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Themenheft von Hochparterre, April 2017

Lösungen für die Not Der Hawa Student Award 2017 suchte und fand flexible Wohnlösungen auf Zeit für Menschen in einer Notsituation. An einem Unort mitten in Zürich.

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Schienen, Fluss, Autobahnzubringer – ein auf den ersten Blick unmöglicher Ort fürs Wohnen auf Zeit: der Bauplatz in Zürich.

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Editorial

Flexible Raumstrukturen

Inhalt

4 Wenn Wohnen zum Notfall wird Der Planungsperimeter und die Anforderungen des Wettbewerbs.

6 Auf Stelzen daheim Das Siegerprojekt.

10 Ein Schleier zum Lüften Die eine Lösung auf dem zweiten Platz.

12 Den Schlusspunkt setzen Das andere Projekt auf dem zweiten Platz.

14 Engere Wahl Sieben weitere interessante Projekte.

16 Weitere Teilnehmer Die Eingaben ohne Rangierung.

18 Eine gewisse Bescheidenheit Protokoll des Jurytags und die Stimmen der Juroren.

Zum vierten Mal führt Hawa Sliding Solutions ihren ‹ Stu­ dent Award › durch. 2010 suchte der Spezialist für Schiebe­ lösungen in Raum und Einrichtung Vorschläge fürs ‹ wan­ delbare Haus ›, 2012 fürs ‹ Wohnen in urbanen Nischen › und 2014 zum Thema ‹ zu Hause auf Zeit ›. 2017 haben an­ gehende Architektinnen und Architekten aus der Schweiz, Deutschland und Österreich neue, unkonventionelle Lö­ sungen für temporäres Wohnen entwickelt. Gesucht wa­ ren flexible Raumstrukturen für Menschen mit wenig oder keinem Einkommen. Denn auch in der reichen Schweiz, wo Hawa Sliding Solutions zu Hause ist, sind rund drei Prozent der Bevölkerung auf Sozialhilfe angewiesen, in der Stadt Zürich sogar rund fünf Prozent. Wenn diese Menschen ihre Wohnung verlieren, müs­ sen sie in sogenannten Notwohnungen Zeit überbrücken, bis sie wieder eine neue Bleibe gefunden haben. Mit flexi­ blen Raumkonzepten können die Sozialbehörden am bes­ ten auf die Bedürfnisse der schnell wechselnden Nutzer reagieren. Ein Schlüssel dazu sind kluge Schiebelösungen. Sie machen verschiedene Nutzungen einfach möglich. Be­ schlagsysteme fürs Schieben, Falten und Stapeln von bis zu 500 Kilogramm schweren Türen, Trennwänden oder Möbelfronten, wie sie Hawa Sliding Solutions in Mettmen­ stetten und Sirnach entwickelt und herstellt, sind eine wichtige Voraussetzung dafür. Der ‹ Hawa Student Award › nimmt die Diskussion rund um flexible Raumkonzepte auf und führt ihn mit der kom­ menden Entwerfergeneration weiter. « Es ist heutzutage nicht selbstverständlich, dass ein Unternehmen einen sol­ chen Aufwand zur Förderung des Nachwuchses betreibt », lobt denn auch Jurypräsidentin Marianne Burkhalter das Engagement. Der Einsatz hat sich gelohnt: 39 Studenten­ teams und einzelne Verfasser haben für die Ausgabe ‹ Mehr als ein Dach über dem Kopf › ein Projekt entworfen und eingegeben. Durchgesetzt bei der internationalen Jury haben sich drei sehr unterschiedliche Projekte – Entwürfe von insgesamt fünf angehenden Architektinnen aus Ber­ lin, Stuttgart und Hannover. Der Zürcher Fotograf Giuseppe Micciché hat den Pla­ nungsperimeter mit seiner Kamera sorgfältig umrundet und es geschafft, dem Unort in seinen Bildern eine poeti­ sche Note zu verleihen.  Roderick Hönig

Impressum Verlag Hochparterre AG  Adressen  Ausstellungsstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon 044 444 28 88, www.hochparterre.ch, verlag @ hochparterre.ch, redaktion @ hochparterre.ch Verleger und Chefredaktor  Köbi Gantenbein  Verlagsleiterin  Susanne von Arx  Konzept und Redaktion  Roderick Hönig  Texte  Reto Westermann, www.alpha-media.ch  Fotografie  Giuseppe Micciché, www.giuseppe-micciche.ch  Art Direction  Antje Reineck  Layout  Barbara Schrag  Produktion  Sue Lüthi  Korrektorat  Lorena Nipkow, Elisabeth Sele Lithografie  Team media, Gurtnellen  Druck  Somedia Production, Chur Herausgeber  Hochparterre in Zusammenarbeit mit Hawa Sliding Solutions Bestellen  shop.hochparterre.ch, Fr. 15.—, € 10.—

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Aufgabe Notwohnraum für 180 bis 200 Personen Ort:  Uferzone und Fluss­raum beim Ende der Autobahn A3, Zürich Raumprogramm:  Wohn­einheiten für 180 bis 200 Personen ( bis 6 Zim­mer ) – 2-Zimmer-­Modul 45  –  55  m2 Netto­wohn­fläche ( NWF ) – 3-Zimmer-Modul 55 – 65 m2 NWF – Gemein­schafts-Wohn­küchen – Nasszellen (  1 pro 4 Per­­­so­nen  ) – Veran­stal­­tungs­räume, Spielräume, Waschküchen

Zielsetzung – Zeitgemässe, ziel­grup­pen­orientierte Lösungen – Konzept­vorschläge für flexible Nutzung durch verschie­dene Nutzergruppen – Qualitativ hochste­­hende architektonische Lösun­gen – Kostenoptimierte Bauweise

­ enn Wohnen zum W Notfall wird Der Hawa Student Award 2017 suchte nach Vorschlägen für einfachen, flexiblen und preiswerten Wohnraum auf Zeit zwischen Autobahn und Fluss in Zürich. Text: Reto Westermann Foto: Giuseppe Micciché

wohnungen nur während einer beschränkten Zeitdauer genutzt werden, kommen dafür auch Areale infrage, die sich für den regulären Wohnungsbau nicht eignen – beispielsweise aufgrund der Lärmsituation. Ein solches verkehrslärmdominiertes, städtebauliches Restgrundstück, das sich auf den ersten Blick nicht für Wohnraum eignet, hat Hawa als Bauplatz für den Student Award 2017 ‹ Mehr als ein Dach über dem Kopf › ausgesucht. Das Areal befindet sich mitten in Zürich in der Verlängerung eines auf Dachhöhe der Nachbarhäuser endenden Brückenstummels der Autobahn über dem Fluss Sihl. Der rund 5000 Quadratmeter grosse Perimeter in der Nähe des Stadtbahnhofs Giesshübel umfasst einen klingenförmigen Abschnitt des Flusses. Da es keine konkreten Bauabsichten gibt, waren die Vorgaben relativ frei: Die Wettbewerbsteilnehmer konnten sowohl den Uferbereich als auch die Fläche über dem Wasser bebauen. Zusätzlich waren sie frei, den ungenutzten Brückenstummel der Autobahn in die Aussenraumgestaltung miteinzubeziehen.

Gemäss der Armutsstudie 2013 des Bundesamts für Statistik leben in der Schweiz 600 000 armutsbetroffene und über eine Million armutsgefährdete Menschen. Diese Zahlen mögen für die Schweiz erstaunen, aber es gibt auch in einem der reichsten Länder der Welt viele Alleinerziehende, allein lebende Erwachsene, Personen ohne Berufsausbildung, Arbeitslose oder Rentner, die in prekären Verhältnissen leben. Diesen Menschen akzeptablen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Sozialbehörden und gleichzeitig eine ihrer grössten Herausforderungen. Von Armut betroffene Menschen haben es auf dem überhitzten Immobilienmarkt der Schweiz besonders schwer. Gerade sie sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, ihre bestehende Wohnung zu verlieren – etwa, weil sie das Geld für die Miete nicht mehr aufbringen können oder weil sie ihre günstige Wohnung wegen eines Neubau- oder Lösungen abseits der Erwartungen Bewertet wurde, welche Möglichkeiten für Wohnraum Sanierungsprojekts aufgeben müssen. Mangelware ist bezahlbarer Wohnraum vor allem dort, wo der Immobilien- für 180 bis 200 Personen die Studenten aufzeigen konnmarkt boomt, also in den grossen Städten. Genau dort le- ten. Gesucht waren nicht klassische Wohnungen, sondern ben aber besonders viele von Armut betroffene Menschen. vielmehr flexibel veränderbare Raumkonzepte, mit denen einfach auf die Bedürfnisse der schnell wechselnden Nutzer reagiert werden kann. Also Wohneinheiten, die Notwohnraum löst Probleme Finden diese Menschen keine bezahlbare Wohnung sich etwa durch Kombination oder Trennung von Räumen oder verlieren sie ihre angestammte Unterkunft, werden ebenso für Einzelpersonen wie auch für Paare oder grös­ sie – bis sie eine neue Bleibe gefunden haben – in einer sere Familien eignen. Die angehenden Architekten und Notwohnung einquartiert. Obwohl viele Gemeinden ex- Architektinnen sollten zudem Vorschläge für eine einfatra Wohnraum für solche Fälle dazumieten, fehlt es oft che, robuste Bauweise mit einem auf das Minimum reduan Unterkünften. Es ist anzunehmen, dass sich die Lage zierten Ausbaustandard machen. Über Vorschriften und nicht entspannt: Aufgrund der grossen Attraktivität der Standards, etwa zum Lärmschutz oder zur Haustechnik, Städte und der zunehmenden Segregation in der Bevölke- konnten die Teilnehmer getrost hinwegsehen. Sie sollten rung wird der Bedarf an solchen Notunterkünften in den vielmehr die Möglichkeiten der Architektur ausspielen nächsten Jahren eher zunehmen. Der Bau eigener Liegen- und Lösungen abseits der Erwartungen aufzeigen. Kurz schaften mit Notwohnraum ist für Gemeinden eine gute und gut: Gesucht war die optimale Schnittmenge zwiMöglichkeit, dem Problem zu begegnen. Und weil die Not- schen Kosten, Nutzen, Ästhetik und Wohnwert. 

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Der Planungsperimeter: 5000 Quadratmeter gross, über der Sihl, zwischen Brückenstummel und Autobahnzubringer mitten in Zürich. Themenheft von Hochparterre, April 2017 —  Lösungen für die Not — Wenn Wohnen zum Notfall wird

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Ein langer Korridor erweitert die Privaträume. Der Gang ist auch ein bisschen Wohnund Lebensraum.

Auf Stelzen daheim

Das Siegerprojekt macht mit einer geschickt gestapelten Gebäude­landschaft aus einem Unort einen Wohnort. Der überdachte Autobahnzubringer erschliesst die Häuser. Text: Reto Westermann

Der überdachte Autobahnzubringer wird zum Spazierweg zur unteren Wohnebene. Die gestapelten Wohnriegel formen Nischen und Höfe.

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Der zu bebauende Platz am Ende der Autobahn ist ein Unort. Julia Modlinska schafft es mit ihrem Projekt, daraus einen Ort zu machen. Einen Ort, an dem man sich nicht nur Notwohnungen, sondern sogar eine dauerhafte Wohnnutzung vorstellen könnte. Dafür sind vor allem zwei Elemente ihres Entwurfs verantwortlich: zum einen ein orthogonales Gitter aus sorgfältig gestalteten ein- und zweigeschossigen Wohnriegeln, die auf Plattformen hoch über dem Fluss stehen, zum anderen die Einhausung der Autobahnabfahrt. Diese hält nicht nur den Lärm ab, sondern wird durch einen breiten Weg, der auf ihrem Dach verläuft, zu einer sanft geschwungenen Erschliessungs­ achse, von der aus man zu den Eingängen der einzelnen Wohneinheiten gelangt. Basis der rechtwinkligen Gebäudestruktur bilden acht grosse Betontische, die quer zur Fliessrichtung auf Stützen im Fluss stehen. Die runden Pfeiler und ein Hohlkörper als Querträger übernehmen die Bauweise der benachbarten Autobahn und schaffen so einen Bezug zwischen dem Verkehrs- und dem Wohnbauwerk. Auf diesen ‹ Tischen › sind 22 langgezogene, eingeschossige Wohngebäude übereinandergestapelt – fast wie die hölzernen Klötzchen des Kapla-Spiels. Julia Modlinska schlägt vor, die Gebäude in vorgefertigter Holzbauweise mit einer Verkleidung aus Schicht-­ holzplatten zu bauen. Zwei parallele Brücken verbinden jeweils die Wohneinheiten untereinander, sie dienen zugleich als grosszügige Aussenräume in luftiger Höhe. Weitere Verbindungen zwischen den Riegeln gibt es eine Ebene höher: Hier sind über die ganze Länge des Wohnkomplexes quer zu den Gebäuden der unteren Ebene 14 weitere Wohnriegel angeordnet. Sie machen den Raum auf den offenen Brücken darunter zu einer Art Loggia. Je ein Treppenkern und ein Lift pro Betontisch verbinden die Ebenen untereinander sowie mit dem Weg auf der Einhausung der Autobahnrampe. Nur die Treppenhauskerne ganz im Süden und Norden dieser schwebenden Siedlung führen bis auf die Flusspromenade hinunter und binden sie so ans Wegnetz der Stadt an.

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Freie Konfiguration Die acht Holzmodulbauten der unteren Ebene werden der Länge nach durch einen mittig angeordneten Korridor halbiert. Beidseits davon liegen, spiegelbildlich angeordnet, jeweils zwei Raumschichten. Die äussere besteht aus Wohnräumen mit grossen Fenstern auf eine vorgelagerte schmale Balkonzone. Jeweils ein Raum pro Einheit wird als Wohnküche genutzt und bietet direkten Zugang zu den grossen Aussenräumen auf den Verbindungsbrücken. Die restlichen Räume sind Wohn- oder Schlafzimmer. In der innengelegenen Schicht liegen Duschen und Toiletten sowie eine knappe Vorzone für jeden Wohnraum. Schiebetüren zwischen den Zimmern sowie zwischen Wohnbereich und Vorraum ermöglichen unterschiedliche Zimmerkonfigurationen: Werden die Duschen und Toiletten gemeinschaftlich genutzt, können die Zimmer einzeln vermietet werden. Braucht es grössere Wohnungen, bilden mehrere Zimmer zusammen mit Vorraum, Dusche und WC eine eigene Einheit. Gleichzeitig lässt der Entwurf zu, Vier- oder Fünfzimmerwohnungen mit eigener Küche abzutrennen und so auch auf die Bedürfnisse von grösseren Familien einzugehen.

Die identischen Wohnriegel können dank Trenn­wänden flexibel bespielt werden. Das ermöglicht Wohnungen mit zwei Zimmern oder viele Räume für Wohngemeinschaften.

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Dauerwohnen möglich Die Riegel der oberen Ebene sind ebenfalls in zwei Schichten unterteilt, aber aufgrund der geringeren Gebäudetiefe nicht an einem mittigen Korridor gespiegelt. Als Pendant zu den Loggias der unteren Ebene verfügen diese Einheiten jeweils über eine eigene Dachterrasse im Bereich der Treppenhäuser. Die Räume der oberen Ebene eignen sich vor allem für Familien, die hier mehr Privatsphäre geniessen. Die vielfältige Raumstruktur mit ihren einheitlich grossen Räumen, die flexibel kombiniert werden können, kommt nicht nur den rasch wechselnden Bedürfnissen einer Wohnung für die Not entgegen, sondern würde auch eine dauerhafte Wohnnutzung erlauben. Die Wohneinheiten der oberen Ebene könnten zu grösseren Mietwohnungen geschaltet werden, und die Zimmer in der unteren Ebene würden sich gut etwa für Wohngemeinschaften für Studierende eignen. 

1. Preis Julia Modlinska ( 27 ), Universität der Künste, Berlin

Schmale Brücken verbinden die Wohnein­heiten der oberen Ebene miteinander.

Kommentar der Jury Der Beitrag von Julia Modlinska ist das reifste der 39 eingereichten Projekte und hat die Jury mehrfach überzeugt. Modlinska macht beispielsweise die Autobahnrampe geschickt zum Teil ihres Projekts: Mithilfe einer Überdachung wird diese zur Erschliessungsachse für den Langsamverkehr. Die Wohnräume wiederum sind so angeordnet, dass sie sich flexibel kombinieren lassen und so verschiedene Nutzungen sowie Grade der Privatheit zulassen. Auch die sorgfältige Gestaltung der Gebäude und die stadträumliche Qualität des Entwurfs sind ein wichtiger Beitrag zur Aufwertung dieses unwirtlichen Ortes. Die bewusste Verletzung des im Wettbewerb vorge­ sehenen Planungsperimeters durch die Autorin ist ein mutiger, aber ange­sichts des Resultats legitimer Entscheid.

Hoch über dem Fluss bilden gestapelte Wohnriegel eine offene, gitterartige Plattform. Sie könnte auch noch weiter den Flussraum entlang wachsen.

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Grundriss der unteren Häuserebene.

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Längsschnitt durch den eingehausten Autobahnzubringer und die untere Wohnebene.

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Grundriss der oberen Häuserebene.

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Querschnitt durchs Flussbett, rechts der eingehauste Autobahnzubringer.

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Der Wohnriegel auf Pfeilern in der Verlängerung des Autobahnstummels.

Ein Schleier zum Lüften

Die Privatsphäre schützen und Passanten einladen. Das kann die flexibel bespielbare Gebäudestruktur, die auf Stützen im Fluss steht. Text: Reto Westermann

Hinter einer transparenten Hülle steckt eine robuste Betonstruktur.

Maren Kröller und Raphaela Buchberger versuchen in ih­ rem Projekt, mit baulichen Mitteln gesellschaftliche Gren­ zen zu durchbrechen, die durch die Stigmatisierung von Armut entstehen. Ihr langgezogener, sechsgeschossiger Baukörper steht mitten im Flussbett der Sihl und zeichnet mit einem leichten Knick in der südlichen Gebäudehälfte die sanfte Kurve des Wasserlaufs nach. Ein halb transpa­ renter Schleier umhüllt das ganze Gebäude, er soll allzu tiefe Einblicke verhindern und die Aussenräume der Wohn­ bereiche vor der Witterung schützen. Zentrales Element der Verbindung zwischen den Be­ wohnern der Notwohnungen und den Zürchern mit einer festen Bleibe bildet das offene Erdgeschoss. Zwei x-för­ mig angelegte Wege verbinden diese Ebene mit den bei­ den Ufern. Ein Café und weitere öffentliche Nutzungen sollen hier den Kontakt zwischen Bewohnern und Passan­ ten fördern, die auf den flankierenden Sihlpromenaden zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs sind. Clusterwohnen Die oberen fünf Stockwerke sind allein den Bewoh­ nerinnen und Bewohnern vorbehalten und sollen von die­ sen weitgehend selbst gestaltet werden. Das soll ein grob gerastertes Betonskelett als tragende Struktur möglich machen. Laubengänge rund um das Gebäude herum sor­ gen für die Erschliessung innerhalb der einzelnen Ebenen, innenliegende Liftkerne sowie einläufige Treppen entlang der Fassade verbinden die Geschosse sowie die Zugangs­ ebene untereinander. Durch die dreidimensionale Gitterstruktur entste­ hen kubische Zellen, die von den Bewohnern mit zehn verschiedenen Modulen, etwa Schlafraum oder Aufent­ haltsbereich, gefüllt und bewohnbar gemacht werden können. Abhängig von der Nachfrage sind die Waben der Gitterstruktur mehr oder weniger gefüllt. Die zehn unter­ schiedlichen Module können nach Belieben zu verschie­ den grossen Einheiten kombiniert werden – je nachdem, ob Einzelpersonen, Paare oder Familien einziehen und ob sich die Bewohner einen zusätzlichen Gemeinschafts­ raum wünschen. Jeweils mehrere Module zusammen bilden innerhalb eines Geschosses einen Cluster. Des­ sen Kern besteht aus entsprechenden Einheiten mit ge­ meinsam genutzten Räumen wie beispielsweise Küchen, Waschküchen oder Nasszellen. 

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2. Preis ex-aequo Maren Kröller ( 30 ) und Raphaela Buchberger ( 27 ), Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart Kommentar der Jury Die von Maren Kröller und Raphaela Buch­ berger vorgeschlagene Beton­struktur, die frei mit verschiedenen Elementen ge­ füllt werden kann, hat die Jury vor allem aufgrund ihrer grossen Nutzungs­vielfalt überzeugt. Spannend ist, alle öffentlich zugänglichen Räume in der Erdgeschoss­ ebene zusammenzufassen und von den darüberliegenden Wohnungen zu trennen. Die Grossstruktur erinnert an diejenige der japanischen Metabolisten, bei der unterschiedlich kombinier- und erwei­ter­ bare ‹ capsules › – einfache Raumkuben – ein zentrales Element bilden. Dem Proj­ekt fehlt aber eine konsequente Umsetzung dieser Idee. Hinterfragt hat die Jury auch die Notwendigkeit und den Sinn der fei­nen, halb transparenten Hülle, die über die Struktur gestülpt ist. Die Bewohner können mit zehn Wohnelementen den Stützenraster beliebig bespielen. GSEducationalVersion

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Situation: ein Hochhaus als Abschluss des Autobahnstummels.

Den Schlusspunkt setzen

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Ein Hochhaus als Abschluss des Autobahnstummels löst die städtebauliche Situation und lenkt viel Aufmerksamkeit aufs Wohnen für Menschen in Notsituationen. Christina Cernovsky und Franziska Faber geben dem nutzlos über der Sihl in den Himmel ragenden Autobahnstummel eine neue Funktion und einen neuen Sinn: Sie setzten ein 18-stöckiges Hochhaus als markanten Schlusspunkt direkt ans Ende der Autobahn, sodass der Stummel zum grosszügigen Vorplatz wird. Das achtzig Meter hohe und nur zehn Meter tiefe Gebäude nimmt die Breite der Fahrspuren auf und wird auf beiden Seiten von den Zu- und Abfahrtsrampen der Autobahn umfasst. Eine transparente Fassade aus doppelwandigen Polycarbonatplatten schützt die Wohnräume vor dem Strassenlärm und verleiht dem Gebäude gleichzeitig eine filigrane Erscheinung.

Text: Reto Westermann

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Grundrisstypen 1 Kommunikativ 3-Zimmer-Wohnung für Familien und Wohngemeinschaften 72 m2 im 17. Geschoss 2 Flexibel 1-Zimmer-Wohnung für Singles 24 m2 im 7. Geschoss

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3 Barrierefrei 2-Zimmer-Wohnung behindertengerecht, betreutes Wohnen 50 m2 im 6. Geschoss 4 Mehr Raum 3-Zimmer-Wohnung für Paare 48 m2 im 15. Geschoss

Vielfältige Raumkombinationen Das Hochhaus ist in der Vertikalen in vier Zonen unterteilt. Die unterste besteht aus dem Erdgeschoss, das einerseits eine Verbindung zwischen den beiden Ufern schafft, andererseits als Erschliessungsebene und zum Abstellen von Fahrrädern dient. Von hier aus führen zwei Treppen- und Liftkerne in die 24 Geschosse. Bis zur Höhe der Hochstrasse liegen zwei Stockwerke, die vor allem für eine temporäre Wohnnutzung in grösseren Gemeinschaften gedacht sind. Neben einzelnen Wohnräumen sind hier auch gemeinschaftlich genutzte Räume vorgesehen. Auf der Ebene des Autobahnviadukts schlagen die beiden Verfasserinnen eine drei Geschosse hohe, öffentliche Halle vor. Sie dockt direkt an den Brückenstummel an, der neu teilweise zur gemeinschaftlichen Terrasse des Hauses wird. Oberhalb der grossen Halle liegen 18 Regelgeschosse mit Wohneinheiten sowie ein offenes Dachgeschoss. Schotten unterteilen die Stockwerke der Breite nach in sechs gleich grosse Wohnräume, die nach Norden hin orientiert sind. Zur lärmigen Autobahnseite im Süden erschliesst ein Korridor die Wohnräume. Diese sind klar unterteilt: Direkt hinter der Eingangstüre sind links und rechts eines schmalen Gangs eine Kochnische und eine Nasszelle angeordnet. Der Gang führt in eine Zwischenzone vor dem Wohnraum mit Platz für Bett, Schrank und Tisch. Mit Schiebeelementen können die Räume frei miteinander kombiniert werden. Die kleinste Einheit bildet ein Einzimmerapartment mit Kochnische und Bad. Die grösste Einheit umfasst alle sechs Zimmer eines Stockwerks und könnte beispielsweise von einer grösseren Familie belegt werden. 

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Das achtzig Meter hohe Hochhaus dockt am Brückenstummel an und klärt die städtebauliche Situation.

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2. Preis ex-aequo Christina Cernovsky ( 26 ) und Franziska Faber ( 24 ), Leibniz Universität, Hannover

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S I H L

Kommentar der Jury Der Vorschlag von Christina Cernovsky und Franziska Faber hat innerhalb der Jury zu kontroversen Diskussionen geführt. Der Entscheid für ein Hochhaus ist mutig und schafft städtebaulich einen klaren Abschluss des Autobahnstummels. Zudem ist die Wahl eines Hochhauses innerhalb der Bandbreite des Wettbewerbs ein inte­ ressanter und provokativer Ansatz, der von den Autorinnen in einer hohen Qualität ausgearbeitet wurde. Es stellt sich aber die Frage, ob ein Hochhaus das richtige Symbol für ein Gebäude mit Not­ wohnungen ist. Fraglich ist zudem, ob sich ein solches Projekt wirtschaftlich realisieren lässt.

Querschnitt: Auf den Brückenstummel öffnet sich eine Eingangshalle auf den urbanen Aussenraum. 0

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Engere Wahl 1

  Dorf am Fluss

Wie ein modernes Pfahlbaudorf stehen die Häuser von Clemens Wiese und Eljas Alla­fian im Flussbett. Alle elf Holzhäuser sind über einen Steg direkt vom Ufer aus erschlossen. Bei den grösstenteils zweistöckigen Einheiten führt eine einläufige Treppe vom Ufer ins Obergeschoss. Die Erschliessungsstege münden in eine zweige-­ schossige Halle. Von ihr aus sind die Gemeinschaftsbereiche und die privaten Räume erreichbar. Alle Bauten basieren auf einem Grundraster von vier mal vier Metern. Vier solcher Räume mit je 16 Quadratmetern Fläche bilden eine Einheit, die mit verschiebbaren Wänden unterteilt werden kann. Die Jury findet die modulare Bauweise einen guten Ansatz, gleichzeitig entstehen dadurch aber auch Zwänge. So ist die Erschliessung der privaten Räume je nach Konfiguration schwierig. Kritisch betrachtet hat sie auch die zu wenig auf die Zielgruppe ausgerichtete Gestaltung der Bauten – die Anlage erweckt eher den Eindruck einer gehobenen Reihenhaussiedlung.

penanlage, die am Nordende vom Ufer hoch zu den Wohngeschossen führt. Der Zugang zu den Wohnräumen erfolgt über rundum laufende Laubengänge. Im Innern ist das Gebäude rigide organisiert. Die Grundstruktur bilden neben­ einander aufgereihte, schmale Zimmer, die durch Lichtschächte belichtet werden. Als Trennwände dienen Teppiche, die auf Rollen in Wandnischen verstaut werden können. Für die Jury ist das eine Lösung, die nur bei einer sehr kurzen Aufenthaltsdauer funktioniert und sich deshalb nur bedingt eignet. Nicht abschliessend gelöst sind auch die Belichtung der Zimmer und die Zahl sowie Grösse der gemeinschaftlichen Bereiche. Verfasser Dilara Orujzade ( 25 ) und Lukas Schwabenbauer ( 24 ) Technische Universität, München

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  Schwebende Kiste

Der lange, zweigeschossige Baukörper im Entwurf von Johanna Leyh und Lorenz Wittkugel schliesst fast nahtlos an den Autobahnstummel an. Das scheinbar schwebende Gebäude zeichnet die Spur der Strassenbrücke weiter, ohne sich ihr anzubiedern. Beide Geschosse des Baus sind identisch organisiert: Fünf grosse, zum Fluss ofVerfasser fene Innenhöfe strukturieren den Grundriss. DarClemens Wiese ( 24 ) und Eljas Allafian ( 22 ) um herum sind die Wohneinheiten angeordnet – Technische Universität, Braunschweig pro Geschoss je zwanzig kleine und vier grosse. Ihre Fenster öffnen sich alle zu den Höfen und ermöglichen so allen Bewohnern einen Blick auf 2  Die Wohnscheibe Als fast einzige Wettbewerbsteilnehmerinnen die Sihl. Gemeinschaftsbereiche, Gruppenräume schlagen Alina Krimpenfort und Franziska Roeh- und Waschküchen sind zwischen die Wohneinse vor, nicht über, sondern neben dem Fluss zu heiten verteilt. Rund ums Gebäude verläuft ein bauen. Ihre achtgeschossige Wohnscheibe nutzt Laubengang hinter einer halbtransparenten Verdie schmale Fläche am West­ufer der Sihl. Ein kleidung. Er verbindet alle Räume miteinander. enger Schottenraster strukturiert die Grundrisse Die Innenhöfe und die ‹ Fortsetzung der Autoin einer Abfolge von schmalen Raumeinheiten. bahn › sind für die Jury ein interessanter Ansatz, Das Erdgeschoss ist offen, der Durchblick vom mit dem Ort umzugehen. Die Anordnung und die nahen Spazierweg aufs Wasser bleibt dank der Kombinierbarkeit der Wohnräume scheinen ihr quer zum Fluss angeordneten Mauerscheiben für den Nutzungszweck aber zu starr und zu wefrei. Von hier aus führen zwei Treppenkerne nach nig systemisch gedacht. oben zu den westseitig angeordneten LaubenVerfasser gängen der Wohngeschosse. Durch die den EntJohanna Leyh ( 27 ) und Lorenz Wittkugel ( 27 ) wurf prägenden Mauerschotten führt mittig ein Leibniz Universität, Hannover zweiter, halbprivater Korridor. Faltbare Wände und Türen entlang dieses inneren Gangs erlauben, dass die Räume unterschiedlich kombiniert 5  Der Blütencluster werden können. Das Projekt sucht und findet Kernstück des Projekts von Anja Widderich sind einen anderen Ansatz, ist weit gedacht und hat acht Gebäudecluster, die an einen Blütenkranz der Jury deshalb gefallen. Hauptkritikpunkt ist die erinnern. Sie orientieren sich zum Fluss hin und Schottenbauweise, die ein unnötig enges Korsett bestehen aus runden Gebäudekörpern, die in schnürt und die Freiheit bei der Nutzung der Räu- Sechsergruppen um einen zentralen Platz herme ohne Not einschränkt. um angeordnet sind. Der Innenausbau ist einfach gehalten, mit rohem Beton und Trennwänden Verfasserinnen aus unbehandeltem Holz. Die dreigeschossigen Alina Krimpenfort ( 26 ) und Franziska Roehse ( 26 ) Rundbauten sind raumhoch verglast und können Leibniz Universität, Hannover pro Stockwerk in drei 120-Grad-Segmente unterteilt werden. Jedes Segment kann unterschiedlich genutzt werden – beispielsweise als Schlaf3  Der Schlussstrich Dilara Orujzade und Lukas Schwabenbauer pla- oder privater Aufenthaltsraum. Ergänzt wird das nen nicht nur Notwohnungen, sondern betreiben Raumangebot durch eine im Osten an die Clusauch ein Stück weit Stadtreparatur. Der zweige- tergebäude angebaute Servicezone mit Nasszelschossige Baukörper nimmt die Breite des Auto­ len und weiteren Gemeinschaftsbereichen, die bahnstummels auf, verlängert ihn und schafft so sich je zwei ‹ Blütenkränze › teilen. Von hier aus einen klaren Abschluss des Strassenbauwerks. erfolgt auch der Zugang zur Wohnsiedlung. Für Erschlossen wird das Gebäude durch eine Trep- die Jury ist der Projektansatz eine überraschende,

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unkonventionelle Auseinandersetzung mit dem Thema. Kritisch hinterfragt hat sie allerdings die Eignung der runden Räume als Notwohnungen. Verfasserin Anja Widderich ( 24 ) Technische Universität, Braunschweig

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 Zwischenraummaschine

Das Projekt von Michael Sattler und Leon Frederik Scheufler sieht eine grosse Plattform über der Sihl vor, die fast den ganzen Planungsperimeter überdeckt. Mehrere Durchbrüche darin schaffen einen Bezug zum Fluss. Auf der weiten Fläche stehen zwei langgezogene, je dreigeschossige Baukörper. Sie sind geschickt zueinander versetzt, sodass sie im Inneren einen offenen und öffentlichen Raum fassen. Um die Kommunikation zwischen den Bewohnern, Besuchern oder Nachbarn zu fördern, liegen die beiden Baukörper nur punktuell auf der Plattform auf, was einen durchlässigen Innen-Aussenraum schafft. Auf der Eingangsebene sind Gemeinschaftsräume, Werkstätten und Veloabstellanlagen untergebracht. Die Erschliessung der beiden Wohngeschosse erfolgt über fünf Treppenkerne und Laubengänge. Eine Standardwohneinheit besteht aus zwei Zimmern, die über eine gemeinsame Küche, einen Wohnraum und ein Bad verfügen. Für die Jury ist das Projekt von der Gestaltung her stimmig. Die Anlage kommt aber zu sehr wie eine Wohnsiedlung für den gehobenen Mittelstand daher. Unklar ist zudem, ob und wie genau die Wohnräume rasch an die wechselnden Bedürfnisse angepasst werden könnten. Verfasser Michael Sattler ( 30 ) und Leon Frederik Scheufler ( 21 ) Technische Universität, Graz

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  Badeanstalt hoch fünf

Hölzerne Badeanstalten, die auf Stützen im Fluss stehen, gehören in Zürich zum vertrauten Bild. Arianit Ramiqi und Mauro Manco nehmen es mit ihrem Projekt auf. Sie setzen ihr aus Holzelementen vorgefertigtes Wohngebäude auf filigrane Betonstelzen ins Flussbett. Der fünfgeschossige Gebäudekörper umschliesst einen grossen, von der Sihl durchflossenen Hof. Das Erdgeschoss ist als Wandelhalle gedacht und macht diesen Raum erleb- und begehbar. Die Erschliessung der vier Obergeschosse erfolgt über sechs Treppenhäuser. Alle Wohneinheiten sind sowohl zum Hof als auch nach aussen hin orientiert, die Grundrisse nehmen das Muster klassischer Mietwohnungen auf. Für die Jury ist die Referenz an die klassische Zürcher Badeanstalt eine schöne Idee, die aber zu wenig ausgearbeitet wurde. Zudem ist sie sich nicht sicher, ob der Typus Badeanstalt auf einen so hohen Baukörper übertragen werden kann. Kritisiert hat die Jury auch die Wohnungsgrundrisse: Lassen sie sich genügend rasch an die wechselnden Bedürfnisse anpassen ? Verfasser Arianit Ramiqi und Mauro Manco ( 24 ) ETH, Zürich

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Patrick Meyer ( 28 ), Adrien Comte ( 27 ) ETH, Zürich

Carolin Seeling ( 26 ) Bauhaus-Universität, Weimar

Sebastian Sattlegger ( 29 ) TU, Wien

Severin Jann ( 23 ), Valentin Ribi ( 24 ), Florentin Duelli ( 25 ) ETH, Zürich

29 Weitere Teilnehmer am Hawa Student Award 2017

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Sophie Weber ( 24 ), Marcus Schlicht ( 25 ), Jakob Hainich ( 23 ) Bauhaus-Universität, Weimar

Juan-Matthias Velten ( 26 ) HTWG, Konstanz

Heiko Lubs ( 27 ), Mathis Huismans (26) Leibniz Universität, Hannover

Philippe Niffeler ( 26 ) ETH, Zürich

Luisa Kunze ( 26 ), Kyveli Tsolakidou ( 24 )  HTWK, Leipzig

Christoph Weigel ( 36 ), Gerry Schreiber ( 27 ) HTWK, Leipzig

Themenheft von Hochparterre, April 2017 —  Lösungen für die Not — Weitere Teilnehmer

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Eunji Jeong ( 37 ), Chang Minseok ( 37 ) KIT, Karlsruhe

Christoph Frömmigen ( 26 ) HTWK, Leipzig

Torben Alexander Heintsch ( 27 ) TU, Braunschweig

Lejla Huskic ( 27 ), André Engbert ( 27 ) MSA, Münster

Danail Machev ( 25 ) TU, Wien

Florian Hörmann ( 27 ) HS, Augsburg

Elisa Korfage ( 26 ), Carina Fricke ( 25 ) Leibniz Universität, Hannover

Katharina Baum ( 26 ), Marco Wendenburg ( 34 ) HTWK, Leipzig

Manuele Pinelli ( 26 ), Julie Bänziger ( 23 ) Hochschule Luzern Technik & Architektur, Horw

Klemens Lorenz ( 25 ), Dennis Trutty ( 27 ) TU, Berlin

Victoria Lukina ( 27 ) HTW Saar, Saarbrücken

David Taffner ( 27 ), Norman Schröder ( 28 ) RWTH, Aachen

Astrid Rang ( 29 ), Isabel Sobotta ( 25 ) Hochschule Düsseldorf

Marie Stahn ( 25 ), Juliana Wahls ( 27 ) HTWK, Leipzig

Patrick Pozorski ( 26 ) HTWK, Leipzig

Benjamin Sens ( 29 ), Florian Schwalbe ( 29 ) HTWK, Leipzig

Jörn Kehrer ( 27 ) HTWK, Leipzig

Katharina Winterling ( 24 ) Hochschule 21, Buxtehude

Themenheft von Hochparterre, April 2017 —  Lösungen für die Not — Weitere Teilnehmer

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Claudia Rosenberger ( 26 ) TU, Graz

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Die Ausloberin 2017 hat die Hawa AG mit der EKU AG fusioniert. Die beiden Schweizer Familien­ unternehmen, bisher unter dem Dach der Hawa Holding geführt, bilden nun die Hawa Sliding Solutions AG. Für die Hawa Sliding Solutions entwickeln und produzie­ ren über 240 Mitarbeiter Beschlag­ systeme in Mettmenstetten und Sirnach. « Mit dem Zusammenführen beider Unter­ nehmungen sichern wir unsere Stand­-

orte in der Schweiz und unsere Zukunft als Schweizer Unternehmen », begründet der Geschäftsleiter Heinz Haab den Zusammenschluss. Die Spezialisten, die bereits seit 50 Jahren mit Schieben am Bau, im Bau und am Möbel Kompetenz beweisen, exportieren einen hohen Anteil ihrer Lösungen ins Ausland und unter­ halten Niederlassungen in den USA, Dubai, Katar und Singapur. www.hawa.com

Eine gewisse Bescheidenheit 39 Projekte haben die acht Preisrichterinnen und Preisrichter juriert. Die wiederkehrende Frage war, welche Architektur für Menschen in Not angemessen ist. Text: Reto Westermann Fotos: Axel Linge

Der Blick auf die Arbeiten zeigte aber auch: Manchmal würde der Entwurf eigentlich passen, wird aber durch Renderings vernebelt, die falsche Assoziationen wecken: Zu viele schöne Möbel und Menschen in Ferienstimmung Draussen startet der Tag Ende November grau und kühl, prägen manche der computergenerierten Bilder, oder wie drinnen im warmen Architekturforum Zürich wartet auf die es der Holzbaupionier Hermann Kaufmann neudeutsch « illustre Professorengesellschaft » viel Arbeit. So bezeich- zuspitzte: « Too many happy people. » Die Juroren debattiernet Jurypräsidentin und Architektin Marianne Burkhalter ten darüber mit Lust und Freude, sodass sich im Verlauf ihre fünf Kollegen im Beurteilungsgremium angesichts des Tages ein Konsens einstellte: Eine gewisse Bescheideren Engagement an den verschiedenen Hochschulen in denheit sei angebracht, mutige Lösungsansätze seien Darmstadt, Graz, München, Wien und Zürich. Bis gegen aber durchaus erwünscht. Abend sollte die Gruppe die 39 Arbeiten von Architekturstudentinnen und -studenten aus Deutschland, Österreich Fünf Frauen auf dem Podest und der Schweiz beurteilen. Zehn Arbeiten haben es nach dem Mittagessen in die Burkhalter freute sich über den Wettbewerb und das Endrunde geschafft, drei Projekte mit sehr unterschiedliEngagement: « Es ist heutzutage nicht selbstverständlich, chen Ansätzen hat die Jury schliesslich prämiert. « Unsere dass ein Unternehmen einen solchen Aufwand zur Förde- Auswahl soll nicht nur die besten Arbeiten abbilden, sonrung des Nachwuchses betreibt. » Nach einer kurzen Vor- dern auch verschiedene Gebäudetypologien, die denkbar stellung aller Projekte durch Architekt Daniel Kopetschny, sind », sagt Hubert Klumpner. Diesen Wunsch zeigt die der die Vorprüfung durchgeführt hat, beginnen die Diskus- Auswahl gut: Ausgezeichnet wurden ein Hochhaus, das sionen, etwa über den gewählten Bauplatz ( « schwierig » ), direkt an den Brückenstummel anschliesst ( 2. Platz ex aedie Idee, ins Flussbett der Sihl zu bauen ( « Hochwasserge- quo – 3500 Franken ), ein dunkler Kubus, der in der Sihl fahr » ), oder die Legitimität, Notwohnungen in Hochhäu- steht ( 2. Platz ex aequo – 3500 Franken ) und eine netzartige Wohnstruktur, die auf Stelzen über dem Flussraum sern unterzubringen ( « zu hinterfragen » ). schwebt ( 1. Platz – 5000 Franken ). Weniger Diskussionen als das Hochhausprojekt löste Konzentrierte Arbeit, straffe Führung Viel zu debattieren gab vor allem die gestalterische das Siegerprojekt aus: « Das Projekt überzeugt im Gros­ Ausformulierung verschiedener Arbeiten: « Zum Teil haben sen wie im Kleinen: Die gitterförmige Struktur sowie die sich die Studierenden zu wenig mit der Zielgruppe aus- Überdachung der Autobahnabfahrt reparieren den Ort, einandergesetzt, einige Projekte haben eine Anmutung, die Räume sind sorgfältig gestaltet und bieten viel Podie nicht zu Notwohnungen passt », sagte Hubert Klump- tenzial für unterschiedlichste Nutzungen auch über das ner, Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Notwohnen hinaus », fasst die Jurypräsidentin Marianne Zürich. Ein Thema, das der Jury den ganzen Tag über im- Burkhalter zusammen. Dass der Vorschlag den Planungsmer wieder Gesprächsstoff lieferte: Darf ein Gebäude mit perimeter verletzt, verstand keines der Jurymitglieder als Notwohnungen gleich daherkommen wie ein Mehrfami- Ausschlusskriterium – im Gegenteil: « Studierende sollten lienhaus für den gehobenen Mittelstand ? Ist nur schon Aufgaben kritisch hinterfragen und wenn nötig gescheite angesichts der Tatsache, dass mit Steuergeldern für eine Alternativvorschläge bringen », so der Basler Architekt Klientel gebaut würde, die keine oder kaum Miete bezah- Meinrad Morger. Marianne Burkhalter informierte die len kann, mehr räumliche und optische Bescheidenheit fünf Siegerinnen telefonisch gleich aus der Jurierung heangebracht ? Sind Containerlösungen der richtige Ansatz ? raus. Die freudigen Ausrufe am anderen Ende der Leitung Wäre ein Wohnhochhaus eine Provokation oder sogar eine liessen erahnen, mit welchem Engagement die Studentinnen am Wettbewerb gearbeitet haben.  adäquate Antwort ?

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Die Jury Meinrad Morger Professor an der Tech­ni­schen Universität Darmstadt. Lehre als Hochbauzeich­ner und Archi­tekturstudium in Winterthur. Gastdozent an der EPFL in Lausanne und ETH Zürich, Professor an der Hoch­ schule für Technik und Architektur in Luzern, 2010 Berufung an die Technische Universität Darmstadt. 2015 Gründung von Morger Partner Architekten in Basel.

András Pálffy Professor an der Tech­nischen Universität Wien und Vorsteher des Instituts für Architektur und Entwerfen. Architektur­ studium in Wien. Gastprofessor an der Kunst­universität Linz, 2003 Berufung an die Technische Universität in Wien. Seit 1988 gemeinsames Architekturbüro mit Christian Jabornegg in Wien.

 links  Hermann Kaufmann Professor am Institut für Bautechnik und Entwerfen der Technischen Universität München. Architektur­studium in Innsbruck, Gastdozent an der Liechtensteinischen Inge­nieur­schule, der Tech­nischen Univer­ sität Graz und an der Universität Ljubljana. 2001 Gründung Hermann Kaufmann ZT GmbH, Schwarzach in Österreich. rechts  Hubert Klumpner Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich. Architekturstudium bei Hans Hollein in Wien und an der Colum­­­bia University in New York. 1998 Gründung des Urban-Think Tanks in Caracas ( Ve­ nezuela ) zusammen mit Alfredo Brillem­ bourg. Gastprofessor an der Columbia University, 2010 Berufung als Professor an die ETH Zürich zusammen mit Alfredo Brillembourg.

Marianne Burkhalter Professorin an der Accademia di Architet­ tura in Mendrisio. Lehre als Hochbau­ zeichnerin, Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros in Florenz, New York sowie Los Angeles. 1984 Gründung des gemeinsamen Büros in Zürich mit Christian Sumi. Gastprofessur an der EPFL in Lausanne, seit 2008 gemeinsamer Lehrstuhl mit Christian Sumi an der Acca­ demia di Architettura.

Hans Gangoly Professor am Institut für Gebäudelehre der Technischen Universität Graz. Ar­chi­ tektur­studium in Graz, 1997 – 2006 verschiedene Lehraufträge an der Tech­ nischen Univer­sität Graz, 2007 Grün­dung des gemein­samen Architekturbüros mit Irene Kristiner in Graz und Berufung als Professor ans Institut für Gebäudelehre.

Heinz Haab, Sachpreisrichter  Geschäftsleiter Hawa Sliding Solutions. Ausbildung in Business Administration und Management an der Höheren Wirt­ schafts- und Ver­waltungsschule in Zürich, diverse Weiter­bil­dungen im Bereich Unter­nehmens­­füh­rung. Seit 1996 in ver­ schiedenen Funk­tionen bei Hawa, ab 2001 Leitung des Unternehmens zusammen mit seinem Cousin Gregor Haab.

Anke Deutschenbaur, Sachpreisrichterin  Leiterin Slide Studio Hawa in Mettmen­stetten. Lehre als Schreinerin, Industrial-Design-Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Braun­ schweig, 1991 – 2007 tätig für Firmen in den Bereichen Messe und Interior Design, Packaging und kreatives Marketing. Seit 2007 Leiterin des Slide Studios bei Hawa, verantwortlich für den Hawa Student Award.

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Lösungen für die Not

Zum vierten Mal führt Hawa Sliding Solutions ihren ‹ Student Award › durch. 2017 haben angehende Architektinnen und Architekten aus der Schweiz, Deutschland und Österreich neue und unkonventionelle Lösungen für tempo­ räres Wohnen entwickelt. Gesucht waren flexible Raumstrukturen für Menschen mit wenig oder keinem Einkommen. Das Heft präsentiert die drei Siegerprojekte und führt die sieben Ent­ würfe der engeren Wahl auf. Der Wettbewerb zeigt, wie die kommende Architektengeneration denkt und entwirft, und auch, wie auf einem Restgrundstück in Zürich gute Grundrisse in gute Architektur verpackt werden können. www.hawa.com

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Lösungen für die Not  

Themenheft von Hochparterre, April 2017. Der Hawa Student Award 2017 suchte und fand flexible Wohnlösungen auf Zeit für Menschen in einer No...

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Themenheft von Hochparterre, April 2017. Der Hawa Student Award 2017 suchte und fand flexible Wohnlösungen auf Zeit für Menschen in einer No...