Holzbulletin 143/2022

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Holzbulletin 143/2022 Innenausbau Umbau Alphütte, St. Antönien Umnutzung der Talstation Dietschibergbahn, Luzern Besucherzentrum Just Schweiz, Walzenhausen ‹Maison ovale›, Pully Rathaus und Saal des Grossen Rats, Genf Château Saint-Maire, Lausanne

Überraschende Entwurfsidee: Einem Bahnwaggon nachempfunden, strukturiert der mit Aluminium eingefasste Holzeinbau den Innenraum der ehemaligen Talstation der Dietschibergbahn, die heute ein Wohnhaus ist. Architektur: Scheitlin Syfrig Architekten, Luzern. Foto: Ben Huggler, Luzern


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1 ‹Movable House›: Der Prototyp ver­ bindet Tragwerk und möbelähnliche Raum­ elemente in Holz zu einem Haus, das sich einfach ab- und andernorts wieder aufbauen lässt. Architektur und Foto Rahbaran Hürzeler Architekten SIA BSA, Basel 2 Regal ‹001›: Das Möbelstück ist nur geschraubt und geklickt – unter ande­ rem dafür wurde es mit dem Sonderpreis Schreiner des Prix Lignum 2021 aus­ gezeichnet. Entwurf Schreinerei Lindauer, Steinen SZ, und Studio Noun, Zürich Fotos Zsigmond Toth 3 Die neuen Kirchenbänke für die Lau­ sanner Kathedrale: mit einer verschiebbaren Lehne und reinen Holz-Holz-Verbindungen gefertigt. Entwurf Yves Weinand Archi­ tectes, Lausanne Foto Cedotec-Lignum 4 ‹mySaess›: aussen und innen aus Holz gefertigt als temporäres Hotelzimmer mitten in der Natur. Entwurf mySaess AG, Bern Fotos Pascal Amez, Bern

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Holz gestaltet Lebensraum Mit dem Sonderpreis Schreiner, den der Prix Lignum 2021 auf nationaler Ebene erstmals vergab, werden Schreinerarbeiten ausgezeich­ net, die durch herausragende Gestaltung, hand­ werkliche oder technische Innovation und Funktionalität brillieren. Mit den zwei Sonder­ preisen Schreiner 2021 wurden ex aequo zwei ganz unterschiedliche Arbeiten prämiert: zum einen der historische Strickbau, der auf einer Alp oberhalb von St. Antönien steht. Nikisch Walder Architekten aus Flims haben das Gebäude mit grosser Sorgfalt für eine pri­ vate Bauherrschaft umgebaut und dafür rusti­ kale, aber raffinierte Möbel entworfen. Das ganze Projekt stellen wir in diesem Heft vor. Der zweite Entwurf, der einen Sonderpreis holte, ist das Regal ‹001›. Ein Architekturbüro und eine Schreinerei haben dieses gemeinsam entwickelt. Die Bretter sind nur zusammenge­ klickt und geschraubt – ganz ohne Metall oder Leim, ähnlich wie ein Klick-Parkett. Die Klicktechnik für das Regal, das zu 100 Prozent aus lokalem Eschenholz gefertigt wird und komplett unbehandelt ist, kommt von der Schreinerei Lindauer, die seit Jahren daran tüf­ telt und das patentierte System bereits im Tü­ ren- und Küchenbau einsetzt. ‹001› ist damit quasi der Archetyp eines Regals, das in zwei Längen angeboten wird, als liegendes Side­ board und als hohes Regal. Zusammenbauen lässt es sich ohne Werkzeuge, nur mit einigen Handgriffen. Auch die neuen Sitzbänke für die Kathedrale Notre Dame in Lausanne wurden ohne Kleb­ stoff oder Schrauben gefertigt. Den Prototyp einer Bank mit einer verschiebbaren Lehne,

die sich damit einfach und schnell nach der gewünschten Orientierung ausrichten lässt, hat das Büro Yves Weinand Architectes ent­ wickelt. Die dabei eingesetzte Snap-Fit-Techno­ logie in Form einer reinen Holz-Holz-Verbin­ dung stammt aus dem IBOIS-Labor der EPFL, das Yves Weinand leitet. Produziert wurden die rund 80 Bänke aus Eiche, die aus den kantonseigenen Wäldern von Concise und Cossonay stammt. Eine Art Verschränkung von Möbel, architek­ tonischem Raum und Tragkonstruktion ist der 2018 entwickelte Prototyp ‹Movable House› der Basler Architektinnen Shadi Rahbaran und Ursula Hürzeler. Das Haus hat kein Tragwerk im klassischen Sinn, sondern besteht aus tragenden, raumhaltigen Holzelementen, die gleichzeitig Möbel, Decke und Boden bilden sowie Wärmedämmung und Energiespeicher beinhalten. Ähnlich wie ein Möbelstück ist das Projekt als bewegliches Haus konzipiert: Es ist prinzipiell nicht für einen bestimmten Standort entwickelt, sondern soll an verschie­ denen Standorten und auf Zeit realisierbar sein. Entsprechend leicht und effizient müssen der Transport sowie der schnelle Auf- und Abbau der Gebäudeteile sein. Noch flüchtiger als das ‹Movable House›, das sein Domizil in Riehen gefunden hat, ist ‹mySaess›: Die mobile Wohnbox mit Platz für bis zu vier Personen ist aus Holz, Linoleum und Wolle aus Schweizer Produktion gefertigt. Sie findet ihren Platz zeitlich begrenzt in länd­ licher Umgebung als mögliche Unterkunft eines regionalen Tourismus. Ein grosses Zelt überspannt die minimalistische Holzkiste,

bietet Schutz vor Sonne und Regen und ver­ grössert gleichzeitig den Aussenraum. Trotz des temporären Charakters verströmt die Aus­ gestaltung mit Holz im Inneren der Box eine wohnliche Atmosphäre. Solarzellen auf dem Dach sorgen für Strom. Zurzeit ist ein erster Prototyp im Einsatz. Die Idee ist, ‹mySaess› seriell herzustellen und modular zu fertigen. Das breite Spektrum der Arbeiten, bei denen Holz wesentlich zur Ausgestaltung von Lebens­ räumen beiträgt, zeigt sich nicht nur bei den eben beschriebenen Entwurfsansätzen, son­ dern auch bei den im Heft vorgestellten Pro­ jekten: Diese reichen von Wohnbauten, bei denen Altbewährtes in Kombination mit Neu­ entwickeltem zu einer teils überraschenden Form findet, wie beim Umbau des Alpgebäu­ des oder der umgenutzten Talstation der Diet­ schibergbahn in Luzern, über Neubauten wie das Besucherzentrum für ein Unternehmen als repräsentative Adresse oder die ‹Maison ovale› als Stadtvilla bis zu zwei historisch be­ deutsamen öffentlichen Bauten in Lausanne und Genf, die mit zeitgemässen Eingriffen und einer vielfältigen Klaviatur von möglichen Schreinerarbeiten ihrer jahrhundertealten Ge­ schichte ein weiteres Kapitel anfügen. Was alle Projekte – unabhängig von Nutzung oder Art der Intervention – auszeichnet, sind neben überzeugenden und teils überraschenden Ent­ würfen Handwerk auf höchstem Niveau sowie Präzision im Detail und in der Umsetzung. Jutta Glanzmann Technische Kommunikation Lignum

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Umbau Alphütte, St. Antönien Auf einer Alp oberhalb von St. Antönien steht das umgebaute Maiensäss. Einfache und präzise Eingriffe würdigen das alte Handwerk und schaffen einen wunderbaren Rückzugs­ ort. Holz bildet bei der Gestaltung der Möbel, für die Konstruktion und den Innenausbau die Basis für einen überzeugenden Raum­ eindruck – dabei stehen alt und neu wie selbstverständlich nebeneinander. Im Alpgebäude lebten ursprünglich Kuh und Mensch unter einem Dach: Im östlichen Teil befand sich der Stall, während gegen Norden, halb in die Erde gegraben, die Alpküche mit einer Käserei-Feuerstelle und einer Spensa (Vor­ ratskammer) lag. Im Südwesten gab es eine doppelgeschossige Stube und eine Schlaf­ kammer. In den 1970erJahren baute man das Maiensäss zum Ferienhaus um, indem man die Räume und die Feuerstelle neu anordnete. Strukturell blieben lediglich die Aussenwände, die Stube in Holzstrickbau und das Dach­ gebälk erhalten. Beim nun anstehenden Generationenwechsel der Eigentümerfamilie wollte man die klima­ tischen Bedinungen verbessern und die Raum­ anordnung neu konzipieren: Das Haus sollte ebensogut von zwei Familien oder maximal

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zehn Personen wie von nur zwei Personen be­ wohnt werden können. Nach verschiedenen Studien möglicher künftiger Energieträger wie Wasser, Wind oder Sonne entschied man sich, weiterhin auf Holz zu setzen. Zusätzlich deckt ein Solarpaneel den Minimalbedarf an Elekt­ rizität für Licht, das Aufladen von Geräten und den Betrieb eines kleinen Kühlschranks. Der neue Grundriss leitet sich aus dem Wärme­ konzept ab, das ähnlich wie bei den Walser­ häusern in der Gegend die Holzkammern mit einem steinernen Ofen in der massiv gebauten Küche beheizt. Dafür legte man die Feuer­ stelle wieder an den ursprünglichen Ort der Alpküche in die Mitte des Hauses. Von hier aus wird die Wärme über einen kreuzförmigen, massiven Körper, der beheizt wird, an die Räume abgegeben. Gekocht wird auf einem Holzherd oder auf einem offenen Feuer. Das Haus steht in der Lawinen-Gefahrenzone Rot und ist deshalb gegen den Hang komplett in die Erde eingegraben: Ein sogenanntes Ebenhöch schützt das Gebäude. Um die zum Hang gelegene Küche zusätzlich zu belichten, führt ein indirektes Oberlichtfenster in den Raum zwischen Haus und Hang, der sich auch als Felsenkeller nutzen lässt. Die Wände der gegen Norden liegenden Räume sind massiv:

Die Nordwand ist aus Bruchsteinmauerwerk, die Seitenwände bestehen aus Zementsteinen – ein Relikt des Umbaus in den 1970erJahren. Dieser Sockel wurde im Nordteil des Hauses raumhaltig nach innen erweitert und bildet das Auflager für die wild wirkende Dachbalken­ konstruktion. Eine Wand- und Deckenver­ kleidung aus sägerohem, schwarz gebeiztem Holztäfer bildet oberhalb des massiven Sockels den Hintergrund für die rohen Rundbalken. Ebenso schloss man in der Fassade die Rund­ balken des ehemaligen Stalles mit einer Hin­ terlüftung und einem schwarzen Täfer wind­ dicht, um den durchlässigen Balkencharakter des Hauses in der ortsbildgeschützten Alp zu erhalten. Sämtliche Wand-, Boden- und Deckenaufbauten bestehen ausschliesslich aus natürlichen Materialien wie Holz und Schaf­ wolledämmung. Die Südzimmer sind als Holzkammern ausge­ bildet: Die südwestlichen Holzstrickkammern – Stube und Schlafräume – wurden erhalten und wo nötig mit Fichte ergänzt. Ein neues Zimmer mit Täfer aus breiten Fichtenbrettern orientiert sich nach Südosten; selbst die Schie­ betüre zur Stube und der Wandschrank sind ins Täferbild integriert. Darüber liegt – ver­ steckt durch eine grossformatige Spickelklappe


Erdgeschoss

Obergeschoss

– eine zweite Schlafebene. Die neuen Schiebe­ fenster lehnen sich formal an die alten Fenster der Stube an. Wie bei allen Türen und Mö­ beln verzichtete man auch bei den Fenstern auf standardisierte High-Tech-Dichtungen oder Beschläge, sondern konstruierte sie mittels materialspezifischer Verbindungen und Rück­ besinnung auf das Potential des Materials Holz und des Handwerks. Sämtliche Möbel sind massgeschneidert und auf die Räume abge­ stimmt. Sie sind so konzipiert, dass sie der flexiblen Nutzung dienen und sich an die An­ zahl Personen, die sich gerade im Haus auf­ halten, anpassen. So lässt sich beispielsweise das Sofa auch als Schlafplatz nutzen, der Sofa­ tisch ist ausziehbar, und die Küchenstühle lassen sich zu Hockern zusammenklappen und unter dem Tisch verstauen – um nur einige Beispiele zu nennen. Ähnlich wie die Möbel sind auch die Räume, die als Rundlauf angelegt sind, flexibel nutzbar: So entsteht durch das Herunterlassen der Spickelklappe im doppel­ geschossigen Täferraum ein neues Raumgefühl. Bis auf den Terrassenboden im Westen, der aus Lärche besteht, sind alle Täfer und Möbel aus Fichte gefertigt. Die Böden sind geseift, alle anderen Flächen – bis auf das schwarze Hintergrundtäfer – sind unbehandelt.

Schnitt

10 m

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Aufbau Dach Holztäferraum: Holzschindeleindeckung, Bestand Unterdach, Bestand Fichtenschalung, Bestand Balkenlage, Bestand Schalung Fichte 27 mm Dämmung 80 mm Täfer Fichte 35 mm Aufbau Wand Strickbau: Holzstrickbau lose gestrickt, Bestand (ehemaliger Stall und Alpküche) Luftraum (Austrocknung von Kondens­ wasser/Regen/Schnee) 40–60 mm Täfer Fichte, schwarz lasiert 20 mm Fassade aus Rundholzbalken Schafwolldämmung 60–80 mm Täfer Fichte 35 mm Aufbau Boden: Riemen Fichte 35 mm Balkenlage, mit Schafwolle ausgedämmt 200 mm Hohlraum, min. 300 mm Stabilisierung der Bruchsteinmauern als Auflager für neue Balkenlage Boden mit Unterlüftungslöchern für Hohlraum Detailschnitt

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Ort 7246 St. Antönien Bauherrschaft privat Architektur/Bauleitung Nickisch Walder, Selina Walder, Flims Bauingenieur Ingenieurbüro Flütsch AG, Andreas Flütsch, Chur Bauphysik Martin Kant Bauphysik, Chur Haustechnik Roger Holzinger Haustechnik, Schiers Holzbau und Schreinerarbeiten Frischknecht und Schiess, Trogen; Ueli Frischknecht (Entwicklung Holzbau) Fenster Schmid Fenster Manufaktur, Teufen Holzschindeln Flütsch Schreinerei, St. Antönien Baumeisterarbeiten Peter Boner, Baumeister, Fideris Ofenbau Maissen Ofen, Chur Metallarbeiten Hobi & Co. Schlosserei AG, Küblis Maler- und Verputzarbeiten Thomas Berger, Grüsch Elektroarbeiten Frey Elektroanlagen AG, Schiers Schleifarbeiten Beton Walo Bertschinger, Zizers Baukosten CHF 800 000.– inkl. MWST Baukosten BKP 2 CHF 658 000.– inkl. MWST (enthält alle Möbel als Einbau- oder Schreinermöbel, ebenso Metallbaulampen und massgefertigte Matratzen) Baukosten Holzarbeiten (BKP 214 und BKP 273) CHF 200 786.– inkl. MWST Kubikmeterpreis (BKP 2, siehe oben) CHF 1855.– (ohne Honorare) Grundstücksfläche nach SIA 416 416,6 m2 Gebäudegrundfläche nach SIA 416 86,7 m2 Geschossfläche nach SIA 416 88,3 m2 Nutzfläche (mit Stauräumen) Gebäudevolumen nach SIA 416 354,7 m3 Bauzeit Oktober 2018 (Abbruch) bis Juni 2020 (Umgebung) Fotograf Roland Tännler, Zürich

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Umnutzung der Talstation Dietschibergbahn, Luzern Aus der unter Denkmalschutz stehenden alten Talstation der ehemaligen Dietschiberg­ bahn ist ein aussergewöhnliches Wohnhaus geworden: Einem Bahnwaggon nachempfun­ den, strukturiert ein mit Aluminium einge­ fasster Holzeinbau das Erdgeschoss. Gleich­ zeitig schafft er ein Obergeschoss und einen Zugang zur neuen Dachterrasse, die von aussen nicht erkennbar ist. Sie bietet einen spektakulären Ausblick. Die alte Talstation der Dietschibergbahn wurde um 1900 von Emil Vogt erbaut und gilt heute als Zeitzeuge der touristischen Erschliessung der Luzerner Hügel. Zusammen mit dem alten Pförtnerhaus, der Villa Bellerive und einem schönen Baubestand bildet sie ein historisches Ensemble als Auftakt zum Villenquartier ‹Belle­ rive›. Analog zur bereits umgebauten Berg­ station bestand der Wunsch, auch die Talsta­ tion in ein Wohnhaus zu transformieren. Durch die neue Nutzung wollte man den Weiter­ bestand der beiden Stationsgebäude für die kommenden Generationen sicherstellen. Für den Umbau dieses besonderen Objekts entwickelten die Architekten eine ausserge­ wöhnliche Idee: In Erinnerung an die ehema­ lige Nutzung sollte ein ‹alter silberner Bahn­ wagen› der früheren Dietschibergbahn mittig im Erdgeschoss geparkt werden. Der ‹Bahn­ wagen› sollte zum einen Wohnraum anbieten, zum anderen bildet er die Basis für das neue Obergeschoss, von wo man heute aufs Dach gelangen kann. Denn bereits der ursprüngliche Entwurf von Emil Vogt sah für die Talstation ein Flachdach mit Balustrade vor. Diese Idee der Begehbarkeit des Daches griffen die Archi­ tekten auf und entwickelten sie weiter. Mit diesem architektonischen Konzept, einer Art Haus im Haus, gelang es, dem Luzerner Denk­ mal wieder Leben einzuhauchen. Für den Umbau musste das bestehende Gebäude bis auf die Fassadenmauern und die Mauerkrone zurückgebaut werden; die Innenwände wurden zugunsten des neuen Einbaus abge­ brochen.

Heute ist die ehemalige Talstation ein einzig­ artiges Wohnhaus. Das Erdgeschoss, ehemals die Garage der Station, dient in seiner gesam­ ten Ausdehnung als lichtdurchflutetes Wohn­ zimmer. In seiner Mitte steht der silberne Schlafwagen. Darin liegen der abschliessbare Schlafbereich und das Badezimmer. Ebenso hat hier die Haustechnik Platz gefunden. Aussen von mattem Metall ummantelt, ist das Innere des Wagens komplett mit Holz ausge­ kleidet. Die Struktur ist als kombinierter Holz­ ständer- und Holzplattenbau mit Sparrendecke konstruiert. Aussen ist die Konstruktion mit Brettschichtelementen beplankt, darauf wur­ den Kunstharzplatten mit einer Beschichtung aus Aluminium angebracht. Die abge­rundeten Fenster dienen der natürlichen Belichtung. An der Wagenfront befindet sich die offene, ebenfalls in Holz gestaltete Küche, deren Decke als Auskragung des oberen Geschosses ausformuliert ist. Gleichzeitig er­möglicht die formale Gestaltung des Oberge­schosses den Blick hinunter in den Wohnraum. Eine schmale, ebenfalls in Holz realisierte Treppe führt von hier weiter aufs Dach, wo sich ein grosszügiger Aussenraum mit spektakulärem Ausblick, unter anderem Richtung Pilatus, anbietet. Auch hier bestimmen Holz und Me­ tall die Oberflächengestaltung mit einem sorgfältig verarbeiteten Boden in Holz und den innen mit Kupfer eingefassten Balustraden. Insgesamt beeindruckt der Umbau durch die sehr hohe handwerkliche Präzision in der Um­ setzung der überraschenden Entwurfsidee.

Situation

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Längsschnitt

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Querschnitt

Ort Felsental 4, 6006 Luzern Bauherrschaft privat Architektur und Generalplanung Scheitlin Syfrig Architekten AG, Luzern Bauingenieur Leuthard Bauingenieur GmbH, Luzern Holzbauingenieur Lauber Ingenieure AG, Luzern Bauphysik RSP Bauphysik AG Elektroingenieur Brunner Elektroplan AG, Stansstad Sanitärplaner Arregger Partner AG Sanitär Engineering, Luzern Holzbau, Schreinerarbeiten Zimmermann Kreativ Schreinerei AG, Muri Materialien Holzfenster Fichte/Tanne zweifarbig gestrichen innen/ aussen; Flügeltüre nach historischem Vorbild, Festverglasung mit Landhaussprossen, Fichte/Tanne; Waggon Eiche; Küchenmöbelfronten innen Eiche furniert, an Parkett angeglichen; Treppen Schichtplatte, Eiche furniert; Boden Obergeschoss Parkett; Dachterrasse Lerche Baukosten BKP 1–9 CHF 1,48 Mio. Baukosten BKP 2 CHF 1,32 Mio. Grundstücksfläche nach SIA 416 370 m2 Gebäudegrundfläche nach SIA 416 140 m2 Geschossfläche nach SIA 416 445 m2 Gebäudevolumen nach SIA 416 980 m3 Bauzeit Mai 2015 bis April 2016 Fotograf Ben Huggler, Luzern

Erdgeschoss

Obergeschoss

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Aufbau Schrägdach: Biberschwanzziegel Doppeldeckung Ziegellattung 24 mm Konterlattung/Hinterlüftung 48 mm Dampfbremse/Bauzeitabdichtung Dreischichtplatte 42 mm Brettschichtholzträger 360 mm Hinterlüftung 50 mm Wärmedämmung 300 mm Sparrenplatte Dampfbremse variable Installationsschicht Gipskartonplatte 25 mm

Detailschnitt

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Aufbau Dachterrasse: Holzlattung 27 mm Holzunterkonstruktion 40 mm Flachdachabdichtung 10 mm Wärmedämmung 140 mm Dampfbremse/Bauzeitabdichtung Dreischichtplatte 42 mm Brettschichtholzträger mit 2,5 % Gefälle 500 mm Dampfbremse Installationsschicht 120 mm Gipskartonplatte 25 mm Aufbau Decke Obergeschoss: Parkett 10 mm Estrichelement 25 mm Fussbodenheizung 20 mm Trittschalldämmvlies 6 mm Furnierschichtholzplatte 33 mm Balkenlage/Wärmedämmung 120 mm Installationsschicht 56 mm Gipskartonplatte 15 mm

Aufbau Aussenwand: Aussenputz bestehend, 5–40 mm Vollziegel bestehend, 250 mm Ausgleichsputz Innendämmplatte, 60–160 mm Beschichtung Weisskalkabrieb, 0,5 mm Aufbau Decke Erdgeschoss: Microterrazzo 15 mm Anhydrit 65 mm PE-Folie 0,2 mm Trittschalldämmung 30/20 mm Wärmedämmung 120 mm Kapillarabdichtung 10 mm Stahlbeton 250 mm PE-Folie 0,2 mm Kies 100 mm Vlies 0,2 mm

Detailschnitt

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Situation

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Besucherzentrum Just Schweiz, Walzenhausen Der dreigeschossige Holzbau des neuen Be­ sucherzentrums ist zum einen die neue, repräsentative Adresse für das Unternehmen und verankert dieses gleichzeitig im lokalen Kontext: Die hohe Präzision des Innenausbaus in Holz und die ornamentale Gestaltung einzelner Teile in einer ansonsten schlicht ge­ haltenen Architektur bilden die Basis dafür. Für das neue Empfangsgebäude der Just Schweiz AG liessen sich die Architekten von Juhani Pallasmaa und seinem Buch ‹The Thinking Hand› inspirieren: Er würdigt darin das Potential der menschlichen Hand, die als intelligentes Werkzeug die Vereinigung von mentalen und manuellen Fähigkeiten schafft und so künstlerische Arbeit verwirklicht. Dieser Idee der ‹denkenden Hand› wollte man mit einem Projekt Nachdruck verleihen, bei dem die ästhetische und präzise Verarbeitung von Holz im Vordergrund steht – dies in Analogie zur Firmenphilosophie, die Traditions­ bewusstsein, Innovationsfreude und einen hohen Qualitätsanspruch ins Zentrum stellt. Der Firmensitz des fast 100-jährigen, familien­ geführten Unternehmens, das natürliche Pflegeprodukte produziert und weltweit ver­ treibt, liegt seit seiner Gründung in einem ehemaligen Stickereiareal im appenzellischen Walzenhausen. Das repräsentative Besucherzentrum ist Teil der Weiterentwicklung des Unternehmens und dient als Visitenkarte. Als eigentliches Schmuck­ stück im bestehenden Ensemble umfasst es den Shop, einen Seminarraum und Büroräume. Zur Optimierung der Prozesse und Abläufe ist es mit den bestehenden Betriebsgebäuden verbunden. Der Neubau lädt zum Besuch des Hauses ein und fokussiert dabei auf die Inter­ aktion mit den Besucherinnen und Besuchern und den ausgestellten Produkten. Räumlich wendet es sich deshalb nach innen – einzig im Erdgeschoss verfügt es über grossflächige

Fenster, die Einblick in den Verkaufsraum geben. Gegen aussen tritt die ornamentierte Fassade in den Vordergrund, die sich auf die lange appenzel­lische Geschichte des Unter­ nehmens und das lokal verankerte Kunsthand­ werk bezieht. Die Ornamente der Holzfassade, die man aus einer gefrästen Zierform herstellte, ermög­ lichen partiell semi-transparente Einblicke ins Gebäude. Die CNC-Elemente aus markfreier Douglasie erinnern an eine Alpenblume und bilden den Grundraster für das ganze Gebäude: 250 x 250 mm. Dieser definiert die Fenster­ position in der Fassade und zieht sich weiter im Innenausbau: Das Fugenbild der Terrazzo­ böden und die Fluchten der Wandinnenver­ kleidungen respektive Akustikdeckenelemente richten sich alle nach dem Raster aus und bilden dadurch ein in sich geschlossenes Gan­ zes. Der komplexe Grundriss über drei Stock­ werke erforderte eine entsprechend hoch­ präzise Vermessung und Planung. Durch die interne Prozessabwicklung bis hin zu Produk­ tion und Montage liessen sich die filigranen Detaillösungen optimal realisieren. Ein grosszügiger Eingangsbereich verbindet aussen und innen und leitet Besucher und Besucherinnen weiter zur Verkaufsfläche. Raumhohe Eichenwandpaneele mit denselben floralen Elementen wie an der Aussenhülle fassen den Shopbereich. Die Büro- und Seminar­ räume im Ober- und Galeriegeschoss sind mit hochwertigem einheimischem Holz aus­ gebaut und bieten viel Platz für Gruppen­ anlässe. Zwar verfügt das Gebäude über einen Personenlift, doch es lohnt sich, bei einem Besuch die präzis gefertigte Wendeltreppe in Holz zu nehmen. Dem Wunsch der Bauherr­ schaft entsprechend sind die Holzarbeiten mehrheitlich aus Massivholz ohne Oberflächen­ behandlung gefertigt. Die Fassade ist mit dem Label Schweizer Holz ausgezeichnet.

Ort Unterdorf 62, 9428 Walzenhausen Bauherrschaft Just Schweiz AG, Walzenhausen Architektur und Bauleitung RLC Architekten AG, Rheineck Bauingenieur Wälli AG, St. Gallen Holzbauingenieur Gerevini Ingenieurbüro AG, St.Gallen Bauphysik Studer + Strauss AG, St. Gallen MSRL- und Elektroingenieur IBG B. Graf AG, St. Gallen HLKS-Ingenieur Vadea AG, St. Gallen Holzbau und Schreinerarbeiten Gebhard Müller AG, Obersteinach; Nägeli AG, Gais; Kaufmann Oberholzer AG, Roggwil Materialien Fassade: Douglasie markfrei, natur 398 m2 (5352 Stück Edelweiss CNC-Form); Innenverkleidung: Eiche natur 116 m2; Blockholz Fichte/Tanne natur 315 m2; Akustikdecke: Weisstanne astrein, natur 334 m2; Vierkantleisten Weisstanne astrein, natur 10 062 m; Türen: Furnierte Brandschutzplatten in Blockholzoptik 112 m2 Holzlieferanten Konrad Keller AG, Unterstammheim (Fassade), Pius Schuler AG, Rothenthurm (Innenausbau) Baukosten BKP 1–9 CHF 5,4 Mio. exkl. MWST Baukosten BKP 2 CHF 4,9 Mio. exkl. MWST Kubikmeterpreis (BKP 2) CHF 1600.– exkl. MWST Grundstücksfläche nach SIA 416 488 m2 Gebäudegrundfläche nach SIA 416 261 m2 Geschossfläche nach SIA 416 836 m2 Gebäudevolumen nach SIA 416 3064 m3 Bauzeit Februar 2019 bis April 2021 Fotograf Till Forrer, Zürich

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Querschnitt

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Erdgeschoss

1. Obergeschoss

2. Obergeschoss

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Aufbau Wand: Bekleidung Fassade 30 mm Lattung horizontal 30 mm Lattung vertikal 30 mm Windpapier Gipsfaserplatte 15 mm Tragkonstruktion in Holz C24 8/240 mm Dreischichtplatte 27 mm Installationsrost 30 mm Bekleidung Wand Eiche/ Weisstanne 30/19 mm

Ecke Fassade

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‹Maison ovale›, Pully Die atypische Eiform dieses Dreifamilien­ hauses am Stadtrand von Lausanne ist eine raffinierte Antwort auf die Bauvorschriften. Während die Fassade zwischen den prägen­ den Betonstützen mit Holzpaneelen verklei­ det ist, sind die Innenräume mit holzfurnier­ ten Einbaumöbeln in Eiche aus­gestattet, die sich an die Krümmung der Wände anpassen. Das in einem Wohnquartier der Gemeinde Pully am sanften Hang oberhalb des Sees ge­ legene Gebäude sucht seinesgleichen. Bei der Gestaltung des markanten Objekts gaben die Architekten den introspektiven, organi­ schen Formen den Vorzug, die man im deut­ schen Expressionismus der Zwischenkriegszeit findet. Dank der Heterogenität des gebauten Kontextes konnten sie sich von der Formge­ bung der vorhandenen Bauwerke lösen, um die Spielräume der restriktiven Bauvorschriften bestmöglich zu nutzen. Dies führte zu einer rationalen Lösung, die auch den Vorteil hat, den direkten Nachbarn weniger die Aussicht zu verstellen. Das Gebäude, das sich im Norden über fünf und im Süden über drei Ge­ schosse erstreckt, umfasst drei Wohnungen: zwei werden vermietet, die drei oberen Ebenen bewohnen die Eigentümer selbst. Da der schmale Grundriss nicht, wie sonst üb­ lich, ein Treppenhaus in der Mitte mit jeweils einem Raum auf jeder Seite zuliess, windet sich die Treppe entlang der Aussenwand nach oben. Aufgrund der Eiform sind die Räume im Norden kleiner und entsprechen der Mindest­ höhe, während sie im Süden über eine gross­

zügige Raumhöhe verfügen und eine bessere Aussicht auf den See bieten. Diese Abstufung der Geschossdecken ermöglichte die Einfü­ gung eines Technikgeschosses mit Whirlpool unter der weitläufigen Dachterrasse der Mai­ sonette, da das oberste Attikageschoss formal als von der Bauordnung zugelassener Estrich interpretiert wird. Im Westen reicht die Fassa­ denstruktur von den unteren Geschossen bis zum Dach und fungiert als Sichtschutz zum angrenzenden Gebäude. Nach Osten hin fällt sie dann ab und bildet schliesslich die Brüs­ tung der Terrasse, die eine unverstellte Aus­ sicht auf den Sonnenaufgang eröffnet. Ein Lift erschliesst alle Geschosse sowie das gross­zü­gige Untergeschoss mit Waschküche, Abstell­ räumen für Velos und Kinderwagen, Technik­ räumen und Parkplätzen, die auch über eine Rampe erreichbar sind. Dieser unterirdische Sockel optimiert die Fläche im Verhältnis zum Gelände und zum ovalen Grundriss und lässt Platz für den gemeinschaftlich genutzten Garten. Das funktionale Tragwerk aus Beton bildet ein Gitter aus verschieden breiten und hohen profilierten Rahmen mit trapezförmigem Quer­ schnitt. Die Pfeiler sind vorgefertigt, während die auskragenden Gesimse die Ränder der vor Ort betonierten Geschossdecken sind. Durch die Anordnung der Öffnungen entsteht ein spielerisches Element: Glasflächen und Holz­ paneele wechseln sich als Ausfachungen des Betonskeletts ab. Während dessen sandge­ strahlte Oberfläche einen Lichteffekt erzeugt, der die Illusion der Krümmung verstärkt, wir­

Situation

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ken die Füllungen aus vorgefertigtem und vorvergrautem Holz wie Facetten. Dabei kontrastiert die Verwendung der roh belassenen Materialien für die Fassade mit der Ästhetik der Innenräume und der High-Tech-Ausstattung der Wohnungen. Die drei Arten von vorgegebenen Rundungen – für die Fassadenelemente, die Einbaumöbel oder die Wandpaneele – wurden alle auf der Grundlage von 120 cm breiten, eichenfurnier­ ten Holzplatten ausgeführt. Die Furnierblätter wählte man einzeln aus, um eine Massivholz­ optik zu erzeugen. Für die Eiche, die aus ein­ heimischen Wäldern in unmittelbarer Nähe stammt, sprach ihre Ästhetik und ihre Stabilität. Man behandelte sie speziell mit Öl, um ihr natürliches Aussehen zu bewahren. Zur milli­ metergenauen Einpassung griff man auf tradi­ tionelle Techniken wie den Aufriss oder das System der vor Ort genutzten Winkelhalbie­ renden zurück, die auch schon die Erbauer von Kathedralen nutzten. Der Planung und Montage der Einbaumöbel, die sich der ova­ len Hülle perfekt anschmiegen, widmete man besondere Sorgfalt. Jedes Detail wurde im Entwurf berücksichtigt, jeder Raum im Haus, von der Küche bis zum Badezimmer, vom Elternschlafzimmer bis zum Wohnzimmer mit Panoramablick, war Gegenstand ganz speziel­ ler, zweckgerichteter Überlegungen mit engem Bezug zwischen Hülle und Inhalt. In der Aus­ wahl, im Zusammenbau und in der präzisen Einpassung der Holzteile zeigt sich hier die hohe Kunst der Schreinerarbeit.


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Längsschnitt

20 m

Erdgeschoss

3. Geschoss, Terrasse

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Aufbau Wand: Platte MDF mit Eichenfurnier 20 mm Gipsfaserplatte 12,5 mm OSB-Platte 15 mm Abstandshalter 60 x 200 mm, Dämmung aus Zellulose 200 mm Faserplatte 35 mm Hinterlüftung 27 mm Holzverkleidung, Oregonkiefer 30 mm Aufbau Decke: Terrazzo 20 mm Zementestrich 80 mm Schalldämmung 20 mm Wärmedämmung EPS30 20 mm Betondecke 220 mm

Detailschnitt Fassade

Ort 1009 Pully (VD) Bauherrschaft privat Architektur Localarchitecture, Lausanne (Mitarbeit Manuel Bieler, Antoine Robert-Grandpierre, Laurent Saurer, Inigo Oregui Biain) Bauleitung Thinka Architecture studio, Jérôme Grandchamp, Onex Bauingenieur Gex & Dorthe ingénieurs, Bulle Brandschutz Prona SA, Yverdon-les-Bains Ingenieur HLS Effin’Art, Lausanne Holzbau und Schreinerarbeiten Amédée Berrut, Collombey (Holzfassade); Woodconcept, Bussigny (Einrichtung Wohnung Eigentümer); Adrien Pittet (Einrichtung Wohnungen Erdgeschoss und erstes Obergeschoss) Materialien Furnier Eiche, geölt (Herkunft Freiburg und Umgebung) Baukosten keine Angaben Grundstücksfläche nach SIA 416 646 m2 Geschossfläche nach SIA 416 834 m2 Gebäudevolumen nach SIA 416 2666 m3 Bauzeit Oktober 2017 bis Dezember 2019 Fotograf Michel Bonvin, Lausanne

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Rathaus und Saal des Grossen Rats, Genf Die Architektur des Genfer Rathauses, dessen Ursprünge ins 15. Jahrhundert zurückreichen, ist geprägt von zahlreichen Umbauten im Laufe der Zeit. Paradestück des aktuellen Ein­ griffs ist der neugestaltete Saal des Grossen Rats, der als Raum im Raum konzipiert ist und dessen Kuppel aus unzähligen fein­ gliedrigen Holzlamellen besteht, die das einfallende Kunstlicht filtern. Das Rathaus im Herzen der Altstadt ist Sitz der politischen Organe der Republik und des Kantons Genf. Seine zunächst bescheidenen Ursprünge gehen auf das 15. Jahrhundert zurück. Zwischen dem 16. und dem 18. Jahr­ hundert wurde es stufenweise erweitert und im 19. Jahrhundert dann erneut umgebaut. Da die letzten nennenswerten Bauarbeiten in den 1960erJahren stattfanden, wurde der Wunsch laut, es den geänderten Anforderun­ gen anzupassen. Insbesondere wollte man den Saal des Grossen Rats so umgestalten, dass die Parteien einander nicht mehr gegenüber­ sitzen, sondern durch eine halbkreisförmige Anordnung die Diskussion, der Austausch und das Miteinander gefördert werden. Der aus einem Wettbewerb resultierende Entwurf für die Erneuerung hatte zum Ziel, den Parla­ mentssaal entsprechend umzugestalten, ihn gleichzeitig für Personen mit eingeschränkter Mobi­lität zugänglich zu machen und seine technische Ausstattung zu erneuern. Dies un­ ter Einbezug aller vom Grossen Rat genutzten Räumlichkeiten. Der Grundgedanke war, mit Rücksicht auf die historische Bausubstanz die erforderlichen Verbesserungen vorzunehmen. So erfuhr der älteste Raum des Rathauses, die ‹Salle des Pas Perdus›, ein Vorraum für informelle Gespräche, eine behutsame Sanie­ rung: Durch die Entfernung der bei der letzten Renovation ergänzten Elemente erhielt er sei­

ne ursprüngliche, nahezu quadratische Form zurück. Die auf vier hohen Balken ruhende mehrfarbige Tannenholzdecke mit Zierleisten wurde instand gesetzt, und die roten Boden­ fliesen wurden durch Eichenparkett ersetzt. Die angrenzenden drei Besprechungsräume in den Erweiterungsbauten des 17. Jahrhunderts wurden ebenfalls renoviert, und zwar mit Kalkputz. Das Paradestück des Projekts ist jedoch der Saal des Grossen Rats, der wie ein Schmuck­ kästchen in das alte Gebäude hineingescho­ ben wurde. Er wurde vergrössert und erstreckt sich nun über die oberen drei Geschosse des Südflügels. Die Baumassnahme von 1961, die kühn sein wollte, erwies sich in Wirklichkeit als ziemlich unglückselig: Der Dachstuhl aus dem 18. Jahrhundert ging verloren und wurde durch Betonkomponenten für die Unterbringung von Archivräumen ersetzt. Deshalb brauchte es ganze sieben Monate, um das Gebäude zu entkernen und diese Geschosse neu zu errichten. Heute wird der Saal von einer geräumigen polyedrischen Kuppel über­ ragt, die den gesamten Estrich ausfüllt und sich zu einem Fensterstreifen hin verjüngt. An der Seite ist eine Galerie eingebaut, auf der Publikum den Sitzungen beiwohnen kann. Die Wärme des grosszügig zum Einsatz kommen­ den Holzes tritt in einen Dialog mit der Frische, für die ein ausgeklügeltes Konzept zur – so­ wohl natürlichen als auch künstlichen – Be­ leuchtung verantwortlich ist. Die Lamellen aus massiver Eiche an den Wänden tragen zu einer angenehmen Akustik bei. An den Seiten der Kuppel filtern weitere Lamellen wie ein Lampenschirm das von einem von hinten be­ leuchteten Tuch ausgehende Licht. Die Einbau­ möbel, die Tribüne für die Vorsitzenden und die Rednerpulte, ebenfalls aus Eiche gefertigt, komplettieren und vereinheitlichen das neue

Situation mit Grundriss Saal

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Ensemble, dessen Atmosphäre aufgrund der Dimensionen feierlich und durch die Materiali­ tät gemütlich ist. Zwei mit grünem Marmor verkleidete Blöcke an den Enden des Saals haben eine strukturelle Funktion: Sie beherber­ gen Serviceräume, die neue Treppe und den Lift, der den Zugang zur Tribüne über dem Saal erleichtert. Die Nussbaumsitze mit blau­ em Stoffbezug sind ein exklusiv für die UNO in New York entworfenes Modell, das dank deren spezieller Beziehung zur Stadt Genf hier ausnahmsweise neu aufgelegt wurde. Gegen­ über den halbrunden Sitzreihen erblickt man aus den Fenstern die Stadt, nachdem das Milchglas durch durchsichtige Scheiben ersetzt worden ist. Im Rest des Gebäudes sorgt die umsichtige Neugestaltung von Böden, Wegen und Mate­ rialien für ein kohärentes Gesamtbild. Die Teile mit Denkmalcharakter wurden restauriert und im Sinne einer Wiederaufwertung ihrer historischen Substanz in das Projekt ein­ gegliedert: Hier wurden die alten Holzdecken frei­gelegt, dort verbindet nun das FischgratEichenparkett die Räume miteinander. Die Verlegung der Cafeteria ins Erdgeschoss, wo sie exponierter und direkt an die Aussen­ räume angebunden ist, verleiht dem Wunsch Ausdruck, die Tätigkeit des Grossen Rats näher an das Stadtleben zu rücken.


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Querschnitt Saal

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20 m


Längsschnitt Saal

Ort Rue de l’Hôtel de Ville 2, 1204 Genf Bauherrschaft Kanton Genf, Office des Infrastructures Architektur und Bauleitung Bonhôte Zapata architectes SA, Genf Bauingenieur OU3 SA, Thônex Genf Holzbauingenieur Marc Jeannet, Moiry (Beratung für die Decke in der ‹Salle des Pas Perdus›) Brandschutz und Gebäudetechnik SRG Engineering SA, Genf Akustik AAB Stryjenski et Monti SA, Carouge Holzbau und Schreinerarbeiten Schwab System, Gampelen (Kuppel); Raboud Group, Bulle (Schreinerarbeiten); Röthlisberger, Schüpbach (Pulte); Dürig Bois SA, Grens-sur-Nyon (Einbauten) Materialien Eiche (Holzlamellen für Kuppel, Wände, Böden, Einbauten), Nussbaum (Sessel) Baukosten BKP 1–9 CHF 19,52 Mio. inkl. MWST Baukosten BKP 2 CHF 12 Mio. inkl. MWST, davon BKP 283.4 (Kuppel) CHF 570 000.– und BKP 282.5 (Wände) CHF 365 000.– Bauzeit Juli 2018 bis Dezember 2021 Fotos Ariel Huber, Lausanne

Gipsfaserplatte EI 60 2 x 15 mm Unterkonstruktion in Metall/ mineralische Dämmung 50 mm Stahlträger HEB 80 als Sekundärkonstruktion auf RRW 140 als Hauptkonstruktion Befestigung in Metall/Schallschutzdämmung/ Lichtquelle LED Lichtdurchlässiges Gewebe, gespannt Hohlraum/Lamellen in Holz 20 x 25 mm Holzverkleidung 20 x 25 mm

Detailschnitt Kuppel

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Château Saint-Maire, Lausanne Das Château Saint-Maire auf dem Altstadt­ hügel von Lausanne ist seit seiner Erbauung das Symbol der politischen Macht. Mit einer behutsamen Erneuerung und sachgemässen modernen Ergänzungen wie dem neuen verglasten Konferenzsaal unter dem Dach erhielt eines der bedeutendsten Denkmäler des Kantons Waadt seinen Glanz zurück. Das Château Saint-Maire wurde zwischen 1397 und 1431 am nördlichen Rand des Alt­ stadthügels errichtet: Dort thront es majestä­ tisch über der Stadt, die sich damals südlich davon erstreckte. Nachdem es im Mittelalter Bischofsresidenz gewesen war, geriet das Château 1536 unter Berner Herrschaft, wurde 1798 waadtländisch und 1803 schliesslich von der Kantonsregierung zu ihrem Sitz erkoren. Da es seit seiner Erbauung als Machtzentrale dient, verkörpert es beispielhaft die Geschichte des Kantons. Im Laufe der Zeit wurden zahlreiche Umbau-, Anbau- und Abrissmassnahmen durchgeführt. Bis zum 16. Jahrhundert war davon vornehm­ lich die Inneneinrichtung betroffen; danach waren die wichtigsten Veränderungen der Aus­ bau der Estriche und des Wehrgangs sowie die Erweiterung des mittelalterlichen Backstein­ anbaus um ein grosses Treppenhaus. Ab dem 19. Jahrhundert wich die ausgedehnte Wehr­ anlage samt Burggraben und Zugbrücke einem weitläufigen Platz. Im 20. Jahrhundert erneu­ erte man hauptsächlich die Innenräume, wo­ bei unerwartete Dekors zum Vorschein kamen. Die vielfältigen Veränderungen dienten vor­ rangig der Anpassung an die neue Nutzung, und das Interesse, das vermeintlich ursprüng­ liche Aussehen beizubehalten oder noch zu verschönern, blieb somit gewahrt. Da seit 1952 keine Renovation mehr stattge­ funden hatte, war das Bauwerk, das seit 1920 als historisches Denkmal eingestuft ist und als solches zum Schweizerischen Inventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung gehört, in die Jahre gekommen und entsprach nicht mehr den Anforderungen der kantonalen Behörde. Deshalb sollte es den gewandelten Nutzungsbedingungen angepasst werden. Die 2015 begonnenen Arbeiten betrafen so­ wohl die Gebäudehülle aus stark verwitterter Molasse als auch die Sanierung des Dach­ stuhls und die Erhaltung der bemerkenswerten Wandmalereien; ausserdem wurde die Technik auf den neuesten Stand gebracht. Es ging nicht nur darum, die bestehenden Räume in­

stand zu setzen, sondern es mussten auch neue Besprechungsräume mit Cafeteria und ein Lift eingebaut werden, wobei die histori­ sche Bausubstanz unbedingt zu erhalten war. Praktisch jede einzelne Massnahme hielt eine Überraschung bereit: verborgene oder durch nachfolgende Eingriffe überdeckte Relikte, etwa Malereien aus dem 16. Jahrhundert, eine Grabplatte unter dem Boden der ehemaligen Kanzlei, die Ausgrabung des Fusses einer Spindelpresse für die Münzprägung oder zuge­ mauerte Türen, die ihre eigentliche Funktion zurückbekamen. Wenn bei diesem Projekt auch der Stein im Vordergrund steht, ist das Holz doch allgegen­ wärtig, zum Teil in kleinen Akzenten, zum Teil deutlich sichtbar. So mündete der Wunsch, die Estriche, die bis dahin als Archiv dienten, bestmöglich zu nutzen, in der ‹Salle de Com­ munes›: einem pyramidenstumpfförmigen Glaskasten mit Holzstruktur direkt unter den Deckenbalken des Dachstuhls, dessen Stützen so unter ihm verschwinden, dass er über dem Boden zu schweben scheint und so zu einem der repräsentativsten Räume des Château wird. Er steht für den Wunsch nach Öffnung und wird zu verschiedenen Zwecken sowohl innerhalb der Verwaltung als auch öffentlich genutzt. Ein weiterer Schwerpunkt der Restaurierung war die Inneneinrichtung, wobei Schreiner­ arbeiten eine tragende Rolle spielten. Das Holz kleidet die Räume und schlägt eine Brücke zwischen den historischen und den modernen Teilen. Ein Dialog zwischen Böden, Treppen, Täfelungen, Trennwänden und Möbeln ent­ spinnt sich in den vielen Räumen mit Parkett, Kassettendecken und Pfeilern aus Sandstein, auf denen teilweise noch die gemalten Dekors erhalten sind. Die Verbindungstüren und Schränke betonen dank ihrer nüchternen und ausdrucksstarken Verkleidung die restaurierten historischen Elemente. In den Nischen und Winkeln der Flure entdeckt man elegante Möblierungselemente aus Holz. Bei diesem Projekt stellte eine Vielzahl von Fachleuten verschiedener Handwerke ihr Ge­ schick und ihre Sensibilität unter Beweis, denn der Einsatz in einem so komplexen und wert­ vollen Gebäude erfordert grosse Fachkenntnis. Mit dem Abschluss der Bauarbeiten 2018 er­ strahlt das Château de Saint Maire in neuem altem Glanz und bildet gleichzeitig einen zeitgemässen Rahmen für den Sitz der Kantons­ regierung.

Ort Place du Château, 1004 Lausanne Bauherrschaft Kanton Waadt, Département des finances et des rela­ tions extérieures, Direction générale des immeubles et du patrimoine (DGIP) Architektur Arbeitsgemeinschaft Château Saint-Maire (Christophe Amler, Lausanne; Glatz & Delachaux, Nyon; Mondada-Frigerio-Dupraz, Lausanne Bauingenieur AIC Ingénieurs conseils, Lausanne Holzbauingenieur Marc Jeannet, Moiry Elektroingenieur, Brandschutz Thorsen Sàrl, Aubonne Sanitäringenieur H. Schumacher conseils SA, Savigny Ingenieur Gebäudetechnik Olivier Zahn & associés Sàrl, Crissier Holzbau und Schreinerarbeiten Atelier Volet SA, St-Légier; Paraxyl Sàrl, Echandens; André SA, Yens; Holzmanufaktur AG, Hunzenschwil; Art et Bois création Sàrl, St-Georges; Styligner ébéniste Sàrl, Maracon; Tisch & Reymond SA, Lausanne Materialien Fichte, Eiche, Nussbaumholz, als Massiv-, Sperrholz und als mehr­ schichtige Platten eingesetzt, geölt Baukosten BKP 1–9 CHF 22,96 Mio. inkl. MWST Baukosten BKP 2 CHF 15,27 Mio. inkl. MWST Baukosten BKP 214/314 CHF 904 000.– inkl. MWST Kubikmeterpreis (BKP 1–9) CHF 1322.– inkl. MWST Geschossfläche nach SIA 416 3774 m2 Hauptnutzfläche nach SIA 4161537 m2 Gebäudevolumen nach SIA 416 17 367 m3 Bauzeit Mai 2015 bis April 2018 Fotos Rémy Gindroz, La Croix-sur-Lutry; François Bertin, La Conversion

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Schnitt

20 m

3. Obergeschoss

Dachgeschoss

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Konstruktion des verglasten Raumes: Gerüst mit Holzelementen, in einem Raster angeordnet, 100 x 240 mm Aufbau Boden verglaster Raum: Parkett 50 mm Dämmung 60 mm Holzdecke aus gestapelten Brettern, h max. 340 mm/zwei Querbalken, Brettschichtholz 180 x 480 mm, abgestützt auf einer Mauer, verkleidet mit Laubholz

Detailschnitt

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Fachliteratur HOLZ

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Redaktion Jutta Glanzmann, Lignum, sowie Ariane Joyet, Lignum-Cedotec

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