VINSCHGER GESELLSCHAFT einen Teil dieser „letzten Wiese im Dorfzentrum“ bereits angekauft habe und im Falle einer Verbauung die später notwendigen Schutzmaßnahmen höchstwahrscheinlich von der Allgemeinheit getragen werden müssten. Unklar sei auch, wer im Falle einer Verlegung der Herrengasse, welche übrigens ein alter Zugang zum Kirchweg ist, für die Kostenübernahme aufkomme. Die Bürgergruppe habe den Eindruck, dass die Gemeindeverwaltung die Öffentlichkeit erst dann informiere, wenn „alles schon geplant und beschlossen ist“. Eine direkte Mitsprache bliebe so auf der Strecke. Wann ist genug? Insbesondere in Sachen Tourismus müsse man fragen: Wann ist genug? Auch auf eine Reihe negativer Auswirkungen für die All-
Das letzte Teilstück der Herrengasse soll nach Westen verlegt werden.
gemeinheit wurde verwiesen, allen voran auf das hohe Verkehrsaufkommen, den Ankauf von Wohnungen für Hotelmitarbeiter und damit auch steigende Wohnungspreise, sowie auf den enormen Trinkwasserver-
brauch. Naturns hat sich als klimafreundiche Gemeinde erklärt: „Wie ist diese rapide Entwicklung damit vereinbar?“, fragt sich die Bürgergruppe. SEPP
Tourismus: zwischen Wahn und Wirklichkeit SCHLUDERNS - „Tourismus-Visionen zwischen Wahn und Wirklichkeit“: So lautete der Titel des Impulsreferates der aus Naturns stammenden Schriftstellerin Selma Mahlknecht (im Bild) bei einer Abendveranstaltung im Rahmen des Festivals „hier und da“ in Schluderns. Selma Mahlknecht befasst sich intensiv mit dem Thema Tourismus, schreibt sie doch derzeit an einem Theaterstück, das die Volksbühne Naturns im Herbst uraufführen wird. Unter dem Titel „Ein See für St. Prokulus“ geht es auch hier um die Frage, wohin der Tourismus führt bzw. führen kann/ soll. Die Schriftstellerin sprach ihre Gedanken für das Reiseverhalten des modernen Menschen aus, das dem Zeitgeist entspreche. Auch beim Reisen und im Urlaub gehe es wie in anderen Lebensbereichen
vordergründig um das Optimum. „Der optimierte Mensch ist ein überforderter Überforderer“, sagte Selma Mahlknecht im Schludernser Kulturhaus. Im Urlaub wolle man Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis erleben. Er sei aber auch die Bühne für Selbstinszenierung. Alle wollten zurück zur Natur – aber bitte nicht zu Fuß. Der damit verbundene Mobilitätsanspruch und der globalisierte Tourismus würden zunehmend zum Problem. Mahlknecht verglich die Touristenströme mit den Migrantenströmen. Allerdings gebe es einen Unterschied: „Urlauber
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kommen, um nicht zu bleiben.“ Das moderne Urlaubsverhalten führe dazu, dass die Natur zur Kulisse und zum Konsumartikel werde, das jeweilige Gebiet zu einem Wegwerfgegenstand. Es gebe keinen sanften, minimalinvasiven und nachhaltigen Tourismus, betonte die Schriftstellerin. Für einen fairen Tourismus müssten folgende Faustregeln beherzigt werden: der Reisende müsse sich Zeit nehmen und den Austausch mit der heimischen Bevölkerung suchen; er müsse bereit sein, einen fairen Preis zu zahlen, damit der Tourismus auch für die Einheimischen von Nutzen sei; nicht zuletzt müssten die Urlauber Respekt vor der Natur zeigen. Beim anschließenden Meinungsaustausch mit dem Publikum wurde über das Urlaubsverhalten im Allgemeinen und besonders
im Hinblick auf die Umweltfreundlichkeit diskutiert. Dabei wurden vor allem die niedrigen Flugpreise kritisiert. Es gab aber auch den Hinweis, dass der Tourismus heute eine Riesenindustrie sei, die nicht isoliert gesehen werden dürfe. Man müsse nach Wegen suchen, dass der Tourismus so kanalisiert werde, dass sich auch die Einheimischen noch wohl fühlten. In Sachen Entwicklung des Tourismus sei die Politik gefordert, aber auch jeder Einzelne könne mit seinem Reiseverhalten einen Beitrag leisten. Der Diskussionsabend im Rahmen des Festivals „hier und da“ wurde in Zusammenarbeit mit dem Gründerund Innovationszentrum „BASIS Vinschgau Venosta“ (Schlanders) veranstaltet. RED
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