Holzbulletin 141/2021

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Holzbulletin 141/2021 Imageträger Holz Headquarter Swatch, Biel Orchesterhaus Luzerner Sinfonieorchester, Kriens Kulturhaus Rain, Kleindöttingen Atrium Explorit, Yverdon-les-Bains Knies Zauberhut, Rapperswil

Orchesterhaus des Luzerner Sinfonieorchesters: Der vollständig mit Holz ausgekleidete Saal im dritten Obergeschoss setzt einen Kontrapunkt zur schlichten Fassade aus Aluminium. Architektur: Enzmann Fischer Architekten, Zürich, und Büro Konstrukt Architekten, Luzern Foto: Annett Landsmann, Zürich


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1  Der Büro- und Verwaltungsbau ‹Hohes Holz› der deutschen Ziegler Group: Der Baumstamm als Element der Architektur ist gleichzeitig Imageträger für das Unternehmen. Architektur Brückner & Brückner Architekten, Tischenreuth/ Würzburg (D) Foto mju-fotografie, Marie Luisa Jünger, Hümpfershausen (D) 2  Der Hauptsitz der Tamedia von 2013: Die Holzarchitektur von Shigeru Ban setzt mitten in Zürich ein Zeichen. Architektur Shigeru Ban, Tokyo Foto Corinne Cuendet, Clarens/Lignum

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3  Das Stapferhaus in Lenzburg: Holz als Bühne für wechselnde Ausstellungen. Architektur Pool Architekten, Zürich Foto Ralph Feiner 4  Spielcasino im niederländischen Venlo: Das freigeformte Holztragwerk in Form einer Blütenkrone ist Teil der architektonischen Inszenierung. Architektur MVSA Architects, Amsterdam. Holzbau BlumerLehmann, Gossau Foto Barwerd van der Plas


Holz setzt Zeichen Gewinner des Hauptpreises des siebten ‹Award für Marketing + Architektur›, der diesen Herbst verliehen wurde, ist der Büro- und VerwaltungsNeubau ‹Hohes Holz› der deutschen Ziegler Group. Für den Verwaltungsbau des Sägewerks des Unternehmens entstand als Teamleistung von Architektur und Marketing ein Haus, das wie ein Wald daherkommt. Das ursprünglichste Produkt, der Baumstamm, wird zu einem Zeichen für die Architektur, das Unternehmen und seine Philosophie. Dabei setzt sich das Holz mit seiner ganzen Vielfalt in Verarbeitung, Sorte und Farbigkeit auch im Inneren fort und schafft einen Arbeitsort mit Identität und Atmosphäre für 120 Mitarbeitende. So ganz direkt wie bei diesem Beispiel wird Holz selten zum Imageträger. Bei nicht wenigen Bauten wird das Material aber zu einem besonderen Teil des Ausdrucks – und damit zu einem Botschafter für den natürlichen Baustoff. Oft sind dies repräsentative Bauten wie der international beachtete siebengeschossige Tamedia-Neubau aus der Feder des japanischen Stararchitekten und Pritzker-Preisträgers Shigeru Ban oder Gebäude wie das im Juli fertiggestellte Spielcasino im niederländischen Venlo von MVSA Architects, deren Entwurf auf verschiedenen Ebenen mit dem Blüten­ motiv spielt. Das freigeformte Holztragwerk hat die Gestalt einer Blütenkrone und ist Teil dieser Inszenierung. Bereits wieder Geschichte ist der temporäre Konzertraum der Tonhalle Zürich auf dem Maag-Areal: Eine Box-in-Box aus Holz bildete einen schlichten, aber edlen Rahmen für die Musik. Aktuell hat dort ein Museum für immersive Kunst Platz gefunden. Mit einer ähnlich schlichten Formensprache, aber deswegen nicht weniger wirkungsvoll

setzt seit 2018 das Stapferhaus in Lenzburg ein Zeichen: Die dunkel eingefärbte Holz­ architektur bildet den Rahmen für wechselnde Ausstellungen zu aktuellen, gesellschaftlich wichtigen Themen in unterschiedlichen Raumkonstellationen. Dafür wurde das Stapferhaus neben anderen Auszeichnungen zum ‹Europäischen Museum des Jahres 2020› gekürt. Im Rahmen des Forum International Bois Construction, das einmal pro Jahr in Frankreich stattfindet, wird seit einigen Jahren der Internationale Holzarchitektur-Preis der Fachpresse verliehen. Eine Jury, zusammengesetzt aus Redaktionsmitgliedern von sechs Publikationen der Holz-Fachpresse aus Europa und Übersee – darunter auch das Holzbulletin der Lignum – vergibt jeweils den Preis. Bereits 2020 setzte sich der spektakuläre Bieler Neubau für die Swatch Group – der Entwurf dafür stammt ebenfalls von Shigeru Ban – als Gewinner durch. Verliehen wurde der Preis offiziell erst im Sommer 2021 in Paris, weil das Forum Bois Construction coronabedingt zweimal verschoben werden musste. Die Jury lobt die aussergewöhnliche technische Leistung des Projekts von Shigeru Ban Architects Europe zusammen mit SJB.Kempter.Fitze (Eschenbach) und Blumer Lehmann AG (Gossau). Dieses bildet den Höhenpunkt einer mehr als zwanzigjährigen Zusammenarbeit zwischen dem Architekten Shigeru Ban und dem Ingenieur Hermann Blumer. Das Ergebnis ist eine Freiformarchitektur, die sich durch ihre ausgesprochene Originalität auszeichnet und mit der gängigen Vorstellung von Bürohausarchitektur bricht. Ihre Umsetzung, so die Jury, habe die technischen Grenzen der Holzarchitektur verschoben. Als bemerkenswert stufte

das Preisgericht auch den Willen des welt­ bekannten Uhrenkonzerns Swatch als Bauherr ein, Holz zum Imageträger zu machen. Die Swatch Group arbeitete zum ersten Mal beim 2007 eröffneten Nicolas G. Hayek Center in Tokyo mit dem Architekten zusammen. 2011 setzte sich sein Entwurf für den Neubau des Swatch-Hauptsitzes, der neuen OmegaManufaktur und der ‹Cité du Temps› im Architekturwettbewerb der Swatch Group durch. Wir stellen Ihnen das Projekt in dieser Ausgabe des Holzbulletins im Detail vor. Auch die weiteren Objekte, die Sie auf den folgenden Seiten finden, setzen Holz so ein, dass das Material im Rahmen des jeweiligen architektonischen und räumlichen Konzepts etwas Zeichenhaftes erhält. Beim Orchesterhaus für das Luzerner Sinfonieorchester geschieht dies erst auf den zweiten Blick: Der vollständig mit Eichenholz ausgekleidete Saal lebt von der Sorgfalt der Detailgestaltung und entfaltet eine exklusive Raumwirkung, die im Gegensatz zur schlichten Aluminiumhaut steht, die den Körper einfasst. Anders beim Kulturhaus Rain: Dort bildete das Wappen der Gemeinde die Grundlage für den Entwurf der Holzkonstruk­tion. Diese wird so zum symbolisch prägenden Element der Kulturhalle. Die Form des Zau­berhuts im Kinderzoo in Rapperswil wiederum nimmt explizit Bezug auf die Welt der Zirkusdynastie Knie, während die im Raum stehende Rampe im Explorit in Yverdon das Material Holz für Besucher und Besucherinnen allgemein erfahrbar und zum Thema macht. Jutta Glanzmann Technische Kommunikation Lignum

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Headquarter Swatch, Biel Der Neubau der Swatch Group schlägt ein neues Kapitel in der Geschichte des Unternehmens auf. Wie die Uhren, die dort hergestellt werden, stellt er gängige Konventionen in Frage. Seine räumlichen und ästhetischen Qualitäten trugen ihm verschiedene Preise ein – neben dem Holzarchitektur-Preis der internationalen Fachpresse den ersten Preis des Prix Lignum in der Region Mitte. Der neue Hauptsitz von Swatch ist eine der grössten Holzkonstruktionen der Welt und stammt von dem für seine raffinierte Verwendung von Holz bekannten japanischen Architekten Shigeru Ban. Mit seinem Entwurf hat er ein starkes architektonisches Zeichen für ein international tätiges Unternehmen gesetzt. Die bisherigen Firmengebäude von Swatch gingen auf eine industrielle und formal schlichte Architektur aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts zurück. Acht Jahre dauerte es – davon fünf Jahre für die Bauarbeiten –, bevor die Swatch Group ihre Räumlichkeiten im neuen Komplex beziehen konnte. Dieser umfasst insgesamt drei Gebäude: dasjenige von Omega für die Produktion und Logistik, die ‹Cité du Temps›, die ein Konferenzzentrum, das Omega-Museum und PlanetSwatch beherbergt, so­wie den Vorzeigebau des Projekts, die ge­ bogene ‹Schlange›, die als Unternehmenssitz von Swatch dient und die Verwaltung und das Lager umfasst. Letzterer bietet auf fünf Geschossen 25 000 m2 Fläche für die Tätigkeiten der Abteilungen von Swatch Schweiz und Swatch International. 300 Arbeitsplätze verteilen sich auf weitläufige Grossraumbüros, in denen an verschiedenen Stellen Nischen und Ruhezonen eingerichtet sind. Ergänzt werden sie durch neun Balkone, die an beiden Seiten des Gebäudes in die Struktur eingebunden sind und den Blick nach aussen möglich machen. Der grosszügige Eingangsbereich versorgt mit seiner hohen, zickzackförmigen Verglasung die vier oberen Stockwerke mit Licht. Galerien mit Glasbrüstungen sind dem Baukörper folgend stufen­ förmig auf verschiedenen Ebenen angeordnet. Im Untergeschoss erstreckt sich neben Betriebs- und Archivräumen eine Tiefgarage über die gesamte Länge. Die Ausmasse des Gebäudes sind beeindruckend. Mit seinen 240 m Länge und 35 m Breite und seiner ungewöhnlichen wellenar­ tigen Form fügt sich das Bauwerk, auch wenn es sich deutlich vom industriellen Charakter der benachbarten Gebäude abhebt, in seine Umgebung ein. Zur einen Seite grenzt es an den grünen Erholungsraum am Ufer des

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Flusses Schüss. Die gewölbte Fassade mit einer Fläche von über 11 000 m2 steigt sanft an, überspannt dann die Strasse, so dass man im Vorbeifahren die Holzgitterkonstruktion von unten bewundern kann, und dockt am Ge­ bäude der ‹Cité du Temps› an. Dieses bildet eine eigenständige architektonische Einheit und ruht auf 14 Arkaden mit 15 m Spannweite. Eine durch das Dach geschützte Fussgängerbrücke schafft in der Höhe des dritten Geschosses eine Verbindung zwischen dem Hauptbau und der ‹Cité du Temps› mit dem ovalen Konferenzsaal als Abschluss. Der Kern des Gebäudes ist aus Beton, doch das gesamte Tragwerk, das gleichzeitig Fas­ sade und Dach ist, besteht aus einer Holz­ gitterschale mit einer Spannweite von bis zu 34 m und einer Höhe von 26,80 m. Die Zwischenräume der Gitterstruktur sind mit insgesamt 2800 doppelt gekrümmten und jeweils aus bis zu 50 Teilen massgeschneiderten Wabenelementen unterschiedlicher Machart, Farbe und Lichtdurchlässigkeit gefüllt. Die sehr anspruchsvolle Fertigung der rund 4600 tragenden Teile der Gitterkonstruktion erforderte eine aussergewöhnliche Expertise und den Rückgriff auf die 3D-Modellierung. Die verschiedenen Teile der Holzgitterschale sind bis zu 13 m lang, und im Abstand von jeweils 2,3 m gibt es einen Verbindungsknoten. Bei den Bauteilen, von denen jedes ein Unikat ist, werden drei Typen von Trägern unter­ schieden: gerade, gekrümmte und gezwirbelte Elemente. Da die Kapazitäten des Holzbauunternehmens nicht ausreichten, um die gesamte Fertigung zu bewältigen, waren am Zuschnitt mehrere Produktionsstätten beteiligt. Basierend auf der BIM-Methode arbeiteten fünf Produktionsanlagen parallel: Jedes Detail wurde auf der Grundlage parametrischer Design-to-ProductionPlanung realisiert, mit der Modelle für jede einzelne Gegebenheit der Struktur entwickelt werden konnten. Auch die Montage auf der Baustelle war eine Herausforderung: Während die Masstoleranz für das Gesamtbauwerk 5 bis 10 mm betrug, verringerte sie sich bei den einzelnen Elementen auf einen Zehntel­ milli­meter. Da die Reihenfolge für die Mon­ tage der Elemente strikt vorgegeben war, musste die Anlieferung auf der Baustelle ebenso sorgfältig geplant werden. Für das Trag­ gerüst aus Brettschichtholz wurde ausschliesslich Schweizer Holz und vornehmlich Fichte verwendet: 6500 Bäume wurden für knapp 2000 m3 Holz verarbeitet, eine Menge, die im Schweizer Wald in zwei Stunden nachwächst.


Ort Nicolas G. Hayek Str. 1, 2500 Biel Bauherrschaft The Swatch Group Ltd, Biel Architektur Shigeru Ban Architects Europe, Paris (F) Gesamtleitung Itten+Brechbühl AG, Bern Holzbauingenieur SJB.Kempter.Fitze AG, Eschenbach; Création Holz AG (Beratung Holzstruktur), Hermann Blumer, Ingenieur, Herisau; Schnetzer Puskas Ingenieure AG, Bern Holzbau Blumer-Lehmann AG, Gossau (Ausführung); Röthlisberger Innenausbau, Gümligen (Schreinerarbeiten) Materialien 6440 m3 Fichte/Tanne (vorwiegend), Buche (für den Hauptsitz mit Freiformdach, die Fabrik mit hybriden Stützen und Decken und die Holztragstruktur der ‹Cité du Temps›); 2000 m3 Holz für die 11 000 m2 Dach- und Fassadenfläche des Hauptsitzes (Fichte/Tanne, Herkunft Schweiz) Bauzeit 2014 bis 2019 Fotos Corinne Cuendet, Clarens; Didier Boy de la Tour, Paris; Swatch, Biel

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Situation mit Erdgeschoss

1. Obergeschoss

2. Obergeschoss

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3. Obergeschoss

4. Obergeschoss

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Querschnitt Headquarter Swatch

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Querschnitt ‹Cité du Temps›

Längsschnitt ‹Cité du Temps›

20 m


Knoten Tragstruktur mit vier Lagen


Konstruktion Konferenzsaal Dach (fixes Element): Abdichtungsschicht Holzfaserdämmplatte 140 mm Brettsperrholz Fichte 60 mm Kühldecke: Element Füllung Wabenstruktur Alumnium, perforiert, gestrichen (Downlight, Rauch­melder, Notbeleuchtung und Sprinkler integriert) Akustikvlies Kühl-/Heizwasserleitung Struktur Holzgitter: Brettschichtholz Fichte 220 x 760 mm Ausschnitt für Rohrleitung (Wasser, Sprinkler, Elektrisch) oberhalb der Decke Fassade: Mosaikglasfliesen 3 mm Zementplatte 12,5 mm Gebogene Holzwerkstoffplatte: Wasserdichte Membran Gipsfaserplatte 2 x 12,5 mm Holzrahmen Dämmung Steinwolle 200 mm Dampfsperre Gipsfaserplatte 2 x 12,5 mm Wand: Gerippte weisse Esche und perforiertes Aluminiumpaneel, eloxiert Dämmung Glaswolle 80 mm Träger aus Buche Boden/Decke: Parkett weisse Esche 20 mm Bodenerhöhung 40 mm Brettsperrholz Fichte 200 mm (über Träger 220 mm) Detailschnitt

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Orchesterhaus Luzerner Sinfonieorchester, Kriens Der Saal im dritten Obergeschoss ist das Herz­ stück des Orchesterhauses des Luzerner Sin­ fonieorchesters. Der vollständig mit Holz aus­ge­kleidete Raum setzt einen Kontrapunkt zur schlichten Fassade aus Aluminium. Das differenziert eingesetzte Material schafft eine warme und exklusive Raumatmosphäre und ist auch hinsichtlich Raumakustik erste Wahl. Seit etwas mehr als zehn Jahren steht zwischen Luzern und Kriens das Kulturzentrum Südpol. Damit wurde für den ehemaligen Industrie­ standort ein erstes Zeichen für die Weiterentwicklung des Quartiers ‹Nidfeld› gesetzt. Dieses wird zunehmend zu einem städtischen Wohnquartier – wobei die Verbindung zwischen Luzern, Kriens und Horw künftig zur Südallee aufgewertet werden soll. Mit der Eröffnung der Hochschule Luzern – Musik und dem Orchesterhaus des Luzerner Sinfonie­ orchesters erhält die Entwicklung des Areals eine zusätzliche Dynamik: Zusammen mit dem Kulturzentrum Südpol schaffen die beiden prägnanten Neubauten einen neuen öffent­ lichen Raum. So wird der Vorplatz vor dem Orchesterhaus zur Adresse für den neuen ‹Kampus Südpol›, wo sich Musiker, Studierende oder Gäste treffen. Das Entrée des Orchesterhauses betritt man entweder vom Vorplatz oder von der gegenüberliegenden Einstellhalle. Ein grosszügiges Treppenhaus führt zu den unterschiedlich grossen Proberäumen in den oberen Geschossen: Im ersten Obergeschoss liegen die Einzelproberäume sowie Büros und Lager. Ein Stock-

Situation

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werk höher befinden sich die Registerprobe­ räume, ein Sitzungszimmer und weitere Stau­räume. Auf beiden Geschossen gibt es einen Aufenthaltsraum mit Ausblick auf den Vorplatz. Im dritten Stockwerk liegt der grosse Orchestersaal mit einer Raumhöhe von 9,5 m. Die gewählte Anordnung der Räume hat sich aus verschiedenen Gründen als sehr effizient erwiesen: Statisch ist es sinnvoll, die grösseren über den kleineren Räumen anzuordnen. Was die Akustik betrifft, ist es am besten, die lauteste Nutzung zuoberst anzuordnen, und in architektonischer Hinsicht verleiht diese Anordnung dem Haus eine räumliche Dramaturgie, die der Bedeutung der Räume entspricht. Die äussere Erscheinung spiegelt dabei die innere Logik: Die nach oben zunehmenden Geschosshöhen gliedern die äussere Verkleidung aus Aluminium, wobei die nach oben breiter werdende Fassadenteilung dies zu­ sätzlich betont. Die primäre Tragstruktur des Neubaus besteht bis und mit dem 2. Obergeschoss aus Stützen, Wänden und Geschossplatten aus Ortbeton. Das darüberliegende Tragwerk sowie die Dachkonstruktion des Probensaals sind aus Stahl gefertigt. Die Ausfachung der Tragstruktur und alle Innenwände wurden mit Kalksandstein aufgemauert. Diese Einfachheit in der Konstruktion bildet zusammen mit der Metall­fas­sade die Basis für die geforderte kostenbewusste Realisierung. Das Prinzip der Mehr­ schaligkeit gewährleistet den Schallschutz gegen aussen und innerhalb des Hauses: Die massiven Mauern aus Kalkstandstein sowie

Ortbeton in Kombination mit raumseitig vorgesetzten Leichtbauschalen dämmen den Aussenlärm. Den inneren Schallschutz von Raum zu Raum gewährleistet eine Mischung aus Massivbau und vorgesetzten, schalltechnisch getrennten Leichtbauwänden. Für den grossen Probesaal stellte sich schon früh die Frage, mit welchen Mitteln sich die gewünschte Akustik und eine angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen liessen. Die Antwort war eine komplett hölzerne Auskleidung. Diese wird den verschiedenen Anforderungen am besten gerecht: Die Decken- und Wandverkleidung, die die Struktur der Aussen­ fassade aufnimmt, schafft eine warme und einladende Atmosphäre und inspiriert sowohl Musiker und Musikerinnen als auch Gäste. Die sorgfältige Auswahl der Materialien und die aufwendig abgestimmte Struktur der Oberfläche sorgen für einen fein gezeichneten und tonal ausgewogenen Nachhall. Die Grundlage für eine akkurate Raumakustik legt der Probesaal mit seinem grosszügigen Raum­ volumen: Die annähernd 4000 m3 Volumen und knapp 10 m Raumhöhe erlauben eine sehr flexible Nutzung des Saals – selbst grosse Orchesterbesetzungen inklusive Chor finden im neuen Probesaal eine sinnvolle Aufstellung. Überdies besitzt der Saal eine variable Akustik, mittels deren er sich an verschiedene Musikstile und Grössen von Ensembles anpassen lässt. So kann er beispielsweise auch für Kammermusik mit Publikum genutzt werden.


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Ort Arsenalstrasse 28b, 6018 Kriens Bauherrschaft Trägerverein Luzerner Sinfonieorchester, Luzern Architektur Enzmann Fischer Architekten AG, Zürich, und Büro Konstrukt Architekten AG, Luzern Landschaftsarchitektur Freiraumarchitektur GmbH, Luzern Baumanagement TGS Bauökonomen AG, Luzern Bauingenieur Schnetzer Puskas Ingenieure AG, Zürich Planer HLKS Eicher + Pauli Luzern AG, Luzern Elektroplaner Gernet Elektroplanung GmbH, Luzern Akustik Applied Acoustics GmbH, Gelterkinden Bauphysik RSP Bauphysik AG, Luzern Fassadenplanung gkp Fassadentechnik AG, Aadorf Schreinerarbeiten Arpagaus Innenausbau und Möbeldesign AG, Hochdorf Materialien Eiche massiv und furniert, Holzwerkstoffplatten als Träger des Furniers, Eichenparkett Baukosten BKP 1–9 CHF 10,5 Mio. Baukosten BKP 2 CHF 8,2 Mio. Grundstücksfläche nach SIA 416 2413 m2 Gebäudegrundfläche nach SIA 416 104 m2 Geschossfläche nach SIA 416 2250 m2 Gebäudevolumen nach SIA 416 9133 m3 Bauzeit September 2018 bis März 2020 Fotografin Annett Landsmann, Zürich

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Längsschnitt

3. Obergeschoss

20 m

Querschnitt

3. Obergeschoss Galerie

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Detailschnitt

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Aufbau Dach: Fotovoltaik-Anlage Kies 50 mm Schutz und Drainageschicht Abdichtung bituminös Platten aus Polyurethan-Hartschaum, beidseitig Aluminium (Feuchteschutz) 80 mm Gefällsdämmung EPS 0 – 270 mm Dampfbremse Dreischichtplatte 24 mm Holzbalken und Mineralwolle 200 mm Dreischichtplatte, luftdicht abgeklebt 24 mm Stahlträger HEA 800 800 mm Akustikdecke abgehängt 350 mm Aufbau Boden Galerie: Industrieparkett, Eiche geölt 20 mm Ausgleichsschicht 30 mm Verbunddecke Stahl mit Aufbeton 120 mm Stahlträger HEB 180 180 mm Aufbau Boden 3. Obergeschoss: Parkett, Eiche geölt 20 mm Unterlagsboden, zementös, schwimmend 90 mm Polyethylen-Folie Trittschalldämmung 40 mm Betondecke 250 mm

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Kulturhaus Rain, Kleindöttingen Eine Kulturhalle aus Holz mit einer sichtbar belassenen, gewölbten Decke bietet Raum für 300 Personen. Für die Dachkonstruktion kombinierten die Planer zwei Systeme des traditionellen Holzbaus und setzten diese mit zeitgemässer Technologie um. Entstanden ist ein Ort für die Gemeinde, der sich durch grosse Sorgfalt in der Materialisierung und Detailgestaltung auszeichnet. Das Wappen der Gemeinde Böttstein besteht aus einem geflochtenen, rautenförmigen Gitter in Rot auf gelbem Grund. Diese Zeichnung bildet den Ausgangspunkt für den Entwurf des neuen Kulturhauses Rain in Kleindöttingen. Dessen Überführung in einen er­ lebbaren Raum sollte aus Sicht des Architekten einen einzigartigen Ort für die Gemeinde schaffen. Ausgehend von dieser Idee entwarf er eine eingeschossige Kulturhalle mit einer aussergewöhnlichen Dachkonstruktion. Diese

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bildet sich gegen aussen als Tonnendach ab, dessen Querseiten leicht geneigt sind und das mit einer Kupferschicht eingedeckt ist. Die Fassade besteht aus einer dunklen Holzverschalung, in die auf den beiden Längsseiten je drei grossflächige, quadratische Fenster ein­ gelassen sind. Diese sind jeweils seitlich mit Türen eingefasst. Während diejenigen auf der Ostseite zur Belüftung dienen und lediglich gekippt werden können, führen die Türen auf der Westseite auf den Pausenhof der angrenzenden Schule. Der Neubau ersetzt die Turnhalle, die hier vorher stand. Diese wurde bis auf die Kellerdecke abgebrochen. Mit exakt denselben Raum­massen von insgesamt 450 m2 Geschossfläche setzte man das Kulturhaus auf die be­ stehenden Mauern des Untergeschosses der Turnhalle, das man stehen liess. Dieses bildet nun das Fundament für den modernen Holzbau, der als Veranstaltungslokal Platz

für Kunst, Kultur und Gemeindeanlässe bietet. Um die Tragleistung des bestehenden Untergeschosses zu verbessern, verstärkte man dessen Mittelgang mit tragenden Kalksandsteinwänden. Die stirnseitigen Abschlusswände des Neubaus hängte man an dessen Dach, weil sich die Tragleistung des bestehenden Untergeschosses auf die längsseitigen Aussenwände beschränkte. Als Herzstück des Neubaus bietet der Saal 300 Personen Platz. Diesem vorgelagert ist ein Foyer mit angrenzender Küche und Cateringbereich sowie den Sanitäranlagen. Ein Lagerraum für Mobiliar und die mobile Bühne ergänzen den Veranstaltungsraum auf der gegenüberliegenden Seite. Ein 18 cm dicker Unterlagsboden aus faserarmiertem Beton verstärkt die bestehende Decke des Untergeschosses. Der im Saal verlegte federnde Eichenparkett lässt eine sanfte sportliche Nutzung zu. Die Konstruktion des Neubaus besteht aus einem Holzständerbau, der


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wesentlich weniger wiegt als der Massivbau der ursprünglichen Turnhalle. Für die Dachkonstruktion kombinierten die Planer zwei wegweisende Erfindungen des Holzbaus aus dem letzten Jahrhundert: Das Zollingerdach und den Hetzer-Bogenbinder. Das klassische Zollingerdach besteht aus vielen Einzelabschnitten mit zwei Tragrichtungen. Hier wurden aber in eine der Richtungen Durch­ laufträger montiert, die man in der Gegen­ richtung mit Einzelstücken ergänzte. Die produktions- und montagetechnischen Abläufe optimierte man und realisierte sie mit CNCTechnologie. Das so entstandene Rautenmuster bleibt sichtbar und ist eine Reverenz an das Design des Dorfwappens. Gleichzeitig schafft die gewölbte Decke nicht nur einen beein­ druckenden Raum, sie wirkt sich laut den Planern auch positiv auf die Akustik aus. Vom Parkettboden aus Eiche über die Wandpa­neele aus Schweizer Weisstanne bis zu den gebo­

genen Deckenfüllungen aus Dreischichtplatten: Der Saal ist komplett aus Holz gefertigt. Dar­ über hinaus fällt der sorgfältige Umgang und die Abstimmung der verwendeten Materialien nicht nur hier ins Auge, sondern auch im restlichen Gebäude: Das Spektrum reicht dabei vom Zementfliesenmuster im Foyer über die Pendelleuchten und die Beschläge aus Baubronze im Saal bis zum messingfarben beschichteten Geländer beim Eingang.

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Längsschnitt

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20 m

Querschnitt


Grundriss

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Ort Kirchweg 16, 5314 Kleindöttingen Bauherrschaft Einwohnergemeinde Böttstein Architektur Haefeli Architekten, Döttingen Bauleitung HM Architekten GmbH, Gippingen Bauingenieur Urs Hauser AG, Kleindöttingen Holzbauingenieur Blumer-Lehmann AG, Gossau Bauphysik Steigmeier Akustik + Bauphysik GmbH, Baden Holzbau Blumer-Lehmann AG, Gossau Fenster E. Keller AG, Klingnau Innentüren und Schreinerarbeiten Fischer Schreinerei und Innenausbau GmbH, Kleindöttingen Parkett Teppich Kistler AG, Gippingen Materialien Fichte 103 m3, Mitteleuropa (davon Dreischicht- und OSB-Platten 1000 m2) Baukosten BKP 2 CHF 2,69 Mio. inkl. MWST Baukosten BKP 214 CHF 485 000.– inkl. MWST Kubikmeterpreis (BKP 2) CHF 734.– inkl. MWST Grundstücksfläche nach SIA 416 26 232 m2 Gebäudegrundfläche nach SIA 416 392,1 m2 Nettogeschossfläche nach SIA 416 751 m2 total (Neubau 443 m2, Umbau 308 m2) Gebäudevolumen nach SIA 416 3665 m3 (Neubau 2469 m3, Umbau 1196 m3) Bauzeit Februar 2019 bis November 2019 Fotograf Andreas Buschmann, Zürich

Aufbau Wand: Sichtnutschalung 20/125 mm, sägeroh 19 mm Lattenrost horizontal 45 mm Rostlattung vertikal 27 mm Weichfaserplatte 35 mm Einblasdämmung, Dichte > 50 kg/m3 Holzrahmenkonstruktion 60 x 280 mm 280 mm OSB-3-Platte, Stösse luftdicht verklebt 18 mm Zwischendämmung Lattenrost 60 mm Akustikplatte 20 mm Aufbau Decke: Kupfer-Dacheindeckung Trennlage Dachschalung 20 mm Konterlattung 60 x 60 mm, geschraubt 60 mm Unterdach-Folie Weichfaserplatte 60 mm Einblasdämmung Rippen 80 x 240 mm, 240 mm Dampfbremse Dreischichtplatte gebogen 19 mm Tragkonstruktion Bogendach aus Leimholz 230 mm

Detailschnitt Fassade

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Längsschnitt mit Atrium

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Atrium Explorit, Yverdon-les-Bains Das verglaste Atrium des Wissenschaftszentrums im Y-Parc beherbergt eine spiralför­mige, raumfüllende Holzrampe, die die beiden Baukörper des Komplexes miteinander verbindet. Sie macht das Material Holz, das im Tragwerk und in der Inneneinrichtung des Gebäudes eine zentrale Rolle spielt, für die Besucher und Besucherinnen erlebbar. Das dafür verwendete Holz stammt aus weniger als 50 km entfernten Wäldern. Der Explorit-Komplex befindet sich im Umland von Yverdon-les-Bains auf einem grosszügigen Areal im Herzen des Y-Parc – Swiss Techno­ pole, eines der grossen Wissenschafts- und Technologieparks für Forschung und Innova­ tion der Schweiz. Auf 50 ha Fläche haben rund 200 Unternehmen aus Bereichen wie Medizintechnik, Robotik und Cybersicherheit ihren Sitz. Der Bau nutzt die längliche Form des in einem Sumpfgebiet gelegenen Grundstücks und das vorhandene Rückhaltebecken. Da unter diesen Bedingungen kein unterirdisches Bauen möglich ist, errichtete man das Gebäude in der gemäss Nutzungsplan zu­ge­lassenen Höhe auf einer Betonbodenplatte. Der Teich wurde als Landschaftselement in die Aussenanlagen integriert. Zusätzlich zum Minergie-P-Standard profitiert der Komplex von einem effizienten, auf erneuerbaren Energien basierenden Energiekonzept. Der Gebäudekomplex besteht aus zwei Einheiten: Die eine bietet Unternehmen zur Förderung von Innovation und Kreativität flexible Räume, Coworking-Arbeitsplätze und Werkstätten zur Erstellung von Prototypen. Die andere Einheit ist mit Kindercity, Sciencity und fünf Kinosälen als Edutainment-Zentrum für Familien konzipiert, in dem sich Kinder auf spielerische und fantasievolle Weise mit Technologie und Wissenschaft vertraut machen können. Dieser Bereich ist in einem dreigeschossigen Volumen untergebracht, das aus einer Tragkonstruktion aus Holz mit einer in Holzrahmenbauweise vorgefertigten Fassade besteht, während der sechs- respektive vier­ geschossige Baukörper des Bereichs für Unternehmen vorwiegend aus Beton realisiert wurde.

Dazwischen heisst ein vollständig verglastes Atrium die Besucherinnen und Besucher willkommen und verbindet die beiden Gebäudeteile mit einer imposanten, spiralförmigen Rampe, die wie eine Skulptur im Raum steht und ihm eine besondere Dynamik und Faszination verleiht. Sie ist komplett aus Holz gefertigt, windet sich um einen Stamm aus gebündelten Trägern, auf denen wie auf Ästen eines Baums das Dach ruht, und ist mit einer Stahlaufhängung an diesem befestigt. Abgesehen von ihrer Funktion als Verbindungselement steht sie sinnbildlich für den Aufstieg zum Wissen und das Motto von Explorit: mit Spass vorankommen. Denn vom Atrium aus, in dessen Erdgeschoss zahlreiche Geschäfte und Lokale rund um eine Veranstaltungsfläche zum Besuch einladen, wirkt die spiralförmige Bewegung der Rampe wie ein Magnet, so dass man gar nicht anders kann als ihr zu folgen und die verschiedenen Ebenen und Räume für sich zu entdecken. Dank der Steigung von 5 Prozent ist der Zugang auch für Personen mit eingeschränkter Mobilität möglich. Für den Bau der Rampe mussten auf 150 m Länge die 46 Abschnitte mit Hilfe von harzverklebten Metallstangen gleichzeitig zusammengefügt werden. Dieses Verfahren beruht auf einem patentierten System. Neben den ästhetischen Vorteilen – es sind am Ende keine Fugen sichtbar – sorgt das System dank der Holzschicht für einen hohen Feuerwiderstand. Mit Hilfe der Geometrie und der Präzisionsverarbeitung mit zwei fünfachsigen CNC-Maschinen sind die Elemente so perfekt eingepasst, dass sie weniger als 2 mm Spiel aufweisen – und dies bei einem Objekt, das in alle Richtungen gekrümmt ist. Alle Holzbauteile wurden in der Werkhalle des benachbarten Holzbauunternehmens gefertigt, was den Transportaufwand reduzierte und eine gute Zusammenarbeit zwischen Bauherrschaft, Architekturbüro und Bauunternehmen ermöglichte.

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Ort Avenue des Découvertes 1, 1400 Yverdon-les-Bains Bauherrschaft Y-Technocity SA, Jean-Christophe Gostanian, Yverdon-les-Bains Architektur Philippe Gilliéron Bureau d’Architecture, Yverdon-les-Bains Bauleitung Losinger Marazzi SA, Crissier; Afco Management SA, Renens Bauingenieur SD Ingénierie Lausanne SA, Lausanne Holzbauingenieur JPF-Ducret SA, Bulle Brandschutz Ignis-Salutem SA, St-Légier Holzbau JPF-Ducret SA, Orges und Yverdon-les-Bains; Menuiserie Roth SA, Baulmes Holzherkunft 100 % Schweizer Holz (Label Schweizer Holz) Bauzeit September 2019 bis März 2021 Fotos Corinne Cuendet, Clarens; Mehdi Rouissi, Yverdon-les-Bains


Detail Bauteil Holzrampe

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Knies Zauberhut, Rapperswil Der vorgefertigte Holzbau auf dem Gelände des Kinderzoos in Rapperswil erinnert formal an das Tuch eines Zauberers, das in die Luft geworfen wird. Das markante Gebäude ist eine bildhafte Reverenz an die traditionsreiche Zirkuswelt und ist als Manege oder Eventraum vielfältig nutzbar – das Material Holz spielt für diese Wirkung eine entscheidende Rolle. Als Ersatz für das ‹Otarium›, die in die Jahre gekommene Arena des Kinderzoos in Rapperswil, steht dort seit Frühling 2020 ein in Holz realisierter ‹Zauberhut›. Das Projekt ist das Resultat eines eingeladenen Architekturwettbewerbs, den Carlos Martinez Architekten 2017 für sich entschieden haben. Der Entwurf verbindet formale Assoziationen an das magische Tuch eines Zauberers mit einer subtilen An­ lehnung an eine orientalische Formensprache. Mit seiner Setzung überwindet das Gebäude die Niveaudifferenz zwischen dem nördlich gelegenen Kinderspielplatz und dem südlichen Standort des Rösslitrams. Terrassierte Ebenen

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und vorgelagerte Sitzstufen fügen den Neubau in die bestehende Umgebung ein. Die vielfältigen Sitzmöglichkeiten werten das Zentrum des Kinderzoos auf. Von dort lässt sich das Geschehen des Zoobetriebs beobachten, während der oben gelegene, von den Tieren bewusst abgewandte Kinderspielplatz einen Abschluss erhält. Die Form des Gebäudes schafft hier nischenartige Sitzkojen, die den Blick hinunter in den Backstage-Bereich des Gebäudes freigeben. Die Besucher und Besucherinnen können so einen Blick auf das Geschehen hinter den Kulissen werfen. Im Norden liegt das gefaltete Dach auf den Nebenräumen der Manege auf, welche den Rücken des Gebäudes bilden. Im Süden begrenzen grosszügige Öffnungen, die zwischen den tragenden Säulen aufgespannt sind, den zeltartigen Pavillon. Herzstück des Gebäudes ist die zentrale Arena. Mit Hilfe von ausziehbaren, modularen Tribünenelementen lässt sich diese innert Kürze zu einem ebenen Event­ raum transformieren, der vielfältig nutzbar ist.

Die gefaltete Dachform zeichnet sich sowohl nach aussen als auch nach innen ab und vermittelt die schwungvolle und sinnliche Leichtigkeit, die man mit der Welt des Zirkus verbindet: Wie ein erstarrtes Zaubertuch schwingt sich die Holzdecke spektakulär in die Höhe und vermittelt dem Raum eine festliche Stimmung, wobei sie gleichzeitig entscheidend zur Akustik beiträgt. Mit einer Höhe von 25 m ist das markante Gebäude vom ganzen Zoo aus sichtbar und bildet mit seinem Gewand aus metallenen Hautschuppen ein identitätsstiftendes Zeichen auf dem Gelände. Die charakteristische Dachform basiert auf einem komplexen, zweifach gekrümmten Schalentragwerk. Das Holzfaltwerk wird von zwei Holzdruckringen zusammengehalten, die Lasten werden über einen Betonring abgeleitet. Die streng rotationssymmetrische Form ermöglichte die wirtschaftliche Produktion von zwölf gleichen und zwölf gespiegelten Holzelementen. Je zwei Dachelemente ergaben ein Paar, das an einem der zwölf Kehltiefpunkte


auf den Nischen im Betonzugring aufgelagert wurde. Den oberen Abschluss bildet der so­ genannte ‹Hut›, der als Sonderelement an­ gefertigt wurde. Mit Hilfe eines parametrischen Modells konnten die Holzelemente und die polygonalen Dachschindeln aus Zinkblech exakt geplant und programmiert werden. Ein Mock-up diente in der Planungsphase dazu, ästhetische Aspekte zu überprüfen und Erkenntnisse für die Detail­ausführung und Produktion zu gewinnen. Für eine optimale Raumakustik verkleidete man das Schalentragwerk innen vollständig mit gebogenen und mit einer Lochung versehenen Dreischicht­platten. Die Rippen und Querrippen der vorgefertigten Dachelemente sind aus Brettschichtholz. Nach der Ausdämmung versah man die Elemente mit einer 13 mm starken Diagonalschalung, die von Hand ge­bogen und ver­nagelt wurde. Das verwendete Holz ist einheimische Fichte.

Ort Oberseestrasse 42, 8640 Rapperswil SG Bauherrschaft Gebrüder Knie, Schweizer National-Circus AG, Rapperswil SG Architektur Carlos Martinez Architekten AG SWB SIA, Berneck Generalplaner Ghisleni Partner AG, Rapperswil SG Bauingenieur HBT Ingenieure AG, Rapperswil-Jona SG Holzbauingenieur Pirmin Jung Schweiz AG, Rain HLKKS-Planung Andy Wickart Haustechnik AG, Finstersee Elektro-Planung Elektro Winter AG, Rapperswil-Jona Holzbau und Schreinerarbeiten Blumer-Lehmann AG, Gossau Materialien Tragwerk und Innenverkleidung in Fichte/Tanne Grundstücksfläche nach SIA 416 ca. 2900 m2 Gebäudegrundfläche nach SIA 416 ca. 1150 m2 Geschossfläche nach SIA 416 ca. 1700 m2 Gebäudevolumen nach SIA 416 ca. 6600 m3 Bauzeit 2020/2021 Foto Faruk Pinjo, Wien; Luca Zanier, Zürich

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Querschnitt

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20 m

Grundriss


Aufbau Dach: Dacheindeckung ca. 5 mm Verbundplatte polygonal Fugen 5 – 8 mm Hinterlüftung/Unterkonstruktion ca. 60 mm Abdichtung/Wasserführung zweilagig ca. 3 mm Brandschutzlage, gebogen 18 mm Diagonalschalung Fichte/Tanne, gebogen 2 x 24 mm Kehl- und Gratsparren, gebogen 240/160 240 mm dazwischen Dämmplatten aus Steinwolle Dampfbremse < 1 mm Lattenrost 25/100 25 mm Dreischichtplatte 19 mm Abhängung variabel/Installationsraum Akustikdämmung aus Steinwolle, 60 mm Akustikvlies Dreischichtplatte, Fichte lasiert 13 mm Aufbau Glasfassade: Pfosten-Riegel-System Aufsatzkonstruktion auf Stahlprofil mit Aluminium-Deckschale Dreifach-Isolierverglasung

Detailschnitt Fassade

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KINDERSPITAL ZÜRICH – NEUBAU AKUTSPITAL

© Herzog & de Meuron

SPONSOR Gruner Generalplanung AG St. Jakobs-Strasse 199 4020 Basel +41 (0)61 317 61 61 www.gruner.ch basel@gruner.ch

Das Kinderspital Zürich hat der ARGE KISPI den Auftrag erteilt, das von Herzog & de Meuron entworfene Akutspital zu planen und zu realisieren. Es ist in der Schweiz das grösste Spital für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Im Kinderspital wird das vollständige Spektrum aller Kinder und jugendmedizinischen sowie kinderchirurgischen Fachgebiete angeboten. Damit erhält die städtebaulich markante An­ lage der benachbarten Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK), die erste medizinische Institution, die in der Lengg angesiedelt wurde, ein aussergewöhnliches Gegenüber. Das Akutspital ist nur drei Geschosse hoch, wobei jedes Geschoss einen anderen Charakter besitzt und unterschiedliche Nutzungen ermöglicht. Das sockelartige Erdgeschoss nimmt Funktionen mit grossen Raumtiefen auf. Die Räume darüber sind zeilenförmig angeordnet und zeichnen den geschwungenen unregelmässigen Parzellenverlauf nach. Zuoberst liegt das in sich ruhende Bettengeschoss. Einfache rechtwinklige und regelmässige Hofeinschnitte unterteilen das Gebäude und geben ihm eine kindgerechte und kleinmassstäbliche Gliederung. Unterschiedlich grosse, kreisrunde Höfe schaffen klare Orientierungspunkte in dieser modularen Ordnung. Besuchen Sie uns an der Swissbau 2022: Bei dieser Gelegenheit können wir Ihnen gerne das Projekt näher bringen.

Lignum Holzwirtschaft Schweiz Economie suisse du bois Economia svizzera del legno Mühlebachstrasse 8 CH-8008 Zürich Tel. 044 267 47 77 Fax 044 267 47 87 info@lignum.ch www.lignum.ch

Redaktion Jutta Glanzmann, Lignum, sowie Ariane Joyet, Lignum-Cedotec Gestaltung BN Graphics, Zürich

Administration, Abonnemente, Versand Lignum, Zürich

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ISSN 1420-0260

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Druck Kalt Medien AG, Zug

Holzbulletin, Dezember 2021 Herausgeber Lignum, Holzwirtschaft Schweiz, Zürich

Das Holzbulletin erscheint viermal jährlich in deutscher und französischer Sprache. Jahresabonnement CHF 48.– Einzelexemplar CHF 20.– Sammelordner (10 Ausgaben) CHF 140.– Sammelordner leer CHF 10.– Preisänderungen vorbehalten.