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Holzbulletin 135/2020 Hochhaus Baufeld 22, Suurstoffi-Areal, Risch-Rotkreuz Arbo, Suurstoffi-Areal, Risch-Rotkreuz HoHo, Seestadt Aspern, Wien Wohnhochhaus Skaio, Heilbronn Palazzo Méridia, Nizza

Hoch hinaus mit Holz: Arbo steht auf dem Suurstoffi-Areal in Rotkreuz und hält mit 15 Stockwerken und 60 Meter Höhe aktuell den Rekord für das höchste Holzhybridhochhaus der Schweiz. Architektur: ARGE Büro Konstrukt Architekten ETH SIA BSA, Luzern & Manetsch Meyer Architekten ETH SIA, Zürich. Foto Pirmin Jung Schweiz AG


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1  So soll das Wohnhochhaus H1 auf dem Areal Zwhatt in Regensdorf dereinst aus­ sehen. Architektur Boltshauser Architekten, Zürich Visualisierung Nightnurse 2  Auf dem Papieri-Areal in Cham sollen gleich zwei Hoch­häuser mit Holz entstehen. Blick ins Innere des einen Projekts. Architektur Büro Konstrukt Architekten, Luzern Visualisierung Cham Group AG 3  Das Wohnhochhaus Pi soll mitten in Zug attraktiven Wohnraum zu erschwing­ lichen Preisen schaffen. Architektur Duplex Architekten, Zürich Visualisierung Filippo Bolognese 4  Die geplanten Dutch Mountains in Eindhoven schwingen sich über 100 Meter in die Höhe. Architektur und Visualisierung Studio Marco Vermeulen, Rotterdam 2

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In die Höhe bauen Ein Hochhaus aus Holz? Geht das denn? Was bei einem Laienpublikum noch mehrheitlich ungläubiges Staunen hervorruft, ist mittler­ weile Realität. Das zeigen die in dieser Holz­ bulletin-Ausgabe vorgestellten Beispiele aus der Schweiz, Österreich, Deutschland und Frankreich. Und sie sind nur ein Ausschnitt bereits realisierter Projekte in Kanada, Austra­ lien, England, den USA, Finnland oder Nor­ wegen, das mit Mjøstårnet in Brumunddal mit 85,4 Meter Höhe aktuell den Rekord für das höchste Hochhaus in Holz hält. In der Fachwelt ist das Interesse an dieser Bauaufgabe gross, wie der ausgebuchte Workshop zu Arbo, dem aktuell höchsten Hochhaus in Holzhybridbau­ weise der Schweiz, im Rahmen des SwissbauFocus 2020 gezeigt hat. Der 60 Meter hohe Bau auf dem Suurstoffi-Areal zeigt exempla­ risch, was die Bedingungen sind, um ein sol­ ches Projekt zu realisieren: Zum einen eine engagierte Bauherrschaft, die auf das Material Holz setzt, nicht zuletzt aus Gründen der Nachhaltigkeit, aber auch, weil sich mit dem Baustoff Holz Termine gut einhalten und Bau­ zeit einsparen lässt. Zum anderen Architekten, Ingenieure und Holzbauunternehmen, welche gestalterisch und technisch nach überzeugen­ den und innovativen Lösungen für die jewei­ lige Bau­aufgabe suchen, auch in Kooperation mit Forschungspartnern der ETH oder der Fachhochschulen. Neben Arbo und dem ersten Hochhaus in Holzbauweise der Schweiz überhaupt, dem S22 – ebenfalls von Zug Estates auf dem Suur­ stoffi-Areal realisiert – sind weitere Hochhaus­ projekte mit Holz als Konstruktionsmaterial in Planung, in der Schweiz, aber auch weltweit. Denn das Bauen mit Holz erlebt einen eigent­ lichen Boom – und dies neuerdings in ganz anderen Dimensionen. Mit dem Projekt Pi plant die V-ZUG Immobilien ein Wohnhoch­

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haus mit Holz von 80 Meter Höhe, das mitten in Zug preisgünstiges Wohnen schaffen soll. Der Entwurf von Duplex Architekten schlägt eine Vielfalt an Wohnungstypologien vor, die erst durch das innovative Tragwerkskonzept und die konsequente Trennung von Primärund Sekundärstruktur möglich wird: Tragend werden zwei ineinandergesteckte Röhren aus­ gebildet. Dieses ‹Tube-in-Tube-Prinzip› ist den berühmten Stahlrahmenkonstruktionen aus dem Chicago der 1950er Jahre nachempfunden und wird in eine zukunftsorientierte Konstruk­ tion aus Holz übersetzt. Ein weiteres Hochhaus mit Holz, das in der Planung bereits weit fortgeschritten ist, soll in Regensdorf entstehen: Hier entwickelt Pen­simo Management als Eigentümer- und Bauherren­ vertreterin auf dem Areal Zwhatt das Hoch­ haus H1. Der Holzhybridbau von Boltshauser Architekten soll dereinst 150 Wohnungen umfassen. Das Spektrum reicht von nutzungs­ neutralen Typologien bis zu Maisonettewoh­ nungen. Geplant ist eine Konstruktion, bei der der Erschliessungskern und das Sockelgeschoss in Beton und die Geschossdecken in einem Holzbetonverbund erstellt werden. Die tragen­ den Stützen und Unterzüge werden aus Holz realisiert. Auf dem Chamer Papieri-Areal der Cham Immobilien sind gleich zwei Hochhäuser in Holz geplant: Die beiden Entwürfe stammen von den Luzerner Büros Rüssli Architekten sowie Konstrukt Architekten, die im Rahmen des kürzlich entschiedenen Studienauftrags ausgewählt wurden. Und auch die Forschung hat sich des Themas angenommen: Das Kompetenzzentrum Typologie und Planung in Architektur (CCTP) der Hochschule Luzern hat gemeinsam mit Forschungspartnern aus der Baubranche das Potential von Holzhybridhoch­ häusern untersucht. Im Rahmen eines interdis­

ziplinären Forschungsprojekts haben sie das horizontal und vertikal flexible ‹Modul 17› entworfen, das zu fast 90 Prozent aus Holz besteht und sich an unterschiedliche Stadt­ strukturen anpasst. Die Publikation ‹Modul 17›. Hochhaustypologie in Holzhybridbauweise› präsentiert die Ergebnisse. Nicht nur in der Schweiz, auch überall auf der Welt werden Hochhäuser in Holzbauweise errichtet oder stehen in Planung. In dieser Ausgabe stellen wir mit den Projekten HoHo (Wien), Skaio (Heilbronn) und Palazzo Méridia (Nizza) drei bereits realisierte Beispiele vor. Dass bei der Planung eines Hochhauses immer auch der mögliche Höhenrekord im Blickfeld liegt, zeigen geplante Projekte, die weit über 100 Meter Höhe als Ziel haben. So beispiels­ weise die Dutch Mountains in Eindhoven: Der Entwurf des Rotterdamer Architekturbüros Studio Marco Vermeulen sieht Büros, Kurzzeitwohnungen und Hotels als Nutzung vor. Die beiden Türme sollen 110 und 150 Meter hoch werden und voraussichtlich mit Brettsperr­ holz (CLT) realisiert werden. Ebenfalls über 100 Meter Höhe soll der Canada Earth Tower in Vancouver erreichen, und das japanische Holzbauunternehmen Sumitomo Forestry hat den Ehrgeiz, bis 2041 in Tokio einen hölzernen Wolkenkratzer von 350 Metern zu bauen. Damit solche Bauvorhaben realistisch werden, braucht es nicht zuletzt technische Innovatio­ nen und die Bereitschaft, neue Wege zu ge­ hen: Denn mit Holz unbegrenzt in die Höhe zu bauen, ist in der Schweiz beispielsweise erst seit 2015 machbar. So gesehen, scheint für die Zukunft vieles möglich – auch, was bis vor kurzem für den Holzbau noch undenkbar schien. Jutta Glanzmann Technische Kommunikation Lignum

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Baufeld 22, Suurstoffi-Areal, Risch-Rotkreuz Auf dem ehemaligen Industrieareal Suurstoffi in Rotkreuz entsteht in Etappen ein durchmischtes, klimaneutrales Quartier, in dem Wohnen, Arbeiten und Freizeitaktivitäten gleichermassen Platz finden. Das Bürogebäude auf dem an der Bahnlinie gelegenen Baufeld 22 wurde als Holz-Beton-Verbundkonstruktion realisiert. 2018 war dieser Bau mit zehn Geschossen das erste Bürohochhaus in Holzbauweise in der Schweiz. Hohe Häuser sind seit dem späten 19. Jahr­ hundert Ausdruck für Urbanität und technische Innovation. Dieser Bautyp erlebte in den letzten Jahren eine starke Ausbreitung in den suburba­ nen Siedlungsgebieten und zeigt den Anspruch, auch ausserhalb der Metropolen verdichtet zu bauen. Orte, denen eine städtische Qualität aufgrund ihrer Lage und Historie nicht gegeben ist, erfahren so eine ‹quasiurbane› Prägung. Im Fall von Rotkreuz sind diese Faktoren ein wesentlicher Treiber für die bauliche Entwick­ lung des neuen Quartiers auf dem ehemaligen Industrieareal Suurstoffi. Bei der Planung für das Bürogebäude Suurstoffi 22 bildeten Fragen zur typologischen Ausbil­ dung eines generischen Programms, die folge­ richtige konstruktive Umsetzung als Holzbau sowie der angemessene architektonische Aus­ druck in einem referenzlosen Kontext das gedankliche Gerüst des Entwurfes. So entstand das erste Bürohochhaus der Schweiz in Holz­ bauweise. Volumetrisch verschränken sich zwei Körper ineinander, wobei der niedrigere Teil die Gebäudehöhen der umliegenden Bauten aufnimmt, während der Turmbau für Sichtbar­ keit und Präsenz sorgt und gleichzeitig den Eingang markiert. Die Absenz eines konkreten Nutzers und der hohe Anspruch an Flexibilität prägten die volumetrische Grunddisposition und führten im Erdgeschoss zu einer offenen Struktur, die mehrere Zugänge und Foyers für unter­ schiedliche Nutzer ermöglicht. Die Zonierung der Bürogeschosse erfolgt einerseits über den Innenhof und die Erschliessungskerne, anderer­ seits können durch zusätzliche Abtrennungen mehrere Nutzer pro Geschoss unabhängig voneinander funktionieren. Während die beiden zentralen Kerne in massiver Bauweise die horizontale Aussteifung sichern, findet die gewünschte Flexibilität ihre Umset­

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zung in einem Holzskelettbau mit Stützen und Unterzügen aus Furnierschichtholz in Buche im Innern sowie in der Fassadenebene liegenden Holzstützen aus Brettschichtholz in Fichte/ Tanne. Ins Traggerippe sind Holz-Beton-Verbund­ decken mit integrierten Systemdeckenelementen eingehängt. Diese dienen der Kühlung, Heizung, Lüftung und Akustik des Raumes und sichern in Kombination mit der thermischen Aktivierung des Betons eine effiziente Raumregulierung. Darüber hinaus haben sie eine brandabschnitts­ bildende Funktion, wirken schalldämmend und nehmen auch die Leitungsführung des Sprink­ lersystems auf. Dieses innovative Holz-BetonVerbund-Tragsystem wurde eigens für das Bürohaus Suurstoffi 22 entwickelt. Im Gegensatz zum Innern, wo Holz den Räumen einen sinnlichen Ausdruck verleiht, wirkt die äussere Erscheinung des Gebäudes durch die tektonisch gefügte, matte Fassadenbekleidung mit einer Aluminium-Verbundplatte zurückhaltend und elegant. Dieses Bekleidungsmaterial ist nicht brennbar. Zusammen mit der zweilagigen Brandschutzbekleidung (K 60-RF1) der Fassadenelemente werden so die Vorgaben der Brandschutzvorschriften für die Verwendung von Baustoffen in Aussenwänden von Hoch­ häusern eingehalten. Die beiden Kerne mit den vertikalen Fluchtwegen sind in nichtbrennbarer Bauweise (REI 90-RF1) erstellt. Durch die Anwendung des Löschanlagenkonzeptes mit einer Sprinkler­ anlage als Vollschutz wurde die Anforderung an den Feuerwidersand des Tragwerkes und der Geschossdecken auf 60 Minuten reduziert. Damit konnten die grossen Bürobereiche vom 1   .–9. Obergeschoss in Holzbauweise umge­ setzt werden. Durch den Sprinklerschutz war es möglich, die linear tragenden Bauteile der Holz-Beton-Verbunddecke, der Unterzüge und der Pfosten in Holz sichtbar zu belassen und den Nachweis des Feuerwiderstandes über den Abbrand zu gewährleisten. Zur Erhöhung des Personen- und Sachwert­ schutzes ist das Gebäude mit einer Brandmeldeanlage als Teilüberwachung ausgerüstet. Die technischen Brandschutzmassnahmen dienen zur Ansteuerung verschiedener Brand­ schutzeinrichtungen und stellen die sofortige Alarmierung sicher. Wie in konventionellen Hochhäusern sind die beiden Sicherheitstrep­ penhäuser und der Feuerwehraufzug mit einer

Rauchschutz-Druckanlage (RDA) gegen das Eindringen von Rauch geschützt. Sicherheits­ beleuchtung, Fluchtwegsignalisation, Löscheinrichtungen, Blitzschutz usw. entsprechen den Vorgaben der Brandschutzvorschriften. Die integrale Ausbildung von Struktur und Ausbau forderte eine abgestimmte Planung mit einem hohen Grad an Vorfertigung und ermöglichte eine deutliche Reduktion der Bauzeit. Dazu beigetragen hat auch eine Opti­ mierung der Bauprozesse, indem beispielsweise der Holzbauer auch mit der Erstellung der Betonkerne beauftragt wurde. So konnten diese geschossweise mit dem Holzbau mitgebaut werden, womit – gegenüber einer klassischen, seriellen Vorgehensweise – die Massungenauig­ keiten besser ausgeglichen und die Bauzeit verkürzt werden konnten. Mit einer Gebäudehöhe von 36 m und zehn Geschossen ist das Hochhaus brandschutz­ technisch ein Novum in der Schweiz. Es zeigt, wie effizient ein Holz-Hochhaus gemäss den Brandschutzvorschriften VKF als Standardkonzept realisiert werden kann.


Situation

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Erdgeschoss

1.–5. Obergeschoss

7. Obergeschoss

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40 m


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Ort Suurstoffi 22, 6343 Risch-Rotkreuz Bauherrschaft Zug Estates AG, Zug Architekt und Generalplaner Burkard Meyer Architekten BSA AG, Baden; Projektteam Studienauftrag: Oliver Dufner, Daniel Krieg, Adrian Meyer, Andreas Signer mit Tobias Burger, Fabian Obrist; Projektteam Planung: Daniel Krieg, Thomas Wernli (Gesamtprojektleitung) mit Markus Tschannen, Franziska Hellstern, Cyril Kunz Örtliche Bauleitung Erne AG Holzbau, Stein Bauingenieur MWV Bauingenieure AG, Baden HLKS-Planer Kalt + Halbeisen AG, Kleindöttingen Elektroplaner Enerpeak AG, Hägendorf Bauphysik BAKUS Bauphysik und Akustik GmbH, Zürich RDA-Planer Gruner Roschi AG, Köniz Brandschutzingenieur Makiol Wiederkehr AG, Beinwil am See Holzbauingenieur, Systementwicklung und Unternehmer Erne AG Holzbau, Stein Materialien Brettschichtholz 1300 m3, Furnierschichtholz in Buche 200 m3, Gipsfaserplatten 17 500 m2; Systemdecken 10 000 m2, Aussenwände mit Fenstern 7500 m2 Baukosten BKP 1–9 CHF 43,95 Mio. Baukosten BKP 2 CHF 42 Mio. Hauptnutzfläche SIA 416 10 725 m2 Geschossfläche SIA 416 17 900 m2 Gebäudevolumen SIA 416 70 000 m3 Kubikmeterpreis SIA 416 (BKP 2) CHF 600.– Bauzeit November 2016 bis Februar 2018 (Rohbau), Februar bis Juli 2017 (Vorfertigung Holzbau), Mai bis September 2017 (Montage Holzbau), März bis Juli 2018 (Ausbau und Bezug Ankermieter) Fotograf Roger Frei, Zürich

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Schnittperspektive

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Deckenaufbau von oben: Hohlboden 150 mm Anhydritunterlagsboden 60 mm Trennlage Trittschalldämmplatte 20 mm Trennlage Holz-Beton-Verbundelemente: Beton 120 mm Balken 300 mm abgehängte Decke mit Installationen Aufbau Aussenwand von innen: Dreischichtplatte 16 mm Gipsfaserplatte 18 mm Gipsfaserplatte 15 mm Dampfbremse Ständer 280 mm/Dämmung Gipsfaserplatte 15 mm Gipsfaserplatte 18 mm Fassadenbahn Unterkonstruktion 100 mm Fassadenbekleidungsplatte 4 mm

Detailschnitt

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Montagesystem

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Arbo, Suurstoffi-Areal, Risch-Rotkreuz Arbo ist mit 15 Stockwerken und 60 m Höhe das aktuell höchste Holzhybridhochhaus der Schweiz. Es steht auf dem Suurstoffi-Areal in Rotkreuz, wo die Eigentümerin Zug Estates nach S22, dem ersten Bürohochhaus in Holzbauweise der Schweiz, bei der Entwicklung eines durchmischten und klima­neutralen Quartiers ein weiteres Mal auf die nachhaltige Bauweise gesetzt hat. Das Hochhaus Arbo ist Teil eines Ensembles von drei Neubauten, die sich in ihrer Grundriss­ disposition als klare, unaufgeregte Baukörper zeigen. Ihre äussere Erscheinung ist einheitlich materialisiert und aufeinander abgestimmt, gleichzeitig bilden sie mit ihren unterschied­ lichen Gebäudehöhen eine spannungsvolle Silhouette. Das Hochhaus orientiert sich in seiner städtebaulichen Ausrichtung orthogonal zum prägenden Gleisraum in unmittelbarer Nähe und bildet den baulichen Auftakt zur Suurstoffi. Zusammen mit dem freistehenden fünfgeschossigen Bau bildet der alles über­ ragende Turm ein Paar, während das dritte Volumen zurückversetzt steht und über vier Geschosse mit dem Hochhaus verbunden ist. 70 Prozent der insgesamt 26 000 m2 Büro- und Gewerbeflächen sind dauerhaft an die Hoch­ schule Luzern vermietet: Rotkreuz ist mit diesem Standort zum Informatik- und Finanz­ campus mit rund 1000 Studierenden der Hochschule Luzern geworden. Die Nutzungen im Erdgeschoss sind auf die zentrale Weg­ führung des Boulevards und des Platzes aus­ gerichtet, den die drei Körper umschliessen. Sie sind deshalb mit öffentlichen Inhalten be­

setzt. Eine Wandelhalle im zurückversetzten Hörsaalgebäude bietet räumlich eine optimale Zugangs- und Aufenthaltssituation. Die inne­ ren Oberflächen sind in Sichtbeton gehalten und betonen so die Körperhaftigkeit des Baus. Im ersten Obergeschoss verbindet sich der zentrale Lichthof, der vom zweiten Geschoss bis zum Dach führt, mit der Wandelhalle zu einem kollektiven Innenraum. Dieser erzeugt für die Hochschule eine starke Identität. Ab dem Niveau des Lichthofs werden die Geschos­ se über die zwei Haupttreppenhäuser erschlos­ sen und sind auf jedem Stockwerk mit dem Hochhaus verbunden, wo die Räume der Insti­ tute, die Bibliothek und die Mensa liegen. Das 60 m hohe Hochhaus ist in Holzhybrid­ bauweise erstellt. Die Holzhybrid-Decken­ elemente bestehen aus zwei Holzrippen und einem vorfabrizierten Betonelement im Ver­ bund. Sie sind vom massiven Betonkern bis zur Fassade gespannt. Fassadenseitig liegen sie auf einem Holzunterzug auf, der die Holz­ stützen verbindet. Die zwischen den Holz­ rippen liegenden Haustechniksegel wurden bereits mit den Deckenelementen auf die Bau­ stelle gebracht, um den Bauprozess zu be­ schleunigen. Zwischen Baubeginn und Inbetrieb­ nahme von Arbo lagen lediglich 27 Monate. Neben dem hohen Vorfertigungsgrad trug die mit dem Arc Award 2018 in der Kategorie BIM Innovation ausgezeichnete 5D-BIM-Pla­ nung und -Koordination wesentlich dazu bei. Zudem ist das eingesetzte Deckensystem das erste Holzhybridbausystem mit Deckenkli­ matisierung. Dieses übernimmt die Funktionen Kühlen, Heizen, Lüften und sorgt für

eine gute Akustik und ein ausgeglichenes Raumklima. Durch den Einsatz von Holz spart das Deckensystem in der Produktion Graue Energie und durch die Massenaktivierung des Betons bis zu 30 Prozent Energie im Betrieb. Eine Tatsache, die Zug Estates als Bauherr­ schaft entgegenkommt, setzt sie doch für das gesamte Areal Suurstoffi auf Nachhaltigkeit. Die Bauweise leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Mission ‹Zero-Zero› der CO2-Neut­ ralität des gesamten Suurstoffi-Areals. Arbo ist nicht nur das aktuell höchste Holzhybridhochhaus, es zeichnet sich auch durch eine sorgfältige Abstimmung von Architektur, Materialeinsatz und Technik aus. So lassen sich die Grundrisse durch den Verzicht auf Innenstützen sehr flexibel gestalten. In den Räumen selbst sind die Holzkonstruktion und partiell auch die Technik sichtbar, ebenso wie der Beton des innenliegenden Kerns. Zu­ sammen mit dem dunklen Grün der Einbauten und dem hellen Boden in öffentlichen Bereichen wie beispielsweise der Mensa entsteht eine in sich ruhende Farbigkeit, welche die Holz­ konstruktion zur Geltung bringt. Die Fassade besteht aus Glas mit aussenliegenden Metall­ rippen, der eigentlich kubische Körper ist an zwei Stellen auf unterschiedlicher Höhe etwas ausgestülpt, was das Volumen leicht rhythmi­ siert.

Situation

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Querschnitt

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20 m


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Erdgeschoss

1. Obergeschoss

9. Obergeschoss

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Ort Suurstoffi 1, 6343 Rotkreuz Bauherrschaft Zug Estates AG, Zug Architektur ARGE Büro Konstrukt Architekten ETH SIA BSA, Luzern, und Manetsch Meyer Architekten ETH SIA, Zürich Landschaftsarchitektur Hoffmann & Müller Landschaftsarchitektur GmbH, Zürich Bauingenieur Hochbau Dr. Lüchinger + Meyer, Luzern Holzbauingenieur/Planung Brandschutz Pirmin Jung Schweiz AG, Rain Holzbau Erne AG Holzbau, Laufenburg Materialien 955 m3 Fichte/Tanne aus der Schweiz, 90 m3 BauBuche Bauphysik Gartenmann Engineering AG, Zürich BIM-Management/Koordination Kaulquappe GmbH, Zürich HLKS-Planung Polke Ziege von Moos AG, Zürich Elektroplanung HKG Engineering AG, Rotkreuz Sanitärplanung/Sprinkler tib Technik im Bau, Luzern MSRL/Gebäudeautomation Jobst Willers Engineering AG, Zürich Baukosten BKP 1–9 CHF 185 Mio. Gebäudegrundfläche nach SIA 416 3465 m2 Geschossfläche nach SIA 416 42 500 m2 Gebäudevolumen nach SIA 416 176 500 m3 Bauzeit April 2017 bis August 2019 Fotografie Kuster Frey, Zürich

Aufbau Decke von oben: Bodenbelag Doppelboden 150 mm Überbeton 160 mm Holzrippe 2 x 100/280 mm, Abstand 1,35 m Aufbau Aussenwand: CCF-Fassade mit vertikalen Metall-Lisenen

Detailschnitt

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Aufbau Decke von oben: Bodenbelag Doppelboden 150 mm Überbeton 160 mm Holzrippe 2 x 100/280 mm, Abstand 1,35 m Q-Plattenbalken Baubuche, Umleimer aus Fichte

Detailschnitt

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HoHo, Seestadt Aspern, Wien Seit 2019 steht mit HoHo Wien im inneren Bereich der Seestadt Aspern im Nordosten von Wien mit 84 m Höhe das aktuell zweithöchste Holzhochhaus der Welt. Der dreiteilige Turm umfasst insgesamt 24 Stockwerke und liegt direkt am See-Park und nahe der U-Bahn-Station Seestadt. Der Entwurf verbindet die Qualitäten des Werkstoffs Holz mit einer hohen Nutzungsflexibilität. Das Konzept für den zentralen Bereich des neuen Wiener Stadtquartiers Seestadt Aspern entwickelte das Architekturbüro RLP Rüdiger Lainer + Partner, das auch für den Entwurf von HoHo Wien verantwortlich zeichnet. Die höhen­gestaffelten Volumina entsprechen den städ­tebaulichen Vorgaben und sind prägende Elemente für eine urbane Silhouette am See. Gleichzeitig wird die Sockelzone ganz bewusst von einem ausschwingenden Dach abgeschlos­ sen, um Passanten und Benutzern ein Erleben des Hauses im menschlichen Massstab zu bieten und das Gebäude im Stadtquartier zu verankern. Ein Nutzungsmix von Wohnen, Büro, Hotel und Wellness soll dafür sorgen, dass die Seestadt auch abends belebt ist. Der grundlegende Ansatz für das Gebäude war, ein Holzbausystem für die bauliche Umset­ zung mit einer effizienten Gebäudestruktur zu kombinieren. Die Wahl fiel deshalb auf die Holzhybridbauweise. Aussteifende Betonkerne dienen der vertikalen Erschliessung und Ver­ sorgung. Daran angedockt ist die Holzbau­ konstruktion für die Volumina der eigentlichen Gebäudenutzung. Die Materialien sind so eingesetzt, dass sie jeweils am besten den unterschiedlichen Anforderungen an Statik, Brand­schutz, Flexibilität, Ökonomie und Raum­

qua­lität entsprechen. So lassen sich die ele­ mentaren Voraussetzungen für den Gebrauch eines Hochhauses mit seinen strengen Bauvor­ schriften erfüllen. Das bewusst einfache System der Holzhybridbauweise stapelt vier vorge­ fertigte, serielle Bau­elemente: Stützen, Unter­ züge, Deckenplatten und Fassadenelemente. An die tragenden Gebäudekerne werden die Grundflächen aus Holzverbunddecken ange­ lagert, die ihren Abschluss an den Fassaden finden. Diese seriellen Elemente der Holzver­ bunddecken sind auf Holzstützen in der ab­ schliessenden Fassadenschicht aufgelagert. Die Stützen wiederum bilden mit den ebenfalls vorgefertigten Aussenwandmodulen aus Massiv­ holz und einer ‹er­digen›, mineralischen Sand­ wichschale als Fassadenoberfläche ein gemein­ sames Montageelement. Die innen sichtbaren Holzflächen der durchgehenden Holzdecken, der Stützen und der Aussenwand schaffen eine sinnliche, natürliche Atmosphäre, die den Werkstoff Holz erlebbar macht. Die massiven vorgefertigten Module in Sandwichbauweise ermöglichen eine skulpturale Fassadengestal­ tung. Offene und geschlossene Flächen variie­ ren und bieten sowohl Ausblick als auch Inti­ mität. Sie sind rhythmisch akzentuiert und werden von der Fassadentextur, die an Baum­ rinden erinnern soll, zu einem Ganzen verbun­ den. Der Holzanteil ab dem Erdgeschoss kann mit 74 Prozent beziffert werden. Für die ge­ samte Konstruktion wurden ca. 4350 m3 Holz verbaut, davon rund 800 Stück BrettschichtholzStützen sowie 14 400 m2 Brettsperrholz als Aussenwandelemente, wobei die Fenster be­ reits in der Produktionsstätte eingebaut wurden. Aufgrund einer ausgeklügelten Logistik waren lediglich 50 LKW-Transporte von Kärnten nach

Situation

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Wien notwendig, um diese Menge an unter­ schiedlichen Bauteilen zu liefern. Die Brandabschnitte sind klein, die Fluchtwege kurz, ebenso die Feuerwehr-Angriffswege. Der technische Brandschutz umfasst eine flächen­ deckende Brandmeldeanlage und eine flächen­ deckende Sprinkleranlage. Die tragende Kon­ struktion ist auf Abbrand bemessen, so dass im Brandfall eine Standfestigkeit von mehr als 90 Minuten auch ohne Berücksichtigung einer automatischen Löschanlage gegeben ist. Die Aussenwände bestehen aus Holz-Massiv­ fertigteilen mit nichtbrennbarer äusserer Ver­ kleidung. Basis für die urbane Aneignung des Gebäudes mit seinem Nutzungsmix ist die Flexibilität der Konstruktion mit einer hohen Effizienz in Bezug auf Wärmedämmung und Gebrauchs­ wert. Dieser resultiert aus dem modularen Aufbau und der Nutzungsneutralität der Flä­ chen. Serviced Apartements, Büros, ein Restau­ rant und Wellness-Einrichtungen sind im HoHo Wien zwar als Nutzung vorgesehen – dies lässt sich aber, marktbedingt oder nutzerbezo­ gen, mit einem wirtschaftlich vernünftigen Aufwand nachträglich auch ändern. Die Nach­ haltigkeit des neuen Holzhochhauses ergibt sich daher aus der Bündelung konzeptueller Ansätze: Der Werkstoff Holz ist ressourcen­ schonend, auch in Bezug auf die Graue Energie. Gleichzeitig sorgt die flexible und nutzerbe­ zogene Grundrissgliederung dafür, dass das Gebäude sehr lange genutzt werden kann. Ökonomische und ökologische Aspekte ergän­ zen sich so gegenseitig für ein überzeugendes Resultat.


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Ort Janis-Joplin-Allee 26, 1220 Wien (A) Eigentümer/Auftraggeber Cetus Baudevelopment GmbH, Wien (A), Investor Günter Kerbler Architektur RLP Rüdiger Lainer + Partner, Wien (A) Tragwerksplanung, Bauphysik RWT + ZT GmbH, Wien (A) Gebäudetechnik Dr. Roland Mischek ZT GmbH, Wien (A) Brandschutzplanung Kunz – die innovativen Brandschutzplaner GmbH, Mödling (A) Bauunternehmen Handler Gruppe (GU), Bad Schönau (A) Materialien total ca. 4350 m3 Holz; davon u. a. 800 Stück Brettschichtholz-Stützen; 14 400 m2 Brettsperrholz als Aussenwandelemente; PEFC-zertifiziert, TQB, LEED Investitionsvolumen rund EUR 75 Mio. Grundstücksfläche 3920 m2 Bruttogesamtfläche 25 000 m2 Baubeginn Oktober 2016 Fertigstellung 2019/2020 Fotografie Cetus Baudevelopment und Kito AT, Wien (A)

Decke von oben (Ausschnitt): Betonkern 120 mm Brettsperrholz fünflagig Nadelholz 160 mm Aussenwand von aussen (Ausschnitt): Brettsperrholz 140 mm Brettschichtholz-Stütze 400 mm

Schnitt Deckenknoten bei Montage

Grundriss Deckenknoten bei Montage

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Schnitt

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Wohnhochhaus Skaio, Heilbronn Mit zehn Geschossen und 34 m Höhe ist Skaio das aktuell höchste Holzhaus in Deutschland und macht damit einen ersten Schritt über die Hochhausgrenze. Im Rahmen der Stadtausstellung Neckarbogen ist das Gebäude Teil eines Ensembles mit acht individuellen Bauten und hat als urbaner Holzbau Modellcharakter für künftige Vorhaben vergleich­ barer Aufgabenstellung. Für die Planung von Skaio fiel die Wahl auf das Architekturbüro Kaden + Lager, das bereits mit verschiedenen Bauherrschaften Wohnungs­ bauten in Holz oder Holzhybridkonstruk­tionen realisiert hat. Das Holzhochhaus in Heilbronn verbindet eine nachhaltige Bauweise mit einem hohen Anspruch an die formale Gestaltung und ist ein Haus für die Gemeinschaft. Neben Gewerbe-, Gemeinschafts- und Nebenräumen im Erdgeschoss befinden sich auf den übrigen Geschossen 60 Mietwohnungen. Davon sind vier Wohngemeinschaften Teil der Aufbaugilde und der Offenen Hilfe, weitere 25 Wohnun­ gen sind öffentlich gefördert. Das Erdgeschoss bietet Raum für die alltäglichen Bedürfnisse des Wohnens: Fahrradabstellplätze, einen Waschsalon und eine Küche zum gemeinschaft­ lichen Kochen als Treffpunkt für die Bewoh­ nenden. Die kleinteiligen Ein- bis Zweizimmer­ wohnungen umfassen zwischen 40 und 70 m2 Fläche und lassen sich bei Bedarf zusammen­ schalten. Nahezu alle Wohnungen verfügen über eine Loggia und bieten viel Tageslicht. Eine grosse Wohngemeinschaft im sechsten Ober­ geschoss hat direkten Zugang auf eine eigene Terrasse. Das Dach ist als extensives Gründach ausgebildet, bietet aber auch zwei gemein­ schaftlich nutzbare Dachterrassen mit integ­ rierten Gemüsegärten, welche die Bewohnen­ den bewirtschaften können. Skaio wurde als Hybridkonstruktion ausgeführt: Wände und Decken sind aus Holz und machen den überwiegenden Teil der Konstruktion aus. Die tragenden Teile sind im Untergeschoss, im Erdgeschoss sowie im ersten Obergeschoss aus Ortbeton erstellt. Im zweiten bis neunten Obergeschoss besteht die Tragstruktur aus einer Holz-Stahl-Hybridkonstruktion nach dem Skelettbauprinzip. Die nichttragendenen, raum­ schliessenden Bauteile der Aussenwände sind holztafelartig ausgeführt: Die innere Beplanung besteht aus schlanken Brettsperrholz-Tafeln. Diese sind vom Wohnraum aus sichtbar und lediglich lasiert, womit alle bauphysikalischen und haptischen Potentiale des Materials zum Zug kommen. Die Decken bestehen aus Brettsperrholz, die Stützen aus Brettschichtholz. Die gesamten Horizontallasten der Aussteifung werden vom Stahlbetonkern, der auch als notwendiger Fluchtweg dient, abgetragen. Die sichtbar ein­ gebauten, 240 mm starken Brettsperrholzde­ cken spannen von innen (dem Stahl­betonkern) in Richtung der Aussenwände. Aufgrund der grossen Öffnungen in den Aussenwänden und auch um Setzungen vorzubeugen, liegen die Decken dort auf Stahlunterzügen auf. Diese

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wiederum tragen ihre Vertikallast über block­ verleimtes Brettschichtholz, das ebenfalls sicht­ bar ist, in das Fundament ab. Die Fassade ist eine hinterlüftete Konstruktion mit 4 mm starken, verdeckt montierten Aluminium­ blechen. Holz als Material ist vor allem im Gebäude­ inneren erlebbar: Holzdecken und Aussenwände sind sichtbar belassen. Ein Konzept, das auch für die übrigen Materialien gilt. Über dem verglasten Sockelbereich mit sichbarem Er­ schlies­sungskern aus Beton setzen sich die Obergeschosse mit der hochwertigen Alumini­ umfassade ab. Die Holz-Unterseiten der Log­ gien lassen dabei subtil erkennen, dass es sich bei Skaio um ein Holzgebäude handelt. Die schlanken Deckenaufbauten zeichnen sich in der Gestaltung der Fassade ab. Alles Aspekte, die für eine buchstäblich konstruktive Gestal­ tung sprechen und dem Material Holz ent­ gegenkommen: Der materialgerechte Entwurf schützt die Konstruktion bei gleichzeitiger Inszenierung. Mit der weitgehend werkseitigen Vormontage liessen sich vor Ort Zeit und Koordinationsauf­ wand einsparen, zusätzlich sorgte dieses Vor­ gehen für eine hohe Präzision. Die Errichtung eines Stockwerks dauerte jeweils knapp eine Woche. Für die Holzwände und -decken ver­ wendete man ausschliesslich Fichtenholz – über­ wiegend aus deutschen Wäldern und durch­ weg mit dem PEFC-Zertifikat für nachhaltige Forstwirtschaft versehen. Der Brandschutz war aufgrund der Gebäudehöhe eine besondere Herausforderung. So darf im Falle eines Brandes kein Rauch ins Treppenhaus dringen. Dies gelingt, indem im Brandfall ein Überdruck er­ zeugt wird, der das Sicherheitstreppenhaus rauchfrei hält. Weiter gehört zum Konzept eine Hochdruck-Feinnebellöschanlage, die Wasser­ nebel produziert, der die Flammen im Brand­ fall sofort und vor allem am Ort der Entstehung erstickt. Eine Technik, die ursprünglich aus dem U-Boot-Bau stammt. Im Unter- und Erd­ geschoss sind alle tragenden und aussteifenden Bauteile aus feuerbeständigem Stahlbeton her­ gestellt. Alle tragenden Elemente wie Wände, Stützen und Decken aus Holz entsprechen der Feuerwiderstandsklasse F 90. Neben dem Einsatz von Holz als nachhaltigem Material, das während seiner Nutzungsdauer CO2 einlagert, bestand beim Projekt zusätzlich das Ziel, Elemente und Materialien so zu planen, dass sie bei einem allfälligen Rückbau wiederverwertbar bleiben. Details sind so konstruiert, dass der spätere Austausch einzel­ ner Elemente ebenso möglich ist wie der Rück­ bau oder die Wiederverwendung. Die Bau­ teilaufbauten sind gänzlich trocken, und jedes Material ist sortenrein trennbar. Gerade im Bereich des Fussbodenaufbaus bedeutete dies eine ziemliche Herausforderung für Bauherr­ schaft, Planende und Bauschaffende. Auch das Thema Wohngesundheit fand Beachtung, indem man ausschliesslich Baustoffe mit geprüfter Zusammensetzung einsetzte.


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Ort Paula-Fuchs-Allee 2, 4; Heilbronn (D) Bauherrschaft Stadtsiedlung Heilbronn GmbH, Heilbronn (D) Generalunternehmer Ed. Züblin AG, Heilbronn (D) Architektur Kaden + Lager GmbH, Alexanderstrasse 7, Berlin (D) Landschaftsarchitektur AG Freiraum Jochen Dittus + Andreas Böhringer Landschaftsarchitekten PartGmbB, Freiburg im Breisgau (D) Bauleitung Züblin Timber, Aichach (D) Tragwerksplanung und Bauphysik Bauart Konstruktions GmbH & Co. KG, Berlin (D) Fachingenieur Brandschutz Dehne, Kruse Brandschutzingenieure GmbH & Co. KG, Braunschweig (D) Fachingenieur Haustechnik IFB Ingenieure GmbH, Bad Teinach-Zavelstein (D) Holzbau Züblin Timber, Aichach (D) Holzmenge 1280 m3 Baukosten EUR 11,8 Mio. Grundstücksgrösse 750 m2 Bruttogrundfläche 5685 m2 (oberirdisch) Bruttonutzfläche 3420 m2 Bauzeit Januar 2018 bis März 2019 Planzeichnungen Kaden + Lager GmbH, Berlin (D) Fotograf Bernd Borchardt, Berlin (D)

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Aufbau Decke von oben: Linoleum 5 mm Trockenestrich 25 mm Flächenheizung 30 mm Wabenschüttung 30 mm Trittschalldämmung 20 mm Holzfaserdämmung 40 mm Gipsfaserplatte als Rauchdichtheitsschicht 10 mm Wabenschüttung 30 mm Brettsperrholzdecke 240 mm

Aufbau Aussenwand von aussen: Aluminium-Glattbleche d = 4mm Einhängebefestigung, z. B. Agraffensystem Aluminium-Fugenhinterlegung Vertikale Unterkonstruktion Winddichtheitsebene sd = 0,2 m Gipsfaserplatte 18 mm Dämmung 280 mm Schwelle 80/280 mm Brettsperrholz 120 mm

Detail Anschluss Decke an Aussenwand

Detail Anschluss Decke an Aussenwand mit Fenster

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Palazzo Méridia, Nizza Wie ein Leuchtturm erhebt sich dieses ungewöhnliche Gebäude in der Var-Ebene, die sich in den letzten Jahren vom Agrarland zum Industrie- und Gewerbe­standort gewandelt hat. Der Palazzo Méridia verleiht dem neuen Stadtviertel Nizzas ‹Nice Méridia› einen entscheidenden Qualitätsimpuls. Mit acht Stockwerken und 35 m Gesamthöhe ist es bis dato das höchste Holzbauwerk Frankreichs. Nice Méridia – in unmittelbarer Nähe wichtiger Sport- und Freizeiteinrichtungen – entwickelt sich zu einem bedeutenden Wirtschaftshub mit Direktverbindung zum Flughafen. Das Konzept für dieses über 24 ha grosse Entwick­ lungsgebiet stammt vom Architekten und Stadtplaner Christian Devillers. Mit der Reali­ sierung des Palazzo Méridia beauftragte man

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die Gruppe Nexity Ywood und das Architek­ turbüro Architecturestudio, die auf das Knowhow des französisch-schweizerischen Holzbau­ experten CBS-Lifteam zurückgreifen konnten. Nähert man sich dem Komplex auf der mehr­ spurigen Strasse davor, sticht zunächst die markante Aussengestaltung ins Auge: Die Fas­ sade des Palazzo Méridia ist jener der Ca’ d’Oro in Venedig mit ihren von Masswerk überragten Säulen und Bögen nachempfunden. Ein gross­ maschiges weisses Netz aus bandbeschichte­ tem Stahl, das vor Sonneneinstrahlung schützen soll, zieht sich in der Form stilisierter Bäume nach oben. Es dient nicht nur der vertikalen Auflockerung, sondern auch als Grundstruktur für die bepflanzten Balkone, die 25 Prozent der gesamten Aussenfläche ausmachen. Diese sind als Treffpunkt für die Nutzer des Gebäu­

des gedacht und setzten nicht zuletzt der landwirtschaftlichen Vergangenheit der VarEbene ein Denkmal. In diesem aussergewöhnlichen Bau stellt das Holz seine Qualitäten unter Beweis. Zu den Beschränkungen der Baustelle zählten die ge­ ringe Breite des 1500 m² grossen Areals, von dem das Gebäude 85 Prozent einnimmt, so­ wie die Nähe der benachbarten Baustellen, die das Aufstellen von Kränen und die Anliefe­ rung und Lagerung von Bauteilen erschwerte. Schliesslich wurde ein einziger Kran genutzt, und es dauerte acht Monate für die Baustellen­ einrichtung und die Fertigstellung des Roh­ baus, während für die Holzkonstruktion fünf Monate aus­reichten. Lifteam löste das Problem der Lagerung von Bauteilen für die Geschoss­ decken: Auf Anfrage des für die Erdbebensicher­


Situation

heit des Gebäudes verantwortlichen Ingenieur­ büros CBT (St-Sulpice) konnte Schilliger Holz auf drei Balken montierte Geschossdecken­ module fertigen, deren Länge von 16,92 m der Gesamtbreite des Gebäudes entspricht und die sich somit per Ausnahmetransport anliefern und direkt vom Transporter aus einsetzen liessen. Für die Wände wählte man eine andere Heran­ gehensweise: Die 3,18 m breiten Wandele­mente konzipierte man als fortlaufende, das gesamte Gebäude tragende Fassadenstützen, die hori­ zontalen Elemente als tragende Stürze für die Geschossdecken. Diese beiden Elemente wurden auf der Baustelle selbst auf der jeweils fertiggestellten Geschossdecke montiert. Da man die vorgefertigten Elemente vor Ort montierte, waren für die bis zu 15,5 m langen

Module keine weiteren Ausnahmetransporte erforderlich. Lediglich die mittlere Wand ohne Öffnungen wurde in Holzrahmenbauweise gefertigt, um das Aufstellen zu erleichtern. Die tragenden Konstruktionen im Inneren beste­ hen aus 5,4 m langen Brettschichtholzbalken und Brettschichtholzpfeilern. Dank dieser geschickt orchestrierten Abfolge auf der Baustelle und einer optimalen logisti­ schen Abstimmung zwischen den beteiligten Unternehmen konnten jeden Monat zwei Geschosse mit jeweils zwölf Stützen und 16 Querbalken errichtet werden. Das verarbeitete Holz stammt zum grössten Teil aus französi­ scher Holzwirtschaft. Aus Beton sind ein Un­ tergeschoss und das Erdgeschoss, das durch zahlreiche Öffnungen mit der städtischen Um­ gebung kommuniziert. Da das Gebäude in

einem Gebiet mit mittlerer Erdbebenintensität steht, verfügt es über zwei ebenfalls aus Be­ ton errichtete Kerne mit 9 m Seitenlänge, in denen Aufzüge, Treppenhäuser und Sanitär­ räume untergebracht sind und die für eine zusätzlich Stabilisierung der Holzkonstruktion sorgen. Der Palazzo Méridia wurde mit mehreren Öko­ labels ausgezeichnet. Durch seinen Anschluss an das in Nice Méridia entwickelte ErdwärmeSmart-Grid und die Deckung des Stromeigen­ bedarfs durch Solarzellen auf dem Dach ist es wegweisend für das umweltverträgliche Bauen der Zukunft.

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Querschnitt

Längsschnitt

Regelgeschoss

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20 m


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Ort ZAC Méridia, Avenue Simone Veil, Nizza (F) Entwickler Neximmo 96/Nexity Ywood, Paris (F) Auftraggeber EPA Nice Éco-Vallée, Nizza (F) Architektur Architecturestudio, Paris (F); EDEIS, Nizza (F) und MBI, Paris (F) Städtebau Devillers & associés, Paris (F) Landschaftsarchitektur Tangram Architectes, Marseille (F) Technische Planungsbüros Egis Concept, Montreuil (F); BG Ingénieurs Conseils, Marseille (F); Qualiconsult, Nizza (F); APAVE, Nizza (F) Holzbauingenieur Egis Concept, Montreuil (F); CBT, St-Sulpice (CH) Ingenieur HLKS BG21, Montpellier (F) Holzbau CBS-Lifteam Rhône-Alpes, La Rochette (F) Holz Total 1580 m3 resp. 8705 m2, davon Decken Brettsperrholz CLT 1050 m3, Fassadenelemente Brettsperrholz CLT 350 m3; Stützen und Balken Brettschichtholz 180 m3; Holzrahmenkonstruktion 220 m2 Herkunft Holz Frankreich/Vogesen (68 %), Deutschland (22 %), Skandinavien (10 %) Zertifikat u.a. BEPOS Effiniergie 2017 Kosten Arbeit EUR 15,5 Mio. exkl. MWST Kosten Holz EUR 1,8 Mio. exkl. MWST Grundstücksfläche 1530 m2 Geschossfläche 7885 m2 und 1080 m2 (Parking) Nutzbare Fläche 7589 m2 Bauzeit Februar 2018 bis Februar 2020 Fotograf Antoine Duhamel Photography, Paris (F)

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Detailschnitt Knoten Decke/Stützen

Aufbau Decke von oben: Doppelboden aus Holz 30 mm Leerraum 70 mm Estrich 50 mm Trittschalldämmung 40 mm Brettsperrholz 180 mm Träger Brettschichtholz 320 x 480 mm Nicht sichtbare Verbindungsplatte Stütze Brettschichtholz quadratisch (variabel je nach Stockwerk)

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SUURSTOFFI-AREAL, ARBO, RISCH-ROTKREUZ (2019)

SPONSOR ERNE AG Holzbau Werkstrasse 3, Postfach CH-5080 Laufenburg +41 62 869 81 81 info@erne.net www.erne.net

Arbo ist mit 60 Metern schweizweit das höchste Holz-Hybrid-Hochhaus. Seine Mieter freuen sich auch bei sommerlichen Temperaturen über ein angenehmes Raumklima. Dank SupraFloor ecoboost2, dem ersten Holz-Hybrid-Bausystem mit Deckenklimatisierung. Kühlen, Heizen, Lüften und Akustik sind die Stärken dieses ERNE Systems. Es aktiviert die Betonmasse, die als Speicher dient: Beton nimmt Wärme und Kälte ausgezeichnet auf und gibt sie langsam wieder ab. Die Kombination von Holz und Beton mit der ecoboost2Deckenklimatisierung spart bis zu 60 % graue Energie in der Erstellung und bis zu 30 % Energie im Betrieb.

Foto Myriam Brunner, Winterthur Architektur ARGE Büro Konstrukt Architekten ETH SIA BSA, Luzern und Manetsch Meyer Architekten ETH SIA, Zürich

Lignum Holzwirtschaft Schweiz Economie suisse du bois Economia svizzera del legno Mühlebachstrasse 8 CH-8008 Zürich Tel. 044 267 47 77 Fax 044 267 47 87 info@lignum.ch www.lignum.ch

Redaktion Jutta Glanzmann, Lignum, sowie Ariane Joyet, Lignum-Cedotec Gestaltung BN Graphics, Zürich

Administration, Abonnemente, Versand Lignum, Zürich

Lignum-Mitglieder erhalten das Holz­bulletin und die technischen Informationen der Lignum, Lignatec, gratis. Die Rechte der Veröffentlichung für die einzelnen Bauten bleiben bei den jeweiligen Architekten. Alle Angaben stammen von den Bauplanern.

ISSN 1420-0260

Lignum-Hotline: 044 267 47 83 Benutzen Sie unsere Fachberatung am Telefon von 8–12 Uhr, die täglich von Montag bis Donnerstag gratis zur Verfügung steht.

Druck Kalt Medien AG, Zug

Holzbulletin, Juni 2020 Herausgeber Lignum, Holzwirtschaft Schweiz, Zürich

Das Holzbulletin erscheint viermal jährlich in deutscher und französischer Sprache. Jahresabonnement CHF 48.– Einzelexemplar CHF 20.– Sammelordner (10 Ausgaben) CHF 140.– Sammelordner leer CHF 10.– Preisänderungen vorbehalten.

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Holzbulletin 135/2020  

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