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12. Jahrgang • 4/2011 • Nr. 42 (Dezember) 5,50 EUR/7,50 SFr (Einzelpreis)

www.oora.de

THE R ACE he ißt jetzt und erscheint v iermal pro Jahr

oora

Die christliche Zeitschrift zum Weiterdenken

Anfang Es geht los  

Startup-Power im Doppelpack Interview mit Claudia Hoppe und Claudia Pelz  Seite 4

Ein magisches Gebet Ist das Übergabegebet biblisch?  Seite 19

Kann ein Kind denn Sünde sein? Wenn der Anfang eines Lebens aus Ehebruch entsteht  Seite 12


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Liebenzeller Mission Freizeiten & Reisen GmbH Heinrich-Coerper-Weg 2 75378 Bad Liebenzell info@freizeiten-reisen.de


Inhalt

Editorial

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Artikel, die mit dem Lautsprecher gekennzeichnet sind, gibt es als Audioversion in iTunes und auf www.oora.de/audio.

Schwerpunkt: Anfang 4   

Startup-Power im Doppelpack

Interview: Johanna WeiSS

8   

Im Rhythmus

Sandra Bils

12

Interview mit Claudia Hoppe und Claudia Pelz

Das Kirchenjahr – ein verborgener Schatz

Kann ein Kind denn Sünde sein?

Wenn der Anfang eines Lebens aus Ehebruch entsteht

Anneke Reinecker

15    Anfang

Lyrik: Daniel Sailer

16

Ohne Anfang und Ende

Robert Pelzer

19

Ein magisches Gebet

Jim Gettmann

24

Zeit als geschaffenes Element begreifen

Ist das Übergabegebet biblisch?

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Unter der Oberfläche

Kolumne: Linda Zimmermann

Flitterwochen // Zieht jemand für einen längeren Zeitraum in ein anderes Land, so erlebt er dort oft eine emotionale Achterbahnfahrt. Zunächst ist man von allem fasziniert: Das Essen schmeckt exotisch anders, der Verkehr ist möglicherweise chaotisch und funktioniert trotzdem irgendwie und die Menschen haben einen ganz anderen Lebensrhythmus. Spannend! Doch schon bald – meist nach etwa drei Monaten – geht einem dieses »andere« zunehmend auf die Nerven und man fällt in ein Loch. Jetzt bemerkt man, was einem alles nicht gefällt und es treten alle möglichen Probleme auf, die damit zu tun haben, dass alles so unglaublich anders ist. Dieses Phänomen bezeichnet man als »Kulturschock«. Doch nach einigen Monaten erholt man sich von dieser Krise und beginnt, die von der Heimatkultur abweichenden Handlungsweisen zu verstehen und zu akzeptieren. Schließlich folgt die Phase der Anpassung, in der man sich in die Kultur integriert und anfängt sich in ihr Zuhause zu fühlen. Das Wissen um diese Dynamik kann dabei helfen, die zauberhafte mit »Honeymoonphase« bezeichnete Anfangszeit so richtig auszukosten. Denn Neues zu entdecken macht lebendig und so lohnt es sich, Augen, Ohren und Herz zu öffnen und das Neue, Andere zu umarmen. Ist man dann nach einem langen Tag in der neuen Kultur einmal reizüberflutet und genervt, so hilft es, sich erstmal zurückzuziehen und das Erlebte zu verarbeiten. So kann die Euphorie der Anfangsphase möglichst lange anhalten.

21    Impressum 22    oora braucht dich

Über diesen Zauber des Anfangs schreibt auch unsere Kolumnistin Linda auf Seite 24. Sie liebt Neuanfänge und inspiriert dazu, unbeschriebene Seiten im eigenen Lebensbuch munter zu gestalten. Auch die Lyrik auf Seite 15 trägt diese Gedanken in sich. Man lese und staune.

23    Buchrezensionen

Viele wertvolle Inspirationen beim Lesen wünscht dir

Details

Geschenkabo + Fehlerkorrektur

auf den Covern dieses Covermotiv: Das künstlerische Motiv unseres Grafikers den Hän den aus mt stam Flipover-Heftes ege dar, die wir nsw Lebe Johannes Schermuly. Es stellt die Wachstums­ und en gass Sack ege, Umw n. Menschen gehe ufhörlich una i dabe sich phasen. Unsere Wege kreuzen n. sche Men mit denen anderer

Dein oora Redaktionsteam

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Der evangelische Jahreskreis beginnt mit dem 1. Advent.

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Im Rythmus | Anfang

Im Rhythmus Das Kirchenjahr – ein verborgener Schatz Text: Sandra Bils

Für freikirchliche Christen ist das Kirchenjahr meistens entweder unbekannt oder unwichtig. Dabei steckt dieser gottesdienstliche Jahresrhythmus voller Kostbarkeiten. // Ein beruflich viel beschäftigter Mann erzählte mir diese Woche von einer Rehamaßnahme, der er sich nach einer Operation unterziehen musste. Als ich ihn nach der Gestaltung dieser Auszeit fragte, antwortete er, dass das Schönste nicht die arbeitsfreie Zeit an sich war, die ihm auf einmal im Überfluss zur Verfügung stand, sondern die Strukturierung dieser Zeit. Die festgelegten Tagesabläufe, die für ihn durch die geregelte Abfolge der Behandlungen und Massagen entstand. »Zu wissen, wann man was am sinnvollsten machen kann, war enorm entlastend. Darin lag die größte Stärkung«, sagte er noch immer sichtlich begeistert. Rhythmen des Lebens

Vorgeschrieben zu bekommen, was wann zu tun ist, gehört in unserer individualisierten Zeit nicht zu unseren vordergründigen Wunschvorstellungen. Andererseits sind wir von Rhythmen des Lebens umgeben und mitunter auch sehr dankbar dafür. Rhythmen geben unserem Alltag Struktur und verhindern, dass wir in ewiger Gleichförmigkeit verloren gehen. Unserem Zeitempfinden ab und an ein paar Ankerpunkte zu liefern, hilft, das Gleichgewicht zwischen creatio und recreatio herzustellen. Und vor allem: im Hamsterrad des Alltags die wirklich wichtigen Dinge nicht aus dem Blick zu verlieren. Räume sind wahrzunehmen zwischen den Schlägen unseres Herzens, zwischen zwei Atemzügen, Rhythmen von Wachen und Schlafen, von Hungergefühl und Sättigung. Neben diesen biologischen Rhythmen sind wir auch von kosmischen Rhythmen umgeben: Helligkeit und Dunkelheit, Tag und Nacht, Ebbe und Flut und natürlich dem Wechsel der Jahreszeiten. Die Zeiterfahrung in der Wahrnehmung kosmischer sowie biologischen Rhythmen führte schon früh zur Entwicklung von Traditionen und Brauchtum. Eng an das Naturjahr gekoppelt entstanden Feste, um die hervorgehobenen Ankerpunkte im Alltag zu begehen und zu feiern.

Jüdische Wurzeln

Im frühen Israel wurden diese Feste im Naturjahr mit der Heilsgeschichte Israels verbunden. So wurde sichergestellt, dass eben diese Heilsgeschichte dem Volk Israel alljährlich vor Augen stand. Diese »Vergeschichtlichung« bildete die Basis für das, was wir heute Kirchenjahr nennen. An zwei Stellen berührt das christliche Festjahr eng den jüdischen Festkalender, auf dem es gründet: Das jüdische Passafest, durch neutestamentliche Deutungen ohnehin eng mit Tod und Auferstehung Jesu verbunden, wurde zum Ansatzpunkt des christlichen Osterfestes. Das sieben Wochen später stattfindende jüdische Wochenfest wurde, verknüpft mit der Sendung des Heiligen Geistes und der Gründung der ersten Gemeinde, zum Hintergrund für das christliche Pfingstfest.

Unserem Zeitempfinden ab und an ein paar Ankerpunkte zu liefern, hilft, das Gleichgewicht zwischen creatio und recreatio herzustellen. In Anlehnung an den jüdischen Sabbat hat sich im Christentum der Sonntag als Versammlungstag herausgebildet, der den Akzent auf die Gemeinschaft legt. Über die Jahrhunderte wurden die einzelnen Sonntage und herausragenden Feiertage im Jahr dann in eine feste Abfolge gebracht – das Kirchenjahr, wie wir es heute kennen. Ähnlich den Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter bietet das Kirchenjahr einen Rahmen, der sicherstellt, dass alle wichtigen heilsgeschichtlichen Elemente jedes Jahr ihren Platz finden. Kirchenjahreskreis

Da wohlmöglich nicht jeder in gleicher Weise mit dem Kirchenjahr vertraut ist, stelle ich nun einmal die wichtigsten Elemente oora.de

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Dieser Kirchenjahreskreis wird sowohl in der katholischen Kirche als auch in den evangelischen Landeskirchen in den Gottesdiensten liturgisch gestaltet. Im 19. Jahrhundert fanden in den amtlichen Agenden, den »Drehbüchern« der Gottesdienste dieser Landeskirchen, erstmals kirchenjahreszeitlich geprägte Vorschläge Einzug. So wurde den stets gleichbleibenden Teilen des Gottesdienstes, dem sogenannten Ordinarium (lat. das Wiederkehrende), ein spezifisches Proprium (lat. das Wesentliche) zugeordnet und dadurch jedem einzelnen Gottesdienst ein individuelles Gepräge gegeben.

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Die Profilierung eines Sonn- und Festtages geschieht konkret durch die Ausgestaltung der Proprien und darin zuallererst durch die Auswahl der Schriftlesungen. Von der bisherigen Praxis der Bahnlesungen (fortlaufende Lesungen) wurde damals abgewichen, hin zu einer Auswahl eines biblischen Textes mit Festtagsbezug. Seit 1978 schließlich haben die gottesdienstlichen Bibelleseausgaben stärkere inhaltliche Zusammenhänge. Ausgehend vom Evangeliumstext wurden eine inhaltlich dazu passende Lesung aus den neutestamentlichen Briefen (Epistel) und dem Alten Testament gewählt. Der Predigttext ergibt sich aus einer Ordnung, die sechs Jahresreihen umfasst. Die Basistexte sind somit alle sechs Jahre wiederkehrend. Weiter nennt das Proprium des Sonntags einen Wochenspruch sowie ein Wochenlied, das sogenannte Graduallied, weil es oftmals zwischen den Lesungen gesungen wird. Außerdem wird ein Wochenpsalm und eine bestimmte kirchenjahreszeitlich bestimmte liturgische Farbe vorgeschlagen, die zum Beispiel für die Wahl der Paramente (Altar- und Kanzelbekleidung) und der farblichen Gestaltung des Gottesdienstraumes Hilfestellungen gibt, weil sie den farblichen Charakter des Sonntags sichtbar macht. So ist beispielsweise Weiß als »Christusfarbe« für die Weihnachtsund Epiphaniaszeit, Rot als Farbe des Feuers an Pfingsten, Violett als »Bußfarbe« für die Advents- und Passionszeit, Schwarz für den Karfreitag und Grün als Farbe der Hoffnung für die übrigen Sonntage in der allgemeinen Kirchenjahreszeit gedacht. Neben diesem spezifischen Profil als Branding des Sonntags in Text, Musik und Farbe, wird zum Teil auch die reguläre Liturgie (Ordinarium) dem Kirchenjahr angepasst. An Karfreitag als traurigem Tiefpunkt des Kirchenjahres etwa werden die sonst klassischen liturgischen Lobgesänge Gloria Patri (Ehre sei dem Vater und dem Sohn), Gloria in excelsis (Ehre sei Gott in der Höhe) und das Halleluja nach der Epistellesung weggelassen. Vielerorts schweigen auch Glocken und Orgel, der Altar ist schmucklos ohne Blumen, Kerzen und Paramente. Innerevangelisch-ökumenische Perspektiven

Im Hinblick auf das Kirchenjahr aus freikirchlicher Perspektive könnte nun gefragt werden, ob jene kirchenjahreszeitlich geprägten Ordnungen ein zu enges und beschränkendes Korsett darstellen. Ob sie die Verkündigung einengen und zu wenig Raum für das Wirken des Geistes und das Eingehen auf aktu-

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Die liturgische Ausgestaltung des Gottesdienstes

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vor. Seinen Anfang nimmt das Kirchenjahr mit der Adventszeit und dem ersten Adventssonntag, als Vorbereitung auf das ZurWelt-Kommen Gottes an Weihnachten in der Ankunft Jesu. Die Adventszeit geht am Heiligen Abend, dem Vorabend zum eigentlichen Festtag am 25. Dezember, in die Weihnachtszeit über. Die Menschwerdung Gottes steht im Mittelpunkt. In der darauf folgenden Epiphaniaszeit (epiphaínein, griech. erscheinen) steht die Erscheinung und Göttlichkeit Jesu im Vordergrund. Der daran anschließende Osterfestkreis bildet das Herzstück des Kirchenjahres. Er beginnt am Aschermittwoch mit der 40-tägigen Fasten- bzw. Passionszeit, in der dem Leiden und Sterben Jesu gedacht wird, und findet den Höhepunkt in der Osterwoche mit Gründonnerstag als Erinnerungstag an die Einsetzung des Abendmahls, Karfreitag in Gedenken an den Tod Jesu am Kreuz sowie Ostersonntag als Jubeltag der Auferstehung Jesu. Die Osterzeit erstreckt sich bis in die Feier von Himmelfahrt als Abschiedsfest der Jünger von Jesus vierzig Tage nach seiner Auferstehung sowie Pfingsten, dem die Ausgießung des Heiligen Geistes und die Gründung der ersten Gemeinde zugrunde liegt. Nun beginnt die Trinitatiszeit, in der die Dreieinigkeit Gottes gefeiert wird (trinitas, lat. Dreifaltigkeit). Die Trinitatiszeit erstreckt sich über die gesamten Sommermonate und mündet im Herbst in das Ende des Kirchenjahres mit der Feier des Erntedankfestes, des Reformationsfestes (Erinnerung an den Thesenanschlag Luthers und die damit begründete Reformation), des Buß- und Bettages, des Volkstrauertages (Gedenken an die in Kriegen Verstorbenen) sowie des Ewigkeitssonntages (Gedenktag der Verstorbenen) als Abschluss des Kirchenjahres.

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Ähnlich den Jahreszeiten sterliche freudenzeit Frühling, Sommer, Herbst und Winter bietet das Kirchenjahr einen Rahmen, der sicherstellt, dass alle wichtigen heilsgeschichtlichen Elemente jedes Jahr ihren Platz finden.


os t e elle Themen und Bedürfnisse lassen. Man könnte fragen, ob innerhalb der Vorgaben durch das kirchenjahreszeitliche Gepräge Themen, wie zum Beispiel das Kreuz, Vergebung, Mission oder andere wichtige Fragestellungen zu kurz kommen, weil sie nur nebenbei in den Ablauf des Jahres eingewoben sind? Ob man sich daher doch eher die Vorteile einer relativ ungebundenen und kreativeren Art, Gottesdienste zu planen, lobt? Der wiederkehrende Rahmen des Kirchenjahres ist die Grundlage meines liturgischen Berufsalltags als lutherische Gemeindepastorin. Ich traue dem Heiligen Geist durchaus zu, durch die Jahrhunderte alte Kultur von Liturgie und Kirchenjahr wirken zu können. Ich schätze, dass Wiederkehrendes den Gottesdienstbesuchern vertraut wird und so geistliche Heimat und Verwurzelung darstellen kann. Für mich ist diese traditionell gewachsene und biblisch basierte Leseordnung ein großer Schatz des christlichen Glaubens, die dem Evangelium innerhalb unserer menschlichen Zeiterfahrung eine kulturelle Gestalt zu geben vermag. Das Kirchenjahr – für viele, die nicht stark kirchenjahresspezifisch gebunden sind, ist und bleibt es das große Unbekannte oder gar Einengung der Freiheit des Geistes. Und für andere die Gewähr, dass genau dieser Geist auch wirklich zur Sprache kommt – und nicht nur die aktuellen Lieblingsthemen seiner Verkündigerinnen und Verkündiger. ///

Zum Weiterforschen: › Impulse für das Leben nach dem Kirchenjahr findet man hinten in jedem ­Evangelischen Gesangbuch und im Internet unter de.wikipedia.org/wiki/Kirchenjahr › Das Buch »Das Kirchenjahr« von Karl-Heinrich Bieritz, dem dieser Artikel viele ­Informationen verdankt, entfaltet das Themenfeld noch tiefgehender und eignet sich gut für eine umfangreichere Einarbeitung.

Sandra Bils (34) ist evangelische Theologin und arbeitet als Pastorin in der Kirchengemeinde St. Nicolai in Gifhorn. Sie schätzt das liturgische Erbe ihrer Kirche und mag ihre Gottesdienste kreativ und vielseitig gestalten. Sandra engagiert sich im Koordinationskreis von Emergent Deutschland und bloggt unter www.pastorsandy.de

Womit möchtest  du nächstes Jahr anfangen?

Dany, 30 Ansbach »Ich möchte mich nächstes Jahr konkret damit beschäftigen in welcher Form ich mich beruflich weiter qualifizieren werde und das dann auch umsetzen. Das war schwer – ich bin nämlich eigentlich niemand, der sich Vorsätze für ein neues Jahr macht, dass passiert eher kontinuierlich, dass ich Ideen habe, mit was ich anfangen könnte.«

Martin, 33 Pfedelbach »Nach über sechs Jahren berufs- und familienbegleitendem Fernstudium, möchte ich gerne mit meiner Bachelorarbeit beginnen und somit das Ende meines Studiums einläuten.«

Svenja, 35 Berlin »Ich werde im nächsten Jahr nach dann sieben Jahren ­Elternzeit einen Neuanfang ins Berufsleben wagen. Freude und Furcht halten sich bei dem Gedanken daran momentan noch die Waage …« oora.de

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Anfang | Ohne Anfang und Ende

Ohne Anfang und Ende Zeit als geschaffenes Element begreifen Text: Robert Pelzer

Der Gedanke an die Ewigkeit kann uns verrückt machen, weil wir so sehr auf Anfang und Ende gepolt sind, dass wir uns ein Leben ohne Ende kaum vorstellen können. ­Beobachtungen aus der Quantenphysik bieten dabei einen alternativen Blickwinkel. // Das Leben ist kurz. Diese Aussage haben wir mit Sicherheit schon oft gehört. Sie will uns wohl dazu auffordern, möglichst viele tolle Erfahrungen in der uns zur Verfügung stehenden Zeit mitzunehmen und das scheinbar so kurze Leben bis zum Maximum auszukosten. Und auch zu bedenken, dass es irgendwann zu spät dafür sein kann. Zu spät, weil dann etwas vorbei ist – die Lebensuhr ist dann abgelaufen. Finito. Ohne Zweifel ist unser irdisches Dasein zeitlich stark begrenzt – wir leben einen winzigen Abschnitt auf einem sehr langen Zeitstrahl. In einem Schulbuch für Geschichte hätten wir wahrscheinlich selbst mit einer Lupe Mühe, die kurze Weile, die unserem Leben entspricht, auf diesem Zeitstrahl zu finden. Ob dieser Abschnitt tatsächlich so winzig ist oder nicht, sei einmal dahingestellt. Das ist ja irgendwie auch Wahrnehmungssache. Empfindet eine Alltagsfliege ihr Leben als kurz? U2-Sänger Bono sagt in einem Lied treffend: »Das Leben ist kurz, aber es ist das längste, was du jemals tun wirst«1. Fakt ist, dass wir gerade jetzt am Leben sind. Die Uhr tickt, und alles bewegt sich nach vorn. Die Mühle dreht sich beständig, und niemand kann sie anhalten. 16

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Doch im krassen Gegensatz zu der Beerdigungsformel »Asche zu Asche und Staub zu Staub«, welche die Endlichkeit unseres irdischen Seins ausdrückt, steht das göttliche »von Ewigkeit zu Ewigkeit«. Ein Ausdruck, mit dem die Bibel wenig geizt. Der gläubige Mensch, der das ewige Leben empfängt, welches Jesus anbietet, bekommt eine neue Sichtweise: Er wird sein irdisches Leben immer noch als zeitlich begrenzt wahrnehmen, aber er glaubt hoffnungsvoll an eine Fortsetzung. Nicht jedoch in Form einer Zugabe, die nur gegeben wird, weil alle Engel rufen »One more song«, sondern vielmehr als ein nicht endendes Dasein, eine ewige Existenz. Bei dieser Vorstellung wird uns, wenn wir wirklich einmal versuchen uns das vorzustellen, schwindelig, weil wir nichts dergleichen kennen. Bei uns hat alles einen Anfang und ein Ende. Mit dem Urknall fing alles an, irgendwann explodiert die Sonne und dann macht auch der Letzte das Licht aus. Ewigkeit hingegen bringt eine neue Perspektive mit sich. Diese Perspektive lässt uns rauszoomen, lässt unsere Sorgen und die vermeintliche Wichtigkeit unserer Probleme kleiner erscheinen. Vor allem jedoch erhebt uns das Bewusstsein der eigenen, uns von Gott geschenkten Ewigkeit, über den Staub und die Asche hinweg. Gott drückt diese Ewigkeit sogar in seinem Namen aus: Ich bin. Punkt. Als Jesus eben diese Worte benutzt, um sich den römischen Soldaten vorzustellen, fallen diese schier zu Boden.2 Eine eindrückliche Demonstration der Kraft hinter diesem einfachen »Ich bin«. Mose, der am Berg Sinai live dabei ist als Gott sagt »Ich


Ohne Anfang und Ende | Anfang

Was, wenn Zeit ein geschaffenes Element ist, das in der Ewigkeit irrelevant ist, nicht deshalb, weil enorm viel Zeit zur Verfügung steht, sondern weil das Konzept Zeit nicht mehr greift?

bin«, schreibt später in einem Psalm an Gott: »Du bist von Ewigkeit zu Ewigkeit.«3 Eine andere Übersetzung lautet hier sehr treffend: »Du bist ohne Anfang und ohne Ende.« Nun stellen wir uns also die Ewigkeit als einen Zeitstrahl ohne Anfang und ohne Ende vor. Doch anscheinend kann sich Gott auf diesem Strahl beliebig bewegen, zumindest weiß er, was in drei Tagen sein wird und sowieso, was gestern war. Tausend Jahre sind für ihn wie ein Tag und doch bekommt er jeden der 50 Flügelschläge pro Sekunde beim Flug des Kolibris mit. Was ist jedoch, wenn wir Ewigkeit nicht als endlosen Zeitstrahl definieren, sondern vielmehr als die Abwesenheit von Zeit, als einen Zustand, in dem Zeit keine Rolle spielt? Was, wenn Zeit ein geschaffenes Element ist, das in der Ewigkeit irrelevant ist, nicht deshalb, weil enorm viel Zeit zur Verfügung steht, sondern weil das Konzept Zeit nicht mehr greift? Quantenphysik

Dass dieser Gedanke nicht völlig irrwitzig ist, begreifen wir, wenn wir uns einmal der Physik zuwenden. Mag diese uns im Alltag eher selten tangieren, so katapultiert uns die bewusste Beschäftigung vor allem mit der Quantenphysik gedanklich gewaltig über den Tellerrand des Erfahrbaren hinaus. Vielleicht haben wir schon einmal vom Zwillingsparadoxon gehört, einem Gedankenexperiment, das veranschaulichen soll, was passieren würde, wenn man das Experiment genauso durchführen könnte. Es geht bei diesem Experiment um ein Zwillingspaar, von denen einer der beiden in eine Raumkapsel steigt und mit nahezu Lichtgeschwindigkeit in Richtung eines weit entfernten Sterns davonfliegt. Nach einem Monat kehrt er zurück und stellt fest, dass sein Zwillingsbruder bereits ein alter Mann ist – auf der Erde sind viele Jahre vergangen. In der »speziellen Relativitätstheorie« beschreibt Albert Einstein, dass Raum und Zeit relativ sind – sie hängen von der Bewegung

des Betrachters ab. Für jemanden, der sich nicht bewegt, herrscht eine andere Realität bezüglich Raum und Zeit als für jemanden, der sich bewegt. Anhand von hochpräzisen Atomuhren kann der Effekt des Zwillingsparadoxons sogar auf Atlantikflügen nachgewiesen werden. Die anschließend festgestellte Zeitdifferenz der Uhren ist jedoch verschwindend gering, da die Flugzeuggeschwindigkeit gegenüber der Lichtgeschwindigkeit von über einer Milliarde Kilometer pro Stunde kaum ins Gewicht fällt. Mit der Relativität des Raumes und der Zeit ist also nicht die bloße Wahrnehmung gemeint, wie wenn beispielsweise ein Rennfahrer durch eine Allee heizt, die Bäume nur so an ihm vorbeifliegen und ihm die Strecke kürzer vorkommt als sie eigentlich ist. Sehr schnell bewegte Objekte erleben eine tatsächliche Stauchung des Raumes, die sogenannte Lorentzkontraktion. Und sie erleben eine Dehnung der Zeit, die Zeitdilatation. Im Grunde genommen sind Lorentzkontraktion und Zeitdilatation verwandt, weswegen man in der Quantenphysik Zeit und Raum zur Raumzeit zusammenfasst. Einsteins Theorie wurde mittlerweile mehrfach bewiesen. Mit ihr lassen sich auch Phänomene verstehen, die mit »gesundem Menschenverstand« und der klassischen Physik nicht erklärbar sind. Ein Beispiel dafür sind die sogenannten Myonen, kosmische Teilchen, die mit annähernder Lichtgeschwindigkeit in die Erdatmosphäre eintreten. Nach Eintritt in die Atmosphäre haben diese Teilchen bis zu ihrem Verfall nur eine sehr geringe Lebensdauer. Da man ihre Geschwindigkeit und die Lebensdauer innerhalb unserer Atmosphäre kennt, kann man mit einfacher, klassischer Physik die Strecke bestimmen, die die Myonen bis zum Zerfall zurücklegen können. Man kommt auf nur wenige hundert Meter. Tatsächlich jedoch herrscht für diese rasend schnellen Teilchen eine andere Realität. Sie befinden sich in einem anderen sogenannten Inertialsystem – die Zeit in ihrer Realität ist gedehnt, vergeht also langsamer, so dass sie tatsächlich bis zur Erdoberoora.de

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Anfang | Ohne Anfang und Ende

Wenn selbst Geschwindigkeit und übrigens auch Gravitation verschiedene Realitäten für das Vergehen von Zeit bewirken, erkennen wir Zeit als geschaffenes Element in der Hand des Schöpfers.

fläche kommen. Und das, obwohl auf unserer Stoppuhr der Zeitpunkt ihres Zerfalls schon längst verstrichen ist. Alles relativ

Phänomene wie diese stellen den Absolutheitsanspruch unserer Wahrnehmung in Frage. Wir sind uns hundertprozentig sicher, dass das Licht der Sonne die Erde nach etwa 8 ½ Minuten erreicht und dass Photonen von diesem bis zu jenem Stern soundso viele Jahre brauchen. Damit haben wir absolut relativ Recht. Aus der Perspektive von Licht vergeht nämlich keine einzige Sekunde, um von hier nach dort zu kommen. Im Inertialsystem des Lichts ist Licht überall gleichzeitig, es vergeht gar keine Zeit. Für Licht existiert Zeit nicht – die Uhren, die mit Lichtgeschwindigkeit durchs All flögen, blieben stehen. Doch Uhren sind auch nur periodische Systeme, wie auch die Zerfallsstrukturen unseres Körpers. Elektronen kreisen um Atomkerne, Atome gehen verschiedene Verbünde ein, wobei es wiederum zu chemischen Reaktionen kommt. Wir altern. Aber wer hat denn nun Recht? Derjenige, der sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt und keine Zeit kennt, oder der ruhende Beobachter, für den Zeit sehr wohl real ist? Selbst der Quantenphysiker und Nobelpreisträger Feynman sagte einmal von sich, dass er die Quantenphysik nicht mit Sicherheit verstünde.4 Wir müssen uns also nicht wundern, wenn wir in Anbetracht dieser Dinge Gehirnfasching bekommen. Wir können uns lediglich herantasten und zulassen, dass die Absolutheit unseres Modells für Zeit zu bröckeln beginnt. Obwohl sich dieses »So-verläuft-die-Zeit-nun-mal-Modell« durch Erfahrungen immer wieder bestätigt und für unser Leben hier nicht fortzudenken ist, können die quantenphysikalischen Aspekte uns helfen, das Konzept »Zeit« als das wahrzunehmen, was es ist: als relativ. Wenn selbst Geschwindigkeit und übrigens auch Gravitation verschiedene Realitäten für das Vergehen von Zeit bewirken, erkennen wir Zeit als geschaffenes Element in der 18

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Hand des Schöpfers. Dieser Schöpfer wird ja nicht einmal durch dieses, sein eigenes, Universum begrenzt und ist erst Recht nicht an die Gesetzmäßigkeiten und Naturgesetze darin gebunden. Gott hält die Unendlichkeit des Raums in seiner Hand. Und er hält Zeit in seiner Hand. Diese Erkenntnis vermag es vielleicht nicht, unser irdisches Leben auch nur um einen einzigen Tag zu verlängern, aber sie lässt uns ein wenig über den stumpfen Tellerrand des Alltags hinwegschauen und erkennen, dass da mehr ist, als nur der straff gespannte Bogen zwischen Staub und Staub, auf dem wir uns gerade bewegen. Immerhin ist ein essentieller Teil von uns zeitlos. Der weise König Salomo schreibt bereits, dass uns Ewigkeit ins Herz gelegt worden ist.5 Von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ohne Anfang und ohne Ende, einfach nur: Ich bin. /// Fußnoten: 1 U2 – »Moment of Surrender«, Live at the Rose Bowl 2 Johannes 18,6 3 Psalm 90,2 4 Original engl.: »[…] I think I can safely say nobody understands Quantummechanics« – The Character of Physical Law. MIT Press, 1967, Kapitel 6, zitiert nach Anthony J. G. Hey et. al.: The new Quantum Universe. Cambridge University Press, 2003, Seite 335 5 Prediger 3,11

Robert Pelzer (29) lebt mit seiner Frau Tirza und dem Töchterchen Timea in Berlin. Er arbeitet als Ingenieur in einem Medizintechnikunternehmen, am liebsten jedoch spielt er Gitarre und philosophiert über das Leben mit Gott und dessen Reich.


Ein magisches Gebet | Anfang

Ein magisches Gebet Ist das Übergabegebet biblisch? Text: Jim Gettmann

Allgemein gilt es als der offizielle Anfang eines Lebens als Christ – das Lebensübergabegebet. Doch ist es wirklich biblisch begründet? Eine kritische Betrachtung. // Wie wird man Christ? Die Antwort auf diese Frage ist für die meisten von uns kein Geheimnis. »Gott hat keine Enkelkinder« wurde uns von klein auf beigebracht – und deshalb muss jeder Mensch selbst Gott kennenlernen und sich für ihn entscheiden. Dies geschieht typischerweise folgendermaßen: Irgendwann ist man soweit, dass man sagen kann »Ich glaube an Jesus Christus als Gottes Sohn und Heiland.« Jetzt betet man ein Übergabegebet. Und schon ist man Christ geworden. Das Übergabegebet kann unterschiedlich formuliert werden, meist klingt es aber in etwa so: »Vater im Himmel, ich bekenne, dass ich ein Sünder bin und dass ich einen Heiland brauche. Ich glaube, dass Jesus Christus für mich gekreuzigt wurde und von den Toten auferstanden ist, damit ich ewig leben darf. Ich nehme ihn heute als meinen Heiland und Herrn an. Danke, dass ich dein Kind sein darf. Amen.«

Eine sichere Fahrkarte in den Himmel?

Ist man nach dem Sprechen dieses Gebetes wirklich gerettet und automatisch ein Himmelsbürger? Aufgrund meiner Erfahrungen halte ich das für fragwürdig. Im Laufe der Jahre war ich bei vielen evangelistischen Veranstaltungen dabei. Ich habe dabei oft beobachtet, dass die Mehrheit derer, die auf einen Aufruf reagieren, so gut wie keine Ahnung davon hat, was sie gerade machen. Sie wissen meist wenig von der Kreuzigung und Auferstehung Jesu und sind selten wirklich bereit, ihr Leben vor ihm hinzulegen. Von Buße und Umkehr gibt es kaum Zeichen. Man könnte höchstens behaupten, dass diese Menschen von den Aussagen des Predigers angetan sind und nun Gott ein Signal schicken wollen, dass sie ihn kennenlernen möchten. Und das ist toll! Für viele Menschen ist so ein Signal-Abgeben ein echtes Schlüsselerlebnis auf ihren Weg zu Gott. Wenn ich Gelegenheit hatte, solche Menschen in den darauf folgenden Monaten zu begleiten, stellte ich oft fest, dass ihre wahre Bekehrung viel später stattfand. »Na gut«, könnte man sagen, oora.de

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Anfang | Ein magisches Gebet

Die Mehrheit derer, die auf einem Aufruf reagieren, hat so gut wie keine Ahnung davon, was sie gerade machen.

»zumindest haben sie sich am Ende doch bekehrt.« Aber was ist mit den vielen, die niemanden haben, der sie weiterführen kann? Viele von ihnen sind wahrscheinlich trotzdem der Meinung, einen Platz im Himmel sicher zu haben, nur weil sie ein Gebet gesprochen haben und ihnen danach ein Mitarbeiter oder Pastor bestätigt hat, dass sie nun Christ geworden sind. Wenn jedoch keine tatsächliche Lebensumkehr stattfindet und keine Beziehung zum lebendigen Gott erkennbar ist, kann man dann noch behaupten, dass eine Person sich bekehrt hat? Was ist mit den Worten Johannes des Täufers: »So bringt nun Früchte, die der Buße würdig sind«? Die Bibel kennt kein übergabegebet

Erstaunlicherweise findet man in der Bibel weder eine Anweisung noch ein Beispiel für ein Lebensübergabegebet. Am nächsten kommt dem Jesu Geschichte von den zwei Betern: Der eine ist sehr religiös und stolz auf seine Frömmigkeit. Dem anderen ist klar, dass er Gott nichts zu bieten hat und betet einfach: »Gott, sei mir Sünder gnädig!« Jesus will uns mit dieser Geschichte jedoch nicht zeigen, wie wir gerettet werden, sondern verdeutlichen, dass Demut besser ist als eine heuchlerische Frömmigkeit. Statt uns eine Vorlage für ein Übergabegebet zu liefern, verpasst Jesus sogar eine superevangelistische Gelegenheit, als ein Mann zu ihm kommt und ihn fragt, wie er gerettet werden könne. Was macht Jesus? Er stellt ihm dermaßen unmögliche Forderungen, dass der Mann traurig weggeht. Jesus hat die Frechheit, von dem Mann zu verlangen, dass er zuerst sein Geld verschenken und ihm erst dann nachfolgen soll. Da stellt sich die Frage, ob wir es den Menschen zu leicht machen, sei es, weil wir hoffen, dass möglichst viele errettet werden oder weil wir unter einem missionarischen Erfolgsdruck stehen?! Wir tun den Leuten keinen Gefallen, wenn wir sie überreden, uns ein Gebet nachzusprechen, in der Hoffnung, dadurch ihr Leben vor der Hölle zu retten. Stattdessen sollten wir ihnen Unterstützung und Freiraum geben, um in den Glauben hinein zu wachsen. Jeder muss die Kosten überschlagen, weil das Leben sich völlig ändert, wenn man anfängt Jesus nachzufolgen. 20

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Ursprünge des Übergabegebets

Trotz fehlender biblischer Belege gilt Vielen das Übergabegebet wie selbstverständlich als »der offizielle Weg«, um ein Leben mit Gott zu beginnen. Deshalb ist es mir wichtig, die historischen Hintergründe dafür zu erforschen. Wann hat dieser Brauch begonnen? Und was war der Grund für seine Entstehung? Das Übergabegebet war eine Erfindung der Erweckungsprediger des 18. und 19. Jahrhunderts, wie zum Beispiel John Wesley, George Whitefield, Charles Finney und Dwight Moody. Diese Prediger standen vor folgenden Fragen: Wie bringen wir Suchende dazu, zu erkennen, dass eine Entscheidung für Gott notwendig ist, obwohl sie bereits einer christlichen Kultur angehören? Wie soll dieser neue Anfang gestaltet werden, so dass für sie deutlich wird, »vorher war ich von Gott getrennt, ab jetzt gehöre ich ihm«? Eine Methode, die Mitte des 18. Jahrhunderts aufkam, nannte Charles Finney den »Sitz der Bestrebten«. Er reservierte die erste Reihe der Kirchenbänke für Suchende, so dass diejenigen, die auf den Altarruf reagierten, nach vorne kommen und sich dort hinsetzen konnten, während der Prediger sie weiter ermahnte »in die Errettung durchzubrechen«. Diese Methode wurde bald als emotional manipulativ erkannt. Moody veränderte sie deshalb etwas, so dass die Suchenden nach dem Altarruf einen separaten Raum aufsuchen konnten. Dort wurde ihnen von geschulten Beratern noch einmal das Evangelium erklärt. Hauptsache war, dass die Suchenden danach zum Sprechen eines Gebets gebracht wurden. Seitdem ist es weit verbreitet, den Prozess der Errettung mit einem Gebet zu vollenden, und bereits vor dem Ende des 19. Jahrhunderts galt dieses Gebet in Amerika und Großbritannien allgemein als die Standardtechnik, um »Jesus im Herzen zu empfangen«. Billy Graham und Bill Bright trugen diese Ideen im 20. Jahrhundert weiter. Sie versuchten, die Not der Suchenden und Gottes Antwort darauf, kurz und prägnant darzustellen. Ihre Erklärung von Gottes Heilsplan fand in einer Broschüre namens »Die vier geistlichen Gesetze« weite Verbreitung und endete mit dem Gebet, das uns heute als Übergabegebet bekannt ist.


Impressum Das Übergabegebet als Ersatz

Könnte es sein, dass dieses Gebet ein Ersatz für die Glaubenstaufe geworden ist? Finney gab das selbst zu. Er meinte, die Apostel hätten im ersten Jahrhundert die Taufe als Zeichen der Lebensübergabe angeboten, er hingegen nutze dafür den Sitz der Bestrebten. Nirgendwo in der Bibel findet man ein Gebet, das man bei der Bekehrung sprechen kann, und in der Apostelgeschichte gibt es keine Beispiele von Menschen, die sich allein durch ein Gebet bekehrt hätten. Stattdessen berichtet uns die Bibel immer wieder davon, wie Menschen sofort getauft wurden, sobald sie die Wahrheit der Botschaft von Christus erkannt hatten: »Als sie aber das hörten, ging es ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, ihr Männer und Brüder? Petrus aber sprach zu ihnen: Tut Buße, und ein jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden; so werdet ihr die Gabe des heiligen Geistes empfangen.« (Apostelgeschichte 2,37-38) »Und nun, was zögerst du? Steh auf, lass dich taufen und deine Sünden abwaschen, indem du seinen Namen anrufst!« (Apostelgeschichte 22,16) Daran kann man erkennen, dass die Taufe mit einer bewussten Lebensumkehr in direktem Zusammenhang steht. Das biblische Modell der Errettung besteht demzufolge aus Glauben, Umkehr von Sünden und der Taufe als Zeichen der Entscheidung. Es ist nicht die Taufe, die rettet, aber sie setzt ein klares Zeichen, dass das alte Leben nun endgültig vorbei ist. Ist das Übergabegebet nicht auch ein Symptom unserer oft theoretischen Glaubensgewohnheiten? Wir bringen die Leute dazu, eine Lehre über Jesus und das Kreuz als wahr anzunehmen. Dann sollen sie diese neue Überzeugung durch ein Gebet über die Lippen bringen. Was bleibt, ist oft nur Kopfsalat und wird nicht Teil des eigenen Lebens. Jesus, die Apostel und die ganze hebräische Prägung der Bibel sprechen von der Rettung als einer kompletten Neustrukturierung des Lebens. Sie bleibt nicht nur theoretisch im Kopf, sondern wird jeden Tag gelebt, mit einer völligen Umkehr und im Gehorsam Christus gegenüber. Ich finde es folglich passend, dass das Zeichen des neuen Lebens den ganzen Körper in Anspruch nimmt. Der Körper wird untergetaucht im Sinne eines Theaterstückes: Ich gehe mit Christus ins Grab, stehe mit ihm wieder zum neuen Leben auf und lasse mein altes Leben mit allen Sünden hinter mir. Es ist nicht theoretisch, sondern umfasst mein ganzes Leben. Wie wird man Christ? Durch eine das ganze Leben umfassende Umkehr und einen Glauben, der alles auf Jesus setzt. Nicht durch ein magisches Gebet. ///

Jim Gettmann (49) lebt mit seiner Familie in der Nähe von Rostock. Er ist seit über 20 Jahren in verschiedenen Ländern im Gemeindebau tätig. Dabei ist es sein Anliegen, organische statt organisatorische Gemeinden aufzubauen.

oora

Die christliche Zeitschrift zum Weiterdenken

Nummer 42 • 4/2011 ISSN 2191-7892 Herausgeber: oora verlag GbR, Jörg Schellenberger und Michael Zimmermann, Dollmannstr. 104, 91522 Ansbach Redaktionsleitung: Jörg Schellenberger, Michael Zimmermann (info@oora.de) Redaktionsteam: Anne Coronel, Matthias Lehmann, Anneke Reinecker, Jörg Schellenberger, Johanna Weiß, Michael Zimmermann Anzeigen: Johanna Weiß (johanna@oora.de) Redaktionsbeirat: Klaus-Peter Foßhag, Gernot Rettig Gestaltung: Johannes Schermuly, www.ideenundmedien.de Druck: Müller Fotosatz & Druck GmbH, Selbitz, www.druckerei-gmbh.de Abonnement: oora erscheint viermal im Jahr (März, Juni, September, Dezember) und kostet 18,50 EUR in Deutschland bzw. 24,50 EUR in anderen europäischen Ländern. Darin sind Mehrwertsteuer und Versandkosten bereits enthalten! Das Abo kann immer bis sechs Wochen vor Bezugsjahresende gekündigt werden. Eine E-Mail an service@oora.de genügt. Das gilt nicht für Geschenk-Abos, die automatisch nach einem Bezugsjahr enden. Einzelpreis: 5,50 EUR/7,50 SFr. Preisänderungen und Irrtümer vorbehalten. Mengenrabatt: Ab 10 Hefte: 5,00 EUR pro Heft, ab 20 Hefte: 4,50 EUR pro Heft (inkl. Versand) Bankverbindung: oora verlag GbR, Konto-Nr. 836 89 38, BLZ 765 500 00, Sparkasse Ansbach • IBAN: DE18 76550000 0008 3689 38, BIC: BYL ADEM1ANS Leserservice: oora Leserservice, Postfach 1363, 82034 Deisenhofen, Telefon: 089/858 53 - 552, Fax: 089/858 53 - 62 552, service@oora.de © 2011 oora verlag GbR • www.oora.de Teil Anfang Bilder: Wenn nicht anders vermerkt: photocase.com Titelbild: Johannes Schermuly; S.12: vandalay; S.24: jöni; S.26: Flickr-SFB579, istock Teil Ende Bilder: Wenn nicht anders vermerkt: photocase.com Titelbild: Johannes Schermuly; S.4: view7; S.7-8: Flickrmikebaird; S.14: daniel.schoenen; S.16-18: complize; S.20: willma...; S.22: Bratscher; S.26: Flickr-catmachine Alle weiteren von oora oder von privat.

Zertifikat: Hiermit bestätigt natureOffice, dass oora verlag GbR einen nachhaltigen Beitrag zum freiwilligen Klimaschutz geleistet hat, indem dieses Druckerzeugnis durch die Kompensation der entstandenen Emissionen durch anerkannte Klimaschutzprojekte klimaneutral ­gestellt wurde. Menge CO2e: 712 kg ID-Nummer: DE-245-736715 (Über die ID-Nummer können Sie unter www.natureOffice.com die Echtheit des Zertifikates überprüfen.) Klimaschutzprojekt: Abwasseraufbereitung und ­Biogasnutzung Thailand

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Fehlerkorrektur »Zahlen der Macht« Ausgabe 41 (3/2011), Seite 17 Bei der Recherche der Militärausgaben sind uns ein paar Kommas verrutscht, ­weshalb die Infografik leider falsche Angaben enthält. Richtig sind folgende Zahlen: Militärausgaben 2010 • weltweit: 1.611 Mrd. $ • der fünf Länder mit höchsten Ausgaben (USA, China, Großbritannien, Frankreich, Russland): 995 Mrd. $ • der USA: 698 Mrd. $ Die restlichen drei Angaben waren korrekt. Wir bitten euch, diesen Fehler zu entschuldigen.

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Buchrezensionen | Anfang

ücher, die wir gelesen haben

Eric Metaxas Bonhoeffer

Michael Ende Momo

Jens Soentgen Selbstdenken!: 20 Praktiken der Philosophie

Der Heldenstatus von Bonhoeffer steht außer Frage. Gerne unterstreicht man eine Aussage mit einem Bonhoeffer-Zitat oder verweist auf seinen Mut gegenüber dem Naziregime. Er ist der Gute und die Nazis die Bösen. Die Biographie von Eric Metaxas über Bonhoeffer geht über dieses Duell hinaus. Sie führt hinein in das Leben von Dietrich Bonhoeffer. Ein deutscher Intellektueller, der mit seinem scharfen Denken und seinem tief verwurzelten Gehorsam gegenüber Jesus ein Fels in einer unruhigen Zeit der Geschichte war. Er wuchs in einer Professorenfamilie auf und entwickelte dort sein freies Denken. Er ließ sich weder von Menschen noch der Kirche vereinnahmen, sondern behielt sich selbst in der von ihm mit aufgebauten Widerstandskirche eine kritische Stimme. Seine bedeutenden Bücher »Ethik«, »Nachfolge« oder »Gemeinsames Leben« liest man nach der Biographie anders als zuvor. Man begreift, wie Bonhoeffer Begriffe füllt, oder warum er bestimmte Aussagen tätigte. Eine absolute Empfehlung für jeden, der sich mit Bonhoeffers Büchern oder Leben auseinandersetzen möchte. ///  Jörg Schellenberger

Wenn sich ein Kinderbuch auch für Erwachsene eignet, ist es meist postmodern. Es hat nämlich ziemlich sicher mehrere Bedeutungsebenen: eine für Kinder und mindestens eine weitere, meist tiefere Ebene für den erwachsenen Leser. So auch der 1973 erschienene Jugendbuchklassiker Momo von Michael Ende, der in 27 Sprachen übersetzt ist. Der Märchen-Roman spielt in einer Phantasie-Welt, in der die Erwachsenen zunehmend auf all das verzichten, was Menschsein ausmacht – Zeit füreinander haben, Zuhören, Spielen – nur, um Zeit einzusparen. Schuld daran ist die gespenstische Gesellschaft der grauen Herren, die den Menschen die scheinbar eingesparte Zeit stiehlt. Das hilfsbereite Mädchen Momo und ihre Freunde leiden darunter bis der geheimnisvolle Zeit-Verwalter »Meister Hora« eingreift und mit Hilfe der Romanheldin den Kampf mit den Zeit-Dieben aufnimmt. Der Autor zeichnet ein eindrucksvolles Bild der Verödung des hektischen Erwachsenenlebens und was dagegen hilft: kindliche Offenheit und hin und wieder auch einmal Zeit zu verschwenden. Da das die Lebendigkeit fördert, finde ich das Buch hilfreich. ///  Michael Zimmermann

Philosophie – das klingt zunächst abstrakt und trocken. Es klingt nach alten Männern, die verschrobene Theorien über alles und nichts entwickeln. Doch diesem Buch geht es ums Denken und darum, den Dingen auf den Grund zu gehen. Der Autor stellt auf unterhaltsame Weise verschiedene Techniken vor, die bei dieser Art von Gedankenspielen eingesetzt werden können. Von der Provokation über die Logik bis zum Gedankenexperiment erklärt er in verständlicher Sprache und mit vielen Anekdoten und Beispielen, wie Gedanken entwickelt, Argumente überprüft und Ideen vermittelt werden können. Viele dieser Praktiken kann man selbst anwenden – sei es beim Sinnieren über die großen Fragen des Lebens oder beim Meinungsaustausch über die Gestaltung des Abendprogramms. Nicht jede vorgestellte Technik ist gleichermaßen nützlich und nicht jede skizzierte Idee klingt vernünftig, aber insgesamt war das Buch für mich eine interessante Lektüre. Wer das eigenständige Denken schätzt und ein Interesse an philosophischen Fragestellungen besitzt, dem kann dieses Buch als lesenswert empfohlen werden. ///  Matthias Lehmann

Gebundene Ausgabe, 752 Seiten, SCM Hänssler 2011 ISBN 978-3775152716, € 29,95

Gebundene Ausgabe, 304 Seiten, Thienemann 2005 ISBN 978-3522177504, € 14,90

Taschenbuch, 240 Seiten, Verlagsgruppe Beltz 2010 ISBN 978-3407755261, € 8,95

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Dieser Ausgabe ist ein Wendeheft. Auf beiden AuĂ&#x;enseiten findest du ein Cover: eins mit dem Thema Anfang, eins mit dem Thema Ende. Der Ende-Auszug beginnt hier.


12. Jahrgang • 4/2011 • Nr. 42 (Dezember) 5,50 EUR/7,50 SFr (Einzelpreis)

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THE R ACE he ißt jetzt und erscheint v iermal pro Jahr

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Die christliche Zeitschrift zum Weiterdenken

Ende

 Es ist vollbracht  

Rauch oder Schall Über die Unmöglichkeit, Nichtraucher zu werden  Seite 4

Vier Geschichten vom Glück Rückblicke auf mein Leben  Seite 10

Wenn der Staat zur Strafe tötet Interview zur Todesstrafe mit Professor Dieter Hermann  Seite 16


Foto: Mikael Damkier - Fotolia.com

Bewerbung Sommersemester bis:

15. Januar 2012

BRINGT DICH WEITER !

Eine Initiative unterstützt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung

Wir bieten finanzielle Unterstützung, Seminare, Beratung und Netzwerke. Die Förderung richtet sich an alle leistungsstarken, engagierten Studierenden – unabhängig vom Studienfach. Bewerber mit ausländischen Wurzeln und Studierende, deren Eltern selbst nicht studiert haben, sind herzlich willkommen.

 Bewerbungsunterlagen unter: www.kas.de/stipendium


Inhalt

Editorial

oora

Artikel, die mit dem Lautsprecher gekennzeichnet sind, gibt es als Audioversion in iTunes und auf www.oora.de/audio.

Schwerpunkt: Ende 4

Rauch oder Schall

Axel Brandhorst

7

Ich dachte, du bist tot

Rüdiger Halder

10

Vier Geschichten vom Glück

Anne Coronel

13

Ende

Lyrik: Franziska Arnold

14

 ber die Unmöglichkeit, Nichtraucher Ü zu werden

Was die Taufe alles kann

Rückblicke auf mein Leben

Die Bilanz meines Scheiterns

Sind Niederlagen eine Idee Gottes?

Damaris Bittner

16

Wenn der Staat zur Strafe tötet

Konzept: Michael Zimmermann Interview: Cosima Strawenow

20

Du sollst Vater und Mutter pflegen

Dr. Torsten Lange

22

Die Kunst des Trauerns

Kerstin Hack

24

I nterview zur Todesstrafe mit Professor Dieter Hermann

Im Konflikt der Fürsorge

Nach jedem Ende kommt ein neuer Anfang

Vom Mut, Dinge sterben zu lassen

Mein Freund Gott und ich Kolumne: Mickey Wiese

Finale, oh-oh // Das Ende ist überall: Ein Land nach dem anderen erreicht das Ende seiner Zahlungsfähigkeit. Occupy-Aktivisten weltweit fordern ein Ende des hemmungslosen Finanzsystems. Regime, die Jahrzehnte überdauert haben, werden von wütenden Demonstranten zum Ende gebracht. Und auch unsere Regierung ist in den Augen der Opposition schon längst am Ende – trotz Atomkraftausstieg und Ende der Wehrpflicht. Glaubt man den Maya, ist das alles sowieso egal, denn Ende des nächsten Jahres ist ihrer alten Vorhersage zufolge auch das endgültige Ende der Welt. Das alles klingt irgendwie bedrohlich und unberechenbar. Denn das Wort Ende bedeutet, dass wir die Sicherheit des uns Bekannten aufgeben müssen, dass die Dinge, die wir kennen und lieben, nicht für immer bestehen. Und es erinnert uns daran, dass auch unser eigenes Leben irgendwann einen Schlusspunkt finden wird. Diese Vorstellung finden wir meist nicht sonderlich attraktiv. Aber es könnte dennoch ein bedeutender Gedanke sein. Der kürzlich verstorbene Steve Jobs hat 2005 vor Studenten der Stanford Universität gesagt: »Remembering that you are going to die is the best way I know to avoid the trap of thinking you have something to lose. You are already naked. There is no reason not to follow your heart.« Das Ende wirkt demnach wie eine relativierende Größe, das Bewusstsein der Endlichkeit unseres Lebens kann uns aktivieren und freisetzen. Das sind natürlich keine neuen Erkenntnisse der iPad-Zeit, denn schon Mose betete ganz ähnlich: »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.« (Psalm 90,12) Es könnte sich also lohnen, die Furcht vor dem Ende einmal abzuschütteln und sich etwas mehr mit seinen Bedeutungen für unser Leben zu beschäftigen. Dafür wollen wir euch mit diesem Heft ein paar Anstöße geben: Früher als wir selber gehen unsere Eltern ihrem Lebensende entgegen und sind dann vielleicht auf Hilfe angewiesen. Was das für uns bedeutet, damit beschäftigt sich der Artikel »Du sollst Vater und Mutter pflegen« auf Seite 20. Im krassen Gegensatz zum Pflegen steht es, wenn das Lebensende vorzeitig herbeigeführt wird. In »Wenn der Staat zur Strafe tötet« auf Seite 16 befragen wir einen Experten zu Sinn und Wirksamkeit der Todesstrafe. Viele wertvolle Inspirationen beim Lesen wünscht dir Dein oora Redaktionsteam oora.de

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Ende | Wenn der Staat zur Strafe tötet

Wenn der Staat zur Strafe tötet Interview zur Todesstrafe mit Professor Dieter Hermann Konzept: Michael Zimmermann Interview: Cosima Strawenow

Amnesty International registrierte 2008 mindestens 2.390 Hinrichtungen in 25 Staaten sowie 8.864 T ­ odes­urteile in 52 Staaten. Wir befragen den ­Kriminal­soziologen Dieter Hermann zum Thema Todesstrafe. Er hat 52 Studien zur Abschreckungswirkung der Todesstrafe einer Analyse unterzogen. Die einzelnen Studien ­kommen zu völlig ­unterschiedlichen Ergebnissen. // Ich entdecke die Arbeit von Professor ­Hermann in der Sommer-Ausgabe der Zeitschrift Chrismon. Aufmerksam lese ich die kurzen, prägnanten Aussagen, die der Sozialforscher zur Wirksamkeit der Todesstrafe macht. Schon bin ich dabei, seine Kontaktdaten im Netz zu ­recherchieren und ihn für ein Interview anzufragen. Kurze Zeit später trifft ihn unsere Mitarbeiterin Cosima in seinem Büro am Institut für Kriminologie an der Uni Heidelberg.

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Wenn der Staat zur Strafe tötet | Ende Herr Hermann, haben Sie Angst vor dem Tod?

(überlegt) Ja. Tod bedeutet Trennung. Der Tod ist ein Feind ­Gottes. Das ist alles nichts Positives. Was, glauben Sie, passiert nach dem Tod?

Ich werde bei Christus sein. Das betrifft nicht jede Person, aber gläubige Personen schon. Trotzdem haben Sie Angst davor, die Erde zu verlassen?

Ja, denn diese negativen Begleiteffekte, wie die Trennung vom Partner, sind schließlich trotzdem da. Sie haben 52 verschiedene Studien zur Wirksamkeit der Todesstrafe miteinander verglichen. Was hat Sie dazu bewogen?

Die Studie ist eingebunden in eine größere Untersuchung, eine sogenannte Metaanalyse, in der wir insgesamt 700 Abschreckungsstudien untersucht haben. Metaanalyse heißt, dass wir nicht Personen, Länder oder Regionen untersucht haben, sondern bereits vorhandene Studien. Wir haben uns gefragt, wie es zu den Ergebnissen einzelner Studien gekommen ist und wie man diese Ergebnisse so zusammenfassen kann, dass die Resultate insgesamt sicherer werden. Es ging also um Ergebnissicherung?

Nicht nur. Die Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Resultaten. Einige kommen zu dem Ergebnis, dass Abschreckung funktioniere, andere kommen zu dem gegenteiligen Ergebnis, nämlich, dass Abschreckung Kriminalität produzieren würde. Unsere Frage war deshalb: Wie kommen diese Unterschiede zustande? Im Rahmen unserer Untersuchung haben wir natürlich auch solche Studien berücksichtigt, die sich speziell mit der Todesstrafe befassen. Eine Studie von Ehrlich beispielsweise, die in der Frühzeit der Forschungen zur Todesstrafe entstanden ist, kommt zu dem Ergebnis, dass jede Exekution sieben bis acht Morde verhindere. Es gab später dann Replikationen dieser Studie, die zu dem Ergebnis kamen, dass die Todesstrafe keine einzige Tötung verhindert.

Wenn man die Todesstrafe rechtfertigen will, findet man immer eine Studie, die das belegt. Wenn man der Todesstrafe gegenüber jedoch eher kritisch eingestellt ist, findet man genauso eine Studie, die das unterstützt. In diesem Menschenbild wäre kein Platz für eine Affekthand­ lung. Eine einseitige, rein ökonomische Sicht, die man auch anzweifeln kann.

Richtig. Wenn man den Alltag beobachtet, gibt es ausgesprochen viele irrationale Handlungen. Ihr Ansatz ist offenbar kein rein ökonomischer. Welchen An­ satz verfolgen Sie?

Ich verfolge eher eine Handlungstheorie, die auf den Arbeiten von Weber und Parsons basiert. Ich gehe davon aus, dass der Mensch einen freien Willen hat, in dem Sinne, dass er sich zwar zwischen mehreren Handlungsalternativen entscheiden, aber seine Entscheidung nicht unbedingt auch praktisch umsetzen kann. Bei der Wahl der Handlungsalternative spielen seine Werte eine größere Rolle. Welche Präferenzen hat er? Welche Ziele hat er für sein Leben? Dabei spielen sein Normverständnis und auch seine strukturelle Einbindung und seine Sozialisation eine Rolle.

In Ländern, in denen die Todesstrafe abgeschafft wird, ist oft sogar ein Rückgang von Tötungsdelikten zu beobachten. Woher kommt das?

Es gibt Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass die Abschaffung der Todesstrafe zu einem Rückgang der Tötungsdelikte führt, und es gibt Studien, die in der Einführung der Todesstrafe diesen Effekt sehen. Der Grund für diese Diskrepanzen, so jedenfalls das Ergebnis der Metaanalyse, ist das Menschenbild des Forschers und die Theorie, die seiner Studie zugrunde liegt. Nehmen wir zum Beispiel einen Forscher mit einem utilitaristischen Ansatz, der postuliert, dass der Mensch Vor- und Nachteile verschiedener Handlungsalternativen abwägt und dann immer die wählt, die ihm den größten Nutzen bringt. Ein Forscher, der so vorgeht, nimmt an, dass die Todesstrafe zwangsläufig verhaltensrelevant ist. Der eigene Tod wäre in einer solchen Kosten-NutzenRechnung immer der größte Kostenfaktor.

Prof. Dr. Dieter Hermann (60) ist Soziologe und Diplommathematiker. Er lehrt und forscht am Institut für Kriminologie der Universität Heidelberg. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Kriminalsoziologie (Kriminalitätstheorien, Präventions- und Evaluationsforschung), Kultursoziologie (Werte-, Lebensstil- und Sozialkapitalforschung), Methoden empirischer Sozialforschung und Statistik sowie Ethik.

oora.de

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Ende | Wenn der Staat zur Strafe tötet Unter anderem auch die religiöse Prägung?

Ja. Es scheint so zu sein, dass gewisse Werte eine Art Plattform bilden, auf deren Grundlage der Mensch weitere Werte ausbildet. Diese Basiswerte sind religiöser Natur. Die daraus abgeleiteten Werte sind beispielsweise Materialismus, Egoismus, Altruismus und eine subkulturelle Orientierung. Nehmen Sie dabei Unterschiede zwischen den verschiedenen Religionen wahr?

Das habe ich nicht untersucht. Aber es ist schon wahrscheinlich, dass es Unterschiede gibt, denn Religionen postulieren nun einmal ein bestimmtes Wertefundament. Und die Werte unterscheiden sich durchaus religionsspezifisch. Vergleichen Sie einmal Christentum und Islam. Die Forderung nach Nächstenliebe, der im Christentum eine große Bedeutung zukommt, ist auch im Islam vorhanden; im Sinne des Gebots, Almosen zu geben, hat sie aber nicht denselben hohen Stellenwert. Ein anderes Beispiel ist die Leistungsorientierung. Das, was man unter dem Begriff der »protestantischen Ethik« subsumiert, ist im Islam meines Wissens in der Form nicht von Bedeutung. Der Leistungsgedanke spielt in unserer Gesellschaft eine große Rolle. Dazu zählt, dass man Haltung bewahrt und sich selbst und sein Leben immer unter dem Gesichtspunkt des Fortschritts betrachtet. Hat sich da nicht etwas vom Chris­ tentum abgekoppelt?

Leistung ist kein Alleinstellungsmerkmal der christlichen Religion, das ist richtig. Aber gerade die Reformatoren, insbesondere Calvin, haben den Gedanken betont, dass Leistung für Christen außerordentlich wichtig ist. Er hat dies etwas kompliziert mit der Prädestinationslehre begründet, aber der Gedanke, dass Christen zu Leistung verpflichtet sind, dass sie der Stadt Bestes suchen und sich gesellschaftlich engagieren sollen, ist schon ein Gedanke, der dem Christentum entspringt. Die Annahme, dass religiöse Prägung Mord verhindert, ist momentan höchst unpopulär. Dem Islam wird ja seit ge­ raumer Zeit gerade das Gegenteil vorgeworfen.

Nein, das kann man so nicht sagen. Der Islam ist eine Religion, der ein anderes Werteprofil hervorbringt als das Christentum. Aber deshalb ist der Islam noch lange keine Religion, die notwendigerweise Gewalt hervorbringt. In manchen Fällen hängt das sicher von der Interpretation des Korans ab, aber in der Regel dürfte das nicht der Fall sein. Die Todesstrafe besteht unter anderem noch in den USA, die uns als westliches Land näher steht als viele andere Länder. Diesen Monat wurde in Texas die Hinrichtung des 234. Todeskandidaten unter dem amtierenden Gouverneur Rick Perry vollzogen. Weshalb findet die Todesstrafe in einem Staat wie Texas so viele Anhänger?

Der Abschreckungsgedanke spielt in den USA eine viel größere Rolle als in Europa – übrigens im gesamten Strafrecht. Nahezu alle staatlichen Sanktionen in den USA sind im Vergleich zu Deutschland relativ hoch. 18

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Wenn der Staat zur Strafe tötet | Ende

Wichtig ist, dass gestraft wird. Dass deutlich gemacht wird, eine Norm hat Gültigkeit und keiner kann sie so ohne Weiteres übertreten. Die Höhe der Strafe ist dann gar nicht mehr so entscheidend. Warum ist das so?

Das kann ich mir auch nicht so richtig erklären. Vielleicht spielt hier die Kultur eine Rolle. Womöglich kommt dem Mensch an sich in Europa kulturbedingt ein höherer Stellenwert zu. Vielleicht liegt es auch an der niedrigeren Kriminalitätsrate in Europa. Nach Ihren Forschungen würde aber ein milderes Strafmaß auch zu weniger Kriminalität führen.

Wichtig ist, dass gestraft wird. Dass deutlich gemacht wird, dass eine Norm Gültigkeit hat und keiner sie so ohne Weiteres übertreten kann. Die Höhe der Strafe ist dann gar nicht mehr so entscheidend. Wichtig ist auch, dass schnell gestraft wird. Wäre das auch ein Kostenfaktor? Je länger der Mensch in Untersuchungshaft sitzt, umso mehr kostet er den Staat.

Bei neueren Forschungen zu diesem Thema, die ökonomisch orientiert sind, spielt das tatsächlich eine Rolle. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass der Zeitraum zwischen Tat und Sanktion möglichst kurz sein sollte, um Effizienz im rational-utilitaristischen Sinne zu erreichen. Ist es dann nicht billiger, eine Exekution durchzuführen, als einen Mörder lebenslang hinter Gittern zu beherbergen?

Nein, das ist sogar noch teurer. Die Freiheitsstrafe, die vor der Exekution abgesessen wird, ist in der Regel ausgesprochen lang, bis zu 20 Jahren, und dann kommt am Ende doch noch die Exekution. Das heißt, der Unterschied der Haftdauer einer Person, die zum Tode verurteilt wurde und einer Person, die »lebenslänglich« bekommen hat, ist gar nicht so gravierend. Weshalb sitzen Todeskandidaten so lange ein?

Weil man Fehlurteile vermeiden will. Bei der Todesstrafe gibt es viel mehr Einspruchsmöglichkeiten als bei anderen Strafmaßnahmen. Der juristische Aufwand ist für das Gericht wesentlich höher, wenn eine Todesstrafe zur Diskussion steht. Was empfehlen Sie den 60 Staaten, die nach wie vor die Todesstrafe anwenden?

Sie sollen meine Studie lesen. Wir haben herausgefunden, dass es in allererster Linie an der Institutionenzugehörigkeit eines Forschers liegt, zu welchem Ergebnis er bezüglich der Abschre-

ckungswirksamkeit der Todesstrafe kommt. Es kommt auf das Menschenbild an, das der Forscher hat, und auf seine handlungstheoretischen Vorstellungen. Somit fehlt der Todesstrafe die generalpräventive Legitimation. Sie sagen, Forscher sind gar nicht objektiv?

Alle Forscher forschen subjektiv, vermutlich ist Objektivität gar nicht möglich. Allerdings wirkt sich diese subjektive Sichtweise bei anderen Forschungen nicht so gravierend aus wie bei den Studien zur Todesstrafe. Nur bei diesem Thema findet man einen engen Zusammenhang zwischen der Zugehörigkeit zu einer Institution und dem Forschungsergebnis. Die Todesstrafe wird also politischer bewertet als andere Strafmaßnahmen?

Ja. Wahrscheinlich liegt das auch an der emotionalen Position des Forschenden zu dem Thema. Wenn er Anhänger einer Rational-Choice-Theorie ist, wenn er also davon ausgeht, dass Menschen nach Kosten-Nutzen-Aspekten handeln, wenn er an einer ökonomischen Institution angestellt ist, wenn er in einer ökonomischen Zeitschrift veröffentlicht, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass seine Studie die Todesstrafe befürwortet, viel größer, als wenn er eine andere Handlungstheorie präferiert, beispielsweise als Soziologe oder Kriminologe. Das sind die Weichenstellungen, die zu unterschiedlichen Studienergebnissen führen.

Der Unterschied der Haftdauer einer Person, die zum Tode verurteilt wurde und einer Person, die »lebenslänglich« bekommen hat, ist gar nicht so gravierend. Würden Sie also den Politikern dieser 60 Länder, wenn sie denn darüber nachdächten, die Todesstrafe abzuschaffen, dazu raten, mehrere Studien zu Rate zu ziehen?

So ist es. Wenn man die Todesstrafe rechtfertigen will, findet man immer eine Studie, die das belegt. Wenn man der Todesstrafe gegenüber jedoch eher kritisch eingestellt ist, findet man genauso eine Studie, die das unterstützt. In einer solchen Situation braucht man einen größeren Überblick, um halbwegs sicher zu sein, wie die verschiedenen Ergebnisse einzuordnen sind. Das heißt, dass Ihre Forschungsergebnisse im besten Fall dazu beitragen können, dass die Todesstrafe geächtet wird?

… und dass man eine kritische Distanz zur Todesstrafe bekommt und einer einzelnen Studie nicht einfach so glaubt. Herr Hermann, vielen Dank für das Gespräch. ///

oora.de

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Ende | Die Kunst des Trauerns

Die Kunst des Trauerns Nach jedem Ende kommt ein neuer Anfang Text: Kerstin Hack

Der Verlust eines geliebten Menschen oder der lieb ­gewonnenen Arbeitsstelle trifft einen plötzlich und unerwartet. Eine Ära geht zu Ende. Tiefe Trauer breitet sich aus. Was dann? Wie kann man diese Phase für sich sortieren und nutzen? Wie kann man andere darin ­unterstützen? Hilfestellung dazu gibt es hier. // Passt dieser Artikel überhaupt zu mir? Das hatte ich mich schon bald nach meiner Zusage gefragt. Ich mag praktische ­Ideen, die man gleich umsetzen kann. Gebe leidenschaftlich gerne Besser-Leben-Tipps und freue mich, wenn ich höre, dass sie das Leben anderer Menschen erleichtern und bereichern. Erlebt jemand jedoch einen Verlust und betrauert diesen, sind konkrete, praktische Tipps meist fehl am Platz und greifen zu kurz. Trauer kommt wie ein ungebetener Gast – und bleibt auf unbestimmte Zeit. Und weil sie irgendwie zur Familie gehört, kann man sie nicht einfach rauswerfen. Billige Ratschläge im Sinne 22

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von »Kopf hoch« helfen nun gar nicht. Sie führen eher dazu, dass man sich noch mehr zurückzieht, weil man sich unverstanden und allein gelassen fühlt. Was hilft bei Trauer?

Wenn man selbst trauert, hilft es zu verstehen, woher die Trauer kommt. Trauer entsteht immer aufgrund eines Verlustes. Das kann ein geliebter Mensch sein, der plötzlich nicht mehr da ist. Oder auch der Verlust von körperlicher Kraft. So wie bei einer Frau, die nach einer – gut verlaufenen – Krebserkrankung nicht mehr zu ihrer früheren Kraft zurückfand und nun über diesen Verlust trauerte. Es kann auch der Verlust von Beziehungen sein. Oder auch der Verlust einer Arbeitsstelle. Manches verliert man im Leben und kann es relativ gelassen hinnehmen – doch in der Regel verliert man mit dem Verlust auch die Sicherheit. Bisher dachte man, die Ehe wäre stabil, der geliebte Mensch würde bis ans Ende seiner Tage bei einem blei-


Die Kunst des Trauerns | Ende

ben, der Körper würde weitgehend leistungsfähig bleiben, man würde immer einen Job haben. Und plötzlich erlebt man: Das, was vermeintlich sicher war, stürzt ein. Nichts ist mehr sicher. Das verunsichert. Man muss jetzt neue Sicherheit finden. Erstmal sortieren

Hier hilft es, das Trauern bewusst als Sortieren zu begreifen. Wer trauert, kann und muss neu sortieren: Was hat in meinem Leben Bestand? Was nicht? Oder auch: Was bleibt von diesem Lebensabschnitt? Was muss ich für immer loslassen? Mir hat es in einer Trauerphase geholfen, mich ganz bewusst von Hunderten kleinen Dingen einzeln zu verabschieden, die nun nicht mehr möglich waren. Ich habe Gott für jedes Einzelne gedankt. Und dann gesagt, dass ich akzeptiere, dass es nun nicht mehr ist. Akzeptieren heißt nicht »gut finden«. Es heißt lediglich »annehmen«. Ich nehme an, dass es ist, wie es ist. Ich kämpfe nicht mehr dagegen an. Das kann insbesondere dann hilfreich sein, wenn Selbstanklage im Spiel ist und man sich ausmalt, dass der Verlust vielleicht hätte vermieden werden können, hätte man nur dieses oder jenes getan. Damit kann man Tage, Wochen, Monate und Jahre verbringen. Oder zum Annehmen finden. Und sagen: Es war, wie es war. Und ich gehe jetzt weiter. Im Trauern entdeckt man, was Bestand hat. Was trotz allem bleibt. Manche Menschen, Beziehungen, eigene Stärken, Erfahrungen, Schätze, Erinnerungen an schöne Zeiten und gelebtes Leben. Das kann – nach einer Phase, in der man den Blick nach hinten richtet – wieder Kraft für das geben, was vor einem liegt. Mit dem Verlust ist nicht alles vorbei. Ins Leben zurückkehren

Ich habe einem Freund nach dem Krebstod seiner Frau geschrieben, dass ich ihm wünsche, dass er gut trauern kann, aber dann auch wieder ins Leben zurückkehrt. »Es ist schlimm genug, dass der Krebs ihr Leben zerstört hat. Es wäre noch schlimmer, wenn er jetzt auch deines zerstören würde.« Ich wagte es, ihm folgenden Satz zu schreiben: »Ein gutes Leben ist die beste Rache.« Einige Zeit später schrieb er mir, dass er eine neue Partnerin gefunden hat und wieder heiraten wird – und dass ihn dieser Satz ermutigt hat, nicht in der Vergangenheit und dem Verlust stecken zu bleiben, sondern die neuen Möglichkeiten zu sehen. Er hat sich für den Verlust »gerächt«, indem er neu begann und das Beste aus der Situation machte.

vermeintlich Schuldigen: den früheren Partner, die Ärzte, Gott, das Leben selbst. Hier ist Beschwichtigen fehl am Platz. Auch Erklärungen sind wenig hilfreich, selbst wenn sie inhaltlich stimmen, wie beispielsweise »Gott meint es trotz allem gut mit dir.« Was wirklich hilft, ist, dem Trauernden Raum zu geben, seine Gefühle ungeschminkt zu äußern. Man kann ihn unterstützen, indem man Resonanz gibt: »Du fühlst dich gerade so und so.« oder »Es klingt, als ob du gerade …« In der dritten Trauerphase versucht man, das Verlorengegangene irgendwie wiederzufinden. Man hält innerlich Zwiesprache, träumt, phantasiert. In dieser Phase kommt häufig auch nicht Gelöstes an die Oberfläche »Ich wünschte, ich hätte ihm das noch gesagt.« In dieser Phase kann es hilfreich sein, nachzufragen: »Welche Erinnerungen sind denn besonders schön? Was kannst oder möchtest du aus dieser Phase behalten?« In der vierten Phase hat man den Verlust schließlich akzeptiert und entdeckt neue Lebensmöglichkeiten. Wenn man ahnt, dass der andere sich wieder dem Leben zuwenden möchte, kann man ihn einladen – zu Aktivitäten und gemeinsamen Unternehmungen. Das, was hier so ordentlich klingt, ist im echten Leben ein weitaus größeres Chaos. Menschen, die trauern, durchlaufen diese Phasen in der einen oder anderen Form. Doch nicht immer geradlinig und chronologisch, sondern häufig mit Sprüngen hin und her. Wer Trauernde begleitet, darf sich auf Überraschungen gefasst machen. Mal ist Akzeptanz und Gelassenheit spürbar, dann wieder wütendes Aufbegehren. Manchmal im Minutentakt wechselnd. Wer sich darauf einlässt, einem Menschen hierbei zur Seite zu stehen und sensibel auf die jeweilige Phase zu reagieren, kann dabei Schätze entdecken. Denn jedes geteilte Leben ist wunderbar und hat seine eigene Schönheit. Das macht ja auch den Verlust oft so hart. Doch in der Trauer mit dem anderen zu entdecken, was von dieser Phase behalten werden kann – und was jetzt immer noch möglich ist, eröffnet wunderbare Möglichkeiten des Mitleidens, Mitliebens und Mitlebens. ///

Fußnote: 1 Nach der Trauerforscherin Verena Kast – sehr verkürzt – dargestellt. Ausführlicher zu finden unter de.wikipedia.org/wiki/Trauer#Trauerprozess_in_vier_Phasen_nach_Kast

Anderen helfen

Wer Menschen unterstützen will, die gerade einen Verlust betrauern, tut gut daran, zu wissen, dass Trauer in verschiedenen Phasen kommt.1 In der Anfangsphase ist man oft nur geschockt. Man leugnet, was geschehen ist. »Das kann doch nicht wahr sein.« Man ist geschockt, erstarrt, hält alles für einen bösen Traum. In dieser Phase braucht man vor allem praktische Unterstützung. Man ist wie gelähmt, und es tut gut, wenn Menschen da sind und helfen, indem sie Essen kochen, Einkäufe erledigen, praktische Aufgaben übernehmen. Löst sich die Starre, kommen in einer zweiten Phase die Emotionen hoch: Angst, Wut, Zorn, Unruhe. Auch Anklage gegen die

Kerstin Hack (44) ist Berlinerin, liebt das Leben, Schoko- und echte Küsse, ­Liegeräder, Fotografie und Go-Kart-Fahren. Die ist Verlegerin des »Down to Earth Verlages«, der auf kompakte Lebenshilfe spezialisiert ist. Sie bloggt unter www.kerstinpur.de

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Ende | Vom Mut, Dinge sterben zu lassen

Vom Mut, Dinge sterben zu lassen Mein Freund Gott und ich Text: Mickey Wiese // Kolumne

Audioversion unter www.oora.de/audio

Mickey denkt über das Sterben und Sterben-lassen nach und gesteht seinem Freund Gott, dass er damit gar nicht gut klar kommt. Der jedoch eröffnet ihm ganz neue Perspektiven. // Als mein Freund Gott und ich über das Thema dieses Artikels nachdachten, saßen wir im Kellerfoyer des Langener Glaskunstmuseums zwischen Toiletten und verschlossenen Türen. »Das stimmt schon mal so richtig auf das Thema ein«, schmunzelten wir beide unwillkürlich. Eigentlich hatten wir uns die abstrakten Glasfenster unseres Freundes Johannes Schreiter anschauen wollen, dem wohl international bedeutendsten abstrakten Glasmaler unserer Zeit.1 Schließlich mussten wir diesen Gedanken aufgrund neuer Öffnungszeiten jedoch sterben lassen. Das fiel uns in diesem Fall nicht ganz so schwer, weil es im Kellerfoyer ein Glasfenster von Schreiter als Appetizer zur Ausstellung gibt, dem wir nun gegenüber saßen.2 Auf weißem Grund durchzieht unter anderem ein Bündel energischer freier schwarzer Handzeichnungen das Bild. »Da siehst du mein Problem in Bezug auf das Sterben«, sagte ich zu meinem Freund Gott. »Ich lebe viel zu oft nach dem Motto: Lieber ein bekanntes Leid, als ein unbekanntes Glück. Und dann verharre ich gefühlte Ewigkeiten in Situationen, die mir vielleicht gar nicht gut tun oder die sogar schon längst ihr Leben eingebüßt haben. Aber ich habe einfach Angst, mich in den verwirrenden Lebenslinien, die sich in neuen Lebenssituationen, wie auf dem Glasfenster hier, 24

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ergeben können, nicht zurecht zu finden. Zum Tot-sein brauche ich keinen Mut, weil ich ja bei dir sein will, aber zum Sterben schon, denn das kann hässlich und gemein werden.« Mein Freund Gott schaute mich mit ernstem Blick an: »Wie hättest du eigentlich damals anstelle der Jünger reagiert, als ich ihnen sagte, dass ich unsere gemeinsame Zeit auf der Erde zunächst einmal sterben lassen würde?« »Ich wäre auch traurig gewesen«, antwortete ich. »Auch deine Ankündigung, dass der Heilige Geist nun bei uns bleiben werde, hätte mich nicht froh gestimmt. Ich will nicht verlieren. Ich habe Angst, dass dann doch nichts kommt oder wenn doch, dass ich mich darin nicht orientieren kann.« »Sterben heißt, die Schmerzen des Verlusts zu ertragen mit der Perspektive, etwas loszulassen, aber doch nur in der Hoffnung, Neues zu empfangen«, schlaumeierte mein Freund Gott. Aber auch

solche klugen Sätze konnten mich nicht restlos überzeugen. Man kennt das Neue ja noch nicht, es ist einem nicht vertraut, und sicher ist es auch nicht. Mein Freund Gott nahm mich bei der Hand: »Spürst du mich?« »Ja.« »Hättest du Angst, an meiner Hand in unbekanntes Land zu gehen?« »So lange ich deinen Stecken und deinen Stab spüren kann, fürchte ich kein Unheil, auch wenn’s mal durch eine Schattenwelt geht«, kam ich meinem Freund Gott jetzt mal ganz biblisch. Das nahm er natürlich gleich zum Anlass auf derselben Ebene zu kontern: »Es ist ein Problem des Vertrauens in das Leben. Hast du dir einmal überlegt, warum ich meine Freunde ihr Manna jeden Tag neu einsammeln ließ? Weil das Leben hier in dieser Dimension der linearen


Vom Mut, Dinge sterben zu lassen | Ende

Sterben heißt, die Schmerzen des Verlusts zu ertragen mit der Perspektive, etwas loszulassen, aber doch nur in der Hoffnung, Neues zu empfangen.

Zeitausbreitung ständig voranschreitet und sich beständig verändert. Kein Herzschlag gleicht dem Vorigen. Solange ihr noch auf der Wanderung seid und nicht am Ziel, wandelt sich alles beständig, und du musst Abschied nehmen in jeder Sekunde. Das Manna, das dich heute noch am Leben erhält, ist morgen schon dein totes Gestern. Und selbst die Toten werden noch einmal eine Änderung erfahren, sie werden Abschied nehmen müssen vom Hades, dem Totenreich, in dem alle Seelen bis zum jüngsten Gericht zwischengelagert sind, und sie werden auferstehen müssen, um dann endgültig an ihr anvisiertes Ziel zu kommen, entweder zu mir in die ewige Heimat oder eben in den zweiten, den endgültigen Tod, das ewige Verwehen im Nichts. Beides ist dann endgültig. Meine Ewigkeit beendet das Sterben-lassen-müssen, die ständigen Abschiede und Neubeginne. Nur wenn meine Freunde das Ziel nicht sehen können und ihre Leben nicht als Wanderung begreifen, dann machen ihnen die Abschiede Angst, weil sie sie aus der Wärme des Vertrauten herausreißen und so schockieren. Verstehst du das, Mickey? Folge mir nach …« Nach diesem langen Vortrag war ich jetzt etwas platt. Das muss man ja auch erst einmal verdauen. Zum Glück kam in diesem Moment gerade unser Freund Johannes Schreiter durch die Tür und lud uns zum Essen ein. Dankbar beendete ich vorerst das herausfordernde Gespräch mit meinem Freund Gott. Aber ich konnte ihn die ganze Zeit auf dem Weg zum Restaurant hinter uns spüren,

und ich wusste genau, dass er fröhlich schmunzelte, weil er wieder einmal einen Samen des Lebens in meine Erde versenkt hatte, damit er dort stirbt … Seitdem bitte ich meinen Freund Gott nicht nur um den Mut, Dinge sterben zu lassen, sondern um die Weisheit, Anfang und Ende in einen Zusammenhang bringen zu können und die Gnade, mein Leben immer mehr aus einer Hubschrauber- oder besser Gipfelperspektive betrachten zu können. Und dann schnalle ich mir den Rucksack wieder auf den Rücken und mache mich daran, das nächste Tal zu durchwandern und zu genießen bis hin zum nächsten Gipfelkreuz. ///

Fußnoten: 1 www.neue-stadthalle-langen.de/lang-de/GlasWerke/c151 2 Kurzvideo von und mit Mickey im Kellerfoyer des ­Glasmuseums: youtu.be/6Y76GKsSzrc

Mickey Wiese (51), länger als er lebt mit Jesus befreundet, ist als Event-Pastor, systemischer Berater für störende Schüler und in einigen anderen Rollen unterwegs. Er hat Sehnsüchte nach Glauben im Alltag, wird gerne gegooglet und findet Beerdigungen fast besser als Hochzeiten, feiert letztere aber ausgiebiger.

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oora 42 • Anfang/Ende  

Alles hat ein Ende. Und einen Anfang. Wir philosophieren über Beginn und Finale der Dinge: Zeit, Leben, Todesstrafe, Start-Up, Übergabegebet...

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