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13. Jahrgang • 4/2012 • Nr. 46 (Dezember) 5,50 EUR/7,50 SFr (Einzelpreis)

www.oora.de

Die christliche Zeitschrift zum Weiterdenken

Erwachsen  Aus Kindern werden Leute

Hineingeschlittert Ein Jesus Freak wird erwachsen  Seite 6

Planlos?! Lebensplanung zwischen unbegrenzten Möglichkeiten und göttlichem Plan  Seite 30

Mehr als Worte Vom Einüben einer kontemplativen Haltung  Seite 44


Foto: Mikael Damkier - Fotolia.com

Bewerbung Sommersemester bis:

15. Januar 2013

BRINGT DICH WEITER !

Eine Initiative unterstützt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung

Wir bieten finanzielle Unterstützung, Seminare, Beratung und Netzwerke. Die Förderung richtet sich an alle leistungsstarken, engagierten Studierenden – unabhängig vom Studienfach. Bewerber mit ausländischen Wurzeln und Studierende, deren Eltern selbst nicht studiert haben, sind besonders herzlich willkommen.

 Bewerbungsunterlagen unter: www.kas.de/stipendium


Aus dem oora versum

Editorial Das Team von links nach rechts: Anne, Matthias, Johanna, Daniel, Jörg, Kathinka, Michael

Redaktionstreffen in Erlangen Nach Berlin, Altensteig, Biberach, Ansbach und Nordhausen haben wir im Oktober diesen Jahres in Erlangen bei Daniel und Ina getagt. Und dabei zwei wunderschöne Ausgaben für 2013 geplant und uns das herrliche fränkische Bier schmecken lassen.

Neu in der Redaktion Wir begrüßen Kathinka Hertlein (29) im oora-­Team. Wir konnten sie beim Redaktions­treffen in Erlangen bereits schätzen lernen. Sie hat Theologie und Soziologie studiert und in den letzten Jahren Erfahrung in Gemeindegründung gesammelt.

Ich bin überzeugt, dass der, der etwas so Gutes in eurem Leben angefangen hat, dieses Werk auch weiterführen und bis zu jenem großen Tag zum Abschluss bringen wird, an dem Jesus Christus wiederkommt. — Paulus an die Gemeinde in Philippi — Die Bibel in Philipper 1,6

// Der Zauber des anfänglichen Glaubens ist bekannt. Am Anfang der Reise mit Jesus möchte man am Liebsten gleich alle gewonnenen Erkenntnisse umsetzen. Je nach Prägung liest der eine stundenlang in der Bibel, der andere engagiert sich in allen erdenklichen Bereichen der Gemeinde, der nächste widerum erlebt Wunder über Wunder. Das Erlebte stachelt an, noch Größeres in Kirche oder Gesellschaft zu bewegen. Das Tempo an Engagement ist in dieser Phase oft sehr hoch. Wie geht es dann aber weiter, wenn man die ersten Enttäuschungen erlebt hat? Wenn das Leben durch Beruf oder Familie an Komplexität zugenommen hat?! Paulus spricht seinen Freunden aus Philippi zu, dass er überzeugt ist, dass Gott das Werk an den Philippern weiterführen wird. Aber wie sieht das aus? Der Religionsphilosoph Guardini spricht von verschiedenen Phasen im Leben und beschreibt die Übergänge als Krisen (Seite 13). Auch die Bibel berichtet von Veränderung des Glaubens (Seite 22). Der Begriff »Im Glauben Erwachsen werden« trifft die Phase der Übergangs wohl am Besten. Wie kann dieser Übergang ins Erwachsenwerden aussehen? Hierfür fanden wir jemanden, der den anfänglichen Glauben sehr intensiv mit den Jesus Freaks erlebt hat und dann – nach eigenen Angaben – ins Erwachsensein hineingeschlittert ist (Seite 6). Der Übergang ins Erwachsenenleben kann auch durch ein sichtbares Zeichen dargestellt werden. Man spricht hierbei von Initiationsriten. Unser Autor blickt in andere Kulturen und fragt sich, was wir von den verschiedenen Riten lernen können (Seite 10). Dass Erwachsensein wenig mit zur Ruhe setzen zu tun hat, zeigt die 61-jährige Künstlerin, die keck zu unserer Redakteurin sagte, dass sie in manchem jünger sei als sie selbst (Seite 34).

Ethikfrage auf Facebook Wir veröffentlichen auf Facebook zwei Monate vor Erscheinen einer Ausgabe immer die kommende Ethikfrage. So könnt ihr vorab mit uns über die Frage diskutieren. Nach Erscheinen der Ausgabe könnt ihr dann auf Facebook wiederum Rückfragen an die Ethik­ experten stellen.

Erwachsen

Wir wünschen dir viel Inspiration mit der Lektüre dieser oora und, dass der, der etwas so Gutes in deinem Leben begonnen hat, es auch zum Abschluss bringen wird. In Freundschaft, Dein oora-Redaktionsteam

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Inhalt

oora

Artikel, die mit dem Lautsprecher gekennzeichnet sind, gibt es als Audioversion in iTunes und auf www.oora.de/audio.

Schwerpunkt: Erwachsen 6

Hineingeschlittert Ein Jesus Freak wird erwachsen Dagmar Begemann

Quergedacht 26 Neues aus dem Hinterhof der Geistlichkeit Leben in Systemen Kolumne: Axel Brandhorst

10 Bullensprung und Sonnentanz Erwachsenwerden in anderen Kulturen

29 Die Ethikfrage

Matthias Lehmann

30 oora-Herzschlag: Planlos?! Lebensplanung zwischen unbegrenzten Möglichkeiten und göttlichem Plan

13 Die Lebensalter Wie man sich auch während des Erwachsenseins noch verändert

14

Jakob Daum

Lebenslang Wie sich die Beziehung zu den Eltern ändert Stephan Arnold

18 Endlich Erwachsen Besser auf Pippi hören – drei Portraits

Cosima Stawenow

21 25 Dinge, an denen du erkennst, dass du erwachsen bist

Daniel Hufeisen

22 Erwachsen glauben Vom Glauben an den, der von Anfang an ist Gernot Rettig

Johanna WeiSS

32 Ich bin Sex Sich als sexuelles Wesen wahrnehmen Axel Brandhorst

34 Wie kaltes Wasser im Gesicht … ist Gottes Reden für die prophetische Künstlerin Interview: Johanna WeiSS

39 Torontosegen hoch zwei Leserportrait Simon Roppel Michael Zimmermann

40 Unter der Oberfläche Krieg und Frieden Kolumne: Linda Zimmermann

42 Lied: Wer nur den lieben Gott lässt walten

Erklärung: Matthias Lehmann

43 Buchrezensionen 44 Mehr als Worte Vom Einüben einer kontemplativen Haltung

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Daniel Sikinger

Mein Freund Gott und ich Wie Gott meine Sucht untersuchte

Kolumne: Mickey Wiese

50 Dein Projekt: Couchsharing Bamberg

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oora 04/12

Damaris Hans + Benedikt Martin


oora

fragt:

Ab wann ist man erwachsen?

Nils Schuseil (21) aus Regensburg

Gerhard Wieland (62) aus Bayreuth

Karla Hipp (28) aus Tübingen

Sophie Kröher (22) aus Tübingen

Wenn man nach zwei Wochen keine saubere Wäsche mehr im Schrank hat und deshalb zur Mama heimfahren muss.

Wenn man zugeben kann, müde zu sein, und dann auch freiwillig ins Bett geht.

Wenn man nicht mehr über »die Erwachsenen« in dritter Person spricht. Aber so lange mich Kollegen an der Schule in der Pause nicht ins Gebäude lassen, weil »Schüler« draußen bleiben müssen und meine Tochter Kleider trägt, die mir in meiner Größe auch gefallen würden, bin ich wohl noch nicht ganz erwachsen.

Einer der wichtigsten Schritte zum Erwachsenwerden ist von zu Hause auszuziehen – und zwar ganz, und nicht nur für vier bis fünf Tage die Woche.

Impressum Nummer 46 • 4/2012 ISSN 2191-7892 Herausgeber: oora verlag GbR, Jörg Schellenberger und ­Michael Zimmermann, Dollmannstraße 104, 91522 Ansbach Redaktionsleitung: Jörg Schellenberger, Michael Zimmermann (info@oora.de) Redaktionsteam: Anne Coronel-Lange, Kathinka Hertlein, Daniel Hufeisen, Matthias Lehmann, Jörg Schellenberger, Johanna Weifl, Michael Zimmermann Lektorat: Ina Taggeselle Anzeigen: Jörg Schellenberger (joerg@oora.de) Gestaltung: Johannes Schermuly, www.ideenundmedien.de Druck: Onlineprinters GmbH, Neustadt a. d. Aisch

Abonnement: oora erscheint viermal im Jahr (März, Juni, ­September, Dezember) und kostet 18,50 EUR in Deutschland bzw. 24,50 EUR in anderen europäischen Ländern. Darin sind Mehrwertsteuer und Versandkosten bereits enthalten! Das Abo kann immer bis sechs Wochen vor Bezugsjahres­ende ­gekündigt werden. Eine E-Mail an service@oora.de genügt. Das gilt nicht für Geschenk-Abos, die automatisch nach einem Bezugsjahr enden. Einzelpreis: 5,50 EUR/7,50 SFr. Bei allen Preisangaben innerhalb dieser Ausgabe von oora gilt: Änderung und Irrtum vorbehalten. Mengenrabatt: Ab 10 Hefte: 5,00 EUR pro Heft, ab 20 Hefte: 4,50 EUR pro Heft (inkl. Versand) Bankverbindung: oora verlag GbR, Konto-Nr. 836 89 38, BLZ 765 500 00, Sparkasse Ansbach IBAN: DE18 76550000 0008 3689 38, BIC: BYL ADEM1ANS

Leserservice: oora Leserservice, Postfach 1363, 82034 Deisenhofen, Telefon: 089/858 53 - 552, Fax: 089/858 53 - 62 552, service@oora.de © 2012 oora verlag GbR • www.oora.de Bilder: S.01: Maria Vaorin/inkje - photocase; S.6,8: TimjudiPhotograph; S.7: Ben Groß; S.14: gregepperson - photocase; S.21: fieo - photocase; S.22: Susann Städter - photocase; S.26: cydonna - photocase; S.30: nurmalso - photocase; S.32: Natasha d.H - Flickr; S.40: Saimen. - photocase; S.42: mblaster - photocase; S.44: jodofe - photocase Alle weiteren von oora oder von privat.

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Das Freakstock ist weit über die Grenzen der Jesus Freaks bekannt. Daggi’s Ehemann Henrik ist »Mr. Freakstock« und seit Jahren hauptverantwortlich für das Festival


Hineingeschlittert Ein Jesus Freak wird erwachsen Text: Dagmar Begemann

Audioversion unter www.oora.de/audio

Jugendbewegungen zeichnen Idealismus und der Glaube an die Unmittelbarkeit Gottes aus. Doch was passiert, wenn die jungen Gläubigen erwachsen werden? Unsere Autorin schildert, wie sie als Jesus Freak diesen Prozess erlebte. // Ich weiß nicht, wie ich mir das Erwachsenwerden vorgestellt habe. Vielleicht war mein Leben Ende zwanzig zu voll, um mir darüber Gedanken zu machen. Zugegebenermaßen habe ich nicht wirklich eine Normalbiographie. Obwohl ich es geschafft habe, ein Studium abzuschließen und mit Mitte zwanzig zu heiraten, gab es neben diesen Eckpunkten eine Jesus-Freaks-Gemeinde mit achtzig Personen, die ich Vollzeit leitete, ein rasch wachsendes Festival, das mein Mann organisierte, und eine junge Bewegung, in die wir beide bis über beide Ohren involviert waren. Somit blieb nicht viel Zeit und Muße, sich den inneren und äußeren Prozessen des Erwachsenwerdens zu stellen. Auch mein Umfeld hatte mich nicht wirklich herausgefordert, mir das Leben jenseits der dreißig vor Augen zu führen. Als Jesus Freak der ersten Generation waren die Menschen in meinem direkten Umfeld genau so alt wie ich oder eben jünger. Menschen über dreißig waren entweder Familie oder Pastoren anderer Gemeinden. Zwar war vor allem die zweite Gruppe sehr

bemüht, die »junge Generation« zu unterstützen, dennoch hatte der Umgang miteinander immer etwas Künstliches. Bei allen Versuchen, sich in meine Lebenswelt einzufühlen, waren unsere Wegbegleiter selbst nie Teil davon. Ihre Welt blieb immer etwas Fremdes und ihre Erfahrungen nur bedingt auf meine Situation übertragbar. So bin ich mehr oder weniger ins Erwachsenwerden hineingeschlittert. Ich weiß noch, wie ich mir selbst an meinem dreißigsten Geburtstag gesagt habe: »Jetzt bist du erwachsen!«, aber außer einer riesigen Angst, »spießig« zu werden – was es unbedingt zu vermeiden galt – und einem gewissen Gefühl von Überforderung, hatte ich keine wirklich positive Assoziation zu dieser biologischen Tatsache. Die erste Naivität – alles ist gut Es gab auch keinen Grund, sich das Erwachsenwerden herbeizusehnen. Gerade die Zeit zwischen zwanzig und dreißig bot eigentlich alles, was ich mir vom Leben erwartet hatte. Einerseits war ich durch die Volljährigkeit und das eigene Einkommen unabhängig von den Eltern, andererseits hatte ich noch keine eigenen Kinder, die mir neue Abhängigkeiten aufbürdeten. Kurz gesagt: Die Welt gehörte mir und die Möglichkeiten wirkten grenzenlos.

Ich glaube, dass eine kritische Reflexion der eigenen Theologie und Glaubenspraxis ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum mündigen Erwachsenen ist. Daggi predigt 2012 auf dem Willo Freak – dem Familientreffen der Jesus Freaks Erwachsen

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Gottesdienst auf der Hauptbühne, Freakstock 2012

Dazu kam, dass meine Generation ein sehr starkes christliches Selbstbewusstsein mitbekommen hatte. Immer wieder hatten wir gehört, dass wir so etwas wie eine »auserwählte Generation« seien, die unser Land ganz nach vorne bringen würde. Am besten hat unser Lebensgefühl wohl die 24-7-Vision von Pete Greig eingefangen, der von einer Armee von jungen Leuten spricht, deren Leben und Gebet die Welt verändert. So wollte ich sein und es war gar keine Frage, ob das möglich ist. Gott will es und dann wird es auch passieren. Mein Glaube war von der Erfahrung der Unmittelbarkeit Gottes geprägt. Im Sinne der Religionsphilosophie kann man vielleicht von der »ersten Naivität« sprechen: Geschichten über Gottes Wirken und das eigene Erleben sind wichtiger als theologische Reflexionen. Das Böse ist eine Realität, die man durch das richtige Gebet und die gottgegebene Autorität beherrschen kann und dadurch nicht wirklich bedrohlich ist. Diese erste Naivität brachte auch bleibende Früchte. Viele Menschen ließen sich von unserer Begeisterung anstecken und sind 8

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heute mit Jesus unterwegs. Tragende Elemente in meinem eigenen Leben, aber auch im Leben der Jesus-Freaks-Bewegung, haben damals ihren Anfang genommen und konnten über die Jahre wachsen und stabil werden. Beziehungen, die durch prägende gemeinsame Erfahrungen entstanden sind, haben eine ganz besondere Tiefe und Vertrautheit, die ich nicht missen möchte. Die Krise des Erwachsenwerdens Wechsel in den Lebensphasen äußern sich bekanntermaßen in Krisen. Meine begann mit dem Umzug von der Frankenmetropole in die lippische Kleinstadt. Ich hätte mir nicht träumen lassen, was für Erschütterungen ein solcher Ortswechsel auslösen kann. Vor allem meine Glaubenspraxis wurde von einem auf den anderen Tag völlig über den Haufen geworfen. Wo vorher das lebendige Treiben einer extrovertierten Freakgemeinde mein Leben bestimmte, waren jetzt viele grüne Wiesen und ein meditatives Nichts, das mein außengesteuerter Glaube einfach nicht füllen konnte. Meine Rettung war ein Studium. Es half


Immer wieder hatten wir gehört, dass wir so etwas wie eine »auserwählte Generation« seien, die unser Land ganz nach vorne bringen würde.

mir, meine Theologie erst einmal vom Bauch in den Kopf zu bringen, um sie anschließend vom Kopf auf die Füße zu stellen. Das Verrückte war, dass man mir früher immer gesagt hatte, dass ein Theologiestudium den Glauben raubt, mir hat es ihn buchstäblich gerettet. Ich glaube, dass eine kritische Reflexion der eigenen Theologie und Glaubenspraxis ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum mündigen Erwachsenen ist. Dekonstruktion war ein Schlagwort, unter dem viele Menschen meiner Generation ihr Ringen mit dem Idealismus-Realitäts-Konflikt gebündelt haben. Meist fängt es damit an, dass sich die vertrauten Wahrheiten nicht mehr mit den eigenen Erfahrungen decken. Fragen und Zweifel nehmen zu und rütteln an den Fundamenten unseres Seins. Ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen: Der einzige Weg hinaus führt hindurch. Nicht wenige Menschen in meinem Umfeld weigerten sich, diesen Schritt zu gehen. Sie versuchten, die Unmittelbarkeit des Glaubens zu konservieren, indem sie ihn in eine Ideologie gossen. Faktoren wie Leid, Krankheit und Scheitern wurden in ihrem System einfach ausgeblendet. Heute leben viele von ihnen in sektenähnlichen Strukturen, die sie nur aufrecht erhalten können, indem sie alle Kontakte nach außen abbrechen. Es ist erschreckend, dass Menschen so auf die Krise des Erwachsenwerdens reagieren, aber es passiert leider immer wieder. Anderen ist es nicht gelungen, ihren Glauben ins Erwachsenenalter mitzunehmen. Sie haben den Konflikt zwischen ihrem kindlichen Glauben und ihrer Erfahrung nicht lösen können. Die Folge war, dass sie zunächst zynisch und später agnostisch wurden. Heute verbinden mich mit einigen von ihnen immer noch tiefe Freundschaften. Auch wenn sie in ihrem Leben gerade nicht zulassen können, dass es einen Gott gibt, so ist doch Sein Weg mit ihnen an diesem Punkt noch nicht zu Ende. Eine Bewegung wird erwachsen Das Besondere an der Jesus-Freaks-Bewegung war, dass die gesamte Führungsriege gleichzeitig in die Krise des Erwachsenwerdens kam. Um das Gemeinsame zu erhalten, blieb uns nichts anderes übrig, als diese Phase gemeinsam als Bewegung zu durchleiden. Damit setzte ein umfassender Neustrukturierungsprozess ein, der auch Menschen mitriss, die in ihrem Leben noch gar nicht an diesem Punkt waren. Gerade für sie war der Weg aus der Krise sehr schwierig und schmerzhaft. Erwachsen

1995 gründete Daggi mit Freunden die Jesus Freaks Nürnberg. Von 1999 bis 2001 war sie im Leitungskreises von Jesus Freaks International

Das Ergebnis ist, dass die Verantwortung in der Bewegung jetzt von unterschiedlichen Generationen gemeinsam getragen wird. Das stellt sicher, dass Krisen in Zukunft nicht mehr kollektiv durchlebt werden müssen. Außerdem ist damit klar, dass die Jesus Freaks zwar eine junge Bewegung, aber definitiv keine Jugendbewegung sind. Ich hoffe, es ist uns damit gelungen, einen Ort zu schaffen, an dem die nachfolgenden Generationen auf gesunde Weise erwachsen werden können. Angekommen? Kann ich jetzt mit 38 sagen, dass ich angekommen bin? Der ­Religionsphilosoph Peter Wust spricht davon, dass es eine »zweite Naivität« gibt. Sie ist die Fähigkeit, in gewisser Weise »trotzdem« zu glauben, aber »nicht aus verkrampftem Trotz, sondern aus einer weisheitlichen Haltung und (...) dankbarer Verwunderung über diese seltsame, uns ungefragt auferlegte Existenz«1. Manchmal merke ich, dass ich das kann. Und manchmal sehne ich mich zurück nach der Unmittelbarkeit, die auf dem Weg verloren gegangen ist. Dann hilft mir Hermann Hesse, der in seinem Gedicht »Stufen« schreibt: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen. ///

Fußnote: 1 PD Dr. Theol Joachim Negel: Vermittelte Unmittelbarkeit zu Gott – Erwägungen zur »Zweiten ­Naivität« als der Glaubenshaltung des erwachsenen Menschen, Seite 9 Gesamttext abrufbar unter www.uni-marburg.de/hosting/ks/personal/negel/negel11.pdf

Daggi Begemann (38) wohnt mit Ihrem Mann Henrik im lippischen Lemgo. Beruflich koordiniert sie das Mehrgenerationenhaus der Ev.-ref. Kirchengemeinde St. Pauli und versucht ihrem Idealismus in der Kleinstadt damit Hand und Fuß zu geben. Sie ist Mitglied im Koordinationskreis von Emergent Deutschland und seit 1995 Jesus Freakin mit ganzem Herzen.

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25 Dinge, an denen du erkennst, dass du erwachsen bist Text: Daniel Hufeisen

1. Auf der Couch schlafen bereitet dir Rückenprobleme. 2. Eine 4 Euro teure Flasche Wein ist nicht mehr »ziemlich gutes Zeug«. 3. Du stehst um 6 Uhr morgens auf und gehst dann nicht erst ins Bett. 4. Dein Hund bekommt gekauftes Hundefutter statt Essensreste. 5. Wenn deine Freunde müde aussehen, liegt das mehr am Baby als an der Disco. 6. Von Teens wirst du mit »Sie« angesprochen. 7. 90 Prozent deiner Zeit vor dem PC arbeitest du ernsthaft. Wenn nicht, hast du zumindest ein schlechtes Gewissen. 8. Um 4 Uhr morgens frittierte Sachen zu essen würde dir Magenprobleme bereiten – nicht sie lösen. 9. »Deine« Kindergottesdienstkinder haben inzwischen alle Führerschein. 10. Du achtest auf die Wettervorhersage. 11. Deine Freunde heiraten und lassen sich scheiden, anstatt miteinander zu gehen und wieder Schluss zu machen. 12. »Das ist vernüftiger« ist zu einem echten Argument geworden. 13. Du hast weniger als 90 Ferientage im Jahr. 14. Jeans und ein Pulli gelten nicht mehr als »schick angezogen«. 15. Du reagierst mit einem Lächeln auf den begeisterten und radikalen Glauben der Jugendlichen in deiner Gemeinde. 16. Du isst Frühstückszeug zum Frühstück. 17. Versicherungen findest du sinnvoll. 18. Ältere Verwandte fangen an, dreckige Witze auch in deiner Gegenwart zu erzählen. 19. Du weißt nicht, wann Mc Donald’s zumacht. 20. Du bist von deinen Haushaltsgeräten begeistert. 21. Deine Lieblingslobpreislieder wurden nicht in den letzten fünf Jahren geschrieben. 22. Du gehst gerne spazieren. 23. Du fragst deine Eltern um Rat. Und sie dich. 24. Du weißt, welche Geschenke für einen zweiten Geburstag geeignet sind. 25. Chris Brown, Cro, Skrillex und Daniele Negroni magst du nicht so gerne. Ach, du kennst sie gar nicht?!

Erwachsen

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oora Herzschlag:

Planlos?! hlen Hier erzä teure, k oora-Redina ihrer ie s wa s e Jesu Nachfolg t. beweg

Lebensplanung zwischen unbegrenzten Möglichkeiten und göttlichem Plan Text: Johanna Weiß

Audioversion unter www.oora.de/audio

Kommt zur eigenen Lebensplanung die Frage nach dem Plan Gottes hinzu wird es offenbar kompliziert. Ein (selbst)kritischer Blick auf Realität und Ideal christlicher Lebensplanung und die Frage, was wir dabei falsch verstanden haben könnten. // »Schaut mal dort am Horizont«, schreit die erste Matrosin. Ihr Finger deutet auf einen kleinen Punkt in weiter Ferne. »Dort will ich hin!« Für sie ist der kleine Punkt der Ort des Geschehens, in leuchtenden Farben und bewegten Bildern hat sie ihn vor sich. »Das macht keinen Sinn«, widerspricht die zweite. »Woher weißt du, dass es da tatsächlich so aussieht? Lohnt sich der Weg überhaupt? Wenn wir dort sind, gefällt es uns am Ende doch nicht«, sagt sie und deutet auf einen anderen Punkt. »Wie wär’s mit dem dort hinten?« »Warum bleiben wir nicht hier?! Macht die Augen auf für das Hier und Jetzt. Warum über nächste Häfen streiten, wenn der hier so schön ist?«, wirft die dritte ein. Sie ist präsent und hellwach, »Carpe Diem!« muss ihr keiner sagen, es ist ihre DNA. »Genau«, sagt die vierte im Bunde. »Natürlich ist nicht alles perfekt, aber warum packen wir nicht mit an und verändern das Gesicht dieses Hafens ein wenig?!«, schlägt die pragmatische Diplomatin vor. Die vier Matrosinnen stehen für die Stimmen, die in meiner Lebensplanung mitreden. Manchmal sind es mehr, manchmal weniger als die exemplarischen vier. Schon seit einer ganzen Weile beschäftigen sie mich und reflektieren die Auseinandersetzung mit der bislang am längsten bewusst an mich selbst gestellten Frage: »Wo soll es hingehen?« Sie bezieht sich auf inhaltliche oder auch geographische Weichenstellungen aus dem weiten Feld der Lebensplanung. Sie tauchen immer dann auf, wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht oder Zweifel an dem aufkommen, worin ich grade stehe. In meinem Fall: oft. Die Frage nach der Berufung Manchmal kommt sie auch in einem anderen Gewand daher. »Was ist meine Berufung?«, heißt es dann. Zu all den Stimmen, die sowieso schon um Aufmerksamkeit streiten, kommen neue hinzu: »Gott, was willst eigentlich du? Was soll ich tun? Wo soll ich hin?« Die Frage nach der Berufung plappert im Stimmengewirr munter mit und trägt selten zu einer Klärung bei. Im Ideal 30

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Vielleicht habe ich das mit dem Plan falsch verstanden und die Bausteine meines Lebens sollen doch nicht zu einem Ikea-Schrank werden.

würde die Lebensplanung Gläubiger von Freiheit, Freisetzung und göttlicher Kreativität zeugen. In der Realität liegt sie oft irgendwo zwischen infantil und verkrampft. Mit Blick auf mich selbst und andere, die einen Klatsch christlich-abendländischer Kultur abbekommen haben, frage ich mich, ob das Ganze ohne Gott nicht einfacher wäre. »Aber Gott hat doch einen Plan für unser Leben!«, mag der gute Christ nun einwerfen. »Wenn Gott einen Plan für unser Leben hat, sollten wir ihn beherzigen.« Auf der Suche nach dem Plan Die erste Konnotation, die mir zum Plan kommt, ist Bauplan ... für einen Ikea-Schrank zum Beispiel. Mit dem Paket von Ikea kommt einiges an Material: Holzstücke in verschiedenen Größen, Stangen, Scharniere, Schrauben, Nägel ... Wer aus den Bauteilen einen geraden und funktionierenden Schrank machen will, muss sie genau so aneinandersetzen, wie der Designer vorher am Reißbrett. Wer nicht selbst Schreiner ist oder bereits zehn derselben Schränke zusammengebaut hat, hält sich besser an die Anleitung. Auch in meinem Leben habe ich einiges an Ressourcen und Gaben, aber auch an Beschränkungen mitbekommen. Was ich daraus bauen kann, weiß wohl mein Designer am besten. Ich meinerseits tue gut daran, mich an seinen Plan zu halten. Soweit so gut. Blöd nur, dass ich in meinem Paket bisher noch keine göttliche Bauanleitung gefunden habe, in der steht »Wenn du mit diesem fertig bist, mach jenes als Nächstes.« Daraus kann ich nun verschiedene Schlussfolgerungen ziehen: Wenn es keinen Beipackzettel gibt, gibt es auch keinen Gott. Oder: Es gibt einen Gott, aber da er mir keinen Beipackzettel gibt, ist es ihm egal, ob mein Lebensschrank am Ende schief und krumm ist. Oder: Ich muss besser suchen. Einladung statt Anleitung Oder: Ich habe das mit dem Plan falsch verstanden und die Bausteine meines Lebens sollen nicht zu einem Ikea-Schrank oder einem anderen vorher fest definierten Gebilde werden. Vielleicht ist mein Leben eher wie ein offenes Kunstwerk. Dieser Begriff Umberto Eco’s hat mich zu einer neuen Perspektive auf meine Zukunft im Zusammenhang mit Gottes Plan inspiriert. Ein offenes Kunstwerk verlässt den Künstler unfertig. Was daQuergedacht

bei herauskommt, ist nicht eindeutig, sondern mehrdeutig. Der Betrachter wird zum Teilhaber, das offene Kunstwerk fordert zum Auswählen und Neukombinieren auf. Natürlich ist auch dieser Vergleich des offenen Kunstwerks nur ein Gedankenkonstrukt, das die Realität niemals voll abbilden kann. Doch einiges an diesem Konzept gefällt mir ziemlich gut. Es macht die Lebensplanung ein ganzes Stück unkomplizierter. Es ermutigt zum Aufbrechen, Ausprobieren und Spielen. Im Gegensatz zum Ikea-Schrank, der einzustürzen droht, wenn man sich nicht peinlich genau an die Anleitung hält, verleiht es Freiheit und Leichtigkeit. Es ist eine Einladung des Künstlers, hier: des Schöpfers, zum Schöpfen und kreativ Sein. Los geht’s Tja, und so stehe ich mitten drin in dem Leben, das Gott mir anvertraut hat, bin fasziniert und gleichzeitig überfordert von der Fülle an Möglichkeiten, die mir offenstehen. Dass ich an Gott glaube und Jesus nachzufolgen versuche, bringt eine Dimension in mein Leben, die manch anderer nicht hat. Ich wünsche mir, dass mein Weg mehr und mehr von Freiheit, Liebe und dem Frieden Gottes spricht. Diese drei will ich umarmen und losziehen im Vertrauen, dass Er dabei ist, mit Seinem Reden rechnen, aber nicht passiv darauf warten und Entscheidungen treffen. Mir dabei Fehler und Irrtümer zugestehen, im Vertrauen darauf, dass Gott kein Problem mit ihnen hat. Vielleicht gibt es sie in seinen Dimensionen auch gar nicht. ///

Johanna Weiß (26) verbringt gerade ein Urlaubssemester am Bodensee, wo sie ansonsten Kommunikations- und Kulturmanagement studiert. Sie schreibt für oora und ein Uni Magazin, geht gern mal auf Reisen, mag Bücher, Musik und frische Luft.

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Wie Gott meine Sucht untersuchte von Mickey Wiese

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// Als mein Freund Gott und ich uns einmal so doll nacheinander sehnten, dass es fast körperlich weh tat, verstand ich etwas mehr von der dunklen Seite der Sucht. Und das kam so. Eines Tages versuchte ich mir einmal vorzustellen, ob ich wirklich wie Paulus auf die Ewigkeit verzichten würde, um des Heils meiner Mitmenschen willen oder ob ich einen Gottesdienst versäumen wollte, um mich mit jemandem zu versöhnen, der etwas gegen mich hat. Zähneknirschend musste ich meinem Freund Gott eingestehen, dass ich das so wenig könnte, wie dem Duft einer Bäckerei am frühen Morgen zu widerstehen. »Meine Sehnsucht nach dir ist so groß, dass sie mich fast vergessen lässt, wer oder was um mich herum ist«, bemerkte ich leicht schockiert. »Weißt du, Mi48

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ckey«, sagte mein Freund Gott daraufhin, »Sehnsucht entsteht, wenn Paradiese verloren gehen. Spätestens seit dem Sündenfall ist der Mensch darum extrem ein Mangelwesen. Jeder erreichte Zustand ist nur der Ausgangspunkt neuen Verlangens. Hungern und Dürsten sind in allen Schichten deines Seins die grundlegenden Antriebskräfte. Dieser Prozess erhält dich aber auch am Leben und ist die Quelle von Kultur und allen anderen zivilisatorischen Errungenschaften.« Da war ich wieder einmal platt. Wie mein Freund Gott solche schlauen Dinge aus der Hüfte schießt und die Dinge auf den Punkt bringt, das ist schon hypnogrell. »Problematisch wird es allerdings«, fuhr mein Freund Gott fort, »wenn die Sehnsucht so stark wird, dass die Handlungen, die uns mit dem Verlo-

renen wieder vereinen sollen, mehr oder weniger gewalttätig werden. Diese dunkle Seite der Sehnsucht drückt sich dann sowohl in der privaten Vergewaltigung aus, wie auch im politischen Imperialismus oder der geistlichen Orthodoxie.« Das saß! Unsere geliebte Orthodoxie mit Vergewaltigung und Imperialismus in einem Atemzug zu nennen, das kann sich auch nur ein Gott erlauben. Aber mein Freund Gott hatte natürlich wieder einmal Recht. Ich erinnerte mich, dass Dr. Volker Weissinger, der Geschäftsführer des Fachverbandes Sucht, die Suchtstruktur auch als ein unwiderstehliches, zwanghaftes Verlangen nach einer ständig erneuten Einnahme von Suchtmitteln beschreibt oder auch nach einer immer neuen Wiederholung einer bestimmten Handlung, um ein bestimmtes Lustge-


Menschen können von Alkohol und Nikotin genauso abhängig sein, wie von Schokolade, Nägelkauen, geistlichen Leitern, Pünktlichkeit oder Stress.

fühl zu erreichen, ohne Rücksicht auf soziale Gegebenheiten. Vom Kaufrausch über Workaholismus und Glücksspiel bis hin zur Sucht nach immer aufregenderen geistlichen Erfahrungen gibt es nichts, was es nicht gibt. Wir leben in einer Welt voller Süchte. Menschen können von Alkohol und Nikotin genauso abhängig sein, wie von Schokolade, Nägelkauen, geistlichen Leitern, Pünktlichkeit oder Stress. Zwar hält die zuständige Behörde in Sachen Suchtdefinition, die WHO, nur »Substanzen mit zen­tralnervöser Wirkung« für abhängig machend, aber auch, wenn wir an Idealen hängen, Macht anstreben, Arbeit und Beziehungen nachjagen oder von Stimmungen abhängig sind, wirken in uns letztlich dieselben Mechanismen, die auch zur Drogenabhängigkeit führen. Der Unterschied zwischen körperlicher und psychischer Abhängigkeit besteht eigentlich nur noch in den graduellen Unterschieden der Entzugserscheinungen. Die sogenannten Toleranzprobleme, also das Verlangen nach immer höherer Dosierung, sind bei allen Süchtigen gleich. Der amerikanische Psychiater Dr. Gerald May stellt sogar die These auf, dass in allen Menschen die psychologischen, neurologischen und geistigen Kräfte einer ausgewachsenen Suchtkrankheit in unterschiedlichen Ausmaßen am Werk sind. May geht davon aus, dass alle Menschen eine angeborene Sehnsucht nach meinem Freund Gott in sich tragen, die im Kern ein Hunger zu lieben, geliebt zu werden und der Quelle der Liebe näher zu kommen ist. Häufig wird diese Sehnsucht Quergedacht

nach Liebe aber verdrängt, weil Liebe verwundbar macht. Während der psychologische Prozess der Verdrängung nun unser Verlangen erstickt, bindet und kettet die Sucht es an ein bestimmtes Verhalten, an bestimmte Gegenstände oder Menschen. Sucht bindet die Sehnsucht und braucht dabei langsam aber unaufhörlich unsere Lebenskraft auf. Es bleibt immer weniger Energie übrig, um uns auf andere Menschen oder höhere Ziele zu konzentrieren. Geistlich gesehen ist die Sucht eine Abkehr von Gott, weil die Objekte unserer Abhängigkeiten den Rang von Göttern einnehmen. Wir dienen ihnen und opfern ihnen Zeit und Kraft. Sucht verdrängt und ersetzt die Liebe meines Freundes Gott als Quelle und Objekt eines tiefen und echten Verlangens mit anderen Dingen. Zu diesem Zeitpunkt unseres Gesprächs war es mir, als hätten wir mal eben die Büchse der Pandora geöffnet. In mir hämmerte nur noch die Frage: »Wer kann denn dann noch vor dir bestehen, mein lieber Freund Gott?« Ich verstand, dass mich im Kern nicht viel von den Drogenabhängigen an den Bahnhöfen und in den Fußgängerzonen unterschied auch wenn ich noch so laut, sehnsüchtig und hingebungsvoll von der bedingungslosen Liebe meines Freundes Gott predigen würde. Unser gemeinsamer Freund Paulus hat es trefflich an die Römer geschrieben: »Allesamt sind sie Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten« (Römer 3,23). »Das ist wahr«, sagte mein Freund Gott, »aber du darfst nicht den zweiten Teil vergessen. Das habe ich Paulus auch immer wieder erklärt. Zwar sind alle Menschen

Sünder, aber was sich keiner verdienen kann, das schenke ich euch. Der Weg zur Freiheit besteht darin, mein lieber Mickey, dass wir uns deine alltäglichen kleinen und großen Süchte einmal zusammen genau anschauen. Und ich wette, wir werden die Sehnsucht nach Heimat, Geborgenheit, dem verlorenen Paradies und nach mir in ihnen wiederentdecken.« In diesem Moment konnte ich einfach nicht mehr an mich halten und fiel meinem Freund Gott um den Hals, drückte und herzte ihn und weinte ihm die Jacke voll. Mein Freund Gott streichelte mir sanft über den Kopf und flüsterte mir zu: »Lass uns einfach viel miteinander reden und gemeinsam abhängen. Mehr braucht’s fast nicht. Gebet und Gemeinschaft können der Sucht die Angst nehmen und sie so wieder in lebensspendende Sehnsucht zurückverwandeln.« Und dann gingen wir voller Hoffnung in die Zukunft um die Ecke zu unserem Italiener und bestellten eine große Pizza Nostalgico mit doppelt Manna. ///

Mickey Wiese (52), länger als er lebt mit Jesus befreundet, ist als Event-Pastor, systemischer Berater für störende Schüler und in einigen anderen Rollen unterwegs. Er hat Sehnsüchte nach Glauben im Alltag, wird gerne gegooglet und findet Beerdigungen fast besser als Hochzeiten, feiert letztere aber ausgiebiger.

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Dein Projek t

Diesmal:

Couchsharing Bamberg Text: Damaris Hans und Benedikt Martin

Wer seid ihr? Eine Gruppe junger Christen, größtenteils Studenten an der Universität Bamberg. Was macht ihr? Wir vermitteln verzweifelte, wohnungssuchende Studenten auf Couches von Christen in Bamberg und Umland, um ihnen den Studienstart zu ermöglichen. Damit soll den Couchees, wie wir sie nennen, ermöglicht werden, vor Ort nach einer Wohnung oder WG zu suchen. Möglichkeiten auf das Projekt aufmerksam zu werden, besteht über Inserate bei wg-gesucht.de, Facebook, Aushänge an der Uni, persönliche Kontakte etc. Die Vermittlung findet über unsere Webseite statt. Damit die Aktion gelingt, haben wir in unterschiedlichen Gemeinden und Kirchen Bambergs um Unterstützung gebeten, Raum für Studenten anzubieten. Darüber hinaus wurde für zwölf Tage

eine Couch-WG in den Räumen einer Gemeinde eingerichtet. Wie ist die Idee entstanden? Im Herbst 2011 war eine große Flut an Studenten aufgrund des doppelten Abiturjahrgangs angekündigt und zu erwarten, dass der Wohnungsmarkt überfüllt sein würde. Das Projekt ist aus dem Anliegen, sich dieser Not entgegenzustellen, entstanden. Was bewirkt ihr? Wir versuchen, der Notlage der Studenten zu begegnen und ein Ankommen in der Stadt zu erleichtern. Zum einen dienen wir damit aktiv den Studenten und zum anderen lassen wir sie in unseren Alltag als Christen hineinschauen. Was für uns an Gemeinschaft und Gastfreundschaft ganz natürlich zu sein scheint, ist oft weniger selbstverständ-

lich, als wir denken. Durch das aktive Zusammenleben entstehen Nachfragen, Gedankenanregungen und gute Gespräche. Viele Couchees sind motiviert, sich beim nächsten Couchprojekt ebenfalls zu engagieren. Außerdem eröffnet es den Kirchen und Gemeinden die Möglichkeit, der Not der Studenten gemeinsam zu begegnen. Was empfehlt ihr weiter? Not gibt es überall! Wir empfehlen mit offenen Augen und Ohren die Menschen um sich herum wahrzunehmen und zu überlegen, wo und wie man helfen kann. Es braucht Gebet, ein Team, Kontakt zu Kirchen und Gemeinden und die Spontanität zu improvisieren und das Vorhandene bestmöglich zu nutzen. Perfekte Planung ist weniger wichtig, als im Vertrauen auf Gott den Mut zu haben, einfach loszugehen.

Kontakt: www.couchsharing.de oder damaris.hans@couchsharing.de

Das Thema der nächsten Ausgabe, die im März 2013 erscheint:

Freiheit 50

oora 04/12


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Die Pforten des Willow Jugendplus-Kongresses 2013 sind geöffnet: Für alle, die sich nach frischem Wind und neuen Perspektiven sehnen. Wir wollen gemeinsam aufbrechen, unsere Herzen weit machen und es Jesus gleich tun. Er ging hinaus, mischte sich ein und war und ist bis heute offen für alle.

Live in Concert

Der junge Kongress mit Inspiration für junge Leiter und Mitarbeitende in Jugendarbeit und Gemeinde. Mit starken Inhalten, bewegendem Worship, praktischen Tools, bereichernden Begegnungen. Jetzt Flyer + Poster für deine Gruppe bestellen: info@willowcreek.de Info + Anmeldung: www.willowcreek.de/jugendplus

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Bleib up-to-date und rede mit: triff uns auf Facebook:

JEREMY CAMP

„GEMEINDE ALS RAUM GEMEINSAMEN LEBENS BEDEUTET AUCH: DIE FENSTER WEIT ÖFFNEN UND DEN FRISCHEN WIND DES 21. JAHRHUNDERTS – MIT ALL SEINEN FRAGEN – KRÄFTIG WEHEN ZU LASSEN! DER KONGRESS ERÖFFNET DER JUNGEN GENERATION DIE MÖGLICHKEIT, MIT IHREN FRAGEN OFFEN UND EHRLICH UMZUGEHEN. ES GEHT NICHT UM METHODEN. NICHT UM ERFOLGSREZEPTE. WIR WERDEN ERLEBEN, WIE HEILIGES FRAGEN DIE EIGENE SEELE OFFEN WERDEN LÄSST FÜR ANTWORTEN, DIE NUR GOTT IN UNS HINEINLEGEN KANN.“ TORSTEN HEBEL (Auszug aus dem aktuellen Willow Magazin)

FACEBOOK.COM/WILLOWCREEK.DE

31. MAI – 2. JUNI 2013 RITTAL ARENA WETZLAR

oora 46 • Erwachsen  

Großwerden ist gar nicht so einfach – im Glauben wie auch bei den Themen Familie und Beruf. Aber es ist unumgänglich und schön.

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