Linsenshow 19

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Themenheft von Hochparterre, Juni 2019

Linsenshow 19

An 16 Orten zwischen GrĂźsch und Davos zeigt die Neun-DĂśrfer-Biennale einen Sommer lang Fotografien, Filmstills und eine Videoprojektion.


Falknis

2541

2562

Tschingel

Schesaplana

Kirchlispitzen

Schweizertor

2551

2551

2450

Linsenshow 19 1

2827

Glegghorn

Drusenfluh

2393

2722

Girenspitz

Drei Türme

2308

Vilan

2456

1800

2563

Sarotlaspitzen

2001

Schuders

Hurscher

Grüsch Fanas

St. Antönien

2

Stels

2517

Rotspitz

Chrüz

1777

Pragg Jenaz

1970

Alpbüel

Gargellenköpfe

3

4 3

2703 2826

2554

Pany 3

5

Rätschenfluh Saaser Calanda

Putz Fideris

Wannenspitz

2560

2022

Buchen

Furna

Schollberg

Rüti

Ascharina

2195

Lunden

Furnerberg

Valzeina

2570 4

Schiers

Landquart

Luzein

Madrisahorn

Saas i.Pr.

3 5

2833

Kessispitz

2266

Chur

6

Chistenstein

Fideriser Heuberge

Gotschnagrat

2473

2285

2557

3121

Klosters Äuja

Schiltfluh

Kessler 2836

Laret

Monbiel

3244

Silvrettahorn 2607

Canardhorn

7

9 8

3

Davos

Arosa Frauenkirch 12

Parpan Valbella

Lenzerheide

3298

Roggenhorn

2979

Plattenhörner

Pischahorn

2986

Gorihorn

Churwalden

Verstanclahorn 2891

2469

Glattschieferspitz

10

Schneeglocke 3225

2469

Tschiertschen

3109

2887

Lauizughorn

Mattjisch Horn

/Ems

Austausch und Abendessen mit den Künstlerinnen und Künstlern, Versteigerung ausgewählter und signierter Kunstwerke. Plätze à Fr. 250.—: sekretariat@linsenshow.ch

Grosser Litzner

Selfranga

Casanna

2461

2686

Dorf

Serneus

Glattwang Cunggel

Supporter-Event 10. August ab 18 Uhr, Steigenberger Grandhotel Belvédère Davos

Gr. Seehorn Älpeltispitz

2376

Hochwang

11 Marc Forster Reithalle der Reitschule Davos in DavosFrauenkirch ( Zugang zum Besichtigungsort ‹ Tribune › über das Restaurant ), 1. Juli bis 30. September 12 Ernst Ludwig Kirchner Wildboden in DavosFrauenkirch, 1. Juli bis 30. September, sowie Ausstellung im Kirchner Museum Davos, 26. Mai bis 27. Oktober

Quelle Karte: Karten GRF / Norbert Riedi ( Createam Chur ), GIS-Zentrale Chur, Kantonale Denkmalpflege, Amt für Natur und Landschaft Graubünden

Rotbüelspitz

Schlappin

3

Küblis

6 Projektil mit Monika Flütsch Nutli Hüschi, Heimatmuseum Klosters, 20. Juli bis 31. August, täglich ab dem Eindunkeln jede Stunde 7 Joël Tettamanti Entlang des Spazierwegs des Davosersees, 1. Juli bis 30. September 8 Stefan Indlekofer Eingangsbereich ‹ Park › Kongresszentrum Davos, 1. Juli bis 30. September 9 Reiner Roduner Talstation der Schatzalp-Bahn in DavosPlatz, 1. Juli bis 30. September 10 Christian Höhn Unterführung der RhB zur Jakobshorn-Bahn in Davos-Platz, 1. Juli bis 30. September, sowie das Hauptvisual der Linsenshow 19 im Steigenberger Grandhotel Belvédère Davos

2853

Conters

2533

3

2413

Chüenihorn

3

1

2

2628

Sulzfluh

Schafberg

Höreli

Seewis

Weissplatte

2817

Sassauna

2376

Maienfeld

Domenic Mischol Patrizierstube des Kulturhauses Rosengarten Grüsch, 15. Juni bis 30. September Giger Brüder Rittersaal des Kulturhauses Rosengarten Grüsch, 15. Juni bis 30. September Lisa Gensetter Dorfbrunnen Grüsch, Jenaz, Fideris, Luzein, Saas und Bahnhof Küblis, 15. Juni bis 30. September, sowie Steigenberger Grandhotel Belvédère Davos, 1. Juli bis 30. September Vrena Mathis-Schwarz Zwischen Fideris-Au und Küblis nahe der Bahnlinie und der Prättigauerstrasse, 6. Juli bis 30. September Kaspar Thalmann Fassade des Betonwerks Vetsch in Küblis-Dalvazza, 6. Juli bis 30. September

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Morgenstimmung Strelaalpstrasse, Schatzalp Davos. Foto: Reiner Roduner

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Editorial

Inhalt

4 Traumlandschaft, Eiseskälte, Lawinendonner Wie die Erfindung von Kurwesen und Fremdenverkehr die Fotografie in Graubünden populär machte.

6 Domenic Mischol Pionier, Landschaftsfotograf und Postkartenverleger.

8 Giger Brüder Zwei Prättigauer Brüder unterwegs ins Filmgeschäft.

10 Lisa Gensetter Eine Bergsteigerin und Handwerkerin des Bildes.

12 Vrena Mathis-Schwarz Die fotografische Karriere einer Spätberufenen.

14 Kaspar Thalmann Schwarz-weisse Aufnahmen von Lawinenschutzbauten als Landart.

16 Projektil mit Monika Flütsch Scherenschnitte aus der Illusionsmaschine.

18 Joël Tettamanti Davos aus der Sicht des Architekturlandschaftsfotografen.

20 Stefan Indlekofer Alltagsbeobachtungen aus dem fahrenden Auto.

22 Reiner Roduner Fotografien in der Tradition des klassischen Schönbildes.

24 Christian Höhn Davos und das Prättigau aus der Vogelperspektive.

26 Marc Forster Experimente mit der Filmkamera im Auge.

2 8 Ernst Ludwig Kirchner Der Künstler als Fotograf der Idylle und der Stadt Davos.

Ein Bildertal

Zwischen Grüsch und Davos findet in diesem Sommer die Linsenshow 19 statt – in der Talstation einer Seilbahn, im Häuserdenkmal, am Dorfbrunnen, im Heimatmuseum, auf weiter Flur, am See und am Betonwerk. An 16 bemerkenswerten Orten wird eine Fotografiegeschichte von Landschaften und Dörfern, einer Stadt und einem Tal aufgeführt. Die zwölf Künstler und Fotografinnen haben entweder da gewohnt, tun es noch oder kamen als Gäste. Sie alle widmeten sich Orten im Prättigau oder in Davos. Sie alle stiften deren Bildergedächtnis. Das frohe Dutzend streift über 120 Jahre Fotografieund Talgeschichte. Domenic Mischol, der Pionier, eröffnet sie und skizziert das Panorama, das seine neun Nachfolger und zwei Nachfolgerinnen abschreiten: die Landschaft des Fremdenverkehrs. Sie wird zelebriert, sie wird gemacht, sie wird als Kulisse und als Lebensraum genutzt. Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner, der als Patient nach Davos kam, als Maler zu neuer Form auflief und als Immigrant blieb, war auch ein künstlerisch ambitionierter Fotograf, dessen Bilder Davos als Stadt in die Welt hinausgetragen haben. Lisa Gensetter, in Davos geboren, ausgebildet im Fach und später in Klosters zu Hause, war die Fotografin der Bündner Landschaft schlechthin – Postkarten, Kalenderbilder, Reportagen. Stefan Indlekofer, Christian Höhn und Reiner Roduner gehören zu den Bekanntheiten der zeitgenössischen Fotografie. Marc Forster ist ein weltberühmter, die Brüder Flurin und Silvan Giger sind steil aufstrebende Filmkünstler. Ihre Filmstills haben ebenso zur Linsenshow 19 gefunden wie die Illuminationen des Kollektivs Projektil mit den Scherenschnitten von Monika Flütsch. Vrena Mathis-Schwarz und Kaspar Thalmann machen aus Installationen und Hinterlassenschaften in der Landschaft poetische Bilder, aus dem Gebrauchsprättigau ein Schönprättigau. Und Joël Tettamanti verbindet die Idylle in seinen Bildern listig mit dem intensiven Gebrauch. Die Linsenshow ist 2019 der grosse Anlass der Fotografie im Kanton Graubünden. Sie macht den öffentlichen Raum zu deren Bühne. Möglich wurde das dank des Engagements der Gruppe ‹ Wildmannli Tafel uf Tafaas ›, der Kulturförderung des Kantons Graubünden, der Graubündner Kantonalbank und etlicher privater Geldgeber, des grossen Beitrags der Fotografinnen und Künstler und des umsichtigen Wollens und Könnens von Hedi Senteler als Kuratorin.  Köbi Gantenbein

Impressum Verlag Hochparterre AG  Adressen  Ausstellungsstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon +41 44 444 28 88, www.hochparterre.ch, verlag@hochparterre.ch, redaktion@hochparterre.ch Verleger  Köbi Gantenbein  Verlagsleiterin  Susanne von Arx  Konzept, Redaktion und Essay  Köbi Gantenbein  Texte zu den Fotografinnen und Künstlern  Meret Ernst, Köbi Gantenbein  Fotografie  Danke an die Künstlerinnen und Fotografen, dass sie diesem Katalog Bilder ihres Werks überlassen haben. Das Copyright gehört, wo nicht anders vermerkt, ihnen.  Art Direction  Antje Reineck  Layout  Juliane Wollensack  Produktion  Linda Malzacher  Korrektorat  Marion Elmer, Dominik Süess  Lithografie  Team media, Gurtnellen  Druck  Stämpfli AG, Bern Herausgeber  Hochparterre in Zusammenarbeit mit der ‹ Wildmannli Tafel uf Tafaas › und Hedi Senteler, Kuratorin der Linsenshow 19. Bestellen  shop.hochparterre.ch, Fr. 15.—, € 12.—

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Traumlandschaft, Eiseskälte, Lawinendonner Fotografie und Fremdenverkehr haben die Bilderlandschaft zwischen Grüsch und Davos geprägt. Die Linsenshow 19 zeigt Arbeiten von Pionieren und zeitgenössischen Künstlern. Text: Köbi Gantenbein

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Gesunde zur Erholung, für Ferien und Freizeit. Für sie wurden hoch oben in den Bündner Bergen Paradiese auf Zeit eingerichtet. In Davos, bald in Klosters und später da und dort im Prättigau. Diese Orte hatten einen immensen BilFrau Mischol führte einen Laden am Hauptplatz des Dor- derbedarf, und die Fotografen, nicht die Maler, stillten ihn. fes, zwei Schaufenster und in der Mitte eine Tür. Als Bub zog mich diese Tür magisch an. Trat ich ein, klingelte ein Schöngraubünden Glöcklein. Frau Mischol kam herbei, und ich stand mit ihr Kaum eine Region in der Schweiz hatte eine so grosse in ihrem Bilderladen: Postkarten, Panoramen, Bücher und Dichte an Fotografen wie Graubünden mit seinen KurorFotoapparate. Mit ihrem Schwiegervater Domenic war die ten. Ein gutes Dutzend ging allein in St. Moritz seinen GeFotografie in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts ins schäften nach, ein halbes Dutzend in Davos, und auch in vordere Prättigau gekommen. Er war Dorf- und Talfotograf Klosters, Arosa, Flims und Scuol gründeten Fotografen sowie Postkartenverleger und starb, lange bevor ich bil- Ateliers. Zu Tausenden entstanden Postkarten und Panoderneugierig wurde. Seine Schwiegertochter war die erste ramen für die Gäste, die denen, die zu Hause blieben, so Meisterin der Fotografie, die ich persönlich kennenlernte, von ihrem Gesunden oder ihren Ferien berichteten. Bald als ich bei meiner Grossmutter zu Besuch war. Als Frau war die Technik so weit, dass grosse Formate die Bilder Mischol alt wurde, schloss sie den Laden. Ihr Haus gibt es aus den Bergen in die Städte tragen konnten, und auch nicht mehr. Fotografie brauchte keinen Fotografen mehr, die Kur­direktoren nahmen die Dienste der Fotografen in auch ich hatte eine kleine Kamera – Kodak Instamatic 233 Anspruch. Deren Bilder riefen von den Plakatwänden und mit eingebautem Blitzlicht – und gab die belichteten Filme -säulen in den Städten: « Kommt her, erholt euch, lasst eure zum Entwickeln im Papiersack im Coop ab. Sorgen zu Hause, habt es gut im Paradies auf Zeit. » Domenic Mischol aus Schiers gehörte zu den Ersten, die solche Bilder fabrizierten. Er hatte sein Atelier zwar im Zwei Erfindungen 1826 belichtete Joseph Nicéphore Niépce den Blick aus für den Fremdenverkehr unbedeutenden Schiers, aber in dem Arbeitszimmer auf seinem Landgut in Saint-Loup-de- der Tradition der reisenden Künstler war er als Agent des Varennes in Frankreich mehrere Stunden lang auf einer schönen Bildes in den Kurorten unterwegs. Er fotografierte mit Asphalt beschichteten Zinnplatte. So gelang ihm die im Auftrag oder auf eigenes Risiko als Postkartenverleger. erste Fotografie, das Bilderwunder, das mit Linsen ein Wiese mit Blumen, Weg mit Zaun, Hof mit Kuh, Berg mit Lichtbild auf ein lichtempfindliches Medium projizierte Schnee, Himmel mit Sonne – Schöngraubünden, von Miund mit chemischen Verfahren darauf speicherte. Die schol und seinen Kollegen in allen Variationen inszeniert, Fotografie war eine der zahllosen technischen Erfindun- fotografiert und vervielfältigt. Schlechtes Wetter hatte auf gen des 19. Jahrhunderts, die – geboren von Tüftlern in La- diesen Bildern keinen Platz, und auch die faulen Zähne der bors – im Laufe weniger Jahrzehnte die Sicht auf die Welt Einheimischen nicht. Wenn sie auftraten, dann in der Pose umwälzten und tief in die Kultur des Alltags eindrangen. des edlen Wilden oder als Knechte und Mägde, die ihre Dass die Fotografie in Graubünden so populär wurde, guten Dienste für den komfortablen Aufenthalt in Schnee hat mit einer zweiten weitreichenden Erfindung zu tun. und Fels versprachen. Schöngraubünden, Schönprättigau 1853 reiste Alexander Spengler im Schneegestöber durch und Schöndavos wurden um 1900 ein Bildstandard, ein das Prättigau Richtung Davos. Der politische Flüchtling aus Muster, das von Sankt Petersburg über Berlin und Paris Deutschland war als neuer Landarzt unterwegs nach dort bis nach London sofort verständlich war. Und begehrensoben und wurde einer der Gründer des Kurwesens und des wert. Es wurde zwischen Grüsch und Davos eifrig fabriziert. Fremdenverkehrs in Graubünden, die innert weniger Jah- Es ist eine Eigenart der Kultur- und Kunstgeschichte, dass re aus kleinen Orten wie Davos mondäne Städte machten. dieses Bild ein ganzes Jahrhundert frisch und gut überZuerst kamen Kranke zum Gesunden und bald Tausende dauert hat, in dem die Menschen die Welt auf den Kopf

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gestellt haben. Ja, mehr noch – es ist verwunderlich, dass heute mit denselben künstlerischen Motiven dieselben Bildkompositionen und -stimmungen variiert werden, die schon Domenic Mischol und seine Kollegen eingerichtet haben. Zeitgenössische Fotografen wie Christian Höhn mit seinen gewaltigen Panoramen von Davos oder Reiner Roduner mit seinen Schwarz-Weiss-Bildern von der Wildnis des Schiatobels wiederholen dasselbe Programm – aber mit technisch ganz anderen Möglichkeiten. Joël ­Tettamanti bürstet es mit packenden, bleichen Bildern von alltäglichen Schneelandschaften gegen den Strich – aber seine Referenzen sind die Schönbilder, ebenso wie diese nach hundert Jahren Tausenden von Amateuren als Vorbilder dienen für ihre Abertausende Fotografien, die sie der Öffentlichkeit heute via Instagram oder Facebook schenken.

Fotografen mehr als die Menschen, die zwischen Grüsch und Davos leben, lieben und sterben. Ich liebte die Schaufenster der Fotogeschäfte mit den Brautpaaren und den Kleinkindern auf dem Schaffell – im Prättigau und in Davos sah ich nie welche. Die Tausenden von Postkarten von Domenic Mischol oder später von Lisa Gensetter, die Kur- und Feriengäste aus Davos, Klosters und dem Prättigau nach Hause schickten und die heute Tausende Gäste mit ihrem Handy fabrizieren und in Windeseile über die elektronischen Bildernetze jagen, haben eine seltsame Gemeinsamkeit. Der Berg mag noch so hoch, der Schnee noch so tief, die Nacht noch so klirrend kalt sein – der Ort des Bildes scheint immer und ohne viel Mühe erreichbar. Wir Betrachter setzen die technischen Leistungen voraus, die den Ort sichern. Die Gefahren der Berge – Steinschlag, Bär, Wolf, WaldHandfester Fortschritt geist, Verirrung, Lawine – sind ebenso aus den Bildern Das 19. Jahrhundert hat nicht nur mit der Optik und verschwunden wie der mühselige, schweisstreibende Aufder Chemie die Fotografie ermöglicht und mit langsam stieg oder der furchterregend gefährliche Abstieg heim in sich ausbreitendem Reichtum dem Fremdenverkehr in die warme Stube. Fast jeder Ort auf einer Fotografie im den Alpen das Geschäft gerüstet – das 19. war auch das Prättigau und in Davos ist grundsätzlich und weitgehend Jahrhundert der schweren Techniken, die das Foto- und gefahrlos erreichbar, einst zu Fuss oder mit der LuftseilFerien­erlebnis mit handfestem technischem Fortschritt bahn, heute mit dem Helikopter oder mit der Drohne. Das möglich machten. Erst 1860 löste die Kantonsstrasse schauerliche Bild der Landschafts- und Bergmalerei im durch das Prättigau nach Davos und sieben Jahre später 18. und 19. Jahrhundert hat in der Fotografie selten Platz weiter über den Flüelapass die Wege und Saumpfade ab, gefunden. Da scheint alles technisch im Nu bewältigbar. die das Tal seit Jahrhunderten mit der Welt verbunden hatten. War Alexander Spengler von Landquart nach Davos neun Stunden auf abenteuerlichem, schmalem Weg unterwegs gewesen, so dauerte diese Reise je nach Wetter nun noch drei bis vier Stunden. Es gibt nur wenige Fotografien, die den Bau dieser ‹ Hauptstrasse 28 › dokumentieren. Anders war das 1890, als die erste Eisenbahn von Landquart nach Davos fuhr. Die Erschliessung des Tals und der Stadt im Gebirge wurde für sechs Generationen von Fotografen ein beliebtes Motiv. Und zwar für die Profis wie für die Amateure. Keine Installation im Kanton Graubünden ist derart oft abgelichtet worden – und wird bis heute so häufig fotografiert – Fast so wie die Chemie im Fotolabor das Bild beherrschwie die Brücken, Trassen und Fahrzeuge der Rhätischen bar macht. Schmucke Etüden liefern dazu Lisa Gensetter Bahn. Die zeitgenössische Infrastruktur hat auch den und Kaspar Thalmann. Lisa Gensetter fotografierte neben Fotografen und Künstler Ernst Ludwig Kirchner beein- Postkarten und Kalenderbildern viele Reportagen für die druckt, der in den Zwanziger- und Dreissigerjahren in Heimwehzeitschrift ‹ Terra Grischuna ›. Ihr Mann Severin Davos zahlreiche Fotografien in der Art seiner Kollegen Schellenberg war als Ingenieur beim Kanton für Lawinenin den von Fortschritt und Elend sirrenden Grossstädten verbauungen zuständig, und so gelang ihr eine schöne machte – vermeintlich schiefe Bilder, die mit grossem Bilderserie, die zeigt, mit welchem Krampf und welchem bildnerischem Können die Strassen von Davos aufs Bild technischen Können Schellenberg und seine Arbeiter Bebringen. Hundert Jahre später sinniert Stefan Indlekofer ton, Eisen und Holz in den Berg stemmen mussten, damit mit dem Auge des Modefotografen über das urbane Davos. das Bergdorf in der Winteridylle für Lisa Gensetters KaMarc Forsters Bilder stehen für die mehr als hundert Jahre lenderbilder überhaupt funktionierte. alte Verbindung des Kurorts mit der Kunst, und Christian Kaspar Thalmann ist zwei Generationen jünger als Höhn blickt in seinen Panoramen von hoch oben auf die Lisa Gensetter. Mit den Lawinenverbauungen von St. Anleuchtende Stadt und ihr Wunderwerk der Technik. Vrena tönien ist er seit Kindesbeinen vertraut. In seiner grossarMathis-Schwarz widmet ihre poetischen Bilder dem Ab- tigen Reportage ‹ O der das Tal aufgeben › überhöht er fall und anderem Rest, den die Technik im Tal zurücklässt. den existenziellen Tiefbau zur Landart. Die FotografiDie Gebrüder Giger tauchen mit ihren Filmstills tief in en erlösen die Lawinenverbauungen über St. Antönien die soziale Gegenwart des Prättigaus ein, und das Bilder- vom Tiefbau und machen sie zu Kraftlinien zeitgenöskollektiv Projektil spielt heiter mit Scherenschnitten der sischer Kunst, denen man die Anstrengungen um die SiKünstlerin Monika Flütsch und ihren Sagengeschichten cherung des Orts im Gebirge keinen Deut mehr ansieht. auf der Fassade des Heimatmuseums von Klosters. Das mit Dutzenden Tonnen Beton hergestellte und gesicherte Gebrauchs-St.-Antönien wird dank ihm zu einem Die Gefahr bändigen und feiern Schön-St.-Antönien. Und hat sogar hohe Kulturehre erfahKurz – die Idylle und die Brüche von Schöndavos, ren: Die Unesco-Kommission nahm die LawinenverbauSchönprättigau und Schöngraubünden waren und sind ungen kürzlich in die Liste des immateriellen Weltkultur­ nur dank grossen technischen und gestalterischen Auf- erbes auf. Auf dem Umweg über die handfeste Gefahr im wands zu haben. Und dieser ist seit einem Jahrhundert Gebirge finden hier Fotografie und Fremdenverkehr zu ebenso ein Motiv der Fotografen wie die rauschenden einem neuen Bild: « Komm, lass uns Landart sehen und erWälder und die einsamen Berge. Beide beschäftigen die leben im tiefen Schnee des weis­sen Todes. »

Die Erschliessung des Tals war für sechs Generationen von Fotografen ein beliebtes Motiv.

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1  Kirche Furna, 1905 – 1924, Vintage-Abzug, Bromöldruck. Fotostiftung Schweiz, Winterthur. 2  Dorfladen, 1922, Vintage-Abzug, Silbergelatine. Fotostiftung Schweiz, Winterthur. 3  Landquartberg, 1910 – 1930, Vintage-Abzug, Bromöldruck. Fotostiftung Schweiz, Winterthur.

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Domenic Mischol Domenic Mischol brachte sich die Fotografie selbst bei. 1873 geboren, wuchs er auf dem Berninapass auf, wanderte dann aus, war Lehrer in Bukarest und kam 1898 zurück in den Kanton Graubünden, wo er in der Evangelischen Lehranstalt von Schiers Französisch und Turnen unterrichtete. Mit einer Balgenkamera begann er ein paar Jahre später, Land und Leute zu fotografieren, und weil er der einzige Fotograf in der Gegend war, kamen viele aus den umliegenden Dörfern zu ihm und fanden in der üblichen Art, ausgestattet im Sonntagsgewand, in einem dem Prättigau fremden Interieur auf das Bild. Hunderte Porträts, die ihr Fotograf in der alten Küche des Pfarrhauses von der Glasplatte abzog. Mischol probierte alle möglichen Techniken aus, zum Beispiel den Bromöldruck. Laufend war er in Kontakt mit seinen Fotografenkollegen im Kanton Graubünden und erlernte so das künstlerische und technische Handwerk. Bald engagierte er sich als Redakteur der ‹ Photographischen Blätter ›, der Zeitschrift des Verbands der Amateurfotografen. Neben den Menschen und ihren sozialen Umgebungen in den Dörfern fotografierte Domenic Mischol ihre Arbeit, Häuser und Landschaften. Und die Berge. Er schuf ein reiches Material für die Geschichte und Volkskunde des Prättigaus. Und auch eine Quelle, wie das Bergtal an den Fortschritt angeschlossen und in die Landesverteidigung eingeordnet wurde. Den Ausbau der Strassen und der Rhätischen Bahn hat Mischol neugierig dokumentiert ; ein Höhepunkt seines Werks ist der Bau von Robert Maillarts Brücke über das Salginatobel auf dem Weg zu den

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Grenzbefestigungen im Rätikon. Es sind Bilder, die bis heute um die Welt tingeln, wenn in Büchern und Ausstellungen vom Ingenieursberuf die Rede ist. Seine Bilder ordnete Mischol zu grossformatigen Leporellos: Dorfleben, Ausbau der Lehranstalt, Winter- und Bergstimmungen. Vorab mit solchen Motiven experimentierte er künstlerisch mit Licht und Schatten, Unter- und Überbelichtungen. Einmal jährlich stellte er aus seinen Fotografien eine Reihe zusammen, die er als Ansichtskarten in grosser Auflage drucken liess und selbst vertrieb. Die Kurdirektoren bestellten ihn als Werbefotografen in ihre Orte, er selbst verlegte Bücher mit seinen Aufnahmen – Domleschg, Bernina-Bahn, Schuders und seine Bewohner, aber auch ‹ Das Schreiben mit der Redisfeder. Ein Lehrgang in 18 Tafeln ›. Für ‹ Das Bürgerhaus im Kanton Graubünden › und ‹ Das Burgenbuch von Graubünden ›, die Standardwerke von Erwin Poeschel zur Architektur- und Kunstgeschichte des Kantons, war er einer der Fotografen. Domenic Mischol war ein selbstbewusster Amateur. 1906 reichte er seine Arbeit bei der ‹ Esposizione internazionale di Milano › ein – und wurde prompt ausgezeichnet. 1914 überreichte ihm die Landesausstellung eine goldene und ein paar Jahre später die ‹ Internationale Ausstellung für künstlerische Fotografie › die bronzene Medaille. 1934 starb Mischol, Mitbegründer des Prättigauer Bildergedächtnisses, in Schiers. Sein Sohn Paul ( 1904 – 1955 ) lernte die Fotografie professionell, führte den Postkartenverlag seines Vaters weiter und eröffnete nach dessen Tod in Schiers ein Studio und einen Laden für Fotografie.

Die Fotografien von Domenic Mischol sind vom 15. Juni bis 30. September in der Patrizierstube des Kulturhauses Rosengarten in Grüsch zu sehen. Öffnungszeiten:  Samstag /  Sonntag von 16 bis 19 Uhr, Montag von 14 bis 17 Uhr.

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Giger Brüder Gleich ihr erster Kurzfilm feierte an einem der renommiertesten und schönsten Filmfestivals überhaupt Premiere: in Venedig. Hier war ‹ Ruah › nominiert, 2016 mit einem Minimalbudget innert weniger Tage und ohne Produktionsfirma gedreht. Die Nominierung in der Sektion Kurzfilme kam überraschend. Flurin Giger ( * 1995 ) studierte Schauspiel in Zürich, doch der Platz auf dem Regiestuhl ist ihm ebenso lieb. So wie sein jüngerer Bruder Silvan ( * 1997 ), der Grafiker, ebenso gerne die Kamera bedient. Die beiden kommen aus Seewis im Prättigau. Und ihr Erstling war kein Aus­reis­ser. ‹ Ruah › wurde inzwischen an mehr als 35 Festivals vorgeführt. Der Zweitling, der Kurzfilm ‹ S chächer ›, wurde 2018 am Filmfestival in Cannes in der ‹ S emaine de la Critique › gezeigt – als einer von zehn Beiträgen, die aus 1500 Einsendungen ausgewählt worden waren. Beide Kurzfilme beschäftigen sich mit dem Tod. In ‹ Ruah › erleben die Zuschauer in vier parallel montierten Geschichten, wie neun Menschen das Ende der Welt erleben. Sie alle befinden sich in einer Ausnahmesituation. Der Film beginnt mit einer langen Einstellung, in der ein Mann aus dem Nebel auftaucht und durch den Schnee stapfend immer näher kommt, bis er sich in Nahaufnahme die Pistole, die er bei sich trägt, an die Schläfe hält. Eine Schwarzblende schiebt sich vor die Fortsetzung. Zwei Schwestern verunfallen mit dem Auto und bleiben schwer verletzt liegen. Eine Bauernfamilie bricht auseinander. Ein junger Mann verlässt den Trailerpark, in dem er sich verloren hat. Am Ende regnet es Asche vom Himmel, das Ende ist für alle zur gleichen Zeit gekommen, die Ruhe legt sich wie ein dicker Ascheteppich über alles. ‹ Ruah › kann auch hebräisch als ‹ Atem › oder ‹ Geist › gelesen werden. Wie handeln wir, wenn wir alle zugleich vom Ende bedroht sind ? Der Tod der Grosseltern war der Auslöser für den zweiten Film, ‹ S chächer ›. Flurin Giger wollte die damit verknüpften, existenziellen Fragen in filmischer Form beantworten. Auch dieser Filmtitel schliesst an eine biblische Überlieferung an. Wie ein Verbrecher schleicht sich ein Unbekannter mitten in der Nacht in das alte Haus. Die Grossmutter, geweckt vom Lärm der zerborstenen Fensterscheibe, schaut nach. Am nächsten Morgen findet der alte Mann, gespielt von Ernst Jacobi, seine geliebte Frau in der Küche. Der Abschied, der folgt, ist berührend. In langen, unbewegten Einstellungen beobachtet die Kamera, wie die Einsamkeit ins Haus findet. Am Schluss entscheidet sich der Grossvater zu sterben ; der dunkle Unbekannte steht wieder im Haus und verlässt es, unbemerkt von Arzt und Rettungssanitätern. Die Giger Brüder drehten beide Filme im Prättigau. In ‹ S chächer › findet die Landschaft im Gegensatz zu ‹ Ruah › nicht ins Bild. Als ‹ huis clos › dient das Haus, in das der Tod findet: Das leer stehende Gasthaus Weiss Kreuz in Grüsch diente als sorgfältig inszenierter Drehort. Getragen wird der Film von Ernst Jacobi. Flurin Giger hatte den deutschen Schauspieler direkt angefragt, da dieser sich über mangelnde interessante Rollenangebote in seinem Alter beklagt hatte. Inzwischen haben die Brüder ihre eigene Produktionsgesellschaft und ein Studio in Malans gegründet. Alles steht bereit für den dritten Streich: Das erste Langfilmprojekt steht an.

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Drehbücher, Skizzen, Notizen, Making-ofs, Stills aus den Filmen ‹ Ruah › und ‹ Schächer › sowie die Filme der Giger Brüder sind vom 15. Juni bis 30. September im Rittersaal des Kulturhauses Rosengarten in Grüsch zu sehen. Öffnungszeiten:  Samstag /  Sonntag von 16 bis 19 Uhr, Montag von 14 bis 17 Uhr.

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1  Blick hinter die Kulisse von ‹ Ruah ›, 2016. Weitere Fotografien in der Ausstellung. 2  Filmstill aus ‹ Ruah ›, 2016. Postkarten, Special Edition 10 / + 1 AP, Format und Ausführung gemäss Ausstellung. 3  Blick hinter die Kulisse von ‹ Schächer ›, 2018. Weitere Fotografien in der Ausstellung. 4  Filmstill aus ‹ Schächer ›, 2018. Postkarten, Special Edition 10 / + 1 AP, Format und Ausführung gemäss Ausstellung.

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Lisa Gensetter ‹ G oldenes Wallis ›, ‹ L euchtendes Engadin ›, ‹ Winterwunderland Davos › – so heissen Bücher, für die Lisa Gensetter Fotografien gemacht hat. Es waren ausserordentlich erfolgreiche Bücher, die teils viele Auflagen erlebten und bis heute gekauft werden. Lisa Gensetter kam 1925 in Davos zur Welt, der Vater war Gärtner und Schneeschaufler, die Mutter Schneiderin. Nach der Schulzeit klopfte die junge Frau bei Emil Meerkämper an, einem der führenden Fotografen in Graubünden. In Davos hatte er ein Fotogeschäft, und Lisa Gensetter wurde seine Lehrtochter im Labor. Sie entwickelte, kopierte, vergrösserte, schnitt zu. Und tat dasselbe in Fotogeschäften in Pontresina und Klosters: Jeder Kurort hatte mindestens ein Studio, St. Moritz gar deren sechs. Lisa Gensetters erste Leidenschaft war jedoch nicht die Fotografie, sondern das Bergsteigen und das Landschaftswandern. Als Alpinistin begann sie, selbst Bilder zu machen und nicht nur die der anderen in der Dunkelkammer zu entwickeln. Tausende Aufnahmen von Landschaften und Dörfern folgten. Viele Jahre prägte die Fotografin die Bilderwelt der Zeitschrift ‹ Terra Grischuna ›, die das heile Bild Graubündens ins Unterland und in die Welt hinaustrug. Sie gab Postkarten heraus, realisierte grosse Reportagen für ‹ Das Gelbe Heft › und andere Familienzeit-

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schriften. Weit über Graubünden hinaus hatte sie gros­sen Erfolg mit Kalenderbildern, und sie war die erste Fotografin der Wanderbücher, wie sie in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts in Mode kamen. Das Regenwetter und den Nebel in ihrem goldenen Graubünden mochte Lisa Gensetter nicht – und sie achtete darauf, dass die Errungenschaften des Fortschritts nicht störend ins Bild kamen: Strassen, Telefonmasten, die Ferienorte überformenden Siedlungen. Sie war eine virtuose Handwerkerin des Bildes. Es griffe aber zu kurz, sie auf das ‹ leuchtende Engadin › zu beschränken. In den Reportagen über die Baustellen ihres Mannes Severin Schellenberg, der als Ingenieur beim Kanton Lawinenverbauungen leitete, experimentierte sie mit der Bildsprache der Neuen Sachlichkeit ; ihre Bilder der Schober auf dem Grüscher und Schierser Sand sind formal hohe Schule – die Sternskälte, die diesen Ort jeweils im Januar beherrscht, kriecht dem Betrachter über den Rücken. Lisa Gensetter starb 2007 – ihr Beitrag zum Bildergedächtnis des Prättigaus ist eine Hommage an einen Traum, den viele Gäste haben, die dann herbeireisen und staunen, wie viel Substanz er schon verloren hat im Unverstand derer, die Landschaften und Dörfer zerstören.

Die Fotografien von Lisa Gensetter sind vom 15. Juni bis 30. September an den Dorfbrunnen von Grüsch, Jenaz, Fideris, Luzein, Saas und am Bahnhof Küblis sowie vom 1. Juli bis 30. September im Steigenberger Grandhotel Belvédère in Davos zu sehen.

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1  Sicht gegen die Klus. Nachlass Lisa Gensetter, Fotostiftung Graubünden. 2 Jenaz. Nachlass Lisa Gensetter, Fotostiftung Graubünden. 3  Jubiläum 100 Jahre RhB Küblis. Nachlass Lisa Gensetter, Fotostiftung Graubünden.

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1  Deponie Schiers 2, 2018, Unikat + 1 AP, Format und Ausführung nach Absprache mit der Künstlerin. 2  Fideriser Au, 2015, Unikat + 1 AP, Format und Ausführung nach Absprache mit der Künstlerin. 3  Küblis-Dalvazza, 2018, Unikat + 1 AP, Format und Ausführung nach Absprache mit der Künstlerin. 4  Fideriser Au III, 2018, Unikat + 1 AP, Format und Ausführung nach Absprache mit der Künstlerin. 5  Küblis-Dalvazza I, 2018, Unikat + 1 AP, Format und Ausführung nach Absprache mit der Künstlerin.

Vrena Mathis-Schwarz Gesund und munter alt werden und dann noch eine neue Kurve drehen. Das ist eine neue Lebenserfahrung, auch im Prättigau. Vrena Mathis-Schwarz nutzt dieses Privileg: Sie begann ihre fotografische Karriere mit siebzig Jahren in einem Kurs von Pro Senectute und widmete sich fortan der abstrakten Fotografie. « Lange Zeit », sagt sie, « habe auch ich fotografiert, wie Mütter halt Momente ihrer Liebsten festhalten. Im Frühjahr 2014 hat ein altes, zerbeultes Fass auf einer Alteisendeponie meinen Blickwinkel verändert. Die vielfältigen Strukturen und Linien, das harmonische Zusammenspiel der Farbnuancen im Rost faszinierten mich. Das löste eine Flut an Inspirationen aus. Ich entdeckte den zweiten Blick. » Seither sind Container, Mulden, Baumaschinen und das, was zum Beispiel entlang der Strasse und der Bahnlinie durch das Prättigau herumliegt, ihre Motive. Vrena Mathis-Schwarz erforscht deren Spuren, das Spiel von Linien, Formen und Farben. Sie holt heraus, was andere am liebsten verstecken würden und was nicht in unsere schöne Vorzeigewelt passt. Aus Details ihrer Fundstücke macht sie impressionistische Bilder. « Für mich sind diese Fundstücke zu einem Fundus unbegrenzter Möglichkeiten geworden. Sie öffnen meiner Fantasie Tür und Tor. Ich suche nach dem Bild im Bild und liebe es, aus einem kleinen Bildausschnitt ein eigenständiges Bild entstehen zu lassen. Nichts erinnert mehr an seinen Ursprung, losgelöst und frei geht es seinen eigenen Weg. » Vrena Mathis-Schwarz ist eine ambitionierte Amateurin, die die Möglichkeiten der digitalen Bildmaschinen, deren Bedienung für Wache einfach geworden ist, unerschrocken und leichtfüssig nutzt. Der Lebensfaden von Vrena Mathis-Schwarz, die heute in Klosters lebt, begann 1942 in Chur. Sie war Lehrerin, arbeitete als Therapeutin für Legasthenie, vertiefte sich ins Kunsthandwerk, wurde Spitzenklöpplerin und lehrte und erforschte die Tradition dieses Handwerks. Sie gründete die Hospizbewegung in Graubünden mit und war mehrere Jahre Sterbebegleiterin. Und meint lachend: « Mein fotografisches Leben ist trotz meines hohen Alters noch jung. Es hat vor fünf Jahren begonnen ; ich stehe ge­ wisser­mas­sen am Anfang. » An der Photo 18 hat sie in der Kategorie Fine Arts ausgestellt.

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Die Fotografien von Vrena Mathis-Schwarz sind unter dem Titel ‹ Spuren der Zeit – zwischen den Tunnels › auf einem übergros­ sen, achtteiligen Leporello zusammengefasst. Er steht vom 6. Juli bis 30. September zwischen Fideris-Au und Küblis nahe der Bahnlinie und der Prättigauerstrasse.

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Kaspar Thalmann Es ist ein sinnreicher Ort: An der Fassade des Betonwerks Vetsch in Küblis sind grosse Bilder zu sehen. Fotografien, die die Betonbauten zeigen, die ein paar Kilometer hinter Küblis den steilen Hängen über St. Antönien entlangkriechen. Die vorgespannten Bauteile wurden in Adliswil vorfabriziert, mit dem Zug nach Landquart gebracht, auf die Rhätische Bahn umgeladen, von Küblis aus mit Geländewagen auf 1200 Meter über Meer transportiert und zwischen 1955 und 1977 von italienischen Arbeitern zu einer der grössten Lawinenverbauungen der Alpen zusammengebaut. Seither halten 16 Kilometer Beton- und Eisenbauwerk die Schneemassen zurück, damit sie nicht abbrechen und als Lawinen das Tal verwüsten. Kaspar Thalmann ist Architekt und Fotograf in Uster. Das Ferienhaus seiner Familie in St. Antönien ist das Haus, von dem aus die Ingenieure die Installierung der Lawinenverbauung dirigierten. Zwischen 2012 und 2016 hat er die Lawinenschutzbauten fotografiert – eine Bilderfolge in Schwarz-Weiss. Die Bilder sind eine berührende, eindrückliche Reportage über die Solidarität der reichen Teile der Schweiz mit abgelegenen Dörfern, die wie St. Antönien hinter dem Mond links liegen. Das Bauwerk, das

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wegen der Erosion von Stahl und Beton als Endloswerk unter dem Chüenihorn kontinuierlich unterhalten werden muss, schützt neunzig Häuser und siebzig Bewohnerinnen und Bewohner. Thalmann stellt die wuchtigen Bauten in der Landschaft in kräftigen Kontrasten von Schwarz und Weiss dar. Es gibt bei der Verbauung nur ein Entwederoder – keine Grautöne. Das gilt für die Berechnungen und Entscheidungen der sie konzipierenden Ingenieure, das gilt auch für die Finanzierung. ‹ O der das Tal aufgeben › heisst Kaspar Thalmanns Buch, in dem seine Bilder versammelt sind. Doch die Alternative ist rhetorisch. Das Tal aufzugeben, war nie und soll nie eine Alternative zum Schutz sein, der nur dank grosser Beiträge von ausserhalb des Tals gebaut werden konnte und erhalten werden kann. Die vierjährige Arbeit ist nicht nur eine Sehschule in solidarischer Regional- und Berggebietspolitik. Die Fotografien eröffnen den Einheimischen einen neuen, fremden Blick auf die seit Kindheit gewohnten Riegel und Reihen oberhalb des Dorfs. Und sie bringen den Wanderer ins Grübeln, wenn er am Abend im St. Antönier Hotel Rhätia mit dem Buch auf den Knien darüber nachdenkt, dass seine liebliche Landschaft nur ist, weil viel Arbeit in ihr steckt.

Die Fotografien von Kaspar Thalmann sind vom 6. Juli bis 30. September an der Fassade des Betonwerks Vetsch in Küblis-Dalvazza zu sehen. Sein Buch über die Lawinenschutzbauten von St. Antönien heisst ‹ Oder das Tal aufgeben ›, mit Texten von Nadine Olonetzky, Stefan Hotz und Köbi Gantenbein, erschienen bei Scheidegger &  Spiess, Zürich 2015, erhältlich bei hochparterrebuecher.ch für 49 Franken. Alle Fotografien der Edition sind zu kaufen: oderdas talaufgeben.wordpress.com

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1  Chüenihorn oberhalb St. Antönien, Aufnahme von Osten, 2014. Nr. 14 der Serie ‹ Oder das Tal aufgeben ›, 70 × 50 cm, Baryt, limitierte Auflage 5 Exemplare. 2  Betonelemente entlang der Höhenlinien am Chüenihorn, 2014. Nr. 05 der Serie ‹ Oder das Tal aufgeben ›, 120 × 90 cm, Baryt, limitierte Auflage 3 Exemplare. 3  Lawinenschutzverbauungen an der Südflanke des Chüenihorns, 2014. Nr. 06 der Serie ‹ Oder das Tal aufgeben ›, 70 × 50 cm, Baryt, limitierte Auflage 5 Exemplare.

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1  Genesis Zürich, Videomapping-Installation, Show 2019. www.genesiszurich.ch 2  Steingesicht, interaktive Installation, Lightragaz Sommer 2018. www.lightragaz.ch 3  Intergalaktische Weihnachten, Videomapping-Show, Illuminarium 2018. www.illuminarium.ch 4  Projektionslayout der Madrisa-Sage für die Linsenshow 19.

Projektil mit Monika Flütsch Wenn es eindunkelt, läuft an der Fassade des Heimat­ museums von Klosters, des Nutli Hüschi, jede Stunde während fünf Minuten eine Prättigauer Geschichte in einem Bilderbogen über die Hauswand. Madrisa, ein wildes, bildschönes Mädchen, hilft einem Bauernsohn, seine Kühe zu hüten. Doch dann kommt der Vater auf die Alp und zerstört die Idylle – Madrisa verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Ein Berg oberhalb von Klosters erinnert an sie, ein paar Kühe im Prättigau tragen ihren Namen noch heute. Diese Geschichte wird aus einer Illusionsmaschine der Gestaltergruppe Projektil aus Zürich in spektakulären Bildern auf die Holzwand des Museums geworfen. Bildund Geschichtenträger sind animierte Scherenschnitte von Monika Flütsch aus St. Antönien, der Meisterin des Fachs. In der Bildermaschine lernen sie laufen, werden zu Folgen verwoben ; farbig, hell und dunkel. Es wird illuminiert, wie die Alpweiden aussehen, wie die Kühe einen gros­sen Hock Käse und Butter liefern, wie der Vater des Bauernjungen kommt und Madrisa, das wilde Mädchen, entdeckt und wie es für immer verschwindet. « Wir sind ein Kollektiv von Konzeptern, Technikern und Künstlern, das zeitgenössische Medienerlebnisse an der Schnittstelle von Kunst und Technologie schafft. » So heisst es im Selbstbild der Gruppe Projektil. 150 solche Bildererlebnisse hat sie seit 2008 in 15 Ländern aufgeführt – Spektakel, in denen sie starre und bewegte Bilder mit und ohne Töne zwei- und dreidimensional an Hausfassaden, Felswände oder auf Denkmäler projiziert. Die gestalterischen Interventionen von Projektil sind oft touristische ­Grossanlässe: Mehr als 200 000 Besucherinnen und Besucher traten in die 3-D-Fabelwelt ein, die das Kollektiv an den Hausmauern des Landesmuseums in Zürich aufführte, seine Beleuchtung der Tamina-Schlucht bei Bad Ragaz oder Genesis in Zürich sind Publikumsrenner erster Güte. Die Arbeit von Projektil steht in der Tradition der Jahrmarktspektakel, wie sie in den gros­sen Volksgärten in ­Paris oder Wien im 19. Jahrhundert aufkamen, wo visuelle Ereignisse aus Illusionsmaschinen die Menschen vergnügt haben: Dioramen, Schattenspiele und mechanische Theater. In dieser Tradition setzt Projektil ganz auf die technische Perfektion und die Überwältigung durch Bilder, die ausgeleuchtet, übereinander und untereinander geschoben und mit populären Geschichten verknüpft werden.

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Die Bilderschau ‹ Madrisa › der Gruppe Projektil läuft vom 20. Juli bis 31. August täglich ab dem Eindunkeln jede Stunde über die Fassade des Nutli Hüschi, des Heimatmuseums von Klosters.

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Joël Tettamanti Berühmte Orte interessieren ihn nicht. Trotzdem hat Joël Tettamanti Davos fotografiert – den Ort, an dem sich seit 1971 alljährlich im Januar die Mächtigen treffen. Den Pros­ pekt dazu liefern verschneite Landschaften, bullige Se­ curity-Männer, schwarze Limousinen, die sich durch die engen Strassen schieben. Ein Ort, der als bildgewordenes Klischee über die News-Kanäle dieser Welt flimmert. Joël Tettamanti kümmert sich nicht um sie. Er porträtierte die Stadt in den Bergen 2009 für ein Buch. Zu seinen Sujets gehören auch menschenleere Landschaften, die Strasse, die in die Berge führt, eine einsame Kreuzung. « Realis­ tisch, nicht dramatisch oder polemisch », wie er sagt, zeigt er, was Davos in seinen Augen ausmacht: die Bauten in der Stadt, die Ansässigen dienen und Gäste empfangen, die Skistation, der Sessellift, aber auch die Lawinenverbau­ ungen, die das Leben in den Bergen erst ermöglichen. Le­ benswichtig, sorglos benutzt und oft übersehen. Joël Tettamanti ist ein Reisender. 1977 in Kamerun ge­ boren, aufgewachsen in Lesotho und in der Schweiz, pen­ delt er seit jeher zwischen Ländern und Kulturen. Er will die Fotografie nicht in Kategorien wie Porträt, Mode oder Bauten schubladisieren und versteht sich als Architektur­ landschaftsfotograf. Seine Bilder findet er rund um den Globus, von Peru bis Japan, von Südafrika bis Grönland. Besonders angetan ist er von rauen Landschaften, die es den Menschen schwer machen, sie zu bewohnen. Seine Werke bezeichnet er als « Studien mit der Ka­ mera ». Entsprechend wählt er das Vorgehen: Er besucht die Orte, ohne ihre Geschichte zu recherchieren und ohne Reiseführer zu konsultieren. Es genügt ihm zu wissen, auf welchem Weg man die entlegenen Destinationen erreicht. Tettamanti folgt keinem vorgefassten Konzept. Er arbeitet intuitiv und lässt sich vom Zufall und unvorhersehbaren Begegnungen zu stillen, einprägsamen Bildern inspirieren. Das Resultat sind Aufnahmen, in denen er die Identität der Orte mit unvoreingenommenem Blick überblendet. Dabei legt er den Fokus auf das Übersehene und Alltägliche, ver­ meidet allzu Bekanntes und zur Genüge Gesehenes. An der Waadtländer Kunsthochschule Ecal ausgebil­ det profitierte Joël Tettamanti von seinem Lehrer Nicolas Faure, der den aufgeräumten Alltag und die unspektaku­ lären Agglomerationen der Schweiz ins Bild setzte. Be­ gonnen hat auch Tettamanti mit Bildern von typischen Schweizer Agglomerationen. Mit der Publikation ‹ Stadt­ land Schweiz › von Angelus Eisinger wurden sie 2003 ei­ nem grösseren Kreis bekannt. Seither erfasst er mit der Grossformatkamera mit Stativ und langen Belichtungszei­ ten seine Sicht auf die Welt. Das entwickelte Farbnegativ digitalisiert er und bereitet es für die Veröffentlichung in Büchern oder als Werke für Ausstellungen auf. Dabei inte­ ressieren ihn weder die Menschen, die die Landschaften und Architekturen bewohnen, noch die Natur als Postkar­ tenmotiv. Vielmehr will er den Alltag eines Orts festhalten, die gebauten Spuren, die die Bewohner hinterlassen. Die Neugier auf derart ‹ ungesehene › Landschaften verbindet sein Werk mit dem der Expeditionsfotografen des ameri­ kanischen Westens im 19. Jahrhundert. Auch sie erfassten 1 mit der Fotografie das Unerforschte, hielten es fest und regten damit die Fantasie und die Lust auf das Ungesehe­ ne an. Tettamantis Bilder vermitteln dem Betrachter, dass die Landschaften dieser Welt seither zwar entdeckt wur­ den. Doch um ihre Bedeutung und ihren Ausdruck zu be­ greifen, dafür ist die Fotografie nach wie vor prädestiniert. Sie hilft uns, die Welt zu besser zu verstehen.

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Die Fotografien von Joël Tettamanti sind vom 1. Juli bis 30. September entlang des Spazierwegs des Davosersees zu sehen.

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1 – 3  Die Bilder ohne Titel sind in den Jahren 2006 bis 2009 im Rahmen der Monografie ‹ Davos › entstanden. Sie ist erschienen bei Scheidegger &  Spiess, Zürich 2009, erhältlich bei hochparterre-buecher.ch für 69 Franken.

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1 –  4  Die Bilder ohne Titel stammen aus der Serie ‹ Roadphotography ›, 2017, Auflage 10 / + 1 AP, Inkjet, Format auf Anfrage.

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Stefan Indlekofer Er nennt sich Lichtbildner: Der Fotograf Stefan Indlekofer lebt und arbeitet in St. Gallen, in der Stadt, die wie keine andere in der Schweiz den schönen Stoffen verpflichtet ist. Den Weg zur Modefotografie fand er nach einer Lehrund Assistenzzeit, die ihn nach Paris zu diversen Studios geführt hatte. Den perfekten Look der Models zu erfassen und in Szene zu setzen, mit einer besonderen Lichtgestal­ tung überraschende Akzente zu schaffen, das hat ihn über lange Jahre hinweg interessiert. Zusammen mit Claudia Knoepfel verantwortete Stefan Indlekofer redaktionelle Arbeiten für internationale Magazine und fotografierte Kampagnen für grosse Modemarken. 2015 zog er sich von der Modefotografie zurück. Seither widmet er sich seinen Kunstfotografie-Projekten. Dem Blick auf das Flüchtige, dem schwierig zu erfas­ senden Zeitgeist, der so gerne mit der Mode in Verbindung gebracht wird, ist Stefan Indlekofer indes treu geblieben. Mode findet auch auf der Strasse statt – sie dient als Ins­ piration für die Kollektionen der Labels, die dem Zeitgeist über Werbung und Modefotografie Ausdruck verleihen. Als günstige Fast Fashion umgesetzt wird sie von vielen Men­ schen getragen, worauf der Kreislauf von Street und High Fashion von Neuem in Gang gesetzt wird: auf der Strasse. In seinen Kunstprojekten ersetzt Stefan Indlekofer das

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Studio mit diesem Raum der flüchtigen Begegnungen. Da­ bei geht es ihm weder um die Mode noch um ein Porträt der Orte, die er besucht. Was ihn interessiert, ist das All­ tägliche, das aus einer unablässigen Reihe von Augenbli­ cken entsteht. Die Aufnahmen, die er 2017 im Prättigau und in Davos machte, zeigen eine Serie von Alltagsbeob­ achtungen. Sie sind aus dem fahrenden Auto aufgenom­ men. Eine Passantin mit leuchtend rosa Crocs steht am Strassenrand, das Bild ist gerahmt durch das Autofenster, die Stras­se führt ins Leere. Zwei schwarz gekleidete Men­ schen verschwimmen unscharf vor einer Fassade, deren Aluminiumraster eine strenge Struktur durch das Bild zeichnet. Eine weitere Aufnahme zeigt dieselbe Fassade, dieses Mal menschenleer, einzig die Spiegelung ins eigene Auto bricht die Fassade auf. Ein kleines Mädchen in einem rosa T-Shirt geht an einem Schaufenster vorbei, in die glei­ che Richtung wie die dunkle Silhouette eines Erwachsenen. Die Spiegelungen im Schaufenster sind unscharf, verlo­ cken aber zum genauen Hinsehen. Es sind solche Momen­ te, unwiederholbar, die der Fotograf ins Bild setzt. Bildge­ worden weisen sie über den Moment hinaus. Die Strasse reflektiert und bestimmt den Zeitgeist, die Fotografien er­ fassen ihn. Nun gibt Stefan Indlekofer die Bilder der Stras­ se zurück, in deren Atmosphäre er sie aufgenommen hat.

Die Fotografien von Stefan Indlekofer sind vom 1. Juli bis 30. September im Eingangsbereich ‹ Park › des Kongresszen­ trums Davos zu sehen.

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Reiner Roduner

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Weitherum bekannt geworden ist Reiner Roduner mit sei­ nem Fotografieprojekt ‹ Switzers › – einer gross angelegten Galerie von 196 grossformatigen Porträts von Menschen aus aller Welt, die in der Schweiz leben. Daraus erwuchsen ein Buch und eine Ausstellung, die kreuz und quer durch das Land reiste und vielen bewusst machte, wie bunt und schön die Schweiz geworden ist, denn alle 196 Porträtier­ ten aus 193 Ländern sehen sie als ihre Heimat. Von Haus aus ist Reiner Roduner Filmemacher. Er lernte seinen Beruf im internationalen Massstab, kam zu­ rück in die Schweiz und realisiert neben Filmen zahlrei­ che TV- und Kinospots sowie Firmenporträts. Früh enga­ gierte er sich als Bildermacher für Firmen in den sozialen Netzwerken und im Internet. Mit Videoblink gründete er die Firma, die dieses Geschäft in der Schweiz heute prägt. Roduner lehrt audiovisuelle Medien an der Akademie für Marketing und Kommunikation Sawi. Vor einigen Jahren begann der Filmer sich verstärkt der Fotografie zuzuwenden. ‹ Switzers › war Roduners ers­ 2 tes grosses Projekt. Nun gilt sein Porträtblick der Davo­ ser Landschaft. Die Gruppe ‹ Wildmannli Tafel uf Tafaas › bereichert die Diskussion um Davos immer wieder mit ungewöhnlichen Projekten und ermöglicht auch die Lin­ senshow 19 wesentlich. Für ein Vorhaben dieser Gruppe war Reiner Roduner im Schiatobel unter dem Schiahorn oberhalb von Davos unterwegs. Die Wildmannli wollen über das Tobel eine Hängebrücke bauen. Und so tauchte Roduner tief ein in die Landschaft, wo die Wälder um Da­ vos in die Berge übergehen. Aus der Auseinandersetzung mit Hang und Tobel entstand eine Serie von Fotografien in Schwarz-Weiss. Sie stehen in der Tradition der gros­ sen Landschaftsfotografie des amerikanischen Pioniers Ansel Adams ( 1902 – 1984 ), der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Bilderwelt der amerikanischen Na­ tionalparks mit grossformatigen Landschaftsaufnahmen geprägt hat. Wie Adams ist auch Roduner ein Künstler des leuchtenden Schattens, der starken Lichter und der feinen Tonwertabstufungen. In der Tradition des klassi­ schen Schönbildes komponiert er seine Bilder sorgfältig, wählt die Bildausschnitte so, dass alle Störungen wegfallen, 3 und achtet auf laufende und harmonische Formübergän­ ge. Reiner Roduner inszeniert wenige Kilometer abseits der stark gebrauchten Landschaft um Davos den romanti­ schen Traum der Einsamkeit und der weiten Wildnis, von der man aber innert kurzer Zeit unbeschädigt in die Zivili­ sation zurückfinden kann.

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Die inszenierte Ausstellung von Reiner Roduner ist vom 1. Juli bis 30. September in der Talstation der Schatzalp-Bahn in Davos zu sehen.

Das Vögele Kulturzentrum Pfäffikon ( SZ ) zeigt vom 19. Mai bis 20. September eine Auswahl des Fotografieprojekts ‹ Switzers ›.

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1  Blick von der Bobbahnstrasse Richtung Schiabach, Auflage 10 / + 1 AP, Format und Ausführung nach Absprache mit dem Künstler. 2  Blick von der Strelaalpstrasse Richtung Schatzalp / Strela, Auflage 10 / + 1 AP, Format und Ausführung nach Absprache mit dem Künstler. 3  Blick von der Strelaalpstrasse Richtung Schiabach, Auflage 10 / + 1 AP, Format und Ausführung nach Absprache mit dem Künstler. 4  Blick ins Schiabachtobel, Auflage 10 / + 1 AP, Format und Ausführung nach Absprache mit dem Künstler.

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1 1  Salginatobelbrücke, 2018, Lightjetprint Diasec acrylkaschiert, Edition 6 + 1, Format nach Absprache.

2  Davos II, 2018, Lightjetprint Diasec acrylkaschiert, Edition 6 + 1, Format nach Absprache.

3  Davos III, 2018, Lightjetprint Diasec acrylkaschiert, Edition 6 + 1, Format nach Absprache.

Christian Höhn Christian Höhn fotografiert Megacities – Städte mit meh­ reren Millionen Einwohnern. In gestochen, bis in den letzten Winkel scharfen Aufnahmen, mit nachbearbeite­ ten Kontrasten und auf grossformatig aufgezogenen Pano­ ramen macht er die Stadt zum monumentalen Bild. In kleinen Auflagen von sechs Exemplaren zeigt er die Wer­ ke hinter Acrylglas versiegelt oder im Leuchtkasten – so entwickeln die Bilder noch mehr Brillanz. Für seine Auf­ nahmen bereist Christian Höhn die Welt respektive die Städte, die für die Welt stehen: Tokio, Shanghai oder S ­ eoul, Paris, New York, Kapstadt oder Rio. Die Werkreihe um­ fasst inzwischen mehr als sechzig dieser globalisierten Städte. Der in Nürnberg ansässige Fotograf liest in dieser Typologie auch eine gewisse Gleichförmigkeit der Archi­ tektur ab. Besonders interessieren den Fotografen – wie die Vedutenmaler des 17. Jahrhunderts – Städte, die land­ schaftlich etwas hergeben. Städte mit Wasser zum Bei­ spiel. Oder Städte, die wie Kapstadt in eine spektakuläre Landschaft eingebettet sind. Menschen sind aus dieser gottgleichen Perspektive nicht auszumachen. Nach ein­ gehender Recherche über die Stadt und die besten Stand­ orte hievt Christian Höhn sein Equipment in einen Heli­ kopter, dessen Türen entfernt sind, oder er besteigt mit seiner Ausrüstung die höchsten Wolkenkratzer. Bis die Lichtstimmung und das Wetter perfekt sind, heisst es ab­ zuwarten – so wie es Architekturfotografen gewohnt sind.

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Davos gilt mit seinen 12 000 Einwohnern zwar auch als Stadt. So richtige Hochhäuser gibt es hier aber keine. Da­ für liegt der Ort in den Bergen. Für einmal musste Christian Höhn keine Bewilligung erstreiten, um auf die höchsten Türme zu klettern. In Davos braucht es auch keine Tiefflug­ bewilligung für den Helikopter. Es würde genügen, auf die umliegenden Berge zu klettern, um die ganze Stadt in den Blick zu bringen. Dennoch setzt der Fotograf auf den Heli­ kopter: Um die Berge als Teil der Kulisse zu inszenieren, braucht es einen höheren Aufnahmestandort als sie selbst. So werden Höhns Stadtaufnahmen von Davos zu Land­ schaftsaufnahmen, die Berge integraler Teil der Stadt. Mit Davos hat Christian Höhn zum ersten Mal eine Stadt in den Bergen fotografiert. Er hat sich intensiv mit der umgebenden Landschaft und mit dem Prättigau aus­ einandergesetzt. Letzten Winter erkundete er die Gegend mit dem Helikopter. Besonders die Salginatobelbrücke hat es ihm angetan. Dabei findet er Strukturen vor, die ihn auch in seinen Bildern von Grossstadtkulissen in­te­ res­sie­ren: Die Sicht auf die Stadt Davos im Schnee betont die feine Äderung der Strassen. Die Aufnahme am späten Nachmittag schichtet das Bild in die Stadt, deren Lichter ein goldenes Band durch den Talgrund ziehen, die dunkel bewaldeten Hänge und die weissen Gipfel. In anderen Aufnahmen fügt die Stadt sich wie eine feine Körnung in das Tal, der Blick gleitet über die Bergketten in die Weite.

Die Fotografien von Christian Höhn sind vom 1. Juli bis 30. September in der Unterführung der RhB zur Jakobshorn-Bahn in Davos-Platz zu sehen. Das Hauptvisual der Linsenshow 19 ist im Steigenberger Grandhotel Belvédère in Davos aus­gestellt.

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1  ‹ All I See Is You ›, Filmdrama, 2016. Die Bilder wurden in der Postproduktion durch digitale Neuformatierung generiert und reproduziert.

Marc Forster Marc Forsters Bezug zur Region ist biografisch. Als er acht Jahre alt war, wanderte seine Familie nach Davos aus, seine Schulzeit verbrachte er in der Schweiz – wohl­ behütet und wohlhabend, bis zu dem Tag, als sein Vater, ein deutscher Arzt und Pharmaunternehmer, mit riskan­ ten Geschäften das Familienvermögen vernichtete. Ein Darlehen von Freunden ermöglichte es ihm, seinen lang gehegten Berufswunsch weiterzuverfolgen: ein Filmstu­ dium, das ihn an die New York University führte. Seinen Durchbruch in Hollywood feierte der Filmregisseur 2001 mit ‹ ­Monster’s Ball ›, für den Hauptdarstellerin Halle Berry 2002 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Weitherum bekannt wurde Marc Forster als Regisseur des 22. JamesBond-Films ‹ Ein Quantum Trost ›. Inzwischen lebt er in Los Angeles, besucht die Schweiz und Klosters aber regelmässig. Mit seinen Filmen will Marc Forster möglichst viele Genres ausprobieren. Er liebe es, mit filmischen Aus­ drucksmitteln zu experimentieren, sagt er. An der Linsen­ show 19 zeigt der Regisseur eine Auswahl von Bildern, die in der Postproduktion durch digitale Neuformatierung generiert und reproduziert wurden. Sie stammen aus sei­ nem Film ‹ All I See Is You › von 2016. Darin erzählt Fors­ ter die Geschichte von Gina ( Blake Lively ), die seit einem 1 Autounfall als Jugendliche blind ist. Verheiratet mit dem wohlhabenden James ( Jason Clarke ) lebt sie in Bangkok. Nicht nur die Sehbehinderung, auch die fremde Umge­ bung machen sie abhängig von anderen Menschen, vor al­ lem von ihrem Ehemann. Als sie die Chance erhält, durch eine Operation wieder sehen zu können, verschieben sich diese Abhängigkeiten. Gina emanzipiert sich von ihrem bisherigen Leben – und von James. Bald erkennt sie Ge­ heimnisse, die er vor ihr verborgen hält. Während eines Besuchs bei ihrer Schwester Carol und deren Ehemann Ramon in Spanien erkennen beide, dass sie nie wieder in ihr altes Leben zurückfinden werden. Über das Psychodrama hinaus interessiert vor allem, wie Marc Forster und sein Kameramann Matthias Koenigs­ wieser den Prozess in Bildern einfangen, als Gina wieder sehen lernt und sich durch das Sehen – den Distanz­sinn – von ihrem Leben in Abhängigkeit befreit und dunkle Ge­ heimnisse aufdecken will. Wie zeigt man, was man als blinde Person nicht sehen kann ? Forster und Koenigs­ wieser fangen diese Situation in Bildern ein, die keine Ori­ entierung erlauben. Dazu gehören Unschärfen, All-Over und abstrahierte Landschaften, später Bilder mit gerin­ ger Schärfentiefe. Teil davon sind auch eine Tonspur, die umso präsenter ist, je weniger Orientierung die Bilder ge­ ben, und eine Montage, die fragmentarisch wirkt. So wird dem Zuschauer der subjektive Eindruck der Protagonistin vermittelt, die Art und Weise, wie sie mit dem Tastsinn und dem Gehör die Umwelt wahrnimmt. Die Bilder, die Marc Forster an der Linsenshow 19 zeigt, bringen diese Arbeit am filmischen Bild zum Ausdruck.

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Die Bilder von Marc Forster aus dem Film ‹ All I See Is You › sind vom 1. Juli bis 30. September in der Reithalle der Reitschule Davos in Davos-Frauenkirch zu sehen, Zugang zum Besichtigungsort ‹ Tribune › über das Restaurant.

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Ernst Ludwig Kirchner Ernst Ludwig Kirchner ( * 1880 ) war ein Stubenhocker. Und so reisten Alfred Döblin, Oskar Schlemmer, Henry van de Velde – die Prominenz der Kunst zwischen den zwei Welt­ kriegen – nach Davos, um den Künstler zu besuchen. Auch Kunsthändler, Museumsdirektoren, Modelle und seine Nachbarn kamen zu Besuch. Viele sassen in der gleichen Pose vor der Kamera. Vor immer demselben Fenster seines Hauses fotografierte er sie. So fügte Kirchner seine Freun­ de aus den grossen Städten in seine Welt auf dem Wildbo­ den bei Frauenkirch ein. Mittels Fotografie dachte er über seine Davoser Umgebung nach, bildete seine Künstlerwelt ab, sein mit prägnanten Skulpturen, archaischen Möbeln und bunten Teppichen eingerichtetes Arkadien in den Ber­ gen, wo er von 1917 bis zu seinem Freitod 1938 mit kurzen Unterbrechungen lebte und arbeitete, zuerst auf der Stafelalp und ab Herbst 1923 auf dem Wildboden. Ernst Ludwig Kirchner ist vor allem als Maler und Grafiker bekannt und berühmt ; er war aber auch Foto­ graf. Allein das Kirchner Museum in Davos besitzt rund 1500 Fotografien. Neben Porträts hat Kirchner gesellige Anlässe fotografiert, seine Gemälde und Skulpturen und sein Atelier fotografisch dokumentiert. Und er war ein experimentierfreudiger Landschafts- und Architektur­ fotograf, vor allem von Davos. Mit Fotografie bereitete Kirchner sich auf seine Arbeit an Gemälden und Skulp­ turen vor, er war aber auch ein künstlerisch ambitionier­ ter Fotograf, der mit Technik ebenso umzugehen wusste wie mit einer ausgeklügelten Inszenierung und visuellen Wirkungen. Die ideale Landschaft im Refugium, die in­ tensive Auseinandersetzung mit Körper und Verführung beschäftigten ihn über Jahre ebenso wie der Lebenskreis der Bauern und Bäuerinnen von Davos, wenige Kilometer

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entfernt vom urbanen Gewühl der Stadt in den Bergen, die er in grossartigen Stadtfotografien so überhöht hat, als wäre der kleine Ort im Gebirge Berlin. Immer wieder wa­ ren ihm der Wildboden und seine unmittelbare Umgebung Kulisse und Bühne für die Arbeit als Fotograf. Hier hatte der Künstler sein Refugium mit Wohnung und Atelier ein­ gerichtet. Eine Aufnahme des Eingangs zum Atelier ist ein berückendes Licht-, Schatten- und Raumspiel: im Licht der Kater Schaky, aufgetürmt der enge Raum, im Schat­ ten abgebildet der Künstler. Gäste und Modelle setzte er gerne auf die Laube seines Hauses. Unter dem Vordach geborgen staunten sie in der wilden Alpenlandschaft, und ihr Porträtist wartete, bis sie beschaulich und gelassen zu ihm blickten – das war der Augenblick des Bildes. Kirchner hatte Architekt gelernt, einen nicht nur künst­ lerischen, sondern vor allem technischen Beruf. Schon in seinem ersten Leben in Deutschland interessierte er sich für Apparate und technische Verfahren als Werkzeuge der Kunst. Die Davoser Fotografien sind Etüden im Umgang mit Schärfe und Unschärfe, mit Unter- und Doppelbelich­ tung. Kirchner holte die überwältigenden Landschaften der Berge rund um ihn herum auf die Glasplatte, er über­ höhte das Dorfbild von Davos bei Kirche und Rathaus zu ei­ nem flirrend-sirrenden, fröhlichen Babylon. Etliche seiner Fotografien sind nicht Schnappschüsse fürs Erinnerungs­ album oder Notizen für seine Arbeit an den Gemälden ; es sind einfühlsame, ambitionierte Bilder, die er sorgfältig vorbereitete: Mit einer bestimmten Bildidee im Kopf war­ tete er auf den richtigen Augenblick – und drückte ab. Die Linsenshow 19 zeigt ein Gegenüber von Kirchners Gemäl­ den und Fotografien. Dieser Auftritt macht deutlich, wie souverän der Künstler in beiden Künsten war.

Die Gegenüberstellungen von Fotografien und gemalten Werken von Ernst Ludwig Kirchner sind vom 1. Juli bis 30. September auf dem Wildboden in DavosFrauenkirch zu sehen. Noch bis zum 27. Oktober dauert die Ausstellung ‹ … heute kam den ganzen Tag Besuch – Kirchners Gäste › im Kirchner Museum in Davos mit Bildern, die Kirchner von zahlreichen Gästen fotografierte, zeichnete und malte. Das Kirchner Museum hat 2016 ein Buch zum fotografischen Werk des Künstlers herausgegeben, das im Museum erhältlich ist.

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1  Blick in den Eingang von Ernst Ludwig Kirchners Wohnhaus auf dem Wildboden in Davos-Frauenkirch, mit dem Schatten des Fotografen und seinem Kater Schaky, nach 1931. Zellulosenegativ, 14,5 ×  9,8 cm. Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1992. 2  Bergatelier, 1937. Öl auf Leinwand, 90 × 120 cm. Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1990. 3  Blick von der Bahnhofstrasse auf die Kirche St. Johann in Davos-Platz, um 1930. Zellulosenegativ, 14,5 × 9,4 cm. Privatbesitz, Dauerleihgabe im Kirchner Museum Davos. 4  Davos mit Kirche im Sommer, 1925. Öl auf Leinwand, 121 × 170,5 cm. Kirchner Museum Davos, Schenkung Kur- und Verkehrsverein Davos.

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Patronat

Partner Graubündner Kantonalbank Kirchner Museum Davos Förderer Kulturförderung Graubünden. Amt für Kultur / Promoziun da la cultura dal Grischun. Uffizi da cultura / Promozione della cultura dei Grigioni. Ufficio della cultura / Swisslos Davos Kultur Ernst Göhner Stiftung Meuli Stiftung Davos Anthony Vischer Kultur Prättigau in Zusammenarbeit mit Prättigau Tourismus Klosters Kultur Anny Casty-Sprecher Stiftung Gemeinde Grüsch Gemeinde Luzein Sponsoren Davos Klosters Tourismus Jaguar Land Rover Schweiz AG Keller AG Ziegeleien Ralbau AG – Raum aus Leidenschaft RhB Rhätische Bahn Steigenberger Grandhotel Belvédère Co-Sponsoren Schatzalp-Bahn Vetsch Beton AG

Linsenshow 19

Von Mitte Juni bis Ende September präsentiert die Linsenshow 19 die Werke von Künstlern und Fotografinnen mit Bezug zur Region Prättigau und Davos. Zum ersten Mal bereichert der Anlass in den Sommermonaten die Stadt Davos und die Dörfer im Tal mit Foto, Film und Video. Die Arbeiten der Kunstschaffenden aus Vergangenheit und Gegenwart lassen eine 120-jährige Fotografie- und Landschaftsgeschichte aufleben. www.linsenshow.ch


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Hochparterre X / 18 —  Titel Artikel