TITEL
Mensch und Genuss
Über Genuss und persönlichen Geschmack, Genusslernen und Genießen mit gutem Gewissen für ein gelingendes, weil genießendes Leben von Matthias Zimmermann Meine Erinnerung an eine Begebenheit im fernen China vor 15 Jahren: Der chinesische Geschäftspartner genoss es sichtlich, uns Deutsche vor den Augen seiner Entourage in die stilvollste Bar, die Hangzhou zu bieten hat, einzuladen. Gelegen am wunderschönen Westsee ließ das außergewöhnliche Ambiente uns vor Erstaunen den Mund offenstehen. Als „Herr im Ring“, wie er sich gerierte, wurde ihm unverzüglich die Weinkarte offeriert. Er bestellte den teuersten Rotwein, den der Club zu bieten hatte. Der Clubchef ließ es sich nicht nehmen, die Flasche persönlich an unseren Tisch zu bringen und dem gut betuchten Gast zur Begutachtung unter die vermeintliche Kennernase zu halten. Die Kurzsichtbrille hochgezogen, studierte der neureiche Jungunternehmer das französische Etikett. Mit großer Geste wies er an, die Flasche zu entkorken. Nach andächtigem Riechen am Korken konnte man die Erleichterung beim Servicepersonal förmlich spüren, denn: Der Wein wurde für gut befunden und einer jungen Servicekraft das behutsame Abfüllen des edlen Tropfens in einen ausladenden Dekanter gestattet. Selbiger wurde sodann herumgereicht. Jeder an unserem Loungetisch durfte daran riechen, bevor der Gastgeber des Abends höchstselbst den Weingenuss zum Höhepunkt führte – mit einer Dose Sprite, die er gekonnt und mit einem lauten Zischgeräusch öffnete, um den Inhalt langsam, damit’s nicht zu sehr schäumt, in den Dekanter zu gießen. Dann noch einmal gut durchgeschüttelt, und schon floss das Gemisch in die edlen Kristallgläser, was von den Chinesen mit einem anerkennenden Raunen goutiert wurde.
8 RC Premium 2/2023
„Ganbei“ – mit einem Trinkspruch wurde das Glas in einem Zug geleert. Der chinesischen Delegation stand das besondere Genussereignis ins verzückte Gesicht geschrieben. Nur die Mimik des Herren in dem Spiegel mir gegenüber zeigte ein Bild höchster Verwunderung, was nicht nur an dem befremdlichen Geschmackserlebnis lag, das mir beschieden wurde. Nun ja, wie sagten schon die alten Römer (vielleicht auch die alten Chinesen in ihrer Sprache – wer weiß das schon?): „De gustibus non est disputandum“. Lässt sich über Geschmack wirklich nicht streiten? Was eigentlich ist Genuss? Ist es etwas, das man sehen kann – in den Gesichtern der anderen? Etwas, das jeden Menschen einzigartig und Kulturen als solche erkennbar werden lässt? Kann man Genuss lernen? Die Geschmäcker sind nun mal verschieden, und die Art, was und wie man genießt, identitätsstiftend. Und wenn einem etwas nicht schmeckt – zum Beispiel Rotwein gemischt mit Sprite – bezieht sich das keineswegs nur auf kulinarische Genüsse. Es kann einem auch die Meinung eines anderen und dessen Verhalten nicht schmecken. Auch ein Buch oder ein Musikstück, ein Gemälde oder eine Landschaft, können ein Gefühl des Missfallens auslösen oder eben großartigen Genuss bereiten. Apropos, was von der Erinnerung an damals übriggeblieben ist: es war ein unvergesslicher Abend, man verstand sich prächtig – auch über Sprach- und offenkundige Genussdifferenzen hinweg, denn: es wurde viel und herzhaft gelacht …!