In der Deutschschweiz hat die Reflexion über die eigenen Dialekte und deren Verhältnis zum Hochdeutschen eine lange Tradition. « Schweizerdeutsch » ist das erste Buch, das einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Einstellungen zum Schweizerdeutschen gibt. Es zeichnet die wichtigsten öffentlichen Debatten darüber seit 1800 nach und ordnet sie in ihre politischen und kulturhistorischen Zusammenhänge ein. So macht es verständlich, wie Schweizerdeutsch in der Vergangenheit wahrgenommen und beurteilt wurde und warum es bis heute einen wesentlichen Teil der
SCHWEIZERDEUTSCH
SPRACHE UND IDENTITÄT VON 1800 BIS HEUTE
SPRACHE UND IDENTITÄT VON 1800 BIS HEUTE
SCHWEIZERDEUTSCH
Deutschschweizer Identität bildet.
mit Fokus auf der Schweizer Sprachgeschichte. Heute arbeitet er als Gymnasiallehrer an der Kantonsschule Zug. JULIANE SCHRÖTER ist Professorin für germanistische Linguistik an der Universität Genf. Zuvor war sie lange an der Universität Zürich tätig. Sie arbeitet u. a. zur Sprachgeschichte und zum Sprachgebrauch in der Schweiz.
www.schwabe.ch
EMANUEL RUOSS JULIANE SCHRÖTER (HG.)
EMANUEL RUOSS studierte Germanistik und Geschichte in Zürich und Berlin. Er lehrte und forschte an der Universität Zürich
EMANUEL RUOSS JULIANE SCHRÖTER (HG.)
Emanuel Ruoss und Juliane SchrĂśter (Hg.)
Schweizerdeutsch Sprache und Identität von 1800 bis heute
Schwabe Verlag
Wir danken dem Institut für Mehrsprachigkeit der Universität und der Pädagogischen Hochschule Freiburg (i. Ü.), der Universität Wien und dem Mittelbau des Deutschen Seminars der Universität Zürich für ihre grosszügige finanzielle Unterstützung dieses Buches.
®
MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen
www.fsc.org
FSC® C083411
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Korrektorat: Anna Ertel, Göttingen Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4035-6 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4183-4 DOI 10.24894/978-3-7965-4183-4 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Zur Einführung in dieses Buch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7
1. Deutschschweizer Sprachbewusstsein vor 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . .
13
2. Schweizerdeutsch zwischen Kritik und Lob. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
43
3. Angst vor dem Verlust des Schweizerdeutschen. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
85
4. Schweizerdeutschpflege und nationale Sprachemanzipation. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 5. Vielfältige Dialektverständnisse. Schweizerdeutsch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 6. ‹Hipness› und ‹Swissness› durch Schweizerdeutsch. Ein abschliessender Blick auf das 21. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Auswahlbibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Abbildungsnachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243
Zur Einführung in dieses Buch
Emanuel Ruoss und Juliane Schröter 2013 erschien ein Artikel «Schweizerdeutsch im Tram gefordert» im Zürcher Tages-Anzeiger. Er berichtete von den Diskussionen im Zürcher Gemeinderat darüber, ob die Haltestellen der lokalen Verkehrsbetriebe mundartlich auszusprechen seien. An der begleitenden Online-Umfrage «Sollen künftig nur noch Schweizer Tramdurchsagen sprechen dürfen?»1 beteiligten sich 659 Personen, wovon 61 Prozent zustimmten. 2015 veröffentlichte die Basler Zeitung einen Beitrag unter der Überschrift «Nur wer Schweizerdeutsch spricht, darf Kindergärtnerin bleiben».2 Es ging um Pläne der Aargauer Kantonsregierung, nach der Annahme der Volksinitiative «Ja für Mundart im Kindergarten» im Jahr 2014 das Kindergartenpersonal ohne die notwendigen Dialektkompetenzen 2019 zu entlassen. 148 Online-Kommentare folgten. Im selben Jahr stellte der Berner Bund eine wissenschaftliche Studie vor, nach der «Zürichdeutsch beliebter als Berndeutsch»3 sei. Deutlich am unbeliebtesten war gemäss der Studie Hochdeutsch. 217 Mal wurde der Artikel kommentiert. Es ist offensichtlich – über Schweizerdeutsch, über die Dialekte der Deutschschweiz, lässt sich vortrefflich diskutieren. Die Debatten, die in den letzten Jahren und in der Gegenwart um Schweizerdeutsch und sein Verhältnis zur Hoch- oder Standardsprache geführt worden sind, sind so intensiv wie extensiv. Schweizerdeutsch ist ein Thema, das die Deutschschweizerinnen und -schweizer spürbar beschäftigt, weil es offenbar viel mit ihrer Identität zu tun hat. Die Debatten um die schweizerdeutschen Mundarten und die darin geäusserten Haltungen haben eine Geschichte. Sie zu erzählen, ist das Anliegen dieses Buches.
8
Emanuel Ruoss und Juliane Schröter
Schon seit dem 18. Jahrhundert sind die Mundarten in ihrem Verhältnis zum ‹Schrift-›, ‹Hoch-› oder ‹Standarddeutsch› Gegenstand der öffentlichen Auseinandersetzung. Das Buch zeichnet die wichtigsten öffentlich geführten Diskussionen seit dieser Zeit anhand der überlieferten Quellen nach, ordnet sie in ihre historischen Zusammenhänge ein und rekonstruiert die Einstellungen zum Schweizerdeutschen, die darin deutlich werden. Es versucht herauszuarbeiten, wie sich die dominanten Wahrnehmungen und Beurteilungen der schweizerdeutschen Dialekte entwickelt haben, die natürlich nie unabhängig von denen des Hoch- oder Standarddeutschen gewesen sind. Eine Vorstellung durchzieht diese Entwicklung wie ein roter Faden: die Vorstellung, dass Schweizerdeutsch mit den Eigen- und Besonderheiten der Schweiz zu tun habe oder, anders gesagt, mit der Schweizer Identität. Auch wenn wir uns dessen nicht unbedingt bewusst sind: Die historischen Diskurse um und Sichtweisen auf die Mundarten prägen die Debatten und Haltungen zu ihnen bis heute. Diese sind in aller Regel weder individuell noch innovativ. Welche Standpunkte zu den schweizerdeutschen Dialekten einander heute gegenüberstehen, mit welchen Argumenten über sie gestritten wird – das lässt sich folglich nur verstehen, wenn man die Geschichte der Diskussionen und der verbreiteten Einstellungen zum Schweizerdeutschen kennt. Und mehr noch: Auch wann, wo und wie wir heute Dialekt sprechen und schreiben, ist wesentlich von dieser Geschichte, der Bewusstseinsgeschichte des Schweizerdeutschen, beeinflusst. Sie war und ist ein wesentlicher Faktor des Sprachwandels in der Deutschschweiz. Sprachbewusstseinsgeschichte – damit meint man in der Forschung so viel wie den Wandel der verbreiteten, dominanten oder überhaupt nachweisbaren Einstellungen gegenüber etwas Sprachlichem, z. B. eben gegenüber den schweizerdeutschen Dialekten und dem Hochdeutschen. Anders, als es die Bezeichnung suggeriert, müssen die Einstellungen nicht unbedingt voll bewusst oder gar reflektiert sein. Unglücklicherweise sind sie aber stets immateriell. Die Einstellungen – also die Überzeugungen und Wertungen, auch die Gefühle und Verhaltensbereitschaften –, die etwa die Mundarten oder die Hochsprache betreffen, sind mental: Sie sind in den Köpfen der Menschen. Das macht es schwierig, sie zu untersuchen. Es gibt verschiedene Wege, um Spracheinstellungen dennoch habhaft zu werden: Man kann zum einen den Sprachgebrauch von Menschen untersu-
Zur Einführung in dieses Buch
chen (entweder in bewusst angelegten Experimenten oder in natürlichen Kommunikationszusammenhängen) und daraus Rückschlüsse auf ihre Einstellungen ziehen. Zum anderen kann man die Äusserungen von Menschen über einen bestimmten Sprachgebrauch oder eine bestimmte Sprache analysieren (entweder in geplanten Interviews oder Fragebögen oder in natürlichen Kontexten) und ausgehend davon ihre Einstellungen erschliessen. Alle diese Methoden haben ihre Vor- und Nachteile. Das vorliegende Buch geht den zweiten, diskursiven Weg, das heisst, es rekonstruiert die vorherrschenden Wahrnehmungen und Beurteilungen des Schweizerdeutschen anhand von Äusserungen, die die Zeitgenossen verschiedener Epochen von sich aus zu diesem Thema gemacht haben – z. B. in wissenschaftlichen Abhandlungen, in Sachbüchern, in verschriftlichten Vorträgen, in Ratgebern und Leitfäden, in Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, in Leserbriefen oder in neuerer Zeit auch in Online-Kommentaren. Das ist kein einfaches und gewiss kein problemloses Unterfangen. Für die Zeit vor dem 20. Jahrhundert stehen uns beispielsweise nur schriftliche Äusserungen zu den Mundarten der Deutschschweiz, zu ihrem Verhältnis zum Hochdeutschen und zu dem, was die Schweiz ausmacht, zur Verfügung. Ausserdem konnten über weite Zeitphasen ja nur sehr wenige Personen schreiben. Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, desto stärker muss man sich also bewusst sein, dass man nur noch an die Haltungen einer kleinen Elite von meist männlichen, bürgerlichen Gelehrten (in der Regel Wissenschaftler, Schriftsteller, Lehrer oder Pfarrer) herankommt – und auch an diese nur auf indirektem Weg über die Rekonstruktion aus Texten. Wichtig zu bedenken ist aber, dass gerade diese Personen mit ihren Standpunkten und Argumenten einen grösseren Personenkreis beeinflussten. Ausgehend von diesen Vorannahmen erzählen die Kapitel dieses Buches die Bewusstseinsgeschichte des Schweizerdeutschen. Es ist das erste Buch überhaupt, das einen historischen Längsschnitt zur (deutsch‐)schweizerischen Sprachbewusstseinsgeschichte bietet. Es soll nicht nur für Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler verständlich sein. Trotzdem basiert es auf dem aktuellen Stand der linguistischen Forschung. Da die Bewusstseinsgeschichte des Schweizerdeutschen bisher keineswegs umfassend erforscht ist, mussten für alle Kapitel neue Quellen erschlossen und ausgewertet werden. Die Kapitel sind aufeinander abgestimmt, lassen sich aber
9
10
Emanuel Ruoss und Juliane Schröter
auch einzeln lesen. Da die jeweiligen Entwicklungen und die jeweilige Quellenlage unterschiedlich strukturiert sind, sind auch die Kapitel jeweils etwas anders gegliedert. Im Anhang des Buches schliesslich findet sich eine Bibliographie, die eine Auswahl zentraler wissenschaftlicher Publikationen zum Thema verzeichnet. Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Zeit von 1800 bis heute. Das hat seinen Grund. Ende des 18. Jahrhunderts kam eine Jahrhunderte dauernde Entwicklung zum Abschluss: Eine überregional weitgehend einheitliche deutsche Schriftsprache hatte sich ausgebildet. Parallel zur Ausbildung dieser Schriftsprache war man sich in der deutschsprachigen Schweiz allmählich bewusst geworden, dass die eigene sprachliche Situation zu einer besonderen wurde: Anders als in anderen deutschsprachigen Regionen sprachen in der Deutschschweiz noch immer alle Schichten ihre lokale Mundart, obwohl auch hier die einheitliche deutsche Schriftsprache geschrieben wurde – das heisst, eine funktionale Zweisprachigkeit oder Diglossie war entstanden. Diese Diglossie wurde nach dem Beginn des 19. Jahrhunderts verstärkt öffentlich reflektiert. Inwiefern die schweizerdeutschen Dialekte in einer modernen Gesellschaft noch einen Platz haben könnten, war damals noch eine vollkommen offene Frage. Zunächst meldeten sich gewichtige Stimmen, die sich am Modell des restlichen deutschsprachigen Raums orientierten und den Dialektgebrauch unter Schweizer Gebildeten dementsprechend kritisierten. Dann jedoch setzte sich die Ansicht durch, dass die schweizerdeutschen Mundarten erhaltenswert seien – und zwar auch und gerade, weil sie in besonderer Weise den Schweizer Charakter ausdrückten und prägten und folglich ein Symbol der Schweiz seien. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts rückten die Ausdehnung der Hochsprache auf immer neue Lebensbereiche, der Wandel der schweizerdeutschen Dialekte und die Mischung der beiden Sprachformen ins Zentrum der Diskussionen. Die beobachtbaren Veränderungen wurden – zum Teil mit Gleichmut, zum Teil mit Bestürzung – als Indiz für den baldigen Verlust der Dialekte interpretiert. Diese Interpretation war vom Rückgang der «patois», der Dialekte der Romandie, beeinflusst, der im 19. Jahrhundert bereits weit vorangeschritten war. Sie führte zu Bemühungen, die Mundarten der Deutschschweiz möglichst gut zu dokumentieren. Um den Rückgang der Mundarten zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen, riefen Sprach-
Zur Einführung in dieses Buch
kritiker zudem vermehrt dazu auf, Dialekt und Hochdeutsch möglichst säuberlich zu trennen und beide möglichst ‹rein› zu gebrauchen. Doch erst die politischen Katastrophen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts brachten einen nachhaltigen Umschwung im allgemeinen Verhältnis zu den schweizerdeutschen Dialekten: Während des Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich besann man sich in der deutschsprachigen Schweiz so stark wie nie zuvor auf das sprachlich Eigene. Schweizerdeutsch wurde stärker denn je als Teil der (Deutsch‐)Schweizer Identität wahrgenommen und als schützens- und pflegenswert beurteilt. Zahlreiche praktische Bemühungen um die Mundarten regten ihren vermehrten Gebrauch an, wodurch die zukünftige Existenz der Mundarten den Zeitgenossen zu Beginn der 1950er-Jahre als gesichert erschien. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schliesslich ging der Trend in ganz Europa zu einer Informalisierung des Sprechens und Schreibens – informelle, lässige, Nähe und Vertrautheit signalisierende Sprech- und Schreibweisen wurden und werden favorisiert. In der deutschsprachigen Schweiz verstärkte das die Tendenz, die Dialekte in Lebensbereichen zu fordern und anzuwenden, in denen zuvor die Hoch- oder Standardsprache dominiert hatte. Die angestrebten oder bereits vollzogenen Veränderungen des Sprachgebrauchs in Kirche, Medien und gerade auch in der Schule entfachten in der Folge neue hitzige Debatten über das ‹richtige› Verhältnis von Dialekt und Standardsprache – Debatten, die bis heute anhalten und Sprache und Identität noch immer eng miteinander verbinden.
Zitierte Quellen [Anonym.] (2015): «Zürichdeutsch beliebter als Berndeutsch», in: Der Bund, 23. 8. 2015, unter: www.derbund.ch/24060764 (Zugriff: 10. 1. 2020). rar; sda (2015): «Nur wer Schweizerdeutsch spricht, darf Kindergärtnerin bleiben», in: Basler Zeitung, 29. 5. 2015, unter: www.bazonline.ch/15917468 (Zugriff: 10. 1. 2020). Schuler, Edgar (2013): «Schweizerdeutsch im Tram gefordert», in: Tages-Anzeiger, 7. 3. 2013, unter: www.tagesanzeiger.ch/13565265 (Zugriff: 10. 1. 2020).
11
Anmerkungen 1 Schuler 2013. 2 rar/sda 2015. 3 [Anonym.] 2015.
1. Deutschschweizer Sprachbewusstsein vor 1800
Walter Haas
Die Ausgangslage: Frühe Spuren eines sprachlichen Eigenbewusstseins Die deutsche Schweiz gehört zu den ersten Regionen des deutschen Sprachgebiets, in denen Deutsch geschrieben wurde. Schon in der Mitte des 14. Jahrhunderts begann man hier, in den Urkunden das Latein durch das Deutsche zu ersetzen. Hinweise auf ein Bewusstsein, dass es in der Schweiz eine eigene, von anderen unterscheidbare Sprache gibt, sind seit dem Humanismus bezeugt. Entsprechende Belege stehen im Zusammenhang mit frühen Versuchen historisch-topographischer Landesbeschreibungen, der Entdeckung frühmittelalterlicher Texte sowie einem proto-nationalen Selbstverständnis der – damals noch ausschliesslich deutschsprachigen – Eidgenossen. Das im 15. und 16. Jahrhundert allmählich erwachende Selbstverständnis als historisches ‹Volk› und eigenständige ‹Nation› spiegelte sich unter anderem in den Kollektivbezeichnungen Schweiz oder Schweizerland, die damals für das eidgenössische Staatenbündnis populär wurden.1 Vor diesem Hintergrund wird im 16. Jahrhundert der Sprache als gruppenunterscheidendem Merkmal zunehmend Aufmerksamkeit zuteil.2 Die Schriftsprache der Eidgenossen, die um 1500 eine gewisse Ausdehnung und Verfestigung erreichte, wurde damals als «eidgenössische Landspraach»3 bezeichnet und als typische Sprache ihres Staatenbunds, als ‹schweizerische› (Schrift‐)Sprache verstanden. Man darf sich keine falschen Vorstellungen von der Einheitlichkeit dieser Schriftsprache machen, die leider bis heute nicht umfassend beschrieben ist. Dennoch zeigte sie gemeinsame Merkmale und unterschied sich zugleich in der Tendenz von der
14
Walter Haas
‹Sprache der anderen›, also dem, wie in Sprachregionen ausserhalb der Eidgenossenschaft geschrieben wurde. Ein Beispiel für die übermundartliche Einheitlichkeit ist der Einheitsplural auf -end im Indikativ (z. B. mir/ir/ sy machend), der auch in westlichen Regionen der deutschsprachigen Schweiz geschrieben wurde, wo die Mundarten im Gegensatz dazu noch heute mehrformige Plurale zeigen (z. B. mier mache / sy mached). Als klassische Verkörperung der ‹Landspraach› kann man in vieler Hinsicht die Sprache der Zürcher Bibel von 1524 betrachten: Aber der vatter sprach zuͦ sinen knechten: Bringend das best kleid her / vnd thuͦ nds im an: vnd gebend im ein ring an sine hand / vn̄ schuͦ ch an sine fuͤ ß / vnd bringend ein gemestet kalb her / vnd schlahē nds / laßt vns essen vnd froͤ lich sin: denn diser min sun was tod / vnd ist wider lebendig worden: er was verloren vnd ist funden worden. Vnd fieng wider an froͤ lich zesin. Aber der eltest sun was vff dem feld / vn̄ als er kam / vnd nach by dem huß was / hort er das gesang / vnd den reyen / vn̄ ruͦ fft zuͦ im der knechten einen /vnd fraget was das were. Der aber sagt jm: Din bruͦ der ist kō men / vnd din vatter hatt ein gemest kalb geschlagen / das er jn̄ gesund wider hat.4
Schon 1527 erschien jedoch in Zürich eine Ausgabe des Neuen Testaments mit ‹neuhochdeutschen› Diphthongen: statt sinen knechten steht dort seinen knechten, statt uf, by, hauß steht auf, bey, hauß. Die Übernahme der Zwielaute ei (statt: i), au (statt: u), eu/äu (statt: ü), die weder in den alemannischen Mundarten noch in älteren Zeugnissen der ‹Landspraach› realisiert werden, zeigt, dass die auffälligste ‹neuhochdeutsche› Lauterscheinung in der Deutschschweiz angekommen war: Die Diphthongierung war das erste Alleinstellungsmerkmal des Neuhochdeutschen, das die Schriftsprache hierzulande akzeptiert hatte, ohne dass die Mundarten mitgezogen hätten. Mit der Zürcher Bibel in ihren zwei Ausgaben wurden die regionalen sprachlichen Unterschiede offensichtlich, und sie trug ihren Teil dazu bei, dass die vergleichende Sprachbetrachtung im 16. Jahrhundert auch in der Schweiz zum gelehrten Interesse wurde. Schweizer Gelehrte begannen sich also für die Unterschiede zwischen dem geschriebenen Deutsch in der Schweiz und dem Deutsch, das man andernorts schrieb, zu interessieren. Vor allem ihre Werke sind es, die die ersten Spuren sprachlichen Eigenbewusstseins zeigen.
Vor 1800
Das Titelblatt der Zürcher Bibel von 1524, bei der es sich um einen Nachdruck des Neuen Testaments in der Übersetzung von Martin Luther handelt, der an die damalige ‹Landspraach› angepasst war.
15
16
Walter Haas
Bereits Ende des 15. Jahrhunderts hatte der in Ulm wirkende, aber aus Zürich stammende Mönch Felix Fabri (1438/39–1502) in seiner Descriptio Sueviae lautliche Merkmale festgehalten, welche die Schweizer von den Schwaben unterscheiden sollen. Ihm folgten weitere Geistesgrössen, die Sprachvergleiche anstellten.5 1555 bemerkt beispielsweise der Zürcher Universalgelehrte Konrad Gessner (1516–1565) in seinem sprachkontrastiven Werk Mithridates, dass die Diphthonge das Deutsch der Schwaben vom Deutsch der Schweizer unterschieden, und weist auf eine Reihe weiterer Unterschiede hin. So laute in der Schweiz die erste Person Singular des schwachen Verbs leben entweder läben oder läb (z. B. de läben i gäärn oder i läbe gäärn), in Schwaben aber nur ich läb. Ferner nennt Gessner Unterschiede im Wortschatz, z. B. (schweiz.) losen versus (schwäb.) horchen. Das war damals offenbar ein Unterschied, der als Schibboleth, als typisches sprachliches Unterscheidungsmerkmal der Schweiz wahrgenommen wurde. Er erscheint nämlich auch in Holzschnitten des Berners Hans Rudolf Manuel (1525–1571), auf die wir unten eingehen werden. Bemerkenswert an Gessners Ausführungen ist, dass sie zunächst die Schriftsprache der beiden Regionen betreffen, auch wenn es sich beim Vergleich oft um Wörter niedriger Stilebenen handelt wie z. B. (schweiz.) Brüntzel, (schwäb.) Bruntz/harn.6 Dass insbesondere die ausgebliebene Diphthongierung zu einem wichtigen Merkmal der eigenen Sprache wurde, bezeugt auch der Glarner Historiker und Chronist Aegidius Tschudi (1505–1572), der sie in seiner Rhetia (1538) als Hauptunterschied zwischen dem Schwäbischen und dem «Helvetischen Dialekt» beschreibt. Wie Hans Rudolf Manuels Holzschnitte eines Schweizers und eines deutschen Landsknechts aus dem Jahr 1547 zeigen, galten die neuhochdeutschen Diphthonge entsprechend noch längere Zeit als ‹ausländisch› und konnten dank dieser sozialen Symbolik nun in der Literatur auch gezielt eingesetzt werden.7 In der zu den Holzschnitten passenden Szene in Manuels Weinspiel, einem Fastnachtsspiel aus dem Jahr 1548, sind sie das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen dem «Schwäbischen», das der Landsknecht spricht, und dem «Schweizerischen», das Manuel dem Eidgenossen, dem ‹Kriegsman›, in den Mund legt:
Vor 1800
Kriegsman. Ein guͦ ter krieg wer wol min fuͦ g / Der vogel singt yetz lupff dich buͦ b Das hoͤ r ich lieber weder gygen / Doheim muͦ st ich schyter vfbygen.
Ein richtiger Krieg käme mir gerade gelegen. Der Vogel singt: «Mach auf den Weg dich, Bub». Das hör ich lieber als Geigen – Daheim müsst’ ich Scheiter beigen.
Lantznecht Veyt Glücksteüber von Schweynfurt. Jr Schweytzer sind ouch gern im tampff / Vnd habt ouch recht sammer botz krampff. Es gfalt mir auß der massen wol / Das jr einandren sauffend vol.8
Ihr Schweizer seid auch gern besoffen, und habt auch recht, verdammt nochmal. Es gefällt mir überaus wohl, dass ihr euch gegenseitig vollsauft.
Die verschiedenen sprachvergleichenden Ansätze und der Umstand, dass – wie hier bei Manuel – bestimmte sprachliche Merkmale gezielt eingesetzt werden konnten, um die Landeszugehörigkeit zu markieren, darf uns als wichtiges Indiz dafür gelten, dass man sich der Eigentümlichkeiten des Deutschen in der Schweiz im 16. Jahrhundert bereits deutlich bewusst war. Es scheint daher nicht zufällig, dass zeitgleich mit diesen frühen kontrastiven Betrachtungen auch erste Gesamtbezeichnungen für die Sprache in der (Deutsch‐)Schweiz gebräuchlich werden. In den Schriften des Luzerner Stadtschreibers Renward Cysats (1545–1614) haben sich neben «vnsere (eydgnossische) Landtsprach» bereits weitere entsprechende Sammelbegriffe etabliert. Er bezeichnet das Deutsch der Schweizerinnen und Schweizer in seinem Werk als «Lingua Heluetica», «Heluetisch» und «Schwyzerisch». Diese (vermeintlich eigenständige und einheitliche) ‹Schweizersprache› stellt er einer anderen, fremden Sprache jenseits des Rheins gegenüber, wenn er in seinen Schriften «Schwyzerisch» von «Vsslendisch» oder die «Lingua Heluetica» von der «Lingua Germanica» unterscheidet.9 Auch ausserhalb der Schweiz wird der ‹Lingua Helvetica› schon bald der Status einer eigenen Sprache zugemessen. In der Zimmerischen Chronik, einer schwäbischen Familienchronik, die um die Mitte des 16. Jahrhunderts verfasst wurde, ist von «Schweizerisch»10 und in einer Schrift des Paderborner Historikers Reinhard Reineck (1541–1595) von 1576 von der «Schweitzer sprache» die Rede.11 Der Eindruck einer eigenen schweizerischen Sprache hat sich also spätestens gegen Ende des 16. Jahrhunderts auf beiden Seiten des Rheins durchgesetzt.
17
18
Walter Haas
Ein Holzschnitt Hans Rudolf Manuels aus dem Jahr 1547, der einen Schweizer Landsknecht zeigt. Die Sprache, die ihm in den Mund gelegt wird, unterscheidet sich bereits deutlich von derjenigen eines ebenfalls von Manuel illustrierten deutschen Landsknechts (Bild rechts).