nacht-Rhythmus steuert, wird bei ihr in Gips gegossen und verliert dadurch nur ein Stück weit seine bedrohliche Wirkung. 032 Retromania Pop ist zu seiner eigenen Recyclingmaschine geworden und steckt heute in der Revivalschleife fest. Wer gibt uns die Zukunft zurück, fragt Max Freudenschuss. 036 Triumph of the City Edward Glaeser, Ökonom in Harvard, hat eine Hymne auf das Stadtleben verfasst. Christian Köllerer, selbst Stadtmensch durch und durch, hat das Buch gelesen. Auch für ihn ist der Stadtmensch die Krone der menschlichen Schöpfungskraft. 038 Öffentliche Möblierung Städte haben viel mehr zu bieten als schnöde Parkbänke und öffentliche Möbel prägen den Umgang mit der Stadt, meint Chris van Uffelen im Interview mit Peter Stuiber. 040 L.A. Noire Rockstar schickt den Spieler ins Los Angeles des Jahres 1947 und lässt ihn als Cop durch blutige Fälle und die dunkle Seite des Glamours waten.

042 The Guild Die Webserie von Felicia Day geht in die fünfte

Staffel und überzeugt mit einem ungewöhnlich ausgewogenen Blick auf den nerdigen Gamer-Alltag. 044 Umut Dag Umut Dag bringt seinen Akademie-Abschlussfilm »Papa« ins Kino, während die Vorbereitungen für seinen ersten Spielfilm laufen. 046 Wu Lyf Das Kollektiv Wu Lyf aus Manchester hat mit Abkapselung die Erwartungen an ihr Debüt noch weiter nach oben geschraubt. 048 Washed Out Schon immer wieder und immer noch ein letztes Mal Sommer: Washed Out tritt zur Ehrenrettung von Chillwave, und dem was davon überblieb, an. 050 Modestrecke »Trieb und Frieden« – das Motto des diesjährigen Poolbar Festivals in Vorarlberg und dessen stylishe Unterwäsche-Kollektion von Huber haben wir als Anlass genommen und eine Modestrecke produziert. Sommer, Sonne und Freiheit in Feldkirch. 058 Neue Töne Eine Studie hat die britische Festivallandschaft unter die Lupe genommen. Daraus lassen sich auch einige Dinge für heimische Festivals ablesen.


Editorial b il d dER d e r au s ga b e  Einen ungewöhnlichen Erstkontakt mit dem ORF hatte unsere französische Grafik-Praktikantin. Fürs Cover schminkte sie das Logo auf einen öffentlich-rechtlichen Extrawurstaufschnitt. Ihr Facebook-Status – »Claire Paq will be known as the crazy French Girl with Wursts« – veranlasste dann auch unseren urlaubenden Art Director Sig Ganhoer in Budapest zu einem herzhaften »Gefällt mir«. Beide Wurstfinger hoch!

Rubriken 003 Leitartik el 005 Editori al 006 Porträts  / I m p r ess u m 009 Fo ndue 010 Fabula Ra sa 011 Un bezah lt e r Anz e i ge r 012 Charts  / Sp l i t t e r 060 Wort wech s el :

Wie filte rn w i r in Z u kunft Info r mat i on ?

062 Prosa: Lu ka s M esch i k 064 Bildstreck e Wo r kstat i on: Kat h a r ina R o SS b ot h 070 Grü nder s e r i e Ga r mz: L ess on s L ea r ne d 073 Revie ws 077 Tr acksp ot t ing 092 Termi ne

Nach zwei düsteren, grünbraunen bis modrigen Coverbildern im April (Terrorismussatire »Four Lions«) und Mai (Biennalekünstler Markus Schin­ wald) wollten wir zu unsrer Sommerdoppelnummer wieder lebendigere Farben aufs Cover geben … and Wurst it was! In der umfassendsten Coverstory seit mindestens zwei Jahren haben wir das alte Nutztier ORF sorgfältig filetiert und drei mögliche Zukunfts­ szenarien entwickelt, bevor dann am 9. August eine neue Generaldirektion gewählt wird. Kurz vor dem Sommer servieren wir außer geschnit­ ten Wurstware noch diskursive Hauptgerichte. Die Storys über Retromania, öffentliche Möblierungen und die Stadt als utopischer Lebensraum haben zwar jeweils ein Buch als Ausgangspunkt, drehen ihr jeweiliges Thema aber deutlich über die Vorlage hinaus. Die Musikredaktion war wiederum von zwei Alben selten begeistert: Wu Lyf und Washed Out entwickeln sich zu zwei definitiven Sommeralben. Und mit einem Hauch von Trauer wurde die Rubrik »Lost in Music« nach mittlerweile fünf Jahren und genau 50 Ausgaben zumindest vorerst auf Eis gelegt. Teilweise aus dem Gefühl heraus, nicht genügend aussagekräftiges Material für weitere 50 Rubriken auf Vorrat zu haben, teilweise aus üblem Gewissen gegenüber dem Grafikteam heraus, da diese Rubrik mit schöner Gewohnheit erst ein paar Stunden nach Druckschluss fertig wurde. Da heißt es mit Vera Lynn singen: »We’ll meet again«.  ¶

Kolumnen 020 Zahl en B i t t e 098 Know Not h ing

Stefan Niederwieser, Chefredaktion niederwieser@thegap.at


Die Langstreckenläuferin Es ist nicht das erste Mal, dass sich Patricia Käfer intensiv mit dem ORF beschäftigt. Nach absolviertem Kolleg für Druck­ und Medien­ technik an der Graphischen, intensivem Jour­ nalismusstudium an der FH Wien und einer Lehrredaktion bei Pro7AustriaNews landete die gebürtige Niederösterreicherin rasch als Me­ dienredakteurin im Feuilleton­Ressort von Die Presse. Aktuell arbeitet die 29­Jährige beim Medienhaus Wien, vor allem am Aufbau des MA­Studiengangs »International Media Inno­ vation Management«. Parallel dazu ist sie selbst wieder Studentin ‒ im MA­Studium »Cultural Differences and Transnational Processes« (Kul­ tur­ und Sozialanthropologie) an der Uni Wien. »Ich hab mich mehrere Jahre recht intensiv mit dem ORF und der österreichischen Medien­ szene insgesamt auseinandergesetzt und kom­ me zu dem Schluss: es fehlt an Reflexionsfähig­ keit und Selbstironie«, sagt Käfer. Deshalb ist ihre Coverstory auch eine nicht ganz so biererns­ te Auseinandersetzung mit dem ORF geworden, »auch um Perspektiven und Ansätze anderswo aufzuzeigen.« Anlass ist die bevorstehende Neu­Wahl des ORF­Generaldirektors Anfang August. Wer die­ ses Amt gestützt durch welche Seilschaften aus­ üben wird, an diesen Spekulationen wollen wir uns gar nicht beteiligen. Vielmehr geht es um die Frage, wie die Zukunft des Öffentlich­Rechtli­ chen in einer es nur so wandelnden Medienwelt speziell in Österreich aussehen kann.Über ein halbes Jahr lang hat Patricia Käfer mit Medien­ theoretikern, Praktikern, Insidern und politi­ schen Pragmatikern gesprochen, nachgedacht, noch mal nachgefragt. Auf Basis dieser Gesprä­ che entwickelte sie drei Szenarien zur Zukunft des ORF. Dabei drängte sich bald das Bildnis des Nutztiers auf. Nicht, um den ORF als »Schwein« oder »Rindvieh« zu verunglimpfen. Sondern weil dieser per definitionem dem Gemeinwohl dient, der Allgemeinheit zu nützen hat. ¶ TEXT THOMAS WEBER ► 0 0 6 / AUSGABE 117

ChrIsTIAN KÖLLErEr Intellektueller Blackberry Die Interessen von Christian Köllerer als über­ schaubar zu bezeichnen, wäre zweifelsohne untertrieben. Ein kurzer ‒ besser wäre natür­ lich ein längerer ‒ Blick auf seinen hauseigenen Hochkultur­ und Bücherblog, zu finden unter www.koellerer.net, reicht da aus. Mit rund 500.000 Besuchern und mehr als einer Million Seitenauf­ rufen im Jahr 2010 gilt selbiger als einer der meist gelesenen deutschsprachigen Blogs der Sparte »gscheite Textwüsten« ‒ selbst bezeichnet er sich gerne als »Universal­Dilettant in Sachen Hochkultur«. Von 1991 bis 1999 studierte Christian intensiv Germanistik und Philosophie, hat sich dabei eine Reihe ältererer Herren von Platon, Hume, Dante und Montaigne bis Tolstoi, Popper, Joyce und Musil als Lebensautoren auserkoren, und erhielt 2000 für seine Dissertation mit dem Titel »Geschichte und Perspektiven der Analytischen Literaturwissenschaft« den Wissenschaftspreis der Österreichischen Gesellschaft für Germa­ nistik. Bereits seit 1990 verfasst er Texte für Der standard und die Literaturzeitschrift Literatur und Kritik. Um seine offensichtliche, aber wenig ertragreiche Liebe für Literarisches auch wirk­ lich ausleben zu können, versucht er sich seit dem Jahr 2000 erfolgreich als Mobilfunker. Von Brancheninsidern wird er seither schlicht »Mr. Blackberry« gerufen. Der Großstadt­Ideologe, der für diese Ausgabe die Thesen von Harvard­ Ökonom Edward Glaeser in dessen neuem Buch »Triumph Of The City« unter die Lupe genom­ men hat, ist zwar Wien­Enthusiast, reist aber für diverse Eigenstudien auch sehr gerne in der Welt umher. Seine Berichte können, neben dem bereits erwähnten Blog, auch live via Twitter unter www.twitter.com/Philoponus mitverfolgt werden. ¶ TEXT VOLKER MüLLER

Busching, ivo Brodnik, Stephan Bruckner, Ann Cotten, lisa dittlbacher, Margit emesz, Juliane Fischer, Holger Fleischmann, daniel Garcia, lisa Gotthard, Manfred Gram, dominique Gromes, Benedikt Guschlbauer, Jan Hestmann, Christoph Hofer, Sebastian Hofer, Peter Hoffmann, lena Hopp, reiner Kapeller, iris Kern, Markus Keuschnigg, Hubert Kickinger, Michael Kirchdorfer, Stefan Kluger, Michaela Knapp, Katrin Kneissl, Markus Köhle, Michael Bela Kurz, Philipp l’Heritier, Gunnar landsgesell, Johannes luxner, Julia Melcher, Christiane Murer, nuri nurbachsch, Florian Obkicher, Michael Ortner, ritchie Pettauer, Stefan Pichler, Johannes Piller, Stefanie Platzgummer, Karoline Podolecka, Christian Prenger, Teresa reiter, Werner reiter, Georg russegger, Joachim Schätz, Barbara Schellner, lukas Schmid, Bernhard Schmidt, Johann Scholz, Werner Schröttner, richard Schwarz, Katharina Seidl, Wolfgang Smejkal, Cornelia Stastny, Gerald C. Stocker, Johanna Stögmüller, Asha Taruvinga, Martin Tschiderer, Hanna Thiele, Horst Thiele, ursula Winterauer, imre Withalm, Maximilian Zeller, Martin Zellhofer, Barbara Zeman PraktIkuM ines Fernau, Volker Müller, Claire Paq terMINe Stefan niederwieser autoreN Georg Cracked, Michaela Knapp, Michael lanner, Moriz Piffl-Percevic, Stefan Tasch, raphaela Valentini, Jürgen Wallner, Martin G. Wanko fotografIe Florian Auer, lukas Beck, Stephan doleschal, Andreas Jakwerth, Georg Molterer, ingo Pertramer, Karin Wasner, Michael Winkelmann ILLBILLY-ILLustratIoN Jakob Kirchmayr coVerBILd Privat workstatIoN-fotostrecke Katharina roßboth desIgN Monopol, Super-Fi ILLustratIoNeN Claire Paq Lektorat Wolfgang Smejkal, Adalbert Gratzer weB Super-Fi, Codeon, m-otion aNZeIgeN Herwig Bauer, Thomas Heher, Micky Klemsch, Martin Mühl, Christoph ullmann, Thomas Weber (leitung) dIstrIButIoN Martin Mühl druck Manz Crossmedia GmbH & Co KG, Stolberggasse 26, A-1051 Wien geschäftsführuNg Bernhard Schmidt ProduktIoN & MedIeNINhaBerIN Monopol GmbH, Favoritenstraße 4–6/iii, 1040 Wien koNtakt The Gap c/o Monopol GmbH, Favoritenstraße 4–6/iii, 1040 Wien; Tel. +43 1 9076766-41; wien@thegap.at, www.thegap.at, www.monopol.at, office@thegap.at BaNkVerBINduNg Monopol GmbH, easybank, Kontonummer 20010710457, BlZ 14200 aBoNNeMeNt 10 Ausgaben; inland eur 15, europa eur 35, rest der Welt eur 42; heftPreIs eur 2.00 erscheINuNgsweIse 10 Ausgaben pro Jahr; erscheinungsort Wien; Verlagspostamt 1040 Wien namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder. Für den inhalt von inseraten haftet ausschließlich der inserent. Für unaufgefordert zugesandtes Bild- und Textmaterial wird keine Haftung übernommen. Jegliche reproduktion nur mit schriftlicher Genehmigung der Geschäftsführung.

PATrICIA KÄFEr

IMPrEssUM herausgeBer Thomas Weber chefredaktIoN Martin Mühl, Stefan niederwieser redaktIoN Katharina Abpurg, Gregor Almassy, Michael Aniser, Matthias Balgavy, Christine Baumgartner, Claire Benedikt, Josef Berner, Sandra Bernhofer, david Bogner, Klaus Buchholz, Johannes

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Kontributoren


1 3. Mai – 19. Juni 2011

Hauptsponsoren

Festivalsponsor

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UNENDLICH FREI TANZ- UND THEATER FESTIVAL

23.JUNI 14.JULI 2011 Inserat_GAP_2011

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www. sommerszene.net

BEI FREIEM EINTRITT 12:00 Uhr

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hast auch du einen Blick für das Bemerkenswerte da draußen? Dann halte deine handycam stets im Anschlag, fang die stilblüten und optischen Querschläger ein, und schick sie uns per MMs oder E-Mail an fondue@thegap.at BILD ALExANDER GOVONI, ANATOL FLEISCHMANN, MICHAEL KACZOROWSKI, NICOLE ELSäSSER, TOBIAS KARL, WERNER SCHROETTNER

Quite obviously, petting is not enough for that fish. Wer erinnert sich? Vor der Wirtschaftskrise gab’s um das Geld noch kompletten irrsinn.

eindeutig eindeutig.

All you can! Solange bis du nichts mehr kannst!

Von der Kirche bis zur schwulen Sau ist’s nicht weit: Gerade mal 1 km, auch die »Pastorenmeile« genannt.

Schon gewusst? die Bahn ist eh immer pünktlich. die hängen nur ihre uhren völlig malle auf.

POOLBARFESTIVAL

PORTUGAL.THE MAN ‡ DEUS ‡ SANTIGOLD ‡ MACY GRAY OK GO‡ KAIZERS ORCHESTRA ‡ KETTCAR ‡ KOSHEEN ERISTOFF TRACKS: SIMIAN MOBILE DISCO DJ SET THE SUBWAYS ‡ ALOE BLACC 01 07

15 08

THE SORROW, THE WEAKERTHANS, RED BULL MUSIC ACADEMY LIVE: HERCULES AND LOVE AFFAIR, WOLFRAM / MOLOTOV MEN, THIS WILL DESTROY YOU, MAHALA RAI BANDA, HOLSTUONAR, RED BULL MUSIC ACADEMY ON THE FLOOR: DJ FEADZ COMA, THE REAL MCKENZIES, FM4 WOCHENENDE: MONO & NIKITAMAN, ATTWENGER, GET WELL SOON / SCOTT MATTHEW FM BELFAST, THE THERMALS, THE BUILDERS AND THE BUTCHERS, LONG DISTANCE CALLING, EGOTRONIC, RAINBOW ARABIA CAMO & KROOKED, BEAT! BEAT! BEAT! FRANCIS INTERNATIONAL AIRPORT, GUDRUN VON LAXENBURG — UVA MUSIK UND KULTUR VON NISCHEN BIS POP ‡ TICKETS & INFO: WWW.POOLBAR.AT

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Have a look: Weitere Höhe- und Tiefstpunkte sowie upload-Möglichkeiten für neue Fotofundstücke, gefischt aus dem eintopf des Alltags — www.thegap.at


FABULA RASA

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KOLUMNE GEORG CR ACKED

Standards in Sachen vertretbarem Kulturpessimismus. Die letzte, nein die vorletzte Kolumne hat für einiges an Aufsehen gesorgt: Das Outing von Josef Pröll als allzu­ menschlich durch Ampel-Nasenbohren kulminierte in einem Lungenschaden, der den Minister vom Urlaub in die ZiB brachte. Und ihn dann gar noch zurücktreten ließ. Ge­ sundheitsfrage hier, Nasenbohren da, all das ist vielleicht zu viel für eine einzelne Politikerseele. Noch mehr allerdings sorgte die Tatsache, dass Josef Pröll einen grünen Jaguar fährt, für Fragen, Diskussionen und Aufruhr. Und daran kann ich folgende investigative Tatsache anschließen: Lau­ ra Rudas fährt einen dunkelblauen Skoda Octavia. Gesehen vorige Woche. Vielleicht. Hinter den Sonnenbrillen sah es jedenfalls so aus, als wäre das Laura Rudas, aber diese mo­ dernen Riesen-Lunettes verbergen ja sehr viel. Irgendwie muss die Freiheit des Fahrens durch die Anonymität von dunklen Sonnenbrillen kompensiert werden. Die meisten Führerschein-Frischlinge haben schon die passenden Ray Bans oder Guccis ersteigert und wissen noch nicht mal, ob sie Super oder Diesel tanken sollen. Jedenfalls war ich letztens in einem Buchladen, um das Buch »HIP in Wien. Plätze wo Sie sein müssen« durchzub­ lättern, und habe erleichtert festgestellt, dass mein Stamm­ lokal nicht drin vorkommt. Nun, ich habe auch nicht erwar­ tet, das Cafe Romeo am Yppenplatz wirklich in so einem Buch zu finden, aber trotzdem ist die Gewissheit den Auf­ wand, persönlich nachschlagen zu gehen, wert. Online geht das nicht. Und so kann ich meine drei, vier Krügel trinken, ohne mir Gespräche über post-digitale Metakommunikation oder Deep-Post-House-Funk im Unterschied zu MinimalPre-Cologne-Dirt-Crunk-Techno anhören zu müssen. Weil im Cafe Romeo spielt entweder Radio Arabella oder Antenne Wien. Nur die Harten kommen durch, aber das wird schwer, wenn es plötzlich in ist, ein Nerd oder Geek zu sein. Hip­ ness ist sowieso schwierig. In meiner frühen Teenager-Zeit war ich der größte Huey Lewis & The News-Fan in meiner Klasse, wenn nicht sogar in der ganzen Schule. (Ich hatte mich sogar über das Huey Lewis gewidmete Kapitel in Brett Easton Ellis’ »American Psycho« gefreut, bis mir beim Kapi­ tel über Whitney Houston gedämmert hat, wie er das meint. Was ich mir beim Kapitel über Phil Collins schon denken hätte können.) Und mit seinem Hit »Hip To Be Square« tat ich mir damals schwer, weil mein mangelndes Englisch mich das mit »Meine Hüfte wird eckig« übersetzen ließ. Wenn ich heute in eine Szene-Bar gehe, verstehe ich aber, was er mit den eckigen Hüften gemeint hat. Das ist wirk­ lich kein schöner Anblick. Und dann war da dieses Mädchen in besagter Szene-Bar mit der Tätowierung, die aussah wie das Porträt dieses Zeichentrick-Helden aus Avatar. Aber bei näherem Hinsehen sah es eher aus wie Patrick Swayze, also sagte ich zu ihr: »Hey, schönes Tattoo von Patrick Swayze.« Worauf sie mich entgeistert ansah und sagte »Spinnst du, das ist Justin Timberlake!« Und ich darauf: »Sieht aus wie der Typ aus Avatar. Wie gefällt dir der Deep-Crunk-Mi­ nimal-Techno hier?« Und das war’s dann auch schon, wie man sich gut denken kann. Eigentlich sollten hier im Anschluss an die letzte Kolum­ ne noch ein paar Worte zum globalen Aufruhr stehen, den Pippa Middletons Rückseite angerichtet hat, aber dafür ist jetzt kein Platz mehr. ¶ cracked69@hotmail.com ► 0 1 0 / AU S GA B E 1 1 7


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Unbezahlter Anzeiger

Alle Waren und Dienstleistungen dieser Welt sind gleich gut. Die scheinbaren Unterschiede werden nur im Kopf der Konsumentinnen erzeugt, u.a. bzw. v.a. mit Werbung, d.h. z.B. mit bezahlten Anzeigen. Auch in diesem Heft gibt es davon welche, und nur die bewusste Verknappung vermag dem Impact noch ein zusätzliches Momentum zu verleihen. Um einer drohenden Branchenmonopolisierung eine angemessene Blockade entgegenzustellen, finden sich an dieser Stelle einige unbezahlte Anzeigen – Segnungen des Konsumiversuns.

BIENENSCHMAUS

In der Broschüre ist von »handgerollten Samenbomben«, »Praline«, »Bienen« und »zum Anbeißen« die Rede. Da muss man also schon genauer schauen, um die schlüpfrig prädisponierte Wahrnehmung dorthin zu verbiegen, worums wirklich geht: Um biologische Saatkugeln in BonbonCamouflage, die man sich in die Wiese wirft, damit daraus schmackhafte Kräuter und hübsche Blumen wachsen können. »Ach so. Und ... auf dem Unkraut hat man dann den Sex?« Also gut. Warum eigentlich nicht. shop.schoener-waers.de ▪▪

REGENSCHIRM

Schaut ein wenig aus wie die Dreifachgangschaltung mit Rücktritt am Ernst-Happel-Weltraumteleskop, handelt sich aber um die Verstrebung des BLUNT Regenschirms, der damit auch mal schön bis zu 120 Sachen Sturmwind aushält, ohne zu knicken oder zu zerreißen. Wegen dem Radial Tension System, you know. Das ist knirpsmäßig radikal, damit rockst du auch im sommerlichen Starkregengewittersturm die Scheiße fett. Und wirst nicht mal nass dabei (… höchstens kotig.) www.bluntumbrellas.eu ▪▪

KORK

Ob im Weltraum, in der Schwimmweste oder im Grünofant-Doppelliter eingestoppelt: Kork ist einfach der Beste. Selbst dann, wenn er schon völlig am Boden liegt. Weil ein Korkboden fußwarm, schalldämmend und antistatisch ist, und somit auch keinen Staub festhält. Aber auch als Möbel ist der Kork wöd, da abnützungsresistent und widerstandsfähig. Noch dazu muss für den Rohstoff nicht mal ein Baum gefällt werden! Das gefällt. Auch dem Designer Daniel Michalik, Kork-Fanboy und Designer der abgebildeten Chaise Longue. www.schoener-leben-mit-kork.de ▪▪

artbodensee11 diesommerkunstmesse dornbirnösterreich 29. bis 31. juli öffnungszeiten: fr und sa 13 bis 20 uhr, so 11 bis 18 uhr

www.artbodensee.info


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Karo Suder (Super-Fi)

TOP 10 RELIQUIEN

01 02 03 04 05 06 07 08 09 10

Vorhaut Jesu Brustmilch Marias Windel von Jesus Milchzahn von Jesus Mohammeds Bart Schweißtropfen von Jesus Buddhas Zahn Marias heiliger Gürtel Blut von Johannes Paul II Grabtuch von Turin

TOP 05

TyRANNENRESIDENZEN AUS DEM BUCH »DICTATOR’S STyLE« 01 02 03 04 05

Sadam Hussein Tito Ceausescu Marcos Mobutu Sese Seko

AUCH NICHT SCHLECHT: Genmaicha und Bukkake Soba.

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Platz 1 Karl Royer (PKP BBDO) und Louise Hudson (Publicis) – Dieses Team vertritt Öster reich beim Finale der Young Lions im Rahmen des Werbefestivals in Cannes. Platz 2 Tobias van Schneider (Les Avignons) und Marion Luttenberer (Moodley). Platz 3 Christoph Schlossnikel (Draft FCB) und Florian Kozak (PKP BBDO) – ein Sujet zum Falten.

SO SEhEN SiEGER AUS

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Ulli Mayer

(Organisation Girls Rock Camp NÖ)

TOP 10

GUITAR HEROES / SINGERS

01 02 03 04 05 06 07 08 09 10

Marnie Stern Scout Niblett Shannon Wright PJ Harvey Tobi Vail Chan Marshall Kimya Dawson Aimee Argote Corin Tucker Jenny Hoyston

TOP 05

PUNK ROCK AEROBIC MOVES 01 02 03 04 05

The Gene Simmons Iggy’s Punch Dee Dee’s Lunge Slits Leg Lift Slut Butt

AUCH NICHT SCHLECHT: Flöte spielen.

Die Young Lions, in Österreich vertreten durch den öffentlich­rechtlichen Ver­ markter ORF Enterprise, ermitteln alljährlich in Vorausscheidungen die besten Nachwuchswerber des Landes. Ziel ist es, lokal Siegerteams zu ermitteln, die un­ ter enormen Zeitdruck kreativ und möglichst innovativ das Briefing eines Werbe­ kunden umsetzen können. Der Bewerb findet in den Kategorien Print, Media, Cyber, Film und Young Clients statt. Die jeweiligen Kategorie­Ersten vertreten Österreich nun auf den internationalen Young Lions in Cannes – wo die gleichen Wettbewerbs­ bedingungen herrschen. Durchwegs war die Qualität der abgegebenen Einreichungen heuer höher als in den Jahren zuvor – besonders auffällig in den Kategorien Print und Cyber. Dennoch war die Entscheidung der Jury (The Gap war durch Herausgeber Thomas Weber vertreten) nur in seltenen Fällen eindeutig; etwa bei jenem Print­Sujet, das schnell als Sieger feststand. Sponsor der Kategorie und damit Auftraggeber eines Print­ Anzeigensujets war die Brau Union für ihre Marke Zipfer. Zielsetzung: auf genuss­ volle Art und Weise den verantwortungsvollen Bierkonsum zu propagieren, dabei der Premium­Positionierung der Marke gerecht zu werden und auf die Website www.zipferverantwortungsvollgeniessen.at hinzuführen. Am überzeugendsten setzten das Louise Hudson und Karl Royer mit ihrem spielerischen Umgang mit dem Fir­ menlogo um. Am Abend vor der Preisverleihung im WUK fand heuer erstmals auch der Young Lions Festival Day an der Graphischen statt. Dort gaben Branchenkenner praxisbe­ zogene Einblicke in ihren Alltag. Daniela Krautsack (Cows in Jackets) etwa belegte anhand internationaler Beispiele die Wechselwirkung zwischen Street Art, Ambi­ ent Media und anspruchsvoller Außenwerbung. Alle Einreichungen und sieger-Arbeiten aller Kategorien (Print, Media, Cyber, Film, Young Clients) sowie Fotos von der Feier im WUK finden sich unter — www.younglions.at.

BILD yOUNG LIONS

die Sieger-Sujets der Vorausscheidungen zum internationalen Jungwerber-Wettbewerb Young Lions.


Social Information Management Wie wird die Gesellschaft in Zukunft mit Information umgehen? Keynote Prof. Dr. Manfred Faßler (Goethe-Universität Frankfurt) Titel seines Vortrages: „Der infogene Mensch im Jahr 2020“

22.06.2011 – 19.00 Uhr The Hub Vienna, vienna.the-hub.net Wien 7., Lindengasse 56 / Top18-19 Erhält Information nur mehr Bedeutung, wenn sie auch digitalisiert werden kann? Reicht der technologiezentrierte Ansatz aus, die gesellschaftlichen Prozesse der Informationsvermittlung und -bewertung zu beschreiben? Wie werden die Menschen sich im Jahr 2020 in der vielbeschworenen Informationsflut bewegen? Als Surfer an der Oberfläche oder als Taucher, die es verstehen, Schätze zu bergen? Oder wird es ausreichen, sich souverän an der Oberfläche bewegen zu können? Wie sind verschiedene Lebensbereiche und -aspekte davon betroffen? Welche ökonomischen Modelle werden der Arbeit mit Informationen zugrunde liegen? Welche Berufsbilder und Social Skills braucht es dafür?

Die Veranstaltungsreihe twenty.twenty widmet sich als offene Diskussionsplattform Zukunftsszenarien einer Welt 2020. Denn: Zukunft kann nicht gepredigt oder verordnet werden. Sie gehört diskutiert und gestaltet.

www.twentytwenty.at | www.facebook.com / exploring2020 | www.twitter.com / exploring2020


Katharina Trank (Sex Jams)

TOP 10

SONGS FOR DAILy ROUTINE

01 Joe Dolce – Shaddap you Face 02 Patti Smith – Rock’n’Roll Nigger 03 PJ Harvey & John Parish – A Woman A Man Walked By/ The Crow Knows Where All The Little Children Go 04 Jamie T. – Earth, Wind & Fire 06 Sonic youth – 100% 07 Tindersticks – Peanuts 08 Japandroids – Crazy Forever 09 Electric Wizard – Dopethrone 10 Kurt Vile – Ocean City

TOP 05

Robert Pinzolits sagt zum Abschied lautstark Servus. Die zehnjährige Label-Tätigkeit endet mit einem grossen Fest im Wiener Rhiz.

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JOE ZiEhEN LASSEN

Zwischen Müll und Leichenwagen Doppelt genäht hält besser Brennende Liebe Das Haus des Schreckens Tote leben länger

AUCH NICHT SCHLECHT: Schwarzer Kaffee und Frucade.

Ines Fernau

(Studentin / Praktikantin Monopol Medien)

TOP 10

EINPRäGSAMSTE BüCHER

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Kite Runner – Khaled Hosseini A Thousand Splendid Suns – Khaled Hosseini The Importance Of Being Earnest – Oscar Wilde The Selfish Giant – Oscar Wilde Ruhm – Daniel Kehlmann Kafka am Strand – Haruki Murakami Millionär – Tommy Jaud The Tipping Point – Malcolm Gladwell Die Physiker – Friedrich Dürrenmatt Der kleine Maulwurf – Zdeněk Miler

TOP 05

NACHSPEISEN … MMMHHHH 01 02 03 04 05

Nougatknödel mit Beerensauce Banoffee Pie Crème Brûlée Schokosoufflé mit flüssigem Kern Karottencupcake mit Maronicrème-Topping

AUCH NICHT SCHLECHT: Lissabon.

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nach fast zehn Jahren beendet robert Pinzolits seine Labelarbeit mit Karate Joe. einmal wird noch gefeiert. Bist du jetzt erleichtert? ROBERT PINZOLITS: Jetzt, nach der Entscheidung, fühlt es sich ganz gut an. Was war die Idee hinter Karate Joe und wie hat sie sich in den neuneinhalb Jahren verändert? Karate Joe hat sich aus einer einfachen Notwendigkeit heraus gegründet: es gab damals kein Label im eigenen Umfeld, das für die recht große Anzahl an Produk­ tionen, die wir als Musiker in der Pipeline hatten, in Frage gekommen wäre. Die Situation der Label­ bzw. Musiklandschaft hat sich vor allem ab ca. 2005 / 2006 wesentlich verbessert. Das heißt, es gibt nun Menschen, die bereit sind, derartige Arbeit leisten zu wollen. Eine Besonderheit von Karate Joe war, dass du nie 360°-Betreuer sein wolltest, sondern sich deine Artists immer um vieles selbst kümmern mussten, aber auch viele Freiheiten hatten ... Nun ja, es gibt gute Gründe, die gegen ein 360°­Modell sprechen. Die Fokussie­ rung auf die Labelarbeit stand im Vordergrund. Nicht Booking oder Artist­PR. Ein Label zu etablieren und danach am Laufen zu halten, birgt genug Arbeit. Vor allem, wenn man den internationalen Nischenmarkt im Auge hat. Booking etwa sollte nie Teil des Karate Joe­Portfolios sein. Für einige Artists führte das anfänglich zu einer gewissen Irritation. Die Erwartungen eines Künstlers an ein Kleinlabel können durchaus sehr hoch gegriffen sein. Zum Glück hat sich diese Sichtweise auf die Tätigkeit eines Labels seitens der Artists mittlerweile stark verändert. Musiker und Musikerinnen wissen heute viel mehr über die Zusammenhänge innerhalb des Musikgeschäfts als noch vor wenigen Jahren. Zumindest beobachte ich das in meinem Umfeld sowie auch in meiner Funktion als Interessenvertreter im VTMÖ. Das ist mein Eindruck: eine gute, weil überlebenswichtige Entwicklung! Was waren eure größten Verkaufsknaller? 1. Glim – Music for Fieldrecordings, 2. Tanz Baby! – Liebe, 3. Le Charmant Rouge – Winzer. Einige österreichische Indielabels blühen gerade auf, stellen Leute ein. Warum hörst du gerade jetzt auf? Karate Joe hat mich nun zehn Jahre lang beschäftigt. Ich denk, dass es an der Zeit ist, damit aufzuhören. Ich möchte den Joe ziehen lassen. Zudem leisten ja Leu­ te wie Bernhard von Siluh, der Fettkakao­Andi und Ili von Seayou sehr feine Arbeit. Ich denke, das passt gut. Ich selbst möchte mich neuen Themen widmen. Aber im Grunde sollte es nur mehr ein einziger Job sein, den ich ausübe – in den letzten Jahren waren es drei!

BILD TESSI GÖTZ

GESCHICHTEN AUS DER GRUFT


© by INI NEUMANN

labelnight

rhiz 23.06.2011

Gerade wird wieder sehr viel über Musik aus Österreich geredet. Wie schätzt du die heimische Musiklandschaft derzeit ein? Meiner Meinung nach führt die hohe Qualität und Eigenständigkeit der in Österreich produzierten Musik zu einem neuen Selbstbewusstsein der hier arbeitenden Musiker und Musikerinnen. Dieser Effekt greift auch auf Labels, Booker und Promoter über und das ist eine glückliche, ja notwendige Verkettung. Nicht nur die Mu­ siker selbst, sondern die Hörer und Hörerinnen verfolgen das Musikgeschehen mit regem Interesse. Die Medien müssen und wollen da mittlerweile auch mit – eine gute Entwicklung. Wirst du dem VTMÖ (Österr. Verband der IndependentLabels) erhalten bleiben? Bleibst du der heimischen Musikszene erhalten? Ich werde meine Funktionen als Vorstand sowie als Verbandssprecher zurücklegen. Ich hab 2003 den Verband mitgegründet, um mich ebendiesen kleinteiligen Proble­ men des Label-Machens, aber auch den strukturellen Problemen der Musikbranche in Österreich zu widmen. Meines Erachtens liegt hier, vor allem strukturell im ver­ wertungsrechtlichen Bereich, einiges im Argen. Anson­ sten möchte ich natürlich musikalisch, am Schlagzeug sowie mit der Gitarre weitermachen. Das macht mir mehr Spaß denn je. Ob ich mich in der Cselley-Mühle ein wei­ teres Mal involvieren werde, das ist komplett offen. Aber es ist ja nicht so, dass es Subventionen auf unabhängig geführte Kulturzentren und Kulturinitiativen niederreg­ net. Davon aber mal abgesehen, plane ich hier in der Zieg­ lergasse in Wien eine Art Mikro-Venue. Ein Ort, an dem in kleinstem Rahmen neue Musik-Projekte präsentiert werden. Konkret: Im ehemaligen Karate Joe Label-Office sollen 8- bis 10-mal pro Jahr Mini-Showcases stattfin­ den. Der Planungsprozess läuft noch, ein entsprechender Verein befindet sich allerdings schon in Gründung.  ¶

Labelnight: Rhiz, 23. Juni 2011

Live + DJs: David und Mu (Tanz Baby!), Oliver Stotz und Sabine Marte (Pendler), Tom (Kantine) und Clemens (Kantine Band, Bo Candy, Songs Of Claire Madison), Andi Berger (Glim, Liquid Loft), und wer halt noch kommt … Eintritt frei! Auf www.kjrec.com lassen sich alle Releases von Karate Joe Records an- bzw. durchhören. Vollständige Version des Interviews auf — www.thegap.at

70 Jungdesigner 7 Junggastronome 4 Workshops 3 Performances 3 DJs 1 Marktplatz 19. Juni 2011 / 11.00 - 20.00 Alte Technik und Galerie Ottakringer Brauerei www.feschmarkt.at


Oben: Kaboom! Mitte: Peng! Unten: Bam! Das erste Mal Jack im Morisson musste um zwei Uhr das erste Mal Aufnahmestopp ausrufen.

ANd, iN thiS hOUSE, thE KEEPER iS JAcK

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Am 27. Mai war es dann so weit: Der Morisson Club war Schauplatz un­ serer neuen Clubserie Jack und gleichzeitig feierten die Betreiber des ehe­ maligen Puffs das Reopening. Die Stimmung war nach kürzester Zeit am Siedepunkt ‒ auch aufgrund der Go­Go­Stange und den freundlichen Getränkepreisen. Ein bunt durchmischtes Publikum tanzte zu knackigem Deephouse, bis einem die Schweißperlen schon vorm Bestellen des näch­ sten Biers von der Stirn liefen. So mögen wir Einstände, und am 24. Juni wird Parkwächter Harlekin sicher für ähnliche Stimmungsmomente sor­ gen wie Drei Farben House beim Eröffnungsabend. — www.facebook.com/jackthegap ► 01 6 / AU S GA B E 1 1 7


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www.thegap.at / gewinnen

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TrON 01

»Tron« setzte 1982 im Bereich der (Computer­)Animation völlig neue Maßstäbe. Auch die Fortsetzung »Tron: Legacy« ist recht ansehnlich geworden. Wir verlosen 2 Blu­Ray Pakete mit Original und Sequel. Betreff: 117 Effekte für die Raster-Action.

MILKA sTrAND 02

Es ist ein Gerücht, dass Kühe in der Wiese leben. Milka macht sich am Strand viel bes­ ser. Und deswegen verlosen wir 10 Strandpakete bestehend aus FlipFlops, Sitzkissen und … äh … Regenponchos. Betreff: 117 Regentropfen sind uns vollkommen egal

FrONTLINEshOP / MELT 03

Frontlineshop.com ist heuer erstmals Headsponsor des Melt! Festivals und hat uns qualitativ Hochwertiges zur Verfügung gestellt. Zu gewinnen gibt’s einen Ben Sherman­ Strohhut, eine Vans­Sonnenbrille, eine Lomographie­Kamera und ein kopfhörerlastiges Möve­Handtuch. Melt: 15.–17.7. Ferropolis. Betreff: 117 Festival-Styler.

LAND UNTEr IhNEN 04

Zum Buchinhalt: Hernando Cortéz fährt mit seinem Schiff so lange in eine Richtung, bis er zufällig irgendwo auf Land stößt, wahnsinnig wird und ebendieses erobert. Wir verlosen 3 x Alexander Peers ironischen Blick auf den Azteken­Eroberer mit Jetzt­Bezug. Betreff: 117 Matrosen erobern Mexico.

DIE FOrMEL DEr MAChT 05

Netzwerk­Forscher Harald Katzmair und Harald Mahrer haben sich die Zusammen­ hänge mächtiger Netzwerke genauer angesehen und ein Buch über ihre Beobachtungen und Forschungsergebnisse geschrieben. Wir verlosen 3 Exemplare. Betreff: 117 Freunde bringen dich weiter.

ThE KILLEr INsIDE ME 06

Casey »der kleine Bruder von Ben« Affleck als Bad Cop mit Drang zu SM­Spielchen, Kate Hudson und Jessica Alba als liebesbedürftige Gespielinnen und eine recht atmo­ sphärische Story. Regie: Michael Winterbottom. Wir verlosen 2 x DVD und 1 x Blu­Ray. Betreff: 117 Peitschenhiebe machen auch nicht glücklich.

BLACK sWAN 07

Natalie Portman hat sich für »Black Swan« den Oscar abgeholt. Längst überfällig und deswegen ganz egal, ob sie ihn verdient hat oder das Tanz­Double. Den Film haben wir übrigens gern gesehen. Ab 10.6. gibt’s den Film auf DVD und Blu­Ray zu kaufen. Wir verlosen 3 DVDs. Betreff: 117 schmerzhafte Ballerinas.


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Summer of ’11

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Zünftig: der Auftakt der gemeinsamen Festivaltour von Volksbank und The Gap Zum Aufwärmen ein Stopp in der Pratersauna, wo eine Vorarl­ berger Institution ‒ das Poolbar Festival ‒ ihr alljährliches Wien-Gastspiel gab. Mit dabei: Die Sterne, Tiga, Ginga, die DJs Moogle, Laminat und Kid Soylent. Nächster Halt: Klein­ reifling. Dort gab’s zwar Probleme mit unserem knallroten Oldtimer (wir bedanken uns herzlich bei der Freiwilligen Feu­ erwehr Kleinreifling, die das kontaminierte Erdreich abtragen und Schlimmeres verhindern konnte), doch der Stimmung später konnte das nichts anhaben. Höhepunkte auf der Bühne: Bilderbuch, Kreisky, Esben And The Witch und FM Belfast. Man sieht sich weiters am: 18.06. am Zone Open Air (Tirol) 01.-02.07. am Ottensheim Open Air (Oberösterreich) 09.07. am SauTrock Festival (Steiermark) 15.-16.07. am On The Rocks Festival (Salzburg) 22.-23.07. am Acoustic Lakeside (Kärnten) 30.07. am JFAM (Niederösterreich) 04.-06.08 am Szene Open Air (Vorarlberg) 01.07-15.08. in der Poolbar (Vorarlberg) — www.thegap.at/festivalsommer

bild Flo Auer, Juliane Fischer

Oben: Das Poolbar-Gastspiel in der Pratersauna. Unten: Kleinreifling im Ausnahmezustand.

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the BlueS Feeling the BlueS Feeling ultIma / wIm VandekeyBus (Be) ultIma VeZVeZ / wIm VandekeyBus (Be) „oedIPus / Bêt noIr“ „oedIPus / Bêt noIr“ JulI + 1. august | 21.00 | VolkstHeater 30.30. JulI + 1. august | 21.00 uHruHr | VolkstHeater ÖsterreICHIsCHe erstauFFüHrung ÖsterreICHIsCHe erstauFFüHrung SongS the the lovelove SongS stuart (de/us) & PHIlIPP geHmaCHer (at) megmeg stuart (de/us) & PHIlIPP geHmaCHer (at) „mayBe ForeVer“ „mayBe ForeVer“ + 31. JulI | 20.00 | akademIetHeater 29.29. + 31. JulI | 20.00 uHruHr | akademIetHeater

Party tunes tHetHe Party tunes imPulStanz PaRty imPulStanz PaRty Cody CHesnutt & Band Cody CHesnutt & Band „landIng a 100 tour – Part „landIng on on a 100 tour – Part II“II“ dJ-suPPort By mr. & luIs ForeVer mInorIty) dJ-suPPort By mr. guanguan & luIs ForeVer (tHe(tHe loudloud mInorIty) JulI | 22.00 | kasIno sCHwarZenBergPlatZ 22.22. JulI | 22.00 uHruHr | kasIno am am sCHwarZenBergPlatZ danceweB PaRty danceweB PaRty gaZelle lIVe gaZelle lIVe dJ-suPPort kIdo soon (313radIo / PratereI) dJ-suPPort By By kIdo soon (313radIo / PratereI) & & tHomas martIn (313 / BJk musIC) tHomas de de martIn (313 / BJk musIC) august | 22.00 | kasIno sCHwarZenBergPlatZ 12.12. august | 22.00 uHruHr | kasIno am am sCHwarZenBergPlatZ mAny more… AndAnd mAny more…

draFt FCB+Partners/PeaCH | IllustratIon © FrederIk Heyman

ImPulstanZ lIneuP tHetHe ImPulstanZ lIneuP Bollywood Sound the the Bollywood Sound terenCe lewIs ContemPorary danCe ComPany (In) terenCe lewIs ContemPorary danCe ComPany (In) „JHoom“ „JHoom“ JulI | 21.15 | HauPtHoF museumsQuartIers 13.13. JulI | 21.15 uHruHr | HauPtHoF desdes museumsQuartIers urauFFüHrung | eIntrItt FreI urauFFüHrung | eIntrItt FreI


►KOLU M NE / Z a h l en , b i t t e ! ►Von Thomas Edlinger

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ann es sein, dass man von Reisen blöder zurück­ kommt als man hingefahren ist? Man kann, sagt jemand, der vor allem in Bildern und Texten reist, heute blöderweise nur mehr von Verblödungsrei­ sen sprechen. Bildungsreisen (so hießen die Ein­ bildungen eines eingebildeten Bürgertums) sind bekanntlich Schnee von gestern, schreibt der Film- und Kulturtheoretiker Georg Seesslen. Im heutigen Massentourismus, der die Ideo­ logie der Bildungsreise zum All-Inclusive-Frühstück verspeist hat, »geht es nicht mehr allein darum, zu reisen, um vom Be­ reisten nichts zu sehen. Man muss dümmer zurückkehren, als man aufgebrochen ist, sonst ist das nichts: Man lernt, reisend, das Ignorieren (und das ist eine der wichtigsten Fähigkeiten auch daheim). Es geht nicht mehr um dummes Reisen, auch nicht mehr um reisende Dummheit, es geht um Reisen in die Dummheit«. Nun ist das Gemosere über den Massentourismus genauso alt wie der Massentourismus selbst. Dass die Masse mobil geworden ist und sich erst »spießig« per Kleinwagen, später »alternativ« per Rucksack und Interrail, und heute per Eco­ nomy-Class-Traumschiff, Saufwegelagertum oder Bumsbom­ ber Plätze erobert hat, von denen sie früher eben nur geträumt hat, erregt seit jeher die Masse der vereinzelten Masseveräch­ ter. Das Tourismus-Bashing, so es nicht knallhart ökologisch oder politisch begründet ist und sich vor allem an der Frage des schlechten Geschmacks begründet, kennt eine snobistische und eine alternative Variante. Die snobistische Variante der Jetset-Nostalgiker sagt: Ihr verstellt die Aussicht mit euren kurzen Hosen. Ihr verpestet die Luft mit den Ausdünstungen eurer billigen Touristenmenüs. Und, vor allem: Ihr seid zu viele, weshalb man nicht nirgends mehr sicher ist vor euch, außer auf der eigenen Yacht. Die alternative Variante der Backpacker sagt: Ihr kommt in die Fremde und wollt doch immer nur das Schnitzel. Ihr seid blökende Schafe, die nicht nur nichts ver­ stehen, sondern auch nichts verstehen wollen. Und: Ihr seid zu viele, weshalb man nirgends mehr sicher ist vor euch, außer in der Jugendherberge.

Siegeszug der Verblödung

Das Verhalten des Pauschaltouristen in der Hotelanlage in Kenia hat vor Kurzem der reisende Barstuhlhocker Heinz Strunk in seinem Roman »Heinz Strunk in Afrika« bearg­ wöhnt. Selbstverständlich mit entsprechenden Stumpfheits­ befunden am kultischen Ort der Ausdörrung, dem SwimmingPool und zwischengestreuter Introspektion über den innigen Wunsch nach Ignoranz der sonnengeölten Umgebung und anderer Probleme der Außenwelt der Innenwelt. Georg Seess­ len, der sehr viel über den Siegeszug der Verblödung um sich und in sich nachgedacht hat, würde wahrscheinlich sagen: Der elitäre Dünkel ist mindestens genauso blöd wie der Pöbel im Sangriarausch. Die gern als wohlverdiente Erholung betitelte Einübung in die Langeweile findet dann halt nicht mehr im ► 0 2 0 / AUSGABE 117

Billighotelbunker, sondern im Luxusyachtbunker statt. Kreuz­ worträtsel lösen oder bunte Promis im Bikini in der Gala angu­ cken kann man dort ja genauso. Ähnlich zweifelhaft verhält es sich mit dem Dünkel der Alternativtouristen: Sind der Glau­ ben an die Möglichkeit der individuellen Freiheit und der au­ thentischer Erfahrung bzw. die Fetischisierung des Anderen im »Lonely Planet«-Reiseführer nicht letztlich noch blöder als der täglich durch die Abstimmung per Frühbucherbonus bestätigte Wunsch der Masse, im Urlaub bitte schön von allem Irritie­ renden verschont bleiben zu wollen? Was bleibt dann also, wenn man trotzdem etwas erleben will? Roger Willemsen berichtet in seinem neuen Buch von seinen Reisen zu entlegenen Landschaften bzw. an »Die Enden der Welt«, deren Faszination für ihn vor allem darin liegt, dass dort eine Natur herrscht, die den Menschen nur als ungern gesehenen Gast ein wenig an sich heranlässt. Der britische Ethnologe und Schriftsteller Nigel Barley beschäftigt sich hingegen doch lieber mit Menschen, meint aber: Nichts an der Fremde ist befremdlicher als der Fremde, der sie besuchen kommt. In seinen Romanen, die auch als Dokumente des ko­ mischen Scheiterns von wissenschaftlicher Abstraktion über das konkrete Leben lesbar sind, lernt man: Die Menschen verhalten sich leider nicht so, wie sie das laut Lehrbuch tun sollten. Zum Beispiel begrüßt da ein kauziger Häuptling den ob seines endlich am vermeintlich weißen Flecken Angekom­ menseins tatendurstigen Forscher mit einem herzhaften Heil Hitler! und hat ein Marilyn Monroe-Poster im Zelt aufgehängt. Bevor der Forscher soviel Culture Clashes erforscht hat, wird ihm leider vom Essen schlecht und er muss fieberträumen. Als Barley Jahre später einen jungen Mann aus dem Dschun­ gel Borneos aus Dank für seine Unterstützung London zeigen will, ist der wenig beeindruckt von Flugzeugen, U-Bahnen und Computern und ähnlichem Klimbim. Was ihn wirklich beun­ ruhigt, ist erstens die im Vergleich zum indonesischen Dorf beklemmende Stille in der Londoner Nacht und zweitens die seltsamen Männer mit den Hunden an der Leine im Park. Das können nur Verrückte oder gar Verhexte sein. Ziemlich verhext erscheint mir auch der Reiseschriftsteller Redmond O’Hanlon. Und dass nicht nur, weil er mir während eines Interviews plötzlich ein Amulett an den Kopf warf und dabei vor Lachen laut aufkreischte. Sondern auch, weil sich der Mann bevorzugter Weise in mit dem Ebola-Virus verseuchte Gebiete begibt. Dort trifft man wenigstens keine Touri-Mas­ sen. Sondern muss höchstens ab und zu mit Massen von Trei­ ber-Ameisen rechnen, die in ein paar Minuten das Nachtlager verwüsten und die Insassen als Nachtisch gleich dazu, wenn man nicht schnell genug die Beine in die Hand nimmt. ¶

Die Qual der Zahl – 9 wie »Revolution Nr. 9« oder 99 wie in »99 Luftballons«? Schreibt uns eure Vorschläge, um welche Zahl zwischen 0 und unendlich es nächstes Mal gehen soll. zahlenbitte@thegap.at

bild Ingo Pertramer

Millionen Touristen weltweit im Jahr 2010 können vielleicht doch irren. Über den Massentourismus und die Masse des Massentourismusverächter.


Die Insel auf der Insel.

Österreich 1 Kulturinsel

d o n au i n s e lf e s t , 2 4 . b i s 2 6 . j u n i 2 0 1 1

samstag, 25. juni, 21.00 uhr

Hindi Zahra

Wolfram Berger & Klezmer Reloaded  Cornelius Obonya    Lukas Resetarits  Amparo Sánchez   Martina Schwarzmann  Andreas Vitásek    Hindi Zahra Clara Luzia 5/8erl in Ehr’n   Mary Broadcast Band    Francis International Airport  Sigi Finkel Adventure Group infos in oe1.orf.at Mit freundlicher Unterstützung von

Foto: © Hassan Hajjaj

  Live on stage und in Ö1


► der o r f im ja h r 2 0 3 1 ► Die Zukunft des Öffentlich-Rechtlichen TEXT patricia käfer ILLustration CLAIRE PAQ

Der ORF als Nutztier – ausgefressen, ausgeschlachtet oder filetiert? Drei Szenarien zur Zukunft von Public Value in Österreich. Da liegt er auf der Weide, der Wiederkäuer ORF, und weiß nicht, wie ihm geschieht: Am 9. August wählt sein Aufsichtsgremium entweder einen neuen Generaldirektor, oder den alten, Alexander Wrabetz. Anstatt um die Zukunft von Public Value – einer gesellschaftlich relevanten, kritischen und unabhängigen Medienpräsenz – geht es dabei um etwas anderes: Die Parteipolitik will den Rundfunk weiter instrumentalisieren. Druckmittel ist die finanzielle Staatshilfe, aus fetter Erde sprießt saftiges Gras. Doch es ist schwül, Mücken wie Schwalben fliegen tief: Ein Donnerwetter aus Internet, Mobilität und Fluktuation zieht auf, rauer Wind weht dem trägen ORF entgegen. Was passiert mit FM4, Ö3, Ö1, den Bundesländerradios und ORF On? Drei Szenarien, wie der Rundfunk 2031 aussehen könnte und wer dann – statt nur Mist – auch Public Value schafft. ir trauen Prognosen statt Propheten: 2011+20=2031. Da liegt Österreich, herzig in einem Europa, das geeinter scheint als zuvor – weil ein neuer Konkurrent am Hori­ zont aufgestiegen ist: Asien. Das Bruttoinlandsprodukt des Kontinents hat 2028 die Wirtschaftsleistung der G7, einst die führenden Industrienationen, überholt. Weltweit hungern immer noch eine halben Milliarde Menschen, die meisten von ih­ nen in Subsahara-Afrika. Der Flugverkehr über Europa hat sich verdoppelt; Kurzstrecken hingegen werden überwiegend mittels Hochgeschwindig­ keitszügen zurückgelegt. In Österreich leben 35 Prozent der Menschen als Vegetarier, der Wiener Ring wurde in eine Fußgängerzone umfunktioniert. Und das Parlament hat an Bedeutung verloren, zugunsten der Regierungen in den Bundesländern einerseits und Brüssel andererseits. Medial herrscht das kostenfrei zugängliche semantische Web, das Be­ deutungen erfasst und gewichtet, also »denkt«. Die Informationsmedien haben eine Rolle übernommen, die Berthold Brecht ihnen schon anno 1932 in seiner »Rede über die Funktion des Rundfunks« zugedacht hatte: »Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffent­lichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, d.h., er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen, und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.« Hat der ORF dieses Kunststück bis 2031 geschafft? Ist er ausgefressen, ausgeschlachtet oder – filetiert? ¶

Internetnutzung in Österreich lt. Media-Analyse seit 2001: Anteil der 20- bis 29-jährigen Österreicher, die zum jeweiligen Zeitpunkt der Befragung angaben, täglich das Internet zu nutzen. Im Laufe der vergangenen zehn Jahre hat sich der Anteil beinahe vervierfacht.

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SZENARIO 1: ORF, AUSGESCHLACHTET

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SZENARIO 2: DER ORF ALS FILET

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SZENARIO 3: GEMÄSTETER ORF

Der ORF ist abgestochen, private Medienunternehmen nagen noch an seinen Knochen. Überwiegend wird von ihnen kommerzielles Programm angeboten, vereinzelt auch solches mit Public Value.

Das Opfer ist erbracht: Der üppige Bauchspeck des ORF ist weg, übrig bleibt ein zartes, saftiges Stück. Mit der Mistgabel hat man früher vertrieben, wer eine »Filetierung« des ORF andachte. Denkste.

Der ORF – samt all seiner internen und externen Entscheidungsträger – bleibt der Esel, den wir kennen, doch hat man dem verfressenen Tier den Boden unter den Füßen weggezogen. Mehr als ein Beinbruch.

Ungekürzte Interviews mit Anneliese Rohrer, Matthias Karmasin u.a. zur Zukunft des Öffentlich-Rechtlichen finden sich unter www.thegap.at / orf PHASE 1: GRÜNDUNG

TIMELINE

Fast ein Jahrhundert Rundfunkgeschichte in Österreich. 23 Stationen der Entwicklung – von Teletext über FM4 bis ORF On.

1924

Gründung der Radio Verkehrs AG RAVAG, Beginn der österreichischen Rundfunkgeschichte. Erste Opernübertragung in der zweiten Woche des Sendebetriebs (»La Serva Padrona« von Pergolesi).


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• APROPOS Gebühren Schwarzseher sind in Österreich rar: Das Land hat mit nur 2,5 Prozent Gebührenprellern den europaweit niedrigsten Wert. Das ist der GIS (Gebühren-Informationsservice) zu verdanken. Sie sammelt dabei nicht ausschließlich für den ORF: Zirka ein Viertel der Gebühr geht an Finanzministerium, Bund und das jeweilige Bundesland. • APROPOS Public Value Der britische Rundfunk BBC hat den »Public Value« für Medien erfunden. Sie selbst will demokratischen Wert, Kulturwert, Bildungswert, Gesellschaftswert und globalen Wert schaffen. Auch der ORF hat 2007 seinen Public Value definiert: Er will individuellen Wert, Gesellschaftswert, Österreichwert, internationalen Wert und Unternehmenswert erzeugen. Auch im ORF-Gesetz ist der öffentlich-rechtliche Auftrag festgeschrieben.

Szenario 1: ORF, ausgeschlachtet Der ORF ist abgestochen, private Medienunternehmen nagen noch an seinen Knochen. Vereinzelt wird noch Public Value angeboten. Doch überwiegt das kommerzielle Programm, also eines das auf Quote achtet, nicht auf Qualität. Rülps. Dieser Braten ist 2031 gegessen: Den öffentlich-rechtlichen Rund- niger Reichweite ist gleich weniger Macht. Macht weniger Geld, so die funk Österreichs gibt’s nicht mehr. Die Ö3-Gemeinde wurde in den Raiffe- Gleichung der Politik. Von Parteiinteressen geprägt, ist ihr der Verlust kriisen-Konzern umquartiert; FM4 gibt seinen Babys jetzt in Fuschl am See tischer Öffentlichkeit, von Public Value • egal. ein akustisches Zuhause – bei Red Bull. Auf Druck der Europäischen Union, Ihr geht es um Einfluss. Anstatt also dem ORF das Gnadenbrot zu gedie eine weitere Wettbewerbsverzerrung verhindern wollte, musste ne- ben, wird ein Gebührensplitting-Modell (das seit 2010 schon im Ansatz ben diesen beiden Radioprogrammen auch ORF1 verkauft werden. Große existierte) etabliert: Vordergründig nach Schweizer Vorbild bekommen Sport­übertragungen erlaubt die EU nur mehr im Privatfernsehen. dabei auch Privatsender Rundfunkgebühren, wenn diese Public Value bieDer Anfang vom Ende begann dabei nicht in Brüssel, sondern in Wien: ten. Dazu zählt übrigens auch qualitätsvolle Unterhaltung und jedenfalls »Es gibt in Österreich keine medienpolitische Gesamtvorstellung«, sagte nicht »Sozialpornos wie ›Saturday Night Fever‹ des Privatsenders ATV«, Journalistin Anneliese Rohrer, »wenn nicht jemand mit Hirn daherkommt, sagt Medienwissenschaftler Matthias Karmasin: »Denn es geht vor allem wird der Öffentlich-Rechtliche ruiniert.« 2010, nach der Wirtschaftskrise, um Menschenwürde.« Der Österreichbezug wird ihm zufolge eher aus Geschaffte der ORF nur dank außerplanmäßiger Subventionen – insgesamt schäftsinteresse hergestellt – bei ATV wie beim ORF. »›Dancing Stars‹ ist 160 Millionen Euro auf mehrere Jahre – wieder ein positives Geschäfts- zwar ein BBC-Format, aber die Teilnahme von Alfons Haider ist österreiergebnis. Zu dem Zeitpunkt finanzierte sich der Rundfunk zu ca. einem chisch, den kennt schon in Deutschland keiner mehr.« Das politische KalDrittel aus Werbeeinnahmen, zu zwei Dritteln aus von der Allgemeinheit kül hinter dem Gebührensplitting: Einfluss auch auf kommerzielle Sender erbrachten Gebühren. • zu bekommen, etwa auf RTL, das längst eigene Österreich-Nachrichten Der ORF speckte ab: Etwa zehn Prozent der Jobs wurden 2010 gestri- produziert. Wenn die Menschen lieber Privat-TV sehen, will der Kanzler chen (auf ca. 3.200 Arbeitnehmer). Viele erfahrene Journalisten akzep- eben dort präsent sein. tierten einen Golden Handshake und gingen in Pension, was dauerhaft Der ORF geht daneben ein. Seinen Public Value schaffen 2031 andere – an der journalistischen Glaubwürdigkeit des ORF nagte. Generaldirektor darunter immerhin einige seiner früheren Schäfchen: Armin Wolf streamt Alexander Wrabetz überlegte zwar, sein Unternehmen zu übersiedeln, täglich um 23:00 Uhr sein Interview des Tages. Martin Blumenau organientschied aber nichts. Gegen eine Restrukturierung und Verkleinerung siert einen Communityblog für Fußball, wo jeder Trainer spielen darf – das des ORF lehnte sich nämlich das Selbstverständnis der Belegschaft wie letzte Wort hat dennoch er. Ö1 wird von der Hans-Peter Haselsteiner-Founderen Betriebsrat auf. Der Marktanteil des ORF-Fernsehens sank von 43,4 dation erhalten. »Haselsteiner«, so Rohrer über den Chef des BauunterProzent 2005 auf 37,8 Prozent 2010. nehmens Strabag und langjährigen Patron des Liberalen Forums, »hat das Und er fällt rasant weiter. Die EU knöpft sich den zu stark kommerziell Stiftertum im Ansatz, ist aber gescheitert.« Mit der Medienunternehmung ausgerichteten Rundfunk vor – hauptsächlich gibt sie damit dem Druck gibt er sich selbst noch eine Chance. Aus dem Nachlass des verstorbenen der Zeitungsverleger-Lobby nach: Denn die einst stark werbefinanzierten Politikers und Industriellen Hannes Androsch finanziert sich das Institut Printmedien straucheln immer noch im Web und beanspruchen ihren für Medienbildung, das in Schulen und Unternehmen Kompetenz und VerPlatz am Futtertrog. Ö3 wird nach einem kartellrechtlichen Kniff an Raiff- antwortungsbewusstsein beim Medienkonsum vermittelt. Auch ATV trägt eisen verkauft; der Bankenmischkonzern ist seit Jahren u. a. an Kurier, ein Schärflein zu Österreichs Public Value bei – mit dem Politikfeed von Sat1 Austria, der ORF-Sendertechniktochter ORS, Profil und den übrigen Chefreporter Martin Thür. News-Magazinen beteiligt. Red Bull schluckt FM4. ORF1 wird in die Media­ Auf Red Bulls Servus TV laufen die großen österreichischen Events: set-Gruppe des greisen Silvio Berlusconi eingegliedert und mit Mädchen Salzburger Festspiele genauso wie Streif-Abfahrt und Life-Ball. Rund um und Tieren zu einer Art Kronen Zeitung in bewegten Bildern. die übernommene Marke FM4 und seine Community baut der Konzern Der ORF-Marktanteil bröckelt freilich weiter – und mit ihm die kurz- – verknüpft mit seiner eigenen Red Bull Music Academy, in der DJ-Supersichtigen Interessen der österreichischen Medienpolitik. Mit einer Quote stars regelmäßig Lectures halten – ein partizipatives Multimedia-Service von nur mehr zehn Prozent findet sie den Rundfunk nicht mehr nützlich, auf, das rasch die österreichischen Grenzen überschreitet und die Musik die Subventionen werden gestrichen: Weniger Zuschauer ist gleich we- der Wiener Club-Szene in die Welt exportiert, »ihr Flügel verleiht«.  ▪▪

1938

Gleichschaltung der RAVAG durch die Nazis. Ab 12. März heißt es »Hier ist der Deutsch-Österreichische Rundfunk«; ab 1939 Abhörverbot ausländischer Sender.

1955

Übertragung der Unterzeichnung des Staatsvertrags am 15. Mai im Rahmen des ersten TV-Versuchsprogramms.

1958

Gründung der Österreichischen Rundfunk GmbH, Teilnehmergebühr: 50 Schilling / Monat (3,60 Euro).


BILD ATV

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CASE-STUDY die Medienaktivitäten von Red Bull

»Niki Lauda hätt’ sofort 50.000 Follower«

Jungstier mit Flügeln

ATV-Reporter Martin Thür lebt Brecht: Für seine journalistische Arbeit nutzt er das Publikum als Ressource.

Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz ist seiner Zeit voraus: »Es ist sehr plausibel, dass jedes Unternehmen irgendwann im Content-Business ankommt«, sagt Medienwissenschaftler Matthias Karmasin – dort, wo Red Bull schon ist. Praktisch alle anderen Unternehmen sind in Sachen Marketing abhängig: von Werbeagenturen, Medien, Mittelsleuten. Red Bull inszeniert seine Markenwelt selbst – zwar im Sinne Brechts, aber nicht zum Nutzen der Gesellschaft, sondern zur Steigerung des eigenen Gewinns. Profis helfen mit: Die Besetzung der Kernpositionen – z. B. mit dem bayrischen Ex-Puls4-Geschäftsführer Martin Blank, mit Wolfgang Pütz, der Erfahrung aus der seriösen ARD und RAI einbringt, und mit ExStyria-Chef Horst Pirker, ökonomisch und zukunfsdenkender, international vernetzter Medienmacher – charakterisieren Mateschitz’ Anspruch. Die wichtigsten Medieninstrumente sind: ► Servus TV, das grenzenübergreifend im Donau-Alpe-Adria-Raum viel Wert auf Regionales und »Authentizität« legt. Das ORF-UniversumTeam hat Mateschitz abgeworben, Stars aus dem eigenen Konzern, etwa Formel-1-Fahrer Sebastian Vettel lädt er zum »Talk im Hangar«. 2010 gab es nur magere 0,4 % Reichweite, doch der Sender ist erst seit Ende 2009 on Air. ► Hochwertige Magazine wie das Seitenblicke-Magazin (2010: 3,1 % Reichweite) und Servus in Stadt und Land; Red Bulletin soll – so Mateschitz’ Wunsch – zum Großteil aus Geschichten bestehen, die definitiv nichts mit Red Bull zu tun haben, um die Glaubwürdigkeit zu steigern.  ▪▪

Ist twittern nur Spaß? Ich sehe das Twittern als Teil meines Jobs. Für meine Produktion habe ich aufgehört zu trennen – ich arbeite nicht nur für TV, sondern auch für Twitter. Ist es für Journalisten ein Mittel, sich als Marke zu etablieren? Eher für Politiker: Schwarzenegger twittert Fotos von seinem neuen Elektromobil. Kanzler Faymann twittert übrigens ab Herbst, Angelika Feigl (verheiratet mit Krone-Innenpolitikchef Claus Pándi, Anm.) plant derzeit seinen Social-Media-Auftritt. Warum twitterst du? Ich krieg’ von Twitter genauso viel zurück, wie ich gebe, etwa Hinweise für Interviews. Und es ist ein Feedbackkanal. Auch Armin Wolf macht seine Sache sehr gut, er hat aber auch deshalb die meisten Follower, weil in Österreich – anders als in den USA – Stars wie Niki Lauda nicht twittern. Der hätt’ sofort 50.000 Follower. Lässt sich Social Media-Kommunikation strukturieren? Facebook ist der Meinungskanal, Twitter der für Information. Nachrichtenmedien sollten tatsächlich strategisch auswählen: Welche News kommen auf Twitter, welche auf Facebook? Wo liegen die künftigen Berufsbilder und Aufgaben jenes Radio / TV-Journalismus, der sich um Public Value bemüht? Im österreichischen Privat-TV ist nicht alles Gold, aber es gibt Spaßfelder. Für meine Generation bis ca. 35 etwa ist es kein Ziel mehr, beim ORF zu arbeiten. Wo soll der dann aber Innovationen hernehmen? Und wo ist sein österreichischer Content? Bei ATV muss jede Eigenproduktion einen Österreichbezug haben – das fehlt mir in der ORF-Unterhaltung. Dabei hat der ORF neun Landesstudios … … und was macht er draus? 20 Minuten täglich, über das Heurigenfest in Grafenwörth. Die Regionalität soll immerhin beim geplanten ORF-Frühstücks-TV eine Rolle spielen. Im ORF ist das zu verwaschen! Die flüchten in irgendwelche zugekauften Formate. Wie denkst du über die Zukunft von TV insgesamt? Große TV-Events wie »DSDS«, Fußballspiele, Nationalratswahldebatten – die bleiben wichtig. Für Tagesaktuelles wird es schwieriger, Relevanz zu erzeugen, das verschwimmt zu sehr mit den News, die jeder von uns im Web aufschnappt.  ▪▪ twitter.com / martinthuer

PHASE 2: AUFLEHNUNG

1964

Volksbegehren gegen den »Proporzfunk« und für eine Reformierung des ORF (rund 830.000 Unterzeichner). Der vierköpfige, entsprechend dem Proporz zwischen SPÖ und ÖVP aufgeteilte ORF-Vorstand wird durch einen Generalintendanten ersetzt. Erster »GI« wird 1967 Gerd Bacher; er ernennt vier Direktoren für TV (Helmut Zilk), Radio, Technik, Finanzen und einen Generalsekretär.

1967

Start Ö3

1968

Beauftragung des Architekten Roland Rainer mit der Planung des ORF-Zentrums Küniglberg.

1969

Start Farbfernsehen; erstmals »freie« Berichterstattung von Parlamentsdebatten (davor: in Absprache mit den Parteien); Gründung des ORF-Symphonieorchesters.


2

Szenario 2: Der ORF als Filet Das Opfer ist erbracht: Der üppige Bauchspeck des ORF ist weg, übrig bleibt ein zartes, saftiges Stück. Mit der Mistgabel hat man früher vertrieben, wer eine »Filetierung« des ORF andachte. Denkste. Ein Wort bescherte ORF-Generaldirektoren seit Generationen: die Filetierung Alpträume. Was Frau oder Herrn Intendant an Fleisch und Fisch bei Tisch gefiel, vermieden sie beim ORF tunlichst – bis es sich nicht mehr vermeiden lässt: Die österreichische Medienpolitik schwenkt um, wird schlauer und verabschiedet sich von parteipolitischen Motiven. »Man soll’s nicht ausschließen, dass weitsichtige Politiker in diesem Land an die Macht kommen«, kommentiert Journalistin Anneliese Rohrer. Diese stecken dem ORF Downsizing-Ziele. Um ihn zu erhalten heißt es, ausgerechnet ihn zu opfern. Denn Qualität ist keine Massenware (wenngleich notwendig, um der Masse Impulse zu geben). Wissenschaftler Matthias Karmasin rechnet für 2031 mit einem »Marktanteil von 13 bis 15 Prozent«, eine Größe, die auch die deutschen öffentlich-rechtlichen Programme ARD und ZDF kennen. »Doch das geht nur, wenn endlich diese Quotenfaszination aufhört«, sagt Rohrer. Und tatsächlich: Die Rundfunkgebühr wird abgeschafft, die Finanzierung des ORF aber durch eine Haushaltsabgabe gesichert, die wie eine Steuer eingehoben wird. »Natürlich stellt sich da die Frage nach der Gerechtigkeit: Ich zahl’ auch Steuern und fahr’ nie mit der U-Bahn«, sagt Karmasin. Doch bietet der ORF nun Schmankerln – so leckere, dass seine Community ihn freiwillig per Crowd-Funding • unterstützt. Ohne das Tier zu opfern geht es zwar nicht: ORF1 geht an die größte europäische Fernseh-Gruppe ProSiebenSat1, die den Kanal mit Puls4 verschmilzt. Und die Handelskette Rewe übernimmt das Hitradio Ö3, mit dem sie all ihre Super- und Drogeriemärkte, von Merkur über Billa bis Bipa, beschallt. »Auch in Corporate Media (Medien, die von rein kommerziell orientierten Unternehmen herausgegeben werden und dessen Interessen transportieren, z.B. Red Bulletin) existiert durchaus guter Journalismus«, sagt Medienwissenschaftler Karmasin. Doch wie kann man einem derart

getrübten Public Value dann trauen? Karmasin: »Genauso wie der Corporate Social Responsibility-Strategie eines Pharmakonzerns: Auch da gibt’s welche, die sehr ernsthaft daran arbeiten, und welche, die sagen, das ist schick. Prinzipiell aber wird ein kritisches Misstrauen den Medien gegenüber immer wichtiger.« • Das Opfertier aber, oder, wenn man so will: seine Seele, lebt weiter: in Ö1 / ORF2 / ORF3, das fortan plattformunabhängig als ein Channel existiert. Werbefrei, denn Verkaufserlöse von ORF1 und Ö3 geben Handlungsspielraum. »Wer würde dort auch werben wollen?«, fragt sich Pius Strobl, Ex-Kommunikationschef des ORF. »Okay, auch das Migrantenmagazin Biber ist für Ethnomarketing interessant, aber nicht darüber hinaus.« Dabei liefert das neue Programm dem Zuschauer echten »Public Value«, der ORF fährt eine kollaborative und partizipative Strategie. »Ö1 ist da eine Zukunfts-Benchmark«, findet Karmasin, »dort wird die Community aktiv ins Programm einbezogen. Und natürlich kann man alles, was jetzt per Telefon abgewickelt wird, auch in Social Media denken.« Josef Barth, digitaler Stratege, setzt etwa auf »Social Viewing«: Parallel zu »Club 2« oder »Im Zentrum« liefen schon 2011 kommentierende Twitter-Diskussionen – diese sind bald ganz natürlich in Sendungen integriert. Im Zuge der Übersiedelung in das völlig umgebaute Funkhaus in der Wiener Argentinierstraße, wird der ORF ökonomischer, effizienter – und rückt näher an die Menschen. Die übrigen Bundesländerstudios werden verkleinert, müssen aber mehr Sendefläche bespielen. Das Programm entwickelt sich in Richtung »hyperlocal«, gute Grätzelberichterstattung, eine Entwicklung, die – als Reaktion auf die Globalisierung – in den USA schon viele Jahre zuvor begann. »Irgendwann kommt der Punkt«, sagt Rohrer, »wo die Geschwindigkeit die Menschen überfordert – dann kann ich mir diesen Rückzug vorstellen, damit jeder wieder seine Comfort Zone hat.« ▪▪

PHASE 3: ETABLIERUNG

1979

Start Blue Danube Radio (ab 1992 Vollprogramm von 6:00 bis 1:00 Uhr).

1980

Start Teletext.

1984

In Deutschland Start von Privat-TV (z.B. RTL); Sendebeginn von 3sat (ORF, ZDF, SRG).

1985

Höchste je gemessene Tagesreichweite von 85 Prozent. Start »Mini-ZiB«.

1992

Gründung der Initiative »Nachbar in Not« für das zerstörte Ex-Jugoslawien, größte humanitäre Aktion in Österreich nach 1945.


• APROPOS CROWD-FUNDING Kleinvieh macht auch Mist: Crowd-Funding ist ein Finanzierungsmodell, bei dem viele User Mini-Beträge an einen (Online-)Dienst spenden. In der Medienbranche lässt sich z. B. die US-Plattform spot.us Geschichten von ihren Lesern bezahlen. Mittlerweile gibt es auch Agenturen, etwa Kachingle oder Flattr, deren Buttons sich wie digitale Spendenboxen auf jeder Site (ob Medium, Blog oder Servicedienst) integrieren lassen. • APROPOS DISINTERMEDIATION Als Disintermediation wird in den USA der Trend bezeichnet, einzelne Stationen der Wertschöpfungskette im Nachrichtengeschäft auszulassen. Die Wirtschaft sucht immer stärker den direkten Kontakt mit den Kunden, was den Journalismus als Regulativ aushebeln könnte. Andere Meinungen sehen durch diese Entwicklung eher die Werbeindustrie bedroht.

innovation international Go with the flow

BILD MAZ – Die Schweizer Journalistenschule

Gelebter Wandel, einige Beispiele

Fünf Zukunftsperspektiven des Berufsbildes »Qualitätsjournalist« von Sylvia Egli von Matt, Direktorin der renommierten Schweizer Journalistenschule MAZ: 1→ M  ehrmedialität und Konvergenz: Neue Kommunikationsmöglichkeiten und Arbeitsabläufe verändern den Journalismus – der wird immer schneller und anspruchsvoller. 2 → Dialog mit dem Publikum: Gefragt ist die offene Haltung, diesen zu führen. Journalisten sind nicht mehr Gatekeeper, sondern Moderatoren eines Dialogs. 3 → Visualität: Bild- und Infografik-Kompetenz, das Verständnis für gute Fotografie und Video werden wichtiger. 4 → Weg vom stillen Kämmerlein: Journalisten müssen bessere Teamplayer werden. Sie müssen die Intelligenz der (internationalen) Kollegen, Leser (Crowd Sourcing), etc. anerkennen. 5 → Entrepreneurship: Lebenslängliche Festanstellungen sind nicht mehr möglich / erstrebenswert. Unternehmerisches Denken in Netzwerken ist gefragt, viel Potenzial steckt hier im Lokalen. Ausbildungsmöglichkeiten in Österreich »Was mit Medien« wollen viele studieren, seit einigen Jahren gibt es praxisnahe Alternativen zum Publizistik-Studium an der Universität, z. B.: → »Journalismus & Medienmanagement«, FHW, Wien → »Journalismus und Public Relations (PR)«, FH Joanneum, Graz → »Film-, TV- und Medienproduktion«, bfi, Wien → »Medienmanagement«, FH St. Pölten

Alles fließt. Und das immer schneller. Die »Zeit im Bild« im ORF hingegen heißt seit den 1950er-Jahren so. Gut, vor wenigen Jahren wurden »Newsflashes« eingeführt, doch die sind kaum ein Fortschritt: Moderatorin moderiert, Zuschauer schaut zu. Wie lange noch? Vielerorts haben Qualitätsmedien begonnen, ihre Leser / Hörer / Seher von der Couch aufzuscheuchen und einzubinden – oder sich selbst neu zu erfinden. Eine kleine internationale Werkschau: → Strategieinnovation — Ihre letzte Seite widmet die deutsche Wochenzeitung Die Zeit seit Kurzem ihren Lesern: Liebevoll ist da ein Mosaik aus Rubriken angelegt, das die Wertschätzung widerspiegelt, die das Blatt seinen Lesern entgegenbringt – was im deutschsprachigen Raum, wenngleich recht traditionell, schon als innovativ gewertet werden kann. ——— Jeremy Vine moderiert im BBC Radio2 jeden Nachmittag eine Vielzahl von Hörern und Gästen in zwei Stunden durch vier Themen. Diese Sendung lebt. ——— Neon hat es mit einfühlsamen Rubriken wie »Soundtrack meines Lebens« oder »Unnützes Wissen« geschafft, eine multimediale Community aufzubauen. → Programminnovationen — Interne Innovation kurbelt etwa die britische Tageszeitung Guardian mittels »Hack Days« an: Alle paar Monate widmet die Entwicklungsabteilung einen Tag nicht dem Tagesgeschäft, sondern der Inspiration; einzelne Mitarbeiter bekommen bei Bedarf auch Ressourcen, ihre innovativen Ideen weiterzuspinnen. ——— Von außen schleust manches (Kultur-)Unternehmen Innovation über Artists in Residence ein – was, wenn Ja, Panik und Birgit Minichmayr gemeinsam ein neues »Mitten im Achten« entwickeln? → Profilinnovation — Viele US-Medien arbeiten schon ganz nach dem Grundsatz »Do what you do best and link to the rest«. Anneliese Rohrer etwa rät dem ORF, endlich eine demokratiepolitische Nische zu erschließen und in einem seiner Programme flächendeckend aus dem Parlament zu übertragen. Ein anderer Tipp zur Profilschärfung kommt vom Medienstrategen Josef Barth: »Kein Mensch hat mehr den Überblick über Causen wie Grasser usw. Public Value wäre, wenn der ORF hier eine zentrale Informationsstelle bietet und Zusammenhänge transparent macht.« → Angebotsinnovation — In der Schweiz ist im März eine Online-Plattform namens Infosperber.ch gestartet. »Mit unabhängigen Sperberaugen« will sie die bereits exisitierenden Schweizer Medien ergänzen – und Nachrichten bringen, die andere aus unlauteren Motiven auslassen. ——— US-amerikanische Factchecking-Initiativen wie politifact.com kontrollieren die Mächtigen: Sie überprüfen z. B. mittels ihres »Obameters«, ob Präsident Barack Obama seine Wahlversprechen hält. ——— Arte will mit seinen Schwerpunkten – von Monty Python bis Kant – stimulieren, was oft gelingt. Das letzte große ORF-Thema war Anfang Mai – kaum merklich – »Liebe ist die beste Medizin«. → Wirtschaftliche Innovation — Noch ein Stier als Vorbild? Der spanische Rundfunk RTVE hat sich von der BBC die Strategie der parteipolitischen Unabhängigkeit abgeschaut, von Nicolas Sarkozy die wirtschaftliche: Privat-TV-Stationen und Telekoms sollen stärker besteuert werden und so den Rundfunk mitfinanzieren. Die Fernsehprogramme des Öffentlich-Rechtlichen laufen mittlerweile völlig werbefrei und sind wieder beliebter.  ▪▪

PHASE 4: ÖKONOMISIERUNG

1994

Gerhard Zeiler, davor Kanzlersprecher (SPÖ), heute CEO der RTL-Group, wird Generalintendant; er richtet den ORF wirtschaftlicher aus.

1995

Mit der Antenne Steiermark geht der erste (regionale) Prviatradiosender Österreichs on Air. Als Reaktion darauf verstärkt der ORF Ö3 und startet FM4 (bis 2000 täglich nur zwischen 19:00 und 5:00 Uhr, auf einer Frequenz mit Blue Danube Radio); Start des Ö1-Clubs.

1997

Start von ORF On, entwickelt sich zum mit Abstand größten Dachangebot Österreichs (4,7 Millionen Unique Clients 2010). TW1, Kanal für Tourismus und Wetter, startet.

1998

Zeiler fordert Grundsatzentscheidung über ORF-Zukunft nach »Modell Bundestheater« oder »Bestehen im Wettbewerb«.


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Szenario 3: Gemästeter ORF Der ORF – samt all seiner internen und externen Entscheidungsträger – bleibt der Esel, den wir kennen, doch hat man dem verfressenen Tier den Boden unter den Füßen weggezogen. Mehr als ein Beinbruch. Der ORF ist 2031 zwar am Leben, aber Public Value kaum mehr Thema für ihn: Die folgsamen Österreicher mästen ihn immer noch, zahlen ihre Rundfunksteuer. Zusätzliche Subventionen aber hat man ihm gestrichen. Auch kein Problem: »Wenn der ORF ein paar Leistungen nicht erbringen muss, die gewünscht werden – etwa das Radio-Symphonieorchester, die Filmförderung«, kommentiert der Ex-Kommunikationschef des ORF, Pius Strobl, »dann geht’s auch ohne die 160 Millionen (staatliche Sonderunterstützung für den ORF von 2010–2014, Anm.). Das ist wie im Privathaushalt: Die Betriebskosten muss ich zahlen, aber aufs Steirereck verzichte ich halt, wenn’s eng wird.« Nicht verzichten will hingegen die Politik – auf ihren Einfluss im ORF. Journalistin Anneliese Rohrer: »Jetzt hat Rot-Schwarz einen etablierten Zugriff, aber was, wenn der Strache kommt? Die Politik wird den ORF nie auslassen. So viel Fantasie hab ich nicht.« Entsprechend erhält der Rundfunk immer noch Mittel aus einer Steuer, die den Arbeitnehmern gleich vom Brutto-Gehalt abgezogen wird. »Die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr hoch«, sagt Strobl, »weil die technologische Entwicklung eine Kontrolle von TV-Empfangsgeräten immer unmöglicher macht.« Den ORF empfinden die Österreicher damit schon rasch als Free-TV – ein Alleinstellungsmerkmal. Warum? »In drei Jahren gibt es keine Analogsatelliten mehr, die Entwicklung geht in Richtung Digitalsatellit«, meint Strobl. »Schon jetzt hat zirka die Hälfte aller TV-Empfänger HD-fähige Geräte. Dann könnte HD als Standard zu Pay-TV werden; ein HD plus-Paket mit RTL, Pro7 und Sat1 könnte dann fünf bis acht Euro kosten.« Nicht alle Österreicher werden dieses Paket kaufen wollen, »was wiederum Auswirkungen auf die Marktanteile hat«, so Strobl weiter. »Der ORF bietet dann ein ähnliches Programm wie heute – aber gratis.« Dabei ist das vermeintliche Gratis immer noch zu teuer für ein Fernse-

hen, in dem Laura Rudas und Sebastian Kurz einen gemeinsamen MidlifeCrisis-Talk moderieren oder Krone-Seniorchef Claus Pándi am Sonntag in Ton und Bild mit Promis frühstückt. Der ORF ist eine Kooperation mit der Krone und Heute eingegangen; gemeinsam wird online die Plattform »DORF« doch realisiert, die schon 2008 geplant war: In einer bunten virtuellen Einkaufswelt werden redaktionelle Inhalte mit Werbung verknüpft.• Trotzdem braucht der ORF mehr Geld als zuvor: Mit Serien und Filmen macht er schließlich kein Geschäft mehr; Deren Handlung kann der User mittlerweile – wie in einem Computerspiel – interaktiv beeinflussen. Sie werden von den großen Produktionsstudios und Networks, zu denen auch Red Bull mit seiner europaweit erfolgreichen Austro-Telenovela »Servus Geierwally« zählt, direkt vermarktet und online vertrieben. Strobl: »Aus einer Serverlandschaft kann man sich alles holen. Es geht dann nicht mehr um die Fernbedienung, ich bin dann unabhängig, wo ich auch bin.« Deshalb produziert der ORF viel selbst, aber sehr seicht. Außerdem: »Neue Werbeformen werden entstehen«, so Strobl. Beim Abspielen audiovisueller Inhalte – via TV oder Web – wird Werbung kein Thema mehr sein, glaubt Strobl. »Die werbetreibende Wirtschaft steckt immer mehr in personalisierbares Marketing. Bei Fernsehinhalten wird’s nur mehr Werbung für Massenware geben.« Werbung für Massenware – und Journalismus als Massenware. Im ORF tätig sind dann nur mehr »Contentilisten«, wie Stratege Josef Barth diejenigen Medienarbeiter nennt, die Meldungen, die nur dem Zweck des Eskapismus dienen, in Flächen wie derzeit zum Beispiel die Startseite des GMX-Portals einfüllen. Der Public Value ist auf dem Spartenkanal ORF3 an die kurze Leine gelegt. Echte Nachrichten, Kultur und Dokumentationen bekommt man dort zwar zu sehen; der Sender ist aber altmodisch gemacht und unpopulär. Der gemästete ORF ist zu fett, um sich noch zu bewegen. Man sollte ihn einschläfern.  ▪▪

PHASE 5: RÜCKFALL

1999

Start von futurezone.orf.at, das Portal muss 2010 nach Beschwerde von Zeitungen und Privatsendern verkauft werden und geht an Kurier.

2001

Novelle des ORF-Gesetzes; gesellschaftsrechtliche Umwandlung in eine »Stiftung öffentlichen Rechts«. »Entparteipolitisierung« nur zum Schein, nach wie vor gibt es im aufsichtsratähnlichen Gremium einen SPÖ- und einen ÖVP-»Freundeskreis«. Im europäischen Vergleich äußerst später Start von Privatfernsehen; Österreich wird deshalb von Kritikern der Medienpolitik als »Medienalbanien« bezeichnet.

2006

Umstellung auf digitale Ausstrahlung via DVB-T (und Digitalsatellit). Start von ORF Sport plus auf einer Frequenz mit TW1. Wichtige technologische Weichenstellung, aber inhaltlich / strukturell kein Schritthalten mit der Geschwindigkeit von Gesellschaft und Nachrichtenindustrie.


»verwundbare werte schützen« Die Medienökonomin Lucy Küng (Universität Jönköping, davor St. Gallen) ist Verwaltungsrätin des Schweizer Rundfunks SRG. Sie hat sich intensiv mit der BBC beschäftigt.

BILD ASHRIDGE

Eines Ihrer Statements lautet: »Im Zuge technologischer Umbrüche werden Sieger häufig zu Verlierern.« Betrifft dies nun den öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Das Muster ist in allen Branchen erkennbar, gerade in unserer: IBM hat nie den PC-Markt dominiert. Google dominiert das Suchmaschinengeschäft, schneidet aber bei Social Networks schlecht ab – dieses Feld dominiert Facebook. Dieser Logik folgend ist es äußerst unwahrscheinlich, dass gerade diejenigen, die nun die stärksten Positionen im massenmedialen Markt einnehmen, eine Multi-Channel- und Multi-Screen-Welt dominieren werden. Was könnte also die künftige Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sein? Diese Neu-Definierung ist die Herausforderung für den Rundfunk und seine Regulatoren. Gefährlich wäre, wenn öffentlich-rechtliche Medien dazu verdonnert würden, nur noch Versäumnisse des freien Marktes nachzuholen. Die BBC etwa definiert ihre Rolle klar: Sie will der nationalen Debatte eine Plattform bieten, eine Marktdynamik schaffen, die Großbritannien in Sachen Digitalisierung voranbringt, die digitale Kompetenz der Bürger fördern usw. Die EU hat dem ORF online Schranken gesetzt. Werden wir in 20 Jahren noch zwischen TV, Online und Radio unterscheiden? Es ist ja nicht so, dass nur Radio-, TV- und Internetangebote konvergieren, also ineinanderfließen – beste Beispiele sind hier internationale Formate wie »The X-Factor« oder »Got Talent«, die klassische Medienaktivitäten mit neuen Medien, Telekommunikation und Social-Networking paaren. Die wirklichen Probleme landen bei den Regulatoren: Die sollen ein Regelwerk aufstellen, das erstens verwundbare Werte schützt, zweitens ein Feld bereitet, auf dem die verschiedensten Player einander gleichberechtigt treffen können, und drittens auch noch wirtschaftliches Wachstum anregt. Tut die EU also das Richtige, wenn sie die ÖffentlichRechtlichen online beschränkt um so ihre kommerziellen Möglichkeiten einzudämmen? Es ist äußerst problematisch, in welchem Tempo hier beschränkt wird, weil das Internet doch eine Distributionsplattform für jede Art von Content ist. Wobei alles Planen problematisch ist, weil sich nicht vorhersagen lässt, welche Services und Plattformen noch entstehen werden. Mit Hybrid-TV machen wir wohl einen großen Schritt weg vom linearen zum On-Demand-Konsum. Zweifellos werden Multi-Plattform-Geschäftsmodelle entscheidender Puzzleteil jedes Zukunftsszenarios sein. Doch selbst wenn ein Typus von Marktteilnehmern eingeschränkt wird, heißt das nicht, dass die traditionellen Medien automatisch deren Vorrangstellung im Internet übernehmen können. Viel wahrscheinlicher ist, dass ein solcher Schachzug Google und Facebook nur stärkt. Im Sommer wird ein neuer ORF-Generaldirektor gewählt. Welche Leadership-Skills sollte heute jemand in eine solche Position mitbringen? Leadership ist immer im jeweiligen Kontext zu sehen. Wenn wir über Führungskräfte aus Medienunternehmen sprechen, gerade aus öffentlichrechtlichen, tendieren wird dazu, uns auf deren unternehmensinterne Organisation zu fixieren – ob sie motivieren können, wie sie ihre Mitarbeiter behandeln. Entscheidend ist etwas anderes: nämlich wie sie mit externen Akteuren umgehen können – mit Regulatoren und Politikern –, weil es die Auseinandersetzungen mit diesen sein werden, die ihren strategischen Handlungsspielraum abstecken werden. ▪▪

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• APROPOS media literacy Jedes Medium hat Interessen – eigennützige, parteipolitische etc. Diesen entsprechend wird die Berichterstattung beeinflusst, häufig gar nicht bewusst. Die Media Literacy oder Medienkompetenz ist die Fähigkeit von Journalisten wie Usern, die Glaubwürdigkeit von Informationen (und ihrer Quelle) kritisch zu beurteilen. Medienwissenschaftler Karmasin: »Das müsste als Schulfach Teil der politischen Bildung sein«, in der Schweiz etwa ist es das. Im gesamten deutschsprachigen Raum haben die Zeitungsverleger-Verbände Initiativen in Sachen Media Literacy gestartet, in Österreich etwa »Zeitung in der Schule«, die aber von deren Interessen geprägt sind. Das Internet wird darin zum Teil verteufelt. Hier könnte der ORF Public Value schaffen.

2008

Die weltweite Finanzkrise trifft den ORF, er bilanziert negativ. Außerdem hat er sich mit der vorschnellen Digitalisierung nicht nur einen Gefallen getan: Seine Marktanteile sinken durch die größere Auswahl an Sendern vor allem in jenen Haushalten, die ihr TV-Signal nun via Digital-Satellit empfangen, freilich aber auch durch die Verschiebung in den Medienbudgets der Österreicher zugunsten des Internets sinken.

2010

Dank einer außerplanmässigen Subvention von 160 Millionen Euro bilanziert der ORF wieder positiv.

2011

Generaldirektorenwahl am 9. August: Neben dem derzeitigen ORF-Chef Alexander Wrabetz tritt voraussichtlich auch einer seiner Vorgänger – Gerhard Zeiler (jetzt RTL) – an.


ÂťDie Produktion von Melatonin, oder: Nicht Herr im eigenen HausÂŤ, 2010, Fotografie (70 x 105 cm)


► Golde n Fra me ► Ulrike Königshofer TE X T ERWIN UHRMANN BILD Ulrike Königshofer

»Nachthormon« Ulrike Königshofers Arbeiten haftet der Hauch von Bibliotheken, Laboratorien und universitären Kabinetten an. Ironisch hinterfragt sie die Messbarkeit von Vorgängen, Ordnungssystemen, Wahrnehmung und wissenschaftlicher Erkenntnis. Die Fotografie »Die Produktion von Melatonin, oder: Nicht Herr im eige­ nen Haus« dokumentiert den Entstehungsprozess eines künstlerischen Objekts und steht gleichzeitig als Metapher für einen physiologischen Vor­ gang, die Herstellung des Hormons Melatonin. Melatonin ist ein Botenstoff im menschlichen Körper, welcher in der Zirbeldrüse gebildet wird und den Tag-Nacht-Rhythmus steuert. Wissenschaftlichen Studien zufolge wird das Hormon durch den Einfluss von Dunkelheit gebildet und ist für Müdigkeit und Depressionen verantwortlich. In ihrer Arbeit nimmt die Künstlerin Be­ zug auf die sogenannte Winterdepression, die vor allem in nordischen Län­ dern auftritt, wo jahreszeitenbedingt monatelang wenig Tageslicht vorhan­ den ist. Königshofer hat die Molekularstruktur von Melatonin nachgebaut und in Gips gegossen. Einerseits ist der Vorgang der Hormonproduktion und dessen Folge eine abstrakte körperliche Angelegenheit, andererseits sind dessen Auswirkungen im Alltag spürbar. Der Botenstoff vermittelt zwischen dem Ich und der Empfindung, die unmittelbar auftritt.

Humanbiologische Referenzen

Durch die objekthafte Darstellung von Melatonin in Königshofers Arbeit wird das Hormon in die Wirklichkeit geholt als Baustein eines Gesamtgefü­ ges. Die Gipsmodelle schwarz zu lackieren, gibt dem »Nachthormon« eine wesentliche physische, wenn auch künstliche Charaktereigenschaft, die seiner Wirkung entspricht. In der Fotografie gibt der Produktionsprozess der Gipsobjekte einem abstrakten körperlichen Prozess eine Form. Zu sehen sind die Gussformen, der Gips, Pinsel, Lack, fertige und halbfertige Mole­ kularmodelle sowie eine Lampe, deren schwaches Licht in der Dunkelheit des Raums den Entstehungszeitpunkt in die Nacht verlegt. Im Hintergrund sind Abbildungen aus humanbiologischen Büchern zu sehen, die als Refe­ renz dienen, und damit die Frage nach der Bedeutung des einzelnen Teils für die Gesamtheit des Körpers stellen. Ulrike Königshofers Arbeiten wirken wie wissenschaftliche Versuchs­ anordnungen. Ausgehend von einem Phänomen, einer Feststellung oder Zusammenhängen, recherchiert die Künstlerin tiefgehend, oft in natur­ wissenschaftlichen Bibliotheken. Nicht nur inhaltlich setzt sie sich mit wissenschaftlichen Aspekten auseinander, sondern auch mittels des for­ malen Erscheinungsbildes ihrer Arbeiten. So haben etwa auch Königshofers Zeichnungen den Charakter von Abbildungen aus naturwissenschaftlichen Publikationen, wie etwa ihre Darstellungen des Sonnenlichts. ¶

Ulrike Königshofer (*1981) lebt und arbeitet in Wien. Sie studierte an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Von 11. Juni bis 4. September sind einige ihrer Arbeiten im Kunsthaus Graz zu sehen. — www.ulrikekoenigshofer.at AU S GA B E 1 1 7 / 0 3 1 ◄


► ret rom a ni a ► Pop in der Revival-Schleife

wer gibt uns die zukunft der vergangenheit zurück? Du liest es in Blogs, merkst es am Zeitschriftenstand, und man sieht es in den fragenden Augen von jungen Individualisten – Pop ist, wieder einmal, tot. Jetzt auch offiziell: anläßlich von Simon Reynolds Buch »Retromania: Pop Culture’s Addiction to its Own Past« hat Max Freudenschuss eine Chronik des popkulturellen Niedergangs verfasst.

I

st Pop mittlerweile wie die Möbelhäuser, die nur noch Formatwahl bemerkbar macht: Musikfans bejubeln die Steige­ 60er- und 70er-Replikas verkaufen? Oder wie teu­ rung an Vinylverkäufen in den letzten Jahren, in Wahrheit ist er ausgewaschene Jeans, die so perfekt Second Hand dieser Aufschwung aber ausschließlich der Wiederveröffentli­ vortäuschen? Sind wir wirklich so kaputt? Kein Klas­ chung des Kanons auf LP geschuldet ‒ »Back To Black« oder siker der Popgeschichte, kein verschollenes Juwel mit »Music on Vinyl«-Reissues von »Meat Is Murder« und »Born Langzeiteinfluss, kein drittklassiges Album etablierter Acts ‒ es In The USA« haben längst die innovativen Neuerscheinungen gibt nichts, das nicht als delikate Doppel-CD mit Extra-Booklet aus den Regalen verdrängt. In der Zwischenzeit sind kaum mehr und schlecht aufgenommenen Frühversionen neu auf den Markt kleinere Läden übrig, die noch ein gesundes Verhältnis aus Back­ geworfen wird und dem meist in die Jahre gekommenen und katalog und Unbekanntem anbieten möchten, weil es einfach finanzpotenteren Fan auf schmerzlichste Art und Weise seine nicht mehr möglich ist, interessierte Käufer dafür in die Läden aussterbende Sucht vor Augen führt. Das Vergangene, historisch zu bringen. iTunes bietet die Pop-Vergangenheit gleichberech­ Abgesicherte zieht und wirkt wahrhaftig ‒ was sich auch an der tigt mit neuen Veröffentlichungen an, und die Charts sind ein


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Max Freudenschuss

33 Spiegelbild dieser Entwicklung: auf drei aktuelle Titel kommt mittlerweile ein Klassiker, der aufgrund von Fernsehhochzeiten, Promi-Toden und anderen Formen von akuter Retromania wie­ der downgeloadet wird. Kein Wunder, dass Acts, die noch von ihrer Musik leben können, in diesem Klima keine Lust auf Expe­ rimente haben: Neue Alben werden in der Regel als Rückkehr zur erfolgreichsten Phase der Karriere konzipiert und promotet, nicht als Weiterdrehen an einer stringenten künstlerischen Ent­ wicklung. Fulminantestes Beispiel der letzten Monate mit dem in diesem Zusammenhang wohl absurdesten, trotzdem seltsam passenden Titel: Duran Durans »All You Need Is Now«. Stimmt, wenn man nur wüsste, was now ist! Egal wie breitenwirksam oder avanciert, Popmusik inszeniert sich mittlerweile als ima­ giniertes Spektakel ihrer gloriosen Vergangenheit, wenn sie nur ein wenig Relevanz verbuchen will. Anders wird sie nicht mehr verstanden.

Pop ohne Gegenwart

Aber genau darin liegt schon ein wesentliches Problem, mit dem sich Popkultur mittlerweile herumschlägt: wer braucht noch ihre Gegenwart? Und gibt es diese überhaupt noch? Haben wir uns nicht mittlerweile an gewissen prägnanten Stellen ihrer Geschichte eingenistet und begreifen nach unzähligen CulturalWir müssen immer Readern zwar, wie sie entstanden ist und warum es sie gibt, aber weiter durchbrechen nicht, wie wir sie fortschreiben können? Scheitern wir nicht alle Als ich 1996 in Liverpool war, konnte man sich auch damals am Anspruch, dieser Geschichte gerecht zu werden und trotzdem nicht des Eindrucks erwehren, dass die ganze Stadt popkultu­ eine eigene Stimme zu finden? rell nur noch aus einem Beatles-Museum bestand. Gut, es war Natürlich gab es auch vor Oasis schon Bands, die sich an der Höhepunkt des Britpop-Hypes, und überall in England wurde gewisse Punkte der Vergangenheit träumten, um dem ihrer Mei­ stolz die Nabelschau der eigenen Popgeschichte betrieben, nur nung nach fehlgeleiteten State of the Art von Pop zu entkommen. war es gleichzeitig auch das erste Mal, dass Retro als kulturel­ Indie, wie wir es heute kennen, ist so entstanden: der Beginn des les Phänomen den ganzheitlichen Triumph über den Glauben Creation Labels sowie das Auftauchen von The Smiths 1983/4 an die lineare Entwicklung von Pop feierte. Bis dahin war man markierten den Punkt, an dem der slicken 80er-Popwelt mit sich einig, dass der technologische Fortschritt, der zuerst Syn­ Synthie-Rauschen und Bombastproduktionen eine idealisierte thesiser und Heimstudio, sowie später Sampling ermöglichten, Welt der 60er entgegengehalten wurde, ein auch reaktionäres und die Attitude und Sprache jeder neuen Generation, die Kraft Zurück in die Kindheit, das einerseits den damaligen Hoch­ haben, Pop immer weiter fortzuschreiben, zu beschleunigen und glanz-Pop verachtete, andererseits aber die politische Haltung den Soundtrack des lebendigen Lebens zu generieren. Natürlich und die Reflektion über die eigenen Produktionsmittel in die gab es auch schon damals die Untoten, sogar noch mehr als heu­ Popmusik wieder einführte: eine Zelebration der Anti-Haltung, te: Gitarren-Aficionados, meist mit Haaren bis zum Arsch, die die sich vor allem über ihren übermächtigen, so oft oberflächli­ in allen musikalischen Entwicklungen seit Ende der 70er nur chen Feind definierte. Das 70er-Revival, das die gesamten 90er den Feind sahen, und am liebsten in einer streng abgetrennten Jahre determinierte, konnte nur als Gegenpol zu den Werten der Welt bis 1975 leben wollten, mit »ehrlichem« Rock und kruden 80er Jahre entstehen. Und ab Mitte der 90er waren sich schon Authentizitäts-Fantasien. Noch in diesen Tagen trifft man die­ wieder einige Kids einig, dass sie der herrschenden Klasse im se Leute zum Beispiel in Wiener Secondhand-Plattenläden an. Pop mit ihrer belanglos gewordenen Allerweltselectronica und Deren schlechtes Vorbild ist auch bis heute der Grund, warum zum Genrebegriff verkommenen Indie-Romantik am ehesten sich so viele Forty-Somethings eher auf die Zunge beißen würden beikommen können, wenn sie sich der von der Allgemeinheit als zuzugeben, dass sie in der Popwelt ihrer Adoleszenz doch am verleugneten wie verhassten Ästhetik der 80er bedienen. In den besten aufgehoben sind und die Gegenwart eigentlich gar nicht Medien eingestanden wurden diese Entwicklungen mit immer brauchen. Man muss deshalb ja nicht gleich der übelgelaunte größer werdenden Ressentiments, weil diese Generationen­ Miesmacher auf den hinteren Plätzen in Tageszeitungen werden. konflikte dort schon länger nicht mehr begriffen werden. AU S GA B E 1 1 7 / 0 3 3 ◄


NAChsChUB AN DEr hYPEFrONT

Exemplarisch dafür sind die (ehemaligen) englischen Week­ lies NME, Melody Maker und sounds, die Popjournalismus zu einer eigenständigen Kunstform machten, die Woche für Woche prätentiös, arrogant und wortgewaltig Popmusik und ihre Pro­ tagonisten zu Spielbällen ihrer gesellschaftlichen und sehr widersprüchlichen Utopien machten. Der entscheidende Faktor ist dabei, dass diese Medien nicht für das Publikum schrieben, sondern es letztlich gleichgültig links liegen ließen. Jeder, der sich ernsthaft für Pop interessierte, verharrte in einer Art Hass­ liebe zu diesen Heften, doch diese Schule des Magazinmachens ging um die Welt und fütterte letztlich eine Theorie, die Pop als gesellschaftlichen Katalysator ebenso wie als Abziehbild einer sich laufend transformierenden, im Kern aber unantastbaren jugendlichen Rebellion definierte. Sie sorgte für ständig neuen Nachschub an der Hypefront und die regelmäßige Durchspülung des Systems Pop, in dem die Sensation der letzten Saison zum diesjährigen NoNo erklärt wurde – wobei die Musik immer nur für die grundsätzlichen Fragen des Lebens und wie man ihnen begegnet synonym stand. Heute ist Popmusik ein endlos langer Kaugummi. Jeder, der sagt, dass sich Moden und Strömungen bei Pop­ oder Dance­ Musik so furchtbar schnell abwechseln, hat keine Ahnung oder den Popism der 80er und die Clubkultur der 90er nicht erlebt. Es läuft alles mittlerweile irrsinnig langsam. Größtenteils ist der Unterschied zwischen einem Track von 2001 und 2011 margi­ nal, kein Vergleich zu den Entwicklungen zwischen, sagen wir, 1978 und 1988, oder 1965 und 1975. Revivals eines spezifischen Sounds dauern mittlerweile länger als der Zeitraum, in denen sie als Original als relevant galten. Und nachdem der Eurodance­ Sound der frühen 90er Jahre in ein paar Jahren auch beim letz­ ten Zweifler rehabiliert sein wird, kommt die Vergangenheits­ bewältigung irgendwann in der Gegenwart an, um zeitlos alles möglich sein zu lassen. Wir sprechen auch kaum mehr über Musik und was sie in uns auslöst, sondern ausschließlich über die strukturellen Veränderungen in den Vertriebskanälen. Heute findet jeder alles irgendwie gut, und Indie ist der Soundtrack der Hauptabendwerbung – war es das, was wir immer wollten? Wo bleibt der Sieg?

Denn die vermeintliche Krise der Popmusik ist vor allem eine journalistische Krise. Seit das Hauptgeschäft der Verbreitung von News und des Vorhörens von Platten weggefallen ist, versu­ chen Musikmagazine hauptsächlich mit der detailversessenen Konzentration auf Legenden Käufer zu finden. Die 46. Aufarbei­ tung des mittleren Bob Dylan oder das hochoffiziöse Nachbeten der Joy Division­Legende bringt eben mehr Käufer an die Kassen als die Beschäftigung mit einer noch weitgehend unerklärbaren Gegenwart. Das Entscheidende ist, dass die Dinge entschieden sein müssen. Popjournalisten waren bis vor 15, 20 Jahren meist junge WELTWEIT rEGIONALIsTEN Redakteure ab dem Teenager­Alter, die sich in Musikzeitschrif­ Wobei gewinnen sowieso immer schwieriger wird. Ökonomisch ten kreativ austoben durften. Ab einem gewissen Alter und ent­ ist die Gegenwart für Popmusiker so trist, dass die Vergangen­ sprechendem Talent wurden diese dann in andere Ressorts oder heit mit ihren finanzpotenten Majors und Bigger­than­Life­ Zeitschriften geholt, um mit steigendem Gehalt auch »seriöser« Stars allein deshalb schon immer heller leuchten muss. Nach zu agieren. Heute ist Popmusikredakteur in größeren Medien­ 40 Jahren Superstarfighter bleibt von Pop allein das Handwerk häusern eine Lebensanstellung. Mit fortgeschrittenem Alter im Ausführen und Denken übrig und das, was man früher etwas kommt das Wissen, aber auch die nicht aufzuhaltende Fixie­ abfällig den »Local Hero« nannte. Die Promotionmöglichkeiten rung auf persönliche Soundvorlieben, die einem mit der eigenen im Internet mögen weltweit unbegrenzt sein, doch in Wirklich­ Adoleszenz unausrottbar eingeschrieben sind. You can’t help the keit regionalisieren sich die noch verbliebenen Märkte zuneh­ feeling. Man hat von früher eine theoretische Idee davon, was mend. Und so wird bald jede größere Stadt ihre eigenen The »vorne sein« bedeutet, und stülpt diese Erfahrungen über neue Fall, ihre eigene PJ Harvey und ihre eigenen Animal Collective Gesichter. Letzten Endes sucht man im Neuen dann eben doch haben, die sich nicht mehr an internationalen Vorbildern werden nur die Bestätigung dieser Erfahrungen, und die Gewissheit, im messen müssen, sondern als völlig legitime, lokale Dienstleister eigenen System noch zuhause zu sein. Und deshalb gelten heu­ für 50 Minuten Eskapismus bereit stehen. Wir werden unseren te Bands als wichtig, die vielleicht nicht andere Bands kopie­ Spaß daran haben, aber versucht uns nicht weiszumachen, dass ren, aber deren historische Bedeutung. Jeder kennt mittlerweile es noch POP ist. ¶ die Popgeschichtsbücher, und weil wir alle so wohlerzogen sind, möchten wir diesen auch gerecht werden, anstatt sie zu ver­ Der Katalysator zum Text – »retromania: Pop Culture’s lachen. Das ist auch der Grund, warum Bands seit 20 Jahren Addiction To Its Own Past« von simon reynolds – ist Anfang Juni via Faber & Faber in Buchform erschienen. hauptsächlich musikalische Sekundärliteratur produzieren.


► Edwa r d G l a es e r ► Die Stadt als Rettung

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metropolis,

hell yeah!

tädte sind in vielen Kreisen übel beleumundet. Lärm, Autolawinen, Smog und andere Gesund­ heitsübel führen Betonphobiker gerne exempla­ risch an, bevor sie entnervt an den Stadtrand ziehen. Slums, Krankheiten und Kriminalität verlängern die Liste dieser Einwände, wenn man Städte weltweit ins Blickfeld rückt. Speziell Megacities mit einem großen Anteil an Armen, wie Mumbai oder Lagos, sind eine Fundgrube für herzzerreißende Geschichten. Spendiert man großzügig ein Happy End dazu, lassen sich damit sogar Kassen­ schlager wie »Slumdog Millionaire« (2008) drehen. Harvard-Ökonom und New York Times-Autor Edward Glaeser widerspricht den Stadtskeptikern in seinem neuen Buch »Tri­ umph Of The City« vehement. Der barocke Untertitel fasst

seine Hauptthesen bereits zusammen: »How Our Greatest Invention Makes Us Richer, Smarter, Greener, Healthier and Happier«. Glaeser beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Thema und legt nun eine fundierte Zusammenschau vor. Städte waren laut Glaeser nicht nur kulturhistorisch die Grund­ voraussetzung für fast alle zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit. Auch die großen Zukunftsprobleme seien nur durch adäquate Stadtentwicklung zu lösen. Das treffe speziell für das rasante Bevölkerungswachstum in Indien und China zu, samt dem prognostizierten Energie- und CO2-Umsatz. Mit der Gründung der ersten Städte setzte ein riesiger Innovationsschub ein, der bis heute anhält. Neben offensichtlichen ökonomischen Faktoren, wie die durch die Landwirtschaft erstmals in größe­ rem Ausmaß mögliche Spezialisierung in Berufsgruppen, waren

TEXT Christian Köllerer BILD daniel gebhart de koekkoek, Louise Kennedy Converse

Der Harvard-Ökonom Edward Glaeser schrieb eine Hymne auf das urbane Leben.


dafür auch anthropologische Gründe maßgebend. Glaeser geht so weit, den Menschen als eine urban species zu bezeichnen. Erst wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, schaf­ fe dies die Voraussetzung, dass sich Ideen und Innovationen schnell verbreiten. Und unter vielen tausend Menschen steigt die Möglichkeit, Talentierte und Gleichgesinnte zu finden.

Wald und Wiesen

Aus kulturgeschichtlicher Perspektive ist Glaesers These tat­ sächlich leicht zu belegen, auch wenn er selbst nur wenige kurze Beispiele dafür anführt. Die größten Kreativitätsschübe fanden Die Stadt macht ökologisch und ökonomisch fast immer in Städten statt, und die entsprechenden Fälle sind mehr Sinn als die dünne Besiedelung am Land, sagt bekannte ideografische Ikonen. Das klassische Athen, wo einer Harvard-Professor Edward Glaeser. der größten Kreativitätsschübe der Weltgeschichte stattfand. Chang’an (heute: Xi’an), das während der Tang-Dynastie in China vom siebten bis ins neunte Jahrhundert als Zentrum ei­ ner neuen Stadtkultur eine kulturelle Blütezeit auslöste. Bagdad, die Welthauptstadt der Gelehrsamkeit während der arabischen Hochkultur. Das Florenz der Renaissance oder Wien um 1900 könnte man ebenfalls noch anführen. Es drängen sich aber auch einige Einwände auf. Einerseits gab es überragende intellektu­ Grüne Lunge elle Einzelleistungen. Man denke etwa an Montaigne, der seine Spannend wird es, wenn Glaeser mit dem eingangs erwähnten berühmten »Essais« alleine im Bücherturm seines Schlosses Klischee aufräumt, Städte seien große Umweltfeinde. Der En­ schrieb. Andererseits konnte in der tiefsten Provinz Weltkultur ergie- und Platzverbrauch ist nämlich in dicht bebauten In­ entstehen. Das Weimar Goethes und Schillers kommt in den nenstädten pro Person oder Haushalt signifikant geringer. Eine Sinn. Allerdings waren hier in beiden Fällen die kulturgeschicht­ Stadtwohnung ist mit einem kleinen Teil der Energie zu heizen lichen Auswirkungen nicht so tiefgreifend wie bei den oben auf­ bzw. zu kühlen wie das Haus in einem Vorort. Wer mit dem öf­ gezählten Beispielen. Glaeser erwähnt den berühmten Natura­ fentlichen Nahverkehr oder zu Fuß bequem seinen Arbeitsplatz postel und Waldhüttenapologeten Henry David Thoreau. Sein erreicht, produziert weniger CO2 als ein Pendler, der täglich vor Bestseller »Walden« hätte in dieser Form nie entstehen können, seiner Reihenhaushälfte ins Auto steigt. Der starke Trend in wäre Thoreau nicht in Harvard ausgebildet worden und lange in den USA, von den Innenstädten in die Vororte zu ziehen, bietet dessen urbanen intellektuellen Zirkel eingebettet gewesen. Glaeser jede Menge Datenmaterial zur Veranschaulichung. Ana­ Ein Aspekt, den Glaeser völlig ignoriert, ist die Tatsache, dass lysiert man die urbane Entwicklung in China und Indien, gibt die Kreativitätsmechanik einer Stadt naturgemäß wertneutral es drei plausible Zukunftsszenarien: Erstens, weite Teile der Be­ ist, und sich auch für Unerfreuliches nutzen lässt. Das klas­ völkerung bleiben dort wie bisher in ihrer landwirtschaftlichen sische Athen brachte nicht nur eine Fülle an Literatur, Philoso­ Armutsfalle auf dem Land sitzen und benötigen weiterhin wenig phie und Historiografie hervor, sondern auch die intellektuelle Energie. Zweitens, große Teile der Bevölkerung ziehen, wie in den Rechtfertigung für eine rücksichtslose Geopolitik. Nicht zuletzt letzten Jahren, in die Städte. Diese Städte entwickeln sich analog gelangte die Rhetorik in Athen zur Blüte, mit deren manipula­ der amerikanischen mit riesigen Vorortgebieten und einer un­ tiver Methodik man entsprechende Beschlüsse leicht herbei­ überschaubaren Zahl an Autos. Drittens, die Verstädterung hält redete. Im Florenz der Renaissance trieb man nicht nur Malerei an, aber das Modell dafür ist nicht Los Angeles, sondern Tokyo. und Skulptur auf neue Höhen, sondern die Stadt bot auch ei­ Viele Menschen leben in Wolkenkratzern auf engem Raum bei nen idealen Nährboden für den religiösen Fanatiker Savonarola. vergleichsweise niedrigem Energieumsatz und mit wenig Autos. Dessen Ideen nähmen die Taliban heute noch mit Freuden Glaeser legt überzeugend dar, dass nur das letzte Szenario öko­ auf, hätten sie auf ihren Koranschulen von ihm gehört. Die bei logisch verträglich ist: »If you love nature, stay away from it.« Glaeser meist nur angedeutete kulturgeschichtliche Argumen­ Um zu diesem Ziel zu gelangen, benötigt es allerdings einer tation ist sehr plausibel. Sie stützt auch seine Ableitung, dass Urbanitätspolitik, die zu den gewünschten Ergebnissen führt. diese Beobachtungen eine anthropologische Grundlage hätten, Glaeser beschreibt an vielen Beispielen, warum manche Städ­ welche mit der Evolution des Menschen zusammenhänge. An te scheitern, während andere wie New York auch große Krisen dieser Stelle wünscht man sich als Leser allerdings mehr empi­ überwinden konnten. Im Gegensatz zu anderen berühmten rische Belege. Zumal Glaeser so weit geht, dass virtuelle Nähe Urba­nismustheoretikern wie Jane Jacobs plädiert Glaeser für via Internet aus diesen Gründen nie ein Ersatz für die Innovati­ eine durch Hochhäuser möglichst dicht besiedelte Stadt. Der onskraft »echten« Stadtlebens sein könne. Städte bündeln und großzügige Bau von Wolkenkratzern hielte gleichzeitig auch die verstärken menschliche Fähigkeiten laut Glaeser nicht nur wie Preise in Schach. Solche Viertel sollten aber trotzdem ein reges eine Lupe Lichtstrahlen, sondern sie haben zahlreiche weitere Straßenleben aufweisen. Viele Geschäfte, Restaurants und ande­ Vorzüge. Erhöhte soziale Mobilität und der Wettbewerb vieler re Hot Spots müssten die Menschen von ihren Wohnungen auf Begabungen sind zwei davon, weshalb viele Talentierte in Städ­ die Straße ziehen. Unschwer zu erraten, dass Glaeser hier Man­ te ziehen. Der Professor illustriert diese Punkte mit einem Feu­ hattan als Prototyp im Hinterkopf hat. erwerk an konkreten Beispielen über das gesamte Buch hinweg. Ein großer Fehler sei es, in Orte statt in Menschen zu inve­ Allgemeinen Thesen folgen meist veranschaulichende Exkurse. stieren. Anstatt Geld in prestigeträchtige Bauten oder gar neue Man sieht dem Entstehen der Autoindustrie in Detroit zu und Stadtviertel zu stecken, empfiehlt Glaeser Problemstädten wie hundert Jahre später dem Verfall der Stadt. Man begleitet den Detroit, sich lieber auf Bildung und Innovationsförderung zu Autor in die Slums von Mumbai und auf die Pariser Boulevards. konzentrieren. ¶ Man staunt über das Funktionieren so riesiger Städte wie Tokyo und über den Aufstieg Singapurs zur von fester Hand gelenkten »Triumph Of The City« von Edward Glaeser Wirtschaftsmetropole. ist bereits via Penguin Press erschienen. AU S GA B E 1 1 7 / 0 3 7 ◄


► Öff e n t l i c h e Mö b l i e rung ► Materialsammlung von kommunalem Design

Praktisch, wenn das öffentliche Sofa bequem, widerstandsfähig und auch noch aufregend designt ist. Chris van Uffelen hat Beispiele öffentlicher Möblierungen aus der ganzen Welt zusammen getragen.

stars & statisten Wie erklären Sie sich das häufige Desinteresse an öffentlicher tekten entworfen wurden, zum Beispiel die Bushaltestellen von Norman Foster in Paris. Die sind vollkommen unauffällig. Möblierung, obwohl sie uns alle mehr oder weniger betrifft? chris van uffelen : Ich kann es nicht erklären. Es ist schade, Das Gegenteil davon waren die großen Papierkörbe von Philippe denn »Street Furniture« ist ein schönes breites Thema. Starck, ebenfalls in Paris: Die haben sich richtig in Szene gesetzt. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass Parkbänke, Mistkübel Aber sie wurden inzwischen entfernt, weil man Angst hatte, da oder Bushaltestellen nicht sehr spektakulär sind? könnte man Bomben drinnen verstecken. Man muss unterscheiden zwischen den Statisten, so nenne Wie stark ist bei den Verantwortlichen das Bewusstsein für ich die unauffälligen Möbel, und den Stars, die sich zum Beispiel öffentliche Möblierung? bewusst in den Mittelpunkt eines Platzes spielen. Dazwischen Den Stadtplanern ist das durchaus bewusst, etwa wenn ein gibt es Schattierungen. Einen Kanaldeckel kann man nicht zum Auftrag vergeben wird für Haltestellen in der ganzen Stadt. Ein Star machen, denn wenn der in der ganzen Stadt rot ist, wäre das gelungenes Beispiel dafür ist Bordeaux, wo Elizabeth de Port­ penetrant. Jede Stadt braucht beides, Stars und Statisten – und zamparc 2004 die 124 Straßenbahnhaltestellen auf 43 Kilo­ metern ausstattete, während Group Signes als Landschafts­ haufenweise Zwischentöne. architekten und BLP als Architekten tätig wurden. Bei den Sind die Stars wichtiger als die Statisten? Gerade die Statisten sind es, die eine Stadt zusammenhalten. Bürgerinnen und Bürgern hingegen scheint beim öffentlichen Das sind sehr oft anonyme Sachen, die sich gezielt im Hinter­ Raum ein gewisser Fatalismus zu herrschen, so nach dem Motto: grund halten. Wir haben in dem Buch Beispiele von zurückhal­ Gibt es hier keine Parkbank, gehe ich halt weiter. tendem Design, die auch von bekannten Designern und Archi­

interview peter stuiber bild Braun Publishing

Über Architektur wird diskutiert. Öffentliche Möblierung hingegen scheint den meisten egal zu sein. Dabei ist sie für das Stadtbild und die Nutzung urbaner Räume entscheidend. Nun hat der Architekturpublizist Chris van Uffelen eine aufschlussreiche Materialsammlung zum Thema veröffentlicht.


Welche Städte oder Länder sind besonders fortschrittlich? Ich glaube nicht, dass die Wertschätzung von Street Furniture von Ländern oder Kulturen getragen wird. Wichtig ist ein Archi­ tekt oder Landschaftsarchitekt, der Wert darauf legt, dass er nicht nur den eigentlich Bau, sondern auch den Raum drumhe­ rum gestaltet. Richtig spannend ist immer wieder Paris. Dort hat sich die Firma JCDecaux darauf spezialisiert, Stadtmobiliar zu entwickeln und auch kommerziell als Werbeträger zu vermark­ ten. Die beauftragen eben dann Designer wie Philippe Starck. Aber ist das nicht bedenklich? Die Kommunen wollen kein Geld ausgeben, dafür springen private Sponsoren ein und machen die Stadt zur Werbefläche. Ähnliches ist ja vor ein paar Jahren in Wien geschehen: Die Stadt konnte die Würfeluhren angeblich nicht mehr erhalten. Ihr Betrieb wird seither von einer Versicherung finanziert, deren Logo auf allen Zifferblättern zu sehen ist. Es geht sicher in Richtung Kommerzialisierung. Solange die Kommune jedoch die Kontrolle darüber behält, wie das Stadt­ mobiliar aussieht, ist es meines Erachtens eine Lösung, mit der man leben kann. Welche Beispiele von öffentlichem Mobiliar finden Sie besonders gelungen? Es gibt ganz viele, etwa von Toyo Ito in Zusammenhang mit seinen Bauten oder Adrian Geuze bei den West 8 Freiraum­ gestaltungen. Díez + Díez Designo machen in Spanien wun­ dervolle Serienprodukte. In Asien agiert das Büro Earthscape, das sich hohe künstlerische Ansprüche gestellt hat. Es gibt auch unauffälligere Sachen, etwa vom Architekten Nicholas Grimshaw in New York, eine Stadt übrigens, die sich derzeit komplett neu »einrichtet«. Dass eine ganze Stadt ausgestattet wird, ist allerdings die Ausnahme. Meistens sind es Neubaupro­ jekte oder Entwicklungsgebiete, wo neue Wege gegangen werden. Wie ja auch mit den Enzis beim Wiener Museumsquartier. Ideal sind übrigens immer individuell entworfene Sachen, die sich auf den Ort, für den sie gemacht sind, einspielen. Sie funktionieren viel besser als Standard-Mobiliar. Oft geht das ja über in den Bereich Kunst im öffentlichen Raum. Weil Sie gerade ein österreichisches Beispiel erwähnt haben: In Graz hat es im Vorjahr einen Wettbewerb für öffentliches Mobiliar gegeben, aus dem zwei Siegerprojekte hervorgegangen sind: Die überdimensionierten Buchstaben namens »Design von GrA-Z« und die flexiblen Holzbänke namens »Getier«. Ich finde beide Beispiele ansprechend. Die Buchstaben haben mehr die Rolle der Stars und versuchen, den Stadtraum an einer bestimmten Stelle für den Benutzerinnen und Benutzer bewusst erlebbar zu machen, während das andere Projekt sich deutlich zurückhält. Schön, dass es zwei unterschiedliche Projekte sind, die verschiedene stadträumliche Situationen bedienen können. Aber mit den Enzis können sie sich nicht messen, oder? Nein, das nicht. Die Chaiselongue-artige Qualität der Enzis ist einzigartig. Sprechen wir noch von den sozialen Aspekten. Stadtmöblierung kann dazu führen, bestimmte Gruppen auszuschließen, etwa Jugendliche oder Obdachlose. Es ist ja bekannt, dass etwa auf kurzen Parkbänken, die noch dazu keine durchgängige Rückenlehne haben, Obdachlose kaum schlafen können. Natürlich gibt es eine gesellschaftliche Tendenz, dass alles ästhetisiert werden soll. Städte stehen zueinander in Konkur­ renz, auch über ihr Erscheinungsbild. Das kann man mit Stra­ ßenmobiliar wirkungsvoll beeinflussen. Und wenn man die Stadt wie eine Lobby schick machen will, widerspricht das natürlich den Interessen bestimmter Gruppen. Die Skater etwa weichen dann auf andere Plätze aus. Die gehen dorthin, wo die Statisten unter den Stadtmöbeln stehen. Aber egal wie sehr man versucht, die öffentlichen Räume zu kontrollieren, ganz verdrängen kann man diese Gruppen zum Glück nie. Denn auch sie machen, wie gutes Stadtmobiliar auch, die Stadt vielfältiger. ¶

Oben: Möblierung an Grenze zu Design und öffentlicher Skulptur. Unten: Ein- und Ausbuchtungen zum Niederlassen in einem gewöhnlichen Zaun.

Zur Person Chris van Uffelen ist freier Kunsthistoriker und Autor mit den Schwerpunkten Architektur des Mittelalters, klassische Moderne und zeitgenössische Architektur. Er hat zahlreiche Bücher verfasst, bei Braun Publishing sind von ihm u. a. Titel zu Bahnhofsarchitektur, Office Design, Sportstadien sowie neue Materialien in Architektur und Design erschienen. Zum Buch Ein Coffeetable-Book der besonderen Art: Das Fehlen längerer analytischer Texte tut dem Erkenntnisgewinn keiner­ lei Abbruch. Die vielen Beispiele, die Chris van Uffelen zusammengetragen und jeweils kurz beschrieben hat, zeigen unterschiedlichste formale Lösungsansätze aus aller Welt. Man stößt auf konventionelles Mobiliar ebenso wie auf freie spielerische Entwürfe, die völlig neue Nutzungsmöglichkeiten erlauben. Eine wichtige Rolle spielen dabei natürlich innovative Materialien. Von heimischer Seite sind u. a. das Designbüro For Use / Numen sowie die Architekten Boris Podrecca und Silja Tillner vertreten. Chris van Uffelen »Street Furniture«, 448 Seiten mit 1019 Abbildungen, ist via Braun Publishing erschienen. AU S GA B E 1 1 7 / 0 3 9 ◄


► LA No i r e ► Stimmungsvoller Adventure-Ausflug in die 40er Jahre

text bild

martin mühl Rockstar Games / Take 2


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whodunit?

Mit dem Krimi »L.A. Noire« inszenieren Team Bondi und Rockstar einen spielenswerten Trip ins Nachkriegs-L.A. Manche Details ecken an, als Erlebnis funktioniert das Spiel. torytelling ist eine ewig über- und unterschätze »L.A. Noire« mitunter eine Zielgruppe ansprechen wird, die sich Disziplin des Game-Designs. Viele Spieleent­ an diese erinnert und das technische Rundum-Update genießt. wickler sind stolz auf ihre Geschichten und er­ Wie andere Parts wissen diese Verhöre zu gefallen, offenbaren zählen doch nur Mist. Nur wenige Storys sind aber auch schnell ihre Schwächen. Sind es bei den Fahr-, Schusses tatsächlich wert, erzählt zu werden, und auch und Kampfszenen im Gegensatz zu modernen Actionspielen als Motivator werden sie zu oft überschätzt. eher Handling und Feedback-Genauigkeit, die etwas schwam­ Entscheidend sind meist das Gameplay und die neue Heraus­ mig ausfallen, schlägt bei den Verhören die digitale Natur der forderung, die der Spieler erfolgreich erledigen soll. Ausnahmen Spiele durch. Es gibt nur 1 und 0, richtig und falsch ‒ das Balan­ sind selten. Dazu gehören große Rollenspiele wie etwa einige cing beziehungsweise die Ausprogrammierung aller Eventuali­ Bioware-Titel (»Mass Effect«-Reihe, …) oder Einzelanstrengun­ täten hätte hier spielerfreundlicher ausfallen können. Während gen, die sich mitunter strengen Spieldefinitionen entziehen. So einem sonst viele Hinweise geboten werden und etwa Töne oder wie »Heavy Rain« im Vorjahr, das um jeden Preis den Spieler Controller-Schütteln Indizien offenbaren, bleibt es bei den Ver­ emotional einbinden wollte und dabei zu ein paar narrativen hören ungewöhnlich hart. Wer zwar erkennt, dass eine Figur lügt, Tiefschlägen angesetzt hat. »L.A. Noire« geht jetzt einen an­ aber einen falschen Beweis für den logisch richtigen hält, wird deren Weg, streckenweise gelingt aber ein beinahe ebenbürtiges abgestraft und kommt an dieser Stelle im Gespräch schon mal Ergebnis: Hier ist es das Setting, die Atmosphäre und die Story, nicht weiter. Die Lösung eines Falls gelingt trotzdem und ganz die den Spieler am Controller halten, während das eigentliche generell ist »L.A. Noire« ungewöhnlich leicht ausgefallen. Auch Gameplay noch nicht vollständig ausgereift ist. Das wäre zwar die Bewertung am Ende eines Falls darf einem als Spieler egal wünschenswert gewesen, ist aber nicht unbedingt notwendig, um sein ‒ allerdings entgehen einem bei falscher Gesprächsführung das Spiel genießen zu können. Das macht den Titel zu einem mitunter wissenswerte Details, die der übergeordneten Gesamt­ Unikum. story oder der Atmosphäre zuträglich wären.

nuancierte mimik

Als Kriegsheimkehrer Cole Phelps gilt es 1947 bei der Polizei von Los Angeles eine aufsteigende Karriere hinzulegen: Vom Streifenpolizisten über Verkehrspolizei und Morddezernat bis zum Detective. Das Setting ist aus Schwarz-Weiß-Filmen und Kriminalromanen gut bekannt: Nachkriegszeit, Hollywood, Kor­ ruption und Glamour regieren das Geschehen. Aus diesen Ein­ flüssen bedient sich »L.A. Noire«, bringt Anspielungen auf die Black-Dahlia-Morde und erlaubt sich auch sonst, so manches Klischee zu bedienen. Obwohl das Spiel vom australischen Ent­ wickler Team Bondi stammt, passt es damit ganz hervorragend zu Rockstar, deren Spiele immer wieder davon leben, bestimmte Settings genüßlich auszukosten: Gangster verschiedenster Fär­ bung in der »GTA«-Reihe oder der Wilde Westen in »Red Dead Redemption«. »L.A. Noire« folgt diesem Prinzip. Spielerisch lässt es »L.A. Noire« dagegen ziemlich gemächlich angehen. Das Tempo ist gedrosselt und die einzelnen (Action-) Parts sind von überschaubarer Länge. Jeder Fall beginnt mit einer Tatortuntersuchung. Hier werden Hinweise und In­ dizien gesammelt und dann im Gespräch mit Personen als Druckmittel benutzt, um von diesen mehr zu erfahren. Diese Befragten bringen den Spieler im Idealfall weiter und helfen bei der Lösung der Fälle. Die Gesprächs- und Verhörsitua­tio­ nen sind dabei eines der zentralen Elemente des Spiels. Eine neuartige und aufwendige Mehr-Kamera-Technik (MotionScan) hat es ermöglicht, die Mimik der Schauspieler mit bisher nicht gekannter Genauigkeit ins Spiel zu übertragen. Und genau diese nuancierten Gesichtsausdrücke sollen in den Verhörsitu­ ationen helfen zu erkennen, ob das Gegenüber lügt oder nicht. Ein Detail, das den Unterschied macht und »L.A. Noire« in der Jetztzeit ankommen lässt. Die Bedeutsamkeit dieser Gespräche, gemischt mit Action und Rätsellastigkeit, erinnert nämlich an Grafik-Adventures vergangener Tage. Sicher kein Zufall, dass

Lineare story

Neben den Hauptmissionen, in denen sich das akribisch nach­ gebaute Los Angeles von 1940 frei befahren lässt, bietet »L.A. Noire« noch einige Zusatzmissionen, die in erster Linie für ein bisschen actionreiche Abwechslung sorgen und die andererseits helfen, den Charakter ein wenig aufzuleveln. Ein Levelaufstieg bringt Intuitions-Punkte, die benutzt werden können, um bei den Befragungen eine Antwortmöglichkeit zu löschen oder um an einem Ort auf alle Hinweise hingewiesen zu werden. Nach Abschluss bestimmter Abschnitte, die sich in die verschiedenen Dezernate aufteilen, lässt sich die Stadt frei befahren oder man kann einzelne Fälle noch mal spielen, um etwa Fehler auszumer­ zen oder eine bessere Wertung zu bekommen. Interessanterweise ist man dazu recht wenig motiviert. Die lineare Story, die nach einigen Stunden Spielzeit an Fahrt gewinnt, ist so sehr Spielmo­ tivation, dass wenig Anlass bleibt, sich dem Spiel noch mal zu widmen, ist man einmal hinter dessen Geheimnisse gekommen. Zudem sind einzelne Spielteile, vor allem die Fahr- und KampfAction, dann doch ein wenig zu unausgereift, um per se zum Wiederspielen zu motivieren. Wenig überraschend wurde nach verschiedenen Meldungen bereits ein Nachfolger zu »L.A. Noire« angekündigt, der wohl nur mehr durch einen sehr unwahrscheinlichen Misserfolg des Spiels am Markt zu stoppen wäre. Für den Spieler bedeutet dies einen Grund zur Freude. Es ist wahrscheinlich, dass Teil 2 die gelungenen Teile des Spiels – also Story, Setting und Atmosphäre ‒ weiter fortführt, während manche technischen Parts einer Per­ fektionierung unterzogen werden. Und, wie gesagt, Games mit erzählenswerten Geschichten kann es gar nicht genug geben.  ¶ »L.A. Noire« ist bereits für Xbox 360 und PS3 erschienen. Infos unter www.rockstargames.com AU S GA B E 1 1 7 / 0 4 1 ◄


► The Gu i l d ► Web-Comedy-Serie über Online-Gaming

epic win

Demnächst startet die fünfte Staffel der erfolgreichen Webserie »The Guild«. Darin beweist Felicia Day, dass es durchaus Alternativen zur Klischeevorstellung vom Gamer Nerd gibt. Felicia Day, naheliegend selbst begeisterte Gamerin, räumt mit gängigen Nerd-Vorurteilen auf, nicht ohne dieselben auf’s Korn zu nehmen. So gerne sich die Serie an dem einen oder anderen Klischee bedient, gehen Stereotyp-Flaggschiffe wie der langhaa­ rige High School-Junge, der sich im Keller des Elternhauses ver­ barrikadiert, stets Hand in Hand mit entsprechenden Brechun­ gen. Klischees von menschenscheuen, sozial zurückgebliebenen Gamern etwa werden unterwandert, indem veranschaulicht wird, dass soziale Aktivitäten außerhalb des Spiels oder gar Bezie­ hungen auch für sie nicht zwingend abwegig sind. Der Vorwurf, virtuelle Interaktionen schlössen zwischenmenschliche Bindun­ gen prinzipiell aus, wird allein durch das neurotische, aber kei­ neswegs asoziale Verhalten der Gildenmitglieder beim tatsäch­ lichen Aufeinandertreffen und die allmähliche Intensivierung ihrer Freundschaften entkräftet. »The Guild« folgt dem Konzept einer Ensemble-Cast-Serie. Die besagte Gilde besteht aus drei männlichen und drei weibli­ chen Charakteren. Von einer Nerd-Version von »Friends« kann jedoch nicht die Rede sein. Während die Partie sich durch enor­ me Diversität auszeichnet, fällt ins Auge, dass weibliche Cha­ raktere durchwegs die Oberhand haben. Nicht nur Stereotype in Bezug auf die soziokulturelle Herkunft der Gamer, auch tradierte Geschlechterrollen werden hier aufgeweicht. Während die Frauen sowohl auf inhaltlicher als auch auf formaler Ebene den Ton an­ geben, so sind es in dieser Serie die Männer, die gemeinsam zur Toilette gehen, von dominanten Partnerinnen beherrscht, oder auch einfach im One-on-One-Combat geowned werden. Die Se­ rie wird nicht müde zu betonen, dass mädchenhafte Interessen und Gaming trotz althergebrachter Dualismen in keinster Wei­ se einen Widerspruch darstellen und wenn es darauf ankommt, siegt der Hexcode #ff33cc (Magenta) über #333333 (Anthrazit). Dem Ensemble der »Knights of Good« steht in der Serie die rivalisierende »Axis of Anarchy« gegenüber. Angeführt von Wil Wheaton (der bereits in der Sitcom »The Big Bang Theory« in die Rolle des Geek-Widersachers schlüpfte), hat es sich diese Gilde zum Ziel gemacht, Codex und ihrer Gang sowohl innerhalb als auch außerhalb des Spiels das Leben zur Hölle zu machen. Gaststar Wheaton ist es letztlich auch, der den Zusammenhalt der Gilde auf den Prüfstand stellt. Neben seiner Rolle als Bö­ sewicht fungiert er nämlich auch als Playboy und Objekt der Begierde für Codex, was die Harmonie der Gruppe gehörig auf­ mischt. Romance-Plots kommen in »The Guild« von Anfang an nicht zu kurz. Vermeintliche keyboard chemistry zwischen Gil­ denmitgliedern, virtuelle Anzüglichkeiten (»+5 Sexterity«) und enttäuschte Erwartungen schaffen eine solide Basis für eine gelungene Dramödie.

Fanbase’d Codex und ein Clankollege bei einem Offline-Treffen.

Ursprünglich wurde »The Guild« als 30-minütiger TV-Pi­ lot konzipiert, angesichts der doch sehr nischenhaften Natur

artemis linhart The Guild

Girl Gamers, Boy Toys

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he Guild« spannt den Bogen zwischen dem Onund Offline-Leben von Codex, einer arbeitslosen Mitt-Zwanzigerin, deren Therapeutin sie für hoffnungslos befunden und ihre Behandlung aufgegeben hat. Sie verbringt einen Großteil ih­ rer Zeit mit virtuellem Kontakt zu den »Knights of Good«, ihrer Gilde in einem Massively Multi­player Online Role-Playing Game. Verbunden fühlen sich die Gildenmitglieder nicht nur durch gemeinsame Missionen, sondern auch durch ihr ausgeprägtes Suchtverhalten. »The Guild« ist selbst eine Inter­ net-Erfolgsgeschichte: Die Serie, die bereits in ihre fünfte Staffel geht, wurde zuerst auf Youtube ausgestrahlt und erschien dann auf diversen Microsoft-Plattformen (etwa dem Xbox Live-Video Channel). Später folgte eine eigene Website, auf der die Episo­ den abgerufen werden können und mittlerweile sind sie auch auf DVD und Netflix erhältlich. Die Serie ist mehr als nur eine Sitcom über das Leben einer Gruppe MMORPG-Süchtiger. Ihre Relevanz geht über den gene­ rischen Unterhaltungsfaktor hinaus, wie er beispielsweise auch in Michael Ceras »Clark And Michael« oder den Zombie-All­ tagspossen von »Woke Up Dead« (mit »Napoleon Dynamite«Hauptdarsteller Jon Heder) zu finden ist. Die Prämisse der Serie ist der Schritt von der Online- in die Offline-Welt der Haupt­ charaktere. Einvernehmlich zufrieden mit der Anonymität des Cyberspace, werden die »Guildies« durch unvorhergesehene Um­ stände dazu gezwungen, sich weit aus der eigenen Comfort Zone zu lehnen. Der persönliche Kontakt und das viele Sonnenlicht sind dabei nur ein paar der Faktoren, die den Figuren Unbeha­ gen bereiten. Eingeleitet werden die wöchentlich erscheinen­ den, drei- bis neunminütigen Episoden aus der Sichtweise der Hauptfigur und temporären Gildenführerin Codex (Felicia Day), die, meist in Pyjama und Plüschpatschen, ihre Webcam unter­ hält und dabei ihre Unsicherheiten und sozialen Inkompetenzen zähneknirschend raushängen lässt. (»I was lying. Lied to my own webcam.«) Hauptdarstellerin und »The Guild«-Schöpferin


43 Felicia Day gelingt mit »The Guild« ein erfrischender Blick auf Gamer. Derzeit arbeitet sie an einer Machinima-Produktion: »Dragon Age: Redemption«.

der Serie musste man jedoch auf das Internet umsatteln. Die zum Bollywood-Spoof reichen. Eine Comic-Reihe führt Erzähl­ enorme Unterstützung durch Fans war hier ein entscheidender stränge fort, und Day arbeitet zur Zeit bereits an einer weiteren Faktor. Als 2007 während der Drehs zur ersten Staffel das Geld Webserie mit Gaming-Interesse: »Dragon Age: Redemption« ausging, konnten die restlichen Folgen mittels PayPal-Spenden basiert auf der gleichnamigen Rollenspiel-Serie und zeigt Day von rund 600 Fans fertiggestellt werden. Nach kurzer Zeit stell­ als Elfen-Assassine Tallis. Hiermit wagt Day, was sie in »The ten sich Freiwillige zur Verfügung, um bei der Entstehung der Guild« schon ansatzweise ausprobiert hat: Den Sprung von der Show mit anzupacken und bei Conventions bestätigte sich bald, Rolle der Gamerin zur Verkörperung des In-Game-Characters. was die Online-Erfolgsbilanz bereits erahnen ließ: Mit »The »The Guild« selbst hat sich in seiner vierten Staffel aber be­ Guild« hat Felicia Day einen Hit gelandet. Mittlerweile hat sie reits ein gutes Stück weit vom Heimcomputer weggewagt. Das in Microsoft einen Sponsor gefunden, der ihr die Rechte und namenlos bleibende, »World Of Warcraft«-ähnliche Spiel ist den Freiraum lässt, ihr DIY-Prinzip durchzuziehen. Neben ih­ nicht so sehr das zentrale Gimmick der Serie, als das drama­ rer Rolle als Codex übernimmt Day auch die Produktion sowie turgische Band, um das sich hier eine Geek-Gemeinschaft ver­ das Schreiben der Drehbücher. Das Guildiversum dehnt sich sammelt. Staffel fünf wird auf einer Fan-Convention spielen: ein derweilen immer weiter aus. Sowohl Fans als auch Internet- weiterer Schritt hinaus. Es bleibt zu hoffen, dass die gelungene Entertainment-Koryphäen wie die Gregory Brothers zollen der Serie noch einige weitere Add-Ons erfährt. ¶ Serie mit Youtube-Videos Tribut. Diese Loyalität wird von Day & Co ihrerseits mit diversen Specials belohnt, die über Standard- Alle Episoden von »The Guild« sowie Neuigkeiten aus dem Goodies wie Weihnachts- und Halloween-Episoden hinaus bis Guildiversum finden sich auf www.watchtheguild.com AU S GA B E 1 1 7 / 0 4 3 ◄


► U mut Dag ► »Papa«: Kino mit Migrationshintergrund, aber ohne Ghetto

aus eigener kraft Der 28-jährige Umut Dag gehört zu einer jungen Generation österreichischer Filmemacher mit Migrationshintergrund, die sich erfolgreich dagegen wehren, etikettiert oder ghettoisiert zu werden.

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Woher stammt die Inspiration für diese Geschichte? Mich interessieren diese Mütter um die 50, die für ihre Familie und ihre Kinder leben, nichts anderes haben im Leben. Mit wel­ chen Wertvorstellungen sie versuchen, ihre Familien zusammen­ zuhalten, welche Werte sie ihren Kindern vermitteln wollen und in welchem Horizont sie leben. Wieso sie da nicht rauskommen, mit welchen Traditionen sie aufgewachsen sind und die über­ haupt nicht verlieren, an ihnen festhalten als Qualitätsmerkmal. Dieses generelle Hausfrauenproblem ‒ was macht so eine Frau? Wem gegenüber kann sie sich öffnen in einer Gesellschaft wie der türkischen, wo alles über den Schein nach außen hin funk­ tioniert? Ist der Kontakt zu Wega Film über die Filmakademie, wo auch Haneke unterrichtet, zustande gekommen? Nein, ich bin stolz darauf, dass es nicht über die Akademie gelaufen ist. Noch bevor ich an der Akademie war, hab ich lange Zeit bei österreichischen Filmproduktionen als Kaffeeholer, Set-

Klaus Buchholz Umut Dag

ihrer Töchter und wird mit dem Sohn verheiratet, weil sie sonst nicht legal einwandern könnte. Dag: »Die Ironie an der Sache ist, dass alle begeistert sind von Film und Drehbuch. Die einzige För­ derstelle, die uns nicht gefördert hat, ist der Wiener Filmfonds.« Ein Gespräch mit dem Regisseur über die Herausforderungen junger Filmemacher, Ressentiments und Migrantenfilme, die keine sind.

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ein Ziel ist es nicht, Migrantenfilme zu machen. Mein Ziel ist es, Filme zu machen« ‒ dabei geht es dem gebürtigen Brigittenauer mit der Außen­ wahrnehmung ähnlich wie der Wiener HipHopFormation Sua Kaan, die trotz langjähriger Arbeit um Aufmerksamkeit kämpft. Für sie hat er neben der Doku »Aus eigener Kraft« auch zahlreiche Musik­ videos gemacht, die in ihrer professionellen Erscheinung außer­ gewöhnlich sind. Sein Handwerk erlernte der Regisseur an der Wiener Filmakademie und auf zahllosen Filmsets. Als Bache­ lor-Arbeit drehte er »Papa«, der bei der diesjährigen Diagonale den Kurzfilmpreis gewann und ab Juni im Wiener Votivkino zu sehen sein wird. In 40 berührenden Minuten erzählt Dag von einem rappenden Vater, der erst Verantwortung für seine Söh­ ne übernimmt, als ihn seine Frau verlässt und der letztlich an seinem stolzen Rollenverständnis scheitert. Im Moment steht Umut Dag kurz vor dem Drehbeginn seines Kinodebüts. »Auf­ bruch« lautet der Arbeitstitel, produziert wird von Wega Film (»Das weiße Band«, »Caché«) mit einem Budget von über einer Million Euro. Das gemeinsam mit Petra Ladinigg geschriebene Kammerstück handelt vom Schicksal einer türkischen Mutter mit sechs Kindern, die mit ihrer Familie in Wien lebt. Weil bei ihr eine Krebserkrankung diagnostiziert wird, fürchtet sie zu sterben. Um ihre Familie nicht allein zu lassen, holt sie für ihren Mann eine Ersatzfrau aus der Türkei. Die ist so jung wie eine


Skills and Knowledge on Sustainable Design:

Regisseur Umut Dag: »Jetzt liegt es an mir, diesem Vorschussvertrauen gerecht zu werden.«

Assi, Fahrer usw. gearbeitet ‒ unter anderem auch für Wega. Die haben einfach gesehen, wie ich reinhackle am Set. Warum wird der Film nicht vom Wiener Filmfonds gefördert? Der Chef des Wiener Filmfonds, Dr. Peter Zawrel, stand irr­ sinnig hinter diesem Film, hat alles getan, damit dieser Film passiert. Aber es entscheiden ja immer Beiräte, Jurymitglieder und da gab es ‒ ich gehe sogar soweit ‒ rassistische Ressenti­ ments gegenüber Menschen mit Kopftüchern. Dann hieß es, wen interessiert das? Besonders ein Jurymitglied, das nicht einmal in Österreich lebt, geschweige denn in Wien, hat dann gemeint, wen interessiert denn eine Geschichte über Türken? Das ist, was dir zu Ohren gekommen ist? Nein, das hat mir dieser Juror ins Gesicht gesagt: »Eine Geschichte über Türken interessiert niemanden außer die Tür­ ken«. Es kamen auch solche Sachen wie, »auch die USA haben ja Probleme mit so Menschen, mit dem Islam, mit Fundamen­ talisten«. Aber in meinem Film wird kein Wort über den Islam gesprochen! Die Frauen haben Kopftücher um, weil es halt zu ihrer Tradition gehört. Das war’s, es geht um eine Geschich­ te zwischen zwei Frauen. Ich war bis jetzt nie mit Rassismus konfrontiert, das war das erste Mal. Es hat mich irrsinnig mit­ genommen und sehr enttäuscht. Aber es ist egal, denn letzten Endes hab ich eine Produktionsfirma hinter mir, der ORF steht hinter mir, das österreichische Filminstitut steht hinter mir. Jetzt liegt es an mir, diesem Vorschussvertrauen gerecht zu werden. Im österreichischen Kino-Mainstream sind Filme, die von Menschen mit Migrationshintergrund handeln, nicht sehr präsent. Geht es dir in deiner Arbeit um Repräsentanz? Nein, überhaupt nicht. Ohne zu sehr polarisieren zu wollen: Ich hab das Gefühl gehabt, wenn ich eine Chance haben will, meinen ersten Langfilm zu machen, dann müssen Tschuschen drin vorkommen, sonst habe ich keine Berechtigung und keine Argumentation, wieso ich gerade diesen Film mache. Wie meinst du das? So ist die Argumentation ein bisschen einfacher. Es geht um Türken, auch wenn ich Kurde bin, ich kenne das Milieu, ich kann daraus erzählen. Was nur bedingt stimmt. Ich erzähle von einer Familie, die ich so noch nicht erlebt habe. Also geht es um Glaubwürdigkeit? Man sieht einen Namen, eine Herkunft und abstrahiert auto­ matisch. Wenn man dann aus einer anderen Kultur erzählt, aus deren Wurzeln man kommt, ist das eine authentischere Kraft. Ich muss nicht so viel recherchieren wie jemand anders. Das ist mehr ein Gefühl, auch für die Sprache. Der Film ist wahrschein­ lich zu 70% auf Türkisch. Die Geschwister reden untereinander Deutsch, weil sie hier aufgewachsen sind. Mit den Eltern spricht man halt Türkisch. Ist halt so. Natürlich hab ich da einen besse­ ren Zugang. ¶ Ab dem 2. Juni wird »Papa« von Umut Dag im Wiener Votivkino zu sehen sein.

you (today)

average

you, after…

an international exchange forum, on sustainable information design, will focus on sustainable communications and information design solutions, covering not only concerns of ecological production, recycling and disposal, but especially effective planning in the forefront. Sustainable design starts with a strategic concept, the right choice of media, and maximum reduction of information and communications that nevertheless meets the citizen‘s or customer‘s information needs.

VIE

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► Wu Ly f ► Neues aus dem Untergrund

46 die hohe kunst der verweigerung

Manchester-KapitalismusVerweigerung?

Das nordenglische Manchester ist alles, nur nicht hübsch. Trotzdem gelang es der industriegrauen Schornsteinmetropole im Laufe der Dekaden immer wieder, als Biotop für große und wichtige Popmusik zu fungieren. Die Stadt war die Reifeprüfung und Spielwiese für Bands wie The Smiths, Joy Division, oder The Verve, die hier ‒ lange bevor sie in den gediegenen Konzerthäu­ sern der britischen Hauptstadt gefeiert wurden ‒ bereits die ört­ lichen Clubs bespielten. Das von Wu Lyf beackerte Biotop scheint besonders von der als »Madchester« titulierten Phase der mu­ sikalischen Stadtentwicklung beeinflusst worden zu sein. Ende der 80er galt die Stadt als das Mekka für neuartige Klänge: Die Stone Roses veröffentlichten mit »Fools Gold« eine stilprägende, auf Synthesizer-Drum-Beats basierende Single. Die nicht weni­ ► 0 4 6 / AUSGABE 116

ger eloquent modernistischen Happy Mondays besangen derweil mit dem Album »Pills n Thrills n Bellyaches« die Anfangstage der Rave-Kultur. Das Konglomerat aus kühlen, elektronischen Loops und melodisch-psychedelischem Gitarrenpop sollte zum akustischen Wahrzeichen von Manchester werden ‒ ein Wahr­ zeichen, das auch dem Sound von Wu Lyf tief innewohnt. Wu Lyf zeigen sich auf Pressefotos als vermummtes Kollektiv ohne Ranghierarchie: zehn Jungs, die zusammen Musik machen, nicht mehr und nicht weniger. Auch wenn die Rollen innerhalb der Band klar akzentuiert zu sein scheinen, dringen diese nicht nach außen – die Musik soll für sich selbst stehen und nicht von einem Gesicht abhängig gemacht werden. Als Aufmerksamkeits­ verstärker ist das ja nicht neu. Gerade die Verweigerung führt zu noch mehr medialen Vereinnahmungsversuchen. Aufgrund der kritischen Haltung der Band gegenüber den Vermarktungs­ mechanismen der Popindustrie ‒ Kapitalismusverweigerung ist gerade wieder hoch im Kurs ‒ schien es dennoch bis zuletzt so, als ob das Streben nach künstlerischer Autonomie unvereinbar mit einer kommerziellen Albumveröffentlichung sei ‒ bis sich Wu Lyf im April überraschend auf ihrer Homepage zu Wort meldeten und die Aufnahmen für ihr erstes Album als vollen­ det erklärten. Um der Einflussnahme der Kulturfabriken so weit wie möglich zu entgehen, entschloss sich das Klangkollektiv allerdings, »Go Tell Fire To The Mountain« auf dem selbst ge­ gründeten Label herauszubringen ‒ mit allen damit verbundenen Risiken und Chancen.   

Zeitlos referentiell

Der Arbeitsethos der eloquenten Engländer hat sich musi­ kalisch bezahlt gemacht: Wu Lyf ist mit »Go Tell Fire To The Mountain« eines der epochalsten und vielleicht auch wichtigs­ ten Debütalben der letzten Jahre gelungen. Es gibt kein einziges Lied, das man auf der Reise durch die Platte überspringen möch­ te. Der euphorisch-sakrale Opener »L_Y_F«, bringt nicht Luzifer, sondern Aphrodite ins Spiel: »Keep it good/ ’cos you know I love you/ I love you forever« singt Ellery Roberts, das Sprachrohr der Band, repetitiv und mit markant unverwechselbarer Stimme zu

TEXT BILD

nfang des Jahres machten Berichte über ein mys­ teriös anmutende Band mit dem kryptischen Na­ men Wu Lyf die Runde: Es wurde von furiosen, in den Pop-Kanon eingehenden Live-Konzerten erzählt, die ein wunderliches Musikerkollektiv, das eigentlich niemand kannte, zu einem Ein­ trittspreis von einem Pfund pro Ticket in stillgelegten Outlets in Manchester unter dem Credo »Heavy Pop« veranstaltete. Die Gruppe, das sich mit vollem Namen World Unite Lucifer Youth Foundation nennt, wurde binnen kurzer Zeit zu den neuen Un­ derground-Heroen der Manchester Indie-Szene stilisiert. Die mit Vorschusslorbeeren nie sparsame britische Musikpresse versuchte sogleich, Wu Lyf durch ihre geölten Hypeschleifen zu ziehen, und auch die Musikindustrie zeigte sich interessiert ‒ doch die Gruppe verweigerte sich Journalisten wie PlattenlabelVertretern. Es wurden keine Interviews gegeben und keine Ver­ träge unterzeichnet. Nicht einmal die Namen der mitwirkenden Musiker waren bekannt. Als einziges mediales Sprachrohr nutz­ te die Band ihre eigene Webseite ‒ und schrieb dort über sich selbst: »Wu Lyf is nothing. They are not for sale, they have no cash flow or value«.

Michael Kirchdorfer pias

Das zehnköpfige Musikerkollektiv Wu Lyf aus Manchester führt mit seinem Debütalbum »Go Tell Fire To The Mountain« vor, welche Musik die zeitlose Moderne spielt.


hymnischen Gitarrentürmen nach der Bauart von Arcade Fire. »Such A Sad Puppy Song« erinnert mit elegischem Bassspiel und depressiv-verstimmtem Tempo an die späten Joy Division. »Summer Bliss« lässt die Sonne strahlen und umgibt sich dabei mit einem new-wavigen Kokon aus Synthesizer-Rhythmen und Drumlines. Die Stone Roses-Reminiszenz »Concrete Gold« kann man indes nur als uneingeschränkt schön beschreiben, so rund und wohlfühlend nistet sich der Song im Ohr ein. Den drama­ turgischen Höhepunkt erreicht »Go Tell Fire To The Mountain« dort, wo alles begann: Im Closer »Heavy Pop« kommt noch ein­ mal die Essenz der Band in ihrer Gesamtheit zu tragen. Das Lied übt eine starke emotionale Verbundenheit aus, was vielleicht der klug eingearbeiteten stilistischen Referenzialität, vielleicht aber auch der perfekt aufeinander eingespielten Musikalität der Bandmitglieder zuzuschreiben ist ‒ der Song wirkt jedenfalls so, als ob man ihn eigentlich schon vor Jahren ins Herz geschlos­ sen und gerade eben im Plattenregal wiederentdeckt hätte. Die Musik von Wu Lyf ist trotz aller Nostalgie im Hier und Jetzt verankert, ist aktuell und zeitgemäß, dabei aber auch auf eine magische Art und Weise zeitlos: ein schöner Ort zum Sein. ¶

Ellery Roberts, Sänger von Wu Lyf, im Interview. Wu Lyf geben nicht gerne Interviews, wie zu vernehmen war ‒ hat sich euer Verhältnis zu Medien in letzter Zeit verändert, oder habe ich einfach nur Glück, dich ans Telefon zu kriegen? ellery roberts : Du hattest Glück (lacht). Nein, das war keine geplante Verweigerungshaltung. Wir haben bis zuletzt keine Interviews gegeben, da wir keinen Hype um etwas kreieren wollten, das noch nicht fertig ist. Wir wollten während der Zeit, an der wir am Album arbeiteten, einfach keine Aufmerksam­ keit. Wir hatten Angst, die Erwartungen und damit auch den Druck, der auf uns lag, ungerechtfertigt hochzuschrauben. Ich bin auch jetzt, wo das Album bald draußen ist, noch kein Fan von Interviews. Dieses »Hört-Was-Ich-Zu-Sagen-Habe« ist nicht mein Ding. Ich will ganz einfach nicht, dass Leute glauben, sie müssten mir zuhören. Was hältst du vom Medienhype, der sich um Wu Lyf mani­ festiert? Der NME nannte euch letztens »the next big thing in pop history« … Machen dich solche Prophezeiungen stolz, unsicher oder wütend?

Wu Lyf machten anfangs ein Geheimnis um ihre wahren Identitäten und wollten erst einmal die Musik und Nebelgranaten sprechen lassen.

Keines von alledem, es ist mir schlechtweg egal. Die britische Musikpresse ist bekannt dafür, ständig auf der Suche nach einem neuen Medienhype zu sein. Zur Zeit sind wir im media­ len Rampenlicht ‒ aber mir ist egal, was der NME oder andere Blätter über Wu Lyf schreiben. Unser Anliegen ist es, Musik zu schaffen, die unseren eigenen Definitionen von Substanz und Qualität gerecht wird. Gute Musik zu machen ‒ das ist alles, was uns am Musikbusiness interessiert. Man weiß kaum etwas über Wu Lyf – ist die Anonymisierung im Bandkontext eine Art Statement? Wenn du Musik machst, gibst du viel von dir in diesem Pro­ zess frei ‒ trotzdem ist die Musik nicht über dich persönlich. Wir sehen uns als Schauspieler, die Geschichten erzählen, ein Spiel spielen. Unsere Musik ist kein Statement über unser Leben. Wir machen nicht Musik, damit die Leute uns kennen­ lernen. Wir betreiben Musik als  dramaturgisches Konzept, als Schauspiel – es geht um die Kunst an sich und nicht um das Gesicht des Künstlers.   Worin liegt deiner Meinung nach das kreative Potenzial deiner Heimatstadt Manchester? Das kreative Potenzial stammt jedenfalls nicht von dem, was die Stadt zu bieten hat ‒ sondern von dem, was sie nicht bietet. Großstädte wie London haben ein Überangebot an Kunst, Kul­ tur und Möglichkeiten ‒ dort kann man sich komplett in alle vorstellbaren Arten von Ablenkungen verlieren. In Manchester gibt es kaum Ablenkungen, es ist einfach nichts los. Deshalb verbringen die jungen Leute dort ihre Zeit eher damit, in Bands zu spielen oder in irgendeiner anderen Art und Weise selbst künstlerisch tätig zu werden, anstatt in Clubs oder Galerien abzuhängen.   Was ist dein Lieblingssong auf dem Album? Ich bin stolz darüber, was aus dem Song »Such A Sad Puppy Dog« geworden ist. Dem Track wohnt eine Art von intensiver Detailversessenheit inne, was ich sehr gerne mag. Aber im Grunde gibt es kein hervorzuhebendes Lied ‒ ich sehe unser Album als Ganzes. Jeder Song ist ein essentieller Teil des Albums, jedes Lied steht in Bezug zu einem anderen. »Go Tell Fire To The Mountain« ist die Platte, die wir machen wollten.   Was denkst du über die Studentenproteste in England? Hast du an Demonstrationen teilgenommen? Mein Vater, meine Schwester und ich waren am 26. März beim großen Protestmarsch in London. Obwohl ich voll und ganz hinter der Sache der Studenten stehe, habe ich mittler­ weile gemischte Gefühle zu den Protesten, da deren Anliegen zu limitiert verliefen, denn das Bildungsproblem ist nur eines von vielen. Ja, es darf nicht sein, dass Bildung in Gefahr läuft, für die meisten Menschen unerschwinglich zu werden. Ja, es ist gut, dass die Leute endlich wieder anfangen, sich für etwas einzusetzen ‒ aber man sollte sich eher die Frage stellen, wie es von hier aus im großen Kontext weitergehen soll, wie wir als menschliche Individuen in einer marktgetriebenen, durch und durch materiellen Gesellschaft überleben können. Und ich bin pessimistisch, was einen Wandel zum Positiven betrifft: Die Studentenbewegung hat nicht genug Kraft, um Dinge zu ver­ ändern, die Linke vergräbt sich hinter denselben alten klischee­ haften Ansagen, die sie immer trug ‒ ohne Taten folgen zu lassen. Das Traurige ist: Es gibt in England weit und breit keine charismatische, aktive politische Opposition.   Was beschäftigt dich gerade außerhalb der Musik? Die Netzkommunikation ist ein Phänomen, das mich schon länger beschäftigt. Je mehr die Menschen auf Internet basie­ rende Kommunikation setzen, desto schneller scheint auch die Realität der Dinge zu entschwinden. Ich bevorzuge in der Realität zu leben, die Welt mit meinen Augen zu erfahren, und nicht über Twitter oder Facebook. Alles dreht sich heute um künstlich erschaffene Spektakel, und nicht um das, was man poetisch als das Echte, Unverfälschte bezeichnen würde.   ¶  AU S GA B E 1 1 7 / 0 4 7 ◄


► wa s h e d out ► Albumdebüt und Chillwave-Ehrenrettung

die unendliche leichtigkeit des seins Manchmal bedarf das Schaffen großer Kunst nur einfacher Mittel. Für Washed Out reichen Laptopgeschraube und analoge Patina, die er in Musik transferiert. Gerade brilliert er mit einem sonnendurchfluteten Debüt, das nicht nur die Musik-Blogger-Riege begeistern wird.

Für seine ersten Aufnahmen als Washed Out zog sich Ernest Greene im Sommer 2009 ‒ nachdem er ausführlich mit den Genres HipHop und Elektro experimentiert hatte ‒ zurück ins Städtchen Perry, Georgia, zu seinen Eltern, die dort in einem Haus umgeben von Pfirsichbäumen leben. Tagsüber schrieb er erfolglos Bewerbungen, nachts werkelte er an Tracks und Beats an seinem Laptop, die in weiterer Folge auf Myspace landeten. Sich auf die Bühne zu begeben, ist ihm zu dem Zeitpunkt erst einmal nicht in den Sinn gekommen, genauso wenig bombar­ dierte er Plattenlabels mit Demoaufnahmen. Das brauchte er ► 0 4 8 / AUSGABE 117

offensichtlich auch nicht, denn wie ein paar Jahre zuvor bereits Arctic Monkeys und Konsorten, blieb auch er in den Weiten des WWW nicht lange ein unbeschriebenes Blatt: Die Macht der Blogger schlug beinahe über Nacht zu. Gorilla vs. Bear und Pitchfork zerrten ihn ins gleißende Scheinwerferlicht, in weiterer Folge gemeinsam mit Best Coast auf die Bühnen Europas und schließ­ lich enterte Washed Out mit seiner »Life Of Leisure«-EP 2009 diverse End-of-Year-Polls. Maßgeblich dafür war sicher die un­ glaublich ergreifende, organische Art, in der er seine versunke­ nen, sphärischen Pop-Hymnen in Szene setzte, die vor einer alle Genre-Grenzen ignorierenden Energie sprühten. Nach nunmehr drei EPs ist jetzt auch der erste Longplayer am Markt. Wie soll man ein Debüt beschreiben, das so tief ins Herz schneidet, dass einem die Luft wegbleibt? Schwierig, aber hier zumindest ein Versuch: Greene weitet auf »Within And With­ out« die Palette an Stimmungen und Atmosphären, die bereits auf seinen EPs sehr vielfältig war, noch einmal aus und bietet ‒ beim atemberaubend erotischen Cover-Artwork angefangen ‒ eine reifere, verfeinerte Herangehensweise. Haftete »Life Of Leisure« noch der Nachgeschmack von Nostalgie an, ist nicht

Sandra Bernhofer Domino

Die Macht der Blogger

Bands, die ihre Mitglieder am liebsten auf verwaschene Bilder in Vintage-Ästhetik bannen, sind super. Punkt.

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ands, die ihre Mitglieder am liebsten auf ver­ waschene Bilder in Vintage-Ästhetik bannen, sind super. Punkt. Gewagt mag sie ja sein, die­ se These, so weit hergeholt aber auch wieder nicht, wenn man an Cults denkt oder Beach House und Little Joy sowieso. In dieses Ladl voll superer Musiker darf man getrost auch Ernest Greene stop­ fen. Ernest Greene? Ernest Greene ist vermutlich bekannter un­ ter seinem Pseudonym Washed Out. Er stammt aus dem tiefsten Süden der Vereinigten Staaten, mit Southern Rock hat seine Mu­ sik aber genau gar nichts zu tun. Vielmehr kommen seine ruhi­ gen Synthpop- und verwaschenen Chillwave-Basteleien, die in die 80er und frühen 90er zurückversetzen und auf verwirrende Art bewegen, mindestens genauso schön entspannt daher wie der Künstlername. Vor zwei Jahren wurde das Genre aus der da­ mals schon ironisch gebrochenen Taufe gehoben, im Wissen um die Macht und Lächerlichkeit derartiger Marketingschablonen. Mit Washed Outs Langspieldebüt entwickelt sich (Post?-)Chill­ wave weit über den So-Even-Before-Last-Year-Hype hinaus.


mehr viel von verträumten Teenie­Erinnerungen zu hö­ ren ‒ alles fühlt sich lebendig an und zollt den großen Emotionen, wie Sehnsucht, Trauer und Euphorie, Tribut. Getragen wird das alles von einem flächigen, ins Orches­ trale gehenden Shoegaze­Sound, wie er beispielsweise auch Toro Y Moi ‒ mit dem Greene im Übrigen auch des Öfteren zusammenarbeitet ‒ aus dem Laptop hätte fal­ len können.

ThAT sUMMEr FEELING

Eröffnet wird das Album mit »Eyes Be Closed«, ei­ nem fast psychedelischen Popwirbel Underworld’schen Ausmaßes, der das akustische Pendant zu einer leichten Brise auf sonnengebräunter Haut ist. Dieser Track geht über in das etwas düsterere, aber nicht minder schöne »Echoes«, das mit 80er­ und 90er­Balladen­Soundef­ fekten spielt. Was folgt, ist großteils von einem ähnli­ chen atmosphärisch­einlullenden Brummen durchzo­ gen, nur »Before« experimentiert wirklich mit Genres, indem es HipHop­Beats und Vocal­Samples integriert.

Ein rundes Ende findet »Within And Without« mit dem pianogetragenen »A Dedication«, das der vermutlich in­ teressanteste Song am Album ist: Greene zeigt sich hier von seiner geradlinigen Singer/Songwriter­Seite und er­ hebt seine Stimme voll und weit über die Sound­Effekte, die von einem Fallenlassen in eine Endlichkeit erzählen, mit der man sich aber arrangieren kann. Aufgenommen wurden die neun Perlen gemeinsam mit Ben Allen, der auch »Merriweather Post Pavillion« von Animal Collective oder »Halcyon Digest« von Deer­ hunter co­produziert hat. Und so klingt »Within And Without« auch unglaublich dicht und atmosphärisch, nach sternenklaren Nächten auf Picknickdecken und ausgeblichenen Polaroids von Sonnenuntergängen. Kurz: Perfekt. Das einzige, was sich jetzt noch schleunigst än­ dern muss, ist Greenes fast schon mickrige Facebook­ Follower­Quote. ¶

»Within And Without« von Washed Out ist ab 8. Juli via sub Pop/Domino erhältlich.


► »Tr i e b und F r i e d en « i n d e r Pool ba r ► Feldkirch, Körper und Kultur

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iPPaadd !! Ein Projekt der Kulturvernetzung Niederösterreich

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Monatsmagazin für Politik und Gesellschaft. Monatsmagazin für Politi


► Neu e Tön e : F est i va l b u s in ess ► Pop als Eventkultur

Das groSSe Geld Eben wurde eine Studie über die wirtschaftliche Bedeutung von Festivals für Großbritannien veröffentlicht. Ihre Ergebnisse lassen sich teilweise auf Österreich umlegen. Das Gefühl, dass Festivals boomen, ist ja nicht die Wahnsinns­ erkenntnis. Im Vereinigten Königreich wurde jetzt aber erstmals ausführlich untersucht, was die jährlichen Musikfeste dem Land und seinen Regionen überhaupt so einbringen. 20.000 handfeste Vollzeitjobs zum Beispiel ‒ das ist eine Sprache, die politische Entscheidungsträger verstehen. Die Zahlen lesen sich über­ haupt recht beeindruckend. Eine der wichtigsten: Festivalbesu­ chern aus »Übersee« ‒ damit ist dann auch Kontinentaleuropa gemeint ‒ kommen zwar gerade einmal auf ein Zwanzigstel des gesamten Publikums, aber eben diese Festivaltouristen bringen fast 20 Prozent des Gesamtumsatzes. In Zahlen bedeutet das dann stolze 285 Millionen Euro. Zum Vergleich: das ist um ein paar deutliche Millionen mehr als in Wien in einem ganzen Jahr in Hotels umgesetzt wird ‒ Tourismus, Kongresse und Stunden­ hotels inklusive. Und das sind wohlgemerkt nur die Nicht-Briten. Rechnet man das dazu, was die Briten selbst für Livemusik aus­ geben, kommt man auf ganze 1,6 Milliarden Euro.

echter Wirtschaftsfaktor und als Institutionen können sie sich Reunions von vor Jahren aufgelösten Bands kaufen: Pulp verkün­ deten etwa schon kurz nach ihrer Wiedervereinigung, dass sie in Barcelona beim Primavera spielen werden, letztes Jahr waren es die Libertines, die für knappe 1,2 Millionen Pfund bei den großen Open Airs in Reading und Leeds ein paar persönliche Differen­ zen gerade sein ließen. Als Diskussionen um das Budapester Sziget Festival vom Stadtrat vom Zaun gebrochen wurden, weil das gesamte Festivalgelände nicht länger gratis zur Verfügung stehen sollte, argumentierten die Veranstalter mit umgerechnet über 5 Millionen Euro Steuereinnahmen und noch einmal fast 8 Millionen für Hoteliers und Gastro. Mit solchen Zahlen lässt sich auch eine Regierung überzeugen, die an sich allzu westliche Umtriebe eigentlich lieber abdrehen würde. In diesen und noch größeren Dimensionen bewegen sich heute auch die großen US-Brummer wie das Austin City Limits, Lol­ lapalooza und das Coachella in Kalifornien, das kürzlich verkün­ dete ab 2012 an zwei Wochenenden stattfinden zu wollen (je über UK, ESP, HUN, USA $30 Mio. Umsatz). Das Reading Festival rechnet mit cirka 240 Deshalb fordern die Auftraggeber der Studie, UK Music, auch Euro pro Besucher über die Laufzeit des Festivals. Am letzten gleich ein eigenes Büro in der zentralen Tourismusagentur des Maiwochenende ging auch die elfte Version des Primavera Sound Landes, um noch mehr Musikfans ins Land zu bringen, um Fes­ Festival in Barcelona zu Ende. Rund 40.000 Besucher pro Tag tivals im Ausland zu bewerben, um auf das nationale Kulturgut sind für ein Stadtfestival allein schon eine stolze Zahl. Mit über Musik aufmerksam zu machen, auf symbolträchtige Orte und 1.200 akkreditierten Journalisten ist das Festival noch dazu eine ihre Geschichten. Ein Festival wie Glastonbury zieht ohnehin Anlaufstelle für viele internationale Medien und Multiplikatoren. schon genügend deutsche Musiktouristen an und spült mit über Gemeinsam mit dem Sonar haben Musikfestivals wesentlich 180.000 Besuchern mächtig Geld in die Region. Solche Festivals zum guten Ruf der Stadt beigetragen. Und jedes Jahr folgen mehr. sind also mittlerweile weit mehr als fröhliche Events, sie sind ein Die Tonträgerindustrie mag über ihre Verkäufe stöhnen, Musik­


Neue Töne der Musikwirtschaft

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Die Musik ist im Umbruch. Die digitale Revolution hat keine Kunstform so erschüttert wie die Musik. CDs verstauben in den Regalen, im Gegenzug sind unsere Mobiltelefone voll mit Tracks. Werbung, Mode und Serien kaufen Musik an, im sozialen Web wird sie vervielfältigt, Festivals multiplizieren sich und ganze Städte entdecken Musik als Standortfaktor. Kurz: Die gesamte Wertschöpfungskette von Musik ist drunter und drüber. Das eröffnet viele Chancen für jene, die früh dran sind, für First-Mover, für einfallsreiche Köpfe. Departure, die Kreativagentur der Stadt Wien, fördert die Wiener Kreativwirtschaft. Im Juni 2011 startet der Themencall »Focus Musik« unter dem Titel »Neue Töne der Musikwirtschaft«. Für innovative Projekte in der Musikwirtschaft steht eine Gesamtfördersumme von rund 800.000 Euro zur Verfügung. In Zusammenarbeit mit Departure und dem Musikwirtschaftsexperten Peter Tschmuck wird The Gap bis dahin neue Perspektiven der Musikwirtschaft beleuchten, erfolgreiche Projekte vorstellen, Entwicklungen aufzeigen. Außerdem wird es Diskussionen mit internationalen Experten im Wiener Mica geben. Das Ziel: möglichst gute und weitsichtige Einreichungen. Musik aus Österreich boomt, die Strukturen dafür sollen es auch. Die Wiener Kreativagentur Departure könnte im Rahmen ihres Fördercalls nur die Erstellung des Konzepts finanzieren, die Arbeit danach müsste sich von Booking, Marketing, Grafik bis zu hin zu Pressearbeit selbst tragen. — www.thegap.at/neuetoene — www.departure.at

Menschen so weit das Auge reicht: Festivals in ganz Europa platzen mittlerweile aus den Nähten. Aus dem lustigen Jam am Acker wurde mittlerweile ein ganzer Wirtschaftszweig und damit auch Standortfaktor.

events machen aber das Minus insgesamt gesehen wett. Oder, nes Tschürtz, sind Festivals mittlerer Größe, mit rund 10.000 wie es Blogger und Industrieveteran Bob Lefsetz formuliert hat: Besuchern. Hier hätte etwa die Schweiz eine viel differenziertere »Yes, the music business has become event marketing.« Festivallandschaft. Und auch das stellt die britische Studie als Die 600.000 Menschen, die laut Einschätzung der Stadt­ eines der großen Ziele dar: die Förderung von Grassroots-Fes­ verwaltung in Liverpool allein wegen der Beatles jedes Jahr in tivals und eines ausgewogenen Mixes von Locations. Systema­ die englische Hafenstadt kommen, werden weltweit wohl nur tische Untersuchungen zu diesem Thema gibt es in Österreich noch in Graceland, Memphis, übertroffen. Im Vergleich dazu allerdings nicht. Vieles bleibt Gefühlssache. ist die Zahl jener, die nach Wien reisen um mit offenem Mund Ein Festival wie das Sound:frame hat in der Zwischenzeit vor den Amann-Studios (Fennesz) oder in der Grundsteingasse bewiesen, dass mit viel Einsatz eine international beachtete (G-Stone) eine Gedenkminute abzuhalten wohl überschaubar. Veranstaltung machbar ist. Gerade in den Zwischenbereichen Österreich hat in Sachen Pop noch keine große Tradition vorzu­ klassischer Kunstbereiche, in diesem Fall Visuals und elektroni­ weisen. Allerdings gibt es auch hierzulande Festivals und Clubs, scher Musik, lassen sich globale Nischen besetzen. Für Elevate die sich sowohl am Acker wie auch in der Stadt zu Institutionen und Spring (insbesondere durch die Spring Sessions) gilt in Graz mausern und Besuche von außerhalb anziehen. ähnliches. In einem an sich dichten Eventkalender scheint aber dennoch Platz für neue Initiativen. Das Waves Vienna (organi­ Salzburg, Feldkirch, sert von Monopol Medien, in dem auch The Gap erscheint) hat St. POElten, Wien, Graz sich etwa als erstes Wiener Clubfestival mit Schwerpunkt auf Das Stuck Festival in Salzburg wurde gegründet, weil das Fre­ Osteuropa im Herbst 2011 hohe Ziele gesteckt. quency nach St. Pölten abwanderte und sonst in den Sommer­ monaten abseits der Festspiele totale Kulturflaute geherrscht Dass auch mit ein paar Eigenheiten dieses Landes, nämlich hätte. Auch wegen der Grenznähe kommen zahlreiche Besu­ Bergen und Schnee, ein Festival mit hervorragendem Line-up cher aus Deutschland vorbei. Das Poolbar-Festival bringt einen machen lässt, beweist etwa das Snowbombing zum Ausklang Umsatz von 600.000 Euro nach Feldkirch und hat bis zu 120 der Schisaison in Mayrhofen. Das Festival wird von Manchester Personen saisonal auf der Gehaltsliste. Jedes Jahr reisen viele aus organisiert und hat sich bis heuer fast nur an Briten gerich­ Leute von weit her, buchen Zimmer, trinken, essen und schau­ tet, die bisher unter sich eine bunte Party in den Tiroler Alpen en sich Konzerte an. In der Schweiz und in Süddeutschland gibt gefeiert hatten. Als Idee auch nicht ganz neu, aber in dieser Kon­ es regelrechte Poolbar-Fan-Szenen, meint Organisator Herwig sequenz trotzdem einzigartig in Österreich. Es muss also nicht Bauer. Was allerdings fehlen würde, so Ink Music-Chef Han­ immer Ö3-Gletschergaudi sein. ¶ AU S GA B E 1 1 7 / 0 5 9 ◄


► wO rt w ec h s e l ► Was tun mit all der Information?

urated Content wird derzeit zum Schlagwort in den Marketing­Abteilun­ gen und immer mehr Unternehmen und Marken beginnen zu verschiedenen Zwe­ cken nun auch als Content­Lieferanten aufzutreten. Fast zwangsweise herrscht dort Aufbruchsstimmung und man blickt positiv nach vorne. Beinahe über­ all anders aber scheint der Blick in die nähere Zukunft unserer Informationsge­ sellschaft eher Sorgen zu bereiten. Ängste und Befürchtungen werden ausgedrückt ‒ nicht zuletzt in den Medien, die ihrerseits kein Geschäftsmodell zu finden scheinen, das ihr Fortbestehen sichert, damit sie die Funktion des Filterns und Aufbereitens von Information für uns weiter gewährleisten können. Wie soll man sich im ständigen Strom sich vermehrender Informationen und Daten überhaupt noch zurechtfin­ den? Wie können wir sichergehen, dass für uns wichtige und relevante Informationen ankommen? Wem sollen wir vertrauen, für uns vorzufiltern? Überlassen wir das glo­ bal agierenden Unternehmen wie Google, müssen wir selbst einen Algorithmus sch­ reiben oder reicht es gar, sich auf das sozi­ ale Umfeld (Facebook oder offline) zu ver­ lassen? Und letztlich: Wie sollen wir den ganzen Informationsmüll, der uns umgibt, entsorgen oder endlagern? Es ist ein Faktum, dass sich vorhandene Information laufend vermehrt ‒ und dazu kann man eigentlich alles zählen: berufs­ bezogene Daten, Unterhaltung und private Kommunikation. Ebenso vermehren sich aber auch die (digitalen) Kanäle, über die wir auf diese Information zugreifen bzw. diese an uns herantritt. Echter Anlass zu Sorge muss das alles aber trotzdem nicht sein. Wir werden nichts Wichtiges ver­ passen, müssen uns aber wohl spätestens jetzt von der Illusion verabschieden, Über­ blick bewahren zu können. Vollständigkeit wird in diesem Sinne aus unserem Voka­ bular und unseren Köpfen als Kategorie verschwinden. Eigentlich beruhigend. ¶ Am 22. Juni 2011 wird im rahmen von twenty.twenty, einer Veranstaltungsreihe von A1 und The Gap, im Wiener hub zum Thema »social Information Managing. Wie wird die Gesellschaft in Zukunft mit Information umgehen?« diskutiert. — www.twentytwenty.at/

Die zunehmende Daten- und Informationsflut scheint zu beunruhigen. Auch wenn die Beschäftigung mit dem Phänomen lohnt, besteht kein Grund zur sorge.

»NEUE, sELBsT ErNANNTE INFO-ELITE«

Marlis Rumler

»DEINE FrEUNDE UND sOFTWArE«

Helge Fahrnberger

Wie wir heute Twitter und Facebook nut­ zen, stellt bereits die Verteilungsmecha­ nismen von Aufmerksamkeit auf den Kopf, ist aber erst eine zarte Vorahnung dessen, was noch kommt: Die vielen Feeds, die unser soziales Umfeld absondert, werden intelligent nach Vorlieben gefiltert und durchsuchbar sein, sie werden automa­ tisch gewichtet und so zu einer echten, sekundenaktuellen Tageszeitung aufbe­ reitet werden, mit einer Auflage von eins und Inhalten, die sich selbst an den Auf­ enthaltsort anpassen. Es war noch nie so wichtig wie heute, wer deine Freunde sind. Sie sind die Redaktionskonferenz, die die Frontpage deiner persönlichen Tageszei­ tung zusammenstellt, der Schlüssel zum Umgang mit der Infoflut. helge Fahrberger, 37, lebt, arbeitet (Toursprung.com), bloggt (www.helge.at) und unterrichtet in Wien. Letzteres als Lehrbeauftragter am Publizistikinstitut (Kobuk.at/about).

Die Informationsfilter der Zukunft werden Evolutionen der heutigen sein: Das Filtern wird eine zunehmend stärkere soziale Komponente bekommen. Und wie auch eine koreanische Studie über Retweets zeigt, wird die kollektive Intelligenz der Interne­ tuser nicht nur sicht­ und nutzbarer wer­ den, sondern meines Erachtens nach auch auf andere Bereiche übergreifen und sich somit zwangsläufig unverzichtbar machen. Es wird weitaus mehr 3rd­Party­Software wie etwa Tweetdeck verfügbar sein, um verschiedene Netzwerke und Feeds ein­ facher organisieren und bedienen zu kön­ nen. Die zehn Prozent der User, die nach der bekannten Faustregel im Netz intera­ gieren statt nur zu konsumieren, werden als Filterinstanz für soziale und interessens­ spezifische News an Gewicht und Einfluss gewinnen. Ob eine Demokratisierung der Informationsfilter zu mehr Qualität führt, gilt es zu bezweifeln. Es bleibt in der Ver­ antwortung des Einzelnen, zu selektieren und nicht blind einer neuen, selbsternann­ ten Informationselite zu folgen. Marlis rumler, 34, ist Geschäftsführerin bei uboot.com, der ersten deutschsprachigen Web-Community. sie twittert oft und gerne und ist so gut wie immer online.

DOKUMENTATION MARTIN MüHL & THOMAS WEBER

C

wie filtern wir in zukunft information?


»WEM VErTrAUEN WIr?«

Franz Knipp

»DAs ›LIKE‹-DILEMMA«

Sara Gross

Information ist eine Droge. Social Media ist unser Dealer. Widerstand ist zwecklos und wir können der Sucht nur mit kontrol­ liertem Konsum begegnen. Die Menschheit erzeugt Information mit exponentieller Zuwachsrate und wir reden hier nicht von dem Wissen, das Wissenschafter in ihren jeweiligen Teildisziplinen schon längst nicht mehr vollständig erfassen können. Auch Politik, Sport, Kunst, popkulturelle Trivialitäten, etc. nehmen sich gegen den Informationsstrom Social Media wie Sand­ burgen in der Wüste aus. Die Droge wird in diesem Perpetuum Mo­ bile von den Konsumenten selbst erzeugt. Jeder publiziert, egal ob in elaborierten Artikeln und Blogposts oder in schnellen Tweets und Statusupdates. Sogar der Auf­ enthaltsort wird freiwillig mitgeteilt. Seit die Menschheit vor einigen Jahren begonnen hat den Alltag in Wort, Bild, Audio und Video zu dokumentieren, um diese Erfahrungen mit dem jeweiligen so­ zialen Netzwerk zu teilen, nimmt die Zahl der persönlichen Informationsversorger in unüberschaubarem Ausmaß zu. In Social Media ist jeder Medium. Will man diesen Datenstrom bewältigen, heißt der einzige Filter selektive Enthalt­ samkeit, die sich durch die qualifizierte Unterscheidung der Quellen von Push und Pull auszeichnet. Wer mir (zeit)kritische Information liefert, verdient es Push­Kanal zu sein, mit dem Privileg ungefragt Dinge zustellen zu dürfen gemäß den geflügelten Worten: »If the news is that important, it will find me.« Der Rest wird einfach auf Pull geschaltet, d. h. je nach Zeit, Bedarf und Laune kann in diesen Quellen gebrowst oder einfach gezielt gesucht werden. Die Angst etwas zu verpassen, ist sowieso eine Illusion. Denn im Internet ist alles gespeichert. Für immer. Früher hatten wir halt nur keine Computer, um reinzukommen.

Auf Facebook »liken« Millionen Menschen Neuigkeiten aus der Ecke »Sex, Tod und putzige Tiere«. Das ist der Grund, warum sich Spam dort besonders schnell verbrei­ tet. Gleichzeitig basiert das System der Suchmaschine Google auf der Popularität von Inhalten. Google verstärkt also das Po­ puläre, den Mainstream und stellt alterna­ tive Meinungen hinten an. Schleichen sich Empfehlungen von Facebook­Freunden und aus dem weiteren »persönlichen Netzwerk« im Internet in diese Ergebnislisten ‒ und das tun sie gerade ‒ würde das quasi be­ deuten, dass man zu bestimmten Themen nur noch das serviert bekommt, was die eigenen Freunde witzig finden und mögen. Eine deutlichere Bestätigung für die These vieler Wissenschaftler, im Internet fände man doch keine brauchbaren Informati­ onen, könnte es kaum geben. Natürlich hat das Social Web auch seine Vorteile bei der Informationssuche. Während Suchmaschi­ nen eine Weile brauchen, um Neuigkeiten in ihre Datenbank aufzunehmen, verbreiten sich Informationen über Twitter in Sekun­ denschnelle. Dass dieser Art verbreiteten Neuigkeiten nicht immer getraut wird, zeigen die diversen Verschwörungstheo­ rien, mit denen auf viele Schlagzeilen der vergangenen Monate reagiert wurde. Wenn die Quelle auf Twitter einen Spitznamen wie ein Pokemon trägt, ist das kaum ver­ wunderlich. Die Lösung für diese Dilemmata ist noch nicht gefunden, aber immerhin, es gibt ein paar interessante Ansätze. Einer davon ist es, Google dazu zu zwingen, ihre Infra­ struktur bereit zu stellen. Andere Anbieter könnten dann auf die von Google indexier­ ten Datenmassen zugreifen und eigene Methoden zur Sortierung von Informati­ onen entwickeln. Klingt absurd? Ist es aber nicht: Am Telekommarkt ist das Öffnen von Netzen für die Konkurrenz Gang und Gäbe. Gleichzeitig muss ein brauchbares Metadaten­System für Inhalte entwickelt werden. Eines, das nicht so leicht manipu­ liert werden kann. Hier könnte das soziale Netz tatsächlich sinnvoll helfen. Solche Metadaten könnten auch der Idee des Semantic Web wieder Auftrieb geben. ¶

Niko Alm, 35, ist Geschäftsführer im super-Fi Mikromischkonzern (mikromischkonzern.eu) und microbloggt unter @NikoAlm.

sara Gross, 27, ist ressortleiterin Tech bei DiePresse.com und schreibt für die Presse am Sonntag über Internet, Technik und spiele.

BILD KOBUK.AT, UBOOT.COM, SUPER-FI, DIE PRESSE, PRIVAT

»MENsChEN LEsEN MENsChEN«

Niko Alm

Glücklicherweise ist der Mensch seit Milli­ onen von Jahren darauf trainiert, die Infor­ mationen zu selektieren, die für sein Leben (und Überleben) erforderlich sind, und so kommen wir auch heute in den meisten Fäl­ len mit der Informationsflut zurecht – vor allem durch Selektion der Quellen. Das ist kein neuer Mechanismus. So las man schon vor Jahrzehnten – wenn überhaupt – im Re­ gelfall eine Tageszeitung und verlässt sich auf den Filter »Redaktion«. Inzwischen hat sich die Informationsbeschaffung ins Inter­ net verlagert, aber auch dort beschränken sich die meisten auf ein Nachrichtenportal. Mit dem Aufkommen der Social Networks ist ein neuer Filter entstanden, bei dem das Medium Internet seine Stärken ausspie­ len kann: Plötzlich liest man Artikel aus Zeitungen, die man nie gekauft hätte, die vielleicht auch gar nicht in der nächsten Trafik vertrieben werden. Diese Art der In­ formationsvermittlung sehe ich derzeit als eine der spannendsten: Neben dem Infor­ mationsgehalt des Artikels erfahre ich auch persönliche Interessen des »Freundes« (um es im Facebook­Jargon zu sagen), und kann so Anknüpfungspunkte finden, auf die ich bei der Lektüre des Wochenmagazins Profil nicht gestoßen wäre. Eine besondere Aufmerksamkeit muss man den Informationen widmen, die in einem konkreten Zusammenhang zu einem wirt­ schaftlichen Wirken stehen. Aus Sicht ei­ ner Privatperson könnte das die Recherche vor einer größeren Anschaffung stehen. Im Netz finden sich technische Informationen aller Produkte, die in den meisten Fällen für den Laien nicht aussagekräftig sind. Die Webseiten der Hersteller sind Mar­ keting­Instrumente, zusätzliche Quellen sind erforderlich, um eine Bewertung vor­ nehmen zu können. Auch hier stellt sich die Frage: »Wem vertraue ich?« Wann immer kommerzielle Interessen im Spiel sind, muss man die Seriosität der Quelle und der dortigen Information hinterfragen. Die Einfachheit, Information mittels Inter­ net zu verbreiten, kann auch missbraucht werden, und so wundert es nicht, dass es mittlerweile Agenturen gibt, die positive Produktbewertungen in verschiedenen Bewertungsportalen als Dienstleistung anbieten. Also ist es auch in diesem Fall das Beste, wenn es einen »echten« Freund gibt, der einem weiterhelfen kann – da ist die Gefahr am geringsten, dass seine Meinung gekauft ist. Leider habe ich nicht genügend davon, um alle Produktgruppen abzudecken. ¶ Franz Knipp, 36, Vater von zwei Kindern und leitender software-Entwickler in Wien. — www.m-otion.at AU S GA B E 1 1 7 / 0 6 1 ◄


► p ro sa ► Lukas Meschik

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zeuge der anklage Lukas Meschik, hochtalentierter Schriftsteller und mit der Band Filou einer der spannendsten Popnewcomer des Jahres, lässt einen gewaltigen Wortschwall übers Jungsein aus.

Unser baldiges Damals: Geschichte einer Generation. Die folgenden Passagen sind dem entstehenden Lang­gedicht »Unser baldiges Damals« entnommen, meinem bescheidenen Versuch, einem Lebensgefühl, einer Zeit, einem Jetzt Dauer zu verleihen. Ziel ist das Sprechen in der Unmöglich­ keitsform, das zu tun, wogegen die Zeit seit jeher sich sträubt: Angehalten zu werden. Es ist wider ihre Natur. Es ist ein antizeitischer Vorgang, den Moment zu konservieren. Subjektive Eindrücke, die zu allgemein­ gültigen Aussagen anschwellen wie das mittige Röhren rückgekoppelter Verstärker. Ohne eingestreute Autobio­ graphismen wird es auch hier wieder nicht gehen. Das lyrische Ich verlangt nach einem unlyrischen, lebendig wan­ delnden Ich, auf das es sich berufen, in das es sich zurückziehen kann. Unser baldiges Damals, weil wir ver­ gessen haben werden, wie es ist, morgen schon, einmal um die Ecke gegangen, hat man sich zum anderen hin verändert, der man sich schwor, niemals zu sein. Im Rückblick dann sind wir uns ver­ schwommen. Deshalb jetzt alles glauben und jetzt alles hoffen und jetzt alles dürfen und jetzt alles sagen und jetzt alles zu können meinen, morgen schon fehlt uns dazu die Kraft. Heute aber haben, heute sind wir die Kraft.

Lukas Meschik Anleitung zum Fest (luftschacht )

Es ist genug, jetzt. Es ist jetzt genug! Ihr glaubt, wir wissen nichts. Dabei wissen wir alles. Wir lesen alle Zeitungen und alle Bücher Wir sehen alle Filme und alle Theater­ stücke Wir hören alle Musik und wir tanzen dazu Denn der schönste Walzer ist der Tanz Wir besuchen alle Ausstellungen Wir bilden uns zu allem eine Meinung Wir gehen immer und täglich und öfter als oft auf die Straße, nach draußen, stürzen uns ins Getümmel, um dem nachzuspüren, was da Leben heißt, was uns endlich die Unschuld verlieren macht, an die wir uns klammern mit froststeifen Fingern, die wir mit von der Sonne angewärmtem Wasser aus Kübeln benetzen, um sie schadlos zu halten. Ja, ihr hört richtig: In einer Woche lesen wir mehr als ihr in einem Monat. Und überhaupt haben wir in unseren kurzen, dunklen Existenzen schon weitaus mehr gelesen als ihr in euern kümmerlichen Dekaden, in denen ihr damit beschäftigt wart, Pensionsjahre zu sammeln, einen Staat anfütternd, der euch als Greisinnen und Greise nicht versorgen können wird, selbst, wenn er wollte. Aufstand der Jugend!, sagt das lyrische Wir. Man schüttle jede Einmischung ab wie Zwänge. Wir dulden nicht mehr, dass ihr uns die Gassen verstopft, in euerm Wankelgang schwabbelfetter Hüften. Mit euren unsichtbaren Lasten und eurer seuf­ zenden Migräne. Wir treiben euch aus wie einen Teufel. Diese Zeit wird böse Kinder züchten. Es steht zu lesen in den abgekämpften Gesichtern der Supermarktkassierinnen. Auf den mit Taubenkot gekleisterten bankrotterklärten Pfaden.

Die Jugend wird mit Füßen getreten Man tritt uns mit Füßen! Ausgefahrene Stöckelschuhspitzen Erdolchende Stöße Die Jugend ist verkannt. Die künstliche Jugend das Maß aller Dinge. Zweiundfünfzigjährige, die sich in puber­ tären Schlabberklamotten gefallen. Schönheitsoperationen Wie das schon klingt! Als könne man Anmut, Haltung, Wirkung operativ hinzufügen. Ihr mit euerm Jugendwahn. Skalpellduelle der Doktoren, wer welcher noblen Dame der feinen Gesellschaft die Jochbeine erst in Vollnarkose brechen, dann beim Rekonstruieren verbesserte Rundung schaffen darf. Die Oberlippe aufplustern zu geilem, prallen Fleisch, das Gönner anlockt, die ihre durch Potenzmittel erzeugten Erektionen in chirurgisch verengte Vaginen blond gefärbten Schamhaars stoßen. Ein letzter, verzweifelter Akt versuchter Erregung. Man traut der Jugend nichts zu und erwartet von ihr alles. Nichts traut ihr uns zu. Vielleicht vor allem in diesem und einigen anderen Ländern. Nie fragt ihr uns um Rat oder hört, wenn wir sprechen. Immer tut ihr alles ab als Sturm und Drang, als haltlos und ohne Substanz. Ihr eingebildeten, verkalkten Talentfreien! Ihr Beulenpest der Menschheit! Ihr mit euerm Wendehals, nach steuer­ befreiter Zusatzzahlung Ausschau haltend! Ihr mit eurer Verschwiegenheitspflicht, was die Wahrheit betrifft. Aber alles erwarten: Dass wir euch aus­ baden, was wir nicht eingebrockt haben. Wir sterben unseren kleinen, wüsten Stellvertretertod


Und träumen Traum um Traum um Traum um Traum Und keiner davon gilt Traum vom Haus mit Blick und Garten Traum vom Glück und Traum vom Tier Traum vom Fliegen, innerlich Wir sind hundertmal wacher und tau­ sendmal bereiter, für etwas zu sterben, das größer ist als wir. Die Jugend lässt sich dieses Abgekanzeltwerden nicht mehr länger bieten. Mit sechzehn treten wir professionell auf, anders ist es nicht zu nennen. Mit siebzehn beten wir das Einmaleins der Marktwirtschaft blind nach. Mit achtzehn kleiden wir uns geschmackvoll und den Moden entspre­ chend. Nahtloser Übergang vom herzigen Kleinkind zum kleinen Erwachsenen, kaum etwas dazwischen. Seht ihr denn nicht, wie wir uns verren­ ken, bloß um euch zu gefallen! Wie wir in viel zu großen Kleidern unsicher den Boden prüfend tapsen, als wäre Wien vereister See und unsere Füße glatte Stummel. Wie wir strampeln und fuchteln, und trotzdem aufprallen. Zerfressen von der Idee, eine Persönlich­ keit zu werden, sich zur maßgebenden Person zu entwickeln. Jeder von uns kön­ ne als tatkräftige Aussage zur Gegenwart fungieren. Die Wunschvorstellung verlangt, beruf­ lich erfolgreich, gut betucht zu sein, sich dabei jedoch stets treu zu bleiben, seine Ideale nicht zu verraten. Dazu noch ausgestattet mit einem empathischen Instrumentarium, das es einem ermög­ licht, unser Weltgeschehen zu studieren und positiv zu beeinflussen. Hochtourige, feinfühlige Menschen, die sich nach bestandener Reifeprüfung vor den größten Fragezeichen ihres bishe­ rigen Lebens wieder finden. Was tun? Die Welt steht uns offen. Wer sein? Wir sind jung, wir sind gebildet. Wir können machen, was wir wollen. Uns von der sich immer schneller voran­ drehenden Kapitalismuswalze nicht überrollen lassen! Nicht an den Meistbietenden unsere Seele verkaufen! Oder doch Wirtschaft studieren? Mitmischen im Geldkrieg Selbstverwirklichung neuerdings mit Naserümpfen bedacht, mittlerweile längst nicht mehr der Weisheit letzter Schluss, auch nicht der anerkannte Modus des aufrechten Lebens. Wir können alles sein und alles tun, und vor der Summe unserer Möglichkeiten, die uns, geschulterter Vieltonner, erdrückt, resig­nieren wir, starren betreten unsere Schuhspitzen an.

Ad Personam

Filou Show (problembärrecords)

Der 22-jährige Wiener Lukas Meschik ist das, was man landläufig als Doppelbegabung bezeichnet. Zum einen schreibt er Bücher – und zwar wortgewaltige, die nicht im Gepose untergehen, sondern vor allem Sinn ergeben. Ein Blick in seinen aktuellen Erzählband »Anleitung zum Fest« (Luftschacht) macht dies deutlich. Scharf formuliert wird darin das Bild einer Jugend gezeichnet, die sich finden und erfinden muss. Kennt man zwar, aber hat Derartiges schon lange nicht mehr in so einer Intensität und ohne banal zu werden gelesen. Meschik ist nah dran, an seinen Figuren, an seiner Stadt Wien und hat einen unverstellten Blick für Widersprüche und leicht Abwegiges. Das kommt ihm auch als Musiker zu gute. Als Kopf der Band Filou legte er gerade das Debüt »Show« (Problembärrecords) vor, das jetzt wenig überraschend ein sehr textlastiges Stück Indiepop geworden ist und von schönen Bildern nur so strotzt – man muss sich nur drauf einlassen. ▪

TEXT manfred gram

Wir haben euch euer beschissenes Europa nicht umzäunt und zur Zone erklärt, vom Rest der Welt ausgeklammert. Wir haben nicht Dichter und Denker zu Statuen degradiert, deren Werke man höchstens mit Unfrieden liest unter Zwang, die zu finden sind in arg ver­ staubten Bibliotheken. Wir haben euch euern Kapitalismus nicht übertrieben bis zur totalen Abartigkeit, das Geld zum Fetisch gemacht, dem es ohnmächtig hinterherzusabbern gilt. Alles habt ihr, nur ihr eingebrockt, wir baden es nicht aus! Wir zu allem Lieben und Geliebtwerden Unfähigen Wir mit Gewissensbissspuren übersähte Oberflächen Haut Wir bei einem ungeglaubten Gott in Ungnade Gefallenen Weil wir fürs Glauben uns zu fein sind Ihr predigtet Götter der Gottlosigkeit Wir blutenden Organe einer inzestuös sich dahinpervertierenden Zivilisation Zu träge und schlaff, aufzustehen Für oder gegen etwas Gegen oder für jemanden Wir besuchen einander in aggressiver Überfreundlichkeit Gefühlsfest, trittsicher am Parkett des schönen Scheins Beim Filmanschauen, beim Abendtrunk Lebenslagen so durchtrieben überspie­ lend Robotisch entmenschlichte Menschen­ meerschweinchen Studierend an der Wirtschftsuniversität Alle alle Milchigweiße Fäden ziehende Fettschlie­ ren im Kaffee

Den wir uns einschütten wie Treibstoff Wie dringende Tabletten, wie gebrauchte Medizin In den Seminaren Industriedebakel errechnend Nächsten Kollaps herzustellen Geplatzte Blasen der Finanz Ausnahmslos alle studieren etwas mit Wirtschaft, dem eine pseudoenglische Bezeichnung gegeben worden ist. Gleichzeitig studieren alle Jus, Juristerei, Rechtswissenschaften. Ausnahmslos alle studieren also Jus, während gleichzeitig ausnahmslos alle Wirtschaft studieren, ausschließlich, wohlgemerkt. Alle, die ausschließlich Wirtschaft studieren, studieren gleichzeitig ausschließlich Jus. Es gibt kein Entkommen. Die Elterngeneration, maßregelt das lyrische Wir, kann uns weder die Stirn bieten noch lieben. Ach, stöhnt es, könntet ihr uns doch wenigstens offen verachten, dann hätten wir ein Feindbild, Zerrspiegel, den es zu zertrümmern gälte. Aber so. Wir driften Wir sind Drifter Traum um Traum um Traum um Traum Es ist jetzt genug! Mit der Faust auf den Tisch Du, Wahrheit, nimmst mich nicht länger aufs Korn Ich streiche dich durch als Termin im Kalender Ich fahre mit dir nicht fort, du Gedanke Auf den man später zurückkommt In Lichtgewittern stehend Unbehaust Allumfassend allein ¶ AU S GA B E 1 1 7 / 0 6 3 ◄


► wO r kstat i O N ► Menschen am Arbeitsplatz

doku RICHARD SCHWARZ biLd KATHARINA ROSSBOTH

hELENA WiMMER, 29, GRAFiK-dESiGNERiN

»Ein wenig haben wir uns mit Green Design das Leben selbst schwer gemacht«, so Helena Wimmer von Studio Deluxe und fügt nicht ohne Selbstironie an: »Die Suche nach Materialien und Produktionsprozessen fern von Ausbeutung wird oft zur Selbstausbeutung.« Der gestalterische Anspruch, mit nachhaltigen Ressourcen zu arbeiten und dabei auch das Soziale mitzudenken, bedeutet Umwege im Vergleich zu den eingefahrenen Produktionswegen. Hinzu kommt, dass imageorientierte Entscheidungsträger oft noch ein Bio-Mascherl für die Oberfläche geschnürt bekommen wollen und nicht an die unausweichliche Wende denken, was oft harte Überzeugungsarbeit bedeutet. »Wir im Siebten sind mit unseremem Bobofreundeskreis vielleicht ein wenig verblendet.« Doch auch außerhalb des Grätzels nimmt das Interesse für diesen Designansatz zu und kaum jemand verwechselt den Zusatz »green« noch mit »screen«, wie es zu Beginn der Agentur vor rund eineinhalb Jahren vorkam. Seither tat und tut sich viel auf dem Sektor. Kunststoff aus Abfällen der Maisproduktion kann mittlerweile wie das Destillat der Erdölverarbeitung verwendet werden und wird auf Grund der Nachfrage Teil der Produktionskette. Auch der aktuelle Trend im Design, dass Verpackung auf ein Minimum reduziert wird und sich damit der Mut zur Nichtgestaltung durchsetzt, lässt sich gut mit den Prinzipien der »Sustainable Style Agency« verbinden. Und selbiges gilt auch für ihre Zielsetzung, dauerhafte Dinge zu schaffen: Denn was man gerne in die Hand nimmt, wirft man nicht so schnell auf die Müllberge. Den großzügigen Arbeitsplatz verdankt Helena Wimmer der New Media Agentur Netural Communication, die ihren Wiener Standort mit Studio Deluxe teilen. Im Hintergrund: ein Bild der Wiener Künstlerin Deborah Sengl. — www.studiodeluxe.at AU S GA B E 1 1 7 / 0 6 5 ◄


daniel steindl, 42, tischlermeister und architektur-schaffender

Ende Mai wurde das Boot erstmals zu Wasser gelassen. Daniel Steindl und seine drei Bootsbau-Kollegen trotzten mit ihrer selbstgebauten Hardanger Faering den Wellchen der Alten Donau; größere Bewährungsproben wie eine Reise donauabwärts sollen noch folgen, doch vorerst gilt: »Zuerst werden wir einfach damit rudern und Spaß daran haben.« Rund ein Jahr werkten und tüftelten die vier in der Bootsbauwerkstatt von Wolfgang Friedl und konnten in der Rolle der Amateure Neugier und Handarbeit freien Lauf lassen. Als Inspiration für das Projekt nennt Daniel Steindl die Begegnung mit dem Architekten Richard Leplastrier und dessen Arbeit eines Ruderbootes. Nicht mit den Plänen aufzuhören, sondern vielmehr mit ihnen zu beginnen und etwas in die (Wasser)Welt zu setzen, war und ist eine reizvolle Idee. Zusätzlich bot der Bootsbau die Eigenheit, dass der rechte Winkel keine Rolle spielt. Das Lineal anlegen war nutzlos und so musste man sich auf das Auge verlassen. Planke für Planke wurde so mittels Schablonen und Hobel passend gemacht und aus den Lärchenholzbrettern entstand der erwähnte norwegische Bootstyp, der diversen Tätigkeiten in der Fjordschifffahrt diente. Doch neben dem Produkt bleibt vor allem die beglückende Erfahrung, zu viert etwas entstehen zu lassen und den Arbeitsschritten die Zeit zu geben, die sie brauchen; was nicht immer leicht ist, doch die ausdauernde Tätigkeit ist ein gesunder Gegensatz zur Schnelllebigkeit. »Es gibt mir die Zeit in die Tiefe zu gehen und das bringt für mich eine große Zufriedenheit.« — die4bootsbauer.blogspot.com


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Kohlmayr, Lutter, Knapp, gemeinsam das Büro für systemisches Design, bieten urbanes Wohnen am Puls der Stadt – in ehemaligen Geschäftslokalen. »Gemeinsam haben wir nach nachhaltigen Lösungen für den Stadtraum gesucht, besonders für die Sockelzone, die durch ihren immensen Leerstand und ihre unmittelbarer Nähe zum städtischen Leben einen enormen Spielraum für neue Ideen bietet«, so das Credo der drei Gründer mit Architektur-Background: Theresia Kohlmayr, Jonathan Lutter und Christian Knapp. Die Idee hinter »Urban­auts« ist es, leer stehende Gassenlokale in wohntaugliche Lofts umzuwandeln, um sie so an Reisende und andere Zielgruppen zu vermieten. In Kooperation mit den lokalen Geschäften, auch als Local Heroes bezeichnet, soll den Kunden die notwendige Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden. Mit dem Kulturphilosophen Dr. Wolfgang Pauser haben die drei bereits einen namhaften Fürsprecher gefunden. »Angesprochen fühlen dürften sich als erstes jene, die neue Erlebnisse suchen und möglichst nahe am Puls der Stadt sein wollen. Neben Design- und Lifestyle-Hungrigen, Individualisten und Geeks werden aber auch bald all jene zu Kunden werden, die anonym und unbeobachtet sein wollen, wenn sie, mit wem auch immer, sich ungestört in ein schickes Zimmer zurückziehen wollen. Wer ohne Repräsentation auskommt und die Berührung zur Straße sucht, wird dieses frische Angebot bald schätzen lernen.« Einen voll ausgestatteten Prototypen können Interessierte bereits ab Juli 2011 in der Theresianumgasse begutachten. Das erste, zehn Zimmer umfassende Segment, also mehrere Wohnmöglichkeiten in einem Grätzel, wird im Winter 2012 im Elisabethviertel eröffnet. www.urbanauts.at

»Wir haben eine neue Art von Unterkunftsmöglichkeit entwickelt, die den Wunsch der Städtereisenden erfüllt, als ›Einwohner auf Zeit‹ in und mit der Stadt zu leben und sie authentisch zu erleben – wobei die Privatsphäre immer gewahrt bleibt.« (Jonathan Lutter)

Fotos: Sue Sellinger / HP: suesellinger.com Grafik: Judith Mullan

_ Urbanes Wohnen auf Zeit


Das Büro für systemisches Design: Theresia Kohlmayr (links), Christian Knapp und Jonathan Lutter (rechts). theresia kohlmayr über impulse Ein Start-up-Unternehmen hat eine Fülle von Hürden zu nehmen, welche nicht ausschließlich durch die Umsetzung der Idee entstehen. Die Förderung ermög­lichte es uns in der Entwicklungsphase, externe Hilfe zu beanspruchen und dadurch das Unternehmen auf ein tragfähiges Fundament zu stellen, welches die Grundvoraussetzung für ein späteres gesundes Wachstum ist.

Warum befinden sich die Zimmer alle am Gassensockel und nicht zum Beispiel im Mezzanin? Die Dachgeschoßebene in den Städten blüht auf, die Sockelgeschoßebene verkommt. Aber auch in der »untersten« Lage, im vermeintlich dunkelsten, schmutzigsten Stadtraum, soll Leben entstehen. Und zwar soll es nicht nur irgendeine Behausung für Reisende sein, weil auch der Raum nicht nur irgendeiner ist, sondern es soll ein besonderes Lebensgefühl sein. Der Raum Sockelzone ist näher am (städtischen) Leben dran als jeglicher andere Wohnraum. Dieser Wert blieb lange unerkannt und wird nun für ein neues, innovatives Übernachtungskonzept für Reisende einer neuen Generation genützt. In welchem Preissegment befinden sich diese »Zimmer auf Zeit«? Der Preis variiert von Zimmer zu Zimmer. Unsere Lokale besitzen jeweils unterschiedliche Größen und Ausstattungsmerkmale. Größere Zimmer mit Kochgelegenheit und kleinem Garten im Innenhof, für den längeren Aufenthalt, werden etwas teurer ausfallen als das kleine Künstlerstudio für den Kurztrip. Unser Prototyp beläuft sich auf 120 Euro pro Nacht (inklusive Internet, Musik, Filme, zwei Fahrräder, Kaffee, freier Minibar und Endreinigung). Zu einem Hotel gehören mehr als die Zimmer. Gibt es Zusatzangebote wie Zimmerservice, Spa-Bereich oder spezielle Gastronomie? Betrachten Sie den öffentlichen Raum der Stadt Wien als Ihre Hotellobby. Unsere Gäste erleben die Stadt authentisch, real und lokal. Sie leben in ihr und mit ihr. Zusätzliche Leistungen werden durch unsere »Local Heroes« abgedeckt. Dadurch können sämtliche Hotel-Services individuell angeboten und genutzt werden, der Gast fühlt sich als wirklicher »Bewohner auf Zeit«.

Wen seht ihr als Zielgruppe? Urbanauts engagiert sich für eine neue Art des Reisens. Dazu haben wir eine neue Art von Unterkunftsmöglichkeit entwickelt, die den Wunsch der Städtereisenden erfüllt, in und mit der Stadt zu leben und sie authentisch zu erleben – wobei die Privatsphäre immer gewahrt bleibt. Gibt es Tendenzen, derartige Aparthotels auch in anderen Städten und außerhalb Österreichs entstehen zu lassen? Neue Modelle zur Nutzung von brach liegenden Gassenlokalen, um die Stadt weiterzuentwickeln und wiederzubeleben, sind nicht nur in Wien gefragt, sondern auch in anderen europäischen Städten wie Bratislava, Prag oder Berlin.

Das Förderprogramm impulse unterstützt Urbanauts (vormals No’Tel) im Rahmen von impulse XS. www.impulse-awsg.at

kreativwirtschaft in österreich by


► GrÜ N d e r s e r i e vO l . 2 ► Garmz #13: Was man alles nicht tun sollte, beim einfach mal Tun. TEXT BILD

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ANDREAS KLINGER GARMZ.COM

lessons learned Aus Fehlern lernt man? Würde das stimmen, hätten mein Partner Tamas und ich ehrenhalber akademische Titel und könnte die Gmbh als verdammte Universität anmelden. Andreas Klinger, Co-Founder von Garmz, über ein Jahr start-up-Lektionen. isclaimer: Dieser Text richtet sich an Jungunter­ nehmer, die ein Start­up im Webbereich mit ex­ ponentiellem Wachstum bauen möchten. Viele der Tipps machen für klassische Unterneh­ mensformen keinen Sinn und sind einfach nur zu radikal. Zur Erklärung: Ein »Start­up« ist eine temporäre Unterneh­ mensstruktur, die zum Ziel hat, ein neues, am Markt noch nicht existentes oder nicht gesättigtes Geschäftsmodell zu finden bzw. zu erforschen. Dieser Text richtet sich an Men­ schen, die klug genug sind, neue Ideen zu haben, aber gleich­ zeitig blöd genug sind, sie auch wirklich zu versuchen und dafür auf ihren geregelten Job zu verzichten. Damit ich alle vorab gewarnt habe: Lotto spielen macht vermutlich mehr Sinn ‒ aber nicht soviel Spaß.

LESSON 1: GET OUT OF YOUR HOUSE & HUSTLE

»You can have everything you want in life, if you help enough other people get what they want.« (Zig Ziglar) Die härteste Frage ist oft nicht, was die Lösung eines Pro­ blems ist, sondern was der Kern des Problems und somit dessen Lösung ist. Und hierfür ist Kundenvalidierung das einzige, das zählt. Stimmt die Kundenvalidierung, muss al­ les daran gesetzt werden, voranzukommen. »Everyday Hust­ lin« als Soundtrack reinlegen und sofort »LeanStartup« und »Business Canvas« googlen.

LESSON 2: GESELLSCHAFT MIT BESCHRÄNKTER HOFFNUNG

Setzt keine GmbH, sondern eine UK Ltd oder USA Inc. auf. Niemand international interessiert sich für österrei­ chisches Schnitzelrecht. Durch die falsche Unternehmens­ form platzen grundlos die schönsten Deals bzw. Investments oder noch schlimmer, leben nicht zu ihrem Potenzial, da man erst umstrukturieren muss. Schritt Zwei bedeutet »Vesting« aufzusetzen. Das Prinzip ist simpel. Vesting ist Unterneh­ menseigentum auf Raten für alle ‒ auch für Gründer. Sollte jemand verfrüht aussteigen ‒ und ja, das wird passieren ‒ geht er nicht mit dem halben Unternehmen vom Tisch, sondern bekommt nur so viele Anteile, wie er auch wirklich zeitlich erarbeitet hat. Solche flexible Strukturen lässt das österreichische Gesellschaftsrecht nur mit etwas Zauberei zu, was sich der Anwalt auch entsprechend zahlen lässt. Damit das Ganze dann auch formal passt, muss selbstver­

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ständlich jede Kleinigkeit notariell beglaubigt werden. Keine Ausreden. Heute noch britische Anwälte anrufen.

LESSON 3: CONSULT MY SWEAT EQUITY AR**

Es gibt sehr oft Leute, die einem gegen »ein paar Unterneh­ mensanteile« helfen würden. Oder, noch besser, gar nur mit »den richtigen Investoren« vernetzen. Niemals Anteile an Personen geben, schon gar nicht vorab. Niemals. Nein, nie­ mals. Stets gewinnbasiert verhandeln, und dann im Rahmen von weiteren Tätigkeiten über »Vesting« agieren. Partner, die das Unternehmen hierfür nicht genügend wertschätzen, hätten es auch so nicht wertgeschätzt. Wenn ihr Hilfe, Netz­ werk oder Rat braucht, richtet euch an andere Unternehmer. Everybody is happy to help.

LESSON 4: ACCELERATE WITH ACCELERATORS

Wenn ihr euer Business versteht, wenn 100 Kunden euer Produkt validiert haben und ihr erste herzeigbare Ergebnisse, Prototypen und Userdaten habt: Then it’s time to accelerate. Übergeht VCs oder Angelnetworks, ihr seid noch nicht so­ weit. Und vor allem: bitte übergeht ‒ please read this twice ‒ jegliche staatliche Förderungen, sie sind für andere Un­ ternehmensformen ausgelegt. Verschwendet eure Zeit nicht mit deutschen, spanischen oder sonstigen Accelerators oder Inkubatoren. Ihr wollt in diese Accelerators wegen dem Lear­ ning, Netzwerk und dem Dealdruck vor VCs ‒ das kriegt ihr nur bei den größten. Bewerbt euch bei Seedcamp, YCombina­ tor, Techstars oder 500 Start­ups ‒ enlist now.

LESSON 5: DON’T FU**ING FUNDRAISE (UNTIL YOU ARE REALLY THERE)

Investmentsuche zu früh gestartet ist nichts als ver­ brannte Zeit. Meetings bei großen VCs kriegt man schneller als man glaubt, wenn das Netzwerk mal stimmt. Denn In­ vestoren wollen so früh wie möglich investieren, aber keine Sekunde früher ‒ und so früh wie möglich, ist immer später als man glaubt. Baut Kontakte auf und haltet diese warm, z.B. mit Botschaften wie »But sorry, we currently don’t raise ‒ we have to build awesomeness.« Versteht euer Geschäft, denkt groß und international, kennt eure Kunden, versteht deren Probleme, sucht mit Fingerspitzengefühl die richtigen Business Angels, kommt bei Seedcamp rein und gebt Gas. The sky is only the limit if you are too scared to build rocketships.


MUSIK — Neue Töne der Musikwirtschaft —

800.000 Euro für innovative Projekte aus Wien ——

Einreichen bis 3. Oktober 2011 unter departure.at departure fördert und vernetzt Wiener Unternehmen der Kreativwirtschaft in den Bereichen Architektur, Audiovision, Design, Kunstmarkt, Medien/Verlagswesen, Mode, Multimedia und Musik.

Rosebud, Inc.

focus


IN WORTEN: dreiuNdsiebZiG

Selbstverwirklichung mit Mehrwert

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Casper erforscht mit seinem zweiten Album »XoXo« den mehrwert von HipHop. Seine eindrucksvolle Selbstverwirklichung zwischen den Genres ist eine große Geste deutscher Popmusik. Casper XoXo (FOUR MUSIC)

Konzeptalben sind keine Seltenheit mehr im deutschsprachigen HipHop. Selbst wenn die mediale Außenwahrnehmung häufig von dumpfen Provokateuren dominiert wird, war die Szene noch nie so reichhaltig wie heute. Deutsch­Rap blüht in bunten Farben, Stilen und Alter Egos. Die Messlatten hängen hoch. Mit seinem zweiten Album bricht Casper diese Messlatten einfach übers Knie. Wer die Szene beobachtet hat, weiß, dass der aus Bielefeld kommende Benjamin Griffey zu den ge­ fragtesten Talenten gehört. Seine ersten Veröffentlichungen und Mixtapes werden mittlerweile zwi­ schen Amazon und Ebay für weit über 100 Euro gehandelt. Emo­Teenager können sich auf die Reibei­ senstimme des hübschen Röhrenjeansträgers ebenso einigen wie breitschultrige Gangsterrapper. Bis vor Kurzem war Casper bei Selfmade Records unter Vertrag, dessen Aushängeschilder von Zuhälterei schwärmen (Kollegah) oder über Gewaltfantasien witzeln (Favorite). Doch der auch in Hardcore­ Bands sozialisierte Cas‘ hat sich mit seinen ausdrucksstarken Reimen und spannungsgeladenen Performances einen ganz eigenen Ruf aufgebaut. Einen, der dank energetischer Punkrock­Delivery und einfühlsamen, introspektiven Texten schon immer nach mehr als nur Rap klang. Stücke wie »Rasierklingenliebe« oder »Hin zur Sonne« sind Youtube­Klassiker. Das nun dort erscheinende zweite Album »XOXO« ist eine Genre­übergreifender, beeindrucken­ der Wurf geworden. Hier werden existenzialistische Inhalte eines melancholischen und wütenden Endzwanzigers in ein außergewöhnliches Sound­Ambiente getaucht. Hier verdichtet sich HipHop mit Post­Rock, Post­Punk, Synth­Pop und Indietronica zu einer opulenten Sample­Komposition, die nicht selten für Gänsehaut sorgt. In der Blogosphäre ist bereits von Post­Hop die Rede. Sphärische Elektronik, hallende Chöre, wuchtige Drums, fiebrige Gitarren, drückende Bässe, zarte Melodien, vertrackte Rhythmen, Piano, Streicher, Bombast. Dazu der stets pathetische und leidenschaftliche, aber nie peinliche Casper, der seine Biografie reflektiert und eine Generation repräsentiert, die ihre Zukunft einfordert. »XOXO« ist die ambitionierte, selbstbewusste und mitreißende Initialzündung eines Künstlercharakters, der sich verwirklicht hat. An dessen visionärer Originalität wird sich künftig nicht bloß deutscher HipHop messen lassen müssen. ¶ 9/10 KLAUS BUCHHOLZ

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Abt. Musik

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EMA Past Life Martyred Saints

Ra Ra Riot The Orchard

( S outerrain T ransmissions / R ough T rade)

( Brine & Barnacles / Rough Trade)

Im Vergnügungspark der Unheimlichkeiten

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Nachdem Bat for Lashes, Soap & Skin, Zola Jesus und Fever Ray mit ihrer Interpretation von musikalischer Dramatik und mysteriös aufgeladener Ideenwelt den Soundpool eröffnet haben, springt nun EMA auf den Zug in Richtung musikalischer Geisterbahn auf.

Kammermusik braucht Zeit _ »The Orchard« ist angenehm orchestrierte Hintergrundmusik mit Grower-Potenzial. Nicht mehr und nicht weniger.

Erika M. Anderson, die ehemalige Sängerin und Gitarristin von den Gowns, deren Sounds von beruhigtem Noise und Feedbackwänden durchtränkt waren, emanzipiert sich nun mit ihrem Solodebüt »Past Life Martyred Saints« vom Bandkonzept, hält den atmosphärischen, weitläu­ figen Sound im Ansatz bei, stickt allerdings ganz groß Düsterkeit und den Smells-like-Teen-Spirit in das schwere Songkissen. EMA fusioniert den schon institutionalisierten Rockkanon mit aktualisiertem Dark­ pop-Gefühl und schwingt dabei noch allerhand romantische und teen­ agereske Reden: »I don’t mind dying« singt sie etwa mit zerbrechlicher Stimme über die mit Distortion versetzte Gitarre bei »California«. Begibt man sich auf Referenzsuche, wird man bei EMA großflächig fündig: Die Geister von Nirvana und den Pixies sind bei »Antroom« zu spüren, die Herangehensweise von Patti Smith oder auch einer frühen Tori Amos schimmern durch einige der Songs hindurch und verleihen ihrer Musik eine gewisse Unkontrollierbarkeit. Man weiß nie was kommt, denn EMA macht einen großen Bogen um Genre-Eingrenzungen, unterläuft teil­ weise die gewohnten Bautechniken von Musikstücken. Die Sounds sind dabei sehr unterschiedlich gelagert, gerne zeichnen Brüche die Songs aus, sei es eingefügte Stille, rhythmischer Wechsel oder auch ein völli­ ger Umsturz von musikalischem Gestus und Attitüde mitten im Song. So auch bei der grandiosen wie herausragenden ersten Nummer des Al­ bums »The Grey Ship«, bei der sie all ihre Songwriter-Fähigkeiten bloß legt, Stile mixt und ein für sich stehendes, zunächst banal anmutendes und doch im Hintergrund ausgeklügeltes Kunstwerk erschafft. Langsam lässt sie die Gitarren heranschweben, baut eine Songstruktur auf, die im Mittelteil zersprengt wird, um in einem leidenschaftlichen, mit warmen Drumkicks akzentuierten Kuriosum zu münden. Auch wenn »Past Life Martyred Saints« mit beflügeltem Ideenschatz beginnt, kann EMA das Niveau beim Rest der Songs leider nicht ganz durchhalten, diese werden aber niemals ganz von den guten Geistern verlassen. ¶

Für das neue Album arbeiteten Ra Ra Riot mit großen Soundtüftlern zu­ sammen: Chris Walla (Death Cab for Cutie) half ihnen beim Abmischen ihrer melodisch-komplexen Songs, die ganz im Zeichen von 1980er Art Rock stehen. Auch Vampire Weekend-Keyboarder Rostam Batmanglij, mit dem der Leadsänger gemeinsam das Seitenprojekt Discovery betreibt, war im Studio mit von der Partie. Der Eindruck, dass der adrette College Rock auf der neuen Platte streckenweise arg nach einer Light-Version von Vampire Weekend klingt, dürfte also nicht von ungefähr kommen. Den Auftakt machen bedrohliche Streichersequenzen und dramatische Vocals, insgesamt manövriert sich der Opener trotz aller Verspieltheit aber nicht unbedingt ins Langzeitgedächtnis. Und das ist ein Problem, das sich durch das ganze Album zieht: Jeder Song enthält bezaubernd schwebende Soundnuancen, als Ganzes funktioniert »The Orchard« trotzdem nur bedingt. Tracks wie »Shadowcasting«, »Do You Remem­ ber« und »Kansai« klingen leicht austauschbar und unspektakulär. Die Mischung aus Indie, Pop und Kammermusik, die beim 2008er Debüt »The Rhumb Line« noch innovativ war, ist mittlerweile auch nicht mehr besonders ungewöhnlich: Schon zu viele Indie-Bands haben Arrange­ ments aus Cello, Violine und Elektro-Parts für sich entdeckt. Der einzige Titel, der wirklich in eine überraschende Richtung geht, ist wohl das Keyboard-getriebene »You And I Know«, das von Alexandra Lawns bluesigem, zurückhaltenden Gesang lebt. Auch gut: »Too Drama­ tic«, das die Instrumentierung auf Cello, Violine reduziert und auf Stim­ me und Refrains setzt. Ein richtiger Höranreiz fehlt dem Album aber ten­ denziell, die meisten Songs brauchen Zeit, um sich in den Gehörgängen festzusetzen. Aber Ra Ra Riot sind schon mit wesentlich Schlimmerem fertig geworden als einer eher mittelmäßigen Platte: Mitte 2007 verun­ glückte der ehemalige Drummer John Ryan Pike tödlich, die Band stand kurz vor dem Aus. Weiter geht es aber immer irgendwie. ¶

7/10 Ursula Winterauer

6/10 Sandra Bernhofer

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Out now!

Abt. Musik

Moussa Kone Manual

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a. 117/ reZeNsiONeN

»Wilder Stricher« the gap

Das erste Buch von Moussa Kone: 188 Seiten (24,3 × 32,4 cm) zahlreiche Abbildungen in Farbe zwölf Texte und ein Interview Englisch und Deutsch

Patrick Wolf Lupercalia (MERCURy)

Ausnahmepop

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Kerber Verlag Bielefeld / Leipzig / Berlin ISBN 978-3-86678-547-2 www.kerberverlag.com

Auf »Lupercalia« zelebriert Patrick Wolf das Frühlingserwachen und die ganz große Liebe. Popmusik in reinkultur. Lupercalia bezeichnete das alljährlich stattfindende Fest zu Ehren der Wölfin, die die Waisenkinder und späteren Begründer der Stadt Rom, Romulus und Remus, aufzog. So ist der Titel der neuen Platte nicht nur eine gekonnte Hommage an den exzentrischen Künstler selbst, sondern ein direkter Verweis auf die zentrale Metapher des Albums: »The City« steht als universelles Symbol für den Ursprung, das Sterben und das Wiedererwachen der Liebe. Das Überwinden von Entfernungen wie in »The Days«, wenn der charismatische Sänger sich fragt: »Have we gone too far/ Or did we get too close?«, das Ausharren von »Cold Days And Long Nights« sowie das stille, einsame Ertragen der Ferne und Heimat­ losigkeit sollen die Widrigkeiten einer unerschütterlichen Liebe wieder­ spiegeln, die schließlich in »Together« zu der Erkenntnis führen, dass am Ende immer die Liebe siegt: »I can make it alone/ We can make it so much better/ together«. Diese Botschaft wird bereits im Opener »The City« deutlich, der alles beinhaltet, was einen guten, klassischen Popsong, oder mehr noch, ei­ nen ultimativen Sommerhit ausmacht: eine mitreißende, leichtfüßige Melodie, die unwillkürlich ein Lächeln auf die Lippen zaubert, und selbst den größten Pessimisten sich auf die urbanen Sommertage freuen lässt. Patrick Wolf versteht es wie kein anderer, Lebensfreude zu vermitteln. So bedient er sich romantischer Klischees (»You hold the keys to my heart«) mit tiefer Überzeugung und verliert sich völlig unbescholten in kitschi­ gen Bekenntnissen (»I was lost at the night we kissed«) ohne dabei banal oder gar peinlich zu wirken. Die Introspektion der frühen Tage ist nun endgültig passé, die Welt wird mit offenen Armen empfangen. Dies impliziert jedoch nicht, dass nicht auch reflektierte Stücke ihren Platz auf »Lupercalia« gefunden haben. Doch auch in den verletzlichen Momenten wie in dem berührenden »Armistice« oder dem hervorragen­ den »Slow Motion« strotzt der erst 27­jährige Ausnahmekünstler vor Kraft und Energie, die in seiner samtig weichen, variationsreichen Stim­ me zum Ausdruck kommen. Die aufwendigen, eleganten Streicherarran­ gements stellen dabei, aus der Klassik herausgelöst, einen integrativen Bestandteil seiner Vision von innovativer Popmusik dar. Gerade dadurch, dass Patrick Wolf keine Berührungsängste zeigt, kann er zu jener Größe heranwachsen und hat sich somit eine Ausnahmeposition innerhalb ei­ ner immer wieder abgedroschenen Poplandschaft gesichert. ¶ 8/10 RAPHAELA VALENTINI

kt dir? e? um stin für die Bühn ra e b ro it re e Der P b ! t e hanc Band is wo! Deine dBy ist EURE C irgend r nicht aben e a rt w o z p d p Su ne. Un hafft h n gesc die Büh ch auf s, die es scho rreichs u e n e ll rtedBy Wir ste ort von Band ocations Öste Suppo pp nL k.com/ o » als Su ngesagteste o b e a ww.fac » in den t und w edby.a rt o p p f su ht’s au Los ge AU S GA B E 1 1 7 / 0 7 5 ◄


Abt. Musik

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a. 117/ Reze nsi one n

Various Artists Future Balearica Vol 2 : A New Wave Of Chill

Bon Iver Bon Iver

( N eedwant )

( Jagjaguwar)

Die perfekte Welle

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Eine Compilation aus Disco, House, Indie und Chill Wave. Was zunächst nach Brechreiz klingt, entwickelt sich – nachdem alle Befangenheiten über Bord geworfen wurden – zu einer höchst entspannten und geschmackssicheren Afterhour.

Stein und Wein

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Der moosige Soul-Folk von Bon Iver verlässt die Hütte einer winterlichen Dämonenaustreibung und macht sich vorsichtig für zarte Sonnenstrahlen bereit.

Cover und Titel rufen tendenziell ein Gefühl des Unwohlbefindens aus. Denn mit den balearischen Inseln werden per se Bilder von Mallorca, Sangriakübeln, Pauschaltourismus und verbrannter, rosafarbener Haut im Gedächtnis abgerufen. Wenn sich Wörter wie Future, New Wave, Vo­ lume soundso und Chill noch dazu gesellen, stellt sich auch der Rest Kör­ perbehaarung auf. Und dann die große Überraschung: Diese Compilation funktioniert – nicht nur im Kopf. »Future Balearica Vol 2 : A New Wave Of Chill« wurde von dem Duo Fete zusammengestellt und arrangiert. Hinter dem Synonym verstecken sich Sean Brosnan und Julian Peck, die zusammen nach der perfekten Sound­ welle gegraben haben. Eröffnet wird der Mix mit »Soak It Up«: sanfter Pop mit verträumten Synths und samtig weichen Vocals, der wohlig melancholisch in Fetes Song »For Her« hinüber gleitet. Max Essa drif­ tet behutsam auf Slow-Motion-Niveau weiter. Ein paar Minuten später klingt die Überleitung zu Healths »Before Tigers« im CFCF Remix wie das Selbstverständlichste der Welt. Balearische Disco und kosmischer House übernehmen auf angezogenem Tempo fortan das Sagen, stehen dabei aber im leichten Retrolampenlicht der Lavalampen, wenn das Abendrot am Horizont das Meer Glitzergold färbt. Immer wieder tauchen kurze Indie-Ansätze und Chillwave-Momente wie die Rückenflossen von Delphinen auf. Das driftet manchmal in seichtere Gewässer ab, um­ schmeichelt das Ohr, erinnert dabei aber auch oft an die besten Momente der französischen Watteboys von Air. Diese Compilation ist wie Luxus, etwas, das in dieser Opulenz niemand braucht, in seiner Geschmeidigund Nutzlosigkeit aber auch höchst kunstvoll gewoben wurde. Und sie geht als ultimativer Hipster-Soundtrack durch, weil hier viele derzeit angesagte Acts und Strömungen in knapp mehr als eine Stunde Spielzeit gepackt werden und sich alle, vom Blumenmädchen 2.0 bis zum schnie­ ken Bobo, in die Arme fallen können. Dieser Mix schafft überraschend organische Verbindungen zwischen verschiedenen Sound- und sozialen Zirkeln. Zur Schablone wird dieser Sound früh genug werden. Inzwischen geht es traurig schön mit Discokugel am Rückspiegel, Surfbrett am Dach und Goldketterl um den Hals dem Sonnenaufgang entgegen; oder so. ¶

Justin Vernons Songs steuern eigentlich nirgends hin. Sie machen statt­ dessen Stimmungen auf, ziehen sich darin zusammen, entfalten sich und blühen langsam wieder auf; sie haben keine Slogans, keine prägnanten Einzeiler oder fahren leicht erkennbare Melodien auf. Bei Bon Iver geht es um atmosphärische Nuancen ‒ und um Zeit. Viel Zeit. Sie spielen mit Vorstellungen von den epischen Zyklen der Natur, von menschlichem Zusammenleben, von Pilgern und Kolonisten. Es passt ins Bild, dass die Aufnahmestudios des neuen Albums in Gehweite von Vernons Kindheit liegen, in einer aufgelassenen Veterinärklinik, in Small Town America. Auf dem Album »Bon Iver« heißen ganze fünfeinhalb Songs nach Orten in der Hinterwelt der USA, mal real, mal fiktiv. Wollig, samtig, butter­ weich klingt diese Gerber- und Schustermusik. Anhänger der konser­ vativen Tea Party werden sich dementsprechend auf »Bon Iver« ebenso einigen können wie jung-urbanistische Waldschrate. Über Bon Iver schreiben heißt auch über sein Debüt »For Emma, Forever Ago« von 2008 schreiben müssen: über die Geschichte der winterlichen Hütte, in der Bon Iver diese Songs auf eine Art aufgenommen hatte, die sofort das Imaginationskarussell und die Mund-zu-Mund-Gerüchte­ küche angeworfen hat und die zur Indie-Folklore taugt ‒ drei Monate zog er sich alleine ins kalte Wisconsin zurück, um eine Trennung und eine Krankheit zu überwinden, wo er als eine Art Social Media-Eremit, als Überlebender seine Musik als Nebenprodukt des Lebens und als Gegen­ gift für dessen Hinterhältigkeiten schuf. Danach kam der »Twilight«Soundtrack, die Liveauftritte mit The National und die Zusammenarbeit mit Kanye West für »Monster«. Das zweite Album von Bon Hiver, pardon: Iver, ist das Frühlingsalbum, mit der Justin Vernon seine winterliche Hütte verlässt. Es klingt nicht neu, nicht spektakulär, nicht einmal ungewöhnlich. Das zarte Fließen der Musik wird von Justin Vernons zerbrechlicher Stimme getragen, die – so scheint es ‒ zahlreiche Tragödien in sich aufgenommen hat und diese nun in homöopathischen Dosen wie einen Impfstoff wieder an ihre Um­ gebung abgibt. Ja, dieses Album kann nicht einmal der Rausschmeißer­ song »Beth/Rest« mit E-Gitarrenjaulen, gefühligen Alt-Saxofonen und E-Pianogeklimper, ein ganz schlimmer Zwei-Sterne-Wellness-Scheiß, dämpfen. ¶

8/10 Johannes Piller

8/10 Stefan Niederwieser

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Trackspotting

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12-Inch, Singles und Kleinformatiges für große Aufmerksamkeitsspanner TEXT FLORIAN OBKIRCHER

Seit Beats wieder humpeln dürfen, seit sich Goldstaub und Neon-Schwaden langsam wieder aus den Niederungen elektronischer Tanzmusik verziehen, erleben unsere IDM-Lieblingslabels der 90er einen zweiten Frühling. Warp hat die Maxïmo-Park-Identitätskrise endgültig überwunden und mit Rustie oder Africa Hitech strahlende Schimmel im Stall, R&S hat nach anfänglichen Comeback-Schwierigkeiten auf Kurs gefunden und signt massig heiße Frischware aus dem britischen Future-Bass-Universum, von Vondelpark über Lone bis Blawan. Carl Craig feiert seinen Planet-E-Zwanziger mit grandiosen Re-Releases und selbst General Production Recordings hat einen Neustart angekündigt. Auch wenn die IDM-Marke immer schon eine tendenziell elitär unsympathische war, ist dieses neu erstarkte Interesse an Beats außerhalb des Four-to-the-Floor-Rasters wohl das Beste, das der Tanzmusik in den letzten zehn Jahren passiert ist.

The Chain – Lostwithiel (R&S)

R&S-Chiropraktiker Dan Foat hat sich nach seiner Label-Aufbauarbeit nun selbst ans Mischpult gesetzt und als The Chain eine fantastische EP aus den Reglern gekitzelt, die arabische Sound-Schnipsel über ein hypnotisches verrauschtes Fundament aus Slow-House und Dubstep tänzeln lässt. Und wieder einmal gilt: R&S kann man derzeit unangehört kaufen. Pardon, muss man kaufen.

New Music clubfestival august 4–6

METRONOMY FM BELFAST WHOMADEWHO BLOC PARTY DJ SET MOUNT KIMBIE VIVIAN GIRLS HANDSOME FURS ESBEN AND THE WITCH CASIOKIDS YOU LOVE HER COZ SHE´S DEAD THIEVES LIKE US CREEP FLASHGUNS MIRRORS SCANNERS COMA FRIENDS ELECTRIC HGICH.T BILDERBUCH FRANCIS INTERNATIONAL AIRPORT I HEART SHARKS ANTONI MAIOVVI MEL OLYMPIQUE THE HELMUT BERGERS ... AND MANY MORE!

Hot Natured – Forward motion (HOT CREATIONS)

Lee Jones hat vor ziemlich genau einem Jahr mit »Ruckus« sein neues Super-Label begründet, nun beschert er Hot Creations als Hot Natured mit »Forward Motion« obendrein den Sommerhit des Jahres. Eine unglaubliche Granate, das. Der reduziert pumpende Beat flirtet mit Cajmeres ChicagoSound, die Bassline bounct, und Ali Love liefert die lasziven Soul-Vocals Inserat_FS-Gap_105x140.indd 1 dazu, die das kompakte Sound-Gerüst so perfektioniert wie MDMA den Sonnenaufgang.

16.05.

badeschiff

Donaukanallände, U1/U4 Schwedenplatz

Azari & III – Hungry For the Power (TURBO)

In eine musikalisch ähnliche Kerbe schlagen Azari & III, die nach ihrem Debüt-Album im August hoffentlich mindestens so groß sind wie Hercules and Love Affair. Wo letztere beim Versuch den House-Sound der 90er zu erneuern an ihre Grenzen gestoßen sind, macht das kanadische Duo alles richtig. C&C-Music-Factory-Referenzen, sexy Sprechgesang und klackernde 808-Drums. Erstmals vor zwei Jahren erschienen, damals aber etwas übersehen, legt Tigas Turbo-Imprint den Track neu auf und stellt mit einem deepen, mysteriösen Groove-Monster aus der Remix-Feder von Jamie Jones sicher, dass das nicht noch einmal passiert.

Fatima – Follow You (EGLO)

Kaum übersehen kann man derzeit Eglo, das Label des Londoner Sound-Genies Floating Points. Am Mikrofon seines 13-köpfigen Ensembles, auf dessen großes Ninja-Tune-Album wir sehnsüchtig warten, steht Fatima. Eine junge Schwedin, die uns mit ihrer Shafiq-Husayn-Kollabo »Lil Girl« schon den Kopf verdreht hat, und mit ihrer neuen Solo-EP nun völlig verzaubert: eine Verbeugung vor großen Schwestern wie Sarah Vaughan, Erykah Badu, Nicolette, so leichtfüßig wie avanciert jazzig, so traditionell wie futuristisch reduziert.

FREE ENTRY

n o o M t e e w -Riot S t e e Sw J-Line: PoelBa ass D

n Th fari I p a l a S pari S Cam

Vakula – 002 (UNTHANK)

Free Eristoff Welcom Drink e B4 1h

Wie an dieser Stelle schon öfters erwähnt, Techno-Producer Vakula ist einer der größten seines Fachs – und bleibt dennoch sträflich übersehen. Was sich mit seinem zweiten Schuss für Unthank hoffentlich ändert. Noch vertrackter, noch Aphex-esker geht’s der Ukrainer diesmal an. Die Synths blubbern und bleepen, der Beat scheppert und schiebt. So eigenständig und verschroben wie Jacek Sienkiewicz und gleichzeitig so abgespeckt treibend wie Daniel Bells Frühwerk. Besseren Autoren-Techno hat 2011 noch nicht gesehen.

MMM – dex (MMM)

MMM, Berliner Hardwax-Veteranen und Stammgäste in dieser Randspalte, knallen ihrer Anhängerschaft auch diesmal wieder eine vor den Latz. Statt kastrierten Rave-Signalen gibt’s auf »Dex« absurden wie treibenden WobbleTechno, der die Brücke von Berlin nach London auf den Pfeilern Soca und UK-Funky baut – und dabei selbst Blawan in punkto Beat-Räudigkeit wie einen Flötenschüler aussehen lassen. Treibend, rau, krass. Krass geil.

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Abt. Musik

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a. 117/ Reze nsi one n

Kate Bush Director‘s Cut

Steaming Satellites The Moustache Mozart Affaire

( N oble & B rite Ltd./ EMI)

( Universal)

Intensivität. Emotion. Pathos. Sinnlichkeit. 

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Der weibliche Dandy hat in gewohnter selbstsicherer Exzentrik zwei alte Scheiben inhaliert und re-interpretiert, was das Zeug hält. Patrick Wolf, Within Temptation, Placebo und Little Boots haben es ge­ tan. Ebenso die Futureheads, Nada Surf und Placebo. Was Ra Ra Riot und The Decemberists können, kann Kate Bush auch selber. Kate Bush covern. Die Grand Dame macht einen »Director’s Cut« und nennt ihr autogenes Cover-Werk auch so. Dass sie in sehr unregelmäßigen Zeitabständen, da­ für aber herrlich gemächlich produziert, hat man zumindest in der nähe­ ren Schaffensperiode mittlerweile schon mitbekommen. Nach schlap­ pen sechs Jahren lässt Kate Bush wieder mal von sich hören und nimmt Anlauf auf die UK-Album-Charts-Spitze. Mit Kirchenglocken anstatt Pauken und Trompeten eröffnet sich die Platte. Es folgt viel Gehauchtes, kokettierend mit Geigenharmonie. Wir reden hier von »Flower Of The Mountain«, das schon vor Jahren sagenumwobene Stückchen vertonte Li­ teratur. Der ursprüngliche Titel »The Sensual World« war titelgebend für ihr 1989er-Album und entstammt einer Passage aus der Feder von James Joyce. Die Platte wurde damals als die weiblichste und sinnlichste aller Bush-Alben bezeichnet. Diesmal hat Mrs. Bush es aber passagenweise mit der Sinnlichkeit etwas übertrieben: Das neigt sich schon gefährlich zur Soft-Porno-Akustik, beschränkt sich dann aber glücklicherweise nur auf einzelne Zeilen. Früher, gerade beim Vorgängerwerk »Aerial«, hatte sie mit den damals angesagten digitalen Produktionsmitteln gearbeitet. »Director’s Cut« wurde jetzt im Gegensatz wärmer, voller und analoger angelegt. Aufs Schrägste verzerrte Stimmen, mit beinahe verstörenden Vocoder-Effekten angereichert, gibt es trotzdem. Alle Lead-Vocals und Drums wurden für »Director’s Cut« neu aufge­ nommen und teilweise transponiert, Mit dem swingenden »Rubberband« findet sich ein Blues-Schmankerl, ebenso wie sanfte leise Klavierstimm­ chen und »Red Shoes«, das zum Text passend fast zu einem River Dance mutiert und mit Gospelkraft vorgetragen wird. Die Eleganz, die von dieser Person ausgeht, verdeutlicht sich nicht nur in ihrer Musik, sondern auch in ihrer bekannt selbstsicheren Art, die alles rundherum ausschaltet. Von charmanter Exzentrik geprägt ist auch ihr Verhalten, das sie aus der Masse der Musiker heraushebt. Diese Überarbeitung der alten Stücke steht erstens sinnbildlich für die konsequente Fortsetzung der selbstsi­ cheren Attitüde und zweitens für die Collagentechnik, die Bushs Schaffen immer schon prägte. Gewohnt ausgereift und überdacht (klar, nach 6 Jah­ ren!) ist »Director’s Cut« vor allem intensiv. ¶

Salzburger Space-Wüste

7/10 Juliane Fischer

7/10 Martin Mühl

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Die Steaming Satellites und der allgemeine Rock-Kanon treffen sich auf dem neuen Album: Die Stimmung passt. Seite einigen Jahren sind die Steaming Satellites von Salzburg aus in Sachen Rock unterwegs. Die Space-Anleihen in ihrem Namen hat man dabei immer ernst nehmen dürfen und meistens auch den Dampf und die Energie, mit der sie dabei vorgegangen sind. Beim neuen Album »The Moustache Mozart Affaire« fahren sie genau diese etwas zurück und geben sich gleichermaßen entspannt als auch große Gesten genießend. Entgegen kommt ihnen dabei ein Phänomen des internationalen MusikKanons: Mit den Kings Of Leon hat sich spätestens seit dem 2008erAlbum »Only By The Night« (Southern-)Rock inspirierter Pop in den massentauglichen Mainstream eingeschrieben. Die Salzburger haben dies nicht genutzt, um ihrem musikalischen Weg eine trendbedingte Kehrtwende zu verpassen, lassen es sich aber auch nicht nehmen, jene Teile ihrer Musik, die sich mit ihren internationalen Vorbildern decken, neu zu betonen. Das reicht von den Orgeln, den groovigen Drums oder der Stimme bis zu vielen (Produktions-)Details und den sorgsam ausgesuchten VintageInstrumenten. Sie bleiben dabei reduzierter, geradliniger, tanzbarer, euro­ päischer, und verzichten auf übergroße, zwingende Refrains, wie sie zum Markenzeichen der Kings Of Leon geworden sind. Oder ‒ das sei dahin gestellt ‒ sie gelingen ihnen noch nicht. Die Kings Of Leon haben vier Album-Anläufe gebraucht, um ihren Rock so anzulegen, dass er zum mu­ sikalischen Konsens werden konnte. Da haben die Satellites noch Zeit ‒ und sollte das nicht gelingen oder gewünscht werden, haben sie wohl trotzdem noch lange Freude dabei, ihren Spacerock zu performen und zu verfeinern. Das neue Album ist ein geschmacksicherer und überzeugen­ der Weg in eine der vielen musikalischen Richtungen, die sich die Stea­ ming Satellites offen halten. ¶


Abt. Musik

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a. 117/ Reze nsi one n

M185 Let The Light In

Efrim Manuel Menuck High Gospel

(S peed O f Light )

( Constellation)

Amtlich

_ Kauziges Fieber

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Gitarren regieren die Welt von M185. Ihr bodenständiger Postrock-Sound gibt Wien einen heftigen Pulsschlag.

Psychedelische Gebete und Solo-Lärmstudien aus dem inneren Kreis des Godspeed You! Black EmperorKollektivs: Große Musik für komische Käuze.

M185 mutet als Bandname ja schon etwas kryptisch an. Was heißt denn wohl M185? Wir wollen das Geheimnis lüften: Es hat gar keine Bedeu­ tung. Tatsächlich steckt dahinter ein Trick. Um das Publikum nicht schon im Voraus mit einem assoziativen Bandnamen zu beeinflussen, haben sich die fünf in Wien ansässigen Musiker dazu entschieden, ihr Projekt mit einer abstrakten Kombination aus Buchstaben und Ziffern zu betiteln, die mit den Namen der Bandmitglieder zusammenhängen. So erzeugt der Name keine falschen Annahmen, welchem Genre die Band angehören könnte und verrät erst einmal gar nichts. Die Musik kommt also zu allererst und das neue Album »Let The Light In« fetzt ganz schön. Bereits die Single »Space Bum Rocket Kid« reißt beim ersten Hören mit. Das Video dazu wurde mit dem einschlägigen Personal der Wiener Kreativwirtschaft besetzt und vervielfältigte sich so geschickterwei­ se von selbst in den sozialen Netzwerken. Die restliche Platte steht der Single­auskoppelung um nichts nach. Pulsierende und repetitive Rhyth­ men und schleppender Sprechgesang verführen zum Einklinken in die Rock-Trance. M185 sind keine Band, die mit dem Satz »Wir haben noch Ecken und Kanten« hausieren gehen muss, damit das Publikum versteht, wo sie mit ihrer Musik hin wollen. Konsequenter Druck, laute Gitar­ren, voller Sound, geschickt aufgebaute Spannung und gelegentliche Über­ raschungen wie etwa Saxofon-Sequenzen zeigen, dass M185 eben nicht just another Rockband sind. Die nötige Würze bekommt das Album durch Ausreißer in psychedelische Gefilde und subtil eingesetzte elek­ tronische Elemente. Besonders schön an der Platte: Man wird nicht mit gewollt eingängigen Refrains gequält. Was bleibt ist ein konsequenter dröhnender, ausgeschälter Gitarrensound und ein cooler, manchmal fast krautrockiger Drive. M185 spielen sich nach und nach aus dem Untergrund heraus. »Let The Light In« klingt sehr selbstbewusst, mit viel Herzblut der frühen 90er von den Überhelden Sonic Youth, ein wenig Pavement oder auch Les Savy Fav. Entsprechend bodenständig, handgemacht und auch un­ aufdringlich kommt die Platte daher. Insofern wird sie Musiksnobs und Spaßhörer mit einem Hang zu schrammelig-melodiösem Rock gleicher­ maßen ansprechen. ¶

Efrim Manuel Menuck, seines Zeichens Mitbegründer der legendären Noise-Rock-Combos Godspeed You! Black Emperor und Thee Silver Mt. Zion Orchestra, gibt sich auch auf Solopfaden keineswegs zugänglicher. »High Gospel« ist ein rätselhaftes Album. Es verstört und begeistert, es meditiert und lärmt. Und das alles gleichzeitig. Der Opener »Our Lady Of Parc Extension And Her Munificient Sorrows« ist eine waghalsige Space-Rock-Oper, die den psychedelischen Untiefen einer imaginären Jamsession mit Spacemen 3 und Suicide entsprungen zu sein scheint. Spirituell anmutende Chöre und heulende, repetitive Drone-Chores ver­ einigen sich zu einem prog-rockigen, elektrifizierten Mantra, dem in sei­ ner avantgardistischen Experimentierfreude dennoch so etwas wie PopAffinität innewohnt. Das fiebrige »A 12-Pt. Program For Keep On Keepin‘ On« baut eine monolithische, gewollt ausladende Klangmauer auf, deren architektonische Härte dem Hörer noch einmal deutlich klarmacht, das »High Gospel« nicht nebenher gehört werden kann. Der Weg ins Licht führt durch düsteren Krach. Am Anfang von »Heavy Calls & Hospital Blues« glaubt man fast, ein Fenster aus der Dunkelheit gefunden zu haben. »There Is Beauty In This World« singt Menuck zu fragilen Piano-Akkorden. Es wirkt alles ein we­ nig hoffnungsvoller, die Sonne schafft es kurz, die dunkel umrandeten Konturen des Albums zu erhellen. Doch der Äther schluckt das Licht – ein sphärisches Instrumental später ist die angedeutete Schönheit längst wieder versiegt. Mit »Kaddish For Chesnutt« folgt ein mit Orgel und Frauenstimmen unterlegter Totengesang – ein tieftrauriger, ganz und gar nicht higher Gospel. Im hymnischen Album-Closer »I Am No Longer A Motherless Child« scheint Menuck allerdings so etwas wie Transzen­ denz gefunden zu haben. Der Text mutet wie ein Gebet an: »Look at my boy/ Look at him smile/ I am no longer a motherless child« singt Menuck wieder und wieder. Eine naiv-kindliche Synthesizermelodie, sakrales Flö­ tenspiel, treibende Drums und leichthändig gezupfte Gitarrensaiten stel­ len die Weichen zwischen Kindheit und Tod: Die Antwort auf das Ende ist der Anfang. »High Gospel« ist ein Album, das keinen Kompromiss zwischen Kunst und Kommerz eingeht. Es ist sperrig, verschroben, weird und, ja, wunderschön: Große Musik für komische Käuze. ¶

7/10 Teresa Reiter

8/10 Michael Kirchdorfer

AU S GA B E 1 1 7 / 0 7 9 ◄


Abt. Twitter-Reviews

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a. 117/ reZeNsiONeN

die Welt auf Scheibe – erklärt in 140 Ausführlicheres auf www.thegap.at

Zeichen zum Angeben in der disco.

Ada Meine zarten Pfoten PAMPA Nach sieben langen Jahren das zweite Album der Kölnerin Ada. Techno und Pop, Stimmen und Flöten. Lieblichkeit, ▪ na und? 7/10 KATHARINA SEIDLER AKA AKA & Thalstroem Varieté BURLESQUE Auf die Fresse-Vorwärts-Minimal samt Popstimmchen. Da ist wohl wer am Specht hängen geblieben?! 1/10 JOHANNES PILLER ▪ Ametsub The Nothing Of The North MILLE PLATEAUX Nachhaltiges zwischen Ambient und Glitch mit Piano. Klingt abgedroschen, ist aber musika▪ lisch das Gegenteil dazu. 6/10 JOHANNES PILLER The Antlers Burst Apart FRENCHKISS The Antlers finden nach ihrer famosen Durchbruchsplatte »Hospice« zu spät zu sich. Der zarte, neue Morgen ▪ deutet sich erst an. 6/10 STEFAN NIEDERWIESER

Chuckamuck Wild For Adventure STAATSAKT Chuchamuck sind vier rotzfreche 20-Jährige, die von Berlin aus den Sommer bringen. übermütiger Garagen-Charme wirkt maximal funktional.

Arctic Monkeys Suck It And See DOMINO Die Arctic Monkeys haben jetzt einen Bierbauch und ▪ Nordic-Walking-Stecken. 5/10 JOHANNES BUSCHING Arms and Sleepers The Organ Hearts EXPECT CANDY Dieser Bostoner Band wird allgemein nachgesagt Hintergrundmusik zu schaffen. Auch das muss man erst mal so hinbekommen. 7/10 EMANUEL LERCH ▪ Arrested Development Strong VAGABOND RECORDS HipHop mit Hintergrund: Auch auf »Strong« verhandeln die Südstaaten-Rapper von Arrested Development schon wieder politische Themen. 6/10 JOHANNES RAUSCH ▪ Art Brut Brilliant! Tragic! COOKING VINYL Der Titel des Albums fasst es vortrefflich zusammen: großteils brillant, aber auch tragisch und immer mit einer großen Portion Selbstironie oben ▪ drauf. 8/10 GERALD C. STOCKER

Digitalism I Love You, Dude V2/COOPERATIVE MUSIC Aus alt mach neu: Digitalism kopieren mit ihrem neuen Album »I Love you, Dude« gekonnt ihren eigenen Sound. 7/10 JOHANNES RAUSCH ▪ Digitalism I Love You, Dude COOPERATIVE/UNIVERSAL Es war abzusehen, doch das Maß, in dem sich Digitalism auf bestehenden Schnittmustern ausruhen, ▪ ist erschreckend. 3/10 STEFAN NIEDERWIESER Doppelt Sichtbar Olson EP ! RECORDS Die Kärntner Zwillingsbrüder von doppelt sichtbar produzieren sehr soliden Rap, dessen Punchlines aber zu wenig kantig kommuniziert werden. 6/10 KLAUS BUCHHOLZ ▪ Gagarin Biophilia GEO Mit Kunstfertigkeit und viel Erfahrung auf den Spuren des Kosmonauten. ▪ Hoffnungslos retro. 5/10 WERNER REITER

Johann Johannsson Miners Hymns FAT CAT Dieser Soundtrack ist auch ohne Film eine assoziationsspuckende, abstrakte, dunkle, fast epische Meditation über Protest und Arbeiterschaft.

The Base Tested Under Extreme Conditions NUBABEL Den Steirern gelingt es mit Tiefgang, Schlichtheit und Melancholie unter extremen Bedingungen, die Spannung über die volle Länge ▪ zu halten. 7/10 KIRIN KOHLHAUSER Beat Connection Surf Noir MOSHI MOSHI/ROUGH TRADE Diese Schnittmenge aus Chill, Tropical, Bloghouse und Indie-Disco träumt in besonders lebhaftem Technicolor vom Meer und unterge▪ henden Sonnen. 7/10 STEFAN NIEDERWIESER Jack Beauregard The Magazines You Read TAPETE Melancholie und laue Synthesizer dominieren beim Berliner Duo. Damit schaffen sie es nur selten, den Hörer bei der Stange zu halten. 5/10 KIRIN KOHLHAUSER ▪ Junior Boys It’s All True DOMINO Der ehemals punktgenau gesetzte Electropop der Junior Boys verliert immer weiter seine Haken in der Gegen▪ wart. 5/10 STEFAN NIEDERWIESER

Ginger Ninja Wicked Map COL Innovativ, revolutionär, interessant: Das alles sind Schlagwörter, mit denen das neue Album von Ginger Ninja »Wicked Map« herzlich wenig am Hut hat. 3/10 RAINER VOGGENBERGER ▪ Gurlfriends Gurlfriends 7“ EP FETTKAKAO Mitreißender, melodramatischer Lo-Fi Hardcore/ Powerpop aus Wien, der sich glücklicherweise für ▪ nichts zu schade ist. 7/10 PHILIPP LAMPERT Daniel Haaksman Rambazamba MAN RECORDINGS Baile-Funk-Botschafter und Label-Chef Daniel Haaksman packt auf sein Debütalbum, was er in fünf Jahren etabliert hat: globalen Bassdruck. 7/10 KLAUS BUCHHOLZ ▪ Haight Ashbury Here In The Golden Rays LIME The Mamas & The Papas haben sich wiedervereint und sich dabei niemand Geringeren als The Velvet Underground als Background-Musiker ▪ ins Boot geholt. 8/10 RAINER VOGGENBERGER

Jennifer Lopez Love? ISLAND Hurra, die Kassa klingelt! Jennifer Lopez macht Product Placement ▪ aka ein neues Album. 0/10 BARBARA SCHELLNER Man Man Life Fantastic ANTI- Knarzig-böser Indie aus Philly: Objektiv eine okaye Platte, die subjektiv zum Abdrehen motiviert. 5/10 MICHAEL KIRCHDORFER ▪ Marian Only Our Hearts To Lose FREUDE AM TANZEN Ebenso groß, wie die Vorfreude auf die Kollabo von Marek Hemmann und Fabian Reichelt war, ist nun die Enttäuschung. Soundseitig Hui, Vocals Pfui. Instrumental-Version bitte. 3/10 MAXIMILIAN ZELLER ▪ Wendy McNeill For The Wolf, A Good Meal HALDERN POP Sie zählt mit ihrem anspruchsvollen Songbook zu jenen unermüdlichen Künstlerinnen, die ob ihrer musikalischen Qualität schon längst in der ersten Reihe stehen sollten. 6/10 GERALD C. STOCKER ▪

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7/10 KLAUS BUCHHOLZ

4/10 WERNER REITER

Crystal Stilts In Love With Oblivion SLUMBERLAND Das arithmetische Mittel zwischen The Gun Club und The Jesus & Mary Jane ist … eh nett. Data MC Daily Mirror GOODMAN GLOBE Vom »Punk ohne Gitarren« zu Songs für den Dancefloor. Reichhaltiger Crossover in Richtung Pop.

▪ Death Cab For Cutie Codes And Keys ATLANTIC RECORDS Glatte, mit Keyboard-Sounds und Streicherarrangements gespickte Rockmusik. Zwar gut produziert, aber ohne das gewisse Etwas. 5/10 LISA DREIER ▪ 8/10 WERNER REITER

Marcellus Hall The First Line GLACIAL PLACE Leicht verdaulicher Indie-Songwriter-Pop mit hübschem Gesicht: Anbiedernd, radiotauglich und manchmal hitverdächtig. 5/10 MICHAEL KIRCHDORFER ▪ Honeycut Comedians DISCOGRAPH Dieses Album pendelt zwischen Jazz, Soul und Funk und imitiert obendrein noch ein paar Hardrock-Riffs, ohne gleich zum billigen Plagiat zu verkommen. 6/10 GERALD C. STOCKER ▪ Jessie J. Who You Are UNIVERSAL Irritierende Mischung aus Lilly Allen und glattem US Mainstream. Wer Jessie J. ist oder wo sie hin will, weiß vermut▪ lich nur die Plattenfirma. 4/10 BARBARA SCHELLNER Jessica 6 See The Light PEACEFROG / ROUGH TRADE Spannender Electropop mit saftiger Disco-, Soulund Oldschool-House-Grundierung. Hier werden auch Popverächter satt. Dass sich ehemalige Automato-Musiker und eine Hercules & Love Affair-Chanteuse hinter Jessica 6 verstecken, ▪ schadet auch nicht. 6/10 MAXIMILIAN ZELLER

▪ Juniper Leaf Broom, Briars, Torches From The Fire SNOWHITE Chikinki-Frontmann Rupert Browne ist auf den abschwellenden Folk-Hype aufgesprungen. Mit seiner Band gelingt es ihm, das Genre etwas aufzufrischen. 6/10 KIRIN KOHLHAUSER ▪ KAAS Liebe, Sex und Twilight Zone CHIMPERATOR Kaas nervt nicht, obwohl Soloalbum zwei zur Hälfte Neo-Eurodance ist. Seine Liebeshymnen überzeugen trotz Kitsch mit origineller Substanz. 7/10 KLAUS BUCHHOLZ ▪ Avril Lavigne Goodbye Lullaby SONY Avril Lavigne versucht es noch einmal. Leider. Ein weiteres Album, das die Welt nicht braucht. 2/10 BARBARA SCHELLNER ▪ 8/10 STEFAN NIEDERWIESER


Abt. Twitter-Reviews

Mile Me Deaf Swing Back To Me FETTKAKAO Wolfgang Möstl therapiert sich selbst: Er entstaubt die 90s Indie-Mottenkisten wie ein Wahnsinniger, und das durchaus erfolgreich! 7/10 PHILIPP LAMPERT ▪ Morning Parade Under The Stars EMI Diese Debüt-EP kündigt das vermeintlich nächste große Britpop-Ding aus England an – ein lohnender Versuch im Maximo Park-Revier. 7/10 GERALD C. STOCKER ▪ No Joy Ghost Blonde MEXICAN SUMMER Shoegazing ist nicht umzubringen, auch wenn es manche Band mit ihrem Retrotick schon auch ein wenig übertrei▪ ben kann. 4/10 GERALD C. STOCKER Heather Nova 300 Days at Sea WARNER Bereits achtes Studioalbum der Schmusepop-Sängerin. Perfekt für die geschundene Seele und den ▪ verregneten Sonntag. 5/10 BARBARA SCHELLNER

Retro Stefson Kimbabwe UNIVERSAL Retro Stefson sind eine erfrischendeAfrobeat-Entdeckung aus Island, deren Charme und Groove weit länger währen sollten als ein Revival.

Okkervil River I Am Very Far JAGJAGUWAR So schön kann Melancholie sein: Poetischpathetisches Liedgut für Teenager über 30.

The Felice Brothers Celebration, Florida ROUGH TRADE Hip-Hop Beats und Honky-Tonk: Das New yorker Folk-Brüderpaar verirrt sich auf dem Weg nach Disneyland in zweifelhaften Integrations▪ Experimenten. 4/10 MICHAEL KIRCHDORFER The Sorry Entertainers Local Jet Set SHITKATAPULT Sympathisch verspult, mit ausreichend Tiefgang zwischen Zurückgelehntheit und ▪ strahlendem Lächeln. 6/10 JOHANNES PILLER tobias. Leaning Over Backwards OSTGUT TON Techno zwischen Club und dronigem Ambient. Ausgefeilt und roh. Unkonform und besonders. ▪ Einzigartig und langlebig. 8/10 JOHANNES PILLER Amon Tobin Isam NINJA TUNE Brasilianischer Beat-Veteran abstrahiert und verrührt gebrochen elektronische Soundästhetiken, hat sich aber nicht überlegt, wohin er damit überhaupt will. 4/10 STEFAN NIEDERWIESER ▪ Uphill Racer How It Feels To Find There’s More NORMOTON Der Multiinstrumentalist Oliver Lichtl wirft die existentiellen Fragen der Menschheit auf: Popmusik mit Tiefgang, aber ohne ▪ bleibende Eindrücke. 6/10 RAPHAELA VALENTINI

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24.05.2011

14:59

MAK NITE Dienstag / 14.6.2011 / 20.00 Uhr ©

Various Artists 116 & Rising HESSLE AUDIO Das Label Hessle Audio sorgt mit unglaublicher Konstanz für neues H2O im Dubstep-Stausee. Weitblick auf den Floor, aber nicht nur. 7/10 JOHANNES PILLER ▪ Various Artists Laid Compilation LAID RECORDS / KOMPAKT Das Dial-Schwestern-Label Laid wird seiner Vinyl-Only-Philosophie abtrünnig und veröffentlicht die erste CD-Compilation. Hier wird House-Musik-Geschichte geschrieben. 9/10 MAXIMILIAN ZELLER ▪ Tom Vek Leisure Seizure COOPERATIVE/UNIVERSAL Patterns, die vor vier Jahren Indieclubs mit skelettierten Rhythmen zum Glühen gebracht hätten, glimmen jetzt selbst nur noch schwach nach. 6/10 STEFAN NIEDERWIESER ▪ Veto Everything is Amplified SONY Düsterer Synthie-Pop aus Dänemark versucht mit nachdenklichem Tiefgang und Bedrohungsgesten dem ▪ Stillstand zu entkommen. 6/10 GERALD C. STOCKER

Kurt Vile Smoke Ring For My Halo MATADOR Musik von der dunklen Seite des Trailerparks. Kurt Vile raucht sich selbst in der Pfeife und spuckt ▪ folkige Heiligenscheine. 8/10 JOHANNES BUSCHING Vivian Girls Share The Joy POLYVINYL »I don’t want to be like other girls«: Garage-Girl-GroupBubblegum-Pop mit Hang zu Resignation und ▪ Repetition. 6/10 MICHAEL KIRCHDORFER Wildbirds & Peacedrums Rivers HALDERN POP/ CARGO RECORDS Ein schwedisches Kammerspiel in zwei Teilen. Part 1: Rückzug in spirituelle Abgeschiedenheit. Part 2: Aufbruch. Energetisch und ▪ perkussiv. 6/10 SANDRA BERNHOFER Wiley 100% Publishing BIG DADA Wiley kann nicht ohne Musik. Das Comeback vom Comeback vom Comeback vom Comeback kommt allerdings zu wenig über die Anfänge hinaus. 5/10 STEFAN NIEDERWIESER ▪

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Foto © Atelier 37.2

▪ Pantha du Prince Xl Versions Of Black Noise ROUGH TRADE Ebenso hochkarätig wie Pantha du Princes letztes Album klang, liest sich nun die Liste der Remixer. Ein reichlich gedeckter Gabentisch. 6/10 MAXIMILIAN ZELLER ▪ Prefuse 73 The Only She Chapters WARP Der Klangverweber Guillermo Scott-Herren widmet sich dem femininen Aspekt der elektronischen Verzerrung: FengShui-Fahrstuhlmusik auf hohem ▪ Niveau. 4/10 MICHAEL KIRCHDORFER Psychedelic Horseshit Laced FATCAT Synästhesien im Pferdestall: Lustiger Garage-Rock mit ▪ Kaleidoskop-Gewitter. 6/10 MICHAEL KIRCHDORFER Qluster Fragen BUREAU B/INDIGO Metamorphosen im Zentrum der elektronischen ästhetik. Roedelius und die unendliche Fortsetzungsgeschichte der wichtigsten deutschen Elektronik-Formation ever. 7/10 WERNER REITER ▪ 7/10 MICHAEL KIRCHDORFER

▪ Raphael Saadiq Stone Rollin’ COLUMBIA/SONY Nach dem Soul kommt der Rock’n’Roll: Saadiq dreht das Karussell der täuschend echt und perfekt inszenierten, historischen Musikkulissen ▪ noch weiter zurück. 7/10 STEFAN NIEDERWIESER Simon Says No! Simon Says No! BRILLIANCE Das Rufzeichen ist Programm: mit norwegischer Brachialgewalt wird Shoegazing und GrungeGeschrammel gekreuzt. Es wird laut! 6/10 RAPHAELA VALENTINI ▪ Sons & Daughters Mirror Mirror DOMINO Die vier Schotten zielen neuerdings mit scharfen Synthie-Geschützen auf ihre klaustrophobischen ▪ Postpunk-Vorfahren. 6/10 GERALD C. STOCKER 8/10 KLAUS BUCHHOLZ

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a. 117/ reZeNsiONeN

Atelier 37.2 Francesca Bonesio and Nicolas Guiraud

The Space of Art Installation

Sound: Bono Goldbaum (iNSTINKT MUSIC)

MAK-Ausstellungshalle Stubenring 5, Wien 1 Di MAK NITE © 10.00 – 24.00 Uhr Mi – So 10.00 – 18.00 Uhr Jeden Samstag © Eintritt frei.

MAK.AT


Abt. Film

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a. 117/ Reze nsi one n

Barfuß auf Nacktschnecken

(von Fabienne Berthaud; mit Ludivine Sagnier, Diane Kruger, Denis Menochet) Ein Geschwisterpaar, wie es ungleicher nicht sein könnte. Die lebensfrohe und verrückte Lily, beeindruckend intensiv dargestellt von Ludivine Sagnier, sowie die beherrschte Clara sehen sich nach dem Tod ihrer Mutter einander gegenübergestellt. Clara wird zu einer Art Vormund für ihre Schwester, die in ihrem Leben ausschließlich das tut, auf was sie gerade Lust hat. Mit verträumten wie einfachen Bildern zeigt die Regisseurin das langsame Aus-Sich-Herausbrechen der kontrollierten Clara. Nur stellenweise stellt sich das Gefühl eines beklemmenden Stillstands ein. In den meisten Fällen löst sich dieser aber in Humor und Leichtigkeit auf. 8/10 Lena Nitsch

Jungs bleiben Jungs

(von Riad Satouff; mit Vincent Lacoste, Anthony Songio, Alice Trémolière) Pickel und Zungen in Nahaufnahme. In Riad Sattoufs Spielfilmdebüt werden Teenage Kicks nicht beschönigt. Der 14-jährige Hervé steht an der Schwelle vom Kind zum Mann und beweist, dass Jungs nunmal trotzdem Jungs bleiben. Knietief im Treibsand der Pubertät kämpft er mit den kleinen Schrecken des Alltags. Als die schöne Aurore unverhofft Interesse an ihm zeigt, nehmen die Peinlichkeiten erst recht ihren Lauf. So unverblümt wie die Bilder von brutal-unbeholfenen Zungenküssen ist auch die Darstellung des Erwachsenwerdens. Der Verzicht auf die Smartphone- und Gadget-Omnipräsenz der Youngsters macht den Film zeitlos und fokussiert die wesentlichen Elemente der Wachstumsschmerzen. Sattouf, eigentlich Comiczeichner, holt sich Kollegin Marjane Satrapi für eine kleine Nebenrolle und legt auch selbst einen amüsanten Cameo-Auftritt hin. 7/10 Artemis Linhart

Utopia Ltd.

(von Sandra Trostel) Gehyped sein ist auch nicht lustig: Drei Jahre lang hat Sandra Trostel die Postpunk-Wunderkinder 1000 Robota begleitet, das Bandporträt funktioniert auch als Innenschau der auf Zugpferde angewiesenen Musikwirtschaft. Die Begeisterung der Presse übersetzt sich weder in Verkaufszahlen noch in ausverkaufte Konzerte, jedes Volltanken des Tourbusses wird zur wirtschaftlichen Herausforderung, und das Label mahnt, wer beim Musizieren gern spontan sei, möge lieber zu einer Jazzband wechseln. Den Zumutungen des Indie-Künstlerseins hält die junge Dreierformation einen trotzigen Idealismus entgegen. Die nötige Verve auch abseits der Bühne steuert Frontmann und Monolog-Schleuder Anton Spielmann bei. 7/10 JOACHIM SCHÄTZ

► 0 8 2 / AUSGABE 117

I Killed My Mother

(von Xavier Dolan; mit Xavier Dolan, Anne Dorval, Francois Arnaud, Suzanne Clement)

Die Kunst, Mutter zu hassen

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Jungregisseur Xavier Dolan treibt in seinem Debüt »I Killed My Mother« die Hassliebe eines 17-jährigen Narzissten und dessen überforderter Singlemom auf absurde Spitzen. Als Hommage an die Kunst und an die Kunst hysterischer Verwandtschaftsbeziehung funktioniert seine Coming-of-Age-Tragödie ganz gut. Hubert kann ein richtiges Arschloch sein. So süß und erhaben er auch wirkt in seiner Rolle als pu­ bertierender Nachwuchskünstler. So leid er einem auch tut, wenn seine Homosexualität an gesell­ schaftlichen Realitäten abprallen muss. So oft man sich auch bestätigt fühlen mag, wenn er seine Mutter mit Beschimpfungen überschüttet, weil sie manchmal einfach so unerträglich ist. Ihm, dem jähzornigen Protagonisten, steht sie in »I Killed My Mother« als nicht minder wahnwitzige Ant­ agonistin gegenüber. Sympathien sind ihr als Mutterfigur dennoch sicher, besonders weil sie von Anne Dorval so hervorragend irrational verkörpert wird. Sohn (von Xavier Dolan beeindruckend selbst gespielt) und Erzeugerin ertragen sich einfach nicht mehr. Der Vater hat beide schon längst sitzen gelassen. Mama Chantal ist nicht gemacht für die Mutterrolle, die ihr das Leben zugedacht hat, während sich Hubert ohnehin nur missverstanden und unterfordert fühlt. Sein jugendlicher Sturm und Drang entlädt sich in hysterischen Streits mit ihr. Oder kanalisiert sich in Poesie, Male­ rei und Sex mit seinem Freund, dessen Mutter wiederum ein überzogenes Abziehbild liberaler Ideal­ vorstellungen ist. Chantal hat hingegen nur ihre Unzulänglichkeiten, ihren knallbunten Kitsch und ihr scheiterndes Bemühen zu bieten. Witz und Kunst liegen bei Xavier Dolan nah aneinander, was sein – mit 17 geschriebenes, mit 19 realisiertes – Kinodebüt auflockert, aber auch überambitioniert wirken lässt. Seine Inszenierung ist voll von überzuckertem Dekor, bemüht kunstvoll montiertem Stillleben, eingeblendeter Lyrik, Musiksequenzen in Zeitlupe, aufwendigen Bildkompositionen und in schwarzweiß gehaltenen Monologen des narzisstischen Hubert. Doch darüber täuscht nicht mal das blasse Indie-Nostalgie-Pathos hinweg: »I Killed My Mother« ist ausgeklügelt, verspielt, über­ raschend und trotz Kunstbeweihräucherung recht erfrischend geraten. ¶ 7/10 KLAUS BUCHHOLZ


Abt. Film

083

.14

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The Tree Of Life

r über Exze eher Attwenge im Off-Space smusik-Verdr rverbunden und Bio kauft »Flux«: Die Volk djugend - natu Stadt, Land, ernative« Lan welchen Gründen So feiert die »alt enträger: Wer heute aus Club of Goa: enk Lifestyler, Bed Moralisten,

(von Terrence Malick; mit Brad Pitt, Jessica Chastain, Hunter McCracken)

mama, Papa, Urknall

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Terrence malick erkundet im Cannes-Sieger »The Tree of Life« eine texanische Kindheit und angrenzende rätsel der existenz. ein un- und übermäßiger, also genau richtig dimensionierter Film. Es war einmal das Leben: Aufwachsen in einer Kleinstadt in den 50ern, mit Spielen im Garten, Schaumbädern, Lektionen des Vaters, Ausflügen in die Stadt. Es war einmal das Leben: Urknall, Planeten beginnen zu kreisen, aus der Ursuppe dringen Mehrzeller, und schon wimmelt das Meer vor Hammerhaien. »The Tree Of Life«, der neue Film des Kino­Transzendentalisten Terrence Malick (»Badlands«), tut sich leicht mit solchen Registersprüngen. Eine wuchtige wie närrische Sequenz über die Entstehung des Universums fügt sich ganz selbstverständlich in einen Montage­ fluss, der eigentlich von den beträchtlich kleiner dimensionierten Erschütterungen und Entwick­ lungsschüben einer Kindheit handelt: Jack (famos: Debütant Hunter McCracken), der erstgeborene Sohn der O’Briens, wächst in Waco, Texas, in einer archetypischen Eisenhower­Ära­Kleinfamilie auf. Der Vater (bullig: Brad Pitt) ist ein verhinderter Selfmade­Man mit autoritärem Gehabe, die Mutter (luminös: Jessica Chastain) eine nährende, feenhafte Beschützerin. Malick bauscht diese Rollenverteilung zum universellen Prinzip auf (irdische Natur versus spirituelle Gnade), zugleich verdichtet er Jacks Entwicklungsroman auf eine Abfolge fein texturierter Momentaufnahmen. Die abwechselnd brüsk vorwärtstreibende und brütende Montage kriegt ziemlich toll den Groove ei­ nes kindlichen Bewusstseins zwischen Weltentdeckung und einsetzender Introspektion hin. Und Kamera­Ass Emmanuel Lubezki braucht nicht mehr als Schattenrisse auf einer Veranda und Lichtstimmungen im Vorgarten, um die Wunder und Katastrophen des Aufwachsens zu evozieren. Nicht dass es Malick bei solchen vorbeihuschenden Impressionen belassen würde: Noch entschie­ dener als zuletzt »The Thin Red Line« und »The New World« ist sein neuer Film eine symphoni­ sche Konstruktion, gegliedert in unterschiedliche Sätze und gewoben aus auf­ und abtauchenden Melodielinien. Neben der Evolutions­Sequenz ist vor allem eine Rahmenhandlung prominent plat­ ziert, in der der erwachsene Jack (Sean Penn) durch kalte Glasbauten dem Ende der Welt ent­ gegentreibt. Diese Episoden um Penn, wie auch manches fesche Fantasiebild am Wegesrand und gottesfürchtige Flüstern auf der Tonspur, enervieren eher als zu erleuchten. Irgendwann muss aber Schluss sein mit dem Auseinanderklamüsern: Gerade in seiner ernst durchargumentierten Maß­ losigkeit nötigt »The Tree Of Life« nicht bloß Respekt ab, sondern bewegt. ¶ 8/10 JOACHIM SCHäTZ

.14 DAS HINTERLAND / DIE PAMPA

Club of Goa: So feiert die »alternative« Landjugend – naturverbunden und im Off-Space Designstudie E-Bike-Tankstelle: Wie die E-Tanke das Stadtbild prägen wird Modestrecke: Das Bademodenlabel »Hinterland« Das Museum in der Pampa: Kulturlandschaft abseits der grossen Städte Street-Talk: Tut dir Gemüse leid?

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VoiceOver

_ Abt. DVD

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Glee Season 1.1 TEXT KLAUS BUCHHOLZ

die totale Vaterschaft

( FOx )

mit Jessalyn Gilsig, Dianna Agron, Chris Colfer

Yorgos Lanthimos lässt uns mit »Dogtooth« vor abgründigen Familiensystemen erschaudern und gleichzeitig über sie lachen. Lebensbedrohliche Allmachtsfantasien, zur Perversion getriebene Autorität, unfassbare Pädophilie oder nur innerfamiliärer Inzest verweisen auf Abgründe, die aus der gesellschaftlichen Mitte entspringen. Abgründe, die das kleine Österreich berühmt machen und die auch anderswo den Alltag sprengen. Die Schrecken der Josef Fritzls und Wolfgang Prikopils dieser Welt lassen sich universell erzählen. Vor einem Jahr sicherte sich Bernd Eichinger die Filmrechte an Natascha Kampusch, um aus ihrem Leben ein Biopic zu bauen. Im Januar verstarb Eichinger. Das Entführungsopfer Kampusch wird dennoch das Kinopublikum betroffen machen, Drehbeginn 2012. In der Zwischenzeit wurde der Österreicher Michael Schleinzer mit seinem Debüt »Michael« im Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes nominiert. Schleinzer erzählt von einem Buben, der von einem 35-jährigen Pädophilen im Keller gefangen gehalten wird. Auf eine Interpretation von Natascha Kampusch will er sich bei seinem »Michael« aber nicht reduzieren lassen. Er betont in Interviews, kein originär österreichisches Thema zu behandeln und verweist stattdessen auf die vielen internationalen Fälle von Kindesmissbrauch. ähnlich argumentiert auch der griechische Regisseur yorgos Lanthimos, wenn er nach Inspirationen zu seinem grotesken Familiendrama »Dogtooth« (2009) gefragt wird. Er habe angesichts der surrealen Substanz seiner Story erst gar nicht recherchiert, sondern sie unmittelbar erarbeitet. Die österreichische Realität hat seine Kinoarbeit schließlich eingeholt. Darüber hinaus geht es bei »Dogtooth« sehr stark um die Lächerlichkeit des abgründigen Menschen. Mit düsterem Humor stellt Lanthimos die perversen Machtstrukturen einer fünfköpfigen Familie aus, deren drei Kinder allesamt erwachsen sind, aber nie das Haus verlassen haben. Nur der Vater bewegt sich jenseits des abgezäunten Anwesens, arbeitet, kauft ein und schottet die Außenwelt absolut ab. Gemeinsam mit der autoritär funktionierenden Mutter hat er seine Sprösslinge einem perfiden Erziehungssystem unterworfen. Manipulation, Desinformation und irrationale Gewalt zerstören Illusionen und schaffen Komik fürs unfreiwillig gekitzelte Publikum. Der Alltag der Kinder wird von bizarren Spielen, grausamen Bestrafungen und lächerlichen Mythen bestimmt. Das physische Schauspiel und die latente Aggression der Figuren lässt den karg gerahmten Film aufregend zittern. Unfreiheit schafft immer gegenseitige Abhängigkeiten und wird weltumspannend gelebt, nicht selten bis zum fatalistischen Extrem. »Dogtooth« ist ein außerordentliches Modellspiel mit überwältigendem Witz, der nicht nur in Österreich den Atem raubt. »Dogtooth ist bei WVG Medien GmbH auf DVD und Blu-Ray erschienen.«

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Vor einigen Wochen ist »Glee« nun auch bei uns auf DVD erschienen. Fein, denn das Serien-Phänomen darf auch auf diese Art gefeiert werden. Die US-Serie schafft es, aus einem wenig einfallsreichen Setting auszubrechen und auf vielfache Weise zu überzeugen. Im Zentrum steht der Glee Club, eine Musical-Truppe an einer fiktiven Highschool. Die Mitglieder sind zwar begabt, zählen sonst aber nicht zu den beliebtesten der Schule: eine Streberin, ein Querschnittsgelähmter, ein Homosexueller, ... und ein Lehrer, der den Club leitet, weil er ihm am Herzen liegt, der dadurch aber privat und beruflich Probleme bekommt. Die Inszenierung ist modern und schnell, die Charaktere sind vergleichsweise echt und vielschichtig und nicht zuletzt, wird Pop hier gefeiert wie selten wo. Und das, in all seinen musikalischen, wie außermusikalischen Facetten. Denn Pop sind bekanntlich auch unsere Kleidung oder unsere Beziehungen. »Glee« ist Unterhaltungsfernsehen, das auf vielen Ebenen funktioniert und sich und seine Protagonisten angenehm ernst nimmt. So wie man Pop immer auch ernst nehmen sollte. 8/10 MARTIN MüHL

Das Paradies der Mörder ( AT L AS )

von Carlos Carrera; mit Ana de la Reguera, Joaquín Cosio, Jimmy Smits, Marco Pérez auf DVD

Südlich der texanischen Grenze werden Frauen zum Freiwild für Vergewaltiger und Mörder, während die korrupte Exekutive in Macho-Gesten erstarrt und abschlachten lässt. Dieser unrühmliche Umstand hat die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juárez seit Anfang der 90er berühmt gemacht. Regisseur Carlos Carrera nahm sich dem schaurigen Thema an, entwarf einen etwas unausgereiften Thriller und veröffentlichte 2009 »El Traspatio«. So schaurig die Sachlage auch ist und so sehr sich Ana de la Reguera als engagierte Polizistin überzeugend in ihre Rolle wirft, mangelt es dem Film an Stringenz. Man hat fast den Eindruck, dass Carrera angesichts der Problematik versucht den Film nicht zu konventionell zu erzählen. Er lässt Raum und Zeit für seine Interpretation der mexikanischen Realität. Gleichzeitig sind die Charaktere insgesamt aber zu schematisch und einfach gezeichnet, als dass sie zwei Stunden lang die Geschichte tragen könnten. »Das Paradies der Mörder« ist spürbar ambitioniert und angesichts des Wahrheitsgehalts erschreckend, als Thriller überzeugt er aber nur bedingt. 6/10 KLAUS BUCHHOLZ

Tron & Tron Legacy (DISNEy)

von Steven Lisberger bzw. Joseph Kosinski; mit Jeff Bridges, Garrett Hedlund, Olivia Wilde auf Blu-Ray (3D) und DVD

Das 30-jährige Jubiläum wird dann 2012 wohl mit ein paar Special Editions gefeiert, bereits 2010 fand »Tron« endlich eine Fortsetzung im Kino und nun erscheinen beide Filme ordentlich aufbereitet auf DVD und Blu-Ray. »Tron Legacy« ist dabei ziemlich erwartbar ausgefallen: Erwartbar großartig, was die technischen Effekte und so manch Action-Sequenz betrifft und genauso erwartbar ziemlich mittelmäßig, deren Handlungsrahmen betreffend. Wer hier die übliche Blockbuster-Kritik anbringen will, tut gut daran, sich noch mal einmal das Original zu gönnen, das als wunderbar restaurierte Blu-Ray erscheint. Auch damals stand die Technik im Vordergrund und die Story war eher simpel angelegt – auch wenn dieser Umstand unter einer Menge technischer Vokabel begraben wurde. Jedenfalls muss sich Flynn im ersten Teil gemeinsam mit Tron im Inneren eines Computers gegen das Master Control-Programm mit totalitären Allmachtsgelüsten durchsetzen. Im Nachfolger folgt ihm sein Sohn in den Computer und gemeinsam gilt es, die Probleme und Konflikte des von Flynn erschaffenen Rasters zu lösen. Dort kämpft Flynn gegen ein von ihm geschaffenes Alter Ego, dessen Aufgabe es sein sollte, ein perfektes System zu erschaffen, und das daraufhin ebenfalls totalitäre Züge an den Tag legt. Zugegeben, so ganz kommen der Konflikt und das Gewicht der Story nicht beim Zuseher an. Und darüber hinaus leidet das Script etwas unter Mutlosigkeit und bietet vor allem im Ablauf eine zu genaue Kopie des Originals. Man kann sich mit »Tron Legacy« aber jederzeit gut unterhalten fühlen und so manch digitaler Wow-Effekt wirkt nachhaltig als Spaßgarant. 3D wurde allerdings schon besser eingesetzt und hatte auf unserer Blu-Ray Aussetzer (und nein, ich meine nicht die 2D-Filmparts). Alles in allem ist »Tron Legacy« aber ein würdiger Nachfolger und »Tron« damit als Phänomen (Computer, Gesellschaft, ...) am Leben. Trotz der Konflikte und Probleme mit den Programmen bleibt am Ende nämlich auch hier der positive Ausblick auf eine technologisierte Zukunft. 8/10 bzw. 7/10 MARTIN MüHL


DV8 PHYSICAL THEATRE (UK) Can We Talk About This? (Österreichische Erstaufführung) FR 21. OKT. oder SA 22. OKT. 2011 20.30 h in TQW / Halle E HIROAKI UMEDA (J) 3.isolation (Österreichische Erstaufführung) FR 20. JAN. oder SA 21.JAN 2012 20.30 h in TQW / Halle G

ANNE JUREN (F/A) / ROLAND RAUSCHMEIER (A) / JOHANNES MARIA STAUD (A) Tableaux Vivants (Uraufführung) MI 9. NOV. oder FR 11. NOV. oder SA 12. NOV. 2011 20.30 h in TQW / Halle G In Kooperation mit Wien Modern.

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Tanzquartier Wien-3er-Abonnement 2011/2012


Abt. Buch Roberto Alajmo es war der Sohn

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( H A N S ER) Alajmo, vielfach preisgekrönter Autor und RAI-Journalist, hat den Plotverlauf eines Whodunit-Krimis auf den Kopf gestellt: Denn von Anfang an steht (vermeintlich) fest, dass Tancredi seinen Vater erschossen hat. Im Badezimmer der gemeinsamen Wohnung im Armenviertel Palermos, wo die meisten von der illegalen Schiffsverschrottung leben, hockt dieser innerfamiliär verhasste Sohn nun und wartet auf die Polizei. Die verhört nach und nach alle Mitglieder der seltsamen Familie, die Tancredi zum Schuldigen erklärt und dessen Freundin. Während der etwas zurückgebliebene, träumerische Sohn im Gefängnis erst beharrlich schweigt und dann für die Familienehre doch gesteht, spüren die Carabinieri immer größere Ungereimtheiten auf. Es wäre nicht Palermo, wenn nicht in gewisser Weise die Mafia etwas mit der Tat zu tun hätte – denn Tancredi spielt bloß den Sündenbock. Roberto Alajmo seziert in seiner Mischung aus spannendem Krimi und tragikomischem Gesellschaftsroman die eigenwillige Moral und Logik eines unter Arbeitslosigkeit und Armut, absenter Ordnung und hyperpräsenter Kriminalität leidenden Prekariats, dessen Sitten bloß jene eines kranken Staates widerspiegeln. 7/10 ROLAND STEINER

Stephan Alfare der dritte Bettenturm

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( LU F TS CHACHT) Der titelgebende Turm ist Teil

des Wiener AKH, in das Victor Flenner nach einem suizidal anmutenden, von toxischer Alkoholisierung begleiteten Sturz durchs Treppenhaus eingeliefert wurde. Der Schriftsteller wird Monate in ihm verbringen, erst auf der Intensivstation zur Behandlung seiner Schädel- und anderen Brüche, dann in psychiatrischen Abteilungen, wo er sich widerwillig helfen lässt. Ebensolches Abwehrverhalten setzt er anfangs auch gegenüber seinem ihn besuchenden Umfeld: Schwester Leira kümmert sich dennoch rührend um ihn, obwohl sie große Probleme mit ihrem mager- und computerspielsüchtigen Sohn Félix, ihrem Immobilienjob und ihrem BenzodiazepinKonsum hat. Auch Freund Jean, ein alkoholkranker Maler, und dessen Exfreundin Juliette begleiten ihn auf dem Weg zurück ins Leben, das ihm eine Hure rettete. Alfare erzählt in einem realistisch harten, aber poetischen Stil einerseits den Klinikaufenthalt und die Etappen, die zu diesem führten, andererseits die Lebenswelten dieser an Gratwanderungen und Abstürzen reichen Bohème. Stephan Alfare schöpft aus der Erfahrung und orientiert sich an der Empirie, sodass hier auf plastische Weise ein Milieu vor Augen entsteht, das nichts gemein hat mit der aseptischen Geistwelt der Konzeptkunst und der anämischen Fiktionswelt der Literaturschulen. Hier erzählt einer, weil er weiß und weil er muss – und es auch kann.

Klaus Bittermann The Crazy never die. Amerikanische rebellen in der populären Kultur ( E D I T I O N T I A M AT )

Bittermann und die Brandstifter

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Wilder Hund und meinungsmacher zum Thema Literatur als rock’n’roll: Klaus Bittermann, Herausgeber der edition Tiamat, hat sechs seiner Lieblingsrevoluzzer beschrieben. Trotz diversen nostalgiefallen wird er der Anforderung gerecht. Auswahlkriterium war es laut Einleitung, nicht die »größten« Rebellen, sondern jene mit dem meisten Einfluss auf die Populärkultur bzw. diejenigen, deren Einfluss geringer gehandelt wird als er ist, hervorzuheben. Dass der Autor damit eigentlich seine »Lieblingsrebellen« meint, sagt er zum Glück noch dazu. Dass das, was wir dann kriegen, nicht ganz dem so Vorgestellten entspricht – wer würde auch ernsthaft die kulturelle Bedeutung von Abbie Hoffmann, Hunter Thompson oder Kinky Friedman anzweifeln – macht nichts. Alle sechs biografischen Aufsätze – drei weitere be­ handeln Lenny Bruce, Robert Mitchum und Lester Bangs – bezeugen den selben produktiven Kern­ widerspruch der Gesamtanlage des Bandes: Den zwischen methodischer Stringenz und Liebe zum Gegenstand. Sie bezeugen diesen Widerspruch auf der Ebene des Stils genauso wie auf der des mäandernden Aufbaus der Texte, ja sie stellen ihn geradezu aus. Genau deshalb, weil es sich selbst widerspricht, funktioniert das Buch aber und bereitet Lesevergnügen. So gut die einzelnen Biografien recherchiert sind und so beharrlich Bittermann am Argumentieren von Thesen zu Leben, Werk und Wirkung seiner Helden festhält, so wenig sind dies die Alleinstel­ lungsmerkmale von »The Crazy Never Die«. Materialsammlungen zum Leben von Lester Bangs oder literaturgeschichtliche Erwägungen zu Kinky Friedman gibt es im Halbdutzend. Alleinstel­ lungsmerkmal des Bandes ist vielmehr, solche Sammlungen und Erwägungen zu bieten, dabei aber vor allem diese wohlbekannte, im Aussterben begriffene Schreibweise zur Anwendung zu bringen, die wir von Diederichsen, Theweleit und Wie­sie­alle­heißen kennen. Dieses Schreiben genau zwi­ schen Biografie, Kritik, wissenschaftlicher Arbeit und Literatur eigenen Rechts. Worum geht es dabei wirklich? Um individuelle Lebensläufe als Schauplatz von so etwas wie Ge­ schichte, aufgezeichnet mit einer Liebe für bestimmte Leuten und dem, was sie – mehr oder minder irr, mehr oder minder autodestruktiv – sagen, tun, anstoßen konnten. Mit anderen Worten, um Nostalgie. Nun dient nostalgische Literatur meistens dazu, Geschichts­ und also kritisches Be­ wusstsein mit sehnsuchtstriefendem Blödsinn zuzukleben. Hier aber trifft das Gegenteil zu: Ein Buch mit ein paar Spinnerbiografien macht Lust darauf, den unblöden, unprätentiösen Blick auf jemandes Leben und Werk selbst zu entwickeln. 8/10 STEFAN SCHMITZER 01

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8/10 ROLAND STEINER

Jacques Couvillion Chicken dance

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( B LO O MSBURy) Die Story rund um die Hauptperson Don ist als Kinder- und Jugendbuch klassifiziert und manche Belletristikleser mögen das von vornherein ablehnen. Aber garantiert niemand vergibt sich etwas, diesen liebenswerten, etwas verstockten IchErzähler durch turbulente Tage zu begleiten. Don lebt in Horse Island, einem provinziellen Ort, in dem sich alles um Milch, Geflügel und Eier dreht. Da seine Eltern pädagogisch und menschlich wenig an dem Kind interessiert sind, findet er bloß bei den Hühnern im Garten, seinen einzigen Freunden, Ansprache. Denn auch in der Schule ist der erziehungsbedingt schweigsame Junge mehr toleriert als richtig integriert. Als er den »Hühner-WissensWettbewerb« am »Milch-und-Eier-Festival« ge-

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MEHR REVIEWS WWW.theGAp.At GROSSES ARCHIV


winnt, steigert sich seine Beliebtheit schlagartig. Das neue Glück wird aber durch zufällige und schrittweise Aufdeckung wohl gehüteter Familiengeheimnisse gehörig auf die Probe gestellt. Am Ende beweist der Zwölfjährige, dass er allen anderen Familienmitgliedern menschlich bei Weitem überlegen ist. Das ist alles recht witzig, kurzweilig und aufgrund der jugendlichen Zielgruppe von reiferen Semestern recht rasch zu lesen. Besonders amüsant sind jene Episoden, in denen Don mit kindlicher Naivität Vorgänge aus der Erwachsenenwelt (Streit zwischen den Eltern, Affäre der Mutter) beschreibt, aber nicht richtig zu interpretieren weiß oder erst mit der Zeit versteht. 7/10 MARTIN ZELLHOFER

Breece D’J Pancake Stories

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(WEISSBOOKS.W) Es ist ein lobenswerter und mutiger Schritt, wenn ein klei-

ner Verlag versucht, relativ unbekannte und bereits verstorbene Autoren aus übersee im deutschen Sprachraum einzuführen und vor dem Vergessen zu bewahren. Breece D’J Pancake aus West Virginia hat sich 1979, 26-jährig und vermutlich mit Absicht erschossen. Stimmen die Angaben im World Wide Web, hat Pancake zu Lebzeiten bloß sechs Kurzgeschichten veröffentlicht und weitere sechs fertig geschrieben. Das Gesamtwerk mit zwölf Geschichten liegt nun erstmals in deutscher übersetzung vor. Pancakes Geschichten spielen irgendwo im Nirgendwo, an trostlosen Orten, von denen man noch nie gehört hat und die man auch nie besuchen möchte. Die meisten der Storys sind emotionslos erzählte Momentaufnahmen, die scheinbar wahllos an beliebiger Stelle kurz das Leben eines Protagonisten streifen und dessen Problem beladene Situation beleuchten. Mit keiner der handelnden Personen, den Farmern, Kumpeln oder Mechanikern, den Schlägern, Trinkern oder Mördern möchte man tauschen. Wie ein roter Faden ziehen sich Einsamkeit, zerschlagene Hoffnungen und vielfache Enttäuschungen der handelnden Personen durch die Geschichten. Eine Lösung der Probleme oder gar ein Happy-End gibt es nicht. Das ist auf fast durchgängig hohem Niveau gutes Kino im Kopf.

6/10 MARTIN ZELLHOFER

Elisabeth Hödl, Ralf B. Kort

Galatea. Kriminalroman

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(LEyKAM) Am Höhepunkt des Krimis »Galatea« sitzt Henze, Kiberer aus Wien,

betrunken in einem Schacht an der Grazer Peripherie und stellt fest, dass er zur Lösung des Falls auf die eigene Biografie und berufliche Umgebung zurückgeworfen ist: Die Antwort auf die Frage, wer yuri Ozelot ermordet und mit einem Tankstutzen im Hintern vor der Kaserne drapiert hat, ist in einem zwielichtigen Netzwerk zwischen Militär, Psycho-Seminar-Szene und eben auch Polizeiapparat zu finden. Das Autorenduo Hödl/Korte erfüllt die formalen Ansprüche des Genres bei Weitem über und schafft es zugleich, eine ausufernde Handlung zielstrebig voranzutreiben. Der Spannungsroman funktioniert auch als politisch aufgeladene Moritat und als gewagtes Spiel mit Erzählperspektiven. Insofern aber nicht das Dialogische den Erzählton angibt, sondern das stetig Kreisende des inneren Monologs, lässt sich von einem gelungenen Gegenentwurf zu Wolf Haas’ »Brenner«-Büchern sprechen. Wann kommen Fortsetzung und Verfilmung?

Sachen, die wir mögen. Zum Kaufen. Für dich. MAGAZINE — ABOS — MERCHANDISING — TICKETS — AUSERWÄHLTES

8/10 STEFAN SCHMITZER

Karl Ove Knausgård

Sterben

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(LUCHTERHAND) Dieser erste Roman einer auf sechs Bände angelegten ra-

dikalen Autobiografie machte den heute 42-jährigen Norweger schlagartig berühmt. Schonungsloser und weniger redundant als Peter Kurzeks ähnliches Vorhaben gerät dieses Erinnerungsepos, das dem Autor aber ebenso Kritik seitens der Porträtierten bescherte, da er unter Verwendung von Echtnamen auch deren Leben ausbreitet. In diesem ersten Band nun stehen sein Vater, mit dem er in den letzten Jahren keinen Kontakt mehr hatte, und dessen Tod im Mittelpunkt. Ihm und seinem Bruder bietet sich beim Betreten des Sterbehauses ein ähnliches Bild, wie man es zuletzt im Dokumentarfilm »Sieben Mulden und eine Leiche« (2007) sah: Der Schwerstalkoholiker hatte zuletzt mit seiner Mutter inmitten Hunderter Flaschen, Dreck und menschlichen Auswürfen gehaust. Knausgård bettet diese pietätlos harten Schilderungen in eine Retrospektion der gesamten Familienverhältnisse, wo vieles im Argen lag, was vor allem mangelnder Kommunikation geschuldet war. Dass daraus kein Sozialporno wurde, ist dem ausgewogenen Blick des Autors, der auch Freuden und Zärtlichkeiten zeigt, und seiner hochpoetischen und dennoch kraftvoll klaren Sprache zu verdanken. In diesem Gesellschafts- und Familienuniversum lassen sich emotionale Konstellationen und Prägungen finden, die auch allgemein gültig sind, was dem Erzählprojekt eine emphatische Nachvollziehbarkeit verleiht. Ein faszinierendes Stück Weltliteratur!

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10/10 ROLAND STEINER

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Abt. comic Kurt Busiek, Stuart Immonen Superstar: as seen on T.V.!

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( I DW P UBLISHING) Kurt Busiek ist alles andere als ein schlechter Autor. Ganz im Gegenteil. Sein »Astro City«-Epos ist eines der besten und innovativsten Comic Books in Sachen Superhelden. Dass aber auch große Autoren nicht durchgehend von der Muse geküsst werden, sondern gelegentlich einem Handwerk frönen – Stephen King hat dazu ausgiebig Stellung bezogen – beweist »Superstar: as seen on T.V.!«. Kein schlechtes Konzept: Superheld bezieht seine Kräfte aus Bioenergie, von Fans gespendet; Vater ist Medienmogul, macht Sohn populär, um ihm mehr Fans und dadurch mehr Energie zu verschaffen, aber auch aus Gier; Sohn kann damit nicht umgehen, gespanntes Familienverhältnis; ein etwas durchgekauter Standardwidersacher, eine kleine Krise. Presto! Aber leider übersteigt das Gesamtergebnis die konzeptionelle Phase kaum. Sicherlich, Stuart Immonen verleiht dem Comic den angemessenen Anstrich, die Dialoge könnten bei Weitem schlechter sein. Und dennoch, von Busiek ist man Vielschichtigeres gewöhnt. Das wird hier vermisst. Als Testlauf für den Charakter vertretbar, aber als eigenständiges Comic Book nicht ohne Einwände. Vielleicht begegnen wir Superstar allerdings in den Seiten von »Astro City« wieder, wo er sich dann etwas mehr entfaltet. Zu hoffen wäre es. 5/10 NURI NURBACHSCH

Pascal Girard reunion

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Sascha Hommer dri Chinisin

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( D R AW N & QUARTERLy) Es gibt Gewinner und es gibt Verlierer. Manchmal werden Gewinner im Lauf der Zeit zu Verlierern und manchmal andersrum. So sieht es Pascal und eine Einladung zum zehnjährigen Maturajubiläum lässt für ihn einige unverdaute Brocken an Gewinner- und Verlierertum wieder auftauchen. Sein zerbrechliches Ego, so abhängig von der Wertschätzung anderer, aber auch verfangen in den eigenen Konstruktionen, widersteht der Situation nicht besonders gut. Zwanghaft dem Gedanken folgend, es seinen alten Schulkollegen beweisen zu müssen, dass er ein Gewinner ist, beginnt Pascal von einer unangenehmen Situation in die nächste zu stolpern. Seine Mangel an sozialer Intelligenz ist dabei nicht hilfreich und bald findet er sich dort wieder, wo er sich so gar nicht sehen will: als Verlierer. Aber wer außer ihm hat sich eigentlich wirklich dafür interessiert? Pascal Girard zieht seine zittrigen Striche um diese fiktive biografische Episode, als wollte er das fragile und unsichere Wesen des Pascal auf diesen Seiten nicht nur betonen, sondern weiter verunsichern und quälen. Eine ausgezeichnete und tragikomische Selbstanalyse des Kanadiers. 8/10 NURI NURBACHSCH

( R E P R O DUKT) In »Dri Chinisin« führt uns Sascha Hommer durch ein alltäglich-abstraktes Geschehen. Vielleicht sind es Fragmente einer Biografie, die durch sechs zufällig oder sogar bedacht ausgewählte Sätze der Autorin Brigitte Kronauer zusammengehalten werden. Wir haben es mit einem distanzierten Beobachter zu tun, der manchmal in Ich-Form spricht, doch nie ganz in das beschriebene Geschehen involviert zu sein scheint. »Dri Chinisin« ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung, die das Wahrgenommene ununterbrochen transformiert und sprunghaft den Fokus der Aufmerksamkeit wechselt. Für den Blick des Erzählers ist die Welt noch nicht zu den allgemeinen Kategorien gefroren, die unseren Wahrnehmungen ihre konventionelle Form geben. Alles scheint noch irgendwie im Fluss zu sein, unfertig. Die Welt zerbricht in abstrakte Formen, geometrische Linien, stark kontrastierte Flächen. Den strengen geometrischen Formen stehen die übergroßen und wabern-

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Shigeru Mizuki onwards Towards our noble deaths ( D R AW N & Q UA RT E R Ly )

rabaul, bitterer Tod

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mizuki erzählt von der Absurdität jenes Krieges, den er überlebt hat. dabei vergießt er auf jeder Seite eine Träne, lacht aber zugleich auch herzhaft. Zweiter Weltkrieg. Die japanische Armee hat in Rabaul auf Papua Neu Guinea einen Stützpunkt errichtet. Da sind die Soldaten, mit ihren komischen Gesichtern, ihren Sorgen und albernen Pos­ sen. Als Karikaturen gezeichnet, als Menschen porträtiert. Manche sind Nationalisten, viele sind es nicht. Einige sind freiwillig in den Krieg gezogen, die meisten wurden einberufen. Sie sind die universelle Form des tragikomischen Soldaten, der brave Soldat Schwejk, nur dass Witz und Geris­ senheit sie nicht retten können. Sie werden in den Suizid befohlen. Hinter ihnen bricht die Realität auf den Seiten des Manga. Wie von Fotografien kopiert sind dort Palmen und der Urwald, Waffen und Gebäude zu sehen, die Wolken und Bomben und Explosionen. Aber die Bomben scheinen hier den Riss in der Wirklichkeit zu flicken, denn die Karikaturen werden zu Leichen und die Leichen, die auf dem verkohlten Boden liegen, sehen auch aus wie auf Fotos. Was ist echt? Die Karikatur des Menschen oder dessen Leiche? Shigeru Mizuki hat den Zweiten Weltkrieg überlebt. Er verlor dabei einen Arm, aber nicht seine Lebensfreude, wenn man vom Foto auf dem Einband von »Onwards Towards Our Noble Deaths« schließen darf. Er ist einer der populärsten Mangaka, schon früher aktiv als Osamu Tezuka sogar und trotz seiner 89 Jahre immer noch produktiv. 1973 veröffentlichte er »Soin gyokusai seyo!«, das jetzt zum ersten Mal von Drawn & Quarterly ins Englische übersetzt und veröffentlicht wurde. Mizuki fiktionalisierte darin seinen eigenen Einsatz auf Papua Neu Guinea und das Grauen, das er dort erlebt hatte. Der Humor, den er im Angesicht menschenverachtender, lebensvernichtender Politik und Megalomanie entwickeln konnte, stimmt einen demütig. Er benutzt dieses Werkzeug nicht, um gegen »den Krieg« als entkörperten Dämon der Zivilisation zu wettern, sondern wendet sich gegen den eigentlichen Kern des Übels. Sein Protest richtet sich gegen eine Ideologie, in der abstrakte Machtansprüche entfernter Generäle durch das Blut der Soldaten zementiert werden und geht dorthin, wo die schleierhaften Gründe des Kampfes, überhaupt nicht mehr, nicht einmal in den kleinsten Spuren, fassbar sind. So zeigt er uns die Karikaturen von Menschen, denn im Krieg sind sie keine echten Menschen, so­ lange sie noch am Leben sind, sondern erst, wenn sie in den Tod geschickt werden. Dabei singen sie ein Lied über das schwere Los der Huren in den Bordellbaracken der Stützpunkte. Und man weiß nicht, ob sie letztlich nicht über ihr eigenes Schicksal singen. 10/10 NURI NURBACHSCH

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den Köpfe der Figuren gegenüber, die uns in dem Band begegnen. Hommer experimentiert hier mehr als in seinen bisherigen Werken, vergisst dabei aber nicht den Humor, der sich insbesondere aus den schnellen und unvermittelten übergängen und originellen Betrachtungen speist. Empfehlenswert für alle, die sich im alltäglich Abstrakten wohlfühlen. 7/10 ALExANDER KESSELRING

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Abt. Games

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drift-Kunststücke und Handling-expertise

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Codemasters betont wieder die simulationslastigeren Wurzeln der Serie und überzeugt mit einem herausragenden Handling. Perfektioniertes racing-Gameplay nicht nur für Genre-Fans. »Dirt« hat seine Rally­Spiel­Wurzeln (»Colin Mc Rae«) nie verleugnet, sich vor allem im letzten Teil aber weit in Richtung Zugänglichkeit und Präsentation vorgewagt. Mit dem aktuellen Nachfolger gelingen der Spagat und die Rückkehr zu einer leicht simulationslastigeren Herangehensweise. Für Nicht­Könner bleibt das Balancing eine Einstiegshürde: Auf Schwierigkeitsstufe Anfänger sind alle Fahrhilfen eingeschaltet und es ist beinahe unmöglich, nicht als Sieger auf der Treppe zu landen. Aber schon als Amateur hat man einiges zu tun und findet sich nicht gleich zurecht. Man bleibt auch nicht ewig Neuling und genau ab diesem Zeitpunkt spielt »Dirt 3« seine Stärken aus. Das Handling macht richtig Freude und gibt ebenso wie die wenigen, aber sinnvollen Einstel­ lungsmöglichkeiten gut abgestimmtes Feedback. Die Strecken sind gelungen, die Aufgaben abwechslungsreich und der Spielverlauf angenehm schlank. Es gilt durch gute Ergebnisse und in Rennen erbrachte Aufgaben Ruf­ Punkte zu sammeln und so aufzusteigen. Jede neue Stufe bringt neue Autos, die von Teams angeboten werden und nicht über ein zusätzliches Geld­System gekauft werden müssen. Darüber hinaus wurde Gymkhana als motorisierter Trendsport implementiert und es gilt nun ‒ ganz wie Ken Block ‒  mittels Drift­Kunststücken weitere Punkte zu sammeln. Für Genre­Kenner ist »Dirt 3« ein Genuss, der online oder gegen Freunde für heiße Rennstunden sorgen wird. Neulinge brauchen anfangs wohl ein bisschen, werden dann aber mit herausragen­ dem Racing­Gameplay belohnt. 8/10 MARTIN MüHL

Dirt 3 ( C O D E M AST E R S ) ; x B Ox 3 6 0 G E T EST E T, P S 3 , P C ; W W W. C O D E M AST E R S . C O M

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Abt. Games MEHR REVIEWS WWW.theGAp.At GROSSES ARCHIV

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Brink

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( S P L AS H DAMAGE); xBOx 360 G E T ESTET, PS3, PC; WWW.BRINKTHEGAME.COM

Splash Damage haben sich einen Namen gemacht, indem sie zuerst als Community Online-Add Ons für Shooter und später Games- und Add Ons gemeinsam mit id und Activision entwickelten. Mit ihrem ersten eigenen Titel setzen sie genau dort an: »Brink« will, nicht ganz unähnlich zu »Borderlands« und anderen Spielen, die Grenzen zwischen Offlineund Online-Spiel verschwinden lassen. Inhaltlich geht es um zwei Parteien – die Ordnungshüter und die Revolutionäre – die um die Vorherschaft auf einer verlassenen Insel-Stadt kämpfen. Das Gameplay ist variantenreicher, ähnelt aber dem eines klassischen Online-Shooters. Allerdings wurden für die Kampagne die einzelnen Missionen mit einer Rahmenhandlung versehen und das Spielgeschehen mit einigen Features wie Parcour-Einlagen aufgefettet. Vieles an »Brink« überzeugt und macht richtig Spaß – aber wohl in erster Linie Genre-Kennern. Diese können neue Features wie die Klassen- und CharakterEntwicklung richtig genießen. Unbedarfte werden im zuweilen hektischen Teamplay zu wenig Taktik und Linie erkennen und sich darüber hinaus an unpolierten Details wie etwa der Gegner-Ki stören. Splash Damage ist ein außergewöhnliches Spiel gelungen, das die Kernzielgruppe wohl großteils begeistert, dessen Coolness sich für andere aber nicht automatisch in ein gelungenes Spielerlebnis überführen lässt. 7/10 MARTIN MüHL

Cabela’s Dangerous Hunts 2011

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( ACT I V I SION); xBOx 360 (GETESTET), PS3, WII; W W W. N UMBERONEHUNTINGGAMES.COM

Jagdfreunde aufgepasst: Hier gibt es massenhaft wilde Tiere, die um den Abschuss betteln. Dank fetter Wumme fühlt sich das Wildern richtig gut an, trotz kleinerer Lags. Abwechslung und eine nachvollziehbare Geschichte werden nicht geboten. Und Tierfreunde protestieren. 6/10 STEFAN KLUGER

Conduit 2 ( H I G H VOLTAGE/SEGA) W I I ; W WW.SEGA.COM/GAMES/CONDUIT-2

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Ein zu keiner Zeit überragender Ego-Shooter, der jedoch mit Mehrspieler-Action, Steuerung und eigenwilligem Trash-Appeal punktet. Die Technik ist verbesserungsbedürftig, das Gegnerverhalten keine Glanzleistung. Manchmal wuseln so viele Aliens herum, dass kaum Zeit zum Zielen bleibt. 7/10 STEFAN KLUGER

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Mortal Kombat

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(NETHERREALM / WA R N E R ) ; GETESTET, xBOx 3 6 0 ; WWW.THEMORTA L KO M BAT. C O M

Pflanzen gegen Zombies

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( P O P CA P ) ; D S G E T EST E T, P C ; W W W. P O P CA P. C O M / GA M ES / P V Z

Das neueste »Mortal Kombat« ist eine Rückbesinnung an längst vergangene Tage. An Zeiten, in denen kompromisslos brutal geprügelt und gefinished wurde. Und siehe da, das geht auch im Jahre 2011 – sogar in 2D. Vergessen sind die zahlreichen SerienMissgeschicke, von öden 3D-Ausflügen bis hin zur streichelweichen Prügelei gegen DC-Helden. Den Vorwurf, die Serie zeichne sich nur durch Gewaltdarstellung, nicht durch Spieltiefe aus, musste sich Entwickler NetherRealm (früher Midway) dennoch gefallen lassen. Früher. Denn das neue »Mortal Kombat« ist nicht nur old-school, sondern in manchen Bereichen auch ziemlich fortschrittlich; das Kampfsystem ist facettenreicher und das Balancing besser als je zuvor. Es bietet auch geübten Spielern viele Freiheiten, wenngleich es nicht ganz so raffiniert wie ein »Super Street Fighter IV« ist. Dafür ist »Mortal Kombat« cooler und spannender. Vor allem Kämpfe gegen menschliche Gegner, sei es on- oder offline, werden schnell schweißtreibend, wenn gemeine Spezialattacken des Gegners drohen. Und die übertrieben abgedrehten Fatalities sind nach wie vor das Salz in der Suppe: Einmal ausgeführt, ist der Gegner buchstäblich zerstört. Die Story bei Beat’em’Ups bedarf in der Regel keiner Erwähnung, zu nachlässig gehen die Entwickler damit um (»Street Fighter«) oder zerstören die Atmosphäre mit purem Kitsch (»Tekken«, »Soul Calibur«). Auch diese Geschichte strotzt vor Klischees und vorhersehbaren Wendungen – und sie ist nicht einmal besonders gut erzählt. Doch es ist dieser trashige Charme, der die Erzählung aus der Bedeutungslosigkeit holt. Wie geht es weiter?, fragt man sich womöglich zum ersten Mal in einem Prügelspiel. Neben zahlreichen Modi bietet der Titel eine Fülle an freischaltbaren Extras, die für wochenlange Beschäftigung sorgen. Zudem eignet sich der Prügler nicht nur für Profis; auch Einsteiger sollten der Serie definitiv eine Chance geben. Schließlich ist es das beste »Mortal Kombat« aller Zeiten. 9/10 STEFAN KLUGER

Lego Pirates Of The Caribbean

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(DISNEy); xBOx 360 (GETESTET), PS3, WII, 3DS, PSP; WWW.LEGO.COM/PIRATESOFTHECARIBBEAN

Routinierte Action mit wenig Neuerungen, die Fans aber genau das bietet, was sie sich von Lego-Abenteuern erwarten: sammeln, kämpfen, rätseln – und den einen oder anderen Lacher. Sollte man zu zweit erleben. 7/10 STEFAN KLUGER

Gelegentlich spielen auch wahre Gamer das eine oder andere Casualspiel. Zum Beispiel »Pflanzen gegen Zombies«, dessen simples Gameplay suchterzeugend ist. Dabei ist es eine mittlerweile altbekannte Formel, die Entwickler PopCap hier anwendet. »Tower Defense« nennt sich die Spielart, wo Wellen von Gegnern abzuwehren sind. In diesem Fall wollen fiese Zombies das Gehirn des Spielers fressen, und nur sein geliebter Garten steht zwischen diesem grässlichen Vorhaben. Genauer gesagt die Pflanzen, geschickt zu Verteidigungslinien formiert. Da gibt es beispielsweise Erbsenkanonen, explodierende Kirschen und fleischfressende Pflanzen, insgesamt 50 verschiedene Einheiten, die gegen Untote wirken. Unterschiedliche Strategien können zum Sieg führen, wobei es in höheren Levels schon mal hektisch wird. Dennoch funktionieren die Schlachten auch am kleinen Bildschirm erstaunlich gut. Neben dem exzellenten Spielfluss und der feinen Balance sind es vor allem die Gegner, die »Pflanzen gegen Zombies« strahlen lässt. Die sehen nicht nur komisch aus, jede Einheit verfolgt auch eine spezielle Strategie, um durch den Garten ins Haus zu gelangen. Besonders herausragend: der tanzende Zombie samt Gefolgschaft – der King of Pop lässt grüßen. 8/10 STEFAN KLUGER

Tiger Woods: PGA Tour 12 Masters

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( E A S P O RTS ) ; x B Ox G E T EST E T, P S 3 , W I I ; W W W. E A . C O M / T I G E R -WO O D S /

Das Update der Golf-Game-Referenz glänzt mit schönen Oberflächen, begeistert aber nur jene, die bereits Freunde des Sports sind. 7/10 MICHAEL KIRCHDORFER

Thor ( S EGA ) ; x B Ox 3 6 0 G E T EST E T, P S 3 , P C, W I I , D S ; W W W. S EGA . D E / T H O R / D E /

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Pünktlich zum Filmstart der Marvel Comic-Adaption schwingt die nordische Superhelden-Gottheit nun auch auf Konsole und PC den Hammer. Trotz durchaus ernstzunehmender Versuche seitens der Entwickler, dem Spiel etwas Tiefe zu verleihen – etwa durch den Einbau eines RPG-artigen Fertigkeitenbaums, in dem man Attribute wie Kombo-Attacken und Magie schrittweise perfektionieren kann – leider ziemlich uninspiriert dahingeklatscht. Wer in die Rolle des hünenhaften Superhelden schlüpfen möchte, sollte lieber mit »Thor«- Actionfiguren spielen. 3/10 MICHAEL KIRCHDORFER


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Termine Musik

17.06.2011

WARM UP BADESCHIFF WIEN

21:00 (FREE ENTRY)

Joseph Mount (rechts) hat den New-Rave-Hype überstanden. Metronomy waren dafür immer schon zu drahtig und melodisch. Empfehlung beim Stuck Festival.

Stuck Festival

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Im Rockhouse Salzburg findet im August zum zweiten Mal das Stuck Festival statt. Auch diesmal wartet es mit einem exzellenten internationalen Line-up auf. Über Electro, Gitarrenrock, Noisepop bis hin zu ruhigeren Singer/Songwriter-Klängen erstreckt sich das Programm. Mit dabei sind Metronomy, die 80ies Synthie Sounds mit Krautrock und Pop mischen, und auch die isländischen Electropopper von FM Belfast werden ihre Live-Qualitäten unter Beweis stellen und das Publikum zum gemeinsamen Tanzen animieren. Als österreichische Bands mit von der Partie sind Bilderbuch und Francis International Airport. Für anhaltende Party-Stimmung wird nach den Konzerten das 10-köpfige DJ Kollektiv des Yeah! Club sorgen. 4.–6. August Salzburg, Rockhouse

Parkwächter Harlekin

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Jack by The Gap

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Auf geht es in Runde zwei: Nachdem Jack auch mit HipHop einiges am Hut oder besser gesagt am Kapperl hat, lädt der Club im neu eröffneten Morisson den Anti Big Pun aus Niederösterreich ein: Parkwächter Harlekin macht per Eigendefinition konzeptionell verstopfte HipHop-Sachen aus den schwefeligen Tiefen der Kurstadt Baden. Fritz Ostermayer hat im Sumpf einen Narren an ihm gefressen und sein Track »Exil« vom gleichnamigen Album aus dem letzten Herbst erreichte sogar die FM4-Charts. Sein opulenter Live-Auftritt wird umrahmt von Muzikfranz und Spondaniel von den Freestyle-Furioso, sowie Resident-DJ Moogle. Jack is the one. 24. Juni Wien, Morisson Club

bild Christian Bazant-Hegemark

28.09. – 02.10.2011

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093 Parov Stelar

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Einer der erfolgreichsten Elektronik-Exporte aus Österreich ist am 1. Juni in Wien zu sehen: Anlässlich einer der ersten größeren Performances in der Rinderhalle Neu-Marx wird Parov Stelar seinen unverkennbaren jazzigen Elektronik-Sound mit Popanleihen gemeinsam mit Band zum Besten geben. Neben diesem einmaligen Hauptact des Abends stehen auch Gramophondzie, Alexander Ryba, Pat Poree und Ava Takes A Walk auf der Bühne. 1. Juli Wien, Rinderhalle Neu-Marx

Jacuzzi Festival

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Das Jacuzzi Festival geht im Juli 2011 zum zweiten Mal über die Bühnen des WUK. Vier Tage lang finden Performances, Live-Auftritte und partizipative Partyformate statt. Die thematische Klammer der verschiedenen Kunstdarbietungen bildet diesmal die Frage nach der Partizipation gesellschaftlicher Prozesse. Dabei wird u.a. Fanny Futterknechts Performance »I Almost Loved You« zur Aufführung gebracht, die Laokoongruppe wird live performen und Julius Deutschbauer seine Besentanzdisco präsentieren. 6. –9. Juli Wien, WUK

Pantha du Prince

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Nachtschwimmer, der Mittwochs-Club in der Pratersauna, holt Pantha du Prince nach Wien. Auf seinem aktuellen Album »Black Noise« verbindet der ehemalige Stella-Bassist Gegensätze wie akustisch vs. synthetisch oder catchy vs. abgründig. Das schwarze Rauschen als unhörbares Geräusch vor einer Katastrophe – Pantha du Prince nimmt dies als Ausgangspunkt für seine von Minimal und Detroit Techno inspirierten Klangwelten. Hendrik Weber präsentiert seinen neuartigen Clubsound live in der Pratersauna. 22. Juni Wien, Pratersauna

Joan As A Police Woman

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Der aus Kalifornien stammende Produzent & DJ Steve Ellison alias Flying Lotus beehrt Anfang Juli Wien mit einem seiner äußerst raren Live-Gigs. Der Großneffe von Alice Coltrane experimentiert für seine Tracks mit wobbeligem HipHop, Jazz und Electro. Als Produzent zeichnet er u.a. für Gonjasufis »A Sufi And A Killer« verantwortlich. Dorian Concept & Richard Spaven stehen ebenfalls auf der WUK-Bühne. Ein definitiv sehr außergewöhnlicher Abend. 12. Juli Wien, WUK

_ Owen Pallett

Joan Wasser ist eine amerikanische Singer/Songwriterin, deren Talent bereits von Rufus Wainwright erkannt wurde. 2000 holte der Sänger Joan in seine Band. Schon bald durfte sie den Support für die Shows übernehmen, wodurch Musikproduzenten auf die klassisch ausgebildete und mit Punk sozialisierte Musikerin aufmerksam wurden. Seitdem hat sie bereits mit Größen wie Lou Reed oder Antony & The Johnsons kollaboriert. Anfang 2011 erschien nun ihr neuestes Album »The Deep Field«. 13. Juli Wien, WUK

Amy Winehouse

Flying Lotus

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Das Ausnahmetalent Owen Pallett spielte sich mit seinem Projekt Final Fantasy in unsere Herzen. Wunderbare Violin-Melodien treffen auf verspielte Loops. Ein außergewöhnliches Klangerlebnis, das hier erwartet werden darf. Live holt sich der talentierte Herr diesmal Verstärkung von einer Band. Gemeinsam werden sie neben älteren Songs natürlich vor allem die Songs von Owen Palletts drittem Album »Heartland« präsentieren. 21. Juni Wien, Planet.tt Bank Austria Halle

_ _ Battles Die bei Warp beheimatete US-amerikanische Math-

Am 24. Juli findet die Nova Jazz & Blues Night in Wiesen statt. Dabei tritt auch die vielseitige und talentierte britische Sängerin Amy Winehouse im Rahmen ihrer Comeback-Tournee auf. Abseits all ihrer Skandale stellt sie erstmals auch in Österreich live ihre Wahnsinns-Stimmqualitäten unter Beweis. Ebenfalls zu sehen an diesem Abend: Aloe Blacc, Keziah Jones, Zaz und Ben L’Oncle Soul. 24. Juli Wiesen, Ottakringer Arena

rock-Band Battles kommt mit ihrem neuen Album »Gloss Drop« in die Wiener Arena. Und auch wenn ihr Sänger und Keyboarder Tyondai Braxton auf diesem Album nicht mehr mitwirkte, bleibt sich die Band weiterhin treu und vermeidet auch auf ihrem neuesten Werk Mittelmäßigkeit und die Einordenbarkeit in stilistische Schubladen. Experimentierfreudigkeit gehört bei dieser Band einfach zum Programm. 6. Juli Wien, Arena


jeunesse jazz+ experimental saison 2011|12

termine Kultur

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jetzt im Abo-Vorverkauf auf

www.jeunesse.at

Elliott Sharp Special Avishai Cohen Peter Evans Studio Dan Satoko Fujii Min-Yoh Ensemble Christian Fennesz Champ d‘Action Gareth Davis & Machinefabriek u. a. Ab Herbst 2011 im Porgy & Bess Porgy & Bess und ORF RadioKulturhaus

saison

2010|11

Zur Eröffnung von »The Morning Line« wird am Wiener Schwarzenbergplatz eine kolossale Skulptur aufgestellt. Ab 7. Juni auch mit zahlreichen Live Performances.

The Morning Line

Imposante 10 Meter hoch und 20 Meter lang ist die Klangskulptur, die von der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary am Schwarzenbergplatz aufgestellt wurde. Entworfen wurde das schwarze Aluminium-Ungetüm vom New yorker Künstler Matthew Ritchie. Als kollaborative, interdisziplinäre Plattform entwickelt, bietet dieser multidimensionale Tonraum die Möglichkeit, das Wechselspiel von Kunst, Architektur, Musik, Mathematik, Kosmologie und Wissenschaft zu erforschen. Wer das mit der Kosmologie nicht auf Anhieb versteht, bekommt trotzdem keinen Punkteabzug. Zusätzlich findet ein viertägiges Festival für zeitgenössische Komposition statt. FestivAL For spAtiAL souNd ANd AdvANCed musiC erÖFFNuNG: 7. JuNi 8.–11. JuNi Wien, Schwarzenbergplatz; www.tba21.org

Poolinale

klassik jazz world neue musik kinderkonzerte

(01) 505 63 56 www.jeunesse.at

Das Subgenre Musikfilm hat sich im Zeitalter von youtube und aus der Not der sich verändernden Marktbedingungen heraus neu erfunden und definiert. Den Themenrahmen des ersten österreichischen Musikfestivals bilden Filme von, mit und über Musikschaffende. 17.–19. JuNi Wien, Topkino; www.poolinale.at

It Still Amazes Me That I Became An Architect

Mamadou Diabate‘s

Percussion Mania DJ-Line designed by John Megill

30.06.

Donnerstag | 20:00 Einlass | 21:00 Beginn Badeschiff Wien | Eintritt Euro 5,–

Wildwüchsiger Immobilienboom, kitschige Oligarchen-Paläste, Prunkbauten in Anlehnung an westliche Standards inmitten von Plattenbauten zählen zum heutigen Stadt- und Landschaftsbild Russlands. Im Widerstand dagegen ist Alexander Brodsky ist die herausragende Figur einer künstlerischen und architektonischen Position, die sich dem Mainstream verweigert. erÖFFNuNG: 29. JuNi, 19.00 uhr AussteLLuNG: 30. JuNi–5.oktober Wien, Architekturzentrum Wien; www.azw.at

Der Seifenblasenturm

Im Juli steigen aus dem stillgelegten, ca. 40 Meter hohen Schlot auf dem Areal der Firma Feller täglich um zwölf Uhr für fünf Minuten Seifenblasen auf. Die vielen, größtenteils ungenutzten Schornsteine sind markante überbleibsel der Industrialisierung und verleihen der Umgebung ihren typischen Industrie-Look. Die Seifenblasen stellen auf skurril ästhetische Art Visionen, Träume und Wünsche dar und stehen gleichzeitig auch für Vergänglichkeit und Inhaltslosigkeit. täGLiChe perFormANCe: 12.00 uhr 1.–31. JuLi Günselsdorf, Wärndorferstraße 3; www.viertelfestival-noe.at/seifenblasenturm

Beirut ab Herbst

2011

78plus | Willi Landl Band | Nifty’s … und mehr!

www.jeunesse.at | (01) 505 63 56

Detroit war schon dran. Jetzt ist Beirut an der (Städte-) Reihe der Kunsthalle, die sich mit Metropolen im Wandel auseinandersetzt. Beirut ist von jahrzehntelangen Bürgerkriegen und anderen bewaffneten Auseinandersetzungen gezeichnet. Der Ausstellungsschwerpunkt liegt deshalb auf Künstlerinnen, die die Themen Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung als Dispositive emanzipatorischen Handelns bearbeiten AussteLLuNG: 29. JuNi–28. AuGust


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Termine Galerien

HIGHLIGHTS JUNI

REDAktion Stefan Tasch

DO. 09.06. 20:00 | IMPRO

DIE IMPROPHETEN ... PLAY BIG FR. 10.06. 20:00 | WORLD / DUB

LA CHERGA

/ DANCE

SA. 11.06. 20:00 | KABARETT

DIDI SOMMER: DU SAU

»Out Of Projection«, 2008-2010, Collage, 66,5 × 100 cm, courtesy Georg Kargl Fine Arts, Wien

»Never Move Far From Color«, 2011, Neon, 245 × 204 × 6 cm, Galerie Nikolaus Ruzicska, Salzburg

David Maljkovic

Maurizio Nannucci

Der 1973 in Kroatien geborene Künstler David Maljkovic beschäftigt sich in seinen Installationen, Videos und Collagen mit dem Transformationsprozess seiner ehemals kommunistischen Heimat hin zu einer kapitalistischen Gesellschaftsform. Der modernistische Fortschrittsglaube, der im Sozialismus mit teils radikalem, experimentellem Gedankengut einherging, bildet oft die Grundlage seiner Arbeiten. Die hier abgebildete Arbeit »Out Of Projection« ist ein Film-Still aus einer Videoinstallation, die erstmals 2009 im Museum Reina Sofia in Madrid gezeigt wurde. Der Film wurde in Frankreich auf der Teststrecke des Peugeot Hauptquartiers in Souchaux aufgenommen und zeigt ältere Ehepaare, die sich langsam zwischen den futuristischen Concept Cars bewegen. Als ehemalige Fabriksmitarbeiter fungieren sie gleichsam als Medium zwischen der Vergangenheit und der Zukunft.

Der 1939 in Florenz geborene Konzept- und Lichtkünstler Maurizio Nannucci zählt neben Jenny Holzer zu den wichtigsten Vertretern der Neonkunst. Nannuccis künstlerische Entwicklung wurde schon früh durch die amerikanische Minimal Art und die Fluxus-Bewegung beeinflusst. Die Verbindung von Licht, Sprache und Raum zieht sich durch sein gesamte Werk und auch in der aktuellen Gruppenausstellung »Das Prinzip Meisterwerk« in Salzburg, zeigt der Künstler eine Arbeit, die die Grenzen zwischen Wortbild, Bedeutung und Farbe aufhebt. Erstmals verwendete der mehrfache Documenta-Teilnehmer auch fünf verschiedene Farben, die den Textinhalt »Never Move Far From Color« noch verstärken. Neben Druckgrafiken und der Gestaltung von Künstlerbüchern und Schallplatten gründete Nannucci auch ein Künstlerprojekt namens »Zona Archiv Editions«. Angeboten werden Editionen von u.a. Sol LeWitt, Ian Hamilton Finlay und Heimo Zobernig.

GEORG KARGL FINE ARTS Schleifmühlgasse 5, 1040 Wien 29. Juni–13. August

WIEN DANA CHARKASI Fleischmarkt 11, Griechenbeisl-Haus, 1010 Wien Bis 18. Juni Stefania Batoeva, Alexandra Galkina u.a. GALERIE ERNST HILGER Dorotheergasse 5, 1010 Wien 21. Juni–30. Juli 40. Jahre Hilger. Die Welt wie sie wirklich ist GALERIE ANDREAS HUBER Schleifmühlgasse 6–8, 1040 Wien 28. Juni–30 Juli Dan Rees GALERIE MARTIN JANDA Eschenbachgasse 11, 1010 Wien 22. Juni–30. Juli Jakob Kolding GALERIE KRINZINGER Seilerstätte 16, 1010 Wien Bis 07. Juli Vicenti Komitski, Miklos Onucsan u.a. GALERIE MOMENTUM Schleifmühlgasse 1, 1040 Wien Bis 18. Juni Manfred Grübl / Werner Schrödl. Copy Disaster GALERIE MEYER KAINER Eschenbachgasse 9, 1010 Wien Bis 18. Juni Thea Djordjadze GABRIELE SENN GALERIE Schleifmühlgasse 1A, 1040 Wien 28. Juni–30. Juli Hans-Jörg Mayer GALERIE HUBERT WINTER Breite Gasse 17, 1070 Wien 30. Juni–30. Juli Danica Phelps

DO. 16.06. 20:00 | KABARETT

SCIENCE BUSTERS: DIE PHYSIK DES PARANORMALEN FR. 17.06. 20:00 | KABARETT

MIKE SUPANCIC: TRAUMSCHIFF SUPANCIC SA. 18.06. 20:00 | PUNK

INARCADIA / ASTPAI / DARIUS MONDOP: PUNKORAMA # 27 SA. 18.06. 20:00 | ROCK

THE A.MEN / SEVEN SIOUX SA. 25.06. 20:00 | POP

SHOUT OUT LOUDS / DECKCHAIR ORANGE

GALERIE NIKOLAUS RUZICSKA Faistauergasse 12, 5020 Salzburg Bis 28. Mai

niedERÖSTERREICH GALERIE JÜNGER Pfarrgasse 1, 2500 Baden Bis 11. September Jakob Gasteiger, Franz Graf, Karl-Heinz Ströhle, u.a. uomini illustri / donne superbe OBERÖSTERREICH GALERIE 422 MARGUND LÖSSL An der Traunbrücke 9–11, 4810 Gmunden Bis 31. Juli Hubert Scheibl SALZBURG GALERIE THADDAEUS ROPAC Mirabellplatz 2, 5020 Salzburg Bis 31. Juli Alex Katz TIROL GALERIE ELISABETH & KLAUS THOMAN Maria-Theresien-Strasse 34, 6020 Innsbruck Bis 28. Juni Maria Brunner VORARLBERG GALERIE LISI HÄMMERLE Anton-SchneiderstrAsse 4a, 6900 Bregenz Bis 25. Juni Gabriele Fulterer, Christine Scherrer. What can’t be decided STEIERMARK GALERIE EUGEN LENDL Bürgergasse 4/1, 8010 Graz Bis 16. Juli Barbara Anna Husar KÄRNTEN GALERIE 3 Alter Platz 25, 2. Stock, 9020 Klagenfurt Bis 15. Juli Hans Staudacher / Béla Szakáts. Konfrontation IV

VORSCHAU HERBST:

24.09. JOOLS HOLLAND & FRIEN DS 29.09. KATHRIN RÖGGLA &

OLIVER GRAJEWSKI 29.09. MILLENCOLIN 05.10.–06.10. ANDREAS VITÁSEK 13.10. HANS SÖLLNER 22.10. HEIDENFEST 2011 27.10. JENNIFER ROSTOCK 29.10. NECKBREAKER’S BALL IV 17.11. K.I.Z. 25.11. LABRASSBANDA 26.11. INA MÜLLER & BAND

Das komplette Programm gibt’s auf www.posthof.at POSTHOF – Zeitkultur am Hafen, Posthofstr. 43, A-4020 Linz Info + Tickets: Fon: 0732 / 78 18 00 www.posthof.at


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Termine Festivals

3 Fragen an

david kreytenberg Co-Organisator Feschmarkt

Wo steht ihr im Vergleich zu ähnlichen Messen wie Modepalast, Vienna Design Week, H.o.m.e. Depot, Redesign Bratis­ lava, etc. ...? Wir stehen deutlich unter ihnen und das ist auch gut so. Es herrscht einfach noch ein viel zu großes Vakuum zwischen dem Start einer Idee und einer international bekannten Messe. Wir arbeiten mit Jungdesignern und Künstlern zusammen, die sich keine vierstelligen Standmieten leisten können und wir achten darauf, dass das auch langfristig bei uns nicht notwendig ist. Das heißt nicht, dass unsere Designer weniger Potenzial haben. Im Gegenteil, für viele unserer Designer ist das Feedback der Besucher und der damit verbundene wirtschaftliche Erfolg auf dem Feschmarkt vielleicht sogar der Schritt zur Vienna Design Week.

impulstanz

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Prometheus im Flammenkreis, ein Hund auf der Bühne und ein Mann im Aquarium. Das sind nur die spitzen Eckpunkte des diesjährigen Performance-Programms des Impulstanz Festivals.

Ihr wollt sehr viel auf einmal abdecken. Wie behält man da den Fokus? Wir möchten einen Markt gestalten, der jung und alt über mehrere Stunden fesselt und das ohne großartige Kosten für beide Seiten. Bei uns ist das Thema: Junges Design und Kunst von ortsansässigen Ausstellern. Keine internationalen Labels sondern strictly wir. Unsere Nachbarn, unsere Freunde. Und wenn die Bewerbungen aus anderen Städten so weiter gehen, gibt es eben bald auch einen Feschmarkt in Graz, Linz oder Budapest.

»Tanzt, tanzt … sonst sind wir verloren!« – Dieses Zitat von Pina Bausch könnte auch das Motto des größten europäischen zeitgenössischen Tanzfestivals sein. Neben dem Hauptaugenmerk auf Größen wie Jan Fabre, Marie Chouinard, Wim Vandekeybus und Anne Teresa de Keersmaeker gibt es neben Uraufführungen und Workshops einen Eröffnungsabend im Zeichen des Bollywood-Glamours im Museumsquartier. Der indische Star-Choreograf großer Film- und TV-Produktionen Terence Lewis zeigt mit »JHOOM« seine Auseinandersetzung mit Sein und Schein. Der größte Platz wird dem belgischen Künstler Jan Fabre eingeräumt: In Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum wird die Werkschau »Prometheus – Landscape II« gezeigt. Mit den »[8:tension] Young Choreographers’ Series« wird auch der nächsten Generation eine Bühne geboten.

19. juni Wien, Ottakringer Brauerei ► www.feschmarkt.at

12. Juli – 14. August Wien, diverse Locations

► www.impulstanz.com

bild impulstanz/danny willems

Wieviel Einreicher habt ihr und nach welchen Kriterien lehnt ihr auch ab? Bewerbungen haben wir so viele, dass der Posteingang meist verstopft ist. Abgelehnt wird nur die Massenproduktion. Wir versuchen auch darauf zu achten, eine abwechslungsreiche Mischung bei den Teilnehmern zu generieren. Oft gilt bei uns das »First come first serve«-Prinzip. Unser Ziel ist es, bei jedem Markt neue Teilnehmer zu präsentieren, dadurch wächst unsere Community stetig und damit auch das Projekt Feschmarkt.


NUMBER

Mit Redaktionsschluss war das Nova Rock Österreichs größtes Festival, wenn man nur nach der Zahl der Facebook-Fans geht. Auf den Plätzen folgen das Frequency mit 49.616 Likes, das Donauinselfest mit 48.623, das Urban Art Forms mit 35.376, und das Beat Patrol mit 22.118 Likes. Festivalkolosse wie die Salzburger Festspiele oder die Wiener Festwochen kommen lediglich auf unter 2.000 Fans.

Eines von vier: Graffiti-Writing auf höchstem Niveau wie hier von Ichiban.

FOuR ELEMEnTS cOnVEnTIOn _ Vom Insidertipp zur dreitägigen Convention mit über 100 Künstlern zum Thema HipHop herangewachsen. Die Four Elements Convention in Graz ist Österreichs größtes Festival im Sektor HipHop-Kultur. Dabei wird auf Community besonders viel Wert gelegt und auf lokale, nationale und internationale Artists zurückgegriffen. Gestartet wird dieses Jahr mit einer Aktion im öffentlichen Raum in Kooperation mit Caritas Jugendstreetwork am ersten Tag. Danach geht es mit Konzerten, Workshops, Lectures, Trainings und natürlich Open Decks, Mics, Walls, Floors und Cyphers locker über die nächsten zwei Tage. Neben Breakdance Project Uganda stehen Devine The Dude, Ben Sharpa und Oddateee als Highlights auf dem Programm. Peace. 30. JuNi – 3. JuLi Graz, diverse Locations

► www.fourelements.at

Styrian Summer Art

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Der Naturpark Pöllauer Tal wird zur kreativen Oase: In den 30 Workshops werden neben den klassischen Bildenden Künsten erstmals auch Theater, Tanz und Creative Writing angeboten. Für Profis und Amateure. 1. – 17. JuLi Naturpark Pöllauer Tal, Steiermark ► www.styriansummerart.at

Poolbar Festival

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So viel Musik und Kultur findet sich in keinem anderen Hallenbad der Welt: Von großen Namen bis Nischen kommt jeder der 20.000 Besucher innerhalb der sechs Wochen auf seinen Geschmack. 1. JuLi – 15. AuGust Altes Hallenbad, Feldkirch ► www.poolbar.at

BILD FOUR ELEMENTS, IDENTITIES

Sommerszene

»Unendlich frei« lautet das Motto der diesjährigen Sommerszene, bei der internationale Tanz-, Theater- und Performance-Produktionen nach Salzburg geholt werden. Ein freies Festival bei freiem Eintritt.

Als Gegenbewegung zur Gleichmacherei in der DDR setzte sich eine kleine Gruppe um Regisseur Marco Wilms in den Kopf, aus Wegwerfmaterial Mode zu machen.

IDEnTITIES

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Gleichberechtigung und Vielfalt gibt es nicht umsonst. Trotz Absprung von Sponsoren erstrahlt Wiens internationales Queer Film Festival »Identities« auch 2011 mit einem außergewöhnlichen Programm samt Gala, Premieren und interessanten Debüts. Während zehn Tagen wird in die Facetten aktueller Queer-Film-Produktion eingeführt: von schwulen Nazis in »Brotherhood«, über Rock’n’Roll-Gören in »The Runaways« bis hin zu exzentrischen Modegöttern in »Lagerfeld Confidential« ist die Bandbreite nur an den Rändern abgesteckt. Neben einem Fokus auf Brasilien gibt es auch eine ausgewogene Mischung an Kurz- und Dokumentarfilmen. 02. – 12. JuNi 2011 Wien, diverse Locations

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► www.identities.at

23. JuNi – 14. JuLi diverse Locations, Salzburg ► http://szene-salzburg.net/sommerszene

Espressofilm

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Einen Sommer lang werden in neuer Location im Herzen der Josefstadt an 16 Abenden 75 Kurzfilme gezeigt und mit 42 internationalen Gästen diskutiert, was diese Vielfalt zu bieten hat. 8. JuLi – 27. AuGust Gartenpalais Schönborn, Wien ► www.espressofilm.at


► KOLU M NE /  k now- not h i ng -g es e l l s c h aft ► Von Illbilly The K.I.T.T.

098

V

or einiger Zeit traf ich wieder meinen Maßschnei­ der und führte ein sehr angeregtes Gespräch mit ihm. Das klingt jetzt dandyesker als es ist. Den Herren kenne ich nämlich schon lange und ab und an näht er mir zu wirklichen Freundschaftspreisen ein Hemd und stänkert mich immer wegen meiner ‒ seinem geschul­ ten Kennerblick entgeht so etwas nämlich nicht ‒ etwas zu weiten Anzughosen an. Egal, er erzählte mir jedenfalls, dass neuerdings bei seinen männlichen Kunden der Wunsch be­ steht, den Schritt dezent, aber doch sichtbar auszustopfen, sodass es beim Sitzen wirkt, als hätte man eine ordentliche Fleischpeitsche unterm feinen Zwirn hängen. Ein Penisfut­ teral zum Protzen und Imponieren also. Wer’s im BusinessAlltag zu etwas bringen will, braucht heutzutage nämlich keine Eier mehr, sondern lediglich nur so zu tun, als hät­ te er welche. Ich musste lachen und erzählte ihm, dass es durchaus einen Grund für meine zu weiten Anzughosen gibt. Ich reibe nämlich in der Umkleidekabine immer ein wenig an meinem Pimperl herum. Nicht zu viel, aber genau rich­ tig, dass man eine ordentliche Beule erkennen kann, wenn man in die neue Hose schlüpft. Die Verkäuferinnen reagieren irgend­wie immer gleich, aber trotzdem jedes Mal anders. Sie raten mir bei der Hose dann zur nächsten, sehr schmeichel­ hafte Geschöpfe gar zur übernächsten Größe und einer Kür­ zung des Saums. Das Sakko bleibt aber die Nummer kleiner, denn man will ja nicht aussehen wie ein Clown. Da ich beim Kleidungskauf leicht zu lenken und beeinflussen bin, wahr­ scheinlich, weil Teile meines Bluts nicht im Gehirn zur Ver­ fügung stehen, wage ich nicht zu widersprechen und wirke in Anzügen oft wie eine lächerliche Schmalspurversion vom jungen MC Hammer. Soviel zum Clown. Nur einmal durch­ schaute eine Verkäuferin mein Treiben in der Umkleide und sorgte tunlichst dafür, dass die Hose perfekt passte. Mehr will und kann ich dazu nicht sagen, denn als ich meinem Maßschneider davon erzählte, lachte er nur, be­ schimpfte mich mit gottgleicher Grandezza, wie es eben nur einer vom Fach kann und fragte mich, warum ich mit solchen Blödheiten immer durchkomme? »Nun ja, ich habe trotz allem eine gute Kinderstube genossen«, erklärte ich sinngemäß. Wenn man sich zu benehmen weiß und ab und an auf Intuition und Sensibilität hört, kann man sich einiges erlauben. Manieren sind das halbe Leben. Zum Beispiel, wenn einmal bei der Fellatio, gewollt oder ungewollt, etwas daneben geht, reicht man der Dame einige Papiertaschentücher, oder ein sauberes Stück Stoff. Zum Bei­ spiel einen Umkleidekabinenvorhang. Die Entscheidung, wie

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und ob die Lackierung überhaupt weggewischt wird, bleibt der Lady überlassen. Übrigens: Keinesfalls hält man dafür Klopapier unter die Nase ‒ das könnte als entwürdigend auf­ gefasst werden. Ich will ja nicht als Sex-Elmayer oder Fick-Knigge in Er­ scheinung treten. Aber in Zeiten wie diesen, wo jeder gerne herausposaunt, unter Sexsucht zu leiden, ist mir aufgefal­ len, dass man nach Leitfäden und Richtlinien giert. Ich sag immer, dass man zuallererst in Würde wichsen lernen soll. Nur wer sich an Orten, wo niemand ist, wie ein Mensch zu benehmen versteht, kann auch auf die Umwelt losgelassen werden. Man muss also lernen, nachdem Orgasmen der Ona­ nie einem die Gesichtsmuskulatur ins Dämlichste entglei­ ten ließen, nach Wiedererlangen der Contenance die Spuren der Geilheit fachgerecht zu entsorgen. Wenn nicht, kann das beispielsweise auch noch Jahre später zu unangenehmen, um nicht zu sagen peinlichen Situationen führen. Ich wurde nämlich unlängst von einer älteren Bulgarin höf­ lich, aber doch mit sichtbarer Verständnislosigkeit in ihren Augen gefragt, warum ich denn um Himmels Willen diesen herrlichen, riesigen Stofftierelefanten wegzuwerfen gedenke. Ich musste, das will ich nur erwähnen, nämlich mein altes Kinderzimmer endgültig entrümpeln. Ich lüge nicht gut. Und bei alten Bulgarinnen fürchte ich, dass sie mich nicht nur sofort durchschauen, sondern auch gleich noch einen Fluch hinterher schicken, der sich gewaschen hat. Ich probier es aber dennoch bei ihr. »Milben, Motten, Läuse!« Sie glaubt mir kein Wort und will das Ding aus dem Müll zerren. Ich biete Geld, damit sie es nicht tut. Sie steigt nicht drauf ein und hat schon die Hand am Rüssel. Ich kann nicht mehr. »Dieser Elefant, innen voll mit Wixi Wixi!« Sie versteht nicht gleich. Ich hol Dumba, wie ich das geile, chubby Monstrum zärtlich taufte, noch mal raus und zeige ihr die herzhafte Öffnung im Plüsch, die mir so manche Pubertätsstunde versüßt hat. Die Alte versteht und schimpft etwas Arges daher. Ich bin froh, dass ich nicht die ganze, peinliche Wahrheit auspacken musste. Der Riesenstoffelefant gehörte nämlich nicht einmal mir, sondern meiner Schwester und war ein Lie­ besgeschenk ihres ersten Freundes. Ich fühlte mich deswegen etwas widerlich und fragte dezent bei Freunden nach, ob sie sich auch an ihren Stofftieren vergingen. Ja. Ein Barbababa (rot, ca. 40 cm), ein Papa-Schlumpf (ca. 50 cm), Stoffbär (braun, ca. 80 cm), ein Hund (Waldi, weiß, 30 cm) waren da­ bei und einer rieb sich immer an einer Wolldecke. Manchmal tut es einfach gut zu wissen, nicht allein zu sein. ¶

ILLUSTRATION JAKOB KIRCHMAYR

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