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FORSCHUNG & ENTWICKLUNG

AUDITS & BERATUNG

SCHÄDLINGSKONTROLLE

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4. . 2 2 + 1. 2016

Unsere Kunden sind für uns Partner, die wir begleiten. Der Nutzen ergibt sich aus der individuellen Erarbeitung von Lösungswegen zur Sicherung gesunder Lebensmittel. Kompetenz, Praxiserfahrung und unternehmerisches Denken für alles, was Lebensmittel ausmacht.

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3 inhalt content

INHALT —

04

WIRTSCHAFT economy 04 Naturreine E ­ rfolgsgeschichte 07 PATHWAY-27 09 Technologie der Zukunft 16 Was bringt das E ­ nergieeffizienzgesetz?

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TECHNIK technology 18 So steigt die Energieeffizienz 22 Finanzieren mit der Crowd

— Top Thema

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NEUARTIGE LEBENSMITTEL novel food 25 Insektenzucht in der eigenen Küche 28 Waffelsnacks mit Grillenmehl 30 Nanomaterialien in Abfällen 32 Novel Food & Mikroorganismen 35 Neu:artig 38 Das süße Geheimnis der Schokolade

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WISSENSCHAFT science 42 Süße Getränke: eine Gewohnheit mit Ablaufdatum?

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RECHT law 44 Die Begriffe „Konzentrat“ und „sonstige Stoffe“ bei Nahrungsergänzungsmitteln 46 Deutscher Bundes­gerichtshof ­ entscheidet über ­Indizwirkung des ­Novel-Food-Katalogs der EU

Liebe Leserin, lieber Leser, —

was wird die Zukunft für unsere Branche bringen? Einige Antworten darauf liefert diese Ausgabe von „Die Ernährung“. Gleich zu Beginn sprechen wir mit einem Vertreter der jungen Generation: Erfahren Sie im Interview mit Martin Darbo, warum sich Qualität bei Lebensmitteln immer rechnen wird, wie er Innovation definiert und welche Rolle der Export als Wachstumstreiber für das Tiroler Familienunternehmen spielt. Um Tradition und Hightech geht es auch im BOKU-Beitrag „Technologie der Zukunft“ – von personalisierter Ernährung bis zu Clean Labels. Danach packen wir ein weiteres heißes Eisen an: Am ­1. Jänner trat die Richtlinienverordnung zum neuen Energieeffizienzgesetz in Kraft. Unsere Autoren haben für Sie recherchiert, was das für die Lebens­mittelproduktion bedeutet und welche Chancen Crowd­ funding birgt. Werden Insekten Eingang in die europäische Küche finden? Was hat Schokolade mit Nanotechnologie zu tun? Mit solchen Fragen beschäftigen wir uns in unserem Special zu Novel Food. Im Artikel „Neu:artig“ bringt das Bundesministerium für Gesundheit seine Sichtweise ein. Ein lesenswerter Beitrag, den ich Ihnen speziell ans Herz lege. In diesem Sinne: Spannende Ausblicke in die Zukunft!

Katharina Koßdorff

45 Impressum und Offenlegung volume 40 | 01. 2016  ERNÄHRUNG | NUTRITION


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NATURREINE ­ RFOLGSGESCHICHTE E Interview DIE ERNÄHRUNG SPRACH MIT MAG. MARTIN DARBO LL.M, DEM VORSTANDSVORSITZENDEN DER DARBO AG, ÜBER ERFOLGSREZEPTE, ZIELE UND TRENDS, DEN STANDORT ÖSTERREICH UND NEUJAHRSVORSÄTZE.

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ie Ernährung: Was wünschen Sie sich zum Jahresbeginn 2016? Martin Darbo: Privat wünsche ich mir natürlich vor allem Gesundheit für Mitarbeiter und Familie – aber die Frage ist sicher im Hinblick auf unser Geschäft gemeint: Wir haben uns für 2016 vorgenommen, ähnlich nachhaltig wie in der Vergangenheit zu wachsen. D.h. für Darbo, einerseits die hohen Marktanteile in Österreich zu halten und da und dort noch zu steigern. Andererseits wollen wir unser Exportwachstum weiterführen, was uns in den letzten Jahren auch regelmäßig gelungen ist. Und wir wollen und werden unsere Investitionen in die Qualität und unsere Marke weiterführen, da sich dies in der Vergangenheit als der richtige Weg für uns erwiesen hat. Welche Ziele haben Sie für das Unternehmen definiert? Darbo: Die Produktpalette ist ja sehr vielseitig und tatsächlich sehr groß. Es ist aber auch ein Gebot der Wirtschaftlichkeit, sie überschaubar zu halten. Wir machen lieber mit bewährten Artikeln

in gelernter und vor allem hoher Qualität zusätzlichen Umsatz, als jede Nische durch Neues abzudecken. Innovationen launchen wir, wenn sie zur Marke passen und wir einen Qualitätsvorsprung bieten können. Unsere erste Aufgabe ist aber, in neuen Märkten zu wachsen. Und das hat sich für uns als wichtig erwiesen. Unser Wachstum vor allem in Deutschland gibt uns dabei recht. Trotzdem gibt es natürlich kein Innovationsverbot! Wie sehen Sie den Standort Österreich? Welche Vor- und welche Nachteile hat dieser? Darbo: Als Vorteil erweist sich immer wieder die Stabilität in unserem Land, und damit Berechenbarkeit und Planbarkeit, welche für die Wirtschaft wichtig sind. Wir erzielen mittlerweile etwa die Hälfte unseres Umsatzes im Ausland und haben dabei auch mit Märkten zu tun, in denen etwa Währung und Kaufkraft großen Schwankungen unterliegen. Umso mehr schätzt man, in einem Land zu leben und zu arbeiten, in dem diese Faktoren kalkulierbar sind. Auch wenn wir gerade in

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letzter Zeit erleben mussten und müssen, dass wir politisch und sozial auch keine Insel mehr, sondern ebenfalls von glo­ balen Umwälzungen betroffen sind. Welche Wünsche haben Sie diesbezüglich an die Politik? Darbo: Allgemein wünsche ich mir Politik mit Weitblick. Probleme in allen Bereichen der Gesellschaft dürfen nicht isoliert betrachtet werden, sondern es bedarf bei jedem Akt der Gesetzgebung oder Verwaltung auch einer Abwägung aller relevanter Interessen und einer Abschätzung, was die Folgen und Auswirkungen vermeintlicher, kurzfristiger Problemlösungen sind. Welchen Stellenwert hat für die Darbo AG der Export? Welche Länder sind besonders wichtig, welche geplant? Darbo: Als mittelständischer österreichischer Lebensmittelhersteller, der im Kernmarkt Österreich groß geworden ist, ist für Darbo der Export das große Wachstumsfeld. Wir haben in den Produktgruppen, in denen wir tätig sind, sehr hohe Marktanteile, sei es im Lebensmitteleinzelhandel oder auch


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person

Zur Person —

Ausbildung: AHS-Matura 1996 in Schwaz; Jus-Studium an der Universität Innsbruck, LLM-Studium (internationales Handelsund Steuerrecht) am MCI in Innsbruck. Auslandspraktika in Australien, USA, Singapur. Stationen im Unternehmen: Marketing, Verkauf/Key Accounting; seit 2009 zusammen mit KR Adolf Darbo Vorstand der Darbo AG. Mag. Darbo ist Auschussmitglied des Fachverbandes der Lebensmittelindustrie und Obmann des Verbandes der Obst-, Gemüseveredelungs- und Tiefkühlindustrie. in der Gastronomie. Im Inland sind wir übrigens auch ein wichtiger Lieferant für die Backwaren- und Konditoreiindustrie, und auch in diesem Segment bereits mit großer Marktbedeutung. Also ergibt sich zwingend, Produkte und eine Marke, die sich in Österreich bewährt haben, auch Konsumenten in weiteren Ländern anzubieten. Vorrangig ist dies für Darbo Deutschland, wo wir Schritt für Schritt dynamisch, aber im Rahmen unserer Möglichkeiten, unsere Marktposition ausbauen. Ebenfalls wichtig ist für uns Italien, wo wir ebenfalls wachsen und positiv planen. Generell erwirtschaften wir den Großteil unseres Umsatzes und Wachstums in Europa, wo wir stabile Kaufkraft und Rahmenbedingungen vorfinden. Darüber hinaus sind wir auch in Nordamerika und Asien erfolgreich. Welche Trends beziehen Sie in Ihre Strategie ein? Z. B. wird der Wunsch nach genauen Herkunftsangaben immer öfter geäußert, gleichzeitig ist es schwierig, für Ihre Produkte genug Rohstoffe in gewünschter Qualität zu bekommen, weshalb verschiedene und wechselnde

©  ZANELLA-KUX, SCHWAZ

Mag. Martin Darbo LL.M

Herkünfte notwendig sind. Wie reagieren Sie darauf? Darbo: Wir verarbeiten zum großen Teil Früchte und füllen Honig ab; Produkte, deren Qualität und Menge die Natur vorgibt. Selbst in Zeiten knapper Mengen ist es für uns keine Option, auf schlechtere Qualitäten zurückzugreifen, weshalb wir oft gefordert sind, noch genauer zu sourcen und notfalls auch höhere Preise weiterzugeben. Schwankende Witterungsverhältnisse wirken sich auf Ernten und damit auch auf die Verfügbarkeit unserer Rohwaren aus. Umso mehr ist dementsprechend unser Einkauf gefordert. Eine Häufung von zusätzlichen Vorschriften zur Produktgestaltung wirkt dem Erfordernis der Flexibilität dabei natürlich entgegen. Wie stehen Sie zu den politischen Vorhaben, über Steuern auf Lebensmittel oder Reformierung von Lebensmitteln, die Verbraucher zu einem gesunden Lebensstil zu motivieren? Darbo: In früheren Zeiten musste der Mensch der Natur Nahrung abringen, um satt zu werden. Heute herrscht ein noch nie dagewesener Überfluss an

Kalorien (zumindest in dieser Weltgegend). Deshalb lautet die Herausforderung unserer Tage, mit Lebensmitteln Maß zu halten und Wohlstandskrankheiten entgegenzuwirken. Ich halte es für primär, der Jugend das Thema „Lebensmittel“ beizubringen; dass jede Speise sehr viel mehr weitere Eigenschaften hat, als nur Geschmack und einen Grad an Sättigung. So kann jeder für sich beurteilen, wie er sich ernähren möchte bzw. was er in Kauf zu nehmen bereit ist. Was sind die Erfolgsrezepte der Darbo AG? Hat die Vision des Unternehmens noch Gültigkeit? Darbo: Wir haben immer schon darauf gesetzt, dass der Mensch bereit ist, für bessere Lebensmittel einen angemessenen Preis zu bezahlen, mit dem letztendlich auch eine hohe Qualität erst angeboten werden kann. Darauf werden wir uns auch weiterhin verlassen. Wie bereits vorhin gesagt, kommt für uns auch in Zeiten knapperer oder teurerer Rohwaren ein Ausweichen auf schlechtere Zutaten nicht infrage. Wir vertrauen dabei auf das Verständnis

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und das Gespür des Konsumenten, dass nur durch diese strenge Auswahl der Rohware die gewohnt hohe Qualität geliefert werden kann. Das hat sich für uns seit Generationen bewahrheitet und dieser Gedanke wird uns auch in Zukunft leiten.

der Grünen Woche in Berlin von BM Rupprechter gefordert? Darbo: Diese Diskussion beobachten wir aus der Distanz. Heutzutage kommen und gehen viele Forderungen zu schnell, als dass man Zeit findet, sich darüber Gedanken zu machen.

ständig gefordert ist, um Möglichkeiten der Verbesserung nicht zu übersehen. Darbo lebt von der Qualität seiner Produkte; Technologie und Qualitätsmanagement – getragen und umgesetzt von unseren motivierten Mitarbeitern – ermöglichen uns diese.

Wie sehen Sie die Situation in der österreichischen Handelslandschaft, insbesondere nach der Zielpunkt-Insolvenz? Darbo: Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Konzentration voranschreitet und sich durch das Wegfallen eines weiteren Anbieters zusätzlich verschärft. Das macht das Leben für alle Marktteilnehmer natürlich nicht einfacher. Es verändert aber auch nicht die Aufgabe, die sich uns stellt: Wir haben als Qualitätsanbieter die Erwartungen unserer Konsumenten zu erfüllen und deren Geschmack zu treffen. Unabhängig davon, wie viele Kanäle uns zur Verfügung stehen, diese Konsumenten zu erreichen.

Wie schätzen Sie für die Darbo AG die Bedeutung von Innovationen, technischen und QM-Entwicklungen ein? Darbo: Innovation heißt für uns nicht zwangsläufig, Produkte auf die Welt zu bringen, die es vorher noch nicht gab. Wir und nach meiner Beobachtung die Mehrzahl der Lebensmittelhersteller machen den Großteil ihres Umsatzes mit Bewährtem. Innovativ können auch neue Formen der Vermarktung oder momentan gerade auch des Handels sein. Eine bestimmte Taktzahl an neuen Artikeln ist bei uns nicht vorgegeben. Trotzdem bringen wir auch mit gewissem zeitlichen Abstand neue Produkte, wenn sie ausgereift sind und zur Marke passen. Zum Thema Entwicklung von Technik und QM ist zu sagen, dass man gerade in diesen Punkten

Haben Sie persönlich Neujahrsvorsätze gefasst? Darbo: Nein. Wenn man sich etwas vornimmt, warum sich dann bis zu einem bestimmten Datum im Kalender quälen und es bis dahin unverändert lassen? Was man wirklich will, ist das, was man tut. Nicht das, was man sich vornimmt.

Wie sehen Sie die Wünsche nach einer Preiskontrolle, z. B. durch die Bundeswettbewerbsbehörde, wie jüngst bei

Was ist Ihre Lieblingsspeise? Darbo: Alles, was gut ist. Aus jeder Küche, aus – fast – allen Zutaten. about

Zum Unternehmen —

©  ZANELLA-KUX, SCHWAZ

Die A. Darbo AG kann auf mehr als 130 Jahre Erfahrung und Know-how verweisen und ist heute klarer Marktführer im österreichischen Konfitüren- und Honigmarkt („Darbo Naturrein“). Daneben stellt Darbo auch Frucht­ aufstriche, Sirupe, Gelees, Fruchtdesserts und Kompotte, Teesirup, Fruchtsnacks wie Frucht­ikus und Fruchtschnitten sowie kalorien­ reduzierte Produkte her. Darbo bietet seine Qualitätsprodukte auch der Gastronomie an und beliefert die weiterverarbeitende Industrie mit Fruchtzubereitungen und Bäckereimarmeladen. Der Umsatz stieg von 3,4 Mio. Euro im Jahr 1975 auf ca. 130 Mio. Euro 2015. Der Exportanteil liegt bei rund 50 Prozent. Im Unternehmen sind 330 Mitarbeiter beschäftigt. In Österreich ist der Marktanteil bei Konfitüren auf 61 % geklettert, bei Honig sind es rund 38 % und bei Sirup 15 %. Die gestützte Markenbekannheit liegt bei 88 % bei Konfitüren, Honig 62 % und Sirup 66 %.

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PATHWAY-27 Bewertung der Wirkung bioaktiver Stoffe auf die ­Gesundheit und das Wohlbefinden. „DU BIST, WAS DU ISST“, IST EIN BEKANNTES SPRICHWORT UND SPIEGELT DAS ­WISSEN UM DIE POSITIVE WIRKUNG EINER AUSGEWOGENEN ERNÄHRUNG WIDER. CHRISTINE GRABLER, JULIAN DRAUSINGER

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n Europa nimmt trotz der Verfügbarkeit von hochqualitativen Lebensmitteln die Anzahl an Erkrankungen mit dem Metabolischen Syndrom zu, wobei Blutfettgehalt, Blutdruck und Blutzucker kritische Werte sind, die mit Herzinfarkt, Arteriosklerose und Typ-2-Diabetes in Zusammenhang stehen.

Um diesen komplexen Themenkatalog zu bearbeiten, wurde für PATHWAY-27 ein paneuropäisches Konsortium aus 27 Partnern zusammengestellt, das sich aus sozial- und ernährungswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen zusammensetzt, außerdem beteiligen sich Institute für Lebensmitteltechnologie sowie Produzenten und Zulieferer für die Entwicklung von Testprodukten. PATHWAY-27 will die Wirkungsweise angereicherter Lebensmittel untersuchen und deren Einfluss auf physiologisch relevante Marker für das Metabolische Syndrom bewerten. In parallelen In-vitro-/In-vivo-­ Studien wird unter Anwen-

©  MARKUS MAINKA

Um diese Entwicklungen einzudämmen, wurde die Forschung über gesundheitsrelevante Aspekte von Nährstoffen in den letzten Jahren intensiviert und eine Reihe von bioaktiven Verbindungen identifiziert. Das Projekt PATHWAY-27 hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wirkungsweise verschiedener bioaktiver Stoffe für die menschliche Gesundheit zu erforschen und aufzuklären. Der Zugang ist praxisnah und beinhaltet Produktentwicklungen für drei Pilotversuche und eine Interventionsstudie. Damit will das Forscherteam von PATHWAY-27 über die bisher verfügbaren Laborergebnisse hinausgehen und vor allem alltägliche Ernährungsgewohnheiten in die Studien miteinbeziehen.

Bioaktive Stoffe können nicht isoliert betrachtet werden, sondern immer im Zusammenhang mit der sie umgebenden Matrix. Diese hat Auswirkungen auf die Verfügbarkeit der bioaktiven Verbindung und auch auf die Attraktivität für den Konsumenten. Im Zentrum der Forschungstätigkeiten von PATHWAY-27 werden drei bioaktive Stoffe stehen, die in drei häufig konsumierten Lebensmittelmatrices verarbeitet werden. Docosahexaensäure (DHA), β-Glukan (BG) und Anthocyanine (AC) werden hinsichtlich ihrer Effekte in Milchprodukten, Gebäck und Eiprodukten untersucht sowie bezüglich möglicher Synergie-Effekte untereinander. Technologische Eingriffe während der Produktion und deren Einfluss auf die bioaktiven Substanzen werden ebenso evaluiert.

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© ALEX9500

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dung komplexer Omics-Techniken eine Auswahl von Biomarkern getroffen, die robuste Daten für die Aufklärung der Stoffwechselmechanismen der drei bioaktiven Stoffe und der angereicherten Lebensmittel liefern. Das PATHWAY-27-Konsortium bereitet aktuell die Interventionsstudie vor und kann bereits auf Resultate der bisherigen Forschung verweisen. Dazu gehören Ablaufprotokolle, die Rezepturen der Pilotprodukte sowie Empfehlungen und Richtlinien für Interventionsstudien. Im Entstehen sind derzeit Leitfäden für KMUs für die Produktion gesundheitsfördernder, angereicherter Lebensmittel und Richtlinien für die Erstellung von Health-Claim-Dossiers, wie sie bei der Beantragung gesundheitsbezogener Angaben bei der EFSA vorzulegen sind. Die Forschungsergebnisse aus dem Projekt PATHWAY-27 werden ein bes-

seres Verständnis für den Stoffwechsel von bioaktiven Stoffen ermöglichen. Die Produktentwicklungen zeigen erste Möglichkeiten der Umsetzung dieser Erkenntnisse in verschiedenen Lebensmitteln. Mit der Ausarbeitung von Richtlinien und Leitfäden soll vor allem KMUs der Zugang zu den Forschungsergebnissen erleichtert werden. PATHWAY-27 widmet sich auch der Förderung von Nachwuchsforschern innerhalb des Projektes mit einem Austauschprogramm, das die beteiligten Institute betreiben. Die Weitergabe und Verbreitung des generierten Wissens ist integraler Bestandteil und spiegelt sich in Publikationen und Konferenzteilnahmen (FENS, Foodomics) wider. DI Christine Grabler und DI Julian Drausinger LVA Lebensmittelversuchsanstalt E-Mail: Christine.grabler@lva.at oder julian.drausinger@lva.at

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Projektwebsite — www.pathway27.eu www.facebook.com/­ pathway27


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TECHNOLOGIE DER ZUKUNFT TRADITION UND HIGHTECH BEI ROHSTOFFEN UND VERARBEITUNGSPROZESSEN – STRATEGIEN FÜR EINE ZUKUNFTSFÄHIGE LEBENSMITTELTECHNOLOGIE SIND ­VIELFÄLTIG UND BRAUCHEN QUALIFIZIERTES FACHPERSONAL

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elle Einblicke in branchenübergreifende Entwicklungen. Nach der Begrüßung durch BOKU-Vizerektor Josef Glößl und VÖLB-Präsidenten Wolfgang Kneifel führten BOKU-Lebensmitteltechnologe Henry Jäger und BOKU-Lebensmittelsensoriker Klaus Dürrschmid durch das kurzweilige Programm. Herausforderungen für die Lebens­ mittelindustrie Den fachlichen Vortrags­teil eröffnete Henry Jäger vom Institut für Lebensmitteltechnologie der BOKU. Er widmete sich in seinem breit aufgestellten Vortrag zunächst der Bedeutung des Schlagwortes „Indus­ trie 4.0“ für die Lebensmittelindustrie

Henry Jäger

Wolfgang Kneifel

und diskutierte nachfolgend zukünftige Herausforderungen der Lebensmittelherstellung und -versorgung. Industrie 4.0 oder die vierte Stufe der

©  VÖLB KLAUS DÜRRSCHMID (1), KNEIFEL (1)

nter dem Titel „Zukunftsfähige Lebensmitteltechnologie zwischen Tradition und Hightech“ veranstaltete der Verein Österreichischer Lebensmittel- und Biotechnologen (VÖLB) in Zusammenarbeit mit dem Department für Lebensmittelwissenschaften und -technologie der Universität für Bodenkultur (BOKU) im vergangenen November sein Herbstsymposium. Interessante Fachvorträge aus Forschung und Industrie sowie eine angeregte Podiumsdiskussion zur Ausbildung und zu den Anforderungen an die Qualifikation der Lebensmitteltechnologen von morgen verschafften den Teilnehmer aktu-

HENRY JÄGER, WOLFGANG KNEIFEL

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industriellen Revolution beschreibt dabei i­ntelligente, vernetzte und hochflexible technische Systeme. Grundlage dieser intelligenten Produktionstechnologien oder Smart Factories, sind sogenannte Cyber-­Physical-Systems, in welchen reale Objekte bzw. Prozesse mit informationsverarbeitenden, virtuellen Objekten und Prozessen über jederzeit miteinander verbundene Informationsnetze verknüpft sind. Ergebnis sind adaptive, sich selbst konfigurierende und teilweise selbst­organisierende Produktionsanlagen. Produkte tragen Herstellungsinformationen mit sich und kommunizieren mit Produktionsanlagen. Nun mag dieses Konzept insbesondere für den traditionellen Bereich der Lebensmittelverarbeitung noch recht abstrakt erscheinen, jedoch wird auch bei Lebensmitteln die Nachfrage nach einer Individualisierung im Zuge einer personalisierten Ernährung zum Trend und z.B. über Internet-Bestellung maßgeschneiderter Produkte, wie Müslimischungen, bereits umgesetzt. Während die Automatisierungssysteme und deren Verknüpfung in anderen Industriebereichen bereits sehr weit fortgeschritten sind, hat die Lebens­mittelverarbeitung hier noch Aufholbedarf, wobei Jäger auf die nachfolgenden Vorträge zur Messtechnik und Robotik verweist.

­ nter Berücksichtigung der Konsuu mentenansprüche. Besonderer Bedeutung kommt laut Jäger dabei dem Aspekt der personalisierten Ernährung zu. Während zurzeit noch generelle Gesundheits- und Ernährungsrichtlinien vorherrschen, wird die Entwicklung hin zu personalisierten Ernährungsempfehlungen gehen. Dabei sind das Messen und Erfassen des Gesundheits- und Leistungsstatus, die Interpretation der Daten und die nachfolgende Kommunikation einer Ernährungsempfehlung wesentliche Schritte, die z.B. durch individuelle technische Systeme, wie Smartphones und Apps, unterstützt werden können. Wenngleich die Individualisierung der Ernährung und der Nahrungszubereitung an Bedeutung gewinnt, so kommt laut Jäger der industriellen Lebensmittelherstellung auch in Zukunft eine Schlüsselrolle zu. Jedoch müssen auch hier neue Wege zur Erfüllung oben genannter Ziele gegangen werden, und Jäger stellt einige Verfahren, wie die Isostatische Hochdruckbehandlung oder die Behandlung mit Gepulsten Elektrischen Feldern, vor, die aufgrund ihrer Anwendungsvielfalt und der technischen Fortschritte im Anlagenbau in den letzten Jahren vermehrt Einzug in die industrielle Lebensmittelproduktion gefunden haben.

Als ein wesentliches Werkzeug der Lebensmitteltechnologie wird zukünftig der Einsatz zielgerichteter, flexibler und skalierbarer Technologien realisiert werden müssen, um der Forderung zur nachhaltigen Produktion gesunder und sensorisch ansprechender Produkte weiterhin in verstärktem Maße nachkommen zu können. Als wesentliche Ziele definiert Jäger dabei • die Herstellung neuer und verbesserter Produkte unter Berücksichtigung des Spannungsfeldes zwischen Bevölkerungswachstum, Nahrungsmangel und ernährungsbedingten Zivilisationskrankheiten • die Weiterentwicklung ressourceneffizienter Herstellungsprozesse unter Berücksichtigung von Wasser-, Energieund Rohstoffverbrauch, dem Anfall von Reststoffen sowie Möglichkeiten der Haltbarkeitsverlängerung • die Realisierung abgestimmter und transparenter Herstellungsketten

Intelligente Verbindung von Natur und Technologie Neben den Herstellungsprozessen bestimmen Rohstoffe und Zutaten wesentlich die Qualität eines Lebensmittels. Der Verbraucher fordert dabei die Verwendung natürlicher Zutaten unter weitgehendem Verzicht auf Zusatzstoffe, und die Lebensmittel­ industrie versucht diesem Trend mit dem sogenannten Clean-Label-Konzept nachzukommen. Eine vielversprechende Möglichkeit stellt in diesem Zusammenhang der Einsatz färbender Lebensmittel in Form von Frucht-, Gemüse- und Pflanzenkonzentraten dar. Zu verfügbaren Produkten und Anwendungsmöglichkeiten sowie zu Entwicklungen in diesem Bereich referierte Marcus Volkert von der Fa. GNT Europa aus Aachen. „Oft entscheidet der erste Blick – nicht zuletzt auch bei der Wahl des Lebensmittels“, so Volkert zur Bedeutung der Farbe von Produkten. Färbende Lebensmittel sind Lebensmittelzutaten, die ausschließ-

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lich aus Früchten, Gemüsen und essbaren Pflanzen mittels nicht selektiver, physikalischer Prozesse hergestellt werden. Um auf die Rohwarenqualität maximalen Einfluss nehmen zu können, setzt der Herstellungsprozess der GNT Gruppe bereits am Anbau des Rohmaterials mit Vertragslandwirten an. Eine hohe Produktqualität bezüglich Stabilität und Funktionalität der gewonnenen Konzentrate für eine Vielzahl von Applikationsfeldern verbunden mit einem ressourcen­ effizienten Herstellungsprozess und dem entsprechenden Innovationspotential zur Weiterentwicklung dieser Kriterien sind laut Volkert Gründe für die Position der Firma GNT als Marktführer. Orangefarbene oder schwarze Karotten, roter Rettich, Süßkartoffeln oder Paprika stellen nur eine kleine, beliebte Auswahl aus den vielen von Natur aus pigmentreichen pflanzlichen Rohstoffen dar. GNT kann dank gezielter Mischungen inzwischen eine Farbpalette mit mehreren hundert Nuancen anbieten. Egal, ob reine Gelb-, Rot- und Blautöne oder Mischfarben wie Violett, Grün oder Braun. Volkert weist auf die Ende November 2013 von der Europäischen Kommission verabschiedeten Leitlinien zur Abgrenzung färbender Lebensmittel von Farbstoffen hin. In einem dreistufigen Entscheidungsbaum werden dabei folgende Punkte abgefragt: • die vorrangige Zweckbestimmung (färbende Hauptwirkung vs. aromatisierende oder ernährungsphysiologische Eigenschaften) • ist das Ausgangsmaterial ein in der EU bekanntes Lebensmittel oder eine charakteristische Lebensmittelzutat • die Anreicherung bzw. selektive Extraktion (Verhältnis von Pigment zu nutritiven und aromatischen Bestandteilen des zu beurteilenden Produktes im Vergleich zum Ausgangsmaterial) Transparenz für alle Beteiligten und mehr Rechtssicherheit bei der Abgrenzung zwischen färbenden Lebensmitteln und Farbstoffen sind das Ergebnis dieser Regelung, die Volkert positiv hervorhebt. Messtechnik für gleichbleibende Produktqualität Die Farbe ist ohne Frage eine wesentliche Produkteigenschaft, die der Konsument unmittelbar wahrnimmt und Farbabweichungen sensibel


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©  RECENDT GMBH/RCPE GMBH

wirtschaft economy

Abb. 1: Überwachung eines Coatingprozesses mittels Optischer Kohärenztomographie

erkennt. Die Objektivierung und Quantifizierung dieses Sinneseindrucks ist u.a. eine messtechnische Aufgabe. Einblicke in neueste Entwicklungen zerstörungsfreier Messverfahren lieferte der Vortrag von Robert Holzer von der RECENDT GmbH aus Linz. Die Materialcharakterisierung nimmt in der Lebensmitteltechnologie zur Überwachung von Rohwaren- und Endproduktqualität

in der Wareneingangs- und Ausgangskontrolle sowie zum Monitoring von Verarbeitungsprozessen in der Prozesskontrolle einen großen Stellenwert ein. Anforderungen an die Messverfahren umfassen meist den Inline-Einsatz, keine oder eine geringe Probenvorbereitung, ein zerstörungsfreies Messprinzip sowie eine möglichst schnelle Messung. Dafür steht eine Reihe von Verfahren

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zur Verfügung, die ein unterschiedliches Maß an Praxistauglichkeit und Einsatzmöglichkeiten im Lebensmittelbereich mitbringen. Bekannt und weit verbreitet ist unter anderem die Infrarot Spektroskopie als Messmethode zur Inline-Prozesskontrolle und Qualitätssicherung, z.B. zum Nachweis und der Quantifizierung verschiedener Inhaltsstoffe und Qualitätsparameter. Dies reicht von der Bestimmung des Fettgehaltes einer Nussfülle oder des Eiweißgehaltes in Hefeteigmehl im Backwarenbereich bis hin zur Zuckerbestimmung in Mischgetränken, wobei eine Messung sowohl im trockenen als auch wässrigen Zustand möglich ist. Als besonders interessant bei den von Holzer vorgestellten Verfahren erweist sich die Optische Kohärenztomographie (OCT). Es handelt sich dabei um ein bildgebendes Verfahren, welches die zerstörungsfreie Charakterisierung der inneren Strukturen von optisch teiltransparenten Objekten im Submikrometer-Maßstab ermöglicht (siehe Abb. 1). Schaum- oder Faserstrukturen, die Dicke oder Homogenität von Zuckerschichten oder auch dynamische Prozesse wie die Rehydratation von Milchpulverpartikeln werden so sichtbar. „Das Potential dieser Verfahren für die Anwendung im Lebensmittelbereich ist da bei Weitem noch nicht ausgeschöpft“, so Holzer. Die Prüfung von Mehrschichtfolien, die Beobachtung dynamischer Prozesse (z.B. Hydratation oder Fließverhalten) oder die Mikrostrukturanalyse von Lebensmitteln hält z.B. für bildgebende Verfahren noch ein riesiges Anwendungspotential bereit. Für die Kontrolle der Güte von Mischprozessen sowie der Homogenität von Produkten, für die Fremdkörperdetektion oder z.B. die Detektion von Keksbruch in geschlossenen Verpackungen weisen unterschiedliche spektroskopische Verfahren (bei Wellenlängen bis in den Terahertzbereich) zukünftig noch viele Möglichkeiten auf. Ein wesentliches Ziel der Anwendung von Messverfahren ist dabei die Verringerung der Prozess- und Produktvariabilität durch Überwachung von Materialkennwerten und durch das Verstehen, Modellieren und Überwachen von Prozessen für eine gleichbleibende Produktqualität.


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Automatisierte Verarbeitung mittels Robotik Der Erhalt der Produktqualität und die Verbesserung der Prozesseffizienz waren auch Kernpunkte im Vortrag von Bernhard Hukelmann vom Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik e.V. (DIL) in Quakenbrück. Hukelmann widmete sich dabei der automatisierten Verarbeitung von Lebensmitteln mittels Robotern insbesondere am Ende des Herstellungsprozesses (end-of-line). Als besondere Herausforderung stellt sich die robotergestützte Verarbeitung direkt am unverpackten Lebensmittel heraus, wobei komplexere Aufgabenstellungen, wie z.B. das Verformen von weichen Produkten zur Anpassung an Verpackungsabmessungen oder der Schutz vor Kontamination zu bewältigen sind. Ganz typisch für das end-ofline-processing (EOLP) und gleichzeitig eine bedeutsame Herausforderung für die Automatisierung dieser Prozesse ist das breite und relativ häufig wechselnde Produktspektrum, welches mit der gleichen Roboterlösung auf ein und derselben Linie verarbeitet werden soll. Dabei muss zukünftig auch sicherge-

stellt werden, dass für den Wechsel von Aufgabenstellungen kein vollständig neues Programmieren des Roboters erforderlich ist. Die neuen Vorgänge sollen sich auf einfachste Weise einlernen lassen, z.B. durch Führen oder Nachahmung. Zudem spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle bei der Umsetzung in roboterbasierte automatische Prozesse. Die entsprechenden Lösungen müssen häufig mit beengten Platzverhältnissen, großen klimatischen Unterschieden und wechselnden Beleuchtungsverhältnissen zurechtkommen. Derartige Anforderungen stellen in der Regel zusätzliche Hürden für eine Automatisierung dar. Unter Berücksichtigung des aktuellen Standes der Robotertechnologie und der dazugehörigen Peripherie sind laut Hukelmann drei Herausforderungen für eine weitgehende und flexible Automatisierung des EOLP mittels Roboter anzugehen: • Umsetzung als komplett reinigbares Gesamtsystem (Hygienic Design) • Einsatz von lebensmittelgeeigneter Greiftechnik

• Integration geeigneter Sensortechnik wie z.B. taktile, akustische und/oder bildgebende/-verarbeitende Technologien einschl. Rückkopplung. Die von Hukelmann und seinen Kolleginnen und Kollegen am Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik e.V. (DIL) entwickelten HD-Greifer (HD steht für Hygienic Design) erfüllen diese Anforderungen in hervorragender Weise. Für die Handhabung der Produkte ist ein kleiner, freier Bereich auf deren Oberseite ausreichend, um diese mit festem Halt transportieren zu können. Durch diesen Vorteil sowie durch den Einsatz einer intelligenten Bildverarbeitung und Sensortechnik fällt die sonst zwingende Vereinzelung der Produkte weg. Aufgeschüttete Produkte werden einfach von oben abgetragen. Zudem zeichnen sich diese Greifer dadurch aus, dass mit dem Vakuum ein relativ hoher Ansaugluftstrom erzeugt werden kann. Leckagen oder Produktporositäten führen damit nicht notwendigerweise zum Abfallen vom Greifer (siehe Abb. 2). Weiteren Entwicklungsbedarf im Bereich der

Mit besonderer Unterstützung des Fachverbandes der Lebensmittelindustrie

17. März 2016 Labstelle, Wien

1. Dialog-Forum zur

Ernährung der Zukunft Was wir in der Zukunft essen Innovationen aus Lebensmittelindustrie, Forschung & food Start-ups FACHLICHE LEITUNG

KEY NOTE

Franz Fischler

Andrä Rupprechter

EU-Agrar-Kommissar a.D.

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©  DIL E.V.

wirtschaft economy

Abb. 2: Das patentierte Prinzip der Vakuumerzeugung in den hygienischen Lebensmittel­ greifern ermöglicht auch das sichere Handling von geschnittener Ware

­ utomatisierung sieht Hukelmann unA ter anderem in der Bildverarbeitung zur Erkennung von Lage und Orientierung von nicht formstabilen, unsortierten und unregelmäßig angeordneten Objekten. „Um an dieser Stelle zu industrie­ tauglichen Lösungen zu kommen, ist noch viel Entwicklungsaufwand in der 3D-Bildverarbeitung notwendig, aber insgesamt ist abzusehen, dass der Roboter für die Prozesse am Ende der Verarbeitungslinie (EOLP) ein sehr hilfreicher und flexibler Kollege werden kann“, so Hukelmann.

Qualifizierung und Fachkompetenz als Multiplikatoren Zweifellos sind der Fortschritt und die erfolgreiche zukünftige Entwicklung der Lebensmitteltechnologie in Wissenschaft und Industrie nicht ohne qualifiziertes Fachpersonal zu erreichen. Der zweite Teil der Veranstaltung befasste sich daher mit dem Thema der Qualität der Ausbildung und den Anforderungen an die Qualifizierung von Absolventen der Lebensmitteltechnologie. Dazu folgten Petra Burger (Coca Cola), Andreas Reiter (Berglandmilch), Stefan Savic (­Agrana),

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Thomas Spies (Givaudan) sowie Christoph Schwarzl von der Stabsstelle Qualitätsmanagment, Qualität der Lehre an der BOKU, der Einladung des VÖLB und richteten sich insbesondere an die zahlreichen Studierenden im Auditorium. Die Absolventen einer Universität sind neben guten Forschungsleistungen der bei weitem wichtigste Qualitätsausweis für die Bildungs- und Forschungseinrichtung. Die Indus­trie und Gesellschaft benötigt exzellent ausgebildete und motivierte Menschen, die zur Lösung der Probleme beitragen können. Hauptziel des Departments für Lebensmittelwissenschaften und -technologie ist es dabei, kompetente Fachleute auf dem Gebiet der Lebensmittelverarbeitung und des damit zusammenhängenden Qualitätsmanagements heranzubilden. Der Austausch mit den Stakeholdern und deren Input ist dabei unerlässlich, um in der Ausbildung den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden. Wenngleich den BOKU-Absolventen der Lebensmittelwissenschaften und -technologie nach Studienabschluss ein schneller Berufseinstieg gelingt, so wird von den Industrievertretern die oft mangelnde Praxiserfahrung beklagt, die bereits während des Studiums durch entsprechende Industriepraktika einen höheren Stellenwert erhalten sollte. Wie die BOKU-Absolventenstudie gezeigt hat, so ist 1,5 Jahre nach Studienabschluss die Berufszufriedenheit mit 69 % hoch und 56 % der Absolventinnen finden in ihren Unternehmen sehr gute Entwicklungsmöglichkeiten vor. Dabei kann die universitäre Ausbildung durch Vermittlung von Methodenkompetenz und Fachwissen nur die Basis schaffen, um sich mit den vielfältigen Herausforderungen einer zukunftsfähigen Lebensmitteltechnologie zwischen Tradition und Hightech täglich erneut auseinanderzusetzen und erfolgreich weiterzuentwickeln. Univ.-Prof. Dr.-Ing. Henry Jäger und Univ.-Prof. DI Dr. Wolfgang Kneifel Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien, Department für Lebensmittel­ wissenschaften und Lebensmittel­ technologie henry.jaeger@boku.ac.at; wolfgang.kneifel@boku.ac.at


15 firmenbericht company report

NÄHRWERTANGABEN HEUER VERPFLICHTEND

©  DOSTMANN ELECTRONIC

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DOSTMANN: PH 5 FOOD TESTER KIT

b sofort bietet Dostmann electronic GmbH – Spezialist für elektronische Messgeräte – pHund Wasseranalyse-Messgeräte im Taschenformat an. Die Instrumente lassen sich besonders einfach kalibrieren. Je nach Modell können Flüssigkeiten und halbfeste Medien nach den Messgrößen pH, REDOX, Leitwert, TDS, Salzgehalt und Temperatur analysiert werden. Speziell das PH 5 Food Tester Kit eignet sich ideal für die Messung von pH-Werten im Lebensmittelbereich. Halbfeste Medien, wie z.B. Fleisch, lassen sich durch die in bruchsicherem Kunststoff eingearbeitete und leicht austauschbare pH-Elektrode problemlos messen. Die Elektrode ist in einer Gel-Lösung gelagert, wodurch ein Auslaufen der Flüssigkeit verhindert, und dadurch das Nichtaustrocknen der Sonde gewährleistet wird. Das Gerät besitzt eine automatische Temperatur­k ompensation sowie eine automatische End-

werterkennung bei Kalibration und Messung. Ein weiteres Highlight ist das dreifarbig beleuchtete LED-Display in Blau, Grün und Rot, welches den aktuellen Status des Gerätes (Mess- Kalibrier- und Alarmmodus) anzeigt. Das Gerät besitzt die Möglichkeit einer 1-, 2-, oder 3-Punkt Kalibrierung. Das PH 5 FOOD wird in einem robusten Koffer mit den Pufferlösungen pH7 und pH4, e­ iner Aufbewahrungsflüssigkeit, inkl. Batterien, Halteclip und einer Kordel (Neck Strap) ausgeliefert. Die Tester-Kit-­Serie hat einen Messbereich von 0°C bis +50°C (±0,2°C Genauigkeit) und –2,00 pH bis 16,00 pH (Genauigkeit von ±0,01 pH). INFORMATION: Dostmann electronic GmbH Wolfgang Dostmann Waldenbergweg 3b 97877 Wertheim Tel. +49 (09342) 308-90, Fax. +49 (09342) 308-94 info@dostmann-electronic.de, www.dostmann-electronic.de

ie Nährwertkennzeichnung soll den Verbraucher über die Zusammensetzung von Lebensmitteln informieren und ihm helfen, eine fundierte Wahl zu treffen. Bis dato ist die Nährwertdeklaration lediglich verpflichtend, wenn nährwert- oder gesundheitsbezogene Angaben gemäß Health Claims Verordnung (EU) 1924/2006 gemacht werden oder ein Lebensmittel im Sinne der Verordnung (EU) 1925/2006 angereichert wird. Ab dem 13. Dezember 2016 zählt eine korrekte Nährwertdeklaration jedoch zu den Pflichtangaben auf einem vorverpackten Lebensmittel. Rechtliche Grundlage für die Nährwertkennzeichnung ist die Lebensmittelinformationsverordnung (EU) 1169/2011. Welche Daten können he­ rangezogen werden? Der angeführte Brennwert und die deklarierten Nährstoffmengen können sich auf das Lebensmittel „as sold“ (wie es verkauft wird) oder auf das gemäß Anleitung zubereitete Produkt beziehen. Die angegebenen Zahlen müssen auf anerkannten Literatur- und Datenbankdaten oder auf Analysedaten des Herstellers basieren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die angeführten Nährwertangaben immer auf den zum Verzehr vorgesehenen Anteil eines Lebensmittels zu beziehen sind. Dies muss beispielsweise bei Produkten mit nicht zum Verzehr vorgesehenen Aufgussflüssigkeiten, wie Konserven oder Essiggemüse, berücksichtigt werden. Vorteile der Analyse Änderungen der Zusammensetzung, welche im Rahmen der Herstellung entstehen, haben Auswirkungen auf den Nährwert Ihres

Lebensmittels. Beispielsweise müssen Nährstoffänderungen, welche durch den Nährstoffaustausch mit Aufgussflüssigkeiten oder während der Zubereitung (z.B. durch Backen, Kochen oder Frittieren) entstehen, zwingend berücksichtigt werden. Werden Literaturdaten für die Angabe der Nährwerte herangezogen, müssen diese Änderungen einberechnet werden. Auch bei Lebensmitteln, welche aus vielen Einzelzutaten bestehen, kann die Berechnung der Nährstoffzusammensetzung aus Literaturangaben sehr aufwendig sein. Die Nährwertanalyse stellt hierzu eine unkomplizierte Alternative dar, welche Ihnen konkrete Zahlen für die Nährwerttabelle Ihres Produktes liefert. Ausnahmen Die Ausnahmen von der verpflichtenden Nährwertkennzeichung umfassen beispielsweise unverarbeitete Erzeugnisse, die aus einer Zutat bestehen; Trinkwasser; Kräuter; Gewürze; Salz; Tafelsüße; Kaffee; Tee; Gärungsessig; Kaugummi; Lebensmittel in Kleinpackungen (größte Oberfläche unter 25 cm2) sowie Lebensmittel (auch handwerklich hergestellte), die in kleinen Menge durch den Hersteller direkt an den Endverbraucher abgegeben werden. LVA Service Die LVA bietet ihren Kunden als besonderen Service für 2016 bei Auftragserteilung bis 30.6.16 verschiedene Nährwertpakete zu attraktiven Preisen an. Gerne beraten wir Sie zu diesem Thema und freuen uns auf Ihre Anfrage unter service@ lva.at oder telefonisch unter Tel.: 02243 26622-4210.

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16 wirtschaft economy

WAS BRINGT DAS ­ NERGIEEFFIZIENZGESETZ? E Eine unendliche Geschichte? NACH JAHRELANGEM HIN UND HER WURDEN ENDE DES JAHRES 2015 ENDLICH DIE LETZTEN WEICHEN FÜR DIE UMSETZUNG DES AM 1. JÄNNER 2015 IN KRAFT GETRETENEN BUNDES-ENERGIEEFFIZIENZGESETZES GESTELLT. NICHT OHNE KRITIK TRAT AM 1. JÄNNER 2016 DIE RICHTLINIENVERORDNUNG ZUM BUNDES-ENERGIEEFFIZIENZGESETZ IN KRAFT. NUN DARF MAN GESPANNT SEIN, WELCHE WEITEREN ENTWICKLUNGEN SICH RUND UM DIE UMSETZUNG DES GESETZES ERGEBEN.

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as Bundes-Energieeffizienzgesetz (EEffG) beschäftigt die Wirtschaft nun schon seit knapp 4 Jahren. Unzählige Stakeholder – Ministerien, Interessensvertretungen, Energieversorgungsunternehmen, Beratungsunternehmen, energieverbrauchende Unternehmen, Universitäten usw. – haben sich jahrelang die Köpfe darüber zerbrochen, wie man wohl die gesetzlichen Vorgaben aus Brüssel (EU-Energieeffizienzrichtlinie) in einem österreichischen Rechtsakt verankert. Ein „Schmankerl“ in der Historie der Entstehung des Gesetzes ist wohl, dass es schon Anfang 2012, Monate vor dem Inkrafttreten der EU-Energieeffizienzrichtlinie (November 2012), Entwürfe für ein überaus strenges österreichisches Energieeffizienzgesetz gab, welche dann auch v.a. durch Einwirken der Wirtschaftskammer nicht mehr in dieser Form weiterverfolgt wurden. Ein „golden plating“ von EU-Vorschriften konnte in diesem Fall erfreulicherweise vermieden werden. Von Ende 2012 bis Mitte 2014 folgten mehrere Begutachtungsverfahren von Gesetzesvorschlägen in unterschiedlichsten Ausprägungen. Diese wurden von intensiven Verhandlungen begleitet. Am 9. Juli 2014 wurde schlussendlich das vorliegende Bundes-Energieeffizienz-

ANDRÉ BUCHEGGER

gesetz mit einer 2/3-Mehrheit (Zustimmung der Grünen) im Nationalrat beschlossen. Am 11. August 2014 wurde es im Bundesgesetzblatt kundgemacht. Die zentralen Normen des Gesetzes traten dann am 1. Jänner 2015 in Kraft. Ende April 2015 wurde dann, nach einer vorangegangen, ersten missglückten öffentlichen Ausschreibung, die Österreichische Energieagentur zur Energieeffizienz-Monitoringstelle bestellt. Damit wurde – mit großer Verspätung – ein wichtiger Meilenstein in der Umsetzung des Bundes-Energieeffizienzgesetzes gesetzt. Ein weiterer bedeutender Baustein im Rahmen der Umsetzung des Gesetzes ist die Richtlinienverordnung (RL-VO). Ein Arbeitsentwurf wurde, bereits in der Vorbegutachtungsphase, seitens der Wirtschaft entschieden abgelehnt. Die Ausgestaltung der RL-VO ist besonders für die Anrechenbarkeit, Bewertung und Teilbarkeit von Energieeffizienzmaßnahmen von großer Bedeutung. An der Richtlinienverordnung wurde mehr als ein halbes Jahr intensiv gearbeitet. Die WKÖ – in enger Abstimmung mit der Bundessparte Industrie – war in den diversen Phasen der Erarbeitung intensiv und mitgestaltend

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eingebunden. Die Begutachtung konnte erst gestartet werden, nachdem die einvernehmungsberechtigten Ressorts BMASK und BMLFUW dazu ihre Autorisierung gegeben haben. Dies war auch ein wesentlicher Grund dafür, dass die Erarbeitung der Verordnung so langwierig war. Auch im Laufe des Begutachtungsverfahrens bzw. nach der Begutachtung wurde noch heftig verhandelt. Am 27. November 2015 wurde schluss­ endlich die Richtlinienverordnung zum EEffG vom BMWFW gemeinsam mit BMLFUW und BMASK beschlossen. Die Anliegen der Wirtschaft wurden weitestgehend berücksichtigt. Die Basis für die praxisorientierte, effiziente und rechtssichere Umsetzung des EEffG wurde geschaffen. Die Verordnung wurde am 30. November 2015 kundgemacht, ist mit 1. Jänner 2016 in Kraft getreten und sollte, basierend auf dem Gesetz, die konkreten Rahmenbedingungen für die Unternehmensverpflichtungen (verbrauchende Unternehmen und Lieferanten) schaffen. Sollte, denn es wäre nicht das EEffG, wenn es nicht auch im Zusammenhang mit der bereits beschlossenen Richtlinienverordnung zu Problemen gekommen wäre, v.a. bezüglich der korrekten


§ 17

wirtschaft economy

Im Speziellen ging es dabei um die Frage, ob ein Maßnahmensetzer seine Maßnahmen spätestens bis zum Stichtag 14. Februar des jeweiligen Folgejahres an einen Energielieferanten übertragen muss, um zu verhindern, dass die Maßnahme wertlos wird bzw. ob eine erstmalige Übertragung vom Unternehmen, das die Maßnahme gesetzt hat, auf einen (anderen) Energielieferanten auch nach dem 14. Februar noch zulässig ist? Erst kurz vor dem Jahreswechsel wurde der WKÖ vom Kabinett des Vizekanzlers mittgeteilt, dass die Ansicht vertreten wird, dass im Energieeffizienzgesetz zwischen „Weiterübertragung“ und „Erst­übertragung“ unterschieden wird. Eine „Erstübertragung“ ist somit auch nach dem 14. Februar des dem Setzen der Energieeffizienzmaßnahme unmittelbar folgenden Jahres möglich („Banking“). Damit schloss sich das BMWFW bzw. der Vizekanzler dem von der WKÖ eingebrachten Rechtsgutachten an. Diese Entscheidung schafft die Möglichkeit, dass Unternehmer frei entscheiden können, ob sie ihre Maßnahmen gleich an einen Energielieferanten abgeben (verkaufen) oder zu einem späteren Zeitpunkt verwerten wollen! Konkret bedeutet das, dass ein Unternehmen seine Maßnahmen bis spätestens 14. Feburar des Folgejahres in eine Datenbank der Monitoringstelle einmelden muss. Dafür ist vorher eine Registrierung im USP (Unternehmensserviceportal) notwendig. Eine Erstübertragung an einen Energielieferanten ist dann auch nach 14. Februar möglich (unbefristet – bis zur Abwicklung des letzten Verpflichtungsjahres 2020). Eine Weiterübertragung nach dem 14. Februar ist jedoch nicht mehr möglich. Der Energielieferant kann diese Maßnahmen somit nur noch erwerben, um sie für sich selbst zu verwenden. Durch diese Regelung kann vermieden werden, dass Maßnahmensetzer nicht unter Druck bis zu einem bestimmten Tag ihre Maßnahmen an Energielieferanten übertragen müssen, um zu verhindern, dass danach die Maßnahmen

wertlos sind. Darüber hinaus gehen wichtige Maßnahmen, die der Erreichung der österr. Energieeffizienzziele dienen, nicht verloren. Weitere wichtige Punkte, die in der Richtlinienverordnung geregelt wurden, sind: • Betriebliche Maßnahmen Betriebliche Maßnahmen können mit der Bestätigung eines gemäß § 17 EEffG regis­ trierten Auditors angerechnet werden. Es sind keine weiteren Gutachten erforderlich. Dies ist in § 9 Abs 2 RL-VO in Verbindung mit Anlage 1a geregelt. • Teilbarkeit von Maßnahmen Gemäß § 17 Abs 2 können Maßnahmen > 1 MWh auf mehrere Lieferanten aufgeteilt werden. Damit wird einem dringenden Bedarf der Energieeffizienz-Investoren entsprochen. Ansonsten wäre die wirtschaftliche Verwertbarkeit großer Maßnahmen stark eingeschränkt. • Fertigstellung von Audits Die Notwendigkeit der Fertigstellung von Audits und Energiemanagementsystemen (EMS) bis 30. November 2015 ist nicht in der Verordnung verankert. Stattdessen wird der Monitoringstelle (MS) eine Frist bis 31. Dezember 2016 gesetzt, um die Erfüllung der Verpflichtungen gemäß § 9 EEffG zu evaluieren (§ 21 Abs 3). Die Anordnung des Eruierens betrifft nur die Meldung der Erfüllung der Verpflichtung, die ohnedies schon im Gesetz festgeschrieben ist. Wir empfehlen das Audit bzw. das EMS so rasch wie möglich fertigzustellen bzw. zu implementieren und der Monitoringstelle zu melden. Die in diesem Artikel aufgezeigten Aspekte zeigen, dass es sich beim Bundes-Energieeffizienzgesetz wirklich um eine „unendliche Geschichte“ handelt, und wir dürfen gespannt sein, welche Überraschungen uns im Zusammenhang mit diesem Gesetz in Zukunft noch erwarten. In Brüssel wird aktuell schon über eine Novelle der EU-Energieeffizienzrichtlinie nachgedacht. Im November 2015 hat dazu eine öffentliche Konsultation stattgefunden. Einen ersten Richtlinienvorschlag seitens der Europäischen Kommission soll es dann in der 2. Hälfte des Jahres 2016 geben. Dies scheint durchaus bedenklich, da

©  SERGEY PETERMAN

Auslegung des Aspektes „Banking von Energieeffizienzmaßnahmen durch verbrauchende Unternehmen“.

die bestehende EU-Richtlinie bis jetzt noch nicht einmal in allen Mitglied­ staaten vollständig umgesetzt wurde. Alles in allem erwarten uns bestimmt spannende Zeiten und vor allem große Herausforderungen rund um das Thema Energieeffizienz. Mag. André Buchegger Energie- und Umweltpolitik Bundessparte Industrie Wirtschaftskammer Österreich andre.buchegger@wko.at www.wko.at/industrie

Weiterführende ­Informationen unter:

www.wko.at/­ energieeffizienz www.monitoringstelle.at www.bmwfw.gv.at/­ EnergieUndBergbau/­ Energieeffizienz ec.europa.eu/energy/en/­ topics/energy-efficiency/ energy-efficiency-directive

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18 technik technology

SO STEIGT DIE ENERGIEEFFIZIENZ DAS BUNDES-ENERGIEEFFIZIENZGESETZ ALS CHANCE TOBIAS PRÖLL, DAVID WÖSS

Das Bundes-Energieeffizienzge­ setz Österreich hat 2015 zur Erfüllung der europäischen Vorgaben das Bundes-Energieeffizienzgesetz (EEffG) erlassen. Es betrifft in erster Linie Energieversorgungsunternehmen, aber auch Großunternehmen aus dem produzie-

renden Bereich sowie die unter Bundesverwaltung stehenden öffentlichen Gebäude. Aus der Lebensmittelbranche sind also derzeit nur Unternehmen direkt betroffen, die 250 oder mehr Beschäftigte aufweisen oder deren Jahres­ umsatz 50 Mio. Euro übersteigt. Die kleinen und mittelständischen Unternehmen werden zwar erwähnt, die im Gesetz definierten Energiemanagementmaßnahmen (siehe Abb. 1) sind aber nur für Großunternehmen verpflichtend umzusetzen. Audit oder Managementsystem? Wie aus Abb. 1 hervorgeht, steht es den Unternehmen frei zu entscheiden, ob ein Energiemanagementsystem eingeführt oder mit externen Auditoren gearbeitet wird. Die Abhaltung externer Audits dürfte speziell für Unternehmen, die nicht bereits über auf Energieverbrauchsmonitoring ausgerichtete Strukturen verfügen, einen geringeren Aufwand bedeuten. Trotzdem sind auch für ein externes Audit im Vorfeld die Energiekennzahlen im Unternehmen selbst zu ermitteln. Ist ein Energie- oder Umweltmanagementsystem implementiert, kann das Energieaudit intern im Unternehmen erfolgen. Als von EEffG anerkannte Managementsysteme gelten nach EN 16001, ISO 50001 oder ISO 14000 zertifizierte oder gleichwertige Instrumente. Die Managementsystemlösung hat speziell dort Vorteile, wo bereits

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Tobias Pröll

David Wöß

andere Managementsysteme (z.B. ISO 9001) implementiert sind. Hier kann in Form eines integrierten Managementsystems ein Mehrwert geschaffen werden. Ebenso ist die Einführung des Managementsystems angezeigt, wenn im Unternehmen selbst energietechnische Kompetenzen vorhanden sind. Eine Zertifizierung im Energieeffizienzbereich kann zukünftig Wettbewerbsvorteile bringen. Schikane oder Chance? Die Erfassung und Dokumentation von Energieverbrauchskennzahlen ist für die Unternehmen unmittelbar mit Aufwand verbunden. Ist deswegen Ärger angesagt oder bietet das Energiemanagement mittel- bis langfristig wirtschaftliche Vorteile? Dazu ist es notwendig, die vom Gesetz von Großunternehmen geforderten Schritte etwas genauer zu betrachten. Verpflichtend ist lediglich die Definition

©  ARCHIV (2)

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uropa ist, wie keine andere Weltregion, von Energie­ importen abhängig. Der globalisierte Energiehandel und die damit verbundenen Interessen sind immer wieder Mitauslöser militärischer Konflikte, die in zunehmenden Maße auch Europa betreffen. Dazu kommt die Verantwortung für den Klimawandel, die anzunehmen sich Europa im Besonderen bereiterklärt hat. Soll unser Klima stabilisiert werden, errechnet die OECD (IEA Energy Outlook 2013), ist mittelfristig eine massive Senkung des CO2-Ausstoßes notwendig. Der tatsächliche Trend beim CO2-Ausstoß weist nach wie vor nach oben. Die Europäische Union hat sich deshalb bereits 2008 ehrgeizige Ziele gesetzt, die unter anderem bis 2020 eine Energieeffizienzsteigerung von 20% gegenüber 2005 vorsehen. Da der Großteil der CO2-Emissionen auf Energiebereitstellung zurückzuführen ist, wirkt sich eine Energieeffizienzsteigerung direkt auf die CO2-Emissionen aus. Durch die Effizienzsteigerung wird aber auch der Import­abhängigkeit begegnet.


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©  ALEXANDER SCHUMERGRUBER

und Bewertung von Energieeffizienzmaßnahmen sowie die Dokumentation der Audit-Ergebnisse. Es besteht keine Umsetzungsverpflichtung der vorgeschlagenen Maßnahmen und es gibt auch keine gesetzliche Sanktion, wenn Effizienzziele gemäß ISO 50001 nicht erreicht werden. Das heißt, der Gesetzgeber geht davon aus, dass wirtschaftlich sinnvolle Effizienzmaßnahmen, einmal erarbeitet und bewertet, von den Unternehmen freiwillig umgesetzt werden, da daraus Wettbewerbsvorteile erwachsen. Das heißt, dass die ausgelösten Prozesse wirtschaftliche Vorteile bringen (müssen). Aus dieser Perspektive kann auch die Erwähnung der kleinen und mittleren Unternehmen im Gesetz gesehen werden, denen die Energiemanagementmaßnahmen zwar nicht vorgeschrieben, aber explizit empfohlen werden. Den kleineren Unternehmen sollen die Vorteile durch Energieeffizienz also nicht vorenthalten werden. Sind 20% Energieeffizienzsteige­ rung in der Lebensmittelproduktion re­ alistisch? Wie funktioniert Energieeffi­ zienzsteigerung im Produktionsbereich? Der Begriff „Energiesparen“ wird gemeinhin mit Einschränkungen, mit Komfortverlust assoziiert. Darum kann es in der Produktion von Lebensmitteln, die strengen Qualitätsanforderungen unterliegen, nicht gehen. Brauchbare Lösungen stellen keine Behinderung der Produktionsprozesse dar, sondern erhöhen im Idealfall sogar die Produktionskapazität am Standort. Einfache Maßnahmen betreffen den Tausch von Leuchtmitteln oder elektrischen Antrieben für Pumpen oder Gebläse. Andere Maßnahmen, die ebenfalls mit relativ geringen Eingriffen in die Prozesse möglich sind, betreffen die Optimierung des Heiz- und Kühlbedarfes durch Anpassung der Luftwechselzahlen an die Produktionszeiten. Hier sind durch Bausubstanz und vorhandene technische Systeme unmittelbare Grenzen gesetzt. Diese Effizienzmaßnahmen sind relativ einfach zu bewerten und die dadurch erreichbare Verbesserung ist stark von der Ausgangssituation abhängig. Um darüber hinaus eine wesentliche Energieeffizienzsteigerung zu erreichen, muss in die Energieversorgung der Produktionsprozesse einge-

Großunternehmen oder Energie- oder Umweltexternes Energieaudit managementsystem inkl. mind. alle vier Jahre ext. oder int.Energieaudit entweder

Festlegung von AnwenDokumentation der Durchführung und der dungsbereich und Grenzen Ergebnisse des Audits des Managementsystems Meldepflicht der Ergebnisse an die nationale Energieeffizienz-Monitoringstelle Abb. 1: Verpflichtende Energiemanagementmaßnahmen für Großunternehmen.

Energie in Rohstoffen

Bilanzkreis Produktionsprozess stationäre Antriebe

El. Energie

mobile Antriebe

Erdgas

Beleuchtung

Heizöl EL

Prozesswärme

Kraftstoffe Biogas Biomasse

Raumwärme, Sanitär Kälteerzeugung kaskadische Nutzung

chem./phys. Energie in Produkten Abwärme mit Produkten Abwärme Gebäudehülle Abwärme Abluft Abwärme Kältetechnik

Abb. 2: Energieströme durch einen Produktionsbetrieb.

Abb. 3: Kältezentrale Utzenaich, Fa. Großfurtner.

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20 technik technology

Abb. 4: Jährliche Energiemengenströme vor den Effizienzmaßnahmen (A) und nachher (B).

Abb. 5: Energieverbrauch und CO2-Emissionen vor und nach der Effizienzsteigerungs­ maßnahme.

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griffen werden. Dabei geht es um eine intelligente, aber jedenfalls robuste Kreislaufführung von Energieströmen. Ein allgemeiner Energiefluss durch einen Produktionsbetrieb ist in Abb. 2 dargestellt. Im Endeffekt landet der gesamte Energieeinsatz, der nicht in den Produkten steckt, als Abwärme in der Umgebung. In vielen Produktionsprozessen wird Wärme lediglich auf moderaten Temperaturniveaus benötigt. Diese Nutzwärme wird typischerweise über Kesselanlagen (Erdgas, Flüssiggas oder Heizöl extra leicht) ­bereitgestellt. Andererseits fällt in der Produktion Wärme auf unterschiedlichen Temperaturniveaus an. Diese Abwärme wird gewöhnlich über Tischkühler, Luftkondensatoren oder mit Abluftströmen an die Umgebung abgegeben. Gelingt es nun, die Abwärme direkt oder nach einer Anhebung des Temperaturniveaus über eine Wärmepumpe zur Versorgung des Produktionsprozesses heranzuziehen, sind wesentliche Energieeffizienzeffekte möglich, die weit jenseits des 20% Zieles liegen. Insbesondere in der Lebensmittelindustrie ist ein solches Potenzial überall dort gegeben, wo kältetechnische Anlagen betrieben werden und andererseits ein Wärmebedarf auf moderaten Temperaturniveaus gegeben ist (Pasteurisatoren, Waschanlagen etc.). Unter kaskadischer Wärmenutzung wird die Nutzung von Abwärme generell verstanden. Dabei können Teilprozesse direkt versorgt werden, die Wärme auf tieferen Temperaturniveaus als dem des Abwärmestroms benötigen. Aber selbst wenn die Temperaturen für eine direkte Nutzung nicht ausreichen, kann das Temperaturniveau durch moderaten Einsatz von elektrischer Energie mittels Wärmepumpen angehoben werden (aktive Wärmeintegration). Fallbeispiel Fleischproduktion Am Betriebsstandort der Fa. Großfurtner in Utzenaich/Österreich wurden im Zuge der Erneuerung der Kältezentrale 2014 integrierte Energiekonzepte erstellt. Die fleischproduzierende Betriebsstätte benötigt neben dem Kältebedarf für Kühl- und Gefrierlagerung auch produktionsbedingt Wärme für die Brauchwasserbereitung bzw. für die Heizung der Produktionshalle. Die durch das Auslaufen der Zulassung für das Käl-


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© INDUSTRIEBLICK

technik technology

temittel R22 notwendige Neugestaltung der Kälteanlage konnte genutzt werden, um eine kaskadische Nutzung der Abwärme zu implementieren. Dabei wurde der Kälteprozess nicht nur auf die Bereitstellung der Kälteleistung optimiert, sondern gleichzeitig auf die Bedürfnisse der Wärmeproduktion abgestimmt. Um eine optimale Nutzung der Abwärme zu ermöglichen, wurden auch die Wärmeverbraucher näher betrachtet. Dabei zeigte sich, dass durch verbraucherseitige Temperatur­ niveau­optimierungen ein Großteil der Kondensationsabwärme der Kälte­ anlage verwendet werden kann, wenn diese auf ein Temperaturniveau von lediglich 40 °C angehoben wird. Wird ein höheres Temperaturniveau benötigt, so kann noch auf die Ölrückkühlung bzw. Heißgasenthitzung im Kälteprozess zurückgegriffen werden (Sammelschiene 60°C). Werden darüber hinaus noch höhere Temperaturen benötigt, so kann noch mit dem bestehenden Gaskessel nachgeheizt werden. Dies ist für die Bereitstellung von z.B. Sterilwasser nötig. Zusätzlich wurden noch Optimierung im Bereich der Kühlräume (Austausch von Ventilatoren und Registern) durchgeführt sowie hocheffiziente Verdichtertechnologie in der Kältetechnik implementiert. In Abb. 4 sind die jährlichen Energiemengenströme vor und nach der Effi-

zienzsteigerungsmaßnahme graphisch dargestellt. Dabei zeigt sich, dass im Vergleich zum Ausgangszustand der Großteil der fossil bereitgestellten Wärme durch die kaskadische Nutzung eingespart werden kann. Durch die Neugestaltung der Kälteanlage (Verdichter, Ventilatoren) konnte ebenfalls der Strombedarf gesenkt werden. Betrachtet man den jährlichen Ressourceneinsatz von Gas und Strom (Abb. 5), so zeigt sich, dass eine 82 % Einsparung von Erdgas im Vergleich zum Vorzustand erzielt werden konnte. Beim jährlichen Stromeinsatz können im selben Vergleichsfall zusätzlich 21 % an Einsparungen erzielt werden. Es zeigt sich, dass in der Vergleichssituation die Wärmenutzungskaskade zu einer fundamentalen Reduktion des Erdgasverbrauchs für die Wärmebereitstellung führt. Die ökologischen Vorteile dieser Effizienzsteigerungsmaßnahme können am Beispiel der CO2-Äquivalentemissionen dargestellt werden. Für die Berechnung des CO2-Äquivalents wurde für den Bereich der Kältetechnik der „TEWI“ (Total Equivalent of Warming Impact) und die CO2-Emissionen für die Bereitstellung von Wärme aus Erdgas verwendet. Beim TEWI werden sowohl direkte Emissionen durch die Verwendung von Kältemitteln als auch Emissionen durch den Stromverbrauch der Kälteanlage erfasst. Bei der Berechnung der Emissionen für Strom und Gas wurde neben

den Gestehungsemissionen auch der Transport der Energieträger mitberücksichtigt. Vergleicht man auf dieser Basis die jährlichen CO2-Äquivalentemissionen, so kann im Vergleich von einer Halbierung der Emissionen ausgegangen werden (56 % CO2-eq-Einsparung). Dies entspricht ca. 650 Tonnen CO2 jährlich. Wirtschaftlich gesehen amortisieren sich die Mehrkosten der Kaskade im Vergleich zur Standard-Neugestaltung in etwa fünf Jahren. Da die Anlage durch Mittel des Klima- und Energiefonds durch die KPC gefördert wurde, verringerte sich die Amortisationszeit auf 4 Jahre. Da die erwartete Anlagenlaufzeit bei 15–20 Jahren liegt, ergeben sich klare Wettbewerbsvorteile durch die Energieeffizienzmaßnahme. Diese Arbeit zeigt anhand eines realen Beispiels, dass durch optimierte Abwärmenutzung vor Ort langfristig eine CO2-Emissionsreduktion von Betrieben bei gleichzeitigen wirtschaftlichen Vorteilen erreicht werden kann. Univ. Prof. DI Dr. Tobias Pröll, DI David Wöss Institut für Verfahrens- und Energietechnik, Department für Materialwissenschaften und Prozesstechnik, Universität für Bodenkultur, tobias.proell@boku.ac.at david.woess@boku.ac.at

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22 technik technology

FINANZIEREN MIT DER CROWD WELCHE CHANCEN BIETEN CROWDFUNDING UND CROWDINVESTING DEN UNTER­ NEHMEN FÜR DIE FINANZIERUNG VON MASSNAHMEN DER ENERGIEEFFIZIENZ?

Das Projekt GREENFOODS Unter Federführung von AEE INTEC setzte das internationale Projektkonsortium mit starker österreichischer Beteiligung eine Reihe von Aktivitäten, die Nahrungsmittel- und Getränkeproduzenten auf dem Weg hin zu Energieeffizienz und Senkung der fossilen CO2-Emissionen unterstützen1: Neben Energieaudits und Umsetzungsbegleitung bei Energiemaßnahmen wurde mit dem GREENFOODS-Branchenkonzept ein Berechnungstool erstellt, das es ermöglicht, unterschiedliche Lösungen zur Verbesserung der Energieeffizienz oder zur Integration von erneuerbaren Energiequellen in den Produktionsprozess einfach, schnell und trotzdem umfassend zu bewerten. Es ist kostenlos online erhältlich. Ergänzend

dazu konzipierten die Projektpartner ein spezielles 3-tägiges Training2, das 2015 bereits zwei Mal erfolgreich in Österreich abgehalten wurde, und das auch 2016 wieder angeboten werden wird. Auch das Thema Finanzierung und Förderung von Energiemaßnahmen wurde beleuchtet, da mangelnde finanzielle Mittel gerade von KMU oft als Hindernis für die Umsetzung an sich wirtschaftlicher Maßnahmen genannt wurden. Als Ergänzung zu bekannten und etablierten Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten in Österreich wie der Umweltförderung im Inland, AWS-Förderungen und Garantien, herkömmlichen Bankkrediten sowie der durch das Energieeffizienzgesetz neu eröffneten Möglichkeit, Energiesparmaßnahmen direkt oder über Intermediäre wie Handelsplattformen an verpflichtete Energielieferanten zu verkaufen3, wurde das aktuell stark in den Medien präsente „Crowdinvesting“ betrachtet.

Crowdfundingtypen und B ­ eispiele „Crowdfunding“ umfasst als Überbegriff mehrere Modelle5, die hier kurz beschrieben und mit Beispielen österreichischer Projekte mit Bezug zur Lebensmittelbranche oder zu Energiethemen illustriert sind. Üblicherweise unterscheidet man folgende vier Typen:

Was ist Crowdfunding bzw. Crowd­ investing? Die Idee, dass sich viele Menschen mit kleineren Beträgen an der Finanzierung eines Projekts oder Unternehmens beteiligen, ist nichts Neues, letztendlich entspricht auch die Ausgabe von Aktien eines Unternehmens dieser Logik, wenn auch in ganz anderen Dimensionen. In den letzten Jahren gab es bereits eine Reihe von Initiativen einzelner Unternehmen oder auch Gemeinden, beispielsweise Solar- oder Windkraftanlagen über Bürgerbeteiligungsmodelle gemeinsam mit engagierten Unterstützern – meist aus der Region oder aus dem bestehenden Kundenkreis – zu

Geld für Beteiligung (Equity based Crowdfunding) Diese Form wird auch als „Crowdinvesting“6 bezeichnet und ermöglicht eine Beteiligungsfinanzierung, meist schon ab Beträgen von ca. 100 Euro. Sie wird meist für die Frühphasenfinanzierung von Startups oder für Innovationsprojekte in Klein- und Mittelunternehmen angewendet. Die Crowd­investoren sind mittels Genussscheinen oder als typischer stiller Gesellschafter am Unternehmen beteiligt, sie können ihre Einlage auch verlieren. Mit diesem Modell wurden in Österreich bereits eine Reihe von Getränkeneuheiten wie beispielsweise Omis Apfelstrudelsaft

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finanzieren. 4 Die Gegenleistungen erfolgten dabei üblicherweise entweder in Form von Geld oder auch von Einkaufsgutscheinen für Produkte der jeweiligen Betriebe, wie z.B. eines Sonja Starnberger Schuh- und Möbelherstellers oder einer Brauerei. Nach Art der Gegenleistung werden mehrere Arten von Crowdfunding unterschieden:

© PRIVAT

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rowdfunding bietet die Möglichkeit, ein Vorhaben mit Hilfe einer großen Zahl an kleinen Beiträgen vieler Investoren (der „Crowd“) finanzieren zu können. In Zeiten strengerer Regulierungsvorschriften für die Kreditwirtschaft, die vor allem für kleine und mittlere Unternehmen den Zugang zu Finanzierungen erschweren, ist die Suche nach Alternativen nicht mehr nur für Startups und hochinnovative Technologieunternehmen ein Thema. Das Energieinstitut der Wirtschaft ist im Rahmen des Projekts GREENFOODS daher der Frage nachgegangen, ob und unter welchen Bedingungen es auch für Betriebe der Lebensmittelbranche Sinn macht, sich damit auseinanderzusetzen, wenn sie Mittel für Investitionen in Energieeffizienz oder die Anwendung Erneuerbarer Energien im Betrieb benötigen.

SONJA STARNBERGER


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oder der Anti-Hangover-Drink Kaahée, aber auch vegane Pastaspezialitäten oder ein Ökostromprojekt finanziert.7 Geld für Zinsen (Lending based Crowdfunding) Private Geldgeber verleihen ihr Geld über einen Plattformbetreiber oder direkt an ein Unternehmen ihrer Wahl, in der Regel gegen Zahlung von Zinsen. Üblicherweise werden keine Sicherheiten gegeben. Aus rechtlichen Gründen ist es wesentlich, hier die Form des „nachrangigen Darlehens“ zu wählen, was bedeutet, dass im Falle der Insolvenz zuerst alle anderen Forderungen anderer, vorrangiger Gläubiger vollständig befriedigt werden und erst dann die der Nachranggläubiger, wenn dies dann noch möglich ist. Ein Verlust des Darlehens ist also möglich. Wegen der Nachrangigkeit werden oft höhere Zinsen als bei üblichen Darlehen zugesagt. Diese Finanzierungsform kann insbesondere für bestehende Unternehmen, bei denen kein besonders rasantes Wachstum angestrebt wird, sondern das eine oder andere Projekt – wie eine Energieeffizienzmaßnahme – umgesetzt werden soll, interessant sein. In Deutschland ist bereits eine Plattform aktiv, die sich auf das Thema Energiemaßnahmen spezialisiert hat, und über die z.B. Darlehen für die Beleuchtungsoptimierung in einer Druckerei oder ein Blockheizkraftwerk in einem Hotel zu Zinssätzen von sechs bis sieben Prozent organisiert wurden.8 Einige österreichische Plattformen untergliedern die Zinsen in einen Basiszins und einen Bonuszins, der nur dann ausbezahlt wird, wenn die Unternehmens­ entwicklung sehr positiv verläuft und bestimmte Zielwerte erreicht werden. Dazu kann auch ein „Naturalzins“, beispielsweise in Form einer gewissen Menge des produzierten Gutes kommen, was sich gerade auch in der Lebensmittelbranche anbietet. Das „Landhaus am Harrachberg“ erhielt so beispielsweise für die Optimierung seiner steirischen Mini-Kiwi-Plantage ein Darlehen von 85.500 Euro, das für die Crowd 3,5 % Basiszins plus 2,5 % Bonuszins und 1 % Naturalzins (ab 1.000 Euro Investment 1kg Mini-Kiwis zur Selbsternte) abwirft.9 Geld für Anerkennung (Reward ba­ sed Crowdfunding) Geldgeber erhalten eine materielle oder ideelle Anerkennung

vom Projektumsetzer, es fließt aber kein Geld an sie zurück. Beispielsweise wurden für „Mana’s 1. große Apfelwein­ ernte“,10 ca. 9.000 Euro eingeworben. Unterstützer bekamen je nach Höhe ihres Beitrags z. B. einen Danke-Eintrag auf der Website, Gutscheine für Apfelbaumpflegeworkshops oder mehrere Flaschen Apfelwein. Ähnlich die „Goodies“ bei der Kampagne für „Paleo To Go BIO Beef Jerky“11, bei der die Geldgeber u.a. unterschiedliche Mengen des Produkts, eines Rindfleisch­snacks, erhalten. Geld für eine gute Tat (Donation based Crowdfunding) Bei dieser Variante geht es meist darum, Projekte aus der Kreativ-, Kultur- und Kunstszene oder wohltätige Projekte zu ermöglichen. Die Spender beteiligen sich in der Regel mit sehr geringen Beträgen und erhalten keine Gegenleistung. Crowdfunding-Plattformen Am 1.9.2015 trat das österreichische Alternativfinanzierungsgesetz in Kraft, das die Rahmenbedingungen für verschiedene Finanzierungsinstrumente absteckt, beispielsweise welche Informationspflichten gegenüber den Investoren das Unternehmen bei welcher Betragshöhe hat. Auch wenn der Rechtsrahmen damit an Klarheit gewonnen hat, ist die korrekte Abwicklung einer Crowdfunding-Kampagne für Unternehmen, deren Kern-

geschäft ein anderes ist, nicht trivial. Wer die Aktion nicht im Alleingang durchführen möchte, kann sich einer spezialisierten Crowdfunding-Plattform bedienen, die nicht nur das rechtliche Know-how, Musterverträge und die Koordination der Vertragsabschlüsse mit den Investoren, sondern auch eine Web-Infrastruktur und Präsentationsfläche anbietet. Viele haben auch bereits eine „Crowd“ von Interessenten, die laufend über neue Projekte informiert werden. Somit ist es auch kleineren Unternehmen möglich, das eigene Projekt einer Vielzahl potenzieller Unterstützerinnen und Unterstützer zu präsentieren. Neben Plattformen im Bereich des Donation- oder Reward-Based Crowdfunding, die ihre Schwerpunkte oft eher auf karitative Projekte, Forschung oder auch Kunst- und Kulturaktivitäten legen, sind bereits mehrere österreichische Crowdinvesting-Plattformen aktiv. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick. Dass noch weitere Anbieter in den Markt kommen werden, ist durchaus zu erwarten. Auch die Zahlen zeigen, dass es sich bei Crowdinvesting um mehr als nur eine Spielwiese handelt: Allein im ersten Halbjahr 2015 wurden über die österreichischen Plattformen etwas über drei Millionen Euro eingeworben, die Tendenz ist stark steigend.12

Rolle von CF- Plattformen Plattform z.B.

Geld Gegenleistung

(Geld, Produkte, Anerkennung)

Investoren „die Crowd“

Betrieb Grafiken: Pixabay.com, Plattformbetreiber

volume 40 | 01. 2016  ERNÄHRUNG | NUTRITION


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• Für die Investoren: Vereinbarte Darlehensrückzahlung und Zinsen (Zinsen üblicherweise etwas höher als bei der Bank) bzw. Gewinn- und Unternehmenswertbeteiligung • Bezahlung der Plattform: Oft wird hier ein kleines Fixum vereinbart, zu dem bei Erreichen eines vereinbarten Mindestbetrags („Fundingschwelle“) ein Anteil der eingeworbenen Summe kommt plus eine Gebühr für die laufende Betreuung pauschal oder nach Bedarf

Was müssen die Betriebe aufwen­ den? Zunächst einmal etwas Zeit für: • Die Bereitstellung von Informationen zum Unternehmen und zum Projekt für Plattformbetreiber zur Vorbewertung • Die Vorbereitung der Information für potentielle Investoren und der Kampagne (z. B. Video) • Die Einbindung und Aktivierung des eigenen Kontaktnetzwerks

Der Finanzierungsbedarf sollte bei Crowdinvesting/-lending bei ca. 50.000 bis 100.000 Euro und darüber hinaus liegen, damit sich der Aufwand der Kampagne für alle Seiten rechnet.

An Ausgaben ist Folgendes einzukalkulieren:

Conda.at Fokus

Modell

Wann zahlt es sich aus, darüber nachzudenken? Aus einer Reihe von Gesprächen mit den Betreibern der oben genannten Plattformen, die das Energie­ institut der Wirtschaft in den letzten Monaten geführt hat, lassen sich grob folgende Parameter zusammenfassen:

Unternehmen und Investitionsvor­ haben sollten eine gut kommunizierbare „Story“ bieten. Nachhaltige Energie­ nutzung ist tendenziell positiv besetzt und die Herstellung von Speisen und Getränken ist eine Branche, deren Produkte einerseits leicht verständlich und an-

dasertragreich.at

dererseits teilweise für „Goodies“ (z. B. „1 Flasche Wein bei Investition über X Euro“) oder „Naturalzins“ geeignet sind. Schlussendlich muss der Betrieb auch den Nutzen in den Kommunikationsak­ tivitäten und dem erweiterten Unterstüt­ zernetzwerk sehen, und bereit sein, sein Vorhaben in die Öffentlichkeit zu tragen, damit er von dieser Finanzierungsform wirklich profitieren kann! Im Einzelfall mögen die Aspekte jedoch eine andere Gewichtung haben und darüber hinaus ist dieser Themenbereich einer sehr starken Entwicklungsdynamik unterworfen. Deshalb ist bei Interesse sicherlich immer ein unverbindliches „Abklopfen“ des eigenen Projekts mit einem oder mehreren Anbietern hilfreich. Vorläufiges Fazit Crowdfunding ist sicher kein Allheilmittel für die ­Finanzierungslücken, die vielerorts die Umsetzung von betrieblichen Energieprojekten verhindern. Für gewisse Unter­ nehmen und Bereiche kann es aber durchaus eine reizvolle Option darstellen. Mag. Sonja Starnberger Energieinstitut der Wirtschaft GmbH s.starnberger@energieinstitut.net Literatur www.ernaehrung-nutrition.at

greenrocket.com

regionalfunding.at

1000x1000.at

Startups und bestehende Unternehmen

Bestehende österreichische Unternehmen

Nachhaltige Unternehmen, Bereiche Energie, Umwelt, Mobilität und Gesundheit

Bestehende Unternehmen, Regionalfokus

Startups und bestehende Unternehmen

Nachrangdarlehen Basiszins + Bonuszins

Nachrangdarlehen Basiszins + Bonus­zins + „Naturalzins“

Nachrangdarlehen Fixzins + Bonuszins (vor Okt 2015 Genussrecht)

Verbrieftes Genussrecht (= übertragbares Wertpapier)

Genussrecht Nachrangdarlehen Reward-based

• Integralbianco Mehl • BIO-Mini-Kiwi • KTB Klima- und Sonnenschutztechnik • Eine Welt Handel FairTrade • Spörk Antriebssysteme

• Omis Apfelstrudelsaft • Tyroler Glückspilze • Twingz Energiesteuerung • Greenetica Solarkonzentrator • Vegan Vital Pasta • Sunnybag

• Schigebiet Unterberg

• Simon – Mini Kraftwerk • GREENRIDE • Bio Schaubetrieb Schwarz­ bergerhof

Referenz-­ • Kaahée: Anti-Kater-­Drink projekte • Helga: Algen-Getränk (Auswahl) • Nixe: Low-Carb Bier • VIVALDI: Tierfutter • Steirischer Ökostrom • Crystalsol: PV-Folie • all i need: Grünteegetränk • Munich Distillers Vodka

Österreichische Crowdinvesting-Plattformen im Überblick

ERNÄHRUNG | NUTRITION  volume 40 | 01. 2016

© EIGENE DARSTELLUNG  © LOGOS PLATTFORMBETREIBER

Was kostet’s und was bringt’s? Das bringt Crowdinvesting den Unternehmen: • Finanzielle Mittel für die Investition, unabhängig von den oft sehr restriktiven Vorgaben der Banken bei der Bonitätsbewertung • Bei passender Gestaltung des Crowd­ investments (Genussrecht, länger laufendes Nachrangdarlehen) stärken die so eingeworbenen Mittel das Eigen­ kapital, was wiederum Vorteile bei ­anderen Bankfinanzierungen hat • Engagement der Crowdinvestoren für „ihre“ Unternehmen: Kunden – Markenbindung, Weiterempfehlungen, nützliche Kontakte; gerade dieser Aspekt wird oft als besonders wertvoll erachtet. • Öffentlichkeitswirksamkeit und Kommunikation


47 recht law

TERMINE __

10.–11.03.16

07.04.16

25.–28.04.16

WIEN

WIEN

BARCELONA

Vienna Marriott Hotel, ­ arkring 12a, 1010 Wien P 33. Ernährungskongress des Verbandes der Diätologen Österreich. Thema: „Intensiv ­ diätologisch betreut“

Hotel Mercure Wien, ­Westbahnhof, Felberstraße 4, 1150 Wien Tagung EdA 2016: ­Energie­effizienz durch ­Automation

www.diaetologen.at

www.centauro.at/eda2016

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15.03.16

14.04.16

WIEN

GRAZ

Ritz-Carlton Hotel, Schubertring 5–7, 1010 Wien Lebensmittelverpackung – rechtliche Anforderungen und Konformitätsarbeit www.lva-verein.co.at

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www.wko.at bzw. www.alimentaria-bcn.com /en/home

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24.–25.5.16

Steiermarkhof, Krottendorfer Str. 81, 8052 Graz ÖGE-Sektion Süd Frühjahrstagung 2016: Lebensmittelsicherheit; Gesundheit – ­Vertrauen – Genuss www.oege.at

Fira de Barcelona, Gran Via, Spanien Alimentaria 2016, Internationale Nahrungs­ mittel- und Getränkemesse

KIEL

Max Rubner-Institut in Kiel, Deutschland Kiel Food Science Symposium (KFSS) 2016 www.mri.bund.de/KFSS

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