DIE ERNÄHRUNG VOLUME 43 | 06 2019

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ZUM WOHL! Nachhaltigkeit ist in aller Munde und macht gerade vor dem Essen nicht halt. BESONDERS IM VISIER IST DABEI DER KONSUM TIERISCHER PRODUKTE: SOJA-FUTTER AUS SÜDAMERIKA UND DAMIT EINHERGEHENDER GERODETER REGENWALD, HOHE TREIBHAUSGASEMISSIONEN SOWIE KONVENTIONELLE NUTZTIERHALTUNG STEHEN ZUNEHMEND IN DER KRITIK. ZU BEOBACHTEN IST EIN WERTEWANDEL HIN ZU MEHR TIER- UND UMWELTSCHUTZ, UND DIES ALS LANGFRISTIGER GLOBALER TREND. GANZ OBEN STEHT DAS TIERWOHL. MARLIES GRUBER

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und um den Konsum von tierischen Produkten sind seit vielen Jahren von unterschiedlichen Seiten heiße Diskussionen zu beobachten: neben ökologischen und gesundheitlichen kommen auch stets ethische Überlegungen zur Nutztierhaltung aufs Tapet. Wie in kaum einer anderen Branche scheinen sich hier im Dreieck zwischen landwirtschaftlicher Realität, gesellschaftlicher Wahrnehmung und gesellschaftlicher Erwartung große Kommunikations- und Wissenslücken aufzutun. Entfremdung auf beiden Seiten ist das Schlagwort dafür: die Landwirtschaft von der Gesellschaft, wenn Ansprüche und Erwartungen verschlafen werden (dass z. B. hohe Besatzungsdichten oder das Kupieren von Schwänzen nicht mehr akzeptiert werden), und die Gesellschaft von der Landwirtschaft, wenn ein offenes Hinschauen und Informieren über die realen Produktionsbedingungen dem Verbreiten von Klischees weicht. Nun werden höhere Tierwohl-Standards von immer mehr Anspruchsgruppen gefordert. Doch sind die Menschen auch bereit, an der Supermarktkasse mehr für Eier, Fleisch, Milch und Käse zu zahlen? Tierwohl unter der Top-3-Kriterien Nach einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis und hoher Qualität rangiert an dritter Stelle der wichtigsten Aspekte beim Lebensmitteleinkauf das Tierwohl, so die Ergebnisse einer Umfra-

ge von marketagent Anfang des Jahres mit 1.000 Personen (Drabek, Schwabl, 2019). Acht von zehn Konsumenten geben an, dass ihnen das Tierwohl sehr bzw. eher wichtig ist. Allerdings ist nur ein Drittel „auf jeden Fall“ bereit, einen höheren Preis dafür zu bezahlen, und zwar etwa 14 % mehr. Dabei zeigt sich: je jünger die Konsumenten, desto höher darf der Aufpreis sein. Bei den bis 19-Jährigen sind das immerhin 20 %. Im Gegensatz dazu akzeptiert die 60+-Generation nur ein Plus von 8 %. Grundsätzlich aber stellt sich die Frage, wie hoch bei solchen Umfragen der Anteil sozial erwünschter Antworten ist. Der Reality-Check erfolgt ohnehin am Markt. Hier deuten Erfahrungen aus der Schweiz auf ein ernüchterndes Ergebnis hin: nur etwa 30 % des Schweinefleischs aus tierfreundlicher Haltung können zum Mehrpreis verkauft werden. Coop teilte Ende 2018 mit, 2020 das Tierwohl-Label «Naturafarm» mangels Absatz bei Mastkälbern und Schweinen einzustellen beziehungsweise zu reduzieren. Es wird deutlich mehr Fleisch aus artgerechter Haltung produziert als die Konsumenten verlangen. Auch in Österreich haben manche Lebensmitteleinzelhändler eigene Tierwohl-Standards etabliert, die noch über die freiwilligen Tierwohl-Module des AMA-Gütesiegels hinausgehen. Fairhof von Hofer etwa rückt nicht nur die Fairness den Tieren, sondern auch den Bauern gegenüber in

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den Mittelpunkt. Ob das Programm langfristig wirtschaftlich sein wird, wird sich zeigen – dass es Reputationsgewinn bringt, steht außer Frage. Auslauf und mehr Platz Mit einer hypothetisch erfassten Zahlungsbereitschaft für Produkte aus artgerechterer Haltung wurden bisher nur sehr allgemeine Ableitungen erhoben. Welche Aspekte Konsumenten konkret berücksichtigt haben möchten, bleibt oft unklar, und das Ausmaß der erhöhten Zahlungsbereitschaft variiert stark je nach Tierart und Produkt. Bei Eiern wurde in einer Umfrage aus 2005 (Carlsson, 2005) die höchste Zahlungsbereitschaft für ein Verbot der Käfighaltung erfasst. Seither hat sich in puncto Legehennenund Masthuhnhaltung auch viel getan. Im EU-Vergleich liegt die österreichische Geflügelbranche ohnehin im Spitzenfeld: „Masthühner haben hierzulande 40 % mehr Platz als in der restlichen Europäischen Union. Bei den Puten gibt es auf der europäischen Ebene gar keine Regelung, wie sie gehalten werden. Bei uns aber haben die Tiere mehr Licht und mehr Luft, sie sind gesünder. Und das ist der Grund, warum eine Putenbrust aus Polen den halben Preis hat wie eine österreichische“, sagt DI Michael Wurzer, Geschäftsführer der Zentralen Arbeitsgemeinschaft Geflügelwirtschaft beim diesjährigen f.eh-Symposium im Oktober. Er fordert eine klare Kennzeichnung


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