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Joachim Propfe

Kunstraum Kalligrafie

Haupt

GESTALTEN


Joachim Propfe

Kunstraum Kalligrafie Schreiben auf Wänden und Leinwänden

HAUPT VERLAG BERN • STUTTGART • WIEN


Gestaltung und Satz: Doris Wiese, D-Bollschweil Lektorat: Kirsten Rachowiak, D-München Fotografien: Jürgen Bittner, D-Braunschweig S. 231 oben Sandra Eichhorn, D-Braunschweig S. 230 oben, S. 233 oben Otto Keck, D-München S. 232 oben Helena Oldenburger, D-Kassel S. 238 Joachim Propfe, D-Braunschweig alle anderen Fotografien Sören Schade, D-Lehre S. 234 Stantien Photodesign, D-Braunschweig S. 16, 24, 61, 62, 63, 64, 66, 67, 68, 69, 70, 104, 112 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN: 978-3-258-60022-2 Alle Rechte vorbehalten. Copyright © 2011 by Haupt Berne Jede Art der Vervielfältigung ohne Genehmigung des Verlages ist unzulässig. Printed in China Wünschen Sie regelmäßig Informationen über unsere neuen Titel zum Gestalten? Möchten Sie uns zu einem Buch ein Feedback geben? Haben Sie Anregungen für unser Programm? Dann besuchen Sie uns im Internet auf www.haupt.ch. Dort finden Sie aktuelle Informationen zu unseren Neuerscheinungen und können unseren Newsletter abonnieren. www.haupt.ch


VORWORT 7 SCHRIFTKUNST – WAS MICH BEWEGT  8 GALERIE  13 KLEINE SCHRIFTENKUNDE  115 116 Zur Herkunft der Schrift 118 Allgemeines zum Schreiben 122 Die Capitalis Monumentalis 128 Die Capitalis Quadrata 134 Die Capitalis Rustica 138 Die römische Kursive 146 Die Unzialis 150 Die insulare Halbunzialis 156 Die karolingische Minuskel 162 Die Beneventana 168 Die frühgotische Buchschrift 172 Frakturschriften – Die Textura 178 Frakturschriften – Die gotische Bastarda 186 Frakturschriften – Die Rotunda 192 Die lombardische Majuskel 198 Die humanistische Kursive 206 Persische Inspirationen ANLEITUNGEN & TIPPS 211 212 Die Wahl einer Fläche 213 Untergründe und Farbmaterialien 217 Quellen für Texte 218 Der Raumkontext 219 Der Entwurf 222 Der computergestützte Entwurf 225 Die Wirkung von Farbe 229 Das Schreiben mit Pinseln 234 Die Umsetzung eines Entwurfs ZUM AUTOR  238 QUELLENANGABEN  239

INHALT


VORWORT

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as vorliegende Buch handelt von meiner großen Liebe und Leidenschaft: der Kalligrafie. Ich kann mir ein Leben ohne Schreiben gar nicht mehr vorstellen. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht künstlerisch schreibe, und sei es in einem Skizzenbuch, das ich stets griffbereit habe. Dass Kalligrafie mehr als nur schönes Schreiben ist, wurde mir bereits während des Studiums klar. Wie vielfältig sie sein kann, hat sich mir erst nach und nach in einem langjährigen Arbeitsprozess erschlossen, und je intensiver ich mit Schriften umgehe, umso mehr Wege öffnen sich mir. Mit dem vorliegenden Buch möchte ich Ihnen die weit­ gespannte Palette des kalligrafischen Schaffens nahebringen: von der angewandten bis zur freien Kalligrafie, vom perfekt geschriebenen Buchstaben über die kalligrafische Wandgestaltung bis hin zur freien Kunst. Meine Arbeit berührt alle Bereiche der Kalligrafie, und ich habe die spannende Erfahrung gemacht, dass sie nicht unabhängig voneinander bestehen, sondern sich permanent im Austausch miteinander befinden. Die freien, künstlerischen Arbeiten beeinflussen die angewandten und umgekehrt – in jedem Fall empfinde ich dies als Bereicherung.

Bezüge innerhalb der Schriftentwicklung. Auch wenn man leicht dazu neigt, die einzelnen historischen Schriftarten als separate Schöpfungen anzusehen, wird manche Form erst dann nachvollziehbar, wenn man ihre Entwicklung zurückverfolgt und durch das Vergleichen von Buchstaben die Beziehungen aufdeckt. Um dieser Nachvollziehbarkeit willen habe ich die vor­ gestellten Schriften chronologisch geordnet. Selbstverständlich kann es sich dabei nur um eine Auswahl handeln, eine Auswahl, die einerseits die große Linie der Schriftentwicklung von der Antike bis zur Renaissance nachzeichnet und andererseits in meiner künstlerischen Arbeit bisher eine Rolle gespielt hat. Sämtliche Schriftvorlagen entstanden anhand verschiedener historischer Vorbilder.

Es ist mir wichtig festzuhalten, dass das Buch sowohl bei den Schriften als auch in den Anleitungen für kalligrafische Wandgestaltungen Empfehlungen gibt, die auf meinem Wissen und meinen persönlichen Erfahrungen beruhen, die ich ­gerne an Sie, liebe Leserinnen und Leser, weitergebe. Vor allem in der Gestaltung ist alles, was gesagt wird, ein Kann, jedoch kein dogmatisches Muss. Die Empfehlungen können als Orientierung dienen, vor allem sollten Sie selbst experimentieren und ErfahVoraussetzung für die Arbeit als Kalligraf ist die sichere Beherrschung eines umfangreichen Schriftenrepertoires, das sowohl rungen sammeln. Künstlerisches Schaffen braucht alle Freiheiten, um eigene Wirklichkeiten zu generieren. Das Experiment, der aus überlieferten Schriften als auch aus daraus erwachsenden subjektive Versuch, stößt manchmal Türen auf, hinter denen Neuinterpretationen und Neuschöpfungen besteht. Es bereitet Staunenswertes, Faszinierendes, Nachdenkenswertes oder Provomir große Freude, mich mit Schriften auseinanderzusetzen, die mein Repertoire erweitern. Jede weitere Schrift gibt mir neue Im- katives lauert. pulse durch ihr spezifisches, nur ihr eigenes Gestaltungspotenzial. Joachim Propfe Wichtig für das Verständnis der Formen sind mir die historischen

«Wahrheit 1» Acryl auf Leinwand 120 × 140 cm

Vorwort 7


SCHRIFTKUNST – WAS MICH BEWEGT

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chreiben kann jeder, auch malen oder singen – irgendwie. Das erste selbst gemalte Bild, das erste selbst gesungene Lied – wie wertvoll werden über die Jahre die frühesten Dokumente kindlichen Selbstausdrucks. Ein Blatt Papier mit den ersten geschriebenen Worten eines Kindes gehört wie selbstverständlich in diese Sammlung. Wenn Menschen sich zu sich selbst hin entwickeln, streben sie nach Ausdruck. Wenn reine Imitation erstmals in Selbstausdruck übergeht, spürt man etwas von der Persönlichkeit eines Menschen, die nach Entfaltung und Mitteilung strebt. Aus gutem Grund gehört es bis heute dazu, in der Schule das Schreiben zu erlernen, da mit dieser Kulturtechnik der Ausdruck des Menschseins und die aktive Teilhabe an der (modernen Kommunikations-)Gesellschaft untrennbar verbunden sind. Geschriebenes will verstanden werden, es muss lesbar sein, damit es für kommunikative Zwecke tauglich ist, daher «zivilisiert» die Schule in gewisser Weise den frühkindlichen Selbstausdruck und macht ihn zunehmend gesellschaftsfähig. Schreiben in der Schule und Kalligrafie oder Schriftkunst haben nur bedingt etwas miteinander zu tun, wenngleich zu bedauern ist, dass das Schönschreiben praktisch nicht mehr

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vermittelt wird. Das Schreiben in der Schule dient in erster Linie dem Aufzeichnen und Mitteilen von Gedanken und damit der Kommunikation. Kalligrafie dagegen ist für mich ein künstlerisches Ausdrucksmittel. Wer meine Handschrift sieht, würde nicht glauben, dass dies die Schrift eines Künstlers ist, der sich professionell mit diesem Medium auseinandersetzt. Genau wie nicht jede Alltagsnotiz eines Romanautors sofort als ein Sprachkunstwerk erkannt wird, so wenig versteht sich mein wöchentlicher Einkaufszettel als kalligrafisches Werk. Bis in die 1960er-Jahre hinein wurde großen Wert auf eine schöne und deutliche Schrift gelegt, da nur sie eine unmissverständliche Kommunikation erleichterte. «Schön» meinte hier nicht eine zweckfreie Ästhetik, sondern die möglichst genaue Kopie einer idealisierten Schriftvorlage. Das erste Ziel war die Lesbarkeit einer Handschrift und ihre Funktion als kommunikatives Mittel. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn Kalligrafie auch heute vielfach nicht als Kunst betrachtet wird, vor allem, wenn sie allein auf das Beherrschen einer handwerklichen Fertigkeit reduziert wird. Ohne Zweifel stellt das Erlernen einer Schrift hohe Anforderungen an den Schreiber, insbesondere


bezüglich der Kenntnis von Formen und Proportionen sowie deren Umsetzung, wozu ebenso Ausdauer und Geduld gehören. Individueller künstlerischer Ausdruck ist hier nicht das primäre Ziel. Zwar spielte der Aspekt der Ästhetik schon immer eine Rolle, Entfaltungsmöglichkeiten bestanden jedoch vor allem in der Ausgestaltung von Schmuckelementen und dekorativen Buchstabenerweiterungen, man denke nur an mittelalterliche Urkunden, die Initialen handgeschriebener Bücher oder die privaten und geschäftlichen Briefe im 18. und 19. Jahrhundert. Sie brachten eine Wertschätzung des Geschriebenen zum Ausdruck und dienten der Repräsentation religiöser oder weltlicher Macht und Würde. Die klassische Kalligrafie als Schönschrift im besten Sinne des Wortes hat bis heute ihre Berechtigung und ihre anerkannten Aufgabenfelder für Urkunden, besondere und individuelle Schriftstücke jeglicher Art.

tig hergestellt und anschließend in großer Stückzahl verbreitet werden. Die Analogie zur Fotografie und der Malerei liegt auf der Hand. Gemälde lösten sich vom Abbildungscharakter und verließen das Gegenständliche, sobald das technische Mittel der Fotografie zur realitätsgetreuen Abbildung der Welt zur Verfügung stand. Freilich war dies nur ein Zwischenstand, denn Fotografie und Typografie entfalteten schon bald eine ihrem Medium entsprechende eigene künstlerische Ästhetik.

Anders als die Malerei benötigte die Kalligrafie in Europa jedoch Jahrhunderte, um sich als eigenständige Kunstform zu entwickeln, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich lange Zeit in einem Wettstreit mit dem Buchdruck befand. Erst nach und nach erschlossen sich die Schriftkünstler das große Repertoire künstlerischer Ausdrucks- und Gestaltungsmittel. Es sollte bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts dauern, als sich die Kalligrafie Zu einer eigenständigen Entfaltung der Schrift als künstleallmählich vom schönen Buchstaben löste und die vielschichrischem Ausdruckmittel konnte es vor allem durch neuzeitliche tigen Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums Schrift für sich Erfindungen kommen. Maschinen für die Kommunikation wie erkannte und künstlerisch in Anspruch nahm. Dass Form mehr der Buchdruck mit flexiblen Bleilettern, die mechanische Schreib- mitteilen kann als Inhalt, dass eine interpretierende, Bedeutung maschine und später der Computer erlaubten es der Schrift, sich erhellende und eigenständige sinnstiftende Wirkung von einem in einem lang andauernden Prozess als künstlerisches Medium Schriftkunstwerk ausgehen kann, musste erst entdeckt werden. zu verselbstständigen. Die Maschinen ermöglichten eine klarere, Aktuelle Schriftkunst beinhaltet alles, was Schrift kann: Sie reicht sicherere und vor allem schnellere Kommunikation als die Hand- vom ästhetisch gestalteten Blatt bis hin zur abstrakten Auflösung schrift. Texte konnten mithilfe von Druckmaschinen kostengüns- von Texten in eine rein skripturale Struktur.

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Kalligrafen nutzen heutzutage das freie Spiel der Formen, Farben und der Komposition und bedienen sich unterschiedlichster Mittel wie etwa der Malerei, sie nehmen Anleihen bei der Typografie oder gestalten mittels der Collagetechnik. Sie experimentieren mit verschiedenen Farben, Trägermaterialien und Werkzeugen, sie schreiben mit allem, was Farbe aufnehmen und in den Händen gehalten werden kann. Manch einer geht bis an die Grenzen des manuell Machbaren, theoretisch könnte man sogar mit dem hydraulisch gesteuerten Arm eines Baggers schreiben. Reisigbesen und Pipette gehören fast schon selbstverständlich zum Repertoire wie die klassische Feder. Selbst der Computer stellt in diesem Sinne eine Erweiterung des Schreibzeugs dar.

wie durch kleine Manipulationen in der Haltung des Schreibwerkzeugs die Eleganz etwa einer Antiqua gesteigert werden kann. Außerdem beeindruckten mich die Langsamkeit, die Konzentration und die Ausdauer, die für diese Tätigkeit erforderlich sind. Wie beim Musizieren muss sich der Künstler ständig konzentrieren, schweifen seine Gedanken ab, unterlaufen ihm Fehler. Dieser meditative Charakter des Kalligrafierens, eigentlich des künstlerischen Tuns überhaupt, ist mir sehr wichtig. Er gibt mir das Gefühl, bei mir angekommen zu sein – in dem zu ruhen, was ich tue, aber nicht stillzustehen. Durch diese Freude am Schreiben entdeckte ich bald – auf der Suche nach Kalligrafierbarem – die Schönheit und Tiefe von Lyrik und Prosatexten. Denn eine Kalligrafie war für mich nur dann wertvoll, wenn ich mich mit Als ich die ersten Schritte auf dem Feld der Kalligrafie unter- dem Text identifizieren konnte. Doch gehaltvolle Texte nur nahm, bestand meine Motivation zunächst in der Faszination an schön zu schreiben, befriedigte meine künstlerischen Ansprüche Form und Proportion der aus wenigen grafischen Grundelemen- nicht. Man landet hier zu schnell auf ausgetretenen Pfaden. ten zusammengesetzten Schriftzeichen. Daneben interessieren mich auch die scheinbar minimalistischen Gestaltungsmittel, wie Seit nunmehr 20 Jahren beschäftige ich mich mit Kalligrafie. man zum Beispiel einen einfachen Strich in eine spannungsvolle Erstaunt kann ich feststellen, dass die Freude an meiner schriftLinie verwandeln kann, indem der Strich an- und abschwillt, oder künstlerischen Arbeit in dieser Zeit nicht abgenommen hat –

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SCHRIFTKUNST – WAS MICH BEWEGT


ganz im Gegenteil: Je intensiver ich in das Metier eindringe, umso faszinierender wird es für mich. Das Schreiben, das Gestalten mit Buchstaben ist das Medium, in dem ich mich als Künstler am besten ausdrücken kann. Im kalligrafischen Tun erlebe ich, wie zunehmend die Kunst ihr Recht fordert. Das Verhältnis meiner kalligrafischen Arbeit zur Wirklichkeit wird mit der Zeit ein anderes. Mehr und mehr entdecke ich die Kalligrafie als produktives Mittel zur Auseinandersetzung mit der Vielschichtigkeit der Wirklichkeit, des Menschen und seiner Welt. Mich reizt der Gedanke, dass etwas in Sprache Gefasstes, zum Beispiel etwas Erfahrenes, Erkanntes oder Erträumtes, im Grunde eine Abstraktion darstellt: Auf der Suche nach Sinn, Bedeutung und Ausdruck sind Sprache und Schrift abstrakte Zeichensysteme, die mit Inhalt gefüllt werden können und müssen. Diese Überlegungen regen mich zur eigenen künstlerischen Auseinandersetzung mit Geschriebenem an. In diesem Sinne wird ein Text als schriftsprachliche Abstraktion von Wirklichkeit für mich Anlass zum kalligrafischen Kunstwerk. Die Schrift wird dann zur Kunst, wenn sie verändert und transformiert wird, wenn sie mehr vermittelt als den reinen Inhalt eines Textes.

Das Schaffen aus dem Nichts heraus ist eine Fiktion. Ein Künstler, der sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzt, ist wählerisch, indem er frei entscheidet, welchen Aspekt von Wirklichkeit er seinem Werk zugrunde legt. Er hat die freie Wahl, aber er muss sich entscheiden. Ich entscheide mich für schriftsprachliche Abstraktionen von Wirklichkeit als Ausgangspunkt für mein künstlerisches Schaffen. Texte sind Rohstoff für eigene Kreationen, die Aussage und die Wirkung eines Textes sind mir wichtig. Ich suche Texte, in denen sich meine Vorstellungen widerspiegeln – mit aller Wertschätzung gegenüber dem sprachlichen Kunstwerk und der geistigen Leistung seines Autors. Als Schriftkünstler suche ich nach einem vertieften und erweiterten Zugang zur Wirklichkeit im Akt des produktiven Schaffens. Im besten Falle geschieht eine Art Transformation der Schrift und ihr Ausdrucksvermögen erweitert sich, ohne die Schrift zu verlassen.

Schriftkunst – Was mich bewegt 11


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KLEINE SCHRIFTENKUNDE


Zur Herkunft der Schrift 116

Allgemeines zum Schreiben 1 18

Die Capitalis Monumentalis 1 22

Die Capitalis Quadrata 128

Die Capitalis Rustica 134

Die römische Kursive 138

Die Unzialis 146

Die insulare Halbunzialis 1 50

Die karolingische Minuskel 156

Die Beneventana 162

Die frühgotische Buchschrift 168

Frakturschriften – Die Textura 172

Frakturschriften – Die gotische Bastarda 178

Frakturschriften – Die Rotunda 182

Die lombardische Majuskel 192

Die humanistische Kursive 1 98

Persische Inspirationen 206

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ZUR HERKUNFT DER SCHRIFT Ein Leben ohne Schrift ist für uns heute nicht mehr vorstellbar. Ob Einkaufszettel, Bedienungsanleitung oder Roman – Schrift begleitet uns permanent und macht das Leben einfacher. Die Alphabetschrift ist eine vergleichsweise junge Errungenschaft. Sie wurde nicht einfach erfunden, sondern ging mit der sozialen und kulturellen Entwicklung, der Zivilisation, einher. Zeichensysteme zur Fixierung von Gedanken entstanden in vielen europäischen, asiatischen und amerikanischen Kulturen unabhängig voneinander. Die lange Zeit vertretene Theorie, dass die Schrift in Mesopotamien erfunden wurde, stellen neuere Erkenntnisse infrage. Die frühesten Funde von Schriftlichkeit datieren um 5300 v. Chr. und entstanden in der sogenannten Donauzivilisa­tion (heutiges Rumänien). Keimzelle für die Schriftentwicklung in Europa ist die phönizische Schrift, deren früheste Zeugnisse aus dem 16. Jahrhundert v. Chr. stammen. Sie gelangte über den Handel nach Kreta, wo sich aus ihr vom 10. bis 9. Jahrhundert v. Chr. die griechische Schrift entwickelte. Diese entpuppte sich als fruchtbarer ­Samen, der nebenbei mit den Handelswaren exportiert wurde, im übri­gen Mittelmeerraum Wurzeln schlug und sich zum Stamm der Alphabetschriften West- und Osteuropas entwickelte. Die Etrus­ker – im Altertum ein Volk der italienischen Landschaft ­Etrurien – übernahmen das griechische Alphabet und veränderten es ent­sprechend ihren Bedürfnissen. Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. gelangte das Alphabet von den Etruskern zu den Latinern, den Vorfahren der Römer. Diese sorgten durch ihre ­E xpansionspolitik für die Verbreitung ihrer Schrift. Bis ins 1. Jahr-

hundert v. Chr. umfasste das römische Alphabet 21 Buchstaben. In der römischen Antike nahm die Entwicklung der lateinischen Schriften ihren Anfang.

Zur Entstehung verschiedener Schriftarten Spannend an dieser Entwicklung ist, dass sämtliche Schriftarten von einem relativ begrenzten Formenvorrat abstrakter Zeichen ausgehen. Im praktischen Gebrauch dieses Vorrats vollziehen sich bewusste und unbewusste Veränderungen, bedingt durch die Schreibwerkzeuge und deren Eigenschaften, das Trägermaterial und den Zweck, dem eine Schrift dient. So bedeutet es einen großen Unterschied, ob zum Schreiben ein Gleichstrich- oder ein Wechselstrichwerkzeug verwendet wird. Beim Gleichstrichwerkzeug sind alle Striche gleich stark, beim Wechselstrichwerkzeug dagegen fein oder fett. Der Einsatz von Schriften als repräsentative Inschrift, Buch- oder Alltagsschrift führte zu verschiedenen Formen, im Wesentlichen bedingt durch ein unterschiedliches Schreibtempo. Je langsamer und kontrollierter man schreibt, desto exakter wird der Buchstabe wie beispielsweise bei einer Antiqua oder Quadrata. Je schneller man schreibt, desto flüchtiger ist die Form wie etwa bei einer römischen Kursiven. Ecken werden zu Rundungen, Bögen strecken sich, das Mitschreiben von «Luftlinien» führt zu Verbindungen zwischen den Buchstaben. Durch ein relativ schnelles Schreiben entstand beispielsweise auch das sogenannte lange s. Entscheidend für die Ausgestaltung von Formen ist vor allem der Schreiber mit seinem ästhetischen

Die Entwicklung der Schrift lässt sich gut anhand eines etruskischen, eines griechischen und eines lateinischen Alphabets erkennen.

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KLEINE SCHRIFTENKUNDE


Empfinden und seinem Gefühl für Proportionen. Er bestimmt unter anderem das Verhältnis zwischen Werkzeugbreite und Schrifthöhe, die Ausformung der Serifen und den Winkel des Breitwerkzeugs zur Grundlinie.

Kontinuierliche Entwicklung

oder unterschritten einige senkrechte Linien die waagerechten Grundlinien und es bildeten sich Ober- und Unterlängen heraus. (Wer versucht, eine Versalantiqua schnell zu schreiben, kann diesen Prozess leicht nachvollziehen.) Eine fest gefügte Gestalt erhielten diese Buchstaben dann, indem sie wieder langsam geschrieben wurden.

Eine Vielzahl historischer Schriftarten steht uns heute vor Augen, Wie viele Buchstaben umfasst das Alphabet? die wir gerne in verschiedene, scheinbar voneinander unabhängige Schubladen einordnen. Tatsächlich aber stellt die Entwicklung der Eine Frage, die zunächst etwas abwegig erscheint, weiß doch lateinischen Schriften seit der Antike ein Kontinuum dar. Von der jedes Kind, dass das lateinische Alphabet 26 Buchstaben zählt. Das war jedoch nicht von Anfang an so. Wie erwähnt bestand einen zur anderen Schrift gibt es fließende Übergänge. das römische Alphabet nur aus 21 Buchstaben: A B C D E F Z H Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass es ein fragI K L M N O P Q R S T V X. Das Y wurde dann in der Spätantike würdiges Unterfangen ist, zum Beispiel eine antike oder mittel­ aus dem Griechischen entlehnt. Erst seit der Renaissance ist das alterliche Schrift herauszugreifen und sie als allein mustergültig Alphabet mit 26 Buchstaben komplett. Vorher repräsentierte zu präsentieren, denn schon aufgrund der manuellen Ausfühdas V zugleich das U und ein VV wurde für den Laut W benutzt, rung der Schrift gibt es viele individuelle Varianten. Wie bei jeder was leicht nachzuvollziehen ist, wenn man bedenkt, das im Eng­lischen das W als «double-u» bezeichnet wird! Eine UnterRealisierung eines letztlich imaginären Ideals erzeugt der Schreischeidung von I und J gab es zuvor ebenfalls nicht. Demzufolge ber nur eine Annäherung daran, was jedoch nicht bedeutet, dass Formen der Beliebigkeit preisgegeben werden können. Jede existieren die genannten Buchstaben in antiken und mittelalterSchriftart weist charakteristische Merkmale auf, die ein Grundge- lichen Handschriften einfach nicht. Um die hier vorgestellten rüst für die Ausgestaltung bilden. Diese zu kennen ist die Voraus- ­Alphabete vollständig zu zeigen, wurden die fehlenden Buchstaben entsprechend dem vorhandenen Formenrepertoire ergänzt. setzung für das Schreiben. Daher zeige ich in dem vorliegenden Buch nicht die Antiqua oder die gotische Bastarda (selbst wenn dies so um der Einheitlichkeit willen in der Überschrift formuliert ist), sondern eine Antiqua und eine gotische Bastarda, deren Erscheinungsbild wiederum durch meine Individualität geprägt ist. Aber genau dies unterscheidet das Handgeschriebene von dem Gedruckten und verleiht der Kalligrafie ihren besonderen Wert.

Groß- und Kleinbuchstabenschriften Heute unterscheidet man zwischen Groß- und Kleinbuchstaben. Dies ist ein Resultat der Entwicklungsgeschichte der Schriften. Zu Beginn der Entwicklung lateinischer Schriften gab es – aus unserer Sicht betrachtet – nur Großbuchstaben. Die Kleinbuchstaben entwickelten sich erst im Laufe der Zeit durch Umformen der Ver­sa­lien, bedingt vor allem durch ein temporeicheres ­Schreiben. So wurden Winkel zu Rundungen, Strichkonstellationen verän­der­ten sich oder wurden reduziert und Luftlinien wurden mitgeschrieben, Das Grundgerüst der Versalien des lateinischen Alphabets setzt da der Stift im schnelleren Schreibprozess nicht mehr abgehoben sich aus senkrechten, waagerechten und diagonalen Strichen sowie und neu angesetzt wurde. Durch das höhere Schreibtempo über- Rundungen zusammen.

Zur Herkunft der Schrift 117


ALLGEMEINES ZUM SCHREIBEN Die Welt der Schriften ist vielfältig und abwechslungsreich. Dennoch gibt es einige Grundregeln, die für alle Schriftarten gleichermaßen gelten. Sie beziehen sich auf die Buchstaben selbst sowie auf Worte und Texte.

Proportionen Elementar für die Wirkung und den Charakter einer Schrift, die mit einem Breitwerkzeug geschrieben wird, ist zum einen das Verhältnis von Werkzeugbreite zur Buchstabenhöhe und zum anderen der Winkel zwischen Grundlinie und der Schreibkante des Werkzeugs. Diese beiden Angaben werden daher bei den hier gezeigten Musteralphabeten immer angegeben. Je geringer die Anzahl der Werkzeugbreiten im Verhältnis zur Höhe ist, desto dunkler wirkt ein Schriftbild und umgekehrt. Der Winkel der Schreibkante zur Grundlinie definiert das Breitenverhältnis zwischen senkrechten und waagerechten Strichen: Je größer der Winkel, desto schmaler werden die Senkrechten und umso breiter die Waagerechten. Ist der Winkel dagegen nur klein, entstehen breitere senkrechte Striche und feine waagerechte. Während des Schreibens bleibt der Winkel, von Ausnahmen abgesehen, konstant. In den Grundproportionen beinahe aller Schriften ist die Breite der Buchstaben geringer als die Höhe, das betont die senkrechte Wirkung der Buchstaben. Die überwiegend breiteren senkrechten Striche verstärken diesen Effekt. Dies entspricht im Übrigen auch dem natürlichen Bewegungsablauf, da es leichter fällt, Bewegungen von oben nach unten auszuführen als von links nach rechts. Buchstaben können in ihrer Breite sehr unterschiedlich sein. I und J sind relativ schmal, M und W nehmen dagegen viel Raum ein. Um die Breitenverhältnisse zwischen den einzelnen Buchstaben zu bestimmen, benötigt man eine Bezugsgröße. Eine Hilfe ist es, als Ausgangspunkt für die Proportionierung von Buchstaben beispielsweise das N zu wählen. In der Breite lassen sich von ihm die Buchstaben H und U ableiten. Andere Buchstaben wie C, O und Q fallen zwar etwas breiter aus, müssen jedoch optisch ebenso breit wirken wie N. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass

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KLEINE SCHRIFTENKUNDE

für Minuskel- und Versalalphabete unterschiedliche Maßstäbe gelten. Ein Versal P in einer Antiqua ist beispielsweise schmaler als das Versal O. Das Minuskel p dagegen ist ebenso breit wie das o! Vor dem Schreiben ist es daher wichtig, sich die Buchstaben genau anzusehen, um zu erkennen, welche von den Proporti­ onen her zusammengehören.

Rhythmus Der Rhythmus und damit die Schönheit eines Schriftbildes entstehen zum einen durch die Proportionen, zum anderen durch die Abstände der Buchstaben und Worte untereinander. Buchstabenabstände auszumessen führt zu keinem brauchbaren Ergebnis, da Buchstaben nicht nur aus senkrechten Linien bestehen, sondern auch aus waagerechten und gebogenen, die sich unregelmäßig abwechseln. Hier kommt die Fläche ins Spiel, die einen Buchstaben umgibt. Sie soll zwischen den Buch­staben innerhalb eines Wortes für den Betrachter stets gleich groß wir­ken. Der Buchstabenabstand lässt sich daher gut variieren, darf aber ein bestimmtes Mindestmaß nicht unterschreiten, da es Buchstabenkombinationen gibt, aus denen ein bestimmter Abstand resultiert wie zum Beispiel LA. Wie die Abstände zwischen den Buchstaben, so sollten auch die Abstände zwischen den Worten optisch gleich groß sein. Innerhalb eines Textes dürfen die Wortabstände nicht größer sein, als es die Lesbarkeit erfordert, um ein Wort vom anderen unterscheiden zu können, da ansonsten «Löcher» im Text entstehen. Ein bewährtes Maß für einen Wortzwischenraum ist das i. Zwischen zwei Worten sollte immer noch Platz für ein i sein. Das gilt sowohl für reine Versal- oder Minuskelschriften als auch für Schriften, die aus Versalien und Minuskeln bestehen. Zeilenabstände sind wesentlich für die Lesbarkeit eines mehrzeiligen Textes verantwortlich. Der Zeilenabstand steht in Bezug zur Höhe der Schrift. Er kann relativ klein sein, wie zum Beispiel bei vielen gotischen Schriften, aber auch relativ groß, wie beispielsweise bei der karolingischen Minuskel. Größere Abstände erleichtern das Lesen, kleinere erschweren es, da das Auge


stets die Zeile unmittelbar darüber und darunter mit erfasst. Gestalterisch lassen sich mit geringen Zeilenabständen gleichmäNatürlich richtet sich der Zeilenabstand ebenso danach, wie weit ßige, ornamental wirkende Textflächen erzielen. Größere Zeilenabdie Ober- und Unterlängen in den Zeilenzwischenraum hinein­ stände bewirken ein streifenartiges Bild, die Lesbarkeit ist optimal. ragen. Der Abstand sollte stets so gewählt werden, dass sich Ober- und Unterlängen nicht berühren oder überschneiden.

70°

45°

30°

90°

Der Charakter einer Schrift ändert sich mit dem Winkel, mit dem das Breitwerkzeug zur Grundlinie angesetzt wird. Die O-Achse kippt dabei von der Senkrechten in die Waage­ rechte. Die meisten Schriften werden in einem Winkel von 30 bis 45 Grad geschrieben.

Buchstabenabstände sollten immer gleich groß wirken. Nicht dieselbe Entfernung von einem Buchstaben zum anderen ist entscheidend, sondern die gleiche Flächengröße zwischen den Buchstaben.

Je größer das Verhältnis zwischen Federstärke und Schrifthöhe ist, desto schlanker werden die Buchstaben.

Allgemeines zum Schreiben 119


Aufgrund der Ober- und Unterlängen muss der Abstand bei der karolingischen Minuskel zwischen den Zeilen größer angelegt werden.

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KLEINE SCHRIFTENKUNDE


Der Abstand zwischen den Buchstaben und den Zeilen ist annähernd gleich groß. Das Auge nimmt eine Textfläche wahr.

Bei Versalschriften kann der Abstand zwischen den Zeilen relativ schmal ausfallen.

Allgemeines zum Schreiben 121


DIE CAPITALIS MONUMENTALIS Kaum hatte die Entwicklung der lateinischen Schrift begonnen, stand sie auch schon auf ihrem Gipfel: Die Capitalis Monumentalis gilt bis heute als eine der schönsten Schriften, die es gibt. Herausragendes Beispiel ist die Inschrift der Trajanssäule in Rom (entstanden 110–113 n. Chr.). Die Capitalis Monumentalis ist sowohl ästhetisch als auch schreibtechnisch anspruchsvoll. Kaum eine Schriftart verlangt von dem Schreiber mehr Proportions­ gefühl und Disziplin, die absolute Beherrschung des Schreibwerkzeugs inbegriffen.

Proportionen Als Hilfestellung für die Grundproportionen der Capitalis Monumentalis kann man auf ein Quadrat zurückgreifen, mit dem sich die Breitenverhältnisse der Buchstaben gut veranschaulichen lassen. A, D, H, N, O, Q, U und V füllen das Quadrat aus, wobei die Serifen das Quadrat nicht überschreiten. M und W gehen an den Seiten leicht darüber hinaus. C, G, K, R, T, X, Y und Z sind etwas schmaler als das Quadrat. Die Hälfte des Quadrats überschreiten B, E, F, L, P und S nur knapp. Wobei die Geometrie, wie häufig in der Schrift, nur eine Annäherung sein kann. Betrachtet man beispielsweise verschiedene römische Inschriften nebeneinander, zeigt sich bald, dass die Breiten beispielsweise des Buchstabens A durchaus variieren.

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KLEINE SCHRIFTENKUNDE

Die Eleganz der Schrift beruht neben den Serifen auf dem Wechsel zwischen breiten und schmaleren Strichen. Das Verhältnis der Strichstärken zueinander beträgt 2:1. Dieses Verhältnis ergibt sich aus dem Ansatzwinkel des Breitwerkzeugs zur Grundlinie von ungefähr 30 Grad. Abgesehen vom N sind grundsätzlich die senkrechten Striche breit und die waagerechten schmal, bei den schräg gestellten sind die links geneigten breit und die rechts geneigten schmal. Dieser Wechsel entsteht beim Schreiben von allein, indem der Ansatzwinkel des Werkzeugs zur Grundlinie beibehalten wird. Nur der linke äußere Strich des M und der rechte äußere Strich des W sowie die Senkrechten des N er­for­ dern einen steileren Ansatzwinkel. Die Capitalis Monumentalis bewegt sich im Zweilinien­ system. Buchstaben mit Rundungen oder Spitzen (A, C, G, M, N, O, Q, S, V, W) über- und unterschreiten diese Linien minimal. Täten sie dies nicht, erschienen sie im Vergleich zu den anderen Buchstaben niedriger. Diese Regel gilt übrigens für alle Großbuchstabenschriften. Die ideale Höhe für die Monumentalis sind zehn Werkzeugbreiten. Unterschreitet man dieses Maß, erhält die Schrift mehr Gewicht und wirkt kraftvoller, überschreitet man es, wirkt sie filigraner.


Serifen Ein wesentliches Merkmal der Monumentalis, wie der Antiquaschriften überhaupt, sind die Serifen. Sie haben einen erheblichen Anteil am eleganten Erscheinungsbild der Schrift und erleichtern ihre Lesbarkeit. Schreibtechnisch stellen sie an den Schreiber hohe Ansprüche, da sie durch eine kontinuierliche Veränderung des Ansatzwinkels zur Grundlinie innerhalb des Schreibprozesses entstehen. Diese Drehbewegung kann ein Breitpinsel, wie zum Beispiel ein Plakatschreiber, gut bewältigen, der das perfekte Werkzeug für diese Schrift ist. Beinahe lotrecht zur ­Schreib­ebene gehalten, lässt sich der Stiel bequem zwischen Daumen und Zeigefinger in den gewünschten Winkel drehen. Die Elastizität der Pinselhaare sorgt für einen gleichmäßigen Strich selbst dann, wenn der Stiel beim Schreiben etwas schwankt. Die gleichen Bewegungen mit einer Stahlfeder auszuführen ist schwerer, da sie sich sofort verkanten würde, wenn der Stiel nicht mehr exakt rechtwinklig zur Federkante wäre. Der Strich würde aussetzen beziehungsweise nur noch als dünne Linie auf der Kante weiterlaufen. Dennoch kann die Monumentalis auch mit einer Stahlfeder geschrieben werden. Dann ist ein häufigeres Ab- und neu Ansetzen des Strichs vor allem bei den Serifen notwendig.

Verwendung Eingesetzt wurde die Monumentalis in der Antike ausschließlich für in Stein gehauene Inschriften, zum Beispiel an Grabmälern und an Bauwerken. Nachdem sie mit dem Breitpinsel vorgemalt war, meißelte der Steinmetz sie in einem v-förmigen Schnitt in den Stein. Vermutlich wurden die Buchstaben anschließend farbig ausgelegt. Im Mittelalter verwendete man in Büchern Varianten der Capitalis für Überschriften und Auszeichnungen. Für umfangreiche Texte eignete sie sich weniger, da das Schreiben zeitaufwendig war, außerdem benötigt sie vergleichsweise viel Fläche. Für die zeitgemäße Anwendung gilt Ähnliches: Für Überschriften, Schlagworte oder Schriften, die einem repräsentativen Anspruch genügen sollen, ist die Monumentalis bestens geeignet, außerdem ist sie gut mit vielen anderen Schriften kombinierbar.

Linke Seite: Große Abstände zwischen den Buchstaben lassen die einzelnen Formen besser zur Geltung kommen.

Das Quadrat veranschaulicht das Verhältnis von Höhe und Breite der einzelnen Buchstaben.

Die Capitalis Monumentalis 123


Ein kleines, mit einem Spitzpinsel geschriebenes E verwandelt das A in den Umlaut Ä.

Aufgrund der geringen Höhe von nur ungefähr 2 cm und des unebenen Untergrundes wurden die Serifen als separate, flache Striche nachträglich angesetzt. Eine schreibtechnische Erleichterung, die man auch bei Antiquaformen der Renaissance beobachten kann.

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KLEINE SCHRIFTENKUNDE


ca. 30°

Capitalisalphabet in Anlehnung an die Inschrift der Trajanssäule in Rom, geschrieben mit einem Plakatschreiber. Da die Breite der Pinselspitze schwankt, können die Striche trotz gleicher Grund­

haltung und Schreibrichtung in ihrer Breite leicht variieren. Genau diese minimalen Abweichungen unterscheiden eine von Hand aus­ geführte Schrift von einer Satzschrift.

Die Capitalis Monumentalis 125


Der senkrechte Grundstrich kann unten nach rechts oder links ausschwingen. Die Serifen werden anschließend ergänzt.

Die linke Hälfte der oberen Serife des N entsteht aus einer Drehbewegung, die in die dünne Senkrechte mündet. Wie beim V setzt man im zweiten Schritt die rechte Serife an. Auf ähnliche Weise entsteht die rechte Serife beim ersten Strich des A.

Die waagerechten Striche bei E und F erhalten ihre Serife durch eine Pinseldrehung von der 30-Grad-Ausgangsposition in eine knapp senkrechte Schlussposition. Die gleiche Drehbewegung wird auch auf die Bögen von C und G angewendet. Beim T-Strich setzt man den Pinsel fast senkrecht an, dreht ihn beim Ziehen bis zum 30-Grad-Winkel und anschließend wieder zurück.

An den Berührungspunkten bilden die Linien von A, M, N, V und W spitze Winkel. Sie entstehen durch einen veränderten Ansatz­winkel des Werkzeugs zur Grundlinie. Um beim A beispielsweise den Strich unten in die Serife münden zu lassen, vollzieht sich während des Schreibvorgangs eine fast kontinuierliche Drehbewegung des Pinsels.

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KLEINE SCHRIFTENKUNDE


Lateinischer Text für eine Wandgestaltung. Die Buchstabenhöhe beträgt ungefähr 15 cm.

Durch den Verzicht auf die Serifen lässt sich die ­Antiqua etwas einfacher und zügiger schreiben.

Die Capitalis Monumentalis 127


ZUM AUTOR

Joachim Propfe studierte Farbdesign an der Fach­hochschule Hildesheim/Holzminden (heute Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst). Dort entdeckte er durch Professor Gottfried Pott seine Liebe zur Kalligrafie. Seit Abschluss seines Studiums 1994 arbeitet Joachim Propfe freiberuflich als Designer und Schriftkünstler für private und institutionelle Auftraggeber in ganz Deutschland. Neben seiner künstlerischen Arbeit leitet er Seminare zu den Themen Kalligrafie, Farbund Raumgestaltung. Seine Arbeiten wurden in verschiedenen Zeit­schriften veröffentlicht (u. a. Schöner Wohnen, Letter Arts Review) und in zahlreichen Ausstellungen (u. a. in Braunschweig, St. Petersburg, Moskau) gezeigt. 2005 erschien sein erstes Buch «SchreibKunstRäume». Seit 2009 ist er vertreten in der «Berliner Sammlung Kalligrafie» in der Akademie der Künste, Berlin. Weiteres unter www.atelier-propfe.de.

238 ZUM AUTOR


QUELLENANGABEN Die in diesem Band gezeigten Kalligrafien beruhen auf Texten, die aus den folgenden Werken stammen. Ihre Abbildung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Verlage. Mahmûd Abû Hashhash, Wer näht meine Wunden …, aus: Die Farbe der Ferne, hrsg. von Stefan Weidner, Verlag C. H. Beck, München 2000 Mamdouh Adwan, aus: Neue arabische Lyrik, hrsg. von Suleman Taufiq, Deutscher Taschenbuchverlag, München 2004 Abu Ala al-Ma’arri, Was aus dem Leben ein zerfranstes Kleid macht …, aus: ders., Die Notwendigkeit des Unnützen, EremitenPresse, Düsseldorf 1993

Erich Fried, Strauch mit herzförmigen Blättern, aus: ders., Liebesgedichte, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1995 Max Frisch, Textauszüge, aus: ders., Homo Faber. Ein Bericht, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1957 Khalil Gibran, Erde und Seele. Ungewöhnliche Weisheiten. Aus dem Arabischen übertragen von Yussuf und Ursula Assaf, Patmos-Verlag, Ostfildern/Düsseldorf 1996 Dieter Hallervorden, You have the Badewanne that I want

Rose Ausländer, Noch bist du da, aus: dies., Ich höre das Herz des Oleanders. Gedichte 1977–1979, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1984 Horst Bienek, Worte meine Fallschirme …, Carl Hanser Verlag, München

Hermann Hesse, Stufen, aus: ders., Sämtliche Werke, Band 10: Die Gedichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002 Adel Maizi, Was hindert den Himmel daran …, Ich verbrannte die Briefe …, aus: Neue arabische Lyrik, hrsg. von Suleman Taufiq, Deutscher Taschenbuchverlag, München 2004

Richard Billinger, Herbstbeginn, aus: ders., Der Pfeil im ­Wappen, Thomas Mann, aus: Joseph und seine Brüder, S. Fischer Verlag, Stiasny Verlag, Graz Frankfurt am Main 1960 Husain Bin Hamzah, Wenn der Schnee …, aus: Die Farbe der Ferne, Joachim Propfe: Pavels syrische Ziegen kraxeln quietschfidel hrsg. von Stefan Weidner, Verlag C. H. Beck, München 2000 zwischen jungen Olivenbäumen. (Pangramm) Paul Celan, Fadensonnen, aus: ders., Gesammelte Werke, Band 2: Annie Proulx, aus: Brokeback Mountain, Harper Perennial, Gedichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1983 ­London, New York, Toronto und Sydney Hilde Domin, Lyrik, aus: dies., Sämtliche Gedichte, S. Fischer ­Ver­lag, Frankfurt am Main 2009 Jürgen Theobaldy, Gedicht. Mit freundlicher Genehmigung des Autors Hilde Domin, Worte, aus: dies., Sämtliche Gedichte, S. Fischer Josef Weinheber, Löwenzahn, aus: ders., Adel und Untergang, Verlag, Frankfurt am Main 2009 Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1948 Hans Magnus Enzensberger, Tagesordnung, aus: ders., Leichter als Luft, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999

Quellenangaben 239


Propfe, Kalligrafie  

"Leseprobe aus folgendem Buch, erschienen beim Haupt Verlag: Joachim Propfe «Kunstraum Kalligrafie: Schreiben auf Wänden und Leinwänden», IS...