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en schwierigsten Einsatz seiner Karriere fliegt Air-Zermatt-Pilot Tom Pfammatter im Sommer 2005 wegen einer Windjacke. Pfammatter, damals 35, soll einen Wanderer bergen, der am Fuß des Rhonegletschers nahe Zermatt abgestürzt ist. Als der Notruf eingeht, sitzt er bereits beim Abendessen in der Kantine. Pfammatter steigt in das Cockpit seines karminroten Eurocopter, Typ EC 135. Notarzt und Sanitäter zwängen sich hinter ihm in den Laderaum. Pfammatter lässt die Triebwerke an. Dann klappt er das Nachtsichtgerät über seine Augen. Rettungsflüge im Gebirge sind höchst riskant. Jeder Windstoß bringt den Helikopter ins Schaukeln. Steinschlag bedroht das Leben der Crew. Nachts manövriert der Pilot in schwierigstem Gelände ohne Referenzpunkte, und das bei begrenzter Sicht. „Uncool“ nennt Pfammatter solche Einsätze. „Als wir den Taleingang erreichten, gab das Nachtsichtgerät seinen Geist auf. Es war eine mondlose Nacht. Das Gerät bekam zu wenig Restlicht. Alles, was ich sah, war schwarz-grüner Brei.“ THE RED BULLETIN
„OHNE NACHTSICHTGERÄT
IST DER PILOT BLIND.
Air-Zermatt-Chefarzt Axel Mann (re.) und sein Sanitäter versorgen einen Verletzten an Bord.
OBEN AM GLETSCHER ERFRIERT EIN MENSCH.“ Pfammatter lässt den Heli am Tal eingang schweben. Ohne Nachtsichtgerät ist er blind. Oben am Gletscher erfriert ein Mensch. „Mir fiel die Stromleitung ein, die durch das Rhonetal zum Gletscher führt.“ Pfammatter schaltet den Bordscheinwerfer ein. Der Lichtkegel ist zu schmal, um das Tal für den Weiterflug auszuleuchten. Aber breit genug, um nach der fingerdicken Leitung zu tasten. Pfam matter balanciert den Heli drei Meter über dem Kabel aus. Dann schiebt er sich Meter für Meter Richtung Gletscher. Das Stromkabel ist seine Leitlinie. Der Scheinwerfer sein Taststock. Dreißig Minuten später zieht der mitfliegende Sanitäter den zitternden Wanderer an Bord. Pfammatter wendet den Helikopter. Das Krankenhaus in Visp erreicht er mit dem letzten Tropfen Kerosin.
„Am nächsten Tag erzählte uns der Mann, dass er an der Passstraße Fotos machen wollte und seine 300-Euro-Jacke dabei über die Leitplanke fiel. Er kletterte ihr nach und stürzte ab. Das war der Grund für unseren Einsatz.“ Verzweifelt man als Retter oft? „Nein“, sagt Pfammatter, „weil ich keine Unfälle hinterfrage. Ich bin Pilot und fliege Retter von A nach B.“
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ermatt, ein kalter März-Morgen: Der Heliport sitzt auf einem Felsvorsprung am Ortsrand. Im Besprechungsraum der Air Zermatt – abgesessenes Sofa, schmale Küchenzeile – riecht es nach Spülmittel und Kaffee. Tom Pfammatter sieht zehn Jahre jünger aus als 45. Seit zwanzig Jahren fliegt er Einsätze. Er sagt, er habe lernen müssen, 39