SUMO #39

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Fachmagazin des Bachelor Studiengangs Medienmanagement der FH St. Pölten

Ausgabe 39 10/202 2

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Medienmanagement studieren heißt, die Zukunft der Medien mitgestalten. Wissen, was morgen zählt.

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© 2022 SUMO Medienfachmagazin Alle Rechte vorbehalten. www.sumomag.at facebook.com/sumomag instagram.com/sumo.mag Medieninhaberin Fachhochschule St. Pölten GmbH c/o SUMO Campus-Platz 1 A-3100 St. Pölten Telefon: +43(2742) 313 228 - 200 www.fhstp.ac.at Fachliche Leitung Mag. Dr. Gabriele Falböck und FH-Prof. Mag. (FH) Dr. Johanna Grüblbauer E-Mail: johanna.grueblbauer@fhstp.ac.at Telefon: +43 676 847228422 © Titelbild: Franziska Fritz, Lisa Jungmayr, Peter Wilfing Druck in Auftrag gegeben bei gugler* Leitstern für Kommunikation und Wandel Auf der Schön 2 A-3390 Melk/Donau www.gugler.at


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Um unser Magazin in vollem Umfang erleben zu können, kannst du den unten abgebildeten QR-Code scannen und dir den dafür benötigten Instagram-Filter herunterladen. Dafür ist ein InstagramAccount notwendig.

Augmented Reality, kurz AR, ist das Erweitern der Realität mit digitalen Inhalten.

Jedes Mal, wenn du das hier abgebildete AR-Symbol siehst, kannst du dein Smartphone zücken und die Seite scannen.

Schritt 2: Scanne die gesamte Seite mit deiner Handykamera, auf denen sich das AR-Symbol befindet.

Mixed-Media Thema

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Bei diesem Magazin handelt es sich um ein Mixed-Media-Produkt

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Schritt 3: Halte dein Handy so, dass die gesamte Seite im Kamerabild zu sehen ist. Unsere Augmented-Reality-Inhalte zeigen dir dann Zusatzinformationen und visuelle „Schmankerl“ zum jeweiligen Thema an. Bei einigen Grafiken kannst du auch durch Berühren der Objekte mit diesen interagieren.

Probiere es gleich mit dieser Seite aus!


Inhalt

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Editorial

Johanna Grüblbauer & Gabriele Falböck

Diversität – ein solidarischer Kampf

Antonella Bacher

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Gamechanger-Technik: Wie Innovationen die Fotografie-Branche beeinflussen

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„Besser, wir machen das gemeinsam“ – so soll Barrierefreiheit im Internet funktionieren

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Comics: Wie die Literatur in Bildern den Spiegel der Gesellschaft bildet

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Diversität in der Gamingszene – mehr als nur ein einseitiges Gejammer?

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So spricht das Burgenland: Wie der ORF die sprachliche Vielfalt zwischen Neusiedl und Jennersdorf stärkt

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Fabian Lahninger

Julian Landl

Sophie Wagner

Erich Anger

Mavie Berghofer

Obdachlosigkeit und die Medien – nicht nur eine Randnotiz Anna Horn

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Aktivist*innen als Medienschaffende – von „Salam Oida“ bis „Ibiza Austrian Memes“

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Werbestrategie Feminismus – reiner Marketing-Gag?

Afifa Akhtar

Verena Scharnagl

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Sind Feminismus und Pornografie Widerspruch? Wie FemPorn die Gesellschaft verändert

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„Indischer Film ist so viel mehr als Bollywood“ – eine Reportage aus Stuttgart

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Ein Anschein von Freiheit – Zensur in Russland

Laura Sophie Maihoffer

Antonella Bacher

Magdalena Kanev

Inhalt Thema

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Editorial

Liebe Leser*innen, „Ich mach mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt“, ist Pippi Langstrumpf überzeugt – lange bevor Diversity-Themen in unserem Alltag und in Medien omnipräsent wurden. 2022 feierte sich die LGBTIQ-Bewegung im Rahmen des „Pride Month“ im Juni und setzte damit Zeichen um Awareness für die Lebensrealität u.a. der homosexuellen und TransgenderCommunities zu schaffen. Am öffentlichkeitswirksamsten Höhepunkt der beiden Aktionswochen, der „Regenbogenparade“, nahmen laut Veranstalter 250.000 Menschen teil. Und während die tanzfreudige, laute, vor allem junge und bunte Community über die Wiener Ringstraße zog, fand auf dem nicht weniger symbolkräftigen Stephansplatz unter dem Titel „Marsch der Familie“ die von christlich-konservativen Organisationen initiierte Gegendemo statt. Die Polizei sprach von Teilnehmer*innen im dreistelligen Bereich. Die Forderung von mehr Diversität erschöpft sich aber bei weitem nicht in Geschlechter-Diskussionen und sexueller Identität, sondern bezieht auch Alter, Weltanschauungen, soziale Herkunft, Gesundheit, ethische Herkunft und andere mehr mit ein. Die Öffnung der Gesellschaft für die Belange jener, die nicht im Zentrum stehen und deren Lebensentwürfe und Lebensläufe von denen der „Mehrheit“ abweichen, ist nicht von der Hand zu weisen. Dennoch: Im selben Jahr erregt sich ein anonymes Publikum mittels Dislikes und Posts auf „YouTube“ über die Afro-Amerikanerin Halle Bailey als Darstellerin von „Arielle, die Meerjungfrau“. Währenddessen präsentierte die Menschenrechtsorganisation ZARA 1.977 dokumentierte und bearbeitete Fälle von Rassismus in Österreich, von denen immerhin 1.117 im Internet erfolgten. Die Beobachtung dieser gesellschaftspolitischen Reibungsflächen – Signale für Offenheit, Neugier und Verständnis von Anderen und gleichzeitig wahrnehmbare Zeichen für wertkonservative bis hin zu fremdenfeindlichen und menschenverachtenden Haltungen – veranlassten zur Themenwahl der vorliegenden SUMO-Ausgabe. Dass Medien wesentlich teilhaben an der Wahrnehmung von Diversität in einer Gesellschaft ist unbestritten. In einer normativen Interpretation von

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Editorial Thema

Medien sollen diese eine Orientierungsleistung über Probleme der Welt bieten. Medien als Fenster zur Welt – vorzugsweise mit Weitwinkelobjektiv. In einer Welt der ubiquitären, gleichzeitigen, digitalen Produktion und Rezeption können diverse Gruppen ihre Identitäten, Bedürfnisse und Probleme öffentlich thematisieren, die einerseits von „klassischen“ Medien ausgeblendet und andererseits von selbigen verbreitert werden. SUMO als Medienfachmagazin entstand im Sommersemester 2022 dank hoch engagierter Arbeit von Studierenden aus dem Praxislabor „Journalistisches Arbeiten“, nicht nur im Redaktionellen, sondern auch in den Bereichen Bildredaktion, Sales, Print- und Online-Produktion, Vertrieb und Marketing. Noch vielfältiger wird die Ausgabe durch die erstmalige Verknüpfung von Beiträgen mit Augmented Reality Inhalten – erstellt in der Summer School unseres Master-Studiengangs Digital Design. Folgende Themen erwarten Sie, werte Leser*innen in dieser SUMO-Ausgabe: Wie stellt sich Diversität auf der strukturellen Ebene innerhalb der Branchen Film, Fotografie, Comics und Gaming dar? Welche Strategien wählen junge Medienmacher*innen mit Migrationshintergrund im digitalen Raum um ihre Belange aufmerksam zu machen und welche sprachliche Vielfalt bieten öffentlich-rechtliche Sender? Was bedeutet es, wenn obdachlose Menschen sich im verzerrten Spiegel der Medien sehen müssen? Wie facettenreich der indische Filmmarkt wirklich ist und welche Ausblendungen wir mit der bloßen Reduktion auf Bollywood tätigen, zeigt ihnen eine Reportage vom indischen Filmfestival in Stuttgart. SUMO beschäftigt sich auch mit der Frage ob und wie Feminismus als Werbestrategie funktioniert und wie Feminismus und Pornographie zu einander im Widerspruch stehen. Welche Freiheiten unser demokratisches System mit seiner Informationsquantität uns einräumt, wird deutlich, wenn man einen Vergleich mit der Realität der Medien im heutigen Russland zieht. In diesem Sinne wünschen wir vielfältige Blicke hinter die Kulissen hiesiger und dasiger Medien. Johanna Grüblbauer und Gabriele Falböck


© Fabian Lahninger

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Diversität – ein solidarischer Kampf Man sagt, die österreichische Filmbranche sei ein Dorf, in dem man sich immer wieder trifft. Doch wie vielfältig ist dieses „Dorf“? Gibt es Diversität in der österreichischen Filmbranche? Wovon hängt Vielfalt vor und hinter der Kamera ab? Es geht um Fragen der Perspektive, der Provokation, der Anreize und den Mut zur Veränderung im österreichischen Film, worüber wir mit Regisseur und Drehbuchautor Arman T. Riahi sowie Iris ZappeHeller, stellvertretende Direktorin des österreichischen Filminstituts und für Gender und Diversitätsagenden zuständig, gesprochen haben.

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Diversität, eine Frage der Anschauung Arman T. Riahis Filmprojekte sind vielfältig, provokativ und regen zum Nachdenken an. Ihm geht es bei seinen Projekten wie „Everyday Rebellion“ oder „Fuchs im Bau“ vor allem darum, eigene Erlebnisse und Emotionen einfließen zu lassen, von persönlichen Erfahrungen zu erzählen und dabei gesellschaftskritische Aufgabenstellungen aufzugreifen. Für den Regisseur ist das Thema Diversität ein gesellschaftliches Muss, nicht zuletzt, weil er selbst iranische Wurzeln hat.

/© ry Rose Photogr Ivo ap hy

Szenenbild

Benny (alias Faris Rahoma) und Marko (alias Alexander Petrović) sitzen auf einer Parkbank. Im Hintergrund der Ausschnitt eines beigen Gemeindebaus. Schnitt Bild von hinten, frontal auf das Kamerateam, das vor ihnen steht. Marlene: „Wir suchen für eine Doku Leute aus dem Viertel hier mit Migrationshintergrund. Und den habt‘s ihr ja oder?“ Schnitt zurück auf die beiden Protagonisten. Wie oberflächlich bisweilen mit dem Thema Migration in Österreich umgegangen wird, zeigen uns diese und noch viele weitere Szenen im Film „Die Migrantigen“ von Arman T. Riahi. Menschen mit anderer Hautfarbe, andersartigem Kleidungsstil oder schlechtem Deutsch werden vielfach sofort genau wie in der Szene mit dem Stempel “Migrationshintergrund” abgeschrieben. Die Idee zum Streifen basiert auf den persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen von Arman T. Riahi und seinen zwei Kollegen-Freunden Faris Rahoma und Aleksander Petrović, die auch die

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Diversität Thema – ein solidarischer Kampf

Hauptrollen im Film übernommen haben. Gemeinsam wollten sie dem Thema Migration eine Bühne bieten, aufzeigen, was in unserem sozialen System noch immer alles falsch läuft und wie schnell Menschen in Schubladen abgeschoben werden. Die Intention des Trios war es, manifestierte Klischeebilder in den Köpfen der Gesellschaft sowie die vielfache Täter-Darstellung von Migrant*innen zu unterminieren. Denn für Arman T. Riahi war das Thema Diversität immer etwas Natürliches, etwas, womit er aufgewachsen ist und für die Gesellschaft und den österreichischen Film wäre es wünschenswert, wenn es mehr Inklusion statt Integration geben würde. „Diversität muss zu einer Alltäglichkeit werden und zu einem gemeinsamen Kampf, einem solidarischen Kampf der Gesellschaft“, postuliert Arman T. Riahi.

Initiative Vielfalt im Film?! Ende 2020 wurden in Deutschland die ersten Umfrageergebnisse der Initiative „Vielfalt im Film“ veröffentlicht. Das Bündnis aus zivilgesellschaftlichen, privaten und öffentlichen Organisationen aus der Film- und Fernsehbranche befragte unter der Verantwortung von „Citizens for Europe“ über 6.000 Filmschaffende sowie Akteur*innen vor und hinter der Kamera. Gemeinsam wollen sie der stereotypbesetzen Monotonie im deutschen Film ein Ende setzen. Die Menschen hinter der Initiative fordern mehr Vielfalt und weniger Diskriminierung im deutschen Film. Laut der Umfrage habe jeder Zweite bereits einmal Benachteiligung am Arbeitsplatz erlebt, wobei zwei Drittel dieser Vorfälle nicht gemeldet wurden. Zum einen aus Angst vor möglichen negativen Konsequenzen im Job, zum anderen aufgrund von Resignation oder der vermuteten Erfolglosigkeit der Meldung.


Vielfalt in der deutschen Filmbranche ist bereits vorhanden, zeigt die Erhebung. Dennoch gibt es noch Verbesserungsbedarf: Was es braucht, ist mehr Diversität an den Schlüsselstellen wie Regie, Casting oder in Produktionsstudios und mehr Filme für Schauspieler*innen mit besonderen Bedürfnissen. Das deklarierte Ziel ist die reale Abbildung einer vielfältigen Gesellschaft vor und hinter der Kamera um diversere Geschichten zu produzieren und so das Selbstverständnis einer mannigfaltigen Gesellschaft zu schaffen. Denn: „Es mangelt weder an Ideen noch an der Erkenntnis. Es mangelt an Willen für verbindliche Ziele und Maßnahmen“, so die Initiative „Vielfalt im Film“. Während in Deutschland also erste Befunde vorliegen und die marginalisierten Gruppen sich konsolidieren, stellt sich die Frage, wie die Lage in der österreichischen Filmbranche aussieht. Kann Diversität hierzulande zur Normalität werden?

diversitätsfördernde Initiativen würden langsam spürbare Veränderungen bewirken. Die Förderung von Diversität sei seiner Meinung nach auch abhängig von den gesellschaftlichen Strukturen und Möglichkeiten, die man unter anderem Frauen bieten würde, um Beruf und Karriere zu vereinen. Stichwort Selbstverwirklichung: „Die Politik hat in diesem Fall einen großen Einfluss“, so Riahi. „No films about us, without us!”, ist dafür die richtige Botschaft, die ursprünglich von der sozialen Bewegung von Menschen mit Behinderung (Disability Rights Movement) gefordert und bereits vielfach adaptiert wurde. Die Aussage trifft den Grundgedanken der Integration. Umgelegt auf das Filmbusiness spricht Zappe-Heller von dem großen Zwiespalt bezüglich der künstlerischen Freiheit in der Branche. Wer hat das Recht bestimmte Themen aufzugreifen und wie in Filmen zu verarbeiten?

Vielfalt in Österreichs Filmbranche

Diversität und Storytelling

Iris Zappe-Heller ist stellvertretende Direktorin des österreichischen Filminstituts und Beauftragte für Gender und Diversität. Wenn sie an Diversität denkt, assoziiert sie damit den Begriff „bunt“, aber nicht im herkömmlichen Sinne einer Farbe, sondern vielmehr auf eine poetische Art und Weise mit dem Bild einer vielfältigen Gesellschaft, die in all ihren Facetten dargestellt wird. Doch in genau dieser breiten Definition von Diversität liegt die grundsätzliche Herausforderung, die es öffentlichen Stellen wie dem Österreichischen Filminstitut (ÖFI) erschweren würde, einen einheitlichen, fairen Förderungsrahmen zu finden, so Zappe-Heller. Dennoch bemüht sich das Institut schon seit mehr als zehn Jahren die Gleichberechtigung in Filmproduktionen zu fördern. Vor allem in puncto Gender-Gerechtigkeit sei Österreich eine der Vorreiternationen in Europa. Die 2017 eingeführte Regulierung oder vielmehr das Anreizsystem des Gender Incentives bringt nachweislich positive Veränderungen. Arman T. Riahi bestätigt uns, dass Produzent*innen mittlerweile je nach Möglichkeit den Vorteil des Gender Anreizsystems für sich nutzen würden, denn diverse Teams seien eine große Bereicherung für jedes Projekt. „Trotz aller Bemühungen kann man leider bis dato in Österreich ebenso wenig wie in Deutschland von einer gelebten Diversität in der Filmbranche sprechen“, sagt Zappe-Heller. Gründe dafür liegen vor allem in der Besetzung der Gremien, sowohl als auch des Filminstituts selbst. Ein Fakt, der sich nur sukzessive mit dem richtigen Bewusstsein ändern lasse und weit weniger einfach zu regulieren sei, denn wo genau grenzt man Diversität ein? Es müssen zuerst Antworten und Methoden gefunden werden, wie man überhaupt eine vielfältige Gesellschaft korrekt abbilden kann. „Also nein, es gibt leider noch keine explizite Förderung für Diversität in Produktionen oder Projekte mit gesellschaftskritischen Themen“, erklärt uns Iris Zappe-Heller. Allerdings würde das ÖFI für jedes eingereichte Projekt einen Inklusionscheck durchführen. Der Projektkommission soll damit mehr unverbindliche Information für die Entscheidung über etwaige Projektförderung geboten werden. Iris Zappe-Heller sieht dies als erste sinnvolle Maßnahmen in Richtung Inklusionsförderung: „Ganz nach der Devise: zeigt uns, wie divers euer Projekt ist.“

In „Die Migrantigen“ hat Riahi auf komödiantische Art und Weise das Thema Migration in Österreich aufgegriffen, Stereotype aufgezeigt und mit eben diesen gebrochen. Die pointierte Geschichte von zwei Freunden, deren Lügen ihnen zwangsläufig über den Kopf wachsen, durchzogen mit einer Spur dunklem Humor und vielen Klischees, überzeugte sowohl Zuschauer*innen in ganz Österreich als auch die Jury der „Kurier Romy 2018“. Auf die Frage, ob es schwierig sei, gesellschaftsproblematische Inhalte in gute Narrative zu verpacken, meint Riahi: „Es ist schwer die richtige Balance zwischen dem erhobenen Zeigefinger und authentischem Storytelling zu finden.“ Klischees dürften sein, sollten aber immer wieder dekonstruiert werden. Zudem sei jede Geschichte in irgendeiner Form bereits einmal erzählt worden. Es würde also vielmehr darauf ankommen, aus welcher Perspektive sie erneut skizziert wird. „Kein soziales Thema ohne Statement und doch kein Statement ohne gutes Storytelling“, meint Riahi, was so viel heißt wie: Geschichten sollten immer noch als Geschichten erzählt werden und nicht aufgrund ihres sozialkritischen Inhalts zum Themenfilm mutieren. Innovatives Storytelling in jeglicher Form sei einer der Schlüssel für einen erfolgreichen Film. Conclusio: Es gibt Diversität im österreichischen Film. Zumindest gibt es Handelnde in der Branche, die Diversität sichtbar machen. Es wird daran gearbeitet Vielfalt mithilfe von Anreizsystemen und Regulierungen von Politik sowie externen Stellen zu fördern. Doch am Ende des Tages ist es allen Beteiligten in der Filmbranche am wichtigsten, interessante Geschichten auf die Leinwand zu bringen, Mut zu zeigen und auch mal die Perspektive zu wechseln, um aus einem anderen Blickwinkel zu erzählen. Antonella Bacher

„No films about us, without us!” „Vielfalt vor und hinter der Kamera kommt immer noch zu kurz und doch habe sich in den letzten Jahren ein Bewusstsein für Diversität entwickelt“, kommentiert auch Arman T. Riahi. Ein steigendes Selbstbewusstsein in der Filmbranche sowie

Diversität – ein solidarischer Thema Kampf

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Gamechanger-Technik Thema

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Gamechanger-Technik: Wie Innovationen die FotografieBranche beeinflussen 19. Jänner 2012. Medien berichten über den Konkurs der Traditionsfirma Kodak. Für Fotografie-Insider*innen keine Überraschung. Schon Jahre zuvor hatte die Digitalfotografie das Berufsbild von selbstständigen Fotografen*innen grundlegend verändert. Filmrollen und Dunkelkammer machten Platz für digitale Speichermedien und Bildbearbeitungsprogramme. Aber nicht nur das Equipment wandelte sich. Darüber sprach SUMO mit der Portraitfotografin und Digital Marketerin Melina Weger, auch bekannt unter ihrem Künstlernamen Melourra, und Rita Newman, selbständige Fotografin und Lektorin an der Fachhochschule St. Pölten.

„Im Gegensatz zu heute war die Fotografie vor 30 Jahren klar eine Männerdomäne “, erzählt Rita Newman. Grund dafür war vor allem die Beschaffenheit der Ausstattung. „Als wir noch analog fotografierten, brauchten wir schwere Blitzanlagen, um unsere Motive richtig auszuleuchten. Das war eine unglaubliche Schlepperei.“ Mit dem Einzug der Digitalfotografie wurde schweres Equipment obsolet und anstatt der Technik rückte die Kreativität in den Mittelpunkt des Arbeitsalltags. Mit anderen Worten: Die leichte Gerätschaft geriet zum Gamechanger auch in Hinblick auf die Geschlechterverteilung.

Berufsfeld im Wandel Fast zwei Jahre vor dem Konkurs von Kodak am 6. Oktober 2010 gründeten die zwei Stanford-Absolventen Kevin Systrom und Mike Krieger die Foto-SharingPlattform „Instagram“. Die anfangs noch „burbn“ genannte App hatte innerhalb von drei Monaten eine Million Nutzer*innen. Damit schrieben die Instagram-Erfinder Geschichte. Junge Hobby-Fotograf*innen teilten ihre Kunst und konnten vor allem in der Anfangszeit der Plattformen viele Follower *innen gewinnen. Die App wuchs in den Folgejahren und spätestens als bekannte Marken wie Nike, Adidas und Dior „Instagram“ für sich entdeckten, wurden soziale Netzwerke ein wesentlicher Teil der Fotografie-Industrie. Was als Ausdruck von Kreativität begann, war für viele junge Fotograf*innen der Einstieg in die professionelle Fotografie. „Es ist eine neue Generation von Kunstschaffenden, die sich durch „Instagram“ selbstständig machen können. Die Plattform bietet uns eine Möglichkeit, unsere Leistungen zu zeigen und dadurch Kundschaft zu akquirieren“, schildert

Melourra. Oft werden die Künstler*innen im Explore Feed gefunden und nicht mehr per E-Mail, sondern direkt auf der Plattform kontaktiert. „Mit den sozialen Medien ist die Auftragslage komplexer geworden. Dadurch, dass mehr Bilder benötigt werden, gibt es auch viel mehr Fotografen*innen“, ergänzt Newman. Nach Angaben der Wirtschaftskammer Österreich (Stand 2021) sind 8.400 Berufsfotograf*innen in Österreich tätig. Zum Vergleich: 2010 gab es lediglich 3.000 Fotograf*innen. Die neuen technische Möglichkeiten und die daraus resultierende Demokratisierung des Gewerbes hat aber auch ihre Schattenseiten. „Es gibt zwar eine größere Nachfrage, aber es wird viel weniger bezahlt“, erzählt Newman. Modernere SmartphoneKameras und künstliche Intelligenz in der Fotobearbeitung treiben das Preisdumping weiter voran. Nach Newman hat sich die Fotografie vom Handwerk weg und hin zur Dienstleistung entwickelt. „Du musst für das Unternehmen ein Problem lösen und ein kreatives Gesamtkonzept liefern. Die Perfektion der Technik ist kein Garant mehr für Aufträge und tritt oft in den Hintergrund. Viel wichtiger ist es, verschiedene Kompetenzen zu vereinen, um einen Mehrwert zu stiften.“

Gender Pay Gap in der Fotografie Spezialisierung ist eine weitere Möglichkeit, sich wirtschaftlich besser zu positionieren. „Wenn man die beste Hochzeitsfotografin oder der beste Event-Fotograf in der Wiener Umgebung ist, hat man eine viel bessere Verhandlungsposition“, erklärt Melourra. Dabei haben in manchen Arten der Fotografie Frauen einen klaren Vorteil. Unisono beschreiben beide Gesprächspartnerinnen,

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Gamechanger-Technik Thema

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dass die Arbeit mit weiblichen Models für Fotografinnen einfacher ist. „Zum Beispiel bei Hochzeiten: Eine Frau kann mit der Braut im Ankleidezimmer sein, – das ist schon ein großer Vorteil“, schildert Newman. Obwohl die Auftragsvergabe im Geschlechtervergleich ausgeglichen ist, gibt es bei der Bezahlung dennoch Unterschiede. Melourra und Newman sind sich einig: Fotografinnen werden für ihre Zeit geringer entlohnt als ihre männlichen Kollegen.

Was braucht die Branche? Melin a

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Was oft in den Anfangsjahren der Selbstständigkeit fehlt, ist die wirtschaftliche Bildung junger Fotograf*innen. „Wie melde ich ein Gewerbe an? Wie schreibe ich eine Rechnung? – Wenn man diese Fragen schon in der Schule lernt, ist man im Vorteil“, schildert Melourra. Auch der Austausch mit Gleichgesinnten ist für die Fotografin wichtig. „Bei Aufträgen mit anderen Künstler*innen und Treffen lernt man voneinander. Ich finde es inspirierend, wenn das gemeinsame Schaffen im Fokus steht.“ Newman rät aufstrebenden Fotograf*innen sich in Bereiche zu vertiefen, die sie begeistern. Diese Inspiration wird weitergetragen an die Kund*innen, die diese Leidenschaft teilen möchten. Aber auch die Stilfindung ist ein mögliches Alleinstellungsmerkmal in der Branche. „Unternehmen werden dich nur buchen, wenn du einen charakteristischen Stil hast“, reflektiert Melourra. Dieser Prozess passiert aber nicht von heute auf morgen. „Man muss sehr geduldig mit sich sein und viel ausprobieren. Ich brauchte acht Jahre, um mir einen Namen zu machen, der für etwas steht.“ Angehende Fotograf*innen sollten also neben Lernbereitschaft und einem kreativen Blick auch einen langen Atem mitbringen.

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Fabian Lahninger

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Gamechanger-Technik Thema

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„Besser, wir machen das gemeinsam“: ­so soll Barrierefreiheit im Internet funktionieren Egal ob die Anmeldung zum Corona Test, eine Überweisung mittels E-Banking oder das Unterschreiben eines Volksbegehrens, das alles sollte eigentlich problemlos online mittels Computer oder Smartphone abgewickelt werden können. Für viele Menschen ist dies aber nicht so einfach, wie es für Digital Natives im ersten Moment scheint. Daher sprach SUMO mit der Web-Accessibility Expertin Susanne BuchnerSabathy und mit dem Leiter des „Insituts Integriert Studieren“ an der Johannes-Kepler Universität Linz Klaus Miesenberger über die damit verbundenen Herausforderungen für Menschen mit Behinderung.

Laut Sozialministerium leben in Österreich 1,3 Millionen Menschen mit Behinderung. Besonders für Menschen mit Sehbehinderung ist das Internet ein Ort voller Barrieren: Simple Texte, Icons oder Bilder können da bereits große Probleme bedeuten. „Grafiken brauchen einen sinnvollen Alternativtext, ein Schalter mit einem Einkaufswagen-Symbol muss als Alternativtext ‘zum Warenkorb‘ tragen“, erklärt Buchner-Sabathy. „Texte und informationshaltige grafische Elemente müssen ausreichend Kontrast zum Hintergrund haben und müssen vergrößert werden können, ohne dass Teile davon, zum Beispiel durch Überlappung, unlesbar werden“. Sehbehinderte Menschen verwenden Screenreader Programme, die den gewünschten Text als Audio ausgeben. Diese Software greift auf den Quellcode einer Homepage zu, daher müssen Überschriften als solche markiert oder Grafiken und Bilder mit Alternativtexten versehen werden, damit diese für das Programm lesbar sind. „Diese Screenreader gibt es sowohl für den Computer als auch für das Smartphone. Bei Telefonen von IOS und Android sind diese automatisch im Betriebssystem enthalten. Wenn man sich ein Handy kauft, hat man immer ein Screenreader Programm mit dabei, das ist sehr praktisch“, erklärt Buchner-Sabathy. Für Menschen mit motorischen Behinderungen gibt es ebenfalls technische Unterstützung. Durch spezielle Tastaturen, Mäuse oder Joysticks ist es möglich, die Bedienung eines Computers zu erleichtern. Diese Geräte können dann mit Händen, Füßen oder mit dem Mund gesteuert werden.

Forschung und Entwicklung in Linz An der Johannes Kepler Universität Linz gibt es das „Institut Integriert Studieren“, welches auf Barrierefreiheit und assistierende Technologien spezialisiert ist. Unter der Leitung von Klaus Miesenberger wird in Bereichen der Informatik, speziell in der MenschMaschine-Kommunikation geforscht und gelehrt.

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Barrierefreiheit im Internet Thema

In Projekten am Institut und bei dazugehörigen Spin-Offs arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam an barriere­freien Schulbüchern oder an Software, die anspruchsvolle Texte in leicht verständliche Sprache umwandelt. „Ein Beispiel wäre das Projekt „Easy Reading“. Es soll Menschen mit Lernschwierigkeiten unterstützen und kann Texte in einfache Sprache übersetzen, aber nicht auf speziellen Seiten, sondern direkt auf jeder Homepage.“, erzählt Klaus Miesenberger im Interview. Neben der technischen Tätigkeit gibt es seit Anfang der 90er Jahre ein Service und Support Center für Studierende mit Behinderung welches ungefähr 200 Studierende betreut.

Auswirkungen der Gesetzgebung Seit 2019 gibt es in Österreich das „Web-Zugäng­ lichkeit-Gesetz (WZG)“. Dadurch sollen die Anforderungen an die Barrierefreiheit für Webseiten und mobile Anwendungen für Menschen mit Behinderungen besser zugänglicher gemacht werden. „Dieses Gesetz verändert schon etwas. Es geht aber nur sehr langsam, wie so oft in diesem Bereich“ erklärt Buchner-Sabathy. Dieser Meinung ist auch Klaus Miesenberger, von der Universität Linz. „Natürlich hat das Gesetz positive Auswirkungen. Firmen müssen sich dadurch mit der Barrierefreiheit beschäftigen. Sie müssen bei Ausschreibungen nachweisen können, dass sie die Kompetenz dafür haben und nach Beendigung des Projekts müssen sie gewährleisten, dass das System barrierefrei ist. Ansonsten werden sie wahrscheinlich Geschäftsbeziehungen verlieren.“ Beschleunigt könnte diese positive Veränderung durch bessere Ausbildungen an Universitäten und Fachhochschulen werden. Miesenberger erklärt: „An der JKU ist eine Web-Accessibility Lehrveranstaltung Teil des Informatikstundenplans und es ist ein Wahlfach für alle Studierenden an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät.


Barrierefreiheit im Internet Thema

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Die Technik ist also am Laufen. Wichtig ist jetzt, weniger im Bereich der Informatik, sondern im Bereich des Manage­ments, dass die Barrierefreiheit als Teil der Geschäftsstruktur eingebunden wird.“ Diese Einschätzung bestätigt auch BuchnerSabathy „Die Technik ist nicht mehr das Problem. Sensibilisierung muss in den Köpfen der Entscheidungsträger*innen stattfinden.“ Denn Barrierefreiheit ist die Basis für gute Usability, sind sich die beiden Expert*innen einig. Nicht nur Menschen mit Behinderung profitieren von der einfachen Bedienung von Apps und Webseiten, sondern alle Menschen. Durch die Verwendung von einfacher Sprache im Internet wird es für alle Benutzer*innen einfacher diese zu verstehen. „Das Internet ist keine Literatur, sondern ein Gebrauchsgegenstand“, erklärt Miesenberger abschließend, „und so soll es auch gestaltet werden“. Dies muss vor allem in der Entwicklung berück­ sichtigt werden. Nicht betroffene Entwickler­ *innen programmieren oft Webseiten oder Codes ohne Menschen mit Beeinträchtigung diesbezüglich einzubeziehen. Diese können dann erst das fertige Produkt verwenden. „Besser, wir machen das gemeinsam“, sagt Buchner-Sabathy, „so kann man im Entwicklungs­prozess viel schneller auf Probleme reagieren.“ Und kostengünstiger ist es auch. Julian Landl

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Barrierefreiheit im Internet Thema


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Comics: Wie die Literatur in Bildern den Spiegel der Gesellschaft bildet Bunt, lustig, kindgerecht – diese Zuschreibungen reichen für Comics schon lange nicht mehr aus. SUMO zeichnet nach, wie neben den Bildgeschichten für Kinder seit den 60er-Jahren bildgewaltige Stories aus dem Untergrund und mit politischem Inhalt entstanden sind. Wie dies gelang und warum Comics wichtige Beiträge zur Debatte über Diversität und Inklusion liefern, erklärten Juniorprofessorin für Public History an der Universität zu Köln und Comicforscherin Christine Gundermann und Dorothee Marx, Martin Schüwer-Preisträgerin, Dozentin für Nordamerikastudien an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Mitherausgeberin der Fachzeitschrift „Closure. Kieler e-Journal für Comicforschung“ im Gespräch.

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Auch wenn man als Laie denken mag, dass es sich bei Comics nur um Heftchen oder Taschenbücher handelt, die aus bunten, lustigen Bildern mit Beschriftungen bestehen und deren Inhalt leichte Kost ist, sieht die Realität spätestens seit dem Erscheinen von Art Spiegelmans bekanntestem Comic „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“ anno 1986 anders aus. In diesem mit einem Pulitzerpreis ausgezeichnetem Comic wird die Geschichte eines Holocaust-Überlebenden erzählt. Obwohl es auf den ersten Blick so wirken mag, als ob die Geschichte durch Tierfiguren kindgerecht erzählt wird, wird bei näherem Betrachten klar, dass die Figuren Masken tragen und den Menschen dahinter tierische Eigenschaften zugeschrieben werden. Doch die Geschichte reicht weiter zurück: Als Geburtsstunde der Comics gilt der 25. Oktober 1896, jener Tag, an dem das erste Mal ein Comicstrip namens „Yellow Kid“ in der „New York World“ veröffentlicht wurde. Bis ins Jahr 1933 bleibt es strikt bei Zeitungsstrips, ab dann erscheinen sie auch in Heftform. Als Pionier jener, die in Comics literarisches Potenzial erkennen, gilt Will Eisner, der dies schon 1941 so äußert und 1978 die damals selbst so benannte Graphic Novel „Ein Vertrag mit Gott“ herausgibt. Damit wollte er sich von den gesellschaftlichen Konventionen des Comics ablösen und deutlich machen, dass dies ein „Comic für Erwachsene“ sei. Auch heute sind in Graphic Novels anspruchsvolle „Erwachseneninhalte“ zu finden. Diese reichen von Biografien wie jener von Che Guevara über Marie Curie bis zu Nick Cave. Seit der Serie „Maus“ wird immer wieder ausgelotet,

Comics: Thema Wie die Literatur in Bildern den Spiegel der Gesellschaft bildet

wie diese Bilder zur Neuerzählung von Vergangenheit beitragen können – exemplarisch dazu die Darstellung der Geschichte Kanadas und seiner Ureiwohnern – oder wie Autoren wie Guy Delisle politische Bildung in narrativer Form ermöglichen. Am Rande erwähnt seien hier auch Neuerzählungen und -interpretationen von literarischen Klassikern wie etwa der „Odyssee“. Darüber, ob Graphic Novels eine eigene Literaturgattung sind oder ein Genre von Comics, sind Forscher*innen sich bis heute uneinig. Laut den interviewten Forscherinnen soll der Begriff „Graphic Novel“ als Marketingstrategie eingeführt worden sein, um den Comic von seinem Schmuddelimage zu befreien und als angesehene Literatur zu vermarkten. Fakt ist jedoch, dass die Behandlung von „gesellschaftlichen Tabuthemen“, wie etwa der Konsum von bewusstseinsverändernden Drogen, Sex oder Gewalt in der US-amerikanischen Comic Undergroundszene der 60er-Jahre entstanden ist. Zuvor war es durch die „Comics Magazine Association of America“, kurz CMAA, einer freiwilligen, von Verlagen gegründeten Selbstkontrolle zu massiven Einschränkungen der Inhalte durch den „Comic Code“ gekommen. Dieser war eine Reaktion auf die Anti-Comic-Bewegungen der 1950er, die von Protesten bis zu Verbrennungen von Comics in sogenannten „Schmöckergräbern“ bis nach Deutschland geführt haben. Zu den damaligen Rahmenbedingungen sagt Christine Gundermann: „Man überlegt es sich als Comic Verlag sehr genau, wie oft sie bei so einer Bundesprüfstelle auffallen, weil meistens ist es so, dass


es da eine relativ starke Regelung gibt: Wenn sie dreimal auf der roten Liste stehen, dann kann ihre Serie oder sogar ihr Verlag in ernsthafte Gefahr geraten und das ist natürlich ein wirtschaftliches Risiko, das die wenigsten eingehen wollen. Wenn wir alle dieses Klischee im Kopf haben, dass die Comics immer nur sehr einfache, sehr heteronormative Geschichten erzählen, wo immer Gut gegen Böse kämpft, dann liegt es auch daran, dass über eine lange Zeit die Gesetzgebung sehr vieler Staaten genau dafür gesorgt hat, dass da nicht viel mehr passiert.“ Ab den 1980ern lockerten sich die Regeln wieder, mittlerweile sind sie nicht mehr existent. Jedoch gibt es heutzutage gesetzliche Rahmenbedingungen wie das „Jugendschutzgesetz“ in Österreich oder das deutsche Pendant, die „Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz“.

Person aus der Erzählung, indem sie stirbt oder umgebracht wird. Manchmal wird ihre Krankheit oder Behinderung aber auch überwunden. Oftmals wird sie zudem für die Charakterentwicklung von anderen Personen verwendet. Ein Beispiel, das Dorothee Marx nennt, ist der Comic „Ghosts“, in dem es zwar vorrangig um Mukoviszidose gehen sollte, es jedoch aus der Erzählperspektive der Schwester geschrieben ist. Diese kommt mit dem Sterbeprozess der Schwester nicht klar. Gerade in den nicht autobiografischen Sachen wünscht sie sich: „Darstellung ja bitte gerne mehr, aber vielleicht dann mehr own voices.“

Doch wie sieht es mit der Diversität im Medium jetzt aus?

Comics können helfen, die Inklusion und Akzeptanz zu fördern und einen gewissen Grad an Diversität einzubringen. Entweder in Form von Sachcomics oder indem man versucht, mithilfe der Inhalte Themen zu problematisieren oder Bewusstsein zu schaffen. Gerade Comics, die nicht an die breite Masse adressieren, sondern Geschichten vom Rand erzählen wie „Der Rosa Winkel“ von Michelle Dufranne oder „Madgermanes“ von Birgit Weyhe, zeigen Perspektiven auf, die historisch und gesellschaftlich vernachlässigt wurden. Sie bringen damit Sichtbarkeit für gesellschaftlich problematische Verhältnisse und schaffen durch ihr Narrativ Verständnis und Empathie.

Der einfachste Weg, den Begriff Diversität zu definieren, ist über intersektionale Ansätze wie race, class, gender, sexuality oder disability. Gundermann bezeichnet hierbei die Inhalte des Comics als Spiegel der Gesellschaft, die unsere aktuellen Normen, Werte und Diskurse enthalten. Je mehr darüber geredet, protestiert und diskutiert wird und wurde, desto mehr findet man es in der Comicszene wieder. Wenn es jedoch ein Thema ist, dass nur wenige Menschen anspricht, dann wird es von Minderheiten für Minderheiten verfochten und findet sich in Nischenproduktionen wieder, die oftmals Graphic Novels zugeordnet werden. Neben diesen und den klassischen Comicmagazinen gibt es aber auch Comicalben, die sich vor allem in der europäischen Comickultur, im speziellen der frankobelgischen und italienischen, in den 1980ern, etabliert haben. Durch diese konnten inhaltlich seriösere Themen seriell erzählt werden, und nicht wie beim Großteil der Graphic Novels, in einem in sich geschlossenen Buch. Beispiele hierfür wären XIII (Dreizehn, original Treize) von Jean Van Hamme und William Vance oder „Aya“ von Marguerite Abouet. Doch egal, in welcher Form veröffentlicht wird, den meisten Autor*innen und Illustrator*innen geht es darum, eine Geschichte zu erzählen. Besonders Comicreportagen und autobiografische Comics sind hierbei, was Diversität und Inklusion oder Aktivismus angeht, erwähnenswert. Letztere behandeln meist die Lebensgeschichte der Autor*innen selbst oder die von Personen aus ihrem Umfeld. Eine konkrete Unterkategorie von diesem wäre zum Beispiel auch die Graphic Medicine. Diese konzentriert sich vorrangig auf die Darstellung von Behinderungen oder Krankheiten und meist sind diese von Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen und Patient*innen selbst verfasst oder mitverfasst und bietet eine alternative Sicht aus deren Perspektive. Dorothee Marx ist Comicforscherin und lebt mit Mukoviszidose, einer angeborenen Stoffwechselerkrankung, bei der es zu einer vermehrten Schleimbildung, innerhalb der Organe kommt. Betroffen ist davon vor allem die Lunge. Sie hat SUMO erzählt, dass man sich zwar als Betroffene*r selbst über die Repräsentation in Comics außerhalb von Graphic Medicine freue, es jedoch oft so sei, dass der betroffene Charakter zu einer Nebenfigur in ihrer eigenen Geschichte werde oder in Rollenmuster gezwängt werde, die entweder tragisch oder heroisch seien. Für Letzteres wird auch der Begriff „Supercrip“ verwendet, der eine Person beschreibt, die inspirierend ist, da sie es schafft, ihre Beeinträchtigung zu überwinden oder sie zu ihrem Vorteil einzusetzen. Ein weiteres Erzählmuster ist der Stereotyp, dass Schurken in Superheldencomics eine Art Erkrankung oder Behinderung haben. Meist verschwindet die

Wahre Sichtbarkeit oder doch nicht viel dahinter?

Sophie Wagner

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Diversität in der Gamingszene – mehr als nur einseitiges Gejammer? Die Themen Vielfalt und Diskriminierung werden in einer überwiegend von Männern dominierten Szene wie jener der Videospiele sowie im eSport oft als „Randgruppen-Gejammer“ abgestempelt. Doch wie genau kommt es zu solchen Denkweisen und wie sieht es in der Realität aus? SUMO sprach mit der Psychologin Jolina Bering und dem Leiter des „Games Institute Austria“, Thomas Kunze, darüber, was es mit den Vorbehalten zum Thema Gaming, den Geschlechterrollen und dem damit verbundenen Schubladendenken auf sich hat. Beide haben schon seit dem frühen Kindesalter eine hohe Affinität zum Gaming. Darüber hinaus soll auch geklärt werden, wie oder ob wir als Gesellschaft überhaupt etwas durch Videospiele lernen können.

Jolina Be rin g

vat P ri T ho m as Ku nz e/ ©P

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Hinter dem Begriff „Gaming“ verbirgt sich heutzutage ein riesiges, von den meisten unterschätztes Potenzial. Digitale Spiele sind ein Leitmedium im Alltag von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sie prägen ihre Identität, dienen der Unterhaltung und sind wesentlich für ihre Lebensrealität. Generell hat das Wort „Gaming“ heutzutage immer noch einen überwiegend negativen Beigeschmack bei den meisten Erwachsenen. Oft mit der Begründung, dass es doch nichts weiter als Zeitverschwendung sei. „Egal ob jung oder alt. Heute spielen alle. Viele würden sich wahrscheinlich nicht als Gamer*innen bezeichnen, aber sie kennen sich mit der Kultur aus und spielen auch regelmäßig. Unter den Erwachsenen ist es eigentlich genau so. Auch wenn es nur das Handyspiel ist, das man in der U-Bahn spielt“, erklärt Thomas Kunze vom „Games Institute Austria“. Der 48-jährige Unternehmer und nebenberufliche Dozent an diversen Hochschulen war schon ab dem Alter von 6 Jahren fasziniert vom Zocken. Seine Firma bietet unter anderem Escape-Rooms für den Bildungskontext an. Es ginge hierbei darum, Spiele rund um schulische Themen zu entwickeln, die dann an den Bildungseinrichtungen zum Einsatz kommen.

Computerspiele und Sport in einem – wie soll das gehen? Ähnlich wie im Profisport gibt es im Gamingbereich auch kompetitive Ligen, in denen sich Mannschaften mit den besten Spieler*innen aus aller Welt messen. Menschen, die mit Tastatur und Maus vor dem Bildschirm sitzen und denen Hunderttausende zusehen. Was für viele erst befremdlich wirkt, ist die Zukunft des Sports: eSport. Der Begriff bezeichnet nichts anderes als den professionellen Wettkampf in Computer- und Videospielen. Diese Form des kompetitiven Gaming zieht seit mehreren Jahren große Zuschauermassen

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Diversität Thema in der Gamingszene

an. Zusätzlich sorgt eSport aufgrund seiner stetig wachsenden Fanbase dafür, dass namhafte Sponsoren Millionen in die Videospielwettkämpfe investieren. Genau an dieses Phänomen knüpft auch das „Games Institute Austria“ mit einem seiner Tätigkeitsfelder, nämlich dem der eSports Education, an. Im Grunde genommen sind das Schulungen für Leiter von Bildungsinstitutionen, in denen man sich vordergründig mit der Frage beschäftigt, wie man eSport in die Schule oder generell in Bildungskontexte bringen kann. Dadurch soll die Affinität zu digitalen Medien und digitaler Medienproduktion rund um das Berufsfeld eSport nutzbar gemacht werden, da hinter dem Begriff eSport eine Vielzahl an potenziellen Berufsbildern steckt – egal, ob im Kontext der Medienproduktion oder im Projektmanagement.

Alles reine Kopfsache Um nun als Spieler*in möglichst gute Resultate zu erzielen, bedarf es neben stundenlangen Trainingssessions und blitzschnellen Reaktionen auch einem entsprechend gesunden Mindset. Aus diesem Grund holt sich ein Großteil der professionellen Teams neben essenziellen Rollen wie Spieler*innen, Coaches und Analyst*innen auch Psycholog*innen mit ins Boot. Den Job einer solchen eSport-Psychologin hat Jolina Bering. Begonnen hat ihre Faszination für Videospiele im Alter von zehn Jahren, als sie den Computer ihres Bruders bekommen hat, erzählt sie stolz. Seitdem hat sie das Gaming auch nicht mehr losgelassen. Schon während ihres Masterstudiums hat sie sich besonders für Themen wie Performance, Perfektionismus und Teamkohäsion im eSport interessiert. Dadurch kam sie dann vermehrt in Kontakt mit verschiedenen deutschen Teams der Prime League (die zweithöchste Liga im Computerspiel „League of Legends“). Obwohl ihr Schwerpunkt stets im


Ist doch egal, wer vor dem Bildschirm sitzt Der wohl wichtigste Diskussionspunkt im Themenbereich von Onlinegames sind die immer wiederkehrenden Fälle von sexistischen Vorfällen. Wenn solche Aktionen dann auch noch live im Internet vor tausenden Zuschauer*innen gestreamt werden, kann das Ganze Gamer*innen oder die Gamingszene generell in ein schlechtes Licht rücken. Videoclips davon gehen daraufhin in sozialen Netzwerken viral und sorgen für Aufruhr. In Spielen mit einer VoiceChat-Funktion kann das teilweise umso problematischer werden, weil man dabei schnell durch die Stimme der anderen Person mitbekommt, ob man jetzt mit einer Frau oder einem Mann im selben Team spielt. Oftmals äußert sich dieses Verhalten in Form von beleidigenden und diskriminierenden Kommentaren gegenüber Frauen wie zum Beispiel: „Geh zurück in die Küche“ oder „Ich lass mir nichts von einer Frau sagen“– diese Art von Schubladendenken ist heutzutage leider immer noch weit verbreitet. „Leute, die andere Menschen so im Internet beleidigen, haben die Annahme: Ok, das ist eine Frau, die steht erstens unter mir, die braucht mir nichts zu sagen. Zweitens kann sie wahrscheinlich dieses Spiel nicht so gut spielen wie ich und drittens habe ich das Recht, sie zu erniedrigen. Damit wird die soziale Identität als Mann höhergestellt als die der Frau“, kommentiert Jolina Bering. Bei der Frage, warum Frauen im eSport eigentlich so schwach bis gar nicht vertreten sind, erklärt sie, dass das Ganze von gesellschaftlichen und sozialen Faktoren abhänge. Die Wahrscheinlichkeit, Männer zu finden, die gut in Videospielen sind, sei von Grund auf höher als die der Frauen, weil Gaming auf hohem Niveau nicht attraktiv genug ist. Generell bestünde hier laut Jolina noch großer Verbesserungsbedarf: „Es geht darum, eine sichere Umgebung für Frauen in dieser Szene zu schaffen und

generell toxischem Verhalten in Gaming Communitys entgegenzuwirken.“ Auch beim Scouting für professionelle Teams sollte man sich viel mehr auf Frauen ausrichten, um so mehr Diversität in die reinen Männerteams hineinzubekommen.

Grenzen vereint überwinden und voneinander lernen Thomas Kunze beschreibt das Potenzial als Gesellschaft durch Videospiele, mehr über Sozialformen, den gemeinsamen Umgang und über die eigenen Rollen zu lernen, größer als bei jedem anderen Medium. Auf die Frage, ob wir als Menschen denn wirklich etwas von Computerspielen mitnehmen können, zeigt er sich felsenfest überzeugt: „Es ist ziemlich simpel. Im Grunde genommen ist Gaming nur eine andere Form von sozialer Interaktion. Du kannst miteinander reden, du kannst gegeneinander kämpfen, du kannst schweigen, du kannst spielen, was auch immer.“ Jolina Bering appelliert zum Abschluss unseres Interviews noch mal an die Neugierde der Menschen, sich von Andersartigkeit nicht abschrecken zu lassen. „Wir können Grenzen und Beschränkungen am besten dann aufheben, wenn wir aufeinander zugehen. Auch ich bin bei gewissen Themen voreingenommen, aber nur durch Auseinandersetzung lassen sich diese Vorurteile, die in jedem von uns mehr oder weniger verankert sind, abbauen.“ Erich Anger

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© Fredrick Tendong / unsplash

Bereich der klinischen Psychologie lag, betreut die deutsche Psychologin immer wieder Mannschaften oder einzelne Spieler*innen. „Im Prinzip geht es bei meiner Tätigkeit bei diesen Teams um psychologische Grundlagen für gutes Zusammenspiel. Man beschäftigt sich dann mit Fragen wie: Wie sieht ein guter Trainingsplan aus? Oder: Wie gehe ich mit negativen Gedanken um, wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich gerade nicht konzentrieren kann? Also alles, was rund um das Thema Psyche im Zusammenhang mit Leistung und eSport zu tun hat.“


So spricht das Burgenland: Wie der ORF die sprachliche Vielfalt zwischen Neusiedl und Jennersdorf stärkt „Dobar dan“, „Adj’isten“, „Latscho di“ und „Guten Tag“, Burgenlandkroatisch, Ungarisch, Burgenland-romani – diese drei der sechs österreichischen alteingesessenen Volksgruppensprachen sind im Burgenland angesiedelt. Keines der anderen Bundesländer ist so von den Minderheitensprachen geprägt wie die laut Burgenland Werbung, Sonnenseite Österreichs. Das zeigt sich auch im Programm des ORF Burgenland. Aber reicht das bestehende Angebot aus? Und ist es überhaupt noch relevant? Über diese Fragen, die Vorteile von sprachlicher Diversität und das Selbstverständnis der Volksgruppenangehörigen hat SUMO mit der Kommunikationswissenschaftlerin und gebürtigen Burgenlandkroatin Petra Herczeg sowie der Leiterin der Volksgruppenredaktion des ORF Landesstudios Burgenland, Dorottya Kelemen gesprochen.

Es ist Sonntag, 13:30 Uhr. Das ORF Landesstudio Burgenland tauscht sein typisches Orange gegen einen sanften Blauton und das kroatische Magazin „Dobar dan Hrvati“ beginnt. Das Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Volksgruppensprachen hat mittlerweile eine lange Tradition – die Sendung „Dobar dan Hrvati“ wird beispielsweise bereits seit 1989 ausgestrahlt. Zu Beginn war es die burgenlandkroatische Volksgruppe, die ihr Recht auf ein eigenes Angebot erstritt. Danach folgten ungarisches Programm und schließlich auch Sendungen in Burgenlandromani. Seit dem Jahr 2009 liegt die Produktion der tschechischen und slowakischen Inhalte des ORF ebenfalls bei der Volksgruppenredaktion im Burgenland. „Nachdem im ORF-Burgenland bereits Programm in autochthonen Volksgruppensprachen produziert wurde, kamen auch die tschechische und die slowakische Redaktion dazu. Auch wenn sie in erster Linie in Wien beheimatet sind“, erklärt Dorottya Kelemen, die 2021 die Leitung der Volksgruppenredaktion übernahm. Die Wertschätzung für diese Sendungen als selbstverständlichen Teil des ORF-Angebots ist allerdings erst in jüngerer Vergangenheit erwachsen, erläutert uns die Kommunikationswissenschaftlerin Petra Herczeg: „Wenn wir die jüngste Geschichte des Burgenlands betrachten, war sie von starken Assimilationsbestrebungen geprägt. Den Volksgruppen wurde gesagt, dass sie mit Deutsch bessere Chancen hätten als mit einer Minderheitensprache. Folglich war das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung der Mehrsprachigkeit und der Volksgruppen wenig ausgeprägt.“ Das hat sich in den letzten 30 Jahren aber geändert. Laut Herczeg erlangten die Volksgruppen in dieser Zeit größere gesamtgesellschaftliche Anerkennung und auch das Bewusstsein für die positiven Aspekte der Mehrsprachigkeit sei gestiegen. Als wichtigen Treiber identifiziert sie in dieser Hinsicht unter anderem den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union.

Was Sprachen leben lässt Die Arbeit der Volksgruppenredaktion hat in diesem Kontext eine nicht zu vernachlässigende Verantwortung. Sprache braucht eine Funktion, Sprache muss einen Mehrwert bieten und Sprache muss in der Öffentlichkeit gehört werden, – darin sind sich Kelemen und Herczeg einig. Hier kommt der ORF ins Spiel. „Wir haben als Leitmedium die Aufgabe, die

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Sprachen am Leben zu halten und sicherzustellen, dass die Menschen sich in den Programmen wiederfinden“, erklärt Kelemen. Auch hinsichtlich der Sprachentwicklung sieht sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in einer zentralen Position. Petra Herczeg ergänzt dazu: „Radiosendungen, Fernsehsendungen und der Onlineauftritt sorgen dafür, dass die Lebendigkeit der Sprache erhalten bleibt. So entsteht die Möglichkeit, dass man sich beispielsweise über politische Themen auch in der Volksgruppensprache austauschen kann.“ Um den maximalen Effekt zu erzielen, reicht das alleinige Senden von ein paar Sendungen nicht aus. Laut Herczeg handelt es sich bei der burgenländischen Volksgruppe um eine Gruppe, die in sich eine starke Diversität aufweist, was sich auch in den für sie bereiteten Programmen widerspiegeln sollte. Diese Auffassung wird von Kelemen geteilt. Die Sendungen des ORF seien hier so konzipiert, dass sich Volksgruppensprecher*innen vom nördlichsten Winkel des Neusiedler Sees bis zum südlichsten burgenländischen Hügel wiederfinden. Es soll damit ein Mehrwert für die Sprecher*innen aller Ortschaften sowie Dialekte geboten werden. Soweit die Theorie, doch bleibt es ein Balanceakt, diesen qualitativen Anspruch mit den zur Verfügung stehenden Sendezeiten zu erreichen. „Eine Frage vor der viele Medien stehen ist: Wie erreiche ich meine Zielgruppe überhaupt?“, meint Herczeg. In Bezug auf Programmdiversität gäbe es immer Luft nach oben. Eine Schlüsselfrage sei aber, wie die Zeitressourcen genutzt werden können, um alle Zielgruppensegmente zu adressieren. Es müsse die zentrale Überlegung angestellt werden, inwieweit es Sinn macht, die Angebote auszudifferenzieren oder ob es zielführender ist, Sendungen auf die breite Masse auszulegen. Bestrebungen, hier die goldene Mitte zu finden, sind auch beim ORF ein Thema. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk bringt im TV für alle drei burgenländischen Volksgruppensprachen Magazinsendungen, mit denen laut Kelemen für alle etwas geboten werden soll. Im Radioprogramm wird mehr ausdifferenziert und neben den Nachrichten werden beispielsweise auch speziell Sendungen für Jugendliche und Kinder ausgestrahlt. „Hier sehen wir ganz klar den Trend weg vom analogen Radio und hin zur Radiothek. Wir arbeiten daran, unsere Magazinsendungen als Podcast verfügbar zu machen“, erklärt Keleman. Beim jüngeren Publikum sei vor allem das Online-Angebot beliebt. Je nach Volksgruppe werden diese Beiträge auch verstärkt auf Social Media geteilt.


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Diversität weitergedacht Das Programm der Volksgruppenredaktion hat im Hinblick auf Diversität aber noch eine weitere Funktion. Denn auch wenn es einem vielleicht nicht gleich in den Sinn kommt, produzieren die rund 30 Mitarbeiter*innen die Inhalte nicht nur für Sprecher*innen der Volksgruppen. Um das zu unterstreichen, führt Kelemen den TVSektor an: „Die Roma Sendung „Romano Dikipe“ ist hier ein gutes Beispiel. Sie wird bewusst auf Deutsch moderiert. Die Beiträge sind in Romani, werden aber untertitelt.“ So wolle der ORF auch die Mehrheitsbevölkerung zum Zusehen animieren, selbst wenn sie ursprünglich nicht daran interessiert wäre. Die ungarische Sendung wird ebenfalls durchgehend untertitelt. Beim kroatischen Programm wird noch an einer passenden Lösung gearbeitet. Damit gehe mit den Sendungen auch eine gewisse Aufklärungsfunktion einher. Sie bringen den Volksgruppen öffentliche Aufmerksamkeit und zeigen: „Diese Volksgruppen gibt es und das macht sie aus“. „Das Programmangebot in Volksgruppensprachen trägt einen wichtigen Beitrag zur Diversität der Gesellschaft bei“, ist auch Herczeg überzeugt. Aber damit diese Angebote ihre Wirkung entfalten können, ist es essenziell, dass die Sendungen tatsächlich nachgefragt werden. Durch die große Anzahl an Wahlmöglichkeiten und die zunehmende Individualisierung der Mediennutzung herrsche indes ein starkes Konkurrenzverhältnis. „Es gibt eine Fülle an Problemperspektiven, die es Volksgruppensendungen schwierig macht, sich hier einen eigenen Platz zu sichern“, erklärt Herczeg. Voraussetzung ist, dass die Interessen der Rezipient*innen so ausdifferenziert sind, dass sie einerseits genügend Zeit für die Sendungen haben und sich andererseits davon angesprochen fühlen. Dann sei da noch der Faktor, dass sie auch bereit dazu sein müssten, dieses freie Zeitbudget dafür zu reservieren. „Das hängt von den individuellen Gewohnheiten des Einzelnen ab. Hier spielt die Sozialisierung eine große Rolle. Das heißt: Inwiefern gehört es zum Selbstverständnis, dass solche Angebote rezipiert werden?“, führt die Kommunikationswissenschaftlerin aus. Beim ORF-Burgenland sei das Interesse derzeit aber in zufriedenstellendem Ausmaß vorhanden. „Ich habe auch den Eindruck, dass die Nachfrage immer größer wird. Je mehr Programm wir machen und je mehr Angebote wir schaffen, umso mehr wird es genutzt“, erzählt Kelemen. So sei die Rezeption der Radiosendungen zu einer Gewohnheit der Volksgruppensprecher*innen geworden und die Angebote im Internet zeigen steigende Klick-Raten. Auch zum geplanten Podcast bekomme die Redaktion des ORF Burgenland immer wieder Anfragen, wann er endlich zu hören sei. Kelemen ist deshalb überzeugt, dass die Relevanz der Angebote in Zukunft weiter zunehmen wird: „Mir kommt es so vor, dass das Bewusstsein für die Vorteile, die durch die sprachliche Diversität der Volksgruppen entstehen, in der Gesellschaft stärker geworden ist. Es ist etwas Gutes, dass es so viele Menschen gibt, die so selbstverständlich zwei Sprachen sprechen und zwischen zwei Welten hin und her wechseln können, ohne sich für eine entscheiden zu müssen. Also ich sehe das als riesiges Geschenk.“

© Robert Linder / unsplash

Die Henne-Ei-Problematik

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Ein etwas anderer Zugang zu dieser Thematik wird von Petra Herczeg vertreten. Sie ist zwar ebenfalls der Meinung, dass in Zukunft weiter Programme in Volksgruppensprachen produziert werden müssen, weist dabei aber auf ein altbekanntes Problem hin. „Es gibt schon lange das Argument, dass es immer weniger Sprecher*innen gibt. Für wen soll das Angebot also ausdifferenziert werden?“ Aber selbst wenn die Sprache vom Aussterben bedroht scheint, müsse das Programm weiter bestehen. „Wir haben hier sonst eine Henne-Ei-Problematik. Das eine bedingt das andere. Die Gesellschaft hat eine Bringschuld, sich zur Mehrsprachigkeit zu bekennen, denn sonst kann nichts rezipiert werden. Vielleicht sollte man gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen


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Angebote entwickeln oder mehr über soziale Medien distribuieren und damit die Schwellenangst senken, wenn es um Sprachkompetenz geht. So könnte man junge Menschen verstärkt an die Sprache heranführen und ihnen die Chance geben, sich damit auseinanderzusetzen. Wenn die Sprache weniger gesprochen wird, muss also entsprechendes Angebot geschaffen werden.“ Als große Chance identifizieren die Expertinnen hier die Möglichkeiten, die das Streaming eröffnen könnte. Die derzeit diskutierte Digitalnovelle würde also auch für die Volksgruppenredaktion einiges erleichtern. „Online first und online only würden natürlich auch für uns enorme Vorteile bringen. Die Radiosendungen der Volksgruppenredaktion sind – bis auf die Ausnahme einer Kurzausgabe der kroatischen Nachrichten um 12:30 Uhr – immer erst ab 18 Uhr zu hören. Es ist eine große Chance, wenn man auch tagsüber etwas bringen kann“, erklärt Kelemen. Auch Herczeg sieht im Streaming Potenzial: „Das passt natürlich zur derzeitigen Mediennutzung der jüngeren Zielgruppe und auch junger Eltern. Wichtig wäre, dass man eigene Sendungsinhalte und Figuren entwickelt. Es braucht spezifische Medienfiguren, die verschiedene Sprachen sprechen und nicht ganz perfekt in ihrer Sprache sind – das gehört auch dazu. So können sie als Role Model für Kinder und Jugendliche dienen und Anreiz dafür geben, sich zusätzlich mit der Sprache auseinanderzusetzen.“ Demnach eröffnet die Digitalisierung also auch für die Volksgruppensprachen neue Möglichkeiten, die es jetzt zu nutzen gilt. Die Planung neuer Sendungen und Distributionskanäle ist in vollem Gange - und das ist gut so. Nicht nur für die Sprecher*innen der burgenländischen Volksgruppen, sondern für die gesamte Gesellschaft. Mavie Berghofer

Was zählt, sind die Menschen.

Entweder, oder? Ich will alles. Johannes, 24 Jahre Teile deinen persönlichen #glaubandich Moment auf:

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Obdachlosigkeit und die Medien – nicht nur eine Randnotiz In den Zustand unzweifelhaft erkennbar obdachlos auf der Straße zu leben, gerät man nicht von heute auf morgen. Es sind Aneinanderreihungen von unerwarteten Schicksalsschlägen, unvorhersehbaren Situationen und Lücken in einem Sozialsystem, welche am Ende in Armut und Obdachlosigkeit münden. Denn Obdachlosigkeit ist eben kein Problem eines Einzelnen, sondern das Resultat einer Aneinanderreihung von gesellschaftlichen Problemen.

Infobox Wohnungslos

meint, dass Personen in Einrichtungen mit begrenzter Aufenthaltsdauer leben und in keinem Mietverhältnis stehen.

Obdachlosigkeit

definiert die Wohnsituation ohne festen Wohnsitz oder Unterkunft.

Armutsgefährdet

sind jene Menschen, welche weniger als 60% des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung beziehen.

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Doch nur wenige der nicht betroffene Bürger*innen scheinen dies zu erkennen – fehlendes Verständnis und mangel­hafte Aufklärung der Gesellschaft führen zu Vorurteilen Obdachlosen gegenüber. Dies stellen sowohl Jenny Legenstein Redakteurin der Straßen­ zeitung „Augustin“, Thomas Adrian Leiter der Jugendnotschlafstelle „a_way“ als auch Christian Klinger, Initiator des sozialen Hilfsprojektes „Home STREET Home“ in ihrem jeweiligen Berufsalltag fest. Durch Erfahrungen und engagierten Einsatz auf diesem Gebiet konnten sie SUMO Einblicke in die Rolle der Medien bezüglich Obdachlosigkeit in Österreich eröffnen.

Adrian betonen unisono, dass es wichtig finanzielle Nöte und psychische wie ist, die hohen Dunkelziffern in diesem physische Krankheitsbilder. Eine Tendenz, Zusammenhang zu beachten. Denn: „Je die sich in den vergangenen Jahren länger die Betroffenen an der Armuts- abzeichnet, ist, dass zunehmend junge grenze leben, desto isolierter von der Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren Gesellschaft sind sie. Falsche Vorurteile von Obdachlosigkeit oder materielsowie Unverständnis und emotionale len, vielmehr finanziellen Missständen Distanz sind außerdem ständige Be- bedroht sind. Mitauslöser dafür sind gleiter dieser Thematik“, so Thomas zerrüttete Familienverhältnisse, inAdrian. Als Leiter der Jugendnotschlaf- stabile soziale Unterstützungssysteme, stelle „a_way“ bemerkt er regelmäßig, Schwierigkeiten beim Einstieg ins Bedass Armut dadurch verleugnet oder rufsleben oder Orientierungslosigkeit im Erwachsenen­dasein. Genauso versteckt wird und das Umfeld nicht hinsieht. Denn Bedürftigkeit geht auch individuell wie die Betroffenen selbst sind also auch die Hintergründe ihrer mit Scham Hand in Hand. Niemand möchte schließlich als armutsgefährdet Geschichten. Im Gespräch mit Klinger gelabelt, als wohnungs- und obdachlos und Adrian wird rasch klar; es kann jeden erkannt werden. „Betroffene versuchen und jede treffen und betreffen. oftmals, ihre Situation vor ihrem Umfeld In Österreich muss keiner so lange wie möglich geheim zu halten. Medien können Betroffenen obdachlos sein, oder?! Wenn es dazu kommt, dass jemand eine Stimme geben Das sollte man meinen, doch die Zahlen durch sein äußeres Erscheinungsbild der Statistik Austria belegen anderes: als obdachlos identifiziert werden kann, „Selbst, wenn Obdachlosigkeit ignoriert Anno 2020 waren rund 20.000 Menschen ist dies unfreiwillig und schambehaftet”, wird und die Berichterstattung darüber in Österreich als obdachlos oder woh- erklärt Adrian. Vor allem Frauen und vollständig ausbleiben würde, wären nungslos registriert. Ergänzend dazu ist Jugendliche verstecken ihre Lebensum- die Armut und die Ursachen dahinter nach Angaben der Caritas ein aktuell stände vor der Außenwelt - dies meist trotzdem nicht verschwunden”, erinnert starker Anstieg der Sozialberatungs- auch aus Selbstschutz. Jenny Legenstein, Redakteurin der anfragen im Gegensatz zum Jahr 2021 Die Hauptgründe für Obdachlosigkeit in Straßen­zeitung „Augustin“. Das Medium bemerkbar. Christian Klinger und Thomas Österreich sind Arbeitslosigkeit, kritisiert vor allem die soziale Ungerechtigkeit und bietet gleichzeitig eine Schnittstelle zwischen Betroffenen und den Passant*innen auf der Straße. Dies eröffnet einen Zugang auf unterschiedlichsten Ebenen zur Obdachlosigkeit in Österreich. Denn die Straßenzeitung leistet Aufklärungsarbeit und ermöglicht Begegnungen und Austausch mit Betroffenen. Darüber hinaus wird den obdachlosen Menschen eine Stimme gegeben, indem sie selbst zum redaktionellen Inhalt des „Augustin“ beitragen. Für die Leser*innen der Straßenzeitung wird damit das im Alltag oft Unsichtbare greifbar und verständlich gemacht. Auf der anderen Seite bieten Straßenzeitungen Bedürftigen finanzielle Unterstützung und eine Perspektive, da der Verkauf für die Kolporteur*innen eine Möglichkeit darstellt, nicht betteln zu müssen. Straßenzeitungen sind keineswegs die einzigen Medien, welche Armut und soziale Missstände aufarbeiten. Das Wohltätigkeitsprojekt „Home STREET Home“ schafft einen eigenen emotionalen und authentischen Zugang. Durch die Zusammenarbeit und den Einsatz heimischer Künstler*innen der Musikbranche wurde das Benefiz Projekt umgesetzt, bei dem das Thema Obdachlosigkeit und die Betroffenheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen thematisiert und musikalisch aufgearbeitet wird. Daraus entstand eine CD, dessen gesamte Verkaufserlöse an die Jugendnotschlafstelle „a_way“ gehen.

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Aber es muss auch hingeschaut und zugehört werden! Christian Klinger, einer der Initiatoren von „Home STREET Home“, sieht die fehlende mediale Präsenz von Obdachlosigkeit als drastisches Problem. So findet Berichterstattung mit abschließendem Aufruf zum karitativen Handeln stets ereignisbezogen statt. Die Flut an Titelbildern, auf Fernsehbildschirmen und in sozialen Netzwerken nimmt jedoch rasch wieder ab. Der Leiter der Jugendnotschlafstelle, Thomas Adrian und „Home STREET Home“ Initiator Christian Klinger sind sich einig, dass viele mediale Berichte zur Randnotiz verblassen und schlussendlich kaum Aufmerksamkeit generieren. Gerade in Krisenzeiten gestaltet sich der Medienkonsum vieler Rezipient*innen sowieso überwiegend als negative Erfahrung. Nahezu täglich finden Konfrontationen mit schlechten Nachrichten statt, welche Erschöpfung oder Ermüdung auslösen und bis hin zur Verdrängung aktueller Situationen und Umstände führen kann. Eine Aufforderung, welche die Pandemie maßgeblich prägt, lautet „Bleiben Sie bitte zu Hause!“. Doch was tun diejenigen, welche kein zu Hause beziehungsweise keinen festen Wohnsitz haben? “In gewisser Weise war dies eine zynische Aussage für Menschen, welche im wohnungslosen Bereich tätig oder davon betroffen sind”, so Adrian. Wenngleich er zugesteht, dass in den Medien nicht immer alle individuellen Lebenslagen mitgedacht werden können, wertet er diesen Appell als Zeichen dafür, dass die Situation von obdach- oder wohnungslosen Personen nicht gesehen wird. Legenstein erinnert sich zwar an einige spezifische Beiträge zu Obdachlosigkeit in der Pandemie überwiegend in Spartenprogrammen, jedoch sieht auch sie hier eine Lücke im medialen Auftritt.

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Nach dem Blick auf die Selbstdarstellung und die Außenwahrnehmung bleibt noch die Frage nach der Mediennutzung

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Im Zuge dessen hebt Legenstein die Relevanz der Medien als vierte Gewalt und Fenster zur Welt sowie Instrument für die Sensibilisierung für die Thematik hervor. Mediale Berichterstattung kann nämlich auch bezüglich Obdachlosigkeit und Armut etwas bewegen und beeinflussen. Konsequente Aufklärung über die Ursachen für die Abwärtsspirale können einen näheren Bezug schaffen. Die Vermittlungs­ aufgabe der Medien bestünde nach Adrian auch darin, den Faktor Scham zu thematisieren und so das Entstehen einer Hilfestellung statt einer Degradierung zur Bittstellung zu fördern. „Denn die Bereitschaft zu Helfen wächst meist erst mit dem passenden Werturteil, Einblicken sowie Verständnis“, bestätigt Adrian. Außerdem weist Klinger darauf hin, dass „eine gewisse Sensibilität bei der Rezeption erforderlich ist, da Medien dabei das Consumer Knowledge der Rezipient*innen fördern können”. Denn die Lebensumstände und finanziellen Missstände werden von außen oft hinterfragt. Artikel, welche Betroffene porträtieren und ihre Perspektive abbilden, haben bereits regelmäßig negative Kritik und Kommentare sowie Hasspostings im Internet und in den sozialen Medien erfahren. Im SUMO-Interview erläutern die Expert*innen, dass schon der Hinweis auf Rücksichtnahme auf die Gefühle von Betroffenen bei öffentlichen Reaktionen auf mediale Beiträge diesbezüglich ein hilfreicher Schritt zur Verbesserung wäre.

Anna Horn

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Medien als Schnittstelle – es gibt nicht „uns“ und „die anderen“

von jungen Erwachsenen, die von Armut betroffen sind oder sich in Notsituationen befinden. Thomas Adrian beobachtet in der Jugendnotschlafstelle, dass auch hier das Smartphone und der Kontakt sowie Austausch zu anderen - wie bei den meisten Heranwachsenden - im Fokus steht. „A_way“ stellt den Jugendlichen daher Ladestationen und WLAN zur Verfügung, das gehört mittlerweile zur Grundversorgung. Inhaltlich fehlt den Jugendlichen, die sich im Notquartier einfinden, meist das Interesse an Politik. Wenn man sich in einer Krise befindet hat man oft keinen Kopf für Alltagspolitik. Adrian wundert dies wenig, können sich diese jungen Menschen damit kaum mit politischen Debatten identifizieren. „Das Mitwirken und das Bewusstsein für Demokratie scheint hier geschwächt zu sein, da sich die betroffenen jungen Menschen nicht gesehen oder gehört fühlen”, meint Adrian. Die fehlende Teilhabe und die nicht vorhandene Repräsentation geht also mit dem Gefühl einher, keine Stimme oder Macht in der Gesellschaft innezuhaben. Womit wir zur Lösung wieder bei der Forderung nach Diversity in Medien angelangt wären.



Aktivist*innen als Medienschaffende – von „Salam Oida“ bis „Ibiza Austrian Memes“ Von sichtbaren Fernsehpersönlichkeiten, Darstellung in Serien bis hin zu den Charakteren in Kinderbüchern. Jede*r möchte sich wiederfinden. Wie ist es jedoch, wenn sich bestimmte Menschengruppen in den Mainstreammedien nicht oder schlecht repräsentiert fühlen? Wie ist es, wenn Geschehnisse nur aus einer heteronormativen, an der Mehrheitsgesellschaft orientierten Perspektive geschildert werden? Dank den Möglichkeiten, die das Internet bietet, ist es einfach, Plattformen zu gründen und die eigene Repräsentation selbst in die Hand zu nehmen. Wir sprachen über das Schaffen von neuen Medienangeboten und innovativen Methodiken mit Asma Aiad, Mitgründerin von „Salam Oida“ und Anahita Neghabat, Gründerin von „Ibiza Austria Memes“.

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Aktivist*innen als Medienschaffende

Zur Vorstellung beider Plattformen „Es geht uns nicht darum, dass wir sagen, dass diese Menschen oder unsere Community keine Stimme haben. Gar nicht! Ganz im Gegenteil! Sie hat diese Stimme und sie macht so viel, und wir wollen ihnen das Mikrofon reichen.“ „Salam Oida“ ist eine Plattform, die entstanden ist, um muslimische Vielfalt in Österreich zu zeigen. Den Gründerinnen Asma und Ines war es wichtig, davon wegzukommen, dass sie sich als Muslim*innen immer darüber definieren müssten, was sie nicht sind, anstatt über das zur reden, was sie ausmacht. Der Diskurs um Muslim*innen drehe sich stets um Stereotype oder rassistische Darstellungen. Mit „Salam Oida“ wollte das Duo eine Plattform gründen, die muslimische Vielfalt gebührend darstellt, gemäß dem Motto: „Wir feiern uns!“. Sie wollen Muslim*innen empowern und eine Bühne geben, um das Gefühl zu erschaffen, dass das, was sie machen, wichtig und bedeutsam ist. „Zu der Zeit (der Veröffentlichung des Ibiza Videos, Anm. der Red.) haben viele andere Leute extrem coole politische Memes gemacht und weil ich so euphorisiert war und aus dieser positiven Stimmung heraus, hatte ich viele Ideen. Letztendlich habe ich ohne große Vorbereitung und spontan diese Seite gemacht.“ Anahita Neghabat studiert Kultur- und Sozialanthropologie und hat 2019 im Rahmen der „Ibiza-Affäre“ aus Euphorie heraus spontan entschieden, eine politische Meme Seite namens „Ibiza Austrian Memes“ zu gründen. Diese Instagram Seite hat bereits 23.500

Follower*innen. Dort nutzt Anahita Memes als Form von politischem Statement und kommentiert satirisch die österreichische Innenpolitik aus einer intersektional feministischen, antirassistischen und machtkritischen Perspektive. Mit ihrer Seite will Anahita auf Ereignisse aufmerksam machen, die in den Schlagzeilen nicht präsent sind – zumindest nicht aus dem Blickwinkel, aus dem sie die Geschehnisse betrachtet. In den Captions schreibt sie kleine politische Analysen und versucht dabei eine möglichst einfache Sprache zu verwenden. Die Sätze werden mit Emojis und Absätzen optisch gegliedert. Fremdwörter werden vermieden beziehungsweise erklärt, damit die Botschaft auch verständlich ist. Anahita selbst beschreibt ihre Arbeit als Satire, da sie Ereignisse darstellt und dabei überzeichnet, sodass die Absurdität des Dargestellten deutlich wird. Die Plattformen beider Aktivistinnen sind aus spontaner Kreativität entstanden; beide haben aber schnell das eigene Potenzial und den Mehrwert in ihrer Arbeit erkannt. Doch warum müssen Bürger*innen die Repräsentation der eigenen Gruppe selbst in die Hand nehmen? Und wo hängen die Mainstreammedien konkret hinten nach?

Die Rolle der Mainstreammedien oder Medienhäuser mit „weißer Brille“ Um die Lebensrealitäten von Gemeinschaften innerhalb einer Gesellschaft


wahrheitsgetreu aufzuzeigen, empfehlen Medienforscher*innen, die zu Minderheiten arbeiten, auf Diversität in den Redaktionen zu achten. Doch die Realität in den österreichischen Medienhäusern wird diesem Anspruch noch nicht gerecht. Eine Studie des „Medienhaus Wien“ aus dem Jahr 2021 zeigt die aktuelle Vielfältigkeit in österreichischen Medienhäusern auf. Dabei wurden Daten von 5.346 Journalist*innen aus mehr als 300 österreichischen Medienunternehmen unterschiedlicher Größe gesammelt und 501 CATInterviews mit einer für die österreichischen Journalist*innen repräsentativen Stichprobe durchgeführt. Von den 501 Journalist*innen zeigten nur 6 % einen nichtdeutschsprachigen Migrationshintergrund auf und 6,4 % einen deutschsprachigen Migrationshintergrund. Darunter fallen jene Journalist*innen, bei denen zumindest ein Elternteil im deutschsprachigen Ausland geboren wurde, konkret in Deutschland, der Schweiz, Liechtenstein oder Südtirol. Asma Aiad betont, dass von diesem Defizit in der redaktionellen Zusammensetzung nicht nur Muslim*innen betroffen sind, sondern auch andere Randgruppen in der Gesellschaft wie Menschen mit Migrationshintergrund oder schwarze Menschen. „Diese Menschen sitzen nicht in den Medienhäusern. Sie denken nicht mit, sie handeln nicht mit, sie überlegen nicht mit und sie können nicht mitgestalten. Wenn Medienhäuser eine weiße Brille tragen, mittels derer sie berichten, wird ein falsches Abbild der Gesellschaft geschaffen und deren Vielfalt nicht repräsentiert. Um die Realität einer Gesellschaft darstellen zu können, braucht es eine Änderung in der Struktur der Medienhäuser. Eine Struktur, die die reale Gesellschaft und vielfältige Geschichten und Perspektiven präsentiert.“ Anahita Neghabat stellt hingegen den Mythos der neutralen Berichterstattung infrage. Die Objektivität, welche Qualitätsmedien für sich selbst beanspruchen, gehört ihrer Auffassung nach hinterfragt. Beispielsweise haben Menschen mit Rassismuserfahrung nicht nur eine theoretische Meinung zum Thema Rassismus. Ihre Erfahrungen formen ihren Blick auf die innen- und außenpolitischen Ereignisse. Daher ist Anahita bewusst, dass auch sie selbst nicht neutral berichtet, sondern aus einer machtkritischen, antirassistischen und feministischen Perspektive. Basieren auf Fakten ist Nummer eins für sie, aber welches Augenmerk dann in der inhaltlichen Darstellung gesetzt wird, ist vielfältiger, aus einer anderen Perspektive, schlichtweg diverser. Genau dies kritisiert Neghabat: Dass Menschen mit Rassismuserfahrungen, Migrationsbiografie oder sonst jegliche Art von Diskriminierungserfahrung in den meisten Medienangeboten für ihre Perspektiven nicht genügend Raum bekommen.

Perspektiven die österreichische Innenpolitik kommentieren – und arbeitet dafür wie bereits beschrieben mit Memes. Anahitas bewusste Entscheidung für das Format Memes geht darauf zurück, dass Humor ein praktikabler Weg ist, um sich mit komplexen Ereignissen wie der Ibiza-Affäre, auseinanderzusetzen. Mittels Memes nimmt ein Gefühl und eine Einschätzung eines Ereignisses Gestalt an, die den Menschen die Kraft gibt, weiterzumachen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Durch die Praxis des Teilens und Likens von Memes sehen die Menschen, dass sie mit ihrer Position nicht die einzigen sind und es auch anderen so geht. Außerdem sind Memes leicht konsumierbar und verlangen kein aus klassischer Schulbildung stammendes Vorwissen. Eine Grundkenntnis im Umgang mit Internetkultur ist jedoch erforderlich. Dadurch ermöglicht sie dem Publikum einfach und schnell eine neue, – in Anahitas Fall im linken Spektrum anzusiedelnde Perspektive – auf die österreichische Politik zu bekommen.

Diverse Medien = Auswirkung auf die Gesellschaft? „Das ist Prio eins, da muss man unbedingt etwas ändern. Weil sie [die Medien für die breite Masse] einfach eine massive Schieflage haben.“ – Asma Aiad. Würden Medienhäuser und Mainstreammedien das Thema Diversität und diverse Berichterstattung als Priorität sehen, so würden sie auch ein repräsentativeres Bild der Gesellschaft abbilden und die Realitäten aller Menschen dieser Gefüge darstellen. Wird diese Aufgabe von den Medien jedoch nicht wahrgenommen und diesem Anspruch auch kein redaktioneller Raum gegeben, dann entwickelt sich ein unvollständiges Bild von einem sozialen System. Das Potenzial die Vielfalt der Gesellschaft zu repräsentieren, liegt folglich in den digitalen Medien. In der Geschichte der Medien wurde die Herstellung von Medienangeboten immer einfacher und vor allem kostengünstiger. Heute haben die Möglichkeiten mit digitaler Verbreitung und dem geringen Preis enorm zugenommen. Freilich muss man auch streuen, sonst ist das Publikum verschwindend klein. Abseits der Chancen durch die digitalen Kanäle bedienen sich Medienschaffende mit Migrationshintergrund heute auch einer völlig neuen Form: Begonnen hat es mit Gastarbeiterradio und -presse, die junge Generation macht aber Medien mit Humor, nutzt Videos und hat auch ein journalistisches Selbstverständnis. Afifa Akhtar

Inwiefern diese neuen Medien dem entgegenwirken – Methodik und Absicht Die Gründerin von „Salam Oida“ sieht ihr Medienangebot als Schnittstelle, um Diversität und die Repräsentation der muslimischen Kultur in Österreich neu zu denken. Als Kommunikationsplattformen werden dazu vor allem diverse soziale Netzwerke genutzt. Auf Instagram, YouTube oder TikTok greift „Salam Oida“ Themen auf, die in den Mainstreammedien zu kurz kommen. Die Methodik, die seitens des „Salam Oida“ Teams verwendet wird, ist es, Bilder zu zeigen, die die stereotypen Vorstellungen in den Köpfen von Menschen aufbrechen und neue Bilder produzieren. Sie sind überzeugt, dass mittels digitaler Medien, visuellem Material und Bewegtbild stereotype Bilder konterkariert und neue, vielfältige Zuschreibungen geschaffen werden. Dadurch zeigen sie, dass marginalisierte Gruppen sehr wohl auf digitalen Medienplattformen sichtbar sind und dadurch die Mainstream-Medien ergänzen. Die Instagram Seite „Ibiza Austrian Memes“ will mit ihren

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Werbestrategie Feminismus – reiner Marketing-Gag? Eines steht fest: Feminismus ist bei den meisten bereits angekommen und liegt seit einigen Jahren im Trend. Das haben auch die Großkonzerne und deren Marketingabteilungenfrüh erkannt. Doch steckt hinter den feministischen Werbestrategien vielleicht mehr als das bloße Streben nach mehr Gewinn? Möchten Unternehmen Teil dieser politischen Bewegung sein und gar ein Umdenken in unserer Gesellschaft fördern? Mithilfe der Obfrau des Frauenvolksbegehrens, Daniela Diesner, sowie der Journalistin Marya Al-Mufti möchte SUMO diesen und einer Reihe weiterer Fragen auf den Grund gehen.

Diversity. Empowerment. Body Positivity. Nur ein paar der vielen erfolgversprechenden Begriffe, die eine veränderte und bessere Zukunft versprechen. Sie sind das, was nach jahrzehntelanger Arbeit von einer feministischen Revolution übrig geblieben ist. Wir sehen sie auf T-Shirts, Werbeplakaten und etlichen Social-Media Posts. Influencer*innen schmücken sich im Auftrag zahlreicher Unternehmen mit diesen oft nach leeren Worthülsen klingenden Ausdrücken. Großkonzerne wie H&M, Only aber auch Luxusmarken wie Dior tun es ihnen gleich. Maryam Al-Mufti, Journalistin beim feministischen Magazin „an.schläge“, bezeichnet die Verwendung dieser Modewörter als „extrem weich gewaschene und oberflächliche Sichtweise auf feministische Ideen.“ Für sie handelt es sich dabei um überstrapazierte Begriffe anstelle tiefgründiger Gedankengänge. Die 23-Jährige spricht außerdem davon, dass hinter Feminismus die Idee stecke, revolutionär und radikal zu sein. Dabei stelle sie sich die Frage, wie rebellisch diese Emanzipationsbewegung wirklich sein kann, wenn man ihn einfach über ein Fünf-Euro-TShirt vermarkten kann. „Wo ist da das Radikale dahinter, wo ist da das Revolutionäre dahinter, wenn das Konzept zur Marketingstrategie verkümmert und verkommt“, so die Journalistin. Der Einsatz von Schlagwörtern aus dem Reservoir des Feminismus ist gerade in der Textilbranche fragwürdig. Laut dem Verein FEMNET, der sich unter anderem für die Arbeitsrechte von Frauen in Asien einsetzt, variiert der Anteil weiblicher Textilarbeiterinnen durchschnittlich zwischen 70 und 90 Prozent. Es ist kein Geheimnis, dass die Arbeitsbedingungen in solchen Nähfabriken alles andere als menschenwürdig sind. Miserable Hygienebedingungen und Löhne, mit denen normale Lebensstandards einfach nicht zu bewerkstelligen sind. Vorstandsmitglied des Frauenvolksbegehren Daniela Diesner nennt Firmen,

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Werbestrategie Feminismus

welche unter solchen Zuständen für sich arbeiten lassen oder nichts an ihren ausbeuterischen Strukturen ändern und gleichzeitig feministische Werbungen machen, heuchlerisch: „Sie wollen sich reinwaschen und suggerieren, dass sie feministisch sind. Das finde ich nicht in Ordnung“, so die 23-Jährige.

Empowerment für wen? Maryam Al-Mufti, die nebenbei auch Politikwissenschaft im Masterstudiengang studiert, kann sich über Hashtags und Plakate mit Begriffen wie „Diversity“ oder „Empowerment“ einfach nur wundern. „Man sollte sich fragen: Empowerment für wen? Empowerment für das Marketing Team? Für den CEO? Auf keinen Fall Empowerment für die Menschen der Unterschicht, die da auf übelste Weise ausgebeutet werden“, so die Journalistin. Kapitalistische Konzerne bedienen sich hier ganz klar einer Doppelmoral. Auch andere Branchen wissen feministische Inhalte werbetechnisch im großen Stil umzusetzen. So schreibt Beate Hausbichler, Leiterin des frauenpolitischen Ressorts bei „dieStandard“, über das Paradebeispiel von Femvertising schlechthin, nämlich die Werbekampagnen der Hautpflegemarke Dove. Sujets von Frauen mit unterschiedlichen Körper- und Figurtypen, darunter Slogans wie „The Perfect Real Body“, zählen dazu. Auch deren Werbevideos zeigen starke und selbstbewusste Frauen, die nicht den „normalen“ Modelmaßen entsprechen. In ihrem Buch „Der verkaufte Feminismus“ kritisiert Beate Hausbichler dabei, dass sich Gesellschaft und Staat zu sehr aus der Verantwortung ziehen. Demnach wird beim klassischen Femvertising das Bild der bereits ermächtigten Frau gezeigt. Wie Hausbichler in ihrem Band schreibt, entstehe der Eindruck, dass längst alles erreicht sei und Frauen dies lediglich erkennen und endlich genießen müssten. Doch wenn man die Zeitung mit der

Body Positivity-Anzeige umblättert, begegnet man den nächsten Diät- und Abnehmratgebern.

Feministische Werbekampagnen – alles schlecht?! Das klingt bisher alles recht negativ. Immerhin sollte man doch froh darüber sein, dass wichtige Themen wie Feminismus in der Werbung, ein Mittel, das viele Menschen erreicht, angesprochen werden. Es könnte auch viel schlimmer sein. Im Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums sorgt der Saft-Hersteller „True Fruits“ mit seinen bewusst sexistischen Kampagnen regelmäßig für neue Aufreger. Sprüche wie „Sommer, wann feierst Du endlich Dein Cumback?“, dazu eine Frau in Bikini mit abgebildetem männlichem Gemächt auf der Schulter, gehören dabei dazu. Daniela Diesner berichtet über die Arbeit des Vereins „Frauenvolksbegehren“ gegen diese Art von Werbung und die Meldungen der True-Fruits-Kampagne durch den damaligen Sprecher Christian Berger beim Werberat. Die junge Obfrau meint außerdem, dass Firmen, die mit nicht stereotypen, starken Frauenbildern oder Botschaften zur Stärkung des Selbstwerts werben, nicht in den Himmel gelobt werden sollten. Vielmehr sollte dies eine Selbstverständlichkeit darstellen. „Es sollte einfach ein Sexismusverbot geben. Wenn Firmen Werbung machen, die sexistisch ist, sollten sie auch dafür bestraft werden und der Werberat sollte die Werbung dann verbieten oder sollte nicht ausgestrahlt werden dürfen“, so die 23-Jährige. Auf die Anmerkung hin, dass es beim österreichischen Werberat ohnehin eine Regelung gegen geschlechterdiskriminierende Werbung gibt, sagt die junge Aktivistin, dass diese nur für offensichtlich sexistische Inhalte und Darstellungen in Kraft träte. Sexistische Werbekampagnen können subtil sein. Dazu zählen klischeehafte Darstellungen von Frauen wie der einer


Illustrations-Inspiration: Dean’naie. Stop Bodyshame [Pinterest post]. Pinterest. Retrieved June 30, 2022, from https://www.pinterest.at/pin/709668853782479519/ Zahlen & Fakten: https://breakbingeeating.com/body-image-statistics/

Etwa 20 % der deutschen Kinder/Jugendlichen fühlten sich dick, 15 % hatten Angst vor einer Gewichtszunahme, und 25 % gaben an, sich regelmäßig über ihr Gewicht oder ihre Figur zu ärgern. Fast 80 % der jungen Mädchen im Teenageralter haben Angst davor, dick zu werden. Das Körperbild wurde als eine der 4 größten Sorgen junger Frauen genannt. Bei einer Befragung von mehr als 50 000 Erwachsenen hielten sich 60 % der Frauen für zu schwer und waren sich ihres Gewichts nicht bewusst, 30 % gaben an, sich in einem Badeanzug unwohl zu fühlen, und 20 % hielten sich für unattraktiv.

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Feminismus in uns selbst?


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Hausfrau und Mutter oder die Suggestion, wie eine Frau zu sein oder auszusehen hat. „Kritik gegen solche Sujets werden vom Werberat oft nicht ernst genommen oder bedürfen erst einer Masse an Beschwerden, bevor sich da etwas tut“, so Daniela Diesner. Generell sollten komplexe und wichtige Themen wie Feminismus vorzugsweise nicht erst durch kapitalistisch geprägte Unternehmen an unsere Gesellschaft herangebracht werden. „Es geht um eine Art Bildungsauftrag und dieser sollte von anderen Institutionen als von Werbung und Marketing, wo gleichzeitig etwas verkauft wird, wahrgenommen werden“, meint Diesner. Vielmehr sollten sich bereits junge Menschen in den Schulen damit beschäftigen, um mit ihrem kritischen Denken nicht in solche Marketingfallen zu tappen.

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Klar, die Repräsentation von emanzipierten Frauen in der Werbung ist auf den ersten Blick eine gute Sache. Jedoch sollten wir uns sehr wohl fragen, ob das nicht doch eher Schein als Sein ist. Auch Maryam Al-Mufti weist darauf hin, dass diese Sichtbarkeit weiblicher Werbeträgerinnen zwar wichtig ist, sie aber nichts nützt, wenn die strukturellen Probleme nicht gelöst sind. „Dann ist diese Sichtbarkeit zwar gegeben, aber die Grundstrukturen, auf denen Sexismus, aber auch Rassismus und Ausbeutung aufbauen, sind nach wie vor vorhanden“, so die Journalistin. Verena Scharnagl

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Sind Feminismus und Pornografie Widerspruch? Wie FemPorn die Gesellschaft verändert Pornos sind schmutzig, erniedrigend gegenüber Frauen und hauptsächlich für männliche Rezipienten, sowie für Zuseher*innen aus der Lack- und Lederszene. Dieses Klischee befindet sich nach wie vor in den Köpfen vieler Menschen, jedoch entspricht es nicht der Wahrheit, denn Porno kann mehr. SUMO sprach dazu mit Patrick Catuz einem feministischen Pornoproduzenten, der gemeinsam mit der ehemaligen Opernsängerin Adrineh Simonian „Arthouse Vienna“ gegründet hat und seine Werke als Träger aktivistischer Botschaften benutzt und aus Leidenschaft sich selbst als Feminist bezeichnet. Ebenso erzählte auch Ingrid Mack, die Besitzerin von „Liebenswert“ – einem Erotikfachgeschäft welchem der weiblichen Lust gewidmet ist, ihre Perspektive von der veränderten Rolle der Frau in der Pornografie.

Feministische Pornografie (FemPorn) ist schon länger ein Gesprächsthema, jedoch wurde es durch diverse Filme, Bücher, Filmfestivals und mehr medialer Aufmerksamkeit in letzter Zeit bedeutsamer als je zuvor. Doch was ist eigentlich feministische Pornografie? Dazu gibt es verschiedene Meinungen. Ingrid Mack beschreibt den Begriff wie folgt: “Geschmackvolle, lustvolle Szenen, in denen man nicht nur in Großaufnahme die Geschlechtsteile sieht. Dazu eine dezente Kameraführung, eine stilvolle Kulisse, eine dezente Handlung und freudvoller Sex.“ Der Filmproduzent, Patrick Catuz, fand ähnliche Worte wie die Besitzerin des ErotikShops für Frauen, jedoch argumentierte er ebenso, dass es gut sei den Begriff offen für Interpretation zu lassen, da auch Feminismus selbst kein konkretes Label umgehängt werden kann. Denn Feminismus kann ebenso wie Diversität sehr breit gestreut sein. Es geht nicht nur darum, dass Frauen sich eine bessere Stellung in der Gesellschaft erkämpfen, sondern auch, darum, dass man die üblichen Darstellungen von Gender, Alter, Sexualität, Ethnie, sozialer Klasse, Schönheit, Behinderung und Nicht-Behinder- ung sowie weiteren Identitätskomponenten infrage stellt. Catuz teilt die feministische Pornografie grob auf zwei Ebenen auf: „Die eine ist die Ebene der Produktion, also können Frauen die sogenannte Glasdecke durchbrechen, die in der Pornoindustrie sehr niedrig angesiedelt ist. Also dass Frauen nicht nur Darstellerinnen, Make-up-Artist sind, sondern auch die Rolle einer Regisseurin oder Produzentin einnehmen. Die andere Ebene ist die der Repräsentation, also wie der Film tatsächlich aussieht, wer handlungstragende Figur ist und ob die Figuren eigene Motivationen geltend machen können. Wie das dann tatsächlich ausgeformt ist, kann sehr unterschiedlich aussehen. Es kann also auch sein, dass Frauen diese sogenannte Glasdecke durchbrechen, die Filme aber inhaltlich nicht sehr feministisch aussehen, da auch Frauen oft die gleichen Klischees reproduzieren wie Männer.“

Entstehung von FemPorn Seinen Ursprung hat die feministische Pornografie in den 1970er-Jahren. Im Zuge der Anfänge der Feminist Sex Wars, eine theoretische Diskussion unter sexpositiven und radikalen Feministen*innen, hat man debattiert, ob und wie Pornografie aussehen sollte, ohne die Würde von Frauen zu verletzen. Es ist eine Diskussion, die bis heute andauert. Damals bildeten sich zwei Positionen, die anti-pornografischen und propornografischen Feminist*innen.

Die wohl bekannteste deutsche anti-pornografische Feministin im deutschsprachigen Raum ist Alice Schwarzer. Sie ist die Initiatorin der PorNO-Kampagne, welche das Ziel hatte, Pornografie zu verbieten, da es dem feministischen Bild der Frau nicht gerecht wird. Eine der bekanntesten anti-pornografischen Aktivist*innen aus den USA, Andrea Dworkin hat in ihrem Buch „Pornografie“ aus 1987 geschrieben: „Das Wort Pornografie bedeutet nicht über Sexualität schreiben oder Darstellung des Erotischen oder Darstellung nackter Körper oder irgendein anderer Euphemismus dieser Art. Es bedeutet die schriftliche und bildliche Darstellung von Frauen als wertlose Huren.“ Denn das Wort Pornografie kommt aus dem altgriechischen porne und graphos und bedeutet “über Huren schreiben“. Dworkin zufolge schadet die Pornografie den Frauen sowohl bei der Produktion als auch beim Konsum. Bei der Produktion, weil die Schauspielerinnen, die in den Videos auftreten, gedemütigt und als Objekte behandelt werden. Beim Konsum jedoch, weil die Pornokonsument*innen eine gewalttätige und frauenfeindliche Darstellung verinnerlichen. Jedoch gibt es auch repräsentative Gegenstimmen. Ein Beispiel dafür ist die Deutsche Laura Meritt, eine der Mitbegründer*innen der PorYes-Kampagne oder Erika Lust, welche innerhalb des Marktes der feministischen Pornografie viel Marktanteile einnimmt. Lust produziert mit ihrem 15-köpfigen überwiegend weiblichen Team Filme, die weder das weibliche noch das männliche Geschlecht stark in den Mittelpunkt stellen, sondern einfach Paare beim Sex zeigen. Patrick Catuz hat ebenso eine Zeit lang in dem Team von Erika Lust gearbeitet und auch seine Produktionen sind pro-pornografisch ausgerichtet.

Gesellschaftlicher Einfluss Es gibt immer mehr Unternehmen, die den Fokus auf frauenfreundliche Erotik setzen, womit sich ein neuer weiblicher Markt für eine sehr männerzentrierte Branche entwickelt. Ein Beispiel dafür ist das deutsche Unternehmen „Femtasy“, welche erotische Hörbücher speziell für Frauen produzieren oder ebenso ein junger deutscher Betrieb ist CHEEX, eine Plattform für ethische und fair produzierte erotische Filme und Audios. Doch auch lokal gibt es einige aufstrebende Anbieter*innen, die in Sache FemPorn mitreden können. Unter anderem „Liebenswert“ – ein Erotikfachgeschäft für Frauen und alle, die Frauen lieben. Das Wiener Geschäftslokal lädt mit alten Retro-Möbeln und geschmackvoller Deko ein, sich wie zu Hause zu fühlen. Die Besitzerin, Ingrid Mack erläutert ihr Geschäfts-

Thema Sind Feminismus und Pornografie Widerspruch?

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modell näher: „Wir laden alle Frauen ein in unser Erotikfachgeschäft zu gehen, auch wenn diese sonst Berührungsängste haben. Es sollte ein freudvolles Geschäft sein, in dem Frauen Lustartikel einkaufen können, ganz ungeniert und freudvoll.“ Möglich macht ein so offener Zugang jedoch nicht nur das Angebot von zahlreichen neuen Unternehmen, sondern auch ein Wandel in der Gesellschaft und mit diesem auch eine Veränderung in der kulturellen Darstellung. „Gerade `Fifty Shades of Grey´ hat vielen die „Erlaubnis“ gegeben, deren Neigungen zu benennen und auszuleben. Man gilt nicht mehr als „pervers“ wenn man seinen Fetisch auslebt“, schildert Mack. Inzwischen gibt es in fast jeder populären Serie oder Filmen auf Netflix, Amazon Prime und Co nackte Haut zu sehen. Gerade in Netflix Eigenproduktionen sind eine Vielfalt von Sexszenen unterschiedlichen Geschlechts und Alters zu sehen. Nach wie vor gilt Sex Sells, da Erotik die Aufmerksamkeit der Rezipient*innen phasisch aktiviert. Dies wird nicht nur in der Filmindustrie eingesetzt, um die Quoten zu steigern, sondern auch in der Werbung, um Augenmerk auf eine Marke zu richten. Dies führt im besten Fall zu mehr Offenheit in der Gesellschaft. Wenn es um den Akt der Liebe geht, jedoch kann es auch leicht zur Übersexualisierung kommen. Hier beginnt ein Mensch dann zu selektieren und im besten Fall fällt die Wahl dann auf eine Produktion, die kein Geschlecht diskriminiert. Filme und Literatur spielen aber auch in früheren Lebensphasen schon eine entscheidende Rolle. Wenn auch das persönliche Umfeld einen wichtigeren Einfluss auf die Entwicklung eines Menschen haben, so prägen speziell Kinderfilme nachhaltig, so Patrick Catuz. „Die Filme, mit denen man aufgewachsen ist, vermitteln oft sehr viel Blödsinn über Geschlechterrollen. Speziell die Disneyfilme. Viele Filme laufen nach dem gleichen Schema ab. Irgendein Rüpel spielt einen entscheidenden Charakter und wenn die Frau ihn nur genug liebt, dann wird er nett. Dieses Schema findet man selbst bei „Mulan“, wobei man annehmen sollte, dass sie doch eigentlich als emanzipierte Frau auftritt. Als Frau musst du nur lange genug glauben, dass ein Prinz in einem Mann steckt, egal wie schlecht er sich verhält, dann wird er einer. Das ist schon beim Froschkönig so, aber nicht nur hier.“ Jedoch wandelt sich das Bild, dass wir derzeit von Männern, als auch von Frauen haben immer mehr in eine positive Richtung. „Es gibt Untersuchung dazu, dass es bei den Generationen ab den 90er-Jahren relevanter ist, dass

Sind Feminismus und Pornografie Widerspruch?

Jungs oder Männer hübscher sein müssen. Früher war das Dating-Verhalten so, dass Männer sich schöne Frauen suchen, Frauen hingegen suchen sich Männer mit einem gewissen Status, mit einem guten Bildungsniveau, mit einem guten Job, das Aussehen war mehr oder weniger egal. Aber jetzt, wo Frauen schon länger selbst arbeiten und nicht mehr davon abhängig sind, dass der Mann gut verdient, haben sich die Ansprüche von Frauen verändert. Männer sollen plötzlich gut aussehen und ein gutes Benehmen mitbringen. „Frauen sind in der Wahl ihrer Partner anspruchsvoller geworden. Hoffentlich spiegelt sich diese Einstellungsänderung dann auch in Sache Sex nachhaltig wider“, erläutert Catuz. Bewegungen wie MeToo haben ihm zufolge nicht nur ein paar mächtige Männer zu Fall gebracht, sondern auch eine Veränderung in der Pornoindustrie eingeleitet. So haben große Porno-Plattformen ihren Algorithmus geändert und alle Begriffe rund um Forced Sex liefern inzwischen keine Ergebnisse mehr. „Das Konzept von feministischer Pornografie funktioniert auch weil Männer genauso Interesse daran haben andere Filme zu schauen. Es ist ja nicht nur so, dass Männer alle auf diese chauvinistische Version stehen und dass nur Frauen eine gerechte Welt haben möchten“, kommentiert Catuz. Neben den Plattformen ändert sich jedoch auch das Publikum in der Pornofilm-Szene. Porno-Filmfestivals sind nicht mehr nur eine Lack- und LederSzene, sondern ziehen mehr Menschen an, die die Neugierde verspüren etwas Neues auszuprobieren. Trotzdem merkt Catuz an: “Ich denke, dass wir überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit von den Medien bekommen, im Vergleich dazu, wie verhältnismäßig klein wir sind und wie viele Zuseher*innen es tatsächlich gibt. Jedoch ist es toll, dass man mit kontroversen Themen leicht Medienberichterstattung bekommt. Man kann dadurch Diskurse entfachen und dem Thema Platz schaffen, um darüber zu debattieren.“

Nachhaltigkeit und Zukunftsaussichten Es scheint, derzeit in eine positive Richtung zu gehen, was die Offenheit und Vielfalt von FemPorn-Produktionen angeht. Auf die Frage nach Hoffnungen für die Zukunft hat der Filmproduzent geantwortet: „Ich hoffe einfach, dass es noch ganz viel neue Visionen geben wird, wie Pornografie aussehen kann. Aber das wird sowieso immer mehr. Mit jedem Filmfestival, mit jeder Plattform die neu entsteht – man merkt, dass hier sehr oft schon die Grenzen verschwimmen.


Ich würde mir wünschen, dass diese künstliche Differenz zwischen den Pornofilmen und normalen Spielfilmen oder Serien vielleicht verschwimmt und es nicht mehr so einen abgetrennten Schattenbereich gibt. Es sollte Spielfilme geben, wo es auch authentische Sexszenen gibt und nicht nur eine Decke unter der sich etwas bewegt und auch Pornos, in denen es um mehr geht, als um den Akt selbst, sondern auch eine Geschichte erzählt wird, die sich anbahnt.“ Im Zuge dessen wünscht sich Catuz auch, dass weniger sexuelle Mythen in Filmen und Literatur aller Art weitergegeben werden, da dies wieder Steine in den Weg einer offenen Gesellschaft legt. Auch Ingrid Mack spricht ihre Wünsche für die Zukunft der Pornografie aus: „Es soll mehr „Pornografinnen“ geben, welche sexuelle Inhalte von Frau für Frau auf eine geschmackvolle Art und Weise aufbereiten.“ Allgemein ist der Wunsch da, dass diese Branche größer wird. Zurzeit ist es noch so, dass man innerhalb der FemPorn Szene schnell alle Akteur*innen kennt. Laura Sophie Maihoffer

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Indischer Thema Film ist so viel mehr

© Jakayla Toney / unsplash

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„Indischer Film ist so viel mehr als Bollywood“ – eine Reportage aus Stuttgart Wie beginnt man über eine Industrie zu schreiben, von der man hier in Europa so gut wie nichts weiß? Es geht um das Filmbusiness eines Landes, das nur etwa 6000 Kilometer Luftlinie entfernt von Wien ist und somit viel näher als das 9.800 Kilometer entfernte Los Angeles. Die Rede ist von Bollywood – das Mekka der indischen Filmbranche, eine in sich geschlossenen Millionenindustrie, die jährlich fast doppelt so viele Produktionen auf den Markt bringt wie Hollywood. SUMO hat versucht, Antworten zu finden und ist dafür bis nach Stuttgart zum Indischen Film Festival gereist. Die Recherche über Indiens Filmmarkt beginnt mit Zahlen, Daten und Grafiken rund um Hindi-Film und die Bedeutung der Industrie für die Volkswirtschaft. Was sofort auffällt: Es gibt erschreckend wenige Fakten – zumindest bei erster Sichtung. Auffindbar sind einige Statistiken zum Vergleich der Filmindustrie in den USA, China und Indien, als die drei größten Player weltweit. Bollywood produzierte 2017 mit 1986 Filmen doppelt so viele wie China (944) oder die USA (789). Es gibt einen sehr bekannten indischen Film, den man in westlichen Internetsphären sofort findet und der sogar mit acht Oscars ausgezeichnet wurde: „Gandhi“. Was mich aber wirklich interessiert: Wie vielfältig ist indischer Film? Gibt es dort noch etwas anderes außer pompös inszenierte Bollywood-Liebesgeschichten? Es handelt sich um eine Frage, die mir das Internet nicht direkt beantworten kann. Dennoch wollte ich tiefer in die Materie eintauchen. „Jetzt erst recht“, dachte ich mir zu Beginn des Sommers. Antworten auf meine Frage sollte ich Ende Juli in Deutschland finden, beim „Indischen Film Festival Stuttgart (IFFS)“. „Es geht um innere Stärke und Selbstverwirklichung“, erklärt mir der österreich-indische Regisseur Sandeep Kumar mit leuchtenden Augen beim Interview im Garten eines Stuttgarter Hotels. Es war nicht ganz einfach, einen Termin für dieses Gespräch zu finden. Der Regisseur aus Wien ist extra für die Deutschlandpremiere seines Films „Mehrunisa“ angereist. Dabei steckt er bereits in den Vorbereitungen für sein nächstes Projekt. „Wir drehen in 5 Tagen“, entschuldigt sich Kumar für das Terminchaos. Umso dankbarer bin ich, dass er sich noch Zeit für dieses Interview genommen hat, solange ich in Stuttgart bin. Es ist sein erstes Mal beim IFFS. Er wurde mit „Mehrunisa“ in der Kategorie „Bester Spielfilm“ nominiert: „Das ist eine große Ehre und es freut mich wirklich, hier zu sein.“

Ein Film, der mit den Normen Bollywoods bricht Sein Film erzählt von einer 80-jährigen Frau, die nach dem Tod ihres Mannes ihre Freiheit zurückerlangt. Anstatt zu trauern, feiert sie. Mit der Unterstützung ihrer Enkelin verfolgt Mehrunisa ihren Traum, einmal die Hauptrolle in einem Film zu spielen und lehnt sich so gegen das eingeschworene Patriarchat der Filmindustrie auf. Mehrunisa selbst wird von der Grand-Dame des indischen Films verkörpert: Farrukh Jaffar – in Indien eine Legende wie die österreichische Schauspielerin Erni Mangold hierzulande. Kumar betont: „Als ich das Drehbuch geschrieben habe, wusste ich: Wenn, dann nur mit ihr.“ „Mehrunisa“ ist die erste österreichische Produktion, die ausschließlich in Indien gedreht wurde. Die Vorbereitungen zum Dreh seien nicht einfach gewesen. Kumar ist nach Lakhnau, eine Stadt süd-östlich von Neu Delhi, zu Farrukh Jaffar geflogen, um sie für das Projekt zu gewinnen. „Ich kannte niemanden dort, doch nach Drehstart hat sich relativ schnell herumgesprochen, dass ein österreichisches Team einen Film über die Frauen von Lakhnau dreht.“ Die darauffolgende Unterstützung war enorm, schildert der Regisseur. Die Menschen wollten beim Projekt mit dabei sein und auch Farrukh Jaffar stand mit vollem Herzblut vor der Kamera. Die Schauspielerin wurde während des Drehs 88 Jahre alt. „Das ist in Indien wie 98, also ein sehr hohes Alter“, sagt Kumar. Mehrunisa war Farrukh Jaffars erste Hauptrolle in 50 Jahren Karriere im indischen Filmbusiness. „Was mich selbst überrascht, aber auch ärgert“, meint der Regisseur. Generell würde man Frauen in Bollywood ab 40 keine Hauptrollen mehr anbieten. „Das entspricht nicht dem Schönheitsideal der

Indischer Film ist so viel mehr als Bollywood

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ewigen Jugend. Ältere Frauen können dann nur mehr Mütter oder Tanten spielen.“ Dies lege vor allem an der Kommerzialisierung von großen Bollywoodfilmen. Bestimmte Faktoren wie Musik, Tanz, schöne Frauen und ein bekannter Held in der Geschichte seien Grundvoraussetzung, damit Investoren Filmprojekte fördern. „Mehrunisa“ prangert genau diese Vorgaben an. „In Indien wäre es mir nicht möglich gewesen, diesen Film zu produzieren“, erklärt der Filmemacher. Er baute auf die finanzielle Unterstützung Österreichs. Frei übersetzt bedeutet der Name der Hauptdarstellerin so viel wie: die Schönheit der Frau liegt in ihrer Stärke. Mehrunisa soll diese Stärke in ihrer Willenskraft ausdrücken. „So lange man lebt, hat man Wünsche und man sollte auch den Mut haben, diese zu verwirklichen“, sagt Kumar.

Engagement statt Entertainment und der Bezug zur Realität „Als der Film fertig war, wussten wir nicht, wo uns das Ganze nun hinführt. Wird der Film ankommen? Wie wird er auf das Publikum wirken?“ Weltpremiere feierte „Mehrunisa“ im Jänner 2021 auf dem Filmfestival in Goa (Indien). „Wir haben mit allem gerechnet, aber nicht mit Standing-Ovations – auch von Männern - am Ende der Vorführung“, so der Regisseur. Worauf freut er sich am meisten bei diesem Festival? „Auf die Reaktion des Publikums in Stuttgart.“ Für ihn sei Film nämlich nicht „Entertainment, Entertainment, Entertainment“ wie Vidya Balan es im indischen Kultfilm The Dirty Picture beschreibt. „Für mich ist guter Film eher Engagement, Engagement, Engagement.“ Man sollte Film nicht nur konsumieren, sondern auch etwas damit machen können. Im Idealfall regt das Thema zum Nachdenken an und führt eine Veränderung herbei, erklärt Kumar. „Mehrunisa“ handelt von Emanzipation, Stärke und Lebensträumen. „Ich wollte Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen zwischen dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Pflicht zeigen und so andere inspirieren.“ Zurück zum „Indischen Film Festival Stuttgart“: Am Spielplan für Samstagnachmittag steht die Dokumentation „Mumbai 40008“ von Santoshee Gulabkali Mishra. Die Regisseurin habe ich zufällig am Vortag beim Meet & Talk kennengelernt. „You have to come. You will like it“, appellierte sie an mich, damit ich zur Kinopremiere komme. Hauptberuflich arbeitet Gulabkali Mishra als Kriminaljournalistin in Mumbai. Gedreht wurde während des ersten Lockdowns 2020 in Kamathipura, dem ältesten Rotlichtviertel Mumbais. 7000 Sex-Arbeiterinnen kämpfen dort täglich ums Überleben - vor allem während der Pandemie. Die meisten von ihnen wären in die Prostitution gezwungen worden. Viele hätten keine andere Wahl gehabt, sich und ihre Familien zu ernähren. „Prostitution is legal in India but pimps (engl. Zuhälter) and human trafficking (engl. Menschenhandel) is not”, ist die Hauptaussage der Dokumentation. Die Regisseurin erklärt: „For me it was easier to talk to the women. I wanted to meet them with respect for my documentary.” Nachts allein mit ihrem Kameramann in einem der ärmsten Viertel Mumbais zu drehen, wäre die viel größere Herausforderung gewesen. „You need to know how to protect yourself and be prepared for certain situations.” Die Regisseurin spricht mit ihrer Dokumentation offen ein Tabuthema in der Gesellschaft an. Sie möchte Aufmerksamkeit und Bewusstsein für die Probleme schaffen, mit denen diese Frauen zu kämpfen haben. Frauen auf der ganzen Welt seien tagtäglich mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert und dennoch hätten sie die Stärke, diese zu lösen: „That is the real superpower of a woman.”

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Auch die vom IFFS ausgezeichnete Dokumentation „Writing with Fire“ handelt von mutigen Frauen in der indischen Gesellschaft. Mit dem einfachen Mittel der Wahrheit kämpfen couragierte Journalistinnen der niedrigsten Kaste in Khabar Lahariya gegen das männerdominierte soziale System, Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Um Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung geht es auch in der Netflix-Produktion „Skater Girl“ von Manjari Makijany. Als ich das erste Mal in den Spielplan des IFFs geschaut habe, wurde mir sehr schnell bewusst: Indischer Film ist vielfältiger, als ich gedacht habe. Die ernsten Themen, die am Festival angesprochen werden, haben rein gar nichts mit der beschwingten Leichtigkeit einer Bollywood-Romanze zu tun. So auch nicht Mehak Jamals Kurzfilm „Bad Egg“, der zum Publikumsliebling gewählt wurde. Es war der erste Film der Regisseurin, wie sie mir im Gespräch verrät. „I just wanted to do a movie and I wanted to show in how many different ways you can tell a story.” Sie bestätigt ebenfalls, dass Film für sie mehr als nur Entertainment ist. „For me it is about creating an experience for the people.” Durch ihr Studium hat Mehak Jamal ein breites Spektrum an Filmen und Genres kennengelernt. Aufgewachsen ist sie mit Bollywood und amerikanischen Klassikern wie „E.T. – Der Außerirdische“. Auf die Frage, wie schwierig es sei, sich als weibliche Filmemacherin in Indien zu etablieren, meint sie: „There are less fundings or institutions you could ask for support as a young film maker.“

Wahres Glück liegt in der Vielfalt Das „Indische Film Festival Stuttgart“ bezeichnet sich selbst als Arthouse Festival. Große Bollywood Produktionen werden bewusst außen vorgelassen. „Uns ist es wichtig, auch kleineren, gesellschaftskritischen Projekten, die in Indien zensiert werden, eine Bühne zu bieten“, erklärt Festivalleiter Oliver Mahn. „Indischer Film ist so viel mehr als Bollywood.“ Mit Begeisterung schildert er mir am Weg zum Stadtkino den vielfältigen Mix aus Spielfilmen, Dokumentationen und Kurzfilmen beim 19. IFFS. „Dieses Jahr haben wir viele Projekte, die Frauen ins Zentrum rücken. Es geht um Selbstverwirklichung, Unterdrückung und vielfach wird auch das Thema Sexualität aufgegriffen.“ Man spürt seine Begeisterung für indischen Film und wie er mit Herz bei der Sache ist. Auch für Sandeep Kumar ist Film eine Herzensangelegenheit, wie er mehrmals in unserem Interview betont. Die Vielfältigkeit von Frauen fasziniert den Regisseur. „Für meinen Film habe ich lange recherchiert und mit vielen Frauen gesprochen.“ Sie denken viel diverser und führen seit Jahrhunderten viel wichtigeren Tätigkeiten in der Gesellschaft aus, so Kumar. „Bei Frauen findet man viel mehr Schattierungen in der Persönlichkeit. Sie können auf jede Situation anderes reagieren.“ Männer dagegen seien viel primitiver in ihrem Handeln. Genau diese Beobachtung will Kumar auch in seinem Film zeigen und so die Wertschätzung für Frauen in Indiens Gesellschaft steigern. Einen Tag nach der Preisverleihung des „German Star of India“ erreiche ich den Regisseur noch einmal per Telefon, um ihn zu gratulieren. „Mehrunisa“ hat in der Kategorie „Bester Spielfilm“ gewonnen. Der Preis hat seinen Glauben in den Indischen Film gestärkt, erklärt er mir. „Wie Mehrunisa auch im Film sagt: Die Produzenten sollten nicht den Helden verkaufen, sondern die Geschichte.“ Mit Elan stürzt er sich nun in sein nächstes Projekt. Es soll um einen indischen Zeitungsverkäufer in Wien gehen, der auf der Suche nach seinem wahren Glück ist. „Denn jedes Lebewesen habe ein Recht darauf, glücklich zu sein.“


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Das diesjährige „Indische Film Festival Stuttgart“ war geprägt vom Mut zur Selbstbestimmung, von starken Frauen und Geschichten, die tief unter die Haut gehen, – so mein Resümee. Der Befund einer jungen Studentin, die zuvor nie etwas mit indischem Film zu tun hatte. Es braucht Herzblut, Wille und Mut, um seine Träume voranzutreiben. Das habe ich an diesem Wochenende gesehen. Und was mir sonst noch bewusst geworden ist: Indien, dieses exotische Land mit seiner fremden Kultur ist uns ähnlicher, als man glauben könnte – vor allem, was gesellschaftliche Probleme und Ungerechtigkeit betrifft. Auch im fortschrittlichen Europa sollte man den Mut aufbringen, Probleme anzusprechen und für Freiheit zu kämpfen.

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Ein Anschein von Freiheit – Zensur in Russland Europa am 24. Februar 2022, frühmorgens. Putin ordnet offiziell einen Militäreinsatz an — der Ukraine-Krieg beginnt. Erste Schüsse sind in Kiew zu hören, einige Stunden später folgen Aufnahmen aus den unter Beschuss geratenen Gebieten. Und die Welt sieht zu, nur Russland nicht. Sie fragen sich warum? Die Antwort ist das Ergebnis von politischem Totalitarismus und die damit einhergehende non-existente Pressefreiheit: Medienzensur. SUMO wollte erforschen, wo Diversität und Inklusion in Medien heute nicht gelebt werden kann und sprach dazu mit Historiker und stellvertretender Institutsvorstand am Institut für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien, Wolfgang Mueller, sowie mit der Referentin für Internetfreiheit bei „Reporter ohne Grenzen“ in Deutschland, Lisa Dittmer über die prekäre Situation in Russland.

Der Pressefreiheits-Index von „Reporter ohne Grenzen“ stuft die Lage in Russland im Jahr 2022 als „sehr ernst“ ein. Von Pressefreiheit existiert quasi keine Spur. Erschreckend. Jedenfalls für die jüngere Generation, die in einem modernen Russland aufgewachsen ist. Unter einem wirtschaftsliberalen, wenngleich gelenkten und zunehmend repressiven Regime, wo aber in Nischen kritische Gegenstimmen noch möglich waren. Auf der gegenüberliegenden Seite, die ältere Generation Russlands. Aufgewachsen in einer totalitären Kultur, die bis heute nicht richtig aufgearbeitet und abgelegt wurde. Für diese ist die derzeitig vorherrschende Zensur nichts Neues, was auf eine längere Medienentwicklung Russlands zurückzuführen ist.

Vom Ende der Pressefreiheit Die Medienkommunikation war in Russland, in den vergangenen 10-20 Jahren, von einem sehr starken Auseinanderdriften zweier Kommunikationsräume gekennzeichnet. Auf der einen Seite die staatseigenen und staatsnahen, regimekonformen Medien, die weiter ohne Einschränkung sehr positiv über Russland, über das Regime und die Regierung in Russland und zunehmend negativ über den Westen berichteten. „Auf der anderen Seite gab es Nischenprodukte, wie den Radiosender „Echo Moskvy“ (deutsch: Das Echo von Moskau) beispielsweise, einen sehr traditionsreichen und durchaus populären Moskauer Staatssender, oder auch den Internetfernsehkanal „Dozhd“ (deutsch: Regen), sowie im Pressebereich die „Nowaja Gaseta“ (deutsch: Neue Zeitung), die allerdings innerhalb Russlands noch weiterhin zugelassen gewesen waren und eine gewisse Öffentlichkeit von 20%-30% besser ausgebildeterer und jüngerer Konsument*innen im urbanen Bereich erreichten“, erzählt Wolfgang Mueller von der Universität Wien.

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Bereits in der ersten Amtszeit von Präsident Putin kam es zu ersten Einschränkungen, die primär große Fernsehanstalten betrafen. Diese wurden entweder unter staatliche Kontrolle gebracht oder unter jene von staatsnahen Konzernen, wie dem GazpromKonzern. „Durch Morde an Journalist*innen wie Anna Politkowskaja, die für die `Nowaja Gaseta´ gearbeitet hat, wurde versucht, ein Klima der Einschüchterung zu schaffen“, so Mueller. Die zweite Phase ist spätestens ab dem Jahr 2014 eingeleitet worden, und zwar mit dem Beginn der Aggression Russlands gegen die Ukraine. Schon seit dem Jahr 2004 kommt es zu einer negativen und zum Teil auch sehr aggressiven Berichterstattung über die Ukraine, was sich seit 2014 jedoch drastisch verschärft hat. Auch in dieser Epoche kam es zu starken Einschränkungen für die Kabel- und Internetsender, wie den Fernsehkanal „Dozhd“. Die letzte Phase ist schließlich im Februar 2022 eingeleitet worden, in der das neue Gesetz mit einer sehr starken Zensur verbunden ist. Weitere bisher noch vorhandene Nischensender sind nun geschlossen worden. Seit Beginn des Überfalls Russlands auf die Ukraine wurden zahlreiche Medien zensuriert. Weitere bisher noch vorhandene Nischensender sind nun geschlossen worden. Die Situation hat sich, ausgehend vom Zustand vergangenen Jahres, wo kritische Stimmen noch möglich waren, signifikant verschlechtert. Einerseits in Print-Medien, in geringer Auflage, andererseits im Radio und in Lokalmedien, sowie auch im Internet. Seit der Eskalation der Aggression Russlands gegen die Ukraine und dem großen Angriffskrieg kam es zu einer drastischen Reduzierung kritischer Berichterstattung, da auch diese Nischen in der Zwischenzeit praktisch völlig beseitigt worden sind. Der „Echo Moskvy“ wurde behördlich geschlossen. Auch der Fernsehkanal

„Dozhd“ ist in der Zwischenzeit, innerhalb Russlands, nicht mehr zu empfangen und hat dort seine Ausstrahlung eingestellt. Das russische Staatsfernsehen hingegen, sendet täglich und sorgt für propagandistische Berichterstattung, wie man sie von der damaligen kommunistischen Zeit kennt: „Im Staatsfernsehen können Sie täglich irgendwelche Talkshows sehen, in denen ein*e oder mehrere Teilnehmer*innen dazu auffordern, Kiew zu bombardieren und einzuäschern oder Mitgliedsstaaten der Europäischen Union anzugreifen oder überhaupt die westlichen Staaten für ihre Unterstützung und Solidarität mit der Ukraine zu bestrafen. Das ist mittlerweile Teil einer Kriegshetze, wie sie in den regimetreuen Medien stattfindet“, erzählt Mueller. Die kritischen Medien sind aus dem Land vertrieben worden und können mittlerweile nur mehr im Ausland arbeiten. Aufgrund der Zensur kommt es zusätzlich zu Eingriffen in die Terminologie, sodass beispielsweise die Begriffe „Krieg“ oder „Invasion“ für den Angriffskriegs Russlands nicht verwenden werden dürfen und bestraft werden. Wolfang Mueller vergleicht die heutige kommunikationspolitische Situation mit der des damaligen Kalten Krieges und meint: „Im Kalten Krieg war der kommunistische Machtbereich nach außen weitestgehend abgeschottet. Man konnte keine westlichen Medien empfangen, die westlichen Sender wurden mit Störsender entsprechend gestört, Internet gab es noch nicht. Somit hatten die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang praktisch wenig Möglichkeiten, sich frei zu informieren. Zu westlichen Nachrichtenquellen hatten sie kaum Zugriff gehabt, bis auf einige wenige Gebiete, wo westliche Sender empfangen werden konnten. Somit ist diese Trennung von den Informationsräumen sehr strikt. Man könnte sagen, es ist ein Eiserner Vorhang im informationspolitischen


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Bereich, im Medienbereich, den Russland hier aufgezogen hat.“ Auf internationaler Ebene kann man ebenfalls vom Auseinanderdriften verschiedener Kommunikationsräume sprechen. Durch die praktische Unmöglichkeit in Russland noch im großen Bereich kritische Informationen in den Massenmedien zu bekommen, ist Russland somit zwangsweise zu einem Informationsraum geworden. Gleichzeitig lassen sich von Russland geförderte, antiwestliche Sender, wie beispielsweise „Russia Today“, in den westlichen Medien teilweise nicht mehr empfangen, da sie aufgrund von Sanktionsmaßnahmen im medialen Bereich von den EU-Mitgliedsstaaten nicht mehr zugelassen sind. „Aufgrund der Zensur in Russland haben zahlreiche westliche Medien ihre Berichterstattung von dort vorläufig eingeschränkt oder gar beendet. Damit ist auch im internationalen Bereich das Auseinanderdriften der beiden Kommunikationsräume sehr weit gediehen, wenn nicht sogar völlig abgeschlossen“, so Mueller.

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Stillschweigen, um zu überleben

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Die damaligen mit Alexej Nawalny verbundenen Proteste, im Jahr 2011, stellen einen ausschlaggebenden Indikator für die Verschärfung von Medienzensur in Russland dar. Die unabhängige Berichterstattung über Antiregimedemonstrationen wurde von der russischen Regierung mit Widerstand gleichgestellt. „Von Protesten in Moskau zum Beispiel zu berichten, führte schon dazu, dass man als Journalist*in gleich direkt mit den Demonstrant*innen in die Arrestzelle wanderte, sodass das nicht als unabhängige Medienarbeit gesehen wird, sondern als Unterstützung und Verbreitung und man verurteilt werden kann dafür, dass man dazu aufruft, daran teilzunehmen“, so Lisa Dittmer von „Reporter ohne Grenzen“. Die klassische Kriegsberichterstattung, so wie wir sie heute kennen und erwarten, wird in Russland derzeit mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft. Unter Putin sind bis dato mehr als 35 Journalist*innen, aufgrund ihrer Arbeit, ermordet worden, wobei diese Morde größtenteils noch nicht aufgeklärt wurden. Wer in Russland als unabhängige*r Journalist*in tätig ist, oder es wagt zu widersprechen, wird anhand des sogenannten „Gesetzes über ausländische Agenten“ diskreditiert und als Person, die nicht im russischen Interesse arbeitet, auf eine Liste gesetzt. Dittmer erzählt: „Man muss dann über jede Ausgabe, die man tätigt, Buch führen und das dem Staat irgendwo offenlegen. Also ob ich einkaufen gehe oder für den Job einen Computer anschaffe, alles wird offengelegt“. Die großen Medienhäuser wurden mittlerweile vollständig aus dem russischen Netz verbannt und sind nur mehr via VPN abrufbar. Dort angestellte Journalist*innen suchen teilweise Sicherheit im Ausland und versuchen von dort aus ein Mindestmaß an unabhängiger Berichterstattung zu gewährleisten. Weiters erzählt Dittmer: „Wir sprechen mittlerweile schon über um die 100 Journalist*innen, die uns als „Reporter ohne Grenzen“ kontaktiert und gesagt haben, wir wollen das Land verlassen. Auch wir versuchen jetzt Menschen im Exil zu unterstützen, also konkret mal erste Hilfsgelder zu leisten, Journalist*innen dabei zu helfen, eine neue Heimat zu finden und da die entsprechende Infrastruktur zu kriegen. Wir tun da gerade unseren kleinen Teil mit unserem JXFund, also einem neugegründeten Exiljournalismus-Fond, mit dem wir sofort Gelder bereitstellen. Aber die Frage ist, werden das Exilmedien? Müssen die für die nächsten 20 Jahre dann aus dem Exil weiter versuchen ein Heimatpublikum zu erreichen oder wird es irgendwann mal die Möglichkeit geben wieder zurückkehren, ohne strafverfolgt zu werden?“. Ein erfolgreiches russisches Exilmedium, das bereits seit 2014 aus Riga berichtet, ist die Online-Tageszeitung „Medusa“, die eine derzeitig tägliche Zugriffsrate von 10-15 Millionen Klicks hat, aus Russland jedoch seit der akuten Invasion auf die Ukraine nur via VPN zu erreichen ist. Es trifft allerdings auch die kleinen Medien stark, wie das Studentenmagazin „Doxa“ beispielsweise, über das Dittmer berichtet: „Da wurden vier Vertreter*innen nur dafür, dass sie ein Video geteilt haben zu Strafzahlungen und weiteren Einschränkungen verurteilt. Also das steht jeder Form von Pressefreiheit entgegen“. Es kam auch zu zahlreichen Verhaftungen von Lokalredakteur*innen, weil sie einzelne Videos geteilt und nur andeutungsweise über den Krieg berichteten. Die Angst, die derzeit unter den tätigen, russischen Journalist*innen herrscht, ist demnach groß. Viele Quellen haben Angst sich zu äußern, ob auf mündlicher oder


digitaler Ebene. Vor allem in den digitalen Kommunikationsmitteln herrscht Ungewissheit darüber, ob diese überwacht werden, sodass es irgendwann gegen einen verwendet werden könnte. „Unklarheit ist selbst unter Journalist*innen ein großer Faktor“, so Dittmer.

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Mit Blick auf Russlands mediale Zukunft Eine realistische Chance auf Verbesserung ist aus Sicht der Expert*innen derzeit kaum denkbar. Solange der UkraineKrieg andauert, ist die staatliche Medienzensur erforderlich, um eine kritische Berichterstattung über den Krieg zu behindern. „Je mehr Gräueltaten verborgen werden müssen, desto eher muss man einschränken, welche Informationen auch durchdringen“, sagt Lisa Dittmer. Auch bei Beendung der akuten Invasion wird es für den Kreml von großer Bedeutung sein, den öffentlichen Diskurs darüber zu verhindern. Wolfgang Mueller meint: „Weil sonst würden die Fragen gestellt werden: Warum ist überhaupt dieser Krieg vom Zaun gebrochen worden? Stimmen denn diese Argumente, die der Kreml genannt hat überhaupt? Wie viele Kosten, wie viele Verluste hat dieser Krieg der Ukraine gebracht? Wie viele Verluste hat er auch für Russland gebracht? Wie viele Männer sind in diesen Krieg geschickt worden und dort ums Leben gekommen, für nichts eigentlich, für einen Aggressionskrieg gegen ein friedliches Land?“ Im Hinblick auf ins Exil geflohene Journalist*innen, sieht man auf kurzfristiger Sicht auch keine ausschlaggebenden Veränderungen. Ob und wann der Krieg vorbeigeht und wie Russlands Medienlandschaft in den nächsten 20 Jahren ihre Entwicklung nehmen wird, ist ungewiss. Was bleibt, ist die Hoffnung auf ein freies und modernes Russland, in dem unabhängige, kritische Berichterstattung als wertschätzendes Gut angenommen und gelebt wird. Magdalena Kanev

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Unabhängige, regimekritische Berichterstattung ist in Russland derzeit strafbar und somit auch non-existent. Das Recht auf Rezipieren steht den russischen Einwohner*innen allerdings noch zu und insoweit es ihnen im Internet möglich ist, beanspruchen sie es auch. Man kann allerdings von einer starken Tendenz zur jüngeren Generation sprechen, die vermehrt Wert auf unabhängige Berichterstattung legt und sich somit auch mit den Themen VPN oder Tor Browser auseinandersetzt. All jene, die technisch nicht so versiert sind, beziehungsweise keine VPN benutzen, rezipieren ihre Informationen aus den, nach wie vor, verfügbaren sozialen Medien „Telegram“ und „YouTube“, die für viele Russ*innen in dieser Zeit als wichtigste Nachrichtenquellen gelten. „Dass `YouTube` für den Moment noch freigegeben ist, wo noch viele Desidentenstimmen zu finden sind, worüber unabhängige Journalist*innen versuchen ihre Medienberichte zu verbreiten, das ist so ein Zeichen, dass es eben noch nicht komplett gekippt ist, dass man auch so ein Mindestmaß erhalten muss, so einen Anschein von Freiheit. Aber es kippt immer weiter und ich wäre nicht überrascht, wenn diese letzten Fenster zur Außenwelt sozusagen Stück für Stück den Menschen genommen werden“, meint Dittmer. Dennoch ist die Gefahr hinsichtlich der Verbreitung von Falschinformation, vor allem in Kriegszeiten, äußerst hoch. Weiters sagt sie: „Das sind schon die Herausforderungen dieser Dienste, die keine journalistische Einordnung erfahren, wo alles koexistiert, die Desinformation, die bewusst verbreitete Falschinformation genauso wie die unbewusst verbreitete Falschinformation, neben qualitativ, vertrauenswürdigen Medieninhalten.“ Es wird auch ein Trend der jungen Generation festgestellt, der auf eine intensive Kriegsberichterstattung auf „TikTok“ hindeutet. Ukrainische Nutzer*innen teilen beispielsweise Videos aus dem Luftschutzbunker oder starten Liveübertragungen während der Flucht aus ihrem Dorf. Einerseits stellt dies einen Zugang zu Quellen dar, andererseits liegt auch hier eine große Gefahr darin, ob es sich bei den hochgeladenen Videos tatsächlich um Aufnahmen von diesem Krieg handelt oder diese Beiträge schlichtweg aus dem Kontext gerissen wurden. Die Nutzung von digitalen Medien wurde bislang vom Staat nicht verfolgt und stellt allein daher kein Risiko dar. Für die Rezipient*innen wird es erst dann gefährlich, wenn sie sich öffentlich regimefeindlich äußern, indem sie beispielsweise den verurteilten Journalist*innen ihre Sympathie und Mitgefühl kundgeben. Dittmer meint: „Es wurde berichtet, dass Lehrer*innen, die es wagen, offen vor ihren Schüler*innen ihre Meinung zu äußern, mit Repression rechnen müssen, dass sie aus ihrem Job geschmissen werden, dass sie vielleicht auch mit Strafverfolgung rechnen müssen. Das ist wahnsinnig gefährlich geworden.“ Viele Russ*innen zeigen sich den Journalist*innen gegenüber trotzdem dankbar und solidarisch, was das Risiko der unabhängigen Berichterstattung anbelangt, welches sie täglich auf sich nehmen. Jedoch existiert ein erheblicher Teil der russischen Gesellschaft, der bewusst das russische Staatsfernsehen konsumiert und, fern von jeder Art der Medienpluralität, der Staatspropaganda Glauben schenkt und demnach denkt, vollkommen aufgeklärt zu sein. Mueller meint, dass „die Masse der Bevölkerung im nicht-urbanen Bereich, auch im weniger formal hoch gebildeten

Bereich, und auch eher die älteren Generationen, ihre Information vorwiegend aus dem Fernsehen beziehen, und das ist zu 100% vom Staat kontrolliert und auch mit der entsprechenden Information und Propaganda versehen“.

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Team

Mavie Berghofer

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Julian Landl // Bildredaktion

Das Team der 39. Ausgabe bedankt sich bei seinen Leser*innen. Großer Dank gilt auch dem Team der Creative Summer School des MasterStudiengangs Digital Design für die Implementierung von Augmented Reality (AR) Elementen. Workshop-Leitung Schlager Alexander Mayrwöger Stefanie AR Cover Jungmayr Lisa Wilfing Peter Fritz Franziska AR Barrierefreiheit (S. 14) Silas Nowak Julius Förster AR Obdachlosigkeit (S. 26) Limo Nathalia Wludarz Sylvia Sparrer Chiara AR Feminismus (S. 32) Vrazdil Kristina Hruska Michelle Schörg Melanie Weitere Artikel zum Thema Diversität in Medien unter www.sumomag.at

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// Unternehmenskommunikation

Thema

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// Online-Redaktion

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Sophie Wagner

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Fabian Lahninger

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Jetzt Eine gute informieren: Ausbildung fhstp.ac.at zeigt mir, was noch getan werden muss.

Wissen, was morgen zählt.

Linus Duschl Student Medienmanagment

Bachelor und Master in 9 Themenbereichen Medien • Informatik • Security • Digitale • Technologien • Bahntechnologie Marlene Platzer Absolventin Diätologie

Kommunikation Management Gesundheit Soziales © Peter Rauchecker

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