Imposanter Stadtbaustein

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Themenheft von Hochparterre, November 2022

Imposanter Stadtbaustein

Das neue Polizei- und Justizzentrum auf dem ehemaligen Zürcher Güterbahnhofareal ist der Kern eines neuen Quartiers im Westen der Stadt.

Cover: Die grossen Disteln gehören zum Kunstprojekt ‹ Listen to the Flowers › von U rsula Palla.

Die über alle Geschosse reichende Halle ist das Rückgrat der Erschliessung des Polizeiund Justizzentrums.

4 Vor dem PJZ war der Güterbahnhof

Weit vor der Stadt stand einst der modernste Güterbahnhof Europas, zuletzt ein Kunst- und Kulturort.

6 Auf Berg- und Talfahrt zum guten Ende

Die Planung rollte fulminant an und wurde dann gestoppt. Doch der Bau kam dann so richtig in Fahrt.

10 Stimmen aus der Politik

Die Zürcher Regierungsmitglieder Martin Neukom, Mario Fehr und Jacqueline Fehr haben alle mit dem PJZ zu tun.

14 Haus im Quartiermassstab

Unübersehbar steht das PJZ mit seiner grünen Steinfassade am Rand des Zürcher Vorbahnhofs.

22 Kontroverse Städtebau

Grundstein für ein neues Stadtquartier oder unüberwindbarer Riegel in Zürichs Westen?

26 Mustergültige Zusammenarbeit

Fast fünf Jahre dauerte die Bauzeit des PJZ. Bis zu 800 Personen waren gleichzeitig vor Ort.

30 Ein Kompetenzzentrum für fast alle Fälle

Kurze Wege und zeitgemässe Arbeitsplätze bringen mehr Sicherheit. Und das PJZ ist das Haus für aussergewöhnliche Lagen.

32 Kontroverse Justiz

Funktioniert die Gewaltenteilung, wenn Polizei, Staatanwaltschaft und das Zwangsmassnahmengericht unter einem Dach arbeiten?

34 Stimmen der direkt Beteiligten

Hans-Rudolf Blöchlinger, Projektdelegierter des Regierungsrates, und die Architekten Stefan Adler und Robert Surbeck blicken zurück.

36 Das Kasernenareal im Zeitraffer

Das PJZ macht den Weg frei für die Neunutzung des Kasernenareals. Doch der Weg dahin war lang.

Eine dichte Packung

Das Polizei- und Justizzentrum ( PJZ ) in Zürich ist ein ein maliges Gebäude. Erstmals sind die Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden eines Kantons unter einem Dach vereint. Entsprechend gross sind die Dimensio nen: 280 Meter lang, 115 Meter breit, mit Raum für über 2000 Arbeitsplätze, steht das in grünen Naturstein geklei dete Haus am Gleisfeld des Vorbahnhofs.

Vom Entscheid des Regierungsrats, hier das PJZ zu bauen, bis zu dessen Einweihung vergingen 22 Jahre. Doch die Wurzeln des Projekts reichen noch weiter zurück: Am 7. Dezember 1975 beschloss das Zürcher Stimmvolk, den Waffenplatz Zürich samt Kaserne ins Reppischtal zu ver legen. Dieser Entscheid löste eine intensive Debatte um die Zukunft des mitten in der Stadt gelegenen Kasernen areals aus. Während der Kanton das Hauptgebäude für die Zwecke von Polizei und Justiz nutzen wollte, kämpf ten Quartier und Stadt für eine öffentliche Nutzung des ganzen Areals. Erst der Vorschlag der Baudirektion unter der damaligen Regierungsrätin Dorothée Fierz, auf dem Areal des Güterbahnhofs einen Neubau zu erstellen, löste im Jahr 2000 den gordischen Knoten. Bis zur Realisierung des Grossprojekts waren zahlreiche politische Hürden –darunter zwei Volksabstimmungen – zu überwinden. Nun ist das PJZ vollendet, und das Kas ernenareal wird für die neuen Nutzungen frei.

Dieses Heft stellt das Polizei- und Justizzentrum in all seinen Facetten vor. Es zeichnet den politischen und planerischen Weg nach, den das Projekt seit dem Wettbe werbsgewinn von Theo Hotz Partner Architekten machte. Es wirft einen Blick auf die bautechnischen Herausforde rungen, und es zeigt, welche vielfältigen Funktionen sich hinter den streng geordneten Fassaden abspielen. Zum Auftakt widmet sich das Heft dem Güterbahnhof, der dem PJZ weichen musste, und Schlusspunkt bildet ein Blick auf das Kasernenareal, das nun nach fast 50 Jahren Planung für neue Nutzungen frei wird.

Es liegt in der Natur des PJZ – seiner Grösse und seiner Nutzung –, dass das Projekt umstritten war und ist. Zwei kontroverse Beiträge thematisieren den Städtebau und die in einem Haus konzentrierten Nutzungen.

Als Projekt des Kantons ist das Polizei- und Justizzen trum im Prinzip ein öffentliches Gebäude. Seine Nutzung verlangt jedoch, dass es für die Öffentlichkeit geschlossen bleibt. Umso wichtiger sind die Fotos in diesem Heft, die einen Blick hinter die Kulissen, ins Innere des imposan ten Stadtbausteins ermöglichen. Der Fotograf Till Forrer hat das Projekt über die ganze Bauzeit bis zur Fertigstel lung begleitet. Werner Huber, Marcel Bächtiger

Impressum

Verlag Hochparterre AG Adressen Ausstellungsstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon +41 44 444 28 88, www.hochparterre.ch, verlag@hochparterre.ch, redaktion@hochparterre.ch Geschäftsleitung Andres Herzog, Werner Huber, Agnes Schmid Verlagsleiterin Susanne von Arx Konzept und Redaktion Werner Huber, Marcel Bächtiger Fotografie Till Forrer, www.tillforrer.com Art Direction und Layout Antje Reineck Produktion René Hornung Korrektorat Dominik Süess Lithografie Team media, Gurtnellen Druck Stämpfli AG, Bern Herausgeber Hochparterre in Zusammenarbeit mit dem Hochbauamt des Kantons Zürich, Theo Hotz Partner, Zürich, und HRS Real Estate, Zürich. Bestellen shop.hochparterre.ch, Fr. 15.—, € 12.—

Themenheft von Hochparterre, November 2022 Imposanter Stadtbaustein Inhalt 3
Inhalt
Editorial

Vor dem PJZ war der Güterbahnhof

Güterbahnhof Europas, zuletzt ein Kunst- und Kulturort.

Als der Güterbahnhof Zürich am 17. Mai 1897 in Betrieb ge nommen wurde, geschah dies, wie der ‹ Tage s-Anzeiger › eine Woche später vermeldete, « ohne Sang und Klang ». Vielleicht galten der Bau und sein Zweck schlicht als zu profan für grössere Feierlichkeiten. Vielleicht war der Öffentlichkeit nicht bewusst, was für ein aussergewöhn liches Gebäude hier entstanden war. Vielleicht war die Sang- und Klanglosigkeit auch dem Umstand geschuldet, dass der Güterbahnhof damals ausserhalb der Stadt und ausserhalb des Wahrnehmungshorizonts lag. Zwar gehör te Aussersihl und damit das Güterbahnhofareal seit vier Jahren zur Stadt Zürich, doch die städtische Bebauung war erst bis zur Feldstrasse vorgerückt, und dort, wo nach Plä nen des Bahningenieurs Robert Moser der Güterbahnhof Gestalt annahm, lagen noch Felder und Wiesen.

Über ein Jahrhundert später, als man das Für und Wider eines Polizei- und Justizzentrums ( PJZ ) am selb en Ort diskutierte, hatte sich die Wahrnehmung des Areals grundlegend verändert. Aus einem infrastrukturellen Vor posten Zürichs war ein zentral gelegenes Stück Stadt ge worden, ein Bindeglied zwischen Langstrassenquartier und Hardbrücke, ein Ort auch mit starker Identität und be wegter Vergangenheit. Die Geschichte des PJZ ist deshalb auch die Geschichte des Güterbahnhof-Areals.

Der modernste Güterbahnhof Europas Bedeutung erlangt der Güterbahnhof zuerst in Bahn ingenieur- und Architektenkreisen, vornehmlich wegen des von Robert Moser entwickelten « Sägeprinzip s »: der staffelförmigen Anordnung der Gleise und Rampen, die ein speditives Verladen der Waren ermöglicht. Auf der In nenseite der beiden langgestreckten Hallen fahren die Züge vor, aussen parkieren die Lastwagen. Die längere Halle, die sich über 400 Meter entlang der Hohlstrasse erstreckt, dient dem Empfang von Waren, die kürzere, auf Gleisfeldseite, dem Versand. Ein repräsentativer Verwal tungstrakt, schlossartig auf einen grossen Platz und zur Stadt hin orientiert, schliesst die hufeisenförmige Anlage ab. Im Jahr 1900 – der B etrieb beschäftigt inzwischen Tag und Nacht mehr als 500 Personen – b erichtet die Londo ner Fachzeitschrift ‹ Lo comotive Magazine › über den Gü terbahnhof Zürich und seine ausgefeilte, platzsparende Organisation. Fortan gilt die Anlage als modernste in ganz Europa und findet Nachahmer im In- und Ausland.

In den folgenden Jahrzehnten steigt die Menge an ver ladenen Gütern unaufhörlich an. Noch während des Zwei ten Weltkriegs baut man weiter aus: Die Versandhalle wird um 120 Meter verlängert, der Verbindungsflügel aufge stockt. Pro Tag können nun 800 bis 900 Wagons be- und entladen werden. Die Schattenseiten des florierenden Betriebs lernen die Gastarbeiter aus Italien kennen, die viel zu zahlreich in viel zu kleinen SBB-Baracken unterge bracht sind und ständig zu Überstunden angehalten wer den. Ihre aufflammenden Proteste verstummen mit der Ölkrise von 1973, die auch einen markanten Einbruch des Güterumschlags nach sich zieht. Innerhalb von fünf Jah ren halbiert sich die Rekordmenge von jährlich 1,14 Mil lionen Tonnen nahezu.

Eldorado von Kleinunternehmern und Kreativen

Zur Entlastung des Güterbahnhofs tragen gleichzeitig der Rangierbahnhof Limmattal und der Schnellgutbahn hof Altstetten bei. Ihre Inbetriebnahme in den 1970er-Jah ren läutet die zweite Transformation des Areals ein: War der Güterbahnhof bis anhin ständig gewachsen, so stehen die kommenden Jahrzehnte im Zeichen seiner schrittwei sen Auflösung. Neue Umladebahnhöfe, neue Postzentren und neue Logistikkonzepte wie das dezentral angelegte ‹ Cargo Domizil › lassen die altge dienten Anlagen in Zü rich langsam, aber sicher obsolet werden. 1985 wird die Kantine mangels Nachfrage geschlossen, ein Jahr später werden die Gebäude ins ‹ Inventar der kunst- und kultur historischen Schutzobjekte von kommunaler Bedeutung › aufgenommen. Einen Vorgeschmack auf die künftigen Jahre, in denen der Güterbahnhof zur Heimstatt eines bunten Allerleis von Nutzungen wird, gibt der 17. Septem ber 1986: In einer leerstehenden Halle veranstaltet das Schuhgeschäft Löw eine Modeschau.

Im Kopfbau und in den seitlichen Schuppen mieten sich in den Folgejahren Kleinunternehmer, Gewerbebe triebe und Kreative ein. Weinhandlungen entdecken die optimalen Lagerverhältnisse und die attraktiven Ver kaufsräumlichkeiten in den riesigen Kellergewölben. Die laut Eigenwerbung « letzten Schr otthändler in Zürich » finden auf dem Ar eal eine Heimat. Der prominenteste Mieter aber ist Ralph Baenziger, der sich vom Chef-Archi tekten des nie realisierten Milliardenprojekts HB Süd west ( später Eurogate ) zum guten Geist de s Güterbahn hofs entwickelt. Unter seiner Ägide wird 2002 hier die ‹ Kunsthalle › eröffnet, die in die ganze Stadt ausstrahlt. Als Erstes arrangiert Baenziger eine Ausstellung mit Wer ken von Trudi Demut und Otto Müller, deren Nachlass er betreut, weitere folgen.

Zur Kunst gesellt sich die Bohème: Als das ‹ NZZ Folio › in der Serie ‹ Wer wohnt da ? › eine im Güterbahnhof einge nistete Wohngemeinschaft porträtiert, ist die Rede vom « Zustand permanenter Impr ovisation » und vom « kons e quent durchgezogenen Schmuddellook ».

Zu Kunst und Bohème gesellt sich schliesslich auch der politische Aktivismus: 2010 besetzt die ‹ Autonome Schule Zürich › eine Baracke auf dem Areal und bietet dort während dreier Jahre Sprach- und Informatikkurse für Asylsuchende und Sans-Papiers an, organisiert Theater workshops und Lesungen. Jeden Nachmittag treffen sich rund 200 Migrantinnen und Migranten. Gleichzeitig ge ben die SBB ihre letzten Büros und Dienstwohnungen auf. Und plötzlich rückt näher, was seit der Jahrtausendwen de beschlossen scheint: der Abriss des Güterbahnhofs zu gunsten eines Neubaus für die kantonale Polizei und Justiz.

Der lange Abschied

Als der Kantonsrat im September 2010 den Baukredit für das PJZ ablehnt siehe ‹ Auf Berg- und Talfahrt zum guten Ende ›, Seite 6, wittern die Sympathisanten des Areals nochmals Morgenluft. Den Grünen schwebt eine « Überb auung mit preisgünstigen Wohnungen und Gewerberäumen » vor, selbstverständlich mit Erhalt der historischen Gebäude.

Themenheft von Hochparterre, November 2022 Imposanter Stadtbaustein Vor dem PJZ war der Güterbahnhof4
Weit vor der Stadt stand einst der modernste
Text: Marcel Bächtiger

Hochbetrieb in der Verladehalle anno 1952. Quelle: SBB Historic

Gleise und Hallen kurz vor dem Abriss 2013. Quelle: BAZ, Foto: Thomas Hussel

1903: Der Güterbahnhof liegt am Rand der Stadt. Quelle: BAZ, Foto: Eduard Spelterini Kunstausstellung in den Hallen von Art Dock. Quelle: Art Dock

Buntes Brachenleben im Sommer 2016. Foto: Thomas Egli

Die Alternative Liste will, dass die Stadt das Areal erwirbt und im Interesse der breiten Bevölkerung nutzt. Von der Architektin Elisabeth Boesch kommt der Vorschlag einer « überraschenden, aber höchst plausiblen Rochade »: Das PJZ s oll in das in Bau befindliche Toni-Areal ziehen, die ZHdK auf dem kunstaffinen Güterbahnhof-Areal unterge bracht werden. Ein Komitee um den späteren Stadtrat Ri chard Wolff fordert die « Erhaltung und integrale Nutzung des Güterbahnhofs » als Eisenbahndenkmal von interna tionaler Bedeutung. Die Zürcher Wohnbaugenossenschaf ten – so das Komitee – seien in der Lage, auf dem Areal ein Projekt mit 1000 oder mehr Wohnungen zu realisieren. Doch alles bleiben Ideen: Eine zweite Volksabstimmung im Jahr 2011 ebnet der Realisierung des PJZ den Weg.

Es mutet bereits wie ein Abschied an, als Ralph Baen ziger in seiner Kunsthalle nochmals eine Retrospektive zu Demut / Müller ausrichtet. Nostalgisch b ewegt schreibt die ‹ NZZ ›: « Atmeten die Räumlichkeiten in der Kunsthalle des alten Güterbahnhofs an der Hohlstrasse nicht ebendiese Atmosphäre, die geradezu geschaffen ist für eine solche Ausstellung, müsste man mit grossem Ausrufezeichen proklamieren: Eine Schau von solchem Format gehört ins Kunsthaus Zürich ! » Das atmosphäris che Potenzial der Räume wittert auch das vegetarische Restaurant Hiltl, das im März 2012 in der Südhalle ein Popup eröffnet. Im mer sonntags ist die christliche Freikirche ICF zu Gast. Gegenüber, an der Hohlstrasse, stellt der Filmemacher Thomas Imbach seine Kamera auf und beginnt aus sei nem Atelierfenster hinaus den « qualvollen Tod des Güter bahnhofs » zu dokumentieren. Fast ein Jahrzehnt später wird daraus der Dokumentarfilm « Nemesis ».

Erinnerungen und Überbleibsel

Im Sommer 2013 beginnt der Abriss, Anfang 2014 ist der Güterbahnhof Geschichte. Einzig ein paar Memora bilia sind erhalten geblieben, eingelagert beim Denkmalschutz der SBB: Muster von Steinböden und Treppen geländern und dem Vernehmen nach ein grosses hundert jähriges Fass aus den Kellergewölben.

Einem gallischen Dorf gleich ist ganz am nordwestli chen Ende des Areals auch ein Stück der historischen Gü terhallen dem drohenden Abriss entkommen. Darin unter gebracht ist nicht nur das Managementzentrum des PJZ, sondern auch das Art Dock – die neue Wirkungs- und Sam melstätte von Architekt und Kurator Ralph Baenziger. Und auch hier gelingen wieder Ausstellungen, die weitherum Beachtung finden, von ‹ Wahnwelt-Wellen › im Jahr 2015 bis ‹ Frauenpower › 2016. « Allein der Lo ok ist überwältigend », s chwärmt der ‹ Tage s-Anzeiger ›, « Kunst, s o weit das Auge reicht, leidenschaftlich über alle Wände, Kojen, Decken, Durchgänge ausgebreitet. »

Üb erwältigend ist auch das Ausmass der Brache, die sich nebenan erstreckt. Weil sich der Baubeginn des PJZ verzögert, entsteht hier im Sommer 2016 nochmals ein Ort für das kollektive Gedächtnis der Stadt Zürich. Auf dem Areal entsteht der Güter-Garten, eine temporäre Buden stadt: Zwischen den aufgegebenen Bahngleisen und den Spundwänden der Baugrube lässt sich auf Liegestühlen relaxen, vor der Skyline von Zürich West strahlen die Lich ter eines Zirkuszelts. Es gibt eine improvisierte MinigolfAnlage und anderes Spielzeug, zahlreiche Bars und Ess stände. Und über allem leuchten hunderte Lampions.

Alles tempi passati ? Nicht ganz. Die Stadt hat die Hal le in Gebrauchsleihe übernommen und ermöglicht deren Zwischennutzung für weitere fünf Jahre. Hier, auf dem nordwestlichen Drittel des Güterbahnhof-Areals, soll im Anschluss an das nun eröffnete PJZ eine neue Kantons schule entstehen. ●

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Auf Bergund Talfahrt zum guten Ende

Kaum ein Bauprojekt des Kantons Zürich war politisch so umstritten wie das PJZ. Die Planung rollte fulminant an und wurde dann gestoppt. Doch der Bau kam richtig in Fahrt. « Befreiungsschlag für die Kaserne », titelt der ‹ Tage s-An zeiger › am 21. Septemb er 2000. Tags zuvor schlugen der Regierungsrat und die federführende Baudirektorin Do rothée Fierz vor, als Polizei-, Gefängnis- und Justizzentrale einen Neubau auf dem Areal des Güterbahnhofs zu errich ten. Dadurch könne das Kasernenareal von der polizeili chen Nutzung befreit und die politisch aufgeladene Nut zungsdiskussion entschärft werden. Für diesen Vorschlag erhält der Regierungsrat grosses Lob – von der SP bis zur SVP. Der gordische Knoten ist durchtrennt.

Schnell kommen die Dinge ins Rollen: 2002 beziffert eine Testplanung den Raumbedarf des ‹ Polizei- und Jus tizzentrums › ( PJZ ), wie es nun heisst, auf 54 00 0 Quadrat meter für 1750 Mitarbeitende. Die Kosten werden auf rund 540 Millionen Franken geschätzt: 430 Millionen für das Gebäude, 110 Millionen für das Grundstück. Getrübt werde die Aussicht auf den Neubau einzig durch den « unglaub lich langen Zeithorizont », meint Dorothée Fierz: Erst 2007 würden die SBB den Güterbahnhof freigeben, das PJZ kön ne drum frühestens 2011 bezogen werden.

Das Projekt kommt in Fahrt

Im Juli 2003 bewilligt der Kantonsrat mit 100 : 62 Stim men das Gesetz für ein Polizei- und Justizzentrum ( PJZGesetz ), kürzt aber den Rahmenkredit auf 490 Millionen Franken. Die anfängliche Euphorie hat an Schwung ver loren, die Grünen und die SVP stimmen gegen das Gesetz. Im Herbst sagt eine Mehrheit von 56 Prozent der Stim menden des Kantons Zürich Ja zum PJZ – in der Stadt deut licher als auf dem Land. Zwei Jahre später liegt das städte bauliche Konzept des Architekturbüros Gigon / Guyer vor. Es bildet die Grundlage für den Gestaltungsplan und für den Projektwettbewerb. Für die Präqualifikation melden sich 110 Architektenteams an.

Anfang Mai 2006 stellt die Baudirektion den Entwurf von Theo Hotz Partner als Sieger des Projektwettbewerbs vor. Es sei essenziell, dass das PJZ als ein einziges Gebäu de geplant werde, betonen der Kommandant der Kantons polizei, Peter Grütter, und der leitende Oberstaatsanwalt, Andreas Brunner: Die Überführung von Untersuchungs häftlingen aus dem Gefängnis zu den Justizbehörden solle aus Sicherheitsgründen innerhalb des gleichen Gebäudes erfolgen. Mit der Fertigstellung rechnen die Verantwortli chen frühestens 2012.

Als die Baudirektion im März 2009 das Baugesuch für das PJZ einreicht, sind die Kosten um 160 Millionen auf 700 Millionen Franken gestiegen. Davon entfallen 52 Mil lionen auf die Teuerung, der Rest auf zusätzliche Nutzun gen und neue Baustandards. Das Gebäude zählt nun fünf Obergeschosse statt nur vier wie im Wettbewerb. In einer Sparrunde können die Kosten auf knapp 570 Millionen ge drückt werden, was noch immer fast 80 Millionen mehr sind als der Rahmenkredit von 2003. Allerdings finden nun drei Abteilungen der Kantonspolizei doch keinen Platz mehr im PJZ.

Scherbenhaufen – oder doch nicht ?

Am 20. S eptember 2010 berät der Kantonsrat den Ob jektkredit. Weil sich schon im Vorfeld ein Nein abzeichnet, kommen gleich drei Regierungsräte ins Rathaus: Bau direktor Markus Kägi, Sicherheitsdirektor Hans Hollen stein und Justizdirektor Markus Notter. Sie betonen die betrieblichen Vorzüge des Projekts, argumentieren mit dem Volkswillen und weisen darauf hin, was ein Abbruch

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der Übung kostet. Nicht zuletzt würden damit 60 Millio nen Franken Planungskosten in den Sand gesetzt. Am Ende nützt alles nichts: Mit 89 zu 82 Stimmen bei 5 Ent haltungen lehnt der Kantonsrat den Objektkredit für das PJZ ab. Weil vor allem die Vertreterinnen und Vertreter der SVP, der Grünen, der GLP und der EDU Nein stimmen, schreibt die ‹ NZZ › tags darauf von einer « kons ervativgrünen Zweckallianz », die das Gro ssprojekt zum Schei tern gebracht habe.

Wie weiter ? Das ist die grosse Frage in den Tagen da nach. Die Situation ist eigentlich klar: Ohne Baukredit kein Gebäude, also auch keine Planung. Deshalb werden sämtliche Verträge mit den Planern aufgelöst. « Bei uns als Architekten betraf dies das PJZ-Team. Doch weil wir als Generalplaner auftraten, waren auch rund 120 weite re Beschäftigte in anderen Unternehmern davon betrof fen », blickt Robert Surbeck von Theo Hotz Partner heute auf diese Zeit zurück.

Während im Hochbauamt und in den Planungsbüros die Arbeit der letzten fast zehn Jahre schubladisiert wird, bleibt der Auftrag, auf dem Areal des Güterbahnhofs ein PJZ zu bauen, bestehen. Denn dies ist im PJZ-Gesetz fest geschrieben, das nach wie vor in Kraft ist. Folgerichtig be antragt der Regierungsrat im November 2010, dieses Ge setz aufzuheben. Dagegen ergreifen die PJZ-Befürworter das Referendum – und haben Erfolg: Am 4. September 2011 lehnen die Stimmberechtigten des Kantons mit 54,2 Pro zent Neinstimmen-Anteil die Aufhebung des PJZ-Gesetzes ab – und sprechen sich damit für den Neubau aus.

Wie Phönix aus der Asche

Auch wenn die gegnerische Seite bemängelt, dass die Abstimmungsfrage zu kompliziert gewesen sei – wer kein PJZ wollte, musste Ja stimmen und umgekehrt –, ist das politische Verdikt eindeutig. Nun ist es auch dem Kantons rat nicht mehr möglich, sich mit dem Hinweis auf einen vermeintlich veränderten politischen Willen gegen das Projekt zu stellen. Mit 120 gegen 12 Stimmen bei 38 Ent haltungen stimmt das Kantonsparlament im März 2012 dem 570-Millionen-Objektkredit deutlich zu. Kurz darauf lehnt das Bundesgericht eine letzte Beschwerde aus der Nachbarschaft gegen das PJZ ab. Ende Jahr überträgt der Regierungsrat die Leitung des PJZ-Teams im Hochbauamt an Hans-Rudolf Blöchlinger. Er hatte 2011 nach dem Ab gang von Stefan Bitterli interimistisch das Amt des Kan tonsbaumeisters übernommen und seither ständig mit dem Projekt zu tun.

Beim Neustart fährt man nicht einfach dort weiter, wo man ein gutes Jahr zuvor aufgehört hatte. Hans-Rudolf Blöchlinger lässt vielmehr alles nochmals von Grund auf überprüfen. « Bauen wir wirklich das Richtige ? », lautet die zentrale Frage. Auf Seiten der Bauherrschaft und der Nut zer sind viele neue Mitarbeitende dazugestossen, die das PJZ mit anderen Augen sehen.

Blöchlinger hat zwar ein baubewilligtes Projekt über nommen, doch reicht dafür das bewilligte Geld nicht. Ein fach das fünfte Obergeschoss wegzulassen, wie in einer früheren Sparrunde angedacht, wäre nicht praktikabel. Bautechnisch wäre es kein Problem, das Gebäude spä ter aufzustocken. Doch betrieblich – zumal bei einem si cherheitstechnisch so hochgerüsteten Bau – ist das un denkbar. Zunächst versucht Blöchlinger die Regierung zu einer Aufstockung des Kredits zu bewegen. Doch das ist ein politisches No-Go. Also sucht er zusammen mit den Architekten nach anderen Möglichkeiten, 50 bis 60 Mil lionen Franken einzusparen. Die Lösung liegt in der Ver kürzung des Hauses: Man erstellt zwar alle Untergeschos se, lässt jedoch ab dem Erdgeschoss zwei der sechs →

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Gigon / Guyer Architekten: Masterplan 2004 artner: Wettbewerb 2006, 1. Rang Staufer & Hasler / B osshard & Luchsinger W ettbewerb 2006, 2. Rang Arge Grazioli Krischanitz Wettbewerb 2006, 3. Rang

Gefängnismodule und einen Bürotrakt weg. Damit passt das Haus ins Budget – aber nicht in die Baubewilligung.

In der ( letztlich vergeblichen ) Hoffnung, dass der Regie rungsrat im Lauf der Zeit das Budget erhöht, vereinbart Blöchlinger mit der Stadt zwei Baubewilligungen.

Der lange Weg zum definitiven Projekt

Ein grosses Fragezeichen setzt Hans-Rudolf Blöch linger hinter das Konzept mit einem einzigen Eingang für das ganze Gebäude – inklusive Gefängnis. Die Hunderten von Bewegungen täglich sind sicherheitsmässig und logis tisch schwierig. Deshalb entstehen der Nebeneingang für das Personal weiter hinten an der Güterstrasse, der beim Vollausbau zu einem zweiten Haupteingang werden kann, und ein separater Eingang für das Gefängnis an der rück wärtigen Strasse Am Kohlendreieck. Das bringt logisti sche Verbesserungen und mehr Diskretion für Besuche rinnen und Besucher und die entlassenen Gefangenen. Das zuerst im Erdgeschoss an der Strassenfassade vorge sehene Restaurant wird in den grossen Innenhof verlegt. Das schafft Raum für mehr Arbeitsplätze.

Schrittweise nähern sich Bauherrschaft und Planer so dem definitiven Projekt an. 2015 liegt es vor. Sämtli che Spezifikationen sind in einem Testatdossier festge halten, das alle Beteiligten unterschreiben – bis hinauf zum Regierungsrat. « Was hier geplant ist, verstehe ich. Und das kriege ich »: Dies e Bescheinigung macht den Weg frei. An Blöchlingers Seite übernimmt Bruno Schulthess vom Hochbauamt die Gesamtleitung für das Bauprojekt. Er hatte zuvor auf dem Toni-Areal Erfahrungen mit einem ebenso grossen Vorhaben gesammelt. 2016 folgt die Aus schreibung für den Generalunternehmer.

Zu diesem Zeitpunkt basiert der Innenausbau auf einem Bürolayout mit auf die Hierarchie abgestimmten Einzelbüros. Die Räume für die Einvernahmen sind über den ganzen Bereich der Staatsanwaltschaft und der Krimi nalpolizei verteilt, was viel Platz beansprucht. Einerseits, weil es zu jedem Einvernahmeraum auch eine Abstands zelle braucht, andererseits, weil die Gänge 1,9 Meter breit werden müssten, damit zwei Polizisten einen renitenten Häftling zurück in die Zelle führen können.

Mehr Sicherheit und mehr Platz

Wie wäre es, wenn wir für die Einvernahmen einen zentralen Ort schaffen würden, fragte Hans-Rudolf Blöch linger. Bisher waren sich die Staatsanwältinnen und -an wälte und die Mitarbeitenden der Kripo gewohnt, dass die Verdächtigen zu ihnen geführt werden. Nun sollte das anders werden: Aus Sicherheitsgründen werden die Perso nen auf kurzen Wegen nur noch bis zu den Einvernahme räumen geführt. « Das war eine intensive Übung », erinnert sich Blöchlinger an die damit ausgelösten Diskussionen.

Auch das Zwangsmassnahmengericht ( ZMG ) verfügt im PJZ über Einvernahmeräume. Diese Instanz entschei det, wer in Untersuchungshaft muss oder wer mit Aufla gen wieder nach Hause darf. Zudem entscheidet es über die Verlängerungen der Untersuchungshaft. Die Räume des ZMG liegen jedoch in einem separat zugänglichen Be reich des PJZ – aus Sicherheitsüb erlegungen und um die Trennung von Justiz und Gericht zu unterstreichen.

Der Entscheid, hofseitig des Gefängnistrakts auf je dem Geschoss einen Einvernahmepool zu schaffen, ist für das Projekt gemäss Blöchlinger ein « Ries engewinn »: Die Verdächtigen müssen nicht mehr durch das ganze Gebäu de geführt, sondern sie können gleich nach nebenan ge bracht werden. Dadurch braucht es weniger Sicherheits abschnitte, sodass sich die Mitarbeitenden relativ frei im Haus bewegen können. Allerdings liegen die Einvernah

meräume nicht mit Tageslicht am Hof, sondern sind von ihm durch den Korridor abgetrennt, weil so der Weg aus dem Gefängnis in die Abstandszelle nicht über den Kor ridor führt. Diese Umstrukturierung ermöglicht es, dass auch bei Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei in Grup penbüros gearbeitet werden kann. Im gesamten Neubau gibt es nur noch ganz wenige Einzelbüros. Das spart Platz und erhöht die Raumqualität.

Am stabilsten überdauern die vier Gefängnisblöcke den Planungsprozess. Aber auch hier gibt es Anpassun gen, insbesondere auf Bestreben der Justizdirektion. Bis her war es üblich, dass die Gefangenen 23 Stunden in ihrer Zelle eingeschlossen waren und nur eine Stunde im Spa zierhof auf dem Dach verbringen konnten. Indem man jetzt vier Zellen zu einer Gruppe zusammenfügt und je mit einem Aufenthaltsraum ausstattet, haben die Gefangenen etwas mehr Freiraum.

Am Ende passt alles rein

Weil das Raumprogramm des PJZ reduziert werden muss, sollten einige Einheiten der Kantons polizei, da runter das Kommando, in der alten Polizeikaserne verblei ben. Das will die Politik ändern. In der parlamentarischen Initiative ‹ Wort halten ! › fordern FDP-Fraktionschef Tho mas Vogel und Mitunterzeichner von SP und GLP, dass das Kasernenareal vollständig für eine neue Nutzung frei ge geben wird. Anfang 2017 stimmt der Kantonsrat dieser In itiative deutlich zu. Doch wohin diese Teile der Kapo um ziehen sollen, ist zum damaligen Zeitpunkt nicht geklärt. Noch sagt Blöchlinger: « Wir haben keinen Platz », auch wenn im Hintergrund bereits umgeplant wird.

Gefunden wird er schliesslich im Forensischen Insti tut Zürich ( FOR ). Dies es ging aus dem Zusammenschluss der Kriminaltechnischen Abteilung der Kantonspolizei und des Wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei hervor und ist seit 2022 eine selbstständige öffentlichrechtliche Anstalt. Im Projekts von 2015 war das FOR auf eineinhalb Geschosse im Südostflügel verteilt. « Die brau chen zu viel Fläche, die zudem technisch aufwendig ist », fand Hans-Rudolf Blöchlinger. Die Architekten haben die zündende Idee: Wenn der Mittelbereich des 5. Oberge schosses erhöht wird, schaffen wir genügend Raum für die technischen Installationen, sodass das ganze Institut auf einem Geschoss Platz findet. Mit diesem Entscheid wird im 4. Obergeschoss viel Platz frei.

All diese Umplanungen schaffen am Ende den Raum für die 200 Mitarbeitenden aus der Polizeikaserne. Als dies klar ist, ist wieder der Regierungsrat an der Reihe. « Wir haben Platz für die Polizeikaserne geschaffen », sagt Blöchlinger, « aber ich brauche Geld. » Das PJZ- Gesetz von 2003 ermöglicht neue Mittel als gebundene Ausgaben.

Event in der Baugrube als Startschuss

Als diese Änderungen beschlossen werden, ist das PJZ längst im Bau. 2013 begann der Abbruch des Güter bahnhofs. Im September 2016 luden die Partner von Theo Hotz Architekten zum Event ‹ Moment Monument › an den Rand der riesigen Baugrube. Künstler Roman Signer hat te über die ganze Länge ein Seil gespannt. Darauf liess er von jeder Seite her ein Rennvelo mit Raketenantrieb aufei nander zurasen – bis zur Kollision. Als Sinnbild für die Zu sammenarbeit zwischen Bauherrschaft und Planer eignet sich diese Signer-Aktion jedoch nicht. Denn zum Schluss dieses jahrzehntelangen Projekts windet Hans-Rudolf Blöchlinger den Architekten – auch in ihrer Rolle als Ge neralplaner – einen grossen Kranz. Das kleine Team habe über die ganze Zeit hervorragend mit dem Kanton und der Generalunternehmung zusammengearbeitet. ●

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Versetzen von Deckenelementen Anfang 2018.

Personalrestaurant während dem Ausbau, 2021.

Stimmen aus der Politik

Ein Leuchtturmprojekt

Welches ist der grösste Gewinn, den das PJZ Ihrer Direktion bringt?

Das PJZ hat die Baudirektion eine halbe Ewigkeit begleitet. Es war für unzählige Mitarbeitende über Jahrzehnte ein hochspannendes, komplexes und anspruchsvolles Bau projekt. Ein Projekt, das den Mitarbeitenden Ausdauer, Flexibilität und Fingerspitzengefühl abforderte. Ein Pro jekt mit vielen Höhen und Tiefen, das punkto Grösse, vor allem aber punkto Komplexität seinesgleichen sucht. Und das PJZ ist wohl eines der demokratisch am besten legi timierten Bauwerke der Schweiz: Das Zürcher Stimmvolk sagte nicht nur 2003, sondern 2011 noch ein zweites Mal Ja dazu. Kurz: Das PJZ war über lange Zeit ein Leucht turm-Projekt der Baudirektion.

Welche Auswirkungen hat das PJZ auf die Arbeit in Ihrer Direktion?

Jetzt, nach Abschluss des Bauprojektes und mit der Inbe triebnahme des Gebäudes, fast keine mehr. Aber im letz ten knappen Vierteljahrhundert war die Baudirektion stark gefordert. Im Hochbauamt wurde nach der zweiten gewonnenen Volksabstimmung eine massgeschneiderte Organisationsform installiert. An deren Spitze rapportier te der Projektdelegierte Hans-Rudolf Blöchlinger direkt an die Projektaufsicht mit den Vorsteherinnen und Vorste hern der Baudirektion, der Sicherheitsdirektion und der Justizdirektion. Das war sicherlich einer der entscheiden den Erfolgsfaktoren.

Sämtliche Ämter der Baudirektion waren wohl irgend wann in das Projekt PJZ involviert, sei es bei rechtlichen oder kommunikativen Aspekten, bei Fragen der Raumpla nung, des Umweltschutzes oder der Altlastensanierung. Allen Mitarbeitenden, die dazu beigetragen haben, dass das PJZ am Ende als Erfolg abgebucht werden kann, ge bührt ein grosses Dankeschön.

Wären wir heute auf Feld eins: Was würden Sie anders machen?

Als ich in die Regierung gewählt wurde, war der Grund stein schon gelegt und das PJZ bereits im Bau. Ich habe lediglich die letzten dreieinhalb Jahre dieses langjähri gen Projektes begleitet, weshalb ich mich mit Verbesse rungsvorschlägen zurückhalte. Rückblickend hätte man viel leicht schon früher einen Projektdelegierten oder eine -delegierte einsetzen können. Und die Gebäudetechnik et was weniger hochinstalliert planen können.

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Martin Neukom ist seit 2019 Vorsteher der Baudirektion des Kantons Zürich.

Meilenstein für die Zusammenarbeit

Welches ist der grösste Gewinn, den das PJZ Ihrer Direktion bringt ?

Der B ezug des Polizei- und Justizzentrums ist ein Meilen stein. Zuvor war die Kantonspolizei Zürich während über 120 Jahren an der Kasernenstrasse 29 beheimatet. Ab jetzt wird für alle Mitarbeitenden in der Strafverfolgung hier der Ankerpunkt sein. Auch die Kantonale Führungs organisation ( KFO ) erhält mit dem PJZ einen modernen Standort, der zugleich flexibel nutzbar ist bei ausseror dentlichen Lagen. Dies ermöglicht eine einfachere und bessere Arbeit im Ereignisfall. Und auch dass die Einsatz zentrale der Kantonspolizei gleich nebenan ist, hilft bei einer raschen Reaktion auf Grossereignisse. Welche Auswirkungen hat das PJZ auf die Arbeit in Ihrer Direktion ?

Der mo derne neue Arbeitsort vieler Angehöriger der Kan tonspolizei Zürich wird sich positiv auf die tägliche Arbeit, den Verkehr mit den verschiedenen Partnern, die nun im gleichen Haus tätig sind, ja ganz allgemein auf den Um gang miteinander auswirken.

Was bedeutet das PJZ für Sie als Sicherheitsdirektor des Kantons Zürich ?

Ich bin überzeugt, dass das PJZ zu einem Vorbild schweiz weit für die Zusammenarbeit in der Strafverfolgung wird. Sicherheit ist eine Verbundaufgabe. Das beginnt im ein zelnen Korps, wo es auf jeden Angehörigen, jede Angehö rige individuell und deren Zusammenwirken in der Organi sation als Ganzem ankommt. Und das gilt gleichermassen für das Zusammenwirken der einzelnen Organisationen miteinander und untereinander. Unsere Kantonspolizei ist sich ihrer Verantwortung bewusst. Die Zürcherinnen und Zürcher können darauf zählen. ●

Die Lage bringt viele Vorteile

Welches ist der grösste Gewinn, den das PJZ Ihrer Direktion bringt ?

Da gibt es viele: Einerseits arbeiten jetzt verschiedene spezialisierte Einheiten der Erwachsenenstrafverfolgung unter einem Dach zusammen. Die Wege sind kürzer, der Austausch ist niederschwelliger. Auch für die Menschen im Untersuchungsgefängnis hat sich die Situation ver bessert. Die Wohnzellen sind verhältnismässig gross, die Fenster auch, die Räume sind hoch, und wir haben auf Git ter verzichtet. Zudem handelt es sich fast ausschliesslich um Einzelzellen. Und für die Gefangenen entfallen lange, unangenehme Transporte zu den Einvernahmen. Auch für die Mitarbeitenden bringt das neue Gebäude Vorteile. Sie profitieren von einem modernen, attraktiven Arbeitsort, der verkehrstechnisch gut erschlossen im Zentrum von Zürich liegt. Ich bin froh, dass im neuen Gebäude die Si cherheit für die Mitarbeitenden verbessert ist. An den vor herigen Standorten war sie zum Teil unbefriedigend.

Die Lage des Polizei- und Justizzentrums mitten in der Stadt gefällt mir auch aus einem zweiten Grund: Wir ma chen damit klar, dass wir die Strafgefangenen nicht aus schliessen aus unserer Gesellschaft, sondern sie in unse rer Mitte behalten. Die zentrale Lage ist schliesslich auch ein Vorteil, wenn Angehörige Besuche abstatten. Welche Auswirkungen hat das PJZ auf die Arbeit in Ihrer Direktion der Justiz und des Innern?

Die räumliche Nähe vereinfacht in die Zusammenarbeit, sei es innerhalb der Staatsanwaltschaft, zwischen Straf verfolgung und Gefängnis Zürich West, aber auch mit wichtigen Partnern wie der Kantonspolizei oder dem Fo rensischen Institut. Die Strafverfolgung und der Justizvoll zug sind ein grosses Räderwerk. Nur wenn alle Räder stö rungsfrei ineinandergreifen, läuft es rund. Ich verspreche mir auch vom neuen Gefängnis Zürich West viel: Eine mo dernisierte Gefängnisinfrastruktur ermöglicht es uns, wei tere Reformen zu verwirklichen, beispielsweise mehr Kon takte unter Gefangenen zuzulassen.

Wären wir heute auf Feld eins: Was würden Sie anders machen ?

Ich würde mir selber ein Büro im PJZ sichern. – Spass bei seite: Ich bin ja nicht nur für die Justiz zuständig. Die grundlegende Planung des Gebäudes ist zwanzig Jahre alt. Da ist man heute in gewissen Fragen weiter, beispielswei se in der Gestaltung von Gefängnissen. Aber unsere Mit arbeitenden sorgen mit viel Flexibilität und Ideen dafür, dass wir das Beste herausholen können. Und noch etwas: Eine wichtige Nutzergruppe sind auch die Strafverteidige rinnen und -verteidiger. Sie haben kaum mitreden können. Das würde ich ändern wollen. ●

Themenheft von Hochparterre, November 2022 Imposanter Stadtbaustein Stimmen aus der Politik 11
Jacqueline Fehr ist seit 2015 Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich. Mario Fehr ist seit 2011 Vorsteher der Sicherheitsdirektion des Kantons Zürich.

Hier könnte das PJZ dereinst wachsen. Aus der Ferne grüsst der Prime Tower. Wer genau hinschaut, entdeckt die Unterschiede im Fassadenraster, aber auch im Stein.

Die Drohnenaufnahme zeigt die Innenhöfe von Bürobereich und Gefängnis.

An der Hohlstrasse setzt sich das PJZ sechsgeschossig in Szene.

Haus im Quartiermassstab

Unübersehbar steht das Polizei- und Justizzentrum am Rand des Zürcher Vorbahnhofs. Hinter der grünen Steinfassade verbergen sich Büros, ein Gefängnis und drei grüne Höfe. Zweihundertachtzig Meter lang, hundertfünfzehn Meter breit: Die Dimensionen des Polizei- und Justizzentrums sind eindrücklich. Und auch wenn die am Bau Beteiligten den Vergleich mit einem Supertanker nicht mehr hören mögen, drängen sich Vergleiche auf. Mit gut 522 00 0 Ku bikmetern ist das Volumen des PJZ mehr als doppelt so gross wie der Prime Tower. Anderthalbmal hätte der Büro komplex Neue Hard vis-à-vis am Gleisfeld darin Platz. Ein zig der Circle am Zürcher Flughafen stellt mit einer Mil lion Kubikmeter das PJZ in den Schatten.

Im Neubau sind Abteilungen der Kantonspolizei, der Staatsanwaltschaft und des Justizvollzugs untergebracht. Zudem haben hier das Forensische Institut, die Zürcher Polizeischule und Teile des Zwangsmassnahmengerichts ihren Sitz. Insgesamt bietet das PJZ rund 2030 Arbeits plätze. Dazu kommen 241 Haftplätze für vorläufige Fest nahmen und für die Untersuchungshaft. Viele dieser Nut zungen waren bisher in der Polizei- und der ehemaligen Militärkaserne, in benachbarten Bürogebäuden sowie im provisorischen Polizeigefängnis auf der Kasernenwiese untergebracht. Andere Dienste waren weiter verstreut. 31 Standorte konnten die Justiz- und die Sicherheitsdirek tion des Kantons Zürich im Neubau vereinen.

Entworfen haben das grosse Haus die Architekten des Büros Theo Hotz Partner. Sie gewannen 2006 den Pro jektwettbewerb und waren eine der wenigen Konstanten im Projekt mit seiner wechselvollen Geschichte siehe ‹ Auf einer Berg- und Talfahrt zum guten Ende ›, Seite 6. Seit dem ersten Strich ist Robert Surbeck mit dabei. Er hat seinerzeit mit Theo Hotz am Wettbewerb teilgenommen und führt heu te, zusammen mit Peter Berger und Stefan Adler, das Büro. « Ich habe nie an einem komplexeren Raumprogramm ge arbeitet », meint der Architekt.

Teil eines künftigen Quartiers

« Als 2005 der Wettbewerb ausgeschrieben wurde, stand der Gestaltungsplan inhaltlich schon fest », sagt Ro bert Surbeck. Zu Beginn hätten sie sich kurz überlegt, ob sie den Städtebau akzeptieren oder verwerfen sollten. Es hätte ja reizvoll sein können, aus den unterschiedlichen Nutzungen eine kleine Stadt zu bauen. Funktioniert hätte das aber kaum, denn aus Sicherheitsgründen wäre daraus eine verbotene Stadt geworden. Im Lauf der Planung ha ben sich die Vorteile des einen einzigen grossen Gebäu des gezeigt: Das Konzept machte alle der zahllosen Ände rungen ohne grössere Konflikte mit.

Im Masterplan von Gigon / Guyer Architekten, der die Basis für den Gestaltungsplan bildete, ist das PJZ ein Bau stein für ein neues Stück Stadt, das sich zwischen Hohl strasse und Gleisfeld aufspannt. Seinen Kopf wendet der Neubau der Hohlstrasse zu, wo das PJZ im Stadtbild Prä senz markiert. Der grösste Teil der Längsseite springt je doch von der Hohlstrasse zurück und ist von einen baum bestandenen Strassenabschnitt gesäumt – das erste Stück einer Allee, die das Rückgrat des neuen Quartiers bilden soll. Die Rückseite wendet das Gebäude dem Gleisfeld zu.

Ob, wann und in welcher Form die anderen Teile des von Gigon / Guyer skizzierten Quartiers realisiert werden, ist offen. Vorerst führt das PJZ ein eher isoliertes Dasein und erscheint gross und strahlend neu als Fremdkör per. Dass nicht das ganze Gebiet in einem Zug neu bebaut wird, so wie die Europaallee, hat auch Vorteile: Je später die anderen Bauten realisiert werden, desto mehr wer den sie sich in ihrer Architektur unterscheiden.

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Text: Werner Huber

Kein Leisetreter

Es liegt in der Natur eines Polizei- und Justizzentrums, dass es weitgehend geschlossen ist und sich nur für weni ge öffnet. Und doch ist es ein öffentliches Gebäude: Bau herr ist der Kanton, die Steuerzahlerinnen und Steuerzah ler haben es finanziert. Deshalb war es für die Architekten klar, dass sie sich beim architektonischen Ausdruck an städtischen und kantonalen Amts- und Verwaltungsge bäuden orientierten. Anders als die Corporate Architec ture klassischer Dienstleistungsgebäude hat ein Haus der öffentlichen Verwaltung eine grössere Konstanz, meint Robert Surbeck. Mit diesem Bild im Kopf war es für die Architekten schon im Wettbewerb klar, dass das PJZ ein steinernes Gebäude werden soll – übrigens auch für The o Hotz. « Hotz war immer mehr als Stahl und Glas », sagt Ro b ert Surbeck über den 2018 verstorbenen Patron, der das Projekt bis 2010 begleitet hatte.

« Das Projekt hat in der Üb erarbeitung auf beeindru ckende Weise alle funktionalen, technischen und kos tenmässigen Anforderungen erfüllt. Die Grossform ist grundsätzlich städtebaulich richtig gesetzt », lobte die Wettbewerbsjury 2006 den Entwurf. Sie übte aber auch Kritik: « Aufgrund der geringen Differ enziertheit der Fas saden und der unzureichenden Gliederung des Volumens ist der grosse Baukörper ungenügend mit der unmittel baren Umgebung verschränkt und nicht umfassend im Städtebau integriert. »

Wie gingen die Architekten damit um ? Nun, zu einem Leisetreter machten sie das PJZ nicht. Die Grossform blieb gross. Das hat auch mit dem Charakter der Bauauf gabe zu tun, wie ihn die Architekten verstanden: aus den bisher auf zahlreiche Standorte verteilten Nutzungen et was Neues, Gemeinsames zu schaffen.

Diese Einheit sollte sich auch nach aussen manifes tieren, ohne jedoch monoton zu wirken. Die Differenzie rungen an den Fassaden sind allerdings erst auf den zwei ten Blick zu erkennen. In einzelnen Bereichen, etwa an den Gebäudeecken oder im Bereich der Erschliessungen, sind die Fenster grösser. An anderen Stellen schieben sich die schräg gestellten Steinplatten zu und lassen nur einen Schlitz frei. Als Stein für die Fassade wählte man schon 2007 den Verde Salvan aus dem Wallis – er ergibt mit den vielen Einschlüssen unterschiedlicher Grösse ein lebendiges Bild. Aus der Ferne wirkt er homogen, erst aus der Nähe zeigt sich seine Vielfalt. « Für mich steht dieses Bild auch ein wenig für die Gesellschaft », philos ophiert Robert Surbeck, und es passe zur Nutzung: « Abweichen des gehört mit dazu. »

Vielfalt im Innern

S o kompakt das Volumen von aussen wirkt, so vielfäl tig ist es im Innern. Es gibt drei unterschiedliche Typolo gien: die grossflächigen Untergeschosse, die den ganzen Fussabdruck des PJZ belegen. Darauf stehen die Gebäude flügel von Polizei und Justiz, die drei Höfe definieren, so wie der vierteilige Gefängnistrakt. An der Nordecke klafft eine grosse Lücke im Volumen. Aus Kostengründen er stellte man hier nur den Sockelbau und sparte das restli che oberirdische Volumen. Später können hier ein zusätz licher Bürotrakt und zwei weitere Gefängnisblöcke erstellt werden. Sie werden einmal den vierten Hof umschliessen. Heute ist hier ein offener Aussenbereich.

Der Zugang ins PJZ ist streng reglementiert und kon trolliert. Neben dem Haupteingang und der Anlieferung gibt es deshalb nur noch einen weiteren Zugang für Mit arbeitende an der Längsseite und den separaten Ein gang ins Gefängnis an der Rückseite. Wer im Haus sei nen Arbeitsplatz hat, gelangt nach der elektronischen →

Einer der Konferenzräume im obersten Stock.

Sitzungszimmer mit Glasabschluss zum Korridor.

Pausenbereiche mit Kaffeeund Wasserstation.

Büroräume, die noch auf die Belegung warten.

Besprechungszimmer gegen den Hof.

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Sicherheitskontrolle über eine Vereinzelungsanlage –eine Personenschleuse – ins Innere. Besucherinnen und Besucher – dazu gehören auch die Anwälte der Gefange nen – müssen durch die Sicherheitskontrolle mit Gepäck durchleuchtung und Metalldetektor

Sicherheit versus Bewegungsfreiheit

Angenehm ist dieses Prozedere nicht. Aber die an einem Ort konzentrierte, strenge Sicherheitskontrolle er möglicht es, dass die Mitarbeitenden sich im Haus relativ frei bewegen können. Die externen Besucherinnen und Be sucher können sich nach der Sicherheitskontrolle selbstständig bis zum Empfangsraum im jeweiligen Geschoss bewegen. Dies ist nur möglich, weil man in einer Projekt änderung die ursprünglich weit verstreuten Einvernahme räume zu Pools zusammengefasst hat, sodass keine Unter suchungsgefangene über weite Strecken durch das Haus geführt werden müssen. « Erst damit wurde die Basis für einen weitgehend flexiblen Ausbau geschaffen », erinnert sich Ronny Ott. Er hat als Gesamtprojektleiter zusammen mit Stefan Adler das Generalplanerteam bei Theo Hotz Partner während mehr als zehn Jahren bis zur Übergabe geführt. Das heisst nicht, dass man einfach nach Belieben durch das Haus spazieren kann ; jede Nutzungseinheit hat ihren separaten Bereich, der mit einem Badgezugang gesi chert ist. Aber innerhalb dieser Bereiche können sich die Mitarbeitenden weitgehend frei bewegen.

Der Dreh- und Angelpunkt im PJZ ist das über alle Ge schosse reichende Atrium mit der offenen Treppe und den Liften. Hier steht auch eine der drei übergrossen Disteln des Kunstprojekts ‹ Listen to the Flowers › von Ursula Pal la. Zwei weitere stehen auf dem Vorplatz. Das Rohmaterial der Disteln besteht teilweise aus Stahlteilen von Waffen, die von der Bevölkerung am jährlichen Aktionstag freiwil lig der Kantonspolizei übergeben wurden.

Ein normales Bürohaus

Was Aussenstehende überraschen mag: Zum grössten Teil ist das PJZ ein ganz normales Bürohaus. Die einzelnen Trakte sind dreibündig organisiert. Beidseits der Mittel zone mit Sanitär- und Nebenräumen sind die Büroflächen angeordnet. Auf der einen Seite blicken sie nach innen in den Hof, auf der anderen nach aussen in die Stadt. Die drei dicht bepflanzten Höfe sind auch eine Orientierungs hilfe im Haus. Weitere Fixpunkte in den Bürogeschossen sind siebzig über das Gebäude verteilte glänzend weis se Möbel. Hier gibt es Kaffee und Wasser, hier treffen sich die Mitarbeitenden zum Schwatz, hier entsorgen sie aber auch ihren Abfall. Denn Papierkörbe gibt es an den Arbeitsplätzen aus betrieblichen Gründen keine.

Alle Trennwände lassen sich einfach demontieren und verschieben, sodass eine Büroflächen rasch neu auf geteilt werden können. Bei Banken und Versicherungen ist das nichts Neues, in der öffentlichen Verwaltung hin gegen ist dies noch nicht so üblich. Mit diesem Grundprin zip kann im PJZ auch künftig auf Nutzungsveränderungen flexibel reagiert werden.

Bisher waren die Arbeitsplätze über viele Standorte verteilt, von denen jeder seine eigene Identität hatte. Dass nun alles an einem Ort konzentriert ist, war für viele Mit arbeitende ein anspruchsvoller Prozess. Nun gehe es da rum, gemeinsam eine eigene Identität für das ganze Haus zu schaffen, meint Stefan Henfler. Auch er ist als Gesamt projektleiter für die architektonische Gestaltung seit mehr als zehn Jahren im Team PJZ von Theo Hotz Part ner. Er hat diese Prozesse aus der Nähe miterlebt. Von den meisten sei dies positiv aufgenommen worden, meinen die am Projekt Beteiligten einhellig.

Viel von wenigem

Beim Innenausbau haben sich die Architekten auf we nige Materialien beschränkt. « Viel von wenig, statt wenig von viel », erläutert Stefan Henfler. Wenn Naturstein, dann Verde Salvan. Wenn Holz, dann Eiche. Wenn Beton, dann sichtbar. So zeigt sich das Materialisierungskonzept. Bei den Arbeitsplätzen kommen ein dunkler Teppichboden und Akustikelemente an der Decke dazu. Aussergewöhn lich sei es gewesen, dass die Architekten auch für die Mö blierung verantwortlich waren, betont Stefan Henfler.

Sind die Arbeitsbereiche auf effiziente Flächennut zung, Flexibilität und gestalterische Neutralität sowie Langlebigkeit ausgelegt, gibt es einzelne Bereiche mit grösserer Ausstrahlung. Dazu gehört in erster Linie das Raumkontinuum aus Eingangsbereich, Atrium und Kon ferenzbereich. Letzterer sitzt wie eine Krone über dem Haupteingang des Gebäudes. Beidseits des Atriums sind je drei Konferenzräume angeordnet, die sich bei Bedarf miteinander verbinden lassen. Wenn ein Ereignis einen grösseren Krisenstab nötig macht, wird dieser hier oben zusammenkommen. Dafür steht der KFO-Raum ( Standort für die kantonale Führungsorganisation ) zur Verfügung. Den prächtigen Blick über die Stadt wird dann wohl nie mand geniessen können.

Ein weiterer, speziell gestalteter Ort im PJZ ist das Personalrestaurant im Erdgeschoss mit einen 430 Plät zen. Ursprünglich an der Fassade geplant, sitzt es nun unter dem grossen Hof. Dies ermöglichte es, die Decke zu perforieren und den Grünhof mit kleineren Höfen bis ins Restaurant hinunterzuziehen, was für die fehlende Aussicht in die Stadt entschädigt. Hier haben die Archi tekten nicht mit Geraden und dem rechten Winkel, son dern mit geschwungenen Linien gearbeitet. Ein speziel ler, gut abgeschirmter Ort ist die Einsatzzentrale der Kantonspolizei im obersten Geschoss. Hier laufen die Notrufe zusammen, von hier aus werden die Einsätze ausgelöst und koordiniert. Eine grosse Bildschirmwand und Bildschirmbatterien an jedem Arbeitsplatz bestäti gen das Bild, das sich Aussenstehende von einer solchen ‹ Kommandozentrale › machen.

Im Untergrund verborgen

Das Gefängnis ist eine eigene Welt mit eigenen Regeln siehe ‹ Das Gefängnis – eine Welt für sich ›, Seite 17. Es ruht jedoch auf der gleichen baulichen Basis wie das ganze PJZ: dem dreigeschossigen, weitgehend im Untergrund verborge nen Sockelbau. Die Struktur mit den Höfen ist hier kaum wahrnehmbar, die Orientierung entsprechend schwierig. Aber auch hier sind für das PJZ wichtige Nutzungen unter gebracht. Dazu gehören eine Turnhalle mit Kletterwand und der Dojo-Raum, in dem die angehenden Polizistin nen und Polizisten sich in Kampfsportarten üben. Wei ter gibt es vier Schiesskeller sowie eine Einstellhalle mit rund 500 Parkplätzen. Diese sind fast ausschliesslich für Dienstwagen reserviert, die Mitarbeitenden dürfen nur ausnahmsweise mit dem Auto anreisen. Ein Teil der Einstellhalle kann als ‹ Haftstrass e › funktionieren, wenn bei Grosseinsätzen die Polizei viele Personen festnimmt. Dann wird die Turnhalle zum Einvernahmeraum. Wegen seiner Funktion war das Polizei- und Justizzen trum immer wieder der Kritik ausgesetzt. Manche sehen in ihm den monumentalen Ausdruck staatlicher Gewalt. Kann man als Architekt ein Gefängnis bauen ? Sie hätten sich durchaus mit dieser Frage auseinandergesetzt, sagt Robert Surbeck. Er hat eine klare Meinung: « Wenn man als Architekt Verantwortung gegenüber einer Gesellschaft wahrnehmen will, dann muss man sich auch mit schwieri gen Themen auseinandersetzen. »

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Spazierhof im obersten Geschoss.

Das Gefängnis –eine Welt für sich

Einer der vier Innenhöfe des Gefängnisses.

Ein weitgehend autonomer Teil innerhalb des PJZ ist das Gefängnis Zürich West. Der Eingang liegt an der Strasse Am Kohlendreieck an der Rückseite des Gebäudes – eine Diskretion, die Besuchende wie Entlassene wohl gleicher massen schätzen. Hier sitzt niemand eine Strafe ab: Es ist ein Gefängnis für die vorläufige Festnahme und für die Untersuchungsgefangenschaft. Entsprechend gross ist die Fluktuation. Dreissig Ein- und Austritte pro Tag sind durchaus möglich. Erst nach einem rechtskräftigen Ge richtsentscheid werden verurteilte Personen in eine Straf vollzugsanstalt verlegt.

Das grosse Thema ist, wen wunderts, die Sicherheit. Diese hat viele Facetten, wovon ein möglicher Ausbruch nicht einmal die wichtigste ist. An erster Stelle steht die Sicherheit der Menschen: die des Personals gleichermas sen wie die der Gefangenen.

Korridor mit Lift und Treppenhaus.

Korridor für Besucherinnen und Anwälte.

Die Zellen sind auf vier weitgehend voneinander ge trennte Module aufgeteilt. Damit gibt es keine Kollusions gefahr, wenn beispielsweise Banden festgenommen wer den. In der Mitte jedes Moduls sitzt ein Hof, um den herum auf drei Seiten die Zellen angeordnet sind. Im Untersu chungsgefängnis bilden in der Regel vier Zellen und ein Multifunktionsraum eine Gruppe, innerhalb derer die Tü ren tagsüber offen sein können. Die meisten Zellen sind mit zwei Betten, Toilette und Lavabo ausgestattet. Wände und Decken sind weiss gestrichen, am Boden liegt Parkett. Die Fenster sind grossflächig verglast und kommen – bis auf wenige Ausnahmen – ohne Gitterstäb e aus. Ein schma ler Lüftungsflügel lässt sich öffnen. Auf Bestreben der Jus tizdirektion unter Regierungsrätin Jacqueline Fehr wurde das Thema Suizidminderung wichtig. Aus diesem Grund wurden Multifunktionsräume eingeführt und anstelle der geplanten Doppelstockbetten gibt es normale Einzelbet ten. Auch der wohnliche Parkettboden ist eine Folge die ser Bemühungen. Auf den ersten Blick erinnert eine Zelle an ein Zimmer in einer modernen Jugendherberge. Ku scheljustiz? Nein: «Die Gefangenen sind durch die Gefan genschaft bestraft. Sie sollen nicht auch noch durch das Haus bestraft werden», erläutert Robert Surbeck.

Neben den normalen Zellen gibt es eine Anzahl spe zieller Räume: Sicherheitszellen, einen medizinischen Bereich, ein Zahnarztzimmer, aber auch Spezialzellen für Drogenkuriere. Davor steht jeweils eine Spezialtoilette, mit der kontrolliert werden kann, ob die zuvor im Rönt genbild festgestellten Drogenpäckchen wirklich alle zum Vorschein kommen. Auf dem Dach jedes Gefängnismo duls gibt es einen Spazierhof, in dem sich die Gefangenen eine Stunde am Tag unter freiem, wenn auch vergittertem Himmel bewegen können.

Zweierzelle im Untersuchungsgefängis.

Beim Gang durch das Haus bestimmen Schleusen und Gittertore das Bild, denn Bewegungen bergen das grösste Risiko. Aus Sicherheitsüberlegungen sollen die Gefangenen denn auch nicht allzu genau wissen, wo sie sich im Gebäude aufhalten. Darauf ist auch die Signale tik ausgelegt: Nur das geschulte Personal kann die Zah len- und Buchstabenkombination entziffern. Informa tion, die keine Informationen preisgibt: Auch dies ist ein Aspekt eines Gefängnisses. ●

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Längsschnitt

Querschnitt

Längsschnitt

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Längsschnitt Querschnitt 1./ 2 . Untergeschoss Erdgeschoss
Themenheft von Hochparterre, November 2022 Imposanter Stadtbaustein Haus im Quartiermassstab 19 3. Obergeschoss 2. Obergeschoss 5. Obergeschoss 0 10 20 m

Der Haupthof greift mit kleinen Höfen bis ins Restaurant.

Im Personalrestaurant brechen geschwungene Linien die Strenge des Gebäudes.

Die Büros im Innern sind gegen einen der dicht bepflanzten Höfe orientiert.

Korridor in einem der Gefängnistrakte.

Es kommt auf die Mischung an

Schon vor über sechzig Jahren hatte Jane Jacobs erkannt, wie wichtig für eine funktionierende Stadt die Mischung unterschiedlicher Nutzungen in kleinteiligen Strukturen ist. Basierend auf ihren Erkenntnissen aus dem bedrohten New Yorker Greenwich Village schrieb sie 1961 das Buch ‹ The Death and Life of Great American Cities ›. Jacobs hät te am Polizei- und Justizzentrum wohl keine Freude: ein grosser Block mit gerade mal drei Eingängen – durch die ausser den im Haus Beschäftigten erst noch kaum jemand freiwillig hineingehen möchte.

Doch eine Stadt besteht nicht nur aus kleinteiligen Strukturen mit lebendigen Nachbarschaften und hippen Läden und Restaurants. Weder Zürich noch New York. Zu einer Stadt gehören auch Bauten im grossen Massstab: Bahnhöfe, Theater, Hochschulen, Tramdepots, Kehricht verbrennungsanlagen, Lagerhäuser und – je länger, je we niger – Fabriken. Und nicht alle dieser grossen Brocken sind gleich öffentlich zugänglich. Am Ende macht es die Mischung aus, ob ein Quartier, eine Stadt lebenswert ist.

Zugegeben: Beim PJZ ist diese Mischung noch nicht vorhanden. Als Gegenüber hat es die unattraktiven Rück seiten der Häuser an der Hohlstrasse, Richtung Hardbrü cke breitet sich eine grosse Brache aus. Einzig das ‹ Art Dock › in den Überresten des Güterbahnhofs setzt einen bunten Akzent. Doch schon in zwei Jahren soll auf der Bra che eine neue Kantonsschule ihren Betrieb aufnehmen, in Provisorien zunächst, später in definitiven Bauten. Die 650 Schülerinnen und Schüler werden einen lebendigen Kontrapunkt zum verschlossenen PJZ setzen. Wenn dann dereinst die Grundstücke zwischen Hohlstrasse und Gü terstrasse entwickelt werden, kann aus der jetzigen Rück seite die zur Allee gerichtete Vorderseite werden. Ob dies im Rahmen des Masterplans von Gigon / Guyer passieren wird oder aus dem Bestand heraus, ist irrelevant. Haupt sache, die Mischung stimmt.

Abgeschlossener Ort, aber keine Barriere

Ab dem Ersten Weltkrieg, als der zuvor offene Exer zierplatz geschlossen wurde, war das Kasernenareal über Jahrzehnte nicht nur ein verbotener Ort, sondern auch eine Barriere an einer Schlüsselstelle zwischen Innen stadt und Aussersihl. Die teilweise Öffnung 1987 änder te daran wenig. Auch das neue Polizei- und Justizzentrum ist ein abgeschlossener Ort. Aber es ist keine Barriere. Denn das PJZ steht nicht als erratischer Block mitten im Stadtgefüge, sondern an dessen Rand. Hinter dem Gebäu de liegt unüberwindbar das Gleisfeld des Vorbahnhofs mit Gleissträngen, Abzweigungen und Viadukten. Das PJZ stellt sich niemandem in den Weg und kappt keine Verbin dungen. Es legt sich einfach mit seinem breiten Rücken an

das Gleisfeld und bildet so die Stadtkante von Aussersihl. Gerne sagt man, dass ein Gleisfeld eine Stadt in zwei Hälf ten teile. Das sieht zwar oft so aus, ist aber in der Regel nicht der Fall. Denn meistens waren die Gleise schon da, als die Stadt wuchs und sich an die Gleisfelder schmiegte. Das war auch in Zürich so, wie historische Luftaufnahmen von Ballonfahrer Eduard Spelterini illustrieren. 1847 fuhr die erste Bahnlinie der Schweiz noch durch Felder und Wiesen von Zürich Richtung Baden. Auch mehr als fünfzig Jahre später waren beide Seiten des Vorbahnhofs weitge hend unbebaut ; einzig der Güterbahnhof stand, lang und breit, an seinem Ort.

Was hier passiert, gab es schon vorher Oder sind es am Ende gar nicht die Grösse und der Standort des Polizei- und Justizzentrums, die bei vielen ein Unbehagen auslösen, sondern die Nutzung ? Klar: Nie mand hat gerne mit der Polizei oder mit der Justiz zu tun. Für manche sind aufgrund politischer Überzeugungen diese Institutionen ein Feindbild oder zumindest eine Pro jektionsfläche dafür. Doch letztlich gehört ein funktionie rendes Polizei- und Justizwesen zu den Voraussetzungen eines funktionierenden Staates.

Wie viel Raum diese Funktionen im Kanton Zürich ein nehmen, erstaunt angesichts des PJZ tatsächlich. Aber das, was jetzt im PJZ geschieht, passierte auch schon vor her, einfach auf 31 Standorte verteilt. Aus den Augen, aus dem Sinn ? Macht dies die ‹ Staatsmacht › weniger mäch tig ? Nein. Also dürfen sich diese Funktionen auch im Stadtbild manifestieren. Werner Huber ●

Kontroverse Städtebau

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Werner Huber ist Architekt und Redaktor sowie Mitglied der Geschäftsleitung der Zeitschrift Hochparterre.

Städtebauliche Durststrecke

Vielfalt und Verschiedenheit sind für eine Stadt essen ziell, das ist wahr. Und zur städtischen Vielfalt gehört, dass ein Stadtbaustein auch einmal uniform sein darf, so wohl was Aussehen wie Programm angeht – b ekanntlich ist die Stadt mehr als die Summe ihrer Teile. Ähnlich ver hält es sich mit Kriterien wie Grösse oder Öffentlichkeit.

Die Verschiedenartigkeit einer Stadt ergibt sich notwen digerweise aus unterschiedlichen Dimensionen, aus dem Nebeneinander von kleinteiligen Strukturen und gross massstäblichen Bauten, aus dem Kontrast von öffentlich zugänglichen und privaten oder abgesonderten Bereichen. Erst aus der Präsenz solcher Widersprüche und Reibun gen entwickelt die Stadt ihr erzählerisches Potenzial.

Wenn ich die Realisierung des PJZ auf dem Areal des ehemaligen Güterbahnhofs trotzdem für einen städtebau lichen Fehler halte, dann deshalb, weil auch das Plädoyer für Heterogenität kein Freipass für ein urbanistisches Any thing goes ist. Anders gesagt: Auch wenn im Grundsatz nichts gegen die Präsenz eines grossen Polizei- und Jus tizgebäudes auf städtischem Gebiet einzuwenden ist, ent bindet dies nicht von kritischen Fragen zum Wie und Wo, zum Ort, zur Massstäblichkeit, zum Ausdruck und zum An gebot an die städtische Öffentlichkeit.

Sicher, das ehemalige Güterbahnhofareal bot sich ge radezu an, dazumal, vor gut zwanzig Jahren, als man den Masterplan ausheckte. Das Areal war gross und man konn te es mehr oder weniger problemlos leerräumen. Es lag zentral, aber gehörte nicht wirklich zur Stadt. Ausserdem konnte im Gegenzug das Kasernenareal für eine öffentli che Nutzung freigespielt werden.

Und doch muss man sich aus heutiger Sicht über den kurzsichtigen Pragmatismus der damaligen Stadtplanung wundern: Weder erkannte sie das Potenzial und den Iden titätswert des historischen Güterbahnhofs noch die Rele vanz des Areals für die zukünftige Stadtentwicklung.

Zentrales Verbindungsstück verschenkt

Markierte noch Ende des 20. Jahrhunderts das Lang strassenquartier den letzten Vorposten urbanen Lebens, bevor die Atmosphäre ins Vorstädtisch-Genossenschaft liche kippte, so hat sich diese Grenze in den letzten Jah ren schrittweise stadtauswärts verschoben. Liest man nun die Abfolge von Idaplatz und Lochergut über Bullin ger- und Hardplatz nach Zürich West als bemerkenswer te Kette neu entstandener städtischer Orte im Westen, so wird gleichzeitig klar, dass mit dem Bau des PJZ eines der zentralsten Verbindungsstücke zwischen altem Lang strassenquartier und neuen Hotspots verschenkt worden ist. Das Güterbahnhof-Areal hätte zum einem Ort werden können, der gleichzeitig in die Vergangenheit und in die

Zukunft, nach Osten und nach Westen blickt, zu einem vielschichtigen Stadtbaustein, der dem Quartier um den Bullingerplatz den Zugang und den Blick auf die Weite des Gleisfelds eröffnet hätte. Stattdessen erwartet die Zür cherinnen und Zürcher nun an bester Lage eine städte bauliche Durststrecke – ein anonymer, langweiliger Ort.

Daran wird auch die weitere Entwicklung im Westen des Areals, wo eine Kantonsschule geplant ist, nicht mehr viel ändern. Das PJZ ist nämlich – und das ist das zweite städtebauliche Problem – nicht einfach nur gross, sondern sprengt mit seinen Dimensionen den gewohnten und ver träglichen Massstab. Mit entsprechender Dominanz wird es seinen Kontext auf Jahrzehnte hinaus prägen – es bleibt schwer zu integrieren. Dass die schiere Grösse auf die politisch ohnehin umstrittene Zusammenlegung von Poli zei, Staatsanwaltschaft und Zwangsmassnahmengericht zurückzuführen ist, sei nur am Rande vermerkt.

Kein öffentlicher Ort

Städtebaulich erklärbar wäre eine solche Massstäb lichkeit an diesem Ort jedenfalls nur mit einer eminent öf fentlichen Nutzung. Das PJZ – und das ist das dritte städte bauliche Problem – kann genau diese Öffentlichkeit nicht bieten. Ein Polizei- und Justizzentrum inklusive Verneh mungszimmer und Gefängniszellen ist aus naheliegenden Gründen kein für die Bevölkerung attraktiver Ort. Es ist auch kein gewöhnliches Büro- oder Verwaltungsgebäude. Die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen in und um das Gebäude sowie Monotonie und Introvertiertheit der Fas sade sprechen eine deutliche Sprache.

Ein übertrieben grosses und maximal geschlossenes Bauwerk an bester Lage aber ist kein gelungener Beitrag zur städtischen Vielfalt. Marcel Bächtiger ●

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Marcel Bächtiger ist Redaktor der Zeitschrift Hochparterre und war zuvor mitverantwortlich für ‹ Hochparterre Wettbewerbe ›

Im Sommer 2017 spielen sich die Bauarbeiten noch tief im Untergrund ab.

Im Januar 2018 ist am Rand der Baugrube vom PJZ noch nichts zu sehen. Im Hintergrund der Prime Tower.

Im Frühjahr 2018 ist das Kranballett in vollem Gange.

Im Sommer 2019 zeichnen sich die Konturen der künftigen Büroräume ab.

Mustergültige Zusammenarbeit

Fast fünf Jahre dauerte die Bauzeit des PJZ. Bis zu 800 Personen waren gleichzeitig vor Ort. Dies bedingte eine straffe Organisation und gegenseitiges Vertrauen.

Das Polizei- und Justizzentrum ist eine befestigte Stadt, die unterschiedlichen Bedürfnissen dienen und diese mit einander vereinen muss. Diese Diversität innerhalb des grossen Hauses prägte auch die Bauphase. Dabei muss ten substanzielle Änderungen berücksichtigt und der Bau dennoch termingerecht abgeschlossen werden – unter Respektierung des robusten architektonischen Konzepts, das mehr als zehn Jahre früher entstanden war.

Geleitet wurde die Realisierungsphase von einem Dreigestirn: der Kanton Zürich als Bauherr, das Architek turbüro Theo Hotz Partner als Generalplaner und das Ge neralunternehmen HRS. Gemeinsam sorgten sie dafür, dass der Bau nie aus dem Ruder lief und kein babyloni sches Chaos ausbrach. Und es galten – aufgrund der spe ziellen Bauaufgabe – b esondere Sicherheitsmassnahmen und eine strenge Zugangskontrolle zur Baustelle.

Als Bauherr stand der Kanton Zürich an der Spitze des Realisierungsteams. Ende 2012, Jahre vor der Grund steinlegung, wurde Hans-Rudolf Blöchlinger als Projekt delegierter bestimmt. Der Bauingenieur und Betriebsöko nom war direkt dem Regierungsrat verantwortlich und hatte bei Entscheidungskonflikten das letzte Wort. Inner halb des Hochbauamts schuf die kantonale Baudirektion das achtköpfige ‹ Te am PJZ › mit Architekten, B aufachleu ten und Technikspezialisten sowie dem Architekten Bru no Schulthess als bauherrenseitigem Gesamtprojektlei ter. Das Team musste die Bedürfnisse der verschiedenen Nutzerinnen und Nutzer unter einen Hut bringen. 2017, in einer frühen Realisierungsphase, bestimmte man Mi chael Wirth als ‹ Chef Betrieb PJZ ›. Er ist Hauptmann der Kantonspolizei, jener Institution, die das PJZ am intensivs ten und rund um die Uhr nutzt. Die Kantonspolizei ist als primus inter pares zuständig für den Gesamtbetrieb und konnte schon während dem Bau immer mitreden.

Als Generalplaner mit mehr als zwanzig Subplanern verantwortete das Büro Theo Hotz Partner als zweite In stanz in der Führungsstruktur die Arbeiten bis zur Über gabe der Gebäude an die Nutzerinnen und Nutzer. Stefan Adler und Robert Surbeck, Partner im Architekturbüro, so wie Ronny Ott und Stefan Henfler als Gesamtprojektlei ter führten das Generalplanungsteam durch die Projek tierung und die ganze Bauphase. Zum Generalplanerteam gehörten auch die Spezialisten, die die vereinbarten Stan dards überwachten: die Umweltverträglichkeit, die Vorga ben des Minergie-Labels oder die Mängelbehebung.

Ab 2017 machte HRS das organisatorische Dreigestirn komplett. Nicht zuletzt dank des günstigsten Angebots konnte sich das Generalunternehmen im Ausschreibungs verfahren gegen zwei Mitbewerber durchsetzen. HRS ver antwortete die Realisierung, den geordneten Baubetrieb und die Einhaltung der Kosten. Als Gesamtprojektleiter wurde Ralph Grund eingesetzt. Dieser lobt die Bauherr schaft: « Die Zusammenarb eit mit dem Kanton war ausge zeichnet. Es gab keine externe Bauherrenvertretung. Die direkten Kontakte schätzten wir sehr. »

Alle dies e Personen begleiteten das Projekt durch die Realisierungsphase. Dies gab der Führung über die Jahre eine personelle Kontinuität, die für das gegenseitige Ver trauen wichtig war. « Dank der integralen Zusammenarbeit des Generalplanerteams mit der GU-seitigen Fachbaulei tung sowie der rechtzeitigen Miteinbindung der ausfüh renden Unternehmer konnten viele Schnittstellen vermie den werden », sagt Ralph Grund rückblickend. So konnte man Probleme rechtzeitig erkennen und lösen.

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Text: Manuel Pestalozzi

Noch während der Realisierungszeit wurden Änderungen beschlossen, die den Beteiligten manchmal Schweiss perlen auf die Stirn trieben. Doch die Planung war so aus gerichtet, dass man auf Anpassungen, Detaillierungen oder Zusätze flexibel reagieren konnte. Dabei galt eine hohe Qualitätskultur, etwa die zwingenden Prüfverfahren, aber auch das bewusst kultivierte gegenseitige Vertrau en. « Die partnerschaftliche und respektvolle Zusammen arbeit der Parteien Hochbauamt, Nutzervertreterinnnen, Generalplaner und Generalunternehmer war sicher einer der Schlüsselfaktoren für den Erfolg des PJZ-Projekts », meint Stefan Adler.

Zum fixen Sitzungsrhythmus gehörten auch ‹ Eskala tionssitzungen ›, ein besonderes Tool, das HRS bei Gross baustellen einsetzt: « Da sitzen nur die Eigentümer von HRS und der Kunde am Tisch, allenfalls noch der Gesamt projektleiter », erklärt Ralph Grund. In dies er intimen Run de können schwierige, ‹ hinaufdelegierte › Konflikte ausdis kutiert werden.

Kurze Entscheidungswege

Die HRS-Eigentümer suchen in der Bauphase jeweils den Kontakt mit dem Auftraggeber. « Die Handschlagmen talität ist eine Spezialität unserer Firma », stellt Grund fest. Die kurzen Entscheidungswege und das Vertrauens verhältnis waren nach Grunds Überzeugung essenziell für die Einhaltung des Übergabetermins.

‹ Nach unten › wurde die Kommunikation nicht immer gleich positiv gesehen. So monierte ein Unternehmen, dass die Planungsvorläufe gelegentlich sehr kurz waren. Bei einem Vorhaben dieser Dimension sei das wohl unver meidlich, relativieren die Verantwortlichen.

Die Realisierung des PJZ war reich an ungewöhnlichen Ereignissen. Sie begann 2013 mit dem Rückbau des Güter bahnhofs und der Altlastensanierung. Einige ‹ Zähne › des alten Güterbahnhofs blieben zuerst noch stehen und dien ten als Managementzentrum, in dem auch Musterräume des Neubaus eingerichtet werden konnten. Aushub, der nicht kontaminiert war, wurde zwischen der PJZ-Baustel le und der Hardbrücke für die spätere Verwendung zwi schengelagert. Ein massgeblicher Teil der Baumateria lien – insbesondere die Rohstoffe für den gleich neben der Baustelle produzierten Beton – wurde per Bahn über die verbliebenen Schienen angeliefert. Dafür brauchte es aus Bern eine Konzession für ein paar Meter Privatbahn auf kantonalem Grund. « Der Bahnanteil an den transpor tierten Mengen erreichte knapp 70 Prozent », sagt Bruno Schulthess. Die Anlieferung über die Schiene sparte rund 45 700 Lastwagenfahrten mit 1,44 Millionen Kilometern, wie im Bericht der Umweltbaubegleitung nachzulesen ist.

Änderungen zeitgerecht umgesetzt

Substanzielle Änderungen in der Bauphase waren der technischen Entwicklung, neuen Regelwerken und dem Verdichtungsdruck geschuldet. Aber auch der zentrale Einvernahmebereich, die Konzentration des Forensischen Instituts und die Verlegung des Personalrestaurants in den grossen Innenhof sowie der Gefängnistrakt erforder ten grosse Anpassungen, sodass der Rohbau eines Ge bäudeteils in Rückstand geriet – ein Rückstand, den man jedoch wieder aufholen konnte. Der Entscheid, aus Si cherheitsgründen Kupfer- und keine Glasfaserleitungen für die Kommunikation zu verwenden, hatte weitreichen de Folgen bei der Dimensionierung von Steigschächten und Wandöffnungen. Schliesslich beeinflusste die Coro na-Epidemie die Schlussphase der Arbeiten und führte zu verzögerten Lieferungen von Fassadenteilen. Doch unter dem Strich lief alles nach Plan. ●

Ralph Grund, Gesamtprojektleiter PJZ, HRS Real Estate

Ralph Grund übernahm im Jahr 2017, mit 52 Jahren und fast zwei Jahrzehnten Erfah rung in der Firma, als Gesamtprojektleiter seitens HRS Real Estate das PJZ. Im Schnitt führte er ein Team von 25 Per sonen. « Ich bin stolz, dass wir gemeinsam ein so komplexes Gebäude realisieren konnten », sagt er mit Blick auf den guten Zusammenhalt im Team. Während der ganzen Zeit gab es nur einen einzigen Ab gang. Ralph Grund ist Wirtschaftsinge nieur FH und Tiefbautechniker TS und seit dem Jahr 2000 bei HRS. Als General unternehmerin übernahm HRS die ganze Kosten-, Qualitäts- und Termingarantie. Das Aussergewöhnliche an diesem Bau war nicht das Volumen an sich, doch aus einer Reihe von Gründen war das PJZ kein

‹ Business as usual ›: « Wir haben noch nie Schiessanlagen zusammen mit einer Turnhalle gebaut », sagt Ralph Grund. Gerade die Schiessanlagen boten beson dere Herausforderungen, durften sie doch den Betrieb in den Büros und den hochsensiblen Labors der Forensik nicht stören. Anspruchsvoll war auch das Gefängnis mit seinen hohen Anforde rungen, aber auch deshalb, weil die Betei ligten nicht im Detail über das Betriebs konzept informiert werden durften.

Aussergewöhnlich war zudem das Arbei ten im Blick der Öffentlichkeit: « Von der Hardbrücke her konnte jede und jeder zu schauen », so Ralph Grund und windet allen beteiligten Unternehmen ein Kränz chen. Und eine weitere wichtige und er freuliche Tatsache: Der Bau ging unfallfrei über die Bühne.

Mitarbeitende der internen Organisationseinheiten

– Kantonspolizei Zürich: 1400

– Staatsanwaltschaft Kanton Zürich: 200

– Gefängnis Zürich West ( 241 Plätze ): 150

– IT ( JI / Digital Solutions, FD / AFI ): 60

– Zürcher Polizeischule: ( bis zu 200 Aspi rantinnen und Aspiranten ) 10

– Forensisches Institut Zürich: 165

– Zwangsmassnahmengericht: 25

– Total: 2010

Energie

Bereits in der Planungsphase wurde das PJZ mit dem Label Minergie-Eco vorzertifiziert. Um den Energie -, Wärme- und Kältebedarf zu decken, wird vorwiegend regenerative Umweltenergie genutzt. Zur Ressourcenschonung tragen bei:

– Photovoltaikanlage auf dem Dach mit rund 350 kW-Peak

– Vier Abwärme- / Grundwasserwärme pumpen mit einer Wärmeleistung von bis zu 4000 kW

– Nutzung der Abwärme des Rechenzentrums und der EDV-Räume

– Wärmerückgewinnung bei den Lüftungsanlagen

– Vier Rückkühlwerke für ‹ Freecooling › ( Kühlenergie aus der Aussenluft ) Zusätzlich sind die Innenhöfe, das Dach und die provisorische Ostfassade begrünt.

Polizei- und Justizzentrum des Kantons Zürich Güterstrasse 33

Bauherrenvertretung und Gesamtleitung: Hochbauamt Kanton Zürich Architekt und Generalplaner: Theo Hotz Partner Architekten, Zürich Generalunternehmer: HRS Real Estate, Zürich

Bauingenieur Hoch- und Tiefbau: Basler & Hofmann, Zürich Haustechnik: HLKKS, GA, Fachkoordination PZM, Zürich Elektrotechnik und Beleuchtung: Hefti Hess Martignoni, Aarau und Zürich Landschaftsarchitekt: Krebs und Herde, Winterthur Kosten und Qualitätssicherung: Takt Baumanagement, Zürich Brandschutz: Amstein + Walthert , Zürich Sicherheit: Amstein + Walthert Sicherheit, Buchs Bauphysik und Akustik: Kopitsis Bauphysik, Wohlen Fassade: Mebatech, Baden Signaletik: WBG, Zürich

Gastronomie: Planbar, Zürich Verkehr: Basler & Hofmann, Zürich Hochwasser: Basler & Hofmann, Esslingen Bauökologie: Lemon Consult, Zürich Labor: ARO Plan, Oberägeri Aufzüge: HR. Wehrle Projektmanagement, Schachen bei Herisau

Qualitätssicherung Natursteinfassade: Materialtechnik am Bau, Schinznach-Dorf Kosten: Fr. 568,6 Mio. ( inkl. Erwerb Grundstück PJZ ), Fr. 191,3 Mio. für gebundene Ausgaben.

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Das Forensische Institut erhielt moderne helle Räume im obersten Geschoss.

Die Turnhalle und der Fitnessraum dienen unter anderem der Polizeischule.

Die Anlieferung und die Zufahrt liegen an der Rückseite des Gebäudes.

Bei Massenverhaftungen können diese Parkplätze zu Zellen werden.

Ein Kompetenzzentrum für fast alle Fälle

7 x 24: Was für die meisten Behörden ein Fremdwort ist, bildet das Rückgrat des Polizei- und Justizzentrums ( PJZ ) in Zürich. Hier wird rund um die Uhr gearbeitet. Denn nie mand weiss, wann Krisen, Katastrophen oder gar Kriege vor der Tür stehen. Dass sie auch in unseren Alltag he reinbrechen können, hat uns die jüngste Vergangenheit gelehrt. Und wenn in solchen Situationen etwas ohne Unterbruch funktionieren muss, dann sind es die Blaulichtorganisationen mit Polizei, Sanität und Feuerwehr.

Michael Wirth arbeitete nach dem Gymnasium einige Jahre im Finanzsektor, absolvierte 2003 die Polizeischule und studierte dann berufsbegleitend Betriebswirtschaft. 2017 startete er als Gesamtprojektleiter Betrieb PJZ kurz nach der Grundsteinlegung für das Gebäude. Die Gebäu dehülle war zwar vorgegeben, doch das Innenleben konnte teilweise noch definiert werden. Klar war, dass 26 bisher dezentrale Organisationseinheiten hier vereint werden. Doch wie ordnet man rund 1750 feste und zahlreiche fle xible Arbeitsplätze sinnvoll an ? Und was tun, wenn in ein paar Jahren die Büros umorganisiert werden sollen ? Wirth und ein breit aufgestelltes Team wissen, welche Be dürfnisse die verschiedenen Einheiten haben und wie und wo die Schnittstellen idealerweise funktionieren.

Sicherheit hat oberste Priorität

Ebenso wichtig wie eine sinnvolle Anordnung der Arbeitsplätze ist die effiziente Nutzung des Gebäudes. Es soll sparsam bewirtschaftet und – vor allem – jederzeit si cher sein: sicher für die Mitarbeitenden, sicher für die Be sucherin, aber auch sicher vor dem Besucher und ebenso sicher bezüglich Funktions- und Datenschutz.

Die Sicherheit beginnt hinter dem Eingang. Die Mit arbeitenden passieren eine sogenannte Vereinzelungs anlage: Im liftähnlichen Raum von 60 x 60 Zentimetern hat nur eine Per son Platz, die vordere Automatiktür öff net sich erst, wenn die hintere ganz geschlossen ist. Das verhindert, dass sich Unberechtigte ins Gebäude ein schleichen. Wer für einen Besuch ins Gebäude möchte, braucht ein Zutrittsticket mit QR-Code. Nur so schafft er oder sie es zur nächsten Schranke mit dem Team für Per sonen- und Gepäckkontrolle, wie man sie vom Flughafen her kennt. Fällt beim Röntgen das zufällig mitgeführte Ta schenmesser auf, wird es gegen eine Quittung konfisziert und kann erst nach Verlassen des PJZ wieder behändigt werden. Neben Waffen – in Kürze werden selbst Glas flaschen als potenzielle Objekte zur Fremd- und Eigen gefährdung verboten – soll hier insbesondere das Ein schmuggeln von Drogen verhindert werden. Hinter der Kontrolle liegt der Wartebereich. Einzig die Dolmetsche rinnen und Dolmetscher können direkt in den für sie re servierten Bereich weitergehen.

Der Bürobereich bleibt tabu

Alle anderen Externen werden im Wartebereich abge holt und in eines der Sitzungs- oder Vernehmungszimmer begleitet, die meist in den Gebäudeecken liegen. Auch die se Bewegungen sind eingeschränkt: « Einfach mal durch den Verwaltungsbereich spazieren, das geht nicht », er klärt Wirth. Zu gross sei das Risiko, dass zufällig ein Blick auf einen Bildschirm mit heiklem Inhalt fällt oder ein aus gedrucktes Dokument in falsche Hände gelange. Dass Be sucherinnen und Besucher nicht durch die Verwaltungs bereiche geführt werden dürfen, liegt auch daran, dass die verschiedenen Organisationseinheiten nur durch raum

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Das Polizei- und Justizzentrum verkürzt die Wege und bietet zeitgemässe Arbeitsplätze. Es bringt mehr Sicherheit und es ist auch ein Haus für aussergewöhnliche Lagen.
Text: Pieter Poldervaart

teilende Glasscheiben voneinander getrennt sind. Nur wenige Kaderpersonen verfügen über Einzelbüros, die mit durchschnittlich 18 Quadratmetern eher bescheiden ausfallen. « Die an den früheren 26 Standorten gewachse nen Strukturen haben wir nicht tel quel übernommen, son dern die angemeldeten Bedürfnisse systematisch hinter fragt », erklärt Wirth. Wer zuvor in grosszügiger Umgebung gearbeitet hatte, beantragte erneut ein Einzelbüro – doch dieses wird erst ab einem bestimmten ‹ hierar chischen Schwellenwert › gewährt. Im PJZ arb eitet die überwiegen de Mehrheit der Beschäftigten in Gemeinschaftsbüros. Trotzdem droht kein Dichtestress: Akustikplatten schlu cken Geräusche, für Besprechungen stehen auf drei Sei ten geschlossene Kojen, für sensible Telefonate komplett abgeriegelte Bereiche zur Verfügung.

Bei der Aufteilung der Arbeitsplätze ist Flexibilität grossgeschrieben: Unverrückbar sind nur die Aussenfassa den und die tragenden Wände um Erschliessung und Tech nik. Die Zwischenwände der Büroflächen lassen sich neu anordnen. Dann werden Beleuchtung und Lüftung neu ein gestellt und die Teppiche anders verlegt. « Dafür brauchen wir bloss ein paar Tage », beschreibt Wirth den minimalen Aufwand. Insgesamt siebzig Kaffeeecken stehen auf den Etagen zur Verfügung, wo Getränke und Snacks besorgt wer den können und wo auch die Papiere entsorgt werden. « Das Bringsystem entlastet unser Facility Management und hat auch einen ökologischen Hintergrund », begründet Wirth.

Kurze Wege

Viel Raum im PJZ beanspruchen Kantonspolizei, Oberstaatsanwaltschaft, die drei Abteilungen der Staatsan waltschaft, die auf schwere Gewaltverbrechen, Cyber kriminalität und Wirtschaftskriminalfälle spezialisiert sind. Bei der Zuteilung an die einzelnen Organisationsein heiten wurde auf vielfach nutzbare Räumlichkeiten und effiziente Prozesse geachtet. So schliessen die 72 Einver nahmeräume direkt an den Gefängnisbereich an, wo ma ximal 241 vorläufig Festgenommene und Untersuchungs häftlinge untergebracht werden können. Das ermöglicht kurze Wege: Schon bei der Buchung eines Einvernahme raums wird berücksichtigt, dass dieser möglichst direkt am Zugang des entsprechenden Zellentrakts liegt. « Da mit legen Gefängnispersonal und beschuldigte Person nur wenige Meter zu Fuss zurück, bis sie im Vernehmungszim mer ankommen – das reduziert das Risiko, dass etwas pas siert », begründet Wirth.

Die Hälfte der Vernehmungsräume ist mit einer Infra struktur für Videokonferenzen ausgerüstet: Dem Täter werden seine ihm zustehenden Teilnehmerechte gewährt, ohne dass das Opfer im selben Raum wie der Beschuldig te sitzen muss. Im Gefängnis des PJZ sind die Beschuldig ten nur einige Stunden oder Tage. Für den täglichen Spa ziergang im Freien stehen ihnen vier Höfe zur Verfügung, die gut gesichert sind: Der Gefängnistrakt ist vom Verwal tungstrakt baulich getrennt und wird betrieblich separat verwaltet. Dies erhöht die Sicherheit zusätzlich.

Schlösser ohne Schlüssel

Ein besonderes Augenmerk gilt der IT-Sicherheit, die nicht an einen externen Dienstleister vergeben ist, son dern inhouse betreut wird. Es stehen auch keine Arbeits platzdrucker zur Verfügung, bei denen immer mal wieder Prints liegen bleiben, die von Dritten missbraucht wer den könnten. Deshalb funktionieren die Druckerräume mit dem Follow-me-System, das erst druckt, wenn die verantwortliche Person am Gerät den Befehl gibt. Allfäl lige Makulatur kann direkt in einem gesicherten Contai ner entsorgt werden. Im Haus gilt ausserdem ein Clean-

Screen- und Clean-Desk-Management: Beim Verlassen des Arbeitsplatzes muss der Bildschirm ausgeschaltet und das Pult frei von Dokumenten sein. Um diese Politik umzusetzen, nutzt Wirth einen Trick: « Die Büros verfügen zwar über Zylinderschlösser, doch Schlüssel geben wir keine ab. » Damit vermeide man, dass Unterlagen herum liegen und die Mitarbeitenden, statt die Dokumente kor rekt wegzusperren, einfach ein Büro abschliessen. Wirths Überlegung: « Die Putzkolonne braucht Zugang zu allen Räumen – mit herumliegenden Papieren wäre die Datensi cherheit bereits wieder geritzt. »

Gerüstet auch für Massenverhaftungen

Aus der ‹ Asser vatenkammer › dringt ein süsslicher Duft – « da wurde Cannabis sichergestellt », kommentiert Wirth trocken. Ebenfalls nur mit einer besonders restrik tiv vergebenen Sicherheitsstufe zugänglich ist die Waf fenkammer auf der Etage mit den rund 500 PW-Parkplät zen. Letztere werden so zugeteilt, dass der Nutzer oder die Nutzerin einen möglichst kurzen Weg zum Arbeitsplatz zu rücklegen muss. Doch die Vergabe ist eingeschränkt: Nur wenn es aufgrund der Schichtzeiten, eines Pikettdiens tes oder eines Einsatzes erforderlich ist, dürfen Privat fahrzeuge im PJZ parkiert werden. Wer zu normalen Bü rozeiten arbeitet, kommt mit dem öV oder stellt sein Velo in den gedeckten Unterstand für 370 Zweiräder vor dem Gebäude ab. Eine der Einstellhallen ist etwas lockerer be setzt, ein halbes Dutzend Nischen verfügen über Gitter tore: Im Fall von Massenverhaftungen könnten hier über hundert Personen kurzfristig eingeschlossen werden. Auf dem Stockwerk darüber, der Zufahrtsebene, stehen die Einsatzbusse und weitere Spezialfahrzeuge.

Selber machen bringt Sicherheit

Entgegen dem allgemeinen Trend lagert das PJZ nur das Allernötigste aus. In der Personalküche beispiels weise stehen direkt angestellte Köche hinter dem Herd. « Kommt es zu einer Pandemie wie Corona, wollen wir si cherstellen, dass unser Personal verpflegt werden kann. Wir planen deshalb so, dass wir auch in einer ausseror dentlichen Situation voll handlungsfähig bleiben », erklärt Wirth. Selbst eine mobile Verpflegung der Einsatzkräfte wäre möglich, etwa bei einem Grossereignis, das mehrere Tage lang von Ermittlern und Forensikerinnen untersucht werden müsste. Auch die Innenreinigung des ganzen Ge bäudes bestreitet man grösstenteils selbst. Das kommt zwar etwas teurer als eine externe Firma, doch auch hier sinkt mit eigenen Beschäftigten das Risiko, etwa im Be reich Datenschutz. Selbstverständlich existiert auch eine Notstromanlage. Und weil die Fahrzeugflotte jederzeit ein satzbereit sein muss, unterhält das PJZ eine eigene Werk statt inklusive Tankstelle und bildet sogar einen Automo bilfachmann-Lehrling aus.

Zum Schluss geht es mit dem Lift in den sechsten Stock, wo sieben Räume, die modulmässig zusammenge setzt werden können, für Konferenzen zur Verfügung ste hen. « Öffentliche Veranstaltungen gibt es hier keine, das wäre sicherheitstechnisch zu aufwendig », betont Wirth.

Die luftigen, mit modernster Präsentationstechnik aus gerüsteten Säle sind für Kurse des Schweizerischen Poli zeiinstituts oder für einen Kaderrapport vorgesehen. Und schliesslich eignen sich die vollverglasten Sitzungszim mer auch als Stabsräume bei Krisen oder Katastrophen. ●

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Kontroverse Justiz

Jacqueline Fehr ist seit 2015 Regierungsrätin und leitet die Direktion der Justiz und des Innern, zu der die Staatsanwaltschaft und der Justizvollzug, nicht aber die Polizei gehören.

Vertrauen in das Gewaltmonopol des Staates

Jacqueline Fehr, Regierungsrätin und Vorsteherin der Di rektion der Justiz und des Innern, und Antigone Schobin ger, Rechtsanwältin und Vorstandsmitglied der Demokra tischen Justinnen und Juristen Zürich, diskutieren über das neue Polizei- und Justizzentrum PJZ.

Die örtliche Zusammenlegung von Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden im PJZ hat zum Ziel, die Kriminalitätsbekämpfung zu verbessern und somit letztlich auch die Sicherheit aller Einwohnerinnen und Einwohner zu stärken. Vermittelt das Gebäude ein gestärktes Sicherheitsgefühl ?

Jacqueline Fehr: Der Staat hat das Gewaltmonopol und ist für die Sicherheit zuständig. Dafür setzt er viele Ressour cen ein. Denn Sicherheit gibt es nicht einfach so, sie wird ‹ hergestellt ›. Das neue PJZ ist impo sant und löst einen Wow-Effekt aus. Die Grösse des Gebäudes zeigt, wie viele Menschen es braucht, damit wir uns im Kanton so sicher fühlen. Mir gefällt es, dass diese Menschen nicht irgend wo an der Peripherie tätig sind, sondern an einem zentra len Standort, also mitten in der Gesellschaft. Schliesslich ist Sicherheit ein Thema, das uns alle betrifft, und zwar ganz elementar. Das Gebäude ist unbestritten wuchtig. Mir fallen aber zuerst die hohen Metalldisteln auf. Dieses Kunstwerk finde ich sehr gelungen.

Für die Blüte der Disteln hat die Künstlerin Ursula Palla zurückgegebene Waffen eingeschmolzen.

Jacqueline Fehr: Die Polizei ruft regelmässig dazu auf, Waf fen freiwillig zurückzugeben. So bringt die Blüte zum Aus druck, dass Menschen dem Gewaltmonopol des Staates vertrauen, indem sie eine Waffe zurückgeben.

Als Rechtsanwältin und Strafverteidigerin waren Sie mit Klientinnen und Klienten bereits einige Male im PJZ. Was vermittelt Ihnen dieses imposante Gebäude ?

Antigone Schobinger: Die Architektur ist monumental. Das Gebäude vermittelt mir jedenfalls kein Sicherheitsgefühl. Es ist ganz einfach eine enorme Machtdemonstration, und es ist klar, wer hier das Sagen hat. Auch die Beschriftung am Gebäude irritiert mich. Die Begriffe Polizei und Justiz gleichzeitig zu lesen, symbolisiert: Hier gibt es keine Ge waltentrennung, weil Kantonspolizei, Staatanwaltschaft und auch das Zwangsmassnahmengericht unter einem Dach vereint sind.

Antigone Schobinger ist Rechtsanwältin und Fachanwältin Strafrecht. Sie ist Mitglied des Vorstandes der Demokratischen Juristinnen und Juristen Zürich und Co-Präsidentin des Vereins Pikett Administrativhaft.

Jacqueline Fehr: Wenn wir in unserem Verwaltungsrecht von Justiz sprechen, meinen wir nicht die Gerichte, also nicht die dritte Gewalt. Sie ist – mit Ausnahme des Zwangsmass nahmengerichts – nicht in diesem Gebäude. Die Gewalten teilung ist in unserem Kanton nach wie vor gewahrt. Werfen wir einen Blick ins Innere. Sämtliche Mitarbeitenden gelangen mit einem Badge ins Haus, alle anderen passieren die Loge mit einem QR-Code und gehen dann durch eine Sicherheitsschleuse, wie im Flughafen. Als Besucherin hat mich das beeindruckt.

Antigone Schobinger: Ich finde es hö chst merkwürdig, dass ich als Anwältin, die einen ganz gewöhnlichen Klienten zur Einvernahme begleitet, kontrolliert werde, wie wenn ich ins Flugzeug steige oder ein Gefängnis besuche. Es hat etwas Entwürdigendes, erst recht, wenn es wegen einem Bügel-BH oder wegen des Metalls in den Schuhabsät zen piepst und eine noch genauere Kontrolle nötig ist. Es leuchtet mir auch nicht ein, warum Staatsanwältinnen, die ihren Arbeitsplatz nicht im PJZ haben, im Unterschied zu uns Strafverteidigerinnen ohne diese Kontrolle ins Gebäude

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gelangen. Eigenartig ist der Zutritt per QR-Code. Man fühlt sich nicht als Subjekt, eher als Objekt – quasi als Joghurt, das an der Kasse gescannt wird.

Jacqueline Fehr: Die Mitarbeitenden in der L oge müssen täglich hunderten Personen Einlass ins PJZ gewähren. Dabei müssen sie gewährleisten, dass keine gefährlichen Gegenstände oder Personen mit schlechten Absichten ins Haus kommen. Dazu brauchen sie technische Unter stützung. Es finden Gespräche statt, wie sich für Anwäl te und Dolmetscherinnen der Zutritt zum PJZ allenfalls vereinfachen liesse, zum Beispiel mit speziellen Akkre ditierungen. Aber eine Asymmetrie zwischen externen und internen Per s onen ist logisch und wird bleiben. Im Unterschied zu den vereidigten Polizisten oder einem in der Verwaltung angestellten Staatsanwalt führen wir bei den Anwältinnen keine Personaldossiers oder Kontext abklärungen. Die Praxis wird uns hier aber praktikable Lösungen zeigen.

Antigone Schobinger: Gab es denn schon Vorfälle mit Anwälten, die irgendeine Form der Sicherheitsprüfung rechtfertigen ? Jacqueline Fehr: An den alten Orten der Staatsanwaltschaf ten waren die Mitarbeitenden sehr schlecht geschützt. Wir hatten einfach alle Glück, dass es nie zu einem schwe ren Vorfall kam. Viele Vorgesetzte hatten kein gutes Ge fühl. Und ja: Es gab Vorfälle – auch mit Anwälten.

Antigone Schobinger: Mich stören zudem die klinisch weis sen Räume, in denen die Befragungen stattfinden. Hier gibt es keine Kunst, geschweige denn persönliche Gegen stände wie Fotos oder Abzeichen, die es in den alten Büros der Kantonspolizisten oder Staatsanwälte gab. Wir spüren nicht, mit wem wir es zu tun haben. Ich bin nicht sicher, ob wir eine Justiz haben wollen, die so steril funktioniert. Geht es da nicht einfach um eine Frage des Geschmacks ? Familien- oder Tierfotos an der Wand oder Kinderzeichnungen – das kann doch auch peinlich und zu persönlich wirken.

Antigone Schobinger: Aus der Aussagepsychologie ist be kannt, dass das Erinnerungsvermögen in Stresssituatio nen sinkt. Das gilt für die Beschuldigten, Zeugen und Ge schädigten gleichermassen. Das heisst: Alle werden bei der Befragung nicht unbedingt präzise Aussagen machen können. Erkenntnisse zeigen, dass man in einer angeneh men Atmosphäre weiterkommt. Es kann für die Befragung also durchaus hilfreich sein, wenn sich Gemeinsamkei ten auftun, indem man zum Beispiel über ein Hundefoto, das an der Wand hängt, redet. Die Atmosphäre und der persönliche Touch in einem Büro sind letztlich im Inter esse beider Seiten.

Jacqueline Fehr: Ich kann das nachvollziehen. Mich befrem det diese sterile Umgebung auch. Aber das Gebäude ist frisch bezogen und alle müssen nun gemeinsam klären, was verbessert werden kann. Unbestritten ist auch, dass wir bereits heute – gerade mit Blick auf die Aussagepsy chologie – auf andere Dinge achten würden, als wir dies vor zwanzig Jahren bei der Planung taten.

Das erstaunt mich. Die Kantonspolizei und Staatsanwaltschaft wissen doch auch, in welcher Atmosphäre gute Befragungen zustande kommen.

Antigone Schobinger: Wir – das heisst Pikett Strafvertei digung, der Anwaltsverband Zürich und die Demokra tischen Juristinnen und Juristen Zürich – wurden nicht einbezogen. Sonst wäre es vermutlich auch nicht dazu ge kommen, dass wir als Anwältinnen uns mit den Klienten in einer Abstandszelle besprechen müssen. In dieser Zel le gibt es eine Metallbank und ein WC, sodass man wäh rend der Besprechung entweder steht oder wahlweise auf der Bank oder dem WC sitzt. Hier ein Vertrauen aufzu bauen, ist schwierig.

Jacqueline Fehr: Sämtliche Nutzerinnen und Nutzer waren in die Projektleitung einbezogen, ausser die Anwälte. Das ist rückblickend falsch. Gleichzeitig müssen wir anerken nen, dass die Komplexität, ein solches Gebäude zu erstel len und in Betrieb zu nehmen, enorm ist. Davor habe ich hohen Respekt. Grosse Gebäude wirken zudem meist ano nymer. Aber ich kann gut nachempfinden, dass die Grösse und die unpersönliche Atmosphäre zusätzlich einschüch ternd wirken können. Solche Beobachtungen sind wichtig. Auch von den Staatsanwälten höre ich den Wunsch nach mehr Persönlichem. Denn auch sie brauchen ein Umfeld, in dem sie Vertrauen aufbauen können, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Antigone Schobinger: Und noch etwas: Viele Einvernahme zimmer sind fensterlos. Das ist nicht menschlich. Jacqueline Fehr: Das ist für alle eine Belastung, auch für die Staatsanwältinnen. Aber: Auch in Spitälern werden stun denlange Operationen in Räumen ohne Fenster gemacht und viele Hörsäle an den Universitäten sind fensterlos. Das sind Arbeitsrealitäten. Aber Sie haben recht: Es gibt in diesem Haus nebst den vielen Vorteilen auch Schwach punkte. Diese wollen wir anpacken. Denn das gemeinsa me Ziel in der Strafjustiz ist die Wahrheitssuche. Das neue Gebäude bringt aber selbstverständlich auch Vorteile: Wir haben durchaus auch Rückmeldungen, die die Räume als geräumig und grosszügig beschreiben. Die Wohnzellen sind vergleichsweise gross, haben grosse Fenster und kei ne Gitter, die Wege zu den Einvernahmen sind kurz und das meiste sind Einzelzellen.

Die Architekten haben davon gesprochen, dass das Gebäude eine robuste Struktur hat, im Innern sich den Nutzern anpassen kann. Ich möchte noch auf das Thema Unabhängigkeit kommen. Ist die gewährleistet, wenn Kantonspolizei, Staatsanwältinnen und Richter des Zwangsmassnahmengerichts sich in derselben Kantine treffen ?

Antigone Schobinger: Als Strafverteidigerin habe ich zur schönen Kantine keinen Zugang. Das gibt den Eindruck der Zweiklassengesellschaft und schürt bei Klienten den Verdacht, dass da alle unter einer Decke stecken und ge mischelt wird. Das ist eine schlechte Wirkung. Ich kann mir gut vorstellen, dass es für Richterinnen des Zwangs massnahmengerichts schwieriger wird, die Haftanträge der Staatsanwälte abzulehnen, wenn sie ihnen regelmäs sig in der Kantine begegnen.

Jacqueline Fehr: Das sind unbegründete Annahmen und Unterstellungen. Dem halte ich entgegen, dass unsere Mit arbeitenden sehr professionell arbeiten und sich der Ge fahr, Unabhängigkeit einzubüssen, sehr wohl bewusst sind. Antigone Schobinger: Ich bin einverstanden: Die Professio nalität ist gross. Ich glaube auch nicht, dass die Justiz in irgendeiner Weise korrupt ist. Aber auf mich als Strafver teidigerin, die mit einer betroffenen Person von aussen kommt, erweckt diese Zusammenlegung unter einem Dach ein ungutes Gefühl. Ich bin besorgt, wie die örtliche Nähe die Unabhängigkeit verändert.

Jacqueline Fehr: Der Rechtsfrieden hängt auch davon ab, dass Verurteilte das Urteil am Schluss akzeptieren und sich der Strafe stellen. Das Thema Unabhängigkeit spielt dabei eine Rolle. Hier kann sich durch die örtliche Nähe tatsächlich Skepsis einschleichen. Es braucht deshalb eine Führung, die jederzeit erklären kann, wie die Unab hängigkeit gewahrt wird. Und es braucht den kritischen Blick der Öffentlichkeit und der Anwältinnen und Anwäl te. So wie Sicherheit hergestellt werden muss, muss auch Unabhängigkeit geschaffen werden, und zwar so, dass sie glaubwürdig ist. ●

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Eine hervorragende Vorgabe

Hans-Rudolf Blöchlinger war ab 2012 Projektdelegierter des Zürcher Regierungsrates für das PJZ. Eigentlich wollte er nur die Startphase begleiten, doch er blieb bis zum Schluss dabei.

Aufgezeichnet von Karin Salm

« Das PJZ ist eine eigentliche Erfindung. Meines Wissens sind zum ersten Mal überhaupt sämtliche Bereiche des Strafverfolgungsprozesses an einem einzigen Ort und unter einem Dach vereint. Das ist ein Novum und war na türlich eine enorme Herausforderung. Aber im Nachhin ein kann man eindeutig sagen, dass das entsprechende Gesetz, das Ende 2003 von der Zürcher Stimmbevölke rung klar gutgeheissen wurde, eine hervorragende und weitsichtige Vorgabe war. Und ich meine: Diese Erfindung ist uns gut gelungen. Das hat sicher mit der speziell für dieses Projekt gewählten Organisation zu tun. Ich durf te bei den zuständigen Regierungsräten, bei den Planern, Nutzern und Politikerinnen und Politikern eine hohe Ak zeptanz geniessen. Einige haben mich aus meiner frühe ren politischen Tätigkeit unter anderem aus der Zürcher Planungsgruppe ZPG gekannt, die ich zwölf Jahre präsi diert habe. Mit anderen hatte ich auch bei meinen berufli chen Tätigkeiten Kontakt. Dieses Vertrauen war in all den anspruchsvollen Jahren rund um das PJZ wichtig. Aber selbstverständlich wäre das PJZ nicht ohne die tollen Teams – für mich insbesondere die Menschen aus dem Hochbauamt – und all die Cracks aus der Planung und Architektur zustande gekommen.

2011, nach der zweiten Volksabstimmung haben wir mit dem ‹ Res et › begonnen. Wir hab en das alte Projekt wie der aus der Schublade geholt. Aussen wurde nichts geän dert, aber im Innern haben wir alles auf den Kopf gestellt.

Die Nutzer gingen nochmals über die Bücher und muss ten klar darlegen, was sie warum wirklich brauchen. Die se Neuplanung hat dann länger gedauert als erwartet, bis 2015. Ich habe gleich zu Beginn vorgeschlagen, dass es eine separate Ausschreibung für den Abbruch des Güter bahnhofs und den Aushub braucht. Ich wollte schnell ab brechen, um eine Besetzung zu verhindern. Für eine sinn volle Zwischennutzung wäre die Halle zu gross gewesen. Der Regierungsrat liess sich davon überzeugen. Dass bei der Hardbrücke lange eine Baugrube klaffte, war für viele nicht verständlich.

Im Herbst 2015 haben wir in einem Testatbericht ex akt festgelegt, was gebaut werden soll. Für mich war klar: Am Schluss wird genau das umgesetzt, was in diesem Testat festgehalten ist, und wir beginnen erst zu bauen, wenn alle voll und ganz dahinterstehen. Darum war wich tig, dass alle Beteiligten das Testat unterschreiben, das war die Grundlage für die Ausschreibung für den Gene ralunternehmer. In 120 Bundesordnern war alles minutiös beschrieben ! Für Anpassungen waren wir dann trotzdem offen: Im Testatbericht 2 haben wir die Räume für die Ein vernahmen neu organisiert und die Einzelbüros, die von der Kantonspolizei verlangt wurden, gekippt und neue Bü rostrukturen geschaffen. Das war ein zünftiger Schritt. Eigentlich war uns von Anfang an klar gewesen, dass Ein zelbüros nicht mehr zeitgemäss sind. Aber einzelne Nut

zer hatten damals dafür wenig Gehör. Es sind dann neue Personen dazugekommen und diese haben den Vorteil von modernen, transparenten Bürosituationen eingesehen.

Als Projektdelegierter des Regierungsrates für das PJZ habe ich viel gelernt über den Strafprozessverlauf. Mein Verständnis für die Polizei ist gewachsen – auch wenn mich Bussen nach wie vor ärgern. Ich habe auch festge stellt, wie unterschiedlich die Mentalität der Beteiligten teilweise war. Ich bin deshalb sehr gespannt, wie diese unterschiedlichen Kulturen in der gemeinsamen Kanti ne aufeinandertreffen. Die Kantine ist übrigens ein toller Ort mit diesem vielen Grün und den geschwungenen Fens terbändern. Das haben die Architekten grossartig hinbe kommen. Ich bin froh, dass sie sich so vehement für diese überzeugende Innengestaltung eingesetzt haben.

Jetzt habe ich meinen Badge abgeben und passiere wie alle anderen Besucher die Schleuse. Das mache ich mit einem guten Gefühl. Ich bin jetzt 74. Angefangen hat alles, weil ich nicht dazu kam, Nein zu sagen. An einem Dienstag im November 2011 erhielt ich den Anruf des da maligen Baudirektors Markus Kägi. Er suchte einen inte rimistischen Kantonsbaumeister für sechs Monate. Am selben Tag traf ich Markus Kägi, der mir bis zum nächs ten Tag Zeit gab, mich zu entscheiden. Nach meiner Tä tigkeit als CEO bei Tertianum hatte ich beschlossen, nur noch das zu tun, was mir Freude macht. Ich habe die An frage mit meiner Frau besprochen und sie fragte mich, ob ich es mir vorstellen könne, jeden Tag um 8 Uhr im Büro zu erscheinen. Ich hatte dann gar keine Zeit, mir das gründ lich zu überlegen, da Markus Kägi am nächsten Tag anrief, nach meinem Entscheid fragte und mir gleichzeitig mit teilte, dass ich mich in einer Woche als Kantonsbaumeis ter ad interim bei den 120 Mitarbeitenden vorstellen solle. Aus den sechs Monaten wurden dann zwei faszinierende Jahre. Im Anschluss daran übernahm ich die Leitung des Projekts PJZ in der Absicht, dies in einer ersten Startpha se zu tun. Nun hat mich das PJZ bis heute respektive bis zum definitiven Abschluss begleitet. Es war eine der span nendsten Aufgaben. » ●

Hans-Rudolf Blöchlinger war 2011 2013 interimis tischer Kantonsbaumeister und ab 2012 Projektdelegierter des Zürcher Regierungsrates für das PJZ. Zuvor leitete er ab 1994 elf Jahre den Bereich Immo bilien der Helvetia-Patria-Versicherung mit einem Portolio von vier Milliarden Franken und war fünf Jahre CEO der Tertianum AG.

Themenheft von Hochparterre, November 2022 Imposanter Stadtbaustein Stimmen der direkt Beteiligten34

Im engen Dialog zur robusten Einheit

Robert Surbeck: Wir haben uns ganz am Anfang eingehend üb erlegt, ob wir uns an diesem Wettbewerb überhaupt be teiligen sollten. Wollen wir ein Gefängnis bauen ? Das war eine grundlegende Frage, da es ja galt, dieses in die Ge samtstruktur zu integrieren. Wir haben die Frage dann klar mit Ja beantwortet, da wir überzeugt waren – und es noch immer sind –, dass wir als Architekten auch in die sem Bereich Verantwortung übernehmen und uns mit einer solchen Nutzung beschäftigen wollen.

Stefan Adler: Wir haben ein Gebäude entworfen mit einer robusten Struktur, das im Innern beweglich bleibt und sich damit den Nutzungen anpassen kann. Diese Robust heit – wir spr echen oft auch von der Resilienz eines Ge bäudes – hat auch mit Nachhaltigkeit zu tun. Das Gebäude muss beständig sein und im Innern vieles zulassen. Wir haben uns hier auch an klassischen Amtshäusern als Vor bild orientiert. Ich finde es bemerkenswert, dass sich am Grundprinzip unseres Wettbewerbsentwurfes über die vielen Jahre nichts geändert hat.

Robert Surbeck: Genau: Die Struktur mit vier unterschied lich grossen Innenhöfen hat die vielen inhaltlichen Ent wicklungen, die ein solches Projekt über eine solche lange Zeit erfährt, immer sehr gut aufnehmen können. Und sie ist vorbereitet, um eine Erweiterung innerhalb des vorhan denen Fussabdrucks aufnehmen zu können.

Stefan Adler: Die Entwicklung des Projekts ist nicht zuletzt das Resultat eines langen und intensiven Prozesses, der ohne Dialog, Respekt und Vertrauen zwischen den Projekt beteiligten nicht möglich gewesen wäre. Weil im PJZ über 30 frühere Standorte zusammengelegt wurden, mussten Abläufe zum Teil neu erfunden werden. Hinter die Kulis sen der Strafverfolgung und des -vollzugs schauen zu dür fen, hat micht sehr beeindruckt.

Robert Surbeck: Du erwähnst den Dialog. Ich bin überzeugt, dass man nur zus ammen zu guten Lösungen kommt. Ein Beispiel: Es brauchte die Nutzerinnen und Nutzer, die uns Abläufe und Erfordernisse darlegen konnten und die es aushielten, von unserem Team befragt und hinterfragt zu werden. Wesentlich war auch das Hochbauamt als Ver mittler in diesem Prozess. Am Ende konnte man das Resul tat so umsetzen, wie es besprochen wurde. Das ist schon ausserordentlich und das Resultat einer sehr guten Zu sammenarbeit.

Stefan Adler: Unsere Verbundenheit mit dem Projekt zeigt vielleicht auch die grosse Fotografie im Eingangsbereich unseres Büros: Zu sehen ist die enorme Fläche und die Leere der Baugrube nach dem Abbruch des Güterbahn hofs. Robert und ich gehören zu den wenigen, die das Projekt PJZ von Beginn an begleitet haben. Von 2005 bis 2022 – das sind 18 Jahre. Ein halbes Berufsleben ! Es war ein Marathon.

Robert Surbeck: Ich vergleiche es gerne mit einer Seilschaft am Berg oder einem Segeltörn: Es braucht alle und die

Überzeugung, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Und es braucht den Respekt gegenüber dem Können der Beteilig ten. Einfach aussteigen geht nicht.

Stefan Adler: Es war für uns nicht immer einfach, damit um zugehen, dass das Projekt politisch so umstritten war.

Robert Surbeck: Und trotzdem hat das Team das Projekt im mer weiterentwickelt, auch im Spagat zwischen Öffent lichkeitsanspruch und Sicherheitsanforderungen.

Stefan Adler: Denn das PJZ ist ein öffentliches Gebäude, das aus Sicherheitsgründen nicht einfach zugänglich ist. Dafür haben wir architektonische Antworten gesucht: Bei spielsweise sollte sich die Fassade des Gebäudes nach aussen hin maximal öffnen, sich in die Tiefe hingegen geometrisch schliessen.

Robert Surbeck: Das Gebäude wird vermutlich auf den ers ten Blick als Einheit wahrgenommen. Auf den zweiten Blick aber erkennt man Differenzen: zum Beispiel die unterschiedlichen Grössen der Öffnungen. Oder die Na tursteinfassade: Der erste Eindruck ist Einheitlichkeit, beim näheren Betrachten fallen einem die Unterschiede und die Vielfalt der Gesteinseinschlüsse auf. In gewissem Sinn steht dieser Naturstein für die Heterogenität unserer Gesellschaft.

Stefan Adler: Die Kritik, das Geb äude sei zu mächtig und wirke wie ein Fremdkörper, kennen wir gut. Ich kann den Einwand sogar verstehen. Aber man muss den ganzen Zu sammenhang im Auge behalten: Das PJZ ist der Auftakt zu einem neuen Quartier, das sich in Zukunft entwickeln wird.

Robert Surbeck: Der Regierungsrat hat bereits entschieden, neben dem PJZ einen neuen Schulstandort zu eröffnen mit einer Mittelschule. Das gibt eine interessante Nachbar schaft. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie sich der neue Stadtteil entwickeln wird. ●

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Stefan Adler und Robert Surbeck Die Architekten sind seit 2011 Partner bei Theo Hotz Partner Architekten. Stefan Adler ist auch Bauökonom. 2006 haben Theo Hotz Partner Architekten den Wettbewerb für das PJZ gewonnen. Stefan Adler und Robert Surbeck haben das Projekt bis zum Schluss begleitet.
Aufgezeichnet: Karin Salm

Das Kasernenareal im Zeitraffer

Das PJZ macht den Weg frei für die Neunutzung des Kasernenareals. Der Weg dahin war lang.

1837 Der Kanton verlegt die Zeughäuser vom Neumarkt ( heute Paradeplatz ) auf das Sihlwiesli im B ereich des heutigen Bahnhofquartiers.

1859 Bau der Reithalle und der Stallungen zwis chen Sihl und Schanzengraben durch den Zürcher Staatsbaudirektor Johann Caspar Wolff.

1861 Die Stadt kauft das Gebiet Kräuel in der Gemeinde Ausser sihl und tauscht dieses mit dem Kanton gegen die Mili tärgrundstücke auf dem Sihlwiesli. Dadurch ermöglicht sie den Bau der unteren Bahnhofstrasse und des ganzen Bahnhofquartiers.

1866 Bau der Zeughäuser A und B sowie einer weiteren Reithalle an der Gessnerallee durch Johann Caspar Wolff.

1869 Bau der Zeughäus er mit Werkstatt und Wohntrakt an der Kanonengasse durch Johann Caspar Wolff.

1876 Bau der Militärkaserne durch Johann Jakob Müller. Sie ist der letzte Baustein der Kasernenanlage, dem eindrück lichsten städtebaulichen Ensemble Zürichs. Im barocken Schema von ‹ Marstall › ( Stallungen ), ‹ Schloss ›, ‹ Garten › und ‹ Orangerie › ( Zeughäuser ) repräsentiert die Kaserne das Schloss als wichtigstes Element. Der Flussraum stei gert die Wirkung des burgartigen Bauwerks.

1901 Bau der Kaserne der Kantonspolizei durch Kantonsbau meister Hermann Fietz. Der Bau im Stil der Neurenais sance aus Sichtbackstein mit Hausteinsockel hat eine einfache innere Struktur: Die Räume reihen sich beidseits des Mittelgangs. Zwischen die beiden Treppenhäuser ist der Zellentrakt eingeschoben.

1928 Der Kanton vergrössert im Gebiet Albsigüetli und Gänzi loo seinen Landbesitz, um den Waffenplatz auszubauen und Platz zu für eine spätere Verlegung der Kaserne zu schaffen. Doch zurzeit genüge die Kaserne « nach Ansicht weitester kompetenter militärischer Kreise den Anforde rungen vollauf », schreibt die ‹ NZZ ›.

1937 Renovationsarbeiten lassen darauf schliessen, dass die Kaserne noch lange in Aussersihl bleiben wird. Der Bau eines Reitwegs entlang der Sihl dient auch dem Reitver kehr zwischen Kaserne und Allmend.

1938 Überlegungen, die Kas erne ins Albisgüetli zu verlegen.

1941 Der Regierungsrat ist gegen « eine Verlegung des Waffen platzes in die Landschaft ». Er be auftragt jedoch die Bauund die Militärdirektion, ein Projekt für die Verlegung sämtlicher Militäranstalten in den Raum Albisgüetli-All mend auszuarbeiten. Die Stadt wendet sich dagegen. Spä ter gibt es Überlegungen, den Waffenplatz an den Sihl sprung oder ins Oberland zu verlegen.

1952 Der Regierungsrat beschliesst, die Militäranstalten vor läufig nicht zu verlegen.

1954 Der Kanton kauft Land in Adliswil für einen Neubau der Kaserne. Der Waffenplatz soll auf der Allmend bleiben.

1960 Das Büro P Dorer & P. Steger mit Markus Dieterlé gewinnt den zweistufigen Wettbewerb für einen Kasernenneubau in Adliswil.

1961 Das untere Reppischtal kommt erstmals ins Gespräch für den Neubau von Waffenplatz und Kaserne. Der Kanton hat dafür über einen Strohmann schon Land gekauft.

1968 Der Kantonsrat überweist eine Motion zur Verlegung der Kaserne aus der Stadt hinaus.

1971 Die kantonale und die städtische Kriminalpolizei beziehen den gemeinsamen Neubau an der Zeughausstrasse 11.

1972 Nochmalige Überprüfung aller Standortvarianten, darun ter auch der Randbereich des Flughafens, des Sihlsprungs und die Gemeinde Rothenthurm ( SZ ). Nach allen Abwä gungen bietet das Reppischtal zwischen Birmensdorf und Urdorf die besten Voraussetzungen für die Verlegung des Waffenplatzes.

1973 Vorlage des Regierungsrats für die Verlegung der Kaserne ins Reppischtal.

1974 Die Denkmalpflegekommission stuft die Kasernenanlage als Schutzobjekt kantonaler Bedeutung ein.

1975 20. Januar: D er Kantonsrat beschliesst die Verlegung der Kaserne. Für die alte Kaserne müsse laut Regierung ein Vernehmlassungsverfahren durchgeführt werden, damit eine möglichst breite Übersicht über die Bedürfnisse ge wonnen werden könne.

7. Dezember: Mit 144 091 Ja ( 53,4 % ) gegen 125 795 Nein sa gen die Stimmberechtigten des Kantons Zürich Ja zur Ver legung der Kaserne und des Waffenplatzes ins Reppisch tal. Die Stadt Zürich stimmt knapp zu, doch der damalige Bezirk Zürich ( Stadt und Landgemeinden ) sowie der b e troffene Bezirk Affoltern lehnen die Vorlage ab.

1977 In seiner Antwort auf eine Interpellation aus dem Gemein derat hält der Stadtrat fest, dass die Kasernengebäude nicht in grösserem Umfang durch die Verwaltung genutzt werden sollten.

1978 Der kantonale Gesamtplan tritt in Kraft. Er sieht auf dem Kasernenareal ein Grossparkhaus vor. Die City-Parkhaus AG ist bereit, dieses selbst zu finanzieren.

Laut Regierungsrat Stucki wird die Verwaltung höchstens eine bis zwei Etagen des Kasernengebäudes übernehmen. « Der Spielraum soll offenbleiben », sagt er 3. Dezember: Abstimmung über zwei Volksinitiativen. Die PdA verlangt ein Begegnungszentrum und ein Verbot von Parkhäusern. Die EVP will alle Gebäude niederreissen und einen Stadtpark erstellen. Im Falle der Ablehnung ver spricht der Kanton ein « bunt durchmis chtes Nutzungs konzept », « Belebung durch die Bevölkerung », Nutzung der Räume für « Freizeitbeschäftigung, Vereinsanlässe, Quar tierfeste ». Beide Initiativen scheitern.

1980 5. November: Der Zürcher Gemeinderat legt einen Wohn anteil von 83 Prozent für die Zeughäuser fest. Doch 1986 streicht der Regierungsrat den Wohnanteil wieder auf null Prozent zusammen.

1981 Im Frühjahr meldet der Stadtrat kommunale Bedürfnis se für das Kasernenareal an: Räume für Jugendkultur und Theater, Ateliers, Seniorenuniversität, Wohnungen, Quar

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Die Kaserne 1895, noch ohne Militärbrücke. Foto: Baugeschichtliches Archiv Zürich

Schlafsaal der Infanterie-RS im 4. Obergeschoss, 1986. Foto: Werner Huber

Exerzierplatz mit Zeughäusern, 1986. Foto: Werner Huber

Luftaufnahme des Kasernenareals, 1997. Foto: ETH-Bibliothek, Bildarchiv

Zentrale Halle im Wettbewerbsprojekt von Spillmann Echsle Architekten, 2020.

tiertreffpunkt und vieles mehr. Im Herbst legt der Regie rungsrat den Entwurf eines Gesamtnutzungskonzepts für das voraussichtlich 1987 frei werdende Areal vor. Stallun gen und Reithallen sollen kulturellen Zwecken dienen, das Kasernengebäude soll zu einem Verwaltungsgebäude mit Läden und Restaurants im Erdgeschoss werden. Die Zeug häuser sollen der Polizei, hauptsächlich aber dem kanto nalen Kriegskommissariat ( als Zeughaus ) dienen, das dem geplanten Neubau der Börse weichen muss. Unter dem Exerzierplatz ist ein grosses Parkhaus mit 3000 Plät zen vorgesehen.

1982 Der Stadtrat wendet sich gegen die vom Kanton vorgese hene Nutzung der Kaserne und der Zeughäuser.

Mit zwei Postulaten der EVP zwingt der Kantonsrat die Re gierung zu Korrekturen am Nutzungskonzept. Alle Frei räume des Areals – inklusive Zeughaushof – sollen der Öf fentlichkeit zugänglich sein. Für das Kriegskommissariat soll ein anderer Standort gefunden werden. « Schuhbändel können auf billigerem Boden gelagert werden », meint SPKantonsrat Werner Urfer.

Im Sommer reicht die SP eine städtische Volksinitiative ein: Die Zeughäuser sollen dem Quartier überlassen, die Grünflächen öffentlich zugänglich, das Hauptgebäude höchstens mit 25 Prozent Büros belegt werden.

1983 Die Regierung veröffentlicht ein überarbeitetes Konzept. Hauptsächliche Änderung: Eines der Zeughäuser wird Polizeiturnhalle, die andern vier gehen an die Stadt, so fern ein neues Areal für das Kriegskommissariat gefunden wird. Doch die Verwaltung bleibt. Der Stadtrat stimmt dem neuen Konzept zu.

1985 An der Uetlibergstrasse ist ein Areal für das Kriegskom missariat gefunden. Damit wird der Weg frei für eine Nut zung der Zeughäuser durch die Stadt. Im Sommer werden zwei Projektwettbewerbe für das Kasernenareal und die Gessnerallee durchgeführt. Im Herbst wird die SP-Initiati ve von 1982 abgelehnt.

1986 Der Kantonsrat bewilligt das Nutzungskonzept und den Baukredit von knapp 72 Millionen Franken. Das Konzept sieht vor, die Militärkaserne grösstenteils der Kantons polizei zur Verfügung zu stellen. Die Polizeikaserne soll mit einem Annex und einem unterirdischen Werkhof er weitert werden. Vier Zeughäuser sollen öffentlich werden, im fünften sind Turnhallen für die Polizei geplant. Die Ka sernenwiese soll öffentlich zugänglich werden. Um gegen dieses Nutzungskonzept anzukämpfen, wird der Verein ‹ D Kas erne für Züri › gegründet.

8. November: Die letzte Rekrutenschule verlässt die Kaser ne. Der Kanton überlässt der Stadt einen Teil des Gebäu des als provisorische Notunterkunft für Flüchtlinge.

1987 Die Kaserne Reppis chtal wird in Betrieb genommen und im April eingeweiht. Bundesrat Arnold Koller: « Die Verle gung ist ein Musterbeispiel guteidgenössischer Problem bewältigung und hervorragender Zusammenarbeit zwi schen den verschiedensten Gemeinwesen. »

Die Hälfte der Kasernenwie se, der Zeughaushof und der Durchgang im Erdgeschoss der Kaserne werden für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die andere Hälfte der Wiese dient weiterhin der Polizei. Ein Maschendrahtzaun markiert die Grenze.

6. Dezember: Die Stimmberechtigten des Kantons Zürich verwerfen den 71,6-Millionen-Kredit für den Umbau der Kaserne klar. Einzig im Bezirk Meilen gibt es ein knappes Ja zur Vorlage.

1988 April: Die Regierung b eschliesst die neue Nutzung des Ka sernenareals: Ein Drittel des Hauptgebäudes bleibt bei der Polizei, einige Räume werden öffentlich, den Rest soll die Maturitätsschule für Erwachsene ( KME ) überneh men. Schüler und Leitung der KME sind jedoch dagegen.

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Die Zeughäuser 1 bis 4 sollen an die Stadt gehen, Zeug haus 5 an ein Archäologiemuseum. Zwei Zeughäuser sol len der Zentralbibliothek als Provisorium während der Er stellung ihres Neubaus dienen.

Die kantonale Verwaltung zieht provisorisch ins Kasernen gebäude. Der Kantonsrat lehnt eine SP-Interpellation ab, die die Kantonspolizei aufs Land verlegen will.

November: Der Gemeinderat der Stadt Zürich beschliesst 4,2 Millionen ( inkl. Umb auten ) für den dreijährigen provi sorischen Kulturbetrieb an der Gessnerallee.

1991 Die Volksinitiative ‹ Läbe i d Kas erne › wird abgelehnt. Sie verlangte, dass die Stadt das ganze Areal übernimmt und ausschliesslich öffentliche Nutzungen vorsieht. Der Bau eines Parkhauses wäre verboten worden.

1994 In einer Volksabstimmung wird das provisorische Polizei gefängnis auf der Kasernenwiese – voraussichtliche Be triebsdauer: 5 Jahre – bewilligt.

1995 Der Kanton lädt 16 Architekturbüros zu einem Projektwett bewerb ein. Zwei verzichten auf eine Teilnahme, zwei tre ten in der zweiten Stufe nicht mehr an, weil das Zeughaus areal aus dem Perimeter gestrichen wurde.

1997 Das Projekt von Dürig & Rämi gewinnt, die Jury empfiehlt aber keines der Projekte zur Ausführung.

1998 Der Regierungsrat nimmt auf der Grundlage des Wettbe werbsprojekts von Dürig & Rämi die Planung für das Haupt gebäude auf. Für 165 Millionen Franken soll es saniert und mit einem Anbau auf der Seite der Kasernenwiese erwei tert werden. Die Stadt verlängert die Bewilligung für das provisorische Polizeigefängnis bis 2002.

Adrian Froelich und Martin Hsu gewinnen den Wettbewerb für die Umnutzung des Zeughausareals. Das Nutzungskon zept ist jedoch noch nicht klar.

1999 Der Regierungsrat beantragt einen Kredit von 159 Millio nen Franken für die Renovation und den Umbau der Kaser ne. 73 Millionen sind gebundene Ausgaben, 86 Millionen soll der Kantonsrat bewilligen. Dieser lehnt im April den Kredit mit 80 : 69 Stimmen ab.

Dezember: Die neu gewählte Baudirektorin Dorothée Fierz gibt bekannt, dass Kanton und Stadt für die Kantonspoli zei und die Justiz neue Standorte ausserhalb des Zürcher Stadtzentrums suchen.

2000 In einer Motion fordert der neu zusammengesetzte Kan tonsrat, dass er nochmals über das ein Jahr zuvor geschei terte Projekt abstimmen darf. Baudirektorin Fierz spricht sich dagegen aus. Der Regierungsrat beschliesst, die Ka serne nicht aus dem Inventar der schutzwürdigen Bauten zu entlassen.

2002 Für die Zukunft des Kasernenareals skizziert die Kantons regierung drei Szenarien. ‹ Impuls ›: ein gro sser Wurf mit nationaler oder internationaler Ausstrahlung mit Abbruch der Kaserne. ‹ Netz ›: eine Mischung unterschiedlicher Nut zungen mit Eingriffen in die geschützte Substanz. ‹ Kaser ne plus › mit neuen Nutzungen für die bestehenden Bauten. Dorothée Fierz bevorzugt ‹ Impuls ›.

2003 Das PJZ-G esetz wird an der Urne angenommen. Innert Jah resfrist will die Regierung Szenarien für die Nutzung des Kasernenareals vorlegen.

2004 Martin Heller ( Heller Enterprises ) erhält von Kanton und Stadt den Auftrag, Szenarien für die Entwicklung des Ka sernenareals zu erarbeiten.

2006 Heller Enterprises legen eine Machbarkeitsstudie mit fünf Szenarien vor. Keines überzeugt den Regierungsrat, sodass er die Frage der Neunutzung vorerst offenlässt.

2007 Die Baudirektion möchte das Kasernenareal in eine über geordnete raumplanerische Betrachtung einbetten. Zu sammen mit der Stadt Zürich sollen die städtebaulichen und die denkmalpflegerischen Bedingungen noch weiter entwickelt werden.

2009 Bei der Suche nach einem Standort für ein Kongresszent rum b evorzugt der Regierungsrat das Kasernenareal.

2012 Kanton und Stadt wollen die Zukunft des Kas ernenareals gemeinsam angehen und dabei « keine Zeit verlieren », wie Regierungsrat Markus Kägi und Stadtrat André Odermatt im Frühjahr bekanntgeben.

2013 In einem breit abgestützten B eteiligungsverfahren loten das städtische Hochbaudepartement und die kantonale Baudirektion die Wünsche und Ansprüche unterschiedli cher Bevölkerungsschichten aus. Diese werden in einen Masterplan einfliessen.

2014 Der Entwurf des Masterplans für die Entwicklung des Ka sernenareals steht. Er sieht drei Teilbereiche mit unter schiedlicher Ausrichtung vor.

2016 Der Regierungsrat und der Stadtrat verabschieden den Masterplan ‹ Zukunft Kasernenareal Zürich ›. Er bildet die Grundlage für die künftige Entwicklung des Areals. Das Kasernengebäude ist für die Maturitätsschule für Erwach sene ( KME ) vorgesehen, mit einer öffentlichen Nutzung im Erdgeschoss. Für die Zeughäuser und den Hof sind ver schiedene kulturelle, soziale und gewerbliche Angebote vorgesehen. Die Kasernenwiese wird in der ganzen Fläche öffentlich zugänglich und soll ihren Charakter bewahren. Die Polizeikaserne soll weiterhin für die Führungsbereiche der Kantonspolizei genutzt werden. Zudem stimmen der Regierungsrat und der Stadtrat dem Baurechtsvertrag für die Zeughäuser zu.

2019 Der Kantonsrat lehnt den Baurechtsvertrag zwischen Kan ton und Stadt für die Zeughäuser ab.

2020 Januar: Die Wettbewerbsergebnisse für den Umbau des Kasernenhauptgebäudes in ein Bildungszentrum für Er wachsene werden präsentiert. Aus dem selektiven Verfah ren mit 14 Beteiligten ging das Projekt ‹ Pilum › von Spill mann Echsle Architekten aus Zürich als Sieger hervor. Die denkmalgeschützte Militärkaserne wird mit wenigen Ein griffen den Ansprüchen der künftigen Nutzungen gerecht. Das Erdgeschoss wird für die publikumsorientierte Nut zung freigespielt. Über die Obergeschosse zieht sich ein zentrales Atrium.

31. August: D er Kantonsrat stimmt dem Baurechtsvertrag mit der Stadt nun doch zu. Für fünfzig Jahre gehen die Zeughäuser an die Stadt. Von den auf 55 Millionen Fran ken geschätzten Sanierungskosten übernimmt der Kanton 30 Millionen. Die Polizeikaserne wird nun doch frei und soll der Stadt im Baurecht überlassen werden.

2022 12. Juli: Der Zaun, der die Kas ernenwiese seit 1987 in zwei Hälften teilte, wird entfernt. Die Wiese ist nun vollständig für die Öffentlichkeit zugänglich. Einzig der Bereich des provisorischen Polizeigefängnisses ( Prop og ) und der Poli zeikaserne sind noch abgezäunt. Die Einsatzzentrale der Kantonspolizei im obersten Stock der Kaserne zieht Ende November als letzte Einheit ins PJZ um. Die Stadt über nimmt die Polizeikaserne und das Zeughaus 4 für Zwi schennutzungen, die bis Oktober 2026 befristet sind. Für den Baurechtsvertrag für die Polizeikaserne laufen die Verhandlungen zwischen Kanton und Stadt.

2023 Im 1. Quartal wird das Propog abgebrochen.

2026 Geplante Fertigstellung des Bildungszentrums für Erwach sene im Kasernenhauptgebäude.

Themenheft von Hochparterre, November 2022 Imposanter Stadtbaustein Das Kasernenareal im Zeitraffer38

Rückseite: Besucherraum im Untersuchungsgefängnis.

Das grosse Volumen des Polizeiund Justizzentrums im winterlichen Abendlicht vor der Skyline von Zürich West.

Imposanter Stadtbaustein

Das Polizei- und Justizzentrum ( PJZ ) in Zürich ist ein einmaliges Gebäude. Erstmals sind die Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden eines Kantons unter einem Dach vereint. Entsprechend gross sind die Dimensionen: 280 Meter lang, 115 Meter breit, mit Raum für über 2000 Arbeitsplätze, steht das in grünen Naturstein gekleidete Haus am Gleisfeld. Dieses Heft stellt das PJZ in all seinen Facetten vor. Es zeichnet den politischen und planeri schen Weg nach, wirft einen Blick auf die bau technischen Herausforderungen, und es zeigt, welche vielfältigen Funktionen sich hinter den streng geordneten Fassaden abspielen. www.pjz.ch

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