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DOSSIER Mensch und Kultur

Von „Kultur und Geist“, „Körperkult“ und einer „Kultur der Körperlichkeit“ Dr. Matthias Zimmermann

W

enn man sich die Herausforderung auferlegt, das Leitthema dieses Magazins mit „Mensch und Kultur“ zu überschreiben, begibt man sich unweigerlich in die nahezu unendliche Sphäre der Philosophie. Seit dem antiken Griechenland bis in die Moderne versuchen Denker, alle Errungenschaften der menschlichen Kultur – in Politik und Wirtschaft, in der Wissenschaft, Kunst und auf anderen Gebieten – immer wieder auf den „Sinn des Seins“ zurückzuführen. Was ist der Sinn des Lebens? Was ist Glück? Wie gelingt das Streben nach Seligkeit? „Daseinsverbesserung“ – das ist der Antrieb für kulturelle Entwicklung. Doch worin besteht die „Daseinsverbesserung“ aus der Sicht des Individuums und einer Gesellschaft? Der folgende Beitrag soll aufzeigen, dass Kultur ein Phänomen des menschlichen Geistes ist – aber nicht nur. Kultur hat sehr wohl auch mit Körperlichkeit zu tun. Der Blick auf den menschlichen Körper findet in der Kunst, aber auch in der Interpretation dessen, was man Fitness nennt, seinen Ausdruck. Wie eine Gesellschaft mit Körperlichkeit umgeht, gehört zu den prägenden Aspekten des Kulturverständnisses in den Epochen der Menschheitsgeschichte!

Kultur als Ausdruck des Strebens nach Daseinsverbesserung – und nach Freiheit!

Das Streben nach Verbesserung des Daseins kennzeichnet die menschliche Spezies. Uns ist es gegeben zu planen, also künftige Ereignisse und Zustände gedanklich vorwegzunehmen. Wie wollen wir leben – heute und in Zukunft? Kultur entsteht, wenn Menschen sich zusammenschließen, um miteinander in einem organisierten Gemeinwesen nach einer gemeinsamen Vorstellung von der Verbesserung der Lebensverhältnisse zu streben. Die aggregierte Größe individueller Daseinsverbesserung nennt man Wachstum. Der Begriff „Wachstum“ darf sich nicht auf seine Bedeutung in einem ökonomischen Sinne reduzieren – es geht auch um das Wachstum des Geistes und des Wissens, des politischen Stils und des zivilgesellschaftlichen Engagements, der Kunst, der Kultur, und: der Freiheit! Freiheit mutig zu erstreben und damit klug umzugehen, prägt die Kultivierung menschlichen Daseins seit etwa zehntausend Jahren – mit zahlreichen epochalen Fort- und Rückschritten ...!

8 RC Premium 2/2015

Freiheit und der Wert von Kultur in einer Epoche der Globalisierung

Kulturelles Wachstum entfaltet ihren Wert, wenn dieses Streben nicht den Vorstellungen einiger zulasten der Vorstellungen anderer folgt. Wo Freiheit und Selbstbestimmung, Toleranz und Menschlichkeit missachtet werden, wird Kultur entwertet. „Freiheit ist immer auch die Freiheit des anderen“ (siehe Interview mit Thorsten Schmidt in diesem Magazin, Seite 14ff.). Dieser Grundsatz relativiert den bisweilen ehrfürchtigen Blick auf die fantastischen Errungenschaften menschlicher Schaffenskraft, denn: viele kulturelle Errungenschaften sind auch das Ergebnis von Unterdrückung und menschlichen Opfern! Die Geschichte der Menschheit ist gleichermaßen durchzogen von Ästhetik und Grauenhaftigkeit, von Genialität und Verblendung. „Mensch und Kultur“ – diese Symbiose gebietet, sich dem, was man selbst als ästhetisch erachtet, mit Respekt und Freude zuzuwenden, ohne Andersartiges und andere zu entwerten. Es gilt, sich in Würdigung erkämpfter Freiheitsrechte eine Meinung zu bilden und sie zu vertreten, ohne die Meinung des anderen gering zu schätzen. Dieses „sowohl als auch“ in unserer pluralen, demokratischen Gesellschaft ist kein Privileg zur Beliebigkeit. Es ist viel mehr das Recht, sich von anderen zu unterscheiden, und die Pflicht, die Freiheit des Denkens und Handelns von Angriffen aller Art zu verteidigen. So endet auch die Toleranz dort, wo die Intoleranz verlangt, toleriert zu werden. Eigene kulturelle Werte zu schützen, ohne sie durch die Methoden, wie das geschieht, gleichsam in Frage zu stellen – das ist die Herausforderung der kulturellen Globalisierung.

Kultur – die Errungenschaft des menschlichen Geistes!?

Der Respekt, den wir der kulturellen Schaffenskraft einer Person entgegenbringen, ist zumeist ihrem Geist gewidmet: der Genialität des Verstandes und der Ideen, die ihm entspringen. Erst bei genauerem Hinsehen werden der Mut und der Fleiß ihrer Umsetzung (an)erkannt. Verkannt hingegen wird bisweilen, welch körperliches Geschick, welche Kraft und Ausdauer hinter vielen kreativen Werken stecken.

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