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breiten Spektrum zwischen Konstruktivität und Destruktivität, Klugheit und Dummheit, Kreativität und Phantasielosigkeit. Das, was der menschliche Verstand hervorzubringen vermag, fasziniert – in die eine wie in die andere Richtung. Manchmal aufgrund der positiven, viel zu oft auch aufgrund der negativen Wirkung des Gedachten und Gemachten.

Menschen ist auch kennzeichnend, wie er mit Veränderungen umgeht. Älterwerden bedeutet daher, dem eigenen Dasein ein zunehmendes Maß an Wertschätzung entgegen zu bringen.

Wieder fragen wir uns: Wie ist das möglich? Diese Genialität bei der wissenschaftlichen Durchleuchtung des Menschseins in den hier benannten Forschungsinstituten und -laboren. Genforschung in den kleinsten Dimensionen, Astrowissenschaft in den gigantischen Ausmaßen unseres Universums, technische Entwicklungen, künstlerische Produktivität – der menschliche Verstand kann uns in Erstaunen versetzen. Bisweilen aber sitzen wir vor dem Fernseher oder lesen die Zeitungsnachrichten und sehen uns mit einem Maß an geistiger Dumpfheit konfrontiert, die auch zum „Faszinosum Mensch“ gehört.

Um das Leben auszukosten und den Wert des Seins zu erfahren, hilft der menschliche Verstand. Wir haben alle Möglichkeiten dazu, selbigen zu benutzen. Vor über zweihundert Jahren brauchte es einen königsberger Hauslehrer und Privatdozenten, der die Menschen erst dazu zu ermutigte: „Habe den Mut, Dich Deines Verstandes zu bedienen“. Anders als die Denker vor seiner Zeit setzte Immanuel Kant den Menschen ins Zentrum seiner Ideen. Es ist der Mensch, der sich die Welt anschaulich macht – sein Denken macht die Dinge zu dem, was sie sind. Alles was ist, muss sich der Prüfung der kritischen Vernunft unterziehen (sogar die kritische Vernunft selbst). Der Verstand erlaubt es dem Menschen, seine schöpferischen Anlagen in Freiheit zu entfalten.

Dabei ist das Gehirn und seine Leistungsfähigkeit das beste Argument dafür, das Altern eben nicht als rein degenerativen Prozess zu betrachten. Von wegen, „ab Mitte zwanzig geht´s bergab“. Stimmt nicht! Das alte Gehirn ist dem jungen in mancher Hinsicht überlegen. Es lässt den Menschen nicht mehr von aufwühlenden Gefühlen dominiert sein. Mit dem Alter kommt die Gelassenheit – zulasten der Unbefangenheit, die bisweilen aber auch riskant sein kann. Die Lebenserfahrung mehrt das „prozeduale Wissen“: Die Einordnung von Informationen in bereits Vorhandenes. Dies schafft Freiheiten – Entscheidungen fallen leichter, Handlungen werden sicherer, Vorgehensweisen einfacher, Lösungen erfolgreicher, Zweifel kleiner und das Dasein insgesamt stressfreier. Das Denkorgan gewinnt hinzu, wenn es in die Jahre kommt! Das Älterwerden daher nur mit einer Sorge zu betrachten, die überwunden werden muss, wird dem Menschsein nicht gerecht. Altern ist nicht zuallererst ein Verfall, vielmehr eine Verwandlung, nicht vom Guten zum Schlechten, sondern eine faszinierende Veränderung von einem Zustand in einen anderen.

Eine menschliche Schlussbemerkung

Die Vielfalt der Menschheit ist faszinierend. Verschieden zu sein begründet per se keine Fremdheit. Vielmehr ist Verschiedenheit genau das, was wir Menschen gemeinsam haben! Die Einzigartigkeit des menschlichen Individuums übt eine enorme Faszination aus. Für die Persönlichkeit eines

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Gerade weil das Leben begrenzt ist, ist es so kostbar.

Für diese Entfaltungsfreiheit haben Generationen vor uns nicht nur aufgeklärt, sondern auch gekämpft und revoltiert. Sie haben ihr Leben riskiert und nicht selten geopfert. Früher durfte keiner sagen, was er denkt. Heute darf jeder alles sagen, ohne dabei zu denken. In der modernen Zeit ist es weniger eine Frage von Mut, sondern von Fleiß, den Verstand einzuschalten und selbst zu entscheiden, was man als vernünftig erachtet und was nicht. Ohne die Macht des Schicksals in Abrede zu stellen, kann jeder weitgehend selbst darüber befinden, wie er leben und älter werden möchte. Der mündige Mensch hat die Möglichkeit, sein Dasein in dem Maße zu gestalten, wie es seine individuelle genetische Veranlagung zulässt. Dass dies mit Anstrengung einhergeht, ist so – und wird immer so bleiben. Kein Wissenschaftler, keine Forschungserkenntnis und keine Erfindung werden die Kraftanstrengung ersetzen, die wir aufzuwenden haben, wenn wir ein gelingendes Leben führen wollen. Also – um mit den Worten Berthold Brechts zu schließen: Warum erleben wir das Menschsein als Faszination? „Weil ein Mensch ein Mensch ist“!

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