Sumo Ausgabe 30

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Fachmagazin des Bachelor Studiengangs Medienmanagement der FH St. Pölten

Medien und Terror

» JournalistInnen als Zielscheibe » Visualisierung von Terror » Problematik der Live-Berichte

Ausgabe 30 - März 2018-


St. Pölten University of Applied Sciences

Jetzt informiere n!

fhstp.ac.a

© Martin Lifka Photography

t/bmm

Bachelorstudium Medienmanagement Radio / TV / Print / Online Schwerpunkte:  Content Management  Marketing und Sales  Strategisches Management

fhstp.ac.at/bmm 2

Thema

medien & wirtschaft


Inhalt » Wenn JournalistInnen zur Zielscheibe werden

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» Definitionsproblem Terror

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» Der Umgang mit der Visualisierung von Terror

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» Live-Berichte: Was sagt die Polizei?

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» Dörfliche Kommunikation über Terror

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» Die Inszenierung des Terrors in österreichischen Tageszeitungen

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» Hashtags und der Journalismus

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» Terror auf der Leinwand

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» Bomben auf die Kunstfreiheit

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» Radikalisierung 2.0 - Extremismus in modernen Medien

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Editorial Liebe Leserin, lieber Leser! Für MedienrezipientInnen hat es den Anschein, dass noch nie so viele Terroranschläge verübt wurden wie heute. An diesem Eindruck lässt sich ablesen: Terrorakte sind auch Kommunikationsakte. Die Macht des Terrorismus funktioniert wie Propaganda und die Opfer sind Werkzeuge dieser mörderischen Propaganda. Medien sind dabei – bisweilen wechselseitig abhängige – Kanäle und zu den Wirkungen gehören etwa Panik, aber auch Solidarität, Repression, mitunter Kriege. Medienschaffende unterliegen hier einer besonderen berufsethischen Verantwortung, und: schlussendlich gilt es auch, dass RezipientInnen dieses erhöhte Augenmerk und sauberen Journalismus akzeptieren. SUMO hat sich daher des Spannungsfeldes Medien und Terrorismus angenommen, u.a. zu folgenden Themen: die mediale Definitionsmacht in puncto Terrorist/ in, die heikle Berichterstattung bzw. Visualisierung von Anschlägen, die Verarbeitung von Terror in Spielfilmen, JournalistInnen als Terroropfer, die Kommunikation des IS, u.v.m. Wir bieten Ihnen als unseren Zielgruppen – Führungskräfte aller Mediengattungen, Lehrende und Studierende der FH St. Pölten, SchülerInnen Berufsund Allgemeinbildender Höherer Schulen mit Medienschwerpunkt – mehrere Vorteile: zu virulenten Themen der Medienbranche forschende, ExpertInnen

interviewende Studierende, Vernetzung zwischen Jungen & Jungbleibenden. SUMO hat die Funktion einer Visitenkarte für unsere Ausbildung des Führungskräfte-Nachwuchses für Medienunternehmen, andererseits ermöglicht es den Studierenden eine Referenzierung auf deren im Studienrahmen erstellte Medienproduktionen. Sie halten nach einer 10-jährigen Publikationsgeschichte die 30. Jubiläumsausgabe in Händen: Das Re-Design entwickelte Christin Güldner, Studentin des Masterstudiengangs Digitale Medientechnologien – ein herzliches Dankeschön, auch für die weitere Studiengänge übergreifende Kooperation (siehe S. 17). Ad multos annos wünschen wir Ihnen und uns!

FH-Prof. Mag. Ewald Volk

FH-Prof. Mag. Roland Steiner

Studiengangsleiter Bachelor

Praxislaborleiter Print

Medienmanagement

Chefredakteur SUMO

Cover: Quelle: pixabay

Inhalt und Editorial

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Wenn JournalistInnen zur Zielscheibe werden Das Ausmaß an Gewalt gegenüber JournalistInnen scheint Jahr für Jahr größere Dimensionen anzunehmen. Im Gespräch mit SUMO erzählt Moderatorin Arabella Kiesbauer wie es ist, Opfer zu sein und Medienrechtsanwalt Franz Galla davon, wie man sich zur Wehr setzen kann. Regelmäßig entnimmt man den Nachrichten, dass JournalistInnen Ziel terroristischer und gewalttätiger Attacken sind. Nicht zuletzt durch den Angriff auf die maltesische Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia, die im Oktober 2017 durch eine Autobombe getötet wurde, wird deutlich, welchen Gefahren JournalistInnen weltweit ausgesetzt sind.

Das Committee to Protect Journalists führt seit 1992 Aufzeichnungen über Attacken auf JournalistInnen und liefert u.a. Hintergründe dazu, welcher Organisation die Opfer angehörten, ob die Opfer bedroht oder gefoltert wurden und ob z.B. kriminelle Gruppierungen, das Militär oder ein Mob für die Angriffe verantwortlich waren. Auf diese Art und Weise konnten in den letzten 15 Jah-

Quelle: pixabay

Bewusstsein schaffen als Aufgabe Um auf diese Problematik aufmerksam zu machen, widmen sich verschiedene Organisationen dem Schutz der JournalistInnen. Im Jahr 2017 wurden beispielsweise beim Council of Europe, das u.a. mit Reporter ohne Grenzen und dem International Press Institute zusammenarbeitet, 125 Anzeigen eingebracht, die die Verletzung der Medienfreiheit dokumentieren. Es wer-

den hierbei nicht nur Fälle von JournalistInnen veröffentlicht, die durch Zensur oder Gesetze in ihrer Arbeit eingeschränkt wurden, sondern auch Drohungen erhielten, unrechtmäßig verhaftet, attackiert und sogar getötet wurden. So werden tatsächlich geprüfte Daten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und laufend ergänzt, um eine Chronologie der Ereignisse vermitteln zu können.

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Wenn JournalistInnen zur Zielscheibe werden


ren 1.266 Fälle dokumentierter Gewalt gegen JournalistInnen gesammelt und veröffentlicht werden. Laut des italienischen Watchblogs „O2“ wurden in Italien in den Jahren 1960 bis 2013 26 italienische JournalistInnen von TerroristInnen oder der Mafia ermordet und von 2006 bis 2013 rund 1.400 bedroht. Die Gefahr und das Risiko des Berufs sind dort immanent. Drohungen auf der Tagesdrohung Auch Arabella Kiesbauer, in Wien lebende österreichische Fernsehmoderatorin (u.a. Talkshow „Arabella“ auf „ProSieben“ von 1994 bis 2004), ist sich des Risikos ihres Berufs durchaus bewusst. Bereits nach ihrer ersten Sendung erhielt sie erste Hassnachrichten von ZuseherInnen: „Ganz am Anfang war ich eher verwundert, weil ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte. Ich bin gleich in die Defensive gegangen und habe mich dazu entschlossen, das in einer der nächsten Sendungen zum Thema zu machen.“ Trotz ihrer starken und mutigen Haltung gegenüber Drohungen und Hassbotschaften blieb auch sie nicht von gravierenden Erlebnissen verschont: Im Juni 1995 explodierte eine an Kiesbauer adressierte Briefbombe in den Händen ihrer Mitarbeiterin in der Redaktion des TV-Senders „ProSieben“ in München – Absender war der österreichische Terrorist Franz Fuchs. Die rassistisch motivierten Bombenanschläge und Morde Fuchs’ forderten viele Opfer, unter anderem wurden vier Roma getötet, der damalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk und die Flüchtlingshelferin Ute Bock schwer verletzt. Der Anschlag auf ihre Person hatte für Kiesbauer nicht nur private, sondern auch berufliche Konsequenzen. Neben den starken und langwierigen Schutzvorkehrungen rund um ihre Person und den Sender musste sie sich die Frage stellen, ob ihre Arbeit das Risiko verletzt zu werden wert ist und ob sie weiterhin in der Öffentlichkeit stehen möchte. „Manche der Fragen konnte ich für mich mit ,Ja’ beantworten, aber ich habe gemerkt, ich muss aus der Opferrolle heraustreten und selber in die Offensive gehen – so habe ich angefangen, mich selbst gegen Rassismus zu engagieren.“ Tatort Internet Die OSZE, deren Ziel es ist, die Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zu fördern, kritisiert die steigende Gewalt gegenüber JournalistInnen, die vor allem online in den letzten Jahren zugenommen hat. Dass Medienschaf-

fende auch im Netz attackiert werden, ist längst Normalität: Laut einer Studie der US-amerikanischen Organisation „Working to Halt Online Abuse“ waren im Zeitraum 2000 bis 2012 rund 73 Prozent der Gewalt gegen JournalistInnen online an Frauen gerichtet. Angriffe gegen Journalistinnen stellen insofern eine Verletzung der Pressefreiheit dar, da sie häufig sexueller Natur sind. Diese untergriffigen Attacken können sich negativ auf die wahrgenommene Glaubwürdigkeit auswirken, was u.a. in Selbstzensur resultiert. Weiters liegt die Gefahr darin, dass sobald Inhalte online sind, sie für immer online sein werden – was ein Vergessen für die Betroffenen unmöglich macht. Um sich gegen diese Form der Gewalt zu wehren, empfiehlt die OSZE, dass Medienunternehmen eine Unternehmenskultur schaffen sollen, in der alle Geschlechter gleich sind und eine Null-Toleranz-Politik für Bedrohungen oder Attacken gegenüber den MitarbeiterInnen herrscht. Zusätzlich soll mehr mit Organisationen zusammengearbeitet werden, die sich dem Schutz, Training und Mentoring von Journalistinnen verschrieben haben, um ein Bewusstsein für die Problematik in der Medienlandschaft zu schaffen. Hass im Netz ist kein Kavaliersdelikt Auch rechtlich stehen betroffenen JournalistInnen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, um gegen Attacken vorzugehen. So können auf dem zivilrechtlichen Weg u.a. eine einstweilige Verfügung beantragt und auf dem strafrechtlichen Weg ein Beschlagnahmeantrag gestellt werden. Welchen Weg Betroffene einschlagen, hängt vom Tatbestand ab: Bei einer falschen Tatsachenbehauptung oder

Medienrechtsanwalt Franz Galla. Quelle: Stefan Olah

einem überschießenden Meinungsurteil kann eine einstweilige Verfügung gegebenenfalls sehr rasch erlassen werden. „Mit dieser einstweiligen Verfügung muss der Diensteanbieter, also z. B. ,Facebook’, das Posting sofort vom Netz nehmen, weil er sonst Strafe zahlen muss“, so Franz Galla, Medienrechtsanwalt in Wien. Dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist, wird vor allem beim Strafausmaß deutlich: Straftaten online werden stärker bestraft, da sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich sind. Trotz allem wird die steigende Gewalt im Netz zu wenig verfolgt, laut Galla hat dies folgende Gründe: Die wenigstens wissen um ihre Rechte Bescheid, um gegen Kriminalität im Netz vorzugehen. Weiters fehlen oft die Kenntnisse rund um die Rechtsdurchsetzungsmöglichkeiten. So können Betroffene auf strafrechtlichem oder zivilrechtlichem Weg vorgehen, wobei der strafrechtliche Weg meist vom Aktivwerden der Staatsanwaltschaft abhängt und der zivilrechtliche Weg häufig kostenintensiv ist, wodurch die Betroffenen ein gewisses Prozesskostenrisiko mittragen müssen. Auch die Gesetzgebung muss sich an die neuen Umstände besser anpassen, so sollte die Vorschrift geschaffen werden, Redaktionsteams für Plattformen wie „Facebook“, „Twitter“ etc. einzuführen, die die Postings auf anstößige Inhalte kontrollieren und gegebenenfalls Maßnahmen einleiten. Weitere Forderungen von Rechtsexperten an die Politik sind beispielsweise Regelungen, wo Diensteanbieter per Gesetz dazu gezwungen werden, die IP-Adressen der TäterInnen herauszugeben, um ein Vorgehen gegen diese zu vereinfachen. Zusätzlich soll die Verfahrenshilfe auf Cyber-Crime-Fälle ausgedehnt werden, wodurch Opfern eine kostenlose juristische Prozessbegleitung zustehen würde. Das Risiko bleibt Obwohl die Möglichkeiten zum Schutz der JournalistInnen bereits vielfältig sind und sich immer mehr Menschen der Gefahr bewusstwerden, der sich JournalistInnen aussetzen, bleibt immer ein gewisses Restrisiko, das nicht unterschätzt werden darf. Kiesbauer rät ihren KollegInnen achtsam zu sein: „Man muss ein wachsames Auge haben, wenn man weiß, dass man zu den potentiell gefährdeten Personen gehört. Ein wachsames Auge haben auf die, die auf einen reagieren.“ von Johanna Schinnerl

Wenn JournalistInnen zur Zielscheibe werden

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REPORTER OHNE GRENZEN FÜR MEINUNGSFREIHEIT

Unzählige JournalistInnen werden aufgrund ihrer Arbeit bedroht, verhaftet, attackiert und getötet.

STATISTIKEN AUS DEM JAHR 2017

DIE GEFÄHRLICHSTEN LÄNDER

WELTWEIT

ANZAHL DER TODESOPFER

WURDEN 326 Journalisten verhaftet 65 Journalisten getötet 54 Journalisten als Geisel genommen 2 Journalisten vermisst 39 davon wurden gezielt ermordet. 26 davon starben bei Einsätzen.

RANKING IM WELT-PRESSE-FREIHEITS-INDEX

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NORWEGEN Platz 1 / 180

TOP 10 1. Norwegen 2. Schweden 3. Finnland 4. Dänemark 5. Niederlande 6. Costa Rica 7. Schweiz 8. Jamaica 9. Belgien 10. Island

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Wenn JournalistInnen zur Zielscheibe werden

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UNITED STATES Platz 43 / 180

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ÖSTERREICH Platz 11 / 180

NORDKOREA Platz 180 / 180

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Definitionsproblem Terror Der Begriff Terror ist mit starken Emotionen behaftet. Protest-Hashtags, Leserbriefe und Forendiskussionen machen deutlich, dass seitens der MedienrezipientInnen Unklarheit in puncto seiner Definition herrscht. SUMO interviewte dazu Markus Rheindorf, Sprachwissenschaftler und (Medien-)Diskursanalytiker an der Uni Wien, und Walter Hämmerle, stellvertretender Chefredakteur der „Wiener Zeitung“.

Auf die Frage hin, ab wann ein Ziel zu persönlich ist, um als terroristisch eingestuft zu werden, erwidert er: „Da braucht es haltbare Unterscheidungen. Auch ein politisches oder religiöses Ziel kann sehr persönlich sein. Wenn wir den Begriff ,persönlich‘ so definieren, dass es nur meine Lebenswelt betrifft, dann kann man nicht von Terrorismus sprechen.“ Was den Grad der Organisation eines terroristischen Verbrechens betrifft, sei der Vorsatz auf jeden Fall unerlässlich. Ein Terrorakt könne unter keinen Umständen zufällig oder fahrlässig geschehen. Eine langfristige Planung sei dennoch nicht mehr zwangsläufig vorauszusetzen: „Dem widerspricht das Modell des LKW/ PKW-Attentats, das zu populär und zu mächtig geworden ist. Früher wurde ein solches Verbrechen bestimmt akribischer geplant, aber der Anspruch hat sich mit Anschlägen dieser Art ziemlich aufgelöst.“

Juristisch wäre man sicherlich auf Indizien wie Kommunikation mit anderen über die geplante Tat angewiesen. Man könne den Plan nicht unmittelbar mit dem Kauf der Tatwaffe oder beispielsweise dem Stehlen des PKWs in Verbindung bringen, da beide Aktionen zeitlich weit entfernt vom tatsächlich durchgeführten Gewaltakt liegen können. Der Grad der Organisation lässt sich in weiterer Folge an Vernetzungen der Täter zu einer Gesinnungsgemeinschaft festmachen. Dabei gibt es oft unklare Verbindungen, die im Zuge der Ermittlungen erst aufgeklärt werden müssen, sehr deutliche Verbindungen oder Extremfälle wie den sogenannten Islamischen Staat. Bei dieser überdeutlichen Verbindung bekennt sich die Organisation bewusst zu ihren Verbrechen – und macht sich, wie oft vermutet, auch andere Gewaltverbrechen zu eigen. Gemeinsam mit anderen wird der Terror in Camps trainiert, der Terrorist ist also „eingebettet in ein Netzwerk, das nicht nur ideologisch, sondern auch finanziell, materiell und personell organisiert ist.“ Bei unklaren Verbindungen oder vermeintlichen EinzeltäterInnen sprechen Medien daher oft von Amoklauf. Gerade bei der Unterscheidung Amoklauf versus Terror kommt es zu Gegenwellen in sozialen Netzwerken. Nach ersten Befunden des Anschlags in Las Vegas berichteten viele Medien von Amoklauf und wurden dafür seitens kritischer RezipientInnen mit dem Hashtag #WhitePrivilege beanstandet. Demnach verhänge man bei weißen, männlichen Einzeltätern oftmals das Urteil der Unzurechnungsfähigkeit – ein wichtiges Kriterium für den Amoklauf – und sei geneigt, bei Menschen mit Migrationshintergrund oder muslimischer Religionsangehörigkeit schneller von Terror zu berichten. Ist diese Kritik gerechtfertigt oder gibt es ein weiteres Unterscheidungskriterium zwischen den Tatbeständen, nach dem Medien gemeinhin operieren?

Quelle: Quelle:jordanbower.com flickr jordanbower.com

Der Duden definiert Terror gemeinhin als „Verbreitung von Angst durch Gewaltanwendung an Personengruppen“, Terrorismus wiederum inkludiert das „Durchsetzen bestimmter Ziele“ durch Anwendung von Terror. Für Rheindorf ist das zu weit gefasst: „Diese Definition gilt im Grunde für jede Gewaltandrohung, theoretisch auch für einen Raubüberfall. Sie weicht von dem ab, was die Terrorismusforschung meint.“ Seine Definition von Terror berücksichtigt die Spezifizierung der Opfergruppe. Dabei sei zu beachten, dass der Terror nicht nur die unmittelbar vom verübten Gewaltakt Betroffenen einschließt. Terror operiert vor allem mit der Angst der Möglichkeit, dass künftig andere Mitglieder dieser bedrohten Gruppe davon betroffen sein könnten. Um die Begriffsdefinition enger zu fassen, seien daneben auch die Ziele und der Grad der Organisation bei terroristischen Verbrechen zu untersuchen, um sie von anderen Gewaltverbrechen unterscheiden zu können. „Ein terroristisches Ziel kann auch sehr diffus oder weitläufig sein, zum Beispiel die Destabilisierung des Staates. Es muss aber in jedem Fall artikuliert sein,“ so Rheindorf.

Laut Rheindorf schon: „In der Mediensprache ist Amoklauf an sich kein scharf

Definitionsproblem Terror

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abgegrenzter Tatbestand. Daher macht es juristisch wenig Unterschied, wie das Verbrechen letztendlich bezeichnet wird. Der Amoklauf ist ein Kontrollverlust, ein sogenannter emotionaler Ausnahmezustand. Er geht oftmals einher mit der Akzeptanz des eigenen Todes“ – was durchaus eine Parallele zu Selbstmordattentätern aufweist – „jedoch scheint mir das härteste Unterscheidungskriterium das Fehlen eines höheren Ziels zu sein. Ein Amokläufer agiert nicht mit der Motivation die Gesellschaft in irgendeiner Form zu verändern.“

Phänomen nennt man Priming. Wenn über einen langen Zeitraum zwei Themen immer wieder miteinander verknüpft werden, sodass nur die Nennung eines der beiden Phänomene Gedanken an das andere mitauslöst, dann hat man sein Publikum erfolgreich ‚geprimed“. Dabei müsse der Zusammenhang zwischen den Themen niemals ausdiskutiert werden. Als Beispiel für ein Priming-Phänomen nennt Rheindorf den Begriff der „Integrationsunwilligkeit“ im Zusammenhang mit den Anschlägen auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris.

Medien und Terror Eine größere Debatte ist für ihn der mediale Umgang mit Terror. Dabei gilt es kritisch zu bleiben und zu beobachten, „wie schnell diese Zuschreibungen passieren und auf welcher Grundlage sie basieren.“ Werden sie angedeutet oder direkt formuliert? Genügt im entsprechenden Medium nur noch die Nennung der Herkunft oder Religion, um den Täter als potenziellen Terroristen zu bezeichnen? Laut Markus Rheindorf gilt es zwischen laufender Berichterstattung und dem Berichten über ein konkretes, aktuelles Ereignis zu unterscheiden. Missbrauch passiere häufig bei Meldungen zwischen Anschlägen, wenn die Fakten bereits geklärt seien oder spekulierenden Meldungen bei Ereignissen, die noch nicht untersucht wurden. Gerade Massenmedien agieren in solchen Fällen oft sensationsund skandallüstern und nehmen dem Islamischen Staat damit ein Stück weit die Arbeit ab.

„Anfang 2015 gab es einen Entschließungsantrag im Rahmen des steirischen Wahlkampfes, für den die Anschläge in Paris zum Anlass genommen wurden, um über Integration in Österreich zu reden. Dabei wurde der Begriff der Integrationsunwilligkeit, der davor nie Teil des politischen oder medialen Diskurses in Österreich war, plötzlich auf politische Ebene gehoben. Integrationsunwilligkeit hebt ja damit die Vorstellung hervor, dass eigentlich bereits der Wille oder Unwille zur Integration ein Tatbestand sein kann. Terrorismus wurde daraufhin laufend im Kontext mit Integrationsunwilligkeit erwähnt – der Zusammenhang aber nie ausformuliert, denn damit würde sich das Medium angreifbar machen. Der Eindruck, der aber dabei entstand, ist, dass diese Integrationsunwilligkeit eine Art Vorstufe von Terrorismus ist. Im Nachhinein wurden Beispiele dazu genannt: Mädchen, die nicht zum Schwimmunterricht gehen, Burschen, die nicht die Hand schütteln. All das steht auf einem völlig anderen Platz als der Terrorismus in Paris. Die Verkettung, die durch Priming aber entsteht ist jene, dass mit diesem ,Fehlverhalten’ von Kindern Terrorismus assoziiert wird.“ Es handle sich dabei um eine Art Konditionierung – „wie der Pawlow’sche Hund, nur wesentlich komplexer.“

Missbrauch von Terrorberichterstattung tritt dabei in unterschiedlichen Formen auf. Als häufig genutzte Mechanismen bei Tageszeitungen nennt der Diskursanalytiker dabei das Nutzen sogenannter „Priming-Effekte“ und Komposita-Bildungen in Schlagzeilen. Letzterer bedienen sich vor allem Boulevard-Medien sehr gerne. Dabei werden Komposita, wie nicht zuletzt 2015 „Terrorlenker“, gebildet und in Schlagzeilen platziert. Die Überschriften kommen zumeist jedoch in den Texten nicht vor und die Zusammenhänge werden dabei nicht aufgelöst. Auch Priming arbeitet mit nicht ausformulierten und daher unterschwellig wirkenden Assoziationsbildungen. „In unserer Forschungsarbeit sehen wir sehr gut, dass bestimmte Themen über Jahre hinweg zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich stark miteinander verknüpft werden. Dabei werden nicht Einzelfälle, sondern konsequent Themen miteinander verkettet. Dieses

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Definitionsproblem Terror

Mündigkeit der Leserschaft Walter Hämmerle setzt sich hingegen sehr für die Mündigkeit österreichischer LeserInnen ein. „LeserInnen sind im Großen und Ganzen sehr viel klüger, als viele MedienanalytikerInnen denken. Jede/r Leser/in hat seinen bzw. ihren eigenen Kopf und nur weil etwas in der Zeitung steht, denke ich nicht, dass die Leute das unhinterfragt so aufnehmen. Ich habe ein grundsätzliches Grundvertrauen in die Intelligenz, die Mündigkeit und die Selbstverantwortung vor allem unserer eigenen LeserInnen. Schließlich sind wir nicht bei Pawlow’schen Reflexen, wo die dumme Masse nach dem Reizimpuls-Prinzip agiert. Da müssten

wir ja allen Menschen das Wahlrecht entziehen. Das soll natürlich nicht heißen, dass man nicht manipulieren kann.” Auf die Frage, welche Standards sich die „Wiener Zeitung” gerade im Umgang mit Terror-Meldungen setze, gibt Hämmerle an, sehr reflektiert zu arbeiten. „Gleichzeitig wollen wir keine Fakten verschweigen. Wenn jemand im Zuge der Flüchtlingswelle in ein Land gekommen ist und dann eine solche Tat begeht, wäre es fahrlässig, es nicht zu sagen. Wenn jemand seit 20 Jahren in einem Land lebt, dort sozialisiert wurde, es als seine Heimat ansieht und sich dann trotzdem radikalisiert, dann muss man nach den Rahmenbedingungen und den Gründen dieser Radikalisierung fragen. Auch wenn das nicht heißt, dass man immer alle zu Opfern macht. Menschen, die sich in einen LKW setzen und andere Leute überfahren sind nicht von vornherein Opfer, sondern Täter.” Laut Hämmerle solle man Menschen die Fakten mitteilen und ihnen die Bildung einer Meinung selbst überlassen. Das sei guter Journalismus. Jedoch unterscheiden sich die Bedingungen zwischen Print- und Online-Berichterstattung. „Im Printjournalismus haben wir sehr viel mehr Zeit, über Dinge zu reflektieren. Der Produktionsrhythmus ist wesentlich langsamer als im Online-Bereich, wo die erste elektronische Meldung erst mal Fakten ausschickt: Zahl der Toten, Grund für die Explosion. Falschmeldungen können immer wieder passieren, aber dann werden sie im Zuge der nächsten Meldung korrigiert. Die Menschen sind dennoch in der Lage, das Gesamtbild im Auge zu behalten”, so Hämmerle. Letzten Endes lassen sich wichtige Kriterien, nach denen Terror zu kategorisieren ist, festmachen: Eine Tat ist immer auf ihre Motivation, die anvisierte Opfergruppe und den Grad der Organisation zu untersuchen, bevor man sie als terroristisch bezeichnen kann. Dass die Medien oft im Dunkeln tappen und nicht über alle Informationen zu den Tatbeständen verfügen, erschwert JournalistInnen die korrekte, faktenorientierte Auseinandersetzung mit Terror. Wesentlich ist im Endeffekt, dass bei der Berichterstattung ethische Standards beachtet werden und es nicht zur Anwendung manipulativer Effekte kommt. von Dana Radl


DER BEGRIFF TERROR Täterprofile im Fokus

MOTIVATIONEN Beim Herangehen an den Begriff Terror und seine Verwendung in den Medien, ist es zunächst hilfreich, sich einen Überblick über die Anteile der einzelnen Motivationen diverser Tätergruppierungen an weltweit verübten Anschlägen zu verschaffen.

15240 Todesopfer weltweit im Jahr 2009

Islamistisch / Christlich (10332)

Politisch (2124)

Unbekannt (2276)

Ethnisch (508)

ORGANISATION

TÄTERGRUPPEN

EINZELTÄTER

Religiöse Extremisten mit Verbindungen zu Organisationen Politische Einzeltäter mit Verbindung zu Organisationen

POLITISCHE MOTIVATION

RELIGIÖSE MOTIVATION Gestaltung: Maximilian Doeringer NCTC Terrorismusbericht 2009

Definitionsproblem Terror

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JOURNALISTEN IN DER TÜRKEI

3.000

Journalisten seit dem Putsch am 15. Juli

festgenommen

entlassen

über 3.000 Journalisten haben ihren Job verloren

150

An die 150 türkische Journalisten sitzen im Gefängnis

Journalisten Türkei

Schließung von Medien durch Erdogan

170 Medien durch Erdogan geschlossen

Journalisten im Jahr 2017

326

65

festgenommen

getötet die Hälfte aller Journalisten ist in diesen 5 Ländern inhaftiert: 52 43 24 23 19

10

China Türkei Syrien Iran Vietnam

JournalistInnen in der Türkei

54

entführt

Journalisten Weltweit

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verschwunden Grafik: Christine Safranek https://www.reporter-ohne-grenzen.de


Der Umgang mit der Visualisierung von Terror BildredakteurInnen sind täglich mit der Veröffentlichung von Fotos von Terrorereignissen konfrontiert. Dipl. Desig. Frank Robert aus der „Standard“-Fotoredaktion erklärt im SUMO-Interview, wie er dabei vorgeht. Presserat-Geschäftsführer Mag. Alexander Warzilek erläutert deren Standpunkt. Immer wieder werden Entscheidungen des Presserats zur Veröffentlichung von Fotos von Toten, schwerverletzten Opfern oder Verdächtigen im Zuge eines Anschlags bekanntgegeben. Viele davon werden als Ethikverstoß, andere als Verstoß gegen die Persönlichkeitsrechte und wieder andere als kein Verstoß entschieden. „Der Standard“, welcher Mitglied des Presserats ist, hatte in der Vergangenheit keine Probleme mit derartigen Fällen. Frank Robert dazu: „Wir sind hier allgemein eher zurückhaltend und vorsichtig.“

Da die Bilder von professionellen Bildagenturen stammen, kann sich „Der Standard“ zu einem gewissen Grad darauf verlassen, dass die Bildbeschreibung zu den Fotos auch wahr ist. Es handelt sich dabei um registrierte FotografInnen, welche für die Agenturen arbeiten und kein Interesse daran haben, nicht korrekt zu arbeiten. Laut Robert muss man trotzdem aufpassen, dass man keiner Inszenierung zum Opfer fällt. Deswegen prüft er jedes Bild auf seine Wahrhaftigkeit. Grund dafür ist, dass der Fotograf oder die Fotografin immer einen Einfluss darauf hat, wie er bzw. sie Bilder macht. Die Kunst der Bildredaktion ist es dann, die Fotos zu unterscheiden in gestellte und wahrhaftige Bilder. Wie entscheidet „Der Standard“, was veröffentlicht wird? Die „Standard“-Fotoredaktion sichtet und bewertet alle Fotos, welche sie den ganzen Tag über bekommt. Danach werden diese in verschiedene Kategorien eingeteilt und die hundert wichtigsten Fotos bestimmt. Um 14 Uhr gibt es täglich eine Seite 1-Konferenz, bei welcher beschlossen wird, welches Bild auf

Quelle: flickr

Woher bekommt „Der Standard“ Fotos? Robert erklärt im Interview, dass „Der Standard“ direkt von diversen Bildagenturen die Aufnahmen in ein Bilddatensystem eingespielt bekommt, welche von den FotografInnen weltweit gemacht werden. Es dauert manchmal nur zehn Minuten, bis die ersten Bilder von einem Krisengebiet online zur Verfügung gestellt werden. Vernetzt ist die Zeitschrift mit den größten Bildagenturen, wie Reuters, AFP, APA, DPA und Getty. Die „Standard“-Fotoredaktion sichtet so pro Tag zehn- bis fünfzehntausend Bilder. Pro Terrorereignis sind es zwischen zwei- und fünfhundert Fotos über den Tag verteilt. Dazu kommen an darauffolgenden Tage noch weitere Aufnahmen zu dem Ereignis. Grund dafür ist, dass mit dem Anschlag selbst das Thema nicht fotografisch fertig ist.

Es folgen Bilder von Stellungnahmen von PolitikerInnen, Interviews mit Betroffenen oder ähnliches. Somit wird das Thema auch in den darauffolgenden Tagen von den Medien aufgegriffen und behandelt.

Der Umgang mit der Visualisierung von Terror

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dass es sich bei diesem Foto um ein politisches und tagesaktuelles Ereignis handelt. Weiters hat das Medium sich selbst klare Richtlinien gesetzt. So werden von der Zeitung keine Leichen und keine schwerverletzten, blutenden Erwachsenen und Kinder gezeigt. Allgemein ist man hier eher zurückhaltend und vorsichtig. Robert selbst hat zwei verschiedene Zugänge den Schrecken des Terrors abzubilden, ohne dabei Tote oder Verletzte zu zeigen. Die erste Möglichkeit ist die Auswahl von Gewaltmitteln, wie einem LKW oder einem Auto. Weiters kann der Schrecken durch die Betroffenheit der Leute, die von dem Vorfall betroffen sind, abgebildet werden. Durch das Abbilden der Trauer wird der Schrecken des Terrors gezeigt, ohne dabei Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Die „Macht“ des Presserats Wenn es beim „Standard“ dazu kommt, dass ein Bild einen Grenzfall darstellt, ist man immer eher vorsichtig. Gerade für die Onlineausgabe ist das besonders wichtig. Für das Printmedium ist mehr Zeit da, ein Bild zu bewerten und darüber zu diskutieren, wie man den Schrecken abbilden kann. Bei einem Attentat gibt es in der Printausgabe oft mehrere Themen-Sonderseiten mit einem Bilderteppich. Dies bietet die Möglichkeit, fotografisch Schwerpunkte zu setzen. Bei einer Onlineausgabe hingegen muss möglichst rasch eine Entscheidung über die Veröffentlichung von Fotos getroffen werden.

Robert selbst findet, dass es zurzeit eine gute Lösung zur Regulierung gibt. Laut ihm kommt man mit strengeren Gesetzen oder Verboten nicht weiter. Dadurch, dass die Bilder gemacht werden und dies auch wichtig ist, ist es nicht möglich, die Verbreitung der Fotos zu kontrollieren. Die Abbildungen bilden schlussendlich die Realität ab. Nur wenn man ein Bild aus dem politischen Kontext herausreißt und als Sensation missbraucht, sei dies abzulehnen. Hierfür sind laut ihm die Grundlinien des Presserats wichtig und es ist gut, dass Medien deswegen auch Probleme bekommen können. Auch Geschäftsführer Alexander Warzilek befindet die derzeitige Regelung durch den Presserat für passend. Das Zusammenspiel zwischen der Selbstkontrolleinrichtung und den ordentlichen Gerichten funktioniert gut. Da die Medienethik im Normalfall weiter reicht als das Medienrecht, ergänzen sie sich.

Der Presserat begrüßt in Einzelfällen den Verzicht auf die Veröffentlichung von Leichenfotos. Robert dazu: „Es ist schön zu hören, dass der Presserat auf dem gleichen Standpunkt ist wie ‚‘Der Standard’“. Ihm ist es persönlich wichtig, was er selbst für eine Meinung zu einem Bild hat, trotzdem fühlt er sich eher bestätigt als kontrolliert.

Die Eröffnung von Verfahren beim Presserat Beim Presserat hat jede Leserin und jeder Leser die Möglichkeit, eine Mitteilung zu tätigen und anzuregen, dass ein Verfahren eingeleitet wird. Es gibt des Weiteren die Möglichkeit, dass die drei Senate der Organisation durch ihr Selbstbefassungsrecht eigenständig ein Verfahren einleiten. In besonders gravierenden Fällen können diese also auch ohne Eingabe von außen ein Verfahren in die Wege leiten. Dies passiert allerdings relativ selten. Warzilek gibt an, dass im letzten Jahr um die 300 Fälle behandelt wurden, in acht davon agierten die Senate eigenständig. „Mittlerweile ist es zum Glück so, dass der Presserat bei vielen Leserinnen und Lesern bekannt ist. Wenn etwas passiert, bekommen wir also normalerweise eine Meldung von ihnen.“

Die „Austria Presse Agentur“ veröffentlichte einen Artikel, in welchem es um die Entscheidung des Presserats über die Veröffentlichung von Fotos von

Um zu entscheiden, wie Fälle behandelt werden, gibt es beim Presserat ein strukturiertes Verfahren. Jeder Fall wird einem Senat zugewiesen, dieser sieht

Generell liegt die Entscheidung der Mitgliedschaft beim Presserat bei den einzelnen Medien, zuständig ist er jedoch auch für jene Medien, die sich nicht verpflichten. Die Institution wird erst nach Veröffentlichung von heiklen Fotos involviert, wenn es Probleme mit den Abbildungen gibt und wenn Persönlichkeitsrechte verletzt werden. „Der Standard“ hatte damit in der Vergangenheit keine Probleme.

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Terroranschlägen geht. Der Beitrag bezieht sich ebenfalls auf das Attentat in Brüssel 2016 und beschreibt, dass „es für die Medien die Möglichkeit gibt, die Einwilligung der Opfer für die Abbildung einzuholen.“ Robert sagt dazu, dass es die Aufgabe des Fotografen oder der Fotografin sei, sich vor Ort abzusichern. Wenn das Bild beim „Standard“ einlangt, muss man sich darauf verlassen können, dass es in einer korrekten Art und Weise gemacht und überprüft wurde. Daher hat die Zeitung hier keinen Einfluss darauf.

Der Umgang mit der Visualisierung von Terror

Mag. Alexander Warzilek. Quelle: Stephan Huger sich den Artikel oder das Bild genauer an und entscheidet schließlich, ob ein Verfahren eingeleitet wird. Wenn es dazu kommt, kann das betroffene Medium dazu Stellung nehmen. Es folgt eine Verhandlung zu dem Fall, im Anschluss entscheidet der Senat, ob ein Ethikverstoß vorliegt. Die Entscheidungsgrundlage ist hierbei der Ehrenkodex für die österreichische Presse, welcher zwölf ethische Prinzipien beinhaltet. Bei der Terrorismusberichterstattung spielt laut Warzilek insbesondere der Persönlichkeitsschutz eine große Rolle. Hierbei geht es vor allem um den Opferschutz, den Schutz der Angehörigen von Todesopfern, aber auch um den TäterInnenschutz. Die Senate tagen monatlich und so kommt es laut Warzilek in den meisten Fällen zu einer raschen Entscheidung und zu einem schnelleren Urteil als bei den Gerichten. Der österreichische Presserat ist auch für die Onlineausgaben der Printmedien zuständig. Die überwiegende Zahl der Zeitungen und Zeitschriften nimmt Verstöße sehr ernst, was unter anderem auch dazu führen kann, dass ein Bericht oder ein Bild wieder aus dem Netz genommen wird. „Kronen Zeitung“ und „Heute“ sind keine Mitglieder des Presserats und nehmen daher laut Warzilek normalerweise auch nicht an den Verfahren teil. Grundsätzlich werden Ethikverstöße auf der Website des Presserats veröffentlicht. Bei interessanten Fällen kommt es zusätzlich zu einer Presseaussendung, über welche anschließend auch in vielen anderen Zeitungen diskutiert wird. „Themen, die im Fokus


der Medien stehen, spiegeln sich auch in unseren Fällen wider. Dies ist leider etwa bei dem Thema Terrorismus der Fall.“ Warzilek ergänzt, dass es eine statistische Auswertung zur Flüchtlingsberichterstattung gibt: „Als die Situation sehr angespannt war, gab es über 20 Prozent Fälle mit Flüchtlingsbezug.“ Allgemein, meint Warzilek, ist statistisch belegt, dass die „Kronen Zeitung“ am meisten Verstöße begeht. Gefolgt wird sie von „Österreich“ und „Heute“. Bei einem Beschwerdeverfahren, bei welchem ein persönlich Betroffener oder eine Betroffene sich melden muss, müssen teilnehmende Medien die Entscheidungen des Presserats veröffentlichen. In diesem Fall gibt die Organisation den zu publizierenden Text vor. Dies kommt jedoch selten vor. Die Entscheidungen der Senate werden auf der Homepage des Presserats veröffentlicht, merkt Warzilek abschließend an.

von einem toten Kind. Was aber noch schlimmer ist, ist ein Bild von einem toten Kind zu haben, das keine Bedeutung mehr hat, weil so viele Leute schon Bilder gesehen haben von toten Kindern.“ Die Richtlinien bei Fotobüchern oder ähnlichem sind nicht eindeutig zu klären. Die FotografInnen bekommen es meistens mit, ob Betroffene fotografiert werden möchten oder nicht. In schlimmen Situationen sind die Menschen oft sogar froh, wenn ein Fotograf oder eine Fotografin an der Stelle ist und das Geschehen dokumentiert. „Die wirklich schlimmen Momente sind die Kriegs- und Krisengebiete, wo keine FotografInnen vor Ort sind. Das vergisst man oft, schlimmer ist es meistens dort, wo es kein Bild gibt.“ Es gibt auch viele Fälle, wo es den Leuten egal ist, ob sie fotografiert werden. Das größte Problem ist in diesen Situationen nicht,

Datenbanken liefern Bilder von Toten und Verletzten In den diversen Bilddatenbanken finden sich auch jede Menge Bilder, welche ein genaues Bild eines Terroranschlags zeigen und auf keine Details verzichten. „Es gibt von jedem Terrorakt Bilder, die alles zeigen und das ist auch wichtig“, so Robert. FotografInnen sind in fast allen Krisengebieten vor Ort und machen Bilder von gefolterten, missbrauchten und getöteten Leuten. Diese Abbildungen werden ebenfalls an die Bildagenturen weitergeleitet und landen so auch in den Redaktionen. Allerdings werden sie nicht veröffentlicht: „Das ist total richtig so, es ist aber auch wichtig, dass diese Fotos gemacht werden.“ So stellt sich die Frage, wozu diese Bilder nun da sind. Hierfür gibt es mehrere Erklärungen. Einige der Fotos werden zielgerichtet für involvierte Personen verwendet. Normale BetrachterInnen wären laut Robert damit überfordert, doch für Parteien, NGOs oder Personen, die auf PolitikerInnen einwirken wollen, hat das Bildmaterial eine Wichtigkeit. Weiters gibt es FotografInnen, welche die Eindrücke zu Fotobüchern verarbeiten. Als Beispiel nennt er hier Christoph Bangerts Werk „war porn“. Diese Veröffentlichungen fordern die BetrachterInnen extrem heraus und diese müssen sich selbst überlegen, ob sie sich das ansehen möchten. Auch Robert persönlich sammelt viele der Bilder von „argen Situationen“ und überlegt, was er damit machen könnte. Schlussendlich gibt es laut ihm für diese Bilder nicht wirklich eine Verwendung. „Es ist extrem schlimm, ein Bild zu haben

Dipl. Desig. Frank Robert. Quelle: Privat dass ein Fotograf oder eine Fotografin da ist, sondern dass etwas Schlimmes passiert ist. Warzilek sagt dazu, dass es immer wichtig ist, hierbei auch den Kontext mit zu betrachten. Fotobücher haben eine andere Zielgruppe, der man unter anderem auch mehr zumuten kann als der breiten Öffentlichkeit. Beim Terroranschlag in Brüssel 2016 kam es zu einer ganzen Reihe an Berichten in allen Medien. Der zuständige Presserat-Senat hat im Bezug darauf die Meinung vertreten, dass es besser sei, eine allgemeine Erklärung abzugeben und die Medien darauf hinzuweisen, was zu berücksichtigen ist. In diesem Fall sind viele verletzte Opfer gezeigt worden. Warzilek weist darauf

hin, dass diese selbst nach der Einwilligung zu einem Interview noch unter Schock stehen können und damit nicht wirksam einwilligen können. Bilder von Opfern erzielen einerseits eine besondere Aufmerksamkeit und können das Publikum wachrütteln, andererseits dürfe man den Persönlichkeitsschutz nicht missachten. Die Aufgabe der Auswahl von Bildern aus den Datenbanken treffen die ChefredakteurInnen oder die JournalistInnen, so Warzilek. Daher findet er es in Ordnung, dass die Bildagenturen eine größere Bandbreite an oft auch sehr drastischen Fotos liefern. Ethische Vorgaben sind laut dem Geschäftsführer des Presserats auch kultur- und gesellschaftsabhängig. Daher werden Bilder aus den Datenbanken in anderen Ländern anders verwendet. „Unsere AnsprechpartnerInnen sind die nationalen Medien und die JournalistInnen, die die Inhalte aufbereiten“, so Warzilek. „Dennoch tauschen wir auch mit anderen Presseräten regelmäßig Informationen aus.“ Weiters ist der Presserat für die APA zuständig. Bilder von anderen Bildagenturen zählen nicht zum Aufgabengebiet der Organisation. Die Arbeit mit der Visualisierung von Terror Robert sagt im Interview, dass oft gefragt wird, wie er mit dieser Art von Arbeit umgeht. „Jeden Tag gibt es einen Anschlag in der Welt, mit mal mehr und mal weniger schlimmen Bildern dazu. Als Fotoredakteur oder -redakteurin muss man damit umgehen können.“ Man müsse einerseits sehr kontrolliert sein, andererseits sei man natürlich auch davon betroffen. Robert selbst hat hier einen professionellen Umgang, indem er weiß, dass es seine Funktion ist, von den vielen Bildern die Wahrhaftigen auszusuchen und auch sinnvoll einzusetzen. „Seelsorger haben wir keinen in der Fotoredaktion und das ist auch nicht nötig.“ Allgemein gibt es laut ihm für FotografInnen und auch FotoredakteurInnen keine psychologische Unterstützung. Wichtig ist, dass es die Unterstützung vor Ort gibt. FotografInnen in Krisengebieten brauchen harte Nerven und gewissen Auszeiten. Kein Fotograf und keine Fotografin hält diese Art von Arbeit laut Robert durchgehend aus. Der Presserat-Geschäftsführer meint, dass diese FotografInnen psychologische Probleme bekommen können und eine professionelle Begleitung und Unterstützung vorteilhaft wäre. Der Umgang mit Bildern strapaziert alle. von Julia Krammer

Der Umgang mit der Visualisierung von Terror

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Der Umgang mit der Visualisierung von Terror aus „der Standard“-Fotoredaktion Woher bekommt die Redaktion Fotos von Terrorereignissen?

Wie entscheidet die Zeitung was veröffentlicht wird?

Von registrierten Fotografen weltweit. Sie verkaufen Bilder an diverse Bildagenturen

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Die Bildredaktion bekommt die Fotos von diversen Bildagenturen

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Fotos werden in verschiedene Kategorien eingeteilt

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Die 100 wichtigsten Fotos werden bestimmt

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Endgültige Entscheidung bei Nachmittagskonferenz getroffen

Die größten Bildagenturen weltweit: REUTERS

GETTY

DPA

APA

AFP

Persönlichkeitsschutz Opferschutz Schutz der Angehörigen

Es dürfen keine Leichen und Schwerverletzten sowie blutenden Menschen gezeigt werden

Täterschutz

Standard-Fotoredaktion sichtet pro Tag 10.000 - 15.000 Bilder 14

Der Umgang mit der Visualisierung von Terror

pro Terrorereignis 200 - 500 Bilder

Grafik: Xiaowei Jin Julia Krammer, Interview mit „der Standard“-Fotoredaktion, 2017

Welche Richtlinien hat „der Standard“?


Live-Berichte: Was sagt die Polizei? Die Frage, wie sich Live-Berichterstattungen auf Ermittlungsarbeiten auswirken und wie die Polizei damit umgeht, hat Oberst Markus Haindl, zum Interviewzeitpunkt (20.11.2017) Pressesprecher des Bundesministers für Inneres, in einem Mail-Interview beantwortet. Berichterstattung nach Terroranschlägen ein. Kritik an „Nicht“-Berichterstattungen Öfters wird bei Terrorakten die mediale Berichterstattung kritisiert, ein gegensätzliches Beispiel war bei dem Terroranschlag auf einen Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 zu sehen. Hier wurde zwar ebenfalls die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF kritisiert. Jedoch, weil diese erst rund eine Stunde nach dem Anschlag berichteten und im lau-

Quelle: flickr

Innerhalb weniger Minuten nach einem Terrorakt verbreitet sich die Nachricht in den Medien. Bei Berichterstattungen zu Terroranschlägen kommt es einem als ZuseherIn mittlerweile so vor, als herrschte ein Machtkampf zwischen den Medien. Wer startet zuerst eine Sondersendung? Wer hat die neuesten Informationen? Wer die ersten Interviews? Neben Sondersendungen, die das bisherige Programm unterbrechen, reihen sich mittlerweile Live-Ticker, Interviews mit ExpertInnen und folglich auch sehr viel Spekulationsraum in die

Live-Berichte: Was sagt die Polizei?

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fenden Programm „nur“ durch Einblendungen auf das Geschehene hinwiesen. Kritisiert wurde, dass die Sender das Fernsehprogramm nicht unterbrachen, während beispielsweise der amerikanische Sender CNN und auch N24 bereits eine Sondersendung ausstrahlte. Auch Online-Medien berichteten schon längst. ARD und ZDF rechtfertigten sich damit, dass sie erst auf Sendung gehen wollten, wenn genügend Fakten vorlagen. Beim Amoklauf in München im vorigen Jahr wurde stark kritisiert, dass nicht nur Panik durch im Netz verbreitete Fehlinformationen ausgelöst wurde, sondern waren im Fernsehen Live Großbildaufnahmen der getöteten Opfer zu sehen. Auch wurden geschockte Personen vor die Kameras gezerrt um Interviews zu geben. Stundenlang wurde um die Hintergründe der Tat spekuliert. In einem Bericht der Zeitschrift „Rechtsmedizin“ werden derartige Spekulationen kritisch betrachtet. Bezugnehmend auf Amoktaten beispielsweise, werden zunächst von MedienvertreterInnen, durch die nicht nachvollziehbare Handlungsweise des Täters, übereilt und ohne bestätigte Grundlage Motive genannt. Anlässlich der Berichterstattung des Amoklaufs in München fällte der österreichische Presserat die Entscheidung, bezugnehmend auf die Veröffentlichung von Opferfotos in einem Liveticker eines österreichischen Onlinenewsportals, dass Verstöße gegen den Persönlichkeitsschutz (Punkt 5) und die Intimsphäre (Punkt 6) des Ehrenkodex für die österreichische Presse vorliegen. Der Presserat dient als Plattform für jene, die sich zu einem der Wahrheitsfindung und Korrektheit verpflichteten Gebrauch der Pressefreiheit bekennen und diese in konkreten Anlässen vom Presserat prüfen lassen. Stetige, freiwillige Selbstkontrolle eignet sich um den Verpflichtungen der Presse gerecht zu werden. Bei dem Terroranschlag in Berlin, ein paar Monate später, hielten sich daher, vor allem die deutschen Sender mit Spekulationen zurück. Die Zurückhaltung der Berichterstattung wirkte in diesem Fall aber schon fast übertrieben. Bei Live-Sendungen zu Terroranschlägen sickern langsam immer mehr Informationen zur Bevölkerung durch. Oftmals werden Spekulationen über den Täter ausgesprochen, auch Namen kur-

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Live-Berichte: Was sagt die Polizei?

sieren bereits im Netz. Was die Frage aufwirft, wie sich die Veröffentlichung solcher Informationen auf die Fahndung, beziehungsweise die allgemeinen Ermittlungsarbeiten auswirken. Verbot der Namensveröffentlichung? Die Lage in Österreich sieht so aus, dass die Nennung des Namens in den Medien nach den Bestimmungen des Mediengesetzes grundsätzlich nicht gestattet ist, außer die Polizei ersucht im Rahmen der Fahndung darum, so Oberst Markus Haindl. Des Weiteren erzeugen Live-Berichterstattungen eine gewisse Dynamik, die die Arbeit der Polizei nicht unbedingt erleichtert. Jedoch leben wir im Digitalisierungszeitalter, Berichterstattung und Kommunikation passieren und können gar nicht verhindert werden. Ein wichtiger Punkt für die Polizei in diesem Zusammenhang ist es, pro-aktiv zu agieren. Derart ist die Chance gegeben, Informationen zu transportieren, die wichtig für die Fahndung oder ähnliche Maßnahmen sind, so Haindl. Hier stellt sich die Frage nach einem Verbot der Presse, Namen im Zusammenhang mit Terrorismus zu veröffentlichen. Oberst Haindl rät hier zu Vorsicht bei der Beschränkung von Presserechten. In Österreich gehört die Freiheit der Presse über Vorgänge in unserem Land zu berichten zu den demokratischen Grundsätzen. Aus polizeilicher Sicht kann die Verbreitung von Namen und Bildern auch für die Fahndung nach Menschen genutzt werden. Ohne Fahndungszwecken zu dienen könne die Veröffentlichung von Namen und Fotos der Terroristen deren Zielen in die Karten spielen. „Das Ziel der meisten Terroristen ist, neben der Verbreitung von Furcht, Angst und Schrecken, ihre zumeist gescheiterte Existenz zumindest einmal berühmt zu machen“, so Haindl. Er rät, dass JournalistInnen diesen Umstand in jedem Falle mitbedenken und diesen Maßstab auch auf ihre Berichterstattung anlegen sollen. Bilder von Toten und Widersetzen gegen die Polizei Der Nachrichtensender N24 geriet bei dem Terroranschlag am Berliner Weihnachtsmarkt ebenfalls in Kritik, da die Bildauswahl die gesendet wurde sehr fraglich war, da mehrmals Verletzte und Tote gefilmt wurden. Mit dem Video wurden zwar Abruf-Rekorde gebrochen, doch N24 erhielt auch Gegenwind. In Österreich kann man, laut dem Rechtsinformationssystems des Bun-

deskanzleramtes, in solchen Fällen vom Urheberrechtsgesetz Gebrauch machen. Laut dem darin rechtlich geregelten Bildnisschutz dürfen Bildnisse von Personen weder öffentlich ausgestellt, noch auf eine andere Art, wodurch sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, verbreitet werden, wenn dadurch berechtigte Interessen der Abgebildeten, oder im Todesfall der Angehörigen, verletzt werden würden. Beim Amoklauf in München gab es einen weiteren Grund für Kritik: Um möglichst nahe am Geschehen zu sein, wurden polizeiliche Anweisungen von einigen ReporterInnen vor Ort schlichtweg missachtet. Sowohl in der Strafprozessordnung, als auch im Sicherheitspolizeigesetz sind entsprechende Befugnisse festgelegt, um Schaulustige, damit auch JournalistInnen, vom Einsatzort wegzuweisen. Diese Befugnisse können auch mit Zwang durchgesetzt werden, da die Gesetzeslage hier eindeutig ist und die Möglichkeiten für die Österreichische Polizei, bezüglich Resistenz gegenüber Anweisungen laut Haindl ausreichend sind.

Markus Haindl. Quelle: BMI - A. Tuma Spekulationen der Medien Oftmals wird kurz nach terroristischen Akten in den Medien bereits wild über die Zahlen von Toten und Verletzten gemutmaßt. Sollten diese Zahlen erst veröffentlicht werden, wenn sie tatsächlich bestätigt sind? „In einer breiter gewordenen Medienlandschaft, damit meine ich auch Soziale Medien, sind natürlich der Spekulation Tür und Tor geöffnet“, meint Haindl.


Wichtig sei es, eine Art Verhaltenskodex für Medien einzuführen. Im Ehrenkodex des österreichischen Presserates steht als oberste Verpflichtung von JournalistInnen die Gewissenhaftigkeit und Korrektheit in Recherche und Wiedergabe von Nachrichten und Kommentaren. Der Presserat dient als Plattform für jene, die sich zu einem der Wahrheitsfindung und Korrektheit verpflichteten Gebrauch der Pressefreiheit bekennen und diese in konkreten Anlässen vom Presserat prüfen lassen. Stetige, freiwillige Selbstkontrolle eignet sich um den Verpflichtungen der Presse gerecht zu werden.

Kooperation

In der Produktion dieser Jubiläumsausgabe kam es zu gleich zwei fruchtbringenden Kooperationen zwischen dem Bachelor Studiengang Medienmanagement, in dessen Curriculum die Produktion von SUMO eingebettet ist, und dem Masterstudiengang Digitale Medientechnologien der FH St. Pölten. Unter der Leitung von Wolfgang Aigner, Leiter des Instituts für Creative\Media/Technologies, und Teresa Sposato, Lektorin, erstellten Master-Studierende im Rahmen der Lehrveranstaltung „Grafik Design – Freies Gestalten“ Infografiken zu ausgewählten Textbeiträgen. In der Master-Lehrveranstaltung „Gestalten für Printmedien“ wiederum entstand – ebenfalls geleitet von Teresa Sposato – das Re-Design des Fachmagazins SUMO. Christin Güldners Entwurf gewann hierbei die höchste Zustimmung.

Solle man daher die Berichterstattung einschränken, bis die Polizei Informationen bestätig hat? „Ich halte nichts von gesetzlichen Änderungen, aber sehr viel von einer Sensibilisierung von MedienmitarbeiterInnen für die Notwendigkeiten der Polizei bei derartigen Sonderlagen.“ Kritikpunkte Die größten Kritikpunkte bei Terrorberichterstattungen sind, laut der Onlineplattform „Live im Terror“, zum einen die Außerachtlassung journalistischer Sorgfalten durch mangelnde Recherche. Stattdessen ist eine Konzentration der Berichterstattung hingehend einer Emotionalisierungen und Darstellung negativer Stereotypen zu beobachten. Des Weiteren wird das nichteinholen von Stellungnahmen und die überwiegend subjektive Darstellung von Schlussfolgerungen und Interpretation, anstelle reiner Fakten, bemängelt. Daher ist eine Entwicklung hinsichtlich einer sensiblen Umgangsweise mit Daten und Veröffentlichungen auf zukünftige Sicht von immer größer werdender Bedeutung.

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Live-Berichte: Was sagt die Polizei?

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Dörfliche Kommunikation über Terror Wie geht ein 500 EinwohnerInnen-Dorf mit Terrormeldungen um? Was bewirken die Berichte in einer Terrorfremden Welt? Ein Eindruck der BewohnerInnen verschiedener Alters- und Berufsgruppen aus einem Dorf in Deutschland. Laut einer Umfrage vom ZDF Politbarometer vom 2. Juni 2017 befürchteten 80% der BundesbürgerInnen, dass es in nächster Zeit Terroranschläge in Deutschland geben wird. Da im ländlichen Raum die Terrorgefahr am geringsten ist, besuchte SUMO im Oktober 2017 das deutsche Dorf Oberwaldbach, um sich ein Bild davon zu machen, wie Menschen aus einem vermeintlich sicheren Gebiet auf die Berichte reagieren. Die ca. 500 EinwohnerInnen-Gemeinde liegt im schwäbischen Landkreis Günzburg im Bundesland Bayern und ist vorwiegend von Land- und Forstwirtschaft geprägt. Insgesamt wurden sieben typische Bewohnerinnen und Bewohner befragt: Der Gemeindepfarrer Monsignore Wolfgang Miehle (72), die Erzieherin Johanna Baur (57), der Arbeiter Ludwig Atzkern (51), der Bürgermeister Roland Kempfle (50), die Bäuerin Elke Bigelmaier (50), der Student Matthias Wiedemann (18) und die Schülerin Leonie Bigelmaier (15). Sie erzählten, was Terrormeldungen mit ihnen selbst und dem Heimatort machen. Präsenz der Terrormeldungen Im März, Mai und Juni 2017 fanden gleich drei Terrorakte in urbanen Gebieten von England statt. Der Selbstmordanschlag am Ende eines Popkonzertes in Manchester war dabei mit 22 Toten und 116 Verletzten bis zum Zeitpunkt der Befragung der größte davon. Nach ca. vier Monaten konnten sich die Befragten noch an die Anschläge erinnern, aber die meisten nur schwach. Die Frage nach Einzelheiten der Anschläge bestätigte die Aussagen: Zwei der sieben InterviewtInnen wussten keine Details mehr, der Rest erinnerte sich teilweise

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Dörfliche Kommunikation über Terror

an das Terrorausmaß, die Tatwaffen, Orte oder die Opferzahlen. Vor allem die jüngeren Befragten konnten genauere Angaben machen. Dennoch fiel das Erinnern nicht leicht. Die Erzieherin erklärte: „Es sind mittlerweile so viele Anschläge. Es verschwimmt, und was eigentlich schrecklich ist, es wird Alltag. Man stumpft ein bisschen ab.“ Der Begriff „Abstumpfen“ kam bei den Befragten noch öfter vor. Informationsquellen von Terrornachrichten Vom Radio bis zum Internet dient alles als Informationsquelle. Über welche Medien die BewohnerInnen die Berichte zuerst erfahren, ist unterschiedlich. Der Pfarrer und die Erzieherin gaben das Radio als erste Quelle an. Der Bürgermeister und der Arbeiter nannten das Fernsehen und die Bäuerin die Tageszeitung. Der Student und die Schülerin beziehen ihre Informationen zuerst online. Mit dem Smartphone erhalten sie schnell Nachrichten durch die „Spiegel-Online-App“, „YouTube“ und „Facebook“. Was nicht heißen muss, dass die jüngere Generation nur noch die neuen Medien nutzt. Der Student zum Beispiel liest jeden Morgen zusätzlich die Tageszeitung. Umgekehrt genauso: Auch in der älteren Generation kommen einzelne mit dem Internet in Kontakt. Im Durchschnitt bevorzugen die Erwachsenen dennoch ihre Nachrichten aus Radio, Fernsehen und Zeitung. „Im Großen und Ganzen“ fühlen sich die Befragten durch die Terrorberichte ausreichend informiert. Auch haben sie Verständnis dafür, dass sich Details von neuen Meldungen erst über die Zeit nach einem Anschlag vervollständigen. Der Arbeiter und die Erzieherin ver-


Quelle: Maria Bucher

DĂśrfliche Kommunikation Ăźber Terror

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merkten ihre Zufriedenheit mit dem Informationsausmaß: „Ich muss es nicht bis ins kleinste Detail wissen. Da komme ich mir sonst vor wie eine Gafferin.“ Zudem befürchtet sie NachahmerInnen, wenn zu genau erklärt wird, wie die TerroristInnen vorgegangen sind und wie sie vorgegangen sind. Etwas misstrauisch entgegnete der Bürgermeister, Meldungen über Terror wären vielleicht nicht immer korrekt oder vollständig in Bezug auf Zurückhaltung oder Filterung von Informationen. Bezüglich der Onlinemedien kritisierte der Student: „Es gibt viele Medien und nur ein Ereignis, aber alle wollen als erste berichten.“ Er meinte, dadurch werde oft „pauschalisiert“ und „immer viel zu früh geurteilt“. Gerüchte und Vermutungen entstehen. Die Schlagzeile ist dann wichtiger als die Fakten, die intensive Recherche bleibt dabei auf der Strecke. Reaktionen und Auswirkungen Allgemein fühlen sich die RezipientInnen nach Terrornachrichten bestürzt, machtlos, hilflos oder unwohl. Sie fragen sich nach dem Sinn hinter solchen Anschlägen, haben Unverständnis für die TäterInnen und Mitleid mit den Opfern, sind aber auch erleichtert, nicht direkt betroffen zu sein. Drei der Befragten erwähnten dazu, je näher ein Attentat am Wohnort verübt wurde, desto größer ist die Wahrnehmung einer Gefahr. Das Prinzip gilt nicht nur für die Nähe der Gefahr, sondern auch für persönliche Beziehungen. Wenn Bekannte oder Familie nur in der Nähe einer Terrorgefahr vermutet werden, steigt die Betroffenheit und damit die Erinnerung daran. Ein Beispiel dafür ist die befragte Schülerin. Verglichen mit den anderen konnten sich der Student und die Schülerin an die meisten Details des Bombenanschlages auf dem Konzert erinnern. Ihr blieb es im Gedächtnis, da sie ein Fan der Sängerin ist und viele Gleichaltrige unter den Opfern waren. Gleichzeitig gibt es eine Entwicklung weg von der Betroffenheit, das schon genannte „Abstumpfen“. Durch die „Meldungen, die das ganze Jahr über auf einen einwirken“ entsteht eine gewisse Gleichgültigkeit, wenn kein persönlicher Bezug wie bei der Schülerin zu einem Bericht besteht. Es ist dann wieder „einer von vielen“ Anschlägen, bei denen das Gefühl herrscht, nichts dagegen tun zu können. Dennoch hinterlassen Terror-Nachrichten Spuren. „Man muss sich heute schon Gedanken machen, ob man größere Menschenansammlungen besuchen soll oder nicht“, meinte etwa der Arbeiter. Die Erziehe-

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Dörfliche Kommunikation über Terror

rin sieht sich die Leute genauer an als früher und stellte fest, dass man öfter potentielle Risiken in der Umgebung wahrnimmt und sich Gedanken macht, etwa über die Anschlagsgefahr in punkto Atomkraftwerke oder öffentlichen Transportmittel. Kommunikation der Einzelnen Innerhalb der Familie ist es am wahrscheinlichsten, dass die Befragten über das Thema sprechen. Doch meist nur, wenn die Familie trotz Alltag Zeit findet und zusammentrifft. In der Schule wird der Terror vorwiegend im Sozialkundeunterricht angesprochen. Unter MitschülerInnen und ArbeitskollegInnen kommt es eher zufällig zur Ansprache. Genauso wie im Ort selbst. Kaum jemand würde, nur um darüber zu reden, eine Nachbarin oder einen Nachbarn aufsuchen. Man kommt ins Gespräch, wenn man jemandem zufällig begegnet. Der Bürgermeister meinte, es sei davon abhängig, wann einen die Terrormeldung wo erreicht. Das Bedürfnis mit anderen darüber zu sprechen war nicht immer so zurückhaltend. Er könne sich noch gut an den 11. September 2001 erinnern: Es war das erste Ereignis dieser Dimension und führte zu regen Diskussionen mit vielen Leuten. Bei der Frage nach Gefühlen vor und nach Gesprächen mit Mitmensche nannten die DorfbewohnerInnen sowohl eine gewisse Wut als auch Unverständnis gegenüber den TäterInnen und dem Handeln des Staates, gefolgt von Betroffenheit. Eine Veränderung nach Gesprächen konnte kaum jemand bestätigen. Die eine Hälfte meinte, es würde sich nicht wirklich etwas ändern oder konnten nichts dazu sagen. Die andere Hälfte konstatierte, dass es gut tun kann, wenn andere eine Meinung teilen und man sich bestätigt fühlt, oder aber auch andere Sichtweisen zu vernehmen. Es kann einen auch ein Stück weit beruhigen und Wut abbauen. Der Pfarrer erwähnte noch, „dass es eher anderen gut tut, wenn sie mit mir reden.“ Diskussionen über Terrornachrichten im Dorf, vor allem an Treffpunkten wie dem Vereinsheim oder der Kirche, waren kaum jemandem bekannt. Die meisten waren einfach nicht mehr oft dort. Bei Abenden vom Schützenverein käme es nach vergangenen Attentaten zu Diskussionen, wenn auch nur oberflächlich, erwähnte der Student. Auf den ersten Blick scheint sich durch Terrormeldungen nicht viel im Ort getan zu haben. Vier von sieben Interviewten haben keine Veränderung bemerkt.

Es gibt aber auch das Gegenteilige. Nicht alle zeigen es, aber jeder hat eine gewisse Angst oder Respekt vor dem Terrorismus im Hinterkopf. Viele DorfbewohnerInnen nehmen AsylbewerberInnen und AusländerInnen dadurch anders wahr, sind misstrauisch geworden. Sicherheitsmaßnahmen bei Veranstaltungen wurden auch auf dem Land erhöht. Aufgrund von Vorfällen wie der Fall eines verdächtigen Mannes, gesichtet bei einer Party im Ort. Er observierte über längere Zeit die Veranstaltung und fuhr dann weg. Ob er gefährlich gewesen wäre, war nicht bekannt, aber ZeugInnen waren verunsichert. Die Leute versuchen sich zu schützen und sind aufmerksamer geworden, obwohl kaum jemand denkt, dass ein Dorf ins Visier von TerroristInnen kommen würde. Das Gefühl von Sicherheit Das Dorf an sich mag vielleicht nicht zwangsweise sicher sein, aber durch die enge Gemeinschaft entsteht zumindest ein Sicherheitsgefühl. Der Bürgermeister meinte, der Terror sei kein örtliches, sondern ein Staatsproblem. In einer 500 EinwohnerInnen-Gemeinde fühle man sich weniger gefährdet als in einer Großstadt. Laut einer Statistik von UN DESA macht der Anteil der LandbewohnerInnen von Deutschland nur rund 25% aus,75% der Deutschen leben im urbanen Raum. Es fehlen Menschenansammlungen als „Reiz“ für TäterInnen. Die Interviewten erwähnten das Prinzip „Jeder kennt jeden“, das Netz unter den BewohnerInnen scheint zu funktionieren. Die Gemeinschaft kann wie ein „Schutzmantel“ sein und man fühlt sich weniger allein. „Andere passen auf.“ Das Einzige, was das Sicherheitsgefühl stören könnte, sind neue BewohnerInnen des Dorfes, welche noch nicht richtig zur Gemeinschaft gehören. Ob dieses Dorf nun für andere Gemeinden sprechen kann, ist nicht sicher. Fest steht aber, dass der Terror trotz vermeintlicher Sicherheit auch die Landbevölkerung betrifft und verändert. Die Kommunikation zwischen den BewohnerInnen mag zwar abgenommen haben, vermutlich wegen selten gewordenen Treffpunkten und dem „Abstumpfen“ der Wahrnehmung der Neuigkeiten, doch gleichgültig ist der Terror der Gemeinde nicht. Die Gefahr ist dennoch präsent und verändert langsam die Wahrnehmung und den Zusammenhalt der Gemeinschaft. von Maria Bucher


Die Inszenierung des Terrors in österreichischen Tageszeitungen Terrorismus lebt von medialer Propaganda. Wie können Medien verhindern, dessen Sprachrohr zu werden und wie informiert man richtig? SUMO im Gespräch mit „Der Standard“ und „Kurier“ über Verantwortung und Vorgehen in der Terrorismusberichterstattung.

Terror news are good news „Ein terroristischer Anschlag in Europa hat einen hohen Nachrichtenwert, weil er ein ungewöhnliches Ereignis darstellt und einen hohen Charakter von Gewalt aufweist“, meint Manuela Honsig-Erlenburg, Leiterin des Ressorts International bei „Der Standard“. „Es ist ein politischer Gewaltakt, der heraussticht und der mitten in Europa stattfindet“, erzählt sie gegenüber SUMO. Nachrichten über terroristische Anschläge lassen sich nun mal gut verkaufen, weil sie viele relevante Nachrichtenfaktoren erfüllen: Konflikt, Negativität, Aggression, Visualität und ganz besonders die Nähe. „Es findet in unserem Kulturkreis statt und da ist der Nachrichtenwert hoch, da ist das Interesse der Menschen hoch und da muss man einfach darüber berichten“, so Honsig-Erlenburg. Karl Oberascher, Chef vom Dienst von „Kurier.at“, schreibt einem Anschlag in Europa ebenfalls einen höheren Nachrichtenwert zu als in entfernteren Ländern und sagt: „Ich finde nicht, dass wir etwas skandalisieren, wenn wir solche Geschichten zum Aufmacher ma-

chen oder einen Live-Ticker einrichten.“ Schließlich hätten die Medien auch eine Pflicht gegenüber den BürgerInnen, darüber „möglichst sauber, möglichst ohne Skandalisierung und möglichst mit gesicherten Quellen“ zu berichten. Von der Meldung bis zur Reportage In den meisten Fällen beginnt es mit einer Meldung in der APA, kurz und bündig: „Auto fährt in Menschenmenge.“ Erreicht diese Meldung den „Kurier“, wird es vorerst als chronikales Ereignis eingestuft, bis der genaue Hintergrund geklärt ist. Oberascher: „Sobald es die politische Dimension durch einen Terrorakt annimmt, wandert es von der Chronik ins Ressort der Außenpolitik.“ In den ersten Stunden unmittelbar nach der Tat sind die wichtigsten Recherchequellen neben Nachrichtenagenturen verstärkt auch die Behörden. Demnach werden bei „Der Standard“ als erstes die Sozialen Medien und besonders der „Twitter“-Account der zuständigen Behörden herangezogen. Meist werden auch die Pressekonferenzen von der Polizei oder dem Innenministerium live gestreamt. Oberascher ist von einem Lerneffekt seitens der Behörden überzeugt. Als bestes Beispiel nennt er den Anschlag in Berlin, wo der „Twitter“-Account von der Polizei sehr gut über die neuesten Entwicklungen informiert hat. „Wir wählen nur Informationen aus, die gesichert und fundiert sind und die von den Behörden kommuniziert wurden“, erklärt er. Auf diese Weise sei man auf der sicheren Seite, keine Gerüchte zu verbreiten. Sollte es dennoch vorkommen, dass die Behörden ihre erste Version widerrufen, hätte man zwar Falschinformationen verbreitet, diese seien dann aber offiziell von den Behörden herausgegeben worden. Wichtige

Quelle: pexels

Es ist Donnerstag, 13 Uhr und es ist ruhig im Empfangsbereich von „Der Standard“. Der moderne Newsroom, getrennt nur durch eine Glaswand vom Empfangsraum, ist menschenleer. Hätte sich vor kurzem ein Terroranschlag ereignet, würde hier eine Redaktionssitzung stattfinden. Die Berichterstattung über Terrorismus ist ein Thema, das bei „Der Standard“ und beim „Kurier“ sehr ernst genommen und vielfach diskutiert wird. Das Problem ist nicht neu, doch die terroristische Anschlagswelle der letzten Jahre hat die Debatte über Richtlinien in der Terrorismusberichterstattung wieder angefacht.

Die Inszenierung des Terrors in österreichischen Tageszeitungen

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IM VERGLEICH: DIE GEWICHTUNG DER BERICHTERSTATTUNG ÜBER TERROR IN DER NEW YORK TIMES

KEINE NATURKATASTROPHE IN DEN USA

NATURKATASTROPHE IN DEN USA

Die durchschnittliche Anzahl der Artikel über Terroranschläge beträgt 1,03 pro Tag.

Die durchschnittliche Anzahl der Artikel über Terroranschläge beträgt 0,37 pro Tag.

Grafik: Gerald Neubacher Jetter, M. (2017). The effect of media attention on terrorism. Journal of Public Economics, 153, 32-48.

Quellen sind auch die Medien vor Ort, die meist besser informiert sind und auch Augenzeugenberichte vorweisen können. Es gilt jedoch immer zu überprüfen, ob die unterschiedlichen Aussagen auch deckungsgleich sind. Laut Honsig-Erlenburg sind Soziale Medien dabei sehr hilfreich: „Die Sozialen Medien regulieren sich selbst. ZeugInnen erkennen Unwahrheit und reagieren darauf und posten oder twittern das auch.“ In weiterer Folge ist es üblich, dass KorrespondentInnen vom Anschlagsort aus berichten und ausführliche Reportagen vor Ort schreiben. Auch ExpertInnen wie Peter Neumann oder Guido Steinberg sind immer wieder in den Medien präsent, geben aber meist dieselben üblichen Antworten. Mit Live-Ticker immer up-to-date? „Wenn die Lage sehr unübersichtlich ist, machen wir oft einen Live-Bericht, wo wir die Reaktionen und die neuesten Entwicklungen chronologisch darstellen und zwischendurch zusammenzufassen“, so Honsig-Erlenburg. Der Live-Ticker hat sich mittlerweile als gängige Form in der Terror-Berichterstattung etabliert, vor allem wenn das Ereignis noch nicht abgeschlossen ist und laufend weitere Entwicklungen bekannt gegeben werden. Doch auch in Zeiten des Echtzeit-Journalismus und des damit einhergehenden bzw. voraus­ eilenden Zeitdrucks müssen Quellen sorgsam überprüft werden. Oberascher meint: „Spekulieren darf man nicht. Wir haben in den letzten Jahren gelernt, sehr defensiv zu berichten, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen,

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nicht von einem Terrorakt zu sprechen, bevor nicht offiziell von einem Terrorakt gesprochen wird und auch im Wording sehr zurückhaltend zu sein.“ Die große Ironie dabei: Die LeserInnen kritisieren in den Kommentaren häufig eben diese Zurückhaltung, vor allem wenn andere Medien wie „Ö24“ oder „Krone.at“ bereits voreilig von einem Terroranschlag sprechen oder nicht gesicherte Namen verbreiten, während der „Kurier“ – zu Recht – dazu noch schweigt.

noch sollten Medien bei der Terrorismusberichterstattung eigene Standards einhalten. „Bei uns gibt es einen ungefähren Leitfaden, an den wir uns halten“, erzählt Honsig-Erlenburg. Dieser Leitfaden besagt unter anderem, dass mit Bild- und Videomaterial sehr vorsichtig umgegangen und Propagandamaterial so gut wie gar nicht verwendet werden soll. Honsig-Erlenburg erklärt: „Wir wählen Informationen und Bilder nach dem Kriterium des Mehrwerts aus. Eine Grundregel ist: Wir zeigen keine Leichen oder Leichenteile.“ Ähnlich handhaben es auch die JournalistInnen vom „Kurier“, bestätigt Oberascher: „Wir zeigen keine Opfer und kein Blut. Das ist eine‚,Kurier‘ interne Regelung.“ Boulevardmedien hingegen überschreiten häufig die Grenze der Moral und legen wenig Bedacht auf Opferschutz oder auf Schutz von Angehörigen oder Verdächtigen. „Es ist das Angstschüren, das man billig in Kauf nimmt. Je emotionaler, desto besser sind auch die Verkaufszahlen in den Boulevardmedien“, sagt Honsig-Erlenburg.

„Wir zeigen keine Opfer“ Kommt die Sprache auf mögliche Selbstbeschränkung oder gar eine gesetzliche Schweigepflicht der Medien, entbrennt eine alte Debatte über Selbstzensur und Pressefreiheit. Den-

Von Mord und Märtyrertum Nicht-Berichterstattung kann Leben retten. Das zeigt die eingeschränkte Berichterstattung über Selbstmord. Je mehr ein Selbstmord in den Medien thematisiert wird, desto mehr Nachahmer gibt es. Doch gibt es einen solchen „Werther-Effekt“ auch bei Terrorismus? Die Studie „The effect of media attention on terrorism“ von Michael Jetter (2017) bestätigte nun jedenfalls, dass eine intensive Berichterstattung über Terrorismus in der „New York Times“ zu einem Anstieg von weiteren Anschlägen in den darauffolgenden Tagen führt. „Wichtig ist daher, immer zurückhaltend zu bleiben und nicht mitzuhel-

Karl Oberascher. Quelle: Gilbert Novy/Kurier

Honsig Erlenburg. Quelle: Matthias Cremer/Der Standard

Die Inszenierung des Terrors in österreichischen Tageszeitungen


TERROR IN WESTEUROPA 1970–2016

Auffallend sind die Jahre mit Fußball Weltmeisterschaften, die durchwegs moderatere Zahlen aufweisen.

1000

IRA/ETA/RAF

900 800

IRA/ETA/Neo-Nazi

700 600 500

IRA/ETA/RAF

Lockerbie

Bologna

400 300 Madrid

200

Utøya

100

Terroranschläge

Todesopfer

2015 2016

2010

2005

2000

1995

1990

1985

1980

1975

1970

0

Fußball WM Start.umd.edu. (2018, 25. Jänner). Advanced Search. Abgerufen von https://www.start.umd.edu/gtd/search/ Grafik: Gerald Neubacher

fen, aus diesen Menschen MärtyrerInnen oder HeldInnen zu machen“, sagt Honsig-Erlenburg. Ihr zufolge dürfe man den TerroristInnen als Individuen keine allzu große Plattform bieten. Das Phänomen Terrorismus müsse man aber hinterfragen, gar nicht berichten sei keine Option. Eine bedachte Berichterstattung kann Nachahmungstaten und andere negative Folgen medial vermittelter terroristischer Ereignisse auf die Gesellschaft reduzieren. Im Buch „Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus“ von Robertz und Kahr (2016) werden Richtlinien für die Berichterstattung von Gewalttaten aufgezeigt. Demnach sollen weder die Handlungsmotivation oder die Täterphantasien von TerroristInnen vereinfacht dargestellt, noch der Tatvorgang konkret beschrieben oder Sicherheitslücken aufgezeigt werden. „Je mehr über die Person berichtet wird, desto eher sehen sie es als Glorifizierung ihrer Tat“, bestätigt auch Honsing-Erlenburg. Sowohl in „Der Standard“ wie auch im „Kurier“ werden die TerroristInnen grundsätzlich nicht mit vollen Namen genannt, sowohl zum Schutz der Angehörigen, als auch der Verdächtigen selbst. Es gilt jedoch wie immer auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel. So werden die vollen Namen unter anderem auf Wunsch der Polizei veröffentlicht. Fotos von TerroristInnen werden ebenfalls nur publiziert, wenn es sich um Fahndungsbilder handelt und

es der Ermittlungsarbeit dienlich ist. Wichtig sind auch die Wortwahl und die Bezeichnung im Zusammenhang mit Terrorismus, betont Honsig-Erlenburg: „Diese Menschen sind Mörder und man kann sie nur als Mörder bezeichnen.“ Die Symbiose von Terror und Medien „Man muss sich auch bewusst sein, dass Terrorismus immer ein Akt politischer Kommunikation ist“, so Honsig-Erlenburg. Die Studie von Jetter untersuchte auch, inwieweit TerroristInnen ihre Attacken bewusst zeitlich planen, um die maximale mediale Präsenz zu erreichen. Demnach würden TerroristInnen ihre Anschläge auf einen anderen Zeitpunkt verschieben, wenn große Ereignisse oder Naturkatastrophen die mediale Aufmerksamkeit für sich beanspruchen. Bei medialen Großereignissen, vor allem bei Fußballweltmeisterschaften, sind die Terroranschläge tatsächlich signifikant zurückgegangen. Dies zeigt, wie gezielt TerroristInnen die Medien für ihre Propagandazwecke einsetzen. „TerroristInnen wollen die Menschen aufrütteln, erschrecken und das gelingt natürlich am besten mit brutalen Bildern in den Medien. Da hat einfach jeder Journalist und jede Journalistin, die darüber berichten, eine gewisse Verantwortung“, sagt Honsig-Erlenburg. Es liegt also besonders an den JournalistInnen, sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Ansonsten dienen sie schnell als

ErfüllungsgehilfInnen und die Medien als das Sprachrohr der TerroristInnen. „Es ist natürlich immer eine Gradwanderung zwischen Nachrichtenwert und der Pflicht, zu berichten und der Tatsache, dass politischer Terrorismus davon lebt, dass darüber berichtet und in der Gesellschaft ein psychologischer Terror ausgeübt wird“, so Honsig-Erlenburg. Terrorismus an der Tagesordnung? Oberascher spricht generell von einem Lerneffekt, sowohl seitens der LeserInnen als auch seitens der Medien: „Es gibt einen Lerneffekt, wie mittlerweile mit Terrorismus umgegangen wird. Die Medien haben einiges dazugelernt und es haben auch die Behörden ganz viel dazugelernt, wie sie informieren.“ Zudem lässt sich in den letzten Jahren hinweg ein gewisser abgeschwächter Effekt in der Berichterstattung beobachten. Zwar wird den terroristischen Anschlägen immer noch eine große Relevanz in den Medien zugeschrieben, aber die Intensität und Dauer der Berichterstattung nimmt ab. Haben sich die LeserInnen mittlerweile an den Terror gewöhnt? Honsig-Erlenburg: „Ein gewisser Gewöhnungseffekt zeigt sich darin, dass die Peaks nach einem Terror­ anschlag schneller wieder heruntergehen. Doch wirklich gewöhnen kann man sich an Terrorismus innerhalb in Europa wohl nicht.“ von Christina Guggenbergerr

Die Inszenierung des Terrors in österreichischen Tageszeitungen

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Hashtags und der Journalismus In Zeiten des Terrors werden Soziale Netzwerke immer wichtiger, auch für Zeitungen. Doch haben Hashtags auf „Facebook“, „Twitter“ & Co auf den Journalismus tatsächlich einen Einfluss? Im SUMO-Interview diskutierten darüber der stellvertretende Chefredakteur der „Wiener Zeitung“ Thomas Seifert und Judith Pointner von den „OÖNachrichten“.

Stellen Sie sich vor Sie sind RedakteurIn einer Zeitung, und während Ihrem Dienst wird ein erneuter Terroranschlag ausgeübt. Wie gehen Sie vor? Wo informieren Sie sich über das aktuelle Geschehen? Verwenden Sie Soziale Medien? Worauf können Sie vertrauen? Die Fragen stellte sich Judith Pointer, als sie am 13. November 2015 gerade im Dienst war. Jener Tag, an dem die Terrormiliz IS in Paris Attentate verübte und viele Personen in den Tod riss. Sie kann sich noch gut an jenen Moment erinnern, in dem sie über den Anschlag erfahren hat. Es war kurz gegen Dienstende, in Gedanken freute sie sich schon auf zu Hause und plötzlich poppte auf „welt.de“ die Meldung auf. Zunächst war lediglich die Rede von einer Schießerei, doch nach wenigen Minuten wurde das tatsächliche Ausmaß der Tat bekannt und es kamen immer mehr Informationen zum Vorschein. „Am Anfang war alles sehr undurchsichtig, man wird von Meldungen überschüttet und muss filtern, schauen was man glauben kann. Dann führt der Weg schnell zu ,Facebook‘ und ,Twitter‘“, so Pointner.

Quelle: pixabay

Die „OÖNachrichten“ ist ein regionales Medium und hat daher weniger Kontakte ins Ausland als andere Zeitungen, die nicht nur regional operieren. Somit werden die Auslandsnachrichten zumeist von der „Austria Presse Agen-

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Hashtags und der Journalismus

tur“ (APA) bezogen. Aber auch „Twitter“ spielt eine wichtige Rolle. Besonders Hashtags werden gerne verwendet, da so einfach und schnell nach den neuesten Meldungen und Entwicklungen im Falle eines Anschlages gesucht werden kann. Ebenfalls hat sich im Bereich der „Twitter“-Accounts in den letzten Jahren viel verändert. So twittern mittlerweile Blaulichtorganisationen über aktuelle Fortschritte in Krisenfällen. Für Judith Pointner dient „Twitter“ im Falle eines Anschlags für zwei Aspekte. Zum einen informiert sie sich auf den Accounts der örtlichen Polizei, Feuerwehr, aber auch von VertreterInnen der Politik über das aktuelle Geschehen und neue Meldungen. Außerdem versucht sie die Stimmung vor Ort einzufangen, indem sie erneut Hashtags einsetzt und somit Tweets von Privatpersonen einfängt. Die Problematik hierbei ist allerdings, dass es sich oft nicht um seriöse Quellen handelt. Somit muss genau gefiltert werden, welche Art von Information verwendet werden kann und welche nicht. Beispielsweise werden keine Tweets mit exakten Zahlenangaben verwendet, da es für die Validität dieser Werte keine Garantie gibt. Generelle Aussagen wie „Ich habe Schüsse gehört!“ werden übernommen, sie helfen dabei die Stimmung einzufangen und Emotionen zu liefern.


#HASHTAG JOURNALISMUS

ON DER EINFLUSS V IEN AUF SOZIALEN MED MUS DEN JOURNALIS

WOZU VERWENDEN JOURNALISTEN SOZIALE MEDIEN? Verbreiten bzw. bewerben von Inhalten

62 % 58 %

Interagieren mit Lesern 45 %

Beobachten

Bestätigen von Informationen

WIEVIEL ZEIT VERBRINGEN JOURNALISTEN PRO TAG MIT SOZIALEN MEDIEN?

22 %

11 %

mehr als 4 Stunden

zwischen 2-4 Stunden

63 %

39 %

Netzwerken Recherchieren

?

4%

gar keine

bis zu 2 Stunden

27 % 19 %

WELCHE IST DIE VERTRAUENSWÜRDIGSTE QUELLE FÜR JOURNALISTEN?

WO VERÖFFENTLICHEN JOURNALISTEN? 2011

13 % Offizielle Websites u. Pressemeldungen

2016

5% Influencer u. Blogs

60 % 52 %

24 %

22 %

16 %

Traditionelle Medien 6% Soziale Medien

4% Diverse

25 %

Berufliche Netzerke

Weblogs

Soziale Netzerke

Visuelle Netzerke

Mikroblogs

 

 

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 

 

WELCHE LÄNDERSPEZIFISCHEN UNTERSCHIEDE GIBT ES?

WELCHE VOR- UND NACHTEILE HABEN SOZIALEN MEDIEN FÜR JOURNALISTEN?

USA

48 %

U.K.

43%

29 %

Deutschland Frankreich

% an Journalisten, welche eine hohe oder sehr hohe Social Media Kompetenz aufweisen

vs.

PRO

CONTRA

<

52 % 51 % Kanada

47 %

44 %

39 %

72 %

79 %

Hohe Konzentration unterschiedlichster Inhalte

Hoher Anteil an Halbund Unwahrheiten

Maximale Geschwindigkeit und Reichweite

Schnelle Berichterstattung führt zu Qualitätseinbußen

Sehr kostengünstige Art der Publikation

Glaubwürdigkeit deutlich hinter traditionellen Medien

Cision Social Journalism-Studie 2016 Deutschland | Ogilvy Media Influence Survey 2016 | Vuelio UK Social Journalism Study 2013 | Grafik: Martin Gugler

Hashtags und der Journalismus

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In diesem Zusammenhang werden auch Live-Ticker eine hohe Bedeutung zugesprochen, da sie die Möglichkeit bieten in kurzer Zeit viele Beiträge zu bringen. Eine andere Sichtweise liefert Thomas Seifert. Er hat zwar selber einen eigenen „Twitter“-Account, benutzt ihn aber lediglich um Artikel zu verbreiten. Grund dafür ist, dass er „Twitter“ vor allem auf Terroranschläge bezogen, nicht als primäre Informationsquelle sieht. Vielmehr wird hier über Geschehenes diskutiert und ausgetauscht. Der Informationsstand der UserInnen ist schließlich aber nicht höher als der eigene. Eine Ausnahme sieht er allerdings bei kriegsähnlichen Handlungen, wo Anschläge zu psychologischen Kriegsführungen in Nahost oder Syrien verwendet werden. Hier können Quellen vor Ort einen hilfreichen Beitrag leisten, da es für ausländische JournalistInnen oft schwierig und gefährlich ist vor Ort zu berichten. Gewinnung von Fotos durch „Twitter“? Für die Print-Ausgabe der „Wiener Zeitung“ werden keine Fotos von „Twitter“ verwendet, da hier besondere Guidelines wie beispielsweise der Opferschutz und ethnische Grundsätze zu beachten sind. Ebenfalls ist die Verwendung von fremdem Content schwierig, da die Rechtslage ungeklärt ist. Ein/e Twitter-UserIn, der/die Fotos selber geschossen hat, besitzt Rechte an diesen Fotos. Somit können diese, auch wenn sie den Guidelines entsprechen, nicht so einfach genommen werden. Anders ist dies bei der Online-Redaktion der „OÖNachrichten“. Hier werden immer wieder Fotos und Videos von „Twitter“-UserInnen verwendet und gezeigt. Diese werden in den Online-Beiträgen eingebettet, wodurch der/die UrheberIn des Fotos oder der Videos korrekt vermerkt wird. Die journalistische Sorgfaltspflicht Besonders in Ausnahmezuständen, wo die Berichterstattung oft sehr schnell erfolgen muss, ist es außerordentlich wichtig, journalistische und ethnische Grundsätze zu achten. Thomas Seifert sieht soziale Netzwerke wie „Twitter“ daher als eine Art Bedrohung dieser Grundsätze. Er fügt hinzu, dass gerade bei Terroranschlägen in Echt-Zeit berichtet wird. Somit wissen die Angehörigen der Opfer oft noch gar nicht, was gerade passiert oder dass vielleicht gerade deren Sohn, Tochter oder Verwandte sterben. Dies ist moralisch problematisch und „dann ist auch die Frage: Wo sind die Grenzen? Wo ist ein berechtigtes Interesse?“. Hierbei ist ihm

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Hashtags und der Journalismus

klar, dass nicht alles unter Verschluss gehalten werden kann, man müsse den RezipientInnen etwas zumuten können. Jedoch ist hier die Grenze zwischen ethisch vertretbar und nicht vertretbar millimeterdünn und schwer zu ziehen. „Facebook“ vs. „Twitter“ „Facebook“ und „Twitter“ sind heute aus dem Alltag kaum noch wegzudenken. Fast jede Tageszeitung besitzt einen Account, um ihren Content zu verbreiten und mit der Community zu kommunizieren. Matthew Powers und Sandra Vera-Zambrano begründen dies in ihrem Artikel in der Fachzeitschrift „new media & society“ wie folgt: In Westeuropa und Nordamerika ist es für Zeitungen zunehmend schwierig, ihren Content an die Zielgruppe zu vermitteln, da diese abnehmend die Websites der jeweiligen Zeitung besuchen. Somit sind Soziale Netzwerke ein geeigneter Ort für JournalistInnen und Zeitungen, um die Leute anzusprechen und für sich zu gewinnen. Auch bei den „OÖNachrichten“ wird Social Media verwendet, um die Artikel mit den LeserInnen zu teilen. Hierbei wird „Facebook“ eine viel höhere Bedeutung zugesprochen als „Twitter“. Judith Pointner nennt den Grund dafür: In Österreich sei „Twitter“ nicht so weit verbreitet wie „Facebook“. Zudem befinde sich auf „Twitter“ ein anderes Publikum wie beispielsweise Medienfachleute, PolitikerInnen oder WissenschaftlerInnen, aber wenig „kleine“ Leute wie es bei „Facebook“ der Fall ist. Die „OÖNachrichten“ haben auf „Twitter“ knapp 4.000 Followers, was im Vergleich zu den fast 87.000 „Gefällt-Mir“-Angaben auf „Facebook“ eher gering ist. „Ein Bruchteil davon klickt auf die Meldungen. Es wird zwar auf dem Account über neue Anschläge geschrieben, aber es bringt von der Reichweite und den Zugriffen her nicht viel“, sagt Judith Pointner. Jedoch wird trotzdem versucht, die Followers auf „Twitter“ mit Content zu versorgen. Hierbei werden gerne Hashtags eingesetzt. Somit sind die Tweets besser auffindbar, wenn UserInnen die Schlagwörter mittels Suchfunktion eingeben. Anders sieht dies bei „Facebook“ aus. Hashtags haben keine große Bedeutung bei der Verbreitung des Contents. Vielmehr setzt man auf die Funktion von Posts und Kommentaren, es wird also versucht mit der Zielgruppe zu kommunizieren und gelegentlich einen Dialog zu führen. Die Anzahl der Posts ist davon abhängig, wie viele neue Meldungen auftauchen. Grundsätzlich gibt

es aber einen Beitrag pro Stunde. Ein wenig anders erfolgt die Verbreitung von Artikeln bei Thomas Seifert und der „Wiener Zeitung“. Auf „Twitter“ ist die „Wiener Zeitung“ durch ihren eigenen Account und die Accounts ihrer JournalistInnen vertreten. So werden vom Account der Zeitung selbst immer wieder Tweets von den JournalistInnen retweetet und umgekehrt retweeten auch die JournalistInnen die Meldungen des „Wiener Zeitung“-Accounts. Auf dem Hauptaccount der Zeitung werden außerdem Hashtags eingesetzt, Thomas Seifert selbst benutzt sie jedoch sehr spärlich. Als Grund dafür nennt er, dass das Zeichenlimit schnell überschritten werde. Dies könnte sich jetzt allerdings ändern, da „Twitter“ seit kurzem das Zeichenlimit pro Tweet erhöht hat. Eine weitaus höhere Bedeutung spricht er Hashtags auf „Instagram“ zu. Der Entdeckungsfaktor sei wesentlich größer, da Hashtags hier mittlerweile gefolgt werden kann. „Facebook“ hingegen verwendet er gar nicht mehr. „Das ist ein Mülleimer für ,Instagram‘ und ,Twitter‘ geworden“. Generell ist die Anzahl seiner Meldungen auf „Twitter“ davon abhängig, ob es neue Meldungen gibt, die für ihn wertvoll und berichtenswert sind. In den meisten Fällen benutzt er den Kanal, um seine LeserInnen auf neue Texte aufmerksam zu machen. Sind Hashtags für die journalistische Arbeit wertvoll? Im Falle eines Terroranschlages bieten Hashtags eine gute Orientierungsmöglichkeit, um schnell und einfach neue Meldungen und Fortschritte zu ermitteln. Jedoch muss dabei immer sehr kritisch mit dem zur Verfügung gestellten Content umgegangen werden, da die Seriosität und Validität von User-Generated-Content oft nicht gegeben sind. Aus beiden Interviews resultiert, dass Hashtags teilweise bewusst eingesetzt werden. Jedoch tragen sie keinen besonders großen Wert zur journalistischen Arbeit bei, da die zur Verfügung gestellte Information nicht höher ist als die eigene. Diese Sichtweise vertritt auch Roumen Dimitrov in seinem Artikel im „Global Media Journal“: Er sieht Social Media und Hashtags als eine Art von Zwischenhändlern. Zwar werden auf den Online-Plattformen Meldungen geschrieben, jedoch gibt es immer einen Link zum originalen Ursprung des Artikels, also der Website der Zeitung. Er steht dem Trend hin zu Social Media positiv gegenüber – „Journalism will not only survive, it will thrive.“ von Nadine Trocki


Terror auf der Leinwand Wenn der sensiblen Thematik des Terrorismus Raum in der erzählerischen Welt des Films eingeräumt wird - SUMO im Gespräch mit Autor, Filmregisseur und -produzent Franz Novotny und Prof. Maria Teuchmann, Geschäftsführerin des „Thomas Sessler“ Verlags und Mitglied der Association of Austrian Film Producers.

Spiegel der Realität Bereits seit den ersten Filmversuchen bearbeiten Drehbücher das reale Leben. Besonders der Spielfilm erreicht das Publikum auf emotionaler Ebene, kann somit beim Umgang mit Ängsten, Alltagsproblemen oder Nöten unterstützend wirken. Weil gefilmtes Material einer Art Fiktion entspricht, erlaubt es den ZuschauerInnen, ein Thema von

außen zu betrachten, einen gewissen Abstand zu gewinnen. Daraus resultiert auch eine mögliche politische und kulturelle Gewichtung der Inhalte, die sozial-kulturelle Funktionen zu erfüllen vermag, konstatiert der deutsche Medienwissenschaftler Bernd Zywietz in seiner Dissertation „Terrorismus im Spielfilm“ (2016). Hinzu kommt, dass sich die vermeintliche „Realität“, abgebildet auf der Leinwand, oftmals als verfremdet oder verzerrt darstellt. Durch die Mitwirkenden der Filmproduktion ergeben sich eine individuelle Interpretation und eine Art Subjektivierung, gänzliche Neutralität und rein objektive Sichtweisen können somit während des Erzählens einer Geschichte nicht gewährleistet werden, so Oliver Langewitz in seiner Publikation „Die Filmgesellschaft“ (2008)– und sollen es womöglich gar nicht. Nun ist die Darstellung violenter Szenen auf der Leinwand seit jeher ein Thema für Kontroversen aus moralischer, medienkritischer und -ethischer Perspektive. Die behandelten Punkte

Quelle: Wikimedia Commons/ Rialto Lichtspiele

Spätestens seit dem 11. September 2001 ist das Thema des Terrorismus ein globales. Die Anschläge in den USA auf das World Trade Center und das Pentagon haben das Bewusstsein der Gesellschaft diesbezüglich neu definiert. Nicht zuletzt spiegelt sich diese neue Form der Aufmerksamkeit für terroristische Inhalte im Film und Fernsehen unserer Zeit wider. Neben der eigenen Dokumentations-Rubrik „9/11“ werden Terroranschläge und deren Hintergründe sowie Abläufe vermehrt im Spielfilm verarbeitet. Stärker denn je findet der Terrorismus Anklang in sämtlichen Kommunikationskanälen der Medien und ist aufgrund des großen Interesses viel verarbeitetes Kunstmaterial.

Terror auf der Leinwand

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scheinen sich laufend zu wiederholen: moralische Vertretbarkeit, Grenzen zwischen erzählerischen Gestaltungsmitteln und überspitzter Grausamkeit, Ursachen für Faszination auf Seite der ZuschauerInnen, soziale Verträglichkeit, die Rolle von Furcht und Angstlust, Einfluss von Politik und gesellschaftlichen Normen, et cetera. Laut der MedienwissenschaftlerInnen Kunzcik und Zipfl hat sich seit 1960 die Darstellung von Gewalt in Filmen weltweit verdoppelt, die Anzahl der Filmtoten steigt ebenfalls tendenziell und auch Waffengewalt in für ab 13 Jahren freigegebenen Filmen hat sich im Zeitraum 1985 bis 2015 sogar verdreifacht, wie Bushman, Jamieson, Weitz und Romer in ihrem Werk „Gun Violence Trends in Movies“ bestärken. Bei der Verfilmung von Ereignissen mit terroristischem Schwerpunkt lassen sich zwei grobe Herangehensweisen erkennen: Die eine fokussiert den Akt als solchen und beschreibt in brutaler

Detailliertheit eine gewaltsame Situation, die andere setzt die Ursachen und Hintergründe sowie den menschlichen, sozialen Aspekt in den Mittelpunkt. „Gräuel-Propaganda“ Heutzutage kreisen Filmproduktionen immer häufiger um das Thema des Terrorismus, indem sie die emotionale Verbundenheit der RezipientInnen zu dem Thema (weil in aller Munde und gegenwärtig aktuell) künstlerisch und dramaturgisch nutzen. Auf der einen Seite stehen hierbei actiongeleitete Abenteuerfilme, die meist mit großem Budget verwirklicht werden und dabei das Ziel einer möglichst ereignisreichen Bildabfolge haben, die Ausführung terroristischer Anschläge schildern, heroische Protagonisten im Kampf gegen „die böse Seite“ zeigen, oder weitgehend authentisch inszenierte Fälle kreieren. Solchen Filmen, die laut Franz Novotny - Regisseur und Produzent (u.a. „Exit“, zuletzt „Anna Fucking Mol-

nar“) - im SUMO-Interview als „Gräuel-Propaganda-Filme“ zu bezeichnen sind, dürfe man bei der Rezeption skeptisch gegenüberstehen. Es ginge hier vor allem darum, filmisch virtuelle Identifikationsfiguren zu schaffen, die das Publikum mitreißen sollen. Die Chance, dass sich die ZuschauerInnen mit Leitfiguren solcher Filme identifizieren, erklärt er mit dem Phänomen, dass das „Böse“ im Film meist faszinierender erscheint, als die „braven“ Figuren. Er warnt vor der „ästhetisierten Gewalt“ in Filmen dieser Art, die ein verzerrtes Abbild der Wirklichkeit plakatieren. Jene Propagandafilme intendieren vorwiegend keine Identifikation mit den ProtagonistInnen, sondern versuchen, die ZuschauerInnen gegen den Terrorismus einzunehmen, so der österreichische Filmschaffende. Der soziale Wert sowie der meinungsbildende Effekt, den Filme als Kunstform und Spiegel der Gesellschaft zu bewirken vermögen, bleiben hier fraglich.

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Was zählt, sind die Menschen.

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Terror auf der Leinwand


Außer Frage aber steht, dass jene Herangehensweise große Beliebtheit unter RezipientInnen genießt.

Franz Novotny. Quelle: Manfred Werner Problemen auf den Zahn fühlen Auf der anderen Seite der Produzentenmedaille finden sich Filme eines Charakters, der ihnen erlaubt hinter die Kulissen zu blicken, dem Publikum eine Geschichte zu präsentieren, die auf die Motive und Hintergründe eines Terrorakts fokussiert. Es wird versucht, Klassengegensätze aufzurufen, verständlich zu machen, wie es TerroristInnen zum Terror treibt, „welche Skrupel sie haben – oder nicht haben“, so Novotny. Filme dieser Natur lenken die Aufmerksamkeit weg von der Darstellung blutiger Szenarien, hin zu Ursachen größeren Ausmaßes wie Unterdrückung von Minderheiten, Rassismus, Armut, Besatzungsszenarien, politische Unruhen oder gesellschaftlicher Unmut. Sie erlauben sich, Systemkritik zu üben, begeben sich dabei oftmals auf politisches Glatteis und scheuen nicht die Diskussion, sondern zielen darauf ab, das Publikum zum Weiterdenken zu provozieren. Eines der aktuellen Projekte Franz Novotnys ist die Produktion des Films „7500“ in Zusammenarbeit mit dessen Drehbuchautor und Regisseur Patrik Vollrath (z.B: „Alles wird gut“). Die Handlung des Films findet innerhalb einer Pilotenkanzel statt, wo Pilot und Ko-Pilot sich über „Gott und die Welt“ unterhalten und dabei Motive sowie Skrupel von TerorristInnen ans Publikum tragen. Novotny formuliert treffend: „Das ist der Idealfall. Wenn sich die Macher von Filmen tiefere Gedanken machen, als dem Mainstream zu folgen und gesellschaftliche Probleme eher hinterfragen, als sie einfach zu illustrieren“. Sucht man im deutschsprachigen Filmkatalog nach Terrorismus, so stößt man rasch auf ein bestimmtes Werk, das auch international für Aufmerksamkeit

gesorgt hat. „Terror - Ihr Urteil“, ein Werk nach dem gleichnamigen Theaterstück, also einem ursprünglichen Bühnentext von Ferdinand von Schirach, das die Interaktivität des Mediums Fernsehen nutzt, indem das Publikum aufgefordert wird, über den Ausgang einer Gerichtsverhandlung zu entscheiden. Verhandelt wird, ob es richtig war, ein von Terroristen erobertes Flugzeug abzuschießen, bevor es in ein vollbesetztes Stadion stürzt. Schirach wagt damit „einen Appell an die moralische Frage und an das Urteilsvermögen des einzelnen Menschen“, so Maria Teuchmann, Geschäftsführerin des „Thomas Sessler“ Verlags und Leiterin des Bereichs Theater, Film und Fernsehen. Dies stellt bisher eine völlig neue Art der Thematisierung von Terrorismus im Film dar, fordert die sonst passiven ZuschauerInnen auf, sich klar zwischen Freispruch oder Verurteilung zu entscheiden. Deutschland und Österreich stimmten hierbei mit knapp 87 Prozent für die Freilassung des für den Abschuss verantwortlichen Piloten. Die Schweizer begnadigten ihn mit geringeren, aber doch eindeutigen 84 Prozent. Solch eine heikle Frage der breiten Masse zur Entscheidung zu überlassen, könnte in der Realität fatale Auswirkungen haben. Dennoch ist es relevant, der Gesellschaft Szenarien lebhaft vor Augen zu führen, ihr Bewusstsein zu wecken. Teuchmann erachtet Schirachs Appell als legitim, sieht aber den Konflikt, der sich in der Beurteilung des Falls ergibt und weist damit auf das Stück „Heilig Abend“ des deutsch-österreichischen Autors Daniel Kehlmann hin, das die ZuschauerInnen beide Positionen eines Verhörs, durch simplen Dialog zweier Personen, nachvollziehen lässt. Verdächtigte ist dabei eine Links­ intellektuelle, der Verhörende verkörpert den Überwachungsstaat, was das Publikum über die herrschenden politischen und gesellschaftlichen Zustände nachdenken lässt. Blickwinkel des Alpenlandes Laut Teuchmann spielt die Rubrik „Terror“ im österreichischen Verlagsund Filmwesen nur eine geringe Rolle, Schwerpunkt hier liegt weniger in action­reicher Handlung, sondern vielmehr in der Darstellung einzelner Schicksale – wenn auch zuweilen verbunden mit Terrorismus und dessen Auswirkungen. Ihr zu Folge wird eher versucht, möglichst mitreißend und nachvollziehbar qualitativ hochwertige Geschichten ans Publikum zu tragen. Der Verlags-Geschäftsführerin nach kommen Filme im deutschsprachigen Raum nicht ausschließlich dann gut an,

wenn sie aufwändig produzierte Action-Szenen oder gewaltvolle Szenarien beschreiben, sondern mit einigen wenigen Individuen punkten, die als ProtagonistInnen ihr Publikum emotional und sachbezogen durch die Handlung leiten. Sollte Gewalt oder Terrorismus einen Bestandteil solch einer Geschichte darstellen, „dann ist es gut, und dann soll es auch so sein“. Teuchmanns Zugang wäre jedoch nicht, Inhalte zu verkaufen, nur weil sie einer gewissen Erwartungshaltung des Publikums oder der ProduzentInnen entsprechen.

Maria Teuchmann. Quelle: Aleksandra Pawloff „Ein Korrektiv zur allgemeinen medialen Berichterstattung“ Angst und Terror gehen Hand in Hand. Laut Mark Warrs Studie „Fear of Crime in the United States“ (2000) ist es einerseits möglich, dass Menschen zu ängstlich sind, andererseits zu wenig Angst empfinden. Es gilt ihm nach also, eine Balance zu finden, in der die Gesellschaft genügend angebrachte Furcht verspürt, es aber gleichzeitig versteht, einem sozial einschränkenden Ausmaß an Angst beizuwohnen beziehungsweise es zu verringern. Maria Teuchmann vertritt die Meinung, dass der Film als Kunstform dabei eine Rolle der Angstbewältigung spielt, dem Publikum also helfen kann, mit Erlebtem umzugehen und fertigzuwerden. Die ergänzende Funktion des Films zeigt sich für Franz Novotny insofern, als dass der Film „ein Korrektiv zur allgemeinen medialen Berichterstattung“ darstellt. Sensible Thematiken wie der Terrorismus in all seinen Facetten sind laufend Zentrum von medien-ethischen Diskussionen. Im Kontext filmisch verarbeiteter Inhalten, die öffentliche Resonanz anstreben wird der Diskurs womöglich ein endloser - aber notwendiger - sein. von Selina Koller

Terror auf der Leinwand

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GEWALTDARSTELLUNG IN SPIELFILMEN

Anzahl Waffengewaltakte pro Stunde je 5 Minuten Segment

Anzahl Gewaltakte pro Stunde je 5 Minuten Segment

Die Präsenz von Gewalt in Filmen kann gesteigertes Aggressionsverhalten bei Menschen hervorrufen, die eine existierende Tendenz zu Gewaltbereitschaft aufweisen. Dieses Phänomen nennt man „Waffen-Effekt“ 1

20

Verdopplung von Gewaltakten in Filmen seit 1950

15 10

Die generelle Anzahl von Gewaltakten in Filmen hat sich seit den 1950er Jahren mehr als verdoppelt.1

5

1950

1960

1970

1980

1990

2012

2000

3

Verdreifachung der Filmgewalt bei Filmen ab 13 Jahren

2

Die Anzahl der Darstellungen von Waffengewalt im Bereich von Filmen für Zuschauer ab 13 Jahren hat sich seit 1985 mehr als verdreifacht.1

1

1985

1990

1995

2000

2005

2012

Steigende Tendenz bei Anzahl an Filmtoten pro Jahr

5.000

Anzahl Filmtote pro Jahr

4.000 3.000

Die Anzahl an Todesfällen in Filmen unterliegt seit den 1960er Jahren einem steigenden Trend.

2.000 1.000

1960

1970

1980

1990

2000

2010

Generell kann man sagen, ein Film hat mehr Todesfälle je später das Erscheinungsjahr.2

Grafik: Christoph Taucher 1. Bushman, B. J., Jamieson, P. E., Weitz, I., & Romer, D. (2013). Gun Violence Trends in Movies. Pediatrics, 132(6), 1014–1018. https://doi.org/10.1542/peds.2013-1600; 2. Violence has been on the rise in the film industry. (2013, December 31). Retrieved January 21, 2018, from http://www.randalolson.com/2013/12/31/violence-has-been-on-the-rise-in-the-film-industry/

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Terror auf der Leinwand


Bomben auf die Kunstfreiheit „Safety first ist und bleibt das Wichtigste von allem“: Musikveranstalter Harry Jenner im SUMO-Interview über Terrorbedrohungen bei Konzerten, Sicherheit und Abschirmung.

Safety first Wie Marek Lieberberg in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ (3.6.2017) darlegt, haben sich die Si-

cherheitsvorkehrungen für Musikveranstaltungen in vielen Fällen verschärft. So beantragte laut ihm die namhafte Band „Green Day“ aus Eigeninteresse für ihren Auftritt im Münchner Olympiastadion Polizeischutz, auch wurden die Kontrollen von BesucherInnen bei jenem Konzert im Eingangsbereich verstärkt durchgeführt. Harry Jenner bestätigt im SUMO-Interview Ähnliches: Beim „FM4 Frequency Festival“ im August 2017 wurden betreffs der 140.000 BesucherInnen die Sicherheitsbestimmungen strikt eingehalten. Da jene im Eingangsbereich jedoch bereits schon weitaus länger strenggehalten werden, hatte es aufgrund der Terrorbedrohungen in diesem Bereich keinen Bedarf an einer Verstärkung gegeben. Eine Gewährleistung von Sicherheit war aufgrund der Menschenmasse seit jeher von großer Bedeutung und Notwendigkeit. Bei den Eingängen werden schon seit Jahren Body Checks und Taschenkontrollen durchgeführt. „Die Leute nehmen da ihr halbes Leben mit – wenn nichts mehr erlaubt ist, ist das einfach nicht mehr cool“, äußert sich Jenner dazu. Es handle sich hierbei um eine Frage der Sinnhaftigkeit. Würde man Kontrollen so wie sie am Flughafen üblich sind einführen, so entstünde dadurch eine weitaus längere Wartezeit für BesucherInnen. „Und selbst dann kann immer noch was passieren“, so Jenner. Dass MusikerInnen Polizeischutz für ihre Auftritte anfordern, ist beim „FM4 Frequency Festival“ eine

Quelle: pexels

Der erste Terroranschlag der letzten Jahre bei einer Musikveranstaltung fand im November 2015 statt. Mehrere Männer stürmten während eines Konzertes der Band „Eagles of Death“ eine ausverkaufte Halle in Paris und erschossen 90 Menschen. Der Terror war in der Musikszene angekommen. März 2017, Manchester: Ein Selbstmordattentäter sprengt sich nach dem Konzert von Ariana Grande in die Luft und reißt 23 Menschen in den Tod, darunter Kinder und Jugendliche. Im Juni desselben Jahres wird in Deutschland das Musikfestival „Rock am Ring“ aufgrund einer Terrorwarnung unterbrochen. Rund 85.000 Menschen verlassen binnen 15 Minuten das Gelände, während sie „You’ll Never Walk Alone“ singen. Später gibt es in der Pressekonferenz Entwarnung: Unstimmigkeiten zwischen den Namen von Sicherheitsbeauftragten und den angegebenen Namen auf deren Ausweisen lösten den Alarm aus. Der Veranstalter des Festivals Marek Lieberberg reagierte in der Konferenz danach überemotionalisiert und zeigte sich enttäuscht über die Schnelligkeit des Beschlusses. Trotz allem stellte er fest, dass Sicherheit für ihn an erster Stelle steht und für kommerzielle Interessen in solch einer Situation kein Platz ist.

Bomben auf die Kunstfreiheit

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Seltenheit. „Und wenn sie das wollen, dann erkläre ich ihnen, dass es hier nicht notwendig ist“, meint der Veranstalter. Da für MusikerInnen eigene Eingänge und Bereiche dienen und sie sich größtenteils backstage aufhalten, sehe er für die Bands selbst ein eher geringes Gefahrenpotential. Laut ihm waren jedoch die Behörden seit der Terrorgefahr präsenter: Die Polizei errichtete in den vergangenen Jahren Straßensperren, eine Überwachung des Geländes per Drohnen fand statt und das Einsatzkommando Cobra trat vor Ort vermehrt in Erscheinung. Sowohl die Behörden als auch VeranstalterInnen selbst sind darum bemüht, Sicherheit gewährleis-

Harry Jenner. Quelle: Privat

ten zu können. Jenner bekräftigt dies: „Das Prinzip ,Safety first’ ist und bleibt das Wichtigste.“ „Gemacht wird, was notwendig und möglich ist“ „Wenn es eine berechtigte Annahme gäbe, dann würden wir unsere Sicherheitsvorkehrungen natürlich ausbauen“, wendet der Veranstalter im Interview ein. Mit dem Besuch eines Festivals gehe der Spaß einher und genau dieser würde ausbleiben, wenn man das Sicherheitsniveau noch erhöhe. Was würde passieren? Jenner verdeutlicht: „Dann darf man nichts mehr mitnehmen und muss alles am Festivalgelände kaufen. Ein Zelt steht schon dort und nicht einmal das eigene Bier kann mitgebracht werden.“ Security Checks mit Metalldetektoren und Gepäckscans sind theoretisch betrachtet einführbar, doch neben der Frage der Kosten würde sich das auf die Wartezeiten im Eingangsbereich auswirken und diese enorm verlängern. Jenner betont jedoch wiederholt, Änderungen der Sicherheitsbestimmungen vornehmen zu werden, falls dies als notwendig erachtet wird. Sicherheit hätte bei seinen Veranstaltungen immer Priorität. Auch „Rock am Ring“-Veranstalter Lieberberg konstatiert im Interview mit der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (12.6.2017), dass die Sicherheit aller Beteiligten sowie die Freiheit der Kunst stets erstrangig stehen.

Einschränkungen durch Bedrohungen? Ob und inwiefern Musikfans sich durch die aktuelle Alarmsituation bei Konzertbesuchen einschränken lassen sollen, ist Jenner zufolge „schon fast eine philosophische Frage“. Eine hundertprozentige Sicherheit kann nicht garantiert werden – weder bei Konzerten, noch in anderen Bereichen: „Du kannst dich entweder nur daheim einsperren, dann bist du sicher und dann kann immer noch der Gasherd explodieren. Oder du lebst dein Leben vernünftig weiter.“ In Bezug auf eine Abschirmung von BesucherInnen aufgrund der Gefahrenlage differenziert er: Menschen, die nach dem Motto „Jetzt erst recht!“ agieren und weiterhin uneingeschränkt Festivals besuchen und jene, welche aufgrund der Bedrohungen lieber große Veranstaltungen meiden. Darüber hinaus könne man sich als BesucherIn selbst achtsamer verhalten, ohne dabei ganz auf den Festivalbesuch verzichten zu müssen. So schlägt er all jenen vor, die eine Gefahrensituation befürchten, beispielsweise beim Festival nicht zu den Hauptzeiten anzureisen. Er persönlich tendiere dazu, sich auch im privaten Bereich nicht einschränken lassen zu wollen. Dies taten ihm im Sommer 2017 hunderttausende Musikbegeisterte gleich, im Sinne von: „Here we are now – entertain us!“

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Bomben auf die Kunstfreiheit

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von Chiara Sergi


Radikalisierung 2.0 – Extremismus in modernen Medien SUMO im Gespräch mit Thomas Schmidinger, Politikwissenschafter und Sozial- und Kulturanthropologe.. moderne Medien für terroristische Zwecke genutzt. Die Möglichkeiten der Rekrutierung, Radikalisierung und Planung haben sich seit der Digitalisierung vervielfacht. Nicht nur, dass die Nutzung sozialer Netzwerke kostengünstig ist, sie gewährt auch Zugang zu einem globalen Publikum, wie es vor wenigen Jahren noch nicht möglich gewesen wäre. Doch wie genau laufen diese Prozesse ab? Wie agieren Terrororganisationen im Internet und was bedeutet dieser Kontakt für die restliche Bevölkerung? Das Agieren von terroristischen Organisationen und deren Aktivismus

Quelle: pexels

Dass das Internet seine dunklen Seiten hat, ist seit der Digitalisierung der 70er Jahre kein Geheimnis mehr. Das „Deep Web“ bezeichnet all jene Websites des Internets, die mithilfe gewöhnlicher Suchmaschinen nicht auffindbar und in Zusammenhang mit illegalen Machenschaften stehen. Waffen-, Drogen-, und Menschenhandel, Auftragsmörder und Industriespionage sind alles gewöhnliche Bestandteile des Deep Webs. Die daraus resultierende Annahme, dass Terrororganisationen ihre SympathisantInnen und Mitglieder über ähnliche Kanäle anwerben, ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Bereits seit den 90er Jahren werden das Internet und andere

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beschränkt sich nicht auf das Deep Web und schwer zugängliche gesicherte Quellen. Ein Video im Internet - mehrere US-Soldaten vergewaltigen eine muslimische Irakerin. Bei dem Clip handelt es sich um einen Ausschnitt des Spielfilms „Redacted“, welcher zwar auf einer wahren Begebenheit basiert, allerdings gezielt für djihadistische Propagandazwecke bearbeitet und hochgeladen wurde. So oder ähnlich werden junge Männer und Frauen im Internet für einen Krieg emotionalisiert, bei dem es in Wirklichkeit weder um sie selbst noch um die entfremdete Darstellung des Islams geht. Meist handelt es sich bei den Zielpersonen um junge Männer, welchen unter dem Deckmantel des Glaubens eine verzerrte Realität vorgegaukelt wird. Eine Realität in der sie als junge Menschen ohne Zukunft, ohne Alternativen und ohne Unterstützung leben. In einer Gesellschaft, die sie belügt, manipuliert und sich gegen sie verschworen hat. Dass Jugendliche ohne Halt und mit eingetrübtem moralischen Kompass sich an Terror­ organisationen wenden ist die Folge daraus. Sie finden Anschluss an eine Gruppe, in der es klare Regeln gibt, in der ihre Arbeit gebraucht und (scheinbar) gewürdigt wird und in der sie sogar als Helden angesehen werden. Denn in sozialen Netzwerken und im Internet wird ihnen vermittelt, dass sie von ihrer Gemeinschaft gebraucht werden, dass Glaubensbrüder und Schwestern misshandelt und getötet werden und dass es diese zu rächen gilt. Veranschaulicht wird dies mit teilweise echten, aber auch gestelltem Bild- und Videomaterial. Diese Art von Inhalten wird jedoch meistens von SympathisantInnen und privaten Einzelpersonen bearbeitet und hochgeladen.

Sprachen erscheinen sorgen für eine interne Verbreitung des Gedankenguts. Ein Beispiel dafür ist das Online Magazin „Rumiyah“ (früher Dabiq), welches unter anderem auf Englisch, Russisch, Deutsch und Französisch erschien. In zahlreichen Berichten werden Kampfhandlungen mit grausamen Bildern illustriert und sehr gegensätzlich wird ein idealisiertes Bild vom Leben im sogenannten Kalifat dargestellt. In der zweiten Ebene werden diese professionell produzierten Bilder und Videos öffentlich agierenden Medienorganisationen zur Verfügung gestellt, welche diese in Berichterstattungen verwenden, da ein Mangel an Informations- und Bildmaterial aus den Kriegsund Krisengebieten existiert. Eine journalistisch unabhängige Berichterstattung ist somit oft nicht gegeben. Das hat zur Folge, dass in öffentlichen Medien und im Internet IS-bekräftigendes Material gezeigt wird, welches SympathisantInnen in ihrem Denken bestärkt.

Auf dritter Ebene befindet sich der Einsatz von sozialen Netzwerken wie „Facebook“, „Instagram“, „WhatsApp“ und „Twitter“, um Menschen aus aller Welt zu erreichen und in Kontakt zu treten. Chatten, das Verbreiten von Grafiken und die mögliche Akquirierung von potentiellen AnhängerInnen waren hier die Hauptaugenmerke. Ob, und wie gut diese medialen Aktivitäten die aktuellen militärischen Niederlagen des IS überdauern bleibt offen. Thomas Schmidinger meint dazu, dass viele dieser Medien durch den Zerfall des IS als Para-Staat nicht mehr erscheinen. Aufgrund von militärischen Niederlagen wurde der Islamische Staat in seinen Kommunikationswegen eingeschränkt. Schmidinger beschreibt Terrorismus auch als Kommunikationsstrategie, welche neben der Gewinnung von neuen Anhängerinnen, auf das Schaffen eines bedrohlichen Bilds in der Öffentlichkeit und einer Demonstration von Macht abzielt. von Julian Illsinger

Die Vorgehensweise des Islamisches Staates Im Interview mit SUMO erläutert Thomas Schmidinger vorweg, dass sich djihadistische Terrororganisationen (IS, Al Kaida) in ihren medialen Vorgehensweisen deutlich von anderen Terrorgruppen unterscheiden und es diese abzugrenzen gilt. Thomas Schmidinger erläutert, dass der Islamische Staat eine unvergleichbare Professionalität im Umgang mit Medien an den Tag gelegt hat. Es wird auf drei voneinander abgrenzbaren Ebenen agiert: In erster Ebene befinden sich die eignen Medien des IS, die teilweise sehr professionell gemacht wurden bzw. einige wenige weiterhin noch produziert werden. Videos und Hochglanzmagazine, welche in mehreren

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Thomas Schmidinger: Quelle Privat

Zur Person:

Thomas Schmidinger ist Mitglied in der Österreichischen Gesellschaft für Politikwissenschaft und der Sudan Studies Association und verübt Gutachtertätigkeiten für die Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft (ÖZP) , die Österreichische Zeitschrift für Soziologie (ÖZS) ,NECSUS - European Journal of Media und viele weitere Fachzeitschriften.


Impressum Medieninhaberin: Fachhochschule St. Pรถlten GmbH c/o SUMO Matthias Corvinus-Straร e 15 A-3100 St. Pรถlten Telefon: +43(2742) 313 228 - 261

Fachliche Leitung FH-Prof. Mag. Roland Steiner E-Mail: office@sumomag.at Telefon: +43(2742) 313 228 -425 Fax: +43(2742) 313 228 -409 www.sumomag.at

Das Team der Ausgabe 30 Oben, v. l. n. r.: Christina Guggenberger, Johanna Schinnerl, Lisa Bodingbauer, Jennifer Heckenast, Monika Sadoch, Maria Bucher, Merve Sahin Unten, v. l. n. r.: Victoria Ullrich, Alina Keglovits, Chiara Sergi, Julian Illsinger, Jessica Hirtl, FH-Prof. Mag. Roland Steiner, Zorana Maksimovic, Jennifer Marban, Alexander Belinger Nicht im Bild: Selina Koller, Julia Krammer, Dana Radl, Nadine Trocki SALES: Krammer (Ltg.), Bodingbauer, Heckenast, Keglovits, Maksimovic PRODUCTION: Belinger (Ltg.), Bodingbauer, Bucher, Illsinger, Sergi, Ullrich COMMUNICATION: Koller (Ltg.), Ullrich DISTRIBUTION: Trocki (Ltg.), Keglovits, Illsinger, Maksimovic, RELEASE: Radl (Ltg.), Hirtl, Sergi SUMOMAG: Guggenberger (Ltg.), Marban BILDREDAKTION Schinnerl (Ltg.), Hirtl, Marban, Sadoch, Sahin

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