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Ich liebe mich Die neue Ära der Narzissten Patient Pensionskasse: Radikalkur zur Rentenrettung

Vom Sterben sprechen – alte Menschen über den Tod

Nr. 219 | 19. Februar bis 4. März 2010 | CHF 6.– inkl. MwSt. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkaufenden. Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass.


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10 Alter «Wir hatten es wirklich schön» BILD: DOMINIK PLÜSS

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Inhalt Editorial Ego-Generation Leserbriefe Anhaltende Rauchschwaden Basteln für eine bessere Welt Giacometti selbstgemacht Aufgelesen Krankhafter Konsumtrieb Zugerichtet Das Blumenmesser im Schwiegervater Mit scharf Stahlhelme im Schulzimmer Erwin … der Wintersportler Porträt Der Hindernisläufer Armut Eine junge Betroffene erzählt Wörter von Pörtner Neidhammel Plakatwerbung Bunte Bilder, rote Köpfe Kulturtipps Stolze Songs aus der Westschweiz Ausgehtipps Kunst aus Schabkarton Verkäuferporträt «Ich lerne so viel ich kann» Projekt Surplus Chance für alle! Starverkäufer In eigener Sache Impressum INSP

Der Tod ist ein Tabuthema. Wer mitten im Leben steht, verdrängt die eigene Sterblichkeit. Doch irgendwann rückt das Unausweichliche immer näher. Vier alte Menschen blicken in Angesicht des Todes zurück auf ihr Leben.

BILD: ISTOCKPHOTO

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14 Pensionskassen Die zweite Säule bröckelt Am 7. März stimmen wir über die Zukunft der Pensionskassen ab. Als «fairen Umwandlungssatz» bezeichnen die Befürworter den geplanten Abbau, «Rentenklau» protestieren die Gegner. Gelöst werden die Probleme der zweiten Säule mit der Abstimmungsvorlage so oder so nicht. Retten kann die Renten nur ein radikaler Neuanfang.

BILD: ISTOCKPHOTO

16 Narzissmus Ich und ich, das Traumpaar Sie sind so sehr von sich selbst überzeugt, dass sie nicht auf die Idee kommen, je etwas falsch zu machen. Und für ihre Grandiosität lassen sie sich gebührend bewundern. Narzissten haben Hochkonjunktur – doch hinter der Fassade hat ihr Selbstwertgefühl tiefe Risse.

Titelbild: iStockPhoto SURPRISE 219/10

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BILD: DOMINIK PLÜSS

FRED LAUENER,

Leserbriefe «Raucher können den Gestank nicht mehr wahrnehmen – ihre Geschmacksnerven sind möglicherweise geschädigt.»

GESCHÄFTSFÜHRER

Editorial Generation Ego

Nr. 216: «Die letzte Zigarette – Schriftsteller Pedro Lenz über das Rauchverbot»

In den letzten 25 Jahren ist die westliche Jugend zunehmend egozentrisch geworden. Einen wichtigen Grund dafür, dass sich junge Leute erfolgreicher und begehrter fühlen als sie tatsächlich sind, sehen die Wissenschafter in der oft einseitigen Förderung des Selbstbewusstseins der Kinder durch ihre Eltern und die Schule. Soziale Kompetenzen wie Einfühlungsvermögen und Selbstdisziplin kämen dagegen zu kurz. Begünstigt wird der Egokult auch durch die Castingshows am Fernsehen und den sozialen Netzwerken im Internet. Die Illusion etwas Besonderes zu sein und schnell berühmt werden zu können, ist verlockend. Für den sozialen Zusammenhalt ist eine zunehmend narzisstisch geprägte Gesellschaft hingegen Gift. Denn ein wesentliches Merkmal der Generation Ego ist die Verweigerung von Verantwortung und Solidarität: Krise? – Nicht meine Schuld. Leid und Elend anderswo? – Geht mich nichts an. Das Zeitphänomen Narzissmus ist das Titelthema dieser Ausgabe. Seite 16. Am 7. März werden wir an die Urnen gerufen, um über einen weiteren Abbau im Sozialversicherungsbereich zu befinden. Ob der zur Abstimmung stehende neue Umwandlungssatz der Pensionskassen wirklich fair ist oder wir nicht doch eher einen dreisten Rentenklau absegnen sollen, ist zwar eine wichtige Frage. Aber die Probleme der Pensionskassen wird die Antwort des Stimmvolks, egal wie sie ausfallen wird, nicht lösen. Um die gigantische Vermögensvernichtungsmaschine Pensionskassensystem nachhaltig in den Griff zu bekommen, braucht es grundlegendere Lösungen, am besten ein kompletter Neustart. Seite 14 Wenn man alt wird, ist die Zukunft heute. Was danach kommt, ist das Sterben und der Tod. Wir haben alte Menschen besucht und ihnen zugehört, wie sie über ihr Leben berichten, und was sie über die eigene Endlichkeit denken. Seite 10.

«Made in USA» Der Artikel zum Rauchverbot spricht mir als unverbesserlichem Pfeifenraucher natürlich aus der Seele. Die überhandnehmenden Rauchverbote in öffentlich zugänglichen, geschlossenen Räumen entspringen einem neuen Puritanismus – einer besonderen Art von Fundamentalismus «made in USA». Leider wird die Frage weder gestellt noch beantwortet: Warum gilt eigentlich in sämtlichen angeschriebenen Häusern die Gaststube (!) zwingend als öffentlich zugänglicher Raum? Im Gegensatz zu Ämtern, Spitälern usw. geht jeder völlig freiwillig und unaufgefordert hinein. Bei Speiselokalen bevorzuge auch ich jene, die rauchfrei sind. Aber wenns nur auf ein Bier ist, verzichte ich höchst ungern auf meine Pfeife. Paul Jäger, Zürich

Ich wünsche Ihnen gute Lektüre.

Surprise ist auf Spenden angewiesen. Auch auf Ihre! Herzlichen Dank. PC-Konto 12-551455-3

Rauchen stinkt Mit gemischten Gefühlen habe ich den Artikel zum «Rauchverbot» gelesen. Verschiedene Aspekte wurden da angesprochen, keiner aber auf den entscheidenden Punkt gebracht. Der Vergleich mit den durchnässten Bauarbeitern, dem Essen auf dem Trottoir, dem Herumhängen im Morgenrock oder mit öffentlichen Handygesprächen hinkt. Alle diese Tätigkeiten stören den Mitmenschen nicht oder nur in geringem Mass. Rauchen aber tut es, denn Rauchen stinkt. Es ist verständlich, dass Raucher dies nicht mehr wahrnehmen können, da ihre Geschmacksnerven möglicherweise geschädigt sind, aber es ist doch irgendwie anmassend, diese üblen Gerüche im Restaurant – sogar beim Essen – der Umwelt zuzumuten. Gerüche

notabene, die kaum mehr aus den Kleidern zu bringen sind und meistens eine sofortige Haarwäsche nach sich ziehen. Und von wegen der Interessen, die eine Mehrheit der Minderheit aufzwingt … umkehrt isch o gfahre! Ursula Meier-Nobs, per E-Mail Sich gegenseitig vergiften Langsam beginnt meine Wut über diesen Artikel zu verrauchen. Einen solchen Text sollte man gerade in Surprise nicht bringen. Die vielen ärgerlichen Zuschriften freuen mich. Es gibt tatsächlich nur noch zwei Gruppen – Raucher und Nichtraucher. Es sollte aber möglich sein, nur für die Erstgenannte Lokale zu bewilligen, in denen sie sich gegenseitig vergiften können – logischerweise ohne Bedienung. Ich weiss, wovon ich rede: Bin 80 Jahre alt und war selbst Kettenraucherin. Doch damals wusste man noch nicht um die Schädlichkeit dieses Giftes. Nach einer Grippe habe ich es sofort eingestellt. H. Hecht, Basel

Herzlich, Ihre Meinung! Bitte schicken Sie uns Ihre Anregungen oder Kritik: Strassenmagazin Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, T +41 61 564 90 70, redaktion@strassenmagazin.ch. Es werden nur Leserbriefe abgedruckt, die mit vollem Namen unterzeichnet sind. Die Redaktion behält sich vor, Briefe zu kürzen.

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ILLUSTRATION: WOMM

Sie brauchen: Draht, Ton und ein Modellierholz. Formen Sie mit Draht das «Skelett» Ihres ganz persönlichen «L’homme qui marche». Modellieren Sie mit Ton nach Giacometti-Art den schmalen Körper rund um den Draht. Ferfeinern Sie anschliessend Ihre Figur mit einem Modellierholz. Lassen Sie Ihre Skulptur gut trocknen und setzen Sie sie dann gekonnt in Szene.

Basteln für eine bessere Welt Schlappe 104,3 Millionen hätten wir gebraucht, um uns «L’homme qui marche» von Alberto Giacometti unter den Nagel zu reissen. Leider fehlt uns das nötige Kleingeld … Wir wollen aber auch so einen! Da hilft nur eigene Kreativität. An Giacometti werden wir wohl nicht rankommen – aber selber machen macht mehr Spass als selber kaufen. SURPRISE 219/10

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Aufgelesen News aus den 90 Strassenmagazinen, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Ich kaufe, also bin ich Hannover. Kaufsüchtige kaufen nicht, weil sie etwas brauchen, habgierig oder verschwenderisch sind. Es ist ein Zwang. Dabei geht es nicht um die Ware an sich, es ist der Vorgang des Kaufens, der immer wieder erlebt werden muss. «Krankhaftes Kaufen tritt auf, wenn der Konsum sich vom Bedarf gelöst hat», so Astrid Müller, Leiterin der Studie «Kaufsucht» der Uni Erlangen. Obwohl Untersuchungen zeigen, dass mehrere Millionen Deutsche eine schwere Kaufsuchtgefährdung aufweisen, werden bisher kaum Therapien angeboten.

Kranke Pflegekräfte München. Haare kämmen: ein bis drei Minuten. Hilfe beim Wasserlassen: zwei bis drei. Entkleiden: vier bis zehn. Die Reglemente der deutschen Alters- und Pflegeheime werden immer umfassender. Denn: Was nicht erfasst und dokumentiert wird, bezahlt die Versicherung auch nicht. Das führt nicht nur dazu, dass es kaum Zeit für Unreglementiertes – etwa ein Gespräch – gibt, der Stress beeinträchtigt auch das Pflegepersonal: «Als Heimleiter muss ich vermehrt auf die Verfassung meiner Mitarbeiter achten», so Christian Osterried vom Münchner Diakoniewerk.

Bier und die Bibel Wien. Die Bibel ist voller Überraschungen: «Nicht für Könige gehört es sich, Wein zu trinken, noch für Würdenträger zu fragen: Wo ist Bier? Sonst trinkt einer und vergisst, was vorgeschrieben ist, und verdreht den Rechtsanspruch aller Elenden. Gebt Bier dem Verlorenen und Wein denen mit verbitterter Seele. Ein solcher mag trinken und seine Armut vergessen und an seine Mühsal nicht mehr denken. Öffne deinen Mund für den Stummen, für den Rechtsanspruch aller Schwachen. Öffne deinen Mund, richte gerecht und schaffe Recht dem Elenden und Armen.» (Sprüche Salomons 31, 4–9).

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Zugerichtet Mord im Blumenladen Salvatore N.* würde später nicht genau beschreiben können, was er in jenem Moment dachte. Es sei in ihm, ganz tief unten, plötzlich alles finster geworden. Er hatte bereits am Morgen dieses Sonntags im August angefangen zu trinken und um vier Uhr beschloss er, zum Blumenladen seiner Frau zu gehen. Im Schuppen, wo die Geräte nach Funktion und Grösse geordnet lagerten, holte er einen Hackenstiel und legte sich hinter dem Container auf die Lauer. Nach einer Weile kam sein Schwiegervater Gianni vom Sonntagsspaziergang zurück und holte sich ein Bier aus dem Kühlraum des Blumenladens. In diesem Moment schnellte Salvatore aus seinem Versteck hervor und prügelte mit dem Holzstiel auf den Patron ein. Beharrlich und unerbittlich, bis der Stock zerbrach. Dann griff er zu einem 6,5 Kilo schweren Gewichtsstein und schlug damit auf den Kopf ein, unempfindlich gegen die Schmerzensschreie, bis der alte Mann am Boden lag. Als Salvatore bemerkte, dass er noch immer nicht tot war, griff er zu einem Gärtnermesser, setzte die 18 cm lange Klinge unterm rechten Ohr seines Schwiegervaters an und zog sie mit beiden Händen quer durch den Hals. Salvatore bekam Durst, wusch sich am Waschbecken das Blut von den Händen und ging auf Beizentour. Sein 14-jähriger Sohn fand Grossvater Gianni in der Blutlache liegend, das Floristenmesser bis zum Schaft im Hals. Der Prozess dauert acht Stunden. Salvatore N., gebürtiger Sizilianer, 45-jährig, muss sich wegen Mordes verantworten. An seiner

Täterschaft gibt es keine Zweifel, er ist geständig. Der Staatsanwalt beantragt 14 Jahre. Salvatore N. habe seinen 73-jährigen Schwiegervater regelrecht abgeschlachtet. Weil er diesem die Schuld an der bevorstehenden Scheidung und dem Rauswurf aus dem Familienunternehmen gab. «Sie degradierten mich zum Laufburschen, ich konnte es niemandem recht machen», erklärt er dem Richter. Zuvor habe er 17 Jahre lang mit Teermaschinen und Dampfwalzen die Strassen asphaltiert. Bis seine Ehefrau den elterlichen Betrieb übernahm und ihn ins Geschäft holte. Doch statt Blumen zu rüsten und auszutragen, ging er täglich in die Beiz und soff sich ins Delirium. Im Frühling 2007 setzt seine Ehefrau um, was sie schon mehrfach in Aussicht gestellt hatte: Sie leitete die Trennung ein. Auch nach Stunden bleibt Salvatore N. unfassbar, ein Mann, der nur zwei Gefühle zu kennen scheint – Wut und Angst. Beide versuchte er mit Unmengen Alkohol zu betäuben. Weitere mildernde Umstände bringt sein Verteidiger ein: Das psychiatrische Gutachten bescheinigt Salvatore einen IQ von 68 sowie eine paranoide und dissoziale Persönlichkeitsstörung. In seiner verzerrten Wahrnehmung missdeutete er freundliche Gesten als feindlich, steigerte sich in einen Groll gegen den Schwiegervater hinein – und passte ihn schliesslich im Blumenladen ab. Das Gericht anerkennt die verminderte Schuldfähigkeit und verurteilt Salvatore N. wegen Mordes zu 12 Jahren Gefängnis mit begleitender Therapie. * persönliche Angaben geändert ISABELLA SEEMANN (ISEE@GMX.CH) ILLUSTRATION: PRISKA WENGER (PRISKAWENGER@GMX.CH) SURPRISE 219/10


Schule Volksgefahr Feminisierung Die erfolgreiche Bekämpfung von Harmos hat die SVP wieder einmal übermütig werden lassen. Jetzt soll es der Schule insgesamt an den Kragen gehen. VON FRED LAUENER

Unter der Leitung von Nationalrat Ulrich Schlüer präsentierte eine Gruppe von rechtskonservativen Lehrerinnen und Lehrern kürzlich eine Serie von Forderungen an die obligatorische Schule. Sie zielen allesamt in die gleiche Richtung, nämlich rückwärts. Neben altbekannten SVPClaims wie Schweizertum, Autoritarismus und Disziplin verlangen Schlüer und seine Schulmeister insbesondere die Aufgabe von zentralen Werten der heutigen modernen Schule. Die Integration von Schülerinnen und Schülern mit Einschränkungen und Behinderungen in Regelklassen soll rückgängig gemacht werden. Ausländischen Kindern ohne Deutschkenntnisse soll die reguläre Schule ebenfalls verweigert werden. Im Kindergarten soll wieder und nur noch Mundart gesprochen werden dürfen. Und dem Schulpersonal soll eine Quotenregelung verordnet werden: 50 Prozent der Lehrpersonen in der obligatorischen Schule sollen demnach in Zukunft männlich sein müssen. Während die meisten Postulate nicht wirklich überraschen können, ist die Forderung nach mehr Männern in den Schulzimmern einigermassen bemerkenswert. Die SVP begründet ihren Vorschlag nämlich damit, dass, ob des Überhangs an Lehrerinnen, die Schule zu weiblich geworden sei. Die weichen Fächer, etwa die Sprachen, würden überproportional gewichtet, die Buben und ihr natürliches Interesse an Technik und technischen Berufen werde dagegen zuwenig gefördert. Dass die obligatorische Schule femininer geworden ist, bestreitet kaum jemand. Der Lehrberuf – speziell in der Volksschule – hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wie kaum eine zweite Profession vom klassischen Männer- zu einem typischen Frauenberuf entwickelt. Die Feminisierung ist indes kein schulspezifisches Phänomen. Das «Pro-

ERWIN

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… fährt Ski

blem Frauenüberschuss» ist im gesamten Erziehungsbereich zur Realität geworden, ebenso wie in Millionen von Schweizer Haushalten respektive in all den Familien, in denen die Kinder, auch die Buben, ihre Väter viel zu selten zu Gesicht bekommen. Es ist in der Logik von Schlüer und seiner Partei offenbar kein Widerspruch, einerseits die Feminisierung der Schule zu beklagen, jene in der Familie aber mit Vehemenz voranzutreiben. Denn es ist die gleiche SVP, die sich gegen alle Vorstösse stemmt, die einen stärkeren Einbezug und Einfluss der Väter auf die Erziehung und Entwicklung ihrer Töchter und Söhne beabsichtigen: Vaterschaftsurlaub, Förderung von Teilzeitarbeit, Job-Sharing und so weiter. Es ist in dieser Logik ebenfalls kein Widerspruch, mehr Disziplin und deshalb mehr Männer an den Schulen zu fordern, andererseits aber den Familienfrauen mehrheitlich die alleinige Verantwortung für die Kinder zu Hause zuzumuten. Es ist eine Logik, die keine Widersprüche kennt, weil sie wesentliche Teile der Realität ausblendet. Es ist eine rein ideologisch motivierte Logik, die nur sich selber verpflichtet ist und deshalb weder unsere Schulen weiterbringt, noch unseren Familien hilft. ■

VON THEISS

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Porträt Urbaner Bergsteiger Roger Widmer erfährt in Momenten höchster Konzentration grösste Freiheitsgefühle. Dabei versperrt ihm kein Hindernis seinen Weg. VON JULIA KONSTANTINIDIS (TEXT) UND FABIAN UNTERNÄHRER (FOTO)

Diese Hände können zupacken. Man sieht ihnen an, dass sie an groben Mauern entlang schrammen und auch mal eine scharfe Kante zwischen die Finger bekommen. Früher umfassten sie Edelmetall und vollführten Präzisionsarbeit an filigranen Schmuckstücken. Die Hände gehören Roger Widmer und dass er sich vom Goldschmied zum professionellen Traceur weiterentwickelt hat, ist für ihn kein Widerspruch. Als Widmer vor zehn Jahren im Fernsehen eine Reportage über den Franzosen David Belle sah, wusste er, dass er auch ein Traceur werden wollte. Einer, der sich in seinem normalen, urbanen Umfeld seinen eigenen Weg bahnt und dabei Hindernisse wie Mauern, Treppen oder Zäune nicht umgeht, sondern sie in seinen Weg einplant. David Belle lernte in den 80er-Jahren von seinem Vater – einem ehemaligen Soldaten und Feuerwehrmann – die Technik, mit den eigenen Kräften möglichst effizient natürliche Hindernisse zu überwinden und schuf damit die ParkourBewegung, deren Protagonisten die Traceure sind. «Zu der Zeit als ich die Reportage sah, fuhr ich noch BMX und ich schaute Parkour als neue Trendsportart an», erinnert sich Roger Widmer. Zusammen mit drei Freunden fing er an, sich die Technik beizubringen. Sie trainierten in ihrem Heimatdorf Münsingen bei Bern, Treppen, Mauern, Geländer und Vorsprünge wurden zu ihrem Territorium und die Faszination für das neu entdeckte Hobby immer grösser. Roger Widmer spürte, dass Parkour für ihn mehr ist als ein Sport, nämlich eine Lebenseinstellung: «Es ist die Rückbesinnung auf das Ursprüngliche – effizient vorwärtskommen, indem man seine eigene Ressourcen nutzt.» Nach vier Jahren wollten die vier Freunde den Geburtsort der Parkour-Bewegung sehen und reisten in den Pariser Vorort Lisses, wo David Belle lebt und sie von den Traceuren der ersten Stunde freundschaftlich empfangen wurden. «Wir hatten gedacht, wir wären gut – bei David merkten wir, dass wir noch nirgends waren, physisch aber auch mental.» Der Besuch in Lisses wurde zum Schlüsselerlebnis, fortan versuchten sie, ihre Umgebung noch bewusster wahrzunehmen. Automatisch checken Widmers Augen heute den kürzesten Weg zwischen einer Strecke von A nach B aus – inklusive allfälliger Hindernisse. Was aber nicht heisst, dass der 28-Jährige aus Prinzip gegen den Strom schwimmt. Reizvoller ist es jedoch, seinen eigenen, direkten Weg zu finden. «Ich möchte die Wahl haben, welchen Weg ich gehe.» Das durchtrainierte Kraftpaket sieht sich aber nicht als Rebell der Grossstadt. Den Spruch, Traceure eroberten den öffentlichen Raum zurück, findet er unpassend: «Ich erobere nichts, sondern nutze Bestehendes, je mehr Bausünden herumstehen, desto besser für Parkour.» Wer so denkt, lernt automatisch, Herausforderungen anzunehmen: «Es gibt zwar Hindernisse, aber man kann sie überwinden, sie werden zu Möglichkeiten.» Schon längst ist Roger Widmer dieser Leitgedanke in Fleisch und Blut übergegangen und inzwischen gibt er ihn auch an andere Leute weiter. Aus dem Goldschmied wurde ein Parkour-Vermittler. «Als Goldschmied führt man eine Arbeit von Anfang bis am Ende aus, ein Fehler hat unmittelbare Folgen, die schwer wiegen.» Genau so ist es als Traceur. Ein verstauchter Fuss kann schon mal die Konsequenz einer allzu übermütigen Aktion sein.

Nur wer überlegt und ruhig an die Überwindung der Hindernisse geht, hat Erfolg: «Die Herausforderungen sind dieselben wie als Goldschmied», schlussfolgert Widmer. Er bildete sich zum Lehrer für Gestaltung und Kunst, später zum Erwachsenenbildner weiter. Während der Studien fing er an, öffentliche Trainings und Workshops anzubieten. Die wurden immer beliebter, gleichzeitig nahmen die Engagements der Traceuere aus Münsingen für Shows und Filmaufnahmen zu. 2008 gründete Roger Widmer mit seinen Freunden, Felix Iseli und Steven Käser die Firma ParkourOne, um die verschiedenen Aktivitäten professioneller anbieten zu können. Münsingen wurde so etwas wie ein «Mekka» für die schätzungsweise 1000 Schweizer Traceure. «Ich wollte nie Geld verdienen mit Parkour», erklärt Roger Widmer eindringlich. Aber er will die Werte, die ihm so wichtig sind, weitergeben. Denn nebst dem körperlichen Training vermittelt Roger Widmer seinen Schülern die Werte von Parkour, die bei ParkourOne an einer Hand aufgezählt werden: Der Daumen steht für die Fairness – nicht Wettkampf ist bei Parkour gefragt sondern ein Gemeinschaftserlebnis. Der Zeigefinger erinnert daran, dass jeder Traceur aufpassen soll, auf sich selber und auf seine Umgebung. Der Mittelfinger bedeutet Respekt: Sich selber, und seiner Umwelt gegenüber. Der Ringfinger symbolisiert für Traceure Vertrauen und Freundschaft. Der kleine Finger soll daran erinnern, bescheiden zu bleiben: «Es gibt immer Hindernisse, die man nicht überwinden kann», erklärt Roger Widmer. Nur wer sich selber gut kennt und in seine Fähigkeiten vertraut, kommt beim Gang über Zäune, Stufen und Mauern weiter. In Kursen mit Jugendlichen, aber auch mit Arbeitsteams in Workshops zur Bildung von Teamgeist, deutet Roger Widmer diesen Gedanken auf die Hürden des Alltags um. «Jugendliche wollen eine Linie oder Grenzen, bei Parkour erhalten sie sofort eine Rückmeldung auf ihr Verhalten», hat Roger Widmer beobachtet. Neben dem Coolness-Faktor kommen seine Workshops auch deshalb bei jungen Menschen gut an. Und auch, weil Roger Widmer lebt, was er sagt: «Das einzige, was wir machen können ist, daran zu glauben was wir vermitteln.» Und dass er daran glaubt, steht ausser Zweifel. Kontrolliert, überlegt, vernünftig – so wirkt der Traceur im Gespräch. Dazu passt, dass er seit er 16 ist, mit derselben Frau zusammen ist. Unterdessen haben sie geheiratet und die Ge-

«Je mehr Bausünden, desto besser.»

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burt des zweiten Kindes steht unmittelbar bevor. Auch in der Beziehung hält er sich an die Grundwerte von Parkour: Es gibt immer einen Weg und Hindernisse sind dazu da, überwunden zu werden. «Ich mag keine Konflikte, aber wenns doch mal einen gibt, dann muss ich ihn ansprechen – Respektlosigkeit darf nicht sein.» Verliert Roger Widmer auch mal die Kontrolle? Die Antwort auf diese Frage kommt überlegt und besonnen: «Ich vermeide jegliche Abhängigkeit, ich will bestimmen, was ich mache.» Das schliesst aber Freiheitsgefühle nicht aus. «Bei Parkour, wo die Kontrolle über die nächsten Handlungen so wichtig sind, erlebe ich höchste Freiheitsgefühle», schwärmt der Berner. Worte, die man normalerweise von Bergsteigern hört. Und eigentlich gehts ja auch um dasselbe: Hindernisse aus eigener Kraft überwinden – wie hoch sie sind, spielt keine Rolle. ■

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BILD: DOMINIK PLÜSS

Alter «Irgendwann ist einfach Sense» Gedanken an Tod und Sterben verschiebt man gerne auf später. Der Alltag lässt wenig Zeit für die letzten Fragen. Doch was, wenn «später» jetzt ist? Vier alte Menschen aus Basel erzählen. VON MENA KOST

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Marthy Rünzi, 93 «Beerdigungen ohne Lebenslauf sind gar nichts» Marthy Rünzi ist 1916 bei Wenslingen ob Tecknau geboren und wuchs auf einem Bauernhof mit Getreideanbau und Vieh auf. Als junge Frau zog sie nach Basel, wo ihr Berufsleben begann: Sie arbeitete unter anderem in der Migros, im Kino, im Zoo und bei einer Personalvermittlungsstelle. Am Tag als der Zweite Weltkrieg ausbrach, heiratete sie. Fünf Jahre darauf gebar sie ihren Sohn. Marthy Rünzis Mann ist 2005 nach über 65 Ehejahren gestorben. Frau Rünzi lebt im Generationenhaus Neubad in Basel, ist Mitglied des Heimrats und verteilt täglich die Post. «Ich habe einen leichten Schlaf. Wenn sie in der Nacht in mein Zimmer kommen, wache ich auf und kann danach nicht mehr einschlafen. Deshalb hängt das Schild an meiner Tür: ‹Keine Pflege! Bitte in der Nacht nicht eintreten.› Eigentlich würde ich ja am liebsten ins Bett liegen, einschlafen, und nicht mehr aufwachen. Ich hänge nicht mehr besonders am Leben, vor allem, seit mein Mann tot ist. Heute wäre er 101. Es war ein lieber Mann, ich ‹mangle› ihn jeden Tag. Wir waren 65 Jahre verheiratet. Das ist doch eine lange Zeit. Aber ich gebe mir jeden Tag Mühe. Lese die Zeitung – und ab und zu einen Krimi. Aber seit letztem Sommer habe ich dauernd Blasenentzündung und muss Medikamente nehmen. Die haben mich geschwächt, meine Kraft lässt nach. Es ist einem alles zu viel, muss man wissen. Daran leide ich. Man kann nicht begreifen, dass die Kraft geht. Zum Beispiel habe ich keinen Wintermantel mehr, Mäntel sind schwer. Wenn ich einen aus dem Schrank nehmen muss, habe ich das Gefühl, ich falle gleich um. Jetzt habe ich also eine Jacke. Aber am Sonntag ziehe ich noch immer einen Rock an. Als einzige im ganzen Heim. Wieso denn auch nicht, oder? Früher habe ich wenig an den Tod gedacht. Jetzt, wo meine Kraft weggeht, denke ich an ihn. Ich habe keine Vorstellung davon, wie es ist, tot zu sein. Ich kann mir das nicht vorstellen. Man ist einfach nicht mehr da. An ein Paradies oder so glaube ich nicht. Aber ich bete jeden Tag, ich habe schon einen Glauben an eine höhere Macht. Angst muss ich auf alle Fälle keine haben: Ich bin ein Mensch, dem Gerechtigkeit sehr wichtig ist. Ich tue niemandem etwas zuleide. ‹Tue recht und scheue niemand› war der Leitspruch meiner Mutter. Den habe ich mir zu Herzen genommen und versucht, gut zu sein. Was ich aber punkto Tod sagen muss: Früher hat man anders Abschied von den Toten genommen. Als meine kleine Schwester kurz nach ihrer Geburt starb, wurde ihr Sarg in der Stube aufgebahrt. Ich weiss noch, dass den ganzen Tag Leute vorbeigekommen sind. Verwandte, Nachbarn und Freunde kamen, um sich von meiner Schwester zu verabschieden und den Eltern ihr Beileid auszusprechen. Die ganzen nächsten Tage war das Haus voller Menschen. Ich erinnere mich daran, dass ich mich damals fragte, wieso die Mutter so viel weint. Heute, so scheint mir, wird nüchterner Abschied genommen. Fast oberflächlich. Es fehlt an Aufmerksamkeit und manchmal an Respekt. Hier im Generationenhaus sterben durchschnittlich zwanzig Menschen pro Jahr. Ich bin seit neun Jahren hier. Man kann sich ausrechnen, dass ich Erfahrung mit Beerdigungen habe. Das Wichtigste bei ei-

Marthy Rünzi: «Früher hat man anders Abschied genommen.»

ner Beerdigung ist, dass ein Lebenslauf vorgetragen wird. Man muss sagen: Beerdigungen ohne Lebenslauf sind gar nichts. Es fehlt etwas, man weiss ja gar nicht richtig, von wem man sich verabschiedet. Es ist noch nicht lange her, da war ich an der Abdankung einer guten Freundin. Sie wollte nicht, dass man einen Lebenslauf vorliest. Diese Abdankung hat mich sehr traurig gemacht. Mein Lebenslauf für die Beerdigung ist zum Glück schon vorbereitet, er ist bei meinem Sohn deponiert. Bevor mein Mann starb, hat er für uns beide einen Lebenslauf geschrieben. Auch das Familienbüchlein ist schon bei meinem Sohn. Lebenslauf und Familienbüchlein – das sind die wichtigsten Sachen, welche die Angehörigen nach einem Todesfall brauchen. Beerdigt werden möchte ich von Pfarrer Bosshard. Das ist ein sehr, sehr guter Pfarrer und vor allem ein lieber Mensch. Er aber will sich weiterbilden, beruflich seinen Horizont erweitern und vielleicht nicht mehr Pfarrer sein. Das trifft mich sehr. Ich werde mit ihm sprechen müssen, und fragen, ob er mich trotzdem beerdigen kann. Ansonsten muss ich mich mit dem Sterben eben etwas beeilen.

«Ich habe in meinem Leben nichts Unrechtes getan. Ich habe versucht, gut zu sein.»

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Meine Möbel habe ich schon alle verteilt. An verschiedene Leute, ich habe eine Liste gemacht. Einmal, mein Mann lebte noch, sahen wir vom Balkon aus, wie die Möbel einer Verstorbenen in eine Mulde geworfen wurden. Das geht für mich nicht, was für ein Jammer. Man muss dazu wissen, dass ich in einfachen Verhältnissen aufgewachsen bin. Die Möbel sind ja alle noch gut.»

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BILD: DOMINIK PLÜSS

Hans Hadorn, 95 und Marthi Hadorn, 93 «Dann wird alles leicht und schön und hell» Hans und Marthi Hadorn sind beide auf Bauernhöfen im Kanton Bern aufgewachsen. Zwischen den beiden Höfen lag der Belpberg – beziehungsweise eine einstündige Velofahrt. Als 1939 der Krieg ausbrach, musste Hans ins Militär: Sechs Jahre Drill bei der Artillerie. Schade um die Zeit sei das gewesen. 1945 konnten die beiden dann endlich heiraten, die Hochzeitsreise ging ins Tessin. Ein Jahr später kam ihre Tochter zur Welt. Als Hans, unterdessen studierter Chemiker, den Posten des Labor-Chefs bei Coop angeboten bekam, zogen Hadorns nach Basel – und blieben bis heute. Seit Marthis Schlaganfall vor sieben Jahren wohnt das Ehepaar im Pflegehotel St. Johann. Marthi Hadorn: «Wir sind zufrieden mit unserem Leben, gell?» Hans Hadorn: «Ja, wir hatten es wirklich schön. Ich denke gerne an die Arbeit, ich war Chemiker.» Marthi Hadorn: «Ich war nie berufstätig. Wobei, bevor wir geheiratet haben, da habe ich schon gearbeitet. In einer Hotelpension im Bündnerland, dann in einem Bubeninternat. 120 Buben! Heute heisst es Schweizerische Alpine Mittelschule. Damals, als ich 1941/42 dort arbeitete, gehörte es den Deutschen.» Hans Hadorn: «Das war eben die Hitler-Zeit.» Marthi Hadorn: «Kurz zuvor starb mein Vater bei einem Unfall. Er war mit einer Heufuhre auf dem Heimweg zu unserem Haus. Als er auf den Hof einbog, fuhr ein Auto vor, das eine Plane auf dem Dach befestigt hatte, die im Fahrtwind flatterte. Die Pferde ‹erchlüpften› und sind durchgebrannt. Der Wagen ist über meinen Vater gefahren, direkt über seine Brust. Er war sofort tot. Damals war ich 22.» Hans Hadorn: «Ich wurde zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert, als die Grossmutter starb. Das war eine wichtige Beziehung für mich, ich ging bei ihr in die Ferien. Sie war schon eine Weile krank. Und als es dem Ende zuging, musste ihr die Tochter – also meine Mutter – etwas versprechen: Nach ihrem Tod solle sie ihr die Vene am Handgelenk aufschneiden, um sicherzustellen, dass sie wirklich tot und nicht nur scheintot sei. Natürlich ist es eine schreckliche Vorstellung, lebendig begraben zu werden. In echt kommt das aber höchst selten vor, man kennt dieses Szenario eben aus Geschichten. Unser eigener Tod ist für uns aber keine schreckliche Vorstellung. Nein, überhaupt nicht. Nein, nein.» Marthi Hadorn: «Warum sollten wir nicht miteinander über den Tod sprechen? Warum denn auch nicht? Mein Mann möchte schon lange sterben.» Hans Hadorn: «Weil ich genug habe vom Leben, deshalb. Es ist mühsam. Alles ist mühsam. Ich mag nicht mehr. Aber es geht einfach weiter. Der Körper hat noch Kraft.» Marthi Hadorn: «Ich kann verstehen, dass er sterben will. Wenn man so alt ist wie wir, dann ist es einfach an der Zeit. Die Kräfte lassen nach. Man ist nicht mehr selbstständig.» Hans Hadorn: «Das ist es, man ist abhängig. Das ist nicht einfach.» Marthi Hadorn: «Ich selbst warte trotzdem nicht auf den Tod, das nicht. Ich nehme es einfach, wie es kommt. Man kann ja nie wissen, was passiert. Ich denke schon, dass mein Mann vor mir stirbt. Aber wissen kann man das nicht …» Hans Hadorn: «Ich hoffe, dass ich eines Tages ganz normal einschlafe und dann einfach nicht mehr aufwache. Aber vom Tod habe ich keine

Feiern im Mai Eiserne Hochzeit – Marthi und Hans Hadorn.

Vorstellung. Was ist der Tod? Man ist einfach weg. Trotzdem bin ich gläubig. Aber eben gläubig, wissen tu ich nichts.» Marthi Hadorn: «Ich weiss etwas: Ich bin einmal fast gestorben. Bei der Geburt meines zweiten Kindes. Es war ein Bub. Ich hatte starke innere Blutungen. Er ist gestorben, wahrscheinlich ist er in meinem Blut ertrunken.»

«Alles ist mühsam. Ich mag nicht mehr. Aber es geht einfach weiter.»

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Hans Hadorn: «Die Krankenschwester hatte schon geglaubt, dass du auch sterben würdest.» Marthi Hadorn: «Ich erinnere mich gut, ich dachte: Jetzt ist es fertig. Dann wurde alles leicht und schön und hell, wunderschön hell. Nun denke ich, dass es so sein wird, wenn ich sterbe. Dass es so ist, wenn man stirbt. Eigentlich also sehr schön.» Hans Hadorn: «Für unseren Tod haben wir noch nichts vorbereitet. Kein Testament oder so. Marthi Hadorn: Aber das sollten wir vielleicht.» Hans Hadorn: «Das ist doch nicht so wichtig! Da schaut man dann schon. Da schaut die Tochter. Wir haben eine sehr gute Tochter.» Marthi Hadorn: «Am 5. Mai sind wir 65 Jahre verheiratet: Eiserne Hochzeit. Diamantene hatten wir schon.» Hans Hadorn: «Das ist doch eine lange Zeit, 65 Jahre, oder etwa nicht?» Marthi Hadorn: «Das kommt heutzutage wirklich nicht mehr oft vor.» Hans Hadorn: «Nein, wirklich nicht. Hoffentlich erleben wir es noch. Dann können wir zwei richtig festen, gell?»

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BILD: MEK

Hans Peter Rebsamen, 81 «Nur ein ganz grosses Fragezeichen» Hans Peter Rebsamen ist 1929 in Basel geboren und auch dort aufgewachsen. Seine Leidenschaft sind Autos, Lieblingsmarke: «Skoda». Was er von Beruf war, möchte er nicht in der Zeitung lesen. Denn er findet, das müsse nicht die ganze Welt wissen. Nur so viel: Nach einem Studium an der ETH war er für eine amerikanische Firma auf der ganzen Welt im Einsatz: In Asien, den USA und Kanada. «Meine Frau war immer mit dabei, egal wo auf der Welt ich gerade arbeitete. Kennengelernt habe ich sie jedoch in Basel. Wir haben beide Jahrgang 1929 und sind gemeinsam zur Schule gegangen. Als wir 15 Jahre alt waren, spannte ich sie einem Schulkameraden aus. Sechs Jahr später wurde geheiratet. Auf Kinder haben wir bewusst verzichtet. Denn die ständige Reiserei, so waren wir der Ansicht, sei kein Leben für ein Kind. Auch wenn ich noch immer derselben Überzeugung bin: Unterdessen bedaure ich das sehr. Vor 23 Jahren ist meine Frau gestorben. An Krebs. Fünf Jahre lang habe ich sie gepflegt. Heute bin ich absolut allein, ich habe niemanden mehr. Nur eine Bekannte, die alle finanziellen Angelegenheiten für mich regelt. Deshalb beschäftige ich mich fast immer mit mir selbst. Seit vier Jahren kann ich zudem nicht mehr laufen und bin auf einen Rollstuhl angewiesen. Wenn der Tod zuschlägt, wird man vor eine unlösbare Situation gestellt: Man kann überhaupt nichts machen. Man ist ohnmächtig. Eine Antwort auf den Tod kann einem niemand geben, auch nicht der schlaueste Professor. Denn auf den Tod gibt es keine Antwort. Nur ein ganz grosses Fragezeichen. Wenn jemand stirbt, dann ist das einer dieser Momente im Leben, wo das Wichtige plötzlich unwichtig wird – die schöne Wohnung, das Auto, alles. Deine Sicht auf das Leben verändert sich mit einem Schlag. Und irgendwie wird dadurch schliesslich auch der Tod zu etwas Unwichtigem. Das tönt jetzt natürlich blöd, man versteht mich vielleicht nicht. Ich habe unterdessen wohl etwas zu wenig Respekt vor dem Tod. Aber ich bin ihm auch schon mehrmals begegnet: Von der Familie habe ich zuerst den Vater, dann die Frau und dann die Mutter verloren. Wie auch meine Frau schon habe ich meine Mutter gepflegt, ebenfalls rund fünf Jahre lang. Eines Tages fragte mich ihr Arzt: ‹Wollen Sie Ihre Mutter zu Hause oder im Spital sterben lassen?› ‹Im Spital›, habe ich geantwortet. Ich habe also den Feigling herausgekehrt. Mich überkam die Angst, als ich dieses Wort hörte: Sterben. Ich fürchtete mich davor, dass ich es nicht noch einmal prästieren würde und habe vor dem Tod kapituliert. Ich habe keine Vorstellung von einem Leben nach dem Tod. Um ehrlich zu sein, habe ich meine Toten auch kein einziges Mal auf dem Friedhof besucht. Nie. Sie existieren ja nicht mehr. Höchstens in Gedanken. Aber Gedanken sind nicht sehr bindend. Was ich damit meine: Ich kann an meine Toten denken und nebenher zu Abend essen. Bei

«Wenn ich könnte, würde ich ewiges Leben wählen» – Hans Peter Rebsamen.

mir läuft eben alles sehr rational ab. Meine Meinung ist und bleibt: Nach dem Sterben kommt das Nichts. Irgendwann ist einfach Sense, Ende, Schluss, Punkt, aus. Trotzdem ist der Tod für mich kein schwieriges Thema. Schliesslich hängt das eine vom anderen ab: Ohne Tod kein Leben. Und weil ich die Menschen und die Tiere gern habe, ist mir das Leben wichtig. Ich lebe gerne. Wenn ich aussuchen könnte, ob ich wie jeder normale Mensch irgendwann sterben oder lieber ewig leben möchte, dann wäre der Fall für mich klar: Ewiges Leben. Wegen der Technik und dem Fortschritt. Es würde mich wahnsinnig interessieren, wie die Welt in 50 Jahren aussieht, was für neue technische Errungenschaften es dann gibt. Dafür würde ich tatsächlich ewiges Leben in Kauf nehmen. So ein Menschenleben reicht entwicklungsmässig nämlich für gar nichts. Aber sterben muss eben jeder. Wenn ich heute Abend in mein Zimmer gehe und mich die Pflegerin fragt, ob ich noch etwas brauche, dann sage ich wie immer: ‹Nein, danke.› Sollte es heute Nacht dann passieren und ich merke, dass ich ster-

«Ich kann an meine Toten denken und nebenher zu Abend essen. Bei mir läuft alles sehr rational ab».

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be, dann bleibt mir nichts anders übrig, als zu sagen: Jetzt ist es so weit. Wenn ich allerdings wählen könnte, dann würde ich gerne so sterben: Ich habe viel gefischt in meinem Leben, etwa im Rhein. Also möchte ich an einem schönen Fluss sterben, an dem ich fischen kann. Mein ganzes Leben lang hat kaum je ein Fisch angebissen – und so sollte es auch bei diesem letzten Mal sein. Ich würde am Flussufer sitzen, ganz alleine, in aller Ruhe und fröhlich. Dann würde ich sterben.» ■

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Pensionskassen Der Fall der zweiten Säule Das grosse Geschäft mit unseren Pensionskassenguthaben machen die Banken und Versicherungen. Jetzt soll ihr System mit einer Rentenkürzung vor dem Kollaps gerettet werden. Warum eigentlich? Zukunftsweisender wäre ein radikaler Neuanfang. VON CHRISTOF MOSER

Umwandlungssatz: Das Wort ist noch nicht fertig gelesen, da setzt auch schon das Gähnen ein. Dabei hat die Pensionskassenbranche durchaus spannendes Vokabular hervorgebracht. Zum Beispiel, um unser pensionskassenversichertes Leben in drei für die Versicherungen relevante ökonomische Abschnitte aufzuteilen: Sparphase, Verzehrphase und Tod. Gewinne mit unseren Monat für Monat überwiesenen Pensionskassengeldern machen die Versicherer in unserer Sparphase – ab 24, bis zu unserer Pensionierung mit 65 Jahren. Sie legen unsere Beiträge an, gehen an die Börse, erwirtschaften bestenfalls Rendite. Den Jackpot knacken die Pensionskassen, wenn nach dem Tod eines Versicherten keine Hinterbliebenen da sind, die auf die eingezahlten Gelder Anspruch haben.

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Unsere Verzehrphase dagegen ist ihr Verlustgeschäft: Die Versicherer müssen auszahlen, was wir eingezahlt haben. Damit wir, so steht es in der Gesetzgebung über die berufliche Vorsorge, nach der Pension unseren «gewohnten Lebensstandard» weiterführen können. Berechnet wird die jährliche Rente für Pensionäre mit dem sogenannten Umwandlungssatz. Und der liegt derzeit bei 6,8 Prozent. Will heissen: Von 100 000 Franken Sparguthaben fallen jährlich 6800 Franken Rente ab. Vor der ersten Revision des Berufsvorsorge-Gesetzes (BVG), die Anfang 2005 in Kraft getreten ist, betrug der Umwandlungssatz noch 7,2 Prozent. Nun ist es so, dass selbst die 6,8 Prozent nicht mehr zu finanzieren sind. Dafür müssten die Pensionskassen an der Börse mit unseren eingezahlten Geldern 4,9 Prozent Rendite schaffen. Derzeit sind es ungefähr 2,5 Prozent. Realistisch sind in den nächsten Jahren gemäss den Experten beim Bund 3,3 bis vier Prozent. 750 Milliarden Franken haben die SURPRISE 219/10


Schweizer an Altersguthaben angespart. Umgerechnet auf die Renditeprognosen sind das bereits jetzt über 100 Milliarden Franken zu wenig, um alle Pensionsansprüche decken zu können. «Die Alten enteignen die Jungen», sagt Martin Janssen, Pensionskassen-Experte und Finanzprofessor an der Uni Zürich. Er hat berechnet, dass die Renten um einen Viertel gesenkt werden müssten, um das Milliarden-Loch zu stopfen. Rein rechnerisch hat er recht. Oder altern wir vielleicht einfach in einem falschen System? Die Ralley der Nuller-Jahre Jeden dritten Franken verdienen die Pensionskassen heute gemäss Bundesamt für Statistik an der Börse. Kurz vor dem Finanzmarktkollaps sind die Anlagerichtlinen dahingehend liberalisiert worden, dass Hedgefonds-Anlagen bis zu 15 Prozent zugelassen wurden. Als die Krise losbrach, hatten die Kassen bereits über 40 Milliarden Franken in Hedgefonds investiert. Zusammen mit den weiteren Dollaranlagen resultierten daraus bis heute zehn bis 20 Milliarden reale Verluste. Auf unsere Altersguthaben. Bis die Nuller-Jahre kamen, lief alles eigentlich ganz ordentlich. Im Börsenboom der 1990er waren zweistellige Jahresrenditen die Regel. Auch Kassen, die vorwiegend in Immobilien investierten, konnten dank der Beimischung von neuartigen Finanzprodukten vom Boom profitieren. Mitarbeiter wurden frühzeitig und mit grosszügigen Abfindungen in Pension geschickt, Beiträge für Arbeitnehmer gekürzt oder gar geschenkt. Die staatliche AHV verlor an Glanz, sie galt als träge und zu wenig profitabel. Die Zukunft gehörte allein der privaten Vorsorge. Doch dann kamen die Nuller-Jahre. Nach einer durchschnittlichen Performance von minus 13,8 Prozent waren Ende 2008 drei Viertel der Kassen in der Unterdeckung. Unterdeckung ist dann gegeben, wenn ein Versicherer nicht im Stande ist, sämtliche versprochenen Leistungen umgehend zu erfüllen. Und so mussten die Versicherten 2009 mit einer Nullzinsrunde die Delle wieder ausbessern. In den Leserbriefspalten gingen die Wogen hoch: «Die Pensionskassen rupfen uns dreifach: Wir bezahlen die unfähigen Anlagestrategen. Unser Guthaben wird an der Börse verjubelt. Mit dem Rest besitzt die Kasse Liegenschaften, die wir mit überhöhten Mieten bezahlen. Ein geiles System!», so ein «20-Minuten»-Leser. Heute sind Aktien durchschnittlich mehr als zehn Prozent weniger wert als in den 1990er-Jahren. Und obwohl 2009 eines der erfolgreichsten Jahre in der Geschichte der beruflichen Vorsorge war, bleibt die Lage prekär: Folgt die Entwicklung der Wirtschaft nicht dem Ralley an der Börse, fallen die Kurse wieder. So gesehen ist es kein Wunder, wollen die Versicherer für die Stabilisierung des in Schwierigkeiten geratenen Rentensystems jetzt einmal mehr dort ansetzen, wo wir Versicherten sie Geld kosten: in der Verzehrphase. Am 7. März stimmen wir darüber ab, ob der Umwandlungssatz mit einer weiteren BVG-Revision auf 6,4 Prozent gesenkt werden soll. Insgesamt hätten wir uns dann unsere Renten seit der Einführung des BVG-Obligatoriums um fast zehn Prozent gesenkt. Die Frage ist bloss: Wofür? Unabhängig davon, wie die Abstimmung über den tieferen Umwandlungssatz ausgehen wird: Gerettet wird das System auch mit einer weiteren Rentenkürzung nicht, wie die Berechnungen von Finanzprofessor Janssen verdeutlichen. Und auch ein Nein zum tieferen Renten-Umwandlungssatz stabilisiert die zweite Säule nicht. Die Abstimmung über den tieferen Umwandlungssatz ist letztlich Ausdruck eines sinnlosen Verteilkampfs: Zwischen Versicherten und Rentnern, zugunsten der Banken und Versicherer. 1,6 Milliarden Franken Jahr zwacken sie Jahr für Jahr an Verwaltungskosten von unseren Pensionskassenbeiträgen ab. Im Durchschnitt sind das 770 Franken pro Versichertem und Jahr, wie der ehemalige SP-Nationalrat und Preisüberwacher Rudolf Strahm ausgerechnet hat. Bis wir die Pension erreichen, liefern wir den Kassen so 31 570 Franken an Gebühren ab. Ein Milliar-

dengeschäft. Und Basis für in der Versicherungsbranche ausgerichtete Boni von bis zu vier Millionen Franken jährlich. «Das ist eine Enteignung der Versicherten», sagt Strahm. Die meisten Gebühren in der zweiten Säule fallen nicht bei der Beratung der Pensionskassen-Kunden an, sondern als Bankengebühr bei den eingesetzten Finanzprodukten. Das grösste Geschäft mit den Versichertengeldern machen die Banken. Die Zahl der Finanzinstrumente ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, und jetzt rollt die Verkaufsmaschinerie der Banken immer stärker auf die Pensionskassen zu – mit weiterer Kostenfolge. Kommt dazu, dass die Versicherer mit einem umstrittenen Berechnungsverfahren zusätzlich zehn Prozent der Gewinne aus ihren Sammelstiftungen der zweiten Säule abführen können – die sogenannte Legal Quote. Das dient nur dem Portemonnaie der Manager und Aktio-

Egal wie wir abstimmen: Auch eine weitere Rentenkürzung rettet das System nicht.

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näre. Kein Wunder, ist dem Wirtschaftsdachverband Economiesuisse die Kampagne für eine Senkung des Umwandlungssatzes 15 Millionen Franken Wert. «Wer vernünftig wirtschaftet, hat mit dem heutigen Umwandlungssatz kaum Probleme», so Strahm. Gehandelt werden muss trotzdem. Nicht zuletzt wegen der Demografie. Die Babyboomer kommen in die Jahre, die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung wird bald über 50 Jahre alt sein. Diesem Umstand wurde zwar mit der Senkung des Rentensatzes auf 6,8 Prozent bereits Rechnung getragen. Aber auch andere gesellschaftliche Faktoren fallen ins Gewicht. So heiraten zum Beispiel Männer häufiger als früher in ihrem Leben ein zweites oder drittes Mal eine jüngere Frau und haben spät noch Kinder. Stirbt der Versicherte, erhält die Frau ihr noch junges Leben lang Witwenrente, die Kinder Waisenrente. Hat ein Versicherter auch im Rentenalter noch ein minderjähriges Kind, erhält er dafür eine PensioniertenKinderrente. Das hat alles seine Richtigkeit, ist aber teuer. Pension ohne Kasse Und was jetzt? Mehr Staat? Die öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen sind noch schlechter dran als die privaten Pensionskassen. Fast neun von zehn Kassen weisen eine Unterdeckung auf. 35 Milliarden müssten Kantone und Städte in die Kassen pumpen, um die Löcher zu stopfen. Eine Alternative haben die skandinavischen Staaten entwickelt. Ihr Modell basiert stärker auf der Mehrwertsteuer. Als Konsumsteuer hängt sie weniger am Schicksal von Unternehmen und Börsenkursen. Aber hier wie im hohen Norden gilt: Wer als Erwerbstätiger arm war, bleibt mit dem heutigen Rentensystem auch als Rentner arm. In der Schweiz ist es so: Wer mit seiner Arbeit nicht mindestens 19 000 Franken pro Jahr verdient, erhält gar keine Rente. Wer bis 26 000 Franken verdient, nur eine minimale Pension. Die AHV hingegen ist eine solidarische Altersvorsorge, basierend auf dem Umlagesystem. Was jetzt eingezahlt wird, geht auch jetzt an die Rentner. Spielgeld für die AHVKasse bleibt keines übrig. Jeder Arbeitnehmer zahlt den gleichen Prozentsatz seines Lohnes ein, die maximale Rente ist trotzdem nicht mehr als doppelt so hoch wie die minimale Rente. Letztes Jahr hat die AHV für rund 30 Milliarden Franken Renten ausgezahlt. Für die Pensionskassen sind Prämien von fast 40 Milliarden Franken eingezahlt worden. Würde dieses Geld ab sofort in die AHV fliessen, könnte die AHV-Rente verdoppelt werden. Es wäre eine Pension (fast) ohne Kasse. Die Verwaltungskosten der AHV betragen weniger als halb so viel wie diejenigen bei der zweiten Säule: 790 Millionen Franken. Vielleicht wäre es an der Zeit für eine Grundsatzreform: Statt die zweite Säule immer weiter auszuhöhlen, eine starke erste Säule als Grundlage für ein finanziell abgesichertes Alter. ■

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Narzissmus Verliebt ins Ego Sie sind die Schönsten, Besten, Schlauesten. Narzissten lieben sich und den grossen Auftritt. Die moderne Technologie und Medienlandschaft vereinfacht es ihnen, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch wehe, diese bleibt aus. VON JULIA KONSTANTINIDIS

Ronaldo, Nicolas Sarkozy, Marcel Ospel, André Reithebuch, Piero Esteriore. Diese zufällig ausgewählten Männer haben alle mehr oder weniger grosse Berühmtheit erlangt und strahlen Selbstbewusstsein aus. Würden Sie sich einer Psychoanalyse unterziehen, käme vielleicht eine Gemeinsamkeit zutage, die nicht so schmeichelhaft ist: Es könnte sein, dass ihnen eine narzisstische Persönlichkeit attestiert würde. Der erste bekannte Vertreter des selbstverliebten Menschenschlags war Narziss, ein griechischer Jüngling. Er versagte der Nymphe Echo seine Liebe und wurde damit bestraft, dass er sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte, jedes Mal, wenn er es im Wasser sah. Klar, dass diese Liebesgeschichte kein gutes Ende nahm: Je nach Version starb der Schönling am Schock über seine eigene Hässlichkeit, nachdem Wellen sein Spiegelbild verzerrt hatten, oder aber er fand den Tod durch Ertrinken, weil er sich aus Liebe mit seinem eigenen Spiegelbild vereinen wollte und dabei ertrank. Hätte sich Narziss zu einem Psychiater in Behandlung begeben, hätte dieser ihn wohl auf die wichtigsten diagnostischen Kriterien einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung untersucht, welche das Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen, DSM IV, das Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, nennt. Etwa: Ein tief greifendes Muster von Grossartigkeit, Bedürfnis nach Bewunderung und Mangel an Einfühlungsvermögen. Obwohl sich Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung in übertriebenem Masse selbst wichtig nehmen, leiden sie unter einem brüchigen Selbstwertgefühl. Sie sind sehr sensibel gegenüber Kritik oder Niederlagen. «Erlebt eine narzisstische Person einen Misserfolg oder eine Kränkung, kann er nicht realistisch über die Situation nachdenken. Er sieht nur sich in der tiefen Kränkung», erklärt Brigitte Boothe, Professorin für Psychologie an der Uni Zürich. Und die Gründe für sein Scheitern findet der krankhafte Narzisst ausschliesslich in seiner Umgebung: «Narzisstische Personen denken nicht über sich selber nach», so Boothe. «Das schwache Selbstwertgefühl wird mit dominanter Stärke, die sich von nichts und niemandem beeindrucken lässt, überdeckt.» Diese Strategie lässt keine Hilfe zu und nur wenige Betroffene suchen einen Therapeuten auf. Denn wer kann schon den Grössten, Besten, Schönsten – selbst wenn sie in der Klemme stecken – das Wasser reichen? Roland Nef, der ehemalige Armee-Chef, der durch eine Stalking-Affäre seinen Job verloren hat und auch eineinhalb Jahre nach seinem Rücktritt keine Fehler

bei sich ausmachen kann, ist wohl das jüngste Beispiel für dieses Verhaltensmuster. «Narzissmus ist die Krankheit der fehlenden Verantwortung», drückt es Brigitte Boothe zugespitzt aus. Beruf: berühmt sein Ein gesundes Selbstvertrauen, Ambitionen und eine Portion Wagemut werden jedoch gleichsam in oberen Führungsetagen und Freundeskreisen bewundert und geschätzt. Schliesslich ist es heutzutage geradezu verpönt, bescheiden oder gar langweilig zu sein. Die Vermarktung der eigenen Person führt nach Meinung Vieler zum Erfolg – egal, was dahinter steckt. Dafür braucht es scheinbar nicht viel mehr als gute Körperpflege und die Bereitschaft, sich in der Öffentlichkeit zu produzieren. Deshalb erstaunt es nicht, dass der Berufswunsch «berühmt sein» unter jungen Menschen rasant zunimmt. Und damit die Peinlichkeiten, die sie sich bei ihren Versuchen leisten, ihre Einzigartigkeit in der Öffentlichkeit zu beweisen. Big Brother, Germanys next Topmodel, Bauer sucht Bäuerin, aber auch youtube, twitter oder facebook sind die Plattformen, auf denen Narzissten ihr Publikum finden. Hauptsache auffallen, nie an der eigenen Einzigartigkeit zweifeln, und dann bringt mans auch so weit wie Paris Hilton oder zumindest wie das Seite-1-Girl im Blick. Der betitelt seine freizügige Rubrik sogar mit «Heute bin ich ein Star!» Einer, der Teil eines scheinbar narzisstischen Zirkusses war, ist Dimitri, Finalist der letzten MusicStar-Staffel. Überbordenden Narzissmus will der 27-jährige Winterthurer seinen ehemaligen Mitstreitern

«Narzissmus ist die Krankheit der fehlenden Verantwortung.»

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aber nicht unterstellen: «Da waren viel mehr Leute dabei, die nicht so recht wussten, was sie wollten und auch einmal im Fernsehen kommen wollten.» Dimitri, der sagt, an einer ernsthaften Künstlerkarriere zu arbeiten, ist überzeugt, dass es dafür ein gewisses Mass an Narzissmus braucht: «Ein Künstler ist ein Narzisst, weil er so stark mit sich selbst beschäftigt ist, diese Selbstverliebtheit braucht es, um Kunst zu machen.» Bei MusicStar hätte er sich deshalb mehr echte Selbstdarstellung gewünscht, aber im positiven Sinne – Authentizität: «Ich hatte das Gefühl, es gab einige Teilnehmer, die etwas Bestimmtes sein wollten, es aber nicht waren», hat er beobachtet. Auch eine Möglichkeit, Narzissmus zu beschreiben. SURPRISE 219/10


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Hoffnungsschimmer EQ Das Seite-1-Girl kann überblättert und der selbstverliebte Fussballstar ignoriert werden. Doch was, wenn der eigene Chef eine narzisstische Person ist? Das Problem ist in der Berufswelt bekannt, Ratgeberbücher mit Titeln wie «Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Führungsetage» vorhanden. «Leute mit Talent und guter Selbstinszenierung werden oft sehr erfolgreich», weiss auch Psychologie-Professorin Brigitte Boothe. In der Chefetage kommt narzisstischen Personen ihre übertrieben empfundene eigene Wichtigkeit beim Gerangel um die Macht zugute. Ihr Führungsstil ist jedoch nicht unbedingt mitarbeiterfreundlich. Für ihre Untergebenen haben Narzissten oft nur Verachtung übrig und wer ihre Fähigkeiten infrage stellt, disqualifiziert sich gleich selbst. Narzisstischen Persönlichkeiten mangelt es an Empathie und deshalb fällt es ihnen leicht, in der Berufswelt kaltblütig die Karriereleiter hochzuklettern und die Mitarbeiter in ihrem emotionalen Elend alleinzulassen. Brigitte Boothe sieht jedoch einen Hoffnungsschimmer am Horizont: «In den letzten Jahren werden bei der Beurteilung von Leistung Faktoren wie die emotionale Intelligenz (EQ) oder die Sozialkompetenz immer wichtiger.» Und damit können Narzissten nicht punkten. Sollte es dann doch mal jemand wagen, erfolgreich Paroli zu bieten, ist der Absturz nicht selten bodenlos. Denn nichts ist schlimmer für narzisstische Menschen, als wenn sich ihre Umgebung von ihnen abwendet. Das Aufbegehren gegen einen selbstverliebten Chef will aber gut überlegt sein: «Die Auflehnung kann ernste und nachteilige Folgen haben», sagt Brigitte Boothe. Denn im Misserfolg ist das vorherrschende Gefühl einer narzisstischen Person nicht die Trauer über das Misslingen, sondern der Groll auf seine Umwelt, die ihn am Erfolg hindert. Boothe empfiehlt, in einer Konfliktsituation möglichst sachlich und korrekt zu bleiben und Dinge zu kritisieren, die objektiv für die Mitarbeiter unzumutbar sind. Unterschiedlich selbstverliebt Dass sich in Chefpositionen mehr Männer mit narzisstischen Tendenzen finden, schreibt Brigitte Boothe dem immer noch grösseren Männeranteil auf dieser Hierarchiestufe zu. Dass aber krankhafter Narzissmus ein überwiegend männliches Problem sein soll, will sie nicht unterschreiben. Sie vermutet, dass sich das übersteigerte Selbstwertgefühl bei Frauen anders ausdrückt: «Frauen mit narzisstischen Neigungen sind eher selbstverliebt, stellen tendenziell den eigenen Körper zur Schau, wollen als einmalige Person im Mittelpunkt stehen. Ausserdem kennen sie auch heute noch das narzisstische Vergnügen, von narzisstischen Männern bewundert und auserwählt zu werden.» Die Vorsorge kennt noch keine Geschlechtsunterschiede: «Das Kind ernst nehmen und nicht die eigene Selbstverliebtheit auf den Nachwuchs übertragen», rät Brigitte Boothe. Werden Kinder immer nur bewundert, bei einem Fehler aber fallen gelassen, lernen sie nicht, sich und ihre Leistungen richtig einzuschätzen: Nur die Superlative oder aber das totale Versagen zählt. «Als Erwachsener werden dann Beziehungsdefizite überspielt. Oft haben Personen mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen als Kinder wenig Liebe und Zärtlichkeit erfahren», erklärt Boothe. Laut der Expertin sind ein bis fünf Prozent der Bevölkerung behandlungsbedürftige Narzissten. Tendenz steigend.

Der Stolz des Heimbesitzers: Sven Unold vor seinem Wohnwagen mit selbst gebautem Vorbau.

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Narzissmus «Es dürfte noch einige Exzesse geben» Toni Wachter war über 40 Jahre lang Produzent beim Schweizer Fernsehen. Der Macher von MusicStar, Miss Schweiz-Wahl und Swiss Award traf hinter und vor den Kulissen auf manchen exzentrischen Zeitgenossen. BILD: ZVG

INTERVIEW: JULIA KONSTANTINIDIS

Herr Wachter, das Fernsehen ist eine ideale Bühne für narzisstische Personen. Wie oft hatten Sie es mit solchen Menschen zu tun? Die Medien leben davon, dass sich Menschen gerne in der Öffentlichkeit mit ihren Begabungen und Meinungen präsentieren. In diesem Umfeld begegnet man sehr oft extrovertierten Menschen. Von «Narzissmus» möchte ich aber nicht sprechen. Der Begriff ist sehr negativ behaftet. Politiker, Künstler, aber auch alle anderen Menschen, die Aussergewöhnliches leisten, sind darauf angewiesen, dass man sie sowie ihre Tätigkeiten und Ansichten zur Kenntnis nimmt. Diesbezüglich besteht also durchaus eine Win-win-Situation für beide Seiten. Die Formate, die das Fernsehen in den letzten Jahren neu entwickelte, bieten Selbstdarstellern eine grosse Plattform. Teilnehmer von Casting-Shows erreichen Starstatus. Es braucht jeden Tag plakative Schlagzeilen, damit man bei der grossen Konkurrenz noch Aufmerksamkeit erreichen kann. Durch die Entwicklung der Medien hat sich dieses Problem in den letzten Jahren noch verschärft. Entsprechend mehr «Material» wird benötigt. Kleinigkeiten werden hochstilisiert und Kampagnen gefahren. Man kann über Nacht populär werden – steht heute als gefeierter «Held» im Mittelpunkt und wird vielleicht bereits morgen wieder demontiert. Das zu verkraften und in die richtigen Relationen zu stellen, ist für manche nicht einfach. Mit Casting-Shows wie Deutschland sucht den Superstar oder in der Schweiz MusicStar nehmen die Produzenten in Kauf, dass sich talentfreie Menschen vor einem grossen Publikum lächerlich machen. Wer sich für MusicStar qualifizieren konnte, musste über viel Talent verfügen, und wir achteten sehr genau darauf, dass die Kandidaten nicht blossgestellt wurden. Bei den Casting-Beiträgen «Leider nein» sah man natürlich talentfreie Bewerber. Ausgestrahlt wurden diese aber nur, wenn die Betroffenen ausdrücklich und schriftlich ihre Einwilligungen dazu erteilten. Zudem gibt es wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Serien. Was Dieter Bohlen in seiner Sendung Deutschland sucht den Superstar macht, wäre mit dem Schweizer Sendungskonzept nicht möglich: Ein «Fertigmachen» der Casting-Teilnehmer und Kanditaten – zumal aus reinem Spass – wurde bei uns nicht toleriert.

fahrung, dass sich erschreckend viele Anwärter beim MusicStar-Casting nur sehr minimalistisch vorbereiteten und nicht einmal die vorgegebenen Aufgaben erfüllten. «Ich will alles, aber sofort» scheint zur allgemeingültigen Devise zu werden.

«Ich will alles, aber sofort, ist die Devise»

Trotzdem gerieten manche Teilnehmer unter die Räder des Medienbetriebs. Wir konnten nie dafür garantieren, wie sich ein Teilnehmer entwickeln würde. Der ehemalige Finalist Piero Esteriore etwa ist ein Negativbeispiel dafür, wie jemand hochgejubelt und dann fallen gelassen wurde. Ist heute mehr Schein als Sein im Fernsehen? Vieles ist greller, schriller und oberflächlicher geworden. Heute gibt es Formate, die nur auf Glück und Zufall basieren. Dazu passt meine ErSURPRISE 219/10

Die Popularität der Sendegefässe, in denen sich Otto-Normalbürger produzieren kann, wächst aber immer weiter. Ich denke, die Spirale dürfte bald einmal ausgereizt sein. Es dürfte noch einige Exzesse geben, die über das Erträgliche hinausgehen, doch irgendwann sind wieder vermehrt substanzielle Sendungen gefragt. Was macht Sie da so sicher? Das Pendel schlägt immer wieder zurück. Genau wie es in der Wirtschaft wieder mehr Marktsegmente gibt, bei denen Qualität gefragt ist, dürfte es auch in den Medien einen grösseren Bedarf an weniger vordergründigen, seichten Sendungen geben. Schlussendlich bestimmt aber das Publikum, was ankommt und was nicht. ■

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Armut «Es ist ein ewiger Kampf» Es kann jeden treffen. Heutzutage landen nicht nur ältere Langzeitarbeitslose, sondern auch junge Leute mit guter Ausbildung beim Sozialamt. So wie Maria C.: Nach einem abgebrochenen Studium kämpft die 35-Jährige um Gesundheit und Selbstachtung VON BEAT BÜHLMANN*

Maria C. ist grossgewachsen, unauffällig gut gekleidet, wirkt eher cool, trotz Berner Dialekt. Es ist schwierig, an diesem Samstagmorgen in der Stadt Luzern einen ruhigen Platz zu finden. Wir verziehen uns aufs Dach des Kultur- und Kongresszentrums Luzern (KKL) mit wunderbarem Blick auf den See. Maria C. ist 35 Jahre alt. Sie hat das Gymnasium in Bern mit der Matura abgeschlossen, danach Psychologie und Textildesign studiert, aber bis jetzt keinen Abschluss gemacht. Sie jobbt, so gut es geht, ist gesundheitlich angeschlagen und wird vom Sozialamt unterstützt. Sie beginnt ohne Umschweife zu reden. «Ich komme aus einer einfachen Proletarierfamilie. Mein Vater, ein Italiener, war Schneider und verdiente wenig. Die Mutter schaute zu uns vier Kindern zu Hause. Wir hatten es gut, wurden nicht verwöhnt. Nur

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dank Stipendien konnte ich ans Gymnasium. Für mich bot sich die tolle Chance zu studieren. Wenn das geklappt hätte, würde ich jetzt wohl ein normales Leben führen. Manchmal zerbreche ich mir den Kopf und frage mich, warum ich das nicht durchgezogen habe. Nach dem Grundstudium war die Motivation total im Keller. Ich erkannte, dass das Psychologiestudium nicht meine Berufung ist. So brach ich ab und bereitete mich auf die Prüfungen für den Vorkurs an der Hochschule für Gestaltung vor. Da erkrankte mein Vater an Krebs, und kurz vor Abgabe der Hausaufgaben starb er mit 64 Jahren. Ich habe alles in die Ecke geworfen, nur noch ‹ghornet› (geweint) und mich zu Hause verkrochen. Die Aufnahmeprüfung liess ich fahren, jobbte in einer Buchhandlung und auf der Bank, auch samstags und sonntags. Meine Mutter war mit 56 Jahren Witwe und musste sich mit einer kleinen Rente durchschlagen. Ich war in einer völlig labilen Verfassung und später arbeitsSURPRISE 219/10


los. Ich rannte irgendwelchen schlecht bezahlten Jobs nach und brauchte viel Power, um überhaupt über die Runden zu kommen. Ich war unzufrieden, unglücklich und arbeitslos. Ich meldete mich beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum fürs Coaching und kam zu einer tollen Frau, die mir Mut machte. Ich fing mich auf, nahm einen neuen Anlauf mit dem Vorkurs, wurde aufgenommen und verfolgte wieder ein klares Ziel.» Maria C. holt weit aus. Es ist eine Chronik der Versäumnisse und der falschen Entscheidungen. Hie und da lacht sie, fast ein wenig verlegen, als ob sie über ihre eigene Geschichte staunen müsste. Sie zündet sich eine Zigarette an, beisst sich auf die Lippen, erzählt weiter. Auf dem See hornt ein Schiff. «Nach einem schwierigen Zwischenjahr wurde ich nach der wiederholten Aufnahmeprüfung an der Hochschule aufgenommen. Ich fand ein gutes Zimmer, konnte endlich in Ruhe mit dem Studium beginnen. Ich habe mit Jobs etwas Geld verdient, mich mit einem Studentenkredit durchgebracht und rechnete mit einem Ausbildungsdarlehen für die vier letzten Semester. Da gab es nochmals ein böses Erwachen. Ich war nicht mehr stipendienberechtigt, weil ich die 24 Semester bereits ausgeschöpft hatte. Ich habe Stiftungen angeschrieben und auf Pump von meiner Familie gelebt. Gekämpft und gekämpft, um mir die letzten Semester zu finanzieren. Dieser Stress hat mich krank gemacht. Ich litt unter Schlafstörungen, der Puls war schon am Morgen auf 180. Das Rückenleiden, unter dem ich schon länger gelitten hatte, wurde chronisch. Ich ging nicht zum Arzt, die Rechnung hätte ich nicht begleichen können. Ich wusste überhaupt nicht mehr, woher das Geld nehmen. Ich war völlig am Anschlag, konnte nicht mehr denken. Ich musste das Studium kurz vor Abschluss unterbrechen und fiel in ein Riesenloch. Das Burn-out wurde zur Erschöpfungsdepression. Es war kein Verlass auf mich. Ich habe Termine versäumt, die Arztrechnungen nicht bezahlt. Ich war 33 und am Ende.» Seit gut einem Jahr hat Maria C. einen Teilzeitjob in Zürich, für 28 Franken die Stunde. Das ergibt einen Monatsverdienst von 350 bis 900 Franken. Vom Sozialamt erhält sie knapp 1000 Franken Sozialhilfe. Sie lebt in einer Zweier-WG, zahlt für die Miete 550 Franken. Sie kocht möglichst zu Hause, weil das am günstigsten ist. Ein Sandwich auswärts kaufen sei zu teuer. Früher hat sie regelmässig Kunstausstellungen besucht, doch das Kunstmuseum, das sich im KKL befindet, hat sie aus ihrer Agenda gestrichen.

cherung. Wo soll ich die 300 Franken hernehmen? Als ich vor kurzem nicht mehr weiter wusste, ging ich erstmals bei der Caritas vorbei und musste um Geld bitten. Ich war mit dem Mietzins in Verzug und erhielt eine Kündigungsdrohung. Auch der Arzt hat mich fast betrieben, weil ich die 800 Franken nicht aufbringen konnte. Auch bei meiner Familie habe ich Schulden, von meinem Bruder habe ich nochmals 1000 Franken ausgeliehen. Vielleicht kann ich es ihm irgendeinmal zurückzahlen, ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen.» Das Gespräch dauert bereits eine Stunde. Draussen in der Stadt geht das Leben ungerührt weiter. Maria C. versucht die Fassung zu bewahren und möglichst tonlos zu erzählen. Doch hie und da bricht ihre Stimme ab, lässt erahnen, was in der Frau vorgeht. «Was ist, wenn ich völlig verbraucht bin und zu einem IV-Fall werde? Das macht mir am meisten Angst. Das entzieht mir den letzten Lebenssaft. Mit den Antidepressiva, die ich täglich nehme, bin ich einigermassen funktionsfähig. Aber die existenziellen Sorgen werfen mich immer wieder über den Haufen. Manchmal weiss ich nicht, ob ich das schaffe.

«Meine Freunde verreisen im Sommer. Für mich heisst Ferien: Ich gehe in die Badi.»

Das Gefühl, etwas wert zu sein «Wer arm ist, wird einsam. Man blockiert sich selber, zieht sich zurück. Mich auswärts mit Bekannten zu treffen, kann ich mir nicht allzu oft leisten. Ich will mich ja nicht dauernd einladen lassen. Also muss ich mir den Ausgang wegsparen. Ins Café gehe ich selten. Ich bin oft zu Hause. Auch die Mobilität ist ein Problem. Es kostet mich 17 Franken, zu meiner Familie nach Bern zu fahren. Das muss ich mir gut überlegen. Ich bin nur noch selten nach Bern gefahren und habe mir damit selber ins Fleisch geschnitten. Ohne meine Familie, die zu mir hält, bin ich völlig verloren. Die Freunde sind rar geworden. Sie leben in ganz anderen Lebensverhältnissen. Mit ihnen kann ich nicht Schritt halten. Sie gehen im Sommer in die Ferien, dann sage ich tschüss und bleibe daheim. Ferien heisst für mich, in die Badi zu gehen. Aber was solls? Ich konnte mein Leben lang nie gross auf Reisen gehen. Ich muss also nicht zurückbuchstabieren. Andere in meinem Alter haben Familie und Beruf. Ich wohne in einer WG, und die Mitbewohnerinnen werden immer jünger. Irgendeinmal habe ich genug davon. Immer diese Fragen. Was ist morgen? Reicht das Geld? Passiert etwas Unvorhergesehenes? Armut greift die Gesundheit an. Ich bin immer am Limit, habe sofort Bauchweh, wenn eine Rechnung auf dem Tisch liegt. Jetzt zum Beispiel die HaftpflichtversiSURPRISE 219/10

Es gibt Tage, an denen ich am Morgen gar nicht aufstehen und mich nur tief in den Kissen vergraben will. Mich hat die Armut krank gemacht. Dauernd rennt man – und es reicht doch nirgends hin. Das nimmt mir manchmal den Atem, und ich fühle mich völlig in die Enge getrieben. Wenn ich mir etwas Gutes tun will, leiste ich mir die Zugfahrt nach Bern zu meiner Familie. Ohne meine Schwester, bei der ich einen geschützten Rahmen finde, wüsste ich nicht weiter. Sie hat ein Kind, mein Göttibub, zu dem ich hie und da schaue. Das ist für mich wie eine Beschäftigungstherapie, und für die Schwester ist es eine schöne Entlastung. In Bern kann ich mich irgendwie nützlich machen. So habe ich das Gefühl, auch etwas wert zu sein. Es ist niederschmetternd, dauernd schlecht drauf und von anderen abhängig zu sein. Manchmal habe ich Beschwerden wie eine 80-jährige Frau. Das ist kaum zum Aushalten. Ich fühle mich dann so parasitär. Aber ich musste lernen, Hilfe anzunehmen. Es gibt immer wieder Lösungen, man muss nicht in der Gosse landen. Aber es ist ein ewiger Kampf. Dauernd ist der Kopf besetzt mit Sorgen und Ängsten und mit Bürokram – und das Leben geht an mir vorbei. Die Antidepressiva, die ich täglich nehme, sind Krücken, aber vorderhand kann ich ohne sie nicht leben. Ob ich die Krücken einmal weglegen kann? Nächstes Jahr möchte ich meine Diplomarbeit abschliessen. Ich muss aus diesem ewigen Kämpfen herauskommen und wieder Boden unter den Füssen haben. Wenn ich nur noch schwarzsähe, würde ich mir morgen eine Kugel geben. Ich habe meinen Stolz, und das ist gut so. Ich muss aufhören, zu hadern und mich dauernd mit anderen zu vergleichen. Ich habe jetzt dieses Leben, und ich mache mein Ding. Manchmal genügt es, ein paar gute Schuhe anzuziehen und einfach aus der Stadt hinauszuwandern.» ■ *Beat Bühlmann ist Inland-Redaktor beim «Tages-Anzeiger». Der Text erschien ursprünglich im Sozialalmanach 2010 der Caritas.

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BILD: GUIDO SÜESS

Wörter von Pörtner Neid «Da werd ich direkt neidisch», sagen viele Leute, denen ich von meiner Weltreise erzähle. Ein bisschen Neid ist nichts Schlechtes. Doch der Neid ist in den letzten Jahren stark in Verruf geraten und muss als eine Art Gegenmittel zu seiner Mit-Todsünde, der Gier, herhalten. Kritik an Lohnexzessen, Zweifel an Spekulationsblasen oder Warnung vor Siegerarroganz wird mit dem Killerargument «Neid!» zurückgewiesen. Wer will schon ein niederträchtiger Neidhammel sein, der anderen missgönnt, was er selbst nicht auf die Reihe kriegt? Echter Neid ist tatsächlich nichts Schönes und schadet vor allem dem Neider, der sich die Lebensfreude dadurch vergällt, dass er ständig glaubt, zu kurz zu kommen. Oft beklagen sich indes genau jene Menschen über Neid, die weder Zeit noch Auf-

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wand scheuen, solchen zu erwecken. Die neusten Markenkleider, die nicht getragen werden, weil sie der Person zur Zierde gereichen, sondern weil sie eine Menge kosten, Autos in der Grösse von Einzimmerwohnungen, Besuche jedes erdenklichen Eventzaubers, wenn möglich im gut einsehbaren, aber unerschwinglich teuren VIP-Bereich, Ferien in überlaufenen Trend-Destinationen, Tafeln und Trinken in Szene- und Nobellokalen, hantieren mit brandneuer Unterhaltungselektronik und was es sonst noch so an Methoden gibt, in die Welt herauszuposaunen: «Seht her, ich gehöre zu den Siegern!» Zweifelt jemand an ihrer Hochwohlgeborenheit rufen sie empört «Neid, Neider!» Auf Fragen wie der nach dem Zweck ihres permanenten Aufmerksamkeitsheischens reagieren sie mit der unvermeidlichen Dampfphrase: «Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen.» Was diese Leute damit sagen wollen ist: Ich und mein Leben sind dermassen Wahnsinn, dass man einfach neidisch werden muss. Ihre grösste Angst ist es, Gleichgültigkeit zu erzeugen. Sie pochen auf ihre Aussenwirkung. Darum sagen sie auch gerne: «Entweder man liebt mich oder man hasst mich. Dazwischen gibt es nichts.» Auch das ist Unfug. Dazwischen gibt es sehr vieles, vor allem das weitverbreitete «Du gehst mir am A… vorbei.»

Ihnen, die militant an die Öffentlichkeit treten und hartnäckig die Welt mit ihrem strahlenden Wesen beglücken, ist es unvorstellbar, dass sie ganz einfach nerven, dass ihre werte Meinung zu allem und jedem weit weniger gefragt ist, als von ihnen selbst vermutet. Neider sind für sie alle Menschen, die einzuwenden wagen, dass es auf der Welt noch Wichtigeres gibt als die neue Schmuckkollektion einer gut Geschiedenen, die moralischen Lehren eines Millionenbezügers, den Affären eines Spitzensportlers und was einem so an Lebensdetails von Schönheits- und Castingwettbewerbsteilnehmern, Seriendarstellern, Geschäftemachern und Ex-Bandmitgliedern sonst noch um die Ohren gehauen und aufs Auge gedrückt wird, wenn man seine Sinnesorgane nicht sorgfältig und hermetisch verschliesst. Was auch keine Lösung ist, denn dann würden einem auch die Weltreisen und -betrachtungen von beneidenswerten Schriftstellern entgehen.

STEPHAN PÖRTNER (STPOERTNER@LYCOS.COM) ILLUSTRATION: MILENA SCHÄRER (MILENA.SCHAERER@GMX.CH) SURPRISE 219/10


Plakatwerbung Bloss nicht langweilen Ob Jungschützen mit Gewehr und Freundin im Arm oder verschleierte Burkaträgerinnen: Plakate sorgen immer wieder für hitzige Diskussionen. In seinem Buch «So nicht!» präsentiert Rolf Thalmann mit über 400 umstrittenen Plakaten ein unterhaltsames Stück Zeitgeschichte

Im letzten Herbst bewegte die hitzige Debatte um das SVP-Plakat zur Minarettinitiative die Schweiz: Unzählige Zeitungsartikel und Leserbriefe beschäftigten sich mit der Frage, ob die Darstellung von Minaretten, welche die Schweizer Flagge durchbohren, islamfeindlich sei. Doch öffentliche Diskussionen um Plakate sind kein Phänomen der Gegenwart. Seit es Plakatwerbung gibt, sorgt sie immer wieder für Kontroversen. Nachzulesen ist dies im neuen Buch «So nicht! Umstrittene Plakate in der Schweiz 1883 – 2009». Rolf Thalmann versammelt darin über 400 Fallbeispiele kontroverser Sujets. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang durchforstete der ehemalige Leiter der Basler Plakatsammlung dafür Archive, Bücher und Tageszeitungen. Erst nach seiner Pensionierung im letzten Jahr fand er die Zeit zur Aufbereitung des umfangreichen Materials. «Umstrittene Plakate geben einen direkten Aufschluss über den Zeitgeist. Mein Buch ist in dieser Hinsicht fast eine Art Standardlehrmittel für Debatten über Sitte und Moral», beschreibt Thalmann seine Faszination für das Thema. Warum aber rufen gerade Plakate solch hitzige Reaktionen hervor? «Sie sind das öffentlichste Medium, das es gibt. Während der TV-Werbung mag man sich ein Bier holen, aber einem Plakat kann man kaum aus dem Weg gehen, ohne blind über die Strassen zu laufen.» Gleichzeitig wollen Plakatmacher mittels buchstäblich «plakativer Botschaften», die Aufmerksamkeit der Passanten auf ihre Werke lenken: «Die Versuchung, zu übertreiben und damit übers Ziel hinaus zu schiessen, ist dabei natürlich gross.» Dass Plakate gezielt provozieren, sei allerdings neu. Bis in die 70er Jahre hätten die meisten Plakatzeichner eher unabsichtlich Anstoss erregt, zum Bespiel weil sie nackte Körper zeigten. Heutzutage kann man ob der flammenden Plädoyers gegen die «Unsittlichkeit» harmloser künstlerischer Akte meist nur den Kopf schütteln: «Je weiter man zurück geht, desto weniger nachvollziehbar scheinen diese alten Kontroversen», meint Thalmann – schliesslich seien tiefe Einblicke und freizügige Posen heute, im Zeitalter von «Sex Sells», omnipräsent. Doch nackte Haut ist nicht der einzige Aufreger. Ab Ende der 80er Jahre brachen die Benetton- und Stop-Aids-Kampagnen mit gewagten Sujets weitere Tabus. «Ich halte diese Plakate für legitim, weil sie auf wichtige humanitäre und sozialpolitische Anliegen aufmerksam machen», kommentiert der Plakatexperte und fügt hinzu: «Am Schluss geht es immer um Ermessensfragen. Jeder zieht die Grenze wieder anders.» Dies gelte nicht nur für traditionell sensible Bereiche wie Religion, oder die Diskussion um sexistische Werbung, sondern auch für die Politik: «So gibt es bei jedem SVP-Plakat zurzeit sofort einen kollektiven Aufschrei – das ist wie ein Pawlowscher Reflex.» Man könne über die Geschmacklosigkeit von Metaphern wie Ratten, Raben oder schwarzen Schafen streiten. Tatsache sei aber, dass die Werbeagentur offenkundig SURPRISE 219/10

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VON TARA HILL

Knarre und Frau als Accessoires: Ein Jungschützen-Plakat von 1970.

ihr Handwerk verstehe: «Durch die Debatte werden die Sujets in der ganzen Schweiz bekannt – aber kaum ein Plakat wurde je verboten.» Eine strengere gesetzliche Regelung ist für Thalmann auch nicht die Lösung. Eher kann er sich ein unabhängiges Gremium von Experten vorstellen, dem die Plakate vorab vorgelegt werden. «Eine Art Rat der Weisen, ähnlich wie die Lauterkeitskommission, aber mit mehr Biss», schlägt Thalmann vor. Was aber macht für den Experten Rolf Thalmann ein gutes Plakat aus? «Es muss Pfiff haben, ein Risiko eingehen, darf auf keinen Fall langweilig sein – sonst kommt die Botschaft nicht an, und Plakate werden überflüssig.» ■ Rolf Thalmann (Hg.), «So nicht! Umstrittene Plakate in der Schweiz 1883 – 2009», CHF 58.–

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Kulturtipps

Der Schweizer Bühnenregisseur Luc Bondy schreibt eine wahre Fiktion über seine jüdische Kindheit.

Buch Schreiben wider den Schlamassel In der Erzählung «Am Fenster» wehrt sich das Alter Ego des bekannten Schauspiel-Regisseurs Luc Bondy gegen seinen körperlichen Verfall, indem er die Geschichte seiner jüdischen Mutter heraufbeschwört.

Songs voll Schmerz und Stolz: Kassette.

Songwriting Isolation macht produktiv Neue Talente braucht das Schweizerland. Zum Beispiel Laure Betris. Unter dem Künstlernamen Kassette zeigt die Westschweizerin, dass sie ein feines Händchen für fabulöse Songs hat.

VON ANNA WEGELIN VON MICHAEL GASSER

Donatey ist zwar erst 60 (genau genommen ist er 67, wenn er sich nicht sieben Jahre jünger machen würde), aber der «alternde», «arbeitslose» Theatermann benimmt sich, als würde bald seine letzte Stunde schlagen. Von einem unheilbaren Rückenleiden geplagt, verbringt er Stunden am Fenster seiner Wohnung in Zürich und grübelt über die Frage nach, «ob Seelen nach dem Tod bleiben». Während seine viel jüngere Freundin schläft oder ausser Haus ist, schaut er «nicht wirklich dankbar» auf sein Leben zurück, das irgendwie aufhörte, als sein Mentor, der Regisseur Gaspard Nock (Jacques Lecoq, bei dem Luc Bondy seine Pariser Lehrjahre machte?), an Muskelschwund stirbt. Er war für Donatey der «Held meines Lebens». Mitten im «Schlamassel des Alt- und Vergessenwerdens» rettet sich Donatey aus der vollständigen Resignation, indem er sich in seine Kindheit zurückdenkt und ihm nahe stehende Figuren heraufbeschwört. Georg, seinen Grossvater mütterlicherseits, erlebte er nur dement; seinen Vater, ein italienischer Ferrari-Konstrukteur, hat er nie zu sehen bekommen; und seine alleinerziehende Mutter Mathild Donatey verweigerte ihrem Sohn ihre eigene Lebensgeschichte und blieb «bis am Ende ihres Lebens eine Art bewaffneter Soldat». Vor vier Jahren veröffentlichte Luc Bondy (61), heute Leiter der Wiener Festwochen, die autobiografische Textsammlung «Meine Dibbuks», die seinen Vater umkreiste. Nun widmet er sein neues Buch, die autobiografische Erzählung «Am Fenster», seiner Mutter. Donatey hat ein zwiespältiges Verhältnis zu seiner Mutter. Sie gibt ihm zwar Lebenskraft, dominiert ihn jedoch selbst über ihren Tod hinaus. «Ich spüre ihren Blick wie einen Scheinwerferstrahl, der meine Handlung ans Licht bringt, noch bevor ich sie ausgeführt habe», so Donatey. Seine Erinnerungsarbeit gibt ihm ein lebendiges Gefühl. «Man spürt weniger im Alter, alles muss intensiver werden», meint Luc Bondys Alter Ego. «Am Fenster» ist letztlich trotz der düsteren Grundhaltung der Versuch, gegen die eigene Resignation anzuschreiben und sich wieder zu einem handelnden Subjekt zu machen.

Freunde des Hypes würden flugs behaupten: «Jetzt hat auch die Westschweiz ihre Sophie Hunger/Evelinn Trouble/Heidi Happy, endlich.» Doch Kassette, die mit bürgerlichem Namen Laure Betris heisst, braucht keinen Hype. Zwar ist auch sie mit (elektrischer) Gitarre, einprägsamen Songs und starker Stimme bewaffnet, doch steht sie ihre ganz eigene Musikerin. Wie ihr Zweitling «Neighborhood» aufs Schönste darlegt. Eingespielt hat sie das Werk zum Teil daheim, in Fribourg, vor allem aber in der Ferne, im winterlichen Berlin. «Nicht zuletzt, weil ich die deutsche Sprache liebe», gesteht die Singer/Songwriterin, das sei auch mit ein Grund, weshalb sie Kassette zu ihrem Bühnenalias erkoren habe. Nebst der Tatsache, dass sie ein ausgesprochenes Flair für die anachronistischen Tonbändchen habe. Beim Rock sei sie relativ spät gelandet, ihre irakisch-schweizerischen Eltern hätten daheim nur klassische Musik laufen lassen. Als sie eine neue Klassenkameradin aus Kanada bekam, änderten sich die Dinge schlagartig. «So hörte ich erstmals von der Grungeszene und von angesagten Bands wie den Smashing Pumpkins.» Folge: Betris, damals 15, und ein paar ihrer Freundinnen liessen es in der Girl-Band Skirt krachen. Doch bald schon war Betris’ laute Phase wieder vorbei. Es fehlten ihr die Zwischentöne, der Platz fürs Ausloten der Melancholie. Was ihr als Kassette nun möglich ist. Für «Neighborhood» hat sich die 28-Jährige mehrheitlich in die Isolation begeben, was ihr beinahe zu viel Zeit mit sich selber beschert habe. «Dafür war ich sehr produktiv», sagt sie. Es seien nur jene ihrer englischsprachigen Lieder auf der neuen Platte gelandet, bei denen sie keine Sekunde gezögert habe. Die 14 sparsam, schon fast geizig arrangierten Lo-Fi-Nummern, die sich auf ihrem neuen Album tummeln, sind fast ausnahmslos kurz. In der Haltung rockig, in der Form ebenso poppig wie heftig. Kassette singt dazu wie eine Getriebene von Schmerz oder Dunkelheit. Die Schwermut tröpfelt sanft, aber bestimmt durchs Werk, das sich ebenso verletzlich wie selbstbewusst zeigt. Und auch – das völlig zu recht – sehr stolz.

Luc Bondy: Am Fenster. Roman. Zolnay-Verlag, Wien 2009.

Kassette: «Neighborhood» (Saiko/Irascible) Konzerte: 25. Februar, 22 Uhr, Cardinal, Schaffhausen; 27. Februar, 20.30, Herbert, Baden; 28. Februar, 20 Uhr, Rössli, Bern.

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Die 25 positiven Firmen Diese Rubrik ruft Firmen und Institutionen auf, soziale Verantwortung zu übernehmen. Einige haben dies schon getan, indem sie dem Strassenmagazin Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Damit helfen sie, Menschen in prekären Lebensumständen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben und sie auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit zu begleiten. Gehört Ihr Betrieb auch dazu? Die Spielregeln sind einfach: 25 Firmen werden jeweils aufgelistet, sind es mehr, fällt jener Betrieb heraus, der am längsten dabei ist.

junges theater basel: «Frühlings Erwachen» in der Disco.

Theater Schock, Scham und Neugierde Wendla steht auf Melchior. Moritz hat Schiss vor dem Leben, und Martha mag seinen seelenvollen Blick. Im jungen theater basel wird «Scham» gespielt. VON MICHÈLE FALLER

Der Mann im schlecht sitzenden Anzug kommt zögerlich nach vorne und wendet sich mit unsicherem und eindringlichem Blick ans Publikum: «Alles, was jetzt kommt, hat mit Sexualität zu tun.» Eine gewaltige Macht, die jugendliche Seelen völlig zerstören könne, klärt uns der von der schäbigen Krawatte bis zu den Schlupfschuhen ganz in Grau gekleidete Herr erschüttert, aber gefasst auf. Lichtwechsel, Discomusik, fünf Teenager tanzen wild und ernst zu elektronischen Sounds und der Mann in Grau verzieht sich hinter das Tischchen mit dem kleinen Papierschild. «WC 2 Fr.» «Scham» heisst die neueste Produktion des jungen theaters basel, die Regisseur Matthias Mooij frei nach Wedekinds «Frühlings Erwachen» inszeniert. Hauptort des Geschehens ist eine Disco. Dort schwärmt die kecke Wendla vom gut aussehenden Melchior und die vom Schicksal gebeutelte Martha vom schüchternen Moritz. Die laszive Ilse fordert Mitspieler wie Publikum heraus, dazwischen tanzen die Mädchen an Stangen, während die Jungs mehr oder weniger gemütlich über die Fortpflanzung plaudern. Doch was locker daherkommt, ist 1890/91 wie heute eine «Kindertragödie». Moritz findet, er passe hier nicht rein. Geschockt von seinen ersten sexuellen Gefühlen und überfordert von seinen Empfindungen den Mädchen gegenüber, beschliesst er: «Ich mache die Tür hinter mir zu und bin frei.» Die jugendlichen Schauspielerinnen und Schauspieler sprechen Dialekt und vor allem ihre eigene Sprache. Ihr Spiel ist unmittelbar und packend, und die frechsten Dialoge sowie die schrägen selbstironisch-melancholischen Monologe von Moritz sind interessanterweise praktisch unverändert dem Originaltext entnommen. Das zeigt nicht nur, wie viel dieser mit den heutigen Jugendlichen zu tun hat, sondern zeugt auch vom grossen Einfühlungsvermögen der Spieler und der künstlerischen Leitung. Mit einer schlichten Übertragung des Stoffs in ein heutiges Dekor gibt sich das Ensemble des jungen theaters nicht zufrieden. Es denkt über die Vorlage hinaus und zeigt, dass auch die präziseste Aufgeklärtheit nicht vor Scham schützt. Der graue Mann bringt es auf den Punkt: «Blamieren gehört dazu.»

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Klinik Sonnenhalde AG, Riehen

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Canoo Engineering AG, Basel

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Lehner + Tomaselli AG, Zunzgen

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fast4meter, storytelling, Bern

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Brother (Schweiz) AG, Baden

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Druckerei Hürzeler AG, Regensdorf

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IBZ Industrie AG, Adliswil

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Zeix AG, Zürich

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Zürcher Kantonalbank, Zürich

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Axpo Holding AG, Zürich

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Experfina AG, Basel

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AnyWeb AG, Zürich

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muttutgut.ch, Lenzburg

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Mobilesalad AG, Bern

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Proitera GmbH, Basel

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Coop Genossenschaft, Basel

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Alfacel AG, Cham

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Kaiser Software GmbH, Bern

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chefs on fire GmbH, Basel

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Statistik Georg Ferber GmbH, Riehen

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Locher Schwittay Gebäudetechnik GmbH, Basel

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Schützen Rheinfelden AG, Rheinfelden

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Responsability Social Investments AG, Zürich

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SV Group AG, Dübendorf

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Baumberger Hochfrequenzelektronik, Aarau

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende von mindestens 500 Franken sind Sie dabei! PC-Konto: 12-551455-3, Verein Strassenmagazin Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma + Ihr gewünschter Eintrag! Wir schicken Ihnen eine Bestätigung.

«Scham», frei nach «Frühlings Erwachen» von Frank Wedekind, 3. bis 5. März, 20 Uhr, weitere Vorstellungen bis 30. April, junges theater basel. www.jungestheaterbasel.ch 219/10 SURPRISE 219/10

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Ausgehtipps Auf Tour Die Chansons der Discoqueen Die Bässe bollern über den Tanzboden, von den Wänden widerhallen Synthie-Fanfaren, und dann tritt sie ins Scheinwerferlicht: Simone de Lorenzi, die ungekrönte Discoqueen der Schweiz. Zusammen mit den Berner Brüdern Menk und Simon Schüttel bildet die schöne Tessinerin das Trio Fiji. Stilistisch bewegt man sich elegant in Elektro-Pop zwischen Glamour und Dekadenz. Auf dem vorletzten Album «Le Loup» inszenierte das Dreigestirn seine Stücke als Technopunk-Chanson, und auf der anschliessenden Tournee entwickelte sich De Lorenzi zu einer Entertainerin zwischen Vamp und Rampensau. Das neue Programm heisst «Fun Factory» und wirkt aufgrund der englischen Texte zunächst weniger extravagant. Live aber verwandeln die Songs jeden Klub in einen Tempel hedonistischer Ausschweifungen. (ash) 19. Februar, 21. Uhr, Sous Soul, Bern; 25. Februar, 22 Uhr, Hive, Zürich; 5. März, 21 Uhr, Kofmehl, Solothurn.

BILD: ZVG/ALBERTO RUANO

Glamour und Extravaganz: Simone De Lorenzi von Fiji.

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Eingeholt von der Vergangenheit: Detektiv Köbi Robert.

Zürich Detektiv Köbi im Theater Stephan Pörtner ist nicht nur Surprise-Kolumnist, sondern auch Buchautor. Sein Held ist der Privatdetektiv Köbi Robert, der einst in der 80er-Bewegung mitmischte und heute im Langstrassen-Umfeld ermittelt. Pörtners Bücher sind rasante Krimis und sarkastische Milieustudien in einem. Nun hat das Spiegeltheater den letzen Band «Köbi Santiago» für die Bühne adaptiert: Eigentlich hat sich Köbi nach Spanien zurückgezogen. Doch dann taucht ein alter Bekannter auf und zwingt ihn nach Zürich zurück zu gehen. Kaum angekommen, sieht sich Köbi mit Leichen und Gespenstern aus der Vergangenheit konfrontiert. Am Samstag, 27. Februar liest Pörtner zum Auftakt des Abends einige seiner Kolumnen. (ash) «Köbi Santiago», Premiere: 26. Februar, 20 Uhr, Kulturmarkt, Zürich. Weitere Vorstellung im Kulturmarkt: 27. Februar, 5. und 6. März jeweils 20 Uhr; Im Casino-Saal Aussersihl: 10. Und 11. März, jeweils 20 Uhr. www.spiegeltheater.ch

— www.theater-basel.ch, Tel. +41/(0)61-295 11 33 — 26

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Das Theaterkabarett Birkenmeier bringt Fairtrade witzig auf die Bühne.

Basel Fair und lustig Fairer Handel und Menschenrechte – nicht gerade Themen, die sich für kurzweilige Unterhaltung anbieten. Die Offene Kirche Elisabethen wagt es und lädt das Theaterkabarett Birkenmeier mit seinem Spezialprogramm dazu ein. Im Anschluss ans Kabarett gibts ausserdem eine Modeschau mit Kleidern der Firma Switcher, die fair und ökologisch produziert. (juk)

Com&Com haben in zehn Jahren auch ganze Bäume künstlerisch inszeniert.

Biel Auf einen Blick

kabarett Birkenmeier und Switcher-Modeschau, Samstag, 6. März, ab 19.30,

Com&Com – la réalité dépasse la fiction, Ausstellung noch bis zum 14. März,

Offene Kirche Elisabethen, Basel.

CentrePasquArt, Biel.

BILD: ZVG/THOMAS OTT (2009)

«Geiz ist geil – gehts noch billiger?» Ein kurzweiliger Abend mit dem Theater-

Von der Biennale Venedig nach Biel: Das Künstler-Duo Com&Com stellt seine Werke international mit Erfolg aus. Johannes M. Hediger und Marcus Gossolt arbeiten seit über zehn Jahren zusammen. Zeit für eine Retrospektive, in der die künstlerische Entwicklung des multidisziplinären Gespanns von 1997 bis heute sichtbar wird. (juk)

Anzeige:

Schraffuren im Schatten der Nacht.

Basel Finstere Kunst Düstere Bilder, die um menschliche Abgründe kreisen: Die Ausstellung «Kontrastprogramm» widmet sich einer meist finsteren, über 100 jährigen Kunst – der Technik des Schabkartons. Durch Kratzen, Schaben und Schneiden mit einem Cutter wird der weisse Grund unter einer schwarzen Deckschicht freigelegt. So entstehen Zeichnungen, die durch ihre weissen Striche und Schraffuren unsere Sehgewohnheiten irritieren – und sich durch den meist hohen Schwarzanteil gut eigenen, um Geister, Ganoven oder die unheimliche Nacht abzubilden. (mek) Kontrastprogramm, die Kunst des Schabkartons, noch bis am 20. Juni zu sehen im Cartoon Museum Basel, St. Alban-Vorstadt 28. www.cartoonmuseum.ch SURPRISE 219/10

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Verkäuferporträt «Meine Schweizer Mutter habe ich in der Kirche kennengelernt» BILD: ZVG

Ermias Teklay, 33, verkauft Surprise in Langenthal und besucht jeden Sonntag die Gottesdienste der koptischorthodoxen Kirche. Wenn er nicht gerade Deutsch lernt, spielt der Eritreer Musik oder Fussball. AUFGEZEICHNET VON STEFANIE ARNOLD

«Ich bin seit einem Jahr und drei Monaten in der Schweiz. Surprise verkaufe ich jetzt seit drei Monaten. Ich bin froh, dass ich eine Arbeit habe. Ich probiere, sie möglichst gut zu machen. Bevor ich diese Arbeit hatte, ging es mir nicht gut. Ich konnte nur schlafen, hatte nichts zu tun. Heute stehe ich fünf bis sechs Tage die Woche vor dem Coop in Langenthal, auch am Samstag, und verkaufe Surprise. Im Surprise-Büro in Bern treffe ich oft auf Bekannte. Heute habe ich dort zum Beispiel meinen Priester gesehen. Ich habe das Kreuz geküsst, das er mir hingehalten hat. Das machen wir in Eritrea so. Das Beten und die Kirche sind mir sehr wichtig. Deshalb trinke und tanze ich auch nicht. Ich bin Mitglied der koptisch-orthodoxen Kirche von Eritrea und besuche jeden Sonntag die Gottesdienste. Sie finden abwechselnd in Bern und in Langenthal statt. Unsere Gottesdienste dauern ziemlich lange, nämlich drei Stunden, jeweils von 11 Uhr bis ungefähr 14 Uhr. In Bern feiern wir in der Krypta der Kirche St. Peter und Paul, direkt in der Altstadt. In dieser Kirche habe ich auch meine Schweizer «Mutter» kennengelernt. Sie heisst Esther und ist bereits Grossmutter. Sie ist sehr gut zu mir und hilft mir, Deutsch zu lernen. Wir treffen uns für vier Stunden pro Woche, um zu üben. Ich möchte unbedingt besser Deutsch lernen. Ich habe zwei Stunden Unterricht pro Woche. Das ist sehr gut, aber nicht genug. Ich hätte lieber noch mehr Schule, am besten zehn Stunden pro Woche. Deshalb übe ich auch zu Hause mit dem ‹20 Minuten› und einem Wörterbuch, so oft es geht. In meiner Freizeit spiele ich Gitarre, deshalb habe ich auch so lange Fingernägel. Aber ich tue das nicht sehr oft. In Eritrea habe ich mehr Musik gemacht. Ich versuche auch zu singen, manchmal mit anderen Leuten zusammen. Wir spielen dann vor allem eritreische Lieder. Aber ich mag auch andere Musik, zum Beispiel Michael Bolton oder Jennifer Lopez. Ausserdem mache ich oft Sport, vor allem Fussball. Gerne schaue ich auch Spiele im Fernsehen. Ich mag den FC Barcelona und vor allem die Spieler mit den Trikot-Nummern 2 und 5, Daniel Alves da Silva und Carlos Puyol. In Eritrea habe ich Automechaniker gelernt, ich habe ein Diplom von meinem Abschluss zu Hause. Auch mein Vater war früher Automechaniker. In der eritreischen Hauptstadt Asmara habe ich nach meiner Schulzeit einige Zeit in einer Garage gearbeitet. Wir haben dort alle Autos repariert, nicht nur bestimmte Marken. Dann musste ich ins Militär, 14 Jahre war ich dort, bevor ich über den Sudan und Libyen in die Schweiz geflohen bin. Zu Hause waren wir zu neunt: Meine fünf Schwestern, mein Bruder, meine Eltern und ich. Ich bin der Zweitälteste. Meine halbe Familie ist

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im Militär: Mein Vater, mein Bruder und zwei meiner Schwestern. Ich bin der einzige meiner Familie, der in der Schweiz ist. So oft es geht, telefoniere ich mit meiner Familie daheim. Jetzt kann ich sie anrufen, wann ich will. Als ich im Militär war, konnte ich das nicht. Damals habe ich meine Familie nur alle zwei Jahre gesehen. Ich wohne zusammen mit vier anderen Männern aus Eritrea in einer Wohnung in Langenthal. Das ist okay. Aber Bern gefällt mir besser als Langenthal. Vor allem im Sommer ist die Stadt sehr schön. Dann gehe ich oft ins Marzili. Dort hat es viele Leute. Ich möchte besser Deutsch sprechen können, damit ich leichter mit den Leuten reden kann. Denn ich hätte gerne mehr Schweizer Kolleginnen und Kollegen.» ■ SURPRISE 219/10


Eine Chance für alle! Werden Sie Surprise-Götti oder -Gotte ber. Das verdient Respekt und Unterstützung. Regelmässige Verkaufende werden von Surprise-Sozialarbeiterinnen betreut, individuell begleitet und gezielt gefördert. Dazu gehört auch, dass sie von Surprise nach bestandener Probezeit einen ordentlichen Arbeitsvertrag erhalten. Mit der festen Anstellung übernehmen die Surprise-Verkaufenden mehr Verantwortung; eine wesentliche Voraussetzung dafür, wieder fit für die Welt und den Arbeitsmarkt zu werden.

Starverkäufer BILD: ZVG

Surprise kümmert sich um Menschen, die weniger Glück im Leben hatten als andere. Menschen, die sich aber wieder aufgerappelt haben und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise überwinden sie ihre soziale Isolation. Ihr Alltag bekommt Struktur und wieder einen Sinn. Sie gewinnen neue Selbstachtung und erarbeiten sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst. Die Surprise-Strassenverkäuferinnen und -verkäufer helfen sich sel-

Als Götti oder Gotte ermöglichen Sie einer Strassenverkäuferin oder einem -verkäufer eine betreute Anstellung bei Surprise und damit die Chance zur Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben.

Bob Ekoevi Koulekpato Basel

Marlise Haas Basel

Jovanka Rogger Zürich

Kumar Shantirakumar Bern

Regina Hadorn aus Twann nominiert Teklay «Ghere» Ghebrehi als Starverkäufer: «Endlich muss ich mal einen der vielen Verkäufer loben, bei denen ich seit Jahren mein Surprise kaufe! Mein Starverkäufer steht bei der Welle in Bern. Er gibt mir öfters Kredit, wenn ich im ‹Ghetz› bin oder nur grosse Noten habe. Stets winkt er mir freundlich zu. Er ist immer fröhlich und jammert nicht mal bei diesen Temperaturen! Ich wünsche ihm viele gute Kunden und dass der Winter bald vorbei ist.»

Ausserdem im Förderprogramm SurPlus: Peter Gamma, Basel Peter Hässig, Basel Andreas Ammann, Bern Wolfgang Kreibich, Basel Kurt Brügger, Baselland Anja Uehlinger, Baden

Jela Veraguth, Zürich Marika Jonuzi, Basel Fatima Keranovic, Baselland Tatjana Georgievska, Basel René Senn, Zürich

Nominieren Sie Ihren Starverkäufer! Schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung, welchen Verkäufer Sie an dieser Stelle sehen möchten: Strassenmagazin Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41+61 564 90 99, redaktion@strassenmagazin.ch

Ja, ich werde Götti/Gotte von: 1 Jahr: 8000 Franken

1/2 Jahr: 4000 Franken

1/4 Jahr: 2000 Franken

Vorname, Name

Telefon

Strasse

E-Mail

PLZ, Ort

Datum, Unterschrift

1 Monat: 700 Franken

219/10 Talon bitte senden oder faxen an: Strassenmagazin Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@strassenmagazin.ch, PC-Konto 12-551455-3 SURPRISE 219/10

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Surprise ist: Hilfe zur Selbsthilfe Surprise fördert seit 1997 die Selbsthilfe von Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Mit begleiteten Angeboten in den Bereichen Arbeit, Sport und Kultur fördert Surprise die soziale Selbständigkeit und berufliche Eingliederung, das Verantwortungsbewusstsein, die Gesundheit und eine positive Lebenseinstellung. Surprise gibt es in der deutschsprachigen Schweiz. Eine Stimme für Benachteiligte Surprise verleiht von Armut und sozialer Benachteiligung betroffenen Menschen eine Stimme und sensibilisiert die Öffentlichkeit für ihre Anliegen. Surprise beteiligt sich am Wandel der Gesellschaft und bezieht Stellung für soziale Gerechtigkeit.

Ich möchte Surprise abonnieren! 24 Ausgaben zum Preis von CHF 189.– (Europa: CHF 229.– ) (Verpackung und Versand bieten StrassenverkäuferInnen ein zusätzliches Einkommen.)

Strassensport Der zweite Schwerpunkt von Surprise ist die Integration von sozial benachteiligten Menschen in der Schweiz über den Sport. Mit einer eigenen Strassenfussball-Liga, regelmässigem Trainings- und Turnierbetrieb, der Schweizermeisterschaft sowie der Teilnahme des offiziellen Schweizer Nationalteams am jährlichen «Homeless Worldcup» vernetzt Surprise soziale Institutionen mit Sportangeboten in der ganzen Schweiz. Organisation und Internationale Vernetzung Surprise ist eine nicht gewinnorientierte soziale Institution. Die Geschäfte werden von der Strassenmagazin Surprise GmbH geführt, die von dem gemeinnützigen Verein Strassenmagazin Surprise kontrolliert wird. Surprise ist führendes Mitglied des Internationalen Netzwerks der Strassenzeitungen (INSP) mit Sitz in Glasgow, Schottland. Derzeit gehören dem Verband gegen 100 Strassenzeitungen in über 40 Ländern an.

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Strassenmagazin und Strassenverkauf Surprise gibt das vierzehntäglich erscheinende unabhängige Strassenmagazin Surprise heraus. Neben einer professionellen Redaktion verfügt das Strassenmagazin über ein breites Netz von freien Berufsjournalistinnen, Fotografen und Illustratorinnen. Der überwiegende Teil der Auflage wird von Menschen ohne oder mit beschränktem Zugang zum regulären Arbeitsmarkt auf Strassen, Plätzen und in Bahnhöfen angeboten. Die regelmässige Arbeit gibt ihnen eine Tagesstruktur, neues Selbstvertrauen und einen bescheidenden aber eigenständig erwirtschafteten Verdienst. Für viele Surprise-Verkaufende ist das Strassenmagazin der erste Schritt zurück in ein eigenständiges Leben.

Herausgeber Strassenmagazin Surprise GmbH, Postfach, 4003 Basel, www.strassenmagazin.ch Geschäftsführung T +41 61 564 90 63 Fred Lauener, Agnes Weidkuhn (Assistenz GF) Öffnungszeiten Sekretariat Mo–Do 9–12 Uhr, T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99 info@strassenmagazin.ch Redaktion T +41 61 564 90 70 Fred Lauener (Leitung), Reto Aschwanden, Julia Konstantinidis, Mena Kost, Thomas Oehler (Sekretariat) redaktion@strassenmagazin.ch Freie Mitarbeit Stefanie Arnold, Beat Bühlmann, Michèle Faller, Michael Gasser, Tara Hill, Christof Moser, Dominik Plüss, Stephan Pörtner, Milena Schärer, Isabella Seemann, Udo Theiss, Fabian Unternährer, Anna Wegelin, Priska Wenger Korrektorat Alexander Jungo Gestaltung WOMM Werbeagentur AG, Basel Druck AVD Goldach Auflage 29 400, Abonnemente CHF 189.–, 24 Ex./Jahr Anzeigenverkauf T +41 61 564 90 77 Therese Kramarz, Mobile +41 76 325 10 60 anzeigen@strassenmagazin.ch

Marketing T +41 61 564 90 61 Theres Burgdorfer Vertrieb T +41 61 564 90 81 Smadah Lévy (Leitung) Vertrieb Zürich T +41 44 242 72 11 Reto Bommer, Engelstrasse 64, 8004 Zürich, Mobile +41 79 636 46 12 r.bommer@strassenmagazin.ch Vertrieb Bern T +41 31 332 53 93 Alfred Maurer, Pappelweg 21, 3013 Bern, Mobile +41 79 389 78 02 a.maurer@strassenmagazin.ch Betreuung und Förderung T +41 61 564 90 51 Rita Erni Chor/Kultur T +41 61 564 90 40 Paloma Selma Strassensport T +41 61 564 90 10 Lavinia Biert Trägerverein Strassenmagazin Surprise Präsident: Carlo Knöpfel

Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von der Redaktion und dem Verlag jede Haftung abgelehnt. SURPRISE 219/10


Surprise fördert seit 1997 die Selbsthilfe von Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Das Magazin, welches 14-täglich erscheint, wird auf den Strassen der deutschen Schweiz von über 300 Verkaufenden angepriesen. Wir suchen per 1. April oder nach Vereinbarung eine/n

Administrator/In Strassenverkauf Region Bern 50% In dieser Funktion sind Sie verantwortlich für alle administrativen Belange im Regionalbüro Bern. Das Regionalbüro ist Anlaufstelle für Verkaufende aus Bern und Umgebung, kümmert sich um Verkaufsbewilligungen und pflegt die nötigen Kontakte. Sie fühlen sich wohl im Kontakt mit Menschen unterschiedlichster Kulturen und sind sich den Umgang mit Behörden, Lieferanten und Kunden gewohnt. Wir erwarten: • Ausbildung und/oder Erfahrung im kaufmännischen Bereich • sehr gute Computer-Anwenderkenntnisse • Englisch-Kenntnisse • selbständige und gut organisierte Persönlichkeit • soziale Kompetenz • zeitliche Flexibilität (Jahresarbeitszeit) Wir bieten: • herausfordernde Aufgabe in dynamischem Umfeld • faire Lohn- und Sozialleistungen • angenehme Arbeitsatmosphäre in einem motivierten Team Bei Fragen wenden Sie sich bitte per E-Mail an unsere Vertriebsleiterin Smadah Lévy (s.levy@strassenmagazin.ch). Wir freuen uns auf Ihre Bewerbung bis 8. März 2010. Strassenmagazin Surprise Personaldienst Spalentorweg 20 Postfach, 4003 Basel

Hier könnte Ihre Werbung stehen. Werfen Sie Ihr Werbegeld nicht auf die Strasse. Investieren Sie es dort. Surprise erreicht 135 000 Leserinnen und Leser. Und das in den grössten Städten und Agglomerationen der Deutschschweiz.* Denn dort stehen die 380 Surprise-Verkaufenden für Sie auf der Strasse. Tagtäglich. Ganze 80 Prozent der überdurchschnittlich verdienenden und ausgebildeten Käuferinnen und Käufer lesen die gesamte Ausgabe oder zumindest mehr als die Hälfte aller Artikel. Das Strassenmagazin steht für soziale Verantwortung und gelebte Integration. Mit Ihrem Inserat zeigen Sie Engagement und erzielen eine nachhaltige Wirkung. Anzeigenverkauf Therese Kramarz, T +41 76 325 10 60 anzeigen@strassenmagazin.ch

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Ist gut. Kaufen! Wer etwas verkauft, braucht Geld. Schlichte Wahrheit – gute Sache. Denn 50 Prozent des Verkaufspreises kommt Surprise zugute. Alle Preise exkl. Versandkosten.

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Surprise Rucksäcke (32 x 40 cm); CHF 89.– schwarz rot

219/10

*gemäss Basic 2008-2. Seite bitteMACH heraustrennen und schicken oder faxen an: Strassenmagazin Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@strassenmagazin.ch SURPRISE 219/10

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Das führende Schweizer Satiremagazin

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stellt sich die Frage: Hat er gedopt oder nicht? Gehört das Feld im Finale eines 50-km-Laufs nicht komplett in Handschellen abgeführt?»

Oprah Winfrey(56), ist der bestverdienendste Fernsehstar der Welt (260 Millionen Dollar jährlich), die ausser ihrer eigenen Show auch Oscar- oder GoldenGlobe-Verleihungen moderier-

Harald Schmidt Schmidt Leonardo Di Caprio: «Nach dem Gewinn des ‹Golden Globe› meinte der Star, er habe nur Sex im Kopf! Tolle Sache, dass er trotz aller Erfolge doch ein ganz normaler Mensch geblieben ist.»

Klatsch & Tratsch

digen können, hier die gängigsten Phrasen

Ich bin ein Schweizer.

lische Übersetzung.

Please don’t take me hostage.

Nicht das Gewinnen ist wichtig, sondern das Dabei- We are used to be loosers. Wir haben viel gemeinsam: Ihr habt die Franzosen, wir Your enemies are my enemies. die Welschen. Unsere Völker, unsere Gesinnung und unsere Eigen- Your cows look exactly like our cows. schaften sind sich sehr ähnlich! Längst nicht alle Schweizer haben für das Minarett- I voted for it, but am afraid to admit. Verbot gestimmt. Unsere Exekutive funktioniert nach dem Prinzip der I have absolutely no idea how our government works. Konkordanz. Die Schweiz steht für fairen Sport.

Switzerland’s soccer clubs were the cheapest to bribe.

Sepp Blatter vertritt, was alle Schweizer am Sport schät- Not active participating, just passive watching. Wir sind berühmt für Käse und Schokolade.

No, we don’t have Swissair anymore.

Die Schweizer Bevölkerung hat der UBS stolz gehol- Can you fucking believe we had to pay for them! fen, die Finanzkrise zu überwinden. In der Schweiz achten wir sehr auf gesunde Ernährung. Does your McDonald’s use Swiss cheese? Ueli Maurer hat gesagt, wir hätten die beste Armee der We are the most selbstironisch people in the world. Es ist komisch für uns, für einmal selbst Ausländer zu That’s how we feel in Zurich.

Witzfiguren

Checklisten

der Wert von on Kameraden

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08.02.10 08:57


Surprise Strassenmagazin 219/10  

Surprise Strassenmagazin 219/10

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