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Die Gräber schweigen Berichte von der blutigsten Grenze Europas Band 2

Verlag Gilde & KĂśster Troisdorf 2010


Johann Steiner (Herausgeber) eberin)

Die Gräber schweigen Berichte von der blutigsten Grenze Europas ISBN:

978-3-00-031829-0

Copyright:

Verlag Gilde & Köster 2010

Umschlaggestaltung: Georg Schmidt unter Verwendung eines Fotos von Michael Vastag Graphik:

Georg Schmidt

Lektorat:

Waltraud Steiner

Layout:

Georg Schmidt

Gesamtherstellung:

Druckerei Schobert, Nürnberg Inhaber: Gerhard Adam Bulmannstraße 32, 90459 Nürnberg, Telefon: +49-(0)911-440669 E-Mail: info@schobert-druck.de

Vertrieb:

Verlag Gilde & Köster GbR Am Wassergraben 2 53842 Troisdorf Telefon.: 0175-6094431, 02246/168655, 02246-2166 E-Mail: verlaggilde@web.de

Der Druck dieses Buches wurde gefördert von der Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V.


Inhalt Vorwort ............................................................................................................... 5 Einleitung ............................................................................................................ 7 Flucht aus Titos Lager ....................................................................................... 38 Fluchthelfer aus Wien........................................................................................ 57 Das Vernichtungslager Rudolfsgnad ................................................................. 62 Anderthalb Jahre gefangen in Jugoslawien ....................................................... 66 Der geldgierige Schaffner.................................................................................. 69 Dornenreicher Weg in die Freiheit .................................................................... 79 Tschechen als Fluchthelfer .............................................................................. 116 Die Lichter von Kikinda vor Augen ................................................................ 124 Tod im Tankwagen.......................................................................................... 128 Mit der Bega nach Serbien .............................................................................. 130 Im lecken Schlauchboot über die Donau ......................................................... 138 Schwimmend in die Freiheit............................................................................ 156 Auf Baumstämmen über die Schlucht ............................................................. 214 Mit dem Kopf durch die Wand........................................................................ 218 Mehr Glück als Verstand................................................................................. 239 Halluzination in der Strommitte ...................................................................... 244 Von Grenzübergang zu Grenzübergang .......................................................... 255 Schwere Entscheidung, schwerer Weg............................................................ 268 Mit zwei Kleinkindern über die Donau ........................................................... 273 Beim Fluchtversuch die Beine verloren .......................................................... 277 Lagerfeuer im Grenzerstützpunkt.................................................................... 280 Prügelnde Aufseher im Werschetzer Gefängnis.............................................. 284 Plötzlich Herr und Millionär ........................................................................... 291 Glückssträhne .................................................................................................. 297 Bibliographie ................................................................................................... 301


Vorwort Zwei Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes „Die Gräber schweigen. Berichte von der blutigsten Grenze Europas“ liegt jetzt der zweite vor. Im Spätherbst 2009 ist die rumänische Übersetzung des Buches erschienen, das sich mit den Gräueltaten an der rumänischen Westgrenze während des Kommunismus beschäftigt. Seit 2008 hat sich nicht viel geändert. Die Gräber schweigen noch immer. Die auf den Friedhöfen am serbischen und am rumänischen Ufer der Donau Verscharrten sind nach wie vor nicht identifiziert. Das wird wohl so bleiben. Der eine oder andere Journalist greift das Thema ab und an auf. Im Herbst 2009 hat die Journalistik-Professorin Armanca eine Zusammenfassung dessen, was in der rumänischen Presse zum Thema Flucht aus dem kommunistischen Rumänien erschienen ist, in dem Bändchen „Istoria recent ssenmedien. Die Flucht über die Grenze) herausgebracht. Mehr als die Journalisten beschäftigt das Thema die Schriftsteller, vor allem jene, die dem kommunistischen Rumänien den Rücken gekehrt haben. Zu ihnen gehört auch die Nobelpreisträgerin Herta Müller. Dieser neue Band spannt wieder einen Bogen vom Ende des Zweiten Welt-Diktatur 1989. Dieses Mal kommen verstärkt Flüchtlinge zu Wort, die den Weg in die Freiheit über die Donau gesucht haben, denn sie sind im ersten Band nur schwach vertreten. Und gerade sie waren diejenigen, denen die größte Bewunderung entgegengebracht wurde. Über die Donau zu schwimmen oder zu paddeln war nicht jedermanns Sache. Aber auch der Flucht aus den Lagern Titos über das rumänische Banat in den Westen wird Platz eingeräumt. Wie es Flüchtlingen aus dem rumänischen Teil des Banats im jugoslawischen Teil 1950 ergangen ist, als die Tito-Lager noch nicht alle aufgelöst waren, aber der Konflikt mit Stalin schon voll schwelte, zeigt der Bericht eines Mannes aus Tschanad (Cenad) im Dreiländereck Rumänien/Serbien/Ungarn. Wie tragisch eine Flucht enden kann, beweist die Geschichte eines Siebenigem Leibe gekocht worden in einem Tankwagen, der mit Knochenfett gefüllt war. Die zähflüssige Masse musste vor dem Entleeren des Tanks erhitzt werden. Er ist in seinem Versteck nicht nach Mailand gelangt, sondern lediglich bis nach Craiova. Der Lenauheimer Norbert Koch hat als Jugendlicher beide Beine verloren, als er auf einen in Richtung Jugoslawien fahrenden Zug aufspringen wollte. Er hat aus seinem Leben das Bestmögliche gemacht: Als Rollstuhlfahrer war er beispielsweise bei den Olympischen Spielen der Behinderten in Peking dabei.

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Die neuen Geschichten der Flüchtlinge stellen wieder unter Beweis, wie viel Glück dazu gehört hat, in den Jahren des Kommunismus unbeschadet über die grüne Grenze oder die Donau zu gelangen. Damit das Vorhaben Flucht gelingen konnte, war auch Planung wichtig. Je mehr die Grenzgänger dem Zufall überlassen haben, desto eher wurden sie von den Grenzern gestellt. Wenn sie nicht erschossen, ertränkt oder von Schnellbooten überfahren wurden, haben Grenzsoldaten sie in der Regel geprügelt und gefoltert. Manch einer hat diese Tortur nicht überlebt. Der neue Band handelt wieder von Elend, Leid, Tod und Glück der Grenzgänger. Wie eng all das beieinander liegt, stellen die zusammengetragenen Geschichten einmal mehr unter Beweis. Wir hoffen, dass das Buch ein ähnlich gutes Echo findet wie sein Vorgänger. Danken möchte ich dem Journalisten-Kollegen Luzian Geier für die vielen Tipps und Ratschläge. Johann Steiner, Sommer 2010

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Einleitung Flucht ist ein Thema, das viele Schriftsteller beschäftigt, die die kommunistische Diktatur in Rumänien erlebt haben, vor allem solche, die das Land davor legal oder illegal verlassen haben. Aber keiner unter ihnen schildert das tragische Geschehen an der rumänischen Westgrenze so geballt, und trotzdem so vollkommen und treffend wie die Nobelpreisträgerin Herta Müller. Die preisgekrönte Schriftstellerin hat als junge Frau mitbekommen, was an der „blutigsten Grenze Europas“, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung Ende der 1980er Jahre die rumänische Westgrenze genannt hat, geschehen ist. In ihrem 2007 erschienenen Roman „Herztier“ schreibt sie: „Alle lebten von Fluchtgedanken. Sie wollten durch die Donau schwimmen, bis das Wasser Ausland wird. Dem Mais nachrennen, bis der Boden Ausland wird. Man sah es ihren Augen an: Sie werden sich bald, für alles Geld, das sie haben, Geländekarten von Landvermessern kaufen. Sie hoffen auf Nebeltage im Feld und im Fluss, um den Kugeln und Hunden der Wächter zu entgehen, um wegzulaufen und wegzuschwimmen.“ Welche Stimmung im Rumänien der 1970er und 1980er Jahre herrschte, sagt Herta Müller mit diesen Worten: „Nur der Diktator und seine Wächter wollten nicht fliehen. Man sah es ihren Augen, Händen, Lippen an: Sie werden heute noch und morgen wieder Friedhöfe machen mit Hunden und Kugeln. Aber auch mit dem Gürtel, mit der Nuss, mit dem Fenster und mit dem Strick.“ Wie gefährlich es war, über die Grenze zu gehen, sagen folgende Zeilen: „Jede Flucht war ein Angebot an den Tod… Jede zweite Flucht scheiterte an den Hunden und Kugeln der Wächter. Das fließende Wasser, die fahrenden Güterzüge, die stehenden Felder waren Todesstrecken. Im Maisfeld fanden Bauern beim Ernten zusammengedorrte oder aufgeplatzte, von Krähen leergepickte Leichen. Die Bauern brachen den Mais und ließen die Leichen liegen, weil es besser war, sie nicht zu sehen. Im Spätherbst ackerten die Traktoren.“ In ihrem Buch „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ vervollständigt Herta Müller das Bild, wenn sie schreibt: „Was suchen die Polizisten, was suchen die Hunde, fragt Adina… Sie bringen jede Nacht Verletzte von der Grenze, sagt er, die meisten sind tot…“ Etwas weiter fährt sie fort: „Neben der Leichenhalle ist eine Werkstatt, sagt Paul, dort werden die Särge zugeschweißt und mit Polizeiwache nach Hause geschickt. Da schaut niemand mehr rein, sagt Paul.“ Die Aufzählung all dessen, was einen Flüchtenden erwarten konnte, zeigt, wie verzweifelt mancher im kommunistischen Rumänien war. Denn wer geht schon gerne in die Fremde? Das fragt der Banater Schriftsteller Adam Müller Guttenbrunn schon Jahrzehnte vor der Instauration des Kommunismus in senem Werk

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„Das Idyllische Jahr. Ein Sommerbuch“: „Wer sich einmal ein Nest gebaut hat, verlässt es nicht leichten Herzens. Da muss es irgendeinen Ruck gegeben haben, irgendein kleines Erdbeben im seelischen oder im wirtschaftlichen Leben. Wer sich wohlfühlt in seinem Heim, zieht nicht um; aus Übermut oder aus Vergnügen an der Ortsveränderung wechselt kein Mensch seine Wohnung.“ Der Siebenbürger Sachse Bernhard Ohsam (1926-2001) beschreibt in seinem Roman „Eine Handvoll Machorka“ seine Flucht aus einem Arbeitslager in der Sowjetunion und anschließend die Flucht aus Rumänien nach Österreich. Constantin Virgil Gheorghius Roman „Die zweite Chance“ setzt in der Vorkriegszeit ein. Sein Hauptheld erlebt nach der Flucht aus Rumänien das Lagerleben in Ungarn und Deutschland, erst bei den Nazis, anschließend bei den amerikanischen Besatzern. Dem Haupthelden folgen mit dem Nahen der Front weitere Flüchtlinge, und der Dorfpriester wird traurig, denn er weiß, „wenn die Bauern fortgehen und ihre Häuser verlassen, wird alles in eine Traurigkeit gehüllt, die tiefer ist als die um den Tod eines Menschen. Ihre Häuser gehen in der Finsternis zugrunde.“ Was Gheorghiu vorausgesagt hat, ist im Banat eingetroffen: Die Häuser der Deutschen, die illegal oder legal das Land verlassen haben, gehen zugrunde und mit ihnen so manches Dorf. Gheorghiu erkennt schon in den 1950er Jahren, dass der Kommunismus nichts taugt und schreibt: „Wenn der Bauer seine Erde verlässt, wird das Samenkorn, das er gesät hat, traurig, denn niemand wird kommen, um die Ähren zu ernten. Wenn der Landmann fortgeht, betrübt sich das Gras, weil er es nie mehr mähen wird. Die Kuh und der Ochse sind traurig und auch das Pferd, weil sie auf Wasser und auf Nahrung warten. Wenn der Bauer geht, sind die Vögel des Himmels traurig, denn sie können nicht mehr die Samenkörner in den Furchen aufpicken. Der Regen, der die Felder benetzt, wird so traurig wie der Tau der Nächte. Wenn der Bauer seinen Acker und sein Dorf verlässt, wird die ganze Erde traurig. Das ganze Weltall.“ Gheorghius Hauptheld nennt die Ursachen für die Flucht nach Westen, die nach ihm noch Zehntausende antreten werden: „Der Westen hat die Hälfte Europas an die Sowjets verkauft, damit ihm wenigstens gestattet wird, zu leben. Die Menschen der Länder, die an die Russen verkauft wurden, fliehen in den Westen, um dem Tod und dem Terror zu entgehen. Der Westen ist die zweite Chance für jeden Einwohner der Länder, die von den Russen besetzt wurden.“ Einer anderen Person legt er folgendes in den Mund: „Diese asiatischen Bestien verüben grässliche Verbrechen. Die Sowjets sind die blutdürstigsten Mörder, die je auf der Erde gelebt haben. Im Vergleich mit ihnen war DschingisKhan ein Engel. Die Kommunisten wenden im Leben, am lebenden Menschen, die Prinzipien an, die ich in der Kunst anwende. Sie glauben, es sei erlaubt, dem lebendigen Fleisch das anzutun, was man dem Stein antun darf. Der Mensch lässt sich nicht formen wie der Stein, das Holz und der Marmor. Der Mensch ist

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in sich vollkommen. Wenn du dem menschlichen Geschöpf etwas raubst, so wird es verstümmelt. Die Kommunisten wollen aus dem Leben des Menschen die Gefühle, den Egoismus, die Instinkte, die Vorurteile, die Illusionen entfernen. Das Ergebnis ist, dass überall, wo die Sowjets hinkommen, sie nur Kadaver hinterlassen. Niemals kann eine kommunistische Gesellschaft erschaffen werden. Das Leben bedarf der Irrtümer, der Mystik, der Geheimnisse. Wenn du die Irrtümer der Menschen ausrottest, so rottest du den Menschen selbst aus.“ Und er schließt mit einem im Roman verstümmelten Schiller-Zitat, das korrekt folgendermaßen lautet: „Nur der Irrtum ist das Leben, und das Wissen ist der Tod.“ Flucht als einziger Ausweg Für den siebenbürgisch-sächsischen Schriftsteller Dietfried Zink, der fast alle nur denkbaren Fluchtarten beschreibt, steht fest: „Wenn ein Mensch flieht, dann weiß er auch, warum und vor wem oder vor was. Und er glaubt zu wissen, dass die Flucht sein einziger Ausweg ist, um in Freiheit zu überleben. Er flüchtet aus einer Gefangenschaft, in der er seiner Bewegungsfreiheit völlig beraubt und als Mensch regelrecht entwürdigt ist. Niemand flieht um der Flucht willen“, schreibt er in „Für einen Fingerhut Freiheit“. Der Roman ist die Geschichte einer Flucht aus Siebenbürgen in die Freiheit des Westens. Aus Zinks Buch spricht Erfahrung: „Jeder, der sich aus dem Staub macht, hat einen bestimmten Fluchtplan. Er steuert sein Ziel an, ungeachtet dessen, dass sein Weg ihn ins Ungewisse führt. Und je genauer ein Fluchtplan vorbereitet wurde, desto größer sind auch die Chancen seines Gelingens. Allerdings muss man bei jeder Flucht mit dem Zufall rechnen. Dieser kann eine Flucht begünstigen oder aber auch zerschlagen, und man ist letzten Endes doch immer dem Zufall ausgeliefert.“ Flucht ist ein Thema, das auch der Banater Schriftsteller Franz Heinz in der Erzählung „Lieb Heimatland, ade!“ behandelt. Er beschreibt, wie der Siebenbürger Sachse Joss, in einem Fernlastkraftwagen versteckt, nach Deutschland gelangt. Der Autor schildert auch, wie solche Geschäfte abgewickelt wurden: „Zehntausend Deutsche Mark hatte er kassiert, schweigend und fast verächtlich eingesteckt in die Jackentasche, ohne nachzuzählen. Ein Metzgermeister aus Mülheim an der Ruhr war dafür aufgekommen, hatte den Briefumschlag einem wildfremden Menschen in der Essener Münsterkirche ausgehändigt, dritte Bank rechts, ihm wortlos das Geld zugeschoben, hatte kurz und ein einziges Mal dem lieben Gott zugenickt, der gerade nicht anwesend war.“ Die Flucht, die Heinz beschreibt, ist eine vergleichsweise einfache, die folgendermaßen endet: „»Bist du noch am Leben?« Der Fahrer klopfte mit einem Schraubenschlüssel an die Blechwand. Es war am dritten Tag seit ihrer Abreise

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aus Siebenbürgen… auf einem Parkplatz in Fürstenfeldbruck.“ Florescu, Schweizer Romancier mit rumänischen Wurzeln, lässt das Thema Flucht gleich in mehreren Werken anklingen: in „Wunderzeit“, „Der blinde Masseur“ und in „Zaira“. In „Wunderzeit“ erzählt er von der Flucht mit den Eltern in die Schweiz. In den beiden anderen Romanen beschreibt er die Flucht von Verwandten, doch die Narration ist nach Angaben des Autors mit Fiktion durchsetzt. Wie an der serbischen Grenze gestorben wurde, deutet auch Johann Lippet aus dem Banat in seinem Roman „Die Tür zur hinteren Küche“ an: „Offiziell war Kurt Lehnert durch einen Unfall ums Leben gekommen, vom Traktor überrollt. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit war er mit dem Traktor der Kollektivwirtschaft losgefahren, um den Hubers eine Fuhre Rübenblätter für die Kuh zu holen. Die Zuckerrübenfelder der LPG lagen an der Grenze zu Jugoslawien, es war Spätherbst. Der vorgerückte Grenzsoldat auf seinem Pferd stoppte den Traktor mit vorgehaltener Maschinenpistole. Er begleitete Kurt, den er kannte, bis ins abgeerntete Zuckerrübenfeld und verabschiedete sich, nachdem sie eine Zigarette geraucht hatten. Man fand Kurt Lehnert unter den Rädern des Traktors auf dem Grenzstreifen“. „In den Fängen der Securitate“ heißt das Erinnerungsbuch des aus Sanktanna nördlich von Arad stammenden Johann Kappes, auf dessen Konto zwei Fluchtversuche gehen, die er mit Gefängnisstrafen gebüßt hat. Im berüchtigten Gefängnis von Straßburg am Mieresch (Aiud) hat Kappes gescheiterte Grenzgänger als Zellengenossen gehabt. Es hieß, dass von den 3.000 Gefangenen an die 500 Grenzflüchtige gewesen seien. Im Roman „Der Tanz in Ketten“ schneidet auch der im Burzenland/Siebenbürgen geborene Hans Bergel das Thema Flucht an. Auch der aus Großsanktnikolaus im Banat stammende Soziologie-Professor Dr. Anton Sterbling hat Erfahrungen gesammelt an der rumänischen Westgrenze. Als 17jähriger war er Anfang der 1970er Jahre wegen eines Fluchtversuchs eingekerkert worden. In seinem Band ,,Suchpfade und Wegspuren“ nennt er den von den Richtern als Fluchtversuch eingestuften Spaziergang zur Grenze eine Provokation. Nach drei Monaten kann er das Gefängnis verlassen, und der Geheimdienst Securitate lässt ihn nach Deutschland ausreisen, um ihn loszuwerden. Im Mai 1995, 15 Jahre später, besucht er erstmals Rumänien, um einen Vord gegen seine Heimat, das Banat, um Emotionen zu verhindern. In Jassy kommt er mit dem Hausmeister des Gästehauses der Universität ins Gespräch. Der junge Mann staunt, dass Sterbling so gut Rumänisch spricht. Nachdem Sterbling ihm erklärt hat, dass er aus dem Banat stammt, sagt ihm der junge Moldauer, ohne sich etwas dabei zu denken, dass er seinen Militärdienst bei der Grenztruppe im Ba-

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nat geleistet habe. Als er hinzufügt, das sei 1986/87 gewesen, beendet Sterbling das Gespräch. „Ich nehme an, dass es meinem Gesprächspartner nicht aufgegangen ist, dass es mit dieser Auskunft zusammenhing, dass meine Freundlichkeit und Gesprächsbereitschaft plötzlich verschwunden waren.“ Die Flucht über die Staatsgrenzen ist keineswegs ein Phänomen, das erst mit dem Kommunismus aufgetreten ist. Schon vor und während des Zweiten Weltkriegs sind Menschen illegal über die Grenzen geflohen, manche, um dem Konzentrationslager zu entgehen, andere wieder, weil sie nicht an die Front wollten. Zum Kriegsende ist es zur Massenflucht vor der Front gekommen. Gegen Ende der 1940er Jahre sahen sich die Kommunisten genötigt, die Grenzen besser zu sichern, weil immer mehr Menschen dem neuen Regime durch Flucht den Rücken kehren wollten. Wer bis Ende der 1940er Jahre versucht hat, über Jugoslawien in den Westen zu fliehen, ist in Titos Konzentrationslager gekommen und hat, falls er nicht ausgeliefert wurde, dort den Tod gefunden. In den Nachkriegsjahren hat es auch eine Fluchtbewegung von Jugoslawien über Rumänien in den Westen gegeben. Geflüchtet sind in jener Zeit vor allem Banater Deutsche aus den von TitoPartisanen eingerichteten Arbeits- und Vernichtunsglagern. Bis zur Schließung der jugoslawischen Lager 1948 ist nach Ermittlungen der Donauschwäbischen Kulturstiftung in München 35.000 bis 40.000 Insassen die Flucht über die relativ nahen Grenzen nach Rumänien oder Ungarn gelungen, von dort weiter nach Österreich und Deutschland. Das Elend in diesen Lagern und die Flucht beschreibt Reinhold Wehner aus Heufeld (Novi Kozarci) im serbischen Teil des Banats in dem Buch „Vom Himmel zur Hölle und zurück”. Wehner flieht als 15jähriger mit zwei gleichaltrigen Mitgefangenen im Mai 1947 über die rumänische Grenze nach Hatzfeld (Jimbolia). Verwandte in Marienfeld (Teremia Mare) bringen ihn vorübergehend im benachbarten Nero (Ner aus jugoslawischer Gefangenschaft entkommenen deutschen Soldaten macht sich Wehner im Oktober 1947 auf den Weg westwärts. Auf Nebenwegen erreichen die drei die 30 Kilometer entfernte ungarische Grenze. Mit Glück und Hilfe gelangen sie schließlich nach Österreich. Von den rund 540.000 Jugoslawien-Deutschen waren beim Einmarsch der Sowjetarmee und der Tito-Partisanen im Herbst 1944 noch etwa 200.000 Zivilpersonen im Land. Rund 245.000 Zivilisten waren vorher geflüchtet oder evakuiert worden. 95.000 deutsche Männer waren als Soldaten irgendwo im Kriegseinsatz. Gleich nach dem Einmarsch in die einzelnen Ortschaften setzte das Morden der Partisanen ein. Erstes Ziel: Die deutschen Männer sollten ausgerottet werden, teils durch mobile Kommandos, teils in regionalen Liquidierungslagern. Weil fast alle wehrfähigen Männer an der Front oder in Kriegsgefangenschaft waren, wurden alte, junge und wehrunfähige Männer Opfer der unvorstellbar grausamen Mordor-

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gien. In diesem „blutigen Herbst 1944“ haben die Tito-Partisanen rund 10.000 Deutsche umgebracht. Um die Jahreswende 1944/1945 wurden 12.000 Deutsche aus dem Westbanat und der Batschka zur Zwangsarbeit in sowjetische Lager verschleppt. Von den 8.000 Frauen und 4.000 Männern sind 2.000 an Unterernährung und Krankheiten gestorben. Von den 170.000 Zivilisten, die ab 1945 in Lager geworfen wurden, fielen etwa die Hälfte, also 85.000, in die Kategorie „arbeitsunfähig“; das waren Kinder unter zehn Jahren, Mütter mit Kleinkindern unter zwei Jahren, Alte und Kranke. Die Hälfte davon, rund 42.500, ist ums Leben gekommen. Wie Herbert Prokle in seinem Buch „Der Weg der deutschen Minderheit Jugoslawiens nach Auflösung der Lager 1948“ festhält, sind von den 85.000 internierten Arbeitsfähigen rund zehn Prozent gestorben, das sind rund 8.500 Menschen. Die Gesamtzahl der Lagertoten beträgt demnach 51.000, das sind, bezogen auf die Gesamtzahl der Internierten, 30 Prozent unschuldige Tote innerhalb von drei Jahren. Wie die Donauschwäbische Kulturstiftung ferner ermittelt hat, wurden rund 8.000 in Mischehen Lebende oder aktive Kommunisten verschont. Wie aus dem zweibändigen wissenschaftlichen Werk „Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen“ hervorgeht, sind in Jugoslawien nach der Einnahme Belgrads im Oktober 1944 bei der bedingungslosen Kapitulation und auf den anschließenden „Sühnemärschen“ 1945 und in den Kriegsgefangenenlagern mehr als 80.000 Soldaten ums Leben gekommen. Der Schutz der Staatsgrenzen ist keine Erfindung der Neuzeit. Sie wurden schon in den entferntesten Zeiten zur Notwendigkeit. Der Grenzschutz hat sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt, bis er die heutige Organisationsform erreicht hat. Eines ist aber gleich geblieben: Die Grenzer hatten immer dieselbe Mission, die Staatsgrenze im Frieden zu schützen und illegalen Aktionen gegen die innere Sicherheit vorzubeugen, im Kriegsfall aber mussten sie neben den anderen Kampfeinheiten das Land verteidigen. In Rumänien - es nahm damals schon am Krieg teil - wurden die Polizeistationen an den Grenzen am 23. Januar 1941 per Gesetz der Armee unterstellt. Am 1. Januar 1946 wurde das Kommando der Grenztruppen gegründet, das in drei Brigaden, einen Ausbildungsstützpunkt und eine Flottille eingeteilt war. Die Brigade setzte sich aus zwei Regimentern zusammen, die Regimenter bestanden aus zwei Bataillonen. Die Instruktion Nummer 28.860 vom 8. März 1947 sah vor, dass Polizei-Spezialeinheiten das Grenzland zu überwachen und kontrollieren hatten, um die zahlreichen Grenzübertritte einzudämmen. Am 21. Juni 1947 wurde dem Verteidigungsministerium das Kommando über die Grenztruppen zu Gunsten des Innenministeriums entzogen. Ihre Mission blieb dieselbe: die Überwachung und Verteidigung der Landesgrenzen. In der Grenzzone mussten die Grenzer allgemeine Polizeiaufgaben übernehmen. 1948 wurde der dem Innenministerium unterstellte Grenzpass- und Grenzpo-

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lizeidienst gegründet. Ein Jahr später haben die Grenztruppen die Kontrolle der Grenzübergänge übernommen. Mit dem 24. Februar 1948 wurde die Aufsicht an den Landesgrenzen verschärft. Die Grenztruppen hatten jetzt nicht nur die Grenze, sondern auch einen 25 Kilometer breiten Streifen entlang der Grenze zu überwachen und zu kontrollieren. Mit der Instauration des Kommunismus 1944 bis zum Umsturz 1989 wurden die Grenztruppen in das sogenannte Verteidigungssystem integriert. Am 22. Januar 1949 ist die Miliz gegründet, gleichzeitig aber sind Polizei und Gendarmerie aufgelöst worden. Am 16. März 1949 haben unter dem Namen Securitate die Geheimdiensttruppen ihr Werk begonnen. Durch einen Beschlusss des Ministerrats vom 11. Juli 1956 ist das Innenministerium neu geordnet worden: in das Securitate-Department und in ein zweites, zuständig für innere Angelegenheiten. Zur Direktion des Sicherheitsdienstes gehörten die Securitate-, die Grenz- und die Wachtruppen. Am 20. Februar 1960 wurden die Grenztruppen dem Verteidigungsministerium unterstellt, wobei die Grenztruppen weiterhin die Grenzübergänge kontrollierten. Am 26. Mai 1964 hat wieder das Innenministerium die Grenzkontrolle übernommen. Das Dekret 14 von 1972 gibt vor, dass die Überwachung und der Schutz der Staatsgrenze Sache des gesamten Volkes ist; dazu arbeiteten die Grenztruppen mit den anderen Kommandos des Verteidigungs- und des Innenministeriums sowie mit den Exekutivkomitees der Volksräte zusammen. Ferner bauten die Grenztruppen auf die Unterstützung der Gemeindewachdienste und auf den „freiwilligen Beitrag” der Bürger, das heißt: auf Verräter. Ein Grund für die Flucht aus dem Einflussgebiet Stalins war Ende der 1940er Jahre in den nach dem Krieg besetzten Ländern auch die Zerstörung der politischen Gegner der Kommunisten und die Unterdrückung jedes Andersdenkenden. Wie Romulus Rusan in seiner „Chronologie und Geografie der kommunistischen Unterdrückung in Rumänien. Zählung der zwangsinternierten Bevölkerung (1945-1989)“ schreibt, waren die Verhaftungen der Mitglieder von Oppositionsparteien ein Akt erster Entwurzelung, so wurde das, was in der Zeitspanne von 1947 bis 1948 geschah, zum endgültigen Kahlschlag unter den politischen Eliten Rumäniens. Parteiführer auf Flughafen verhaftet Am 14. Juli 1947 kam es auf dem kleinen Flughafen T Bukarest zur Verhaftung einiger herausragender Mitglieder der Opposition, der Nationalen Bauernpartei, die in den Westen fliehen wollten. Die Partei, wegen ihres Widerstands gegen das Regime von diesem am meisten gefürchtet, wurde nach einer Verlautbarung des Ministerrats umgehend für ungesetzlich erklärt und der ganze Führungsstab festgenommen. Im Oktober und November wurde gegen „die Bande der Nationalen Bauernpartei“ ein Prozess inszeniert. Iuliu

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Maniu und Ion Mihalache wurden wegen „Hochverrats“ zu lebenslänglichem schweren Kerker, ihre engsten Mitarbeiter zu anderen Höchststrafen verurteilt. Iuliu Maniu, Ion Mihalache und Victor R -Pogoneanu ertrugen ihr Martyrium bis zu Ende, sie starben im Gefängnis. Das gleiche Schicksal ereilte in den folgenden Jahren die Liberalen und Sozialdemokraten. Am 15. Mai 1948 wurden einige tausend Mitglieder der „Bruderschaften des Kreuzes“ verhaftet, einer nationalistischen Jugendorganisation, die ihren Ursprung in der faschistisch orientierten, 1941 aufgelösten „Eisernen Garde“ hatte. Gleichzeitig wurden Wirtschaftsprozesse gegen zahlreiche Geschäftsleute wegen „Sabotage“ inszeniert. Außerdem kam es zu Phantomverfahren nach sowjetischem Vorbild, willkürlich gegen Industrielle, Mitglieder demokratischer Parteien, Freimaurer, Geistliche, Studenten, ehemalige Parteigänger der „Eisernen Garde“ und anderen Personen wegen Verbindungen zu westlichen Legationen. Am 15. Juli 1948 hat das Innenministerium die Kabinettsorder 26.500 erlassen, die es ermöglichte, am 27. Juli Tausende von ehemaligen Polizisten zu verhaften: Es war die Vorbereitung für die Gründung der Securitate am 30. August. Die Festnahmen waren eine Antwort auf Titos Lossagung von Moskau, für die sich der jugoslawische Präsident wenige Wochen vorher der ehemaligen königlichen Polizei Serbiens bedient hatte. Zehntausende von Prozessen wurden nach dem Diktat der Partei abgewickelt, wegen angeblicher Delikte wie Verrats, Verbrechen gegen die soziale Ordnung, Spionage, Sabotage, Diversion, feindseliger Haltung oder Verbreitung verbotener Schriften. Auch wegen unterlassener Anzeige selbst gegen Eltern oder Geschwister wurden Menschen mit Gefängnis bestraft. Aber es gab auch die sogenannte betrügerische Grenzüberschreitung, wegen der Tausende ins Gefängnis geworfen wurden, nur weil sie Rumänien verlassen wollten. Wie viele in den Jahren des Kommunismus an der Grenze oder sogar noch jenseits der Grenze erschossen wurden, etwa am jugoslawischen Donauufer, ist unbekannt; auch die Zahl der gescheiterten Fluchtversuche. Wie Br „Istoria recent -media. ber die Grenze) berichtet, ist den Statistiken des Hohen UN-Flüchtlingskomissariats zu entnehmen, dass von 1969 bis 1989 mehr als 100.000 rumänische Staatsbürger um politisches Asyl im Westen angesucht haben. Viele davon hatten die Grenze zu Jugoslawien oder Ungarn illegal überschritten. Unter diesen 100.000 sind aber nicht jene Tausenden von Rumäniendeutschen, die nach der Flucht ohne Asylantrag als Volksdeutsche von der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen wurden. Ihnen ist zum Unterschied von anderen Flüchtlingen aus Rumänien ab 1977 die Auslieferung aus Jugoslaiwen erspart geblieben, ebenso ein langes Warten auf eine Aufnahmegenehmigung in ein westliches Land. Ab Mitte der 1980er Jahre hat auch Ungarn keine Flüchtlinge mehr nach Rumänien

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ausgeliefert, trotz eines gültigen Abkommens. Sowohl der illegale Übertritt als auch der Versuch, die Grenze illegal zu überschreiten, wurden entsprechend Artikel 245 mit sechs Monaten bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft. Wer es geschafft hat, nach Jugoslawien oder Ungarn zu gelangen, war aber noch lange nicht in Sicherheit. Rumänien hatte 1964 mit Jugoslawien ein Auslieferungsabkommen geschlossen, ein solches gab es schon längst mit Ungarn. Erst in den 1970er und 1980er Jahren hat sich das geändert, zuerst hat Jugoslawien nicht mehr vollständig ausgeliefert, danach auch Ungarn nicht mehr. Genschers Absprache Die Rumäniendeuschen haben ab 1977 von einer zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Jugoslawien getroffenen Absprache profitiert, die schon zwei Jahre vorher für DDR-Bürger ausgehandelt worden war. Wie Hans-Dietrich Genscher in seinen „Erinnerungen“ schreibt, hatte er schon vor seiner Zeit als Außenminister Kontakt nach Belgrad, und zwar in seiner Eigenschaft als Bundesinnenminister. „Mir lag daran, eine Regelung für jene Deutschen aus der DDR zu finden, die über Staaten des Warschauer Pakts auf jugoslawisches Gebiet gelangten: Musste es nicht erlaubt sein, sie über unsere Botschaft zu betreuen und ihnen die Ausreise in die Bundesrepublik zu ermöglichen? Bei einem Besuch in Belgrad im August 1972 kam es zu einer Art Gentlemen's Agreement mit meinem jugoslawischen Innenministerkollegen. Wir vereinbarten, dass die jugoslawischen Behörden im Falle eines - meist illegalen - Grenzübertritts aus der DDR den betreffenden Deutschen die Möglichkeit gäben, Kontakt mit unserer Botschaft aufzunehmen; außerdem sollten die Behörden auch von sich aus unsere Botschaft informieren. Danach sollten die Flüchtlinge mit einem Pass, den ihnen die deutschen Konsulate ausstellten, in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen“, berichtet Genscher. Diese Vereinbarung ist etwa zwei Jahre später auch auf die Rumäniendeutschen ausgedehnt worden. Angehörige anderer Nationalität aus Rumänien mussten weiter zittern, falls sie in Jugoslaiwen aufgegriffen wurden. Tausende wurden an Rumänien ausgeliefert, angeblich auch gegen rumänische Salzlieferungen. Bei Recherchen für einen Fernsehfilm über die Westgrenze während der kommunistischen Zeit hat sich nach Angaben von Brîndu sgestellt, dass die für diesen Grenzabschnitt zuständige Militärstaatsanwaltschaft verfügte, die von 1983 bis 1989 ums Leben gekommen waren. Das Fernsehteam musste rasch handeln, denn ansonsten wären womöglich auch diese letzten noch vorhandenen Unterlagen verlorengegangen. Den Untersuchungsunterlagen sei zu entnehmen gewesen, dass mit wenigen Ausnahmen die Soldaten wegen des Waffeneinsatzes freigesprochen wurden,

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mit der Begründung, sie hätten die Waffe entsprechend den Vorschriften eingesetzt. Brîndu esen, dass gegen den Soldaten N. I. kein Strafverfolgungsverfahren wegen des Totschlagverdachts eingeleitet worden sei, weil er die Grenze verteidigt habe. Der Soldat, der einen 19jährigen an der ungarischen Grenze erschossen hatte, hätte auf die Beine des Flüchtenden gezielt. Skizzen und Fotos in der Akte zeigffen worden war. Andere hätten sich damit herausgeredet, dass sie angegriffen worden seien oder dass die Flüchtenden versucht hätten, sie zu entwaffnen. Wie Br dass das Militärgericht in Temeswar rund 50.000 Akten der ehemaligen Securitate aufbewahrt. Darunter seien auch jene über die illegalen Grenzübertritte. Sie sollten längst der rumänischen Gauck-Behörde übergeben worden sein. Wie aus dem Bericht der Präsidialkommission über die Untersuchung der kommunistischen Diktatur in Rumänien, kurz Tism -Bericht genannt, hervorgeht, wurde der illegale Grenzübertritt ab 1949 als politische Straftat eingestuft. Schwere Strafen wurden aber schon 1948 gegen Grenzgänger verhängt. Ab 1952 wurden die illegalen Grenzgänger zu den sogenannten für die Volksdemokratie Vertrauensunwürdigen gezählt, die einfach festgesetzt und in Strafkolonien gesteckt werden konnten. Eine dieser Kolonien war die von Periprava im Donaudelta, wo auch Grenzgänger festgehalten wurden. Im Gefängnis von Neuschloss (Gherla) wurden 1951 insgesamt 72 Personen festgehalten, die versucht hatten, über die Grenze zu fliehen. Ebenfalls dem Tism -Bericht sei zu entnehmen, dass von 1953 bis 1954 im Gefängnis von Straßburg am Mieresch (Aiud) 29 politische Gefangene ebenfalls wegen Grenzverletzung einsaßen. Sie waren entweder verurteilt oder einfach von der Securitate interniert worden, berichtet Br ejahren nimmt die Zahl der Grenzgänger stetig zu. 1958 gibt es in Gherla 350 bis 400 Grenzgänger. Weil die Gefängnisleitung sie von den anderen Gefangenen isoliert und in zwei Räumen zusammenpfercht – in einen für 70 Gefangene vorgesehenen Raum werden 120 gesteckt, in zwei weitere Räume 250 Mann -, kommt es zur Revolte. Nach dem Umzug durften die Gefangenen keine Pakete mehr empfangen, Arbeit war ihnen verboten, sie sahen sich jeden Rechtes beraubt. Sie erhielten nicht genügend Trinkwasser, der Zugang zur Toilette war ihnen verwehrt, sie mussten ihre Notdurft in den Zellen in Kübel verrichten. Die Grenzgänger von Neuschloss waren in erster Linie Jugendliche. Nach der Revolte sind 21 Grenzgänger zu zusätzlichen Gefängsnisstrafen zwischen fünf und 15 Jahren verurteilt worden. Vor dem Prozess wurden sie ein Jahr lang gefoltert. Br -Band eine Statistik des UNO-Flüchtlingskommissariats für Rumänien, wobei die UNO-Behörde

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darauf aufmerksam macht, dass die Zahl der rumänischen Flüchtlinge viel höher ist als die genannten Zahlen; nicht enthalten sind die den rumänischen Behörden Ausgelieferten, die Erschossenen, Ertrunkenen und Ermordeten. Die meisten illegalen Grenzüberschreitungen hat das UNO-Flüchtlingskommissariat 1989 mit rund 50.000 verzeichnet. Die meisten Grenzgänger haben in folgenden Ländern um politisches Asyl angesucht: 27.000 in Ungarn, 7.932 in Österreich, 5.329 in Jugoslawien, 3.121 in Deutschland und 1.198 in Frankreich. Für die zweite Hälfte der 1980er Jahre legt die UNO-Kommission folgende Statistik für Rumänien vor: 1985 haben 4.436 Rumänen um politisches Asyl in europäischen Ländern gebeten, 1986 insgesamt 6.839, im Jahr darauf 6.535, im Jahr 1987 ist ihre Zahl auf 10.305 angestiegen, und 1989 waren es 46.746. In den Jahren 1975 bis 1979 hat sich die Zahl der rumänischen Flüchtlinge verzehnfacht von 198 auf 1819, bis zum Jahr 1982 hat sie sich noch einmal verdreifacht. Etwa von 1950 bis 1964 haben die jugoslawischen Behörden keine rumänischen Grenzgänger ausgeliefert. Anfang der 1950er Jahre war die Grenzüberschreitung praktisch unmöglich wegen breiter Minenfelder, die erst ab 1955 allmählich abgebaut wurden. 1964 ist ein Auslieferungsvertrag zwischen Jugoslawien und Rumänien in Kraft getreten. Auslieferungsabkommen gab es auch zwischen Rumänien und Ungarn. Sie wurden 1964, 1982 und 1986 vereinbart. Nach Abkühlen der Beziehungen zu Rumänien hat Ungarn Ende der 1980er Jahre kaum noch Grenzgänger ausgeliefert. Erst Ende des Jahres 1989 hat Ungarn massenweise rumänische Flüchtlinge zurückgeschickt. Der Druck der rumänischen Bürger auf die Westgrenze paart sich mit jenem, den DDR-Bürger auf die Ostblockstaaten ausgeübt haben. Während die Flüchtlinge aus Rumänien eine echte Belastung für den ungarischen Staat werden, machen die DDRFlüchtlinge in erster Linie der bundesdeutschen Botschaft in Budapest zu schaffen. Im Herbst 1984 wird die bundesdeutsche Botschaft in Budapest schließlich zum Schlupfloch im Eisernen Vorhang. Über die Botschaft eröffnet sich für DDR-Bürger die Möglichkeit, in den Westen zu gelangen. Nicht zuletzt wegen des Engagements von Dr. Axel Hartmann, heute Leiter des deutschen Konsulats in Mailand, wurde diese Option für viele Ausreisesuchende zu einem Rettungsweg, obwohl die SED-Führung und das Ministerium für Staatssicherheit alles versuchten, um den Ausweg über die Botschaft zu verschließen, berichtet Peter Pragal in der Nummer 39 der Zeitung „Das Parlament“ vom 20. September 2004. Hartmann war Anfang der 1980er Jahre Leiter der Konsularabteilung der bundesdeutschen Botschaft in Ungarn und heimlicher Helfer für rund 1.000 ausreisewillige DDR-Bürger. Mit teils unkonventionellen Methoden nahm sich der Diplomat der Flüchtlinge an, die in immer größerer Zahl im Botschaftsgebäude Hilfe suchten. Bis 1985, als er Budapest verlässt, stellt der Diplomat bundestdeutsche Pässe aus, verhandelt über den Freikauf von Ausreisewilligen, versorgt Flüchtlinge mit Informationen über Grenzanlagen zwischen Ungarn

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und Österreich. Budapest war ein Geheimtipp für Menschen, die vor 20 Jahren dem SED-Staat entfliehen wollten, berichtet Pragal weiter. Im Sommer hatte die Ständige Bonner Vertretung in Ost-Berlin vor dem Ansturm der Zuflucht Suchenden kapituliert und den Besucherverkehr eingestellt. Vorübergehend, wie es hieß. Auch die bundesdeutsche Mission in Prag war überlaufen und wurde zeitweise geschlossen. Die bundesdeutsche Mission in Budapest blieb zunächst von Schlagzeilen verschont. Mehr als 20 Personen waren dort kaum unterzubringen. Nicht wenige der Asylsuchenden weigerten sich, das Haus zu verlassen. Manche blieben bis zu drei Monate. Und wenn sie gingen, kamen neue nach. Abgewiesen oder einfach weggeschickt wurde niemand. Es wurde auch kein Flüchtling aufgefordert, in die DDR zurückzukehren. Vielmehr wurde über einen Freikauf der Flüchtlinge verhandelt, als diese noch in der Botschaft waren. Erst wenn eine Zusage aus Ost-Berlin vorlag, kehrten sie für einige Monate in die DDR zurück und warteten auf die Ausreise. Fluchthelfer in Ungarn Dr. Hartmann hatte auch mit zahlreichen Rumäniendeutschen zu tun, die in der Botschaft vorsprachen. In einer an den Studienleiter der Akademie Mitteleuropa auf dem Heiligenhof in Bad Kissingen gerichteten E-Mail schreibt der Mailänder Generalkonsul, dass es in seiner Budapester Zeit ein „komerzielles Fluchthilfeunternehmen“ gegeben habe. In präparierten Lastkraftwagen seien Flüchtlinge in den Westen geschleust worden. Diplomaten unterliegen bei ihrer Arbeit Weisungen. Manche halten sich strikt daran, andere legen sie großzügig aus. Hartmann gehörte zu letzteren. Er riet den Leuten, sich durch Freunde in der Bundsrepublik Pässe ausstellen zu lassen. Die Pässe wurden von Bundesbürgern nach Ungarn gebracht und dort von den neuen, ostdeutschen Inhabern unterschrieben. Dann gingen die Dokumente wieder in den Westen. In der ungarischen Botschaft wurde ein Touristen-Visum beantragt. War das im Pass eingetragen, fehlte nur noch der Einreisestempel. Den gab es in Ungarn zu kaufen. Fluchthilfe wurde in Ungarn nicht so streng bestraft wie in anderen Ostblockländern. Auf dieses Delikt standen höchstens sechs Monate Freiheitsstrafe. Berichte, wonach Hartmann auch Schleusungen von DDR-Bürgern in türkischen Fleischtransportern vermittelt haben soll, verweist der heutige Generalkonsul in Mailand in die Phantasiewelt. In einem Vortrag zum 20. Jahrestag des Mauerfalls mit dem Titel „Von der Zuflucht in westdeutschen Botschaften zur Einheit Deutschlands“ berichtet Dr. Hartmann, der 1982 an die deutsche Botschaft in Budapest versetzt worden war, er habe sehr schnell gemerkt, dass die Zufluchtsproblematik Alltag an den deutschen Botschaften in Osteuropa war. Die Freikaufpraxis habe es seit 1963 gegeben. Bis zum Mauerfall sind etwa 33.000 DDR-Häftlinge freigekauft und 215.000

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Familien zusammengeführt worden. Dafür wurden bis 1989 rund 3,4 Milliarden Mark bezahlt, so Hartmann. Der Zugang zur deutschen Botschaft in Budapest sei im Gegensatz zu denen in Bukarest und Warschau frei gewesen. Im März 1984 hat sich die Nichte von Willi Stoph, Vorsitzender des Ministerrates der DDR, mit ihrer Familie in der Prager Botschaft festgesetzt. Nach wenigen Wochen wurde öffentlich, dass die Familie in die Bundesrepublik übergesiedelt war. Nach dem Motto, was die können, können wir auch, suchten ab dem Sommer 1984 viele DDR-Bürger Zuflucht in der Botschaft in Prag, in der Ständigen Vertretung in Ostberlin und auch in der Botschaft in Budapest. Beim Erreichen einer kritischen Zahl von gut 100 Flüchtlingen führte dies zur vorübergehenden Schließung der Vertretungen in Ostberlin und in Prag. 1989 waren es zweimal 6.000 Flüchtlinge. Für Dr. Hartmann „war diese Form der Zufluchtsproblematik eine ambivalente Sache. Schließlich wusste ich, dass die sich in der Botschaft festsetzenden Flüchtlinge bevorzugt freigekauft würden, während die, die sich nur beraten ließen und in die DDR zurückgingen, mit den lokalen Behörden einen wirklich unendlichen und nervenaufreibenden Kampf durchfechten mussten und dabei noch erhebliche berufliche und persönliche Risiken eingingen“. Nach Dr. Hartmanns Ansicht hat die erste Flüchtlingswelle im Jahr 1984 der DDR erhebliche Probleme bereitet, sie sei der Vorläufer für die politische Wende genau fünf Jahre später gewesen. Unter dem Druck der Ausreisewelle von 1984 habe die DDR 34.000 Bürger innerhalb eines Jahres ausreisen lassen, während es im Jahr zuvor lediglich 11.000 gewesen seien. Diese Ausreisewelle zeigte bald ihre Wirkung, denn je mehr DDR-Bürger in den Westen kamen, desto mehr berichteten ihren in der DDR zurückgebliebenen Freunden und Verwandten, auf welche Weise sie die Ausreise erwirkt hatten. Ein Schneeballsystem war ausgelöst worden, die Zahl der Ausreiseanträge explodierte geradezu und hatte im Jahr 1988 die Zahl von 100.000 erreicht. Die erste Ausreisewelle aus der DDR verlief allerdings im Sand, weil es den Fluchtwilligen nicht gelungen war, auf direktem Weg in die Bundesrepublik auszureisen. Der Ostblock war noch intakt. Bilaterale Verträge, von der DDR in den 1970er Jahren mit allen Warschauer-Pakt-Staaten vereinbart, ließen keinen Staatsangehörigkeitswechsel auf fremdem Territorium zu. Das hieß, dass DDRBürger nicht mit bundesdeutschen Pässen in den Westen ausreisen durften. Für Dr. Hartmann „war es ein besonders spannendes Kapitel, wenn die Vorsprechenden klipp und klar erklärten, dass sie den Grenzdurchbruch wagen wollten. Ich ging in solchen Fällen oft weit über das hinaus, was die Weisungen des Auswärtigen Amtes erlaubten. Das Auswärtige Amt stand immer auf dem Standpunkt: Wir lassen die DDR-Bürger reden, sie sagen uns, was sie wollen, und ansonsten verhalten wir uns ruhig“. Hartmanns Ansicht war aber eine etwas andere: Es sei nicht seine Aufgabe, die Leute von ihrem Vorhaben abzubringen.

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Er hat den fest Entschlossenen Tipps über die günstigsten Fluchtmöglichkeiten gegeben. Die ungarischen Grenzanlagen waren Mitte der 1980er Jahre technisch veraltet. Die Grenze bestand nur noch, um die Flucht von DDR- oder rumänischen Bürgern zu verhindern, denn die Ungarn konnten schon damals nahezu ungehindert in den Westen reisen. An der bulgarisch-griechischen Grenze standen lediglich Grenzschilder in deutscher Sprache. Ein bulgarischer Schafhirte sei nicht auf die Idee gekommen, nach Griechenland zu gehen. Ungarn habe die DDR wiederholt aufgefordert, die Kosten für die Erneuerung der Grenzanlagen zu übernehmen. Dies habe die DDR aber mit dem Hinweis auf die internationalen Verpflichtungen Ungarns zurückgewiesen. Außerdem gab es an der ungarischen Grenze keinen Schießbefehl. Der bevorzugte Fluchtabschnitt war die Grenze zu Jugoslawien. Dort mussten die Flüchtlinge aber unter Lebensgefahr durch die Drau schwimmen, die auch im Sommer sehr kalt und reißend ist. Dort habe es viele Tote gegeben. Auch das sei ein Kapitel, das aufgearbeitet werden sollte, meint Dr. Hartmann. Als Ungarn 1989 die Grenze geöffnet und die DDR Reisen nach Ungarn verboten hat, sind viele DDR-Flüchtlinge in der Donau ertrunken, beim Versuch, aus der Tschechoslowakei nach Ungarn und anschließend nach Österreich zu gelangen. „Ich habe damals auch Pässe für DDR-Bürger ausgestellt, die bei Fluchtversuchen benutzt worden sind“, so Hartmann weiter in seinem Vortrag. Wie aus Stasi-Unterlagen hervorgeht, hat die DDR in jenen Tagen darauf gedrängt, dass Ungarn Hartmann zur „persona non grata“ erklären und des Landes verweisen sollte. Ungarn hatte aber ganz andere Probleme. Der wirtschaftliche Niedergang hatte Anfang der 1980er Jahre eingesetzt; über die deutsche Botschaft wurden Kreditanfragen bei deutschen Banken gestellt. Zudem wurden diskret Kontakte zur Europäischen Gemeinschaft geknüpft, um Handelserleichterungen zu erwirken. Zu jenem Zeitpunkt hätte sich die Ausweisung eines westdeutschen Diplomaten eher kontraproduktiv ausgewirkt. „Diesem glücklichen Umstand habe ich es wohl zu verdanken, dass ich meine Arbeit damals ungehindert fortsetzen konnte“, vermutet Hartmann. Offenbar ist die DDR auch in Bonn aktiv geworden. Der Leiter der Rechtsabteilung im Auswärtigen Amt, Dr. Franz Bertele, habe in einem Erlass Dr. Hartmann gebeten, bei der Beratung von DDR-Bürgern zurückhaltender zu sein. Der Botschafter in Budapest hat im abhörsicheren Raum der Botschaft Dr. Hartmann den Erlass vorgehalten. Darauf hat er nach eigenen Angaben erwidert: „Herr Botschafter, das sind Deutsche wie Sie und ich, wir unterscheiden nicht nach der Staatsangehörigkeit, und gemäß Paragraph 5 des Konsulargesetzes sind wir verpflichtet, Deutschen, die im Ausland in Not geraten, zu helfen. Somit sei die Sache völlig einwandfrei“. Daraufhin habe der Botschafter gebrüllt:

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„Ich weiß, was Sie tun, aber ich will es nicht wissen“. Hartmann macht weiter. Als er Ende 1985 zur Nato versetzt wurde, war der für seine Überwachung zuständige ungarische Geheimdienstoberst froh, dass er Ungarn verlässt. „Ein schöneres Kompliment kann man von einem kommunistischen Geheimdienst nicht bekommen“, so Dr. Hartmann in seinem Vortrag. 1989 sei alles anders gewesen als 1984. In den fünf Jahren haben sich mit Gorbatschow die Bedingungen geändert. Am 2. Mai 1989 sei es zum „Urknall“ gekommen, der zur deutschen Einheit geführt hat. An jenem Abend saß Dr. Hartmann zum Aktenvortrag bei Kanzleramtsminister Rudolf Seiters. Als in der Heute-Sendung des ZDF ungarische Grenzsoldaten zu sehen waren, die mit Drahtscheren den Eisernen Vorhang aufschnitten, sagte Hartmann: „Oh, Gott, das gibt Arbeit“. Seiters habe wissen wollen, warum. Hartmanns Antwort: „Herr Minister, wenn das die Leute in der DDR sehen, dann fangen sie an zu laufen; denn das einzige, was sie gesucht haben, war das Loch im Zaun. Jetzt bekommen sie es im Fernsehen geliefert“. Ungarn hat nun seine Praxis geändert: Grenzgänger werden nicht mehr in die DDR ausgeliefert, sondern nur am Grenzübertritt gehindert. Das hat sie veranlasst, in die deutsche Botschaft in Budapest zu gehen, die in kürzester Zeit voll war, so dass - das war neu gegenüber 1984 - Hotels und Pensionen angemietet wurden. Diese hatten eine Kapazität von einigen hundert Personen. Dann waren auch diese voll. Zum Schluss eröffneten die Malteser ein riesiges Flüchtlingslager im Stadtteil Pest, wo Tausende von DDR-Bürgern untergebracht waren. Im Kanzleramt fragte man sich, warum Ungarn die Flüchtlinge nicht mehr an die DDR ausliefert. Die Antwort darauf ist: Ungarn hatte ein eigenes Flüchtlingsproblem, nämlich das der ungarischen Minderheit in Rumänien. Es gab damals weit mehr als 10.000 ungarische Flüchtlinge aus Rumänien in Ungarn. Sie hätten aufgrund einer Vereinbarung Rumänien überstellt werden müssen. Weil die Ungarn das nicht wollten, haben sie heimlich am 12. März 1989 die Genfer Flüchtlingskonvention ratifiziert. In den Genuss der Regelungen dieser Flüchtlingskonvention kamen wenige Wochen später automatisch auch die Deutschen aus der DDR. Auch sie sagten, dass sie Flüchtlinge seien und in den Westen wollten. Ausgerechnet in dieser kritischen Phase kollabierte Honnecker auf dem Warschauer-Pakt-Gipfel in Bukarest. In diesen für die DDR entscheidenden Monaten war die DDR praktisch führungslos. Keiner seiner Vertreter und keiner seiner Mitstreiter sah sich in der Lage, für die DDR verbindliche Erklärungen abzugeben. Dies habe man auch im Kanzleramt registriert. Dr. Hartmann weiter: „All unsere Bemühungen, eine humanitäre Lösung des Flüchtlingsproblems herbeizuführen, stießen bei der DDR auf taube Ohren“. Jetzt war die Reihe an den Ungarn. Ministerpräsident Miklós Németh suchte

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das Problem zu lösen, er war nicht gewillt, deutsch-deutsche Auseinandersetzungen auf ungarischem Territorium austragen zu lassen. Geheimtreffen auf Schloss Gymnich Das paneuropäische Picknick am 19. August 1989 war ein Probelauf für die Grenzöffnung. Németh wollte herausfinden, wie die Sowjetunion darauf reagiert. Wenige Stunden war die Grenze bei Ödenburg (Sopron) offen, was Hunderte von DDR-Bürgern zur Flucht nutzten. Flankenschutz gab Bundeskanzler Kohl. Er telefonierte noch am selben Tag mit Michail Gorbatschow, um seine Meinung zu dieser ungarischen Aktion zu hören. Dieser antwortete, die Ungarn seien gute Menschen. Damit war klar, dass sich die Sowjetunion nicht in diese Flüchtlingsproblematik einmischen werde. Am 25. August 1989 kam es auf Schloss Gymnich bei Köln zu einem Geheimtreffen zwischen Bundeskanzler Kohl und Ministerpräsident Németh. Németh erklärte, Ungarn werde die Grenze öffnen und die Menschen aus der DDR ausreisen lassen. Außenminister Gyula Horn hat vergebens versucht, die DDRFührung zum Einlenken zu bewegen. Dr. Hartmann weiter: „Ungarn blieb standhaft und schlug sinnbildlich den ersten Stein aus der Berliner Mauer“. Am 10. September 1989 wurde die Grenze für die DDR-Flüchtlinge geöffnet; der Eiserne Vorhang war im Grunde zerrissen. Von nun an war es eine Frage der Zeit, wann die Mauer in Berlin fallen würde. Die ungarische Regierung hat vor dem Fall des Eisernen Vorhangs die Bürger der Ostblockstaaten nach zweierlei Maß behandelt. Während DDR-Bürger in der zweiten Hälfte des Jahres 1989 die Grenze nach Österreich passieren durften, verhielt sie sich rumänischen Flüchtlingen gegenüber völlig anders. Bis zur Unterzeichnung der UNO-Flüchtlingskonvention am 17. März 1989 hat Ungarn rumänische Flüchtlinge nach Rumänien ausgeliefert, obwohl die meisten unter ihnen ungarischer Nationalität waren. Ab März wurde ihnen politisches Asyl gewährt, doch sie durften nicht in den Westen ausreisen. Im Sommer 1989 sollen sich etwa 20.000 rumänische Staatsbürger in Ungarn aufgehalten haben, so dass sich das UNO-Flüchtlingskommissariat genötigt sah, ein Büro in Budapest zu eröffnen. Die Lage der rumänischen Flüchtlinge war auch eines der Themen des Trefschef Karoly Grosz im August 1989 in der westrumänischen Stadt Arad. Auf die Forderung des Ungarn, Rumänien solle sich an den Ausgaben für die rumänischen Flüchtlinge beteiligen, erwiderte der rumänische Diktator, Ungarn solle sich an gültige Verträge halten und die Flüchtlinge ausliefern. eschrieben: „Ungarn hat sich zu einem Aktionszentrum der reaktionären Kreise

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entwickelt, einschließlich der Sender „Freies Europa“ hat seinen Platz dort gefunden; die Ungarn wollen sogar Korrespondenten zulassen, und der Sender soll zu einem Übertragungszentrum Westeuropas werden“. Das ist dem Protokoll der Sitzung vom 16. Juni des Politischen Exekutivkomitees der Rumänischen Kommunischen Partei zu entnehmen. 20 Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur droht die Wirklichkeit des zweiten deutschen Nachkriegsstaates genau so in Vergessenheit zu geraten wie die Rumäniens. Einen fast verdrängten Aspekt dieser Vergangenheit versucht der Politikwissenschaftler Stefan Appelius aufzuarbeiten: die Flucht von DDR-Bürgern aus Bulgarien. Was die Betroffenen nicht wussten: Auch dort galt der Schießbefehl. Mindestens 4.500 Fluchtversuche hat es gegeben an der so „verlängerten Mauer“, schätzt Appelius, Privatdozent für Politikwissenschaft an der Universität Oldenburg. Die meisten scheiterten, mehrere Dutzend davon endeten tödlich. Bei seinen Forschungen in Bulgarien ist Appelius bei offiziellen Stellen, auch im Innenministerium, gegen eine Mauer des Schweigens gelaufen. Hilfe erhielt er dagegen bei den kleinen Leuten in der kleinen Bürokratie. Die meisten Erschossenen wurden an Ort und Stelle begraben, sie wurden nicht einmal auf einen Friedhof gebracht. Erst ab Mitte der 1970er Jahre gab es ein geheimes Abkommen zwischen der DDR-Botschaft in Sofia und dem Generalstaatsanwalt der Volksrepublik Bulgarien. In diesem Abkommen haben sich beide Seiten aufgrund einiger schlechter Erfahrungen der DDR-Regierung mit empörten Eltern umgebrachter junger Menschen aus der DDR darauf verständigt, dass getötete DDR-Bürger auf Friedhöfen beizusetzen seien. Das System der Bespitzelung, das die DDR charakterisierte, existierte im ganzen Ostblock - grenzübergreifend. Anfang der 1960er Jahre durften sich DDRUrlauber nur in Reisegruppen wie eine Hühnerschar mit dem Reiseleiter als Aufpasser in einem ganz bestimmten kleinen Radius bewegen, ausgestattet mit ganz wenig Geld. Allerdings wurde dies auf Dauer peinlich, nachdem westdeutsche Journalisten darüber berichtet hatten, so Appelius. Deshalb wurde ein Netz aus bulgarischen Spitzeln und ostdeutschen Saisonarbeitskräften aufgezogen, die als informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit vor Ort aktiv waren. Die Zusammenarbeit mit den sozialistischen Bruderländern, ausgenommen Rumänien, funktionierte reibungslos. Der Schießbefehl an der DDR-Grenze existierte auch an der vermeintlich leichter zu überwindenden bulgarischen Grenze. Die Gefassten wurden zunächst in Sofia unter meist verheerenden hygienischen Verhältnissen eingesperrt, verhört und dann von der Staatssicherheit nach Hause geholt. Die auf der Flucht Erschossenen galten nicht als Maueropfer, sondern als DDR-Bürger, die im Ausland ums Leben gekommen sind. „Die Welt Online“ nimmt am 25. März 2009 einen dpa-Bericht auf und schreibt: „Eine Kopfprämie von 8.000 Ost-Mark soll angeblich für jeden DDRFlüchtling gezahlt worden sein, der an der bulgarischen Grenze erschossen

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wurde“. Von den 4.800 Fluchtversuchen Ostdeutscher von Bulgarien in die Türkei oder nach Griechenland sind nach Appelius bis zu 3,5 Prozent geglückt. Wie Appelius unter Berufung auf ehemalige bulgarische Botschaftsmitarbeiter mitteilt, hat die DDR-Botschaft in Sofia für jeden an der bulgarischen Grenze Getöteten eine Prämie in Höhe von 2.000 Lewa gezahlt. Unterschiedliche Erinnerungen Über Fluchtversuche von DDR-Bürgern über Rumänien hat Dr. Georg Herbstritt, Mitarbeiter der Bundeszentrale für die Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen, im April 2009 an der Akademie Mitteleuropa auf dem „Heiligenhof“ in Bad Kissingen berichtet, ferner in einem Beitrag in Heft 2/2009 der „Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik“. Die zentralen Gedenktage des Jahres 1989, der Mauerfall am 9. November in Deutschland tritts Ansicht unterschiedliche Erinnerungen; das setzte sich fort: In Deutschland wurden frühere DDR-Funktionäre vor allem wegen ihrer Mitverantwortung für die Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze verurteilt; in Rumänien gab es hingegen Verfahren gegen Militär- und Geheimdienstangehörige, die für die tödlichen Schießereien während des Umsturzes Ende Dezember 1989 verantwortlich gemacht wurden. Im Zusammenhang mit den Flüchtlingen aus der DDR spricht Herbstritt von einer „Abstimmung mit den Füßen“. Die Menschen hätten durch ihre Flucht und durch ihren Willen zur Flucht das herrschende politische System in der DDR in Frage gestellt. Im Zusammenhang mit Rumänien gebe es den Begriff „Abstimmung mit den Füßen“ nicht, obwohl auch Rumänien eine massive Fluchtbewegung erlebt hat. Einige Grenzen der Ostblockstaaten könnten als verlängerte Mauer bezeichnet werden. DDR-Behörden, und allen voran die Stasi, haben versucht, die DDRBürger daran zu hindern, über andere Ostblockstaaten in den Westen zu fliehen. Die Beziehungen der Stasi zum rumänischen Geheimdienst Securitate habe sich nach einer engen Zusammenarbeit in den 1950er Jahren ab 1964 abgekühlt; die Securitate habe sich zunehmend von den anderen kommunistischen Geheimdiensten distanziert und sei dafür im Gegenzug von den anderen kommunistischen Geheimdiensten ausgegrenzt worden. In den 1970er und 1980er Jahren habe es zwischen der Stasi und der Securitate keine regulären Arbeitsbeziehungen mehr gegeben, sondern nur noch punktuelle Kontakte, so Herbstritt. In der Tschechoslowakei, in Ungarn und in Bulgarien hat die Stasi in den 1960er Jahren so genannte Operativgruppen eingerichtet (Gruppen von 8 bis 14 Stasi-Offizieren, die dauerhaft in einem anderen Ostblockland stationiert wurden und die etwa 40 inoffizielle Mitarbeiter in diesem Land steuerten; das waren meistens ebenfalls DDR-Bürger. Die wesentliche Aufgabe dieser

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Operativgruppen in der Tschechoslowakei, Ungarn und Bulgarien bestand eben darin, Fluchten zu verhindern. In Rumänien habe es keine Stasi-Operativgruppe gegeben. Aber die Stasi habe trotzdem versucht, auch in Rumänien die DDR-Bürger zu überwachen. Die Securitate habe sie dabei nicht unterstützt. Im Gegenteil: Die Stasi habe darauf achten müssen, dass ihre Agenten und ihre inoffiziellen Mitarbeiter nicht von der Securitate erwischt wurden. Für die Sommermonate habe die Stasi ein Spitzel-Netz in Rumänien aufgebaut, dem aber nur sechs bis acht als Repräsentanten des DDR-Reisebüros getarnte inoffizielle Mitarbeiter angehört hätten. Neben den fest in Rumänien installierten IM befanden sich auch in den DDR-Touristengruppen sehr häufig Mitreisende, die im Auftrag der Stasi Landsleute ausspioniert haben. In welchem Umfang dieses kleine Stasi-Agentennetz in Rumänien oder die StasiOperativgruppen in den anderen Ländern Fluchtversuche verhindert haben, sei schwer zu sagen. Viel mehr sei es der DDR darauf angekommen, wie gründlich die jeweiligen Länder ihre Grenze bewachten. In der DDR glaubten nach dem Mauerbau 1961 viele, die Westgrenzen der anderen Ostblockstaaten seien weniger scharf bewacht als in der DDR; bis 1972 hätten Jahr für Jahr mehr DDR-Bürger versucht, über andere Ostblockstaaten in den Westen zu fliehen. Danach sei die Zahl der Fluchtversuche etwas zurückgegangen. Vermutlich hat sich herumgesprochen, wie riskant ein Fluchtversuch auch dort sein konnte. Allein in den 1970er und 1980er Jahren wurden nach Herbstritts Angaben rund 55.000 Fluchtversuche von DDR-Bürgern verhindert, durchschnittlich waren das rund 3.000 pro Jahr; knapp die Hälfte dieser Fluchtversuche sollte außerhalb der DDR stattfinden. In diese Zahl sind auch solche Fluchtversuche eingerechnet, die von der Stasi schon im Vorfeld entdeckt wurden, wo also die Flüchtlinge gar nicht mehr ins sozialistische Ausland gekommen sind. Den Statistiken des Ministeriums für Staatssicherheit zufolge sind zwischen 1963 und 1988 insgesamt 14.746 DDR-Bürger in anderen Ostblockstaaten bei Fluchtversuchen entdeckt, festgenommen und per Flugzeug in die DDR zurückgebracht worden, wo sie dann zumeist eine mehrjährige Haftstrafe verbüßen mussten. Herbstritt weiter: „Vor allem an den Westgrenzen der Tschechoslowakei (8.495 Personen), Ungarns (3.769 Personen) und Bulgariens (1.654 Personen) versuchten DDR-Bürger in jenen Jahren vergeblich, in den Westen zu gelangen. In Rumänien scheiterten etwa 500 Fluchtversuche. Andererseits glückte zwischen 1972 und 1988 immerhin 2.137 DDR-Bürgern die Flucht über eines dieser Länder in den Westen, und in einer ähnlichen Größenordnung wurden DDR-Bürger über diese Länder von Fluchthelfern ausgeschleust. Über Rumänien gelangten zwischen 1969 und 1986 mindestens 53 DDR-Bürger in den Westen. Folgt man diesen Zahlen, die noch als vorläufig

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anzusehen sind, dann scheiterten rund 80 Prozent aller Fluchtvorhaben über die genannten Länder.“ Mindestens 37 DDR-Flüchtlinge verloren zwischen 1962 und 1989 an den Westgrenzen dieser vier Staaten ihr Leben. Allein in Bulgarien waren es nach derzeitigem Kenntnisstand 18 DDR-Bürger, die von Grenzern erschossen worden sind. An der tschechoslowakischen Grenze kamen 13 DDR-Flüchtlinge ums Leben (davon sechs erschossen), an der ungarischen Grenze vier (davon zwei erschossen). An der rumänischen Grenze sind in den frühen 1970er Jahren mindestens zwei DDR-Flüchtlinge ums Leben gekommen. Nach Herbstritts Recherchen sind an den rumänischen Grenzen rund 500 DDR-Bürger bei Fluchtversuchen festgenommen worden; die Zahl der gelungenen Fluchten über Rumänien dürfte unter 100 gelegen haben. Der größere Teil der DDR-Bürger hat in Rumänien versucht, über die Landgrenze im Banat nach Jugoslawien zu gelangen, ein kleinerer Teil hat es über die Donau versucht, rwandte, Freunde oder Fluchthelfer in Anspruch genommen, um sich aus Rumänien ausschleusen zu lassen. Besonderheit: Zwischen 1968 und 1974 wurden in Rumänien gefasste DDRFlüchtlinge auch in Rumänien vor Gericht gestellt, verurteilt und ins Gefängnis gesteckt; meistens mit Haftstrafen zwischen vier und 18 Monaten, von denen die Hälfte in Rumänien abgesessen werden musste. Wenn sie anschließend in die DDR zurückgekehrt waren, wurden sie noch einmal verurteilt und eingesperrt. Insgesamt wurden auf diese Weise zwischen 1968 und 1974 mindestens 80 DDR-Bürger doppelt bestraft, die abgesessene Haftzeit war anzurechnen. Die rumänischen Behörden haben die DDR-Stellen nur unvollständig und verspätet über Verhaftungen von DDR-Bürgern sowie über die Einzelheiten der Fluchtversuche informiert. Es sei vorgekommen, dass DDR-Bürger einfach aus dem Gefängnis entlassen wurden; einige von ihnen hätten einen zweiten Fluchtversuch gewagt, mindestens fünf seien gelungen. Ab April 1973 habe Rumänien auf Wunsch der DDR keine DDR-Flüchtlinge mehr vor Gericht gestellt. Es hat aber noch fast ein Jahr gedauert, bis das auch dem letzten zuständigen Gericht in Rumänien bekannt geworden war; außerdem gab es Ausnahmen. Der DDR-Konsul in Bukarest musste ab sofort verhaftete Bürger innerhalb von fünf Tagen übernehmen und ausfliegen. In den bei der Militärstaatsanwaltschaft Temeswar 1988 gefundenen Unterla-

Temeswar (19 Jahre alt) – am 27. September 1988 totgeprügelt und bei Hatzfeld in den Straßengraben geworfen; Ion Ciucur (31) aus Brazi – 1983 bei Tolwadin – 1984 Schulterschuss; Dumitru Bunda (22) aus Moritzfeld (M

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– 1985


bei Großscham (Jamul Mare) erschossen; Pavel Bârz (30) aus Arad – 1985 bei Detta (Deta) durch Genickschuss ums Leben gekommen; Constantin Budac (26) aus Konstanza – durch Brustschuss verletzt; – 1986 Unterleibschuss bei ria (34) aus Bukarest - 1986 tödliche Schüsse in die Brust bei Rusova; Gheorghe Lionte (28) aus St – 1987 bei Altbeba mit dem Bajonett getötet (kommt im ersten Band des Buches die „Die Gräber schweigen“ als Leonte vor), Floria Ciort (47) aus Hatzfeld (Jimbolia) – 1987 Herzschuss; Vlad Petru (24) aus Telciu – 1987 erschossen bei – 1988 umgebracht bei Hatzfeld unter ungeklärten Umständen; Ioan Grab (23) aus Radautz (R – 1988 tödlich verletzt durch Beinschuss bei Großscham; Costic slui in der Moldau – 1988 Unterleibschuss bei Großscham; Zoltán Oláh (30) aus Temeswar – 1988 getötet durch Bauchschuss bei Großpereg (Peregu Mare) – er ist ebenfalls im ersten Band genannt; Mirce – 1989 tödlich getroffen von einer Kugel bei Rudna und Mircea Bozgan (22) aus Arad – 1989 tödlicher Brustschuss bei Kreuzstätten (Cruceni) in der Nähe von Tschakowa (Ciacova). „Es gibt keinen Friedhof am serbischen Donauufer, auf dem nicht rumänische Staatsbürger bestattet sind. Es sind Grenzgänger, die in der Zeit des Kommunismus auf der Flucht aus Rumänien ums Leben gekommen sind.“ Mit diesen Sätzen beginnt der vorhergehende Band von „Die Gräber schweigen“. Als Beispiel wird der Friedhof von Novi Sip, ein Ort im Nationalpark Eisernes Tor, genannt, der nach dem Bau der Staumauer am Durchbruch der Donau durch die Karpaten in den 1970er Jahren neu angelegt worden ist. Bei einem Besuch Anfang 1990 habe ich an den Gräbern jener rumänischen Staatsbürger gestanden, deren Leichen im Laufe von 19 Jahren ans serbische Ufer bei Novi Sip geschwemmt worden sind. Tote Grenzgänger sind auch auf dem Friedhof des in den Fluten des Stausees am Eisernen Tor untergegangenen alten Sip begraben. Eine rumänische Tragödie Die Toten im neuen und von der gestauten Donau überfluteten alten Sip, aber auch auf anderen Friedhöfen auf beiden Donauufern sind Opfer der gestürzten kommunistischen Diktatur in Rumänien. Identifiziert werden die meisten wohl nie - und die Gräber schweigen; aber auch viele Opfer sind nicht bereit, über die Gräuel zu berichten, die ihnen angetan worden sind. Die Journalistin Marina Constantinoiu spricht in der Ausgabe vom 31. Mai 2005 der Tageszeitung Jurhen Tragödie. Die Donau bedeute für die Rumänen mehr als die Berliner Mauer für die Deutschen. Sie hat den Menschen einen großen Zoll abverlangt.

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Friedhof des neuen Sip 54 Unbekannte, auf dem des alten Sip 32. Marina Constantinoiu hat ferner ermittelt, dass auf dem Friedhof von Golubinje mehr als 100 unbekannte rumänische Staatsbürger bestattet sind. Unter ihnen ist ein 35 bis 40 Jahre alter Mann, der am 16. März 1989 tot aufgefunden und in die Autopsieliste von Negotin aufgenommen worden ist. Er trug eine rote Jacke mit Reißverschluss und blauen Einsätzen, hatte eine rosa Schwimmhaube bei sich, am Körper hatte er mit Isolierband eine Brieftasche befestigt, in der sich neben rumänischem Geld ein Zettel mit folgender Notiz befand: Knija, Viseslova 72, tel. 992128 trim. Hotel H Bengosen; er trug Schuhe der Größe 43, über die er Gummihandschuhe gezogen hatte, und Leder- und um zehn Zentimeter verlängerte Gummihandschuhe, die das Eindringen von Wasser verhindern sollten. In den vier Ausgaben der Zeitung vom 29. Mai bis 1. Juni 2005 berichtet Marina Constantinoiu, dass in Tekija auf serbischer Seite etwa zehn aus der Donau geborgene Tote begraben sind. Fast in allen Dörfern auf serbischer Seite lägen tote Grenzgänger aus Rumänien: in Negotin, Donji Milanovac, Prahovo oder Kladovo. Während die Toten an der grünen Grenze den Rumänen erhalten geblieben sind, mussten sie die von der Donau ans serbische Ufer angeschwemmten Leichen meist nicht beseitigen; die rumänischen Behörden waren sie einfach los; sie nahmen sie meist nicht zurück mit der Begründung, es wären keine rumänischen Staatsbürger. Die meisten in der Zeit des Kommunismus auf der Flucht aus Rumänien ums Leben Gekommenen – sie sind entweder ertrunken, oder aber haben rumänische Grenzer sie ertränkt, erschossen oder mit Schnellbooten absichtlich überfahren – sind mit der Strömung der Donau ans serbische Ufer getrieben. Während die Gräber, die längst von Unkraut und Gestrüpp zugewachsen sind, keine Informationen hergeben, können auf serbischer Seite jedoch solche den Aufzeichnungen der Gerichtsmediziner entnommen werden: Alter, persönliche Besonderheiten oder Kleidungsstücke sind beschrieben. Auch die Ausweise, die sie bei sich hatten, geben über sie Auskunft. Sie könnten mancher Familie helfen, das Schicksal ihrer verschollenen Angehörigen aufzuklären. ab 1970 alles über die Toten von der Donau aufgezeichnet hat. Das berichtet ausführlich vom Fluchtgeschehen an der Donau berichtet. agen sei verzeichnet, dass am 23. August 1980 ein Toter gefunden wurde, der ein khakifarbenes Hemd trug. Umgeschnallt hatte er einen Militärledergürtel. In einer Tasche hatte er einen Ausweis des FC Politechnica und einen Personalausweis, ausgestellt auf den Namen Ioan Milu. Geboren wurde er am 18. Mai

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1960 in der Gemeinde Boldur im Kreis Lugosch (Lugoj). Ferner hatte er bei sich: den Fahrzeugschein eines Militärautos, einen Blutspenderausweis, zwei Zehn-Lei-Banknoten und einen 50-Lei-Schein, Kugelschreiber und eine Schachtel Zigare hmen, dass er nicht erschossen wurde. Milu ist auf dem Friedhof von Prahovo begraben worden. 1988 bei Donji Milanovac die Leiche eines Mannes gefunden worden ist, lediglich bekleidet mit Badehose, darunter Unterhosen und Socken. Mit einem Gürtel hatte er sich einen Beutel umgeschnallt, in dem sich folgendes befand: ein Hemd, Jeans, Adidas-Schuhe, ein Pullover Größe 52, eine Plastikdose mit Multivitaminen, ein Kompass und ein Personalausweis mit der Seriennummer BK 383915, ausgestellt auf den Namen Pavel Reinhold, geboren am 17. März 1964 in Heltau (Cisn den Namen Cloos ausgestellt war, sind unter „Eltern“ dieselben Namen zu finden: Sofia und Martin. Pavel steht wahrscheinlich für Paul. Es ist anzunehmen, dass es ich im Falle Reinhold um einen Siebenbürger Sachsen handelt.

Reihe von Unbekannten auf dem Friedhof in Markovac begraben. Dort gibt es auch ein Kreuz, das den Namen Marian Gh. Mindea trägt. Nach Angaben des örtlichen Pfarrers ist er von serbischen Grenzern erschossen worden. Beim zweiten Fluchtversuch erschossen Die serbische Presse hat ab und an etwas über das Geschehen an der Donau berichtet, darunter auch über den Tod des DDR-Bürgers Günther Lange, der zu seiner kranken Mutter nach Westberlin wollte. Lange ist am 2. November 1973 in Rumänien angekommen, um über die Donau zu schwimmen. Völlig erschöpft ist er in Tekija an Land gegangen, wo Ortsansässige ihn mit Wurst und Schokolade versorgt haben. Kaum hatte er seinen Gastgebern sein Schicksal geschildert, ist schon die Polizei gekommen, um ihn festzunehmen. Er wurde na erichtet hat, wurde er kurz darauf nach Tekija gerufen, wo ein Toter gefunden worden war. Es war Günther Lange, er trug lediglich die Badehose. Um den Hals hatte er sich einen Beutel mit Kleidern und Unterlagen befestigt. Der Beutel war mehrfach durchlöchert. Das eindringende Wasser hat ihn in die Tiefe gezogen, er konnte sich aus der Schlinge nicht mehr befreien und ist ertrunken, mutmaßt der Gerichtsmediziner. Etwas gibt ihm allerdings zu denken: Jakovljevi Kopf Verletzungen festgestellt. Richter und Staatsanwalt konnten sich an Lange erinnern. Er hatte sie gebeten, ihn nicht nach Rumänien auszuliefern. Die Au-

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topsie hat ergeben, dass Lange noch die unverdaute Wurst und die Schokolade im Magen hatte, die er in Tekija spendiert bekommen hatte. Lange war offenbar nur kurz in rumänischem Gewahrsam, wahrscheinlich ist er gleich wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Wie Herbstritt berichtet, ist es gelegentlich vorgekommen, dass die rumänischen Sicherheitskräfte DDRBürger entlassen haben, ohne die DDR-Behörden zu informieren. „So könnte es auch Günther Lange gelungen sein, innerhalb kürzester Zeit einen zweiten Versuch zu unternehmen, durch die Donau zu schwimmen. Dabei wurde er dann offenbar von rumänischen Grenzposten angeschossen und ertrank deshalb in der Donau“, schreibt Herbstritt. Noch vor Lange ist der Ingenieur Anton Frank (Jahrgang 1941) aus Leipzig im Oktober 1970 beim Fluchtversuch von Rumänien nach Jugoslawien in der Donau ertrunken. Das hat Stefan Appelius bei seinen Recherchen in Bulgarien herausgefunden. Die Leiche wurde am 11. Oktober 1970 in Slatinrok bei Widin (Bulgarien), etwa 25 Kilometer von der jugoslawischen Grenze entfernt, von Fischern entdeckt. Nach Einschätzung der Sachverständigen war Frank drei bis sieben Tage vorher ertrunken, so dass sein Leichnam etwa 300 bis 350 Kilometer donauabwärts getrieben wurde. In einem Dokument des DDR-Konsulats in Sofia heißt es über den Fall: „Der Ertrunkene war mit einem enganliegenden schwarzen leichten Pullover, einer blauen Leinenhose und Leinenturnschuhen mit Gummisohle bekleidet. An seinem Körper hatte er zwei lederne Brustbeutel, in denen sich Ausweispapiere wie Personalausweis, Reiseanlage, Fahrerlaubnis und Geld befanden, u.a. ca. 600 Mark der DDR“. Frank wurde am 14. Oktober 1970 auf dem Friedhof in Slatinrok beerdigt. Im ersten Band „Die Gräber schweigen“ ist das tragische Ende eines Professors aus der DDR genannt, den Grenzer in den 1970er Jahren bei Hatzfeld (Jimbolia) beim Fluchtversuch erschossen haben. Bei dem Professor handelt es sich um Dr. Rudolph Babendererde (Jahrgang 1931) aus Rostock, der am 11. August 1972 erschossen wurde. In einem Dokument des Staatssicherheitsdienstes der DDR heißt es über den Grenzzwischenfall: „Die Familie Babendererde versuchte mittels Pkw Wartburg… gewaltsam am Grenzkontrollpunkt Jimbolia/SRR nach der SFRJ die Staatsgrenze zu durchbrechen“. Trotz zweier Anrufe und der Abgabe von Warnschüssen habe Babendererde die Fahrt fortgesetzt. Daraufhin sei der Fahrer „durch gezielte Schüsse der Sicherheitsorgane der SR Rumänien“ tödlich verletzt worden. Babendererde sei in Temeswar (Timi Er hatte im August 1972 mit zwei Familenangehörigen Urlaub in Südwestrumänien verbracht. Soweit der Bericht von Appelius. Herbstritt hingegen schildert die Flucht anders. Nach seinen Angaben erfolgte sie auch an einem anderen Datum. Er beruft sich auf Details, die er nach eigenen Angaben im Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR gefunden hat: „In

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der Nacht vom 17. auf den 18. August 1972 versuchten sie schließlich, unweit von Hatzfeld auf dem Landweg nach Jugoslawien zu gelangen. Sie durchquerten unbemerkt ein großes Maisfeld und erreichten offenes Gelände in unmittelbarer Grenznähe. Versehentlich berührten sie dort einen Signaldraht. Das alarmierte die rumänischen Grenzer, die die Flüchtlinge nach kurzer Zeit entdeckten. Obwohl sie wehrlos auf dem Boden liegen blieben, zielten die Grenzsoldaten nach ersten Warnschüssen direkt auf sie und töteten Rudolph B. Die beiden anderen Flüchtlinge wurden festgenommen und wenige Tage danach an die DDR überstellt“. Auch auf der rumänischen Seite der Donau sind tote Grenzgänger begraben, beispielsweise auf dem Orschowaer Friedhof auf der Sternwaldwiese. Der Totengräber Ion Herici meint, es könnten bis zu zwölf gewesen sein. Die Kreuze mit der Aufschrift „Unbekannt“ sind inzwischen verschwunden, die kleine Schlucht, in der die Ermordeten liegen, ist mit Müll verfüllt worden. Mehrere Dutzend Gräber von Unbekannten, die über die Donau fliehen wollten, hat es auf dem inzwischen von der gestauten Donau gefluteten Dorffriedhof von Vârciorova gegeben, berichtet Cristian von Coro wissen noch einiges über Gräueltaten während der kommunistischen Zeit, doch sie trauten sich auch heute noch nicht, die Wahrheit zu sagen. Für die geknechteten Rumänen war Jugoslawien das Tor zur Freiheit - oder zur Hölle. Wer serbischen Boden betreten hat, war noch lange nicht frei. Tausende haben die Sperranlagen überwunden, Tausende sind über die Donau geschwommen oder gerudert: Rumänen, Ungarn, Deutsche, Zigeuner oder Serben. Viele von ihnen leben längst als freie Menschen im Westen. Aber für einen Teil wurde das Freiheitstor zur Todesfalle. Die Serben haben auch Tausende von Flüchtlingen entsprechend einer bilateralen Vereinbarung von 1964 an Rumänien ausgeliefert. Für sie hat die Hölle an der Grenze mit Prügel und Folter begonnen. Auch die Schlepper schweigen Die in den Orten an der Donau Bestatteten sind nur ein Teil der Opfer an der rumänischen Westgrenze. An der grünen Grenze haben ebenfalls viele ihr Leben verloren. Manch einer von ihnen soll direkt an der Grenze verscharrt worden sein. Das Schlepperwesen ist auch heute noch ein Tabu in den Ortschaften am rumänischen Donauufer, schreibt Dan Gheorghe in der Ausgabe vom 6. September 2008 der Tageszeitung România Liber eschleusten Agenten des Geheimdienstes Securitate ist noch immer vorhanden, obwohl sich die Zeiten gewandelt haben. Einer der bekanntesten Schleuser hat allerdings ausgepackt. Alexandru Simian hat erzählt, wie das Schleusersystem

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funktioniert hat und wie Zehntausende von Flüchtlingen über die Donau gelangt sind. Simian wurde 1988 verhaftet, die Securitate hat ihn gefoltert und seine Familie unter Druck gesetzt. Gheorghe schreibt, die Leute sagen heute, die Geheimnisse seien in die Donau geworfen worden, und niemand wird sie mehr aus dem Strudel herausholen können. Wer von den Donauanrainern in der Nähe des Eisernen Tors etwas über das Schlepperwesen erfahren will, dem kehren die Einheimischen den Rücken. Simian zu Hause ist, erfährt Gheorghe, dass die Verräter und ihre Opfer stillschweigend einen Waffenstillstand geschlossen haben. Nicht nur Nachbarn hätten einander verraten, sondern auch Verwandte. Keiner plaudert etwas aus, um nicht das Gleichgewicht zwischen den beiden Lagern zu stören. Alexandru Simian, heute 60 Jahre alt, scheut es, seine Securitate-Akte einzusehen. Vielleicht werde er es mit 80 tun, um zu erfahren, wer ihn verraten hat. Vorerst will er es noch nicht wissen, damit in ihm keine Rachegelüste aufkommen. Simian wurde 1951 als Kind mit seiner Familie in die Donautiefebene deportiert wie 40.000 weitere Landsleute aus dem Landstrich an der serbischen Grenze; als Erwachsener wurde er aus Diensten der Gemeinde entlassen. Das waren die Motive, die in ihm den Plan reifen ließen, aus Rumänien in die Freiheit zu fliehen. Doch vorher wollte er anderen helfen, die Donau zu überwinden, in der Hoffnung, dass die Flüchtlinge ihm auch einmal helfen werden, sich im Westen eine neue Existenz aufzubauen. Die Fluchtwilligen kamen aus dem ganzen Land. Viele hatten sich Hilfsmittel besorgt, wie Schlauchboote oder ganz einfach Autoreifen. Treffpunkt war der Kurort Herkulesbad (B abgeholt hat. Zu einem späteren Zeitpunkt ist auch der potentielle Flüchtling in Herkulesbad erschienen. Er wurde von ins Vertrauen gezogenen Familien ins Dorf geschleust. Aufgebrochen sind die Grenzgänger nur, wenn es völlig bewölkt war. Simian berichtet von einer dramatischen Situation: Eine Frau hat mit ihren sechs Kindern in einem Boot über die Donau gesetzt. Andere wiederum haben ihre Boote mit Schilf getarnt, damit sie so aussahen wie Klumpen, die die Donau immer wieder mit sich führt. Andere wiederum haben Gasflaschen zu Raketen umgebaut, um mit hoher Geschwindigkeit ans serbische Ufer zu gelangen. Die Donau ist sehr gefährlich, besonders seit dem Bau des Staudamms am Eisernen Tor. Der Strom scheint ruhig, aber die Strömungen sind sehr stark. Die rumänischen Grenzer hätten auf alles geschossen, was sich bewegt hat. Hatten sie jemanden umgebracht, schoben sie die Schuld den serbischen Kollegen in die Schuhe. Simian ist 1988 in Herkulesbad festgenommen worden, als er eben einen neuen Kunden treffen wollte. Damit hat sein Leidensweg bei der Polizei in Turnu Severin begonnen, mit Schlägen auf Fußsohlen und Rücken mit einem Hart-

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holzstab. Nach drei Monaten Untersuchungshaft wurde er in Ketten gelegt und zum Prozess nach Turnu Severin gebracht. Der Prozess war ein Einschüchterungsversuch der Securitate. Simian hat nach eigenen Angaben niemand verraten. Die Ermittler hatten ihn aufgefordert, das gesamte Schleusernetz preiszugeben. Hätte er es getan, wären an die 30 Mann verhaftet worden. Simian wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, nach dem Einspruch der Staatsanwaltschaft wurde die Strafe in einem zweiten Verfahren verdoppelt. Am Tag des Falls des kommunistischen Regimes wurde Simian auf freien Fuß gesetzt. Nach seiner Festnahme wurde seine Frau zu Hause verhört und bedrängt, sich scheiden zu lassen. Es bestand die Gefahr, dass seine Kinder in ein Waisenhaus gesteckt werden. Die Ersparnisse der Familie - 170.000 Lei – wurden beschlagnahmt. Olympiasiegerin auf der Flucht Unter den letzten, die über die rumänische Westgrenze geflüchtet sind, gehört die vielfache Olympiasiegerin und Weltmeisterin Nadia Com idie ehemalige Weltklasseturnerin bei Tschanad (Cenad) über die grüne Grenze nach Ungarn. Zwei Tage vorher hat Constantin Panait, der seit 1980 in den USA lebte, Nadia in einem österreichischen Mietwagen in Bukarest abgeholt und an die ungarische Grenze gefahren. Ein Schleuser bringt sie über die Grenzen nach Ungarn und anschließend nach Österreich. In Wien besorgt Panait ihr ein Visum für die USA. In der Ausgabe vom 14. August 2008 berichtet die Zeitung Ziua, dass sich Nadia einer Flüchtlingsgruppe angeschlossen hat; sie sei stundenlang duch Schnee marschiert. Die Zeitung Monitorul de Neam nfamilie, haben Nadia in Bukarest abgeholt. Zusammen sind sie am 25. November um 14 Uhr im Tschanader Nachbarstädtchen Großsanktnikolaus (Sânnicolau Mare) eingetroffen. Offiziere der Grenztruppe hätten von der beabsichtigten sgegangen. Der sieben Mann starken Flüchtlingsgruppe sollen neben Nadia angehört haben: d onica, ein Maler namens Gheorghe Paraschiv aus Bukarest und ein Mann aus Cherestur. Um 4.45 Uhr soll die Gruppe Kiszombor in Ungarn erreicht haben und zwei Grenzern in die Arme gelaufen sein. Dem Bericht zufolge hat Nadia auf dem Acker ein paar Salti vorgeführt und den Grenzern mitgeteilt, sie sei Nadia Com zpunkt gefahren und verhört worden. user

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aus der ganzen Gruppe nach Rumänien abschieben. Doch dann habe sich Nadia eingeschaltet mit den Worten, dann werde auch sie zurück nach Rumänien gehen. Die anderen hätten in dieselbe Kerbe gehauen. Das habe die Wende gebracht. Alle sieben hätten Ausweise erhalten und seien im Hotel Royal in Szeged untergebracht worden. Am nächsten Tag hätten sie sich ins Durchgangslager Treiskirchen bei Wien begeben. Von dort habe sich Nadia von der Gruppe getrennt und sei verschwunden. zur Folge hatte, dass die rumänischen Grenztruppen am 15. Dezember 1989 aus der Kompetenz des Verteidigungs- in die des Innenministeriums übergegangen sind und ihr Befehlshaber abgesetzt wurde. Vielleicht nicht ganz so spektakulär wie Nadias Flucht war die der Rock- und Bluesband Phoenix aus Temeswar. 1976 heiratet Phoenix-Chef Nicu Covaci nach Holland. Nach dem verheerenden Erdbeben vom 4. März 1977 kommt er mit Hilfsgütern und einem großen Fluchtplan nach Rumänien. Er veranstaltet eine große Benefiz-Tournee, die in Karlsburg (Alba Iulia) beginnt und im Mai in Konstanza am Schwarzen Meer mit einem Riesenerfolg endet. Nach der Rückkehr nach Temeswar teilt Covaci den Bandmitgliedern überraschend seinen Fluchtplan mit. Alle machen mit außer Mircea Baniciu. Sie verstecken sich in den riesigen Marshall-Boxen, aus denen Kovaci die Lautsprecher entfernt hat, und in der Nacht zum 2. Juni 1977 fährt der Lastkraftwagen zum Grenzübergang Turnu Severin. In den Boxen versteckt sind: Ovidiu Lipan, Erlend Krauser, Josef Kappl und eine Schwangere. An der Grenze beginnt das tägliche Theater, es dauert Stunden und endet erst, als sich die Zöllner und Grenzer einiges von der Ladung angeeignet haben: Wurstpakete, Tüten mit Geld, Zigaretten und eine Vielzahl von Kleinigkeiten. Nach 30 Stunden hält der Lastkraftwagen mit den vier Flüchtlingen im Niemandsland zwischen Jugoslawien und Österreich, und Covaci lässt sie aus den Verstecken heraus. Die vier gehen über die Grenze und sind in Freiheit. Ihr nächstes Ziel ist Deutschland. Doch im Westen kann die Band nicht mehr an die Erfolge aus Rumänien anknüpfen, obwohl Leadsänger Moni Bordeianu, Sohn einer Banater Schwäbin aus Neubeschenowa (Be ihr erneut anschließt. Die Starturnerin Nadia Com von der kommunistischen Partei schlecht angesehene Rockband Phoenix haben irgendwann die Schikanen des Sozialismus nicht mehr ertragen und sind geflohen. Sie haben wie Millionen empfunden und erkannt, dass der Kommunismus überall auf leisen Sohlen auftritt, aber allmählich die Menschen mit Füßen tritt und seine zeitweiligen Partner verrät. Um das Vertrauen und die Unterstützung

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der Menschen zu gewinnen, haben die Kommunisten erklärt, dass angeblich das Volk entscheidet und führt. Doch Schritt für Schritt haben sie das Volk umgarnt und durch die Partei ersetzt. Vielen, die anfangs daran geglaubt haben, sind im Laufe der Zeit die Augen aufgegangen. Auch sie hatten nur noch eines im Sinn: Sie wollten auf dem schnellsten Weg in die Freiheit gelangen. Zu ihnen gehörte auch eine Gruppe von Männern aus Siebenbürgen, denen die einzige Entführung eines Passagierflugzeugs aus Rumänien geglückt ist. Ihre Geschichte hat Erika Faber in dem Tatsachenroman „Aripi frânte. Povestea singurei deturn ri eschichte der einzigen gelungenen Flugzeugentführung aus Rumänien) aufgeschrieben. Die Nachricht von der Entführung der Maschine aus Großwardein (Oradea) nach Wien im Frühjahr 1971 hat im Westen Schlagzeilen gemacht. Der Entführungsplan stammte von Belá Moka, der als 18jähriger das linke Bein bei einem Arbeitsunfall verloren hatte. Nach vergeblichen Versuchen, legal auszureisen, und dem Verwerfen von Fluchtplänen über die Donau, entscheidet sich Moka für die Flugzeugentführung. Ein erster Entführungsversuch scheitert. Moka gelingt es zwar, eine Pistole und Dolche in seiner Prothese ins Flugzeug zu schmuggeln, doch weil ein Geheimdienstoffizier an Bord ist, verschieben die jungen Männer ihr Vorhaben. Moka ändert den Plan, er will ein Flugzeug stürmen. Am 27. Mai 1971 fahren er und seine Mitstreiter in einem Auto zum Flughafen, ausgestattet mit zwei Jagdgewehren. Nach der Passagierkontrolle, die sie aus dem Auto verfolgen, gehen die sechs Mann zum Sturm über, feuern mehrmals in die Luft, um die Besatzung einzuschüchtern. Die Maschine startet, wird von Salven aus Maschinenpistolen getroffen, erreicht aber rasch den ungarischen Luftraum, wird von zwei russischen Abfangjägern eingekeilt, aber die Entführer lassen sich nicht einschüchtern. Sie überfliegen Ungarn, landen in Wien, ergeben sich den österreichischen Behörden, beantragen politisches Asyl, werden aber zu Gefängnisstrafen zwischen 24 und 30 Monaten verurteilt. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis gehen alle ihren Weg, entweder in Österreich oder Deutschland. Allein Moka versucht, seine Frau aus Rumänien herauszuholen. In Jugoslawien wird er gestellt beim Versuch, über die Donau nach Rumänien zu gelangen. Die jugoslawischen Behörden liefern ihn nach Rumänien aus, wo er zu 23 Jahren Haft in Abwesenheit verurteilt worden war. Nach zwölf Jahren schweren Kerkers kommt er nach einer Amnestie 1988 auf freien Fuß. Wieder zu Hause, heiratet Moka seine von ihm auf Druck der Behörden geschiedene Frau ein zweites Mal. Weil über diese Entführung viele Geschichten zirkulierten, hat sich Moka entschlossen, die Geschichte zur Veröffentlichung freizugeben. Dass Rumänien seine Juden und Deutschen gegen harte Währung verkauft hat, ist längst kein Gemheimnis mehr. Doch dass es auch für diejenigen Deutschen, die illegal über eine oder mehrere Grenzen nach Deutschland gelangt

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sind, die gleichen Summen kassiert hat wie für die legal ausgereisten, das ist relativ neu. Über die Freikaufpraktiken hat im Dezember 2009 der aus dem Banat stammene Fernsehjournalist Ernst Meinhardt auf einer Tagung im siebenbürgischen Hermannstadt (Sibiu) berichtet. Meinhardt, Redakteur bei der Deutschen Welle, bezieht seine Informationen von dem Verhandlungsführer der Bundesrepublik Deutschland für den Freikauf der Rumäniendeutschen, Dr. Heinz-Günther Hüsch. 1968 hat die Bundesregierung unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger den Neusser Anwalt mit dieser Aufgabe beauftragt. Durch die Verhandlungen von Dr. Hüsch sind zwischen 1968 und 1989 rund 210.000 Rumäniendeutsche in die Bundesrepublik ausgereist. Nach anderen Quellen waren es 236.000 Personen. In dieser zweiten Zahl sind wahrscheinlich die sogenannten „illegalen Ausreisen“ enthalten, also Leute, die „schwarz“ über die Grenze gegangen oder die von Besuchsreisen nicht mehr heimgekehrt sind. Aber auch für diese „Illegalen“ wurde gezahlt. Wie Meinhardt berichtet, verschweigt Hüsch, wie viel Geld insgesamt für den Freikauf der Rumäniendeutschen bezahlt worden ist. In einer Verhandlungsrunde am 25. April 1968 hat Rumänien folgende Ablösebeträge verlangt: „Kategorie A (normaler Mensch): 1.700 DM; Kategorie B (gehobener, ausgebildeter Facharbeiter): 5.000 DM; Kategorie C (Akademiker): 10.000 DM. Im zweiten, 1970 in Stockholm abgeschlossenen Vertrag verpflichtet sich Rumänien, vom 16. März 1970 bis zum 31. Dezember 1973 mindestens 20.000 Deutsche auswandern zu lassen, und zwar wie folgt: 4.000 Personen vom 16. März. bis 31. Dezember 1970; 6.000 Personen in den Jahren 1971 und 1972; 4.000 Personen 1973. Wie Meinhardt ferner berichtet, heißt es weiter im Vertrag: „Zur Abgeltung zahlt Rechtsanwalt Dr. Hüsch für seine Auftraggeber eine Entschädigung. Kategorie A: 1.800 DM (Personen, die nicht unter eine spätere Kategorie fallen); Kategorie B1: 5.500 DM (Studenten, die ihr Studium noch nicht beendet haben); Kategorie B2: 7.000 DM (Studenten in den letzten beiden Jahren ihrer Ausbildung); Kategorie C: 11.000 DM (Personen mit abgeschlossenem Studium); Kategorie D: 2.900 DM (abgeschlossene berufliche Ausbildung, aber nicht Hochschule, z. B. Facharbeiter, Meister, Geselle).“ Diese Zahlen bestätigt Erwin Wickert, von 1971 bis 1976 deutscher Botschafter in Bukarest, in seinen 2001 unter dem Titel „Die glücklichen Augen“ veröffentlichten Memoiren. Der von Hüsch ausgehandelte Vertrag sieht außerdem vor: Männer, die bei der Einreise in die Bundesrepublik das 62. Lebensjahr vollendet haben, und Frauen, die das 60. Lebensjahr vollendet haben, fallen – ohne Rücksicht auf ihre Ausbildung und ihren Beruf – unter die Kategorie A. Weitere Vereinbarung: Höchstens 20 Prozent der Auswanderer werden in die Kategorie D eingeordnet. „Wir wollten damit erreichen, dass die uns nicht die absolut ungebildeten, un-

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qualifizierten Kräfte schickten.“ Kommen im Vertragszeitraum mehr als 20.000 Aussiedler in die Bundesrepublik, erhält Rumänien einen Bonus. Bis 30.000 Personen: drei Millionen DM; bis 40.000 Personen weitere vier Millionen DM. Zwischenwerte werden proportional verrechnet. Damit sollte Rumänien dazu gebracht werden, den Vertrag einzuhalten. Die Ablösebeträge haben sich ständig erhöht. Aus einer Akte vom Mai 1983 geht hervor, dass einheitlich 7.800 DM je Aussiedler gezahlt wurden. Kategorien gab es damals nicht mehr. In der letzten Abrechnung vom August 1989 wurde folgender Betrag gezahlt: 8.950 DM je Person, unabhängig vom Status. Wer ohne Erlaubnis in die Bundesrepublik gekommen ist, war nach rumänischer, im Gegensatz zur deutschen Auffassung ein „illegaler Flüchtling“. Rumänischer Standpunkt: Angehörige von „illegalen Flüchtlingen“ können nicht mit dem Argument „Familienzusammenführung“ die Ausreise beantragen. Rumänien teilte mit, dass solche Leute nie eine Ausreiseerlaubnis erhalten würden. Dr. Hüsch schlug seinen rumänischen Verhandlungspartnern vor, „Illegale“ nachträglich zu legalisieren. Deutschland würde solche Fälle dann so betrachten, als fielen sie unter das Abkommen. Und Deutschland würde für diese Leute genauso bezahlen wie für legal ausgereiste. Rumänien akzeptierte das. Es wurden folgende Preise vereinbart: Kategorie A: 4.000 DM, Kategorie B: 7.800 DM, Kategorie C: 8.950 DM. Für Heiratsgenehmigungen wurde allerdings nicht gezahlt. Am 4. Dezember 1989 hat Rumänien alle Verträge gekündigt. Am 25. Dezember 1989 wurden Elena und Nicolae Ceau mber 1989 erklärte die rumänische Übergangsregierung die Ausreise für frei. Damit war das Thema Freikauf vom Tisch, ebenso die Flucht über die Westgrenze. Johann Steiner

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Flucht aus Titos Lager Von Herbert Prokle In zahllosen Formularen, Dokumenten oder Firmenakten steht in verschiedenen Sprachen immer wieder die Frage nach dem Geburtsanat; und damit ist der Punkt erledigt. Vielleicht noch einmal die Frage: „Wo liegt denn das?“ Wer aber macht sich schon Gedanken über den Weg, den der Antwortgebende zurücklegen musste, um heute irgendwo in der Welt diesen Geburtsort nennen zu können, ein Weg, der immer eine Leidensstrecke einschließt. Wenn die für dieses harte Schicksal Verantwortlichen vollen Erfolg gehabt hätten, würde heute niemand mehr „Modosch“ in einen Fragebogen Herbert Prokle schreiben können. Für einen Eingeweihten besagt der Name daher sofort, dass es sich um einen Überlebenden handelt; einen Menschen, der zum Martertod verurteilt war, es aber geschafft hat, sich seinen Platz in der heutigen Gesellschaft zu erobern. Als im Herbst 1944 die Russen Modosch buchstäblich überschwemmten, war ich elfeinhalb Jahre alt. Zu jung, um die ganze Tragweite zu erkennen, aber doch alt genug, um die sofort einsetzenden Gräueltaten der Tito-Partisanen bewusst mitzuerleben. Der Umschwung war für alle zu plötzlich gekommen, so dass manches nicht versteckt oder vernichtet werden konnte, was den neuen Machthabern nicht unbedingt in die Hände fallen sollte. Unter anderem war bei uns noch die Hakenkreuzfahne vorhanden, während das Haus voller Russen war - in den ersten Nächten zählten wir mehr als 80 -, die überall nach „Wodka“ suchten. Als meine Mutter endlich unbemerkt zu sein glaubte und die Fahne schnell verbrennen wollte, kam unsere alte Magd, die „Rosa-Neni“ dazu, die der Meinung war, es wäre viel zu schade um den schönen Stoff, sie würde ihn färben und sich etwas davon nähen. Um die Fahne den Augen der uneingeladenen Gäste zu entziehen, wickelte die gute Alte sie sich um den Körper, unter den Rock. Sei es nun ihre bekannte Liebe zu alkoholischen Flüssigkeiten gewesen oder tatsächlich der Wunsch, die Säufer zu beaufsichtigen und von uns abzulenken, sie saß plötzlich in einem der vorderen Zimmer in der Runde der Zecher, lachte und weinte mit ihnen, erzählte ihnen haarsträubende Geschichten über eine ganze Reihe von

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Söhnen, die sie nie hatte, die alle im Krieg umgekommen wären, und versicherte den „Towarischi“ (Genossen), dass sie nun alle ihre Söhne waren. Es kam auch vor, dass sie mit einem „Sinko“ (Söhnchen) in die Küche kam, wohin wir uns zurückgezogen hatten, um ihn zu waschen, da er irgendwo in den Dreck gefallen war. Später brachten die wankenden Soldaten dann die „Babuschka“ (Großmütterchen) an, um ihr den gleichen Dienst zu erweisen. Insgesamt hatte „Rosa-Neni“ den Erfolg, dass sich die Russen recht ordentlich benahmen, bis sie umfielen und einschliefen; sie selbst war dann natürlich auch so weit - und wir atmeten erleichtert auf, vor allem auch, weil die Hakenkreuzfahne nicht zum Vorschein gekommen war. Weniger erfreulich verlief ein „Besuch“ der Partisanen in derselben Nacht. Sie durchstöberten sämtliche Zimmer und zerrissen unter anderem alle Krawatten meines Vaters mit den Zähnen, da es keine „Kultura“ (Kultur) mehr gäbe. Anschließend wurde mein Vater mitgenommen und mit weiteren etwa 25 Deutschen ins Gefängnis geworfen. Wie wir später erfahren haben, sollten alle erschossen werden, gewissermaßen als Einleitung der neuen Situation. Überaschenderweise marschierten plötzlich die Rumänen ein, die hinter den vorrückenden Russen die „befreiten“ Gebiete besetzt halten sollten. Am selben Tag entdeckte ein Siebenbürger Sachse, der als Offizier in der rumänischen Armee diente, die eingekerkerten Deutschen, erkundigte sich nach dem Grund der Freiheitsberaubung und sorgte dann für ihre sofortige Freilassung. Die Rumänen, die nach den russischen Horden erstaunlich diszipliniert und sauber wirkten, stellten die Ordnung wieder her, und für wenige Tage konnten die Deutschen aufatmen. Leider mussten sich die Rumänen zurückziehen, und die „Volksbefreier“ Titos setzten ihr sadistisches Gemetzel verstärkt fort. Mein Vater war nur ganz kurz „Freiwilliger“ in der SS-Division „Prinz Eugen“, dann wurde er wegen der „kriegswichtigen“ Ziegelei nach Hause geschickt. Den Partisanen gegenüber behauptete er kurzerhand, er wäre niemals deutscher Soldat gewesen, was ihm tatsächlich abgenommen wurde, so dass er nicht nach Großbetschkerek ins Großlager verschleppt wurde, wie alle ehemaligen Soldaten. Stattdessen wurde er kurz vor Weihnachten 1944 erneut verhaftet und in Modosch bei der OZNA (Sicherheitspolizei) eingesperrt, wo er ständig über alles Mögliche verhört und zur Zwangsarbeit geschickt wurde. Die Haft dauerte etwas mehr als einen Monat. Während dieser Zeit wurden alle deutschen Männer von 15 bis 60 Jahren nach Großbetschkerek ins Lager gebracht, darunter war auch mein Bruder Dietmar. Mein Vater stellte ein Gesuch, in dem er vorgab, Serben während der deutschen Besatzung geholfen zu haben sowie einen französischen Familiennamen zu haben. Diese und andere Münchhausengeschichten wirkten, so dass er zu seiner eigenen Überraschung entlassen wurde, allerdings mit der Auflage, sich gelegentlich zu melden und sich außerdem um die Ziegelei zu kümmern. Der

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eingesetzte Kommissar hatte von Ziegelproduktion keine Ahnung, so dass sehr viel Ausschuss produziert worden ist. Durch intensives Bemühen und Unterstützung einiger befreundeter Serben gelang es meinem Vater, eine Paketaktion für die in Großbetschkerek eingekerkerten Deutschen zu organisieren; er durfte dabei sogar Kutscher spielen. Er wollte in erster Linie meinen Bruder sehen, was auch gelang. Ich glaube, es war im Februar 1945, als alle Deutschen ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht ins Lager gebracht wurden. Ich weiß noch, wie eines Morgens die Partisanen ankamen und anordneten, wir sollten das Haus sofort verlassen und uns bei Familie Recktenwald melden, deren Haus in einer der Straßen lag, die als Lager ausgewählt worden waren. Nach einigen Tagen kam Nachbarhaus, zu Familie Michael Hoffmann umzuquartieren, weil wir Verwandte seien. Dieser menschliche Grund war von dem Verbrecher sicher nur vorgeschoben, seine wirkliche Absicht aber erfuhr ich nie. Lediglich ein Anfang Natürlich war allen klar, dass diese Konzentration der Deutschen in einigen Straßen nur ein Anfang war. Wir lebten noch viel zu gut. In den zugewiesenen Häusern war noch alles vorhanden. Wir sparten nicht mit den Lebensmitteln, weil wir täglich mit dem Ende rechneten. Bald hörten wir von Plänen, Frauen, Männer, Kinder und Alte zu trennen und in verschiedenen Lagern unterzubringen. Mein Vater wollte das nicht mehr abwarten und schlug vor, über die nahe Grenze nach Rumänien zu flüchten. Meine Mutter wollte nicht mitmachen, da mein Bruder nicht bei uns war; sie wollte auf jeden Fall im Land bleiben, war aber dafür, dass mein Vater mit mir nach Rumänien ging. So machten wir beide uns eines Morgens auf den Weg, getrennt natürlich, um nicht aufzufallen. Mein Vater hatte die Erlaubnis, das Lager zu verlassen, um zur Ziegelei zu gehen, und das wollte er ausnutzen. Ich rechnete damit, dass die Posten auf ein einzelnes Kind nicht sonderlich achteten. Wir vereinbarten, uns am Itabeer Brunnen, einem weit außerhalb des Ortes befindlichen Ziehbrunnens zur Versorgung von Mensch und Tier, zu treffen. Nach wenigen Schritten traf ich meinen Freund Franz Weißmüller, der wissen wollte, wohin ich ging. Ich sagte, zu meiner Kausch-Oma, die noch in ihrem Haus wohnte, weil auch diese Straße zum Lager gehörte. Franz folgte mir, so dass ich wohl oder übel ins Haus gehen musste. Später war ich froh darüber, denn es war das letzte Mal, dass ich meine Großmutter gesehen habe; sie ist mit vielen anderen Alten im Lager verhungert. Ich blieb einige Zeit und verabschiedete mich, ohne ein Wort von der bevorstehenden Flucht zu sagen, von Oma und meinen beiden kleinen Cousinen Edith und Anni Kausch, deren Mutter

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nach Russland zur Zwangsarbeit verschleppt worden war, während ihr Vater nicht mehr aus dem Krieg heimgekehrt ist. Am Ende des Lagers standen mit einem Maschinengewehr bewaffnete Posten. Ich sah einige herrenlose Hunde umherstreunen, raffte Steine, warf nach den Hunden und rannte hinter ihnen her. Die Posten lachten nur, und ich sah zu, dass ich um die Ecke kam. Am Ortsausgang, in Richtung Stefansfeld (Krajišnik), begegnete mir ein serbischer Bauer, und ich musste seine Frage nach dem Wohin mit einer Notlüge beantworten: „Zur Ziegelei.“ Er bot mir an, mich mitzunehmen, was ich wieder schlecht ablehnen konnte. Am Ziegeleieingang trödelte ich etwas, bis er außer Sicht war; ich hoffte, mich unbemerkt davonmachen zu können. Leider kam aber wieder etwas dazwischen: Eine Frau des Personals sah mich, auch ihr musste ich etwas vorlügen. Von da ab bin ich nicht mehr aufgefallen, und als ich schließlich am Brunnen ankam, ich glaube etwa sieben Kilometer von Modosch entfernt, wartete mein Vater schon auf mich. Wir versteckten uns in einem Maislaubhaufen, um bis zum Abend zu warten. Später erfuhren wir, dass unser Verschwinden bekannt geworden war und die Partisanen überall nach uns suchten. Soweit wir sehen konnten, kam allerdings den ganzen Tag über niemand in unsere Nähe, woraus ich schließe, dass von den Leuten, die mich gesehen hatten, niemand etwas verraten hatte. Es war Mitte März und noch ziemlich kalt, was wir allmählich umso stärker fühlten, weil wir uns den ganzen Tag nicht bewegen konnten. Es kam hinzu, dass wir in der Eile nichts zu essen mitgenommen und auch keine zusätzliche Kleidung angezogen hatten. In der Ferne hörten wir Kanonendonner, in Ungarn wurde noch schwer gekämpft, und wir bildeten uns ein, er käme näher. Deshalb hofften wir, dass unsere Heimat bald befreit werde und wir zurück könnten. Nach Einbruch des Abends warteten wir noch einige Stunden, dann machten wir uns der Grenze auf den Weg. Es war Vollmond, aber zum Glück zogen einige schwere Wolken vorbei. Wenn sie den Mond verdeckten, liefen wir los, um uns sofort wieder in eine Furche zu werfen, wenn er wieder sichtbar wurde. Kurz vor zur Grenze warteten wir längere Zeit; als nichts zu hören und zu sehen war, benutzten wir die schützende Dunkelheit einer größeren Wolke, um schnell hinüberzulaufen. Bestechliche Grenzer Nachdem wir die Grenze, wie wir glaubten, weit genug hinter uns hatten, ruhten wir etwas aus. Beim Weitergehen stießen wir auf eine Straße, die parallel zur Grenze zu laufen schien, und wir beschlossen, ihr zu folgen, um nicht wieder nach Jugoslawien zu kommen, da das rumänische Gebiet in jenem Abschnitt nur als schmale Landzunge nach Jugoslawien hineinragt.

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Es war ein Fehler, als Flüchtling im Grenzgebiet einer ausgebauten Straße zu folgen; was soll man aber tun, wenn man sich nicht auskennt? Wir waren kaum einige Minuten unterwegs, als einige Hunde auf uns zukamen und dicht dahinter zwei rumänische Grenzsoldaten mit den Gewehren im Anschlag sichtbar wurden. Zum Weglaufen war es zu spät, also gingen wir zu ihnen hin. Der Gruß meines Vaters „Bun ebracht, und als er die Frage, wohin wir gingen, mit „la Foeni“ beantwortet hatte, war sein Rumänisch zu Ende. Selbstverständlich konnten wir uns nicht ausweisen, und die Erklärung unseres Schicksals auf Ungarisch, das einer der beiden verstand, rief anscheinend zwar etwas Mitleid hervor, aber sie bestanden darauf, uns zum Grenzerstützpunkt mitzunehmen. Der Hinweis meines Vaters, dass man uns dann etwa nach Jugoslawien zurückschieben würde, was einem Todesurteil gleich käme, half nichts. Erst, als er erwähnte, dass er 15.000 Lei in der Tasche habe, wurden sie hellhörig. Sie wollten alles haben; mein Vater bot 10.000, weil wir doch auch etwas brauchten; wir hatten nichts außer der Kleidung am Leib. Schließlich einigten sie sich auf 12.000 Lei, und wir konnten weiter. Das rumänische Geld hatten wir paradoxerweise von serbischen Partisanen erhalten. Während sie sonst nahmen, was sie brauchten, ohne jemals ans Bezahlen zu denken, hatten sie anscheinend einen Mohnschmuggel nach Rumänien organisiert, und den bezahlten sie seltsamerweise. Natürlich hieß es immer nur, wir brauchen soundsoviel Sack Mohn, eine Widerrede wurde nicht erwartet. Einmal hatten sie kein jugoslawisches Geld und ließen kurzerhand die 15.000 Lei zurück. Wahrscheinlich retteten sie uns dadurch vor ihnen selbst, denn wären wir von Rumänien ausgeliefert worden, wäre uns ein grausamer Tod sicher gewesen. Die beiden Grenzer hatten uns zwar bestätigt, dass die Straße nach Foeni führe, aber verschwiegen, dass vorher noch der Grenzerstützpunkt zu passieren sei. Als wir uns ihm näherten, schlugen mehrere Hunde an, doch wir konnten noch rechtzeitig querfeldein das Weite suchen. Dabei hatten wir eigentlich nur die Absicht, einen großen Bogen um das Grenzerhaus zu schlagen, um dann auf der Straße weiterzugehen. Die Felder waren aber über weite Strecken überschwemmt, und wir suchten einen Weg am Wasser vorbei. Dadurch kamen wir immer weiter von der ins Auge gefassten Richtung ab; schließlich blieb uns nichts weiter übrig, als die Schuhe auszuziehen, die Hosen hochzukrempeln und durch das Wasser zu waten. Eine hauchdünne Eisschicht gab bei jedem Schritt nach und ließ uns stellenweise bis zum Knie in Wasser und Schlamm versinken. Nach langem, anstrengendem Waten, kamen wir an einen Strohschober und beschlossen, die Nacht dort zu verbringen. Wir hatten die Orientierung verloren und befürchteten, nach Jugoslawien zurückzulaufen, zum anderen waren wir völlig durchnässt und durchfroren. Ich zitterte am ganzen Leib; wir erhofften etwas Schutz und Wärme. Wir vergruben uns dicht aneinandergedrängt im

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Stroh und schliefen sogar ein. Die Folgen dieser Nacht stellten sich später ein: Ich hatte monatelang Blasenentzündungen. Bei Tagesanbruch erkannten wir, dass wir offensichtlich im Kreis gelaufen waren. Foeni lag vor uns, die Straße führte in der Nähe vorbei, auch das Grenzerhaus war deutlich zu erkennen. Wir rieben uns den Schlamm mit dem schon so nützlich gewesenen Stroh von Kleidern und Schuhen und machten uns auf den Weg nach Foeni. Außerhalb der Ortschaft war uns niemand begegnet. Wir hatten auch versucht, irgendwelche Hindernisse zu nutzen, um vom Grenzerhaus nicht gesehen zu werden. Weil wir annahmen, dass die Grenzer-Unterkunft an der Hauptstraße von Foeni lag und wir kein Verlangen hatten, unseren nächtlichen „Freunden“ wieder zu begegnen, wählten wir eine Seitenstraße, um den Ort zu durchqueren. Leider hatten wir das Pech, in eine vorwiegend von Serben bewohnte Straße zu kommen. Trotz der frühen Stunde waren schon viele Leute unterwegs. Ihre Blicke waren so vielsagend, dass wir schnell in eine andere Straße wechselten. Am Vortag hatten wir keinen Bissen gegessen und keinen Schluck getrunken. Ich vergrößerte nun die Sorgen meines Vaters noch damit, dass ich dauernd wiederholte: „Ich habe Hunger, ich habe Durst“. Dadurch ließ er sich dazu verleiten, vor einem Haus stehenzubleiben, wo sich zwei Frauen rumänisch unterhielten und nach einem Gruß einfach „pâine“ (Brot) zu sagen, eines der wenigen Wörter, die er von dieser Sprache kannte. Als Hinweis, dass wir nicht bettelten, zeigte er mit erhobener Hand einen Geldschein. Die beiden schnatterten noch einiges vor sich hin, wobei mehrmals das Wort „Iugoslavia“ fiel und verschwanden dann im Haus. Wir haben niemals erfahren, ob sie uns tatsächlich Brot bringen wollten; der Name unseres bisherigen Heimatlandes war für uns eine gefährliche Drohung, wir machten uns schnell aus dem Staub. Als wir uns schon dem Ortsausgang näherten, hörten wir plötzlich einige deutsche Worte neben uns. Sofort fasste mein Vater nach der Hoftürklinke, zog mich mit in den Hof hinein und fragte die etwas erstaunt blickenden Leute: „Seid ihr Deutsche?“ Als diese bejahten, ging mein Vater sofort auf das Haus zu und fragte: „Bitte, können wir dort sprechen?“ Daraufhin erzählten wir unsere Geschichte. Wir erhielten zu essen, konnten uns reinigen und etwas ausruhen, dann ging es mit wertvollen Ratschlägen und guten Wünschen unserer freundlichen Helfer weiter in Richtung Neupetsch (Peciu Nou). Gegen Abend kamen wir dort an, wo wir uns zu entfernten Verwandten durchfragten. Wir wurden auch dort sehr freundlich aufgenommen und aufgefordert, länger zu bleiben. Mein Vater wollte aber unbedingt weiter, nach Temeswar. Wir blieben nur eine Nacht. Am nächsten Morgen wurden wir auf ein Pferdefuhrwerk verfrachtet, das „in die Stadt“ auf den Markt fuhr. Dadurch kamen wir schneller und bequemer nach Temeswar, was mir nach den langen Fußmärschen sehr willkommen war.

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Nachdem wir uns von den Marktleuten verabschiedet hatten, schlenderten wir noch etwas umher, kauften uns ein Kilogramm Äpfel und beschlossen, nur noch Ungarisch zu sprechen. Wir hatten jetzt das Gefühl, nicht mehr aufzufallen. Mein Vater fand sich in Temeswar noch gut zurecht, so dass wir uns ohne Fragerei auf den Weg zu meiner Tante machen konnten. Ich hatte vorher, außer Großbetschkerek, keine Stadt gekannt; war dort das Fiakerfahren das große Erlebnis, so lernte ich jetzt staunend die „Elektrische“, die Straßenbahn, kennen. Sie bimmelte mühsam durch die Straßen, kam mir aber doch viel zu schnell an unser Ziel, denn ich wäre gerne noch weiter gefahren. Meine Tante, Maria Anheuer, war sprachlos, als wir plötzlich vor ihr standen. Auch meine Großtante, Anna Kausch, war eben zu Besuch. Die Begrüßung verlief nicht ohne Tränen. Wir blieben etwa zwei Wochen in Temeswar, abwechselnd bei Tante und Großtante, konnten uns aber keineswegs sicher fühlen, weil sie Russen einquartiert hatten, und vor allem wegen ihrer Mieter, von denen einige nicht gerade deutschfreundlich waren. So entschloss sich Vater, der Einladung eines Schulfreundes, Hans Marschall, nach Bogarosch (Bulg Recht angenommen, dass wir in dieser rein deutschen Gemeinde von etwa 2.500 Einwohnern besser untertauchen konnten. Mein Vater half seinem Freund in der Landwirtschaft, während ich mit den beiden Söhnen unseres Gastgebers schnell Freundschaft schloss. Unterschlupf in Bogarosch Nach zwei bis drei Monaten erreichte uns eine eilige Warnung: Irgendwie hatten die Gendarmen von uns erfahren. Wir sollten schnell verschwinden. Eine nicht sehr furchtsame Bauersfrau sagte kurz entschlossen: „Dann kommt ihr eben zu uns“. Wir übersiedelten zu Familie Engelmann, und ich war nach kurzer Zeit behütet wie ein eigener Sohn bei meiner unvergesslichen „Bäsl Mariann“ und bei „Vetter Ludwig“. Die beiden alten Leute waren allein. Ihr einziger Sohn war „irgendwo“ beim deutschen Militär, sie wussten nichts von ihm. Die Schwiegertochter war nach Russland verschleppt worden, und niemand wusste, ob sie noch lebte. Enkel hatten sie noch keine. Vetter Ludwig war zwar sehr rüstig, aber die Hilfe meines Vaters kam ihm gelegen. Doch sie hatten uns nicht deswegen aufgenommen. Es war allein der Wunsch, zu helfen. Während der Monate bei Familie Engelmann stellten sich bei mir die negativen Folgen der Flucht in der kalten Märznacht ein, aber „Bäsl Mariann“ war nichts zu viel. Sie trieb eine Apothekerin auf, die Medikamente zusammenmixte, weil es fast gar nichts mehr gab. Die Engelmanns bezeichneten mich als ihren zweiten Sohn. Als ich fast 20 Jahre später meinen Besuch bei ihnen in Westfalen angekündigt hatte, stand Vetter Ludwig den ganzen Tag am Fenster und wartete auf

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mich, obwohl er wusste, dass ich erst am Abend kommen würde. Und Bäsl Mariann war so glücklich, dass sie abwechselnd lachend und weinend von sämtlichen Bekannten erzählte und zwischendurch kochte und Kuchen für mich backte. Es würde zu weit führen, all die guten Leute aufzuführen, bei denen ich in Bogarosch wie zu Hause war; alle kannten uns, und alle waren bereit, zu helfen, nicht nur uns, sondern auch noch einer Reihe von deutschen Soldaten, die auf dem Transport nach Russland entflohen waren und sich hier versteckt hielten. Die Bogaroscher Bauern haben viel Geld ausgegeben, um „reichsdeutschen“ entflohenen Kriegsgefangenen zu helfen, von denen nicht alle diese Opferbereitschaft zu danken wussten. Vermittler bei diesen Ausgaben war Vater. Bereits bei unserem Aufenthalt in Temeswar hatte er Verbindung zu rumänischen Offizieren aufgenommen, die echte Papiere mit echten Stempeln, aber eben für falsche Leute mit falschen Namen beschafften. Wie sie sagten, weil sie Russen und Kommunisten hassten und den Deutschen zugetan waren. Allerdings kostete jeder Ausweis eine sehr beachtliche Summe. Nach und nach erhielten alle Flüchtlinge in Bogarosch - etwa 20 bis 25 ehemalige Soldaten, mein Vater und ich - ihre Ausweise, die alle von Bogaroscher Bauern bezahlt worden waren. Weil in den damaligen unruhigen Nachkriegsjahren sehr viele Razzien stattfanden, besonders in Temeswar und in den Zügen, retteten uns die Papiere oft vor der Entdeckung. Sie wurden immer mit kritischen Augen geprüft und für richtig befunden. Leider können weder echte noch falsche Dokumente einen dummen Inhaber erleuchten. So geschah es eines Nachmittags, dass einer der Flüchtlinge im Gasthaus saß, um sich an einem guten Schluck zu erfreuen, als plötzlich die rumänischen Gendarmen, die nur ein- bis zweimal wöchentlich nach Bogarosch kamen, eintraten, in der Absicht, auch einen zu trinken. Statt sich möglichst unauffällig zu benehmen und nach einiger Zeit wie selbstverständlich zu verschwinden, fing der bereits angetrunkene ehemalige Soldat an, die Rumänen anzupöbeln und sich zu brüsten: „Mir könnt ihr nichts tun, ich habe ja meine Papiere“. Schließlich wurde er verhaftet und verriet im Verhör seine Kameraden. Vermutlich wurde sein Ausweis irgendwohin zur Untersuchung eingeschickt, denn Monate später begannen Fahndungen nach meinem Vater. Weil Bogarosch praktisch schutzlos war - die Gendarmen blieben niemals über Nacht und alle jungen Männer im wehrfähigen Alter waren weg -, gab es nachts oft Überfälle von benachbarten serbischen oder rumänischen Gemeinden aus, wobei ganze Häuser ausgeräumt und vor allem Pferde gestohlen wurden. Aus diesem Grunde hatten die alten Männer einen Wachdienst organisiert. Vetter Ludwig musste in jener Nacht auf Wache gehen, als der Flüchtling im Gasthaus verhaftet worden war, wovon wir allerdings noch nichts wussten. Bei Familie Engelmann war außer uns auch ein ehemaliger Soldat aus Paderborn einquartiert. Wir saßen alle zusammen in der Küche, während Bäsl Mariann im großen Trog den Brotteig vorbereitete. Es war etwa 22 Uhr, als die Hunde so

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stark bellten, dass wir jemand am Hoftor vermuteten. Weil Vetter Ludwig weg war, bat Bäsl Mariann meinen Vater, nachzusehen. Er ging in der stockdunklen Nacht über den Hof zum Tor, bevor er dieses jedoch erreicht hatte, hörte er, ohne etwas sehen zu können, schnelle Schritte auf sich zukommen, wurde zur Seite geschoben und sah, als er sich umdrehte, zwei Mann in rumänischer Uniform vor dem Lichtschein der offenen Küchentür. Wir fuhren zusammen, als plötzlich die Tür aufgestoßen wurde und der Wachtmeister mit der Pistole in der Hand hereinstürzte, während der zweite mit dem Gewehr im Anschlag an der Tür stehen blieb. Hätte ich nicht um meinen Freund Werner gebangt, so wäre es mir kaum gelungen, ein Lachen zu unterdrücken, über die feige übervorsichtige Art, wie sich der bewaffnete Wachtmeister langsam an den verdutzt mit erhobenen Händen dastehenden deutschen Soldaten heranschob, um ihn nach versteckten Waffen zu untersuchen. Als er nichts fand, war er sichtlich erleichtert. Der Soldat meldete ihm, dass der Mann, der ihnen entgegengekommen war, nicht zurückkehrte, sondern im Laufschritt nach hinten im dunklen Hof verschwunden war. Bäsl Mariann erklärte, es wäre der Nachbar gewesen, der sicher vor Schreck davongerannt und hinten über den Zaun in seinen eigenen Hof gesprungen sein dürfte. Der Wachtmeister war damit zufrieden, sah mich kaum an und zog mit seinem Gefangenen ab. Aus alledem ist zu schließen, dass nur der deutsche Soldat, nicht aber mein Vater und ich, verraten und gesucht wurde. Wie wir später hörten, gelang es den Rumänen in dieser Nacht, vier der verratenen Flüchtlinge gefangenzunehmen. Das erhoffte Lob für ihre Tüchtigkeit wurde den tapferen Gendarmen aber nicht mehr zuteil, und die Angst des Wachtmeisters war doch wohl begründet: Auf dem Weg nach Temeswar entwaffneten die vier Gefangenen ihre Begleiter und kamen nach etwa zwei Wochen nach Bogarosch zurück, diesmal allerdings in andere Häuser. Vater war der Ort nun nicht mehr geheuer, er ging zurück nach Temeswar, wo er in der Anonymität der Großstadt doch leichter untertauchen konnte. Ich blieb vorerst in Bogarosch, allerdings wohnte ich abwechselnd bei den Familien Engelmann und Schmitt (Vetter Sepp und Bäsl Kathi), um bei einem eventuellen neuen Verrat nicht so leicht gefunden zu werden. Mein Vater hatte in Freidorf bei Temeswar bei einer bekannten Familie Unterschlupf gefunden und betrieb von dort aus verschiedene „Geschäfte“. Einmal kaufte er in Bogarosch Schweine, schlachtete sie beim Verkäufer und fuhr mit der fertigen Wurst, Schinken, Speck und Fleisch nach Temeswar, wo er alles mit gutem Gewinn verkaufen konnte. Obwohl Vater zu Hause niemals selbst schlachtete, machte er jetzt alles allein, und anscheinend so gut, dass er in Temeswar als Metzgermeister angesehen wurde und zufriedene Kunden hatte. Es war allerdings sehr anstrengend, jeweils ein ganzes Schwein in Handkoffern im Zug nach Temeswar zu schaffen und stets mit dem Risiko verbunden, entdeckt und des Schwarzhandels beschuldigt zu werden. Ab und zu waren auch Bestechungen erforderlich, und es gab

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zum Glück keinen Beamten, der nicht gerne etwas nahm und zufrieden abzog. Außerdem handelte mein Vater auch mit Devisen. So konnte er nicht nur zum Unterhalt der Familie W. in Freidorf beitragen, sondern uns kleiden und einiges sparen, das in US-Dollar und Reichsmark angelegt wurde, weil unser Ziel inzwischen Deutschland war. Uns war klar, dass es kein Zurück mehr gab. Frau und Kind aus dem Lager geholt Anfang 1945 hatten wir als Jugoslawien-Flüchtlinge in Rumänien noch „Seltenheitswert“, nach und nach kamen aber immer mehr. Von Modoschern und anderen persönlichen Bekannten erfuhren wir manchmal etwas über meine Mutter und meinen Bruder, die immer noch in Titos Lagern waren. Es war natürlich ein Trost, zu wissen, dass sie überhaupt noch am Leben waren - im Gegensatz zu vielen Tausenden von anderen Landsleuten, einschließlich naher Verwandter. Vater lernte zufällig einen Landsmann kennen, der sehr mutig, aber in dem Augenblick verzweifelt war: Er war als deutscher Soldat in russische Gefangenschaft geraten, entfloh mehrmals und wurde immer wieder gefangen. Er gab aber nicht auf, und schließlich konnte er sich bis Rumänien durchschlagen. Dort erfuhr er, dass seine Frau und sein kleiner Sohn in verschiedenen Lagern in Jugoslawien waren. Kurz entschlossen, machte er sich auf den Weg, sie zu suchen. Er sprach zwar akzentfrei Serbisch und hatte auch einige serbische Freunde, die ihm halfen, trotzdem war es ein ungeheures Wagnis; eine Entdeckung hätte einen sicheren qualvollen Tod bedeutet. Sein Mut wurde belohnt; er fand Frau und Kind, entführte sie aus den Lagern und brachte sie sicher zu Verwandten nach Rumänien. Die Freude dauerte aber nicht lange, da die Frau bei einer Razzia verhaftet und zur Auslieferung an Jugoslawien verurteilt wurde. Sie saß in Temeswar im Gefängnis, wo Jugoslawiendeutsche gesammelt und gruppenweise ausgeliefert wurden. Die beiden Männer trafen eine Vereinbarung: Wenn es Vater gelänge, die Frau aus dem Gefängnis zu befreien, würde der andere nach Jugoslawien gehen, um meine Mutter und meinen Bruder zu holen. Weil der Auslieferungstermin bereits feststand, musste Vater den ursprünglichen Plan, sie mit einer größeren Summe loszukaufen, aufgeben. Dies, weil die Bestechlichen nicht wussten, wie sie eine Entlassung rechtfertigen sollten, ohne Verdacht zu erregen. So entschloss sich mein Vater zu einem anderen, wesentlich gefährlicheren Weg. Durch Bestechung der Posten konnte er die Frau sprechen und ihr von dem Befreiungsplan Kenntnis geben. Er ging jeden Tag hin, blieb immer etwas länger und gab den Posten ein stets besseres „Trinkgeld“. Die Leute saßen nicht in Zellen, hinter Gittern, sondern konnten sich bewegen und mussten unter Bewachung auch arbeiten. Die Posten kannten den täglichen Besucher schon und zeigten sich für die willkommene „Aufstockung“ des

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kärglichen Soldes soweit erkenntlich, dass sie nicht sonderlich auf ihn aufpassten. Einen solchen Augenblick nutzte mein Vater, um mit der Frau zu verschwinden. Es gelang ihnen, durch sicheres Auftreten das Gefängnis zu verlassen und im Getümmel der Großstadt unterzutauchen. Als die Flucht entdeckt war, gab es Großalarm, insbesondere wurde der Bahnhof besetzt und die Züge durchsucht, aber Vater hatte die Frau schon zu ihrem Mann gebracht. Sie hielten sich für einige Tage versteckt. Als die Frau von der Vereinbarung hörte, wollte sie ihren Mann mit allen Mitteln davon abhalten, noch einmal nach Jugoslawien zu gehen. Sie weinte verzweifelt und wollte ihn nicht wieder in Gefahr wissen, nachdem sie kaum wieder zusammen waren. Er aber sagte: „Ich habe Herrn Prokle mein Wort gegeben, und ich gehe. Er hat sein Versprechen auch erfüllt“. Wir fuhren zusammen nach Johannisfeld (Ionel) zu unseren Verwandten, wo ich so lange bleiben sollte, bis der gute Mann, wie wir hofften, mit Mama und Dietmar zurückkam. Mein Vater ging inzwischen nach Temeswar zurück. Wir hatten erfahren, dass meine Mutter im selben Lager war, wo der Sohn unseres Freundes „gestohlen“ worden war, während sich mein Bruder in dem Ort befinden sollte, wo seine Frau gewesen war. Demnach hatte der Mann schon mit beiden Lagern seine Erfahrungen gemacht, was das Unternehmen erleichtern sollte; er machte sich also zuversichtlich auf den Weg. Nach einigen Tagen klopfte es kurz vor Morgengrauen am Fenster, und wir sprangen alle aufgeregt aus den Betten, das bange Warten war vorbei. Ich konnte voller Freude meinen Bruder umarmen und dazu auch dessen Freund Anton Ziel begrüßen, der sich angeschlossen hatte. Nach meiner Mutter aber schaute ich vergeblich aus; wie unser Freund sagte, war sie nicht mehr in dem angegebenen Lager, niemand hatte ihm sagen können, wohin sie verlegt worden war. Es war also nur ein halber Erfolg, und doch schulden wir, insbesondere mein Bruder Dietmar, dem guten, tapferen Mann zeitlebens Dank. Leider habe ich seinen Namen vergessen. Mein Bruder und Anton Ziel gingen zunächst mit mir nach Bogarosch, wo alle bei Familie Schmitt Unterschlupf fanden und dafür Vetter Sepp bei der landwirtschaftlichen Arbeit halfen. Später gingen beide nach Guttenbrunn (Z . Der Krieg war nun schon ein Jahr zu Ende, das Chaos wurde allmählich unter Kontrolle gebracht, und alles „Illegale“ wurde in dem Maße schwieriger, wie Regierungen und Behörden ihre Position organisierten und festigten. Es war klar, dass es für uns kein Zurück in die Heimat gab, und ebenso wenig konnten wir das Untertauchen in Rumänien mit falschen Papieren als wünschenswerten oder tragbaren Dauerzustand betrachten. Wir sahen nur noch einen Weg vor uns: Nach Deutschland, zurück in die Urheimat, wo man wenigstens nicht mehr verfolgt, gefoltert und ermordet wurde, allein deswegen, weil man zufällig Deutsch als Muttersprache hat. Der weite Weg von Rumänien

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nach Deutschland drohte nach und nach versperrt zu werden, weshalb es nicht ratsam schien, noch lange zu warten. Wegen der Geschichte mit den falschen Dokumenten wurde nach meinem Vater gefahndet. Das war ein zusätzlicher wichtiger Grund, Rumänien zu verlassen. Wenige Wochen nach unserer Ausreise war die Geheimpolizei bei Verwandten, um uns auszuheben. Von Mutter hatten wir keine Nachricht mehr, sonst hätten wir wohl noch gewartet. Alles, was wir inzwischen erspart hatten, wurde in Reichsmark, US-Dollar, Zigaretten, Schinken und Speck angelegt. Um nicht ganz allein den Weg antreten zu müssen, wurde noch ein jüngerer Deutscher aus dem Buchenland (Bukowina) namens Josef P. in unsere Fluchtgruppe aufgenommen; seine guten Rumänischkenntnisse sollten später von Nutzen sein. Außerdem waren wir „moralisch“ verpflichtet, noch eine Frau mitzunehmen, weil uns Verwandte von ihr auch geholfen hatten. Wir waren also insgesamt fünf Personen. Die drei Männer, mein Bruder war inzwischen 17 Jahre alt und konnte auch schon als solcher angesehen werden, schleppten in Rucksäcken und Koffern die schweren Sachen, während ich ein ziemlich großes, aber leichtes Paket mit Zigaretten unterm Arm und alles Geld in den Taschen hatte. Die Frau hatte nur ihre Kleider zu tragen. Wir fuhren mit dem Zug nach Tschanad, von wo wir nachts über die Grenze nach Ungarn gehen wollten. Um in dem relativ kleinen Grenzort als Fremde mit viel Gepäck nicht zu großes Aufsehen zu erregen, wurde vereinbart, dass wir vom Bahnhof bis zu einem bestimmten Haus, in dem wir vorübergehend Unterschlupf finden sollten, getrennt gehen. Für den Fall, dass etwas schief ging, sollten wir uns zum Bruder unseres Modoscher Landsmannes Dr. Anton Jung durchfragen. Da nur Vater den Weg kannte, ging er voraus. Ihm folgten in Sichtweite die Frau und mein Bruder; unser dritter Mann und ich bildeten den Schluss. Plötzlich sah ich, wie die vor mir Gehenden von rumänischen Grenzsoldaten angehalten wurden. Zwischen ihnen und mir war noch eine lange Reihe anderer Reisender, hauptsächlich Marktfrauen mit Körben, so dass ich nicht aufgefallen bin. Ohne Zögern wandte ich mich an der nächsten Straßenecke nach rechts, um erst einmal von dem Gefahrenpunkt wegzukommen. Ich ging durch einige Straßen, ohne mich umzusehen; ich wollte den Eindruck erwecken, dass ich genau wusste, wo ich war und wohin ich zu gehen hatte. Tatsächlich war mir aber gar nicht wohl zumute, ich hatte keine Ahnung, wo ich überhaupt war. An einer Ecke standen zwei ältere Männer und unterhielten sich auf Deutsch. Ich wagte es, sie nach dem Haus der Jungs zu fragen, worauf die Gegenfrage kam, „welcher Jung“. Es gab drei, und ich kannte keinen Vornamen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu sagen, „ich glaube, der, den ich suche, hat einen Bruder in Jugoslawien“. Das war alles, was ich wusste, sie aber wussten nun, welchen ich suchte, und erklärten mir den Weg, der nicht mehr weit war. Jetzt

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fragte mich noch der eine der beiden: „Gehörst du auch zu denen da drüben?“ Hinter mir, auf der anderen Straßenseite war die Grenzerkaserne, was ich vorher nicht bemerkt hatte, und davor standen außer meinem Vater alle Fluchtgefährten; ihre bewaffneten Wächter diskutierten untereinander. Ich war ganz schön erschrocken, schöpfte aber Hoffnung aus der Tatsache, dass mein Vater nicht dabei war, weil ich darauf vertraute, dass er etwas unternahm. Wie sich später herausgestellt hat, hatte er seine Koffer beim Auftauchen der Grenzer in die Körbe einiger Marktfrauen geworfen und war dann ohne Gepäck, plaudernd mit ihnen dahin geschlendert, wodurch er nicht auffiel und durchkam. Ich behauptete, die Leute nicht zu kennen. Ob man mir glaubte, weiß ich nicht. Ich bedankte mich für die Auskunft und zog schleunigst weiter. Als ich in dem mir bezeichneten Haus ankam, brauchte ich nicht lange zu erklären, wer ich sei. Dr. Jung war, was wir nicht gewusst hatten, inzwischen ebenfalls aus Jugoslawien geflohen und hielt sich hier bei seinem Bruder versteckt. Er nahm sich meiner sofort an, und ich erzählte ihm meine Geschichte. Ich schlief in seinem Zimmer, während er die ganze Nacht auf und ab ging. Offensichtlich machte er sich große Sorgen, denn von meinem Vater war keine Nachricht gekommen und von den Verhafteten natürlich erst recht nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass er, selbst Flüchtling, der sich nicht sehen lassen durfte, nicht begeistert war von dem Gedanken, ein Kind in Obhut nehmen zu müssen. Am nächsten Morgen kam aber dann doch ein Bote meines Vaters, um mich abzuholen. Ich fand zu meiner Freude alle wieder versammelt. Die Sprachkenntnisse unseres Freundes hatten zu einem schnellen Handel mit den Rumänen geführt, und die drei kamen sogar ziemlich billig davon. Nun warteten wir alle sehnsüchtig auf den nächsten Abend, um nach Ungarn aufzubrechen. Bald nach Einbruch der Dunkelheit machten wir uns auf den Weg. Es war stockdunkel, und bald hat es in Strömen zu regnen begonnen, so dass es im aufgeweichten Boden immer schwieriger wurde, mit den schweren Rucksäcken, Koffern und Paketen vorwärts zu kommen. Mein Vater und unser Gefährte aus dem Buchenland hatten sich den Weg genau beschreiben lassen, so dass sie trotz der Dunkelheit sicher vorausschritten; die Entfernung war aber offensichtlich doch unterschätzt worden, und es verging Stunde um Stunde, ohne dass wir die Grenze erreichten. Immer häufiger mussten Ruhepausen eingelegt werden, wobei ich vor Müdigkeit vom Rucksack, auf dem ich saß, einschlief und in den Schlamm fiel. Alles Anfeuern und der feste Wille halfen nichts; wir taumelten nur noch dahin, und schließlich kamen doch Zweifel auf, ob wir nicht von der Richtung abgekommen seien. Wir erreichten schließlich einen mit Buschwerk bestandenen Graben, wo wir uns versteckten, um uns am nächsten Tag neu zu orientieren. Weder Regen noch Schlamm hinderten uns daran, sofort einzuschlafen. Der nächste Morgen brachte eine unangenehme Überraschung: Wir lagen dicht vor der Grenze; keine 200 Meter von uns entfernt stand ein besetzter

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Wachturm. Wir mussten den ganzen Tag unbeweglich in der glühenden JuniSonne liegen, denn es hatte längst zu regnen aufgehört. Der ganze Schinken und Speck in unserem Gepäck nutzte uns wenig, denn der quälende Durst ließ ein Hungergefühl nicht aufkommen. Seit diesem Tag ist mir klar, dass man tatsächlich ohne Nahrungsaufnahme durchhalten kann, aber ohne Flüssigkeit ist der Mensch schnell am Ende. Am Spätnachmittag setzte wieder zaghafter Regen ein, und wir versuchten, mit einem alten Taschenbecher die an den Blättern hängenden Tropfen einzusammeln. Weil diese Bemühungen nicht viel einbrachten, leckten wir die Blätter direkt ab; es blieben aber Tropfen, ohne wirkliche Erleichterung für heiße, ausgetrocknete Kehlen. Allmählich wurde der Regen stärker, und die Nässe steigerte unsere Ungeduld; der unverändert quälende Durst nährte die Hoffnung, einen Brunnen oder ein Haus zu finden, wo wir um Wasser bitten konnten, sobald wir die Grenze überschritten hatten. So wurden alle Bedenken beiseite geschoben, und wir machten uns schon am frühen Abend wieder auf den Weg. Die dichten Wolken gewährten uns wieder absolute, schützende Dunkelheit, und der strömende Regen schien zum Schutz der geplagten Flüchtlinge beitragen zu wollen, denn welcher Grenzer wäre wohl so verrückt, im Freien zu wachen? Wir fühlten den festen Rasenstreifen, der die Grenze bildete, unter den Füßen und versanken dann eben wieder, aber mit großer Erleichterung im Schlamm Ungarns, als ein energisches „Halt“ uns erstarren ließ. Mit erhobener Hand stand dicht hinter uns, kaum mehr als ein Schatten, ein rumänischer Grenzsoldat. Er war eben unterwegs vom Wachturm zum Grenzerhäuschen, wir waren ihm buchstäblich in die Arme gelaufen. Herr P. wollte sich dem Rumänen nähern, um mit ihm leiser sprechen zu können, aber der bestand darauf, dass sich niemand bewegte. Nach längerem Palaver bot der Grenzer an, uns zu führen. Bedingung: Wir mussten vorausgehen, und er bildete den Schluss. Zu spät bemerkten wir den Betrug: Plötzlich wurde es vor uns dunkler, und ehe wir das von hohen Bäumen umgebene Grenzerhaus erreicht hatten, stieß der Grenzer hinter uns einen lauten Schrei aus, worauf etwa 15 Mann herausstürzten und uns umstellten. Wir wurden in einen erleuchteten Raum geführt und erkannten nun, dass die vermeintliche Pistole in der Hand des Grenzers „nur“ ein Seitengewehr war, sonst hatte er keine Waffen. Eventuell hätten wir einfach weitergehen können, wenn wir das gewusst hätten, denn der Mann hatte offensichtlich große Angst und wäre uns kaum in den Weg getreten. Nun war es aber geschehen, und die Halunken machten sich erst einmal daran, unser Gepäck zu untersuchen. Mein Zigarettenpaket interessierte sie besonders, und im Nu hatten sie sich alle bedient. Auf unsere Bitte um Trinkwasser wurde uns eine volle Kanne gereicht, die reihum ging. Einer der Soldaten musste mehrmals hinausgehen, um mehr Wasser zu holen, bis schließlich alle uns erstaunt anstarrten, aber sie verloren die Geduld

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nicht und füllten so lange nach, bis unser Durst gelöscht war. Nach 15 Monaten illegalen Aufenthalts in Rumänien waren wir im Begriff, dieses Land zu verlassen, in dem wir unsere Probleme hatten; wir wurden öfter festgenommen, bestohlen und betrogen, mussten bestechen, aber trotzdem sind die Rumänen immer Menschen geblieben und haben uns als Menschen behandelt - ganz im Gegenteil zu den brutalen, blutrünstigen Mordgesellen Titos. Ich will ihnen diese kleinen Schwächen nicht nachtragen, sondern im Gegenteil für die, wenn auch unfreiwillig gewährte Gastfreundschaft danken. Nachdem unser Gepäck genau untersucht war, durften wir alles einpacken. Wir wurden damit in ein Zimmer gesperrt. Die Verhandlungen begannen; eigentlich hätten sie uns einfach alles wegnehmen können, aber sie verlangten nur einen Teil. Der Sprecher der Rumänen ging ständig hin und her, um uns reduzierte Forderungen vorzutragen und gesteigerte Angebote unsererseits seinen Kameraden zu übermitteln. Einmal sagte er mitten im Gespräch mit Herrn P. zu diesem und meinem Vater: „Wie spät ist es eigentlich?“ Als beide eifrig auf ihre Armbanduhren sahen, stellte er fest: „Übrigens, ich habe keine Uhr“. Herr P. gab ihm seine Uhr, wobei er meinem Vater bedeutete: „Die taugt sowieso nicht viel, behalte Du lieber deine, die ist besser“. Außerdem „verdiente“ der Vermittler noch zehn US-Dollar für sich selbst, wobei wir ihm noch erklären mussten, wo er die in Temeswar umtauschen und wie viel Lei er dafür erhalten konnte. Glücklicherweise hatten sie unsere Taschen nicht untersucht, sonst hätte es sicher zusätzliche Geldforderungen gegeben. Offiziell mussten wir 15 Kleidungsstücke nach unserer Wahl abgeben, wobei alte Unterröcke unserer Begleiterin ebenso mitgezählt wurden wie zu kleine Hemden von mir, eine gewisse Menge Schinken und Speck sowie einen Teil der Zigaretten. Nach mehreren Stunden war der Handel abgeschlossen. Nun gingen zwei Mann erst einmal nachsehen, wo die ungarischen Posten waren - es hatte inzwischen zu regnen aufgehört -, und als diese eben in der entgegengesetzten Richtung vorbeigegangen waren, wurden wir schnell aus dem Haus geholt und genau instruiert, wie wir gehen sollten, damit die Ungarn uns nicht erwischten und ebenfalls etwas verlangten. Diesmal war die „Führung“ echt, und wir kamen ohne Probleme in das erste ungarische Dorf, wo mein Vater ein bestimmtes Haus aufsuchte, dessen Anschrift er schon länger kannte und diese auch schon manchen Flüchtlingen vor uns weitergegeben hatte. Man erhielt dort gegen ein gewisses Kopfgeld Unterkunft und Verpflegung und wurde außerdem mit dem Pferdefuhrwerk nach Segedin (Szeged) gefahren. Von Segedin fuhren wir mit dem Zug nach Budapest, wo wir bei Frau Galamb, der Schwägerin von Dr. Jung, gut aufgenommen wurden. Im Zug durfte Herr P. den Mund nicht auftun, da er nicht Ungarisch sprach. Unsere Begleiterin hatte einen so ausgeprägten Akzent, dass wir ihr nahelegten, ebenfalls zu schweigen, was aber einige Schwierigkeiten bereitete.

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In Budapest Wir blieben einige Tage in Budapest; mein Vater, der dort die Handelsakademie besucht hatte, versuchte, die Erinnerungen aufzufrischen, während wir anderen die Stadt kennenlernen wollten. Als wir den Zug von Budapest nach Hegyeshalom bestiegen, änderten wir unsere Taktik erneut. Als letztes in der Serie der falschen Papiere hatten wir in Rumänien noch ein Schriftstück erhalten, das uns als nach Deutschland ausgewiesene Volksdeutsche aus Rumänien deklarierte. Wir sprachen jetzt nur noch deutsch und erklärten dem Schaffner unter Vorzeigen unseres Dokumentes, dass wir kein Geld hätten und irgendwie nach Deutschland gelangen mussten. Nach kurzem Überlegen akzeptierte er und ließ uns ohne Fahrkarten weiterfahren. Es ging alles gut, bis kurz vor der Grenze eine russische Kontrolle kam, der unser Papier nicht gefiel, weil es keinen russischen Stempel hatte. Also wurden wir in Hegyeshalom aus dem Zug geworfen und der ungarischen Gendarmerie übergeben. Mit etwa 50 bis 60 anderen „Unerwünschten“ sperrten uns die Ungarn in einen Wartesaal des Bahnhofes, während der Zug nach Österreich weiterdampfte. Die Tür des Wartesaales war weit geöffnet, und der davor stehende Posten fing an, auf und ab zu gehen, sobald die Russen verschwunden waren. Die Strecken des Ungarn wurden immer länger, und er sah offensichtlich nicht, dass einige die Gelegenheit nutzten, um zu verschwinden. Der „Bewacher“ schien auch nicht zu merken, dass der Saal sich allmählich leerte. Wir enttäuschten ihn wahrscheinlich sehr, denn wir blieben sitzen. Es hätte uns wenig genutzt, davonzulaufen; wir wollten wieder in einen Zug steigen, um nach Österreich fahren zu können. Am Spätnachmittag tauchte endlich ein ungarischer Offizier auf, den mein Vater ansprach und offen nach einer Möglichkeit fragte, von hier weiterzukommen. Wie alle Ungarn, ein glühender Nationalist, war der Offizier erst einmal gerührt, weil mein Vater so hervorragend Ungarisch sprach; hinzu kam eine ausgesprochene Deutschfreundlichkeit und eine Abneigung gegen die Russen. Er versprach ihm, mit dem österreichischen Verantwortlichen des Abendzuges zu sprechen und uns mitfahren zu lassen, wenn dieser einverstanden war. Tatsächlich geleitete uns der Ungar zu seinem Kollegen, als der Zug abfahrbereit war; der Österreicher wollte genau wissen, wohin wir wollten. Wir mussten mehrmals versichern, dass unser Endziel Deutschland und nicht Österreich war, ehe wir die Erlaubnis zum Besteigen des Zuges erhielten. Im Gegensatz zum Ungarn war der Österreicher keineswegs freundlich und wollte unter allen Umständen verhindern, dass wir in Österreich ein Obdach fanden. Der ungarische Offizier wollte nichts von uns annehmen. Erst nach längerem Beharren akzeptierte er ein Stück Speck, um seinen hungernden Kindern eine Freude zu machen. In Wien wurde uns geraten, uns in einem Auffanglager zu melden, um „offiziell“ nach Deutschland gelangen zu können und nicht etwa in den Straßen auf-

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gegriffen zu werden. Wir wollten uns zunächst in einem Lager anmelden, wo schon viele Landsleute waren; als wir aber erfuhren, dass alle seit langem in Österreich festsaßen und offensichtlich irgend eine Vereinbarung bestand, dass Südostdeutsche in Österreich bleiben, während Sudetendeutsche nach Deutschland gebracht werden sollten, verließen wir - allerdings ohne unsere Begleiterin - schleunigst das Lager. Wir gaben uns als Sudetendeutsche aus Troppau aus und wurden in einem Repatriierungslager für Kriegsgefangene aufgenommen. Ich war das einzige Kind im ganzen Lager und erhielt beim Essenfassen von den netten Schwestern immer das größte Stück Brot. Unsere Registrierkarten wurden zur deutschen Mission gesandt, und wir warteten auf die Einreiseerlaubnis nach Deutschland. Die mehrere Tage dauernde Wartezeit nutzten wir, um etwas von Wien zu sehen. Weil in dem Riesenlager die unterschiedlichsten Menschen zusammengepfercht waren, von denen kaum jemand so viel Gepäck hatte wie wir, musste allerdings stets einer zurückbleiben, um alles zu bewachen. Bei einer solchen Gelegenheit kamen einige echte Sudetendeutsche zu mir, die Troppau kannten und eine Flut von Fragen über mich niederließen. Ich versuchte, mich, so gut es ging, aus der Schlinge zu ziehen; trotzdem müssen die ehemaligen Soldaten, die verständlicherweise etwas von ihrer Heimat hören wollten, mich für blöd oder aber für einen Schwindler gehalten haben. Schließlich ging aber alles gut, wir erhielten unsere Karten mit dem deutschen Stempel zurück, wurden mit DDT-Pulver behandelt und mit einer Überdosis Impfstoff gegen Typhus immunisiert, wobei mir fürchterlich übel wurde und mein Bruder umkippte; dann wurden wir in einen unendlich langen Zug verfrachtet, in dem schon viele ausgewiesene Sudetendeutsche mit ihren Habseligkeiten auf die Weiterreise warteten. Vor der Abfahrt gab es noch amerikanische Verpflegung, die nicht zu verachten war, und schließlich schleppte uns die keuchende Lokomotive langsam der deutschen Grenze entgegen. Die Fahrt in dem engen, überladenen Güterwaggon war alles andere als angenehm, und als wir in der darauf folgenden Nacht irgendwo stehenblieben, stiegen viele trotz strömenden Regens aus, um sich die Füße zu vertreten. Plötzlich wurde bekannt, dass wir in Allach waren; niemand sagte uns etwas, der Zug sollte eigentlich bis Westdeutschland fahren. Viele Leute stiegen aber aus, und wir folgten mit unseren Habseligkeiten, fanden in einer Baracke freie Betten, warfen uns darauf und schliefen sofort ein. Wir waren in Deutschland, wir hatten es geschafft. Wir waren im Durchgangslager München-Allach und hofften sehr, dass wir wirklich bald aus den dürftigen Baracken ausziehen konnten. In München erfuhren wir vom Schicksal einiger Verwandter und Landsleute. Meine beiden Kusinen Edith und Anni waren in Jugoslawien zusammen mit meiner Kausch-Großmutter ins Internierungslager gekommen. Großmutter verhungerte dort. Die Kinder wurden später in „Kinderheime“ gebracht, wo sie

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umerzogen werden und vergessen sollten, dass sie deutscher Herkunft waren. Bei Anni, die erst vier Jahre alt war, wäre der verbrecherische Plan fast vollkommen gelungen. Sie wurde in einer serbischen Familie aufgenommen und glaubte der Frau, dass sie ihre Mutter wäre. Als schließlich meine Tante die Kinder ausfindig gemacht hatte und sie zurückerhalten sollte, weigerte sich Anni, sie als Mutter anzuerkennen. Es ist nur dem erstaunlichen Erinnerungsvermögen und der ungebrochenen Widerstandskraft der wenig älteren Edith zu verdanken, dass sie ihre Schwester nicht im Stich gelassen hat und beide am Ende doch noch zu ihrer Mutter zurückgefunden haben. Nach einiger Zeit wurden wir mit einem langen Flüchtlingstransport nach Starnberg in Oberbayern verfrachtet und im Flüchtlingslager Funkhaus in Söcking untergebracht. Zusammen mit unserem Buchenland-Deutschen Freund Josef P. belegten wir ein Zimmer, das gerade groß genug war, um die vier amerikanischen Feldbetten aufzustellen und noch einen schmalen Militärspind unterzubringen. Das war im Juli 1946, und niemand hätte geglaubt, dass wir dort fünf Jahre bleiben würden. Im Lager Funkhaus waren fast ausschließlich sudetendeutsche Familien untergebracht, die eigentlich keine Flüchtlinge wie wir waren, sondern Ausgewiesene. Sie hatten alle von ihren Habseligkeiten etwas mitnehmen dürfen, während wir mit dem begrenzten Inhalt unserer Rucksäcke die Ärmsten waren. Unser akutestes Problem in dieser Zeit war der Hunger. Natürlich litt damals ganz Deutschland darunter, aber die anderen waren immerhin in ihrer Heimat, und manch einer konnte etwas von einem bekannten Bauern erhalten oder aus seinem Gärtchen nehmen; außerdem verfügte jeder doch über das Wenige, das ihm die Lebensmittelmarken bewilligten. Wir erhielten unsere Marken überhaupt nicht in die Hand, und die Lagerverwaltung sorgte in erster Linie für sich selbst, so dass für uns noch viel weniger übrigblieb. Die Bauern aber verkauften uns nichts - im Gegenteil, wir wurden als unerwünschte Zigeuner gehasst. Von meiner Mutter wussten wir längere Zeit nichts. Erst 1947 erhielten wir die erste Nachricht von ihr aus Rumänien. Ihr war schließlich auch die Flucht aus Jugoslawien gelungen, und am Ende ähnlicher Abenteuer wie der unsrigen ist sie im Funkhaus in Söcking bei Starnberg eingetroffen. Mein Bruder Dietmar hatte vor der Besetzung durch die Russen die 5. Klasse des deutschen Gymnasiums absolviert, während ich in Modosch die 1. Klasse der Hauptschule (entspricht etwa der heutigen Realschule) beendet hatte. Das war im Schuljahr 1943/44, und inzwischen sollte das Schuljahr 1946/47 beginnen. Vater bestand darauf, dass wir beide eine höhere Schule besuchten. Die jüngste Vergangenheit hatte nur zu klar gezeigt, dass man über Nacht jeden Besitz verlieren kann und die einzige Sicherheit für eine ungewisse Zukunft im Erlernten liegt. Unsere Vorbildung konnten wir mit keinem Zeugnis belegen, der sehr aufgeschlossene Direktor Goldate der Starnberger Oberschule nahm uns aber trotzdem auf. Im

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September 1946 gingen wir also wieder zur Schule: Dietmar in die 6. und ich in die 2. Klasse. Nach der 2. Klasse wurde ich auf Initiative meiner Klassenlehrerin mit Zustimmung des Direktors in die 4. Klasse versetzt, womit ich eines der beiden verlorenen Jahre wieder aufgeholt hatte. Es gab also nicht nur Ablehnung in Deutschland, sondern auch Verständnis und Hilfe. Der Bericht ist in leicht gekürzter Form dem Modoscher Heimatblatt entnommen, in dem er in Fortsetzungen erschienen ist. Im Originalbericht hat der Verfasser durchgehend Temeschburg verwendet. Der Einheitlichkeit wegen hat der Verlag Temeschburg durch Temeswar ersetzt. Herbert Prokle wurde am 19. Juni 1933 in Modosch/Banat geboren. Nach dem Abitur studiert er Allgemeinen Maschinenbau an der Technischen Universität München, 1957 Abschluss als Diplom-Ingenieur. Während des Berufslebens ist die technische Ausbildung mit Schwerpunkt Thermodynamik zwar eine wichtige Basis, Herbert Prokle widmet sich aber mit Vorliebe dem Verkauf, internationalen Beziehungen und Management, wozu Fremdsprachen, Verhandlungsgeschick, kaufmännische und juristische Kenntnisse beitragen. Von 1958 bis 1960 ist er bei Blohm & Voss in Hamburg angestellt, anschließend bis 1992 im BBC/ABB-Konzern, zeitweise mit Sitz in Mannheim (Vertriebsleiter Gesamtamerika), zeitweise in Übersee, insbesondere in Mexiko. Aufstieg bis zum Generaldirektor einer Konzerngesellschaft in Mexiko und Aufsichtsratsmitglied. Seit Januar 1993 im Ruhestand, jedoch weiterhin als Berater von ABB und anderen Firmen wie Babcock & Wilcox de Mexico, Siemens AG, Dillinger Stahlbau tätig. 1994 Rückkehr nach Deutschland, verstärktes Engagement in der Landsmannschaft der Donauschwaben. Seit 1991 unterstützt er die Donauschwäbische Kulturstiftung München durch persönliche Spenden, seit 1999 ist er aktiv in deren Arbeitskreis Dokumentation; als Beirat und zeitweise Vorstandsmitglied (2001) der Kulturstiftung am Taschenbuch „Verbrechen an den Deutschen in Jugoslawien 1944-1948“ beteiligt; Initiator und Mitherausgeber des Buches „Rechtsgutachten über die Verbrechen an den Deutschen in Jugoslawien 1944-1948“ von Professor Dieter Blumenwitz; am englischsprachigen Buch „Genocide of the Ethnic Germans in Yugoslavia“ als verantwortlicher Projektleiter und Hauptautor beteiligt. Autor des 2008 erschienenen Buches „Der Weg der deutschen Minderheit Jugoslawiens nach Auflösung der Lager 1948“. Von 2001 bis 2004 Stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Donauschwaben in Deutschland. Verfasser zahlreicher Artikel für die Vertriebenenpresse.

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Fluchthelfer aus Wien Von Anton Ellmer Mein Vater war bis zum Einmarsch der Roten Armee selbstständiger Seilermeister in des Banats. Zu seinen Kunden zählten auch zahlreiche serbische Bauern. Er beherrschte nicht nur deren Sprache exzellent, sondern hatte auch sehr viele Freunde unter ihnen. Sie haben ihn vor einem grausamen Tod bewahrt. Vater war mit einigen anderen Männern aus unserem Dorf während der Partisanen-Aktion „Intelligenzija“ schon zur „Ermordung“ vorgesehen. Nachdem unsere Gemeinde ab Anfang November 1945 zu einem Vernichtungslager umfunktioniert Anton Ellmer worden war, hat man meinen Vater aus dem Lager in Großbetschkerek (nach dem Krieg in Zrenjanin umbenannt), in dem er inzwischen interniert worden war, heimgeholt, damit er den Seilerbetrieb wieder aufnimmt. Auch Kommunisten und Partisanen brauchten Seile, zum Beispiel für den Transport der Toten aus den Vernichtungslagern zu den Massengräbern, der ausschließlich mit Pferdefuhrwerken erfolgte. Um den Fuhrpark stets fahrtüchtig zu halten, wurden auch die anderen dazu erforderlichen Werkstätten reaktiviert: Schmiede, Wagner und Sattler durften und mussten wieder arbeiten. Weil mein Vater berufsbedingt Kontakt zu den Partisanen hatte, konnte er mich in der Schmiede unterbringen, wodurch mir die Funktion eines „Kutschers“, der die Toten einsammeln und zu den Massengräbern fahren musste, erspart blieb. Mein älterer Bruder Johann (Jahrgang 1926) war seit Sommer 1944 beim Militär, daher waren neben meinem Vater noch meine Mutter, mein jüngerer Bruder und ich daheim. Vom Aufenthaltsort des eingerückten Bruders hatten wir damals keine Ahnung. Erster Fluchtversuch Zu unser aller völligen Überraschung eröffnete Vater uns etwa Mitte Oktober 1945, dass er eine Information bekommen habe, dass zwei junge Landsleute im

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Auftrag einiger geflüchteter Personen - darunter eben auch mein Bruder - aus Österreich gekommen sind, um uns und noch einige weitere Familien zur Flucht abzuholen. Sie warteten auf uns an der rumänisch-jugoslawischen Grenze. Die Flucht sollte schon in der kommenden Nacht erfolgen. Mein Vater wollte alle Vorkehrungen mit den Wache stehenden Partisanen absprechen, damit wir ohne Gefahr aus dem Dorf kommen. Er selber wollte zurückbleiben und später bei passender Gelegenheit als Einzelperson nachkommen. Das Problem für uns war nun, jemand zu finden, der den Weg nach Rumänien kannte, wobei klar war, dass man nur bei Nacht flüchten konnte. Schnell hat sich unser Vorhaben im engeren Bekanntenkreis herumgesprochen, und Anni Steyr, ein Mädchen aus Großbetschkerek, ich meine, sie ist 1927 geboren, hat uns versichert, dass sie sich gut auskenne und die Führung der Gruppe übernehme. Wir waren etwa 20 Personen. Mein Vater hatte uns mitgeteilt, wo wir Rudolfsgnad verlassen konnten. Wir gingen und gingen und die Angst mit uns; doch bald hatten wir das Gefühl, dass es mit den Ortskenntnissen der jungen Dame nicht weit her ist, denn ständig wurde beraten und überlegt. So brach der Morgen an, es wurde allmählich hell, so dass wir uns ein Versteck suchen mussten, um während des Tages nicht entdeckt zu werden. Weil wir in einem Weingebiet waren, bot sich der Dachboden einer kleinen Hütte als Versteck an. Wir hatten uns aber noch nicht richtig breitgemacht, als wir Stimmen hörten - und bald darauf waren auch schon Partisanen mit dem Gewehr im Anschlag vor der Hütte. Sie holten uns herunter, brachten uns zur Bahn und mit dem Zug zurück nach Rudolfsgnad, wo sie uns den örtlichen Partisanen übergaben. Als ein Partisan mich erkannte, gab es die erste kritische Situation. Er nahm sein Gewehr in Anschlag und rief auf Serbisch: „Das ist doch der Schmied“. Sein Kollege drückte aber den Lauf zu Boden. Er schoss nicht, ansonsten würde ich diese Zeilen knapp 63 Jahre danach nicht schreiben… Jetzt kam die übliche Prozedur: Wir wurden in den „Bunker“ gesperrt. Dann aber kamen die Kontakte meines Vaters zum Tragen, denn er hatte versichert, dass er nichts von unserer Flucht gewusst hätte, so dass wir schon nach einigen Tagen aus der Haft entlassen wurden. Zweiter Fluchtversuch Nach der Entlassung aus dem gefürchteten Bunker war für mich klar: Wir flüchten nicht mehr, denn wir riskieren unser Leben. Aber schon am nächsten Tag, es dürfte der 2. oder 3. November 1945 gewesen sein, informierte uns mein Vater, dass die beiden jungen Männer aus Österreich jetzt knapp am Dorfrand in einem Maisfeld seien und uns persönlich abholen wollen. Da half kein Gegenargument mehr, so dass wir uns - wir waren wieder etwa 20 Personen - nach exakten In-

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struktionen, wann und wo wir den Ort verlassen sollen und wo wir die zwei Männer treffen werden, erneut auf die Flucht begaben. Einer der beiden Fluchthelfer war Sepp Mayer, der in Wien Medizin studierte und den ich aus unserer gemeinsamen Zeit im Schülerheim in Großbetschkerek kannte. In dieser Nacht ging alles wirklich sehr präzise und flott vor sich - als der Tag anbrach, hatten wir schon mehr als die Hälfte des Weges zur ersten Station in Rumänien hinter uns und fanden, wie angekündigt, in einer unbewirtschafteten Pußta (Einsiedlerhof) auf einem sehr geräumigen Dachboden einen sicheren Unterschlupf. In der darauffolgenden Nacht ging es weiter, wir passierten unbemerkt die jugoslawisch-rumänische Grenze und trafen bei Dunkelheit in einem Pfarrhaus in einem mir nicht mehr bekannten Ort ein. Dort wurden wir äußerst freundlich aufgenommen und bewirtet. Nach ein bis zwei Tagen ging es bei Nacht weiter durch den rumänischen Teil des Banats, wobei wir tagsüber stets in den von den beiden Fluchthelfern ausgewählten Stellen Unterschlupf fanden. So schlichen wir zuletzt auch über die rumänisch-ungarische Grenze; in Ungarn ging es noch ein- oder zwei Nächte weiter, bis wir in der Nähe des Segediner Bahnhofs in einem Hinterzimmer zusammengepfercht waren. Um diese Zeit war der Hunger schon fast nicht mehr auszuhalten. Schließlich gelang es unseren Helfern, ein Kilogramm Brot für uns alle aufzutreiben. Dazu hatten sie ein wenig Knoblauch mitgebracht, so dass wir die uns zugeteilte Schnitte „einreiben“ durften, was letztlich eine heute kaum vorstellbare Köstlichkeit ergab. Noch heute erinnere ich mich immer und immer wieder dankbar an diesen „Glücksmoment“. Als nächsten Schritt hatten unsere Helfer geplant, dass wir mit der Bahn von Segedin nach Hegyeshalom fahren. Weil unerlaubt, waren von den beiden Männern alle Details gut ausgeklügelt worden; sie mussten auch exakt eingehalten werden. Wir mussten zwar nahe dem Zug im Versteck auf ein Signal von unseren Freunden warten und dann in Windeseile zum Zug rennen und aufspringen - unsere zwei „Schutzengel“ als letzte. Wie das mit den Karten vor sich ging, werde ich niemals erfahren. Jedenfalls hat alles gut geklappt; wir haben den mehr oder weniger im Abfahren begriffenen Zug vollzählig erreicht und sind auch unbehelligt in Hegyeshalom angekommen. Dort sind wir rasch ausgestiegen und hinter dem Zug in die Felder verschwunden. Wir mussten uns erneut verstecken. Aber unsere Helfer hatten auf ihrem Weg von Österreich nach Rudolfsgnad offensichtlich ganze Arbeit geleistet, denn jede Aktion war gut vorbereitet, so dass wir noch in derselben Nacht querfeldein die Grenze nach Österreich überschreiten konnten. Im Laufe des Vormittags erreichten wir den Bahnhof Nickelsdorf. Dort trennten sich unsere Freunde zum Schein von der Gruppe, weil wir erwartungsgemäß sofort von der österreichischen Gendarmerie gestellt wurden. Leider war es kein freundlicher Emp-

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fang. Man drohte, uns nach Ungarn abzuschieben, was uns in Entsetzen stürzte. Es dauerte bis zum späten Nachmittag, bis man uns dann doch im wahrsten Sinne des Wortes laufen ließ. Bald gesellten sich unsere Helfer wieder zu uns; sie führten uns zum Bahnhof eines der nächsten Dörfer, von wo wir die Fahrt mit dem Zug nach Wien antraten. In Wien angekommen, trafen wir am Westbahnhof mehrere schon im Raum Wien sesshaft gewordene Landsleute, welche uns wertvolle Hinweise für unser weiteres Vorgehen gaben. So zum Beispiel, wo wir in Linz hingehen sollten, damit wir provisorische Personalausweise bekommen. Wir erhielten auch die ersten mehr oder weniger brauchbaren Hinweise, wo die von uns gesuchten Landsleute zu finden sind. Mit unseren Fluchthelfern ging es weiter mit dem Zug bis in die Nähe von St. Valentin, wo wir uns nach dem Aussteigen irgendwo wieder trafen und zu einem Bauernhaus in der Nähe von Ernsthofen gingen. Dort wurden wir vorerst zusammengepfercht in einer kleinen scheuneähnlichen Hütte versteckt, bevor ein Bauer uns noch vor Tagesanbruch weckte und zur Enns führte. Am Fluss war schon ein größerer Kahn fahrbereit, den wir lautlos bestiegen und mit dem uns der Bauer an das oberösterreichische Ufer nahe Kronsdorf brachte. Von Kronsdorf ging es dann ohne Versteckspiel über die Bundesstraßen Schritt für Schritt in Richtung Linz, wo sich die Gruppe auflöste, weil jede Familie ein anderes Lager ansteuerte. Meine Mutter, mein „kleiner“ Bruder (Jahrgang 1932) und ich gingen ins Lager 47, wo der Bruder meines Vaters mit seiner Familie lebte. Die Überraschung war natürlich sehr groß, weil wir ohne jede Ankündigung eintrafen. Unsere Flucht war am 23. November 1947 beendet. Am nächsten Tag trafen wir meinen älteren Bruder, der schon seit längerer Zeit als Gießer und Former in den damaligen Eisen- und Stahlwerken beschäftigt war. Den Beruf hatte er seinerzeit in Großbetschkerek erlernt. Im Lager 65 bekamen wir von Pfarrer Fischer „Taufbescheinigungen“, die uns in den nächsten Jahren wertvolle Dienste leisteten, denn sie waren unsere einzigen Personalpapiere. Meinem Vater ist im Februar oder März 1948 die Flucht gelungen. Marchtrenk, 3. Juni 2010 Anton Ellmer wurde am 5. September 1930 in Rudolfsgnad geboren. Nach dem Besuch der Volks- und Hauptschule fällt er am 3. Oktober 1944 in seiner Heimatgemeinde in die Hände von Tito-Partisanen, die ihn Ende 1945 in eines der verabscheuungswürdigsten Vernichtungslager für Arbeitsunfähige stecken, das in seinem Geburtsort installiert worden war. Am 3. November 1947 gelingt ihm beim zweiten Versuch die Flucht in die Freiheit. Nach der „Akklimatisierung“ in Österreich tritt er 1951 in die damalige Vereinigten Österreichischen Eisenund Stahlwerke als Schmiedekontrolleur ein, legt das Abitur ab und studiert

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Ingenieurswissenschaften; er arbeitet sich über die Stationen technischer Offertkalkulant, Gruppen- und Abteilungsleiter, Geschäftsleiter Technik hinauf zum Prokuristen und Abteilungsdirektor der Voest-Alpine-Werke und wird schließlich Geschäftsführer und Direktor der Noricum GmbH. 1987 geht er aus dieser Position in Pension. Ellmer engagiert sich seit 2001 in der Landsmannschaft der Donauschwaben und im Kulturverein der Heimatvertriebenen in Oberösterreich. Bis 1955 war er in Linz zu Hause, danach in Ansfelden und seit 2000 in Marchtrenk.

Die Familie ist in Freiheit wieder vereint und feiert Hochzeit: das Brautpaar Katharina Blecker und Johann Ellmer, (stehend von links) Magdalena und Peter Blecker, Josef Ellmer, Elisabeth Blecker, Anton, Michael und Anna Ellmer.

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Das Vernichtungslager Rudolfsgnad Über das Elend und Sterben der im Lager Rudolfsgnad internierten Jugoslawien-Deutschen berichtet der Arbeitskreis Dokumentation der Donauschwäbischen Kulturstiftung in dem Band „Verbrechen an den Deutschen in Jugoslawien 1944-1948. Die Stationen eines Völkermordes“. Daraus entnehmen wir folgende Auszüge. Aus Rudolfsgnad, nahe der Mündung der Theiß in die Donau gelegen, sind im Herbst 1944 von seinen 3.200 Deutschen lediglich 900 nicht geflüchtet. Der Ort wurde zum größten Vernichtungslager für die Deutschen Jugoslawiens. Der Ort war vom 10. Oktober 1945 bis Mitte März 1948 Vernichtungslager für Alte, Kranke, Kinder und Frauen mit Kleinkindern. Nach Rudolfsgnad wurden ab Januar 1948 Insassen einer Reihe aufgelöster Lager transferiert. Hier waren zuletzt Volksdeutsche aus Jugoslawien, Rumänien, der Tschechoslowakei sowie österreichische und deutsche Staatsbürger interniert. Die Gesundheitsverhältnisse, Krankheitsfälle, Krankheitsarten, Krankenbehandlung und Sterbestatistik hat der Arzt K. F. für das Lager Rudolfsgnad dokumentiert. Es hatte durchschnittlich 17.200 Insassen, wobei Ende November 1945 mit mehr als 20.500 Personen die Spitze und Ende Oktober 1946 mit 16.500 Personen der niedrigste Stand erreicht worden sein dürfte. Es verzeichnete mit rund 11.000 Toten die höchste Todesquote aller Lager. Am 27. Dezember 1944 wurden 47 Mädchen und Frauen und 20 Männer aus Rudolfsgnad zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert. Am 14. April 1945 mussten die Rudolfsgnader ihre Häuser verlassen, woraufhin die Frauen und Kinder im Schulgebäude, die Jungen ab 14 Jahren und die Männer im Kindergarten zusammengezogen wurden. Im Herbst wurden die einheimischen Maurer von den serbischen Partisanen angewiesen, acht Wachtposten-Häuschen zu bauen, während die Zimmerleute gleichzeitig den Auftrag bekamen, drei Schlagbäume zu errichten und das nordwestliche Viertel einzuzäunen, in das dann alle „Freien“ aus Rudolfsgnad umgesiedelt wurden. Ab dem 10. Oktober 1945 internierte das Titoregime Tausende von deutschen Zivilpersonen, vorwiegend ältere Leute, Frauen mit Kindern und alleinstehende Kinder, deren Mütter zur Zwangsarbeit nach Russland deportiert worden waren, in die leerstehenden Häuser von Rudolfsgnad und setzte damit seine Ausrottungsmaschinerie in Gang. Die Gegend wurde von jedem Verkehr abgesperrt, der Ort blockiert. Niemand durfte schreiben, es wurde keine Post zugestellt und auch keine befördert. Die Lagerinsassen stammten aus fast allen deutschen Ortschaften des Banats. Die Menschen, die nur notdürftig gekleidet in Rudolfsgnad ankamen, wurden in die leerstehenden Häuser eingewiesen und in der Regel zu 20 bis 30 Personen in einem Zimmer untergebracht, wo sie auf wenig Stroh und ohne Decken auf dem

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Fußboden liegen mussten. Das Lagerstroh wurde bis zur Auflösung des Lagers im März 1948 weder gewechselt noch ergänzt. Am Anfang verteilte man Kesselkost. Die Ernährung bestand aus Maisschrotsuppe, Polentabrei, Maisbrot und Tee, jedoch von allem in so geringen Mengen, dass es für die bescheidensten Ansprüche viel zu wenig war, und dazu noch ohne Salz. Selbst die kleinen Kinder, Säuglinge und stillenden Mütter bekamen nicht mehr und nichts anderes. Diese geringen Mengen wurden übrigens in rohem Zustand verabreicht. Gekochte Nahrung gab es Monate hindurch nicht. So musste sich jeder selbst helfen, wie er konnte, um seinen quälenden Hunger einigermaßen zu stillen. Gleichwohl wurden aber die deutschen Frauen und sogar die Kinder vom Lager aus täglich in langen Kolonnen schon beim Morgengrauen zur Zwangsarbeit getrieben. Sie mussten im Wald Holz machen und andere Schwerarbeit verrichten. Anfangs teilte man noch die übliche Lagersuppe aus, im Winter 1945/46 gab es auch diese nur mehr selten. Bald gab es im ganzen Dorf keine Zaunlatten, Maisspeicher und Obstbäume mehr; die Leute rissen nachts - ständig in Gefahr, erschossen zu werden - von Ställen, Nebengebäuden und Hütten die Holzteile ab, suchten nach Pferdemist und Kuhfladen, die sie zu Kugeln formten und für den Winter trockneten, denn wenn es wieder monatelang in der Lagerküche nichts Gekochtes gab, mussten sie selbst den mit Brennnesseln, Besenreisig, Klee oder genießbaren Grasblättern „aufgebesserten“ Maisschrot zu kochen versuchen. Die Behandlung der deutschen Kinder durch die Partisanen war mit Sicherheit eine der verbrechensschwersten Erscheinungen, die die Chronik der Zwangsarbeits- und Vernichtungslager in Jugoslawien aufzuweisen hat. Kaum 13 oder 14 Jahre alt, wurden auch sie zunächst in die Lager getrieben und zur Arbeit herangezogen. In den Lagern waren die Kinder, deren Väter zum Militär eingezogen oder bereits erschossen und deren Mütter in vielen Fällen zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert worden waren, meist auf sich allein gestellt, sofern sich nicht Verwandte oder Nachbarn ihrer annahmen. Wer arbeitsunfähig wurde, kam in die Todeslager. Dort befanden sich von Anfang an Kinder jeglichen Alters. Hunger, Krankheit und Verwahrlosung forderten unter ihnen einen hohen Todeszoll. Als Gehilfe des Elektrikers Weißmann konnte Lorenz Baron Einblick in das Grauen des „Kinderheims“ gewinnen. Er schreibt: „Wir bekamen den Auftrag, im sogenannten Kinderheim Licht einzuführen. Als ich Ende 1946 mit meinem Meister da hineinkam, wurde es uns übel, so dass wir wieder nach draußen mussten, um durchzuatmen. Das vorher Gesehene verdrängend, betraten wir danach erneut den großen Saal. Weißmann schaute nach den Querbalken an der Decke und wies mich an, drei Lichtreihen zu legen - und schon war ich alleine mit dem Tod. Als ich die Steigleiter und das Material hereingebracht hatte, ver-

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suchte ich immer, wegzuschauen, aber wohin? Überall lagen sterbende deutsche Kinder.“ Einige Schwestern seien in erster Linie damit beschäftigt gewesen, die Leichen aus den Reihen auszusortieren, diese dann auf den Tisch zu legen, in StoffFetzen einzunähen und danach auf den Leichensammelplatz zu bringen. „Das Kinderheim - Wittmanns Tanz- und Kinosaal - war ein im Hof stehendes Gebäude mit gewölbtem, verzinktem Blechdach. Der Saal hatte große Fenster und war fast quadratisch, ca. 25 x 25 m groß. Von Nord nach Süd lagen etwa sechs einen Meter breite Strohreihen von Wand zu Wand, in der Saalmitte war ein Quergang. Beim Eintreten hörte man ein monotones Summen, die höheren Töne wurden von den tiefen eingebunden. Das war das Lied vom Kindertod! Der Saal war voll von wehrlosen, sterbenden Kindern. Ohne menschliches Gefühl, wie ein Toter, stieg ich auf die Steigleiter und schraubte PorzellanIsolatoren an die Querbalken. Manche Skelette unter mir konnten sich noch bewegen und verfolgten jeden Handgriff, den ich ausführte. Manche Kinder fielen zurück Herta Gärtner, geboren am 31. März 1944 ihr Blick war noch auf mich gerichtet - und in India, wurde als Säugling interniert. Ihr waren tot. Mitleid gab es von niemandem, ausgemergelter Körper war nicht mehr überlebensfähig; sie ist am 3. April 1946 wussten wir doch, dass wir die nächsten im Kinderkrankenhaus im österreichi- Toten sein konnten.“ schen Bad Hall gestorben, wohin ihre Und an anderer Stelle schreibt derselbe Großmutter sie gerettet hatte. Foto: Jakob Bohn Autor: „Wir gingen täglich, um am Pumpbrunnen Wasser zu trinken. Hier saßen die Kinder bei Sonnenschein auf dem Gangsturz und fingen die Läuse ihres Nachbarn. Fast alle hatten die Krätze, vereiterte Mundwinkel, ja bei manchen waren schon Teile der Wangen weggefault, und die Zähne waren wie bei einem Skelett zu sehen. Die meisten weinten verhalten und kraftlos, dennoch war das Stöhnen dieser armen Kinder auch außerhalb des Hauses zu hören.“ Im Sommer 1946 begannen die Behörden, in den Konzentrationslagern für Arbeitsunfähige Kindertransporte zusammenzustellen und sie den staatlichen Kinderheimen zuzuleiten, um sie dort ihrem Volkstum zu entfremden und nach durchgeführter Assimilierung als gute Staatsbürger in den jugoslawischen Staatsverband zu integrieren. So wurden am 1. Juli 1946 transportfähige Kinder

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und Kleinkinder, deren Eltern tot oder verschleppt waren und die keine näheren Angehörigen besaßen, aus dem jämmerlichen Haus, das den Namen Kinderheim führte, herausgenommen und in Begleitung einiger Pflegerinnen, aber unter strenger Bewachung serbischer Partisanen in auswärtige Kinderheime gebracht. Der Höchststand an Todesfällen in Rudolfsgnad wurde im Februar 1946 mit l.346 Verstorbenen erreicht. Am 4. Februar 1946 registrierte man das Maximum der Todesfälle: An einem einzigen Tag sind 72 Lagerinsassen gestorben. An den Folgen des Fleckfiebers, der Grippeepidemie sowie an Unterernährung und unmenschlicher Behandlung durch die Partisanen waren es in den ersten 15 Monaten seit Bestehen des Vernichtungslagers bei einem durchschnittlichen Lagerstand zwischen 17.000 und 20.000 Personen, insgesamt 7.664 Landsleute, die dort qualvoll sterben mussten. Vom 10. Oktober 1945 bis März 1948 sind in Rudolfsgnad mehr als 11.000 deutsche Menschen entweder an Unterernährung gestorben, den Seuchen zum Opfer gefallen oder durch Willkürmaßnahmen der Partisanen zu Tode gekommen. Ein Begräbnis im üblichen Sinne gab es in Rudolfsgnad nicht. Die Leichen, während der Fleckfieberepidemie kaum bekleidet, später in alte Decken eingenäht, wurden mit Pferdewagen, die durch die Straßen fuhren und die Toten einsammelten, zu den Massengräbern gebracht. Die ersten Massengräber wurden im hinteren Teil des Friedhofs von Rudolfsgnad ausgehoben. Von den serbischen Partisanen hierzu gezwungen wurde der frühere langjährige Totengräber von Rudolfsgnad, dem mehrere Lagerinsassen als Beerdigungshelfer zugeteilt wurden. Nach einer Mitteilung dieses Totengräbers haben in den Massengräbern auf dem Friedhof von Rudolfsgnad bis 13. Februar 1946 insgesamt 3.334 im Lager Verstorbene ihre letzte Ruhestätte gefunden. Da in diesem Friedhof im Frühjahr 1946, infolge des Hochwassers der Theiß, das Grundwasser immer höher stieg, konnten hier keine Toten mehr beerdigt werden. So wurde seitens der Partisanenführung die Teletschka, eine etwa zwei Kilometer südlich des Ortes gelegene Anhöhe, für die Anlage von weiteren Massengräbern ausersehen. In den Massengräbern auf der Teletschka sind vom 14. Februar 1946 bis März 1948 mehr als 7.000 Deutsche beerdigt worden.

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Anderthalb Jahre gefangen in Jugoslawien Von Kristof Ladis Ich wurde am 26. November 1918 in einem Krankenhaus in Czernowitz geboren. Mein Vater Witold von Krzysztofowicz, ein Bukowiner Armenier, und meine Mutter Maria geborene Zawadzka aus Tarnopol/Galizien lebten damals in Carapciu am Czeremosch (heute ukrainische Nordbukowina), und zwar auf einem Gut, das mein Urgroßvater gekauft hatte. Ich wuchs dreisprachig auf (Französisch, Deutsch und Polnisch), wobei PolKristof Ladis mit Sohn Nicholas nisch die Umgangssprache war. Ukrainisch und Rumänisch kamen nach und nach dazu. Ich hatte einen zwei Jahre älteren Bruder und eine vier Jahre ältere Schwester, die inzwischen gestorben sind. Bis zum Alter von 14 Jahren wurden wir zu Hause von einem Privatlehrer unterrichtet, der auch bei uns wohnte. Ich war 14 Jahre alt, als ich auf das polnische Gymnasium in Lemstudierte Forstwirtschaft. Bei Ausbruch des Krieges wurde ich zum Regiment „Patru Pionieri“ (Vier Pioniere) nach Czernowitz eingezogen, welches mit der rumänischen Armee am Feldzug gegen die Sowjetunion den Don hinauf teilnahm und schließlich vor Kriegsende im Mai 1945 in Piatra Olt aufgelöst wurde. Meine gesamte Familie landete als Flüchtlinge im südrumänischen Craiova. rumänische Holzverarbeitung tätig war. Im Juli 1948 beschloss ich, dass ich den Rest meines Lebens nicht hinter dem Eisernen Vorhang leben wollte und sprang um Mitternacht unweit von Turnu Severin in die Donau. Die Jugoslawen steckten mich etwa einen Monat lang ins Gefängnis und dann in eine Mine zur Arbeit. Als sie herausgefunden hatten, dass ich etwas von Forstwirtschaft verstand, versetzten sie mich in die serbischen Berge, um bei der Ausbeutung der Wälder zu helfen. Ich lernte rasch Serbisch und schrieb alle Berichte, da sonst kaum jemand um mich herum lesen und schreiben konnte. So las ich in der Zeitung von den politischen Veränderungen in Jugoslawien. Bis zu einem gewissen Grad schwebte ich immer in Gefahr. Ich lebte damals in den Wäldern in einer kleinen Hütte hoch über dem Dorf. In den Wäldern versteckten sich immer noch fanatische Anti-Titoisten die mich für einen Kommunisten hätten halten kön-

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nen, weil ich in das kommunistische Jugoslawien geflohen war. Sie hatten, wie in der Kriegszeit, eine Vorliebe dafür, Leute wie mich einzufangen und ihnen die Kehle durchzuschneiden. Das war eine Art nationale Gepflogenheit, etwas, womit man sich zu brüsten pflegte. Jedenfalls war ich enorm erleichtert, als man mich 1950 eines Tages in einen Zug in Richtung Westen setzte. Ich wurde mit einer Gruppe von Gefangenen unterschiedlicher Nationalität an die italienische Grenze gebracht. Wir hatten gehört, dass eine Woche zuvor eine solche Gruppe direkt an der Grenze exekutiert worden war. Aber dieses Mal war es Tag, als wir losmarschiert sind; an der Grenze sagte man uns, wir sollten losrennen. Wir liefen, bis wir italienische Grenzposten trafen. Wir hatten Glück gehabt: Für uns war das jugoslawische Abenteuer vorbei. Ich ging nach Frankreich und lebte dort als Flüchtling. Das Leben in Frankreich, und insbesondere in Paris, war extrem schwierig, weil ich keine Arbeitserlaubnis besaß. Ich fand als illegaler Arbeiter lediglich schwere und zumeist schmutzige Arbeiten, die lausig bezahlt wurden. Aber im zweiten Jahr arbeitete ich beim Centre du Livre Suisse, und ich erinnere mich bis heute gerne an die angenehme und geistreiche Atmosphäre, die dort herrschte. Aber ich hatte immer noch keine Arbeitserlaubnis. Ich blickte voll Dankbarkeit auf die zweieinhalb Jahre zurück, die ich in Paris verbracht hatte, und war froh, als ich 1952 über den Atlantik einer aussichtsreicheren Zukunft entgegensegelte. Neue Heimat Oregon In Oregon angekommen, hatte ich viel mehr Möglichkeiten. Ein Jahr lang arbeitete ich für eine Holzhandlung, zumeist in den Wäldern oder an den Seen, wo ich die Stämme klassifizierte. Mein Ziel war es, Geld zu verdienen, um mein 1939 durch den Ausbruch des Krieges unterbrochenes Studium fortsetzen zu können. So studierte ich Politikwissenschaften, zuerst am Reed College in Portland, Oregon, dann ging ich an die University of Chicago, um das Diplom und den Doktortitel zu erwerben. Dort lernte ich auch meine Kommilitonin und spätere Frau Jane Mc Williams kennen. Unser Sohn Nicholas arbeitet als Kolumnist bei der New York Times; er ist zweifacher Pulitzer-Preisträger. Nach abgeschlossener Ausbildung erhielt ich verschiedene Stellen als Forscher an der Columbia-Universität und am Hoover Institut an der StanfordUniversität. Ich hatte Lehraufträge an der Temple University und der University of Waterloo in Ontario in Kanada. Zwischenzeitlich veröffentlichte ich zahlreiche Artikel, hauptsächlich über geopolitische Fragen, durch die ich auch in Europa, insbesondere in der Sowjetunion, bekannt wurde, wo ich mehrmals Vorträge gehalten habe. Besonders interessierten mich Grenzen und Grenzgebiete, über die ich eine Studie veröffentlichte, die vielfach gedruckt wurde. Ich

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wollte aber immer nach Oregon zurĂźckkehren, und so habe ich 1971 zu meinem GlĂźck eine Stelle an der Portland State University angenommen, wo ich bis zu meiner Pensionierung unterrichtet habe. Danach habe ich mich dem Verfassen von Buchbesprechungen zugewandt, was ich bis heute, im Alter von 90 Jahren noch tue. Ăœbersetzung aus dem Englischen: Michael Augustin, Leonberg Professor Ladis Kristof ist am 15. Juni 2010 gestorben.

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Der geldgierige Schaffner Von Anton Wambach Wir waren eine Gruppe von sieben bis acht jungen Burschen. Zu Hause waren wir in Tschanad, im Dreiländereck Jugoslawien/Rumänien/Ungarn. Wir trafen uns fast allabendlich, um Karten zu spielen oder sonst etwas zu unternehmen. Tagsüber hatte jeder seine Arbeit, meist etwas, was mit Landwirtschaft zu tun hatte. Einer davon, Hans Jung, war mit seinen Eltern 1944 wegen der Kampfhandlungen im Dorf geflüchtet und bis nach Deutschland gelangt. Nach dem Krieg ist die Familie heimgekehrt. Er erzählte oft von seinen schönen Erlebnissen in Deutschland. Eines Abends sprachen wir auch davon, ob wir nicht ins „Reich“ sollten, Anton Wambach weil wir Deutsche in Rumänien keine Zukunft hätten. Allmählich fassten wir einen Plan. Hans Jung, Joschka Wolf, Toni Koreck und ich beschlossen, über die Grenze zu flüchten. Mit Geld und Lebensmitteln von daheim ausgerüstet, sollte es losgehen. Wir hatten beschlossen, am 25. Februar 1950 mit dem 4-Uhr-Zug in Richtung jugoslawischer Grenze abzufahren. Die nur zwei Kilometer entfernte ungarische Grenze kannten wir gut, aber die Ungarn hätten uns, bei Gefangennahme, ausgeliefert. Von den Jugoslawen war Anfang der 1950er Jahre so etwas nicht zu erwarten, denn der Konflikt Tito-Stalin war in vollem Gange, und zwischen Rumänien und Jugoslawien tobte eine schmutzige Diffamierungsschlacht. Am Abend des 24. Februar 1950 verabschiedeten wir uns bei Joschka zu Hause von den Kameraden mit einem Hühner-Gulasch. Nachdem sich der Großteil der Kameraden nach 23 Uhr verabschiedet hatte, waren nur wir vier und Joschkas Bruder noch anwesend. Wir sprachen über alles Mögliche, so auch über die Flucht. Bis dahin wusste außer uns vieren keiner etwas von unserem Vorhaben. Gegen 0.30 Uhr ging auch Joschkas Bruder schlafen. Wir vier versuchten, noch ein wenig am Tisch sitzend zu schlafen, was aber nicht gelang. Samstag, um 3.30 Uhr, machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Der von einer Dampflok gezogene Zug fuhr um 4 Uhr ab. An der übernächsten Station, Großsanktnikolaus, mussten wir umsteigen in den Zug in Richtung Valkan (Valcan), dem letzten Ort vor der jugoslawischen Grenze. Wir mussten eine Zeitlang warten, bis

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der Anschlusszug kam. Genug Zeit für uns, um Fahrkarten zu lösen. Um unsere Spur zu verwischen, hatten wir in Tschanad lediglich bis Großsanktnikolaus gültige Fahrkarten gelöst. Der Bahnbeamte am Schalter lehnte es ab, uns Fahrkarten zu verkaufen, weil unsere Personalausweise für den jugoslawischen Grenzbereich nicht gültig waren. Doch der Zug, mit dem wir weiterfahren wollten, kam eben eingefahren, und wir überlegten, ob wir unser Vorhaben bleiben lassen sollten. Während wir noch überlegten, kam ein Schaffner aus dem Zug und fragte uns auf Rumänisch, wo wir hinfahren wollten, und wir antworteten: „Nach Valkan“. Weiterhin wollte er wissen, ob wir schon Fahrkarten hätten, und als wir dies verneinten, machte er uns den Vorschlag, uns auch ohne Karten mitzunehmen, wenn wir ihm den Fahrpreis direkt bezahlten. Wir waren froh darüber und sagten zu. Mit einem Stock zeigte er über die Schulter auf einen Waggon mit Plattform im hinteren Teil des Zuges und forderte uns auf, sobald der Zug anfuhr, dort aufzuspringen. Die Geldgier des Schaffners hat uns unerwartet weitergeholfen. Er machte uns darauf aufmerksam, dass der Bahnhof von Valkan taghell erleuchtet sei und die Grenzer ernst kontrollierten. Bevor der Zug den erleuchteten Abschnitt erreicht, werde er langsam fahren. Dann würde er kommen und für uns die dem Bahnhof gegenüberliegende Tür aufschließen. So geschah es auch, und wir sprangen aus dem langsam fahrenden Zug einer nach dem anderen hinaus, den Bahndamm hinunter und in die dunkle Nacht. Nach etwa 200 Metern blieben wir stehen und schauten zurück zum Bahnhof. Dieser war noch hell erleuchtet, und alles schien normal zu sein. Nachdem am Bahnhof die Lichter gelöscht waren, gingen wir weiter, querfeldein in die dunkle Nacht, gegen Westen, wo wir die Grenze vermuteten. Wir fanden eine unverschlossene Weingartenhütte, in der wir ein bisschen gegessen und geraucht haben. Wir hatten Brot und Wurst für etwa zwei Tage dabei. Zigaretten hatten wir sogar für vier Wochen, aber keinen Tropfen Trinkwasser. Auf einem Feldweg suchten wir nach tiefen Wagenspuren, zerschlugen das Eis darin, um an das bisschen Wasser zu kommen, das wir aus den Händen tranken. Als es hell wurde, sahen wir vor uns den Ort Valkan, ein Dorf, wie viele im Banat. Wir gingen jeweils zu zweit ins Dorf. Gleich am Ortseingang war eine Kaserne der Grenzschutzpolizei mit einem Posten vor dem Tor. In Sichtweite dieses Postens haben wir uns zusammen auf eine Bordsteinkante gesetzt und Zigaretten geraucht. Wir saßen und standen da, ohne recht zu wissen, wie es weitergehen sollte. Wir wurden unsicher, nicht zuletzt wegen der vielen Soldaten. Joschka fragte einen zufällig vorbeigehenden Mann, einen älteren Rumänen, wo Herr Bender - aus der Phantasie geboren - wohne. Der Mann erwiderte, er kenne diesen Namen nicht, aber er zeigte auf ein Bauernhaus im Hintergrund und meinte, dort wohne ein Deutscher, vielleicht könne der uns weiterhelfen. Wir gingen zu diesem Haus und trafen einen Mann um die 50 Jahre alt und alleinstehend. Seine Familie war nach Deutschland geflüchtet, als

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er noch in Kriegsgefangenschaft war. Als wir ihm unser Vorhaben schilderten, bekam er sichtlich Angst. Er bat uns, mit ihm in den leer stehenden Pferdestall zu kommen, damit wir nicht gesehen werden, weil schon öfter Fluchtwillige entdeckt und verhaftet worden waren. Hätte man uns bei ihm gefunden, so wäre er als Fluchthelfer bestraft worden. Er führte uns auch auf den Dachboden, schob einen Dachziegel hoch und erklärte uns den Verlauf zweier Bahndämme. Der eine führte geradeaus ins nächste Dorf, war stillgelegt, die Gleise bis zur Grenze waren entfernt worden. Der zweite führte quer zum anderen wie ein großes T, war in Betrieb und lag hart an der Grenze in Jugoslawien. Wir waren mit dieser Auskunft zufrieden und hörten nur noch halb zu, als er von Schießen und gefährlich sprach. Auch sagte er noch, wenn alles so einfach wäre, wäre er schon längst zu seiner Familie gegangen. Zum Abschied wies er uns noch an, auf dem Dachboden zu bleiben und erst bei Dunkelheit sein Grundstück zu verlassen, damit er keine Schwierigkeiten bekomme. Wir versprachen dies, gaben ihm noch unser restliches rumänisches Geld, und er verließ uns. Wir hatten ein wenig von unserem Vorrat gegessen, geraucht und auch ein bisschen geschlafen. Als wir erwachten, war es schon dunkel, und wir machten uns auf den Weg. Nach einer Weile stießen wir in der Dunkelheit auf einen Bach und gingen nun an diesem entlang weiter, immer auf der Suche nach Gegenständen, mit deren Hilfe wir trockenen Fußes den Bach überqueren könnten. Nach einer Weile fanden wir einen Feldweg mit einer Brücke. Wir überquerten den Bach und erreichten auch bald den stillgelegten Bahndamm, dem wir folgten. In der Dunkelheit konnten wir schon den neuen Bahndamm auf jugoslawischer Seite ausmachen. Wir erreichten ein abgeerntetes Maisfeld, auf dem noch das in kegelförmige Haufen zusammengestellte Laub stand. In einem solchen Laubhaufen versteckten wir uns und schliefen vor Erschöpfung ein. Der Pfiff einer Dampflokomotive und das Geräusch eines Zuges rissen uns jäh aus dem Schlaf. Wir krochen, noch schlaftrunken, heraus und sahen einen Zug an der Grenze entlangfahren, wie es uns der Mann gesagt hatte, etwa einen Kilometer vor uns. Wir orientierten uns neu. Inzwischen sahen wir den Grenzverlauf deutlich. Der alte Damm hörte etwa 150 Meter vor dem neuen auf. Rechts vom alten Damm, etwa 300 Meter entfernt, befand sich ein rumänischer Grenzerstützpunkt mit einem hohen Wachturm davor. Vor uns lag der neue Damm, und gegenüber dem rumänischen Grenzerstützpunkt war auf jugoslawischer Seite ebenfalls ein Grenzerstützpunkt, vor dem ein Soldat Posten stand. Es wurde uns plötzlich klar, wenn wir auf dieser Seite des alten Dammes blieben, konnte uns das Maschinengewehrfeuer vom Wachturm erreichen. Wir stiegen also über den alten Damm, und halb gehend, halb laufend näherten wir uns gebückt und im Schutze des Dammes der Grenze. Plötzlich, wir hatten vielleicht noch 500 Meter bis zur Grenze, tauchte eine rumänische Zwei-Mann-Patrouille auf. Als die

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Soldaten uns sahen, blieben sie stehen und beobachteten uns eine Weile. Als sie jedoch die Waffen von der Schulter nahmen und durchluden, machten wir kehrt und liefen zurück über den Damm. Wir überlegten gemeinsam die neue Situation und wussten nicht so recht, was nun zu tun wäre. Weil die Soldaten uns nicht mehr sahen, zogen sie weiter ihres Weges. Diesseits des Dammes war ein Entwässerungsgraben, vielleicht einen halben Meter tief, mit niederem Gebüsch aus trockenem, etwa zwei Meter breitem Unkrautbestand. Jetzt musste alles schnell gehen. Wir beschlossen, im Entwässerungsgraben zur Grenze in Gänsereihe zu laufen. Etwa 20 Meter vor der Grenze sahen wir dicht neben uns einen Graben, der mit Reisig abgedeckt war. Wir wussten, dass der neue Bahndamm in Jugoslawien lag, aber nun sahen wir auch, dass die Grenze schon ein Stück davor verlief. Der jugoslawische Posten sah uns kommen und kam uns entgegen, um uns den Weg abzuschneiden. Als wir die Grenzlinie überschritten hatten, rief er „stoj“ (Halt), doch wir liefen weiter und wollten den Bahndamm hinauf. Erst als er sein Gewehr durchgeladen hatte und zu schießen drohte, blieben wir stehen. Wir sahen auf der Stirnseite seiner Fellmütze einen roten Stern mit Sichel und Hammer und dachten, es sei ein Russe auf rumänischer Seite. Weil ich von meinem Lehrmeister Serbisch gelernt hatte, konnte ich mich mit dem Soldaten so recht und schlecht verständigen. Mit erhobenen Händen standen wir also vor ihm. Während er uns mit einer Hand durchsuchte, fragte ich so gut ich konnte, ob wir in Jugoslawien seien. Als er dies bejahte, fiel uns ein Stein vom Herzen. Der Soldat gab uns zu verstehen, dass wir fünf Schritte vor ihm in Richtung Gebäude gehen sollten. Mit dem Gewehr im Anschlag führte er uns ab. Am Grenzerstützpunkt nahmen uns zwei andere Soldaten in Empfang. Nachdem wir durchsucht waren, führten sie uns ins Innere des Hauses, es war wohl der Aufenthaltsraum der Grenzer. Wir nahmen an einem langen Tisch mit Bänken Platz, und sie gaben uns Kaffee und dazu Weißbrot. Es kamen noch weitere Soldaten, wohl aus Neugier, dazu, einer davon konnte besser Rumänisch als ich Serbisch. Er erklärte uns, welches Glück wir gehabt hätten. Unter anderem sei der Fallgraben, den wir im Vorbeigehen gesehen hatten, schon vielen Leuten vor uns zum Verhängnis geworden. Sie hatten vom Fenster aus unsere Flucht beobachtet und wussten, dass wir es geschafft hatten, als wir am Fallgraben vorbei waren, denn der rumänische Scharfschütze war noch nicht auf seinem Posten auf dem Wachturm. Nach einer Stunde begleitete uns ein Soldat hinaus zur Toilette. Als die rumänischen Soldaten uns vier sahen, wurde es drüben sehr laut. Sie nannten uns Verbrecher und Verräter des Sozialismus, fluchten gehörig und drohten, zu schießen. Der Soldat, der uns begleitete, rief um Verstärkung, so dass noch zwei Soldaten mit Maschinenpistolen herbeieilten. Inzwischen war auch der rumänische Wachturm besetzt, und der Soldat bedrohte uns mit der Maschinenpistole und zornigen Gesten. Gegen Mittag wurde es nochmals sehr laut auf der rumä-

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nischen Seite. Ein serbischer Soldat rief uns ans Fenster, und wir sahen, dass zwei berittene hohe Offiziere angekommen waren. Es hörte sich an, als ob da die Prügelstrafe vollzogen würde. Wir erhielten ein warmes Mittagessen und wurden danach von einem bewaffneten Soldaten zu einer Polizeistation in ein Dorf gebracht. Der Weg über die Landstraße war menschenleer. Wir versuchten vergeblich, mit dem Soldaten ins Gespräch zu kommen. Einen Sicherheitsabstand von fünf Schritten hielt er stets ein. Nach der Übergabe an einer Polizeistation konnten wir uns frisch machen und bekamen auch Kaffee zu trinken. Dann ging es mit einem anderen Soldaten weiter in den nächsten Ort, ein Kleinstädtchen mit Gefängnis. Als Emigranten wurden wir besser behandelt als die Strafgefangenen und kamen auch alle vier in eine Zelle. Die Polizisten nannten uns „Rumuni“ (Rumänen) und waren freundlich. Gelegentlich erhielten wir auch mal einen Essens-Nachschlag zu der mageren Tagesration. Nach einer Woche wurden wir zum Bahnhof gebracht und in einen Zug gesetzt. Wir kamen nach Großbetschkerek (Zrenjanin) in ein größeres Gefängnis. Dort wurden wir getrennt und in Zellen zu Strafgefangenen gebracht. Joschka und ich blieben zusammen in einer Zelle mit vier einheimischen Strafgefangenen. Hans und Toni Koreck kamen jeder in eine andere Zelle und konnten auch mit niemandem reden, weil sie kein Serbisch verstanden. Auch dort hatten wir Privilegien gegenüber den Häftlingen. Wir bekamen zwar mehr zu essen, aber nicht ausreichend, und hatten mehr Freigang im Hof. Unsere Zelle war etwa vier mal drei Meter groß. Neben der Eingangstür standen ein Waschtisch und ein Eimer mit Wasser. Auf der anderen Seite der Tür stand ein offener Eimer zum Urinieren. Im Hintergrund gab es in Kniehöhe über die ganze Breite ein zwei Meter langes Holzpodest, das am hinteren Ende etwas erhöht war, was das Liegen erleichterte. In der Wand gegenüber befand sich ein Fenster von 80 Zentimetern im Quadrat. Jeder Insasse bekam eine Pferdedecke. Zum Schlafen hatten sich immer zwei zusammengetan und eine Decke als Unterlage und eine zum Zudecken verwendet. Wir lagen in der Reihe dicht nebeneinander. Wenn einer sich umdrehte, mussten sich auch alle anderen wenden. Wenn einer die Knie anzog, mussten alle anderen das auch tun. Es war für uns unerfahrene Jungen eine harte Zeit. Etwa 16 Tage waren wir dort untergebracht. Zu essen gab es immer das gleiche: morgens eine Schale Malzkaffee und ein Stückchen Brot, mittags und abends je eine Kelle dünne Bohnensuppe und ein Stückchen Brot. Auch hier hatten wir Vergünstigungen; je nach Laune oder Möglichkeit der Köche bekamen wir gelegentlich Nachschlag. Außerdem bekamen wir ab und zu ein paar Zigaretten, denn die unseren waren uns zusammen mit unserer Habe abgenommen worden. Toni war in einer Zelle neben der Küche, daher wurde er öfter geholt, um zu helfen; dann bekam er auch zu essen. Hans hatte es am schlechtesten, denn er war allein unter 20 Strafgefangenen.

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Im Emigrantenlager Nach 16 Tagen bekamen wir unsere Sachen zurück. Wir wurden in ein Emigrantenlager am Rande der Stadt gebracht. Der Lagerkommandant, ein Offizier, war Zigeuner und sprach Rumänisch; die Zigeunersprache in Jugoslawien ist Rumänisch. Aber er konnte auch gut Deutsch. Als er erfuhr, dass wir gar keine Rumänen, sondern Deutsche waren, sprach er mit uns immer Deutsch, nur bei Verhören sprach er Rumänisch. In diesem Lager waren Ungarn, Albaner, Rumänen, Serben und Deutsche aus Rumänien und Bulgarien. Wir wurden einer Gruppe von gut einem Dutzend Rumänen zugeteilt. In den Abendstunden, nach dem Essen, wurden wir, einer nach dem anderen, zum Verhör zum Kommandanten bestellt. Jeder von uns wurde mehrmals geohrfeigt und geschlagen. Der Joschka bekam am meisten ab. Als einziger von uns vieren wurde ich hier nicht verhört. Am anderen Morgen, beim Appell, konnte ich feststellen, dass wir in guter Gesellschaft waren. Ein Gefängnisdirektor aus Konstanza, Hauptmann Stoic ller Uniform, ein Hauptmann Elekes in Uniformteilen, sein Pilot Vlaicu, den er gezwungen hatte, ihn mit dem Flugzeug außer Landes zu bringen, die Frau eines hohen Offiziers, der zum Verhör in einem anderen Gefängnis war, und viele ande ein Offizier in Zivil. Hier erging es uns sehr schlecht, in jeder Beziehung. Täglich 400 Gramm Brot, eine Kelle Bohnensuppe mittags und eine weitere abends; morgens gab es eine Kelle Malzkaffee. Sonntagsmittags schwammen in der Bohnensuppe bis zu fünf würfelzuckergroße Fleischstückchen. Weil der Hans kein Fleischesser war, gab er mir seine Fleischstücke, obwohl auch er Hunger litt. Wie in den Gefängnissen vorher wurden uns auch hier die Sachen abgenommen. Zum ersten Mal, seit wir von zu Hause weg waren, konnten wir unsere Unterwäsche und Hemden mit heißem Wasser waschen und uns duschen. Einmal saßen wir im Hof im Schatten eines Baumes und langweilten uns. Da hörten wir plötzlich von weit her ein uns wohlbekanntes Geräusch, das Geräusch einer Dreschmaschine. Daher meinten wir, dass es wohl die Zeit um Peter und Paul wäre. Weil der Hunger mir sehr zusetzte, wurde ich immer schwächer. sich für mich ein, und so bekam ich zwei Wochen lang die doppelte Essensration. Mit der Zeit wurde es auch den anderen Leuten unerträglich; wir traten in Hungerstreik. Eines Morgens holte keiner seinen Kaffee an der Ausgabe ab und das Mittagessen auch nicht. Wir vier waren noch unerfahren, um das Geschehen zu ermessen und machten einfach mit. Nachmittags kamen einige hohe Offiziere. Ein allgemeiner Appell wurde angeordnet und eine Delegation zusammengestellt, die mit den Offizieren verhandelte. Es wurde vereinbart, dass nach und nach alle Insassen, bis auf die Albaner, in Braunkohlebergwerke verteilt werden. Beim zweiten Transport waren auch wir dabei. Wir wurden von Militär zum

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Bahnhof gebracht und in einen Zug gesetzt, der uns am 9. Juli 1950 ins Braunkohlebergwerk Kolubara brachte. Dort trennten sich unsere Wege. Joschka wurde einer Schreinerei zugeteilt, Hans, Toni und ich wurden weitergeleitet in eine nahe gelegene Zeche, wo wir in verschiedenen Schichten unter Tage arbeiteten. Dort bekamen wir Lohn und in einer Kantine ausreichend zu essen auf Lebensmittelkarten. Kleiderkarten bekamen wir keine, weil die Behörden nicht wussten, wie lange wir hier bleiben werden. Es war gegen Ende September, als mich ein mir bekannter Türke von der Donauinsel Ada Kaleh, auf Rumänisch ansprach. Er wollte in den nächsten Tagen ein zweites Mal die Flucht über Triest nach Italien versuchen. Von dort aus könne man legal in alle westlichen Länder reisen. Es sei eine sichere Sache, da er die Lage schon kenne. Nach Rücksprache mit Hans und Toni sagte ich zu. Zwei Türken, ein Russe, Toni und ich machten uns auf den Weg nach Triest. Hans und Joschka wollten es mit anderen Leuten ein andermal versuchen. Wir gingen zum Bahnhof, und um unsere Spur zu verwischen, lösten wir die Fahrkarten nur bis Belgrad. Dort kauften wir neue Fahrkarten bis Laibach (Ljubljana). Dort wollten wir Karten bis zur Grenzstation lösen, doch es kam alles anders. Als der entsprechende Zug im Bahnhof Belgrad ankam, haben wir uns in ein Abteil gesetzt, das uns leer schien. In einer Ecke saß ein Offizier, der scheinbar schlief. Während der Fahrt kam ein Schaffner und entwertete die Fahrkarten. Es ging alles gut bis kurz vor Laibach, da wurden wir von Miliz kontrolliert und verhaftet. Im Bahnhof Laibach wurden wir aus dem Zug geholt und in eine Schule gebracht. In der Schule war schon ungefähr ein Dutzend Leute verschiedener Nationalität versammelt, die dasselbe Ziel hatten: Triest. Diesen war es ebenso ergangen wie uns, nur früher. Nach kurzem Verhör wurden wir in den Saal zurückgebracht. Dort waren wir elf Tage eingesperrt bei geringer Verpflegung. Eines Abends bekamen wir die Brennholzration für den nächsten Tag nicht. Die in solchen Sachen erfahrenen Männer sagten, das sei ein gutes Zeichen. Am anderen Morgen bekamen wir alle unsere Sachen zurück, wurden zum Bahnhof geführt und in einen Zug gesetzt. An der Grenzstation Sežana wurden wir aus dem Zug geholt. Polizei brachte uns in einen Grenzerstützpunkt. Abgeschoben nach Italien Dort wurden wir den Rest des Tages verhört und auf Wertsachen untersucht, die beschlagnahmt wurden. Polizisten und Soldaten waren sehr grob zu uns, nicht nur im Ton, es wurden auch Leute geschlagen. Das waren wohl noch die alten Partisanen. Nach Einbruch der Dunkelheit wurden wir auf die Straße geführt und in Reih und Glied aufgestellt. Drei schwer bewaffnete Soldaten bewachten uns. Als ein vierter mit höherem Dienstgrad dazugekommen war und Anwei-

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sungen gegeben hatte, führten sie uns auf einer Landstraße ab. Wohin, wussten wir nicht. Wir hatten alle Angst, denn es wurde erzählt, dass die Partisanen die Leute zur Grenze führen, um sie „auf der Flucht“ zu erschießen. Als wir in der Dunkelheit an einer Baumgruppe vorbei waren, sahen wir in einiger Entfernung ein Lichtermeer. Wir mussten stehen bleiben. Der Offizier sagte uns in rauem Ton: „Wenn ihr in Richtung Lichter geht, kommt ihr unter einer Hochspannungsleitung durch. Dort beginnt Italien“. Halb gehend, halb laufend, stoben wir auseinander den Lichtern entgegen. Es sah aus wie in einer Mondlandschaft. Es war eine Hochebene mit umherliegenden Steinen und mannshohem Gestrüpp. Fast kein Durchkommen trotz sternenklarer Nacht. Toni und ich blieben immer dicht beieinander. Wir kamen an die besagte Hochspannungsleitung und dachten immerzu: Jetzt werden sie schießen. Aber nichts dergleichen geschah. Nach etwa l00 Metern über Geröll und durch Gestrüpp erreichten wir eine kleine Lichtung. Rechts und links neben uns hörten wir andere laufen. Zusammen mit diesen rasteten wir auf der Lichtung, rauchten eine Zigarette und warteten auf die langsameren, in der Hoffnung, dass sie es auch geschafft hatten. Im Sternenschein war nicht allzu viel zu erkennen. Nach etwa einer halben Stunde waren wir wieder alle zusammen. Alle freuten sich, dass wir heil und gesund den Eisernen Vorhang überwunden hatten. Wir berieten, wie wir weiter vorgehen sollten; wir waren mehr als 20 Personen verschiedener Nationalität. Weil wir uns nicht einig wurden, gingen wir erst einmal auf die vielen Lichter zu. Es war für uns das erste besondere Erlebnis im Westen: Alles war taghell erleuchtet, und es gab keine Soldaten in Grenznähe, auch keine Kontrolle. Im Osten undenkbar. Nach einer Weile hatten wir eine sehr gepflegte Ausfallstraße mit Gehwegen rechts und links und schöner Beleuchtung erreicht, die jedoch menschenleer war. Wir gingen wortlos weiter in der Hoffnung, irgendwann jemanden zu treffen. Nach einer Weile, es muss gegen Mitternacht gewesen sein, beschrieb die Straße einen leichten Bogen, und danach folgte eine Straßenkreuzung. Ein Uniformierter wollte dort eben die Straße überqueren. Er schien unbewaffnet; wir mussten mehrmals rufen, bis er uns gehört hat. Er blieb stehen, wir gingen zu ihm und sahen, dass er einen Revolver trug. Einer von uns, der meinte, er könnte Italienisch sprechen, versuchte, zu erklären, dass wir gerade aus Jugoslawien kämen und nicht weiter wüssten. Als der Mann das Wort Jugoslawien hörte, musterte er unsere Kleidung. Da wusste er genug. Diesen Eindruck hatten wir zumindest. Er versuchte, uns zu erklären, dass er italienischer Polizist sei und uns auf die Wache mitnehmen werde. Weil Italienisch und Rumänisch viele Gemeinsamkeiten haben, verstanden wir aus Rumänien viel von dem, was er sagte. Auf der Wache, es war der 14. Oktober 1950, bekamen alle, die wollten, etwas zu essen und zu trinken. Danach folgte ein kurzes Verhör in verschiedenen Sprachen. Es wurde uns gesagt, dass im Ort Opicina (Optschinach) ein Sammellager sei, wo

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wir hingebracht werden. Das Lager bestand aus mehreren Holzbaracken aus der Zeit des Krieges. Triest und seine Vororte waren Freistaat unter angloamerikanischer Besatzung. Nach einigen Tagen wurden wir zusammen mit anderen Männern nach Triest in ein Männerheim verlegt. Toni und ich waren im Westen, Joschka und Hans noch in Jugoslawien. In Triest ging es uns relativ gut. Im Lager waren viele Nationen vertreten. Die größte Gruppe waren weißrussische Intellektuelle. Das Essen war gut und abwechslungsreich. Wer wollte, bekam Kleidung und Wäsche aus Spendensammlungen in Amerika. Um auch etwas Geld für Zigaretten, Obst, Kino und mehr zu bekommen, haben wir gelegentlich in den Gärtnereien am Stadtrand gearbeitet. Wir hatten beide die Einreise und Aufenthaltserlaubnis für Deutschland beantragt, doch es dauerte alles lange. Toni wurde ungeduldig und floh auch von hier, er wollte illegal nach Österreich gelangen. An der Grenze wurde er jedoch erwischt und in ein Lager in der Nähe Roms gebracht. Am 6. September 1951 bekam ich meine Papiere, und am 9. September 1951 kam ich mit dem Zug in Freilassing/Bayern an, wo ich weitergeleitet wurde ins Lager Piding. Meine Flucht war beendet. Auf dem Weg in die Integration fand ich viele, die es gut mit mir meinten. Besonders mein Arbeitgeber, bei dem ich 34 Jahre lang, bis zu seinem Tode, beschäftigt war. In mancher schlaflosen Nacht habe ich daran gedacht: War die Flucht nun ein Fluch oder ein Segen? Für mich persönlich sicher ein Segen, denn vieles, was ich angepackt habe, ist mir auch gelungen. Der Fluch der rumänischen Grenzsoldaten aber traf meine Familie voll. Sie wurde in die Donautiefebene (B haben den Kampf gegen eine Abhängigkeitserkrankung frühzeitig verloren. Wegen dieser Krankheit hat sich auch meine Mutter aufgerieben. Im Sommer 1966 konnte ich sie zum ersten Mal nach meiner Flucht besuchen. Auch Hans, Joschka und Toni haben sich in verschiedenen deutschen Städten Existenzen aufgebaut und Familien gegründet. Zu Pfingsten 1966 haben wir uns alle vier getroffen, es war das erste und einzige Mal. Heute, mit einem Abstand von mehr als 60 Jahren, frage ich mich und andere: Wer hat wohl den liebenswerten Eisenbahnschaffner zur richtigen Zeit an die richtige Stelle geschickt? Ohne ihn wären wir nicht einmal aus dem Nachbarort herausgekommen. Oder: Wer hat die Grenzstreife geschickt, um uns zurück auf den richtigen Weg zu drängen? Oder: Wer hat den Scharfschützen von seinem Posten auf dem Wachturm ferngehalten? Oder: Wer hat uns den wegkundigen Türken geschickt? War es unser Schutzengel? Oder der Herrgott selber? Hat uns der Teufel geritten, wie man so sagt? Mit dem Ende der Flucht hatte diese Glückssträhne nicht aufgehört. Wenn ich meinen Lebensweg so anschaue, so spüre ich auch heute noch die schützende Hand über mir. Ladenburg, im Juni 2004

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Anton Wambach, geboren am 18. April 1932 in der Banater Gemeinde Tschanad, musste die Schuhmacherlehre abbrechen, weil seinem Lehrmeister in der kommunistischen Mangelwirtschaft das Material ausging. Er wurde Arbeiter in einer Mühle. In der Bundesrepublik Deutschland war er ein Jahr lang in Weichs bei Dachau in der Landwirtschaft tätig. Nach anderthalb Jahren als Kumpel im Steinkohlebergbau in Gelsenkirchen folgte die Station Ulm, wo er kurze Zeit in einem Baustoffhandel arbeitete. Darauf wechselte er nach Heidelberg, wo er bis zur Rente als Straßenbauer sein Auskommen gefunden hat.

Zum ersten und einzigen Mal haben sich die Flüchtlinge aus Tschanad an Pfingsten 1966 getroffen (von links): Joschka Wolf (Jahrgang 1933), Hans Jung, Toni Koreck und Anton Wambach (alle drei Jahrgang 1932).

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Dornenreicher Weg in die Freiheit Von Peter Schuster Geboren wurde ich am 22. März 1936 im siebenbürgischen Kirtsch (Curciu), einem ischen Bergen gelegen, mit vielen Obst- und Weingärten. Meine Eltern betrieben einen Bauernhof, und ich musste fleißig helfen. Dann kam der Krieg, mein Vater wurde eingezogen und ist 1943 gefallen. 1945 wurde meine Mutter nach Russland verschleppt und kehrte erst 1947 heim. Ich wuchs mit meinen Geschwistern bei Verwandten auf und hatte eine sehr harte Jugend. Ich musste sehr schwer arbeiten, meine Freizeit war sehr kurz bemessen. Ich trieb mich in der freien Natur umher und machte mir Gedanken über viele Peter Schuster Ereignisse und sammelte Erfahrungen. Während der Schul- und Berufsausbildung hatte ich viele Ideen, wie man einiges verändern könnte. Ich erkannte sehr bald, dass das in einem totalitären Staat nicht möglich ist, und so wuchs in mir der Wunsch, in Freiheit und Unabhängigkeit zu leben. Ich überlegte, wie ich das Land verlassen könnte. Und diesen Gedanken wurde ich nie mehr los. Ich überlegte, mich in einem Eisenbahnwagen einbauen zu lassen oder in einem Personenwaggon unters Dach zu kriechen. Doch das konnte ich nicht alleine schaffen. Ich hätte jemanden gebraucht, der die abgeschraubten Teile zurückmontiert. Denselben Gedanken hatten auch andere, aber sie wurden gefasst. Ich versuchte, eine Segelfliegerschule zu besuchen; trotz allerlei Hindernissen ist es mir gelungen, zur Fliegerschule nach Großdorf (S Hermannstadt zugelassen zu werden. Die Schule hatte schon seit einem Monat begonnen, als ich ankam. Aber die Theorie hatte ich schon zu Hause gelernt, ich musste nur noch fliegen lernen. Die Fliegerschule war auf einem Berg, wo es fast immer windig war. Die nächsten zwei Monate vergingen ohne Probleme. Wir sind immer nur einzeln geflogen. Eine Woche vor der Prüfung, an einem Sonntag, stiegen die Lehrer aus Vergnügen mit Zweisitzern in die Luft. Mein Lehrer war halb Ungar und halb Deutscher, er hieß Stefan Toth. Er hat mich zum Flug mitgenommen. Er sagte mir, dass er den Auftrag habe, mir etwas anzuhängen, damit man mich der Schule verweisen kann, ich sei der einzige Deutsche. Er selbst sei auch auf der Kippe, nur wisse er nicht, wann er dran sei.

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Beim Ausstieg aus dem Flugzeug schimpfte er mich zusammen, ich sei schlecht geflogen. Am nächsten Tag wurde ich zur Direktion gerufen; es wurde mir vorgeworfen, dass ich undiszipliniert sei, und so einer habe in der Fliegerschule nichts zu suchen. Mein Koffer war auch schon vor der Tür, ich musste in einen Geländewagen steigen und wurde zum Bahnhof nach Hermannstadt gefahren. Aus war der Traum vom Fliegen. Tauchgeräte Marke Eigenbau Doch der Fluchtgedanke ließ mich nicht mehr los. Ich fragte meinen gleichaltrigen Arbeitskollegen Stefan Neckel, ob er mit mir flüchten wolle. Er sagte ja. Wir wurden gute Freunde und suchten gemeinsam nach einer Lösung. Wir entschieden uns, den Weg über Jugoslawien einzuschlagen, und zwar als Taucher durch die Donau. Weil es damals in Rumänien keine Tauchgeräte gab, mussten wir selbst welche bauen. In ein paar Monaten war es soweit, wir hatten ein schwimmendes Ventil mit kleinen schwimmenden Teilen gebaut, welche die Rolle hatten, die Luftöffnung bei der kleinsten Wasserwelle zu schließen, und sie zu öffnen, wenn die Welle vorüber war. Den Schwimmer tarnten wir mit vermodertem Holz. Die Kleider wurden fest zusammengewickelt, in einen Gummisack gesteckt und entsprechend beschwert, so dass der Sack kaum an der Wasseroberfläche schwebte. Für das Gesicht hatten wir Gasmasken umgeändert. Die Verbindung von der Maske zum Schwimmer war ein halber Meter langer Gummischlauch und eine Leine. Tauchte man tiefer, sperrte sich alles automatisch und umgekehrt. Nun mussten wir unsere Konstruktion testen. Wir entscheiden uns für das in der Nähe gelegene Freibad. Ein erster Versuch ergab, dass die Ventile nicht richtig funktionierten. In zwei Wochen waren wir soweit, dass wir die Flucht wagen konnten. Zur Donau zu gelangen war sehr schwierig, denn 40 Kilometer landeinwärts begannen die strengen Kontrollen. Um die zu umgehen, entschieden wir uns, in einen Fluss zu steigen und mit ihm nach Jugoslawien zu schwimmen. Die von Temeswar nach Jugoslawien fließende Bega schien uns das richtige Gewässer zu sein. Ein Problem waren die Schiffe mit ihrem Propellerantrieb. Wir fuhren in die Nähe von Temeswar, warfen Holz in den Kanal und ermittelten die Fließgeschwindigkeit, um zu wissen, wann wir die Grenze passieren werden. Es hätte sieben bis acht Stunden gedauert. Das war eine lange Zeit, wir hätten das nicht durchgestanden. Aber wenn wir auf halbem Weg ins Wasser stiegen und uns bis abends versteckten, könnten wir es schaffen. Ende Juli 1956 fuhren wir erneut nach Temeswar und folgten dem Begakanal in Richtung Süden. Das Wasser war an diesem Tag sehr trüb. Wir dachten, das sei günstig, aber das Gegenteil war der Fall. Als wir nur ein paar Zentimeter unter Wasser

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waren, war es komplett dunkel. Die Taschenlampe leuchtete nicht einmal ein paar Zentimeter weit. Auch die Uhr nicht, der Kompass war auch nicht zu gebrauchen. Plötzlich hörten wir Motorengeräusch, konnten aber nicht feststellen, woher der Lärm kam. Das Wasser leitet den Schall so gut, dass wir desorientiert waren. Wir tauchten bis zum Boden, dann spürte ich einen festen Ruck, und als das Schiff vorbei war, tauchte ich langsam am Rand unter Weidengestrüpp auf. Ich sah mich um und suchte meinen Freund. Ich sah ihn lange nicht und machte mir Sorgen, dass etwas passiert sei. Plötzlich hörte ich ein Schnaufen auf der anderen Seite und sah, wie sich Stefan mit beiden Händen die Maske herunterriss. Reden konnte er noch nicht. Das Schiff hatte unsere Verbindungsschur durchtrennt und Stefan den Schwimmer abgerissen. So musste er viel Wasser schlucken, denn schnell auftauchen durfte er auch nicht. Als er zu sich gekommen war, sagte er, dass er aufgibt. Auch ich musste einsehen, dass unser Unternehmen ein Flop war. Auf dem Heimweg saßen wir im Zug und schwiegen wie Stumme. Verraten und gestellt Aber der Fluchtgedanke beschäftigte uns weiter. Wir wollten versuchen, über die grüne Grenze zu fliehen. Die Wahl fiel auf Hatzfeld an der serbischen Grenze, etwa 50 Kilometer von Temeswar entfernt. Wir wollten mit der Eisenbahn von Temeswar nach Hatzfeld fahren. In der Zwischenzeit hatten wir noch einen Freund namens Daniel für unser Vorhaben rekrutiert. Wir hatten ihn in alle Geheimnisse eingeweiht. Alles war minutiös geplant. Aber am Tag der Flucht, es war der 17. August 1956, kam Daniel nicht zum vereinbarten Treffpunkt. Wir sind ohne Daniel nach Temeswar gefahren und in den Pendlerzug nach Hatzfeld umgestiegen. Wir versuchten, Hatzfeld zu umgehen. Doch wir wussten nicht, dass die Grenze fast den Ort berührte. Plötzlich waren wir außerhalb der Ortschaft und standen vor einem geparkten Geländewagen. Wir waren kaum 200 Meter gegangen, da trat ein Mann aus dem Maisfeld und kam auf uns zu. Von hinten näherten sich gleich zwei Mann. Die verwickelten uns in ein Gespräch, dann zogen sie plötzlich Pistolen, legten uns Handschellen an und nahmen uns im Geländewagen mit. Wir gerieten in ein Gewitter. Es schüttete wie aus Kübeln, und es wehte ein kräftiger Wind. Wir fuhren stundenlang durch Mais- und Kartoffelfelder, bis wir auf eine Straße gestoßen sind. Auf dem Weg lachten unsere Aufpasser und sagten, warum wir nicht noch eine halbe Stunde gewartet hätten, dann hätten wir mit geschlossenen Augen über die Grenze gehen können. Denn in so einem Gewitter könne niemand geortet werden. Unser Mediascher Freund hatte uns der Securitate verraten. Damit wir nicht sehen konnten, wohin wir fahren, hatte man uns vor Temeswar Blechbrillen auf die Augen gesetzt und die Handschel-

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len kontrolliert. Die ganze Zeit durften wir kein Wort sprechen. Als das Auto hielt, hörten wir, wie sich ein Tor öffnete und schloss. Danach wurden wir angebrüllt und aus dem Auto gezerrt. Sie hießen uns „herzlich willkommen in der neuen Heimat“. Unsere Sonnenbrillen stünden uns wunderbar, und das Gute sei, dass sie nicht brechen, weil sie aus Blech gepresst sind. Ich wurde als erster gepackt und in einen Raum geführt. Man sagte mir nur: „Füße heben, Treppe“. Ich sollte ganz ruhig stehen und den Kopf nicht bewegen. Es herrschte eine himmlische Ruhe. Ich hatte sehr großen Durst, und ich hörte, nicht weit von mir Wasser tropfen. Da es so ruhig war, hatte ich mir an der Wand die Brille hochgeschoben, um zum Wasser zu gehen. Da bekam ich von hinten eine kräftige Ohrfeige, dass mir die Brille wegflog. Ich bemerkte, dass die Wärter Filzschuhe trugen, damit wir ihren Schritt nicht hörten. Ich verlangte Wasser und bekam auch welches. Nach langem Warten wurde ich in einen kleinen Raum geführt zur Leibesvisite. Schnürsenkel und Hosengürtel wurden mir abgenommen. Man setzte mir die Brille auf, und ich wurde zur Toilette geführt. Man drehte mich mehrmals herum, damit ich die Orientierung verliere. In der Zelle war lediglich ein eisernes Stockbett, neben dem man kaum stehen konnte. Hoch an der Wand brannte eine Glühbirne Tag und Nacht. Man sagte mir, ich könne mich niederlegen, aber die Hände müssten sichtbar auf der Decke liegen. Aber im Schlaf vergaß man die Anordnung und deckte die Hände zu. Nach kurzer Zeit sagte man mir, Hände auf die Decke, wenn nicht, werde ich etwas erleben, wegen Ungehorsams. Um 5 Uhr wurde ich geweckt, zur Toilette geführt, aber mit aufgesetzter Sonnenbrille und im Zickzack. Vor der Toilettentür bekam ich zwei Stückchen Papier. Die ganze Zeit stand der Wärter vor der Tür und blickte von Zeit zu Zeit durch ein Glasfenster herein. Nachher durfte ich an einem kleinen Waschbecken die Nase waschen. Beim Verhör stellte sich der Ermittler als Oberleutnant Pl übersetzt Pfannkuchen bedeutet. Er wollte herausbekommen, wohin wir gehen und warum wir weg wollten; außerdem, was uns nicht gefällt am Sozialismus. Mit einer Ohrfeige und einer Menge Beschimpfungen wurde ich in die Zelle zurückgeschickt, wo inzwischen noch ein Häftling saß. Er stellte sich vor und fragte, warum ich in Haft sei. Es war mir verdächtig, er wollte vieles von mir wissen. Manchmal weinte er, aber warum, wollte er nicht sagen. Ich hatte den Eindruck, dass er mit den Wärtern bekannt und ein Spitzel war. Aber ich hatte keine Verbrechen begangen und somit nichts zu fürchten. Jeden Tag wurde ich einmal zum Verhör geführt. In der zweiten Woche aber kaum noch. Nach zehn Tagen sagte man mir, dass ich in ein Gefängnis überführt werde, wo ich auf meinen Prozess warten müsse. Am letzten Tag wurde mein Zellengenosse zum Prozess geführt. Nach einigen Stunden kam er weinend zurück und sagte, dass er bei der Polizei Haftmeister war und als solcher ein verhaftetes Mädchen vergewaltigt hatte. Das Gericht hat ihn zu sechs Jahren verurteilt.

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Gefangen in Temeswar Am zehnten Tag wurde mir die blecherne Sonnenbrille zum letzten Mal aufgesetzt, in Handschellen musste ich in einen Geländewagen einsteigen. Nach kurzer Fahrt lachten meine Aufseher und sagten: „Hier wirst du den Rest deines Lebens verbringen“. Ich war im Gefängnis von Temeswar. Von meinem Freund wusste ich nichts seit der Verhaftung. Ich wurde angebrüllt und durch eine Tür geschubst. Über Treppen ging es in den ersten Stock. Dort musste ich mich mit dem Gesicht zur Wand stellen. Nach einer Leibesvisite, bei der mir auch ein Finger in den Hintern gesteckt worden ist, landete ich mit einem Schub in einer Zelle. Ich war erschrocken vom Anblick, der sich mir bot, und dachte, dass ich auch bald so aussehen werde wie diese Leute. Beim Öffnen der Tür hatten sich alle mit dem Gesicht zur Mauer wenden müssen. Als die Eisentür geschlossen war, bewegten sich alle und kamen auf mich zu. Es waren acht Mann, alle älter als ich. Ich war damals 19 Jahre alt. Alle wollten wissen, was in letzter Zeit geschehen ist. Zum Mittagessen gab es Suppe aus getrockneten Kartoffelscheiben, auf denen Hunderte von dicken, fetten Maden schwammen. Die Holzlöffel stanken fürchterlich. Wer weiß, wie viele mit denen schon gegessen hatten. Eine beschädigte emaillierte, etwa anderthalb Liter große Kostschale hatte ich auch bekommen. Jeder erkannte seine Kostschale an den Beulen. Auch die Holzlöffel hatten unterschiedliche Zeichen, an denen man sie erkennen konnte. Ich muss ein von Ekel erregtes Gesicht geschnitten haben, denn einer der Insassen kam, um mich zu trösten: „Warum isst du nicht? Es lebt keine mehr, mach Augen und Nase zu und schluck alles hinunter. Bei anderen Völkern ist dies eine Delikatesse. Also nimm dir Mut und schluck. Du wirst dich schnell daran gewöhnen“. Die Kartoffeln waren angeblich Überreste der Kriegsreserven. Ich schluckte alles hinunter, aber satt wurde ich nicht. Auf dem Bett sitzen durften wir nicht. In der Zimmermitte standen ein langer Tisch aus Winkeleisen und zwei lange Bänke. Lautes Reden war verboten. In der Tür war eine Öffnung, die mit einem durchlöcherten Blech abgedeckt war. Dadurch wurden wir ständig beobachtet. Gegen 17 oder 18 Uhr gab es Abendessen. Es bestand aus gekochten Pasternak-Wurzeln und einem Stück hartem Maisbrei. Nach 19 Uhr war Appell. Wir mussten uns mit dem Gesicht zur Wand aufstellen. Ein Häftling musste über die Lage berichten und die Zahl der Häftlinge melden. Der Offizier vom Dienst kam mit dem Wärter, der die Schicht übernehmen sollte, und zählte alle ab. Dann gab es noch einen Wärter, der klopfte alle Eisengitter mit einem Holzhammer ab, um nach dem Klang festzustellen, ob nicht ein Eisenstab durchgesägt war. Den Rapport musste jeden Tag ein anderer erstatten. Beim Rapport mussten wir alle zugeknöpft sein und gerade stehen. Wehe, wenn etwas nicht in Ordnung war. Nach dem Appell wurde alles wieder still. Das Bett durfte man aber trotzdem nicht berühren. Da ich neu war,

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hatten wir viel zu erzählen. Die Zeit reichte kaum, um das Leid jedes einzelnen zu erfahren und das eigene weiterzugebeen. Ich erfuhr, dass wir wegen Grenzübertritts zu zwei bis drei Jahren verurteilt werden. Das erschien mir sehr viel. Ein älterer Häftling, der meinem Gesicht den Kummer abgelesen hatte, sagte, dass er ein katholischer Mönch sei, schon einige Jahre Gefängnis hinter sich hätte und immer noch lebe. Um zu überleben, müsste ich einige Regeln einhalten. Er war wegen angeblichen Hochverrats und Spionage für den Vatikan zum Tode verurteilt worden. In Einzelhaft wartete er in einer kleinen dunklen Zelle auf den Tag der Hinrichtung. Beten war sein einziger Trost. Und das Beten gab ihm den Mut, durchzuhalten. In jener Zelle habe er vier Jahre gelebt, ohne das Tageslicht zu sehen, mit dem ewigen Gedanken, bei jeder Türöffnung zum Galgen geführt zu werden. Eines Tages habe er die Nachricht erhalten, dass das Todesurteil in Lebenslang umgewandelt worden sei. Dann zählte er mir die Überlebensregeln auf. Die wichtigste: „Du musst alles essen, was du vorgesetzt bekommst, ob ekelig oder nicht, hart oder weich, der Magen verdaut alles. Wenn du runde kleine Knochen im Essen findest, sollst du sie unbedingt essen, denn die sind nicht hart, und die inwendigen Zellen sind voller Öl, und Kalzium brauchst du auch. Das sind Gelenksknochen. Wenn alte Leute Knochen übrig lassen, dann verlange sie. Denn wenn du einmal schwach wirst, kannst du dich mit dieser Kost nicht mehr erholen, und du kriegst alle möglichen Krankheiten. Und wenn du Schläge bekommst, musst du auf die Zähne beißen und dir sagen: Es tut mir nicht weh, ich spüre nichts. Sollte dich jemand provozieren, lasse dich nicht ein. Steh niemals in der Vorderreihe, damit dich niemand kennt, es ist besser, unbekannt zu bleiben. Die Schreie, die wir manchmal am Abend hören, musst du ignorieren. Es hört sich an, als würde man Häftlinge quälen, was manchmal stimmt, aber es sind oft Häftlinge, die aus Verzweifelung schreien oder den Verstand verloren haben. Du musst denken, dass ein jeder sein eigenes Schicksal tragen muss, und du kannst sowieso keinem helfen. Du sollst dich hüten, mit der Securitate zu kollaborieren. Die Securitate wird dir alles versprechen, bis du ja sagst, die kannst du nie mehr lebend loswerden. Glaube nie, was sie dir versprechen. Die sind auch wie Napoleon, sie lieben den Verrat, hassen aber den Verräter. Vergiss nicht, du bist für die nur ein Werkzeug. Bist du im Gefängnis einmal als Spitzel enttarnt, wirst du nie mehr Ruhe finden, du wirst nur verspottet oder geschlagen. Und dann hast du auch noch gegen dein eigenes Gewissen zu kämpfen. Du musst dich so verhalten, dass du noch in den Spiegel sehen kannst. Viele haben sich aus diesem Grunde das Leben genommen.“ Diese und viele andere Ratschläge waren für mich Gold wert. Von da an habe ich alles leichter ertragen. Vor dem Schlafengehen mussten wir zur Toilette. Das war ein kleiner Bottich. Um 22 Uhr war Nachtruhe. Um 5 Uhr wurden wir geweckt. In fünf Minuten mussten die Betten aufgeräumt sein, in dieser Zeit

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mussten wir uns auch über dem Bottich waschen. Die Häftlinge vom Dienst mussten das Schaff leeren, spülen und mit Kalziumchlorid besprühen. Zwischen 6 und 7 Uhr hatten wir Appell, danach gab es Frühstück: etwa 800 Milliliter Terci (sprich Tertsch). Das war dünn gekochter Maisbrei mit ein wenig Zucker. Dazu wurde ein Töpfchen schwarzes Wasser, leicht gesüßt, gereicht. Es folgte der tägliche Ablauf. Zuerst erzählte jeder, was er geträumt hat, dann wurde ein Resümee gezogen, denn einige alte Häftlinge konnten sehr gut Träume deuten. Und mit ziemlicher Sicherheit traf das auch ein. Um alles zu verstehen, muss ich die Lage und die Gebäude ein wenig beschreiben. Das eigentliche Gefängnis war in E-Form gebaut. An einer Seite war die Bahnlinie und an zwei Seiten war eine Garnison russischer Soldaten. Die vierte Seite war das Verwaltungsgebäude und das Militärgericht. Dazwischen war ein großer Freiraum mit Parkanlage. Auf der Innenseite des Gebäudes waren Stacheldraht-Zellen eingerichtet. Zwischen dem Stacheldraht stand eine drei Meter hohe Bretterwand. Und darüber stand ein Wachposten mit Maschinenpistole, so dass er in alle Zellen hineinsehen konnte. Um die Zellen war in einem Abstand von anderthalb Metern von der Bretterwand ein Stacheldrahtzaun gezogen. Dazwischen war die Erde geharkt, damit man jede kleinste Spur sehen konnte. Wer diese Todeszone betreten hat, wurde ohne Warnung erschossen. Die Häftlinge wurden fast täglich, wenn das Wetter es erlaubte, in solch eine Zelle geführt. Dort mussten wir im Gänsemarsch spazieren. Meistens waren zwei Aufpasser oben im Häuschen. In dem mittleren Fuß des E-Gebäudes im Erdgeschoss war die Küche. Das Gebäude war zwei Stockwerke hoch, darin waren bis zu 1.000 Häftlinge untergebracht, darunter etwa 300 politische. Sie waren an einem Ende des E-Gebäudes im ersten Stock eingekerkert. Alle Fenster waren mit Brettern abgedeckt. Sie ragten weit über die Fenster hinaus, so dass man nicht hinaussehen konnte. Die Lüftung war deshalb auch sehr schlecht. Manchmal gelang es uns, einen Knoten aus den Brettern zu ziehen, um ein wenig hinaussehen zu können. Wir wechselten uns dabei ab. Während jemand hinaussah, stand einer mit dem Ohr an der Tür und lauschte, damit wir nicht überrascht wurden, denn dann gab es Strafen, meistens Isolation - je nach Wärter und Laune drei bis zehn Tage. Einfache Isolierung oder mit Handschellen, mit Ketten an den Füßen oder beides. Man wurde in einen kleinen ungeheizten Raum eingesperrt. Zwei Tage bekam man nur eine Kostschale mit warmem Salzwasser, am dritten Tag erst die volle Essensration. Wir schliefen in Eisenbetten ohne Strohsack oder Decken. Ich fing an, Morse zu lernen, aber am meisten gefiel mir das Stummenalphabet. Durch Klopfzeichen auf den Heizkörper fand ein Mithäftling heraus, dass mein Freund in der zweiten Zelle nebenan war. Bis zum Prozess durften wir uns nicht sehen. In unserer Zelle waren ferner ein zu 25 Jahren verurteilter Physikprofessor, ein Politiker, ein Gynäkologe, ein Agronom, ein Bauer und ein älterer Professor,

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der okkulte Wissenschaften studiert hatte und sieben Sprachen beherrschte. Von ihm lernte ich auch sehr viel, der hatte ein enormes Allgemeinwissen. Obwohl ich erst drei Tage in dieser Zelle war, hatte mir ein Wärter zu verstehen gegeben, dass ich sein Liebling sei. Wenn ich Hunger hätte, sollte ich es einfach sagen. Es war ein älterer Mann, er hieß Unguru. Erst viel später habe ich erfahren, worauf diese Sympathie beruhte. Immer wenn er Dienst hatte, freuten wir uns, er war überhaupt nicht streng, im Gegenteil, er warnte uns, wenn Gefahr drohte. Die in unserem Gefängnis einsitzenden Frauen arbeiteten in einer Konservenfabrik. Sie durften im Gegensatz zu uns Pakete empfangen. Weil sie im Stockwerk unter uns untergebracht waren, konnten wir aus dem Strohsack gezogenen Zwirn hinunterlassen und betteln. Manchmal schickten uns die Frauen Speck, Zucker oder aber Obst und Gemüse, das sie aus der Fabrik mitgebracht hatten. Sonntags hatten die Frauen Ausgang auf dem Gefängnishof. Mir gefiel eine namens Rosi; sie war wegen Veruntreuung verurteilt worden und hatte noch ein paar Monate bis zur Freilassung vor sich. Jeden Abend wechselten wir ein paar Worte. Manchmal schickte sie mir ein wenig Speck. Zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt Eines Morgens wurde ich verständigt, dass mein Prozess angesetzt ist. In einer halben Stunde sollte ich fertig sein. Wir wurden auf den Gang gebracht. Unter dem Dutzend Versammelten war auch mein Freund Stefan. Über den Hof ging es ins nächste große Gebäude. Wir kamen vor ein Militärgericht, dem ausschließlich hohe Offiziere angehörten, denn es war ein politischer Prozess; angeklagt waren wir wegen Landesverrats. Der Prozess verlief etwa so: Der Staatsanwalt las die Anklage vor. Ein Anwalt tat so, als würde er uns verteidigen. Dann wurde die Strafe verkündet. Stefan und ich erhielten je zwei Jahre Gefängnis. Wir überlegten, ob wir Widerspruch einlegen sollten. Doch der gute Wärter riet uns, es dabei zu belassen, denn wir hätten die geringste vom Gesetz vorgesehen Strafe erhalten. Bei einer Revision könnte es passieren, dass uns das Gericht die Strafe erhöht. Am nächsten Tag wurde einer von uns ins Krankenhaus gefahren. Nach ein paar Stunden kam er zurück. Er sagte mir, sie seien zu sechst gewesen, bewacht wurden sie von zwei Mann. Ich schmiedete ab sofort Fluchtpläne. Der gute Wärter brachte mir Milch und führte mich auch zum Arzt, natürlich nicht allein, sonst wäre das aufgefallen. Die sechs Ärzte auf der Station waren auch Häftlinge, lediglich der Chefarzt war Offizier. Er überwachte alles. Wegen meiner Schmerzen erhielt ich Medikamente und eine zweiwöchige Diät verordnet. Diät bedeutete etwas besseres Essen, aber auch viel weniger. Zufrieden war ich nicht, aber ich durfte mich nicht verraten. Ich wollte lediglich,

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dass man mich zum Röntgen führt, um vielleicht wegrennen zu können. Ich simulierte weiter Magenschmerzen, lernte fleißig Morse, auch die abgekürzte Form, die von den Häftlingen häufig benutzt wurde. Manche konnten fast so schnell klopfen, wie man spricht. Aber so schnell zu empfangen, das kam mir schwer vor. Das einhändige Stummenalphabet übte ich ebenfalls. Den Platz des Mönchs nahm ein reformierter Pfarrer ein. Inzwischen war ich seit zwei Monaten im Gefängnis, und der Gedanke, durchzugehen, ließ mich nicht los. An einem Morgen brachten sie mich mit drei anderen in die Stadt zum Röntgen. Unter den drei Aufpassern war auch der gute Unguru. Dem konnte ich eine Flucht nicht antun. Im Krankenhaus stellte sich Unguru neben mich und sagte, ich sollte mir die Dummheit aus dem Kopf schlagen, denn mein Vorhaben werde misslingen, ich sollte schön brav sein bis zur Rückfahrt. Vor der Fahrt ins Krankenhaus hatte ich trotz Verbots eine Pflaume gegessen, die ich von meiner Rosi geklaut hatte, die mit anderen Frauen auf dem Gefängnishof Früchte für die Konservenfabrik sortierte. Diese Pflaume hat die Röntgenärzte irritiert, so dass sie eine ziemlich große Magenwunde diagnostizierten und eine Operation vorschlugen. Ich bat sie, sie sollen mir eine Diät verschreiben, denn ich werde alles überleben. Sie ordneten eine dreimonatige Diät an. Das Essen wurde von nichtpolitischen Häftlingen in Gegenwart des Wärters ausgeteilt. Beim Austeilen blieb stets etwas übrig, und das bekamen wir. Normal wurde dies ausgeschüttet, es durfte nicht aufgeteilt werden. Nach dem Essen wurden die Kostschalen und die Holzlöffel eingesammelt und in einem Nebenraum gespült. Das Essbesteck jeder Zelle wurde getrennt aufbewahrt. Jeder kannte seines an bestimmten Zeichen. Manchmal sahen wir durch die Astlöcher in der Bretterwand vor den Fenstern, wie vor dem Kücheneingang Schlachthofabfälle vom Lastauto auf den Asphalt gekippt wurden. Anschließend spalteten Häftlinge Rinderköpfe, zerlegten sie und warfen alles, einschließlich Lippen und Augen, aber auch gespaltene Hörner ins Kochgeschirr. Das war zwar unansehnlich, aber es stank nicht. Anders war es, wenn Rindermägen und -därme aufgeschnitten, gereinigt und in kleine Stücke geschnitten wurden. Der Gestank verbreitete sich überall. Anfangs musste ich die Nase zudrücken, wenn das Essen gereicht wurde. Aber zum Glück passt sich die Nase an, und in kurzer Zeit riecht man nichts mehr. Lediglich, wenn aus den Darmfalten noch Dreck hervorkam, ekelte man sich. Aber ich folgte der Lehre unseres Mönches Tarcisius: Nase zu, Augen zu, alles muss runtergeschluckt werden. Zweimal die Woche gab es Fleisch, an den anderen Tagen Madenkartoffeln oder -erbsen. Am besten waren die Bohnen. Sehr oft gab es Sauerkraut und Pasternakscheiben. Auch in Scheiben geschnittene Futterrüben wurden gekocht, ab und an auch Möhren. Auch Spinat gab es während der Erntezeit, aber nur in Wasser gekocht. Diese Speisen wurden abwech-

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selnd mittags und abends ausgegeben. Ich hatte keine Probleme mit dem Essen, aber ich war ständig hungrig. Nur wenn der gute Wärter im Dienst war, konnte ich satt werden, und die anderen auch. Abwechslung hatten wir auch. Man hatte uns einen Grenzgänger, einen Banater Schwaben aus Hatzfeld, in die Zelle gesteckt. Er war etwa 20 Jahre alt, ziemlich klein, aber sehr kräftig. Er litt an Epilepsie, was wir nicht wussten. Während wir im Zimmer spazierten, stand er plötzlich ein paar Sekunden, zählte an seinen Fingern und fiel vornüber auf die Ellenbogen. Er war so steif wie ein Klotz, die Muskeln waren wie Stein. Wir wollten an die Tür klopfen, aber ein alter Häftling meinte, wir sollten ihn liegen lassen. Die Krankheit könne kaum behandelt werden, er werde bestimmt aufwachen. In zehn Minuten stand er auf und erzählte weiter, als wäre nichts gewesen. Wir wurden fast täglich in den Hof zum Spaziergang gelassen. Der Hof grenzte an einer Seite an eine russische Garnison und wurde von zwei Mann in hohen Wachthäuschen beobachtet. Ich beobachtete die Posten schon lange und dachte, hier könnte ich flüchten. Mir fiel auf, dass ein dunkelhäutiger Posten sein Gewehr an einen Nagel hing, um die Mitesser im Gesicht auszudrücken. Ein zweiter hängte ebenfalls das Gewehr an den Nagel und reparierte Uhren. Der Uhrmacher war so konzentriert, so dass er nicht einmal den Kopf hob. Ich sagte mir, wenn einer der beiden im Dienst ist, werde ich einen Ausbruch wagen. Die beiden Posten waren stets in verschiedenen Schichten. Ausbruch Am 11. November 1956 führte man uns wieder in den Hof an die Luft. Als ich auf die Wachhäuschen blickte, dachte ich, ich werde verrückt. Meine beiden auserwählten Posten hatten zusammen Dienst, eine einmalige Gelegenheit, sagte ich mir. Während des Spaziergangs im Gänsemarsch war ich letzter. Der Pfosten, an dem ich hinaufklettern wollte, wies Verdickungen auf, war also für meine Absichten wie geschaffen. Von dem Pfosten musste ich auf die etwa zwei Meter davon entfernte vier Meter hohe Mauer springen, auf der unter Strom stehende Drähte gespannt waren. Dahinter war zwischen Mauer und einem inneren Stacheldrahtzaun der vier Meter breite Todesstreifen. Wer es wagte, ihn zu betreten, konnte ohne Warnung erschossen werden. Ich war mir sicher, dass ich längst drüber sein werde, ehe der Posten die Waffe vom Haken genommen hat. Allerdings hatte ich mir nicht überlegt, was ich mit meinen Schuhen machen soll. Ich musste sie ausziehen, um an dem Pfosten hochklettern zu können. Ich ging noch eine Runde hinter den anderen her und dachte nach, was ich mit den Schuhen machen soll. Ich versuchte vergeblich, sie in meine Windjackentasche zu stecken, zog sie wieder an und ging weiter hinter den anderen her. Über die Mauer konnte ich sie nicht werfen, denn man hätte es

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hören können. Deshalb beschloss ich, barfuß zu türmen, obwohl eine dünne Schneeschicht lag. Ich hörte nur noch mein Herz schlagen. Dann warf ich einen kurzen Blick auf die Wachen, und ich weiß nicht, wie ich über den Stacheldraht gesprungen und den Pfosten hinauf geklettert bin, ich ließ den unter Strom stehenden Draht hinter mir und sprang von der Mauer. Was ich nicht ahnen konnte: In den Mauerkamm waren zerbrochene Flaschenhälse einbetoniert. Noch schlimmer: Hinter der Mauer waren drei Meter hohe Zellen aus Stacheldraht errichtet, ferner ein tiefer Graben ausgehoben worden. Ich bin in solch eine Zelle gefallen und habe mir sehr weh getan, so dass ich erst einmal nicht atmen konnte. Als ich wieder Luft bekam, fing ich an, den Stacheldraht mit bloßen Händen zu brechen, bis ich ein so großes Loch im Zaun hatte, durch das ich durchkriechen konnte. Während ich den Draht durchbrach, wurde Alarm ausgelöst. Als ich draußen war, sah ich rechts einige Wärter auf mich zulaufen. Also lief ich nach links an einer russischen Wache vorbei, welche alles gesehen hatte. Der Soldat schüttelte nur den Kopf und ließ mich vorbeilaufen. Ich dachte kurz, in die Kaserne zu laufen, denn dort würden die Wärter bestimmt nicht nach mir suchen. Doch ich tat es nicht. Ich lief, so schnell ich konnte. Dann tauchte ein Rangierzug auf. Der Lokomotivführer war ein junger Mann. Als er die vielen Verfolger hinter mir sah, bedeutete er mir, aufzuspringen, ließ eine dichte Dampfwolke ab, so dass meine Verfolger mich nicht mehr sehen konnten. Weil ich richtig vermutete, dass sie den Zug aufhalten und kontrollieren werden, lief ich weiter. Auf der dem Gefängnis abgewandten Seite waren Hausgärten. Neben den Gleisen folgte ich einem schmalen Fußweg bis zu einem Viadukt. Darunter fuhren die Lkw, aber viel zu schnell, um von der Brücke darauf zu springen. Als ich auf die andere Straßenseite wechseln wollte, kamen mir Soldaten entgegengelaufen; ich musste umkehren und unter ein Gestrüpp kriechen. Kaum war ich in den Brennnesseln, da waren die Verfolger schon in meiner Nähe. Es waren alles Gefängniswärter. Ich konnte alles hören und sehen. Kurz danach kamen Soldaten mit Motorrädern und auf Pferden. Dazu stießen noch Arbeitssoldaten, die in der Nähe stationiert waren. Die sollten sich auch an der Suche beteiligen. Aber keiner wusste, wen er suchen sollte. Plötzlich brachten Soldaten einen Mann, der sich mit einer Hand die Hose halten musste. Den hatten sie aufgegriffen, als er irgendwo seine Not verrichtete. Da war es sogar mir zum Lachen zu Mute. Als die Soldaten sogar im Brunnen suchten und die Hausherrin und ihre Kinder anbrüllten, sie sollten sagen, wo sie mich versteckt haben, sagte ein Mädchen, dass jemand nach der Stadtmitte gefragt habe. Darauf wendeten einige Motorradfahrer und brausten mit hoher Geschwindigkeit davon. Um mich herum wimmelte es von Soldaten, doch die wussten nicht einmal, ob ich Sträflingskleidung trage. Ich hörte, wie sie von einem Hund sprachen. Davor hatte ich Angst. Dann brachten sie aus dem Gefängnis ein Foto von mir, das sahen sich alle an und verschwanden. Ich bemerkte, dass der gute

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Wärter Unguru vor mir postiert wurde, weil er der einzige war, der mich kannte. Es tat mir leid, dass es gerade in seiner Dienstzeit passiert ist. Alle blickten in die Ferne, keiner kurz hinter sich. Das Militär war fast verschwunden, da habe ich mich bewegt, worauf ein kleiner Hund zu meinen Füßen zu jaulen begann. Der Wärter warf dem weglaufenden Hund einen Stein hinterher. Doch der Hund näherte sich mir erneut. Ich versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben. Als der Hund erneut jaulte, drehte sich der Wärter um, sah mich und rief: „Hände hoch du verfluchter Verbrecher, darum gebe ich dir so viel zu essen, dass du ausbrichst?“ Im Nu war ein Haufen Arbeitssoldaten und Wärter da. Ich war noch nicht einmal aus dem Gestrüpp herausgekrochen, da wollte mir ein Wärter in die Füße schießen, aber ein Arbeitssoldat hat ihm die Maschinenpistole niedergedrückt, so dass die Kugel in den Boden schlug. Die Arbeitssoldaten - ausschließlich Deutsche - beschimpften ihn sofort. Mit ein paar Fußtritten wurde ich hingestreckt. Doch wegen der Arbeitssoldaten trauten sich die Wärter nicht, hart zuzuschlagen. Isolationshaft in Fesseln Zurück ins Gefängnis ging es wieder am russischen Posten vorbei. Mit Fußtritten traktierten mich die Wächter bis zur Gefängnisstraße. Vor dem Gefängnistor wurde ich vom politischen Offizier und Stellvertreter des Kommandanten erwartet. Der hieß Vac s Rind. Er begrüßte mich mit „herzlich willkommen“ und öffnete das Tor. Mit einem Fußtritt beförderte er mich regelrecht durch die Luft. Sie zerrten mich am Kragen ins Pförtnerhaus. Dann kamen alle Wärter und zeigten ihrem Vorgesetzten, wie treu sie waren. Ich schützte lediglich mein Gesicht, denn ich lag am Boden. Ich glaube nicht, dass es einen gab, der nicht auf mich eingeschlagen hat. Dann stülpten sie mir einen verzinkten Eimer über den Kopf, damit ich nicht sehen konnte, wer zuschlägt. Ich fühlte schon lange keine Schmerzen mehr. Ich war nur voller Spucke und Blut. Dann kam ein rothaariger Oberleutnant vom Geheimdienst, spielte sich als mein Retter auf und beschimpfte die Schläger. Die Methode war nicht neu, der wollte nur wissen, welche Kontakte ich zu den Posten und zu Studenten hätte. Und wen ich in Ungarn hätte. Weil ich keine Kontakte zugab, ohrfeigte er mich und drohte, er lasse einen Hund auf mich los. Ich saß auf dem Boden mit dem Rücken an der Wand und hatte die Füße angezogen. Die Hände hatte ich auf die Knie gelegt, so dass ich mein Gesicht verdeckt halten konnte und wartete auf den Hund. Plötzlich ging die Tür auf, und der Hund kam herein mit seinem Herrn. Der hetzte den Hund auf mich. Der Hund kam ganz langsam und knurrend auf mich zu. Ich hielt den Atem an, soweit ich konnte. Der Hund kam mit der Schnauze ganz nahe an meine Hände, nur ein paar Zentimeter, stand ein paar Sekunden vor mir, dann

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wedelte er mit dem Schwanz und setzte sich vor mir nieder. Weil ich weiter verneinte, Kontakte nach außen zu haben, hetzte er den Hund erneut auf mich. Doch genau wie vorher setzte er sich neben mich. Dann gab der Offizier dem armen Hund einen festen Fußtritt und jagte ihn hinaus. Er führte mich ins Freie, wo die Schläger warteten. Plötzlich spürte ich einen Hieb im Nacken. Es krachte, dann sah ich zunächst schwarz und dann wunderschöne grüne Sterne, die auf und ab auf schwarzem Hintergrund schwebten. Kurz danach schien es, als ob mir Blumen entgegenkämen, dann wurde es wieder dunkel. Mehr habe ich nicht mitbekommen. Ich erwachte, als man mir den Kopf in einem Waschbecken unter fließendem, kaltem Wasser festhielt. Da sah ich rings herum nur Wärter, die ironisch lachten und mich verspotteten. Dann kam ein Offizier und sagte, dass ich jetzt da sei, hätte ich ihm zu verdanken. Er habe von oben gesehen, als ich die Schuhe ausgezogen habe und sie nicht in den Taschen unterbringen konnte. Weil die Wachen nicht aufpassten, habe er alle Militäreinheiten in Alarm versetzt. Die kamen schon, bevor ich draußen gewesen sei. Dann schlug er mich mit den Fäusten zu Boden. Nachdem ich mir erneut das Blut abgewaschen hatte, führten sie mich in eine Schmiede. Ich musste mich rücklings auf den Boden legen, wobei ein Amboss zwischen den Füßen zu stehen kam. Sie legten mir aus Flacheisen geschmiedete Schellen an, die mit 10 Millimeter starken glühenden Bolzen vernietet wurden. Die Schellen, die mit einem einzigen Kettenglied verbunden waren, wurden danach nicht gekühlt, so dass ich tiefe Verbrennungen davongetragen habe. Die Schmiede hoben mich hoch, und einer schlug mir auf den Rücken, dass ich nicht mehr atmen konnte und zusammengebrochen bin. Weil ich noch in Handschellen war, bin ich sehr schlecht gefallen. Die Länge eines Schrittes betrug lediglich drei Zentimeter. Ich wurde in Einzelhaft gebracht. Nach einiger Zeit kam Unguru wütend, packte mich an den Ohren, schüttele mich fest und schlug zweimal zu. Als er die Zelle verlassen hatte, spürte ich, dass mir Blut am Körper hinunterfloss bis in die Schuhe. Der Wärter hatte mir hinter dem Ohr eine Ader gerissen. Ich war schon froh, denn ich hoffte, zu verbluten und schmerzlos für immer einzuschlafen. Aber die Blutung hörte bald auf. Nach nicht einmal zehn Minuten kam Unguru mit einer Kostschale mit gekochtem Fleisch. Er entschuldigte sich, dass er sich hatte gehen lassen, nahm mir die Handschellen ab und sagte, ich sollte schnell essen, damit uns niemand erwischt. Ich hatte kaum ein paar Löffel gegessen, da kam der politische Offizier, schrie den Wärter an und beschuldigte ihn, er würde sich auf meine Seite schlagen. Aber Unguru war nicht erschrocken und sagte dem Offizier, das stehe mir zu. Die Isolation trete erst am nächsten Tag in Kraft. Ich kam mir wie ein Zirkustier vor, jeder wollte mich sehen. Wenn einer kam, war es noch auszuhalten, aber wenn zwei kamen, und wenn es auch gute waren, dann spielte einer

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vor dem anderen den Helden, sie schlugen und bespuckten mich. Ich dachte, der Tag würde nie enden. Abends beim Appell kamen viele Wärter und noch viele Begleiter, sie wollten alle den „Bären“ sehen. Über Nacht wurden mir die Handschellen abgenommen. Aber die Füße schmerzten, denn an jeder Fußschelle waren Eisenkugeln angeschweißt. Jede Kugel wog ungefähr sechs bis acht Kilogramm. Und diese hingen im Fleisch. Ich hütete mich, zu sitzen, denn dann hätte ich nicht mehr aufstehen können. Deshalb schlief ich stehend, an die Wand gelehnt. Am Morgen wieder Appell mit großer Begleitung. Ich hatte große Angst, dass die Wachen mich totschlagen werden. Aber später habe ich erfahren, dass sie unter Arrest standen und nicht in meine Nähe kommen durften. Gegen 10 Uhr hörte ich einen Mann unter meinem Fenster singen und pfeifen. Ich erkannte in ihm sofort den Hofmeister. Der Mann war Ingenieur, seine Entlassung stand kurz bevor. Er war stets gut aufgelegt und ging immer singend und pfeifend umher. Er war sehr gut informiert. In der Nacht hatte ich sehr viel nachgedacht über mich und war zu dem Entschluss gelangt, meinem Leben ein Ende zu setzen. Ich betete, der Herr möge mich erlösen. Als ich aber den Ingenieur hörte, fasste ich neuen Mut. Er stellte seine Leiter unter meinem Fenster auf und sagte, ich solle mir keine Sorgen machen, denn ich werde lediglich zehn Tage lang in Ketten bleiben. Er gab mir den Rat, mich nicht vom Geheimdienst Securitate einfangen zu lassen. All das hatte er mir zwischen Gesang mitgeteilt. Kaum war die Leiter weg, kam schon der politische Offizier mit einem Papier in der Hand, das ich unterschreiben sollte. Er wollte mich als Spitzel anwerben. Er lockte damit, dass ich in eine große Zelle verlegt und in ein paar Monaten frei sein werde. Er überreichte mir die vorgefertigte Erklärung und meinte, wenn ich mir es überlegt hätte, könnte ich sie dem Wärter geben. Nach einiger Zeit kam der Wärter und fragte mich danach. Als ich nein gesagt hatte, meinte er, das sei richtig. Den ganzen Tag verbrachte ich in Handschellen. Die Hände waren inzwischen blau, und ich hatte Angst vor einer Infektion. Essen bekam ich keines, lediglich Salzwasser. Wegen der Handschellen konnte ich aber nicht trinken. Ich musste an die Tür klopfen, dass man mir vorher die Handschellen abnahm. Setzen konnte ich mich nicht wegen der Fußfesseln. Die Füße schwollen an und schmerzten, besonders die Brandwunden. Der erste Tag verging bei ein paar Hieben, Beschimpfungen und mit Anspucken. Am Abend, beim Schichtwechsel kamen wieder viele Wärter und versetzten mir ein paar feste Hiebe und Ohrfeigen. Über Nacht nahm man mir die Handschellen ab. Jetzt konnte ich mich auch auf den Boden setzen. Aber es war sehr kalt. Ich zog das Hemd aus, knöpfte es zu und streifte es über Kopf und Oberkörper. Nun blieb die ausgeatmete warme Luft unter dem Hemd, so konnte ich mir die Hände ein wenig wärmen. Die entblößten Körperteile blieben aber kalt. Die Nacht dauerte eine Ewigkeit. Ich

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musste das Hemd doch wieder normal anziehen. Meine Windjacke hatte ich verloren, vielleicht hatten die Wärter sie mir weggenommen, ich weiß es nicht. Ich war so durchgefroren, dass ich nicht einmal mehr zittern konnte. In der Nacht hatte es auch geschneit. In den Zellenfenstern fehlte das Glas, es gab weder Heizung noch Decke. Die schützende Hand des Kommandanten Die ganze Nacht über hörte ich lediglich, dass bei den Russen etwas los war. Denn man hörte Motorenlärm und viel Geschrei. An diesem Morgen fand der Schichtwechsel sehr spät statt. Als sich die Zellentür öffnete, stand der Gefängniskommandant in Begleitung einer Schar Aufseher und des politischen Offiziers Vac s der Kommandant wissen wollte, warum ich da bin, konnte ich den Mund nicht öffnen, um zu antworten. Ich war vor Kälte wie erstarrt. Das veranlasste den politischen Offizier, mich ironisch vorzustellen. Als sich der Kommandant mir genähert und die Wunden und das gestockte Blut gesehen hatte, wurde er wütend, drehte sich um und trat mit den Stiefeln auf den politischen Offizier und die Wärter ein und brüllte aus Leibeskräften: „Mörder, Mörder, die ihr seid, wie könnt ihr mir das antun. Wer hat euch das Recht gegeben, Menschen so zu quälen. Ich mache dir den Prozess wegen Sadismus und Ungehorsams. Du warst mein Stellvertreter, was hast du dir erlaubt. Dies bleibt nicht ohne Konsequenzen, dies gilt für alle Beteiligten, ihr Mörder. Niemand darf ohne meine Erlaubnis mehr herkommen, nur die Dienstleute, und jetzt soll der Arzt schnell kommen“. Wärter und Politoffizier konnten nicht schnell genug hinauslaufen und verkeilten sich in der Tür. 54 Jahre sind seither vergangen. Während ich diese schlimmen Erinnerungen in mir wachrufe, um alles aufzuschreiben, fließen mir so stark die Tränen, dass ich eine Pause einlegen muss. Denn ich erlebe alles von neuem. Kaum war das Gesindel weg, war auch schon ein Arzt da. Im Nu wurde auch ein Bett gebracht, Feuer brannte im Ofen, und Fensterscheiben wurden eingesetzt, auch mehrere Decken und warme Milch habe ich erhalten. Die hatte ich im Nu ausgetrunken. Der Arzt gab mir Vitamine und wusch mir die Brandwunden an den Füßen und das Blut aus dem Gesicht. Dabei half ihm der Kommandant. Er sagte zu mir, ich sei neu geboren, denn wenn er nicht gekommen wäre, hätten diese Verbrecher mich umgebracht. Ich musste die Hose runterlassen. Vom Gestank, der ihnen entgegenschlug, ist den beiden übel geworden. Das hinter dem Ohr ausgetretene Blut war mir auch zwischen die Beine geflossen. Weil ich die Beine wegen der Fußschellen nicht auseinandernehmen konnte, fing alles an zu faulen. Der Arzt hatte viel zu tun, um mich halbwegs zu reinigen. Am schwersten fiel ihm, das Verbandzeug zwischen Eisen und Füße zu schieben, ohne mir weh zu tun. Und wenn es doch

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passierte, dann schimpfte der Kommandant. Der Arzt war auch ein Häftling. Als ich nach langer Zeit fertig war, befahl der Kommandant dem zuständigen Wärter, er solle mich im Auge behalten und niemand zu mir lassen außer dem Arzt. Als sie mich allein in der Zelle zurückgelassen hatten, sagte der Wärter, ich hätte großes Glück gehabt, dem Kommandanten sei dieser Fall gerade recht gekommen. Das Verhältnis zwischen ihm und den politischen Offizieren sei nicht das beste. Am Mittag fragte mich der Wärter Unguru, was ich essen möchte. Ich sagte ihm, er solle mir das Beste geben. Dann hielt ich eine gehäufte Kostschale mit viel Fleisch (Kutteln) in der Hand, es hat zwar gestunken, aber es war sehr gut. Unguru wollte mir noch einen Nachschlag geben, doch ich war satt. Nach dem Mittagessen war Arztvisite. Er gab mir Multivitamine, die ich vor ihm einnehmen musste. Ich hatte mich von der Kälte gut erholt. Nur die Füße taten mir sehr weh, weil die Fußschellen mit den Gewichten dauernd ins Fleisch schnitten. Bevor der Arzt ging, half er mir aufs Bett und deckte mich gut zu. Dass ich so eine Verpflegung bekomme, hätte ich nie gedacht. Unguru sagte mir, jetzt wirst du noch wegen Ausbruchs verurteilt werden. Wie viel ich bekommen werde, wusste er nicht. Denn aus diesem Gefängnis war noch keiner ausgebrochen. Der Kommandant kam fortwährend zu mir, einmal mit, das andere Mal ohne Arzt. In der kommenden Nacht schlief ich fest. Um 5 Uhr wollte ich aufstehen, aber der Wärter sagte, ich könnte im Bett bleiben. Beim Schichtwechsel kam als erster der Kommandant. Er ließ den Arzt kommen. Der Kommandant sah sich meine stark geschwollenen Füße an und schüttelte den Kopf. Die Gewichte durften nicht abgenommen werden. Deshalb war der Arzt gefragt. Er wusch mir die Wunden mit Kamillentee und legte essigsaure Tonerde auf. Diese Prozedur wurde den ganzen Tag über wiederholt. Und es hat geholfen. Die Füße waren nur noch wenig geschwollen. Er schob eine mit viel Penizillinpulver bestreute Binde zwischen Eisen und Fuß. Beim Abendappell fragte mich der Kommandant, ob er einen Häftling zu mir verlegen soll. Die Nacht verging ohne Ereignisse. Am Morgen war der Kommandant wieder als erster bei mir und kümmerte sich um mich. Ein paar Stunden später brachten zwei wegen Raubes Verurteilte ein Eisenbett mit Strohsack und Decken in meine Zelle und machten Feuer im Ofen. Wärter Unguru hatte die Aufgabe, mir den Zellengenossen zu bringen. Es war ein junger Mann, der verrückt geworden war. Er wollte nicht essen, und aus seiner Nase floss eine gelbe, zähe Flüssigkeit. Es war ein sehr schöner junger Mann. Mir ging durch den Kopf, dass man den Mann nur darum zu mir gesteckt hat, damit auch ich die Krankheit bekomme und langsam daran sterbe. Das war ja auch eine Methode der Securitate. Ich entfernte sein Bett so weit wie möglich von meinem. Abends bei der Übergabe ist der Kommandant nicht mehr erschienen, das bestätigte meine Vermutung, dass diese Gutmacherei nur eine Tarnung von der Securitate war. Später kam der Wär-

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ter und sagte, ich soll meinen Freund ins Bett legen. Aber das wollte mir nicht gelingen. Der Wärter gab mir den richtigen Tipp. Ich brachte ihn neben das Bett und fasste ihn hinten an den Kleidern. Als er fest nach vorne zog, ließ ich ihn los, so dass er aufs Bett gefallen ist und ich ihn lediglich zudecken musste. Die Nacht verlief ganz normal. Die Füße waren noch ein wenig geschwollen. Beim Appell fehlte der Kommandant erneut. Gegen 10 Uhr kam ein Unteroffizier, er war Sanitäter und musste meinen Kollegen ins Krankenhaus fahren. Ich fragte ihn, was der verbrochen habe. Er sei Student in Craiova gewesen. Das habe die Securitate mit ihm angerichtet. Er fragte, warum ich isoliert worden bin, führte den Kranken hinaus, kam zurück, schlug mich brüllend nieder, trat mir gegen die Füße und schlug mir die Fäuste ins Gesicht. Als er weg war, kam Unguru und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Ich befürchtete, dass auch die beiden Wachposten kämen und mich totschlagen würden. Die blieben in Haft, bis ihre Unschuld am Ausbruch bestätigt sei, sagte Unguru. Beim Abendappell war der Kommandant als erster bei mir. Ich sah, wie sich sein Gesicht verzog, er war böse und wollte wissen, wer bei mir gewesen ist. Er kündigte seinen nächsten Besuch für den kommenden Morgen an. Als alle weg waren, brachte mir Unguru eine Schale mit warmem Salzwasser. Ich sollte dies trinken, sagte er. Als er weg war, schüttete ich das Salzwasser aus. Doch das hatte er durchs Türloch gesehen. Unguru öffnete die Zellentür und gab mir den Rat, Salzwasser zu trinken, denn es helfe gegen Hunger und stärke die Widerstandskraft des Körpers. Ich befolgte seinen Rat. Das Resultat war verblüffend, ich spürte fast keinen Hunger mehr. Nach drei Tagen konnte ich die Fesseln besser ertragen. Ich vertrieb mir die Zeit mit Lesen. An den Wänden waren Tausende von schönen Gedichten eingekratzt. Hinter der Mauer unter meinem Fenster brüllte den ganzen Tag ein Lautsprecher, aber leider nur in russischer Sprache. Den ganzen Tag musste ich mir Heldenmärsche anhören. Weil ich nichts verstand, suchte ich mir eine andere Beschäftigung: Ich übte Morse, das Alphabet hatte ich von dem Mönch gelernt. Nun musste ich lernen, fehlerfrei zu klopfen. Jetzt war die beste Gelegenheit dazu, denn es störte mich niemand. Ich trat in Kontakt mit einem Unbekannten, der wissen wollte, wer ich bin und warum ich isoliert bin. Ich Depp sagte alles. Nach zehn Minuten kam ein großer rothaariger Major zu mir, beschimpfte mich ordinär und fragte, warum ich verbotene Sachen mache. Weil ich leugnete, schlug er mir mit den Fäusten ins Gesicht. Er beschimpfte mich, schlug mich nieder und ließ seine Wut an mir aus. Weil ich verneinte, Verbindungen nach außen zu haben, schlug er abermals auf mich ein. Ich lag noch am Boden, da packte er mich im Nacken und sagte, dass er es war, der sich mit mir über Morse unterhalten habe, auf der anderen Mauerseite sei sein Büro. Am Nachmittag kam der Kommandant mit dem Arzt und dem Offizier

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vom Dienst auf Visite. Als er mich sah, stand er regungslos da, dann fragte er mit grimmigem Gesicht, wer mich verprügelt hat. Der Wärter sagte ihm, dass es ein Geheimdienstoffizier gewesen sei. Er atmete tief durch, ohne etwas zu sagen. Der Arzt musste mir wieder die Wunden waschen und kontrollieren, ob nichts gebrochen ist. Unter den Fußschellen blutete ich stark. Alle Wunden wurden gewaschen und mit einem Pulver bestreut. Um mich zu beschützen, ließ der Kommandant mich in eine große Zelle verlegen. Bei Schichtwechsel sagte er den anderen Häftlingen, sie sollten mir behilflich sein. Beim Abendappell versuchte ich, aufzustehen, doch der Kommandant sagte mir, ich könnte sitzen bleiben. Die anderen Häftlinge sahen sich die Ketten und meine Wunden an. Gehen konnte ich nicht. Ich versetzte mein Gewicht auf die Zehenspitzen und drehe die Füße gleichzeitig in die gewünschte Richtung. Dann verlagerte ich das Gewicht auf die Fersen und drehte die Füße weiter, so konnte ich mich vier bis sechs Zentimeter fortbewegen. Es war leichter, die Füße in den Fußschellen zu drehen, als kleine Schritte zu tun. Aber das schlechteste war, dass meine Fußschellen aus flachem, acht Zentimeter breitem Eisen geschmiedet waren. Das kleine Spiel des Kettenrings verhinderte, dass ich die Beine auseinandernehmen konnte. So bildete sich salziger Schweiß, und die Haut verfaulte regelrecht zwischen den Beinen. Am achten Tag ordnete der Kommandant an, mir die Fesseln abzunehmen. Ein Zellenkollege musste helfen, mich bis zur Treppe zu tragen. Dort rief der Kommandant zwei Schmiede, die mich in die Werkstatt tragen mussten. Dort angekommen, sah ich den Amboss am Boden. Ich musste mich auf den Rücken legen, ein Schmied hob mir die Beine darauf, ein zweiter Schmied kam mit einem großen Meißel und einem großen Hammer, um die Eisennieten zu durchtrennen. Davor hatte ich Angst. Denn zehn Millimeter Eisen mit dem Meißel durchzutrennen war nicht leicht. Der Kommandant kniete auf Lumpen neben mir und hielt die Fesseln so, dass sie mir nicht ins Fleisch schnitten. Wenn ein Hieb daneben ging, schimpfte er. Als alles nach langer Zeit vorüber war, half mir der Kommandant auf die Beine. Ein Schmied hieß mich, zu laufen, indem er mir mit dem Hammerstiel einen festen Hieb auf den Rücken verpasste, so dass ich auf die Nase gefallen bin. Der Kommandant sagte nichts, fasste mich am Ellenbogen, denn ich konnte kaum gehen. Schritt für Schritt ging es hinauf in eine Zelle mit 65 Häftlingen, darunter interessante Menschen: Professoren, Mönche und Pfarrer der verschiedenen Konfessionen, alte Politiker, Ärzte, ehemalige Polizisten, Legionäre und Spione. Da gab es keine Langeweile. Die Zeit reichte nicht für all das, was man lernen oder hören wollte. Die Zeit hatten wir sehr gut eingeteilt. Nach dem Aufstehen wurde als erstes eine Traum-Analyse vorgenommen. Jeder sagte am Morgen, was er geträumt hatte. Dann war die Zeit der Deuter gekommen, die vorhersagten, was uns an diesem Tag

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erwartet. Fast immer hatten sie recht. Die Häftlinge hatten sich in verschiedene Interessengemeinschaften geteilt. Am Vormittag suchte jeder, jeden kennenzulernen oder am Sprachunterricht teilzunehmen. Wer die Betten berührte, wurde hart bestraft, manchmal geschlagen, das andere Mal isoliert. Nach ein paar Tagen setzte mich der Kommandant in Kenntnis, dass in Bukarest verfügt worden sei, dass ich zehn Tage in Ketten gelegt und isoliert werden soll. Er erlaubte, dass die Häftlinge mir Pullover und lange Unterhosen liehen. Der Kommandant nahm jemandem die Pelzmütze vom Kopf und setzte sie mir auf. So wurde ich in die Isolationszelle geführt. Später brachte ein Häftling die Ketten. Die wurden mir über die Hosenbeine an die Füße festgeschraubt. Es waren leichte, 50 Zentimeter lange Ketten, mit denen ich gut gehen konnte. Dieses Mal war ich in einer richtigen Isolationszelle ohne Fenster und ohne Bett. Zwei Tage gab es Salzwasser, erst am dritten Essen. Die Ketten wurden mir abgenommen. An diesem Tag bekamen wir Sträflingskleider. Ich nahm meine neuen Kleider entgegen und wartete auf dem Gang. Ich entdeckte in einer Ecke Säcke mit Maismehl. In ein Bein meiner neuen langen Unterhose füllte ich ungefähr ein Kilogramm Mehl. Ohne zu denken, nahm ich einen Mundvoll Mehl. Aber beim Atmen war mir Mehl in die Kehle gekommen, so dass ich einen Erstickungsanfall bekam. Andere Häftlinge folgten meinem Beispiel und bedienten sich aus den Säcken. Einige aber waren gierig und haben sich die Hosen gefüllt. Als wir im Zimmer waren, versuchte jeder, sich etwas Maisbrei im Kohleofen zu backen. Plötzlich stürmten mehrere bewaffnete Wärter ins Zimmer. Wir standen mit dem Gesicht zur Wand, da hörte ich den Kommandanten schreien, wer Mehl gestohlen habe, der möge heraustreten. Ich drehte mich um und sagte, dass ich mir welches genommen habe. Auf seine Frage, warum, antwortete ich, weil ich Hunger habe. Danach ging der Kommandant von Bett zu Bett und suchte nach Mehl, auch im vierten Stock. Er verdonnerte alle zu zehn Tagen Isolation, mich nahm er jedoch aus mit der Begründung, er verstehe, dass ich Hunger habe, aber die anderen nicht, die müssten ordentlich bestraft werden. Ich durfte das Mehl behalten und musste ihm versprechen, nie wieder etwas anzustellen. Die anderen mussten das Mehl zurück in die Säcke leeren. Je sechs Häftlinge kamen der Reihe nach in die Isolation. Nach zwei Tagen war ich dran. Erneut wurden mir Ketten angelegt. Ich habe acht Tage Isolationshaft abgesessen. Nach jeweils zwei Tagen mit Salzwasser nahm mich der Kommandant aus der Zelle. Während der Isolationshaft sind sechs Studenten aus Temeswar zu uns gestoßen. Zwei kannte ich von daheim: Fritz Wädt und Fritz Barth. An zwei Namen erinnere ich mich noch: Aurel Baghiu und Teodor Stanca, die Namen der beiden anderen habe ich vergessen. Sie wurden rasch verurteilt: Wädt zu einem Jahr, Barth zu drei Jahren und die anderen zu je acht Jahren. Nach der Freilassung durften sie kein Studium mehr aufnehmen. Die

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zwei letzten Tage Isolationshaft hat der Kommandant mir wegen guter Führung gestrichen. Weil der Kommandant seine schützende Hand über mir hielt, verdächtigten mich die Mithäftlinge, dass ich mit der Securitate kollaboriere. Da sagte aber einer der Mönche zu meiner Verteidigung, dass seit meinem Ausbruch viel Personal gewechselt worden sei. Mein Fluchtversuch sei dem Kommandanten willkommen gewesen, denn er habe alle Ungeliebten um sich beseitigen können. Ich hoffte, endlich in Ruhe gelassen zu werden, da wurden mir am nächsten Morgen erneut Ketten und Handschellen angelegt. Eine Eskorte brachte mich zum Verhör zum Gericht. In Ketten durch die Stadt Weil kein Auto zur Verfügung stand, mussten wir zu Fuß hin. Die Kette machte solch einen Lärm, dass sich die Leute nach mir umdrehten. Wir benutzten die Straßenmitte. Ein bewaffneter Wärter ging vor und zwei neben mir. Auf dem Kopf trug ich eine große Pelzmütze, die mir die Augen verdeckte. Der Weg schien mir fast endlos. Ich durfte den Kopf nicht heben, mein Blick war zu Boden gerichtet, so dass ich nicht wusste, wohin wir gingen. Das Gebäude muss sehr groß gewesen sein. Die breiten Treppen waren von Menschen belagert. Sie mussten zur Seite treten. Als die Treppen frei waren, gingen wir in die dritte Etage in einen großen Raum voller Studenten. Sie wollten von mir einiges über ihre inhaftierten Kollegen erfahren. Beim Verhör forderte eine laute Stimme mich auf, die Mütze abzunehmen. Die Arbeit musste der Wärter mir abnehmen, weil ich wegen der Fesseln dazu nicht in der Lage war. Ich musste mich setzen. Der Wärter weigerte sich anfangs, mir die Handschellen abzunehmen und den Raum zu verlassen. Doch als der Staatsanwalt ihm einen Prozess angedroht hatte, ging er hinaus. Der Ermittler sah mich an, zwinkerte mir zu, und ich konnte nicht glauben, dass dieser Mensch böse sein kann. Er strahlte Güte aus und war auch sehr sympathisch. Als der Wärter draußen war, kam er auf mich zu, gab mir die Hand und stellte sich als Peter Novak vor und seine Sekretärin als Marianne. Er bedeutete mir, dass ich keine Angst zu haben brauche, es könne uns niemand hören, die Tür sei gepolstert, es dringe kein Laut hinaus. Er wollte wissen, wie es den Studenten im Gefängnis gehe. Denn niemand wisse, wo sie verschwunden seien. Er wollte wissen, mit wem ich in der Zelle bin und welche Strafen sie erhalten haben. Auch nach ihrer Moral fragte er. Ich sollte ihnen mitteilen, dass auch in anderen Städten Studenten demonstriert hätten und dass auch sie verhaftet worden seien. Die Bevölkerung sei aber auf ihrer Seite. Die Lage sei so angespannt, dass nur ein Funken nötig sei, um den Aufstand wie in Ungarn auszulösen. Als er mir sagte, was in Ungarn geschehen ist, ging mir ein Licht auf. Darum habe ich so viel Schläge bekommen, die hatten vermutet, dass

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ich Verbindungen nach draußen unterhielte. Wegen der Studentendemonstrationen habe ich die vielen Prügel bekommen. Und darum wurden auch meine Gefängniswachen verhaftet. Nach langer Diskussion gab mir der Ermittler eine Tüte mit Bonbons und die handgeschriebenen Erklärungen einiger Wärter zu lesen. Er wollte wissen, welcher von ihnen mich tatsächlich gefasst hat. Der Ermittler hatte mich gar nichts gefragt, sondern nur geschrieben. Er sprach so leise mit der Sekretärin, dass ich kaum etwas verstehen konnte. Nach einiger Zeit gab er mir ein paar Seiten mit meiner Erklärung, die ich - vorausgesetzt mein Einverständnis - unterschreiben sollte. Von den vier Wärtern hatte lediglich Unguru die Wahrheit geschrieben, die anderen hatten allerhand Lügen festgehalten, was der Staatsanwalt auch gemerkt hatte. Er verabschiedete mich mit der Bemerkung, dass er mich leider anbrüllen müsse, und mit der Bitte, ich solle die Studenten grüßen. Was meinen Prozess anbelangt, sollte ich mir keine Sorgen machen. Er öffnete die Tür und schrie mich an, ich würde dies mein Leben lang bereuen. Nachdem die Wärter mir die Handschellen erneut angelegt und mir die große Pelzmütze auf den Kopf gesetzt hatten, ging es genau so zurück ins Gefängnis, wie wir zum Gericht marschiert waren. Im Gefängnishof trafen wir einen Wärter, der ebenfalls erklärt hatte, mich als erster gestellt zu haben. Hasserfüllt sagte er mir, ich hätte Glück gehabt, dass der Soldat ihm die Pistole weggedrückt hatte, sonst wäre er zum Wachtmeister aufgestiegen, ich aber hätte mein Leben lang an ihn gedacht, denn er hätte mir die Füße zerschossen, worauf er mir zwei Hiebe ins Gesicht versetzte. Nun kam ich wieder blutverschmiert in die Zelle. Die Studenten umkreisten mich und konnten nicht genug hören, ich hatte wirklich viel zu berichten. Abends fragte der Kommandant, wer mich geschlagen hat und ob ich etwas Unrechtes getan hätte. Ich sagte, der mit den eisernen Zähnen. Dann ließ er einen aus meiner Eskorte rufen, mehr habe ich nicht mitbekommen. Von dem Tag an habe ich dieses Monster mit den Eisenzähnen nicht mehr gesehen. Gewöhnlich machte der im Hof Dienst und führte die Häftlinge spazieren. Er sorgte auch dafür, dass die Häftlinge aus verschiedenen Zellen nicht in Berührung kamen. Unsere Zelle war inzwischen so überfüllt, dass wir keinen Platz zum Sitzen hatten. Deshalb durften wir auch auf den unteren Betten Platz nehmen. Alle Zimmer mit politischen Häftlingen waren überfüllt. Die Studenten erzählten, dass sie sich mit Kommilitonen in anderen Städten organisiert hätten. Sie hätten aber auf keinen Fall ein Blutbad wie in Ungarn anrichten wollen. Von den ganzen Ereignissen hatte ich bis zum Verhör keine Ahnung. Ich hörte ein paar Tage lang nur Motorengedröhn. Die Russen hatten alle Panzer verladen und nach Ungarn verlegt, um die Revolution niederzuwerfen. Eben in jenen Tagen war ich ausgebrochen. Die Furcht der Kommunisten war sehr groß, sie hatten vor ihrem eigenen Schatten Angst. Die Zeit bis zum Prozess verging schnell. Am Prozesstag wurden mir erneut

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Ketten und schöne Handschellen angelegt. Im Hof wartete ein für Häftlingstransporte umgebauter Kleinbus mit sechs kleinen Einzelzellen und zwei größeren. Dort waren schon drei Häftlinge drin. Ich wurde in eine Einzelzelle gesperrt. Die drei wurden zuerst ins Gericht geführt, danach mussten die auf der Treppe Wartenden Spalier stehen, durch das ich mit der Mütze über den Augen, in Handschellen und Fußketten geführt wurde. Ich fragte mich, wieso so viele Menschen erschienen waren. Dann hörte ich, dass dem Bürgermeister von Temeswar vor mir der Prozess gemacht wird. Während über den Bürgermeister verhandelt wurde, musste ich mit dem Gesicht zur Wand stehen. Zusätzliche drei Monate Haft Nach einiger Zeit führte man mich in den Gerichtssaal. Zuerst wurde noch gegen zwei Personen verhandelt. Als die Verurteilten abgeführt waren, wurde mir befohlen, die Mütze abzunehmen. Nachdem ich geantwortet hatte, ich könne nicht wegen der Handschellen, hörte ich eine laute Stimme, die den Wärtern befahl, die Handschellen abzunehmen. Als sich die Wärter wegen eines angeblichen Befehls weigerten, hörte ich die Worte: „Hier habe ich das Wort, und tun Sie das sofort, bevor ich Sie dazu zwingen muss. Und dann ist das eine Schande, so viele Wärter, bewaffnet bis an die Zähne, haben Angst vor einem einzigen Mann in Handschellen und Ketten. Ich frage mich, wie sollen wir ruhig schlafen, wenn unsere Wachen vor einem einzigen gefesselten Mann Angst haben“. Danach geschah etwas, das mich in Schrecken versetzte. In dem großen Saal mit Balkon waren Hunderte von Jugendlichen versammelt, ich glaube, alle Studenten. Sie schrieen, pfiffen und schimpften gegen die Securitate und die Kommunisten. Ich dachte, die Decke fällt herab, so laut waren die Studenten. Der Richter war ein älterer Herr, ein Bär von einem Mann. Er hatte alles entfacht, flehte aber jetzt die Studenten an, sie sollten sich beruhigen, damit er mit dem Prozess beginnen könne. Der Staatsanwalt hielt sich zurück, das war auch ein ganz junger Mann. Neben dem Richter links und rechts saßen eine junge hübsche Frau und ein ebenfalls junger Mann. Manchmal trafen sich unsere Blicke, weil die Frau näher an mir war, und ganz diskret machte sie mir Zeichen, ich sollte ruhig sein. Ich war ganz ruhig, ich dachte, dass dies mit dem Ermittler zusammenhängt. Der Richter wollte wissen, warum ich ausgebrochen sei und wie es mir im Gefängnis gehe. Das ganze hat keine zehn Minuten gedauert. Dann ergriff der Staatsanwalt das Wort. Jetzt kommt es knüppeldick, dachte ich. Anfangs schien er gnadenlos, aber später sprach er wie ein Verteidiger, den ich allerdings nicht hatte. Statt zu sagen, ich solle bereuen, was ich getan habe, und mich bessern, meinte er, der Freiheitsdrang sei so stark gewesen, dass ich mein Leben aufs Spiel gesetzt hätte. Aber der Staat wisse, dass der Mensch sein größtes Kapital sei, also müsse er ihm noch eine

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Chance im Leben geben. Denn die eigentlichen Schuldigen seien die Wachen. Denn hätten die bess er aufgepasst, hät te ich nicht ausb rechen können. Der Richter meinte nach dem Plädoyer des Staatsanwalts, er sei davon überzeugt, dass der Angeklagte alles zutiefst bereue. Ich stimmte ihm zu. Danach flüsterten die beiden Assessoren mit dem Richter. An ihren Gesichtern konnte ich erkennen, dass alles gut ist. Der Richter erhob sich und verkündete folgendes Urteil: Weil keiner zu Schaden gekommen ist, verurteile das Gericht mich zu drei Monaten Gefängnis mit Recht auf Widerspruch. Er fügte hinzu, ich hätte die Hälfte des Minimums bekommen, sollte ich mich aber nicht bessern, dann werden diese drei Monate draufgesattelt. Ich dankte für das milde Urteil und versicherte, keine Dummheiten mehr zu machen. Darauf klatschten die Studenten wie bei einem Schauspiel. Lediglich die Securitateleute waren mit meiner Strafe nicht einverstanden. Dann riefen mir die Studenten Namen derjenigen zu, die ich grüßen sollte. Nach dem Prozess ging es in Handschellen und mit der Mütze auf dem Kopf zum Auto und damit zurück ins Gefängnis. Ich stieg als letzter aus. Der politische Offizier (Vac pfing mich mit Ohrfeigen und schlug mich nieder. Als ich die Zelle betrat, lachten die Kollegen und fragten, seit wann der Richter schlägt. Ich hatte ihnen sehr viel zu berichten. Am nächsten Tag nachmittags brachte Unguru mich zum Kommandanten. Er sagte mir, er könne mich nicht länger beschützen. Es sei besser, wenn ich in ein anderes Gefängnis käme. Aber vorher sollte ich mir einprägen, keine Dummheit zu begehen, denn nicht überall werde ich eine schützende Hand finden. Ich sollte mich hüten, in der ersten Reihe zu stehen, denn dort werde man bekannt, und das sei nicht gut. Ich sollte stets im Hintergrund bleiben. Und ich sollte nicht für die Securitate arbeiten. Ich sollte keinem eine Gelegenheit bieten, dass er mich bestrafen kann. Ich sollte alles essen und Salzwasser trinken. Ich sollte mich hüten vor Menschen, die krank sind. Denn im Gefängnis ist die Heilung schwierig. Unguru, der von weitem zugehört hatte, grinste und meinte, er müsse mir auch etwas sagen: „Hast du eine Ahnung, wie viel ich deinetwegen geweint habe, es gruselte mich, wenn ich nachts an deiner Tür vorbeigehen musste. Ich hatte Befehl, jede Stunde durchs Türloch zu schauen, und wenn ich dich so in Ketten sah, dann war ich fertig. Auch zu Hause hatte ich keine Ruhe mehr, meine Gedanken waren nur bei dir. Jetzt sage ich dir auch warum: Ich habe einen Sohn in deinem Alter, und das Verfluchte ist, er sieht dir sehr ähnlich. Ich sah in dir stets meinen Sohn. Und ich kann und darf dir nicht helfen. Ich habe genauso gelitten wie du, und der Kommandant hat wahrscheinlich auch einen Sohn in deinem Alter. Daher die schützende Hand, die wirst du aber nicht mehr haben. Also nimm dich in acht“. Eine Woche vor Weihnachten 1956 kam ein Wärter mit einer Liste in die Zelle und rief die Häftlinge auf, die in einer Stunde für den Transport fertig sein sollten. Ich musste viel früher fertig sein. Zwei Mann

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mussten mir Ketten an die Füße legen. Dann wurde ich in einem Spezialbus ohne Fenster in eine kleine dunkle Zelle gesperrt. Ich hörte, dass in den anderen Zellen auch welche sind. Viele Häftlinge folgten noch. Wir fuhren zum Bahnhof. Auf einem toten Gleis standen Spezialwaggons für den Häftlingstransport bereit. Ich kam in eine kleine Zelle. Alles geschah bei Nacht. Die Verladung dauerte lange. Wir fuhren ein paar Stunden, dann stand der Zug auf einem toten Gleis. Wir bekamen zu essen, und gegen Abend wurden wir wieder an einen Zug angeschlossen. Wir fuhren sehr lange, bis spät in die Nacht hinein. Verlegt nach Neuschloss Aussteigen mussten wir in einem von hohen Gebäuden umgebenen großen Hof mit sehr starkem Widerhall. Der Offizier vom Dienst mit mehreren Wärtern nahm uns in Empfang. Sie versuchten, uns einzuschüchtern. Wir waren in Neuschloss (Gherla). Beim Morgenappell kam ein sehr fescher Offizier mit schmalem Schnurbart, sah jedem ins Gesicht. Dann sagte er ironisch, er habe gehört, dass einige von uns fliegen könnten, aber aus Gherla sei noch kein Vogel hinausgeflogen. Das war an mich gerichtet. Dann befahl er deutlich, wer fliegen könne, der möge hervortreten. Ich trat aus der Reihe mit den Ketten an den Füßen und sagte: „Ich glaube, Sie suchen mich“. Er sagte ja, er habe nur wissen wollen, ob ich den Mut hätte, mich zu zeigen. Er betrachtete mich von allen Seiten. Er beschloss, mich ab sofort Petric nennen, wie ich auch vorher in Temeswar gerufen worden war. Er meinte, wir würden uns noch unterhalten, denn Zeit genug dazu würden wir haben, es sei denn, ich fliege weg, aber von da aus sei das nicht möglich. Rings um uns seien drei Mauern, doch die könnte ich unmöglich überspringen, ohne gesehen zu werden. Ab sofort dürfe ich nicht mehr an die frische Luft gehen. Das hätte ich meiner Berühmtheit zu verdanken. Er stellte sich unter dem Namen Dragomir und als politischen Offizier vor. Er verfolge viele Ziele, eins davon sei ich. Dragomir war stets wie aus der Schachtel angezogen, sein schmaler schwarzer Schnurbart war millimetergenau geschnitten. Er war zu stolz, um auf Petzer zu hören, er war sehr ehrlich. Wen er auf falschem Fuß erwischte, der hatte nichts zu lachen. Am ersten Tag teilten wir uns die Betten auf. Ich war im 4. Stockwerk, neben mir ein kleiner katholischer Mönch mit einer Stimme wie ein kastrierter Hahn, aber hoch intelligent. Unter den Häftlingen waren weitere Mönche: Iustinian, Nohai, Tarcisius und Raza. Es war immer sehr interessant, den Geistlichen zuzuhören. Damals waren 115 Häftlinge im Raum, jung und alt, darunter viele Sektenangehörige. Toilette gab es keine, die Notdurft mussten wir in zwei große Holzfässer verrichten, die gegen Gestank mit Chlorkalk behandelt wurden. Es stank so stark nach Chlor, dass es einem den Atem verschlug. Jeden Morgen wurden die Fässer geleert. Damit der Gestank ein wenig

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reduziert wurde, durften wir uns ab und an über ein Loch setzen. Zum Wischen gab es nichts. Wir mussten mit Konservendosen aus einem Gefäß Wasser schöpfen und den Hintern waschen. Das ekelhafteste war aber das Waschen der Fässer. Aber auch das war Gewöhnung. Trinkwasser brachte man uns ebenfalls in Holzfässern: einen Liter je Häftling. Das Wasser von Neuschloss ist salzhaltig. Trinkwasser musste von weither gebracht werden. Zum Waschen bekam man einen halben Liter Salzwasser. Unter so vielen Menschen wird es einem nie langweilig. Kurz nachdem wir in Neuschloss angekommen waren, musste ich am Morgen Meldung geben. Angetreten waren 118 Häftlinge. Der Wärter, ein kleiner, böser Ungar, sagte in seinem sehr schlechten Rumänisch: „Nimic se mi “ (Nichts bewegt sich). Das sollte stillgestanden heißen. Da meldete sich eine Stimme aus den hinteren Reihen: „Alles bewegt sich“. Der Wärter wollte wissen, wer das gesagt hat. „Giordano Bruno“, kam es aus einem anderen Mund. Der Wärter brüllte, so laut er nur konnte, damit ihn der Offizier hört: „Bruno, komm sofort heraus“. Er wiederholte es mehrmals. Da kam der Offizier vom Dienst mit dem politischen Offizier Dragomir herein. Dragomir fragte, was da los sei. Ich meldete, worauf der Wärter erneut schrie. „Bruno, komm heraus“. Dragomir lächelte und sagte: „Lass ihn zum Teufel, den Bruno, der hat seine Strafe schon bekommen, den musst du nicht mehr bestrafen. Komm gehen wir weiter“. Eines Tages wurden wir getrennt, damit wir uns nicht weiter gegenseitig beeinflussen konnten. Erstes Ziel war, die Jugend von den alten Sträflingen zu trennen. Auch die Geistlichen und religiösen Fanatiker wollte man beisammen haben. Die Jugendlichen blieben im selben Großraum, neue wurden dazu gebracht, so dass wir 116 Mann beisammen waren. Die Neuen waren viel schwerer zu beherrschen. Aber an allem waren lediglich die Wärter schuld. Denn alles, was sie taten, war reine Willkür. Fast täglich wurde geschlagen. Es gab Wärter, die suchten stets einen Grund, um jemanden zu misshandeln. Sie gingen zwischen die Häftlinge und suchten jemanden aus, nahmen ihn mit in einen kleinen Vorraum, schlugen und traten ihn. Danach griffen sie andere, und zwar so lange, bis sie genug hatten. Vor dieser Sorte hatte ich Angst. Eines Tages legte einer mir Handschellen an und befahl mir, die Hosen herunterzulassen und mich hinzulegen. Er warf mir ein Stück nasse Leinwand auf den Hintern und schlug aus Leibeskräften mit einem vier Zentimeter dicken dünnwandigen Aluminiumrohr darauf. Die ersten drei, vier Hiebe taten so weh, dass ich hochsprang. Bei jedem Hieb pfiff das Rohr. An jenem Tag wurden weitere vier Häftlinge so behandelt. Ich hatte keine offene Wunde, aber alles war geschwollen. Alle waren sehr empört wegen dieser Willkür. Aber bei wem sollte man sich beschweren? Ich konnte ein paar Tage nicht sitzen. Und kaum waren die Rohrsträhnen ein wenig geheilt, kamen die Wärter erneut, um zu schlagen. Diese Wärter waren alle Missgeburten, sehr

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klein, buckelig und hässlich. Wegen ihres Aussehens hassten sie normal gewachsene Menschen. Man sagt nicht umsonst, hüte dich vor Menschen, die Gott gezeichnet hat. Als ich wieder nach demselben Muster verprügelt wurde, habe ich nach den ersten Hieben wohl so laut geschrieen, dass sofort eine Befriedigung den Gesichtern der Schläger abzulesen war. Diesmal hatte ich sehr starke Schmerzen, ich konnte kaum gehen. Diese Prügelorgie war zur Gewohnheit geworden, fast jeden Tag wurden welche geschlagen. Wir hatten bei uns einen etwa 20jährigen Zigeuner, der war Zeuge Jehovas. Eines Tages hatte ihn ein Wärter entdeckt und verspottete ihn, der Zigeuner antwortete mit einem Grinsen. Der Wärter schlug ihn nieder und beschimpfte ihn ordinär, worauf der Zigeuner vor Glück strahlte, weil er endlich für den Herrn leiden konnte. Er wurde weiter geschlagen. Doch je mehr er geschlagen wurde, desto glücklicher war er, und das ärgerte die Schläger. So wurde es allmählich für die Wärter langweilig, so dass er nie mehr bestraft wurde. Ich wurde zum dritten Mal verprügelt. Bei den ersten Hieben sprang ich noch hoch, aber die nächsten Hiebe konnte ich schon besser vertragen. Ich merkte, dass ich am Hintern eine harte Haut bekommen hatte. Wenn ich ging, bewegte sich mein Hintern als Ganzes. Am stärksten schmerzten mir die Knöchel. Unter den Wärtern gab es einen Sadisten, der wollte unbedingt, dass ich an ihn denke, so lange ich lebe. Er trat mir auf die Knöchel und drehte sich auf der Stelle und lachte, wenn ich schrie. Er drohte, er bringe mich soweit, dass ich nie mehr laufen könne. Der Terror war kaum noch zum ertragen, jeden Tag gab es Schläge. Revolte Dann kam der Tag, als vier Wärter bei uns eintraten. Einer ohrfeigte einen kräftigen Häftling, der eben vor der Eingangstür stand. Reflexartig versetzte der Häftling der Missgeburt einen Hieb, so dass der auf den Hintern fiel. Die anderen drei liefen sofort brüllend hinaus und schrieen aus Leibeskräften: Rebellion, Rebellion. Wir zerlegten die Eisenbetten und verbarrikadierten die Tür. Durch Morsezeichen informierten wir das ganze Gefängnis. Wir entfernten die Bretter vor den Fenstern, fast das ganze Gefängnis schloss sich uns an. Nun hatten wir für kurze Zeit Licht und Luft. Die Feuerwehr rückte an und versuchte, durch die Fenster Wasser hereinzuspritzen, aber die Häftlinge hielten die Strohsäcke an die Fenster. Danach kam Militär zu Hilfe. Soldaten mit Maschinengewehren gingen in Stellung. Sie eröffneten das Feuer und zielten auf die Fenster unseres Raumes. Aber wir waren hinter den Mauern geschützt. Einige hielten die Strohsäcke vor die Fenster, so dass keine Kugel eindringen konnte. Aber es bildete sich Staub, dass man kaum noch atmen konnte. Weil wir nicht aufgaben, hörte die Schießerei auf. Die Tür war gut verbarrikadiert. Mit einem Schweißgerät schnitten sie ein Loch in die Tür, so dass ein paar Gewehrläufe hindurch pass-

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ten. Doch sie konnten lediglich die Decke beschießen. Mit meinem Freund Stefan hatte ich mich in eine ganz dunkle Ecke zurückgezogen. Wir zogen alles an, was wir hatten; die Pelzmützen hatten wir aufgesetzt und uns Decken auf den Rücken gebunden. Nachdem die Tür geöffnet war, stürmten die Soldaten mit Knüppeln herein, stellten sich in zwei Reihen auf, und wir mussten durch die Gasse rennen. Von beiden Seiten schlugen sie auf uns ein. Manche Soldaten hielten still, um besser in den Magen zu hauen oder in die Leber. Einige schlugen mit Holzhämmern auf die Köpfe ein. Viele Häftlinge blieben liegen. Ein großer, kräftiger Häftling schob mich wie ein Spielzeug vor sich her und stieß mich immer ganz nahe gegen die Schläger, so dass ich kaum etwas abbekommen habe außer einem Hieb mit dem Hammer auf den Kopf. Ich ging kurz in die Knie, rappelte mich auf und lief weiter. Wir mussten aus dem dritten Stockwerk zwischen Soldaten hinunterlaufen. Auf dem Hof lagen Menschen übereinander. Plötzlich sah ich, wie der Kommandant einem ehemaligen Piloten die Faust in den Magen rammte. Dann packte der Kommandant den Piloten von hinten und versuchte ihn festzuhalten. Der Pilot ergriff den Kommandanten, schleifte ihn die Treppen hinunter und schleuderte ihn gegen die Wand, dass er wie ein Haufen Elend zusammensackte. Der Kommandant war 79 Jahre alt, groß und kräftig wie ein Gorilla. Er hätte schon längst in Rente sein müssen, aber als guter Kommunist wollte er sich wohl ein Leben lang nützlich machen. Der Kommandant war der Schwiegervater des damaligen Staatschefs Rumäniens Gheorghe Gheorghiu-Dej (1901-1965). Seit jenem Tag hat ihn niemand mehr gesehen. Der Pilot hatte Glück, dass ihn kein Wärter gesehen hatte. Sonst hätte man ihn erschlagen. Aber in dem Gerangel hat kaum ein Wärter etwas gemerkt. Unten hat sich der Pilot auf den Bauch geworfen und mit dem Blut anderer im Gesicht beschmiert. Er hatte große Angst, dass ihn der Kommandant erkennen würde. Als wir unten angekommen waren, wurden wir in einen Raum gegenüber den Baderäumen geprügelt und mussten uns auf den Boden setzen. Die Wärter suchten Bekannte heraus und schoben sie ins Bad hinein. Nach zwei bis drei Schreien kehrte Ruhe ein, und der Tote wurde an Füßen herausgeschleift. Die „Auserwählten“ warteten, bis sie an die Reihe kamen. Die Henker hatten im Bad das Licht ausgeschaltet, damit man sie nicht erkennen konnte. Zusehen und Warten war schrecklich. Keiner wusste, ob er nicht selbst an die Reihe kommt. Jedes Mal, wenn ein Wärter zu uns kam und sich die Gesichter ansah, erstarrten wir. Bis zuletzt wünschte man sich, sie würden einen mitnehmen. Dann tauchten weiß Gekleidete mit Tragbahren auf, um Häftlinge wegschleppten. Das ganze dauerte bis zum Morgen. Dann mussten wir zurück in die Zelle. Einige hatten Angst, zu melden, dass sie Kugeln in Füßen oder anderswo im Körper hatten. Sie dachten, dass sie damit aushalten könnten, bis sie entlassen werden. Aus unserem Raum konn-

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ten wir sehen, dass die Küche gebrannt hatte. Wir bekamen zwei Tage nur kaltes Essen. Als erstes wurden die Abdeckungen an unseren Fenstern ang ebracht. Bei uns fehlten sechs Häftlinge, niemand wusste etwas von ihnen. Wir fragten Wärter Petric wir sollten froh sein, dass wir nicht dabei waren. Aber er erzählte etwas anderes: Die Zeugen Jehovas, die in einem Raum uns gegenüber untergebracht waren, hatten diese Schießerei als Weltende gedeutet. Sie zogen sich nackt aus, wuschen sich, wickelten die Bettlaken um sich und warteten auf den Erlöser. Denn nach ihrem Kalender war 1956 das Jahr 5.000, für das ihr Prophet den Weltuntergang vorhergesagt hatte. Sie waren sicher, als Gläubige in den Himmel zu kommen. Die Wärter, die das entdeckt hatten, schlugen mit Stöcken und Seilen unerbittlich auf sie ein. Ihr Ruf nach Jehova blieb unerhört. Das Essen verschlechterte sich, es gab fast jeden Tag gekochte Rüben oder Pasternak mit Möhren, ganz selten Kohl oder Bohnen. Trotz dieser Maßnahmen waren die Jugendlichen stets zu Späßen bereit. Ganz beeindruckend war der Weihnachtsabend. Es wurden rumänische Weihnachtslieder gesungen, und jemand hat das durch Morse gesteuert und den Takt geschlagen. Da haben 7.000 Häftlinge an den Fenstern gesungen, dass wir Gänsehaut bekamen; viele beteten. Die Priester hielten Gottesdienst. Das waren schwere Momente. Denn jeder dachte an die Freiheit und an die Familie. Ich saß schon seit fast zwei Jahren, und mein Entlassungstag rückte immer näher. Ich musste ein paar Gedichte lernen, die die Studenten Baghiu, Stanca Kurz vor der Entlassung wurde ich in ein anderes Gebäude in einen kleinen dunklen Raum zum Hof hin verlegt. Ich war allein, hatte ein Bett, einen Eimer für die Notdurft und eine Kanne mit Trinkwasser. Licht drang lediglich durch ein paar Löcher in der Brettertür. Bei schönem Wetter schien die Sonne durch die Löcher auf den Fußboden, dann verfolgte ich den Lichtpunkt auf dem Boden und damit, wie die Sonne wanderte. Essen bekam ich mehr als genug. Ich vertrieb mir die Zeit mit Überlegungen zu technischen Konstruktionen. Nach etwa zwei Wochen brachte man sechs Häftlinge zu mir. Einer davon war Geschäftsführer und zu sechs Jahren verurteilt. Ihm hatte ein Pfennigbetrag gefehlt. Die rumänische Regierung wollte über Nacht nur anständige Bürger haben und hat die Gefängnisse zum Platzen gebracht. Nach ein paar Tagen merkten wir, dass der Mann beim Essen alles ungekaut hinunterschluckt. Als einer deshalb lachte, sprang er diesem an den Hals und rief immer wieder: „Du Schwein“. Wir eilten zu Hilfe, konnten aber trotz größter Anstrengung kaum seine Finger lösen. Nach ein paar Minuten war alles vorbei. Doch das wiederholte sich mehrmals. Wir merkten, dass man vor ihm nicht lachen durfte. Wir wollten wissen, warum er beim Lachen ausrastet. Er sagte, dass er die ganze Zeit beim Verhör nur Schweine gehört hatte, die ihn ausgelacht hätten. Darum

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hasse er Schweine. Und wenn jemand lacht, sieht er sofort in ihm ein Schwein, das er töten muss. Wenn niemand lachte, war er ein friedlicher Mensch, dann konnte man kaum erkennen, dass er nicht normal war. Eines Tages sprachen meine neuen Kollegen von hingerichteten Häftlingen. Es waren jene, die am Tag der kleinen Revolte umgebracht worden sind. Sie hatten die Leichen der fehlenden Häftlinge aus meiner Zelle auf einem Friedhof neben dem Gefängnis einscharren müssen. Danach mussten sie das Blut beseitigen. Alles sollte geheim bleiben. Jetzt wusste ich, die sechs sollten beseitigt werden, damit nichts ans Licht kommt. Und ich war mir sicher, dasselbe sollte mit mir geschehen. Die sechs hatten keine Ahnung, was auf sie wartet. Ich habe mich gehütet, ihnen etwas davon zu sagen. Nach etwa zwei Wochen rissen mehrere Wärter die Tür auf und legten allen Handschellen und dünne kurze Ketten an die Füße an und beschimpften sie. Die sechs waren erschrocken. Sie wurden in einen Kleinbus geladen und weggebracht. Zum Glück hat mich niemand gesehen, sonst hätte mich wohl auch dasselbe Schicksal ereilt. Die nächste Zeit bis zu meiner Entlassung bin ich im selben Raum geblieben. Zehn Tage vorher bekam ich besseres Essen und musste zum Arzt zur Kontrolle. Eine Stunde vor der Entlassung bekam ich eine Vitaminspritze, damit mein Gesicht ein paar Stunden lang schön rot bleibt und die Menschen auf der Straße sehen konnten, wie gut es im Gefängnis ist. Am Tor bekam ich meine Papiere und eine Eisenbahnfahrkarte. Ich musste mich beeilen, um den Zug nicht zu versäumen. Nach 100 Metern blieb ich stehen, um mir das Gefängnis von außen anzusehen, in dem ich zwei Jahre meines Lebens nutzlos vergeudet hatte. Ich muss gestehen, von außen sieht das Gefängnis, ein Gebäude aus der Zeit der Kaiserin Maria Theresia, gar nicht schlecht aus. Und keiner von der Straße ahnt, was sich hinter den Mauern abspielt und wie viele tausend Häftlinge drinnen dahinvegetieren. Am Bahnhof angekommen, wartete mein Freund Stefan Neckel auf mich, der war mir entgegengekommen, um mich abzuholen. Im Zug gab es etwas Neues für mich: In jedem Abteil war ein Lautsprecher montiert. Durch diese Lautsprecher wurden die Durchsagen gemacht, sie waren auch ans Radio gekoppelt. Zum ersten Mal hörte ich die wunderschöne Melodie „Eine Reise ins Glück“. Ich bekam Gänsehaut. Mein Freund berichtete mir über alles, was in unserer Abwesenheit passiert war. Ich konnte ihm aber nichts mehr aus dem Gefängnis berichten, weil ich noch am selben Tag, als man ihn entlassen hatte, für die restlichen drei Monate isoliert worden bin. Stefan sagte mir, dass Gottfried Gärtners Schwester mit mir sprechen wolle. Sie möchte etwas über ihren Bruder erfahren. Zu Hause angelangt, war die Freude groß, besonders unter meinen Geschwistern. Da sah ich, wie viel die gewachsen waren. Ich musste mich wieder anpassen. Ich hatte einen großen Hass auf kleine

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Menschen. Ich hätte jeden am Hals erwischen können, und wenn der zusätzlich vom Herrgott gezeichnet war, war der Hass noch größer. Dieses Gefühl hatte ich noch sehr lange Zeit. Wenn ich einen sah, hatte ich immer das Bild der Missgeburten von Wärtern im Gefängnis vor Augen. Die selber trugen einen genau so großen Hass gegen normale Menschen in sich. Ich wurde in einer Genossenschaft als Mechaniker eingestellt. Wir pflegten Anlagen in Bäckereien und Schneidereien. Wichtigstes Betätigungsfeld war die Überprüfung von Waagen. Die mussten in Rumänien jährlich geeicht werden. Dazu musste man umschulen und eine Prüfung ablegen. Für die Pflege von Präzisionswaagen musste man sich einer Sonderprüfung stellen. So kamen wir vom Weinkeller bis zum Schlachthof überall hin. Ich heiratete und wechselte zur Tafelglasfabrik in Mediasch. Dort befasste ich mich mit Messanlagen, besonders aber mit Waagen. Ich arbeitete mich sehr schnell ein und befasste mich mit verschiedenen Neuerungen und Erfindungen, durfte auch eigene Versuche durchführen. Wegen eines von mir beanspruchten Patents fuhr ich nach Bukarest zum Patentamt. Dort musste ich ein Papier unterschreiben, dass ich meine Erfindung dem rumänischen Staat übergebe. Und wenn es durch die Kommission durchgegangen ist und sich ein Interessent find et, werde ich belohnt. Nach ein paar Monaten erhielt ich das Patentrecht. Die Freude war groß, aber von kurzer Dauer. Ich bekam eine Aufforderung, die erste Jahresrate für den Schutz meines Patentes zu zahlen, obwohl ich keinen Pfennig erhalten hatte, denn das Patent habe ich ja dem Staat geschenkt. Soviel Geld konnte ich nicht zum Fenster hinauswerfen. Die zweite Rate wollte und konnte ich nicht bezahlen und verzichtete aufs Patent. Ich fing an, den Motor selbst zu bauen. In der Metrologie hatten wir eine supergenaue Drehbank. Material war auch vorhanden. Für den Bau meines Motors hatte ich fast ein Jahr gebraucht. Nur einmal ist es mir gelungen, den Motor kurz laufen zu lassen. Es war ergreifend. Kurz darauf las ich in einer deutschen Zeitschrift von einem ähnlichen Motor. Ich beschloss, mit den Zeichnungen nach Bukarest zur deutschen Botschaft zu fahren. Am Eingang wurde ich nach dem Besuchsgrund gefragt. Ich sagte, wegen Auswanderung. Und ich wurde hineingelassen. Nachdem ich dem ersten Beamten gesagt hatte, wovon die Rede ist, musste ich einige Zeit warten, dann kam der Botschafter Dr. Schäfer und bat mich in ein anderes Zimmer, dort sprachen wir über allerhand Sachen und auch über den Motor. Er hatte versprochen, die Zeichnungen an die richtige Stelle zu bringen. Beim Abschied sagte mir Dr. Schäfer, dass ich jetzt bestimmt verfolgt werde. Wenn ich etwas Verdächtiges bei mir hätte, sollte ich es lieber in der Botschaft lassen. Ich hatte nichts außer meinen Unterlagen für den Pass. Auf der Straße konnte ich nicht nach links und rechts sehen, denn das wäre viel zu auffällig gewesen. Also ging ich geradeaus bis zur ersten Vitrine, wo ich tat, als ob ich hineinsehen würde. Ich suchte einen guten Winkel, der es erlaubte, im Glas die ganze Straße hinter mir einsehen zu

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können. Es waren fast keine Leute auf der abgelegenen Straße außer drei Personen. Eine Frau kam neben mich und sah auch in die Vitrine. Nachdem ich die Gesichter gesehen hatte, ging ich weiter in Richtung Stadtmitte. Ich hatte Hunger, ging in ein Restaurant und bestellte Fisch und ein Glas Wein. Ich ließ mir Zeit. Heimfahren konnte ich noch nicht, weil ich noch etwas für die Fabrik auszurichten hatte. Ich brauchte eine Übernachtungsmöglichkeit. Weil ich nicht ins Hotel wollte, fragte ich die Bedienung. Ich erhielt eine Adresse, an der mich eine ältere, freundliche Dame empfing. Ich fragte, ob ich bei ihr übernachten könnte. Sie sagte ja, bei Zahlung im voraus. Dann war sie verschwunden. Etwas später kam sie weinend herein und fragte, warum die Securitate vor dem Tor stehe. Ich erzählte ihr, dass ich in der deutschen Botschaft war und jetzt bestimmt verfolgt werde. Aber sie brauche sich keine Sorgen zu machen, denn ich habe nichts Böses getan. Nachdem sie ein wenig Vertrauen in mich gewonnen hatte, sagte sie, die Kommunisten hätten ihren Mann erschossen. Es war -1954), er sollte Staatschef werden. Er sei zum Verräter gestempelt worden und mit ihm noch seine Anhänger. Sie wurden zum Tode verurteilt und 1954 erschossen. Sie zeigte mir Bilder von ihrem Mann und seinem Konkurrenten Gheorghe Gheorghiu-Dej und von vielen anderen Politikern jener Zeit. Ich glaubte, was sie erzählte. Am Morgen sagte mir die Frau, ich sollte recht lange schlafen, vielleicht verschwinden die Securitate-Leute. Die Frau brachte mich zu einem Ausgang in eine andere Straße, drückte mir die Hand und wünschte mir Glück. Ich stieg in eine Straßenbahn und fuhr in Richtung Stadtmitte. Der Wagen war nur zur Hälfte besetzt. Ich sah mir ständig die Leute an, konnte aber keinen Auffälligen ausmachen. Dann ging ich ganz nahe an den Ausstieg und wartete ruhig ein paar Stationen. Als sich die Tür schloss, trat ich zwischen die Flügel und öffnete sie. Dann sah ich, wie sich eine Frau und zwei Männer gegen die Tür warfen, aufrissen und mir folgten. Jetzt wusste ich, wer mich verfolgte. Sie grinsten mich an, und ich erwiderte das Grinsen. Nun ging ich in ein ganz großes Spielzeuggeschäft und wartete, dass die Zeit vergeht. Dort war so ein kompliziertes Labyrinth mit den Regalen und Wänden, aus dem man kaum herausfinden konnte. Ich merkte, dass ich alleine war. Ich ließ mir nichts anmerken und suchte weiter nach schönen Exponaten. Ich dachte an das Geschehene, da wäre ich beinahe mit meinen Verfolgern zusammengestoßen. Die hatten mich wahrscheinlich aus den Augen verloren und suchten mich erneut. Aber als wir uns Auge in Auge sehen konnten, lächelten sie nur, drehten sich um und gingen. Von da an habe ich keinen Verfolger mehr bemerkt. Die hatten mich daheim bestimmt schon angemeldet. Dies war mein Bukarester Erlebnis. Der Besuch in der Botschaft hatte keine schwerwiegenden Folgen, lediglich im Betrieb musste ich kurzfristig einige Einschränkungen hinnehmen. In meiner Freizeit ging ich meinen besonderen Hobbys nach: Das waren die

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Berge, Höhlen und das Mineraliensammeln. Zufällig kaufte ich einen kleinen Klumpen Rohgold und schmolz ihn in der Firma ein. Dazu hatte ich im geheimen einen Ofen und eine Zentrifuge gebaut. Danach vernichtete ich alles. Doch die Securitate bekam Wind davon, holte mich im Februar 1978 in der Firma ab und verhörte mich einen Monat lang in Großwardein (Oradea). Die Untersuchungshaft wurde mir nicht bescheinigt, sondern als Urlaub gewertet. Im Laufe der Jahre stellten immer mehr Deutsche Auswanderungsanträge. Es brach regelrecht eine Ausreise-Hysterie aus. Unter den Deutschen gab es fast keine andere Diskussion mehr als dieses Thema. Auch ich stellte Antrag um Antrag. Ich wartete nicht einmal auf eine Antwort, weil ich wusste, dass es nur Absagen geben wird. Jeden zweiten Monat schrieb ich einen Antrag, in der Hoffnung, dass meine Papiere vielleicht einmal positiv beschieden werden. Von Deutschland aus wurde ich auch unterstützt. Meine Schwester schrieb ständig an Amnesty International. Die Securitate bestellte mich deswegen ins Zentralhotel. Zwei hohe Offiziere befragten mich. Zuletzt rückten sie mit der Sprache heraus: Ich könnte lediglich ausreisen, wenn ich mich verpflichte, in Deutschland Industriespionage zu betreiben. Ferner sollte ich den Amnesty-Mitarbeitern mitteilen, sie sollten zum Teufel gehen und nicht mehr an unsere Regierung schreiben. Denn kein Fremder könne die rumänischen Behörden zu etwas zwingen. Für mich stand fest: Die Securitate wollte mich erpressen. Mit einer offiziellen Auswanderung konnte ich nicht mehr rechnen, weil ich mich weigerte, mit dem Geheimdienst zu kollaborieren. Es blieb nur noch die Flucht über die Grenze. Es war ein großes Risiko, aber ich hatte keine andere Wahl. Manche haben den Wunsch nach Freiheit sogar mit dem Leben bezahlt. Meiner Frau erzählte ich nichts von meinen Absichten. In der Arbeit sprach ich oft mit meinem Chef über die Möglichkeit, zu fliehen. Fluchtversuch bei Basiasch Am 16. September 1979 bekam ich in der Arbeit einen Anruf von einem Freund, der sagte, um 12 Uhr sollte ich mit 40.000 Lei bei ihm sein, er habe die richtigen Schleuser gefunden, sie seien in der Banater Stadt Reschitza zu Hause. Als ich mich meiner Frau offenbart hatte, flehte sie mich an, es nicht zu wagen. Was sollte sie ohne mich mit dem Kind anfangen. Ich konnte sie nicht beruhigen, doch ihr Weinen konnte mich auch nicht zurückhalten. Als ich bei meinem Freund Fritz Cristianu (vorher Gerst) eintraf, waren wir plötzlich zu viert. Fritz beruhigte mich und sagte, sein Bruder Roland werde nach Reschitza mitkommen, aber zu einem späteren Zeitpunkt die Flucht antreten. Fritz fuhr uns mit seinem Auto nach Reschitza, wo wir unsere Schleuser kennenlernten: Es war ein älterer Mann mit seinem 30 Jahre alten Sohn. Sie nahmen das Geld in Empfang, und wir fuhren sofort los. Wir sollten in der Nä-

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he von Basiasch (Bazia zfluss zwischen Serbien und Rumänien wird. Fritz machte sich mit dem Auto auf den Heimweg, wir fuhren bis nach Anina in Grenznähe. Dort sagten die Schleuser entgegen unserer Abmachung, dass sie uns nur nahe an die Grenze fahren, von dort sollten wir alleine weitergehen. Am schwierigsten sei der Weg bis zur Grenze. Wenn wir ihre Anweisungen befolgten, gäbe es keine Gefahr. Der Sohn habe dort seinen Militärdienst geleistet. Wir saßen in der Falle und konnten nicht mehr zurück. Die Schleuser sagten, wenn sie anhalten, sollten wir aussteigen und die Böschung hinaufkriechen, in der Dunkelheit könnten wir von dort einen Grenzerstützpunkt sehen, den sollten wir weit umgehen. Wenn wir mit dem Gebäude auf einer Linie seien, hätten wir die Grenze erreicht. Wenn wir auf Stacheldraht stoßen sollten, müssten wir ihn durchschneiden und durch die Lücke kriechen. Wir sollten auf alles achten, besonders auf Schnüre, denn sie könnten Alarm auslösen. Wenn wir das Gebäude hinter uns hätten, wären wir über der Grenze. Wir folgten ihren Anweisungen, aber wir stießen schon viel früher auf Stacheldraht, das Gebäude war noch weit entfernt. Wir schnitten ein Loch in den Draht und krochen durch. Wenn wir uns auf den Bauch legten, konnten wir am Horizont das Gebäude gut erkennen. Es herrschte eine himmlische Ruhe, nicht einmal Hunde hörte man bellen. Wir hatten das Gebäude schon hinter uns gelassen und fühlten uns schon in Jugoslawien. Wir gingen mehr aufrecht als gebückt. Nicht weit vor uns sahen wir ein Wäldchen, in dem wir warten wollten, bis es hell wird. Vor uns sahen wir Wachtürme, aber die waren anscheinend nicht besetzt. Plötzlich sahen wir in einiger Entfernung einen Soldaten auf uns zukommen. Wir waren entdeckt, an Flüchten war nicht mehr zu denken. Als der Soldat sich genähert hatte, schrie er „nieder“ und schoss vor unseren Köpfen in den Boden. Er wartete, bis ein zweiter Soldat eingetroffen war. Der Soldat wurde gesprächig, er meinte, der Herrgott habe uns zu ihm geschickt. Denn für jeden Gefangenen würden sie eine Woche Urlaub bekommen, und er müsse sowieso zur Hochzeit seiner Schwester fahren, jetzt habe sich alles von selber erledigt. Er gab uns sogar Bonbons. Aber als der zweite hinzugekommen war, begann er zur Schau zu schimpfen. Die beiden führten uns in den Grenzerstützpunkt. Kaum waren wir drinnen, fielen die Soldaten über uns her, fluchten und schlugen sich müde an uns. Diese Soldaten waren anscheinend trainiert, die Nieren zu treffen und schlugen so lange darauf, bis man zusammenbrach. Die erste Nacht verbrachten wir dort. Am nächsten Morgen wurden wir in einem Spezialwagen nach Mediasch zur Polizei gefahren. Am darauffolgenden Morgen wurden wir verhört. Wir sagten, wie alles abgelaufen war. Denn die Schleuser hatten uns betrogen. Weil sie nicht Wort gehalten hatten, verdienten sie es nicht, gedeckt zu werden. Uns wurde ein schneller Prozess gemacht. In fünf Minuten war ich zu sechs

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Monaten Gefängnis verurteilt worden, und die anderen zwei auch. Danach durften wir miteinander und mit unseren Angehörigen kurz sprechen. Aus dem Gerichtssaal wurden wir direkt nach Temeswar ins Gefängnis gefahren. Am folgenden Tag gegen 10 Uhr wurde ich gerufen, meine Frau sei zu Besuch gekommen. Ich wollte das nicht glauben, doch zu meiner Überraschung war meine Frau wirklich auf der anderen Seite des Glases. Ein Polizist achtete darauf, dass wir nur Rumänisch sprachen. In zehn Minuten war das Gespräch beendet, und ich kriegte die Lebensmittel und die Wäsche, die meine Frau mir mitgebracht hatte. Alles wurde durchstochen und zerschnitten. Ich hatte versucht, meine Frau zu beruhigen, denn es war sehr hart für sie. Der Sohn würde immer nach mir fragen, und sie wisse nicht mehr, was sie ihm sagen solle. Nachdem ich zurück in der Zelle war, wurden auch die beiden anderen zum Gespräch gerufen. Als meine Freunde zurück in der Zelle waren, wurde ich einem Offizier vorgeführt, der mich anbrüllte, welche Beziehungen wir hätten, da unsere Angehörigen schon da seien. Niemand könne das wissen, lediglich höhere Offiziere. Wie viel hätten unsere Angehörigen für diese Information gezahlt? Ich sagte ihm, dass wir davon keine Ahnung hätten und selbst überrascht seien. Wir drei Grenzgänger waren mit vielen anderen in einem Raum mit 58 Betten untergebracht, zwischen denen fast kein Platz war. Wir stellten uns dem Zimmerchef vor. Es war ein großer, kräftiger Mann, dem alle gehorchten. Zur Seite hatte er zwei Schläger. Mit einem Gummiknüppel sorgte er für Ordnung. Zu uns war er sehr nett, aber Räuber und Betrüger hatten nichts zu lachen. Als wir ihm erzählten, wie man uns gefangen hat, da lachte er und sagte, dass noch zwei Häftlinge aus Reschitza da seien, die in dieselbe Falle geraten seien. Die seien sich auch sicher gewesen, in Jugoslawien zu sein. Dann erklärte er uns, was geschehen war. Zwei Wochen vorher hatten die Regierungen Rumäniens und Jugoslawiens einen Freundschaftsvertrag unterschrieben, und so wurde der Stacheldrahtzaun einige Kilometer landeinwärts teilweise wieder aufgebaut. Deshalb hätten sich mehrere Überläufer geirrt; sie wähnten sich schon in Jugoslawien und verließen ihr Versteck. Die Enttäuschung war groß, als sie von rumänischen Soldaten festgenommen wurden. Ein paar Tage ließ man uns in der Zelle, während die anderen zur Arbeit mussten. Aber dann mussten auch wir auf die Baustelle einer Hühnerfarm. Um 5 Uhr wurden wir geweckt. Nach dem Bettenmachen gab es um 6 Uhr Frühstück: 125 Gramm Brot und 250 Milliliter schwarzes, leicht gesüßtes Wasser. Um 6.30 Uhr war Appell auf dem Hof. Bis die rund 600 Häftlinge samt Essgeschirr auf Lastwagen verfrachtet waren, verging einige Zeit, obwohl alles im Laufschritt erledigt werden musste. Nach einem weiteren Appell auf der Baustelle mussten wir uns dorthin stellen, wo es uns befohlen wurde. Wir durften keiner Pfütze ausweichen. Manchmal war der Dreck so dick, dass er in die Schuhe lief. Wir wurden zur Arbeit eingeteilt. Ich bekam eine sehr schlechte

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Schubkarre, durfte mich aber nicht beklagen. Als sie mit Beton gefüllt war, musste ich die ganze Kraft aufbieten, um sie in Bewegung zu setzen; ich hatte keine Übung und auch keine Kraft für so eine schwere Arbeit. Schon gegen 10 Uhr begann ich zu zittern, meine Kraft war am Ende. Ich dachte die ganze Zeit nach, wie ich mir die Arbeit erleichtern könnte. Es dauerte ein paar Tage, bis mir die geniale Idee kam. Abends nach der Arbeit kroch ich in mein Bett im vierten Stock. Dort war ich vor Blicken geschützt, niemand konnte sehen, was ich dort oben mache. Ich musste mir einen drei Zentimeter breiten Leinenstreifen aus dem Strohsack schneiden, und zwar so, dass es niemand merkte. Ich hatte mir eine Nadel und Zwirn verlangt, mit der Vorgabe, mir die Kleidung flicken zu wollen. Mit dem Zwirn habe ich den weiten Schlitz zugenäht. Den Leinenstreifen habe ich in den Rock geheftet und vom Rücken über die Schultern in die Ärmel. Auf der Baustelle musste ich die beiden Enden des Leinenstreifens aus den Ärmeln herauslassen, um die Schubkarrengriffe wickeln und mit den Händen festhalten. Jetzt ruhte die ganze Last auf den Schultern, und mit den Händen musste ich nur noch lenken. Ich hatte es etwas leichter, aber abends war ich doch so müde, dass ich beim Essen die Hände kaum noch heben konnte. In der Nacht dachte ich über manches nach, erinnerte mich an die erste Haft in Temeswar und an den Wärter Unguru, der mir gesagt hatte, immer wenn ich sehr müde sei und Kopfweh habe und die Kräfte mich verließen, sollte ich Salzwasser trinken. Der Zimmerchef versorgte mich mit Salz aus einem Beutel, den er in der Kombüse aufbewahrte. Die Kombüse war ein kleiner Raum, worin das aus Paketen stammende Essen der Sträflinge aufbewahrt wurde und zu dem nur der Zimmerchef einen Schlüssel hatte. Jeder Häftling hatte das Recht, fünf Kilogramm Lebensmittel im Monat zu bekommen. Beim kleinsten Regelverstoß wurde einem das Recht auf das Paket gestrichen, dann mussten wir bis zum nächsten Monat warten. Meine Frau schickte mir regelmäßig Pakete, in der Regel mit kaloriereichem Speck gefüllt. Ich teilte den Speck so ein, dass ich jeden Tag ein Stückchen essen konnte. Ich sparte nie am Salz. Jetzt wusste ich, wie recht Unguru mit dem Salz hatte. Wir freuten uns stets auf den Samstag, denn an diesem Tag gingen wir duschen. Eine Dusche dauerte 10 bis 15 Minuten, unter einer Brause standen wir stets zu dritt. Meistens war das Wasser nicht richtig warm, und oft blieb die Seife auf der Haut. Fast jeden zweiten Sonntag wurden wir in eine Halle gefahren, wo wir sechs Stunden lang Knoblauch für eine Konservenfabrik schälen mussten. Hie und da schluckten wir auch eine Knoblauchzehe hinunter. Wer dabei ertappt wurde, musste sich Schläge gefallen lassen und damit rechnen, die Lebensmittelpakete gestrichen zu bekommen. Sonntag war auch der einzige Tag, an dem wir miteinander sprechen und uns kennenlernen konnten. Eines Tages brachte man sechs Männer - fünf Banater Schwaben und einen Rumänen - in unseren Raum. Alle waren am Unterarm verbunden. Sie kamen

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aus dem Krankenhaus. Ich fragte einen, was das zu bedeuten habe. Er zeigte mir ganz diskret eine ziemlich hässliche Wunde und sagte, das hätten ihnen die verfluchten Serben angetan. Die sechs waren aus dem Grenzstädtchen Hatzfeld und machten sich zunutze, dass täglich um 10 Uhr ein Linienbus über die Grenze fuhr und nachmittags zurückkehrte. Die sechs Hatzfelder stiegen in einen ähnlichen Bus und starteten ein paar Minuten vor dem Linienbus in Richtung Grenzübergang. Die Grenzer merkten zu spät, dass der nahende Bus nicht das erwartete Fahrzeug war, so dass die sechs die Schranken durchbrechen konnten und nach Jugoslawien gelangten. Die Serben wollten wissen, wer den Bus gefahren hat. Doch die sechs hatten vereinbart, nichts zu verraten. Die Serben stellten den Schwaben in Aussicht, sie nach Deutschland abzuschieben, wenn sie preisgeben, wer den Bus gefahren hat. Falls sie das nicht täten, werde man sie Rumänien ausliefern. Die sechs vermuteten, dass die Serben den Fahrer, hätten sie ihn ermittelt, erschlagen hätten. Weil sie schwiegen, haben serbische Grenzer ihnen Zinkdraht oberhalb des Knöchels zwischen Elle und Speiche durch die Arme gestoßen und ihnen die Hände auf den Rücken gebunden. Nach zweiwöchigem Krankenhausaufenthalt in Temeswar wurden sie bei uns eingeliefert. Nach ein paar Tagen mussten die sechs auch zur Arbeit. Weil ich schweißen konnte, wurde mir eine neue Aufgabe zugeteilt: Ich musste kaputte Schubkarren reparieren. Nach getaner Arbeit rief mich der Offizier in seine Baracke, wir sprachen über allerhand. Die Deutschen behandelte er ziemlich freundlich. Am nächsten Tag nach dem Appell rief er die Schwaben zu sich und fragte jeden nach seinem Beruf. Danach wollte er von mir wissen, welchen von den fünfen ich als Baumeister einsetzen würde. Ich sagte, den Großen, er war tatsächlich Baumeister. Nach nicht einmal einer Woche waren alle Schwaben Vorarbeiter. Unsere Schleuser aus Reschitza waren inzwischen auch bei uns im Gefängnis. Ihnen wurde der Prozess viel später gemacht. Der Sohn wurde zu drei, der Vater zu zwei Jahren verurteilt. Sie drohten, uns nach der Entlassung umzubringen. In diesen Monaten hat es zwei Unfälle mit Todesfolge gegeben. Bei einem hat eine hohe Mauer einen Zigeuner begraben. Die Mauer war ohne Mörtel hochgezogen, aber verputzt worden, so dass niemand diese Schweinerei bemerkt hatte. Zum zweiten Unfall kam es, weil ein Graben für die Kanalisation seitlich nicht abgestützt worden waren. Er stürzte ein und verschüttete mehrere Häftlinge, von denen einer auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben ist. Auch im Winter wurde weiter gearbeitet. Lediglich, wenn der Frost Mörtel und Zement gefrieren ließ, wurde die Arbeit eingestellt. Als sich der Tag der Entlassung allmählich näherte, ließ unsere Leistung nach, der Offizier konnte sagen, was er wollte, wir blieben stur. Eines Abends hieß es, wir sollten am nächsten Tag in der Zelle bleiben, denn wir werden wahrscheinlich versetzt. In der kommenden Nacht konnte ich kaum

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schlafen, denn die Gedanken waren nur noch daheim. Gegen 10 Uhr brachte uns ein Wärter zum Tor, wo uns ein kleiner Offizier die Entlassungspapiere gab und uns eine gute Heimfahrt wünschte. Vor dem Gefängnis erwartete uns der Bruder meines Chefs. Er war gekommen, um uns mit dem Auto abzuholen. Natürlich war die Freude sehr groß. Klaus berichtete, dass viele die Ausreiseerlaubnis erhalten hatten. Es sei wie ein Wahn, alle wollten weg. Keiner habe mehr Vertrauen in Rumänien. Am späten Abend sind wir in Mediasch angekommen. Gegen Mitternacht war ich daheim angelangt. Meine Frau hatte auf mich gewartet, denn sie wusste, dass Klaus uns abholt. Ich hatte mir inzwischen vorgenommen, das Land auf legalem Weg zu verlassen. Der Bekannte meiner Schwester bei Amnesty International schrieb weiter Briefe an die Behörden und die rumänische Regierung. Ich wurde erneut zur Polizei bestellt. Als ich ins Zimmer trat, saß dort Securitatechef Ferenc, der mich sofort ordinär verfluchte. Er wünschte, dass meine Schwester Ruhe gebe. Weil die ganze Korrespondenz von der Securitate gelesen wurde, schrieb ich gleich einen Brief an meine Schwester, in dem ich sie bat, keine Briefe mehr abzusenden. Doch ich schickte ihr mit einem Besucher aus Deutschland eine Notiz, in der ich ihr das Gegenteil mitteilte. Jeden Monat ging weiter ein Brief an die rumänische Regierung. 1982 war es endlich soweit: Am 22. August bin ich legal ausgereist. Ein Vierteljahrhundert dornenreichen Kampfs für die Freiheit war erfolgreich beendet. Raubling, im Juni 2010 In Deutschland angekommen, bildet sich Peter Schuster weiter zum Elektroniker, arbeitet im eigenen Entwicklungslabor, in dem er Versuche und Erfindungen macht. Heute lebt er als Rentner in Raubling im oberbayerischen Landkreis Rosenheim und ist seinen Hobbys treu geblieben.

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Tschechen als Fluchthelfer Von Helmut Metz Schon während meiner Schulzeit und nach dem Abitur 1960 versuchten meine Mutter und ich vergebens, meinen durch die Kriegswirren vermissten Vater zu finden und die Ausreisegenehmigung in die Bundesrepublik Deutschland zu erlangen. Der Grund unseres Ausreisebegehrens war die Enttäuschung über die damalige rumänische Politik: Sie machte uns Banater Schwaben zu Verlierern des Zweiten Weltkriegs. Unsere Väter waren an der Front oder in Gefangenschaft gestorben, viele wurden vermisst, wenige sind heimgekehrt. Mein Vater ist aus der rumänischen Armee desertiert, um sich der Prinz-Eugen-Division anHelmut Metz zuschließen. Er wurde im Partisanenkrieg in Jugoslawien „verheizt“, von deutschen SS-Offizieren. Seit April 1945 fehlt jedes Lebenszeichen von ihm. Im Januar 1944 folgte die Verschleppung der arbeitsfähigen Deutschen aus Rumänien in sowjetische Arbeitslager, meine Mutter war auch unter ihnen. Heimgekehrt ist sie 1949. Bei der Verschleppung war ich zwei Jahre alt. Von der Verbannung in die Donautiefebene (B rschont geblieben, der spätere Lebensgefährte meiner Mutter aber nicht. Die Chance meiner Generation, im Leben weiterzukommen, lag im Erlernen eines Handwerks, dem Besuch weiterbildender Schulen oder im Studium. Mir fehlte das Geld, um studieren zu können. Ich erlernte einen Beruf, wurde Schriftsetzer. Mit elf Jahren deutscher Schule, Abitur und dem Gesellenbrief war ich gerüstet für einen Neuanfang in Deutschland. Das war mein Kapital. Ende der 1950er Jahre lernte meine Mutter einen Mann kennen, der ihr Lebensgefährte wurde. Seine Eltern und Geschwister waren durch die Kriegswirren in die DDR verschlagen worden. Weil wir keine Ausreiseerlaubnis in die Bundesrepublik Deutschland erhalten haben, kam uns die Idee, es mit der DDR zu versuchen. Mein Plan lautete: Ausreisen und in Berlin in den Westsektor wechseln. Vor 1960 stellten wir den Antrag, der jedoch abgelehnt wurde. Doch wir wiederholten ihn. Als Geselle habe ich 1962 Arbeit in der Druckerei in Temeswar gefunden. Im selben Jahr erhielt ich die Einberufung zum Militärdienst. Bei der Transportzu-

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sammenstellung in Temeswar wurden die Namen einer Reihe von Rekruten vorgelesen, die nach Hause geschickt wurden. Ich war unter ihnen. Zu Hause angekommen, sagte ich meiner Mutter: „Du wirst sehen, ich durfte nur deshalb nach Hause, weil wir die Pässe kriegen“. Im August 1963 durften meine Mutter, ihr Lebensgefährte und ich in die DDR ausreisen. Leider stand schon seit 1961 die Berliner Mauer, an Flucht aus dem Ost- in den Westsektor war nicht mehr zu denken. Wir kamen nach Endorf im Südharz. In dem verschlafenen Ort mit seinen 500 Einwohnern habe ich im September 1963 zu arbeiten begonnen: als Handlanger bei den Maurern und als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft. Im Winter arbeitete ich im Walzwerk Hettstedt. Der Parteisekretär in Hettstedt, an den ich mich gewandt hatte, legte ein Wort für mich ein, so dass ich im Januar 1964 als Schriftsetzer in der Druckerei „Das Volk“ in Erfurt einsteigen konnte. Diese wurde später der Druckerei „Fortschritt“ angegliedert. Unterkunft fand ich in einem schönen, gut möblierten Arbeiterheim der Druckerei. Anfangs hatte ich riesengroßes Heimweh, ich fühlte mich allein. Als wir in die DDR übersiedelten, war ich 21 Jahre alt, voller Elan, eingebettet in das Leben meines Geburtsortes Gertianosch (C inen einzigen Banater Schwaben, mit dem ich mich hätte unterhalten können. Doch es stellten sich Erfolge im Beruf ein, ich lernte neue Leute kennen, die Umgebung wurde mir vertraut; all das gab mir allmählich ein enormes Selbstwertgefühl, das das Heimweh verdrängte. Ich war stolz, Banater Schwabe zu sein, doch manchmal fühlte ich mich als Exot behandelt. Oft habe ich mich über die mangelnde Bildung meiner Umgebung amüsiert, die nicht wusste, dass es mit den Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen zwei deutsche Bevölkerungsgruppen in Rumänien gibt. Während der Diskussionen in der „Apoldaer Bierstube“, meiner Stammkneipe, kam ich mir wie ein Marsmännchen vor: So mancher hatte ein Problem mit mir, der von sich behauptete, in Rumänien geboren, aber Deutscher zu sein, einen deutschen Namen hat, sehr gut Deutsch mit Akzent spricht, als Schriftsetzer arbeitet und staatenlos ist. Gefangen wie in einer Falle Umgekehrt hatte auch ich meine Probleme: Die DDR, wie ich sie mir vor der Ausreise vorgestellt hatte, existierte nicht. Meinen Vorstellungen zufolge musste die so nahe am Westen gelegene DDR viel humaner sein als all die östlich gelegenen kommunistischen Länder. Das Gegenteil war der Fall. Von Gulaschkommunismus wie in Ungarn oder Laschheit und Korruption wie in Rumänien war hier keine Rede. Die DDR war kommunistischer als die Sowjetunion. Keiner getraute sich, einen politischen Witz zu erzählen; ich hatte manchmal das Gefühl, die meisten Bürger wären Kommunisten. Nach dem Mauerfall gab es

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komischerweise nur noch sehr wenige. Ich kam mir wie in einer Falle vor, gefangen in einem Staat, in dem ich zwar gut verdiente, mein Auskommen hatte, der mir aber die persönliche und geistige Freiheit raubte. Mein Denken und Handeln waren weit von der vorgegeben Linie der Kommunisten entfernt. Ich fragte mich, wie ich hier heraus komme. Eins war mir klar: Ich musste ungebunden bleiben, damit ich im entscheidenden Augenblick handeln konnte. Ich durfte keine Familie gründen, keine Hochschule besuchen, denn das hätte bedeutet, dass ich die DDR-Staatsbürgerschaft hätte annehmen und in die kommunistische Partei hätte eintreten müssen. Deshalb lehnte ich auch mehrere Angebote ab, die Hochschule für das graphische Gewerbe in Leipzig zu besuchen. Außerdem stand für mich fest: Eine Flucht über die deutsch-deutsche Grenze wage ich wegen der großen Gefahren nicht. Mein Leben in Erfurt wurde unterbrochen durch Heimfahrten zu der Mutter nach Endorf. Sie bedeuteten stets: schwäbisch sprechen und gutes Essen - Palatschinken, Kaiserschmarren, Ziehstrudel, gefülltes Kraut, alles herrliche Speisen. So verstrich die Zeit bis zum Jahr 1968 mit jährlich einem unangenehmen Ereignis: die Vorladung zur Polizei wegen der Staatsangehörigkeit. Es war im Grunde genommen jedes Mal ein Verhör. Sie wollten wissen, warum ich nicht DDR-Staatsbürger werden wollte. Ich wollte es nicht, weil ich noch im wehrpflichtigen Alter war und Angst hatte, an der innerdeutschen Grenze eingesetzt zu werden. In den ersten Jahren zog das Argument noch, ich hätte noch Anpassungsschwierigkeiten, wüsste noch nicht genug über Sitten und Bräuche. Doch danach musste ich schon mehr bieten und meine gesamten Marxismus- und Sozialismus-Kenntnisse in die Waagschale werfen. Die Wochenenden in Erfurt verbrachte ich mit Lesen oder Erkundungsspaziergängen. Doch ab und an ging es auch in die Umgebung. Das damals schon für Touristen herausgeputzte Weimar als Wirkungsstätte der Klassiker Goethe und Schiller beeindruckte mich sehr. Eine andere Fahrt führte mich ins KZ Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar. Der Besuch führte mir die ganze Brutalität des NS-Regimes vor Augen, den Kontrast zwischen der deutschen Klassik und den Nazis. Ich musste die NS-Zeit komplett aufarbeiten. 1967 wuchs die Sehnsucht nach der alten Heimat, wo noch Oma, Tante, Onkel, Cousinen und Freunde lebten. Weil meine Mutter an Krebs erkrankt war, musste ich meine Reise auf 1968 verschieben. Der Prager Frühling weckte in mir die Hoffnung, dass sich der Sozialismus wandeln könnte. Ich glaubte an die Politiker um Alexander Dub Bukarest mit seiner Schaukelpolitik. Die Manöver der Warschauer-Pakt-Staaten im Sommer 1968 beunruhigten mich und weckten Erinnerungen an die Niederschlagung der Aufstände in der DDR am 17. Juni 1953 und in Ungarn 1956. Auf Antrag hatten die DDR-Behörden mir 1967 einen Fremdenpass ausgestellt, gültig bis 1977.

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Vier von 24 Seiten aus dem Fremdenpass, den DDR-Behรถrden Helmut Metz 1967 ausgestellt haben.

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Der Pass enthielt neben den persönlichen Daten die Ergänzung: „Staatsbürgerschaft – ohne“. Unter Visum stand: „Gültig für eine einmalige Ausreise nach der SR Rumänien und Wiedereinreise in die DDR über CSSR und VR Ungarn bis 31. August 1968“. Am 11. August 1968 fuhr ich los in Richtung alte Heimat. Meine Ankunft in Gertianosch war eine Überraschung. Nach einigen Tagen, am 21. August, weckte mich mein Cousin Hanni mit der Nachricht, die Russen seien in die Tschechoslowakei einmarschiert. Ich stand senkrecht im Bett ob dieser Mitteilung. Meine Enttäuschung war riesengroß, mir standen Tränen in den Augen. Der Versuch, einen menschlichen Sozialismus zu schaffen, war gescheitert. Ich fühlte mich in einer Falle. Rumänien sympathisierte mit der Tschechei. Ich fragte mich, ob es vielleicht die Grenzen nach Jugoslawien öffnen werde. Die nächste Frage: Wie sollte ich durch Ungarn und die Tschechoslowakei in die DDR gelangen, wenn der russische Nachschub durch Ungarn rollt und die tschechoslowakische Grenze abgeriegelt ist? Ich entschloss mich, meinem seit 1963 in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Patenonkel Franz Weggesser eine Postkarte zu schicken mit der Mitteilung, ich müsste ihn unbedingt persönlich sprechen. Onkel Franz mit meiner Patin Anni und ihrer neunjährigen Tochter Sigrid machten sich nach Erhalt der Karte sofort auf den Weg nach Rumänien. Nach ihrer Ankunft im Dorf verbreitete sich sofort das Gerücht, ihr Eintreffen habe etwas mit mir zu tun. Nach einigem Überlegen kamen wir zum Schluss, ich sollte in der jugoslawischen Botschaft in Bukarest ein Durchreisevisum beantragen. Dort teilte man mir mit, die DDR habe Jugoslawien aufgefordert, DDR-Bürger nicht durchreisen zu lassen. Und weil in meinem Fremdenpass der Vermerk zur Wiedereinreise in die DDR stehe, gelte das auch für mich. Die Enttäuschung war groß. In der DDR-Botschaft fragte ich, wie ich nun in die DDR zurückkehren sollte. Der Botschaftsangehörige sagte wie aus der Pistole geschossen: „Herr Metz, lösen Sie sich eine Fahrkarte und reisen Sie über die Sowjetunion und Polen in die DDR“. Auf meinen Einwand, ich hätte kein Geld mehr, kam die Antwort: „Wissen Sie, auch das haben wir mit den rumänischen Behörden geregelt. Sie gehen zur örtlichen Bank, nehmen einen Kredit auf, den Sie dann in der DDR zurückzahlen“. Ich hatte nicht erwartet, dass die DDR-Gründlichkeit soweit reichte. Mit weichen Knien erreichte ich den in einiger Entfernung geparkten Wagen meines Onkels. Anfangs wussten wir keinen Rat, doch dann kam mir die Idee, ich könnte versuchen, die jugoslawische Grenze zu „überwinden“. Meine Patin Anni hatte einen entfernten Verwandten im Grenzort Morawitza (Moravi , der angeblich nicht nur die Grenze, sondern auch Grenzer sehr gut kannte, mit denen er Geschäfte machte. Auf der Heimreise nach Gertianosch fielen uns die vielen Autos und Motorräder aus der Tschechoslowakei auf, die

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alle nach Südwesten unterwegs waren. Nach einer schlaflosen Nacht verabschiedeten wir uns von den Verwandten in Gertianosch, um nach Morawitza zu fahren. Nach ein paar Kilometern stellte ich fest, dass ich meine Jacke vergessen hatte. Wir mussten umkehren. Es war ärgerlich, doch später stellte sich heraus, dass es mein Glück war: Dadurch haben wir auf einem Parkplatz die Tschechen getroffen, die mich nach Jugoslawien mitgenommen haben. In dieselbe Richtung wie wir waren viele Urlauber aus der Tschechoslowakei unterwegs, die ihren Urlaub am Schwarzen Meer wegen des Einmarsches unterbrochen hatten. Sie wollten alle über Jugoslawien und Österreich nach Hause. Meinem Onkel kam die Idee, ob nicht Tschechen mich über die Grenze nach Jugoslawien schmuggeln könnten. Wir kamen auf einen Parkplatz, wo ein Renault mit vier tschechischen Studenten stand. Mit ein wenig Deutsch und vielen Gesten machte ich ihnen klar, was ich von ihnen wollte. Die beiden Pärchen berieten sich und erklärten sich einverstanden, mich mitzunehmen. Falls wir gefragt werden sollten, warum ich diesen Weg einschlage, wollten wir vorbringen, dass mich die jungen Leute mitgenommen hätten, weil ich nicht durch Ungarn und die Tschechoslowakei heimreisen könnte. Ich stieg mit meiner Aktentasche und ein paar Habseligkeiten zu den Tschechen ins Auto. Mein Koffer blieb im Auto meines Onkels, der sich auf der für Westtouristen vorgesehenen Spur an der Grenze einreihte. Das Auto der Tschechen war völlig überladen, die Heckscheibe war durch Wäsche verdeckt, auch an den Seitenscheiben hingen Kleidungsstücke. So war es nicht möglich, das Auto einzusehen, ohne die Türen zu öffnen. Ich war als dritter auf dem Rücksitz hinter dem Fahrer eingezwängt. Ich drückte mich, soweit es ging, in die Ecke. Mein Herz pochte am Hals, als wir uns den rumänischen Grenzposten näherten. Unser Auto wurde zu einem Schlagbaum seitlich gewunken, wo schon andere Autos mit tschechischem Kennzeichen standen. Unser Fahrer reichte dem Grenzer lediglich die vier tschechischen Pässe durchs geöffnete Fenster. Dieser verglich die Fotos mit den Personen, ohne mich zu sehen, tauchte weg, machte ein paar Schritte, kam zurück und reichte die Pässe herein, grüßte und wünschte uns eine gute Fahrt. Der Schlagbaum ging hoch, ich traute meinen Augen nicht, nach einer Schleife standen wir vor dem jugoslawischen Grenzerhäuschen. Ein jugoslawischer Grenzer trat heraus, und hier wiederholte sich das, was wir mit dem rumänischen Grenzer erlebt hatten. Einziger Unterschied: Ein Uniformierter brachte eine Zollerklärung. Mit stoischer Ruhe füllte der Fahrer sie aus und reichte sie durchs Fenster zurück. Lange Minuten vergingen, aber keiner von uns musste aussteigen. Plötzlich ging auch hier der Schlagbaum hoch. Mich hat wohl keiner gesehen. In der anderen Ecke, hinter der Beifahrerin, hätte mich einer der Grenzer bestimmt entdeckt. Wir jubelten alle, Freudentränen schossen

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mir in die Augen. Wir fuhren einige Kilometer und hielten in einem Maisfeld. Noch immer schauten wir in Richtung Grenze, ob uns nicht doch noch jemand folgte. Wir stiegen aus dem Auto, umarmten und freuten uns über die gelungene Flucht. Wir mussten eine Weile warten, bis endlich das Auto meines Onkels auftauchte. Dankbar verabschiedeten wir uns von unseren lieben und mutigen Fluchthelfern. Es sollte ein Abschied für immer sein. Nachdem sich die Gemüter beruhigt hatten, ging die Fahrt weiter nach Belgrad, wo wir uns in einem Hotel für eine Nacht einquartierten. Am nächsten Tag, einem Samstag, besuchten wir die deutsche Botschaft. Viele jugoslawische Gastarbeiter, die nach Deutschland wollten, wurden vor uns abgefertigt. Nach langem Warten rief uns ein Bediensteter auf, der uns auf Montag vertrösten wollte. Mein Onkel war außer sich. Tante und er mussten zur Arbeit. Nachdem Onkel Franz mit der Veröffentlichung in der Presse gedroht hatte, setzte sich das Personal allmählich in Bewegung. Ich sollte einen Ersatz für meinen angeblich gestohlenen westdeutschen Reisepass erhalten. Ich war Ingolstädter, sagte man mir. Damit die Botschaft mir den Pass ausstellen durfte, musste ich meine Papiere bei den jugoslawischen Behörden als gestohlen melden. Der Botschaftsangestellte lud mich in einen Wagen und fuhr mit mir zur Polizei, wo ich, Ärger vortäuschend, erklärte, auf der Heimreise wären mir im Zug Pass und Fahrkarte gestohlen worden. Ich erhielt die nötige Verlustmeldung, mit der ich zu dem wartenden Botschaftsangehörigen zurückkehrte. Dieser fuhr mit Karacho zu einem Kiosk, kaufte eine Stempelmarke, weiter ging die Fahrt zu einem Fotoautomaten. Mit den Passfotos gelangten wir zurück in die Botschaft, wo sich das Personal schon ins Wochenende zu verabschieden begonnen hatte. Der Sachbearbeiter füllte den Ersatzpass - es war nur ein Blatt - aus, versah ihn mit dem Foto, der Stempelmarke, mit dem Stempel der Botschaft und seiner Unterschrift und verabschiedete uns. Mein DDR-Fremdenpass blieb in der Botschaft. Einige Monate später wurde er mir zugeschickt. Er ist noch immer in meinem Besitz, als Erinnerung an all die Ereignisse. Probleme an der österreichischen Grenze Über die Autobahn gelangten wir in der Nacht zum österreichischen Grenzübergang Spielfeld. Nachdem der jugoslawische Grenzer unsere Papiere akzeptiert hatte, führte sich ein junger österreichischer Beamter wie Rumpelstilzchen auf und ließ uns nicht einreisen. Er überraschte uns mit der Behauptung, mein Ersatzpass sei nicht korrekt. Der jugoslawische Beamte grinste, als er erfahren hatte, warum wir nicht weiter durften. Wir entschlossen uns, einfach an einen anderen Grenzübergang zu fahren. Ich nehme an, es war Vic. Dort verlangte der jugoslawische Grenzer eine zweite Bestätigung im Ersatzpass von einer Behörde in Laibach (Ljubljana) oder Ag-

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ram (Zagreb). Nach vielem Hin und Her ließ er uns schließlich nach Durchsicht der Fahndungsliste passieren, mit der Bemerkung, nur einmal werde er so etwas zulassen. Uns hat das eine Mal gereicht. Sein österreichischer Kollege ließ uns anstandslos durch. Über Klagenfurt und Spittal ging es durch eine wunderschöne Landschaft nach Salzburg und zur deutschen Grenze. Der deutsche Beamte forderte uns auf, das Auto auf einem Parkplatz abzustellen. Ich bekam wieder Schweißausbrüche. Er nahm meinen Ersatzpass, der nur noch drei Tage gültig war, und drückte den Stempel „Ungültig“ hinein. Mit der Bemerkung: „Melden Sie sich morgen bei der Polizei in Ingolstadt“, ließ er uns weiterfahren. Bei der Ankunft in Ingolstadt freuten sich alle riesig: Oma, Onkel, Tante und Cousinen. Auch meine Mutter war inzwischen aus der DDR zu Besuch dort eingetroffen. Sie durfte als krebskranke Frührentnerin ihre Mutter besuchen. Meine kleine Cousine Sigrid, die das ganze Abenteuer Flucht miterlebt hatte, sagte bei unserer Ankunft zu meiner Mutter freudestrahlend: „Tante, Tante, wir haben den Helmut gestohlen“. Meine tschechischen Fluchthelfer habe ich später vergebens gesucht. Vielleicht hatten sie Angst, mit mir Kontakt aufzunehmen, oder aber sie sind im August 1968 nicht heimgekehrt und irgendwo im Westen geblieben. Meine Mutter ist 1968 in die DDR zurückgekehrt und 1972 mit ihrem Lebensgefährten, beide inzwischen Rentner, in die Bundesrepublik ausgereist. Die Bundesrepublik Deutschland sollte sich bald doch nicht als das sogenannte gelobte Land herausstellen. Aber es gibt auch heute noch keine bessere Alternative. Helmut Metz wurde am 23. August 1942 in der Banater Gemeinde Gertianosch geboren. Nach der Ankunft in der Bundesrepublik hat er bis 1970 im Druckund Verlagshaus in Augsburg als Schriftsetzer gearbeitet, danach bis 1974 bei der Firma Oldenbourg in München. Die Weiterbildung zum Staatlich geprüften Drucktechniker ermöglichte ihm 1978 den Wechsel in den Staatsdienst. Metz war in verschiedenen Finanzbehörden des Freistaats Bayern bis zum Renteneintritt 2005 tätig.

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Dr. Wulf Rothenbächer:

Die Lichter von Kikinda vor Augen Als Dr. Wulf Rothenbächer Anfang Mai 1970 zusammen mit seiner späteren Frau Heidemarie die Banater Gemeinde Gottlob nach einem etwa acht Kilometer langen Marsch hinter sich gelassen hatte, war die Freiheit zum Greifen nahe. Vor den beiden Verliebten waren die Lichter von Kikinda im serbischen Teil des Banats zum Greifen nahe. Ihr Bekannter aus der DDR und der rumänische Fluchthelfer hatten es geschafft, die damals ziemlich schwach bewachte Grenze zu überwinden. In einem Sumpf vor dem Grenzstreifen hatten sich Heidemarie und Dr. Wulf Rothenbächer die vier Fluchtwilligen verloren, weil Rothenbächers Freundin Heidemarie nicht so rasch durch den knietiefen Morast waten konnte wie die Männer. Die vier hatten vor Antritt der Flucht vereinbart, vor der Grenze sei jeder auf sich gestellt; jeder sollte sehen, wie er auf serbischen Boden gelangt. Diese Vereinbarung haben sie schließlich auch befolgt. Rothenbächer hat seine Freundin aber nicht im Stich gelassen. Die beiden sind schließlich direkt auf einen in einer Mulde versteckten Grenzsoldaten zugelaufen. Dabei war vorher alles ziemlich glatt gelaufen, obwohl die Flucht entgegen der Versprechungen des Bekannten aus der DDR überhaupt nicht vorbereitet war. Ein Banater Schwabe, der ursprünglich mitmachen sollte, hatte weiche Knie bekommen. Immerhin hat er den drei jungen Leuten aus der DDR den Rumänen als Fluchthelfer besorgt. Um zur Grenze zu gelangen, haben die vier drei Anläufe benötigt. Beim dritten bei Gottlob haben sie schließlich Stolperdrähte und Kanäle überwunden, um die Grenze zu erreichen. Sie waren schon am Bahnhof in Gottlob den Grenzern aufgefallen, konnten sich aber unter die vielen Fahrgäste mischen und schließlich entkommen. Das hat die Grenzer veranlasst, sie in der Abenddämmerung in Grenznähe mit einem Jeep zu suchen. Eine Dreiviertelstunde ist der Geländewagen auf und ab gefahren, doch während die vier in die Furche geduckten Flüchtlinge die Grenzer beobachteten, konnten die Soldaten sie nicht ausmachen.

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Als sich der Soldat vor Rothenbächer und seiner Freundin mit der Maschinenpistole im Anschlag aufbaute, warfen sich die beiden auf Rothenbächers Kommando zu Boden. Mit einem Schollen hat Rothenbächer versucht, den Soldaten ins Gesicht zu treffen und außer Gefecht zu setzen. Doch der damals nur 52 Kilogramm schwere und 1,63 Meter große Rothenbächer hat den kaum 18 Jahre alten Soldat lediglich an der Schulter getroffen. Mit einer Leuchtrakete hat der Grenzer Kameraden herbeigerufen, die die beiden mit ihren eigenen Schnürsenkeln fesselten und wegbrachten. Wie sich herausgestellt hat, hatte der junge Mann seine Maschinenpistole überhaupt nicht durchgeladen. Er hat jedenfalls seinen Vorgesetzen nicht gemeldet, dass Rothenbächer ihn beworfen hatte. Nach einer regelrecht freundlichen Behandlung durch die Grenzsoldaten werden die beiden Gefassten ins Temeswarer Gefängnis gebracht: Rothenbächer kommt in einen Raum mit 25 Mann, in erster Linie Deutsche aus der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, seine Freundin in eine Zelle mit kriminellen Frauen. Während die Freundin die Zelle nicht verlassen darf, erlauben die Wärter Rothenbächer, ab und an Kartoffel zu schälen. Nach drei Wochen verurteilt ein Gericht die beiden zu je drei Monaten Gefängnis wegen einfacher Grenzverletzung. Rothenbächer hatte Wert darauf gelegt, leere Taschen zu haben, damit man ihnen nicht wegen eines Gegenstandes Grenzdurchbruch in einem schweren Fall vorwerfen kann. Nach den drei Monaten schieben die Rumänen die beiden nach Ungarn ab, woher sie nach der Landung in Budapest nach Rumänien gekommen waren. Die Ungarn wiederum haben sie in die DDR abgeschoben. Das Versprechen, die DDR-Behörden werden nicht vom Fluchtversuch unterrichtet, haben die rumänischen Behörden nicht gehalten. Drei Tage nach der Ankunft in Berlin taucht die Staatssicherheit im Krankenhaus auf. Dr. Rothenbächer darf die Operation, die er begonnen hat, noch beenden, dann bringen die Stasileute ihn in die Kissingenstraße nach Pankow in Untersuchungshaft. Seine Freundin kommt in die Magdalenenstraße, wo einst auch Rosa Luxemburg inhaftiert war. Das Gefängnis ist inzwischen abgerissen worden. In U-Haft durfte sich Rothenbächer wieder satt essen; in Rumänien hatte er stets zu wenig zu essen bekommen. Freigekauft Rothenbächer wird zu zweieinhalb Jahren verurteilt, seine Freundin zu einem Vierteljahr mehr, weil sie Rothenbächer den Tipp zur Flucht gegeben hatte. Ihr ehemaliger Freund, dem die Flucht gelungen ist, hatte sie eingeladen, mitzukommen. Sie hat akzeptiert, unter der Bedingung, dass ihr neuer Freund, Rothenbächer, mitgehen darf. Rothenbächer kommt ins Gefängnis nach Cottbus, wo er dem Gefängnispersonal gleich bekanntgibt, er werde sich nicht an der Produktion beteiligen, sei

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aber bereit, alles andere zu tun, auch die Toilette zu reinigen. Diese Weigerung bringt ihm Einzelhaft im Gefängniskeller ein. Noch vor Ablauf der Strafzeit wird Rothenbächer entlassen. Zusammen mit weiteren Häftlingen kauft die Bundesrepublik ihn frei. Vor der Entlassung wird er 14 Tage lang im Stasi-Gefängnis in Chemnitz aufgepäppelt und anschließend nach Gießen in die Freiheit entlassen. Drei Wochen später folgt ihm seine Freundin. „Von da an ist es mir richtig gut gegangen“, sagt Rothenbächer heute. In Gießen beendet Rothenbächer die Ausbildung zum Hals-, Nasen- und Ohrenarzt und verteidigt erfolgreich seine Doktorarbeit, die er schon in der DDR geschrieben hatte, aber nicht abschließen konnte, weil sein Doktorvater entlassen worden war. 1973 lässt er sich in Diez an der Lahn nieder. Vor 17 Jahren ist er nach Rheda-Wiedenbrück gezogen. Seine Freundin Heidemarie hat er nach der Entlassung in den Westen geheiratet. Rothenbächers Wunsch, dem Kommunismus den Rücken zu kehren, ist auf die Erziehung zurückzuführen und auf die Schicksalsschläge, die seine Familie zu erleiden hatte. Rothenbächer wurde am 22. November 1941 in Finsterwalde als Sohn Siebenbürger Sachsen geboren: Der Vater stammt aus Brenndorf (Bod) im Burzenland und die Mutter aus Kronstadt in Siebenbürgen. Der Vater wird nach dem Studium der Medizin in Wien und Kiel Assistenzarzt in Berlin und lernt eine Kronstädter Krankenschwester kennen, die später seine Frau wird. 1943 geht der Vater freiwillig an die Front, obwohl er drei Kinder hat und unabkömmlich geschrieben ist. Nach dem Krieg sperren ihn die Russen ausschließlich mit Sanitätspersonal im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz ein. Von dort kommt er in ein Arbeitslager nach Russland. Mit Hilfe einer russischen Lagerärztin darf er 1948 frühzeitig heim nach Finsterwalde. Doch er ist von der Typhuserkrankung und dem Herzfehler aus der Lagerzeit in Auschwitz gezeichnet. Er stirbt 1950 im Alter von 44 Jahren. Schon während der Schulzeit und des Medizinstudiums an der HumboldtUniversität in Berlin kommt die kritische Haltung Wulf Rothenbächers gegenüber dem Kommunismus zum Vorschein. Es gelingt ihm, sich vor der Einberufung zur Volksarmee zu drücken. Er macht ein praktisches Jahr als Zivildienstleistender und gerät schon während des Studiums ins Visier der Stasi. Nach dem Studium bekommt er 1968 eine Assistenzstelle in Berlin und beginnt sich zu spezialisieren als Hals-, Nasen- und Ohrenarzt. Als Hauptgrund für den Entschluss, zu fliehen, nennt Rothenbächer die Opportunität der Menschen: „Die einen haben mitgemacht, die anderen waren nicht bereit, den geringsten Widerstand zu leisten“. Rothenbächer weigert sich, dem kommunistischen Jugendverband der DDR beizutreten, aber auch dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund. Es sei in der DDR möglich gewesen, nicht mitzumachen und passiven Widerstand zu leisten. Während des Vietnam-Kriegs sollten die Assistenzärzte 5 DDR-Mark zur Unterstützung des kommunistischen Nordens spen-

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den. Er weigert sich, sagt der Kaderleiterin, er spende lediglich dann, wenn das Geld an den kapitalistischen Süden gehe. Weil sein Chef seinen Namen auf der Spenderliste vermisst, meint er, ob Rothenbächer kein Geld habe, wenn ja, dann helfe er gerne aus. Rothenbächer lehnt ab, doch der Chef schwärzt ihn nicht an. Seine Frau macht als Chemielaborantin an der Akademie der Wissenschaften ähnliche Erfahrungen. Dr. Wulf Rothenbächer war Zweiter Vorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus und Sprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt am Main.

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Volker Eisgeth

Tod im Tankwagen Es war ein Tod, wie ihn sich wohl keiner wünscht. Peter Eisgeth aus dem siebenbürgischen Zeiden (Codlea) wähnte sich schon auf dem Weg in den Westen, ist aber allem Anschein nach ganz jämmerlich ums Leben gekommen. Ob er erstickt oder aber bei lebendigem Leibe gekocht wurde, das weiß keiner und ist wohl auch nicht mehr zu klären. Am 4. April 2010 wäre Peter Eisgeth 70 Jahre alt geworden. Seit dem Tag, als er in seinem Heimatort in einen mit Knochenfett gefüllten Tankwaggon gestiegen ist und ein Bekannter die Luke hinter ihm versiegelt hat, sind 36 Jahre vergangen. Ausgerüstet war er mit einem Hammer, um sich im Notfall durch Schläge Volker Eisgeth bemerkbar zu machen, ferner hatte er eine Luftmatratze, eine Gasmaske, Schlauch und eine Handbohrmaschine mitgenommen. Er wollte ein Loch in die Waggondecke bohren, um über Schlauch und Gasmaske mit Frischluft versorgt zu sein. Lebensmittel und Wasser für einen Monat hatte er auch dabei. Bei sich hatte er außerdem seinen Ausweis. Was sich ereignet haben könnte, erzählt sein zwei Jahre jüngerer Bruder Volker, der heute in Drabenderhöhe bei Gummersbach im Bergischen Land zu Hause ist. Von den Fluchtabsichten seines Bruders hat Volker Eisgeth von Urlaubern erfahren. Volker hatte sich im August 1969 von einer 30 Mann starken Jugendgruppe abgesetzt, die in Begleitung von drei Geheimdienstmitarbeitern zu Besuch in der Bundesrepublik Deutschland weilte. Er war der vierte, der sich von der Gruppe getrennt hat. Zum Unterschied von dreien, die sich schon bei der Ankunft in Frankfurt am Main abgesetzt hatten, hat Volker Eisgeth bis zum dritten Tag gewartet. Das Knochenfett konnte lediglich in flüssigem Zustand in Tankwaggons gefüllt oder daraus abgeleitet werden, dazu musste es erhitzt werden. Als sein Bruder schon längst in Mailand hätte sein müssen, es war wohl eine Woche vergangen, hat sich Volker Eisgeth ans deutsche Konsulat in Mailand gewandt mit der Bitte um Hilfe. Eine Anfrage der Konsularmitarbeiter bei der italienischen Firma, die das Knochenfett aus dem Burzenland bezog, blieb erfolglos.

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Nach etwa einem Monat kam die Nachricht aus Rumänien, der Waggon sei in Craiova gereinigt worden, darin sei ein Skelett entdeckt worden. Weil der Personalausweis erhalten war, wurde seine Frau zur Identifizierung geladen. Vorgelegt wurde ihr ein Teil einer Hand, das in ein Stück Luftmatratze eingewickelt war. Die Leiche wurde in einem versiegelten Sarg nach Bukarest zur Einäscherung gebracht. Was sich genau abgespielt hat, wie sein Bruder gestorben ist, das weiß Volker Eisgeth bis heute nicht. Doch schon vor diesem wohl einzigartigen Fluchtversuch ist Peter Eisgeth gescheitert, als er die Donau mit einem Freund überqueren wollte. Die Grenzbeamten haben dem Maschinenbauingenieur das mitgenommene Geld beschlagnahmt und ihn anschließend laufen lassen. Wie Volker Eisgeth ferner sagt, war sein Bruder nicht der einzige Zeidner, der versucht hatte, durch die Donau in die Freiheit zu gelangen. Werner Groß ist beim dritten Versuch, die Donau zu überwinden, spurlos verschwunden.

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Mit der Bega nach Serbien Von Anton Braun Die Gründe für meine Flucht werden vielleicht klarer, wenn man sich meinen Lebenslauf ansieht: Als Kind eines sogenannten „deutschen Kapitalisten“ war mein Leben kein Zuckerschlecken. Ich bin der dritte Anton Braun in der Familie, der eine Tradition fortführt, die ich inzwischen an meine Tochter Antonia weitergebe: den Musikinstrumentenbau. Mein Großvater gründete 1896 in der Prinz-Eugen-Straße in der Temeswarer Innenstadt eine Werkstätte mit Musikgeschäft. Dies war damals das erste Unternehmen dieser Art im Banat. Er war Geigenbauer und Anton Braun hatte zwei Söhne: Anton Michael Braun (mein Vater) und Bruno Braun (mein Onkel). Bruno wurde als Erstgeborener traditionsgemäß ebenfalls Geigenbauer. Dieser fertigte hervorragende Instrumente, die noch heute im Museum in Temeswar ausgestellt sind. Schon damals gab es jedoch im Geigenbau Auftragsprobleme, so dass es als Glück anzusehen ist, dass mein Vater nicht Geigenbauer, sondern Holzblasinstrumentenbauer wurde. Als mein Großvater 1928 starb, ließ sich mein Onkel Bruno von meinem Vater ausbezahlen, weil er im Geigenbau keine große Zukunft sah. Er investierte das Geld in eine Furnierfabrik in Kronstadt. Mein Vater übernahm somit das Geschäft. Damit hatte er erneut Glück, denn das gesellschaftliche Leben nach der Weltwirtschaftskrise hat der Musik immer breiteren Raum zugemessen. Jedes kleine Dorf im Banat hatte mindestens eine Musikkapelle, es wurde viel musiziert und getanzt. Dies führte dazu, dass mein Vater Anfang der 1940er Jahre das „erste und größte Musikinstrumentenhaus im Banat“ betrieb, wie er auf seiner Werbeplakette vermerkte, die auf den von ihm hergestellten und auch vertriebenen Instrumenten zu finden war. Er bekam unter anderem auch die Vertretung des Akkordeon- und Mundharmonikabauers Hohner aus Trossingen/Deutschland für das ganze Banat. Er betreute und reparierte alle Instrumente und war deshalb auch Ansprechpartner für Militärmusikkapellen, was dazu führte, dass er vom Wehrdienst befreit wurde. Das Geschäft florierte, so dass mein Vater neben dem Stammhaus in der Innenstadt zwei weitere Geschäfte (Filialen) in Temeswar eröffnete. Zum Schluss hatte er 36 Angestellte. Als die sowjetischen Truppen 1944 einmarschierten, war vorher schon

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ein Warenlager von Bomben getroffen worden, alles andere wurde dann beschlagnahmt. Somit verlor mein Vater sein gesamtes Vermögen, das er auch in die Instrumente investiert hatte. Er wurde als „Kapitalist“ in eingerichtetes Lager interniert. Als er nach Monaten heimgekehrt war und sich die Lage beruhigt hatte, richtete er im Hinterhof seines Stammhauses an der Prinz-Eugen-Straße – später wurde dies verstaatlicht – von dem, was ihm noch übrig geblieben war, eine kleine Werkstatt ein. Als die Fabrik seines Bruders Bruno in Kronstadt verstaatlicht worden war und dieser mit Frau und drei Kindern keine Bleibe mehr hatte, nahm mein Vater die Familie im Stammhaus auf und stellte Onkel Bruno einen Platz in der Werkstatt für dessen Arbeiten zur Verfügung. Von 1952 bis 1954 war mein Vater ohne Urteil im Gefängnis, weil er angeblich in seiner Werkstatt politische Witze erzählt hatte. Ein Jahr lang wusste die Familie nicht, wo er war. Während seiner Abwesenheit führte Onkel Bruno die Werkstätte, die mein Vater bis 1958 mit zwei bis drei Mitarbeitern als Selbstständiger betrieb. Unter anderem fertigte er auch Saxophone für den durch Importverbot entstandenen Bedarf. Ich war schon von Kindesbeinen an in der Werkstatt und begann 1957 offiziell die Lehre bei meinem Vater. 1958 verbot die neue Gesetzgebung schließlich die Selbstständigkeit. Deshalb ging mein Onkel Bruno mit seiner gesamten Werkstattausrüstung als Geigenbauer in die staatliche Kooperative „Ti mein Vater baute mit mir und seinen Mitarbeitern in der Temeswarer Schuhfabrik Victoria/Guban eine Saxophon-Abteilung auf. Auch er brachte dort seine gesamte Werkstattausrüstung ins Unternehmen ein. Guban durfte seinen eigenen Betrieb nach dem Krieg weiterführen, da er in der vorigen Regierung die Kommunisten unterstützt hatte. Vater lernte Direktor Guban auf einer Zugfahrt nach Bukarest kennen. Guban bot ihm damals an, er könne, wann immer er wolle, bei ihm anfangen. 1958 war es soweit. Die Einführung des Saxophonbaus in der Schuhfabrik wurde möglich, weil dort für die Produktion des Metallzubehörs für Schuhe und Taschen, später auch Lampen und Modeschmuck, eine Abteilung vorhanden war, die Messing verarbeitete. Der Instrumentenbau konnte die Kapazität dieser Abteilung besser auslasten. Gubans Rechnung war folgende: Der Einkaufspreis eines importierten Saxophons ist gleich dem einer Kuh (eines der exportfähigen Produkte Rumäniens). Wir bauten in erster Linie Altsaxophone, die für die rumänische Volksmusik gebraucht wurden. Die ersten Saxophone, die wir bauten, präsentierte Guban am kommunistischen Nationalfeiertag, dem 23. August 1959, Staatschef Gheorghe Gheorghiu-Dej in Bukarest, um für das neue Produkt zu werben und Geld locker zu machen. Das ist ihm gelungen. Ein Jahr später hatte die Instrumentenbau-Abteilung der Temeswarer Schuhfabrik schon 30 Mitarbeiter, Ende der 1980er Jahre waren es etwa 70.

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1972 stand mein Vater kurz vor der Rente, und es gab Umstrukturierungen in der Firma. Deshalb übernahm ich die Leitung der Instrumentenbau- und der Modeschmuck-Abteilung, deren Leiter ebenfalls kurz vor der Rente stand. Somit hatte ich nun die Verantwortung für etwa 100 Mitarbeiter sowie für die Sicherung der Aufträge. Inzwischen hatte ich das Maschinenbaustudium am Temeswarer Polytechnikum auf dem zweiten Bildungsweg abgeschlossen. Unsere Saxophone wurden in erster Linie in die Sowjetunion, in die Bundesrepublik Deutschland, nach England und Holland exportiert. In Deutschland wurden sie unter dem Namen „Luxor“, in England unter „Victoria“ und in Holland unter „Schenkelaars“ vertrieben. Die holländische Musikinstrumentenfabrik Schenkelaars wollte uns für unsere Produktion ihre ganzen Werkzeuge und Technologien zur Verfügung stellen. Das wäre sehr günstig für uns gewesen, da wir nur primitive Mittel zur Verfügung hatten. Von Schenkelaars wurde jedoch als Voraussetzung dafür meine Anwesenheit in Holland verlangt, denn ich war die einzige ausgebildete Fachkraft in der Firma. Das wäre die Möglichkeit gewesen, meinen Beruf endlich auf dem technologisch fortschrittlichsten Stand auszuüben und unsere Auftragslage zu sichern. Ich wusste von dieser Einladung, da ich aber diesbezüglich nichts mehr hörte, fragte ich nach, und mein damaliger neuer Direktor - Guban war inzwischen gestorben - teilte mir ironisch mit, ich werde doch nicht glauben, dass man mich in den Westen reisen lassen würde. Ein paar Monate später wollte ich an einer betrieblich organisierten Kurzreise nach Budapest teilnehmen. Ich bekam die Genehmigung dafür, saß schon im abfahrtbereiten Bus, da wurde ich im letzten Moment vor den Augen der Betriebsangehörigen doch noch des Busses verwiesen. Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich fasste den Entschluss, Rumänien den Rücken zu kehren. Noch in der folgenden Nacht begann ich, Pläne für meine Flucht zu schmieden. Sorgfältige Planung Die Erfahrungen, die mein Cousin Johannes Braun durch seinen missglückten Fluchtversuch zu erleiden hatte - seine Geschichte ist im ersten Band beschrieben -, machten mich jedoch vorsichtig und veranlassten mich, meine Flucht besonders sorgfältig zu planen. Für mich war wichtig, einen Weg zu finden, der das Risiko des Scheiterns soweit wie möglich minimierte. Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf nahm ich das Angebot meines ehemaligen Professors an, als Mitarbeiter mit Produktionserfahrung am Polytechnikum in Temeswar einzusteigen. Die zwei Jahre an der Mechanik-Fakultät nutzte ich, um mich auf die Flucht durch einen Fluss vorzubereiten. Dabei wollte ich meine Fähigkeiten als Schwimmer und Taucher nutzen. Zum Glück, jedoch mit viel Mühe, konnte ich in Bukarest schließlich einen preiswerten

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Neopren-Anzug auftreiben und kaufen. Damals gab es noch keine wasserdichten Anzüge, wie man sie heute kennt. Ein Neopren-Anzug war die erste Voraussetzung zum Gelingen des Unternehmens. Eine Fernsehserie mit dem französischen Meeresforscher Jean-Michel Cousteau brachte mich auf die Idee, mir eine Sauerstoffflasche zu besorgen, um damit zu tauchen und so unter Wasser von Rumänien ins Nachbarland Jugoslawien zu gelangen. Der Vorteil eines Sauerstoffatmungsgerätes ist, dass durch einen eingebauten Filter in einem geschlossenen Kreislauf das ausgeatmete Kohlendioxyd gebunden wird, so dass keine Luftblasen aus dem Wasser aufsteigen, die den Taucher verraten könnten. An der Mechanik-Fakultät hatte ich Zugang zu Material und Literatur, um mich mit dem Bau eines solchen Gerätes zu beschäftigen. Durch Zufall hatte ich erfahren, dass die Armee solche Filter, wie sie auch in Sauerstoffatmungsgeräten verwendet werden, in Panzern nutzt, um unter Wasser fahren zu können. Gegen Schnaps versorgte mich ein Lagerverwalter mit diesen Filtern, nahm auch immer meine gebrauchten zurück und tauschte sie gegen neue aus. Die Nachfüllung der Sauerstoffflasche konnte ich, ebenfalls durch Beziehungen und Schmiergeld, in einem Betrieb vornehmen lassen, der für die Versorgung der Krankenhäuser zuständig war. Mit meinem Bruder Bruno, der mich in seinem Wagen diskret mitnahm, fuhren wir öfter ins Banater Bergland, um in Seen zu experimentieren und zu üben, wobei er Schmiere stand. In den 1970er Jahren war ein Taucher eine große Seltenheit, und mit so einem außergewöhnlichen Atemgerät sehr aufsehenerregend. Ohne die wertvolle Hilfe meines Bruders hätte ich es nur sehr schwer geschafft, unauffällig zu üben. Um den für meine Fluchtart geeignetsten Fluss zu finden, besorgte ich mir durch Beziehungen eine Sondergenehmigung zum Angeln im Grenzgebiet. Meine Wahl fiel auf den Bega-Kanal. Mit Hilfe einer Landkarte aus der Zeit um 1800 - neuere gab es keine -, auf der alle für mich wichtigen Angaben stimmten, lediglich die Orte waren inzwischen größer geworden, fertigte ich mir auf den „Angeltouren“ Skizzen von der Gegend an. Ich schaute mir besonders die Uferbeschaffenheit und Fließgeschwindigkeit genau an, um zu entscheiden, auf welchem Abschnitt ich welches Ufer zum Schwimmen und Tauchen nutzen konnte. Danach folgte die Zeit des Nachttauchens. Mein Bruder setzte mich oberhalb von Temeswar bei Großremetea (Remetea Mare) am Bega-Ufer in der Dunkelheit ab und wartete flussabwärts in etwa sechs Kilometern Entfernung mit einer Taschenlampe an der Girodaer Brücke auf mich, wo ich aus dem Wasser in sein Auto umstieg. Auf dieser Strecke musste ich durch das Gelände der RemeteaSchloss-Kaserne tauchen, was meinen Adrenalinspiegel stets ansteigen ließ. Bei Tag in einem glasklaren Bergseewasser zu tauchen war ja noch erklärbar, aber wie hätte ich es jemandem erklären können, was ich in einem trüben Fluss bei Nacht zu suchen habe. Die Wahl fiel auf diesen sechs Kilometer langen Fluss-

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abschnitt, weil die Gegebenheiten nach meinen Einschätzungen zum Teil ähnlich waren wie auf dem von mir für die Flucht gewählten unteren Teil des BegaKanals nahe der serbischen Grenze: zugewachsene Ufer und ein sehr stiller, langsam fließender tiefer Fluss. Meine Flucht hatte ich für 1977, nach der Badesaison, geplant, eine Zeit, in der die Grenzgewässer nicht mehr so sehr unter Beobachtung standen. Doch es kam Ende August, eigentlich untypisch für den Altweibersommer, ein unerwarteter Wetterumschwung mit Kälte und Regen, der bis Ende September anhielt. Am 5. Oktober war es aber soweit. Am Vormittag habe ich meine Schwägerin, die als Krankenschwester tätig war, aufgesucht und ihr gesagt: „Heute Nacht haue ich ab“. Ich ließ mir Spritzen von ihr geben, um meine Abwehrkräfte allgemein zu stärken. Mit meinem Mofa, einem riesigen Rucksack auf dem Tank und einem weiteren auf dem Rücken sowie meinen Angelruten, fuhr ich am späten Nachmittag in Temeswar los. An dem mit Büschen bewachsenen Uferabschnitt zwischen den Orten Uivar und Pustinisch zog ich mich um; unter dem Neopren-Anzug trug ich einen Jogginganzug und lange Unterwäsche. Ich versteckte mein Mofa und meine abgelegte Kleidung unter einer grünen Plane. Bei Einbruch der Dunkelheit stieg ich am rechten Ufer ins Wasser. Die Entfernung zur Grenze betrug etwa sechs Kilometer. Um den Körper gebunden hatte ich einen 15 Kilogramm schweren Bleigürtel, der mich unter Wasser halten sollte. Die Kleidung, die ich mitnehmen wollte, hatte ich zuvor zu Hause vakuumverpackt und mit Blei in der Badewanne so austariert, dass das Bündel nicht aus dem Wasser herausragte. Neben meiner Taucherausrüstung hatte ich auch eine Luftmatratze dabei, auf der ich so lange schwimmen wollte, bis Gefahr im Anzug war; erst dann wollte ich abtauchen. Nach der Eisenbahnbrücke bei Pustinisch musste ich nach kurzer Strecke unter einer Holzbrücke hindurch, in deren Nähe ein Verkehrswachposten aufgestellt war. Wenn der Verkehrswächter sich langweilte, ging er schon einmal auf die Brücke, das wusste ich. Dort musste ich vorsichtig sein; um bessere Deckung zu haben, wechselte ich unter die Vegetation des linken Ufers. Um Mitternacht wollte ich an der Grenze sein. Meine ganze Ausrüstung, die vakuumverpackte Kleidung, all das bremste mich, zudem hatte ich außer Acht gelassen, dass in Ufernähe die Fließgeschwindigkeit wesentlich niedriger war als angenommen. Obwohl ich mit der Bega schwamm, wurde es 5 Uhr, bis ich in Grenznähe war. Von diesem Abschnitt hatte ich keine Information, denn bis dorthin konnte ich mich während meiner „Angelexpeditionen“ nicht vorwagen. Die Bega bildet auf einem etwa zwei Kilometer langen Abschnitt die Grenze zwischen Rumänien und Serbien. Ich wusste, dass die Grenze in der Flussmitte verläuft und das linke Ufer somit die serbische Seite ist. In Grenznähe blieb ich deshalb auch auf der linken Uferseite, in der Annahme, die rumänischen Grenzer können es sich nicht erlauben, das serbische Ufer zu beschießen. Während

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der ganzen Nacht hatte ich niemanden zu Gesicht bekommen; lediglich aufgescheuchtes Wild tauchte auf, das mich ebenso oft erschreckte wie umgekehrt ich es. Es gab also keine Veranlassung, zu tauchen. Es war eine kalte Nacht, klarer Himmel, der Mond schien hell. Auf der Plattform des Wachturms auf rumänischer Seite war glücklicherweise niemand zu sehen. Das serbische Ufer war leider frisch gemäht und von wuchernden Pflanzen gereinigt. Plötzlich vernahm ich Stimmen. Ich befand mich am Ufer im Wasser und bewegte mich nicht. Die Stimmen gehörten zwei jugoslawischen Grenzsoldaten, die sich lachend unterhielten, während sie an mir vorbeigingen. Ich beobachtete sie. Als sie schon an mir vorbei waren, drehte sich der eine um; sein Blick fiel auf mich. Im nächsten Augenblick leuchtete er mich mit einer Laterne an. Was ich zuvor nicht bedacht hatte, war, dass ich zwar einen schwarzen Taucheranzug trug, mein Gesicht jedoch nicht angemalt war und somit durch den Mondschein erhellt wurde. Ängstliche Soldaten Als die beiden Soldaten mich in meiner Ausrüstung sahen, schoss ihnen der Schrecken in die Knochen: Sie feuerten sofort in die Luft. Mit den Schüssen schreckten sie die Grenzer auf der rumänischen Seite auf. Ich versuchte, den jugoslawischen Soldaten die Angst zu nehmen, indem ich die Hände hoch nahm und aus dem Wasser stieg. Mein Bleigürtel war ihnen unheimlich; sie hatten riesige Angst davor. Sie schrieen mich ständig an, hopsten um mich herum, bis ich den Bleigürtel abgelegt hatte. Anschließend wollten sie mich fesseln, doch sie hatten nichts als ihre breiten Koppel. Mich zu fesseln war also nur begrenzt möglich. Sie umwickelten mein Handgelenk, und weil sie den Gürtel nicht verknoten konnten, half ich ihnen, indem ich als Zeichen meiner Kooperation die Enden des Gürtels festhielt. Die beiden Soldaten brachten mich zu einem etwa fünf Kilometer entfernten Grenzerstützpunkt. Mein Atmungsgerät und meine vakuumverpackte Kleidung blieben am Bega-Ufer zurück. Ich war von den vielen Stunden im Wasser fast unterkühlt; am frühen Morgen des 6. Oktober war die Wiese teilweise weiß gereift. Der Marsch zum Grenzerstützpunkt tat meinen steifen Gliedern gut. Am Stützpunkt saß ich die ganze Zeit im Freien, bis der Kommandant zur Arbeit kam. Doch die Soldaten servierten mir derweil Tee und gaben mir wärmende Decken. Inzwischen hatten andere Soldaten meine Kleidung von der Grenze geholt, und so konnte ich unter freiem Himmel trockene Kleidung anziehen. In jenen Tagen fand in Belgrad die Nachfolgeveranstaltung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa von Helsinki statt. Das war auch ein Grund, weshalb ich diesen Tag zur Flucht ausgewählt hatte. Ein jugoslawisches Schnellgericht verurteilte mich wegen illegaler Grenzüberschreitung zu zwei Wochen Gefängnis, die ich in Kikinda absitzen musste. In diesem Gefängnis wurde

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ich schon nach einem Tag in eine Einzelzelle gesteckt: In mehreren Verhören wurde ich nach dem Grund meiner Flucht gefragt. Ich habe konsequent wiederholt: „Als Deutscher möchte ich in Deutschland leben. Ich bin weder ein Wirtschafts- noch ein politischer Flüchtling.“ In den Verhören haben sie mir immer wieder Fallen zu stellen versucht, sie taten so, als ob sie konkrete Informationen über mich hätten und als ob sie meine schriftlichen Aussagen von den verschiedenen Tagen miteinander verglichen. Diese Tricks durchschaute ich aber, weil ich sie aus Erzählungen meines Vaters über seine Gefängniserlebnisse kannte. In diesen zwei Wochen habe ich von früh bis abends mit mir selbst Schach gespielt. Mit aus Brotteig gebastelten Figuren und einem Minischachbrett aus dem Stanniolpapier einer Zigarettenpackung. Seitdem will ich nichts mehr von Schach und vom Baden in kaltem Wasser wissen. Beides erweckt in mir unangenehme Gefühle. Bei der Entlassung aus dem Gefängnis bekam ich meine wenigen persönlichen Gegenstände wieder ausgehändigt; ich wurde gefragt, ob ich die Taucherausrüstung noch brauche. Sie wollten sie nämlich gerne haben für eine Ausstellung und Sammlung von Vorrichtungen, die zur Grenzüberschreitung benutzt worden sind. Selbstverständlich habe ich sie ihnen gerne und mit Erleichterung geschenkt. Danach kam ich als Flüchtling ins Lager von Padiska Skela, etwa 20 Kilometer nördlich von Belgrad. Inzwischen hatte mein Bruder meine Schwester, die in Frankfurt am Main lebt, benachrichtigt: wenn ich noch nicht in Deutschland angekommen bin, müsse ich wahrscheinlich in Jugoslawien sein. Am 30. Oktober ist meine Schwester in Belgrad eingetroffen und hat sich an die deutsche Botschaft mit der Bitte um Hilfe gewandt. Noch am selben Tag wurde ich entlassen, von einem Mitarbeiter des UNOFlüchtlingskommissariats abgeholt und in die bundesdeutsche Botschaft gebracht. Nach einer Nacht, die ich in der Botschaft verbringen durfte, war ich mit einem Ersatzpass ausgestattet. Der Vertreter besorgte mir Fahrkarten und begleitete mich zum Gastarbeiter-Zug, der mich über Salzburg, München und Stuttgart nach Frankfurt am Main brachte. Während der Fahrt durch Deutschland wunderte ich mich, dass auf Straßen, in Bahnhöfen und Industriegebieten kaum Menschen zu sehen waren. Ich konnte es kaum fassen. Was ich nicht wusste: Der 1. November ist in einigen Bundesländern ein Feiertag; erst in Hessen ging an diesem Tag das richtige Leben los. Nach der Ankunft bemühte ich mich gar nicht erst um einen Posten als Diplom-Ingenieur. Mit Hilfe eines Aufbaudarlehens konnte ich das Geschäft eines Instrumentenbauers von dessen Witwe übernehmen. Dies war recht günstig, weil die Immobilie im Besitz einer großen Kaufhauskette war und es Planungen gab, dieses Gebäude abzureißen. Deshalb erhielt ich stets nur einjährige Mietverträge. Doch für den Start war das gut. Die Lage im Frankfurter Zentrum gab mir die Möglichkeit, durch Instrumentenreparaturen und Kundenbetreuung Kontakte aufzubauen. Gleichzeitig habe

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ich an meinem neuen Wohnort in Egelsbach (nahe Frankfurt am Main), wo ich 1980 eine Familie gegründet hatte, die Garage in eine Werkstatt für Holzblasinstrumentenbau umgebaut und eingerichtet. Im selben Jahr kam meine Tochter Eva Marie Antonia zur Welt. Meine Planung war, mich auf die Herstellung eines Instruments zu spezialisieren, und zwar mit geringstem Kapitalaufwand. Ich entschloss mich für den Querflötenbau. Meine Laufbahn als Instrumentenbauer startete ich Ende 1984, indem ich den Auftrag eines Mitgliedes der Berliner Philharmoniker angenommen habe, ihm eine Pikkoloflöte zu bauen. Er kannte mich aus seiner Zeit beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main. Ich entwickelte ihm ein Instrument mit technischen Neuerungen, die ich auch patentieren ließ. Dieses Instrument stellte ich 1985 auf der Internationalen Frankfurter Musikmesse vor. Ein paar Jahre später entwickelte ich für die Berliner Philharmoniker eine Holzflöte, ebenfalls mit patentierten technischen Neuerungen. Heute sind Braun-Querflöten im Gebrauch einer großen Zahl führender Solisten und Orchesterflötisten; sie werden zu den derzeit weltbesten Instrumenten gerechnet. Meine Tochter Eva Marie Antonia ist nach der Ausbildung zur Holzblasinstrumentenbauerin ins Geschäft eingestiegen und arbeitet nun schon seit mehr als zehn Jahren mit mir zusammen. Ihr Wunschziel ist es, eines Tages das Unternehmen in der fünften Generation weiterzuführen. Anton Braun wurde am 23. September 1941 in Temeswar geboren.

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Im lecken Schlauchboot über die Donau Von Klaus Schneider Ich schreibe diesen Bericht für meine Kinder. Sie leben in einem freien Land; es ist für sie selbstverständlich, heute nach Österreich zum Skilaufen zu fahren und nächste Woche genauso, ohne große Formalitäten, nach Australien oder Brasilien zu fliegen. Heute sind es auf den Tag genau 25 Jahre seit meiner Flucht aus Rumänien, über die Donau und Jugoslawien nach Österreich. Das war in einem anderen Jahrhundert. In ein paar Jahren wird man vielleicht ganz vergessen haben, dass es im 20. Jahrhundert nicht nur zwei Kriege gegeben hat, Massenvernichtung Klaus Schneider und Vertreibung, sondern dass lange Zeit nach diesen Ereignissen Menschen immer noch gezwungen waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um frei leben zu können. Deshalb schreibe ich das jetzt nieder, bevor auch meine Erinnerungen verblassen. Hermannstadt, Donnerstag, 10. November 1977: Heute sind wir aufgebrochen; endlich ist es soweit, endlich. Heute fahren wir von Hermannstadt nach Bukarest, um Vasile abzuholen. Wir, das sind Hermann und ich, Fahrer ist Stefan. Und von Bukarest geht es weiter, an die Donau, endlich geht’s an die Donau, an die jugoslawische Grenze; wir wollen über den Strom setzen und über Jugoslawien in den Westen gelangen. Ich versuche, herauszufinden, seit wie vielen Jahren ich Fluchtpläne schmiede, wahrscheinlich, seit ich 20 Jahre alt geworden bin, also seit 1966. Immerzu Fluchtpläne, keine Aktion, nur Pläne, Träume vom freien Westen, von Reisen, von Autos oder von Booten. Ja, damals muss es passiert sein, als ich 20 war, ich war schon Student und arbeitete im Sommer als Reiseleiter am Schwarzen Meer. Touristen, die mit Neckermann oder Quelle in Mamaia ihren Billigurlaub verbrachten, hatten mich infiziert. Und das war ich möglicherweise seit meiner Geburt, hieß es doch schon im Elternhaus, wenn ein Ding mal gut und schön war, „das ist aus Deutschland“. Mutters Bruder, Onkel Kurt, war in Deutschland; er war Ingenieur bei Siemens, dort war alles so gut und schön, und dorthin wollte ich natürlich auch. Um alles zu erklären, müsste ich recht weit ausholen. Lassen wir es, ich wollte sowieso nur eines: weg. Dorthin, wo all die herrlichen Autos herkamen, die ich am Schwarzen Meer bewunderte. Dahin, wo man sich einfach in einen Flieger setzt und in einem Tag in Australien sein kann.

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Das war bei mir zur fixen Idee geworden, ich dachte an nichts anderes mehr. Ich wusste, dass ich keine Chance auf eine legale Ausreise hatte, die hatte so gut wie niemand. Mein Respekt vor Gesetzen, vor der Obrigkeit war, typisch für den Sozialismus, immer recht gering gewesen, war es doch ein Unrechtsregime, das uns eingesperrt hielt. Wenn ich dem nicht legal entfliehen konnte, dann eben illegal. Aber ich wusste, wie gefährlich das ist: Denn die Grenzer schießen, erst danach geben sie den Warnschuss ab. Ich werde nichts riskieren, ich werde mit einem Boot davonsegeln, in die Türkei, das ist ein Nato-Land. Auf dem Meer schießen sie nicht auf mich, denn wenn sie mich entdecken, holen sie mich leicht ein, mit ihrem Schnellboot, wozu sollten sie schießen? Man hörte von jungen Männern, die es schwimmend über die Donau nach Jugoslawien geschafft hatten. Verrückte, in Jugoslawien sind sie nicht einmal sicher, sondern werden, wenn sie aufgegriffen werden, zurückgeschickt, in den rumänischen Knast. Und immer wieder werden welche erschossen, andere ertrinken, zum Beispiel mein Freund Hermann, ja, der hat es auch versucht. Ist mit zwei Freunden, zwei Brüdern, im Oktober 1972 über die Donau nach Jugoslawien geschwommen. Einer der beiden Brüder ist nicht mehr aus der Donau herausgekomme drüben angekommen; sie haben sich durch das Land bis vor Triest durchgeschlagen, am anderen Ende von Jugoslawien. Und dort hat man sie geschnappt, als sie über die grüne Grenze nach Italien wollten. Sie waren zwei Jahre im Gefängnis von Neuschloss, wo viele Grenzverletzer einsaßen. Dort lernten sie viel in Sachen Flucht, denn sie saßen den ganzen Tag beieinander und erzählten. Schon seit den 1960er Jahren schmiedete ich Fluchtpläne. Mein erster Plan hatte mit Götz Bordon zu tun. Das war 1968, ich war 22 und hatte gerade mein Physik-Studium hinter mir. Allerdings wollte ich nicht als Physiklehrer arbeiten, es zog mich mit Macht in die Tourismus-Branche, wo ich schon seit 1966 in den Sommerferien im staatlichen Touristikamt als Reiseleiter für deutsche Bundesbürger tätig war. Es war eine reizvolle Kombination: im Sommer am Schwarzen Meer, im Winter im Kronstädter Skigebiet. Und dazu der unschätzbare Westkontakt, freizügige Touristinnen, nicht die störrischen oder heiratslustigen Rumäninnen. Götz war elf Jahre älter als ich, auch er träumte wie fast alle in meinem Freundeskreis von einem Leben im Westen. Er hatte das Studium abgebrochen und wollte sein Brot als Skilehrer für Westtouristen in den Karpaten verdienen, im Sommer zog es auch Götz ans Schwarze Meer. Wir hatten gemeinsame Hobbys, interessierten uns für Autos, für Boote und Wasserski. Ich half ihm, Arbeit im Tourismus zu bekommen, ich hatte schon Beziehungen. Wir fassten Vertrauen zueinander und kamen auf Fluchtpläne zu sprechen. Er hatte als erster die Idee, mit dem Boot übers Schwarze Meer in die Türkei zu flüchten. Al-

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lerdings sollte es ein gut motorisiertes Schlauchboot sein, jemand aus dem ten sollte es mitbringen. Damit könnte man in einer Stunde so weit weg von der Küste sein, dass keine Gefahr mehr drohte. Danach nur noch nach Süden halten, dann wäre man nach 350 Kilometern in der Türkei. Aber Götz war ein Theoretiker, er träumte, er unternahm nichts. Geschäfte mit Touristen Ich war anders, wenn ich schon träume, muss ich auch etwas tun. Als erstes musste Geld her, nicht zu wenig. So ein Boot kostete eine Menge Geld. Man konnte, wenn man Kontakte zu Touristen hatte, gute Geschäfte machen; ich fing klein an, aber es lief gut, es lief sogar sehr gut, trotzdem es verboten war, mit Westgeld überhaupt in Berührung zu kommen, geschweige denn bei Touristen rumänisches Geld in Deutsche Mark umzutauschen. Die Mark gab ich an meine guten Schmugglerfreunde weiter, zu einem viel besseren Kurs. Das war richtig lukrativ. In Rumänien galt: Privat ist man korrekt, den Staat muss man linken, wo es geht. Das machten im Prinzip alle, inklusive Geheimdienst, Partei und Polizei. Das machte den ganzen Kommunismus rumänischer Prägung fast liebenswert. Zurück zu den Geschäften: Ich war inzwischen mit dem Studium fertig, hatte es mit Ach und Krach beendet. Ich war ab Sommer 1970 am Schwarzen Meer und im Winter im Skigebiet. Für die Übergangsjahreszeiten hatte ich einen noch lukrativeren Job: Jagdreiseleiter. In Rumänien gab es herrliche Jagdreviere und sehr gute Trophäen. Im Westen gab es Jäger, die viel bezahlten, um einen kapitalen Hirsch zu erlegen. Und diese Leute waren äußerst spendabel, wenn der Hirsch, der Bär oder der Auerhahn fielen. Die Geschäfte liefen also sehr gut. Ich schickte das von Touristen erwirtschaftete Westgeld heimlich nach Deutschland, wo mir ein guter Freund, Bankkaufmann, ein Konto eingerichtet hatte. Mit dem Geld sollte das Schlauchboot gekauft werden. Ich hatte so viel, dass es in Rumänien zu einer Eigentumswohnung gereicht hätte. Aber wer wollte eine Eigentumswohnung in Rumänien? Meine Schmugglerfreunde waren hauptsächlich Stelian und Hellmut. Hellmut war Hermanns Bruder. Ich hatte zuerst Hellmut kennengelernt. Er war ein etwas zu harter Typ und auch schon einmal im Gefängnis gewesen, weil er Polizisten verprügelt hatte. Er kaufte hauptsächlich Antiquitäten auf, die er an holländische und rumänische Fernfahrer weiterverkaufte, die nahmen sie in den Westen mit und machten ein gutes G machte Hellmut Geschäfte. Um Fernfahrer zu werden, musste man ein Jahres1973 wurde ich Segellehrer in der neuen Neckermann-Segelschule am Schwarzen

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Meer. Das war ein feiner Job. Im Sommer 1973 lehrte Robert mich segeln. Damit hat die erste Katastrophe begonnen. Robert war Ski- und Segellehrer bei Neckermann, als Tiroler hatte er bei mir sofort einen Stein im Brett. Er hatte viel Charme, war sehr selbstsicher, all das imponierte mir. Natürlich weihte ich ihn schnell in meine Fluchtpläne ein; er versprach, zu helfen. Ich sah mich schon winters als Skilehrer in den Alpen und sommers als Segellehrer auf Mallorca. Ja, sagte ich mir, dieses Leben werde ich im Westen führen, auch wenn ich kein großes Ski-Ass war. Die Fluchtpläne wurden konkreter, aber die Route übers Meer habe ich auf Roberts Rat verworfen. Er wollte einen Freund in München, nennen wir ihn Ivo, dazu überreden, eine Urlaubsreise nach Mamaia zu buchen und nach der Einreise mein Foto in seinen Pass einzubauen. Mein Foto sollte schon den Prägestempel aufweisen, die Fälschung sollte schon im Vorfeld in Deutschland erfolgen. Mit diesem Pass sollte ich zu einem Tagesausflug nach Istanbul aufbrechen. 10.000 Mark verschwunden Der Freund wolle 10.000 Deutsche Mark dafür haben; so viel hatte ich inzwischen in Deutschland auf meinem Konto. Ich wollte erst zahlen, wenn ich den Pass in Händen hielt. Robert brachte mir die 10.000 Mark von einer MünchenReise mit. Das Geld versteckte ich in der Kammer der Segelschule. Nur eine Woche später sollte Ivo kommen. Zu jener Zeit kam auch mein Geschäftsfreund Hellmut ans Schwarze Meer, um einen größeren Betrag Deutsche Mark in Empfang zu nehmen, die er in Hermannstadt zu einem horrenden Kurs in Lei umtauschte. Es war für uns beide sehr lukrativ. Hellmut traf eines Abends in Mamaia ein, wir tauschten das Geld, er sollte am Morgen wegfahren. Er schlief bei mir im Zimmer, er war schon seit einiger Zeit in den Fluchtplan eingeweiht. Als ich spät nachts ins Zimmer kam, schlief er schon, ich weckte ihn und sagte noch: „Das Geld ist da, und nächste Woche bin ich weg“. Er stand am Morgen früh auf und fuhr nach Hermannstadt. Als ich an diesem Tag meinen Schatz suchte, war der Sack leer. Ich durchsuchte die ganze Kammer, aber das Geld, es war in einem Etui gewesen, war weg. Die Katastrophe. Bis heute weiß ich nicht, wer es gewesen war. Das war der erste Fluchtversuch, der schon im Vorfeld gescheitert ist. Im Winter 1973/74 war ich wieder Jagdreiseleiter. Und im Mai 1974 war ich wieder in Mamaia, als Segellehrer. Mein zweiter Versuch, zu entkommen, hat mit Walter aus Kiel, dem neuen Segellehrer-Kollegen von Neckermann, zu tun. Es war der Sommer der FußballWeltmeisterschaft, und wir waren alle glücklich, dass Deutschland FußballWeltmeister geworden war. Walter und ich wurden sofort Freunde. Es war eine sehr schöne Zeit mit Walter, wir hatten es uns richtig schön eingerichtet in unse-

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rer Segelschule, mit Floß und Motorboot; auch die Geschäfte liefen blendend, für Walter und für mich. Dann kam die zweite Katastrophe. Im Sommer 1974 hat mich jemand verraten. Mein loses Maul, meine Vertrauensseligkeit, all das hat mir schon immer zu schaffen gemacht. An einem Abend kamen zwei Typen beim Abendessen ins Restaurant und nahmen mich mit. Im Büro der Wirtschaftspolizei fragten sie mich, wo ich das Westgeld verstecke. Alles Leugnen half nicht. Ich war kein Held, ich wusste, wenn man es freiwillig herausrückt, konnte man ohne Verurteilung davonkommen. Sie holten die 800 Mark ab, die ich in der Segelkammer in einem Sack hatte. Danach musste ich auch mein rumänisches Geld, immerhin 32.000 Lei (etwa 5.000 Mark) abliefern. Ich kam in Untersuchungshaft und wurde vernommen. Wir waren zu dreizehnt auf sieben Betten verteilt, ich teilte das Bett mit einem Hirten, einem Messerstecher, der einem Autofahrer die Ohren abgeschnitten hatte, weil dieser ihm ein paar Schafe totgefahren hatte. In der Zelle war auch ein Leichenschänder, ein Tatare, der für Kurzweil sorgte, weil er ständig erzählte, wie er die Leichen fledderte. Auch ein Strichjunge war darunter, der hatte ein Privileg: Er hatte das Bett für sich allein, da jeder sich vor ihm ekelte. Aber sonst war er ein armes Schwein, da all diese Betrüger oder Verbrecher ihn ständig beleidigten, sich lustig über ihn machten oder sogar tätlich wurden. Zu all dem kam die Hitze im Keller und ständig brennendes Licht. Weckzeit war um 4.30 Uhr, jeder kam einzeln fünf Minuten in die Toilette, Zähneputzen in der Hocke auf dem WC. Das Essen rührte ich in den ersten Tagen überhaupt nicht an, nach zwei Wochen jedoch schmeckte es ausgezeichnet. Ich saß den ganzen Tag in der Zelle mit weiteren zwölf Mann und hatte nichts zu tun, als mir Gaunergeschichten anzuhören. Eine Viertelstunde pro Tag gab es Freigang im Gefängnishof, 25 Quadratmeter groß, oben Gitter. Nach zwei Tagen wurden wir kahl geschoren. Ich hatte hauptsächlich mit zwei Polizeioffizieren zu tun, mit Herrn em Chef, Herrn Stama. Ich erwähne ihre Namen, sie sind mir nach einigem Nachdenken wieder eingefallen, und ich möchte sie auch nicht vergessen, verkörperten die beiden doch all das, was den Rumänen so liebenswert macht. Um freizukommen, musste man einen weiteren Schmugglerkollegen angeben, der dann wiederum festgenommen wurde und Geld abliefern sollte. Die Kette sollte nicht abreißen, so dass der Staat fortlaufend Kasse machen konnte. Ich war nach einigen Tagen in der U-Haft zum Ergebnis gekommen, dass ich jemanden anschwärzen musste, um mir die bis zu acht Jahre Gefängnis zu ersparen. Im Nachhinein erfuhr ich, dass das Bluff war. Die Herren eröffneten mir: sieben bis acht Jahre Knast, oder jemanden nennen, der dann automatisch vor Knast geschützt war. Dass ich selber von jemandem angezeigt worden war und deshalb auch geschützt war, wurde mir nicht gesagt. Aber wen sollte ich anzeigen? Meinen eigenen Bruder, für den ich auch Geld tauschte,

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ohne daran zu verdienen, oder Stelian oder Hellmut, Hermanns Bruder, von dem noch die Rede sein wird, oder Dan? So schuftig das nun klingen mag, ich entschied, meinen Bruder als Empfänger von Westgeld anzugeben. So blieb der Schaden in der Familie, und ich konnte ihn nach der Freilassung aus dem Gefängnis entschädigen. Paul hatte sein Auto verkauft, er wollte ein anderes, natürlich aus dem Westen, und brauchte Westgeld. Auch er wurde verhaftet, er gab das Geld ab, musste aber auch einen nennen, und das war dann Hellmut. So war auch Hellmut darin verwickelt. Hellmut war aber ein Schlitzohr. Er hatte Erfahrung im Umgang mit der Polizei, er bestach die beiden Herren. Am Ende kamen wir alle frei, der Staat hatte hübsch kassiert; ich sollte noch einen Restbetrag von Westgeld aus Deutschland nach Rumänien bringen lassen und abgeben. Nach vier Wochen war ich frei und musste Mamaia verlassen. Im Herbst 1974 fuhr ich noch zweimal nach Konstanza ans Schwarze Meer. Im Gepäck hatte ich acht Felljacken, die es nur mit Beziehungen gab; Hellmut besorgte diese Jacken für die beiden Herren Poli und ich fuhr per Anhalter nach Konstanza, um sie abzuliefern. Die Herren bezahlten korrekt, ich war bei ihnen zum Essen eingeladen, wir schieden als Freunde. Bevor ich Mamaia verlassen habe, steckten Walter und ich noch die Köpfe zusammen. Er wollte mir helfen, auszureisen. Er schlug vor, ich sollte Gertje, seine Freundin, heiraten. Das war ein Projekt nach Walters Geschmack. Im Februar 1975 kamen Walter und Gertje in die Schulerau zum Skilaufen, um die Dokumente zur Heirat mit mir einzureichen. Doch der Geheimdienst Securitate wusste, dass das nur eine Masche war. Mein Heiratsantrag wurde abgelehnt. Nach der Verhaftung und Freilassung war ich ein Gezeichneter. Natürlich durfte ich nicht mehr mit Westtouristen arbeiten, ich wurde Physiklehrer. Wieder zu Hause in Stolzenburg (Slimnic) bei Hermannstadt, erzählte ich meiner Mutter alles, worauf sie meinte: „Wie gewonnen so zerronnen, nun hast du alles verloren, dein Geld und deinen feinen Job“. Im November 1975 lernte ich beim Skilaufen Ute kennen. Rote Haare, grüne Augen, ich war sofort verliebt wie noch nie. Ute wurde meine erste Freundin; ich hatte bis dahin nur Abenteuer mit Touristinnen gehabt, alle zwei Wochen ein neues Abenteuer, oft auch Überschneidungen, das ließ sich nicht vermeiden. Ute wollte auch nach Deutschland, wo schon ihre Schwester Vicky mit Wolfi lebte. Vicky war durch Heirat mit Wolfi ausgewandert. Wolfi wiederum konnte noch 1970 aufgrund der Tatsache, dass sein Vater in Deutschland lebte, legal auswandern. Auch Ute wollte heiraten und ausreisen. Das war in Rumänien unter den Siebenbürgern eine beliebte Masche. Aber bei Ute war es angeblich ernst. Ich fand schnell heraus, dass es nicht so ernst war. Gemeinsam mit ihr schmiedete ich Pläne für eine Zukunft im Westen. Im Frühjahr 1977 kam die Absage auf meinen Heiratsantrag mit Walters

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Freundin Gertje; und da war mir klar, dass ich nichts zu erwarten hatte. Mein Versuch, mittels Heirat auszureisen, war nun Makulatur, das Geld war schon lange weg, es blieb mir nur noch die harte Tour, die Flucht über die Donau. Wenn die Flucht danebenging, hatte ich nichts zu lachen. Inzwischen war es Frühjahr 1977 geworden. Ute wartete auf die Genehmigung, einen Münchner heiraten zu dürfen. Am 4. März 1977, am Tag, als das Erdbeben Rumänien erschütterte und viele das Leben kostete, war ich mit ihr in Bukarest, in Audienz beim Staatsrat, um den Stand ihres Heiratsantrages auszuloten. Schon am Schalter sagte man ihr: „Fahren Sie nach Hause, die Genehmigung ist unterwegs“. Wir fuhren am Nachmittag des 4. März mit der Bahn zurück nach Hermannstadt. Am Abend mussten wir in Kronstadt umsteigen, und in der Bahnunterführung bebte plötzlich die Erde. In Kronstadt war es nicht schlimm, aber in Bukarest, wo wir herkamen, stürzten Hochhäuser ein. Auch die Eltern meines Freundes Dan sind ums Leben gekommen. Dan - und Tennislehrer, auch er war im Winter in den Bergen und im Sommer am Schwarzen Meer. Auch so ein Glücksritter, wie ich einer bis 1974 gewesen war. Aber Dan hatte Glück, bei dem Erdbeben war er nicht in Bukarest, sondern im Gefängnis in Neuschloss, 500 Kilometer nördlich. Dan hatte mit seinem Freund Vasile im Herbst 1976 versucht, über die Donau zu flüchten; sie waren auf dem Strom geschnappt worden, ein Patrouillenboot hatte sie aufgegriffen. Im März 1977 saß er mit Vasile im Gefängnis und lernte, wie man es besser macht. Dan durfte nicht einmal zum Begräbnis seiner Eltern fahren. Er hatte Familie, zwei Kinder, aber Dan wollte zu seiner Geliebten nach Paris. Die war reich, verheiratet mit einem armenischen Millionär. Dan und Vasile hatten Glück, dass sie nicht erschossen worden sind; wären sie schon in der Nähe des serbischen Ufers gewesen, hätten die rumänischen Grenzer zweifellos auf sie geschossen. Dan und Vasile kamen nach einer Generalamnestie im Mai 1977 frei. Vasile kannte ich nicht. Dan wollte es noch einmal versuchen, er war verrückt nach der Armenierin. Ich sollte ihm helfen mit meinen Beziehungen zu Deutschen. Dan versuchte, mich zu überreden, mitzumachen. Ich hatte Angst vor der Donau, Angst wegen der Überwachung und wegen des Schießbefehls; meine Idee war, entweder elegant über das Meer zu fliehen, denn vor dem Meer hatte ich keine Angst, oder es mit einem gefälschten Pass zu versuchen. Ute würde ausreisen, sie hatte schon die Heiratsgenehmigung, es müssten nur noch ein paar Papiere eintreffen. Ich wollte nichts unternehmen, bevor Utes Fall geklärt war. „Dan, ich mach nicht mit, ich warte noch“. Für Dan war ich ein Feigling, er sagte noch: „Ihr Deutschen seid alle Feiglinge, Hitler könnte mit euch heute keinen Staat mehr machen, es tut mir leid, dich eingeweiht zu haben, wehe dir, du erzählst jemand

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etwas“. Und ich hörte ab Juni 1977 nichts mehr von ihm. Erst im August 1978 besuchten wir ihn in Frankreich und konnten uns aussprechen. Ute erhielt die Genehmigung, auszuwandern, ohne zu heiraten. Ihr „Verlobter“ hatte inzwischen in Deutschland geheiratet. Trotzdem war er so nett, Ute ein Papier zu schicken, in dem stand, dass er schwer krank wäre und nicht zur Heirat nach Rumänien reisen könnte. Die Heirat müsse in Deutschland stattfinden. Bei mir wollte keine Freude aufkommen, obwohl Teil eins unseres Plans in Erfüllung gegangen war. Denn zwischen Ute und mir wird zunächst der Eiserne Vorhang stehen. Für Ute und mich war es ein schwerer Abschied auf dem Flughafen BukarestOtopeni. Nach dem Start des Flugzeugs wollte ich Dan sprechen, um ihm mitzuteilen, dass ich bereit war, alles zu riskieren, obwohl ich das Gegenteil versprochen hatte. Von Daniela, Dans Frau, erfuhr ich, dass Dan seit zwei Wochen in Deutschland war. Daniela, die meine Verzweiflung sofort erkannt hatte, machte mir aber neue Hoffnung. Sie wolle mit Vasile Bolos sprechen, mit dem Dan zum ersten Mal durch die Donau geschwommen war. Vasile sei aber auch bei einem zweiten Versuch gefasst worden, weil niemand in Serbien auf ihn gewartet hatte, um ihm weiterzuhelfen. Nach mehreren Wochen meldete sich Daniela telefonisch mit der Nachricht, dass Vasile mir helfen wolle. Vasile Bolos, klein, dunkelhäutig und anfangs misstrauisch, stets ernst, lachte nie, hatte einen stechenden Blick, er war ein Zyniker. Sind das die Spuren der Gefängnisjahre? Ich fuhr in jenem Herbst immer wieder zu ihm. Ich hatte Glück, allmählich vertraute Vasile mir. Die Sache hatte allerdings einen Haken: Vasile wollte eigentlich nicht mehr weg. Er brauchte nur Geld, weil er eben ein Haus baute, das viel Geld kostete. Deshalb wollte Vasile mit seinen Grenzgänger-Erfahrungen lediglich ein bisschen Geld verdienen. Ich sagte Vasile, dass auch mein Freund Hermann gerne mitginge. Hermann und ich hatten in der Zwischenzeit die Köpfe zusammengesteckt und die Idee geboren: Wir sollten die Donauüberquerung in einem Schlauchboot bei Neumond versuchen. Hermann saß noch der Schock von Oktober 1972 in den Knoebens auf dessen Bruder gewartet hatte. Seit damals wusste er, zum Schwimmen ist es im Herbst zu kalt, aber mit einem Gummiboot, das man in einen Rucksack stauen kann, könnte die Flucht gelingen. Wir hatten in Hermannstadt einen Freund, genannt Bürste, der ein kleines Schlauchboot verkaufen wollte, nur 150 Lei sollten es kosten. Das Boot trägt drei Personen, Paddel sind dabei, sagte er uns. Aber da war noch etwas. Vasile hatte zwei Freunde, die auch weg wollten. Jetzt waren wir schon zu viert. Das größte Problem war aber noch zu lösen: Wir brauchten einen Fluchthelfer auf dem anderen Ufer der Donau, der an maximal

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drei Nächten eine Strecke von zehn Kilometern abfahren sollte, um uns aufzulesen. Wir wollten Zweige auf die Straße legen, damit er uns findet. Aber ich wusste Rat: Jetzt war mein alter Schmuggler-Busenfreund Constaneschäftstüchtig und verheiratet mit einer Dänin, so dass er ausreisen konnte. Sofort nach der Ausreise nach Dänemark war Stelian nach Rumänien zurückgekehrt, in Dänemark war das Leben zu langweilig: Er wollte lieber in Rumänien studieren, hauptsächlich das Wesen der rumänischen Frau. Däninnen waren langweilig, fand durfte in den Devisengeschäften einkaufen, hatte ein Auto, einen Citroën DS, so einen, der die Scheinwerfer beim Einlenken mitdrehte. Alle meinten, der ist ein Spitzel, wie sonst würde die Securitate tatenlos zusehen bei all seinen Geschäften. Er fuhr in den Westen, wann er Lust hatte, kam mit beladenem Wagen zurück thelfer. größeren Betrag, weil er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften bezahlen musste, je Studienjahr waren 4.000 Deutsche Mark fällig. Ich versprach ihm das estimmt. Als Vasile den Namen Constantin Stelian hörte, ist er mir fast an die Gurgel asile sagte nein. Ich musste einen anderen Helfer finden. Ich tat nichts mehr anderes, als zu suchen. Ich war Lehrer in einer Schule, aber in diesem Herbst sehr häufig krank. Essen konnte ich auch nicht mehr, ich wurde ein Strich in der Landschaft. Ute schrieb ich etwa zwei Briefe täglich, und sonst lief ich durch Hermannstadt, stets auf der Suche nach einem Fluchthelfer. Hermann war es, der einen gefunden hat, den auch ich kannte. Kurt, ein Landsmann, der vor einigen Jahren offiziell ausgereist war, auch einmal zu flüchten versucht hatte und deshalb im Gefängnis gewesen war, wollte uns aber nicht helfen. In unserer Verzweiflung kam mir die Idee: Stelic rgestellt. In den Lagebesprechungen ließ Vasile inzwischen durchblicken, dass er vielleicht doch auch mitkommen werde. Bei all diesen Besprechungen war seine Frau dabei, machte ihm Mut, er sollte mitgehen, weil es in Rumänien keine Zukunft gebe. Sie wolle mit den Kindern ausharren, um ihm nach Amerika zu folgen. Der Besuch mit Kurt bei Vasile wurde zum Dialog zwischen zwei Männern, die im selben Knast waren. Vasile war mit Kurt einverstanden. Heute sage ich mir noch: Hätte ich kein Vertrauen in meine rumänischen Freunde, in Dan, Stelian und Vasile, der halber Zigeuner war, gehabt, wäre mir die Flucht nie gelungen. Man muss sich auch manchmal mit richtigen Gaunern einlassen. Ich stehe zu meinen Freunden, auch heute noch.

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Am 10. November 1977 sind Hermann und ich mit einem weiteren Freund, Stefan, ein Ungar aus Seklerburg (Miercurea Ciuc), dessen Vater Polizist war, mit seinem Wagen nach Bukarest gefahren. Stefan war eingeweiht. Wir holten Vasile in Bukarest ab und fuhren am 11. November in Richtung Donau. Unterwegs wollten wir noch einen Kompass kaufen. Im Gepäck war das Gummiboot, die Paddel schauten aus dem Rucksack heraus. Stelian hat sich unabhängig von uns nach Jugoslawien begeben. Vasiles Kumpel nahmen die Eisenbahn, um an einer Haltestelle etwa zehn Kilometer nördlich der Donau auszusteigen. Die beiden sollten sich vom Bahnhof zu einem Parkplatz durchschlagen, wo wir sie zwischen 23 und 1 Uhr treffen wollten, um in die Svini -Berge loszumarschieren. Nach einer Übernachtung in einer Hütte wollten wir am 13. November, einem Sonntag, ans andere Donauufer übersetzen. Wir hatten diesen Tag ausgewählt, weil das Fußballländerspiel Rumänien gegen Jugoslawien anstand, ein Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft 1978. Unsere Hoffnung: Die Grenzer und die meisten Bewohner des Grenzgebietes sitzen vor dem Fernseher, und wir können leicht zur Donau gelangen. Unser Plan: Wir wollten in dem Donau-Nebenfluss Mraconia das Boot zu Wasser lassen, um nicht die Straße am Donauufer überqueren zu müssen. Vasile war noch immer nicht entschlossen, ob er mitkommt. Die Hälfte seines Führerlohns hat er von uns bekommen, die andere Hälfte sollte er nachher von Hellmut, Hermanns Bruder, erhalten. Straßensperre we tlich von Bukarest, gerieten wir in eine Stra Stadt auf Arbeitsbesuch war, wurden alle Autos kontrolliert. Wir kamen durch, das Schlauchboot ist nicht aufgefallen. Den Kompass, den wir noch kaufen wollten, kriegten wir nicht mehr. Denn wir mussten uns beeilen; um 23 Uhr sollten wir etwa zehn Kilometer nördlich der Donau im schönen Cernatal vor der Ortschaft Topletz den Parkplatz finden, Vasile kannte die Stelle. Dort sollten wir die beiden anderen Mitstreiter treffen. Wir sind rechtzeitig angekommen. Stefan hat uns abgesetzt und ist sofort weggefahren. Wir versteckten uns und warteten. Es verging eine Stunde, zwei, drei, aber es kam niemand. Wir sollten Vogellaute von uns geben, damit sie uns finden. Auch dafür war Vasile zuständig. Wir haben erst später erfahren, was passiert war. Die beiden wurden schon am Bahnhof beim Aussteigen aus dem Zug von den Grenzern gefasst. Was sie erzählt haben, wissen wir nicht, aber wir glauben, dass sie uns nicht verraten haben. Jetzt waren wir nur noch drei. Vasile ließ durchblicken, dass er mit uns gehen werde.

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Aber noch etwas zum Thema Abschied: Ich hatte meinem Vater erzählt, ich ginge ein paar Tage in die Berge, ohne mich großartig von ihm zu verabschieden, und in der Schule war ich krank gemeldet. Vasiles Familie wusste Bescheid. Hermann hatte sich von seiner großen Familie ganz offen verabschiedet, hatte aber in der Firma nichts gesagt. Dies war ein grober Fehler. Man wusste in seiner Fabrik, dass er es noch einmal wagen werde, über die Grenze zu gehen. Denn wer einmal infiziert war, kam nicht davon los. Wir stiegen auf den Berg, nach zwei Stunden Marsch durch die Dunkelheit fanden wir die Scheune. Va -Berge. Der 12. November 1977 war ein herrlicher Herbsttag. Wir kamen gut voran, wir hatten Essen, Getränke und das Gummiboot im Rucksack. Keine Menschenseele war zu sehen, die Hirten weg, und doch war jemand unterwegs. Ein Männlein mit schwerem Rucksack begegnete uns. Wo geht ihr hin, liebe Leute, was treibt euch in die Berge um diese Jahreszeit? Einheimische wurden belohnt, wenn sie halfen, Grenzgänger im Vorfeld zu fassen. Vasile ließ sich gar nicht auf eine Diskussion mit ihm ein, sondern ging sofort zum Gegenangriff über: „Was hast du im Rucksack, pack aus“. Erst wussten wir nicht, warum er das Männlein gar so heftig anging. Doch er fuhr fort: „Pack sofort aus, oder wir helfen dir, du Wilddieb“. Der Wilddieb verschwand, schneller, als wir bis drei zählen konnten. Wie hatte Vasile das bloß geahnt. Er sagte, zu dieser Jahreszeit, allein mit Rucksack, ohne Axt, das konnte nur ein Wilddieb sein. Wir setzten unseren Weg fort. An einer Quelle füllten wir unsere Flaschen und übernachteten unter freiem Himmel. Am Abend des folgenden Tages wollten wir es wagen. Wir brachen auf. Nach einigen Stunden hatten wir aber die Orientierung verloren. Wir suchten, Berg rauf, Berg runter, endlich fanden wir eine Markierung an einem Baum. Die Zeichen stammen nach Vasiles Angaben noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als dieser Teil Rumäniens noch zu Österreich-Ungarn gehört hatte. Vasile kannte sich nach zwei Fluchtversuchen gut aus.Wir fanden unseren Weg wieder, die Markierungen in einem Abstand von einem halben Kilometer führten der Mraconia, dem Donaunebenfluss, entgegen. Ich war entspannt und dachte zurück an all meine Fluchtpläne. Jetzt war ich dabei, genau den Plan auszuführen, den ich immer verworfen hatte. Auf einmal hörten wir Hundegebell, Stimmen, Holzfällergeräusche. Es war weit weg, aber wir liefen den Berg hinunter, versteckten uns und warteten. Es gab zwar keine Ortschaften in der Umgebung, aber wir durften nicht in Donaunähe gesehen werden. Wir gingen, und bald kam die Zeit, die Bootsfahrt vorzubereiten. Es war wohl 18 Uhr, wir waren im Tal der Mraconia, fünf Kilometer talwärts war die Donau. Wir hatten uns fürs Paddeln entschieden. Wir wollten alles liegenlassen, was wir nicht mehr brauchten. Vasile bestand darauf, dass wir unsere Messer mitnahmen. Seiner Meinung nach sollten wir bewaffnet sein,

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denn wenn wir plötzlich einem ängstlichen jungen Grenzer begegnen sollten, würde der sofort schießen. Deshalb: Bevor wir ins Gras beißen, sollte er draufgehen. Vasile meinte, die Messer könnten wir wann immer wegwerfen. Der Bach war ausgetrocknet. Wir mussten zu Fuß weiter. Nach einem Marsch von einigen Kilometern erreichten wir die Stelle, wo wir das ausgetrocknete Flussbett queren mussten. Schon wieder Hundegebell, diesmal ganz nahe. Uns stockte der Atem. Wir kehrten um und warteten, bis es stockdunkel war, wagten kaum noch zu sprechen und bewegten uns ganz vorsichtig. Wir umgingen die Hunde in großem Bogen. An der Stelle, wo der Bach Wasser führte, weitete sich das Tal, und das Flüsschen wurde zum See, an dessen Ufer ein Campingplatz war. Wir erkannten kleine weiße Campinghäuschen, rings um den See hohe Berge, darüber der sternenklare Nachthimmel. Es war kalt geworden. Wir hatten das Boot noch nicht zu Wasser gelassen. Wir pumpten es auf, doch es war leck; aus der Bodenkammer entwich Luft. Wir fanden das Leck, der Verkäufer hatte es mit Tesafilm verklebt. Doch Vasile wusste Rat: „Wir gehen zur schmalsten Stelle der Donau, das ist bei Dubova, wir brauchen zwei bis drei Stunden. Dort ist die Donau nur 500 Meter breit, dafür muss das Boot, so wie es ist, ausreichen. Wenn es uns so nicht trägt, dann schwimmen wir eben, eventuell hält es über den halben Fluss. Ich kenne die Stelle.“ Zwei Jahre später, im August 1979, bin ich zurückgekehrt an diese Stelle, wo die Mraconia in die Donau mündet. Genau dort saß ein Grenzposten in einem Türmchen mit geschulterter Maschinenpistole. Klar, dass an einer Stelle, wo der Nebenfluss in die Donau mündet, die Straße über eine Brücke führen musste. Und weil Brücken wichtige Punkte sind, die bewacht werden, sitzen dort Soldaten. Wenn unser Boot kein Loch gehabt hätte, wären wir die Mraconia hinuntergepaddelt, direkt vor die Kalaschnikow des Grenzsoldaten. Wie gut, dass es Betrüger gibt, die einem ein kaputtes Schlauchboot verkaufen. Der erste Termin war schon verstrichen. Stelian hat um 24 Uhr das Donauufer abgefahren. Den Termin 6 Uhr können wir ebenfalls nicht einhalten, wir haben noch einen Fußmarsch vor uns. Wir finden uns in der Dunkelheit sehr schlecht zurecht, die Taschenlampe versagt, die Batterien sind leer. Es ist nicht zu fassen, Vasile findet den Weg auch in der Dunkelheit, und in der Früh legen wir uns erschöpft auf den Zementboden einer zugigen Hütte. Jetzt sind wir hoch über der Donau, nur noch 20 Minuten Fußmarsch, und wir wären unten. Aber wir verschieben alles auf morgen. Wir wollen schlafen, nichts als schlafen. Am 14. November 1977 sind wir in der Nähe von Dubova an der Donau. Die Moral ist nicht mehr so gut. Hermann klagt über Erschöpfung, Vasile sagt nichts. In der Nähe der schmalsten Stelle warten wir den Abend ab. Wir müssen die Hütte verlassen und uns im Wald verstecken. Das Gelände ist felsig, das

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Ufer steil, wir sind am Eisernen Tor, am Donaudurchbruch durch die Karpaten. Durst plagt uns. Hier oben gibt es keine Quellen. Wir haben noch zwei Fleischkonserven. Hermann spricht von aufgeben. Jetzt bin ich es, der wütend wird. Wir halten durch. Um 21 Uhr schleichen wir den steilen Weg hinunter. Vorne Vasile, dahinter zwei Gestalten mit dem aufgeblasenen Schlauchboot. Der Weg ist voller trockener Blätter, und wir müssen sehr, sehr vorsichtig sein. Wir können tief unten die Donau erahnen. Trotz der Dunkelheit erkennen wir die steilen Konturen der Felsen, senkrechte Wände, am Tag muss es ein gigantischer Anblick sein. Zwei Jahre später werde ich eine ganze Nacht den Anblick bei Vollmond auskosten, allerdings vom anderen Ufer aus. Plötzlich Hundegebell, Stimmen, diesmal direkt von unten, direkt von der Donau. Wir stehen 300 Meter über dem Strom und lauschen. Es hört sich nach einer Suchaktion an. Wir sehen ein Schiff, das im Schneckentempo stromaufwärts fährt. Es könnte auch ein Wachboot sein. Wir müssen uns zurückziehen. Hab ich euch gleich gesagt, meint Hermann. Der dritte Termin, der um 24 Uhr, ist auch verpasst. Wir legen uns noch einmal unter den Schlafsack, zu dritt, eng aneinander gepresst. Es ist sehr kalt. Der Himmel ist sternenklar. 15. November, 3 Uhr; der letzte Versuch. Wir stehen benommen auf, packen alles ein und schleichen wieder in der gleichen Formation hinunter. Es herrscht absolute Stille. Die Spannung steigt. Es dauert ewig, wie lang sind 300 Meter? Dann die Spalte, durch die wir hinabsteigen müssen. Wir gelangen in der Dunkelheit zur Donau, lassen das Boot zu Wasser. Wir steigen ein. Das Boot trägt uns auch ohne Luft in der Bodenkammer. Die Schuhe ziehen wir aus, wenn wir ins Wasser müssen, können wir barfuß besser schwimmen. Vasile und ich paddeln. Wir sind kaum 20 Meter weg vom Ufer, da blinkt oben ein Licht auf. Vasile beruhigt uns, es sei lediglich ein Signal für die Schifffahrt. Das Boot schwimmt im Zickzack, aber wir erreichen das andere Ufer. Um 4 Uhr sind wir in Jugoslawien. Wir haben es geschafft; es ist der 15. November 1977. Das Ufer ist steil, wir ziehen uns an Ästen das Ufer hinauf, das Boot lassen wir im Gebüsch hängen. Vasile fällt ein Schuh ins Wasser. Wir erreichen die geteerte Straße, auf der aus dem Tunnel um 6 Uhr Stelians Auto auftauchen soll. Vasile erwartet Kurt. Ich will nichts sagen, es soll eine Überraschung für ihn sein, wenn Stelian kommt. Ich hole Wasser aus dem Fluss, und wir trinken. Das Wasser schmeckt herrlich. Wir legen wie vereinbart Zweige auf die Straße. Ab 5 Uhr setzt Verkehr ein. Nach jedem Auto muss ich die Zweige herrichten. Jetzt kann ich zum ersten Mal in meinem Leben Rumänien von außen betrachten. Ich bin 31 Jahre alt und noch nie im Ausland gewesen, weil ich nie durfte. In mir kommen unbeschreibliche Triumphgefühle hoch, es ist noch nicht geschafft, aber wir haben das

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Schwerste hinter uns. Eine Minute vor 6. Ein Licht im Tunnel, ganz langsam nähert es sich, da taucht es auf, das weiße Auto. Wir erwarten einen weißen Citroën mit drehenden Scheinwerfern. Jetzt muss er die Lenkung einschlagen, huschen da die mitdrehenden Scheinwerfer nicht über die Felsen? Oder ist es ein Traum? Das Auto kommt näher, noch fünf Meter zu meinen Zweigen, er blinkt rechts. Es ist Stelian. Heraus aus den Büschen, und rein in Auto. In ein paar Sekunden sind wir weg. Nach drei erfolglosen Fahrten hatte Stelian die Hoffnung schon fast aufgegeben, uns noch anzutreffen. Ihm erschienen die Zweige wie ein Wunder, und er war fast erschrocken, als aus den Büschen drei dunkle Gestalten aufs Auto zustürmen. Im Auto Stelian zu Vasile: „Du hast mich also für einen Spitzel gehalten?“ Vasile murmelt sich etwas in den Bart. Stelian: „Na gut, dann mal los, zur serbischen Polizei“. Vasile: „Fahr zu, du Gauner, wir sind hier noch in Gefahr“. Stelian: „Hier Jungs, Whisky, Kaffee, Hühnchen, alles von meiner Freundin, für euch. Ich hatte solche Angst, ich würde das Zeug selber essen müssen“. Es war ausgemacht, dass Stelian uns nach Belgrad zur deutschen Botschaft fahren sollte, doch davon wusste Vasile nichts. Vasile wusste, dass ihm die deutsche Botschaft als Nichtdeutschem nicht helfen würde. In Hermanns und meinem Wehrpass stand fein säuberlich: Nationalität Deutsch, Staatsbürgerschaft Rumänisch. Und die hatten wir dabei. Vasile wollte über die grüne Grenze nach Österreich gehen. Hermann ließ sich von ihm überreden, mitzumachen. Ich aber argumentierte: „Wenn zwei von uns dreien deutsche Pässe bekommen, und der Dritte es allein über die grüne Grenze versucht, ist es sicherer als zu dritt. Zwei wären sicher drüben und könnten dem dritten helfen“. Doch ich kam nicht durch. Wir waren übermüdet, wir hatten dem Whisky zugesprochen, und es kam zum Zerwürfnis, ja zum Streit. Ich wollte nichts mehr riskieren, jetzt nicht mehr. Hermann ließ sich von dem seiner Meinung nach stärkeren Partner überreden, Stelian dachte an sein Geld, er sollte für die Fahrt nach Belgrad 4.000 Mark erhalten. Im deutschen Konsulat in Agram Wir verschoben die Entscheidung, es gab noch das deutsche Konsulat in Agram. Stelian verlangte für die Fahrt durch Jugoslawien zusätzliche 1.000 Mark; ich versprach sie ihm. Ich hatte natürlich kein Geld, aber in Österreich hoffte ich, das Problem mit Hilfe meiner Verwandten in Deutschland zu lösen.

100 Kilometer vor Agram teile ich meinen Entschluss mit, keinen weiteren Grenzübertritt zu wagen. Hermann wird nachdenklich. Vasile schweigt, doch plötzlich meint er: „Du hast recht, es ist doch besser, wir 151


gehen zum Konsulat. Dann seid ihr beide sicher drüben. Wenn es bei mir nicht klappt, werdet ihr mir später helfen.“ Wir erreichen Agram gegen Abend und finden das Konsulat. Wir passieren mehrere Sperren. Ein freundlicher Herr empfängt uns, er glaubt mir meine Geschichte. Er sieht eingehend meinen Wehrpass ein und meint: „Da haben Sie aber Mut gehabt, den mitzunehmen, wenn man sie erwischt hätte, wäre alles schlimmer gewesen“. Ich teile ihm Adresse und Telefonnummer meiner Verwandten in Deutschland mit, ich habe sie mir gemerkt. Der Botschaftsangehörige verspricht, alles zu überprüfen, und lässt meine beiden Freunde hereinbitten. Ich bin kurz allein im Zimmer, es läuft leise Musik, und ich schließe die Augen. Wenn ich sie öffne, sehe ich das Bild von Walter Scheel, dem Bundespräsidenten, an der Wand. Ich bin in Deutschland, ich bin in der Bundesrepublik Deutschland. Kurz darauf sind wir alle vier, Vasile, Stelian, Hermann und ich, mit dem Konsul zusammen, der uns mitteilt: „Die beiden Deutschen bekommen morgen deutsche Reisepässe. Machen Sie am Automaten heute noch Fotos. Morgen um elf kriegen Sie die deutschen Pässe. Der Rumäne soll das Grenzhäuschen in einem Bogen von etwa einem Kilometer umgehen, die Grenze ist dort nicht überwacht. Der Rumäne darf aber nicht nach Deutschland einreisen, er muss sich in Österreich stellen“. Der Konsul warnt uns ausdrücklich davor, ihm nach Deutschland zu verhelfen. Wir versprechen es. Vasile sagt, er wolle gar nicht nach Deutschland, sondern nach Amerika. Danach schickt uns der Konsul ins Hotel International mit einer Bescheinigung, dass wir unsere Pässe verloren hätten. Doch er gibt uns weitere Anweisungen: „Gehen Sie zu Fuß über die Grenze, der Wagen soll eine Viertelstunde später nachkommen. Sie dürfen nichts bei sich haben, außer dem deutschen Pass, kein Papier, kein Geld, gar nichts“. Nachher sprechen wir darüber. Vasile ist tief beeindruckt: „Toll diese Deutschen. Zum einen ein zivilisierter Ton, zum anderen exakte Anweisungen, detaillierte Angaben. Neam „Siehst du, auch ich bin mächtig stolz auf mich und auf Deutschland“, antwortete ich Vasile. Heute sage ich, dass ich im Herzen Rumäne bin und die Rumänen liebe. Auch jetzt habe ich fast nur Rumänen als Freunde. Wenn ich Vasile, einem halben Zigeuner und halben Rumänen, wenn ich Stelian einem „Bukarester Gauner und Halsabschneider“ (so Vasile), wenn ich Dan, einem Playboy, und auch Andrei Bilciurescu, von dem noch die Rede sein wird, nicht vertraut hätte, was wäre aus meinen Fluchtplänen geworden? Die beiden Freunde, die ich vielleicht zu Unrecht verdächtigt hatte, mir 1973 das ganze Geld gestohlen zu haben, das waren ein Siebenbürger Sachse und ein Österreicher, keine Rumänen. Wir trinken am Abend noch ein Bier in einer Gaststätte und schmuggeln Vasile, für den wir keinen Pass haben, ins Hotel, in unser Zimmer. Stelian ruft aus

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dem Hotelzimmer seine Freundin an, die in Bukarest wie auf Kohlen seinen Anruf erwartet. „Meine Freunde sind hier, sie danken für die Brotzeit.“ Stelian zu uns: „Meine Freundin hat geweint, sie umarmt euch ganz fest“. Agram, 16. November 1977: Wir kriegen deutsche Pässe. An der österreichischen Grenze geht es ganz schnell; bevor wir unsere schönen grünen Pässe vorzeigen können, sind wir schon in Österreich. Hermann und ich fallen uns in die Arme, Freudentränen rinnen. Der aufgestaute Frust, der Schmerz, die Angst, alles kommt raus, und die Dämme brechen. Wie lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet? Sind es zehn, sind es noch mehr Jahre? Bald ist auch Stelian da. Wir fahren mit dem herrlichen Citroën auf und ab, wo ist Vasile? Im ersten Freudentaumel haben wir ihn kurz vergessen. Nach einer Stunde picken wir ihn aber auf. Jetzt ist das Glück perfekt. Jetzt müssen wir anrufen: in München, in Bukarest, in Hermannstadt, in Talmesch (T südlich von Graz. Ich rufe Ute in Taufkirchen bei München an. Ich sage ihr nichts von meinen Schulden. Freude hinter dem Eisernen Vorhang In Stolzenburg, wo ich zu Hause war, in dem schönen Pfarrhaus, werde ich doch nicht anrufen, ich will meinen Vater nicht schockieren. Er ist einer von alter Statur, der von sich sagt, „ich habe die Pflicht, bei meiner Gemeinde zu bleiben, deine Mutter war hier Lehrerin, die Leute im Dorf haben sie verehrt, was will ich im Westen, ich war von 1936 bis 1940 als Student in Deutschland, dort war es damals überhaupt nicht schön“. Also rufe ich eine Tante in Hermannstadt an und teile kurz mit, dass ich in Österreich sei, sie solle das meinem Vater schonend beibringen, damit er sich auf die Befragung durch die Securitate vorbereiten könne. Das hat ihn damals überhaupt nicht gejuckt, er hat denen gesagt, mein Sohn hat es legal versucht, und ihr habt ihn nicht gelassen, und nun ist er weg. Der Anruf in Bukarest: Vasiles Familie flippt aus. Schon komische Blüten, die dieses Jahrhundert treibt. Da wird eine Familie für ein paar Jahre geteilt, und es gibt trotzdem Freudentränen. Und dann der Anruf in Talmesch: Hermann hatte sich von allen verabschiedet. Tumultartige Szenen müssen sich am Telefon abgespielt haben, denn die Securitate hatte schon am 14. November bei seiner Familie angeklopft, als wir -Bergen waren. Hermann hatte in der Firma nichts gesagt, er war einfach weggeblieben. Seine alte Mutter wurde bedroht: „Sie kriegen Ihren Sohn im Sarg wieder, wenn Sie nicht sagen, wohin er fliehen will“. Sie wusste natürlich nichts. Und sein Bruder Hellmut hatte nur Spott für den SecuritateMann übrig. „Sucht ihn doch, ihr wisst ja immer alles.“ Er konnte gut bluffen.

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Graz, 17. November 1977: Heute muss ich mich bewähren, Stelian will sein Geld haben. Aber meine Onkel in Lahr, Bietigheim und Berlin haben keine 6.000 Mark für mich, deshalb wende ich mich an Andrei Bilciurescu. Ihm habe ich 1969, als er legal nach Deutschland zu Besuch fahren durfte und einfach nicht mehr zurück nach Rumänien fand, mein ganzes Westgeld mitgegeben, damit er einen leichteren Start in Deutschland hat. Ich hatte ihm das Geld auch nur auf seine blauen Augen hin geliehen. Andrei schickt seine Sekretärin mit dem Geld. Während wir in einem Restaurant auf sie warten, schreibe ich meinem Vater eine Karte: Ich hatte sie in Hermannstadt ausgesucht und Stelian mitgegeben. Es war eine Karte mit einer Quelle darauf und der dritten Strophe des Gedichts „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“: „Die Bächlein von den Bergen springen, die Vögel singen hoch vor Lust, was sollt ich nicht mit ihnen singen, aus voller Kehl und frischer Brust.“ Stelian nimmt zwei Stunden später erleichtert 5.000 Mark in Empfang, für uns bleibt ein Tausender übrig, Vasile kriegt neue Schuhe. Für den Übertritt an der österreichischen Grenze hatte er Stelians Schuhe angezogen. Wir steigen in den Zug nach München, Vasile stellt sich in Österreich. Wir haben uns 1985 in Texas wieder gesehen, die ganze Familie wohnte im schönen Eigenheim in der Nähe von Houston. Hermann und ich kommen am 18. November um 0.35 Uhr auf dem Bahnhof in München an. Ich habe mich nicht abholen lassen, ich wollte es allein nach Taufkirchen zu Ute schaffen; wer es über die Donau schafft, muss auch die S2 nach Holzkirchen finden. Ich trete meine erste S-Bahn-Fahrt an, es ist eine Schwarzfahrt. Ich finde die Wildapfelstraße und bin am Ziel meiner Träume. Am nächsten Morgen spazieren Ute und ich in München über den Marienplatz und sind glücklich wie noch nie. Jahrzehnte nach diesem Tag habe ich immer noch ab und an Alpträume. Vor kurzem war ich wieder im kommunistischen Rumänien und hatte die Flucht noch vor mir. Dresden, 15. November 2002 Klaus Schneider, geboren am 20. April 1946 in Hermannstadt, ist Pfarrerssohn aus Stolzenburg. Nach dem Abitur studiert er von 1963 bis 1969 Physik in Klausenburg (Cluj); Danach arbeitet er bis 1974 als Reiseleiter und Segellehrer am Schwarzen Meer und in der Schulerau bei Kronstadt, von 1974 bis 1977 ist er Physiklehrer in Hermannstadt. Nach der Flucht studiert er in München

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und arbeitet bei Siemens. Von 1980 bis 1997 ist er bei Audi in Ingolstadt als Entwicklungsingenieur t채tig. Danach promoviert er an der Universit채t Transil-Dozent an einer Fachhochschule in Dresden. In den 32 Jahren nach der Flucht war er nebenberuflich als Segellehrer und Hochseeskipper t채tig. N채chstes Jahr wird er 65; danach will er nur noch seinem Hobby Segeln nachgehen.

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Schwimmend in die Freiheit Von Alfred Waldenmayer Die politische und wirtschaftliche Situation in der Zeit der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen, die meine Generation im Denken und Handeln geprägt hat, war begleitet von Terror, Gefängnis und Tod. Der Fröhlichkeit beraubt, blieben oft Selbstaufgabe und Resignation. Von denen, die bereit waren, das Leben aufs Spiel zu setzen, ist einigen die Flucht in den Westen geglückt. Mir auch. Dies ist meine Geschichte. Meine Kindheit verbrachte ich in Guttenbrunn (Z umänischen Teil des Banats. Die Umgangssprache war Deutsch, und zwar ein Dialekt, der dem in der Gegend von Weinheim und Fürth im Odenwald sehr ähnlich ist. Schon 1927 wurden die ersten Kontakte zu unserer heutigen Patengemeinde, Fürth im Odenwald, geknüpft. Ich besuchte die deutsche Grundschule in Guttenbrunn. Als hyperaktives Kind löcherte ich meine Erzieher ständig mit Fragen. In meiner Unbekümmertheit brachte ich meine Lehrer manches Mal in Erklärungsnot, zum Beispiel mit der Frage: „Warum haben wir keinen Religionsunterricht in der Schule, wie es bei Mama der Fall war?“ In der 5. Klasse stellte ich die Frage: „Warum hatte Rumänien einen deutschen König?“ Der Gipfel war, als ich in der Geschichtsstunde darauf hinwies, dass die fünfjährige Verschleppung vieler meiner Nachbarn, Verwandten und Bekannten in sowjetische Arbeitslager (aus meiner Familie vier Personen) in unserem Lehrbuch nicht erwähnt wurde. Die Lügen des Systems waren mir damals noch nicht bewusst, dafür war ich noch zu jung. Ich vermisste einfach die Logik; mich störte, dass Tatsachen verschwiegen wurden, die eigentlich keiner vergessen konnte, schon deswegen nicht, weil die Ereignisse erst gut zehn Jahre zurücklagen. Mit meinem ständigen Bohren hatten meine Eltern, Lehrer und später meine Vorgesetzten am Arbeitsplatz ihre liebe Not, und ich den Ärger. Als ich 14 Jahre alt war, zog ich nach Temeswar und besuchte das deutsche Gymnasium in der Josefstadt. Die Stadt im Südwesten Rumäniens, bis zu meiner Flucht mein Wohnsitz, war kultureller Mittelpunkt des Banats, dank der vier großen Volksgruppen - Deutsche, Rumänen, Ungarn und Serben - und mehr als einem halben Dutzend kleinerer Gruppen, die friedlich zusammenlebten und die Last der Diktatur gemeinsam ertrugen. smus erfuhr eine gewisse Lockerung. Ein ungemeines Glücksgefühl hatte mich erfasst, ebenso meine Eltern. Ein junger Präsident löste die alten Machthaber ab, in mir keimte die Hoffnung auf mehr Freiheit und Gerechtigkeit auf. Bei meinem nächsten Besuch in Guttenbrunn - ich fuhr fast regelmäßig jedes zweite Wochenende zu meinen Eltern diskutierten wir am Abend euphorisch über den Wandel in der Politik. Mein

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Großvater saß in einer Ecke und drehte sich eine Zigarette. Er hörte uns aufmerksam zu, obwohl ich eher den Eindruck hatte, er wäre gelangweilt. Nach zwei miterlebten Weltkriegen kannte er die Falschheit der Politik sowie die Ohnmacht des Volkes. Die Debatte dauerte eigentlich gar nicht lange, dann wurde es still in der Küche. Aus seiner Sitzecke neben dem Ofen schaute Großvater zu uns herüber, sein Gesichtsausdruck war finster, seine Stimme klang rau. Er sagte etwas, was ich nicht glauben wollte: „Das ist ein Verbrecher“. Seine Aussage sollte sich schneller bewahrheiten, als uns allen lieb war. Es wurde noch stiller, und ich vernahm das Ticken der Wanduhr wie Ohrfeigen. Meine Eltern schauten mich verdutzt an, wir trauten unseren Ohren nicht, wir dachten, Großvater habe den Sinn der Sache nicht verstanden. Etwas aufgeregt hakte ich nach: „Hast du das jetzt ernst gemeint Opa, oder etwa nicht kapiert, was sich da tut? Wie kannst du so etwas behaupten?“ Er sagte nur: „Ich habe schon einmal erlebt, dass ein Staatsmann sein Volk betrogen hat. Mäuse fängt man am schnellsten mit einem guten Köder“. Dann verschwand er in seinem Zimmer. Ein mulmiges Gefühl blieb in mir zurück, und für einen kurzen Moment dachte ich mir, was ist, wenn er doch recht hat? Dieser Gedanke war beileibe nicht abwegig. Dieser einfache Mensch, der zwei Weltkriege erleben musste, hatte mir schon in meiner Kindheit durch seine große Lebenserfahrung vieles beigebracht, was in keinen Büchern zu lesen war. Nicht selten war ich über seine Treffsicherheit erstaunt. Umso mehr befürchtete ich, dass er recht haben könnte und die erhoffte Wende in der Politik nicht stattfinden werde. Trotzdem: Man spürte eine allgemeine Euphorie, die Menschen fassten neue Hoffnung, eine Art Aufbruchstimmung machte sich bemerkbar. Doch alles zerbröckelte schneller, als man glaubte. Die zunächst tolerierten selbstständigen Kleinbetriebe wurden geschlossen, der kulturelle Freiraum wurde immer mehr eingeengt. Lieder in englischer Sprache durften nur noch 20 Prozent des Repertoires ausmachen. Die nationalen Minderheiten wurden benachteiligt, selbst in Sportklubs achtete man darauf, dass deren Anteil entsprechend niedrig gehalten wurde. Der gefürchtete Sicherheitsapparat Securitate wurde unbemerkt ausgebaut. Seine Existenz war zwar bekannt, was sich aber nun entwickelte, übertraf jede Vorstellung. Er wurde zum Schrecken aller Bürger; ich sollte auch noch früh genug mit ihm Bekanntschaft machen. Es waren die wilden Jahre der 68er, deren Gedankengut über illegal eingeführte Zeitschriften und westliche Rundfunksender zu uns herüberschwappte. Der deutschen Sprache mächtig, hatten wir Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen einen Vorteil gegenüber den ungarischen und rumänischen Bürgern. Die Serben waren durch die damalige Offenheit Jugoslawiens zum Westen auch sehr gut informiert. Durch die multikulturelle Vielfalt ihrer Bewohner, das rege kulturelle Leben, die vielen mehrsprachigen Schulen und die

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traditionsreiche Universität, war Temeswar eine Hochburg des Fortschrittes. Dies hat auch die Staatsmacht sehr schnell erkannt und alles besonders gut beobachten lassen. In dieser Stadt hat übrigens 1989 der blutige Umsturz in Rumänien seinen Anfang genommen, der mit dem Tod des Diktators Nicolae ndete. Der Geheimdienst tritt auf Schon Mitte der 1950er Jahre beginnen die ersten deutschen Familien, Anträge zur Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland zu stellen, da viele ihrer Angehörigen infolge des Krieges dort wohnten. Die Repressalien seitens der Behörden wuchsen ständig, man hörte immer mehr von Verhören bei der Securitate, ja sogar von Festnahmen. Eines Tages kam ich nach Hause, ein hochgewachsener, blonder junger Mann stand vor meiner Tür. Ich sprach ihn auf Deutsch an, zu meiner Überraschung hat er mich nicht verstanden. Ein Blonder muss doch ein Deutscher sein, dachte ich, aber ich hatte mich getäuscht. Er zog einen Ausweis aus seiner Jackentasche und stellte sich vor: „Ich bin Leutnant der Securitate und möchte mit Ihnen sprechen“. Mein Puls stieg etwas an, es war meine erste Begegnung mit den Wölfen. Ich beruhigte mich schnell, ich hatte bisher noch keinerlei Erfahrung mit dem Sicherheitsapparat. Mit dem guten Gewissen, nichts Unrechtes getan zu haben, könne mir auch nichts passieren, dachte ich mir. Diesem Trugschluss sind in jener Zeit viele unschuldige Bürger zum Opfer gefallen. Im Laufe des Gespräches stellte sich heraus, dass die an mich gerichteten Briefe aus dem Ausland zensiert wurden, und nun wollte er wissen, warum, weshalb und mit wem ich im Briefwechsel stand. Ich sagte ihm höflich, dass ich gegen kein Gesetz verstoßen hätte, und bot ihm meine Korrespondenz zum Lesen an, um so jeden Verdacht einer Gesetzeswidrigkeit zu entkräften. Als Großmaul aufzutreten wäre sicher der falsche Weg gewesen. Er hat mir dann nahegelegt, den Briefwechsel mit dem Ausland einzustellen, was ich sofort abgelehnt habe. Schließlich war es nicht verboten, Briefkontakt mit Personen in anderen Ländern zu unterhalten. Nachdem er sämtliche Briefe noch einmal angesehen hatte, lesen konnte er sie nicht, weil er des Deutschen nicht mächtig war, ging er wieder. Nun wusste ich, ich stehe unter Beobachtung. Dieses Mal war es ein kleiner Fisch, der mich kontaktiert hatte, die größeren sollten noch kommen. Ende der 1960er Jahre stellten immer mehr Familien Ausreiseanträge. Immer mehr Freunde, Bekannte und sogar Verwandte erhielten die Ausreisegenehmigung. Dazu gehörte auch eine Familie Biebert aus meinem Heimatdorf Guttenbrunn, die zwölf Jahre lang auf diesen Tag warten musste. Damals ahnte ich noch nicht, dass fast zehn Jahre später diese Familie auch die meine sein würde. Ich nahm die Entwicklung ohne große Emotionen, jedoch mit Interesse wahr. Be-

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sonders berührt hat es mich aber erst, als die ersten Freunde auswanderten, nach kurzer Zeit zu Besuch kamen und über das Leben in der Freiheit erzählten. Den Wunsch, selbst das Land zu verlassen, hatte ich damals noch nicht. Einer der Gründe war meine große Liebe zu einer Frau, die ich schon seit meiner Kindheit kannte. Es klingt vielleicht unglaublich, aber für mich gab es nichts Wichtigeres als die Nähe zu ihr. Diese Liebe hatte meine charakterliche Entwicklung entscheidend beeinflusst. Ich nenne sie Erna. Eine räumliche Trennung von ihr konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Die mit mehreren Unterbrechungen sechsjährige Beziehung stand aber unter keinem guten Stern. Eine besonnene junge Frau, geradlinig im Denken und Handeln, und ich, ein Kindskopf, passten einfach nicht zusammen. Wir hatten keine gemeinsamen Interessen. Doch meine Liebe zu ihr war stärker als der Verstand, und mein Egoismus ließ die Frage nicht zu, wie sie sich in dieser unglücklichen Gefühlswelt wohl fühlen mag. Sie war die Klügere von uns beiden, erkannte die Zukunftslosigkeit dieser Beziehung und beendete diese im Frühjahr 1971. Damit hat für mich eine unvorstellbare Leidenszeit begonnen, die mehrere Jahre anhielt. Vielleicht aber war es auch der Beginn meiner geistigen Reife. Noch viele Jahre später erschien sie mir in meinen Träumen. Allmählich vollzog sich eine Wandlung in meiner Denkweise. Ich habe begonnen, die Gefühle anderer mehr zu achten, andere Menschen mehr zu respektieren und deren Meinung zu akzeptieren. Das war ein längerer Prozess, den ich damals nicht bewusst wahrnahm. Zuerst aber wurde ich immer mehr zum Zyniker; ich nahm nichts ernst, weder meine Umwelt noch meine Arbeit, und schon gar nicht die Politik. Selbst mein Leben war mir nichts wert. Wilde Partys interessierten mich mehr als alles andere, zum großen Ärgernis meiner Eltern. Nebenbei besuchte ich die Technikerschule für Maschinenbau und schloss diese im Herbst 1971 ab. Um das süße Leben auskosten zu können, bewarb ich mich um einen Ferienjob als Reiseleiter am Schwarzen Meer. Die letzten zwei Sommer machte ich Urlaub am Schwarzen Meer und hatte von dem süßen Leben an der Küste einen Vorgeschmack bekommen. Nun wollte ich die Suppe mit dem Schöpflöffel essen. Ende Mai bekam ich eine Stelle als Reiseleiter in Mangalia, in einem der schönsten Urlaubsorte an der rumänischen Schwarzmeerküste. Die ersten zwei Wochen betreute ich Urlauber aus der Tschechoslowakei. Endlich kam der Tag, an dem ich die erste Gruppe aus der Bundesrepublik Deutschland zugeteilt bekam. Ich war im Hochrausch der Gefühle. Alles lief wunschgemäß, bei herrlichem Wetter hatte ich auch einmal Zeit, an den Strand zu gehen, und abends wurde ich häufig von meinen Gästen zum Essen eingeladen. Ein paar Deutsche Mark Trinkgeld bekam ich auch. Annahme von Trinkgeld war nicht untersagt, dafür aber der Besitz von Devisen. Dieses Gesetz habe ich bis heute nicht ver-

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standen.Eines Nachmittags nach Dienstschluss ging ich ins Hotel, um zu entspannen. Ich stieg in den Aufzug. Bevor sich die Tür schloss, sprang ein gut gekleideter Herr, der vorhin gelangweilt neben dem Aufzug stand, zu mir in die Kabine. Ich war zwar überrascht, schenkte ihm jedoch keine weitere Aufmerksamkeit. Nachdem sich die Tür geschlossen hatte, stellte er sich vor: „Ich bin von der Securitate, lass dir nichts anmerken, wir gehen jetzt auf dein Zimmer“. Ich glaubte, mein Herz klopfen zu hören, auf so etwas war ich nicht vorbereitet. Wir setzten uns an den Tisch, und er kam sofort zur Sache: „Ich weiß, dass du Deutsche Mark hast, aber deswegen bin ich nicht hier. Du kannst damit in den Intershops einkaufen, größere Summen musst du jedoch abgeben, und zwar mir“. Auf so eine unsinnige Bemerkung habe ich nicht geantwortet. Nun kam er zum eigentlichen Grund seines Besuches. Zuerst sprach er vom Klassenfeind, vom Imperialismus, von der Dekadenz des Westens, von der Infiltrierung unserer sauberen Gesellschaft mit faschistischem Gedankengut. Alles klang wie von einem Tonband abgespielt, wer weiß, wie oft er dieses schlechte Märchen schon erzählt hatte. Mir war es auch nicht neu. Ich saß wortlos da und wartete, was weiter kommen sollte. Dass ich ihn nicht ernst genommen habe, musste er mir ansehen, als Unterlegener schwieg ich jedoch. Ob er selbst an diesen Unsinn glaubte? Gelangweilt schaute ich ihn an, mit einem Blick auf meine Armbanduhr gab ich ihm zu verstehen, was ich dachte. Nun kam er zum eigentlichen Thema. Als Bürger dieses Staates müssten wir den Schutz des Landes als oberstes Gebot betrachten. Er erwartete eine Antwort. Mit Kopfnicken stimmte ich dem zu, um endlich meine Ruhe zu haben. Dies war für ihn der richtige Moment, um zur eigentlichen Sache zu kommen. Die Nähe zu meinen Gästen sollte ich dazu nutzen, herauszufinden, wer unserem sozialistischen System durch sein Verhalten Schaden zufügen könnte. Als Reiseleiter hätte ich das Vertrauen der Gäste, und deshalb würden diese keinen Verdacht schöpfen. Jetzt begriff ich erst, worum es hier ging. Ich sollte zum Spitzel der Securitate werden. Im Gegenzug versprach er mir Schutz, wenn ich mit Devisen erwischt werden sollte. Für mich kam eine Spitzeltätigkeit nicht in Frage. Aus taktischen Gründen habe ich ihm zugesagt, Gravierendes zu melden. Gezielt jemanden zu provokanten Äußerungen zu animieren, habe ich entschieden abgelehnt. Er hat meine persönliche Einstellung akzeptiert, ich sollte jedoch wöchentlich oder nach eigenem Ermessen auch häufiger anonyme Berichte schreiben und diese in einem unbeobachteten Moment unter die Türspalte seines Zimmers schieben. Er wisse schon, von wem diese kämen. Er wohnte in demselben Hotel, in dem ich untergebracht war. Ich wusste nun, dass sehr viele Mitarbeiter der Securitate auf das gesamte Personal angesetzt waren, um dieses zu Informanten zu machen. Diese Erkenntnis hat mich so erschüttert, dass ich in jedem Mitarbeiter und Angestellten einen Spitzel sah. Wie ich heute weiß, war es auch so.

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In jenem Sommer lernte ich eine bildhübsche Tschechin namens Nadja kennen. Sie war so alt wie ich und die Tochter der tschechischen Chefreiseleiterin. Warme Sommernächte wurden zu heißen Liebesnächten, beobachtet vom Mond und der Securitate. Es war zum ersten Mal nach meiner Trennung von Erna, dass ich wieder eine innere Zuneigung zum weiblichen Geschlecht verspürte. Das sexuelle Verlangen hatte auch in meiner schmerzlichsten Zeit nicht nachgelassen. Wir verbrachten eine wunderschöne Woche miteinander, und sie versprach mir, mich in Temeswar zu besuchen. Ein paar Tage später, ich hatte gerade neue Gäste vom Flughafen abgeholt, stand mein Schatten an der Eingangstür des Hotels und sprach mich mit leiser Stimme an, ohne mich dabei anzusehen. „Du hast noch keinen Bericht abgegeben.“ Genauso unauffällig, ebenfalls im Flüsterton, antwortete ich: „Morgen“. Am nächsten Tag gab ich, wie vereinbart, meinen Bericht ab, der recht kurz und nichtssagend war. Einige Tage später wartete er wieder vor meiner Tür, um mit mir zu sprechen. Kurzum, er war mit meinem Bericht nicht zufrieden. „Tut mir leid“, habe ich gesagt, „mehr kann und will ich nicht tun. Ich bin als Reiseleiter und nicht als Spitzel angestellt. Sie werden von mir keine Berichte erhalten, ich könnte sonst nicht mehr in den Spiegel schauen, ohne hineinzuspucken“. Das Gespräch zog sich noch eine Weile ergebnislos hin, ich wurde sichtlich aggressiver und hatte keine Furcht. Der Kragen ist mir geplatzt, und ich sagte ihm höflich, aber viel zu laut: „Ich bin kein Spitzel, sie bekommen keine Berichte mehr von mir“. Zwei Tage später wurde ich zum Hotelchef bestellt und ohne Angabe von Gründen entlassen. Man drängte mich dazu, selbst zu kündigen, ansonsten würde ich weder meinen ausstehenden Lohn noch die Reisekosten erstattet bekommen. Nach sechs Wochen, Anfang Juli, war mein Traum vorbei und ich um eine Erkenntnis reicher. Auf meine Frage, warum mir gekündigt wird, hat man mir nicht geantwortet. Meine Zeit als Reiseleiter war für immer vorbei. Nun wusste ich aus persönlicher Erfahrung, dass man in diesem System nur Vorteile genießen kann, wenn man mitmacht. Ich erinnerte mich an meinen ehemaligen Banknachbarn aus meiner Gymnasialzeit, der seit mehreren Jahren regelmäßig in den Sommerferien als Reiseleiter tätig war. Der Gedanke, dass er ein Spitzel sein könnte, hat mich sehr nachdenklich gemacht. Später habe ich erfahren, dass er einer war. Ich blieb noch einige Wochen als Privatperson am Schwarzen Meer und schlug mich mit Devisenschmuggel einigermaßen durch. Wegen meiner ausgezeichneten Deutschkenntnisse genoss ich das Vertrauen der deutschen Urlauber, die von rumänischen Geldwechslern auf dem Schwarzmarkt sehr oft betrogen wurden. Ich arbeitete vertrauenswürdig: Ich händigte die rumänischen Lei im voraus aus und nahm später, nach Überprüfung des Betrages durch die Urlauber auf dem Zimmer, die D-Mark entgegen. So viel Vertrauen wiederum stieß teilweise auf Verwunderung; ich selbst hatte jedoch nie Zweifel an der

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Ehrlichkeit der Deutschen. Ich bezahlte für die Deutsche Mark die Hälfte dessen, was die Ganoven anboten, doch es war immer noch mehr als der offizielle Kurs. Durch die Weiterempfehlung riss der Faden nie ab, und bald hatte ich keine Lei mehr. Ich musste selbst Deutsche Mark verkaufen, selbstverständlich zu einem höheren Preis, als ich dafür bezahlte. Von dem Gewinn konnte ich recht gut leben. Der verbotene Geldwechsel war ein gefährliches Spiel. Um dieses Risiko zu minimieren, deponierte ich meine Devisen bei Urlaubern, denen ich vertraute. Im Falle einer Durchsuchung hätte man bei mir nur kleinere Summen gefunden, wofür keine Strafe zu erwarten gewesen wäre. Es gelang mir, das Geld nach Deutschland zu schicken, und so konnte ich zur Freude meiner Eltern eine Gefriertruhe kaufen, deren Wert für die Familie unschätzbar war. Zehn Jahre später, bei der Ausreise meiner Eltern, musste diese als Bestechungsobjekt an einen hohen Beamten abgegeben werden. Ein Jahr darauf habe ich das Spiel wiederholt, und so kam ich zu dem begehrtesten Objekt, das es in jener Zeit gab: einem Auto. Es war ein Statussymbol, dessen Wirkung ich voll ausnutzte. Mein NSU-Prinz hatte vermutlich eine größere Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht als ich, aber uns gab es nur zusammen. Nicht wenige hatten Spaß mit uns beiden, nicht selten gab es aber auch Ärger. Ende Juli fuhr ich heim nach Temeswar, um mich für die Abschlussprüfung zum Maschinenbautechniker vorzubereiten. Obwohl schon 23 Jahre alt, saß ich immer noch meinen Eltern auf der Tasche. Die Entlassung aus dem Reiseleitergeschäft hat mich mehr geärgert, als ich mir eingestehen wollte. Es erfüllte mich mit Stolz, den Verlockungen des „angenehmen“ Lebens nicht verfallen zu sein, dem Regime die Stirn geboten zu haben und sauber geblieben zu sein. In Melancholie verfallen, schrieb ich Nadja einen sehnsüchtigen Brief, ohne auf die Vorkommnisse einzugehen. Da musste man vorsichtig sein, denn die Briefe wurden zensiert. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten und hat mich sehr überrascht. „Du bist sehr traurig, was ist geschehen? Ich komme Dich besuchen und werde Dich trösten“, schrieb sie in einem nicht allzu ernst gemeintem Ton. Bei dieser schönen Nachricht verflog meine schlechte Stimmung, der Trost einer so schönen Frau war mir mehr als willkommen. Ich fieberte dem Moment sehnsüchtig entgegen, in dem ich sie wieder in die Arme schließen konnte. Nun wusste ich, dies war mehr als ein Urlaubsflirt. Zum ersten Mal verspürte ich eine leichte innerliche Lösung von Erna, obwohl ich sie immer noch liebte. Es kam der Tag, besser gesagt die Nacht, in der Nadja mit der Bahn übermüdet in Arad ankam. Überwältigt von Gefühlen, brachte ich kein Wort hervor. Wir schauten uns in die Augen, umarmten uns und genossen schweigend den Augenblick. Sie blieb drei Wochen bei mir, Zeit genug, um ihr mein Elternhaus, mein Heimatdorf Guttenbrunn, meine Stadt Temeswar sowie das nähere Umland zu zeigen. Vor allem Temeswar lag mir am Herzen, in dieser

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Stadt war einiges los, dort pulsierte das Leben, die Kultur, dort waren meine Freunde, dort kannte ich jeden Winkel. Die vielen Parks, die schöne habsburgisch geprägte Stadtmitte, luden zu Spaziergängen ein. Sie war beeindruckt von den historischen Bauten, den alten Denkmälern und der schönen Lage dieser Stadt. Der Bega-Kanal schlängelt sich nahe dem Zentrum entlang, an dessen Ufern sich Kneipen und Sommergärten befanden, in denen man bei fast mediterranem Klima bis spät in die Nacht verweilen konnte. Über dieser friedlichen Idylle brauten sich dunkle Wolken zusammen. Nadja lernte einige meiner Freunde kennen und staunte nicht schlecht, als einer, auf meine Bitte hin, plötzlich slowakisch sprach. Er gehörte zur slowakischen Minderheit, die es, wie wenig bekannt, in dieser Region gibt. Eines Tages, es war ein herrlicher Sommertag, saßen Nadja und ich in einer Konditorei am BegaUfer und tranken Kaffee bei einer echten Marlboro, die ich schwarz besorgt hatte. Als meine Kaffeetasse leer war, benutzte ich sie als Aschenbecher, das war so üblich und, wie man heute sagen würde, „cool“. Ich bezahlte, und wir blieben noch eine Weile sitzen. Die Bedienung kam, um den Tisch abzuräumen. Sie stellte ihr Tablett darauf, sammelte alle Gläser und Tassen ein, dann kippte sie den Inhalt des Aschenbechers über das eingesammelte Geschirr. Anschließend nahm sie drei weitere Aschenbecher von den Nachbartischen und goss deren Inhalt ebenfalls darüber. Ein benutzter Kaugummi, eine mit Lippenstift gefärbte Serviette und Kuchenreste kamen dazu. Sie wünschte noch einen schönen Tag und verschwand damit in der Küche. Das war Routine einer geschulten Kellnerin. Wie von einer Tarantel gestochen, sprang meine Freundin auf und entfernte sich einige Schritte. Mit dem Rücken zu mir blickte sie regungslos auf den Fluss. Ich merkte, dass sie verärgert war, aber warum? Was habe ich getan? Habe ich sie unwissentlich beleidigt? Alle diese Fragen gingen mir blitzartig durch den Kopf. Wir spazierten am Ufer entlang, und sie sagte mir den Grund ihrer Verärgerung. Das Entsorgen der Asche meiner Zigarette in die leere Tasse war für meine Freundin ein grobes Vergehen und ein Erziehungsmangel; das, was die Bedienung danach machte, fast ein Schock. Dann bekam ich eine Lektion in Benehmen, die ich gerne annahm. Ich war froh, dass es nichts Schlimmeres war. Nach etwa einer Woche fragte ich sie: „Na, was sagst du zu meiner Stadt? Was hast du für einen Eindruck?“ Ich erwartete lobende Worte, doch ich sollte etwas ganz anderes zu hören bekommen. Nadja kam zwar auch aus einem sozialistischen Land, dessen Lebensstandard höher war als der in Rumänien. Mit ernster Mine sagte sie: „Ihr seid arm, sehr arm, Gott sei Dank, wisst ihr es nicht. Deine schöne Stadt ist schmutzig und stinkt. Die Menschen haben kein Benehmen, und viele sind schlecht gekleidet“. Diese Wahrheit wurde mir erst bewusst, als ich sie zu hören bekam. Damals sah ich das nicht so, aber ich habe darüber nachgedacht und nie wieder Zigarettenkippen in einer Kaffeetasse ent-

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sorgt. Eines Abends, wir waren beide sehr gut gelaunt, der Alkoholpegel war auch schon erhöht, fragte ich sie, ob sie meine Frau werden wolle. Ohne nachzudenken, fiel sie mir um den Hals und sagte lachend ja. Wir lachten beide, und eine wilde Liebesnacht nahm ihren Anfang. Am nächsten Morgen, noch leicht verkatert, sagte ich zu ihr „Hei, Nadja, wir sind verlobt“. „Ich weiß“, sagte sie und lachte. Wir waren verunsichert. Ist es Ernst oder Spiel? Keiner konnte die Lage richtig einschätzen, und ich beschloss, dieses alberne Getue zu beenden. Ihr Deutsch war sehr gut, so dass es keine Missverständnisse gab. Ich packte sie an den Schultern, schaute ihr in die Augen und sagte: „Sieh mich an, willst Du mich heiraten, das ist kein Spiel mehr, willst du meine Frau werden?“ Selbstsicher und überzeugend sagte sie ja. Ich werde sofort die Scheidung einreichen, wenn ich nach Hause komme. Wir schwiegen beide eine Weile, dann bahnte sich eine außergewöhnliche Situation an, die ihre Meinung über den Sozialismus verändern sollte. Du musst mich so schnell wie möglich besuchen kommen, damit meine Familie dich kennenlernt. Die Mutter kannte ich schon vom Schwarzen Meer her. „Ich kann dich nicht besuchen, da ich keinen Reisepass habe und auch keinen bekommen werde.“ Ungläubig schüttelte sie den Kopf und sagte: „Die Tschechoslowakei ist doch ein sozialistisches Bruderland, wieso dürft ihr nicht dahin reisen?“ Ich antwortete: „Wir dürfen zwar einen Antrag stellen, das werde ich auch tun, jedoch werden diese Anträge meistens abgelehnt“. In solchen Augenblicken verspürte ich Wut auf das ganze verlogene System und fühlte mich wie in ein Korsett geschnürt. Ich brauchte frische Luft, und wir gingen spazieren. Wir waren beide wortkarg, jeder hatte seine eigenen Gedanken. Ich fasste ihre Hand und bemerkte das Zittern. Sie schaute mich an, und ich sah Mitleid in ihrem Blick. Unsanft sagte ich: „Ich brauche kein Mitleid, Verlierer sind zu bemitleiden, ich bin keiner. Und eines schwöre ich bei Gott, ich komme aus diesem Gefängnis heraus“. Damit hat mein Kampf gegen die Behörden begonnen, den ich verlieren sollte. Es kam die Zeit ihrer Abreise, und ich blieb mit meinen Gefühlen zurück. Nach einigen Tagen des Nachdenkens musste ich feststellen, dass mir außer der Hoffnung nichts geblieben ist. Die Abschlussprüfung stand in einem Monat bevor, eine Arbeitsstelle hatte ich noch nicht gefunden, 16 Monate Militärdienst warteten auf mich, und ich hatte keine Schulter, an der ich mich hätte anlehnen und ausweinen können. „Nur jetzt nicht schlapp machen“, sagte ich mir. Ende September legte ich die Abschlussprüfung zum Maschinenbautechniker ab. Durch die Bekanntschaften meines Vaters und durch Bestechung bekam ich einen Arbeitsplatz im Elektromotoren-Werk, eine der größten Fabriken in Temeswar. Das größte Problem, das mir noch bevorstand, war der Militärdienst. Wegen meiner langen Studienzeit war ich ursprünglich zurückgestellt worden. Ich ging

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zur Einberufungsstelle und meldete mich freiwillig zum Militärdienst, um diese Last endlich los zu werden. Wiederum war es mein Vater, der seine Beziehungen spielen ließ und dafür sorgte, dass ich den Einberufungsbefehl für Februar nächsten Jahres erhielt. Es näherte sich das Jahresende und damit die Zeit des Rückblickes. Ich stellte mit Stolz fest, dass ich mein Leben allein meistern kann, ich hatte weder Laster noch Süchte und bekam immer mehr Selbstvertrauen. Allmählich festigten sich mein Charakter und meine Persönlichkeit. Mein Hass auf den Kommunismus wurde immer größer. Trotz meiner Verbitterung habe ich meine Fröhlichkeit und den Humor nicht verloren. Die wirtschaftliche Lage war in jener Zeit noch viel besser als in den folgenden Jahren. Der Briefwechsel mit Nadja war rege. Zu Silvester kam sie wieder zu Besuch und brachte die notwendigen Unterlagen, um den Heiratsantrag zu stellen. Der Eltern, dass die Sache ernst war und äußerten Bedenken. Von diesem Vorhaben ließ ich mich nicht mehr abbringen, denn ich hatte ein ganz anderes Ziel vor Augen: Deutschland. Als rumänischer Staatsbürger in der Tschechoslowakei wohnhaft, war ich für beide Staaten wenig von Nutzen. Somit würde ich mit meinem rumänischen Pass auch in die Bundesrepublik reisen können, um danach dem Kommunismus Adieu zu sagen. Das neue Jahr hatte kaum begonnen, und ich bekam den Einberufungsbefehl für Februar. Es kam so, wie ich es geplant hatte. In der Regel dauerte es ein Jahr, bis eine Entscheidung über eine Heiratsgenehmigung gefällt wurde. Fest überzeugt, die Heiratsgenehmigung zu erhalten, rechnete ich mit meiner vorzeitigen Entlassung vom Militärdienst. Mit diesem Gedanken war die Zeit leichter zu ertragen. Im Vorfeld hörte ich viel von den Missständen und den Schikanen, denen die Rekruten vorwiegend während der ersten Hälfte ihrer Dienstzeit ausgesetzt waren. Nun durfte ich es am eigenen Leibe erleben. Mit 24 war ich einer der ältesten Wehrpflichtigen; ich war der einzige Deutsche und gehörte zu den wenigen mit Abitur. Dadurch war ich bei den Offizieren gefragt, weil ich in der Lage war, deren Büroarbeit zu erledigen. Schon auf der Fahrt zur Einheit, im Zug, hat ein Begleitoffizier eine Schriftprobe von mir genommen und unterzog mich einem lächerlichen Intelligenztest. Die Ergebnisse gab er in der Kaserne an hohe Offiziere weiter; später erwies sich das als großer Vorteil und Erleichterung im Dienst. Mein deutscher Stolz hatte es nicht zugelassen, mittelmäßig zu sein, ich war vom Ehrgeiz gepackt, meine Volksgruppe in allen Bereichen würdig zu vertreten. Die schlimmsten Schikanen und die schwersten Aufgaben konnten mich nicht klein kriegen. Nach fünf Monaten hatte ich das schlimmste Problem besiegt, und zwar den ständigen Hunger. Der Magen hatte sich anscheinend der spärlichen und einseitigen Kost angepasst. Ausgang gab es keinen, Lebensmittel

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konnte man auch keine kaufen. Der Kontakt nach draußen beschränkte sich auf den Briefwechsel. Mit meiner Verlobten durfte ich nur über meine Eltern korrespondieren. Sie brachten mir bei ihren Besuchen die Briefe mit, und ich gab ihnen die meinen, um sie weiterzuleiten. Bei meinen Kameraden war ich sehr beliebt, für einige Analphabeten schrieb ich Briefe, anderen brachte ich das Zähneputzen bei und nicht wenigen das tägliche Waschen der Genitalien. Da nur einmal in der Woche geduscht werden durfte, sah ich keine andere Möglichkeit, als das Waschbecken dazu zu benutzen. Es war äußerst ungewöhnlich und anfangs lustig anzusehen, wie immer mehr in Reih und Glied vor den Waschbecken standen und meinem Beispiel folgten. Ein Zigeuner gestand mir, noch nie in seinem Leben geduscht, geschweige denn Ganzkörperpflege betrieben zu haben. Dafür hatte er aber alle seine sichtbaren intakten Zähne mit Goldbrücken überziehen lassen. Als Statussymbol. Nach der Grundausbildung sollte ich eine sechsmonatige Ausbildung zum Unteroffizier absolvieren, um als Reserveoffizier entlassen zu werden. Ich musste mich dagegen wehren, denn als Unterleutnant wäre ich zum Geheimnisträger geworden und eine Ausreisegenehmigung noch schwieriger zu erhalten gewesen. Ich schilderte einem Oberstleutnant meine Lage und offenbarte meinen Willen, das Land zu verlassen, sobald ich die Genehmigung dafür bekäme. Ich verlangte, den militärischen Abschirmdienst umgehend darüber zu informieren und mich von geheimen Tätigkeiten während meiner Dienstzeit zu entbinden. Täglich angetrieben von 5 bis 22 Uhr, verging das Jahr wie im Zeitraffer. In der Silvesternacht stand ich Wache. Der Dienst dauerte von Mitternacht bis 3 Uhr. Einsam, über mir der klare Sternenhimmel, ging ich auf und ab. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein, meine Gedanken waren bei Nadja, und ich ließ die Zeit Revue passieren. Letzten Silvester war sie bei mir, und wir feierten glücklich den Rutsch ins neue Jahr. Heute stehe ich allein hinter einer Mauer und starre zu den Sternen. Was für ein Kontrast. Ein Jahr zuvor blickte ich voller Hoffnung und Zuversicht auf das neue Jahr. War es eine Vorahnung, was kommen würde? Es war nicht die Langeweile, auch keine Wehmut oder Sehnsucht nach meiner Familie, was ich empfand, es war einzig und allein der Drang nach Freiheit, der mich wieder einmal befallen hatte. Zum Himmel blickend, sah ich den Polarstern, den Großen und den Kleinen Wagen, und dabei dachte ich mir: „Es gibt viele Menschen, die dieselben Sterne sehen, jedoch nicht aus einer Perspektive hinter Stacheldraht“. Dieses Mal konnte man das wörtlich nehmen. Ich hatte das Bedürfnis, zu schreien, meine Fesseln zu sprengen und mich irgendwie von der psychischen Umklammerung zu befreien. Ich umklammerte meine geladene Kalaschnikow noch fester und biss die Zähne aus Frust zusammen. Es war kurz vor 3 Uhr, als ich jenseits der Mauer Stimmen hörte. Es war der Regimentskommandeur mit seiner Familie, der eben von einer Silvesterfeier nach Hause kam. Ich habe ihn sofort an der Stimme erkannt.

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Da musst du was tun, schoss es mir durch den Kopf, und Unfug treiben ist ja mein Spezialgebiet, auch heute noch. Dazu brauche ich nicht viel zu überlegen, der ist einfach zum richtigen Zeitpunkt da. Hellwach, in Lauerstellung, wartete ich, bis die Gruppe sich auf etwa drei Meter genähert hatte. Dann schrie ich mit voller Kraft: „Halt, wer da?“ Eine Frau schrie laut auf vor Schreck, der Kommandeur fluchte und schrie: „Bist du verrückt geworden?“ Ich antwortete nicht, wir hatten auch keinen Blickkontakt, und er konnte mir auch nichts antun. Durch diese Aktion fühlte ich mich sehr erleichtert, meine Traurigkeit war einer kleinen Schadenfreude gewichen. Einige Minuten später wiederholte sich das gleiche Spiel, nur diesmal war es meine vorschriftsmäßige Wachablösung. Es war Ende März, als meine Einheit in die Karpaten zu einem Arbeitseinsatz verlegt wurde. Inmitten dieser schönen Landschaft befand sich ein undefinierbares Straßenlabyrinth, dessen Sinn keiner von den Soldaten kannte. Wir schufteten den ganzen Tag und fielen vor Müdigkeit beinahe um. Wir betonierten Straßen und errichteten Entwässerungskanäle, wobei Schaufeln und Pickeln unsere einzigen Werkzeuge waren. Keiner wusste, was hier entstehen sollte; eines war jedoch klar, es musste sich um ein militärisches Objekt handeln. Da erinnerte ich mich an mein Gespräch mit meinem Oberstleutnant und bat um eine Audienz. Ich machte ihn aufmerksam auf meine besondere Lage, dass ich das Land demnächst verlassen werde. Drei Tage später wurde ich in die Kaserne zurück geschickt. Ab April kamen keine Briefe mehr, was mir zu denken gab. Eines Tages besuchte mich meine Mutter und überreichte mir zögernd, mit ernster Mine einen Brief von Nadja. Darin teilte sie mir mit, dass sie die Beziehung zu mir abbrechen muss. Dem Druck ihrer Familie und aller Verwandten und Bekannten konnte sie nicht länger standhalten, insbesondere weil ich Deutscher bin. Bis dahin wusste ich nicht, dass die Deutschen bei den Tschechen noch immer sehr verhasst waren. Enttäuscht war ich vor allem von meiner Mutter, die mir den Abschiedsbrief lange verschwiegen hatte. Sie wollte mir die Hoffnung auf Freiheit so lange wie möglich nicht zerstören. Somit war der Traum von der vorzeitigen Entlassung ausgeträumt. Ich hatte noch vier Monate Restzeit zu überstehen, und ehrlich gesagt, Soldat zu sein machte mir mittlerweile Spaß. Anfang Juni wurde ich eines Tages zu einem Gespräch vorgeladen. Ein Herr in Zivil stellte sich mir als Offizier des Militärischen Abschirmdienstes vor. Er bot mir Platz an und sagte mir, er sei einzig und allein meinetwegen gekommen. Schon wollte ich sagen: „Das ehrt mich aber“. Das konnte ich aber aus zweierlei Gründen nicht tun: Zum einen darf ein Soldat mit einem Offizier nur sprechen, wenn er gefragt wird oder wenn er sich vorher die Erlaubnis einholt, zum anderen hatte ich den Verdacht, dass es sich um eine brisante Sache handelt, dann wäre jedes unnötige Wort zu viel. Gespannt und gelassen wartete ich auf seine Fragen. Er kam gleich zur Sache und sagte mir in einem überraschend ruhigen

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und sachlichen Ton: „Mir wurde gesagt, Sie wollen das Land verlassen. Stimmt das?“ Ich antwortete: „Ja, Herr Hauptmann, das will ich, es ist ja nicht verboten“. Natürlich nicht, sagte er und erklärte mir die Folgen einer Fahnenflucht. Diese waren mir bestens bekannt, worauf ich antwortete: „Herr Hauptmann, Sie müssen sehr viel über mich wissen, auch dass ich eine gute schulische Ausbildung habe und meine Wehrpflicht bisher zur vollen Zufriedenheit aller meiner Vorgesetzten erfüllt habe. So dumm kann ich also nicht sein, dass ich so kurz vor meiner Entlassung mindestens zwei Jahre Militärgefängnis riskieren werde“. Zu meiner Überraschung packte er seine Mappe ein und sagte, ich könne gehen. Ich grüßte und ging in einem leichten Bogen zur Ausgangstür, man durfte einem Offizier ja nicht den Rücken kehren. Bevor ich die Tür erreicht hatte, rief er meinem für Rumänen schwer aussprechenden Namen: „Waldenmayer!“ „Zu Befehl, Herr Oberst“. Etwas heiter sagte er: „Mach keine Dummheiten fünf vor zwölf“. Ich grüßte wortlos und ging. Mein Eindruck war, der Mann hat eigentlich seine Pflicht getan. Ein Gedanke ließ mich nicht mehr los: Das Spinnennetz um mich wird immer dichter. Sie sind überall, sie kreisen mich ein und jagen mich. Sie werden versuchen, mich zu erniedrigen und zu erpressen. Sie werden mich verfolgen und bedrohen. Es ist da, du siehst es nicht, und du kannst dich nicht dagegen wehren. Aus einem Spinnennetz gibt es kein Entkommen. Was bleibt dir weiter übrig, als das Terrain zu verlassen? Fristgerecht und menschlich sehr verändert wurde ich im Juni ins Zivilleben entlassen. Eigenschaften wie Eigendisziplin, Teamfähigkeit und Verantwortung für andere zu übernehmen waren mir vor dem Militärdienst fremd. Nun besaß ich sie, und zwar für immer. Viele dieser Eigenschaften haben zum Gelingen meiner Flucht beigetragen. Nun wurde ich allmählich auch in meiner Denkweise erwachsen, ganz geschafft habe ich es aber auch bis heute nicht. In jenem Sommer genoss ich meine Freiheit und beschloss, erst einmal die letzten Monate zu verarbeiten und über meine Zukunft nachzudenken. Im Kreise meiner Freunde wurde ich herzlich begrüßt, einige Partys wurden nachgeholt. In dieser Zeit habe ich die Liebe nicht vermisst. Die weibliche Gesellschaft während meiner Militärzeit hat mir aber sehr gefehlt. Nun waren sie wieder da, die schönen Frauen. Die weichen Stimmen, Körper, die gestreichelt werden wollen, und Seelen, die die Liebe suchen. Die wirtschaftliche Lage Mitte der 1970er Jahre wurde zusehends schlechter, was die Regierung dazu bewog, für die Erteilung der Ausreisegenehmigung deutscher Familien von der Bundesrepublik Deutschland Kopfgelder zu kassieren. Bis zu 15.000 Familien durften jährlich nach Deutschland ausreisen. Es hat sich ein gewaltiger Korruptionsapparat gebildet, vom Dorfpolizisten bis hin zur Passbehörde, die hohe Summen für leere Versprechungen kassierten und dabei viele ausreisewillige Familien um ihre letzten Ersparnisse brachten. Die Reihen in meinem Bekanntenkreis haben sich zu lichten begonnen. Dabei dachte ich

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immer öfter über die Zukunft der einst so starken deutschen Gemeinde nach, die sich allmählich auflöste. Die verlassenen Häuser der ausgewanderten Familien wurden von Rumänen besetzt, die im Vergleich zu den ansässigen Rumänen den Umgang mit der deutschen Minderheit nicht kannten. Das früher gut funktionierende Miteinander geriet ins Wanken, selbst die alteingesessenen Rumänen kamen mit den neuen Siedlern nicht zurecht. Der Freiheitsgedanke verfolgte mich immer mehr und bestimmte letztendlich mein Leben. Inzwischen war ich fest entschlossen, meine Zukunft nicht in Rumänien zu planen. Dazu durfte ich mich nicht emotional binden, mit anderen Worten keine Familie gründen. Das würde mir bei dem Versuch, das Land illegal zu verlassen, nur hinderlich sein und mich seelisch zusätzlich belasten. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Fluchtversuch erwischt oder sogar erschossen zu werden, war sehr groß. Doch darüber machte ich mir weniger Gedanken, ich wollte nur noch weg. Es gab nur zwei Möglichkeiten: legal oder illegal. Die erste Möglichkeit schied aus, da ich keine Verwandten ersten Grades in Deutschland hatte. Dies war die Bedingung, um überhaupt einen Ausreiseantrag stellen zu können. Die zweite Methode war die, mit einem Touristenvisum einen Verwandten zu besuchen und nicht zurückzukehren. Dann konnte der Rest der Familie nach zwei bis drei Jahren nachreisen. Es war die sicherste Methode, unversehrt zu bleiben. Die Mutter meines Freundes Gerhardt (Gery) Backin hatte sich für diese Variante entschieden, und so durften im April 1977 er und sein Vater ausreisen. Meine Mutter war damals Chefin eines wichtigen Vorzeigebetriebes und hatte durch ihre Position eine gute berufliche Beziehung zum ersten Sekretär des Kreises Temesch. Das war der mächtigste Mann im Landkreis, und ich sah darin eine Chance, durch seinen Einfluss ein Besuchervisum für meine Mutter zu erhalten. Meine Mutter war der festen Überzeugung, dass es kein Problem für sie wäre, ein Visum zu bekommen. Nun wollte ich meine Mutter überzeugen, diese Gelegenheit wahrzunehmen und einen Pass für Deutschland zu beantragen. Ich versuchte noch einmal, ihr die allgemeine Lage, vor allem die Perspektivlosigkeit der deutschen Volksgruppe und insbesondere die meine darzustellen. Entsetzt von meinem Plan, hat sie in einem sehr bestimmenden Ton meinen Vorschlag abgelehnt, worauf sich ein erbittertes Wortgefecht zwischen uns entwickelte. Schließlich verließ ich voller Groll unser Haus in Guttenbrunn und fuhr nach Temeswar zurück. Nun wusste ich, dass diese Möglichkeit ausschied. Meine Eltern konnte ich nicht für meine Sache gewinnen. Im Gegenteil, beide glaubten immer noch, dass alles nicht so schlimm sei. Irgendwie konnte ich ihr Handeln auch verstehen. Beide in guter beruflicher Stellung, über 50 Jahre alt, wollten sie ihren kleinen Wohlstand nicht für eine unsichere Zukunft in Deutschland eintauschen. Bei mir war das anders. Ich fragte mich, wie meine Zukunft aussehen wird. Ich stand am Anfang meines

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Berufslebens. Mittlerweile war ich 25 Jahre alt, ein anderer Weg musste gefunden werden. Ich hatte schon wieder eine Idee. 1969 war meine Tante überraschenderweise nach Deutschland übersiedelt. Sie war zusammen mit meinen Eltern im Arbeitslager in der Ukraine und hatte seit meiner Geburt eine innige Beziehung zu mir, die heute noch besteht. Als Kind und Jugendlicher verbrachte ich stets einen Teil der Sommerferien bei ihr in Temeswar. Sie behandelte mich wie ihr eigenes Kind. Auch nach ihrer Ausreise riss der Kontakt zu ihr nicht ab. Im Sommer 1976 hatte sie zu einem Familientreffen am Schwarzen Meer eingeladen. Von Deutschland aus reservierte sie die nötigen Zimmer, und alle freuten sich aufs Wiedersehen. So ein Urlaub, und dazu noch kostenlos, war allen willkommen. Die geplante Scheinheirat platzt Dieses Treffen wollte ich nutzen, um eine andere Möglichkeit zu finden, das Land zu verlassen. In einem vertraulichen Gespräch schilderte ich ihr unter Tränen meine Verzweiflung, die sie auch verstand. „Wie kann ich dir helfen?“ hat sie gefragt. „Ich habe einen Plan“, sagte ich. „Suche eine junge Frau, die bereit wäre, für einen gewissen Geldbetrag mit mir eine Scheinehe einzugehen.“ Sie musste nicht lange nachdenken, dann sagte sie: „Ich kenne eine junge Frau, mit der werde ich sprechen“. Es war eine Nachbarin, die alle Voraussetzungen dafür erfüllte. Ledig, ungebunden und bedürftig. Voller Hoffnung genoss ich die weiteren Urlaubstage und verbrachte einige Zeit mit meiner alten Beschäftigung, dem Devisenhandel. Diesmal lief ich nicht Gefahr, erwischt zu werden, da meine Tante das Geld aufbewahrte. Meine letzten Worte beim Abschied waren: „Vergeis mich nicht, hol’ mich hier raus“. Es dauerte nicht lange, und der erste Brief kam mit der positiven Nachricht, dass Monika bereit sei, mir zu helfen. Um kein Aufsehen bei der Securitate zu erregen - die Briefe wurden zensiert -, hatten wir vereinbart, nichts Auffälliges zu schreiben. Brisante Nachrichten wurden von Besuchern aus dem Westen über die Grenze geschmuggelt. Ich stellte einen Antrag auf Heiratsgenehmigung. Die Prozedur war sehr kompliziert, und es dauerte fast ein halbes Jahr, bis alles erledigt war. Ich arbeitete im Dreischichtbetrieb in der Firma „Elektromotor“ und versuchte, so unauffällig wie möglich zu bleiben. Es gab täglich neue Nachrichten über Freunde oder Bekannte, die eine Ausreisegenehmigung erhielten, oder Personen, denen die Flucht in den Westen gelungen war. Aber auch Nachrichten über Gefangennahmen oder Erschießungen an der Grenze waren nicht selten. Einen Arbeitskollegen, dem die Flucht nach Jugoslawien gelungen war, haben die Serben nach einer zweiwöchigen Gefängnisstrafe zurückgeschickt. Nach der Auslieferung haben Grenzsoldaten ihn krankenhausreif geschlagen, nach seiner Genesung übernahm ihn die Securitate. Im Keller der

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Dienststelle schlugen mehrere Beamte abwechselnd stundenlang auf ihn ein. Mit Platzwunden und entstelltem Gesicht musste er weiter arbeiten und wurde zur Abschreckung der ganzen Belegschaft vorgeführt. Es verging kaum ein Tag, an dem das Thema Ausreise nicht auf der Tagesordnung war. Ganz gleich, ob Deutsche, Rumänen oder Ungarn, alle beteiligten sich an den Diskussionen. Ein Hauch von Neid, besonders der Rumänen, war deutlich zu erkennen. Unzufrieden mit dem Leben und der Politik, hatten nur sehr wenige Rumänen das Glück, die ersehnte Freiheit in einem anderen Teil der Welt zu erlangen. Der Preis dafür war hoch. Die Heimat einmal aufgegeben, mussten sie eine fremde Sprache erlernen, sich einem anderen Kulturkreis anschließen und als Staatenlose oder Asylanten oft viele Jahre fern der Heimat leben. Sie lebten in Freiheit, aber nach neuen Regeln und Gesetzen. Waren diese Menschen auch innerlich frei? Ich glaube nicht. Im Laufe der Jahre wagten immer mehr diesen Schritt; einer von ihnen war der Führer unserer Fluchtgruppe. Wir Deutschen hatten es wesentlich einfacher. Wir kamen zurück zu unseren Wurzeln, wir kamen in das Land unserer Ahnen, deren Sprache und Kultur wir seit 200 Jahren pflegten und auch unter schwerstem politischen Zwang nicht aufgegeben haben. Schon einmal, unter der Habsburger Monarchie, hat man versucht, die Banater Schwaben zu Ungarn zu machen, was nicht gelungen ist. Im Frühsommer des nächsten Jahres schrieb mir Monika, dass sie als Reiseleiterin bei einer großen deutschen Reisegesellschaft am Schwarzen Meer arbeiten werde, so dass wir uns nun auch persönlich kennenlernen könnten. Ich war sehr gespannt, wie sie aussieht und wie sie charakterlich sein mag. An eine dauerhafte Ehe habe ich nicht gedacht. In dieser Zeit hatte ich eine Freundin, die mich sehr liebte und der ich teilweise verfallen war. Sie hieß Marika und arbeitete in demselben Betrieb wie ich. Es war eine seltsame Verbindung, sie war Ungarin, ich Deutscher, und wir unterhielten uns auf Rumänisch. Es war lustig anzuhören, wie wir uns auf Rumänisch mit ausgeprägtem Akzent unterhielten, ich mit deutschem, sie mit ungarischem. Meine Ausreisepläne und Fluchtgedanken vor meiner Freundin geheim zu halten war aus zweierlei Gründen eine große Belastung für mich. Zum einen wollte ich sie nicht kränken, zum anderen hatte ich Gewissensbisse, was für ein Schurke ich doch bin. Ich wusste, dass eines Tages die Zeit der Trennung kommen würde, so oder so, da wir sehr unterschiedliche Charaktere waren und überhaupt nicht zusammenpassten. Auch das kulturelle Niveau war ungleich, und ich habe mich oft gefragt, warum er diese Beziehung nicht beende. Einige Male habe ich es versucht, doch ich bin ihrem verführerischen Blick und ihrem hohen Sexappeal jedes Mal erlegen. Im Juli fuhr ich ans Schwarze Meer und traf Monika. Eine große Frau, Mitte 20, mit blondgelocktem Haar stand vor mir. Ich stellte mich vor, und ein wenig überrascht schaute sie mich an, da sie auf meinen plötzlichen Besuch nicht vor-

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bereitet war. Es musste alles geheim bleiben, dadurch konnte ich meinen Besuch nicht ankündigen. Sie lud mich auf ihr Zimmer ein, und ich durfte mich nach einer langen anstrengenden Reise duschen. Sie sagte, ich könne für die Dauer meines Aufenthaltes bei ihr übernachten, somit war eine aufwendige Herbergssuche überflüssig. Ich hatte nur eine Woche Urlaub, aber er reichte, um die Vorgehensweise der Eheschließung zu besprechen. Am nächsten Tag arbeitete sie mit den Reisegruppen, während ich es mir am Strand gemütlich machte. Die Zeit verging im Schneckentempo, ich langweilte mich und konnte an nichts Freude haben. Zu wirr waren meine Gedanken, die Ungewissheit, wie sie reagieren würde, belastete mich. Müde kam sie nach einem 14-Stunden-Tag von der Arbeit. Zum Ausklang des Tages tranken wir Rotwein auf dem Balkon, und ich musste ansehen, wie eine schöne Frau in einem durchsichtigen Überhang mir gegenüber saß und mir lächelnd zuprostete. Ich brannte vor Verlangen, mit ihr zu schlafen, doch sie wehrte geschickt jeden Annäherungsversuch ab. Ich hatte den Eindruck, dass sie mit mir spielte. Es waren noch drei Tage bis zu meiner Abreise. Am ersten Abend ergab sich nicht die passende Gelegenheit, mein wichtigstes Problem, Scheinehe, mit ihr zu besprechen. Ich hatte ein unheimliches Verlangen, mit ihr zu schlafen. Durch unbedachtes Handeln kann man viel kaputt machen, sagte ich mir, so dass ich die zweite Nacht ebenfalls allein zu Bett ging. Das war fast schon Folter, erst spät nach Mitternacht schlief ich ein. Am nächsten Tag war ich allein unterwegs und verbrachte die meiste Zeit am Strand. Der Gedanke, wie ich in ihr Bett gelangen könnte, ließ mich nicht los, ich malte mir die tollsten Strategien aus und vergaß fast, wofür ich eigentlich gekommen war. An diesem Abend beschloss ich, über unsere Heirat zu sprechen. Auch diesmal saßen wir auf der Terrasse bei Rotwein. Es war überhaupt nicht aufregend, weil alles nur ein Geschäft war und Gefühle keine Rolle spielten. Es hat nicht lange gedauert, und alles war besprochen. Wir tranken auf ein gutes Gelingen, und ich küsste sie auf die Wange. Nach ein paar Gläsern Wein war mein Begehren wieder da, doch das Spiel vom Vorabend schien sich zu wiederholen, und so kam es auch. Ich musste wie ein Bettler mit leerer Mütze allein zu Bett gehen. Die Zeit rannte mir davon, und ich erkannte, dass alles Buhlen umsonst war. Es war der letzte Abend und meine letzte Chance. Wir saßen wieder wie gewohnt auf dem Balkon und tranken Wein. Ich hatte längst gemerkt, dass der Alkohol keine positive Wirkung auf mich hatte, und entschloss mich, auf der Basis menschlicher Vernunft doch noch mein Ziel zu erreichen. Ich schaute sie an und sagte: „Du hast doch sicherlich bemerkt, wie ich dich begehre, lass uns doch, ohne jegliche Verpflichtung, einmal miteinander schlafen. Wir lieben uns zwar nicht, aber wir könnten beide Spaß daran haben“. Sie lächelte, kam zu mir und küsste mich auf die Wange. Ich hielt sie fest und zog sie sanft auf meinen Schoß. Danach küsste ich sie auf

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den Mund. Meine Geduld hat sich gelohnt, jetzt ist die Katze im Sack, habe ich mir gedacht und füllte die leeren Weingläser nach. Nur nichts überstürzen. Endlich wurde mir das Reden doch zu viel, ich hörte ihr nicht mehr zu, meine Gedanken drehten sich nur noch um Sex. Wir standen angelehnt an das Geländer des Balkons und schauten in die Nacht. Ich küsste sie, und sie lies es geschehen. Begeisterung ihrerseits konnte ich zu meinem Bedauern nicht erkennen. Dann kam sie näher, nahm mein Gesicht in beide Hände, küsste mich auf die Wange und sagte: „Das war’s“. Es war das Ende eines rätselhaften Abends, an den ich noch lange denken musste. Die Frauen sind eben ein ewiges Geheimnis, das wir nicht ergründen können. Das macht sie vielleicht so attraktiv. Am nächsten Morgen haben wir uns verabschiedet. Ich sollte sie nie wieder sehen. Zurück in Temeswar, nahm der Alltag seinen gewohnten Lauf. Eines Tages hat mein Chef mich wieder zu sich ins Büro bestellt. Ich erhielt die Aufforderung, umgehend bei der Securitate vorzusprechen. Es war schon das dritte Mal, dass ich zu einem Gespräch vorgeladen wurde. Leise fluchend verließ ich den Raum. Zur Routine kann so eine Vorladung nicht werden, jedes Mal hatte ich ein Kribbeln im Bauch, denn man wusste nie, was einen erwartet. Diesmal brachte man mich in einen Keller. Es gab kein Fenster, die Wände waren aus rohem Beton, eine schwere Tür schloss sich hinter mir. Ein alter Holzschreibtisch mit einer Stehlampe und zwei Stühle standen in einer Ecke. Ich wartete. Es verging eine Viertelstunde, als die Tür aufging und ein Hüne mit schwarzem Haar und braungebranntem Gesicht mir freundlich die Hand reichte. Höflich bot er mir Platz an, als wäre ich sein Freund. Er stellte sich mit Namen und Dienstgrad vor. Major. Nun wusste ich, das ist ein anderes Kaliber als die bisherigen Handlanger mit niedrigem Dienstgrad. Aber ich wusste auch: Ich hatte nichts Unrechtes getan. Nach einer Weile des Schweigens griff er in die Schublade und schob mir einen Schreibblock und einen Kugelschreiber zu. Ich schaute verunsichert zu ihm hinüber, sagte aber kein Wort. Die Ohnmacht ließ in mir Wut hochkommen, und ich versuchte, dies zu verbergen. Nun begann er in einem protokollarischen Ton, einige Fragen zu stellen, auf die er die Antwort längst kannte: Geburtsdatum, Geburtsort, Wohnort, Arbeitsplatz. Aha, dachte ich mir, eine Akte wird angelegt. Er fragte mich allgemeine Dinge, zum Beispiel, was ich in meiner Freizeit tun würde und über Kontakte zu Ausländern. Meine Antworten waren ehrlich, und jedes Mal habe ich betont, dass ich damit nicht gegen geltendes Recht verstoße. Dann sprach er meinen Heiratsantrag an und wollte wissen, warum ich ihn gestellt habe. Ich sagte, ich sei verliebt und wolle die Frau eben aus diesem Grund heiraten. Ich war selbst von meiner kaltschnäuzigen Lüge überrascht. Er erzählte im Flüsterton von den schönen Mädchen in Rumänien, die quasi auf so einen hübschen Kerl wie mich warten würden. Er kam mit seinem nach billigem Rasierwasser riechenden Gesicht immer näher, was mich anekelte. Trotz seines nach Knoblauch stinkenden

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Atems beugte ich mich ein wenig vor. Meine Nasenspitze berührte fast sein Gesicht, und ebenfalls im Flüsterton sagte ich: „Sie haben recht, Genosse Major, aber ich liebe sie nicht, all die schönen Mädchen“. Er hat wohl gemerkt, dass ich das ganze Geschwätz nicht ernst nahm und sprang plötzlich auf, schrie mich wie ein Irrer an: „Du gehst jetzt sofort zum Friseur und meldest dich anschließend bei mir. Ich gebe dir zehn Minuten“. Überrascht und völlig verunsichert schaute ich ihn an und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich sah keinen Zusammenhang mit unserem Gespräch. Ich stand da und rührte mich nicht von der Stelle. Dann packte er mich mit seinen riesigen Händen am Nacken und stieß mich zur Tür hinaus. Nochmals schrie er: „Zehn Minuten“. Ich wusste, er hatte sich verarscht gefühlt, aber er konnte mir nichts anhängen. So rächte er sich auf diese Weise. Beim Friseur hatte ich den Eindruck, dass der schon wusste, welcher Kunde ich war. Fast mitleidvoll fragte er mich, ob ich freiwillig hier sei. Meine schulterlange Haarpracht war in Nullkommanichts weg, ich sah aus wie eine gerupfte Henne. Ich ging zurück und meldete mich an der Pforte. Wieder wurde ich abgeholt und in den Keller geführt. Sein hämisches Grinsen und die spöttischen Bemerkungen zeigten mir, wie recht- und hilflos ein Mensch sein kann. Seinem Spott ausgeliefert, stand ich da und hatte nur noch einen einzigen Gedanken. Der Zorn, den ich nicht zeigen durfte, zermürbte mich, und ich wusste, dass dies beabsichtigt war. Instinktiv spürte ich, dass er einen Anlass suchte, auf mich einzuprügeln. Diesmal hatte ich Angst. Mein Gesichtsausdruck war regungslos. Anstatt demütig auf den Boden zu blicken, schaute ich ihm in die Augen. Tränen der Wut flossen über meine Wangen, die ich nicht wegwischte. Das gefiel ihm gar nicht, aber es gab keinen Grund, den Gummiknüppel zu benutzen. Zum Schluss legte er den Schlagstock am Halsansatz auf meine linke Schulter und sagte: „Wenn du es wagst, das Land illegal zu verlassen, dann wirst du mit dem da Bekanntschaft machen“. Aus seiner Sicht gedemütigt, verließ ich nach Aufforderung den Raum. Als ich mich von meinem Stuhl erhob, sah ich die erste Seite meiner neu angelegten Akte. Rechts oben war ein Foto von mir, dasselbe hatte ich meinen Bewerbungsunterlagen beigelegt. Anschließend schlenderte ich durch die Stadt, ich hatte nur noch einen Gedanken: Raus aus diesem Land, egal, wie und ganz gleich, wie hoch das Risiko sein mag. Ich klammerte mich an die Möglichkeit der Eheschließung. Es vergingen einige Wochen, und eines Tages, kurz vor Weihnachten, kam die frohe Botschaft von meiner Mutter, dass meine Heiratsgenehmigung erteilt worden ist. Das Gefühl kann man nicht beschreiben, das man dabei empfindet. Freiheit, ein neues Leben beginnen, und allen Frust vergessen. Schlimm war nur: Ich durfte mit niemandem darüber sprechen. Alles weitere musste ohne Aufsehen abgewickelt werden. Die kalte Dusche kam zwei Wochen später, meine Tante schrieb mir, Monika sei verlobt und ziehe das Heiratsversprechen

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zurück. Ich stand da und konnte so viel Pech nicht begreifen. Jahrelange Arbeit, Geduld und Hoffnung waren dahin. Zum ersten Mal fühlte ich eine bittere Enttäuschung und ein Gefühl der Hilflosigkeit. Fast hätte ich resigniert. In dieser Zeit hatte ich nicht mehr die Kraft und den Willen, an weiteren Plänen zu arbeiten. Mein Freund Gery Backin wartete auf die Ausreisegenehmigung, die schon als sicher galt. Er war stets über alles, was ich unternahm, informiert und versuchte, mich aufzumuntern. In meiner Verzweiflung flehte ich ihn an, in Deutschland alles zu tun, um mich aus Rumänien herauszuholen. Er versprach es mir, worauf ich wieder einen Hoffnungsschimmer sah. Im April 1977 verließen er und sein Vater die alte Heimat auf legale Weise, um mit der Mutter, die sie seit drei Jahren erwartete, wieder vereint zu sein. Seine neue Heimat wurde Regensburg. Der Abschied von meinem besten Freund war einer der schwersten Momente in meinem Leben. Es war keine Trauer, sondern nur Wehmut, die mich ergriff. Aber nun hatte ich jemanden, von dem ich wusste, er würde alles Mögliche tun, um mich herauszuholen. Ich machte mir auch keine Gedanken, auf welche Art und Weise das geschehen sollte. Und dann ging alles plötzlich sehr schnell. Eine Reihe glücklicher Zufälle, eine perfekte Organisation und ein fehlerfreies Zusammenspiel vieler Komponenten machten eine spektakuläre und vielleicht einzigartige Flucht dreier sehr unterschiedlicher Personen möglich. Der Weg in die Freiheit Am 14. August 1978, es war ein Montag, hatte ich Frühschicht. Damit mein Fernbleiben vom Arbeitsplatz am Tag der Flucht so spät wie möglich Aufsehen erregt, habe ich für diese Woche die Schicht mit meinem Kollegen am Qualitätsprüfstand getauscht. Am nächsten Tag sollte ich um 15 Uhr wieder den Prüfstand übernehmen, doch ich erschien nicht an meinem Arbeitsplatz. Meine Zuverlässigkeit war meinen Kollegen bekannt, deshalb konnte es für sie nur einen Grund für mein Nichterscheinen geben, nämlich, dass ich krank sei. Darauf habe ich spekuliert, meine Vermutung hat sich bewahrheitet. Als nach zwei Tagen noch immer keine Krankmeldung eingegangen war, hat man versucht, mich telefonisch zu erreichen. Als nach drei Tagen immer noch keine Nachricht von mir vorlag, versuchten Angestellte des Personalbüros, meine Eltern zu kontaktieren. Diese konnten auch keine Auskunft geben, da sie nicht wussten, wo ich war. Meiner Freundin habe ich gesagt, dass ich mit meinem Cousin Dan für ein paar Tage zu meinen Eltern nach Guttenbrunn fahren würde. Weil auch meine Freundin befragt wurde, ergab sich ein verdachtvoller Widerspruch. Doch zurück zu jenem Samstag, meinem vorletzten Arbeitstag: Wir saßen in der Pause zusammen und diskutierten wieder über die Ausreise der Deutschen

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in die Bundesrepublik. Immer mehr durften das Land verlassen, der Ausverkauf hatte begonnen. Der Neid der Rumänen war nicht zu übersehen und zu überhören. Mein Wunsch, nach Deutschland zu gelangen, war vielen meiner Kollegen bekannt. Dafür wurde ich immer wieder belächelt und verspottet, da mein gescheiterter Heiratsversuch mittlerweile bekannt war. Ein Kollege stellte zum Schluss die zynische Frage: „Na, Deutscher, wann fährst du nach Deutschland?“ „Morgen“, habe ich geantwortet, und wir lachten überlaut. Es klang wie ein guter Scherz, so war es auch von mir beabsichtigt. Keiner hat bemerkt, dass meine Nerven zum Zerreißen gespannt waren. Mein Mitlachen war echt und falsch zugleich. In diesem Moment dachte ich: „Ihr armen Schweine, in ein paar Tagen wird euch das Lachen vergehen, und ihr werdet Hilfe brauchen, euren Unterkiefer hochzuklappen“. Einer meiner Freunde klopfte mir mitleidsvoll auf die Schulter und sagte: „Sei nicht traurig Fredy, auch dein Tag wird einmal kommen“. „Ja“, sagte ich, „vielleicht schon morgen“. Dann ging ich an meinen Arbeitsplatz und war mit meinen Gedanken allein. Und so war mein letzter Arbeitstag: Um 15 Uhr war Schichtwechsel. Meine beiden Kollegen übergaben mir routinemäßig den Prüfstand, und wir besprachen kurz, was an diesem Tag zu tun sei. Ich arbeitete unauffällig, mit erhöhtem Tempo, nach getaner Arbeit fragt keiner, wo der Kontrolleur ist. So konnte ich schon vor Schichtende nach Hause gehen, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Um 18 Uhr war Brotzeitpause. Ich verließ die Firma unbemerkt, indem ich über eine Mauer auf das Nachbargrundstück sprang. So konnte mich der Pförtner nicht weggehen sehen. Ich fuhr mit der Straßenbahn nach Hause, weil mir mein Führerschein wegen eines Verkehrsdeliktes für einen Monat entzogen worden war. Auf dem Heimweg traf ich einen Freund aus meiner Clique. Es war ein Ungar, dem ich voll vertrauen konnte. Ihm sagte ich kurz und bündig: „Heute Nacht werde ich einen Fluchtversuch unternehmen, grüße bitte alle meine Freunde“. Der Ton und das Vibrieren meiner Stimme ließen keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit meiner Aussage. „Du spielst mit deinem Leben“, sagte er, „aber ich wünsche dir viel Glück dabei.“ Er meinte es ehrlich. In meiner Wohnung war nichts Auffälliges erkennbar. Ich hatte meine bescheidene Ausrüstung schon vorbereitet und im Schrank versteckt, so dass meine Freundin Marika keinen Verdacht schöpfen konnte. Sie bestand aus einem grünen Rucksack, einem Fernglas und einem Kompass. Mein Proviant war recht bescheiden: eine Salami, ein Glas Pfirsichkompott und Beruhigungstabletten von meinem Hausarzt. Die Kleidung war unauffällig, ich achtete auf gute Tarnfarben: Eine graugrüne Hose, einen grünen Parka und ein Paar alte Tennisschuhe. Die neuen, extra dafür gekauften Sportschuhe verursachten mir beim Probegehen Blasen.

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19 Uhr: Gery war mit seinem Opel Kadett GTE schon bei mir. Wir unterhielten uns über ein Erkennungszeichen in Jugoslawien. Ich fand schnell eine Lösung, in der Nacht geht das nur über die Autoscheinwerfer. Wir mussten das Fahrzeug identifizieren, ohne es zu sehen, und uns danach bemerkbar machen. Dazu habe ich den rechten Nebelscheinwerfer abgeklemmt, die Wahrscheinlichkeit, dass ein zweites Fahrzeug nach Mitternacht mit drei Scheinwerfern sehr langsam die Straße entlang fährt, hielt ich für unmöglich. 20 Uhr: Dan und sein Freund Alex aus Kronstadt waren noch immer nicht angekommen, wir wussten aber, dass sie unterwegs waren. Gery, meine Freundin Marika und ich standen vor unserem Haus und warteten auf die Ankunft meines angeblichen Cousins. Meiner Freundin hatte ich gesagt, dass wir noch an diesem Abend zu meinen Eltern nach Guttenbrunn fahren würden. Damit wollte ich bei ihr Misstrauen vermeiden. Sie war an diesem Tag sehr unruhig und verhielt sich auch nicht wie sonst. Gery und ich waren äußerlich sehr ruhig, doch innerlich sehr angespannt. Das Warten auf Dan und Alex zehrte an unseren Nerven. Die Sorge um meine Eltern ließ mir keine Ruhe, und ich entschied mich, einen mir sehr vertrauten Menschen über meine bevorstehende Flucht einzuweihen. Falls etwas schief ging, sollten meine Eltern von ihm Bescheid erhalten. Es war ein Rumäne; er wohnte im selben Haus, außerdem kannte er meine Eltern sehr gut. Ich bat ihn, nach vier Tagen meine Eltern aufzusuchen und sie über unsere Flucht zu informieren. Er war sehr überrascht und versprach mir, dies zu tun. Er sagte: „Fredy, tu das nicht, hast du vergessen, was im Juni passiert ist?“ Mir war damals nicht bewusst, dass ich ihn unwillkürlich zu meinem Komplizen gemacht hatte. Ich ging wieder auf die Straße, wo Gery neben seinem Auto stand. Meine Freundin, die ihn sehr gut kannte, stand bei ihm und weinte. Als ich mich ihnen näherte, beendete sie das Gespräch und rannte in die Wohnung. Ich fragte, was geschehen sei, warum sie weinte. Gery sagte mir, sie hätte ihn angefleht, mich nicht mitzunehmen, sie hätte Angst, mich zu verlieren. In den drei Wochen der Vorbereitung war ich sehr vorsichtig, um mich nicht durch mein Verhalten zu verraten. Drei Monate zuvor hatte ich mir eine Eigentumswohnung im Nachbarhaus gekauft, die ich renovierte. Selbst als ich mich für die Flucht entschieden hatte, habe ich die Renovierungsarbeiten planmäßig fortgeführt, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Nun sagte der Instinkt dieser Frau, dass sie ihre Liebe verlieren wird, obwohl es keinerlei Anzeichen dafür gab. In jenem Augenblick wusste ich nicht, was ich sagen sollte, ich war sehr verblüfft. Deshalb habe ich so getan, als hätte ich nichts bemerkt. Ihr hilfloser Blick tat mir sehr weh. Ich wusste, ich habe sie belogen und im Stich gelassen. Unabhängig vom Ausgang dieser Aktion wird für sie und für mich ein neues Leben beginnen. Ich wusste auch, das war das Ende einer unglücklichen Beziehung, die schon seit drei Jahren dauerte. Eine Beziehung, getragen von Liebe und Leidenschaft, zer-

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stört durch Untreue und Eifersucht. Das Schicksal hat mir zur Trennung verholfen, zu der ich allein nicht fähig war. Ich habe sie nie wieder gesehen. Bei aller Gefühlsregung mussten wir zur Tagesordnung übergehen und mit den Vorbereitungen fortfahren. Ein Päckchen mit Kleidern hatte ich schon vorbereitet und legte diese in Gerys Wagen. Jenseits der Grenze würde ich außer einer nassen Badehose nichts besitzen. Meinen Personalausweis hatte ich in Folie wasserdicht verpackt, um ihn später bei der Überquerung der Donau vor Nässe zu schützen. Ein paar Mark gab ich Gery zur Aufbewahrung. 21 Uhr: Gery und ich standen immer noch auf der Straße und warteten auf die Ankunft von Dan und Alex. Die Abfahrt zur Grenze war für 23.30 Uhr vorgesehen, weil Kid bis 23 Uhr arbeiten musste. Nach einer belanglosen Unterhaltung kam endlich ein hellgrauer Wagen der Marke Dacia mit Kronstädter Kennzeichen um die Ecke gefahren. Wir wussten, das sind unsere Freunde. Wir haben uns herzlich umarmt, um den Anschein zu erwecken, dass wir uns schon lange kennen. Ich habe Dan als meinen Cousin vorgestellt, und der fragte gleich, wie es Onkel und Tante geht und wann wir sie besuchen werden. Ich sagte, sie warten schon, wir fahren heute noch nach Guttenbrunn. Dann haben wir eine Kleinigkeit gegessen und uns gegenseitig gemustert. Dan erzählte von seinem großen Hobby, dem Schwimmen. Ich sagte, ich sei auch ein recht guter Schwimmer, besonders gern mag ich Nachtschwimmen. Dass ich fit für die anstrengenden folgenden Tage sein werde, musste er bemerkt haben. Meine Freundin und meine Vermieterin, die ebenfalls anwesend waren, unterhielten sich miteinander in ungarischer Sprache. Sie hatten kein Interesse an unserem Gespräch, und das war gut so. Es war von Anfang an klar, dass Dan der Kopf dieser Aktion war. Er strahlte Sicherheit und Selbstbewusstsein aus. Kid und ich waren Trittbrettfahrer auf dem Zug in die Freiheit. Dann die große Überraschung: Gery wollte mich unter vier Augen sprechen und gestand mir, dass Dan noch gar nicht wisse, dass Kid mitkommen wird. Fünf Wochen zuvor war Gery zusammen mit seiner Freundin bei Dan, um den Fluchtplan zu besprechen, wobei sich Gery anbot, ihn von Jugoslawien nach Deutschland zu bringen. Die Bedingung war, er solle mich mitnehmen. Damit war Dan einverstanden. Von Kid hat er ihm nichts gesagt, aus Angst, er würde sich weigern, sie mitzunehmen. Ursprünglich wollte Dan am Tag nach Gerys Besuch in Kronstadt zur Grenze aufbrechen. Gerys Hilfsangebot erleichterte die Probleme jenseits der Grenze erheblich, so dass er seinen Aufbruch auf den 14. August verschob. Diesem glücklichen Zufall habe ich es zu verdanken, dass ich an der Flucht teilnehmen konnte. Wir waren fertig mit dem Packen, Alex und Dan drängten zum Aufbruch. Da war noch die Sache mit Kid zu klären. Wir mussten Dan überzeugen, auch Kid mitzunehmen. Überrascht von der neuen Situation sah er sich hintergangen und war verärgert. Es muss mit dem Tod gerechnet werden, und er wollte die Verantwortung für ein minderjähriges Mädchen

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nicht übernehmen. Er weigerte sich vehement, das Mädchen mitzunehmen. Nach längerem Zureden gelang es Gery unter Androhung, alles platzen zu lassen, Dan dazu zu bewegen, Kid doch mitzunehmen. Dass sie erst seit zwei Wochen mehr schlecht als recht schwimmen konnte, haben wir ihm verschwiegen. Aufgrund der neuen Situation forderte Dan von uns, einige Regeln zu beachten. Gemeinsam, in Abwesenheit von Kid, sie war in der Arbeit, trafen wir folgende Vereinbarungen: Unsere Familiennamen und Adressen werden wir untereinander nicht bekanntgeben, um bei einer eventuellen Festnahme nichts über den anderen aussagen zu können. Wir haben geschworen, bei einem Unfall mindestens 24 Stunden im Gelände zu verharren, ohne Hilfe herbeizurufen, um die Flucht der anderen nicht zu gefährden. Letzter Punkt: Im Wasser ist jeder auf sich selbst angewiesen, droht einer zu ertrinken, wird ihm nicht geholfen. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Das waren harte Übereinkünfte, doch Dan hatte schon Erfahrung mit so einer Situation. Es war sein zweiter Fluchtversuch. Beim ersten, mit seinem Bruder, musste er wegen eines verstauchten Knöchels aufgeben. Sein Bruder schaffte es allein, die Donau zu überqueren und heil nach Deutschland zu gelangen. 22 Uhr: Kid war noch in der Firma. Die letzte Stunde vor dem Aufbruch hatte begonnen. Die Zeit schien stehengeblieben zu sein. Kids Rucksack mit der Schwimmweste hatten wir auch schon umgeladen, ferner einen Kanister mit 20 Liter Benzin. Dann fiel mir ein, dass wir auch zwei Fischkonserven im Gepäck hatten, jedoch keinen Öffner. Ich ging in die Wohnung und wollte mein Taschenmesser aus der Schublade holen. Da fiel mir ein Küchenmesser mit einer 20 Zentimeter langen Klinge auf. Das kann man vielleicht gut gebrauchen, dachte ich und nahm es mit. Gery stand neben mir, als ich es in meinen Rucksack einpacken wollte. Er fragte mich leicht entsetzt: „Was willst du mit dem Messer?“ Ich führte meinen rechten Zeigefinger an meine linke Halsschlagader, machte eine Bewegung nach rechts und sagte, es könnte Leben retten. Er nahm es und warf es in den Garten unseres Nachbarn. „Du bist ja verrückt“, sagte er. Ich sah meinen Irrtum schnell ein und lachte über meine Unüberlegtheit. Die Andeutung mit dem Zeigefinger sollte ein Scherz sein, was auch mein Freund so sah, aber die Situation war viel zu ernst, um darüber zu lachen. Tatsache ist, dass selbst ein harmloses Taschenmesser bei einer Verhaftung als Waffe angesehen wird und die Folgen dadurch nur noch schlimmer wären. In meiner Aufregung habe ich mein Taschenmesser dann doch vergessen, das sollte sich rächen. Um 23.30 Uhr holten wir Kid aus der Firma ab, sie hatte Spätschicht. Wir verabschiedeten uns von Gery und seinen Eltern in der Hoffnung auf ein Wiedersehen in zwei Tagen. Dieses Wiedersehen dauerte dann doch etwas länger. Kid und ich stiegen in den Dacia ein und fuhren am Bahnhof und an meiner Firma vorbei in Richtung Innenstadt. Ich nahm Abschied von meiner Lieblings-

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stadt und zweiten Heimat, in der ich die letzten 16 Jahre gelebte hatte und viele Freunde und Erinnerungen zurückließ. Obwohl ich mich nach diesem Moment lange gesehnt hatte, fühlte ich mich sehr aufgewühlt. Meine Freunde bleiben hier, ich mach mich aus dem Staub wie ein Verräter. Viele schöne Erlebnisse gingen mir durch den Kopf, aber auch die Verhöre im Keller der Securitate. Ich dachte an die Schikanen am Arbeitsplatz wegen meiner Weigerung, Mitglied der kommunistischen Partei zu werden. Ich dachte an meine Freundin, die zu Hause vor dem Fernseher saß und vielleicht hoffte, dass ihre Ahnung eine Täuschung wäre. Im dunklen Wagen konnte keiner meine Tränen sehen. Die holprige Straße deutete darauf hin, dass wir den Stadtrand erreicht hatten. Sie rüttelte mich aus meiner Lethargie und holte mich in die Realität zurück. Unserem Fahrer Alex und Dan war diese Stadt gleichgültig. Sie hatten keine Beziehung zu ihr, ihre Gedanken waren mit Sicherheit ganz wo anders. Ab jetzt lag das Gelingen der Flucht zum Großteil in ihren Händen. Alex hatte die Verantwortung, uns ins Grenzgebiet zu bringen und an einer ausgesuchten Stelle auszusetzen. Dan hatte von Beginn an die Führungsrolle, und zusammen mussten wir allein mit Hilfe eines Kompasses und viel Glück an die Donau gelangen. Wir hatten zwar einen Plan, jedoch konnte keiner wissen, ob dieser auch durchführbar sei. Wir glaubten daran, es kam aber ganz anders. Es war eine sternenklare Nacht, der Vollmond stand einsam am Himmel, kein Wölkchen minderte seine Leuchtkraft. Die Landschaft zog an uns vorbei. Ab und zu sprachen wir belangloses Zeug, um die Monotonie einigermaßen zu unterbrechen. Mittlerweile war Mitternacht vorbei, von Müdigkeit war nichts zu spüren. Zu hoch war die Anspannung. Einsam fuhren wir durch Lugosch (Lugoj), Kids Heimatstadt, in Richtung K Zufall, dass Kids Geburtsort auf unserer Route lag. So konnte auch sie sich in Gedanken von ihrer Stadt und ihrer Familie verabschieden. Was muss wohl im Kopf eines 19jährigen Mädchens vorgehen, das sich auf einer lebensgefährlichen Reise befindet, zu Mitternacht an ihrem Geburtshaus vorbeifährt, in dem die Eltern und der kleine Bruder, nichts ahnend, friedlich schlafen? Ich saß neben ihr auf dem Rücksitz und konnte ihre Aufregung spüren. Bisher sehr ruhig, neigte sie ihren Kopf näher zum Fenster und beobachtete wortlos die vorbeiziehenden Gebäude. Ich streichelte über ihr Haar und sie begriff meine tröstende Geste. Bald schon fuhren wir wieder in die Einsamkeit der Nacht, die mir gespenstisch vorkam. Es mussten wohl zwei bis drei Stunden vergangen sein, als der Fahrer plötzlich abbremste und sich mit Dan aufgeregt unterhielt. Ich bekam lediglich mit, dass wir die Hauptstraße bald verlassen müssten. Sie waren sich nicht mehr sicher, welcher Weg der richtige war. Die Fahrt wurde auf einem unbefestigten Forstweg fortgesetzt. Die Bäume um uns herum wirkten wie tanzende Gespenster im Mondlicht. Ich hatte das Zeitgefühl schon längst verloren, was in dieser Situation auch keine Rolle mehr spielte. Alex und

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Dan stiegen immer wieder aus, um die Umgebung zu erkunden. Mitten im Wald und im Dunkeln sah alles gleich aus. Endlich waren sich beide sicher, die richtige Stelle erreicht zu haben. Auch das war kein Zufall, die beiden hatten diese Stelle bei der Vorbereitung der Flucht ausgesucht. Wir stiegen aus, nahmen unsere Rucksäcke aus dem Kofferraum und betankten den Wagen mit dem mitgebrachten Benzin. Alex, der Fahrer, verabschiedete sich von uns mit einer innigen Umarmung und verschwand im Dunkel der Nacht. Ursprünglich wollte er an dieser Flucht selbst teilnehmen, inzwischen hatte er aber die Ausreisegenehmigung in die USA erhalten. Wäre unsere Flucht misslungen, hätten ihm die Behörden seine Ausreise wegen Fluchthilfe verweigert und er wäre verurteilt worden. Er hatte diese Fahrt für seinen Freund riskiert. Ursprünglich war die Fahrt ins Grenzgebiet mit meinem Wagen geplant, doch zwei Tage vor der Abreise streikte mein „Moskwitsch“; er konnte so schnell nicht repariert werden. Von nun an hieß es, alles oder nichts, ein Zurück war unmöglich. Der Mond stand noch voll am Himmel. Selten habe ich mich so hilflos und ausgeliefert gefühlt wie in dieser Stunde. Ich vertraute der guten Vorbereitung unseres Führers Dan, und obwohl ich nicht sehr fromm bin, bat ich um die Hilfe Gottes. Keiner von uns hat an ein Scheitern gedacht. Unser Optimismus war ungebrochen und nahm uns die Angst. Ich hatte zwar Beruhigungstabletten dabei, die ich mir für die Überquerung der Donau aufbewahrte. Jetzt hieß es, die zuvor auswendig gelernte, vage Wegbeschreibung umzusetzen. In der kommenden, spätestens in der darauf folgenden Nacht war ein Treffen mit Gery am jugoslawischen Ufer vereinbart. Der Treffpunkt war genau gekennzeichnet, so dass wir uns nicht verfehlen konnten. Sollten wir das nicht schaffen, so würde er mit seinen Eltern zurück nach Deutschland fahren, in der Gewissheit, die Flucht sei missglückt. Querfeldein zur Donau Nach kurzer Orientierung verließen wir den Waldweg und gingen querfeldein. Der Kompass und das Fernglas waren nun unsere besten Freunde. Vorerst brauchten wir den Kompass nicht, da wir glaubten, zu wissen, in welche Richtung wir gehen mussten. Die Landschaft war sehr hügelig, jedoch spärlich bewachsen. Weite Wiesenflächen boten gute Fernsicht, Fichtenwälder und Baumgruppen gute Deckung. Dorniges Gestrüpp und Sträucher behinderten das zügige Vorankommen. Steile Hänge zwangen uns oft zu großen Umwegen, wodurch viel Zeit verloren ging. Wir waren kaum drei Stunden unterwegs, als ich meine beiden Begleiter durch das dichte Gestrüpp nicht mehr sehen konnte. Ich hielt an und war ganz still, um sie zu orten, jedoch vergeblich. Wir hatten ausgemacht, uns nur im Flüsterton zu verständigen, was mich daran hinderte, den Kontakt durch lautes Zurufen wieder herzustellen. Die Angst packte mich

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dann aber sehr schnell, ich musste den Anschluss schnell wieder finden. Durch immer lauteres Zurufen haben wir nach kurzer Zeit wieder zueinander gefunden. Obwohl meine beiden Freunde nicht einmal zehn Meter von mir entfernt waren, konnte ich sie weder sehen noch hören. Dies war uns eine Lehre für den weiteren Weg. Wir beschlossen, von nun an Sichtkontakt zu halten. Sollten wir uns dennoch trennen, dann kehren wir an den Ort zurück, wo wir zum letzten Mal beisammen waren. Es war schon 11 Uhr, und unser großer Anhaltspunkt, ein Fernsehturm, war noch immer nicht in Sicht. Die Zeit verstrich sehr schnell, und wir kamen zu dem Schluss, dass wir an der falschen Stelle ausgesetzt worden waren. Unser mühevoll auswendig gelernter Plan war ab sofort Makulatur. Wir beschlossen, mit Hilfe des Kompasses an die Donau zu gelangen. Die Donau ist die Südgrenze des Landes, also war es nicht schwer, die Richtung zu halten. In der Mittagshitze kamen wir zügig voran. Wir peilten ein Ziel an und versuchten, dieses auf dem kürzesten Weg zu erreichen. Das waren Hügel, Berge, aber auch Bäume und Sträucher. Größere Freiflächen passierten wir kriechend durchs hohe Gras, um nicht gesehen zu werden. Dan und ich gingen abwechselnd auf Erkundungstour und beobachteten intensiv mit dem Fernglas die Gegend. Die beiden anderen warteten in Deckung auf die Rückkehr oder auf ein Zeichen, zu folgen. Manchmal stiegen wir auf Bäume, um einen besseren Überblick zu haben. Am Fuße eines Berges mussten wir eine große Wiese überqueren. Wir beobachteten das zu passierende Gelände, und vor allem die Umgebung. Diesmal waren wir nicht allein. Am Berghang sahen wir zwei Männer, die nach unserer Einschätzung mähten. Selbst mit unserem Fernglas konnten wir nicht eindeutig erkennen, ob es Soldaten oder Bauern waren. Die zu überquerende Wiese war sehr breit, und die Sicht vom Bergrücken auf unsere Strecke sehr gut. Das Risiko, entdeckt zu werden, schätzten wir als gering ein, da die beiden mit ihrer Arbeit ausreichend beschäftigt waren und wenig Interesse an ihrer Umgebung zeigten. Ungefähr in der Wiesenmitte stand ein Weidenbaum, umgeben von hohen Sträuchern. Diese Deckung benutzten wir als Zwischenstation. Dan nahm das Fernglas und robbte zur Weide. Aus diesem guten Versteck behielt er die Männer im Auge und gab dem nächsten das Startzeichen. Bei vermuteter Gefahr gab er abermals ein Zeichen, und wir hielten in der Bewegung inne. Erst als erneut ein Zeichen von ihm kam, setzten wir den Weg fort. Endlich war es geschafft, wir waren in Deckung. Dasselbe Spiel wiederholte sich im nächsten Abschnitt, bis wird den Waldrand erreicht hatten. In der Mittagspause merkten wir, dass unsere Vorräte recht spärlich waren, die Blechkonserven konnten wir nicht öffnen, da keiner von uns ein Messer dabei hatte. Also mussten wir sie wegwerfen. Wir hatten auch nur eine Flasche Wasser mitgenommen, die bei der großen Hitze schnell verbraucht war. Mein Glas Pfirsichkompott sollte uns noch große Dienste leisten. Die Hartwurst stillte zwar den Hunger, förderte aber um-

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so mehr den Durst. Die Pausen, die wir einlegten, waren sehr kurz, weil die Zeit drängte. Wir marschierten recht zügig durch den Wald, da tauchte überraschend ein Schäferhund auf. Wo ein Hund ist, ist auch sein Herr. Wir wussten, dass wir in großer Gefahr waren. Der Hund kam uns entgegen und bellte ununterbrochen. Gutes Zureden half nichts, ich nahm einen dicken Ast und schleuderte ihn gegen das Tier. Treffen wollte ich ihn nicht, da er sonst aufheulen würde. Zu unserer Überraschung lief der Hund weg. Dan folgte ihm und stellte fest, dass sich eine kleine Schafherde auf der Wiese neben dem Wald auf uns zu bewegte. Nun mussten wir umkehren und einen großen Bogen um die Herde schlagen. Das bedeutete erneut Zeitverlust. Hinter dem Bergrücken ging es steil abwärts, wir hatten Mühe, uns auf den Beinen zu halten. Teilweise rutschten wir auf dem Hintern und hielten uns an Wurzeln und Pflanzen fest. Am Ende des Hanges gelangten wir auf eine breite befestigte Straße, die wir überqueren mussten. Die Straße war aus dem Berg gehauen, wir konnten sie an dieser Stelle nicht verlassen. Wir waren völlig schutzlos, hinter jeder Kurve konnte ein Fahrzeug auftauchen. Diesmal hatte ich zum ersten Mal Angst. Nach unendlich langen Minuten fanden wir eine passende Stelle, an der wir die Straße verlassen konnten. Mit vereinten Kräften gelang es uns, den Hang zu erklimmen und im Schutz der Bäume zu verschwinden. Der Gang in diesem unebenen Gelände verursachte Schmerzen in den Fußgelenken. Wenn wir einmal ein ebenes Teilstück passierten, war das eine Wohltat für die Füße. Immer öfter mussten wir kurze Pausen einlegen, da unsere Kräfte zusehends schwanden. Kaum saßen wir einige Minuten, um uns zu erholen, schon trieb uns eine innere Stimme zum Weitergehen an. Der Wald war sehr licht, was die Orientierung erleichterte, die Deckung hingegen war umso schlechter. Die Straße in Sichtweite, marschierten wir am Hang entlang südwärts. Auf einmal vernahmen wir Stimmen. Kaum 50 Meter von uns entfernt tauchten wie aus dem Nichts zwei Grenzsoldaten auf. Jeder hatte eine Versorgungskanne auf dem Rücken, ich kannte diese aus meiner Militärzeit. Wie erstarrt blieben wir ohne Deckung stehen und wagten kaum zu atmen. Die beiden Soldaten gingen langsam an uns vorbei und plauderten miteinander. Wir sahen wegen des Steilhanges nur ihre Oberkörper. Eine kurze Drehung ihres Kopfes hätte genügt, um uns zu entdecken. In diesem Augenblick haben wir die Ewigkeit erlebt. Wir beschlossen, tiefer in den Wald zu gehen, um besseren Schutz zu haben. Geplagt vom Durst, öffnete ich in einer Pause unser Pfirsichkompott. Das Glas war schneller leer als offen. Ich hob es auf, es sollte uns noch gute Dienste leisten. Nun blieb uns nur noch die würzige Hartwurst als Proviant. Es war früher Nachmittag. Wir peilten den nächsten Berg an, in der Hoffnung, dahinter liege die Donau. Unser Tempo wurde immer langsamer, doch keiner hat geklagt. Wir schwitzten und hechelten, aber der Wille verlieh uns eine un-

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heimliche Ausdauer. Man bedenke, dass wir seit mehr als 30 Stunden nicht mehr geschlafen hatten. Wir erreichten das anvisierte Ziel, diesen verdammten Berg, doch die Enttäuschung war groß, als eine weitere Bergkette in gehöriger Entfernung zu sehen war. Enttäuscht setzten wir uns erst einmal auf den Boden. Wieder hieß es, anpeilen, Wegstrecke erkunden, Gelände überprüfen und immer wieder auf Mensch und Hund achten. Die Abweichungen von unserer Südrichtung mussten wir wegen der vielen Hindernisse und Geländestrukturen immer wieder ausgleichen. Die zurückgelegte Strecke wurde dadurch erheblich länger. Am Fuße des Berges angelangt, machten wir noch einmal Rast. Der Durst wurde immer schlimmer und verdrängte den Hunger. Holzfäller schöpfen Verdacht Es ging wieder bergauf, und seltener bergab. Wir überquerten wieder eine Straße, und wieder ging es steil nach oben. Unsere Kräfte waren derart geschwunden, dass wir beim Aufstieg nach ein paar Metern immer wieder kleine Pausen einlegen mussten. Wir hielten uns an Wurzeln und an Ästen fest, um vorwärts zu kommen. Wir wollten den Bergrücken schnell erreichen, in der Hoffnung, endlich die Donau zu sehen. Zumindest hofften wir auf eine flache Wegstrecke, damit sich unsere geschundenen Füße erholen konnten. Als wir endlich oben ankamen, erlebten wir den größten Schock auf unserer Flucht. Acht Holzfäller saßen in geselliger Runde und machten Brotzeit. Wir hatten sie nicht bemerkt und auch nicht gehört. Nun standen wir vor ihnen, wie gelähmt. Mit dieser Situation hatten wir zwar gerechnet, aber gehofft, dass sie nicht eintreten werde. Genau so überrascht waren auch die Arbeiter. Sie erschraken bei unserem Auftauchen, einer sagte: „Das sind Flüchtlinge“. Dan flüsterte mir und Kid zu: „Keine Angst, ich habe alles im Griff“. Wir gingen auf die Männer zu, grüßten freundlich, und Dan sagte: „Wir wollen nach Pescari, (der einzige Ort in dieser Gegend) meinen Freund Ion Moculescu besuchen“. Überrascht von dem, was er sagte, standen Kid und ich sprachlos da. Einer der Arbeiter fragte seinen Kollegen: „Ist das nicht der Bürgermeister von Pescari?“ Mich überraschte Dans Story, ich konnte aber nichts damit anfangen. Allmählich begriff ich, dass sie ein Teil seines Planes war; er hatte sich das für solch eine Begegnung ausgedacht. Er erzählte vom Sohn des Bürgermeisters, mit dem er befreundet wäre und der ihn eingeladen hätte. Er kannte Namen und Details aus dessen Familie, was bei den Männern eine positive Wirkung hinterließ. Das anfängliche Misstrauen uns gegenüber ließ anscheinend bei einigen etwas nach. Sie waren von den Kenntnissen über ihren Bürgermeister so überrascht, dass sie zu zweifeln begannen. „Wie seid ihr hierher gekommen?“ fragte einer. Dan antwortete mit sicherer Stimme: „Wir sind per Anhalter mit einem Lkw bis in die Nähe gekommen, der Fahrer hat uns empfohlen, über diesen Berg zu gehen,

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in zwei Stunden würden wir im Dorf sein“. Nun entstand eine Diskussion zwischen den Arbeitern, und alle empörten sich über die Frechheit des Fahrers, uns so zu veräppeln. Sie gaben uns Empfehlungen und Hinweise, alle redeten durcheinander, so dass man kein Wort verstehen konnte. Endlich ergriff ihr Chef das Wort, stand auf und kam auf Dan zu: „So, jetzt sage ich euch, wohin ihr gehen müsst Am sichersten ist es, wenn ihr auf dieser Straße bis AltMoldowa (Moldova Veche) geht und um 18 Uhr den Bus nach Pescari nehmt. Zu Fuß durch den Wald werdet ihr das Dorf nicht finden“. Nicht weit entfernt von unserem Standort war eine Straße zu sehen, von der der freundliche Mann sprach. Wir bedankten uns herzlich für die Hinweise und verabschiedeten uns höflich. Wegen meines deutschen Akzentes habe ich mich an den Gesprächen kaum beteiligt, um nicht noch mehr Misstrauen zu erwecken. Wir entfernten uns entsprechend den Empfehlungen und trachteten, schnell aus dem Blickfeld dieser Leute zu verschwinden. Wir waren schon einige Schritte entfernt, als ich einen sagen hörte: „Glaubt mir, das sind doch Flüchtlinge“. Diese Begegnung brachte uns eine wichtige Information. Nach den Darstellungen der Arbeiter kannte Dan unseren genauen Standort. Es war verblüffend, wie genau er sich die Landkarte eingeprägt hatte.

Nachdem wir außer Sichtweite waren, änderten wir die Richtung und suchten Deckung im Wald. Das war jedes Mal ein Problem, weil Büsche oder Sträucher selten waren. Endlich ist es uns gelungen, eine Stelle zu finden, um im Schutz des Waldes zu verschwinden. Beeindruckt von dem Wissen über den Bürgermeister, fragte ich, wie er zu diesen Informationen kam. „Das ist eine lange Geschichte, bei passender Gelegenheit werde ich sie euch erzählen.“ Nachdem wir uns wieder in Sicherheit fühlten, beschlossen wir, an einer Wasserstelle zu rasten. Der Durst plagte uns, und die Beine brannten. Es dauerte aber nicht lange, und wir fanden im Wald ein Rinnsal, kaum einen halben Meter breit und nur etwa eine Handbreit tief. Das Wasser war frisch und floss recht schnell. Ich legte mich auf den Bauch, um zu trinken, doch der Durst verwandelte sich in Ekel, als ich sah, welche Tiere sich darin wohlfühlten. Asseln, Würmer und verschiedene Larven hatten hier ihren Lebensraum. Trotzdem war der Durst stärker als der Ekel, und vorsichtig schlürfte ich einen Schluck nach dem anderen, in der Hoffnung, keines dieser niedlichen Tiere aufzusaugen. Da kam mir plötzlich eine Idee. Ich entfernte an einer geeigneten Stelle die vermoderten Blätter und Holzreste aus dem Bett und grub mit den Händen eine kleine Mulde. Nach ein paar Minuten war die trübe Brühe weg, und das Wasser wurde kristallklar. Nun konnten wir das kühle Nass genießen, ohne Furcht, uns an Larven zu verschlucken.

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Wir nutzten die Gelegenheit, unsere strapazierten Füße zu kühlen und eine längere Pause einzulegen. Die Lage musste neu eingeschätzt werden. Unser Ziel, die Donau, noch am selben Tag zu erreichen, wurde immer unwahrscheinlicher. Bei seiner Fluchtvorbereitung hatte Dan die Gegend anhand von Landkarten und auf Donauschifffahrten genau erkundet. Auch mit dem Wagen war er mehrmals im Grenzgebiet und suchte nach Möglichkeiten, in die Sicherheitszone hineinzugelangen. Aus dem Gespräch mit den Forstarbeitern konnte er unseren Standort nun sehr genau einschätzen. Die Donau musste etwa sechs Kilometer Luftlinie entfernt sein. Das hieß für uns, noch mindestens die dreifache Strecke zu gehen, was in unserem Zustand nicht möglich war. Nach kurzer Beratung beschlossen wir, die Überquerung der Donau auf den nächsten Tag zu verschieben. Diese Entscheidung hat uns vielleicht das Leben gerettet. Ab jetzt konnten wir das Tempo drosseln und längere Pausen einlegen. Ohne Zeitdruck war die psychische Belastung nicht mehr so groß. Die Nacht durften wir nicht in unmittelbarer Nähe der Grenze verbringen, das Hinterland war gerade richtig dafür. Jetzt war die Gelegenheit für Dan, uns die Geschichte vom Bürgermeister von Pescari zu erzählen. Abermals konnten wir nur staunen, mit welcher Akribie er seine Flucht schon vor zwei Jahren vorbereitet hatte. Bei seinen Erkundungen über die Möglichkeiten, unbemerkt von den Grenzsoldaten an die Donau zu gelangen, hatte er festgestellt, dass dies nur durch das Hinterland, über die Berge, möglich war. Dort gab es keine Sicherheitszäune oder ähnliche Befestigungen. Die Grenzer gingen davon aus, dass kaum einer es wagte, durch dieses unwirtliche und schwierige Gelände viele Kilometer zu marschieren, um dann die kräfteraubende Donauüberquerung zu beginnen. Die Mehrheit der Flüchtlinge sucht den kürzesten, womöglich den schnellsten Weg zur Grenze. An allen Grenzen waren die Zufahrtsstraßen und Wege schon 20 Kilometer davor durch Schlagbäume und Militärposten gesichert. Bewohner der Ortschaften innerhalb der Grenzzone durften die Schlagbäume nur nach Vorzeigen des Ausweises passieren, soweit sie dem Grenzposten nicht persönlich bekannt waren. Was macht man als Flüchtling, wenn man von Bewohnern im Grenzgebiet gesehen wird? Und wie in unserem Fall auch noch misstrauisch befragt wird? Man braucht eine glaubwürdige Geschichte. Das Misstrauen kann man nur entschärfen, wenn man sich glaubhaft als Verwandter oder Freund eines Ansässigen verkaufen kann. Den größten Bekanntheitsgrad hat der Bürgermeister, dieser sollte als Trojanisches Pferd herhalten. Auf seiner Erkundungstour fuhr Dan in die Dorfkneipe von Pescari. Er gesellte sich zu den Gästen, alle Ortsan-

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sässige, und gab einen aus. Durch geschicktes Fragen erfuhr er alles über den Bürgermeister, ohne einen Verdacht zu erwecken. Besonders wertvoll waren die Informationen über dessen Sohn Ion, den er den Waldarbeitern gegenüber als seinen Freund bezeichnete. Mit diesen Daten bastelte er eine glaubhafte Geschichte zurecht, die uns mindestens für kurze Zeit als unverdächtig erscheinen ließ. Ich bin mir heute fast sicher, dass unsere Darstellung von den Waldarbeitern später als Lüge erkannt wurde und dass sie uns dem Grenzschutz verraten hatten. Die Bevölkerung in der Grenzzone wurde zur Denunziation potenzieller Flüchtlinge durch Androhung von Strafen gezwungen. In jener Nacht fand eine große Suchaktion an der Donau statt, genau in dem Grenzabschnitt, in dem wir übersetzen wollten. Unser Freund Gery beobachtete das ganze Geschehen vom jugoslawischen Ufer aus, wie er uns später erzählen sollte. Mein Glaube an das Gelingen war durch diese Darstellung noch mehr gewachsen. Es ist unvorstellbar, wie viel Zeit und Energie dieser Mann in die Vorbereitung der Flucht investiert hatte. Insgesamt waren es drei Jahre. Das musste Früchte tragen. Die Ruhe, die er ausstrahlte, übertrug sich auch auf uns, das war auch vonnöten. Kid war erst 19 Jahre alt, hatte sich komplett untergeordnet und mit viel Ruhe und ohne zu jammern oder sich zu beklagen, sämtliche Schwierigkeiten ertragen. Bevor wir erneut aufbrachen, füllte ich das leere Kompottglas mit Wasser. Es war sehr unbequem, das volle Glas ohne Deckel in einer Hand zu tragen und aufzupassen, dass es nicht kippt oder aus der Hand gleitet. Die leere Wasserflasche hatten wir leider zurückgelassen. Die Abendsonne wurde schwächer, die Temperaturen wurden immer angenehmer. Der Zeitdruck war weg, und die Anspannung löste sich allmählich. Ich genoss zum ersten Mal die Schönheit der Natur, für die ich bisher kein Auge hatte. Wir beobachteten, wie mehrere Bauern ihre Heuwagen beluden und nach Hause fuhren. Das waren die Zeichen des Feierabends. Wir setzten unseren Weg mit gedrosseltem Tempo, fast im Spaziergang fort. Unserem Kompass folgend, kamen wir zügig voran. Die untergehende Sonne glühte wie ein riesiger Feuerball im Westen. Ich sagte: „Seht das Feuer am Himmel, das ist unser Ziel“. In meiner guten Laune hatte ich nicht an das Feuer aus einer Maschinenpistole gedacht, das genau so wahrscheinlich war wie das Erreichen der ersehnten Freiheit. In der kühlen Dämmerung fiel uns das Gehen leichter als in der Hitze des Tages. Das Gelände war nicht mehr so schwierig, wir durchschritten eine Hochebene mit wenigen Steigungen. Die Erkenntnis, dass die Bauern nun zu Hause waren, nutzten wir, um noch eine beachtliche Strecke zurückzulegen. Unsere Konzentration ließ nach, aber auch die Gefahr, gesehen zu werden, verringerte sich. Obwohl es noch relativ hell war, konnten wir den Kompass immer schlechter lesen. Schließlich wurde die Anstrengung so groß, dass wir uns entschlossen, eine geeignete Stelle zum Übernachten zu suchen. Auf einer Anhöhe,

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inmitten dichten Buschwerks, fanden wir eine kleine freie ebene Fläche. Der Platz reichte aus, um eine bequeme Schlafposition einzunehmen. Es war nicht einfach, eine gut geschützte Stelle zu finden. Es war schon 22 Uhr, bis wir endlich zur Ruhe kamen. Wir ließen den Tag noch einmal Revue passieren. Der Mond erhellte das Gelände, und ich hatte den Eindruck, dass der Tag der Nacht nicht weichen wollte. Unsere Rucksäcke als Kopfunterlage nutzend, legten wir uns eng aneinander, um uns gegenseitig zu wärmen. Das Mädchen nahmen wir in die Mitte, was ihr mehr Sicherheit verlieh. Alles war so selbstverständlich, wir handelten fast instinktiv, und es bedurfte nur weniger Worte bei unseren Entscheidungen. Wir unterhielten uns nicht mehr lange, wir waren müde. Mit unseren Jacken deckten wir uns zu, so dass wir wie ein einziges Knäuel dalagen. Die Luft wurde immer feuchter und merklich kühler. Der Vollmond erhellte die Umgebung, und wieder sah man, wie schon in der Nacht zuvor, gespenstische Schatten. Dazu heulte der Kauz, und man spürte, dass die Zeit der Nachttiere anbrach. Es mag romantisch gewesen sein, aber genossen habe ich das nicht. Ich hätte lieber in Sicherheit, in einem bequemen Bett geschlafen. In dieser Gegend gibt es Skorpione und giftige Schlangen, Vipern, von deren Existenz ich wusste. Darüber habe ich mich aber nicht geäußert. Mit diesem unguten Gefühl versank ich schneller, als ich es mir vorgestellt hatte, in einen kurzen, aber tiefen Schlaf. Es war gegen 5 Uhr, als ich erwachte und mich aus der Enge befreite. Dan und Kid erwachten ebenfalls, und nun machten sich die Anstrengungen des Vortages als Muskelkater bemerkbar. Nach einigen Lockerungsübungen ging es uns besser, Jammern war tabu. Dan ging auf Erkundungstour, während Kid und ich in unserem Versteck warteten. Es dauerte sehr lange, bis er zurückkam, ich wurde schon unruhig. Er brachte gute Nachrichten, im angrenzenden Wald war ein Bach, die Stelle war sehr gut geschützt. Kein Weg, keine Straße weit und breit, ideal für die Morgentoilette. Wir waren mitten im Niemandsland. Der Bach war kaum einen Meter breit, das Wasser sauber und frisch. Ich säuberte einen Teil des Bachbettes von Verunreinigungen und Kleingetier, wie ich es bereits gelernt hatte, und bat zum Waschbecken. Es war noch sehr früh, und wir hatten Zeit, unsere müden Füße zu pflegen und zu kurieren. Obwohl wir am Vortag sehr wenig gegessen hatten, verspürten wir keinen Hunger. Vor allem der Gedanke an die einzige Hartwurst, die wir noch hatten, ließ uns den Appetit vergehen. Der Durst danach wurde jedes Mal zur Qual. Wir beschlossen trotzdem, reichlich davon zu frühstücken und viel zu trinken. Die Salami machte die Runde von Mund zu Mund, ein Messer zum Zerteilen hatten wir nicht. Wir gingen im Schutz des Waldes weiter, und nach etwa zwei Stunden stießen wir wieder auf einen Bach. In der länger als geplanten Pause beschlossen wir, uns von unserem überflüssigen Gepäck zu trennen. Auf zwei Rucksäcke und auf unsere Jacken konnten wir verzichten. Jetzt brauchten wir eine geeignete Stelle, um

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unser Gepäck zu vergraben. Das erwies sich als komplizierter als gedacht. Der Boden war steinhart und die Humusschicht sehr dünn. Außerdem hatten wir kein Werkzeug zum Graben. Wir suchten Äste oder Steine, aber wir fanden nichts Brauchbares. Es dauerte fast eine Stunde, bis wir unsere Sachen verstecken konnten. Den Großteil haben wir mit Ästen und Laub zugedeckt. Mit ein paar Steinen beschwerten wir den Haufen, so dass er fast wie ein Grabhügel aussah. Zwischendurch tranken wir immer wieder von dem frischen Wasser, in der Hoffnung, Durst vorbeugen zu können. Die Zeit verging sehr schnell, und der Drang, loszumarschieren, wuchs. Dan hatte es gar nicht eilig und dämpfte meine Ungeduld. Wir sollten nicht zu früh die Donau erreichen, denn die Überquerung konnte sowieso erst um Mitternacht stattfinden. Meine Ungeduld war schon so groß, dass Dan den Start endlich freigab. Nachdem ich das Kompottglas mit Wasser gefüllt hatte, marschierten wir los. Bald mussten wir den Wald verlassen und durch meterhohes Gras eine Lichtung durchqueren. Die Senke lag im Morgennebel. Das Gras dampfte, und nach ein paar Schritten waren wir bis zu den Hüften vom Tau durchnässt. Es war sehr unangenehm und kalt in dieser Senke. Doch allmählich entfaltete die Sonne ihre Kraft und trocknete unsere Kleider überraschend schnell. Vor uns erstreckte sich wieder ein Bergrücken von Osten nach Westen, und wieder lautete die Frage: „Ist dahinter die Donau?“ Unser Schritt wurde immer schneller, wir wollten Gewissheit haben. Da weit und breit keine Menschen zu sehen waren und eine gewisse Routine einsetzte, ließ die Konzentration merklich nach. Und immer wieder war es Dan, der uns daran erinnerte, dass wir uns nicht auf einem Ausflug befanden. Wir sprachen kaum miteinander, was sehr langweilig war. So gingen mir skurrile Gedanken durch den Kopf, unter anderem das beliebte Spiel Räuber und Gendarmen aus meiner Kindheit. Einer jagt den anderen, und der Gute wird gewinnen. Jetzt war es genau so spannend, aber kein Spiel mehr, und der Gewinner stand nicht fest. Es war schon 10 Uhr, und wir waren noch keinem Menschen begegnet. Endlich sind wir auf der anvisierten Bergkuppe angekommen. Die Sicht nach Süden war uns durch hohes, dichtes Gestrüpp versperrt. Wir mussten wieder auf einen Baum klettern, um freie Sicht zu haben. Kleiner und sportlicher als ich, erledigte meistens Dan diese Arbeit. Ich diente als Steigleiter. An seiner Mimik konnte ich erkennen, dass er keine guten Nachrichten hatte. Er sagte: „Etwa ein Kilometer von hier ist ein Berg, dahinter muss die Donau sein“. Ich konnte diesen Satz nicht mehr hören und begann zu zweifeln, ob wir uns nicht verirrt hätten. Aufgeregt nahm ich den Kompass, schüttelte ihn und drehte mich im Kreis. Ich zweifelte schon an dessen Funktion, aber die Nadel zeigte immer in eine Richtung. Die Sonne schien uns ins Gesicht, es gab keinen Zweifel, wir waren auf dem richtigen Weg südwärts. Wir machten wieder eine Pause, um nicht zu schnell an die Donau zu kommen. Wir standen umher, betrachteten die Umge-

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bung, und ich merkte, dass etwas anders war als bisher. Ich konnte es mir nicht erklären, deshalb habe ich auch nichts gesagt. Plötzlich sagte Dan: „Riecht ihr das Wasser“? Jetzt wusste ich, was anders war, die erhöhte Luftfeuchtigkeit war deutlich zu spüren. Auch der Geruch war merkwürdigerweise anders als bisher. Die Donau musste ganz nahe sein. Erleichtert und voller Zuversicht brachen wir auf. Eine leichte Brise ließ das Laub der Bäume rascheln. Die Geräusche der Natur sind in dieser Einsamkeit besonders gut wahrnehmbar, selbst unsere spärliche Unterhaltung im Flüsterton erschien in dieser Einsamkeit störend. Die ungewohnte Stille wurde plötzlich durch einen langgezogenen tiefen Ton unterbrochen. Er war sehr leise, aber alle hatten ihn gehört. Wir wussten, es war das Signalhorn eines Schiffes. Nun hatten wir Gewissheit, wir waren unserem Ziel sehr nahe. Unsere Euphorie spornte uns an, das Tempo zu erhöhen. Das Gelände war nicht mehr so steil, und so kamen wir zügig vorwärts. Allein die Hitze machte uns zu schaffen, aber daran hatten wir uns mittlerweile gewöhnt. Wir spitzten die Ohren in Erwartung eines weiteren Signals. Es hatte zwar keine Bedeutung, aber es klang wie Musik in unseren Ohren. Um 11 Uhr erreichten wir den Bergrücken. Durch das dichte Gestrüpp konnte man nichts erkennen. Wir trafen auf einen Trampelpfad, an den Spuren konnte man sehen, dass dieser Weg nur selten benutzt wurde. Wir nahmen an, dass es hier oben keine Grenzpatrouillen gab, trotzdem war äußerste Vorsicht geboten. Wir achteten auf eventuelle Signaldrähte, die bei Berührung die Grenzer alarmiert hätten. Der kurvenreiche Weg versperrte die Sicht in alle Richtungen, und da wir nicht wussten, wo wir uns befanden, gingen wir einfach gegen Westen. Dan ging allein voraus und erkundete die Umgebung, im Gewirr der Pflanzen verloren wir uns schnell aus den Augen. Nach einem verabredeten Pfeifsignal kamen Kid und ich nach. Unsere Vorsicht war nicht übertrieben, wie sich später herausstellte. Der Bergrücken wurde breiter, so dass sich größere ebene Flächen nordwärts erstreckten. Immer wieder, es war schon langweilig, spähten wir mit unserem Fernglas in alle Richtungen. Ich hatte eben diese Aufgabe übernommen und blickte in unsere Marschrichtung, nach Westen. Um nicht zu zittern, legte ich mich auf den Boden, stützte mich auf die Ellenbogen und hielt das Fernglas fest umklammert. Gründlich durchsuchte ich das Gelände scheibchenweise und achtete vorwiegend auf alles, was sich bewegte. Ich wollte gerade aufstehen, da hatte ich etwas wahrgenommen. Ich winkte Dan heran und gab ihm das Fernglas. Tatsächlich, ein Mann kam uns entgegen. Wir dachten zuerst, es sei ein bewaffneter Soldat. Bei näherem Betrachten stellten wir fest, dass es ein Jäger in Begleitung seines Hundes war. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war wegen des Hundes besonders groß. Wir mussten uns schnell ins Hinterland zurückziehen. Der Hund durfte unsere Witterung nicht aufnehmen. Wir rannten wieder eine beachtliche Strecke zurück und warteten sehr lange, bis wir uns wieder

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vorwagten. Die Donau hatten wir noch immer nicht gesehen, wir wussten aber, dass wir ihr sehr nahe waren. Die Frage, wie breit sie sein mag, war nun unsere nächste Sorge. Wir erreichten eine Stelle, an der unser Pfad nach Süden abknickte. Die Deckung an diesem Abschnitt war sehr schlecht, trotzdem gingen wir vorsichtig weiter. Das Gras war kurz und von der Hitze der Sonne vertrocknet. Vorsichtig beobachteten wir die Umgebung und konnten keine Auffälligkeiten feststellen. Es war um die Mittagszeit, die Sonne brannte unbarmherzig, als wir um die Kurve bogen. Ein virtueller Vorhang tat sich auf, und zu unseren Füßen lag gemächlich und still fließend die Donau. Erstarrt blickten wir auf das Wasser und die Umgebung. Ein Gefühl der Freude einerseits und des Schreckens andererseits überkamen mich und Kid. Die Freude, das Ziel endlich erreicht zu haben, wurde durch die unendliche Breite des Flusses gewaltig gedämpft. Ich war ein guter Schwimmer, aber ich zweifelte, ob ich diese Strecke ohne Hilfsmittel schaffen würde, diese hatte ich aber nicht. Ich wusste, dass es kein Zurück gab, und egal, was passieren mag, ich musste es riskieren. Kid, die erst vor vier Wochen schwimmen gelernt hatte, war ebenso sprachlos. Dan erkannte unsere Ratlosigkeit und unseren Schrecken. Er war ein ausgezeichneter Menschenkenner und ließ uns nicht lange leiden. Er sagte: „Keine Angst, da müssen wir nicht rüber“. Bei seinen Vorbereitungen vor zwei Jahren hatte er als Tourist die Donau befahren und kannte deren Verlauf sowie die Beschaffenheit des Ufers. Er erkannte unsere Position und erklärte uns, dass wir etwa drei bis fünf Kilometer zu weit westlich angekommen seien. Das ist leicht zu schaffen, die Zeit ist kein Druckfaktor mehr. Weiter flussabwärts wird die Donau wesentlich schmäler, dort müssen wir sie überqueren. Der erste Schock war überwunden. Dans akribische Vorbereitung kannten wir mittlerweile, und so gab es keinen Grund, an seinen Aussagen zu zweifeln. Er schilderte uns den Verlauf des Ufers auf den nächsten fünf Kilometern, und wir staunten nicht schlecht, welche Kleinigkeiten er sich eingeprägt hatte und wiedergeben konnte. Nach einer Pause gingen wir, langsam dem Lauf des Stromes folgend, gegen Osten. Wir hatten die Donau nur selten im Blickfeld, da unser Weg hinter Sträuchern und Felsgruppen verlief. Von Zeit zu Zeit stießen wir auf eine Lichtung, die den Blick aufs Wasser freigab. Es war herrlich anzusehen, wie das Flussbett, genau so wie Dan es beschrieben hatte, merklich schmäler wurde. Es war ein reger Schiffsverkehr, wobei sich das tiefe Motorengeräusch relativ leise anhörte. Von der Uferstraße konnten wir nur selten kleinere Abschnitte einsehen. Das erste Ziel, heil an die Donau zu gelangen, hatten wir erreicht. An diesem unwirtlichen Bergrücken konnten wir außer diesem Trampelpfad keine Spuren menschlicher Einwirkung feststellen. Auf dem letzten Teilstück sahen wir auch keine Bauern oder Hirten. Wir folgerten daraus, dass es in der Nähe keine menschliche Siedlung gab. Die innere Anspannung löste sich wieder. Das

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hatte zur Folge, dass der Hunger und Durst zurückkamen oder dass wir sie wieder fühlten. Wir hatten noch ein Stück Hartwurst, die keiner mochte. Inmitten einer Sträuchergruppe stand ein Apfelbaum, und wir freuten uns sehr darüber. Endlich etwas zu essen. Die Früchte waren klein und hart, der erste Bissen reichte, um die Ungenießbarkeit festzustellen. Es waren unreife Wildäpfel. Enttäuscht gingen wir weiter und hielten Ausschau nach Beeren oder genießbaren Äpfeln. Tatsächlich fanden wir einen Baum mit schlecht schmeckenden Früchten, doch die Angst vor eventuellen Magenbeschwerden ließ uns nur wenig davon verzehren. Gegen 16 Uhr erblickten wir am jenseitigen Ufer unseren mit Gerys vereinbarten Treffpunkt: Die weiß-rote Signalstange mit aufgesetzter roter Lampe konnten wir mit freiem Auge erkennen. Gery hatte uns gesagt, dass die rote Lampe nachts pulsierend leuchtet. Jetzt mussten wir uns nur noch eine geeignete Stelle zum Überqueren suchen. Das Ufer auf jugoslawischer Seite ist unregelmäßig, flach, mit üppigem, aber niedrigem Pflanzenwuchs. Das rumänische Ufer ist begradigt und gut befestigt, eine asphaltierte Straße führt am Ufer entlang. Wir fanden eine Stelle, die alle Voraussetzungen zur Überquerung erfüllte. An dieser Stelle war das Ufer ausgebuchtet. Dieser Teil der Straße war aus beiden Richtungen nicht einsehbar. Wir konnten aber das Licht der sich nähernden Autos schon erkennen, bevor sie um die Kurve bogen. Dadurch hatten wir genügend Zeit, um in Deckung zu gehen. Der Berghang war nicht sehr steil und an diesem Abschnitt fast bis zum Straßenrand mit Mais bepflanzt. Im Schutze der Maispflanzen konnten wir aus nächster Nähe die Straße beobachten. Durch den Verlauf des Flusses konnten wir die Strömung zu unseren Gunsten nutzen. Am anderen Ufer, etwa 200 Meter flussabwärts, ragte eine beachtliche Landzunge, ähnlich einer Halbinsel, weit in das Flussbett hinein. Wenn wir es schaffen sollten, diese zu erreichen, würden wir uns eine lange Schwimmstrecke ersparen. Idealere Bedingungen konnte es nicht geben. Nun mussten wir erkunden, ob sich in unserer näheren Umgebung menschliche Behausungen befanden. Den östlichen Teil des Geländes kannten wir schon, da kamen wir her. Nach zwei Stunden war alles klar, in unserer Umgebung befand sich weder Haus noch Hütte. Nichts deutete auf menschliche Spuren hin, so dass wir beruhigt die Nacht abwarten konnten. Der obere Teil des Hanges war mit Sträuchern bewachsen, die an das Maisfeld angrenzten. Dorthin zogen wir uns zurück; wir hatten nach allen Seiten eine gute Sicht, ohne selbst gesehen zu werden. Der Boden war sonderbarerweise recht locker, und es gelang uns, eine kleine Mulde zu graben, in die wir uns hineinlegten. Die Tarnung war hervorragend, wir wurden eins mit unserer Umgebung. Jetzt stand ein schwerer Teil unserer Flucht bevor, der Kampf gegen die Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit und darüber hinaus bis Mitternacht. Keine Gespräche, ab und zu eine Bemerkung, und immer wieder der Blick auf die Uhr. Trotz der Müdigkeit

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konnten wir nicht schlafen. Die Freiheit vor Augen, sie war keine 250 Meter von uns entfernt, verstrich die Zeit im Schneckentempo. Dan war wie immer der Ruhepol. Diese Ruhe übertrug sich auch auf mich, was notwendig war, denn mit meinem cholerischen Temperament verliere ich meistens schnell die Geduld. Wir lagen reglos da und starrten in den Himmel. Zeitweise schlossen wir die Augen, und jeder machte sich so seine eigenen Gedanken. Ich zog mein Hemd aus und legte es als Sonnenschutz über den Kopf. Ich war kurz eingenickt. Ich musste wohl schlecht geträumt haben, denn ich erschrak grundlos. Mein Herz raste, und einen Augenblick war ich völlig orientierungslos. Durch den Adrenalinstoß war meine Müdigkeit wie weggeblasen. Ich schaute auf die Uhr und stellte fest, dass ich kaum eine halbe Stunde geschlafen hatte. Mir kam diese kurze Schlummerzeit viel länger vor. Die Langeweile packte mich wieder, ich konnte sie nicht loswerden. Unruhig schaute ich mal rechts, mal links, dann wieder gegen den Himmel. Mein Blick blieb an Dan hängen. Er lag regungslos neben Kid und hielt ein kleines schwarzes Buch in der Hand. Sein Gesicht lag im Schatten des Buches. Merkwürdig, dachte ich und starrte wieder zum Himmel. Auf so eine gefährliche Reise ein Buch mitzunehmen hat doch keinen Sinn. Ohne nochmals hinzusehen, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich ahnte, welches Buch es war. Es war die Bibel. Ein bisher unbekanntes Gefühl kam in mir auf, ich hatte plötzlich Tränen in den Augen. Ich verspürte einen Schub neuer Kräfte und einen unbändigen Willen, den letzten Schritt erfolgreich zu vollenden. Der Glaube, dass es uns allen dreien gelingen würde, die Donau heil zu überqueren, war jetzt stärker als jemals zuvor. Der letzte Rest von Unsicherheit und Angst waren wie weggeblasen, und eine innere Ruhe machte sich in mir breit. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass meine Sorge in den beiden Tagen zuvor nur dem Erreichen der Donau galt. Das Durchschwimmen empfand ich als den einfacheren Teil. Jetzt, beim Anblick des gigantischen Stromes mit dem regen Schiffsverkehr erkannte ich die Gefährlichkeit der bevorstehenden Aktion. Tief im Inneren hatte ich Angst. Die Sonne verschwand hinter dem Horizont, der Mond stand bereits als weiße Kugel am Himmel, und wir warteten auf die Dunkelheit. Allmählich dämmerte es, und die Schiffe hatten schon ihre Positionsleuchten eingeschaltet. Die Schönheit der Landschaft war unbeschreiblich. Romantikstimmung kam nicht auf. Der Mond wechselte allmählich die Farbe, und bald leuchtete er wie ein großer Feuerball am Himmel. Sein Licht spiegelte sich im Wasser wie ein Band, das die beiden Ufer miteinander zu verbinden schien. Ich beobachtete das Schauspiel ständiger Veränderung von Licht und Schatten. Das Band wurde mit zunehmender Dunkelheit immer heller. Ich starrte wie gebannt darauf, die Bewegung der Wellen verlieh dem Schauspiel einen Hauch von Leben. Es sah aus wie eine Einladung, diese Lichtstraße zu betreten. Ich sah den Weg in die Freiheit. Ab 22 Uhr beobachteten wir die Küstenstraße genauer. Durch das angrenzende

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Maisfeld konnten wir unbemerkt bis nahe an den Straßenrand gelangen und den Verkehr aus nächster Nähe beobachten. Im halben Stundenrhythmus wechselten Dan und ich uns beim Beobachten der Straße ab. Anschließend analysierten wir die Lage, um eventuelle Schlüsse zu ziehen. Unser besonderes Augenmerk galt vor allem dem Autoverkehr und den Schnellbooten der Grenzer. Die Scheinwerfer der heranfahrenden Autos konnten wir schon erkennen, bevor sie um die Kurve bogen, so wie wir es vermutet hatten. Da im Grenzgebiet kaum Privatautos unterwegs sind, war es dementsprechend ruhig. Nur selten kamen Militärfahrzeuge vorbei, wir konnten aber keine Regelmäßigkeit dabei feststellen. Um 23 Uhr war der Schiffsverkehr schon sehr stark eingeschränkt und nahm stetig ab. Bis dahin hatten wir auch keine Boote des Grenzschutzes gesehen, es kam uns merkwürdig vor, aber es konnte uns nur recht sein. Die Zeit verging im Schneckentempo, und der Drang, endlich ins Wasser zu steigen, war übermächtig. An unserem Beschluss, erst um Mitternacht zu starten, hielten wir eisern fest, und das war richtig so. Der Schiffsverkehr war um diese Zeit fast eingestellt, und das Brummen der Motoren wurde durch die Naturgeräusche ersetzt. Kurz vor Mitternacht gingen Dan und ich gemeinsam zum letzten Mal an unseren Beobachtungsplatz und schauten uns noch einmal die Lage an. Eine Route festzulegen, erschien zwecklos, denn man konnte die Strömung des Wassers nicht einschätzen. Es ging uns nur darum, mit möglichst wenig Kraft, die Fließgeschwindigkeit nutzend, so schnell wie möglich ans andere Ufer zu gelangen. Selbst auf jugoslawischer Seite hätten wir keine Chance gehabt, dem rumänischen Grenzschutz zu entkommen. Mit diesen Erkenntnissen gingen wir zurück in unser Versteck. Der Sprung ins Wasser Um 24 Uhr hieß es: „Auf geht’s!“ Wir legten Kid die Schwimmweste an, den Rucksack ließen wir einfach liegen. Dann gingen wir durch das Maisfeld bis zum Straßenrand. Dan und ich waren noch bekleidet. Nach einer letzten Ausschau überquerten wir die Straße und sprangen über die Böschung ins Flussbett. Der Wasserspiegel war sehr niedrig, ein Teil des Flussbettes war trocken. Dan und ich zogen unsere restlichen Kleider aus und bedeckten diese mit Steinen. Meinen Personalausweis und ein paar Deutsche Mark hatte ich wasserdicht in eine Plastikfolie verpackt und in meiner Badehose gesichert. Die Socken behielt ich an, um am anderen Ufer einen besseren Schutz für meine Füße zu haben. Etwa 30 Meter vom Ufer entfernt ragten Weidenkronen und Sträucher aus dem Wasser. Das Gestrüpp sah aus wie eine undurchdringliche Schattenwand, verlief in Fließrichtung und war mindestens 50 Meter lang. Hervorragend geeignet als Zwischenstation und Start in die Strömung, war das unser letzter Sammelpunkt. Im seichten Wasser schwammen wir unserem ersten Ziel entgegen.

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In diesem Dickicht waren wir unsichtbar. Die Donau war an dieser Stelle nicht tief, wir konnten noch stehen und verbrauchten keine zusätzliche Energie. Jetzt besprachen wir die weitere Vorgehensweise. Dan sollte vorausschwimmen, Kid in der Mitte, und ich sollte den Schluss bilden. Wir hatten folgendes überlegt: Dan als bester Schwimmer achtet auf die Route und die Strömung. Kid als ungeübte Anfängerin sollte ihm möglichst folgen, ohne sich Gedanken über die Orientierung machen zu müssen. Meine Aufgabe bestand darin, möglichst in der Nähe von Kid zu bleiben, unabhängig davon, ob es ihr gelang, den Anschluss zu halten oder nicht. Ich sollte ihr eine gewisse Sicherheit geben, damit sie bei eventueller Gefahr nicht in Panik gerät. Bei dieser Gelegenheit erinnerte mich Dan an unsere Vereinbarung. Er sagte wörtlich: „Wir haben vereinbart, in einer Notsituation im Wasser nicht zu helfen. Jeder ist für sein Schicksal und Leben selbst verantwortlich“. „Fredy“, sagte er, „das war nur zur Abschreckung gesagt, sollte es zu einem Zwischenfall kommen, so werden wir alles tun, um zusammen ans rettende Ufer zu gelangen“. Kid stand abseits und hörte nicht, was er mir sagte. Mich hat diese Aussage nicht überrascht, denn ich hatte schon lange seinen einwandfreien Charakter und seine Hilfsbereitschaft erkannt. Dass er es ernst meinte, sollte sich bald bestätigen. Aus der Perspektive des Schwimmers schien das jugoslawische Ufer unendlich weit weg zu sein. Man sieht aus einer Perspektive knapp 20 Zentimeter über dem Wasserspiegel kaum noch dreidimensional und kann Entfernungen nicht einschätzen. Bei Tag ist das nicht so auffällig wie bei Nacht. Das beunruhigte mich nicht, denn diese Erfahrung hatte ich schon bei meinem Nachtschwimmtraining in den vergangenen Wochen gemacht. Der Aufenthalt im Gestrüpp dauerte nur wenige Minuten, in denen wir uns noch einmal gegenseitig anfeuerten. Dann kam das Kommando zum Aufbruch. „Auf geht’s“, sagte er und schwamm los. Wir folgten im Abstand von etwa zwei Metern. Immer den Vordermann im Blickfeld, schwammen wir in die Mitte des Stromes. Schon nach ein paar Metern merkte ich, dass meine Socken hinderlich waren und immer größer wurden, so als hätte ich Schwimmflossen an. Endlich hatte ich genug davon und zog sie aus. Wir kamen zügig voran, und ich war erstaunt, wie ruhig das Wasser war. Der Abstand zwischen uns wurde etwas größer. Auf einmal sah ich, wie Kid sich um die eigene Achse drehte und Schwierigkeiten hatte, die Richtung zu halten. Ich beschleunigte das Tempo, um näher an sie heranzukommen. Wie von Geisterhand verspürte ich einen kräftigen Ruck und verlor für einen kurzen Moment ebenfalls das Gleichgewicht. Nun wusste ich, warum sich Kid drehte. Wir hatten die Fahrrinne erreicht, in der die Strömung stärker war. Wir konnten aber schnell in eine stabile Lage zurückkommen. Ich verlor Dan aus den Augen, zu sehr war ich mit dieser Situation beschäftigt. Nach Absuchen der Wasseroberfläche fand ich ihn, er war höchstens zehn Meter von uns entfernt. Sein professioneller Schwimmstil brachte ihn schneller

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voran, als wir folgen konnten. Die Wasseroberfläche war trotz der starken Strömung sehr unruhig. Die kleinen Wellen reflektierten das Mondlicht in alle Richtungen, im Wechselspiel von Licht und Schatten konnte man unsere Köpfe schon nach wenigen Metern kaum noch erkennen. Ich musste mich Kid nähern, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Unter diesen Verhältnissen waren wir aus 20 bis 30 Metern nicht mehr zu erkennen. Ich spürte, dass ich zu ermüden begann und versuchte einen gleichmäßigen Rhythmus zu finden. Ich änderte ständig meinen Schwimmstil, mal Brust, mal Kraul, dann wieder Rücken. Dadurch wurden abwechselnd andere Muskelpartien beansprucht, während die ermüdeten sich erholen konnten. Der Abstand zu Kid wurde immer größer, sie schwamm zu viel mit der Strömung. Ich war fast auf gleicher Höhe mit ihr, jedoch etwas näher am Ufer. Das Atmen fiel mir immer schwerer, ich versuchte nun, auch meinen Atemrhythmus stabil zu halten. Wir waren wohl in der Mitte der Donau angelangt, denn beide Ufer schienen unendlich und gleich weit weg zu sein. Das monotone Schwimmen wurde langweilig. Ich rief Kid zu: „Wie geht es dir?“ „Alles in Ordnung“, antwortete sie, und das beruhigte mich. Dann schwamm ich im gleichen Trott weiter. Wir waren schätzungsweise eine halbe Stunde im Wasser und über der Mitte der Donau. Theoretisch waren wir schon über der Grenze. Es waren keine Schiffe oder Motorboote der Grenzwacht unterwegs, mit ihren starken Scheinwerfern hätten sie uns mit Sicherheit gesehen. Wir näherten uns sehr langsam dem jugoslawischen Ufer. Ein Motorboot hätte diese Strecke in ein paar Minuten zurückgelegt, und sollten die Grenzer uns entdecken, hätten wir keine Chance, zu entkommen. Es ist vorgekommen, dass Flüchtlinge mutwillig von Booten überfahren oder auf jugoslawischer Seite eingefangen wurden. Solche Gedanken setzten neue Kräfte frei. Dan tauchte überraschend in meiner Nähe auf, etwa zehn Meter zu meiner Rechten. Ich wusste, er wollte mir etwas sagen. Etwa 100 Meter weiter war unser Ziel, die Halbinsel, deutlich zu erkennen. Sie ragte weiter in das Flussbett hinein, als wir geschätzt hatten. Wenn wir diese Spitze erreichen, können wir uns viel Weg und Zeit sparen. Dan machte mich auf die Situation aufmerksam, und ich erkannte die Chance. Es war nur eine Frage der Kraft und Ausdauer von mir und Kid. Ich fragte ihn, ob er sich in der Lage sähe, die Halbinsel zu erreichen. Bei seiner Schwimmtechnik und Kondition wusste ich, dass er es schaffen würde. Er bejahte meine Frage, doch ich merkte, dass er Hemmungen hatte, mich und Kid allein zu lassen. Ich sagte ihm, er solle versuchen, an Land zu gelangen, um uns beim Ausstieg aus dem Wasser behilflich zu sein. Ich würde auf das Mädchen aufpassen. Damit war er einverstanden und verabschiedete sich. Er legte los, als hätte er einen Antrieb in den Beinen. Ich näherte mich Kid und sagte ihr Bescheid. Dabei ermunterte ich sie, alle Kräfte einzusetzen, um ebenfalls die Landzunge zu erreichen. Sie wollte es versuchen, aber es war sehr schwer, noch

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kräftiger gegen die Strömung anzukämpfen. Ich hielt Ausschau nach Dan, der kaum zu sehen war. Er war auf gleicher Höhe mit mir und schon sehr nahe am Ufer. Bald merkte ich, dass er es schaffen würde. Der Augenblick, als er wie ein Gespenst aus dem Wasser stieg, war überwältigend. Der erste von uns dreien war an Land, und wir werden auch gleich bei ihm sein. Die Landzunge kam schnell näher, aber wir waren noch viel zu weit in der Strommitte. Ich spornte Kid noch einmal an, alles zu geben. Es waren noch etwa zehn Meter bis ans Festland, als wir an der Spitze der Halbinsel von der Strömung vorbei getragen wurden. Kraftlos und erschöpft ließen wir uns vom Wasser tragen. Ich hatte das Gefühl, wieder zurückgespült zu werden. Der Abstand zum Ufer wurde, bedingt durch die Topografie des Geländes, immer größer. Durch den zusätzlichen Kraftaufwand war ich völlig erschöpft und musste mich ausruhen. Ich fragte Kid, ob ich mich an ihrer Schwimmweste festhalten dürfe, doch sie hatte große Angst und wollte das nicht. Das hatten wir bei unserer Vorbereitung auch nicht geübt. Wir waren beide mit den Kräften am Ende, mit dem Unterschied, dass ich mich nicht wie Kid bewegungslos ausruhen konnte. Nach einer kurzen Verschnaufpause sagte ich zu Kid, wir müssen das Ufer ansteuern. Dan folgte uns auf dem Festland, wir konnten seine Silhouette im Mondschein sehen. Die Straße verlief im Gegensatz zur rumänischen Seite weiter im Hinterland. Mit den letzten Kraftreserven peilte ich das Ufer an. Nach ein paar kräftigen Schwimmzügen fühlte ich, wie die Strömung nachließ und das Wasser sehr ruhig wurde. Ich war in der Bucht hinter der Halbinsel. Kurz darauf fühlte ich ein Kribbeln an den Beinen. Es waren Wasserpflanzen, die ich berührte, jetzt wusste ich, dass das Wasser nicht mehr tief sein konnte. Es überraschte mich, weil das Ufer immer noch sehr weit weg war. Aus Angst, an den Schlingpflanzen hängen zu bleiben, schwamm ich über diesen unsichtbaren Teppich, bis ich mit den Händen den Boden fühlen konnte. Erst jetzt richtete ich mich auf, das Wasser war kaum knietief. Ich schrie Kid zu, sie war noch gute 15 bis 20 Meter von mir weg, sie solle bis zu mir schwimmen, ohne sich aufzurichten. Dan war auch schon da, und wir gingen Kid entgegen, um ihr zu helfen. Erschöpft am serbischen Ufer Gestützt von Dan, völlig erschöpft, sackten wir nieder und genossen erst einmal den festen Boden unter den Füßen. Wir konnten vor lauter Keuchen nicht sprechen. Nach etwa einer Minute ging es uns schon besser. Ich zeigte mit dem Finger in die Richtung, aus der wir eben gekommen waren, und sagte mit leiser und heiserer Stimme: „Das war unser Gefängnis!“ Wir umarmten uns und hüpften vor Freude. Unser Glück hätten wir in den Himmel schreien wollen, doch wir befanden uns noch immer auf gefährlichem Boden. Aber eines stand fest: Jetzt war unser Leben außer Gefahr. Die Jugoslawen schießen nicht auf Flüchtlinge.

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Der prachtvolle Sternenhimmel, von keinem Wölkchen verdeckt, und das Licht des Vollmondes ermöglichten eine gute Sicht. Wir konnten nicht genug davon bekommen und nahmen uns Zeit, die Schönheit unserer ersten Nacht in Freiheit zu genießen. Nachdem sich der erste Anflug unserer Euphorie gelegt hatte, suchten wir uns eine geschützte Stelle, um zu beraten, wie es weiter gehen sollte. Die Straße war mindestens 200 Meter vom Ufer weg, der Verkehr war spärlich. Nur selten fuhren Autos in beide Richtungen. Wir konnten nur die Scheinwerfer sehen. Viele große und kleine Felsbrocken säumten das Ufer und boten gute Versteckmöglichkeiten. Der Fluchttrieb hatte uns wieder im Griff, unsere Sinne waren zu meinem Erstaunen immer noch so scharf wie vorher. Die Freude über den bedeutendsten Erfolg war grenzenlos. Vor uns lagen noch mehr als 1000 Kilometer und zwei Staatsgrenzen, die wir illegal passieren mussten. Davon eine im Ostblock. Es sollten weitere zwei Tage vergehen, bis wir unser Ziel erreichten. Wir hatten jegliches Zeitgefühl verloren, meine Uhr zeigte 45 Minuten nach Mitternacht. Beim näheren Hinsehen merkte ich, dass sie stand. Das Wasser hatte sie außer Betrieb gesetzt, aber Dans Uhr funktionierte noch. Es war kurz nach 1 Uhr, als wir uns auf den Weg zu unserem Treffpunkt mit Gery machten. Wir hatten vereinbart, dass er nach Mitternacht zu jeder vollen Stunde die Uferstraße abfährt. Anhand der manipulierten Scheinwerfer sowie an seiner langsamen Fahrweise sollten wir seinen Wagen schon von weitem erkennen. Unser Treffpunkt, die Signallampe, musste etwa drei Kilometer von unserem Standort entfernt sein. In Badehosen und barfuß gingen wir zügig auf der asphaltierten Straße unserem Ziel entgegen. Ab und zu, wenn ein Auto kam, verließen wir die Straße und versteckten uns hinter den zahlreichen Felsbrocken und Gebüschen, die den Weg säumten. Die Temperatur sank von Minute zu Minute, und mit dem Abkühlen des Asphalts wurde es immer ungemütlicher. Die nassen Badehosen verstärkten das Kälteempfinden noch mehr. Ich hatte die Idee, nochmals ins Wasser zu steigen, um mich aufzuwärmen. Das tat ich auch, und es war sehr angenehm. Danach war es aber umso schlimmer. Zitternd legte ich mich auf den noch warmen Asphalt, aber das hat auch nicht viel geholfen. Wir gingen zügig weiter, und schon bald sahen wir die Signallampe, an der wir abgeholt werden sollten. Unseren Treffpunkt mit Gery hatten wir nun sicher erreicht, alles lief anscheinend nach Plan ab. Nun musste nur noch Gery kommen und uns herausholen. In diesem Moment ahnten wir noch nicht, was noch auf uns zukommen würde. Die Zeit verstrich unendlich langsam, auch die zweite Stunde der Nacht war schon vorbei, und Gery war noch immer nicht da. Die Luft kühlte rasch ab, wir hatten Gänsehaut und zitterten am ganzen Leib. Wir versuchten, uns mit leichtem Jogging zu erwärmen, was auch gelang, aber nur von innen. Als Gegeneffekt bildete sich ein Schweißfilm auf der Haut, der sich wie ein Eismantel anfühlte. Das Warten wurde zur Qual.

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Es kamen die ersten Zweifel auf, ob wir überhaupt abgeholt werden würden. War unser Freund verhindert? Hat der jugoslawische Grenzschutz ihn gefasst? Diese Möglichkeit bestand sehr wohl. In diese verlassene Einöde verirrt sich kein Tourist, und ein Auto mit deutschem Kennzeichen ist sehr auffällig. Für diesen Fall hatten wir keinen Plan. Wir waren ohne Proviant, ohne Kleidung, in einem Tal, ähnlich einer Sackgasse, gefangen und mussten bis zum Tagesanbruch das Grenzgebiet unbemerkt verlassen. Wegen der geographischen Lage war es aussichtslos, das Binnenland unbemerkt zu erreichen. Wir warteten und warteten, die Zeit schien stehengeblieben zu sein. Erste Zweifel machten sich breit, und der Gedanke des Scheiterns war nicht mehr zu verdrängen. Die Kälte wurde unerträglich, wir zitterten und konnten kaum noch verständlich miteinander sprechen. Wir dachten nur noch an warme Kleidung und wie wir in dieser Nacht auch ohne Gerys Hilfe aus dem Tal herauskommen könnten. Mein Gehirn musste wohl eingefroren gewesen sein, als ich einen dummen Vorschlag machte, den Dan zu meinem späteren Erstaunen auch noch widerspruchslos akzeptierte. Mein Plan war folgender: Wir stoppen ein Auto und versuchen, damit zu fliehen. Das Mädchen sollte den Wagen anhalten und wir würden die Insassen zwingen, das Fahrzeug zu verlassen. Alle drei waren wir mit diesem Vorschlag einverstanden, kurze Zeit später legten wir uns am Straßenrand auf die Lauer. Die Nerven zum Zerreißen angespannt und mit einem furchtbar schlechten Gewissen, beobachteten wir einige vorbeifahrende Autos. Unser Wille war größer als der Mut. Als dann ein Bus, der aus der Ferne durch das Gegenlicht der Scheinwerfer als solcher nicht zu erkennen war, an uns vorbeifuhr, erkannten wir die Aussichtslosigkeit unseres Vorhabens. Was passiert, wenn wir einen Bus oder ein Grenzerfahrzeug anhalten würden? Damit war, Gott sei Dank, dieser risikoreiche Plan vom Tisch. Zur Kälte kam noch ein neues Übel dazu, der Durst. Es gab genug Donauwasser, jedoch zum Trinken wenig geeignet. Auf die Gefahr hin, krank zu werden, haben wir trotzdem ein wenig davon getrunken. In unserer Not sprachen wir nur von warmer Kleidung und flauschigen Decken. Ständig in Bewegung, in engem Umkreis unseres Treffpunktes, wurde das Warten auf die letzte Stunde immer unerträglicher. Ohne es zu merken, entfernten wir uns diesmal weiter von unserem Standort. Im Licht des Mondes, nahe dem Ufer, erkannten wir die Umrisse einer Hütte oder eines Wochenendhauses. Wir beschlossen, in das Haus einzudringen, um uns die notwendigen Kleider zu besorgen. Kid sollte an die Tür klopfen und durch Rufe eventuelle Bewohner um Hilfe bitten. Das Haus lag etwa 100 Meter abseits der Straße. Je näher wir kamen, umso höher stieg mein Puls. In voller Konzentration achteten wir auf verdächtige Geräusche, vor allem auf eventuelles Hundegebell. Nichts war zu hören. Auf den letzten Metern wuchs die Spannung noch mehr. Leise schlichen wir uns an. Der Eingang war auf der uns abgewandten Seite und von weitem nicht einsehbar. Eine Treppe

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führte auf eine Terrasse, rechts war die Eingangstür. Dan und ich gingen vorsichtig die Treppe hinauf, und was wir sahen, verschlug uns fast den Atem. An einer Wäscheleine hingen zwei Jacken, die vermutlich zum Trocknen aufgehängt waren. Die eine aus Stoff, die andere aus Kunstfell, beide in einem sehr guten Zustand. Wir nahmen die Jacken und verschwanden. Als erstes bekam Kid die Pelz- und Dan die Stoffjacke. Ich habe gewartet, bis Dan sich aufgewärmt hatte und übernahm schon nach ein paar Minuten die wohlige Wärme. Nun ging es im Rotationsprinzip weiter, so dass keiner mehr frieren musste. Es war 2.45 Uhr, und unsere Angst wuchs mit jeder Minute. Nach unserer Vereinbarung war dies der letzte Abholtermin, nach 3 Uhr wird Gery nicht mehr kommen. Es gab kaum noch Verkehr. Bei jedem Scheinwerferlicht hinter der Kurve schauten wir wie gebannt auf das nahende Auto. Wir saßen gebückt hinter einer Felsengruppe unmittelbar neben der Straße. Es gab nur noch diese eine Chance, und es konnte sich nur noch um Minuten handeln, bis entschieden war, ob wir aus dem gefährlichen Grenzgebiet herausgeholt würden. Wir sprachen kein Wort miteinander und schauten gebannt auf die Kurve, hinter der unser Freund erscheinen sollte. Wieder ein Scheinwerferlicht, dieses Mal viel heller als die anderen davor. Gebannt warteten wir auf das Auto, das nicht erscheinen wollte. Der Lichtstrahl wurde immer länger, die Zeit schien stehen geblieben zu sein. Ich schaute Dan an, und er erwiderte meinen fragenden Blick. Dachte er dasselbe wie ich? Diesmal war alles anders als bisher, oder war es nur eine Sinnestäuschung wegen der Anspannung? Langes Warten auf Gery Dan erkannte meinen verzweifelten Blick und sagte: „Es gibt einen Gott“. In Zeitlupe drehten sich die Scheinwerfer, dem Straßenverlauf folgend, in unsere Richtung. Jetzt leuchten sie uns an. Drei Scheinwerfer in einer hellen Mondnacht, unser Zeichen. Sie näherten sich uns sehr langsam, unser Zeichen. Viel zu langsam für unsere Nerven. Obwohl wir den Wagen nicht erkennen konnten, wussten wir, dass es Gery war. Nun hielt uns nichts mehr in unserem Versteck, wir rannten mit ausgestreckten Armen auf die Straße und winkten dem nahenden Fahrzeug jubelnd entgegen. Plötzlich setzte der rechte Blinker ein, der Wagen hielt vor uns am Straßenrand an. Von den Scheinwerfern geblendet, konnten wir immer noch nichts erkennen. Nun gingen die Lichter nacheinander aus, und jetzt konnten wir ihn sehen, unseren Opel Kadett GTE. Die Tür ging auf, Gery stieg aus, und eine weinende Stimme sagte: „Sie sind alle drei da und gesund“. Es war Gerys Mutter. Die Emotionen waren fast übergroß, und das hatte einen besonderen Grund. Dieser lag in den Vorkommnissen der vergangenen Nacht, als Gery uns zum ersten Mal abholen wollte. Was sich da ereignet hatte, erzählte uns Gery später. Wir umarmten uns nur kurz, für Gefühlsduselei

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war jetzt keine Zeit. Im Eiltempo zog jeder seine Kleider an. Dass wir kurzzeitig ohne Deckung waren, hatten wir gar nicht beachtet, es wäre anders auch nicht möglich gewesen. Glücklicherweise kam kein Auto vorbei, niemand hat uns gesehen. Unseren quälenden Durst stillten wir mit reichlich Cola. Nun hieß es: so schnell wie möglich raus aus dem Grenzgebiet. Wir waren sechs Personen in dem kleinen Wagen, doch das störte uns nicht. Das schöne Donautal haben wir schnell hinter uns gelassen und kamen zügig voran. Es dürfte 5 Uhr gewesen sein, als wir in dem Ort Veliko Gradište ankamen. Am Ortseingang war eine Tankstelle, die um diese Uhrzeit sehr verlassen aussah. Am Straßenrand stand ein Polizist, neben ihm sein Dienstfahrzeug, ein altes, angerostetes Mofa. Wir ahnten nichts Gutes. Tatsächlich erhob er seine Kelle, wahrscheinlich mehr, um seiner Langeweile zu entgehen, und machte uns Zeichen zum Anhalten. Dies hatten wir aber nicht vor, sechs Personen im Auto und ohne Ausweise, das wäre das Ende unserer Reise gewesen. Gery setzte zum Schein den Blinker, fuhr in die Tankstelle, schaltete die Scheinwerfer aus, um in demselben Zug am anderen Ende mit hoher Beschleunigung zurück auf die Straße zu gelangen. Dies war uns eine Warnung für den weiteren Weg durch Jugoslawien. Jetzt erfuhren wir, was sich in der Nacht davor an der Donau abgespielt hatte. Um eventueller Verfolgung zu entgehen, verließen wir die Hauptstraße und benutzten bis nach Marburg an der Drau (Maribor) nur noch Nebenstraßen. Das nahm viel Zeit in Anspruch, aber die Sicherheit hatte Vorrang. Unser nächstes Ziel war Belgrad, wo wir Gerys Vater am Bahnhof absetzten. Wegen Platzmangels musste er mit der Bahn weiterfahren. Wir fuhren nun in die Nähe der österreichischen Grenze. Es gab einen groben Plan, wie wir nach Österreich gelangen sollten, die Details wollten wir erst vor Ort besprechen. Bis zur österreichischen Grenze waren es noch 600 Kilometer, viel Zeit, um zu sprechen. Es war die Nacht, in der wir die Donau überqueren wollten, den langen Weg bis dahin aber nicht geschafft hatten. Wie abgesprochen, machte Gery ab Mitternacht seine stündlichen Fahrten zum vereinbarten Treffpunkt. Seine Eltern waren dabei. Was sie zu sehen bekamen, ließ sie vor Schreck erstarren. Das rumänische Ufer war auf dem gesamten Abschnitt, an dem wir die Grenze passieren sollten, mit riesigen Scheinwerfern ausgeleuchtet. Die Scheinwerfer waren so stark, dass man den Eindruck hatte, es wäre ein Sommertag mit Sonnenschein. Auf der Donau patrouillierten Schnellboote des Grenzschutzes, ebenfalls mit starken Scheinwerfern ausgerüstet, und beleuchteten teilweise auch das jugoslawische Ufer. Die Küstenstraße war von Militär besetzt, Grenzsoldaten rannten bewaffnet hin und her, es hatte den Anschein, dass hier etwas geschehen ist. Gery und seine Eltern sahen dem Geschehen fassungslos zu. Ihr einziger Gedanke war, dass wir gesucht oder gejagt würden. Ihre einzige Hoffnung war, dass es uns vielleicht gelungen sei, uns zu verstecken, um es die

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nächste Nacht zu versuchen. Als Initiator der Flucht hätte sich mein Freund Gery beim Scheitern der Flucht mitschuldig gefühlt. Um 3.30 Uhr stellte er die Suche nach uns ein und fuhr zurück ins Hotel. Jugoslawische Grenzer waren nicht zu sehen. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Aufgewühlt von den Ereignissen der vergangenen Nacht, ließen quälende Gedanken und Schuldgefühle den Tag unendlich lang erscheinen. In der Hoffnung auf das Gelingen unserer Flucht wartete er auf die kommende Nacht. Sein auffälliger Wagen, der nun seit zwei Tagen vor dem einzigen Hotel in Golubac stand, weckte die Neugier einiger Bewohner. Es war nicht auszuschließen, dass auch der jugoslawische Grenzschutz seine Aufmerksamkeit dem Fahrzeug und seinem Besitzer widmen würde. Um sich keiner zusätzlichen Gefahr auszusetzen, beschloss Gery, in der kommenden Nacht seine stündlichen Fahrten auf nur eine, und zwar um 3 Uhr, zu reduzieren. Jetzt war klar, warum er so spät gekommen ist. Dies war auch richtig so, denn es ist alles gut ausgegangen. Die Kälte, das Zittern, der Durst, alles war vergessen. In der Nacht zuvor wäre die Flucht gescheitert. Wem der Einsatz galt, wird ein Geheimnis bleiben. Vielleicht war es nur eine Übung der Grenzwache, oder aber die Waldarbeiter hatten uns verraten, und der Einsatz galt uns. Dafür war die letzte Nacht besonders ruhig. Was gestern war, ist heute bedeutungslos, was zählt, ist die Zukunft. Ohne besondere Vorkommnisse sind wir gegen 14 Uhr in Marburg angekommen. Wenige Kilometer nach Marburg führt ein Weg zum Grenzübergang Langegg an der Weinstraße. Dieser wurde vorwiegend von Anwohnern des Grenzgebietes genutzt. An dieser Straßenkreuzung stand eine Würstchenbude, wo wir eine Pause einlegten und unser Mittagsmahl einnahmen. Der Massentourismus war voll im Gang, viele Westurlauber fuhren in Richtung Spielfeld oder Adria. In dieser Automenge fielen wir nicht mehr auf und hatten auch keine Angst, kontrolliert zu werden. Nach dem Mittagessen entwickelten wir die Strategie der Grenzüberquerung nach Österreich. Und so sah unser Plan aus: Gery wird uns in die Nähe des Grenzüberganges fahren, von dort schlagen wir einen großen Bogen um den Kontrollpunkt herum und halten uns immer nach Westen. Die Grenze verläuft von Norden nach Süden, so dass wir irgendwann in Österreich ankommen mussten. Danach sollten wir jemanden finden, der uns in diesem Straßenlabyrinth nach Leutschach bringt, wo Gery vor der Kirche auf uns warten wird. Warum Leutschach? Leutschach ist die größte Ortschaft in dieser Gegend und liegt nahe an diesem Grenzpunkt. Die Kirche ist der sicherste Treffpunkt und immer leicht zu finden. Gery mit seiner Mutter werden den regulären Grenzübergang bei Spielfeld nehmen. Wenn alles gut geht, sind wir um 18 Uhr wieder zusammen. Auf seiner Fahrt nach Rumänien hatte sich Gery diesen abseits gelegenen Grenzübergang ausgesucht, um festzustellen, ob es möglich wäre, in diesem Abschnitt die Grenze nach Österreich zu überschreiten. Er stellte fest, dass nur wenig Personal und vor allem keine Soldaten zu sehen

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waren. Gleichzeitig prägte er sich wesentliche Merkmale über den Straßenverlauf und die Gegend um den Grenzkontrollpunkt ein. Diese Beobachtungen waren für unsere Planung sehr wichtig. Unser Optimismus war sehr groß, Wörter, wie „vielleicht“, gebrauchten wir nicht. Wir planten und führten aus, als wäre alles Routine. Wir bestimmten die Vorgehensweise und befolgten strikt unsere Beschlüsse. Wir simulierten Gefahrensituationen und versuchten, dafür einen Ausweg zu finden. Zur größten Gefahr werden wir selbst, wenn sich Übermut und Unvorsichtigkeit breit machen. Mit dieser Erkenntnis gingen wir das letzte große Hindernis in die Freiheit an, wohl wissend, dass uns bei einem Misserfolg eine Gefängnisstrafe und womöglich die Abschiebung nach Rumänien drohten. Wir brachen auf und fuhren auf einer schlechten Landstraße nach Jurski Vrh. Etwa zwei Kilometer hinter der Ortschaft, vor einer Kurve, stiegen wir aus und taten so, als würden wir eine Pause einlegen. Wir mussten uns entscheiden, in welche Richtung wir den großen Bogen um den Kontrollpunkt schlagen sollen: nach Süden oder Norden. Wir marschierten nach Süden. Es war eine Fehlentscheidung. Denn dort verläuft die Grenze in Richtung Ost-West, so dass wir eine erhebliche Strecke parallel zum Grenzverlauf auf jugoslawischer Seite gehen mussten und nach längerer Zeit immer noch nicht in Österreich waren. Wir hielten vergebens Ausschau nach Häusern auf der österreichischen Seite. Auf einer Wiese begegneten wir einem Bauern. Ich erklärte ihm in deutscher Sprache, dass wir Flüchtlinge aus Rumänien seien und nach Österreich wollten. Ängstlich winkte er ab und gab mir zu verstehen, dass er mit uns nichts zu tun haben wolle. Der Schrecken und die Angst in seinem Gesicht konnte ich nicht verstehen. Ich nehme an, der Mann fürchtete sich vor einer Bestrafung, wenn er uns nicht den Grenztruppen melden würde. Ich unternahm trotzdem einen letzten Versuch, um unsere Lage besser einschätzen zu können und sagte ihm, dass ich seine Angst verstehen kann, er solle doch bitte, und dabei faltete ich die Hände, auf meine Fragen wenigstens mit Kopfnicken antworten. Es war ihm anzusehen, dass er uns so schnell wie möglich loshaben wollte. Ich machte es kurz: „Ist da Österreich“? und zeigte nach Westen. Er verneinte kopfschüttelnd. Dann zeigte ich nach Norden und diesmal bejahte er wiederum mit einem kurzen Nicken. Verwundert standen wir da und konnten nicht begreifen, was schief gelaufen ist, denn aus dieser Richtung waren wir gekommen. Dann verschwanden wir in einem Weinberg, der uns gute Deckung bot. Nun mussten wir schnell handeln und die Lage neu bewerten. Die Zeit drängte, denn nach Aussage des Bauern patrouillierten in diesem Gebiet regelmäßig Grenzsoldaten. Ich machte den Vorschlag, an unseren Ausgangspunkt zurückzukehren und die Nordschleife zu nehmen. Weitere Versuche über die Südseite würden nur Zeit kosten. Dan stimmte mir zu, und wir gingen an unseren Ausgangspunkt

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zurück. Wir legten an Tempo zu und benutzten immer wieder den Kompass, um die Richtung beizubehalten. Das ganze Gebiet war voller Weingärten, die sich auf österreichischer Seite fortsetzten. Die Weinreben boten zwar gute Deckung, aber versperrten auch die Sicht. Wir waren schon eine beachtliche Zeit unterwegs, und der Weinberg schien unendlich zu sein. Da es stetig bergauf ging, kam uns die Strecke doppelt so lang vor, wie sie eigentlich war. Die eingeschränkte Sicht war sehr lästig, und wir hatten nach unserem Empfinden die Orientierung verloren. Diese Sinnestäuschung mussten wir ignorieren und blind dem Kompass vertrauen. Dieser lügt nicht. Plötzlich sahen wir die Spitzen einiger Tannenbäume, was eine willkommene Abwechslung für das Auge war. Nach kurzer Zeit erreichten wir das Ende des Weinberges auf einer Bergkuppe. Die andere Seite des Berges, also der Weg ins Tal, war bewaldet. Am Waldrand angelangt, trafen wir einen Bauern und eine Bäuerin. Das gleiche Szenarium wie vorhin wiederholte sich. Beide waren verängstigt und warnten uns vor den Soldaten. Jetzt hatte ich meine Erfahrung im Umgang mit so einer Situation und begann, die beiden zu beruhigen. Wir hatten erkannt, dass diese Menschen für uns keine Gefahr darstellten und den Kommunismus vielleicht genauso verachteten wie wir, sie mussten aber mit ihm leben. „Wir sind aus Rumänien und auf der Flucht vor dem Kommunismus, wir wollen nach Deutschland“, habe ich gesagt: „Bitte, zeigt uns, wo Österreich ist“. Der Mann schaute mich an, zögerte einen Augenblick, dann drehte er den Kopf nach links und sagte leise: „Da drüben ist Österreich“. Ich konnte es kaum glauben und fragte noch einmal: „Meinen Sie, dieses Haus auf der Bergkuppe steht in Österreich?“ Er nickte lächelnd, ich hatte den Eindruck, er wisse wohl, dass er eine gute Tat vollbracht hatte. Unsere kleinen Geschenke, die wir mitführten, haben wir ihm überlassen und sind in den Wald geeilt. Wir rannten den Hang hinunter, nach etwa 30 Metern sah ich den Grenzstein. Einsam, grau und vom Zahn der Zeit stark angenagt, ragte er wie ein Relikt aus vergangener Zeit etwa 30 Zentimeter aus dem Boden. Dies war der Moment, in dem ich zum ersten Mal richtig die Freiheit fühlte. Dan und Kid waren auch schon da, wir umarmten uns und tanzten, wie wir es um 1 Uhr schon einmal getan hatten. Ganz gleich, was jetzt noch geschehen mag, die Freiheit wird uns keiner mehr nehmen können, das wussten wir. Der unscheinbare graue Grenzstein, der schon viele Jahrzehnte unbeachtet im Wald stand, markierte eine Staatsgrenze, aber auch die Grenze zwischen gegensätzlichen Ideologien. Wir ließen uns Zeit und genossen den Augenblick der endgültigen Freiheit. Wieder umarmten wir uns, hüpften vor Freude und ließen unseren Gefühlen freien Lauf. In Anbetracht dieser Sicherheit haben Dan und Kid laut zu jubeln begonnen, worüber ich mich ärgerte. Irgendwie konnte ich den letzten Rest der potenziellen Gefahr nicht verdrängen und mahnte sie zur Vorsicht. Sie ignorierten meine Ermahnung und schrieen weiter. Ein mulmiges

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Gefühl, vielleicht war es Angst, kam in mir auf, und so entschloss ich mich, weiterzugehen. Ich rannte den Berg hinunter und erreichte nach ein paar hundert Metern den Waldrand. Meine beiden Freunde kamen langsam nach, offensichtlich hatten sie bessere Nerven als ich. Hinter dem Wald erstreckte sich eine breite Wiese bis zum Fuße eines Weinberges. Ganz oben auf der Bergkuppe konnte ich ein sehr schönes Haus mit der Aufschrift „Schantlhof“ erkennen. Das Lesen einer Inschrift in meiner Muttersprache gab mir das Gefühl, angekommen zu sein. Im Gegensatz zu meinen beiden rumänischen Freunden hatte dieses Ereignis für mich eine ganz andere Bedeutung. Endlich war ich auf deutschsprachigem Gebiet, mit dem ich durch meine Muttersprache im Herzen eng verbunden war. Ich fühlte mich jetzt schon zu Hause angelangt, obwohl mein Ziel noch nicht ganz erreicht war. Dan und Kid hingegen waren auf fremdem Boden. Ich kam meiner gefühlten Heimat immer näher, während Dan und Kid sich mit jedem Schritt von ihrer trennten. Nach kurzer Zeit waren beide nachgekommen, und wir marschierten den Berg hinauf. Die Rebstöcke waren sehr hoch, und wir konnten das andere Ende des Weinberges nicht sehen. Nach den Anstrengungen der letzten Tage war der Gang bergauf sehr anstrengend. Ab und zu hielten wir an, um auszuruhen und probierten die Trauben. Mit jedem Schritt wurden die Beine schwerer. Gefahr, verfolgt zu werden, gab es nicht mehr, dafür spürten wir die körperlichen Schmerzen nun umso mehr. Jetzt mussten wir doch endlich ankommen, unsere Ungeduld, das Haus zu erreichen, wurde immer größer. Endlich waren wir da. Wir standen vor dem Eingang eines riesigen Hofs, den wir zögernd betraten. Es war sehr still auf dem Hof, keine Menschenseele war zu sehen. Um uns bemerkbar zu machen, riefen wir ein paar Mal: „Hallo“. Verunsichert standen wir auf fremdem Grund und wussten nicht, was wir tun sollten. Im Hof standen ein paar Tische und Bänke aus Holz. Müde setzten wir uns hin und warteten. Zwei Garagen mit weit geöffneten Toren ließen vermuten, dass der Eigentümer bald kommen musste. So war es auch, nach kurzer Zeit fuhr ein Mercedes auf den Hof. Ein Mann stieg aus. Er war über unsere Anwesenheit sichtbar überrascht. Er merkte sofort, dass wir keine Gäste oder Touristen waren. Unser Erscheinungsbild ließ ihn sehr misstrauisch dreinblicken. Unrasiert, Schnitt- und Kratzwunden im Gesicht, fremdartige Kleidung, all das waren Gründe, uns gegenüber misstrauisch zu sein. Wir standen auf, und ich ging ein paar Schritte auf ihn zu. Aus sicherem Abstand sagte ich: „Ich heiße Alfred Waldenmayer“, und zeigte ihm meinen Ausweis. „Entschuldigen Sie bitte die Störung, wir sind Flüchtlinge aus Rumänien, seit drei Tagen unterwegs und wollen nach Deutschland.“ Meine ruhige, etwas schüchterne Stimme sowie mein akzentfreies Deutsch hinterließen offenbar einen beruhigenden Eindruck. Er wirkte jetzt entspannter, reichte mir die Hand und sagte: „Gottfried Liengast“. Für mich war das wie ein erstes „Willkommen in der Freiheit“. Wir führ-

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ten ein kurzes Gespräch, dann kam ich gleich zu meinem Anliegen. Er möge uns doch den Weg nach Leutschach zeigen, dort werden wir von einem Freund erwartet. Er bat uns, Platz zu nehmen, und brachte uns eine Schüssel Weintrauben und kühle Getränke. Dann setzte er sich zu uns, und ich erzählte ihm von unserer Flucht. Auf seine wenigen Fragen antwortete ich ehrlich. Nur so konnte ich sein Vertrauen gewinnen, ich hoffte insgeheim, dass er uns zur Kirche fahren würde. Ich gab ihm zu verstehen, dass die Zeit drängt und wir gehen müssten. „Ich fahre euch zur Kirche, wartet hier, ich bin gleich zurück.“ Ich habe meinen beiden Weggefährten alles übersetzt, wir zweifelten nicht an seiner Ehrlichkeit und freuten uns auf das Wiedersehen mit Gery. Wir genossen die Stille und bewunderten die Schönheit der Landschaft. Später erfuhr ich, dass wir im Herzen der Südsteirischen Weinstraße waren. Kid, Dan und ich bewunderten die Sauberkeit und Ordnung, die hier herrschten. So etwas hatten wir noch nie gesehen. Nach kurzer Zeit kam Herr Liengast mit einem Freund zurück, und wir durften in seinen Mercedes einsteigen. Sein Freund nahm auf dem Beifahrer-, wir auf dem Rücksitz Platz. Die Fahrt durch das Labyrinth der Weinstraße war ein kleines Erlebnis und dauerte länger, als wir dachten. An der Kirche stiegen wir aus und bedankten uns noch einmal für seine Hilfe. Beim Abschied gab er mir seine Visitenkarte und wünschte uns viel Glück für die Zukunft. Sechs Jahre später, ebenfalls im August, machte ich mit meiner kleinen Familie dieselbe Reise in umgekehrter Richtung. Ich besuchte ihn, und Erinnerungen wurden wach. Dann fuhr ich an die Donau. Ich stand am Ufer, an der Stelle, wo ich das Gefühl der Freiheit zum ersten Mal erleben durfte. Im Zentrum der kleinen Stadt, vor der Kirche, warteten wir auf unseren Freund Gery. Nach unserem Plan hatten wir fast zwei Stunden Verspätung. Das Umherirren an der Grenze hatte uns viel Zeit gekostet, aber auch Gery musste lange an der Grenze warten, so dass wir fast gleichzeitig am Treffpunkt erschienen. Dies war die letzte gefährliche Aktion, die wir gemeistert hatten, ab jetzt fühlten wir uns richtig frei. Die Angst, die wir in uns getragen hatten und von der keiner sprach, war nun weg. Die Anspannung und Konzentration sind aber geblieben. Unsere Reise war noch nicht zu Ende, und wir wussten, dass wir illegal in Österreich waren. Sollten wir gefasst werden, bekämen wir Ärger mit den österreichischen Behörden. Besonders gefährdet waren Dan und Kid, die kein Deutsch sprachen. Weil ich Verwandte in der Bundesrepublik Deutschland und Österreich hatte, musste ich weniger befürchten. Die Sonne stand schon tief am Horizont, als wir unsere Reise fortsetzten. Unser nächstes Ziel war Sankt Gilgen am Wolfgangsee. In Sankt Gilgen wohnte seit Kriegsende mein Onkel, den ich bitten wollte, uns bei der Überquerung der österreichisch-deutschen Grenze zu helfen. Im Juli desselben Jahres war er in Rumänien zu Besuch, und wir hatten einige schöne Abende miteinander verbracht. Bei dieser Gelegenheit erzählte ich ihm

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von meiner Sehnsucht nach Freiheit und meinem Kummer in diesem Land, das ich als großes Gefängnis empfand. Damals gab es noch keinen konkreten Fluchtplan, somit konnte ich auch nicht ahnen, dass ich sieben Wochen später vor seiner Haustür stehen würde. Eines Abends saßen wir auf der Terrasse und genossen die wohlige Sommernachtswärme. Ich erzählte ihm von meiner Verzweiflung sowie von meinem Wunsch, dieses Land zu verlassen. Es war Seelenbalsam, dass mir jemand zuhörte und meine Sorge verstand. In meiner Verzweiflung sagte ich zu ihm: „Johann-Onkel, wenn mir eines Tages die Flucht nach Österreich glückt, würdest du mir helfen, nach Deutschland zu gelangen?“ Er sagte: „Ich tue alles für dich, darauf kannst du dich verlassen“. Seine Worte waren ein willkommener Trost, ich fühlte mich erleichtert. Später, bei der Vorbereitung meiner Flucht, plante ich diese Zwischenstation ein und merkte mir seine Adresse. Zügig und entspannt fuhren wir zur Autobahn und bewunderten die Schönheit der österreichischen Weinstraße. Mein nächstes Erlebnis war die Autobahnfahrt. Bis dahin hatte ich Autobahnen nur in Filmen gesehen. Die hohe Geschwindigkeit berauschte mich, das gleichmäßige Summen des 105 PS starken Motors war Musik in meinen Ohren. Im Gegensatz zu den gewohnt schlechten Straßen empfand ich die Fahrt als ein Dahinschweben auf einem Luftkissen. Die riesigen Firmengebäude mit ihren überdimensionalen Reklamen, die gepflegten bunten Häuser, die geordneten Gärten und Felder ließen uns aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Die Müdigkeit hatte keine Chance gegen das Adrenalin. Für Gery war das alles selbstverständlich, und er lächelte nur, wenn ich ihm etwas „Besonderes“ zeigte. Das monotone Summen des Motors, das wir als angenehm empfanden, hatte auf unseren Fahrer genau die gegenteilige Wirkung. Nach einer schlaflosen Nacht und einer langen Fahrt wurde er zusehends müder. Ich hatte auf einmal große Lust, selbst zu fahren, und sagte Gery, dass ich ihn gerne ablösen würde. Wir tauschten die Plätze, meine erste Fahrt auf der Autobahn sollte die Krönung jenes Glücksgefühls werden. Zu meiner Enttäuschung kam es anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Als der Tachometer 120 Kilometer in der Stunde anzeigte, umklammerte ich immer verkrampfter das Lenkrad. Immer wieder schaute ich in den Rückspiegel, beobachtete die überholenden Autos und drosselte die Geschwindigkeit, sobald diese die 120er Marke überschritt. Wir kamen in einen Tunnel, wieder eine neue Erfahrung für uns. Die vielen Lichter, der Gegenverkehr, meine Unerfahrenheit auf der Autobahn brachten mich ins Schwitzen. Ich fuhr immer langsamer und musste mir eingestehen, dass meine Fahrkünste nicht besonders gut waren. Wir kamen nicht mehr so schnell voran wie bisher. Bei der ersten Gelegenheit wechselte ich freiwillig auf den Beifahrersitz. Insgeheim haben sich das wohl alle gewünscht. Gerys Müdigkeit war wegen meiner katastrophalen Fahrweise wie verflogen, ab jetzt ging es wieder im normalen Tempo weiter. Die verschwenderische Beleuchtung

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der Ortschaften und einzelner Sehenswürdigkeiten faszinierte uns. Trotz der Müdigkeit hatte ich kein Bedürfnis, zu schlafen, die Eindrücke waren überwältigend und beanspruchten meine Sinne aufs äußerste. Kurz nach Mitternacht sind wir in Sankt Gilgen angekommen. Wir wollten in einer Pension übernachten, um am nächsten Tag meinen Onkel Hans Nerbl aufzusuchen. In einem Hotel machten wir einen letzten Versuch, auch hier wurden wir abgewiesen. Unser Erscheinungsbild war wahrscheinlich die Ursache, dass alle Pensionen angeblich ausgebucht waren, wofür ich völliges Verständnis habe. Ich fragte die Dame an der Rezeption nach dem Weg zu meinem Onkel, die Adresse kannte ich ja. Ausgesprochen freundlich fragte sie mich: „Wen suchen Sie denn?“ Nachdem ich ihr seinen Namen genannt hatte, fragte sie erstaunt: „Der Hans ist Ihr Onkel?“ Ebenso erstaunt antwortete ich kurz: „Ja“. Es war 2 Uhr, als wir vor seiner Haustür standen, der Name auf dem Klingelknopf ließ meinen Puls ansteigen. Wie wird er auf mein unerwartetes Erscheinen mitten in der Nacht reagieren? Vor ein paar Wochen sprachen wir über ein Wiedersehen in Österreich, woran keiner wirklich glaubte, und jetzt stehe ich da. Ich drückte den Klingelknopf, dabei war ich sehr aufgeregt. Mit Spannung warteten wir eine Weile. Das Treppenhaus war schwach beleuchtet, die Stille der Nacht war unangenehm. Es herrschte eine gespenstische Ruhe, die nur durch das Klingeln unterbrochen wurde. Nach einigen Minuten des Wartens versuchte ich es noch einmal. Ich hielt den Finger lange am Knopf, wir konnten das Signal deutlich vernehmen. Auch diesmal keine Reaktion. Dass er zu Hause war, das wussten wir, denn sein Wagen stand auf dem Parkplatz vor dem Haus. Als auch dieser Versuch erfolglos blieb, beschlossen wir, im Auto zu übernachten. Wir waren mit unseren Kräften am Ende, die Müdigkeit hatte uns übermannt. Im Vergleich zu den beiden vergangenen Nächten, war es hier sehr kalt, kein Wunder, mitten im Hochgebirge. Bevor ich meinen gewohnten Platz einnahm, fiel mein Blick noch einmal auf den Wagen meines Onkels. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf. Mein Onkel war ein leidenschaftlicher Angler, und wie er mir erzählte, fuhr er fast täglich mit seinem Boot zum Angeln. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass er schon sehr früh hinaus auf den Wolfgangsee fuhr, das mussten wir auf alle Fälle verhindern. Also parkten wir quer hinter seinem Wagen, dann konnte er nicht wegfahren. Mein Plan ist voll aufgegangen: Um 6 Uhr kam er und konnte zu seinem Schreck nicht wegfahren. Ratlos sah er sich um und konnte es nicht glauben, dass so ein „idiotischer deutscher Urlauber“ schamlos seine Ausfahrt blockierte. Er versuchte, ins Innere des Wagens zu schauen, doch die Scheiben waren stark beschlagen. In unserer unbequemen Lage hatten wir keinen richtigen Schlaf, so dass wir ihn schimpfen hörten. Ich kurbelte das Seitenfenster einige Zentimeter herab und schaute durch den schmalen Schlitz hinaus. Er konnte meine Augen, jedoch nicht mein Gesicht sehen. Langsam kurbelte ich weiter und hielt abermals inne. Dieses

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Spiel fand er nicht lustig, denn er wollte endlich wegfahren. Noch langsamer, aber ohne Unterbrechung, kurbelte ich das Fenster bis zum Anschlag hinunter und schaute ihm ernst in die Augen. Er stand bewegungslos, wie erstarrt da und schaute mich an, als wäre ich ein Gespenst. Ich brach das Schweigen mit den Worten: „Gel, da schaust, pass auf, dass deine Froschaugen nicht herausfallen“. Jetzt hatte er begriffen, dass ich keine Fata Morgana war. Er sagte nur: „Fredy, bist du es wirklich?“ Sein Anglerabenteuer war zu Ende, dafür hatte er ein anderes vor sich, das viel schöner war, und vor allem abwechslungsreicher. Kurz erzählte ich ihm von unserer Flucht, und wir gingen in seine Wohnung. Meine Tante war nicht minder überrascht bei unserem Erscheinen. Die Aufregung war groß, wir wussten nicht, was wir als nächstes tun sollten. Nach einem deftigen Frühstück wollten wir uns erst einmal ausschlafen. Die Müdigkeit war unübersehbar, wir hatten schon die dritte schlaflose Nacht hinter uns. Ich glaube, am schlimmsten hatte Gery unter der Müdigkeit zu leiden, der saß schon mehr als 24 Stunden hinter dem Lenkrad. Meine Freunde legten sich schlafen, während ich meinem Onkel von der Flucht erzählte. Nach einer Weile sagte er, ich solle mich auch zur Ruhe begeben, doch ich fühlte mich nicht müde. Ich wollte die errungene Freiheit und alle neuen Eindrücke genießen. Er sah ein, dass es zwecklos war, mich zum Schlafengehen zu überreden, und wir fuhren mit seinem Motorboot hinaus auf den See. Ein wunderschöner Sommertag bahnte sich an, kein Wölkchen stand am Himmel. Die Alpen ringsum hatten fast gigantische Höhen im Vergleich zu den Bergen an der rumänischjugoslawischen Grenze. Die Gipfel erstrahlten noch im letzten Rest der Morgenröte, und es schien, als hätten sie rote Mützen auf. Ab und zu fuhr ein Schiff mit Touristen vorbei, die uns zuwinkten. Es herrschte eine unheimliche Stille, die ich nicht stören wollte, deshalb sprach ich sehr leise. Endlich sagte mein Onkel: „Du kannst schon normal reden, wir sind nicht in der Kirche“. Wir hatten uns viel zu erzählen, doch die Frage, wie wir illegal nach Deutschland kommen können, war die wichtigste. Wir wollten nicht vom Grenzschutz oder der Polizei erwischt werden, sondern erst einmal ans Ziel gelangen. „Das ist kein Problem“, sagte mein Onkel. Auf weitere Details gingen wir nicht ein, das musste gemeinsam mit den anderen besprochen werden. Er fragte mich nach dem Befinden meiner Eltern, ob sie Kenntnis von meiner Flucht hätten. Ich verneinte, was ihn nachdenklich stimmte. Gott sei Dank, wusste ich nichts von den seelischen Qualen, die sie in den letzten Tagen erlitten hatten. Schon am zweiten Tag nach meinem Verschwinden hatten sie von meinem Fluchtversuch erfahren. Gegen Mittag fuhren wir nach Hause. Meine Freunde waren schon wach, und meine Tante hatte das Mittagessen zubereitet. Am Mittagstisch besprachen wir das weitere Vorgehen. Mein Onkel machte den Vorschlag, uns mit seinem Wagen über die Grenze zu fahren. An der Grenze sollten wir im Vorbeifahren die

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Pässe seiner Familienangehörigen vorzeigen, dies würde ausreichen, man würde uns durchwinken. Mit diesem Vorschlag war ich nicht einverstanden, zu auffällig war unser gesamtes Erscheinungsbild. Das Risiko, erwischt zu werden, schien mir zu groß, und Ärger, so kurz vor dem Ziel, konnten wir nicht gebrauchen. Wir beschlossen, die erprobte Methode des Grenzübertritts von Jugoslawien nach Österreich auch hier anzuwenden. Mein Onkel sollte uns an eine geeignete Stelle bringen, und wir würden hinüberspazieren. Es war noch sehr früh am Nachmittag, und so nahmen wir uns Zeit für einen Spaziergang zum Wolfgangsee. Bis dahin waren es nur ein Paar Schritte. Völlig befreit von Angst, die Schrecken der vergangenen Tage verdrängt, spazierten wir am Ufer entlang. Die Sonne strahlte mit voller Kraft, auf dem Wasser tummelte sich eine Vielzahl von Wasserskifahrern und Segelbooten. Passagierschiffe kamen und fuhren mit Urlaubern wieder hinaus, all das war für uns neu. Um ein wenig Nach der Flucht in Österreich: von dieser UrlaubsstimGery mit Kid im Boot auf dem Wolfgangsee mung mitzunehmen, mieteten wir uns kleine Elektroboote und drehten ein paar Runden auf dem See. Abgelenkt von den Ereignissen der vergangenen Tage, tankten wir neue Kraft. Gegen 16 Uhr brachen wir zu unserem letzten Abenteuer auf, dem illegalen Grenzübertritt nach Deutschland. An diesem kurzen, aber erlebnisreichen Nachmittag hatten wir uns körperlich wie auch seelisch gut erholt. Mit neuem Ehrgeiz und völlig gelassen fuhren wir zur Grenze. Mein Onkel brachte uns an eine Stelle, an der wir gefahrlos nach Deutschland spazieren konnten. Es war die Grenzstadt Großgmain bei Salzburg. Ein Teil der Stadt liegt in Österreich, der andere in Deutschland. Es war Urlaubszeit, die Touristen überschwemmten den Ort. In diesem Trubel fielen wir beim Spaziergang durch die Straßen nicht auf. Seltsamerweise hatte ich auch diesmal ein Kribbeln im Bauch, das illegale Überschreiten einer Grenze war eben eine Straftat. Wir erreichten einen kleinen Parkplatz und stiegen aus. Mein Onkel zeigte uns die Richtung, in die wir gehen mussten, und auf einen kleinen Bach in der Nähe des Parkplatzes: „Das ist die Grenze“, sagte er, und ich fragte scherzhaft: „Wo sind die Wachtürme?“ Dann erklärte er uns den Weg zu unserem Treffpunkt auf

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deutscher Seite. In spätestens einer Stunde sollten wir dort sein. Im Sog der Urlauber schlenderten wir die kurze Strecke durch den Ort. Die schöne Landschaft ringsum interessierte uns kaum. Wir wollten endlich nach Deutschland. Als wir den kleinen Bach erreichten, blieben wir stehen, um den Moment unserer letzten Grenzüberschreitung zu genießen. Jetzt fühlte ich mich der vermeintlichen Allmacht des Kommunismus endgültig entronnen. Wenige Stunden zuvor waren wir noch in Reichweite der Folterknechte, doch jetzt war die Freiheit zum ersten Mal Realität. Der Freiheitsdrang hatte gesiegt. Doch Freude und Leid sind oft nahe beieinander. Drei Elternpaare blieben mehrere Jahre lang von ihren Kindern getrennt. Am schlimmsten traf es wohl meine Eltern, die von meiner Flucht viel zu früh erfuhren und vier Tage lang kein Lebenszeichen von mir hatten. Bis zu unserem Treffpunkt auf deutscher Seite mussten wir eine längere Strecke über ein freies Feld spazieren. Man konnte uns von allen Seiten aus sehen, ich fühlte mich dabei sehr unwohl. Automatisch beschleunigten wir unseren Gang, um so schnell wie möglich auf einen Weg oder auf eine Straße zu gelangen. Ich hatte den Eindruck, ständig beobachtet zu werden. Endlich waren wir am Treffpunkt angelangt, und die Reise mit beiden Autos ging weiter in Richtung München. Mein Onkel begleitete uns bis zum Chiemsee, wo wir uns von ihm verabschiedeten. Er wünschte uns allen viel Glück und drückte mir einen Geldschein in die Hand. Ich dankte ihm mit Tränen in den Augen. Ich stieg zu Gery ins Auto und sah mir den Schein an. So einen hatte ich noch nie gesehen, es waren 500 Mark. Der Wert entsprach mindestens drei rumänischen Monatsgehältern. Ich hatte keine Vorstellung vom Wert der Mark in Deutschland und fragte Gery, ob das viel Geld sei. Er lachte und sagte: „Ja Fred, es ist viel, vor allem für Dich.“ Im Hofbräuhaus Die Zeit verging sehr schnell, und schon bald waren wir in München. „Hier machen wir Rast und trinken ein echtes bayerisches Bier in einem echt bayerischen Lokal“, sagte Gery. Wir waren im Zentrum der Weltstadt, deren Namen ich nur aus den Büchern kannte und die damals eine der besten Fußballmannschaften der Welt hatte. Unser kurzer Spaziergang über den Marienplatz hat mir die Sprache verschlagen, die ich beim Betreten des Hofbräuhauses auch nicht wieder fand. Das Lokal war mir aus der Literatur und aus Erzählungen bekannt, aber vorstellen konnte ich es mir nicht. An diesem späten Nachmittag war es nur mäßig besucht, auffallend waren die vielen ausländischen Touristen. Es war zwar beeindruckend, aber besondere Feierstimmung kam nicht auf. Wir hatten Großes furchtlos und entschlossen vollbracht, und jetzt saßen wir da,

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merklich schüchtern, wie Fremdkörper, die nicht hierher gehören. Unser allgemeines Aussehen musste schon auffallend gewesen sein, und bald schon kamen wir ins Gespräch mit unserer Wirtin. Wir erzählten ihr in kurzen Sätzen von unserer Flucht, was sie sehr interessierte und auch beeindruckte. Bevor wir gingen, baten wir sie um ein Andenken an unseren ersten Wirtshausbesuch in Deutschland. Besonders witzig fanden wir die riesigen Bierkrüge, die man „Maß“ nennt. So einen Maßkrug hätte gern jeder von uns gehabt, selbstverständlich gegen Bezahlung. Die Frau war von unserer Geschichte sichtlich ergriffen und sagte, sie Wiedersehen auf dem Schantlhof: Alfred Waldenmayer würde uns die Maßkrüge (links) ist nach Österreich zurückgekehrt, um sich noch schenken. Offiziell konnte sie einmal die Gegend anzusehen, wo er mit seinen Freundie slowenische Grenze überschritten hat. Der österdas aber nicht. Deshalb reichte den reichische Winzer Gottfried Liengast hat ihnen auf der sie uns in einem unbeobachte- Flucht weitergeholfen. ten Moment vier Maßkrüge durch das Toilettenfenster auf die Straße hinaus. Gegen 20 Uhr begaben wir uns auf die letzte Strecke, nach Regensburg. Es war still im Auto, die Realität hatte uns wieder eingeholt, und jeder ging seinen eigenen Gedanken nach. Wir dachten an unsere Angehörigen, Eltern, Großeltern, Geschwister, die vermutlich von unserer Flucht schon erfahren hatten. Um 22 Uhr sind wir in Regensburg angekommen. Gery brachte uns zu einem Freund aus Guttenbrunn, der vor ein paar Jahren ausgesiedelt war. Übermüdet saßen wir im Wohnzimmer und erzählten von unserem Abenteuer. In dieser Nacht mussten wir unbedingt Kontakt zu unseren Familien in Rumänien aufnehmen. Dies war nicht ganz einfach, man musste sich bei einer Telefonzentrale anmelden, bei Zustandekommen der Verbindung wurde man zurückgerufen. Das konnte mehrere Stunden dauern. Als erstes habe ich meine Tante in Troisdorf angerufen, die vor Schreck kaum glauben konnte, dass ich in Deutschland war. Sie verständigte ihre Cousine in Bukarest, die sie sehr schnell erreicht hatte.

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Diese wiederum rief meine Eltern an und überbrachte ihnen die frohe Botschaft von unserer gelungenen Flucht. Unterdessen wartete ich immer noch auf die Verbindung zu meinen Eltern. Kurz nach Mitternacht war es soweit, ich konnte meiner Mutter sagen, dass es uns allen gut geht. Ein längeres Gespräch kam wegen der großen Emotionen nicht zustande. Später erfuhr ich, dass sie in den zurückliegenden Tagen in ärztlicher Behandlung wegen eines Nervenzusammenbruches gewesen war. Auch mein Vater war mit den Nerven am Ende. Als er meine Stimme hörte, brachte er kein Wort heraus, er weinte nur. Erst jetzt konnte ich erleichtert sagen: „Die Aktion ist beendet“. Alfred Waldenmayer wurde am 10. Juli 1948 hinter Stacheldraht, in einem sowjetischen Arbeitslager in der Ukraine, geboren. Seine Eltern, zum Zeitpunkt der Verschleppung beide nicht einmal 20 Jahre alt, verbrachten fünf Jahre in der Hölle von Kriwoj Rog. Seit der Flucht, die in Regensburg geendet hat, arbeitet er in seinem Beruf als Maschinenbautechniker.

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Auf Baumstämmen über die Schlucht Von Mathias Possler Die Zeit von 1945 bis 1954 war eine der härtesten Zeiten, die die Banater Schwaben je erlebt haben. Sie waren entbehrungsreicher als die Kriegsjahre. Mehrere Ministerialbeschlüsse der rumänischen Regierung zielten auf die Zersplitterung der deutschen Minderheit in Rumänien ab, durchgeführt wurden sie alle. Die Folgen des Zweiten Weltkrieges waren Enteignung, Verschleppung und Demütigung. Aber als rumänische Besonderheit muss gesagt werden, dass es keine ethnischen Säuberungen oder Gräuel wie im jugoslawischen Teil des Banats gegeben hat, keine wilden Vertreibungen wie aus der Tschechoslowakei oder Polen. Die deutsche Sprache wurde nicht verboten. Das ließ die Banater Schwaben wieder Mut schöpfen. Die kommunistische Diktatur mit dem Geheimdienst Securitate hatte das Land total im Griff. Es ist zutreffend, was der Banater Schriftsteller Richard Wagner so beschreibt: „Alle sprachen leise, obzwar es Tag war“. 1962 beschlossen wir, nach Deutschland auszuwandern. Nachdem wir mehrere Absagen auf unsere Anträge erhalten hatten, folgte ein Spießrutenlauf. Wir beschlossen, auf eigene Faust den Eisernen Vorhang zu überwinden. In Absprache mit meinen Schwiegereltern und meiner Frau entschloss ich mich, die Flucht durch die Donau zu wagen. Alle Sicherheitsvorkehrungen waren getroffen. Ich verabschiedete mich von meiner Mutter und meinen Geschwistern ohne Umarmung und ohne Händedruck. Den göttlichen Segen holte ich mir im Temeswarer Dom, und am 9. Oktober 1978 abends ging es los. In der Großgemeinde Jahrmarkt (Giarmata) im Banat ließen wir Haus und Hof zurück, alles, was für Generationen zur Heimat geworden war. Die deutsche Gemeinschaft in Jahrmarkt war damals noch relativ intakt. Es gab eine Schule mit deutscher Unterrichtssprache, deutschen Gottesdienst, den Feuerwehr-, Rosenkranz- und Leichenverein, die Faschings- und Musikantenbälle, die Schlittenfahrten im Winter bei Glühwein und volkstümlichem Gesang, woran fast die ganze Gemeinde teilnahm. So gesehen, konnten wir uns wirklich nicht beklagen - nur der Drang nach Freiheit war größer. Wir wollten frei denken, reden, reisen und handeln. Wir fuhr übernachteten wir. Um 3 Uhr ging die Fahrt mit dem Bus 40 Kilometer donauaufwärts. Wir passierten drei Grenzkontrollen. Schwer bewaffnete Grenzsoldaten kontrollierten uns. Ein Ortskundiger, der uns begleitete, hatte den Busfahrer und die Grenzsoldaten bestochen. Am Abend des 10. Oktober 1978 gegen 19 Uhr verließen wir das Haus des Schleusers. Nach einem Fußmarsch von sieben Kilometern erreichten wir einen Schafstall. Es war eine sehr ruhige, helle Mondscheinnacht, aber die Nerven lagen blank. Vor uns lag der Abstieg zur

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Donau durch abschüssiges Gelände. Auf halbem Weg sahen wir ein rumänisches Grenzpatrouillenboot die Donau hinauffahren. Das rumänische Ufer wurde hell beleuchtet. Wir blieben wie gelähmt stehen. Doch das Boot entfernte sich allmählich, so dass wir den Weg fortsetzen konnten. Mit dem Gesicht zur Felswand mussten wir auf ein paar Baumstämmen eine Schlucht überqueren. Die Schlauchboote, die wir zur Flucht brauchten, wurden einen Tag vorher von einem Kollegen ans Donauufer gefahren. An der Donau angekommen, verhielten wir uns eine halbe Stunde lang ruhig und beobachteten den Strom. Auf mein Drängen hin beschlossen wir, zu starten. Die Boote wurden aufgepumpt. Die Tante des Schleusers, die uns begleitet hatte, bat um absolute Ruhe, damit sie hören könne, ob sich von rechts oder links ein Schiff nähert. Sie gab den Start frei für die folgenden 30 Minuten. Das Ufer war sehr steil, so dass wir aus etwa zwei Metern Höhe in die Schlauchboote springen mussten. Wir paddelten los. Nach 20 Metern erblickten wir auf der linken Seite eine rote Laterne, die genauso aussah wie die auf dem Patrouillenboot. Ein Schrecken fuhr uns in die Glieder. Wir stellten aber im Nachhinein fest, dass diese Laterne an einer Felswand angebracht war und dem Schiffsverkehr diente. Wir schöpften wieder Mut. Über der Donau bildete sich eine Dunstglocke, die in dieser mondhellen Nacht zu unserem Vorteil war. Wir ruderten mit allen Kräften und spürten den Sog des Donaustroms in der Mitte. Am serbischen Ufer angekommen, zogen wir die Boote aus dem Wasser und verschwanden im Wald. Als wir uns beruhigt hatten, ging einer von uns auf die Anhöhe, um nachzusehen, ob uns Erich H. aus Köln erwartete. Erich war gemeinsam mit seiner Familie bei uns in Rumänien oft zu Besuch gewesen und sollte uns auf jugoslawischer Seite weiterhelfen. Ich hab es heute noch in den Ohren: „Wollt ihr wirklich eure schöne Heimat verlassen,“ fragte mich Lieselotte H. aus Köln. Um nicht aufzufallen und verraten zu werden, trachteten wir, auf direktem Weg nach Belgrad zu gelangen. Wir schliefen auf einem einsamen Parkplatz in Erichs Auto. Am nächsten Morgen gingen wir zur deutschen Botschaft. Um 8 Uhr kamen wir dort an und wurden freundlich empfangen. Weil wir Fotos und den rumänischen Personalausweis bei uns hatten, ging alles recht schnell. Wir bekamen Geld für Bahnfahrkarten von Belgrad nach Nürnberg. Der deutsche Botschafter gab uns mit auf den Weg, uns ruhig zu verhalten, denn wir seien in einem kommunistischen Staat. Gegen 15 Uhr verließen wir Belgrad. Um 3 Uhr waren wir an der österreichischen Grenze, durften aber noch nicht jubeln, denn wir hatten Deutschland noch nicht erreicht. Am Morgen erreichten wir Freilassing. Die deutsche Grenzschutzpolizei staunte, denn wir waren unter den ersten aus Jahrmarkt, die solch eine Flucht gewagt hatten. Wir mussten aussteigen, es wurde ein Protokoll aufgenom-

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men, und wir durften zum ersten Mal bayerische Knödel und bayerisches Bier kosten. Die bayerischen Polizisten gaben uns die besten Wünsche für die Zukunft mit auf den Weg, und dann waren wir endlich frei. Drei Monate später folgte mir meine Frau auf ähnliche Weise über die Donau. Je Person haben die Schlepper 50.000 Lei kassiert. Eine Vierzimmerwohnung in einem Plattenbau kostete damals etwa 120.000 Lei. Unsere beiden Kinder blieben bei den Schwiegereltern. Einen Monat nach der Ankunft in Deutschland hatte ich Arbeit in einer Malerwerkstatt gefunden. Meine Frau und ich Mathias Possler (links) und sein mit ihm sind in Abwesenheit in Rumänien wegen geflüchteter Jahrmarkter Landsmann Jakob illegalen Grenzübertritts zu zwei Jahren Britt nach der Ankunft 1978 in Deutschland Freiheitsstrafe verurteilt worden. Es war sehr schwierig, Nachrichten über unsere Kinder zu bekommen. Die Telefongespräche wurden abgehört und wirkten sich negativ auf die noch nicht genehmigte Ausreise unserer Kinder aus. So gingen acht Monate ins Land, bis wir unsere Kinder am Frankfurter Flughafen begrüßen konnten. Am 23. August 1979 kamen Jürgen und Thomas an. Als Kleinkind musste Thomas während des Fluges von Rumänien nach Deutschland von einer erwachsenen Person begleitet werden. Ein bekanntes Ehepaar aus Jahrmarkt reiste am selben Tag legal aus Rumänien aus und betreute unsere Kinder während des Fluges. Nach anderthalb Jahren im Übergangswohnheim in Metzingen bezogen wir eine neue Wohnung in Rommelsbach. Ich fand einen neuen Arbeitsplatz bei der DaimlerBenz AG in Sindelfingen. Jürgen Die ersten Besucher im Übergangswohnheim beim Ehepaar Possler, Banater Landsleute aus Sackelging hier problemlos weiter zur hausen und Tschene. In der Bildmitte Mathias Schule und Thomas in den KinderPossler, links neben ihm seine Frau Anna, vorne garten. Ich hatte einen Cousin im Schwägerin Erna.

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Reutlinger Ortsteil Orschel-Hagen, dessen Vater im Zweiten Weltkrieg gefallen war. Er kam schon 1962 im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland und stand uns mit Rat und Tat zur Seite. Schnell fand sich der Kontakt zu den Arbeitskollegen, mit denen wir zusammen viele Feste feierten. Es ging stetig bergauf. Wir fühlen uns zu Hause und integriert. 1982 folgten meine Schwiegereltern legal nach, sie bezogen im Reutlinger Ortsteil Rommelsbach eine Wohnung. 1985 kauften wir eine Doppelhaushälfte im selben Ortsteil, die wir fünf Jahre bewohnten. Weil die Kinder größer wurden und die Doppelhaushälfte zu klein wurde, beschlossen wir, ein Haus zu bauen, in das die Schwiegereltern mit einzogen. „Gemeinsam sind wir stark“, lautet unsere Devise. Vier Generationen an einem Tisch. Alle unter einem Dach, wie in der alten Heimat. Die Aussiedlung betrachten wir als einen richtigen Schritt, keiner aus unserer Familie hat ihn bereut. In Rumänien war ich Maler und Lackierer, meine Frau Friseurin, hier in Deutschland üben wir beide weiter unsere Berufe aus. Nebenbei bin ich ehrenamtlich tätiges Mitglied der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Unser Sohn Jürgen führt einen selbstständigen Malerbetrieb in Rommelsbach, und Thomas ist Berufssoldat. Mathias Possler wurde am 20. Oktober 1949, seine Frau Anna am 15. März 1951 in Jahrmarkt geboren.

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Mit dem Kopf durch die Wand Von Gerhard Dabi Es war in den Sommerferien 1973. Noch ein Jahr an der Fakultät für Zivil- und Industriebauten des Polytechnischen Instituts Klausenburg lag vor mir, und dann sollte ich als junger Bauingenieur irgendwo im Land verblöden. Man wusste nicht, wohin einen das Schicksal verschlagen würde, man war der staatlichen Planwirtschaft ausgeliefert. Meine Absicht war, in meine Heimatstadt Hermannstadt zurückzukehren, aber das war Wunschdenken. Die Ferien hatte ich in den letzten Jahren meist zu Hause, aber auch einige Male am Schwarzen Meer oder auf Bergtouren verbracht. Oft traf ich dabei Bekannte oder Verwandte, die aus der BunGerhard Dabi desrepublik Deutschland oder Österreich zu Besuch gekommen waren, es waren stets lustige und unbeschwerte Tage. Doch jedes Mal, wenn der Abschied nahte, waren es immer die gleichen Gefühle, die einen als Zurückbleibender beschlichen. Einerseits die fröhlichen, unbekümmerten Besucher, die sich schon auf die Rückkehr in die freie Welt mit all ihren Annehmlichkeiten freuten, und wir, die zurückbleiben mussten und bloß neidvoll davon träumen konnten, vielleicht auch einmal ohne Beschränkung reisen zu dürfen, andere Länder kennenzulernen, sich eine Scheibe vom westlichen Wohlstand abschneiden zu dürfen, ohne Angst, Meinungen äußern zu dürfen, eben frei zu sein. In diesen letzten Ferien meiner Studienzeit hatte ich mir in den Kopf gesetzt, auch einmal über die Landesgrenzen zu sehen, um zumindest ein bisschen die Welt zu erkunden. Natürlich war das, wenn überhaupt, bloß in die sogenannten sozialistischen Bruderstaaten möglich. Also war es für mich nahe liegend, zu versuchen, eine Reise in die DDR zu unternehmen. Ich hatte die Anschriften einer Vielzahl von Zufallsbekannten, Brieffreunden, aber auch Leuten, die aus Hermannstadt stammten und durch die Kriegswirren oder nach der Deportation nach Russland dort ansässig geworden waren. Zu meiner großen Überraschung bekam ich schon drei Wochen nach Antragstellung den Reisepass. Es wurde meine erste große Auslandsreise, abgesehen von einem Kurzbesuch als Kind bei einer Tante in Ungarn. In den drei Wochen war ich im südlichen Teil der DDR viel mit Zug, Bus und per Anhalter unterwegs, konnte viel Neues sehen und wurde überall herzlich aufgenommen. Ich kehrte heim mit dem Gefühl, etwas

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Besonderes erlebt zu haben. In den folgenden fünf Jahren hatte ich zur Genüge Gelegenheit, die „vielseitig entwickelte sozialistische Gesellschaft“ kennenzuleriums 1974 bekam ich mit etwas Glück in Hermannstadt Arbeit. Gerade hatten die Arbeiten am neuen 17geschossigen Hotel „Continental“ begonnen. Investor war das Kreisamt für Touristik Hermannstadt, und das hatte die Stelle eines Bauleiters frei. Beim Bauunternehmen des Kreises Hermannstadt waren die beiden altgedienten Ingenieure Dieter K. und Julis B. tätig, ehemalige Schulkameraden und Freunde meiner Eltern. Sie hatten auch den Hotelbau in Auftrag, so dass ich durch ihre Vermittlung die Stelle bekam. Als Anfänger musste ich mich in die Arbeit stürzen, was mir durch die Unterstützung lieber Kollegen im technischen Büro des Touristikamtes auch gut gelang. Wir waren acht Mann, einschließlich unseres Chefs Nicolae C., ein umtriebiger und gebildeter Mann, aber das reinste Nervenbündel. Das war weiter nicht verwunderlich, denn allmählich lernte ich die sozialistische Misswirtschaft kennen. Nichts funktionierte normal, angefangen von Materialbeschaffung bis zu den Beziehungen zwischen den Firmen, der Investitionsbank, der Arbeitsmoral, der Einhaltung von Normen, letztendlich den Beziehungen zwischen den einzelnen handelnden Personen selber. Bestechung und Korruption waren an der Tagesordnung. Und obenauf thronte die Partei, ohne deren Richtlinien und Anweisungen nichts getan werden durfte. Einmal wöchentlich wurde auf der Baustelle ein Jour fixe abgehalten unter dem Vorsitz der Parteibonzen des Kreises. Daran mussten alle führenden Kader der beteiligten Firmen teilnehmen, also Investor, Baufirma, Projektanten und Stadtwerke. Die Parteikader gaben Anweisungen im Befehlston, und manch ein Direktor saß da mit gesenktem Blick und wurde wie ein Kindergartenkind behandelt. Der Zeitdruck war immens, was nicht schlimm gewesen wäre, hätte alles normal funktioniert. Es war die Zeit, als Rumänien alles, was nur möglich war, exportierte, um Devisen ins Land zu bekommen. In jeder Firma hatte der Export höchste Priorität, alles andere musste zurückstehen. Eines Tages musste ich nach Blasendorf (Blaj) in einen Betrieb fahren, um Türen und Fenster zu bestellen. Der Betriebsleiter hatte bloß ein mitleidiges Lächeln für mich übrig, als die Mengen und Termine zur Sprache kamen. Er hatte seinen Exportplan zu erfüllen, alles andere zählte nicht, wir hätten unendliche Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. Also wurde im nächsten Jour fixe darüber geklagt, und nur nach Einschaltung der höchsten Parteigremien konnte die Lieferung irgendwie in die Wege geleitet werden. Schlamperei war an der Tagesordnung. Eines Tages, fast ein Jahr früher als benötigt, wurde die neue Telefonzentrale geliefert. Die einzige Firma, die so etwas herstellte, saß in Bukarest und hatte gerade gemäß der Planwirtschaft die Kapazität für die Lieferung frei gehabt. Auf der Baustelle waren noch die Roh-

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bauarbeiten in vollem Gange. Die vier Meter hohe Vorrichtung mit der empfindlichen Anlage wurde einfach, ohne jemanden zu informieren, abgeladen und ungeschützt unter freiem Himmel gelagert. Dort bliebt sie den Winter über. Ein paar Tage vor der Hoteleröffnung wurde es hektisch. Als die Anlage ausgepackt wurde, floss uns der Rost regelrecht entgegen, all die sensiblen Kontakte und Bauteile waren Schrott. Eine Million Lei war in den Sand gesetzt. Woher jetzt Ersatz holen? Wer sollte das alles verantworten? Meine Chefs waren schier dem Verzweifeln nahe; sie hatten Angst, sich vor der Parteiführung und dem Inspektor der Investitionsbank, der für die Kontrolle der gelieferten Güter zuständig war, verantworten zu müssen. Eine Komödie Die Lösung des Problems? Eine Komödie. Einer meiner Bürokollegen, Techniker Stefan L., ein Halbzigeuner und ein sehr lieber Mensch, hilfsbereit und wortgewandt, immer zu Späßen bereit, meinte, er könnte versuchen, das Problem zu lösen. Er kenne den Pförtner der Bukarester Elektronikfirma, die die Telefonanlagen herstellt, er würde mit ihm Verbindung aufnehmen, ob nicht was zu „arrangieren“ sei. Nach etlichen Telefonaten war die Sache klar. Sofort wurde eine Sitzung im engsten Kreis, mit meinem Chef, dem Generaldirektor des Touristikamtes, Stefan und mir einberufen. Ich sollte umgehend nach Bukarest zu der Firma fliegen und „Entsprechendes“ mitnehmen. Nach einigen Gesprächen unseres Direktors mit den Chefs der größten Restaurants in Hermannstadt, die alle dem Touristikamt unterstellt waren, war die Sache organisiert, und das „Entsprechende“ trudelte in den nächsten Stunden ein, alles ausländische Ware: Kaffee und Zigaretten, edle Getränke und Kosmetika. Jeder Lokalchef musste „seinen Beitrag“ leisten. Dann wurde ich mit zwei Koffern zum Flughafen gebracht. In Bukarest fuhr ich mit dem Taxi direkt zu der Firma, wo mich der Pförtner schon erwartete. Er wies mich an, in einem Konferenzsaal zu warten und verschwand mit den beiden Koffern. Nach zwei Stunden kam er strahlend zurück, wedelte mit Papieren und sagte, es sei alles klar. Er übergab mir die Papiere und meinte, ich solle ruhig nach Hause fahren, in zwei Tagen würde uns eine neue Anlage geliefert und die ruinierte abgeholt werden, um überholt und im Werk aufbewahrt zu werden. So einfach war das. Natürlich kriegte auch unser Bankinspektor „entsprechende Geschenke“, um über die Affäre hinwegzusehen, und so war alles unter den Teppich gekehrt und wieder in Ordnung. Dass beim Einbau der Telefonzentrale noch einmal die fertige Fassade aufgebrochen werden musste, weil sie nicht durch das Treppenhaus passte, war nur noch eine unwichtige Nebenerscheinung. Die Lieferung und Montage der Aufzüge sollte erfolgen. Die Bukarester Firma besaß als einziger Lieferant das Monopol, und dementsprechend führten

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sich ihre Angestellten auch auf. Die Monteure waren so etwas wie kleine Könige im Lande. Eines Tages tauchte der Chef der Truppe auf, die unsere Aufzüge montieren sollte, er wollte unseren Chef sprechen. Der Typ sah wie ein echter Schotte aus, rothaarig mit Sommersprossen und schräg aufgesetzter Baskenmütze, bloß der Rock und der Dudelsack fehlten. Nach einer halben Stunde kam er zusammen mit meinem Chef, der immerhin auch stellvertretender Direktor des Unternehmens war, aus dessen Büro heraus, verschlagen lächelnd, mein Chef hintendrein buckelnd. Für die Übergabe der Aufzugsschächte zur Montage galten strenge Normen. So war zum Beispiel eine Abweichung von der Vertikalen von höchstens 15 Millimetern zulässig, was bei der Höhe der Schächte von 50 Metern ein Ding der Unmöglichkeit war. Auch konnten solche Abweichungen problemlos bei der Montage ausgeglichen werden. Dies war also ein Grund für den Monteur, die Übernahme zu verweigern. Mit dieser Masche konnte er, wann immer er wollte, einfach seine Truppe mit der Begründung abziehen, die Vorgaben seien nicht eingehalten worden; die Firma hätte genug andere Aufträge im ganzen Land zu erfüllen. Lösung des Problems: Die ganze Truppe wurde für die drei bis vier Wochen Montagedauer kostenlos im Hotel untergebracht bei bester Verpflegung im Restaurant. Zusätzlich wurde sie mit etlichen Paketen ausländischer Ware bedacht. Die Leute mussten bei Laune gehalten werden, und das nutzten sie auch gründlich aus, wussten sie doch, welche „Möglichkeiten“ das Touristikamt hatte. Gut ein halbes Jahr nach meiner Einstellung musste ich den Militärdienst antreten. Ich hatte Glück. Anfang Juli 1975 kam ich in eine kleine Einheit mitten in einem Wald, etwa zehn Kilometer von Pl es ein halbes Dutzend Gebäude, sie waren umgeben von ausgedehnten Obstbaumplantagen. Die ganze Anlage diente bloß der Überwachung und Verwaltung von weitläufigen unterirdischen Lagern, in denen Uniformen, Stiefel, Lebensmittelkonserven und dergleichen aufbewahrt wurden. Zur Überwachung waren bloß eine handvoll Soldaten nötig, die rund um die Uhr im Einsatz waren. Dort wurde unsere etwa 40 Mann starke Neulingstruppe untergebracht. Es waren durchwegs Hochschulabsolventen, die etwas auf dem Kerbholz hatten; mancher hatte Verwandte im Westen, andere hatten Ausreiseanträge gestellt oder waren politisch aufgefallen. Einer hatte beispielsweise einen Heiratsantrag mit einer Holländerin gestellt. Obendrein waren wir alle relativ „alte Semester“, das heißt zwischen 25 und 30 Jahre alt. Der älteste war ein 33jähriger Architekt. Offensichtlich hatte man nicht recht gewusst, was mit uns anzufangeni, und hatte uns hier versteckt. Die Offiziere kamen um 8 Uhr aus der Stadt zum Dienst, um 16 Uhr verließen sie die Einheit, und wir waren uns selbst überlassen. Wir spielten Fußball, lagen faul in der Sonne, genossen das frische Obst von den Bäumen und spielten bis spät in die Nacht Karten. Die kaum 20jährigen Korporale der einfachen Wach-

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truppe, die eigentlich unsere Vorgesetzten sein sollten, hatten überhaupt keine Autorität uns gegenüber und holten sich bloß Spott und Ironie ab, also ließen sie uns lieber in Ruhe. Wir gehörten zu den letzten, die den Militärdienst nach dem Studium leisten mussten. Die Tage vergingen recht langsam, und wir wähnten uns wie auf Kur. Manchmal war es so langweilig, dass wir uns richtig freuten, wenn einmal ein Nachtmarsch angesetzt wurde oder wenn ab und zu eine neue Ladung Konserven abgeladen werden sollte. Eines Tages wurden wir zu einer Schießübung gefahren. Als wir ausstiegen, kamen wir den anwesenden Soldaten wie Außerirdische vor. Es waren Truppen des Geheimdienstes Securitate, die ihre Übungen absolvierten. Die armen jungen Kerle wurden in voller Montur durch Schlamm und Wassergräben gehetzt, mussten über das Gelände robben und sahen aus wie Schweine. Dagegen wir in unseren erlesenen und sauberen Uniformen mit Bügelfalten. Jeder von uns durfte die ersten und einzigen vier Kugeln während der ganzen Dienstzeit abfeuern, und schon waren wir unter den neidvollen Blicken der Soldaten im Bus verschwunden. Nach zweimonatiger Grundausbildung wurde unsere Truppe in alle Winde zerstreut. Ich kam mit sechs Kameraden zu einer Einheit nach Bukarest. Wir sollten innerhalb der Hauptkommandantur im Planungsbüro arbeiten. Es sollten serienweise Projekte erstellt werden für die Einführung von Fernheizungen in Kasernen. Nun waren aber bloß drei der Kameraden dafür Fachingenieure, die andern drei, einschließlich mir, hatten kaum etwas zu tun und langweilten sich. Vier Mann waren Bukarester, sie durften um 16 Uhr, nach Dienstschluss, nach Hause gehen. Ein Kamerad und ich mussten in einer nahen Kaserne wohnen. Wir zwei fühlten uns ungerecht behandelt und kamen mit unserem Hauptmann überein, dass wir abwechselnd zwei Wochen nach Hause fahren durften, wir mussten allerdings jeden zweiten Tag anrufen, für den Fall, dass man uns gesucht hatte. So verging die Zeit im Handumdrehen, und wir wurden um Weihnachten entlassen. Ich nahm meine Arbeit wieder auf. Das Hotel wurde 1976 in Betrieb genommen, und ich bekam andere Aufgaben zugeteilt; dazu gehörten auch Renovierungsarbeiten an Berghütten, die dem Touristikamt gehörten. Unter anderem sollte neben der Bulea-Hütte in 2000 Metern Höhe ein Hotel gebaut werden. Die schneefreie Zeit dauerte drei Monate, in denen unter Extrembedingungen gearbeitet werden musste. Für diese Arbeiten wurde das Militär herangezogen. Doch schon nach einer Saison wurde wieder alles aufgegeben, man konnte kaum erkennen, dass dort überhaupt etwas geleistet worden war. Der Tag, an dem die Erde bebte Bei meinen beiden Chefs war ich recht gut angesehen, was sich eines Tages noch steigern sollte. Es war am 4. März 1977. Ich war mit meiner Freundin in einer deutschen Theateraufführung, als die Erde bebte und alle den Saal fluch-

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tartig verließen. Als sich alles wieder beruhigt hatte, wurde die Vorstellung zu Ende gespielt. Niemand konnte damals wissen, welch schreckliche Folgen vor allem in Bukarest zu verzeichnen waren mit 1.500 Toten. Ich dachte mir, dass vielleicht am Hotel, das damals das höchste Gebäude der Stadt, abgesehen von den Kirchtürmen, war, Schäden aufgetreten waren und schlenderte um die Ecke die paar Meter dahin, um mich umzusehen. Vor dem Hotel war eine beträchtliche Menschenmenge versammelt, viele im Schlafanzug. Es waren die an einem Kongress teilnehmenden Chefs vieler landwirtschaftlicher Genossenschaften. Aus der Dunkelheit tauchte plötzlich der große Direktor unseres Amtes zusammen mit den andern Chefs auf. Als er mich sah, drehte er sich zu den anderen hin und sagte: „Da könnt ihr mal sehen, was Verantwortungsbewusstsein bedeutet. Unser junger Ingenieur ist sofort zu seinem Bau geeilt, um nach dem Rechten zu sehen“. Ich musste für mich grinsen. Wochen später hatte ich Gelegenheit, in Bukarest die Erdbebenschäden zu sehen. Im zehnstöckigen Touristik-Ministerium im Stadtzentrum waren Betonstützen geborsten und nur notdürftig mit Stahlklammern gesichert. Ich stellte mir vor, mit welch unangenehmem Gefühl die Angestellten darin arbeiten mussten. 1978 war mein großes Pechjahr. Das Thema Auswanderung kam immer wieder zu Hause und im Freundeskreis zur Sprache. Die Verhältnisse im Lande wurden immer schlechter und bedrückender, jeder versuchte, nach Deutschland zu gelangen, um der Perspektivlosigkeit zu entfliehen und um ein Leben in Freiheit und geordneten Verhältnissen zu führen. Dabei hatten nur jene wirkliche Chancen auf Erteilung einer Ausreisegenehmigung, die Verwandte ersten Grades im Westen hatten. Immer wieder hörte man von gelungener Flucht. Mir kam die Idee, meinen Sommerurlaub in der DDR zu verbringen, wie schon fünf Jahre davor, um mich dort nach Fluchtmöglichkeiten umzusehen. Dabei war klar, dass so eine Aktion auf keinen Fall über die bestbewachte Grenze des Eisernen Vorhangs geschehen konnte. Ich stellte mir vor, dass ich mit meinem ausländischen Pass weniger Schwierigkeiten haben würde als DDR-Bürger, die ihrerseits Fluchtmöglichkeiten über Jugoslawien, Rumänien und Bulgarien suchten. Eine verkehrte Welt. Doch dieses Mal erhielt ich zu meiner Überraschung eine Absage. Ich dachte mir, dass vielleicht einer der Gründe meine Parteilosigkeit war. Man hatte mich zwar zweimal angesprochen, ein Eintrittsgesuch zu schreiben. Weil ich aber jedes Mal abgelehnt hatte, ließ man mich in Ruhe. Frustriert ging ich ins Passamt, wo ich mich empört zeigte und vorwurfsvoll nachfragte, warum mir der Pass verweigert worden war. Die Folge: Zwei Wochen später erhielt ich tatsächlich die Reisegenehmigung. Die Reise in die DDR über Ungarn und die Tschechoslowakei verlief reibungslos. Ich blieb nur zwei Tage bei Bekannten in Dresden und fuhr dann nach Berlin. Bei meiner ersten Reise hatte ich Berlin nicht besucht. Ich hatte die An-

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schrift eines Cousins meines Onkels dabei, der nach dem Krieg nach Berlin verschlagen worden war. Nun war er schon seit etlichen Jahren Rentner und lebte zusammen mit seiner Frau in einer riesigen Villa mit Garten. Er war als Arzt tätig gewesen und angeblich einer der besten Krebsforscher. Die Aufnahme war sehr herzlich, obwohl ich die beiden Alten bis dahin nicht kannte. Ich machte ihnen aber sogleich klar, dass ich bloß abends zum Schlafen kommen werde, den Rest des Tages würde ich in der Stadt verbringen, um vieles zu sehen und zu erleben. Nach einer Stadtrundfahrt nahm ich mir einzelne Sehenswürdigkeiten vor. Vom Fernsehturm auf dem Alexanderplatz konnte ich gut den Verlauf der Mauer erkennen und weit nach West-Berlin schauen. Wie paradox: Alles schien von dort oben so klein und leicht, man meinte fast, die goldene Siegessäule in der Ferne mit dem Finger berühren zu können. Da lag also das Land meiner Träume, so nah, und doch so unerreichbar fern wegen der Mauer, die sich wie ein Wurm quer durch die Stadt zog. Ich saß stundenlang auf dem Turm in Gedanken und Träumen versunken und überlegte, was ich versuchen könnte, um ins „gelobte Land“ zu gelangen. Erste Niederlage Ich wollte mit der U-Bahn hinüber fahren. Ich begab mich also mitten im Zentrum zur Station Friedrichstraße. Ich war überrascht, dass man sich problemlos am Kassenschalter eine Fahrkarte für 1,50 Mark nach West-Berlin kaufen konnte, also zum selben Preis wie auch für jede andere beliebige Fahrt. Ohne Gepäck fuhr ich mit der Rolltreppe in die Station hinab. Ich passierte eine erste Ausweiskontrolle. Der Grenzer hatte mich zwar ziemlich komisch gemustert, aber mir den Pass wortlos zurückgegeben und mich durchgewinkt. In meinem Kopf begann es zu rotieren, ich sah mich schon in der U-Bahn in Richtung Westen fahren. Unten angekommen, gab es eine zweite Sperre, an der man gründlich kontrollierte. Ein Grenzoffizier nahm mir den Pass ab und blätterte darin. Dann musste ich ihm folgen. Er wies mich an, mich auf eine Bank am Bahnsteig zu setzten und verschwand mit meinem Pass. Die U-Bahn stand mit offenen Türen leer und abfahrtbereit keine fünf Meter neben mir, allerdings war sie bewacht. Ab und zu stieg ein Fahrgast ein, meist Leute im Rentenalter. Nach fast einstündiger Wartezeit, in der ich zusehends nervöser wurde, kam der Offizier endlich zurück, gab mir strengen Blickes den Pass zurück und sagte im forschen Ton, dass ich damit hier nicht ausreisen könne, ich müsste mir dafür bei der rumänischen Botschaft ein Visum geben lassen. Damit war für ihn die Sache erledigt, er schubste mich zum Eingang zurück. Eine erste Niederlage. Was nun weiter? Ich hatte in Rumänien gehört, dass es angeblich Leuten gelungen war, sich von der russischen Botschaft ein Visum für West-Berlin zu

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beschaffen. Also machte ich mich am nächsten Tag auf die Suche nach der russischen Botschaft, ein imposanter Bau „Unter den Linden“. An der Pforte trug ich mein Anliegen vor und wurde auch recht freundlich gebeten, in einem großen Warteraum Platz zu nehmen. Nach einiger Zeit kam ein junger Beamter, um sich mein Problem anzuhören. Er sagte, da müsse er sich erkundigen, nahm meinen Pass und verschwand damit. Wieder begann ich, innerlich zu beten und zu hoffen. Alsbald kam er zurück und gab mir freundlich Auskunft, dass für diese Angelegenheit nur die rumänische Botschaft zuständig sei. Umsonst versuchte ich, Einwände vorzutragen, ich wäre in Zeitnot und es handele sich bloß um ein Tagesvisum, um einen Onkel in West-Berlin mit einem Kurzbesuch zu überraschen. Er hob nur bedauernd die Schultern und verabschiedete sich. Die zweite Niederlage. Zu der Zeit hielt sich mein guter Freund Klaus B. zum Studium in WestBerlin auf. Wir kannten uns seit früher Kindheit, unsere Väter waren Klassenkameraden gewesen und hatten, später, als die Kommunisten an die Macht gekommen waren, in einem alten Schuppen auch eine kleine Werkstatt für galvanotechnische Arbeiten zusammen eröffnet. Mit Klaus hatte ich im Gymnasium die Schulbank gedrückt. Er war 1971 mit seiner ganzen Familie in die Bundesrepublik ausgewandert, und nun studierte er in West-Berlin. Ich konnte ihn telefonisch erreichen, und er kam auch sofort herüber. Nach sieben Jahren genossen wir das Wiedersehen. Klaus hatte eine Sondergenehmigung für den Zutritt in Ostberliner Archive zwecks Nachforschungen für seine Diplomarbeit, hielt sich also öfter im Ostteil der geteilten Stadt auf. Wir erzählten, wie es uns in den Jahren ergangen war, wie gern ich in den Westen gelangen würde und was ich bisher erfolglos unternommen hatte. Ebenso, dass die Chancen, eine offizielle Genehmigung zu erlangen, gegen null strebten. Wir trafen uns in den nächsten Tagen noch einige Male, saßen zusammen oder fuhren durch die Stadt, um uns einiges anzusehen. Da war zum Beispiel auch die Straße, in der früher die UFA-Filmstars gewohnt hatten, mit sehr schönen Villen. Die Spree bildete dort die Grenze, und zwischen Straße und Fluss verlief die Mauer. Wir hielten und stiegen nur kurz aus, weil Klaus meinte, dass es nicht erwünscht sei, sich hier aufzuhalten. Von der etwas erhöht verlaufenden Straße konnte man gut über die Mauer sehen. Drüben, am Westufer, sonnten und badeten die WestBerliner in entspannter Atmosphäre, hier aber, an unserem Ufer, war die graue, bedrohlich wirkende Mauer mit Wachposten. Wir sahen zu, dass wir wegkamen, um nicht aufzufallen. Wir verabschiedeten uns im Wissen, dass es wohl auf Jahre hinaus unsere letzte Begegnung gewesen ist. Meine nächste Station sollte die Ostsee sein. Noch ahnten wir nicht, wie schnell wir uns wiedersehen würden. Ich hatte gehört, dass es einem ehemaligem Klassenkameraden gelungen sein soll, über die DDR nach Dänemark zu gelangen. Leider kannte ich keine De-

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tails, es war gar nicht sicher, ob das auch stimmte oder nur ein Gerücht war. Ich hatte mir aber vorgenommen, mich unbedingt auch im Norden umzuschauen. Ich verabschiedete mich von meinen freundlichen Gastgebern in Berlin und fuhr mit der Bahn nach Rostock zu einer Architektenfamilie. Die Leute waren mir zwar nicht bekannt, aber wie so üblich in jenen Jahren, war ich in den Besitz von etlichen Adressen über Freunde und Bekannte gekommen. Viele DDRBürger verbrachten damals den Urlaub in Rumänien, um in den Karpaten zu wandern. Hermannstadt war ein idealer Ausgangspunkt. So lernte man den einen oder andern kennen und tauschte Adressen aus. Die Aufnahme bei der Familie in Rostock war herzlich und wie selbstverständlich. Da gerade Freitag war, wurde ich eingeladen, die zwei Tage mit der Familie in deren Wochenendhaus außerhalb der Stadt zu verbringen. Am Montag sagte ich meinen Gastleuten, dass ich den ganzen Tag unterwegs sein werde, um mir die Stadt anzuschauen und erst irgendwann abends zurückkehren würde. Ich fuhr zum Bahnhof, um ins 15 Kilometer entfernte Warnemünde an die Anlegestelle der Auto- und Bahnfähre nach Gedser in Dänemark zu gelangen. Der Zug von Rostock nach Warnemünde sollte mit der Fähre nach Dänemark übergesetzt werden. Ich hatte eine Fahrkarte bis Warnemünde gelöst. Schon im Bahnhof Rostock bezogen Grenzsoldaten auf beiden Seiten des Zuges Posten. Es schien, als ob sie einen Geisterzug bewachten, waren doch fast keine Reisende vorhanden. Bahnbegleiter kontrollierten den Zug, sahen in jeden Winkel, auch durch die Luken in die Dachzwischenräume. Auch im Bahnhof Warnemünde wurde der Zug von Soldaten umstellt, so dass kein Mensch unbemerkt hätte zu- oder aussteigen können. Ich verließ den Bahnhof und orientierte mich gleich in Richtung Fährhafen. Das ganze Gelände war wie ausgestorben. Ein riesiger Vorplatz, auf dem einsam ein halbes Dutzend Lastwagen auf den Durchlass wartete, und außer mir als Fußgänger war nur noch ein junges Pärchen mit Rucksäcken und aufgenähter dänischer Flagge unterwegs, offensichtlich Studenten auf der Rückreise. Ich gelangte zur ersten Sperre mit Kassenhäuschen und versuchte, möglichst unbefangen zu scheinen, was mir als einziger Fußgänger weit und breit nicht leicht fiel. Der Kassierer hatte in meinem Pass geblättert, aber mir dann doch anstandslos eine Hin- und Rückfahrkarte ausgehändigt, wofür ich etwa 30 Deutsche Mark zahlen musste. Innerlich begann ich wieder einmal leise zu jubilieren, natürlich erneut zu früh. Alle 50 Meter ein Wachsoldat In der Ferne konnte ich die abfahrtbereite hell erleuchtete Fähre sehen, auch der Zug war schon aufgefahren. Nun musste ich nur noch die 300 Meter entlang des Hafenkais bis dahin zurücklegen, vorbei an den Wachsoldaten, die alle 50 Me-

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ter aufgestellt waren. Dann musste ich durch einen letzten Kontrollpunkt, einen kleinen Bau, hinter dem direkt die Fußgängerbrücke zur Fähre anschloss. Drinnen gab es einen schmalen Durchgang, durch den höchstens eine Person passte, und rechter Hand eine hohe Theke, hinter der ein Grenzer saß, so dass gerade nur seine Offiziersmütze sichtbar war. Ich konnte nicht sehen, was der Mann machte, aber das übliche Blättern und Suchen im Pass war in vollem Gange, wie ich es den Geräuschen entnehmen konnte. Dieses Mal dauerte es außergewöhnlich lange, und meine Hoffnung auf ein Durchkommen schwand entsprechend. Nach einem kurzen Telefonat des Grenzers erschien ein Vorgesetzter, nahm den Pass an sich und verschwand damit. Ungeduldiges, nervöses Warten, bloß zehn Schritte noch, und ich wäre in der Freiheit, hämmerte es in mir. Irgendwann erschien der Offizier wieder, stellte sich breitbeinig in den Durchgang, überreichte mir hämisch grinsend den Pass und sagte nur: „Mit diesem Pass kommen Sie hier nicht durch“. Umsonst versuchte ich, zu erklären, dass es sich bloß um einen 24-Stunden-Kurzbesuch handele. Ich solle doch zu meiner Botschaft gehen und mir dafür ein Visum geben lassen, meinte er abfällig und war nicht bereit, sich auf weitere Diskussionen einzulassen. Auch mein Einwand, dass ich schon eine Fahrkarte hätte, beeindruckte ihn überhaupt nicht, ich könnte versuchen, mein Fahrtgeld an der Kasse wiederzubekommen. Ich ging wortlos, und als ich schon an der Eingangstür war, rief er mir hinterher, ich solle zurückkommen. „Geben sie mir noch mal Ihren Pass“, sagte er, verschwand erneut damit, kam aber gleich wieder, gab mir den Pass zurück und deutete an, ich solle nun gehen. In Gedanken versunken und niedergeschlagen, ging ich am Kai entlang zurück, bekam mein Geld wieder, und draußen war ich. Jetzt durchfuhr es mich, warum hatte der Kerl von mir nochmals den Pass verlangt? Ich durchblätterte ihn und fand den Grund. Auf der letzten Seite hatte er mir einen Stempel der Grenzstation Warnemünde eingedrückt und diesen handschriftlich durchgestrichen und mit dem Vermerk „ungültig“ versehen. Damit hätte ich nun die größten Schwierigkeiten bei der Rückkehr und Passabgabe gehabt. Ich hätte den Pass allerdings vernichten können und ihn bei der Botschaft in Berlin als verloren melden können. Aber in diesen Momenten reifte nun der Gedanke endgültig in mir heran, jetzt erst recht alles zu versuchen, um zu fliehen, selbst mit dem Kopf durch die Wand. Ich kehrte nach Berlin zu den freundlichen Gastgebern zurück. Dann rief ich Klaus in West-Berlin an, und wir trafen uns erneut. Auf einer einsamen Parkbank erzählte ich ihm, wie es mir ergangen war, dass ich nicht mehr zurück nach Rumänien wollte und wohl auch sobald keine Gelegenheit gehabt hätte, wieder einmal auszureisen. Er solle mir helfen, irgendwie nach drüben zu gelangen. Wir trennten uns, und er versprach mir, sich zu kümmern, er habe schon von möglichen Fluchthelfern gehört und wolle versuchen, etwas in die Wege zu leiten. In der Zwischenzeit solle ich mich beruhigen und mich möglichst abzu-

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lenken versuchen, was ich dann auch in den nächsten Tagen durch Besichtigungen und Museumsbesuche machte. Nach drei Tagen kam Klaus über die Zonengrenze. Es sollte unser letztes Treffen für viele Jahre werden. Er berichtete mir, dass er Leute kontaktiert hatte, die bereit waren, mich hinüber zu schleusen, und die hätten das auch schon mehrmals gemacht. Die Aktion sollte allerdings 6.000 Mark kosten. Natürlich verfügten er als Student und ich schon ganz und gar nicht über solch eine Summe. Mir fiel als einzige Möglichkeit nur eine bekannte Familie in Herford ein, die eventuell helfen konnte. Es war eine Zufallsbekanntschaft meiner Eltern. Seit vielen Jahren bestand enger Briefkontakt, die Familie war auch schon zu Besuch in Hermannstadt. Auch hatte ich 1969 mit dem Sohn der Familie und dessen Freunden einen Zelturlaub am Schwarzen Meer verbracht. Es waren sehr wohlhabende Leute mit eigenem Betrieb, aber bescheiden und hilfsbereit. Wir vereinbarten, dass Klaus bei der Familie anrufen und ihnen meine Situation und Vorhaben erklären sollte mit der Bitte, die Summe bereitzustellen. Am nächsten Abend rief ich in Herford bei der Familie an, wir unterhielten uns freudig über Belangloses. Am Ende des Gespräches fragte mich die Frau ganz beiläufig, ob ich mich noch an das Geschenk erinnere, das sie damals bei ihrem Besuch in Hermannstadt erhalten hatten. Ich wusste sofort, dass es sich um einen bemalten Holzteller mit dem Siebenbürger Wappen handelt. Sie meinte, der Teller hinge auch jetzt noch an der Dielenwand als Erinnerung und es sei nun alles klar. Das war also bloß eine pfiffige Identifizierungsfrage gewesen, um sicherzugehen, dass die Geschichte auch wirklich stimmte, die ein ihnen unbekannter Mann am Telefon erzählt hatte. Nun wollte mein Freund noch einmal von West-Berlin kommen, um mir die Anweisungen zu geben, wie alles ablaufen sollte. Wir hatten bei unseren Telefonaten stets darauf geachtet, nichts Verdächtiges zu äußern und die Gespräche als harmlos erscheinen zu lassen. Dann erschien am Abend des nächsten Tages plötzlich eine junge Dame bei meinen Gastleuten und stellte sich als Gesandte meines Freundes vor, weil er nicht selber kommen könne. Also unterrichtete mich nun die Botin, was ich zu tun hätte. Ich sollte am nächsten Tag mit der Bahn nach Ludwigslust fahren, ein kleiner Ort an der Transitstraße 5 zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik. Dort sollte ich mich um 23 Uhr einfinden und mich am Ortsausgang an die Straße stellen, wo ich dann von einem dunkelblauen Opel abgeholt werden würde. Als Erkennungszeichen sollte ich mir eine Zeitung unter den Arm klemmen und kein Gepäck bei mir haben. Auch sollte ich meine knallgelbe Windjacke anhaben, um in der Dunkelheit besser gesehen zu werden. Am nächsten Tag verabschiedete ich mich wie immer von den Gastleuten und begab mich zum Bahnhof. Um sicher zu gehen und um mich vor Ort noch umzusehen, nahm ich schon den nächsten Zug und kam dementsprechend sehr früh

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in Ludwigslust an, einem verschlafenen Ort, menschenleer. Was nun, es war erst früher Nachmittag, und mir war klar, dass jeder Fremde sofort auffallen würde. Ich machte mich also auf, um die Umgebung bei Tageslicht zu erkunden. Gleich am Ortsausgang querte eine Bahnlinie die Straße, und daneben, an der Schranke, befand sich ein dreistöckiger Bahnwärterturm mit Fenstern nach allen Seiten. Dahinter war nur noch freie Wiese mit Büschen und etwa 200 Meter vom Turm entfernt eine größere Hecke, direkt entlang der Straße. Dahinter wollte ich mich am Abend verstecken. Ich ging zurück in den Ort, betrat die einzige Kneipe, die ich an der Hauptstraße finden konnte. Ich war der einzige Gast und bestellte beim Wirt etwas zu essen. Dann nahm ich mir lange Zeit, um Zeitung zu lesen, die Minuten und Stunden zogen für mein Gefühl unerträglich langsam dahin. Irgendwann kam noch eine Gruppe Dorfjugendlicher ins Lokal, die sich lärmend an einen Nebentisch setzten und mich immer wieder neugierig und tuschelnd anstarrten. War ja klar, dass da wohl jeder jeden kannte und ich halt der Fremde war. Irgendwann rückte dann der Abend heran, auch konnte ich nun nicht länger in der Kneipe sitzen, das wäre noch auffälliger gewesen. Also begab ich mich schlendernd zum entgegengesetzten Ortsausgang. Ich wollte in großem Bogen über Feld und Wald den Ort umgehen, um gegen 23 Uhr in der Dunkelheit an den vereinbarten Treffpunkt zu gelangen. Ich trachtete danach, möglichst nicht von den heimkehrenden Bauern gesehen zu werden. Als es dunkel war, wurde das Vorwärtskommen immer schwieriger, in der Ferne hatte ich als Orientierung immer die Lichter der Ortschaft, aber ansonsten konnte man kaum etwas erkennen. Ich stolperte einige Male über Elektrodrähte von Kuhweiden oder trat in Pfützen, alles mehr tastend und erahnend. Schließlich erreichte ich die Hecke, die ich mir ausgesucht hatte, und kauerte mich dahinter. Auf der Straße herrschte kaum Verkehr. Der Bahnwärterturm war erleuchtet, ich dachte bei mir, dass er womöglich auch schon Überwachungsfunktion der Transitstrecke hatte. Kurz vor 23 Uhr stellte ich mich an die Straße, um im Scheinwerferlicht der Autos gesehen zu werden. Schon nach wenigen Minuten sah ich, wie eines der recht schnell vorbeifahrenden Autos nach 50 Metern plötzlich mit quietschenden Reifen stehen blieb, wendete und bei mir auf der anderen Straßenseite hielt. Es war der dunkelblaue Opel mit schwarzem Dach. Ein Mann winkte mich heran und deutete mir an, im Wagenfond einzusteigen. Sie waren zu zweit, soweit ich erkennen konnte, zwei jüngere Typen mit langer Mähne und in Jeansmontur. Anstatt zu wenden, fuhren sie weiter in die Richtung, aus der sie gekommen waren, also wieder durch den ganzen Ort. Erst fünf Kilometer danach wendeten sie, um erneut den Ort in Richtung Grenze zu passieren. Bis zum Grenzkontrollpunkt Lauenberg/Horst waren es noch etwa 90 Kilometer. Die Typen sprachen nicht viel. Ich sollte kurz vor der Grenze die Rücksitzlehnen umklappen und mich dahinter legen. Die Trennwand zum Kofferraum war herausgeschnitten und

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dieser voll gestopft mit Teddybären aus Schaumstoff. Sie erzählten, dass sie diese Strecke mindestens einmal in der Woche fuhren, um die Ware von WestBerlin ins Bundesgebiet zu bringen. Sie waren schon an der Grenze bekannt und würden nicht kontrolliert. Wir näherten uns der Grenze, und ich versteckte mich hinter dem Rücksitz, lang ausgestreckt unter dem Haufen Teddybären. Ich hörte nur noch meinen Puls vor Aufregung hämmern, es war die Angst, entdeckt zu werden, aber auch die Vorfreude auf die neue Welt. Dann hörte ich einen der beiden Männer mit dumpfer Stimme sagen, ich solle mich nun ganz ruhig verhalten, wir seien gleich am Grenzübergang. Der Wagen hielt mit laufendem Motor, und ich konnte deutlich Gesprächsfetzen auffangen. Die beiden Fahrer unterhielten sich offensichtlich mit den Grenzern, und das allmählich immer erregter, was natürlich meine Unruhe steigen ließ. Ich konnte verstehen, dass gefragt wurde, wo sie denn so lange geblieben seien. Aus dem Stimmengewirr konnte ich dann nur noch befehlende Anweisungen heraushören, Geräusche die auf ein großes Metalltor hindeuteten. Der Wagen fuhr kurz an, dann wieder das dröhnende Schließen des Tores, und plötzlich Totenstille, minutenlang. Mir wurde klar, dass ich in der Falle saß. In diesen Momenten konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen, nur völlige Leere und Resignation in meinem Kopf. Im nachhinein kann ich nur spekulieren, warum alles schief gelaufen ist. Waren wir beobachtet worden? Wurden Telefonate abgehört? Oder war es einfach nur Pech. Ich vermute letzteres. Ich lag noch immer reglos im Versteck, draußen wurde es lauter, Befehle flogen hin und her, Waffengeklapper und Hundegebell waren zu hören. Nun fingen sie an, den Kofferraum auszuräumen. Es wurde immer heller, und bald konnte ich durch Lücken im Teddyhaufen erkennen, was draußen los war. Da stand ein halbes Dutzend Grenzsoldaten mit Waffen im Anschlag. Daneben zwei Schäferhunde, die an den Leinen zerrten und wütend bellten. Mir war klar, dass ich jetzt völlig bewegungslos bleiben müsste, weil die Bewacher genauso Angst hatten wie ich. Es soll vorgekommen sein, dass ertappte Flüchtlinge in ähnlicher Situation durchgedreht hatten und mit Waffengewalt selber zum Angreifer wurden. Ich stieg in Zeitlupentempo aus dem Kofferraum. Soldaten legten mich in Handschellen, die sie an einer Wand befestigten, so dass ich mich nicht umdrehen konnte. Flüchtig konnte ich davor eben noch erkennen, dass die beiden Fluchthelfer ebenfalls gefesselt an der Wand standen, getrennt durch Sichtblenden. Danach habe ich die beiden nie wieder gesehen. In einem kleinen Büro – ich war mit den Handschellen ans Heizungsrohr gekettet – nahmen mich Stasi-Leute ins Kurzverhör. In erster Linie wollten sie in den folgenden Wochen von mir erfahren, wie der Fluchtversuch organisiert wurde und vor allem, welche Leute damit zu tun hatten. Sie waren davon überzeugt, dass es sich um eine gut organisierte „Bande von Menschenhändlern“ handele und waren scharf darauf, das aufzudecken, um sich zusätzliche Stern-

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chen für die Schulterklappen zu verdienen. Noch in derselben Nacht wurde ich in einen Gefangenentransporter geladen und in Untersuchungshaft nach Berlin gefahren. Im Transporter waren etliche 60 mal 60 Zentimeter große zellenartige Abteilungen, in denen man sich nicht bewegen konnte. Mir war das im Moment völlig egal; erschöpft von den Aufregungen des Tages, war ich auch sofort eingeschlafen. Wie im Krimi Bei der Ankunft am Morgen in Berlin fragte mich ein Staatsanwalt, ob ich einen Dolmetscher brauche, und las mir die Anklage wegen versuchter Flucht vor. Die Aufnahme ins Gefängnis verlief so, wie sie aus jedem US-Krimi zur Genüge bekannt ist. Alles wurde mir abgenommen, Fingerabdrücke wurden gemacht, ich wurde fotografiert, erhielt Anstaltskleidung, schwarze Trainingshose, graues Hemd und Pantoffeln, dazu Seife, Zahncreme und -bürste, Handtuch. Die ganze Anlage machte einen blitzsauberen Eindruck, alles in Grau-Beige und kaltes Neonlicht getaucht. Die Einzelzelle mit Pritsche, Stuhl, Tisch, WC-Schüssel und Waschbecken, die schwere Tür mit Guckloch und Essensklappe. Es gab ein kleines Fenster unterhalb der Decke, so dass Hinausschauen nicht möglich war. In regelmäßigen Abständen beobachtete mich der Wachposten durch den Türspion. Dreimal am Tag wurde Essen durch die Klappe hereingereicht, alles sehr sauber, hygienisch und recht abwechslungsreich. Um 6 Uhr war Weck- und um 22 Uhr Schlafenszeit. Ein Notlicht brannte ununterbrochen, wir wurden rund um die Uhr beobachtet. Alle drei Tage wurde ein Elektrorasierer hereingereicht, einmal in der Woche wurden wir zum Duschen geführt. Bei Bedarf konnte man ärztliche Behandlung anfordern. Nach einem Monat bekam ich fürchterliche Ohrenschmerzen, eine Sache, die noch aus den Kinderjahren herrührte. Ich wurde gut behandelt, erhielt Medikamente und Bestrahlungen. Einmal am Tag gab es 30 Minuten Hofgang in etwa 16 Quadratmeter großen Parzellen, umgeben von drei Meter hohen Mauern, über die ein Laufsteg verlegt war, auf dem ein Wachposten seine Runden drehte. Ich nutzte die Zeit, um mich zu bewegen, lief im Kreise herum oder machte Turnübungen. Alles war so organisiert, dass man nie einen anderen Häftling zu Gesicht bekam oder sprechen konnte. Man war immer nur mit dem begleitenden Wachmann unterwegs. Manchmal hatte ich den Eindruck, in einer Geisterburg zu sein. Gleich am ersten Tag haben die Verhöre begonnen. Man geleitete mich ins Büro eines jungen Stasi-Offiziers. Dieser sollte während der drei Monate Haft mein ständiger und einziger Ansprechpartner werden. Im Bürotrakt gab es lange graue, in grelles Licht getauchte Flure mit einer Vielzahl von schallgedämmten Bürotüren und Signallampen, sowohl innen als auch außen. Diese zeigten dem Personal, welche Räume besetzt waren und wann ein Häftling unterwegs zum

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Verhör war oder gerade abgeholt wurde. Dadurch wurde verhindert, dass man andere Gefangene traf oder sprechen konnte. Das Büro meines Offiziers war ein kahler Raum mit Schrank, Schreibtisch mit Stuhl; ein weiterer Tisch mit Stuhl stand für den Häftling bereit. Außer einem Telefon, einer Verhörlampe, die einem ins Gesicht gerichtet werden konnte, und einem Notizblock war sonst nichts vorhanden. Die Verhöre fanden anfangs täglich, später in unregelmäßigen Abständen statt und dauerten oft den ganzen Tag. Das war nervenaufreibend, weil ich nie wusste, ob ich wieder dran war, und wenn, wie lange es dauern würde. Die Stasi war davon überzeugt, dass es sich in meinem Fall um einen Menschenhändlerring handele, der unbedingt enttarnt werden müsse. Der Offizier stellte mir unzählige Male immer wieder dieselbe Frage, er forderte mich auf, endlich zuzugeben, dass ich mit der Absicht ins Land gekommen war, um zu flüchten. Oft kam er dabei in Rage und brüllte mich einschüchternd an, weil ich immerzu alles verneinte und er sich nichts Neues notieren konnte. Das Fatale an der ganzen Geschichte war nämlich mein Adressbuch gewesen, das sie bei mir gefunden hatten. Dieses kleine rote Büchlein war außer dem Reisepass das einzige, was ich bei mir hatte, die Reisetasche hatte ich ja bei den Gastleuten zurückgelassen. Dieses Adressbuch wurde zum reinsten Alptraum. Darin waren all meine Adressen in Rumänien und fatalerweise Unmengen von Leuten in der DDR und der Bundesrepublik, teilweise von Leuten, an die ich mich gar nicht mehr erinnern konnte. Bei der Stasi Das war das gefundene Fressen für den Stasi-Offizier. Ich musste tagelang unzählige Protokolle schreiben und über jede Adresse Auskunft geben, wer die Person sei, woher ich sie kenne, in welcher Beziehung zu ihr stand, wann ich sie zum letzten Mal gesehen hatte. Ich wollte natürlich, dass keiner der Bekannten in der DDR, deren Adresse ich notiert hatte, wegen mir irgendwelche Schwierigkeiten bekommen sollte. Ich legte mir eine kleine Geschichte zurecht, die ich dem Offizier immer wieder erzählte, und zwar, dass mein Fluchtversuch keineswegs von Anfang an geplant war. Vielmehr wäre es eine spontane Sache gewesen, der Gedanke zur Flucht wäre mir erst spät während des BerlinBesuchs gekommen, keine weitere Person hätte etwas von meinem Vorhaben gewusst, auch nicht meine Eltern, denen ich nun sicherlich große Sorgen bereitet hatte, weil von mir kein Lebenszeichen mehr kam. Erst nach einem Monat durfte ich eine Postkarte nach Hause schreiben mit kurzer Angabe meines Aufenthalts. Als Alibi, dass es mit der Flucht wirklich bloß eine spontane Sache gewesen war und ich eigentlich wieder nach Hause fahren wollte, hatte ich etliche Geschenke eingekauft, die sich in meiner Reisetasche befanden. Während

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meiner Haft hat die Stasi all meine Angaben zu den DDR-Adressen überprüft und die ahnungslosen Leute zu meiner Person befragt. Allmählich wurde mein Offizier in den nächsten Wochen zusehends freundlicher, als er merkte, dass meine Angaben zu den DDR-Bekannten auch wirklich stimmten. Es gab auch einige Ungereimtheiten, die ich aber ausräumen konnte. Zum Beispiel hatte ich mir eine fiktive Adresse aus Ludwigslust ins Büchlein eingetragen, um im Falle einer Kontrolle angeben zu können, einen Bekannten besuchen zu wollen. Lustig war dabei, dass ich mir eine Friedensstraße ausgedacht hatte, die es dann aber auch tatsächlich gab. Natürlich suchten die Stasi-Leute vergebens an der eingetragenen Hausnummer nach der Person. Das schlimmste während der Haft war in den ersten Wochen die Einsamkeit. Alleine in der Zelle ohne jede Ablenkung von den täglichen Verhören, ohne Beschäftigung, immerzu die quälenden Gedanken, was mich nun erwarten würde. Als sich das Verhältnis zum Stasi-Offizier etwas zu entspannen begonnen hat, wurde mir erlaubt, Bücher zu lesen, natürlich meist politisch entsprechende Bücher. Mir war das egal, Hauptsache, ich hatte eine Beschäftigung und Ablenkung. Ich las während der drei Monate etwa 20 Romane, alles dicke Wälzer. Das wiederum wirkte sich schlimm auf meine Augen aus: Durch das ständige Nahesehen und den nur auf fünf Meter begrenzten Horizont in der Zelle und beim Hofgang verschlechterte sich meine Sehkraft derartig, dass ich richtig erschrak, als ich bei meiner Entlassung alles nur noch verschwommen wahrnehmen konnte. Davor hatte ich richtig Adleraugen gehabt. Vollständig hat sich das nie mehr gebessert. Ab und an durfte ich im Vernehmungszimmer eine Tageszeitung lesen, oder der Stasi-Offizier unterhielt sich mit mir über Sport und andere belanglose Dinge. Man legte anscheinend Wert darauf, dass ich als Ausländer keinen Grund zur Klage wegen schlechter Behandlung haben sollte. Ich musste sogar zweimal im Laufe der Haft eine Erklärung in diesem Sinne unterschreiben. Das allerbeste war dann nach sechs Wochen, als ich mit einem anderen Häftling zusammengelegt wurde. Das war ein Türke aus West-Berlin, etwa in meinem Alter. Er sprach zwar sehr schlecht Deutsch und war geistig nicht gerade besonderes gesegnet, aber wir unterhielten uns trotzdem irgendwie und manchmal bloß durch Handzeichen. Hauptsache, ich war nicht mehr alleine. Der Mann war todunglücklich, weil Bekannte sein Auto ohne sein Wissen zur Fluchthilfe benutzt hatten und aufgeflogen waren. Er wurde dann beim Besuch in OstBerlin verhaftet, und nun drohte ihm der Verlust des Arbeitsplatzes und dadurch die Abschiebung in die Heimat. Irgendwann ließ der Offizier durchblicken, dass ich nach dem Ende der Untersuchungen bald in die Heimat abgeschoben werden würde. Eines Tages brachte der Wärter meine Kleider. Ich zog mich um, und zwei Offiziere in Zivil brachten mich in einen Wagen des Typs Lada. Mit verbundenen Augen und in

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Handschellen ging es in eine Vollzugsanstalt. Mir wurde erklärt, dass ich dort den rumänischen Botschafter in Ost-Berlin treffen werde. Im Vorbeigehen konnte ich noch einen Blick in den Gefangenentrakt werfen. Das sah dort genauso aus, wie man es im Kino schon oft gesehen hatte, alles überfüllt mit Häftlingen, die lärmten, während sie in ihre Zellen gebracht wurden. Botschafter tödlich verunglückt Man brachte mich in ein Büro, und dann erschien ein älterer, elegant gekleideter Herr, der sich als der Botschafter vorstellte. Er sprach mich rumänisch und in väterlichem Ton an und erkundigte sich, wie es mir gehe. Was hätte ich mir denn da eingebrockt und ich solle doch nicht denken, dass dort drüben alles golden sei, die hätten auch ihre Probleme, und es sei nicht das Paradies. Er sagte mir noch, dass ich in Kürze nach Rumänien überstellt werde, und weg war er. Später erzählte mir mein Offizier, der Botschafter habe auf der Rückfahrt nach dem Treffen einen schweren Autounfall auf regennasser Straße gehabt. Ende September war es dann soweit. Ich wurde dem Staatsanwalt vorgeführt, und der teilte mir mit, ich werde wegen einer schweren Straftat, versuchter Republikflucht, des Landes verwiesen und erhalte Einreiseverbot. Gemäß einem Abkommen mit Rumänien werde ich den rumänischen Behörden überstellt. Am nächsten Tag erhielt ich meine Kleidung und die Reisetasche. Von zwei Stasi-Leuten in Zivil flankiert, ging es in Handschellen und mit verbundenen Augen in einem Auto zum Flughafen Berlin-Schönefeld. In der Abflughalle übergaben sie mich einem Vertreter der rumänischen Botschaft. Mit einer Linienmaschine der rumänischen Fluggesellschaft flog ich als normaler Passagier ohne Bewachung nach Bukarest. Nach der Landung musste ich warten, bis alle Passagiere ausgestiegen waren. Dann nahmen mich zwei gelangweilte Polizisten an der Treppe in Empfang und fuhren mich in ein Bukarester Gefängnis, wo ich ohne irgendeine Prozedur direkt in eine Zelle gebracht wurde. Die eine Woche, die ich dort verbringen musste, war schlimmer als die Monate in Berliner U-Haft. Das DDR-Untersuchungsgefängnis war im Vergleich ein Luxushotel. Es waren einfach die hygienischen Umstände, das gesamte Umfeld und der Umgang des Personals mit den Häftlingen, alles zutiefst deprimierend. Das Gepäck war mir abgenommen worden, ebenso Schnürsenkel und Hosengürtel. Eine Gefängniskluft gab es nicht, ich musste während des gesamten Aufenthaltes meine eigene Kleidung anbehalten. Die Zelle war eng, dunkel, muffig und sehr niedrig. Auf zwei Seiten des Raumes gab es eine Reihe von Etagenbetten mit dreckigen Matratzen, die wohl noch den Ersten Weltkrieg erlebt hatten. Zwischen den Bettreihen gab es einen

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60 Zentimeter breiten Zwischenraum, ferner eine Klomuschel und ein Waschbecken. Es war alles so eng, dass man die ganze Zeit im Bett verbringen musste. Der oben Liegende hatte die Zimmerdecke direkt vor der Nase. Ein Fenster gab es nicht, nur eine Art völlig wirkungsloser Lichtschacht. Tag und Nacht brannte eine schwache Glühbirne, man hatte das Gefühl, in einer schummrigen Höhle zu sitzen. Kein Wunder, dass ich einige Male Platzangst bekam und mich anstrengen musste, auf andere Gedanken zu kommen. Zum Glück war die Zelle nur mit drei Mann besetzt, sonst wäre die Enge unerträglich gewesen. Dreimal am Tag wurde ein Alu-Essnapf hereingereicht mit ewig demselben Zeug: morgens eine Scheibe Brot mit Marmelade und Tee, mittags und abends ein weißer, geschmackloser Getreidebrei, der wie Tapetenkleister aussah. Einer meiner Zellengenossen war ein stämmiger Zigeuner, der andere eine bleiche, rothaarige Bohnenstange, aber sehr gelassen und abgebrüht. Mit letzterem konnte ich mich wenigstens vernünftig unterhalten. Seine Geschichte war recht interessant und sollte mich auch indirekt tangieren. Zu der Zeit war in Rumänien ein riesiger Weinpantschskandal aufgeflogen, der das ganze Land erfasst hatte. Die Polizei war mit Ermittlungen überfordert. Dieser Zellengenosse war aus Temeswar und in die Affäre verstrickt. Er protzte die ganze Zeit mit seinem Vermögen, das er sich dadurch ergaunert hatte; er war sich sicher, dass er bald entlassen werde, weil er draußen Freunde hatte, die sich mit den „entsprechenden Mitteln“ bei den richtigen Stellen für ihn einsetzen würden. Einmal brachten seine Leute ein Lebensmittelpaket; sie hatten die Wärter bestochen. Lustig war es, als wir uns daran machten, eine steinharte Wintersalami ohne Messer zu essen. Wir entfernten die Matratzen und versuchten Scheiben an den scharfkantigen Stahlbändern der Bettunterlage abzuschneiden. Nur mit größter Anstrengung gelang es uns, daumendicke Stücke abzuschneiden, was uns aber nicht weiter störte. Am Tag nach meiner Einlieferung wurde ich zum Verhör gebracht, und zwar in ein Großraumbüro, in dem eine Menge Securitate-Offiziere an Schreibtischen saßen. Ich wurde zu einem jungen Oberleutnant an den Tisch gesetzt, der nur flüchtig aufschaute und wie beiläufig fragte, was ich angestellt hätte, ohne sich weiter in seiner Arbeit stören zu lassen. Ich wollte schon anfangen, ausführlich zu berichten, aber er schob mir gleich einen Schreibblock hin, ich solle doch am besten alles aufschreiben. Auch deutete er auf einen handdicken Aktenordner auf seinem Schreibtisch, verdrehte die Augen und meinte stöhnend, dass dieser mit mir aus der DDR angeliefert worden war. Die deutsche Gründlichkeit. Darin waren alle Protokolle und Berichte meiner Untersuchung säuberlich abgeheftet. Das Zeug müsse erst einmal übersetzt werden, meinte der Offizier, und die Übersetzung solle ich auch selber bezahlen. Mein Geschreibsel interessierte ihn auch nicht mehr, er ließ mich wegbringen und vergrub sich weiter in seine Arbeit. Offensichtlich waren vereitelte Fluchtversuche an der Tagesordnung, und die

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erwischten Leute kaum noch außergewöhnlich interessant für die SecuritateOffiziere, die waren eher froh, diese Fälle möglichst rasch loszuwerden. Aber sgegeben, in Rumänien gäbe es keine politischen Häftlinge. Jeder, der sich diesbezüglich etwas zu Schulden hatte kommen lassen, sollte seine Strafe im Zivilleben an seinem Arbeitsplatz abarbeiten. Nach einer Woche wurde ich erneut dem Leutnant vorgeführt, der mir kurz angebunden mitteilte, dass ich nun entlassen werde und mich zu Hause schleunigst um eine Arbeit kümmern sollte. Ansonsten solle ich mich bei den örtlichen Behörden melden, wenn ich dazu aufgefordert werde. Damit war für ihn die Sache erledigt, und ich durfte nach Hermannstadt fahren. Das ganze Abenteuer hatte Spuren hinterlassen, ich war bleich, hohlwangig, meine Sehkraft angegriffen, und ich hatte zehn Kilogramm abgenommen, in erster Linie wegen der nervlichen Belastung. Nun sollte eine Zeit des Suchens und Spießrutenlaufens beginnen. Mein Arbeitsvertrag war inzwischen aufgelöst worden. Die ehemaligen Arbeitskollegen begegneten mir teils mit verständlichem Lächeln, teils mit hämischem Grinsen, für linientreue Parteimitglieder war ich ein Landesverräter. Ich holte mein Arbeitsbuch ab und bewarb mich bei mehreren Baufirmen. Es gab immer nur Absagen, spätestens, wenn ich meine Situation darlegte. Die Leute wollten oder durften mich nicht einstellen, auch wenn sie über freie Stellen verfügten. Da war zum Beispiel das Projektionsinstitut des Kreises Hermannstadt. Mit etlichen Angestellten, einschließlich den Chefs, hatte ich während des Hotelbaus oft zu tun gehabt, wir kannten uns. Der Direktor des Institutes, ein angesehener Architekt und in seiner Funktion natürlich Parteimitglied, sollte drei Jahre später selber von einem Aufenthalt im Westen nicht mehr zurückkehren, was auf Kreisebene natürlich ein großes Hallo hervorrief. Der kam allerdings dann nach einem Jahr wieder zurück, weil er in Deutschland nicht zurechtkam; er wurde nur noch als Mensch zweiter Klasse behandelt. Ich hatte also auch hier eine Absage erhalten, doch einige Tage später kam plötzlich eine schriftliche Einladung zu einem Gespräch. Im Besprechungsraum wurde ich von einem stattlichen Mann erwartet. Er kam auch ohne Umschweife zum Thema und stellte sich als Oberst X des Geheimdienstes vor, verantwortlich für alle Baufirmen des Kreises Hermannstadt. Er erklärte mir in übertrieben freundschaftlichem Ton, dass ohne seine Zustimmung nichts laufen würde; ich könnte auf der Stelle eine Anstellung bekommen, wenn ich mich verpflichten würde, als Informant tätig zu sein. Bei mir schrillten alle Alarmglocken. Ich antwortete ihm, ohne viel zu überlegen, dass ich für Derartiges nicht geeignet sei, es käme überhaupt nicht in Frage. Der Mann entließ mich sogleich mit der Bemerkung, ich solle es mir doch noch überlegen. Nach einigen Tagen zitierte er mich zu einem weiteren Gespräch, um mich zu überzeugen. Weil ich mich weiter-

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hin kategorisch weigerte, wurde er plötzlich stinksauer und brüllte mich an, ich solle verschwinden, solange er das Sagen habe, würde ich nie wieder irgendwo eine Anstellung finden. Hilfsarbeiter Aber ich hatte wieder Glück mit Chefingenieur Dieter K., der mir schon vier Jahre zuvor geholfen hatte, einen Arbeitsplatz zu finden. Er stellte mich provisorisch in seiner Baufirma als unqualifizierter Hilfsarbeiter ein und teilte mich einem seiner Bauleiter zu, den ich noch aus der Studienzeit in Klausenburg kannte, um ihm beim Schreibkram zu helfen. Schon zwei Wochen danach hat er mich „weitervermittelt“ an die kreiseigene Firma, die Plattenbauten errichtete und die Wohnungen Privatleuten verkaufte. Für mich gab es damals keine Hoffnung mehr, in absehbarer Zeit auswandern zu können. In der Schwimmschulgasse, in der Nähe des Erlenparks, sollten fünf Wohnblocks hochgezogen werden. Wegen der guten Lage hatten sich viele „Prominente“ und Bonzen Kaufverträge für eine Wohnung gesichert. Weil diese Bauten unter meine Aufsicht gestellt wurden, nutzte ich die Gelegenheit und kaufte auch eine Wohnung, die im Laufe von zehn Jahren in Raten zu bezahlen war. Ich stellte mir vor, dass ich so zumindest ein kleines Pfand in der Hand hätte, wenn es später um die Frage der Aussiedlung gehen sollte. Ich trachtete auch danach, etliche Verbesserungen während der Bauzeit einfließen zu lassen: Bad rundum gefliest, Parkettboden statt PVC, zusätzliche Dämmung an der Außenwand. Die Rückseite der Wohnblocks grenzte an einen großen Parkplatz für Lastwagen, der zu einer Militäreinheit gehörte. Mein Bruder war der erste nahe Verwandte, der 1980 durch Heirat auswandern durfte. Drei Jahre später folgten meine Eltern durch Freikauf. Nun war ja die Sache klar, die Verwandtschaft ersten Grades im Westen, somit stellte ich mit Frau und Kind auch den Ausreiseantrag. Mitte November 1986, es war schon gegen Mitternacht, klingelte es kurz an der Tür. Durch den Türspion konnte ich einen Offizier erkennen. Er entschuldigte sich mehrmals schüchtern und bat um Einlass. Dann meinte er, dass wir in zwei Wochen die Pässe bekommen würden. Es stellte sich heraus, dass der Mann in der Militäreinheit arbeitete und seine Frau als Sekretärin beim Passamt. Die beiden waren auf unsere Wohnung scharf, und damit war für uns die Sache klar. Sie haben dann sogar einen Teil der Einrichtung übernommen. Dann folgten die üblichen Phasen der Wohnungsauflösung, Kisten packen und Verzollung in Arad. Die Hausratauflösung erfolgte oft bei Kerzenlicht. Im Februar 1987 war alles erledigt, und wir konnten die Reise antreten. Bei klirrender Kälte mussten wir mit dem letzten Abendzug die 60 Kilometer von Hermannstadt nach Mediasch fahren, um dort den Zug zu erreichen. Mitten in

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der Nacht bei minus 15 Grad warteten wir auf die Bahn. Dann die Durchsage, der Zug habe vier Stunden Verspätung. Es wurden noch mehr. Gegen Morgen endlich die Abfahrt, aber vorerst nur bis Budapest. Dort wurde der Zug auf ein Abstellgleis geschoben; es sollten Stunden bis zur Weiterfahrt vergehen. Uns waren Getränke und Essen wegen der großen Verspätung ausgegangen. Also lief ich in die Bahnhofshalle, um das letzte rumänische Geld zu wechseln und etwas einzukaufen. Am Wechselschalter stand eine lange Schlange mit Leuten aus aller Herren Länder: Auch Bulgaren, Russen und Tschechen waren darunter. Als ich an der Reihe war, hieß es, alles andere außer rumänischem Geld. Ich schämte mich für etwas, wofür ich gar nichts konnte, und füllte die Thermosflasche draußen um die Ecke mit eiskaltem Leitungswasser. Mit acht Stunden Verspätung erreichten wir Nürnberg. Es waren aber nicht bloß diese acht Stunden, es waren aus meiner Sicht neun Jahre Verspätung. Seit meinem ersten Fluchtversuch sind inzwischen mehr als 30 Jahre vergangen. Die Wende, der Mauerfall, der Zusammenbruch des Kommunismus. Manchmal kommt es einem vor, als ob es nie eine andere Welt gegeben hätte, als ob das Ganze nur Fiktion gewesen wäre. Nein, das war es sicherlich nicht, sonst plagten mich nicht auch heute noch die gleichen Alpträume. In meinem Versicherungskonto klafft die dreimonatige Lücke meiner Haft. Die Bundesversicherungsanstalt verlangte einen Nachweis für diese Zeit. Natürlich hatte ich weder in der DDR noch in Rumänien ein Dokument über die Zeit erhalten. Jahre später bat ich das Gesundheitsamt Berlin, im Stasi-Archiv nachzuforschen. Einige Tage später war meine Akte gefunden. Ich wurde rehabilitiert mit einer kleinen, symbolischen Summe entschädigt für die entstandenen Nachteile. Diese Aufzeichnungen habe ich zufällig am 3. Oktober 2008, dem Tag der Deutschen Einheit, beendet. Die Medien feierten diesen Tag als den 18. Geburtstag des vereinten Deutschland und gleichzeitig die Großjährigkeit des Landes. Es macht mich nachdenklich, und ich versuche mir vorzustellen, wie es wohl gewesen wäre, wenn diese Vereinigung schon vor 30 Jahren zustande gekommen wäre... Gerhard Dabi, geboren am 6. Februar 1950 in Hermannstadt, hat sich nach der Ausreise 1987 in Nürnberg niedergelassen; er war 18 Jahre lang in einem Architekturbüro tätigt und hat für die Esso AG und zuletzt auch für Audi Tankstellen und Autohöfe gebaut und umgestaltet. Danach wurde er arbeitslos, weil das Büro wegen Auftragsmangels und schlechter Konjunktur Insolvenz anmelden musste. Obwohl er zwei Fortbildungslehrgänge beendet hat, sind die Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden, gleich null.

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Mehr Glück als Verstand Von Carmen Buschinger Anfang Dezember 1978 ist mein Vater im Alter von 23 Jahren aus Rumänien geflüchtet. Michael Buschinger, geboren am 31. August 1955, lebte bis zu seinem 23. Lebensjahr in Rekasch, bis er in jenem Dezember über die Donau nach Deutschland geflüchtet ist. Er selbst hat nie einen Hehl daraus gemacht: Es ist alles gut gegangen, ihm war der Neuanfang in Deutschland wichtiger als alles andere. Er wollte die Vergangenheit hinter sich lassen und sich mit seiner Familie auf das Hier und Jetzt konzentrieren. So kam es, dass wir uns bisher eigentlich nie im Detail darüber unterhalten haben, was in jener Nacht wirklich passiert ist. Gemeinsam mit meiner älteren Schwester Isabella und meiner jüngeren Schwester Sarah, bin ich wohlbehütet in Pforzheim aufgewachsen; wir haben eine wunderschöne Kindheit genossen. Uns fehlte es an nichts. Wir waren frei. Aus diesem Grund kann ich sein Handeln nur schwer nachvollziehen, ich versuche zu verstehen, warum mein Vater mit diesem Fluchtversuch sein Leben aufs Spiel gesetzt hat. Zwar ist mir die damalige Problematik durch Erzählungen meines Vaters und meiner Oma bekannt, doch wenn man die damalige Lage mit ihren Konsequenzen selbst nicht erlebt hat, erscheint sie einem befremdlich, trotz Verständnisses. Vor der Flucht: Die wenigen Erinnerungen, die Michael Buschinger 1977 in Rumänien ich selbst an Rumänien habe, stammen aus meiner Kindheit. In den Sommerferien pflegten wir in erster Linie nach Mazedonien in das Städtchen Radovis zu fahren, in die Heimatstadt meiner Mutter Radka, um Verwandte zu besuchen. Auf dem Weg dahin machten wir wenige Male halt in Rumänien, in Rekasch, der Heimat meines Vaters. Während seiner Jugend genoss mein Vater seine Freiheit und fühlte sich keineswegs eingeschränkt. Nachdem er die Berufsschule beendet hatte, ging er 1976 zum Militär. Wie viele andere Deutsche, wurde er nicht direkt zu den

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Waffen geschickt, sondern kam in ein Arbeitsbataillon nach Giurgiu an der Donau. Dort wurde der Wunsch, zu sehen, was hinter der Grenze Rumäniens liegt, größer, das Streben nach Freiheit stärker. Dort tauschte man sich aus, erzählte sich die neuesten Fluchtgeschichten und philosophierte über das, was „dahinter“ ist. Ende der 1970er Jahre intensivierte sich die Ausstrahlung der Europäischen Menschenrechtskonvention und der Vereinbarungen der Konferenzen von Helsinki und Belgrad. Zwar wurde Rumänien wegen seiner politischen Struktur nicht sonderlich von dieser Bewegung erfasst, doch diejenigen, die einen konkreten Freiheitswunsch verspürten, nahmen diese Entwicklung sehr wohl wahr. Vaters Wunsch, Rumänien zu verlassen, endete nicht nach Ableistung des Wehrdienstes. Ganz im Gegenteil: Regelmäßig kamen in Temeswar viele Deutsche an verschiedenen Treffpunkten zusammen, wie in der „Bastion“. Dort, aber auch in anderen Cafés erzählte man sich Fluchtgeschichten von Bekannten, die es geschafft hatten, und von anderen, denen es schlecht ergangen war. Viele von ihnen schafften es nicht, sich ihren Traum zu erfüllen. Aus ihren Fehlern lernte man und schmiedete eigene Pläne. So nahm das Vorhaben meines Vaters, das Land in einer Nacht- und Nebelaktion zu verlassen, konkretere Züge an. Viele Grenzgänger wagten die Flucht an kalten Herbst- und Wintertagen, weil die Grenzer an diesen Tagen nachlässiger kontrollierten. Seinen ersten konkreten Plan schmiedete mein Vater Anfang Dezember 1978 mit zwei Bekannten. Es waren zwei kräftige Sportler, die sich für einen Fluchtversuch via Boot über die Donau eigneten. Doch zwei Tage vor dem vereinbarten Aufbruch sagten sie ab. Sie erklärten meinem Vater, dass sie den Versuch nicht mehr wagen wollten, da ihnen das Risiko zu groß sei, dabei erwischt zu werden und vielleicht sogar mit ihrem Leben zu bezahlen mussten. Mein Vater ließ sich dadurch nicht beirren. Regelmäßig sah er sich in der „Bastion“ nach Leuten um, die dieselbe Absicht hatten wie er. Ein rumänischer Bekannter, der ihm später auf der Flucht helfen sollte, stellte ihm kurz darauf zwei Gleichgesinnte vor. Beide um die 20 Jahre alt, aus Triebswetter (Tomnatic). Einer von ihnen hieß Clemens. An den Namen des anderen Mitstreiters kann sich mein Vater nicht mehr erinnern. Es waren flüchtige Bekanntschaften. Zunächst traf man die Entscheidung zur gemeinsamen Flucht spontan, doch die Vereinbarung entwickelte sich schnell zu einem organisierten Plan. Am 8. Dezember 1978 war es schließlich soweit. Es war der Tag der Flucht. Vater erzählte seinen Eltern, er fahre ein paar Tage in Skiurlaub ins SemenikGebirge. Tatsächlich brachen die drei jungen Männer nachmittags mit dem Zug nach Orschowa auf, in die Nähe des Eisernen Tors, wo die Donau die Karpaten durchbricht und die Grenze Rumäniens zu Serbien bildet. Das dort errichtete Kraftwerk machte diesen Teil der Donau zum gefährlichsten Stromabschnitt. Vater und seine beiden Mitstreiter nahmen den Nachmittagszug, um sich unter die Pendler mischen zu können und nicht aufzufallen. Sie quartierten sich in

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Orschowa in einem Hotel ein. Die Leute traten ihnen mit Distanz entgegen, so als wüssten sie Bescheid. Kurz vor Mitternacht wurde der Plan in die Tat umgesetzt. Die drei jungen Männer packten ihre Sachen zusammen und schlichen sich mit der Ausrede davon, sich auf der Straße kurz die Beine vertreten zu wollen. Der rumänische Fluchthelfer, der über die Wachposten am der Grenze auf der rumänischen Seite bestens informiert war, erwartete sie in der Nähe des Hotels. Ohne den Schleuser wären sie wegen der Kontrollen schon vor dem Fluchtversuch gescheitert. „Es wäre unmöglich gewesen, wir hätten keine Chance gehabt“, erinnert sich Vater. Der Rumäne l und begleitete sie weiter bis in eine Bucht. Es war etwa 1.30 Uhr, als sie die Stelle erreichten, an der die Donau etwa 250 Meter breit ist. Ein Fischerboot war für sie bereit. Das Holzboot war jedoch alles andere als fahrtüchtig: Es leckte, Wasser war schon eingedrungen, es gab keine Ruder. Sie versuchten, sich zu helfen, indem sie mit bloßen Händen das Wasser aus dem Boot schöpften. Sie funktionierten Zaunbretter zu Paddeln um. In jener Nacht schien der Mond hell, man hatte klare Sicht über die Donau. Die Gruppe musste sich gedulden und den richtigen Zeitpunkt abwarten. Es war ihnen bekannt, dass sich früh morgens immer Nebel auf dem Wasser bildete. Diese Zeit wollten sie nutzen. Nach dreistündigem Ausharren in der nächtlichen Winterkälte stießen sie um 4.30 Uhr von Land. Die vielen Wirbel erschwerten das Vorwärtskommen. Sie wurden immer wieder von der starken Strömung abgetrieben. Clemens, der jüngste und schwächste von ihnen, war schon nach kurzer Zeit erschöpft und versuchte, zumindest am hinteren Teil des Bootes mit dem Zaunbrett die Richtung zu halten und gegenzulenken. Sie kämpften gegen die reißende Strömung. Die Männer waren bald außer Atem und zu früh am Ende ihrer Kräfte. Plötzlich sahen sie Licht. Es war das starke Scheinwerferlicht eines Patrouillenbootes, das von links auf sie zusteuerte. Ihnen war klar, dass das Abenteuer „Flucht“ kein gutes Ende nimmt, wenn sie gesehen werden. In der Regel wurden Flüchtlinge einfach erschossen oder überfahren. Diese Todesangst lähmte sie und ließ sie erstarren. Vater, mit seinen 23 Jahren der älteste, versuchte seine Kollegen zu beruhigen. Clemens konnte in seiner Panik die Tränen nicht zurückhalten. Ruhe zu bewahren war alles, was sie tun konnten, um nicht erwischt zu werden. Erst dachten sie, man hätte sie gesehen. Es wurde still. Sie erwarteten regungslos den ersten Schuss. Was dann geschah, kam einem Wunder gleich: Das Patrouillenboot drehte etwa 500 Meter von ihnen entfernt um und fuhr in die Richtung zurück, aus der es gekommen war. Die Flüchtlinge paddelten nun wie wild und erreichten irgendwann mit letzter Kraft das jugoslawische Ufer. Es war immer noch sehr dunkel und neblig. Sie kletterten aus dem Boot und kämpften sich durch das Wasser und Gestrüpp ans Ufer. Völlig durchnässt schafften sie es, trotz Kälte auf der steilen und rutschigen Böschung vorwärts zu

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kommen. Der Fluchtweg ab dem jugoslawischen Ufer war nicht organisiert. Es fehlte ein ortskundiger Helfer. Genauso wichtig wie der Schlepper auf rumänischer Seite wäre ein Fluchthelfer auf der jugoslawischen Seite gewesen. Kurz vor der Hauptstraße kamen sie erneut in die Bredouille: Ein jugoslawischer Grenzer fuhr auf seinem Fahrrad die Straße entlang und hielt plötzlich an. Die Männer hatten sich schnell und leise in den Wald zurückgezogen und warteten ab, was passiert. Doch sie hatten wieder Glück: Der Grenzer hatte sie nicht bemerkt. Er zündete sich lediglich eine Zigarette an und fuhr weiter. Das nächste Ziel der Flüchtlinge war die deutsche Botschaft in Belgrad, weil dort Deutsche aus Rumänien mit Duldung der jugoslawischen Behörden Ersatzpässe erhielten. Die drei Männer liefen schon seit einer Stunde. Sie zitterten vor Kälte und waren geschwächt von den Strapazen der Flucht. Die Hosen waren ihnen an den Beinen angefroren. Clemens, der jüngste, war kurz davor, aufzugeben, doch die beiden anderen ermunterten ihn immerzu, durchzuhalten. Das Ziel war nicht mehr fern, das Schlimmste überstanden. Verraten von Lkw-Fahrer Sie folgten weiter der Hauptstraße in Richtung Belgrad, bis ein Lkw vorbeifuhr. Der Fahrer reagierte auf Vaters Winken und hielt an. Er war aus der Gegend und sprach Rumänisch. Michael handelte mit ihm aus, sie bis nach Belgrad mitzunehmen. Der Deal war, dass er die versprochenen 200 DM und den Schmuck erst nach sicherer „Ablieferung“ in Belgrad erhält. Schon nach einer Viertelstunde fragte der Fahrer, ob sie hungrig wären und bot ihnen an, kurz zu halten, um Essen zu besorgen. Michael ahnte schon, dass die Polizei sie schon erwartet. Und so kam es auch: Der Fahrer stieg aus, und die Polizei stürmte den Lkw. Die Grenzgänger wurden am 9. Dezember 1978 ins Gefängnis nach Negotin gebracht und blieben dort einige Tage. Nach Aufnahme und Überprüfung ihrer Daten wurden alle drei nach Belgrad ins Gefängnis Padiska Skela weitergeleitet. Als Fluchtgrund nannte mein Vater die Freiheit, die er in Rumänien eingeschränkt sah. Die deutsche Botschaft stellte allen dreien provisorische Pässe aus, mit dem Zug gelangten sie nach Deutschland. Unter den Mitreisenden traf Michael einen Freund, Dieter Kühn aus Bogarosch (Bulg äter in einer Wohngemeinschaft in Pforzheim lebte. Auf der Durchreise wurde Vater bei Freilassing erneut festgenommen und verbrachte vier Tage in Haft. Wie sich nach einigen Tagen herausstellte, lag eine Verwechslung vor. Am 30. Dezember, 22 Tage nach der Flucht, durfte sich Vater aus der Haft das erste Mal bei seiner Familie melden. Seine Mutter hatte schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Nach Überprüfung seiner Daten wurde er schließlich nach Bonn weitergeleitet. In Bonn durfte er sich frei entscheiden, wo er sich in

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Deutschland niederlassen möchte. Seine ursprüngliche Idee war Hamburg. Infolge des strengen Winters in jenem Jahr entschied er sich jedoch für BadenWürttemberg und kam im Lager von Rastatt unter, wo er Dieter Kühn wieder traf. Anschließend zogen beide gemeinsam nach Pforzheim und arbeiteten als junge Maschinenbauschlosser drei Jahre lang bei Möbel Ungerer. Seit Februar 1982 arbeitet Vater bei Daimler Benz in Sindelfingen, Dieter Kühn ist bei Möbel Ungerer geblieben. 1984 wollte Vater seine Mutter Rosina Buschinger und seine Schwester Lia Wiume mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern, Christine und Jürgen, nach Deutschland holen. Er zahlte pro Kopf 6.000 Mark an Vermittler in Rumänien. Ihre Ausreise hat sich bis 1989 verzögert. Einige Monate vor der Revolution kamen sie schließlich nach Pforzheim. Seit seiner Flucht war Vater nur dreimal in Rumänien gewesen. Ein Grund, warum es ihn nicht mehr nach Rumänien zog, ist der Tod meines Cousins Jürgen. Ironie des Schicksals: Er verlor am 30. Dezember 1989 mit seiner frisch angetrauten Frau sein Leben bei einem Autounfall auf der Straße von Rekasch nach Temeswar. Er war auf dem Weg von Deutschland nach Rumänien. Vater hat seine Jugend in Rumänien als schön und ausgefüllt empfunden. Es fehlte ihm jedoch mit dem Heranwachsen die Perspektive, er sah keine Zukunft in jenem Land. Er wollte frei sein. Im Nachhinein würde er einen solchen Versuch kein zweites Mal wagen. Auf der Flucht wurde ihm klar, wie schnell man sein Leben verlieren kann. Heute empfindet er den damaligen Schritt als leichtsinnig. Doch der Wunsch nach Freiheit war letztendlich stärker. Ich bin froh, dass mein Vater es getan hat, sonst hätte er meine Mutter nicht in Pforzheim kennengelernt und es würde meine beiden Schwestern und mich nicht geben.

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Halluzination in der Strommitte Von Lothar Rujiska-Hafer Schon seit dem 16. Lebensjahr habe ich gewusst: In diesem Land will ich nicht alt werden, ich muss weg. Aber Rumänien konnte man fast nur auf Fluchtwegen und unter Lebensgefahr verlassen. Ich habe schon mit Siegbert Milotta in Neumoldowa (Moldowa Nou reinsten Horror erlebt. Damals waren wir keine 20 Jahre alt, ich hatte eben den Führerschein gemacht. Wir sind mit dem Motorrad meines Vaters nach Neumoldowa gefahren, um uns die Grenzgegend anzuschauen. Wir wollten gar nicht flüchten, wir wollten nur sehen, wie die Grenze aussieht und ob man sie überhaupt erspähen kann. Aber es gab so viele Hindernisse Lothar Rujiska-Hafer schon lange vorher, man kam gar nicht in die Nähe. Jahre später sollte ich am eigenen Leib erfahren, dass auch ein Fluchthelfer keinen bis an die Grenzlinie brachte, er zeigte einem nur den Weg, die Richtung, im besten Fall begleitete er den Flüchtenden über die ersten Absperrungen hinweg. Diese sogenannten Fluchthelfer halfen nicht. Sie haben gelogen und kassiert. Wenn es zu brenzlig wurde, hatten sie die Hosen gestrichen voll, dann sind sie abgehauen. Vor unserer Flucht wussten wir das nicht, wir waren dankbar, wenn einer gesagt hat, er könne helfen; wir haben es einfach geglaubt. Also: Siegbert und ich haben einen Plan geschmiedet, um uns die Grenze anzuschauen. Mehr nach dem Vorbild der Kriminalfilme haben wir uns eine Geschichte ausgedacht. Die haben wir auswendig gelernt und immer wieder aufgesagt. Wir wussten, dass wir in die Situation kommen werden, unseren Ausflug in Grenznähe erklären zu müssen. Beim ersten Mal sind wir mit dem Motorrad nach Neumoldowa gefahren. Dort ist die Grenze sehr nahe, aber wir sind aufgefallen; drei Grenzsoldaten wollten uns aufhalten. Dann sind wir aufs Motorrad gesprungen und in aller Hetze weggefahren. Die haben uns verfolgt, aber ich bin mit dem Motorrad über den Berg gefahren, über Stock und Stein, wo kein Weg mehr war. Zum Glück war mein russisches Motorrad stark wie ein Traktor. Ich bin über Felsen gesprungen, mit Siegbert hinten drauf. Sie haben uns - Gott sei Dank - nicht eingeholt.

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Ein anderes Mal sind wir mit dem Zug nach Turnu Severin gefahren. Wir haben uns auf eine Anhöhe gesetzt und die Grenze beobachtet. Dann sind wir hinter einer Baracke verschwunden, angeblich um auszutreten, dort war die Grenze sehr nahe. Wir haben den ersten Grenzzaun mit den daran als Lärmquelle angebrachten Konservendosen sehen können. Ein Soldat hat uns gleich etwas zugerufen und wollte, dass wir näherkommen. Wir sind davongelaufen, in Richtung Stadt, sie haben uns nicht mehr eingeholt. Auf dem Rückweg nach Hause sind wir in Orschowa ausgestiegen, um am Bahnhof ein Bier zu trinken. Wir saßen vor unserem Bier, da kam eine Militärstreife und hat die Ausweise verlangt. Uns beide haben sie gleich mitgenommen und uns bis ans andere Ende der Stadt in die Kaserne getrieben, die Hände auf dem Rücken gefesselt, wie Schwerverbrecher, mitten durch die Einkaufszeile. Das sollte wahrscheinlich für andere abschreckend wirken. Dabei hatten wir offensichtlich nichts getan. Es wäre mörderisch gewesen, in Orschowa flüchten zu wollen, das hatten wir gar nicht vor. Kein Mensch hätte das gekonnt. Aber uns wurde genau das unterstellt. Wir mussten unsere Anwesenheit in dieser Stadt erklären, dazu sollte unser auswendig gelerntes „Märchen“ helfen. Unterwegs hatte ich Siegbert geflüstert: „Unser Märchen muss stehen“. Man hat uns sofort getrennt und einzeln befragt. Wir haben stur behauptet, wir hätten nach einem kleinen Ausflug ein Bier trinken wollen. Der Trick, dass der jeweils andere angeblich „die Wahrheit“ ausgesagt habe, hat bei uns nicht gegriffen, denn wir wollten wirklich nicht flüchten. Dann mussten wir uns ausziehen, dabei hat Siegbert Prügel bekommen, weil er einen Badeslip anhatte. Die Grenzer haben behauptet, er hätte flüchten wollen. Sie ließen uns nach einigen Stunden wieder laufen. Als ich aus dem Grenzerstützpunkt kam, sprach mich einer der Soldaten an: „Lothar, wie bist Du von da wieder losgekommen?“ Ich kannte ihn nicht, der war angeblich aus Slatina, ich weiß heute noch nicht, wer es war. Wir wurden zum Bahnhof eskortiert, wieder unter Bewachung mit aufgepflanztem Bajonett. Dabei hätten sie uns leicht überführen können: Unsere Fahrkarten, die sie zwar immer wieder genau angesehen hatten, haben zwar vom Datum her gestimmt, aber sie haben nicht zu unserem „Märchen“ gepasst. Wir hatten angegeben, meinen Onkel in Bosowitsch (Bozovici) besucht zu haben, das wäre jedoch eine ganz andere Richtung gewesen. Zum Glück waren die Grenzer nicht so schlau, nachzufragen, wie wir denn zu dem Onkel gekommen sind. Das war unser zweiter Erkundungsausflug. Beim dritten Mal war es ein richtiger Fluchtversuch, der mir mit Nori und Helmut gelungen ist; es war im Mai 1985. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Ich habe 1975 geheiratet und hatte schon einen Sohn, als meine Frau 1979 eine Besuchserlaubnis für Deutschland bekommen hat. Ich hätte es gerne gehabt, wenn sie geblieben wäre. Aber eine Mutter trennt sich nur schwer von ihrem Kind. Als meine Frau Gerti den Pass

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bekommen hatte und das Visum für den Besuch bei der deutschen Botschaft abholen sollte, musste ich eben als Delegierter für Altsadowa am Kongress des Rates der Werktätigen deutscher Nationalität in Bukarest teilnehmen. igen. Wir haben ganz exklusiv in einem Parteihotel gewohnt, und ich hatte Gertis Pass dabei, was in diesem Land schon gefährlich war. Ich habe mir gedacht: Erledigst das Visum bei der Botschaft auch nebenbei, dann muss sie nicht extra nach Bukarest fahren. Erst hatte ich ein bisschen Angst, aber dann hab ich mir gedacht: Pfeif auf den Ceau schnell noch zur deutschen Botschaft. Meine Vorstellung war, ich spaziere gemütlich in die Botschaft, hole das Visum ab und komm wieder heraus; bis die Sitzung richtig beginnt, bin ich wieder da. Dabei konnte ich gar nicht bis vor die Botschaft fahren, musste vorher aussteigen und zu Fuß weitergehen. Als ich die vielen Leute sah, die alle anstanden, dachte ich mir: Was gibt’s denn da gratis, dass so viele Leute da sind? Dabei standen die alle an, um verschiedene Formalitäten bei der deutschen Botschaft zu erledigen, wie ich auch. Für mich war das zeitlich ein Riesenproblem, aber ich habe überlegt: Jetzt bist du schon einmal da, jetzt bleibst du auch. Aber es dauerte. Endlich war ich dran, bin durch das große Tor in die Botschaft hineingegangen, habe das Visum bekommen und geschaut, dass ich ein Taxi erwische. Um elf Uhr war ich endlich auf dem Kongress. Die große Rede von Aufpasser hat mich nur bedeutungsvoll angeschaut, hat aber nichts gesagt. Nach einer Weile habe ich bemerkt, dass alle Teilnehmer etwas notierten. Da kam ich auf die Idee: Lothar, machst dich auch wichtig, gehst und kaufst dir Bleistift und Papier. Ich bin also entschlossen hinausmarschiert, hab mir einen Notizblock gekauft und bin wieder gemächlich in den Saal spaziert. Da hat der Sicherheitsmensch mich kontrolliert, hat aber zum Glück Gertis Pass nicht gefunden. Danach habe ich mich ganz still hingesetzt, brav applaudiert und alles mitgemacht, was vorgesehen war. Am nächsten Tag war Heimreise, in der Gruppe natürlich. Einer aus Reschitza hat zu mir gesagt: „Gestern ist einer zu uns gekommen, der hat dich immer wieder gesucht, wo warst du denn so lange?“ Ich habe ihm erzählt, ich hätte für mein Auto Bestandteile kaufen wollen, eine Kupplung und noch einiges, ich hätte mich in Bukarest verlaufen und den Autoladen nicht gefunden. Im Zug hat mich der Leiter der Delegation zu sich in sein Abteil bestellt, um mich zur Rede zu stellen: „So, jetzt sind wir allein, jetzt sag mal, warum warst du nicht bei der Sitzung dabei, wo warst du?“ Ich hab wieder meine Geschichte von den Autoteilen ausgepackt. „Nein, nein“, sagte der, „was hast du in der deutschen Botschaft gesucht?“ Also hat der Delegationsleiter am nächsten Tag schon gewusst, wo ich meine Zeit verbracht

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hatte. Woher die das gewusst haben? Keine Ahnung. Aber vor der Botschaft hing an jedem Baum eine Kamera, und unsere Delegation war wahrscheinlich die ganze Zeit unter Beobachtung. Vielleicht ist mir auch jemand nachgegangen, was weiß ich. Hauptsache, sie haben Gerti keine Schwierigkeiten gemacht, sie durfte nach Deutschland fahren; sie kam leider zurück. Drei Jahre Fluchtvorbereitung Unsere Fluchtvorbereitungen haben fast drei Jahre gedauert. Und ich habe mir alles gut überlegt, inzwischen hatte ich Familie und zwei Söhne. Ich wusste, mir bleibt nur ein Versuch, eine zweite Chance hätte ich nicht gehabt. Eines Tages kam Nori (Norbert) Krall mit einem Zigeuner, der uns helfen sollte. Dieser war in Balta S eines Führerscheins war, er sollte danach mein Auto aus der Kleinen Walachei (Oltenia) ins Banat zurückfahren. Der Wagen sollte bei meinem Bruder Paul in ova) nicht gesehen wird, als Fluchtauto wäre er beschlagnahmt worden. tten wir eine Zuteilung vom Imkerverein, um unsere Bienen in Akazienwäldern weiden zu lassen. Ich war als Bienenzüchter schon Jahre vorher immer wieder dort gewesen. Es war eine Anhöhe, von der aus man die Donau sehen konnte, doch war es nur schwer einzuschätzen, wie weit es bis dorthin ist. Die Grenzsoldaten sind mit ihrer Kutsche immer bei uns vorbeigefahren, die haben uns Imker schon gekannt. Natürlich gab es auch andere Grenzorte im Banat, die sich für eine Flucht anboten, aber die waren viel besser bewacht. In der Kleinen Walachei gab es fast keine Grenzgänger. Uns war es egal, wo wir in Jugoslawien an Land gingen, Hauptsache, man ist drüben. Ich habe schon Jahre vorher darauf hingearbeitet. In Temeswar hatte ich eine Plane gekauft, einen Traktorreifen als Boot präpariert und an der Temesch und am Dreiwässersee bei Wolfsberg (G ezählt, wie stark wir den Reifen für unser Gewicht aufpumpen müssen. Es waren etwa dreihundert Pumpstöße. Aufgepumpt wurde er aber erst kurz vor der Flucht. Der Autoreifen war in einem Bienenkasten versteckt, zwei von uns saßen im Auto, der dritte lag hinten auf dem Boden, so sind wir zum Dorf hinaus gefahren. In Vânju Mare war der erste Schlagbaum, wir sind gut durchgekommen, die Bienenkästen hat keiner kontrolliert. Wir hatten schon am Tag unserer Ankunft einen Termin mit dem Fluchthelfer vereinbart, der angeblich einen sicheren Weg kannte, um an die Donau zu gelangen. Der Fluchthelfer ist mit uns in Richtung Vânju Mare gefahren, aber nicht durch den Ort, sondern über Feldwege mit Ziel Donauschleife. Angeblich sollte es dort am einfachsten sein, durchzukommen. Der Fluchthelfer hat uns aussteigen lassen und uns die Richtung zur

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Donau gezeigt. Das Wasser konnten wir zwar glänzen sehen, aber man konnte nicht einschätzen, wie weit es noch war. Der Fluchthelfer ist weggefahren, er hat nachher behauptet, er sei verfolgt worden, denn das Auto stand kaputt am Wegesrand in Herkulesbad (B war. Mein Bruder Paul hat es in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von dort abgeholt, immer mit der Angst im Rücken, erwischt zu werden. Etwa um 22 Uhr sind wir zu dritt losmarschiert - Norbert Krall, Helmut Flekatsch und ich -, um Mitternacht waren wir an der Donau. Wenn man fünf Kilometer je Stunde Fußweg rechnet, waren es etwa 20 Kilometer bis zum Wasser. Wir hatten den Traktorreifen, Reservekleidung, ein bisschen Essen; ich hatte ein paar Dinar und 300 Mark dabei. Hätten sie uns geschnappt, hätte ich das Geld weggeworfen, zumindest hätte ich es versucht. In der Nähe der Donau sind wir auf einen Stacheldrahtzaun gestoßen. Wir haben die Pfosten abgesucht, um einen lockeren Draht zu finden. Hätten wir den berührt, so hätte es geklingelt, der Abstand der Drähte betrug etwa 50 Zentimeter. Wir haben den Zaun abgesucht und endlich eine Mulde gefunden, durch die wir gekrochen sind. Es kam ein geackerter Grenzstreifen, dann noch einmal ein Stacheldrahtzaun. An der Donau war ein Wäldchen auf einer Landzunge. Von einem vorbeifahrenden Dampfer drang laute Musik zu uns. Wir haben unsere Kleider mit Steinen beschwert und versenkt, den Reifen aufgepumpt, und los ging es. Es war stürmisch, trotzdem sind wir erst einmal gut vorangekommen mit unserem „Boot“. Als wir die Fahrrinne der Schiffe erreicht hatten, drehten wir uns im Kreis und sind nicht vorangekommen. Wir mussten aussteigen und schwimmen. Den Reifen haben wir mit Stricken an unsere Körper befestigt. Wir sind verzweifelt gegen die Strömung angeschwommen, hatten aber den Eindruck, dass wir uns im Kreis drehen. Wir haben uns vergebens zu orientieren versucht. Die Lichter am Ufer glitzerten wie Irrlichter. Nori hat die Augen groß aufgerissen, um besser sehen zu können und mir entsetzt zugerufen: „Die Rumänen lassen uns nicht weg“. Ich hatte einen Riesendurst. Ständig habe ich Wasser getrunken, das hat nach Öl gestunken, ich glaube, das war das Abwasser des Schiffes von vorher. Den schlechten Geschmack hatte ich den ganzen Tag danach im Mund. Die Strömung hat uns mitgerissen. Vor lauter Konzentration und Anstrengung hatte ich eine Halluzination. Ich habe auf einmal ein Boot mit Leuten gesehen. Das kam nicht von der Angst, diese Phase war vorbei. Eher war es die Erschöpfung und die Konzentration auf die Lichter am Ufer. Einer von uns hat nach rechts, der andere nach links geschaut, wir haben die Lichter in der Ferne, am rumänischen Ufer in der Donauschleife, gesehen, wir wollten abschätzen, wie weit wir schon weg waren. Alles vergebens. Wir kämpften weiter gegen die Strömung an. Nachdem wir über längere Zeit geschwommen waren, um nicht so weit abgetrieben zu werden, landeten wir auf einer Sandbank, bis zum Hals im Wasser.

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Dann wussten wir, dass wir aus der Fahrrinne heraus waren. Wir haben uns ein wenig ausgeruht, dann ging es weiter. Das serbische Ufer haben wir aber noch nicht erkennen können. Doch plötzlich war da ein Ast, an dem haben wir gezogen und uns festgehalten. Unser „Boot“ haben wir versenkt und sind die letzten Meter ans Ufer geschwommen. Wir waren etwa viereinhalb Stunden im Wasser gewesen. Als wir ankamen, war es taghell, wahrscheinlich 5 Uhr. Die Donau hatte uns abgetrieben, ich schätze 20 oder gar 30 Kilometer weit. Denn wir waren am rumänischen Ufer mit dem Auto donauaufwärts an die 15 bis 20 Kilometer gefahren, jetzt waren wir am rechten, dem serbischen Ufer wieder gegenüber von meinen Bienenstöcken. Ich habe sie vom serbischen Ufer aus sehen können. Die Donauschleife mitgerechnet, waren es bestimmt 20 Kilometer südöstlich. Grenzer haben wir keinen gesehen. Es ging nur eine Straße parallel zur Donau in Richtung Negotin. 60 Kilometer in drei Tagen marschiert Wir waren also auf festem Boden, sind über die Straße gelaufen, geradewegs in den Wald hinein. Wir wollten unsere trockenen Kleider anziehen. Doch obwohl sie mehrfach in Plastiktüten verpackt waren, waren sie nass. Bis Mittag haben wir im Schatten von Heuschobern die Kleider getrocknet und uns ausgeruht; dann sind wir losmarschiert, landeinwärts, entlang der bulgarischen Grenze. Etwa anderthalb Tage sind wir erst parallel zur Straße gegangen, um nicht gefasst zu werden. Als wir unsere zwei Konserven und das wenig Brot gegessen hatten, mussten wir uns mit Wasser zufriedengeben. Am zweiten Tag waren wir schon kaputt, der Weg war so schwierig geworden, wir mussten Schluchten überwinden und auf der Straße weitergehen. Am Ende war uns alles egal, wir wollten auch ein Auto anhalten, aber es hat uns keiner mitgenommen. Nach dreieinhalb Tagen sind wir tatsächlich in Negotin angekommen; wir hatten 60 Kilometer zurückgelegt. Mit den Dinar, die ich dabei hatte, habe ich eine Stange Salami und Brot gekauft. Dann waren wir endlich satt, das war unser erstes Essen seit drei Tagen. Nori war ungeduldig geworden. Obwohl wir ihn zurückhalten wollten, hat er einen Mann mit deutschem Autokennzeichen angesprochen. Der war Gastarbeiter in Deutschland und hat versprochen, uns zu helfen. Er hat seine Frau zur Bank geschickt, die hat für uns 100 Mark gewechselt. Der Herr hat uns auch Buskarten gekauft, und wir sind in den Bus nach Belgrad gestiegen. Wir haben uns weit voneinander entfernt hingesetzt und immer gehofft, dass wir nicht erwischt werden. Wir wollten unbedingt zur deutschen Botschaft. Wir wären bei einer Kontrolle schon aufgefallen, zwar hatten wir vorgesorgt, hatten Rasierzeug dabei und sahen ganz ordentlich aus. Aber von der Kleidung her hätte man uns erkannt. Wir haben uns unterwegs gewaschen – eigentlich waren wir auf der Flucht sauberer als danach im Gefängnis, wo wir uns nicht

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waschen durften. Die Fahrt nach Belgrad ging durch eine wunderschöne Landschaft, um 18 Uhr waren wir in Belgrad. Partisan Belgrad hat gerade Fußball gespielt, und die ganze Stadt war voll von besoffenen, grölenden Fans. Wir haben eine Telefonzelle gesucht und die deutsche Botschaft angerufen. Ich habe bairisch gesprochen und gesagt, wir seien aus Landshut, uns hätten sie alle Papiere geklaut und wir hätten jetzt Angst, weil da so viel Polizei ist. Der Mann aus der Botschaft hat gemeint, wir sollten doch hinkommen, sie seien doch genau um die Ecke. Wir waren aber so desorientiert in der Dunkelheit, dass wir Angst hatten, loszugehen. Dann habe ich dem Herrn erklärt, wir trauten uns nicht weg von unserem Gepäck, er möge bitte kommen und uns abholen. Er antwortete, er komme vorbei mit einem Wagen neueren Baujahrs, mit diplomatischem Kennzeichen. Tatsächlich kam dann ein weißer Golf, der Fahrer hat die Tür geöffnet, und wir waren im Nu eingestiegen. Dann fragte der junge Mann uns, wo denn das Gepäck sei. Wir haben ihm unsere Fluchtgeschichte erzählt. Er hat uns zur Botschaft gebracht, geklingelt und über die Sprechanlage verhandelt. Er kam zurück mit dem Bescheid: „Das alte Schwein lässt uns nicht mehr hinein“. Inzwischen war es nämlich 22 Uhr geworden. Dann wollte der junge Mann uns ins Astoria-Hotel bringen. Die haben uns aber nicht genommen, wegen unserer Papiere. Nori hatte seine Papiere verloren. Sein Ausweis und die Aufnahme-Nummer für Deutschland waren in einer Jacke, diese hatte die Donau mitgerissen. Wir haben also den jungen Mann gebeten, uns aus Belgrad hinaus in einen Wald zu fahren. Wir sind in den Wald, es hat wieder zu regnen begonnen; es hatte während unserer Flucht immer wieder geregnet. Wir konnten in dieser Nacht nicht schlafen. Als es Tag wurde, haben wir plötzlich um uns herum lauter Wachtürme gesehen. Hatte der junge Mann uns doch tatsächlich neben einer Kaserne ausgeladen. Dann sind wir einfach auf der Autobahn dahin marschiert; wir wussten nicht einmal, dass wir das nicht dürfen. So mancher Autofahrer hat gehupt und geflucht. Wir mussten in der Früh wieder zur Botschaft. Helmut hat dann einem Autofahrer gewunken, der ist tatsächlich stehengeblieben und hat uns mitgenommen bis zum Hauptbahnhof Belgrad. Wir haben deutsch gesprochen, der Autofahrer hat uns verstanden. In der Botschaft haben wir dann Laufzettel bekommen, haben die Formalitäten erledigt und wurden freundlich beraten. Man hat uns gesagt, dass wir wegen illegalen Grenzübertritts ins Gefängnis müssen. Darauf waren wir vorbereitet. Dann haben wir uns noch Belgrad angeschaut, im Gasthaus gut gegessen, Bier getrunken und unsere geschundenen Füße auf die Stühle gelegt. Einen Tag davor hätten wir uns das nicht getraut. Gegen Abend sind wir zur Polizei, die uns nicht beachten wollte, weil ein Fußballspiel im Fernsehen übertragen wurde. Uns war es aber wichtig, da der Tag noch gezählt werden sollte. Bevor ich zur Polizei gegangen bin, habe ich mein restliches Geld und meine Papiere hinter der Baracke eines Verladebahnhofs vergraben.

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Wir sind ins Polizeigebäude hineinspaziert, Nori ist zu dem einen Polizisten hingegangen und hat ihm etwas gesagt, erst auf Deutsch dann auf Rumänisch. Der hat geflucht und geschrien... „Rumunski...“ Nori kam heraus und sagte: „...die wollen uns nicht“.

Wir hätten weitergehen können. Aber das Problem war, wir hätten die Anstrengungen eines weiteren Grenzübertritts nach Österreich nicht mehr geschafft. Übermüdet, wie wir waren, hätten wir wenigstens eine Nacht schlafen müssen, aber wo? Helmut wollte sich überhaupt nicht bei der Polizei stellen, der hatte schon einmal so eine Gefangennahme und Gefängnis in Ungarn hinter sich. Er wollte weiter. Aber wir haben ihn überredet, dass wir uns endlich einmal ausruhen müssten, unter einem Dach, im Trockenen. Plötzlich hat sich einer von den Polizisten doch erhoben, hat uns erst alles weggenommen, Gürtel und Papiere. Ich hatte nur noch den Hosenriemen und den rumänischen Ausweis, alles andere war vergraben. Dann hat er uns in einen Keller gesperrt. Der Raum war etwa drei mal vier Meter groß, darin waren schon zwei Mann. Kaum waren wir da, haben wir schon geschlafen. In der Früh sind wir aufgewacht, da waren 50 Leute in dem Zimmer. Alle waren in der Nacht gefasst worden. Man hat sich kaum gesehen, es war stockdunkel. Am Morgen hat ein „Schnellgericht“ alle der Reihe nach abgeurteilt, wegen illegalen Grenzübertritts. Danach haben sie uns mit einer „Luxuslimousine“ ohne Fenster nach Padinska Skela gefahren. Es hat sich herausgestellt, dass das so eine Art „Pensionat“ unter den Gefängnissen war. Alle Schwerverbrecher, die entlassen werden sollten, haben sich ein paar Monate davor dort erholen dürfen. Wir haben dort auch fast alle wieder getroffen von der Nacht davor im Keller. Unsere Kleider mussten wir abgeben, und dafür gab es blaue Arbeitsoveralls. Wir aus Rumänien mussten für Sauberkeit sorgen, Toiletten putzen, Betten machen, Fußboden putzen. Immer wurde gerufen: Rumuni, los. Am Tag mussten wir ausrücken zur Feldarbeit: Mais hacken. Ich habe mir gedacht: „Na, Lothar, auf der Kimpa (unserem Feld zu Hause) wolltest du keinen Mais hacken, jetzt hast du es“. Das ging ein paar Tage so, auf einmal kamen sie und haben Freiwillige gesucht für eine andere Arbeit. Ich habe mir gedacht, ich bleib beim Maishacken, das kenne ich schon, wer weiß, was die sonst noch für Arbeit haben. Nori und Helmut haben sich gemeldet. Abends kamen sie fix und fertig zurück. Sie hatten entlang der Save Disteln ausreißen müssen, zwei Meter hohe Disteln, ohne Handschuhe, mit bloßen Händen. Die sahen so abgekämpft und zerkratzt aus, dass es zum Erbarmen war. Dann

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mussten sie jeden Tag Disteln ausreißen. Weil sie aber nicht vorangekommen sind mit der schweren Arbeit, mussten zuletzt alle ausrücken. Ich habe dann die letzten zwei Tage auch noch Disteln ausreißen dürfen. Das Essen war wenigstens gut. Zeitweilig haben wir durch den Zaun hinüber gespäht ins UNO-Lager, das war nebenan, wir haben uns schon gefreut, einmal dort hineinzukommen. Nach 20 Tagen waren wir frei, das heißt wir kamen ins UNO-Lager. Man schob uns in einen Raum, der mit einer schweren Eisentür verschlossen war. Am Fenster waren keine Gitter, aber Eisenbetonstäbe. Die Luft war zum Ersticken. Wir waren wieder eingesperrt, keiner hat mit uns geredet, wir wussten nicht, warum wir dort waren. Durch einen Schlitz an der Tür bekamen wir Essen. Keiner hat uns beachtet. Dreieinhalb lange Tage waren wir dort. Ich bin fast durchgedreht. Nori und Helmut mussten mich festhalten, ich war verzweifelt. In dem Zimmer waren auch Inder und Afghanen, die waren ständig im Bett. Nach fast vier Tagen habe ich voller Wut an die Tür gepoltert, bis einer aufgemacht hat. Er hat auf Rumänisch gefragt: „Was willst du?“ Ich habe gesagt: „Pass mal auf, ich habe nichts verbrochen, ich bin hier isoliert. Ich habe das Recht, dass du mich einmal am Tag in den Hof führst an die frische Luft.“ Der hat nur gesagt: „So?“ Und die Tür ist wieder zugeflogen. Nach etwa zehn Minuten kam derselbe wieder und rief: „Rimini, Afra“ (Rumänen raus). Wir sind aus dem Loch herausgekommen. Ich habe alles dort gelassen, meine Zahnbürste, meine Seife, einfach alles. Dann hatte ich gar nichts mehr. Wir wurden in ein Zimmer gebracht, dort waren Stockbetten und etwa 50 Leute. Am nächsten Tag durften wir zur deutschen Botschaft. Mit einer Art „Passierschein“ konnten wir auch Bus fahren. Die Botschaft hatte inzwischen für uns die Einreisenummern besorgt. Wir mussten nur noch sagen, wohin wir wollen. Ich wurde gefragt, ob ich Verwandte in Deutschland habe. Natürlich habe ich die Verwandten von Gerti in Landshut angegeben. Dann hat der Botschaftsangestellte über Computer deren Telefonnummer gesucht, was für mich schon wie ein kleines Wunder ausgesehen hat, und ich durfte mit dem Cousin sprechen. Danach hat der Botschaftsangestellte zu den Verwandten gesagt, sie könnten mir das Geld für die Ausreise schicken. Am Tag darauf haben wir schon Pässe bekommen. Nori musste noch in Belgrad bleiben, da er keine Papiere hatte. Für Deutschland waren alle Formalitäten erledigt, er hatte eine Aufnahme-Nummer, aber aus Rumänien sollte noch eine Bestätigung kommen. Das hat sich erfahrungsgemäß ewig hingezogen. Helmut und ich hätten dann ein Zimmer im Astoria-Hotel haben können, um den Tag darauf auszureisen. Auf den Komfort eines Hotelzimmers haben wir aber verzichtet und sind schon am Abend weg, von Belgrad hatten wir genug. Wir sind mit dem Istanbul-Express gefahren. In Freilassing wurden wir noch einmal kontrolliert, das war aber nicht

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Entlassungsschein aus dem jugoslawischen Gefängnis, ausgestellt auf den Namen Rudolf Lothar Rujiska

schlimm, immer die gleichen Fragen. In Nürnberg standen wir etwas dumm herum, wussten nicht, wohin wir uns wenden sollen. Da hat sich ein Herr erbarmt, hat uns angesprochen und gefragt, ob er uns helfen könne. Das war natürlich genau der Richtige, der war von der Bahnhofsmission. Wahrscheinlich hat er bei meinem Anblick gewusst, was los ist. Ich bin gewatschelt, wie eine Ente, an meinen Schuhen hatte sich die Sohle vorne gelöst, bei jedem Schritt musste ich die Füße hoch heben und dann schnell nach rückwärts ziehen. Ich kann mir vorstellen, dass ich aufgefallen bin. Der Herr hat uns erklärt, wie wir ins Durchgangslager kommen. In Nürnberg habe ich dann mit Landshut telefoniert, und Siegbert hat uns besucht. Von Landshut aus habe ich Edwin angerufen, der ist nach Belgrad gefahren und hat Nori einfach nach Deutschland gebracht. Das Verfahren hätte sich sonst ewig hingezogen, die rumänischen Behörden haben sich ewig Zeit gelassen mit der Feststellung der Identität von Flüchtlingen. Als ich dann in Landshut war, bin ich durch die Stadt gelaufen und habe immer gedacht: „Mei, wie kann das so sauber sein“. Und jetzt geh´ ich durch die Straßen und denke mir: „Mei, wie kann diese Stadt so dreckig sein“. Inzwischen hat sich nämlich ganz schön was geändert. Wenn ich gewusst hätte, dass es einmal eine Grenzöffnung gibt, hätte ich die paar Jahre vielleicht auch noch abwarten können. Aber ich bereue nicht, die

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Strapazen der Flucht auf mich genommen zu haben. Um aus dem Gefängnis in die Freiheit zu kommen, soll man keine Mühe scheuen. Ich würde es jederzeit wieder tun. Trotz allem. Lothar Rujiska-Hafer, geboren am 4. August 1953, war vor der Flucht selbstständiger Fassbinder in seinem Heimatort Altsadowa im Banat. Heute ist er in Landshut zu Hause und arbeitet als Betriebshausmeister. Norbert Krall ist ebenfalls 1953 geboren. Helmut Flekatsch, Jahrgang1959, ist 2008 gestorben. Die Fluchtgeschichte ist der Monographie „Altsadowa“ mit Marianne Wolfs freundlicher Genehmigung entnommen.

Zwei Seiten aus dem Pass, den die deutsche Botschaft in Belgrad Lothar Rujiska ausgestellt hat.

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Von Grenzübergang zu Grenzübergang Von Hans Füger Mut muss man haben, um seine geliebte Heimat zu verlassen; oder um es mit Machiavelli zu sagen: „Der Mensch darf vor nichts zurückbeben, er muss alles versuchen, alles wagen. Gott ist immer mit dem Mutigen, er erteilt stets dem, der etwas hat, noch mehr, und nimmt dem, der wenig hat“. Für mich war es wegen meiner Heimatverbundenheit wesentlich schwerer, den Entschluss zu fassen, aus Siebenbürgen nach Deutschland auszuwandern, als ihn dann umzusetzen. Als dieser Entschluss dann doch gereift war - auch weil er durch die Umstände immer unausweichlicher wurde - war meine Strategie die, es zunächst allein zu versuchen, irgendwie Hans Füger in die Bundesrepublik Deutschland zu gelangen, um dann Frau und Söhne nachzuholen. Eines wollten wir auf keinen Fall: Kopf und Kragen riskieren. Das war der Versuch, auszuwandern, jedenfalls nicht wert. Dafür ist das Leben doch zu kostbar. Unsere Söhne, Hans-Georg und Waldemar, die Anfang der 1980er Jahre noch Schüler waren (und später Studenten), teilten die Auffassung, dass es praktisch unmöglich sei, gemeinsam eine Ausreisegenehmigung zu bekommen. Gerade wegen der Kinder durften wir unsere Arbeitsplätze und die Studienplätze der Söhne nicht verlieren, was bei einem offiziellen Ausreiseantrag durchaus der Fall gewesen wäre. Denn trotz der bedrückenden Lage im damaligen Rumänien: Meine Frau und ich fühlten uns an unseren Arbeitsplätzen - meine Frau war Lehrerin, ich Ingenieur - im Grunde recht wohl. Materiell ging es uns relativ gut, trotz der zunehmenden Notlage, die im ganzen Land herrschte. Meine Frau und ich waren in früheren Jahren viermal im sozialistischen Ausland. Nun hofften wir auf eine Genehmigung für eine Reise ins westliche Ausland; wir stellten erstmals 1973 einen Antrag, der aber abgelehnt wurde. In den Jahren danach wurde auch jedem von uns einzeln ein Besuch in der Bundesrepublik Deutschland verweigert. Von 1973 bis 1985 erhielten wird etwa zehn Absagen. In die Ostblockländer ließen uns die Behörden allerdings weiterhin reisen. Eine solche Reise versuchte ich 1983 erstmals zu nutzen, um meinen Auswanderungsplan endlich umzusetzen, nämlich halb legal und halb illegal, ohne mich großen Gefahren auszusetzen. In die sozialistischen „Bruderländer“ durf-

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ten rumänische Staatsbürger lediglich jedes zweite Jahr fahren. Weil ich seit Kriegsende eine Tante in Weimar hatte, war es für mich kein Problem, eine Einladung in die DDR zu bekommen. Im November 1983 fuhr ich also zum zweiten Mal nach 1970 in die DDR, diesmal ohne Frau und ohne Auto. Mit dem Zug war es bequemer und auch wesentlich billiger, da man mit einer mit rumänischem Geld bezahlten Fahrkarte hin und zurück sowie kreuz und quer durch die DDR fahren konnte. Dies war ein erheblicher Vorteil, da man offiziell nur eine begrenzte Summe in DDRMark umtauschen durfte. Auch hatte ich neben meiner Verwandtschaft noch gute Bekannte in Ost-Berlin und Dresden, bei denen ich einige Tage wohnen konnte. Für alle, die ich auf dieser Reise besuchte, galt ich als Tourist und Liebhaber von Sehenswürdigkeiten, was zum Teil auch richtig war. Was ich aber darüber hinaus noch vorhatte, wusste niemand, außer meiner Frau. Insgeheim hoffte ich, dass die Grenzer beim Lesen meines Namens und der grünen Farbe meines Reisepasses (ähnlich dem bundesdeutschen) nicht merken oder übersehen würden, dass ich kein Westdeutscher bin und „durchschlüpfen“ könnte. Ich spielte also den unschuldigen und ahnungslosen Touristen, gemäß dem rumänischen Sprichwort: „Spiel den Blöden, und du kommst voran“. Auf diese zunächst naiv scheinende Idee hatte mich in Wirklichkeit ein bulgarischer Grenzer gebracht, der uns 1973 bei der Rückkehr aus Bulgarien nach Rumänien in gebrochenem Rumänisch sagte: „Hans Füger, tu vestgerman, tu mult bronz“, was heißt: „Du Hans Füger, Westdeutscher, du bist schön gebräunt“. Von Weimar aus, wo ich zwei Tage bei meiner Tante weilte, fuhr ich ohne viel Gepäck mit dem Zug nach Schleiz, ein Städtchen nahe dem Grenzübergang Hirschberg zu Bayern. Wie komisch muss ich wohl für den Mann vom Schalter am Bahnhof ausgesehen haben, als ich eine Fahrkarte nach Nürnberg verlangte, und er mir sagte, ich sollte es lieber per Anhalter auf der A9 versuchen. Aber schon etwa 15 Kilometer vor dem Grenzübergang waren Schilder aufgestellt, wo es hieß: „Weiterfahren verboten“. Diese Schilder jagten mir ziemliche Angst ein, und da auch nach drei Stunden kein Auto anhielt, um mich mitzunehmen, gab ich vorläufig diesen Plan auf, fuhr nach Weimar zurück und von dort weiter nach Leipzig zu meiner Cousine Anneliese. Inzwischen hatte ich aber wieder Mut geschöpft und wollte es erneut in OstBerlin versuchen, wo ich ebenfalls Bekannte besuchte. Ich kaufte mir eine Fahrkarte für die S-Bahn, mit dem Ziel, den Grenzübergang Friedrichstadt zu passieren. Durch die erste Kontrolle kam ich durch, und im Raum, wo es nun in die S-Bahn ging, wurde mein Pass geprüft. Die Antwort kam schnell und entschlossen: Der Pass sei ohne Visum für West-Berlin nicht gültig. Ich machte eine verwunderte Mine, und damit war die Sache erledigt. Weitere Versuche unternahm ich auf der Reise 1983 nicht. Der touristische Teil des Urlaubs war trotzdem schön für mich, und so ging nach meiner Rück-

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kehr der Alltag wie gehabt weiter. Diese negative Erfahrung sollte mich aber nicht entmutigen; im Gegenteil, 1985 startete ich einen neuen Versuch, nach Westdeutschland zu gelangen, ebenfalls auf einer DDR-Reise. Dieses Mal sollte es aber viel abenteuerlicher werden. Die Auswanderungswelle meiner Landsleute hatte inzwischen einen Höhepunkt erreicht, und jedem Sachsen aus Siebenbürgen war klar, dass dies kein Ende nehmen würde, bis alle weg waren. Mit Zug und Fahrrad unterwegs Auch dieses Mal sahen meine Pläne nicht viel anders aus als 1983, denn es galt weiter, kein Risiko einzugehen. Als Reisezeit hatte ich wieder vier Wochen eingeplant, von Oktober bis November. Allerdings hatte ich zwei Jahre davor festgestellt, dass es in gewissen Situationen ungünstig sein kann, wenn man nur mit dem Zug reist. So etwa, wie schon geschildert, in Schleiz, wo ich die Strecke vom Bahnhof zur A9 und dann wieder zurück als Anhalter fahren musste, was mehr Zeit in Anspruch nahm als gedacht. Deshalb entschloss ich mich diesmal, mit Zug und Fahrrad in die DDR zu reisen. Sollte es mir nicht gelingen, den Westen zu erreichen, so konnte ich mir wenigstens ein neues Fahrrad in der DDR kaufen und es zollfrei nach Hause mitbringen, zumal mein eigenes schon klapprig war. Ich nahm also mein altes Rad im Gepäckwagen mit auf die Reise. Dafür es dort einen Tag vor der Abreise zu verfrachten, damit es im selben Zug transportiert werde. Der Bahnhof in Kleineinstieg, war für solch einen Service nicht eingerichtet. Mein erster Versuch, in den Westen zu gelangen, sah auf dieser Reise wie folgt aus: In Pressburg (Bratislava) wollte ich mit Gepäck und Rad aus dem Zug steigen, die zwei Koffer im Gepäckraum abgeben und dann mit dem Fahrrad und Rucksack zum Grenzübergang nach Österreich radeln. Denn vom Bahnhof bis zum Grenzübergang sind es nur sechs Kilometer. Bevor ich aber mit dem Rad in Richtung Grenze fuhr, versuchte ich, mir eine Fahrkarte bis Wien für den Zug zu kaufen. Am Schalter meinte der Beamte jedoch, ich müsste in meinem Pass zuerst ein Visum von der rumänischen Botschaft in Prag eintragen lassen, erst dann könnte er mir die gewünschte Fahrkarte verkaufen. Natürlich wusste ich das auch. Auf die schnelle und bequemere Art ging es also leider nicht. Nach diesem Gespräch radelte ich zur Grenze, die teilweise von der Donau gebildet wird. Bis nach Wien sind es gut 60 Kilometer, die man auch leicht mit dem Fahrrad bewältigen kann – ja, wenn man erst einmal über die Donaubrücke kommt. Der eigentliche Grenzübergang folgt dann nach etwa zwei Kilometern. Es war schon Abend, als ich aus dem Zug in Pressburg stieg. Als ich an der

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ersten Grenzkontrolle vor der Brücke ankam, ging die Straßenbeleuchtung an. Zwei junge Grenzer kontrollierten meinen Pass, musterten mich und mein altes Fahrrad und wussten nicht so recht, was sie von mir halten sollten. Als ich ihnen auf Deutsch sagte, dass ich nach Wien wollte, um den Stephansdom zu besichtigen und dann wieder zurückkommen würde, um weiter mit dem Zug in die DDR zu fahren, schüttelten sie nur mit dem Kopf und meinten, sie müssten dies ihrem Vorgesetzten melden. Bis dieser kam, versuchte ich vergeblich, sie zu überzeugen, mich nach Wien radeln zu lassen. Zwar waren die beiden Grenzer jung und scheinbar unerfahren, aber eben nicht dumm. Auch mein Bestechungsversuch brachte nichts: Sie nahmen zwar die Zigaretten und andere Kleinigkeiten höflich an, ließen mich aber dennoch nicht weiterfahren. Als ihr Chef dann endlich kam, wurde es ernster, denn er meinte, ich müsste zur Grenzwache, zu einer gründlicheren Kontrolle mitgehen. Dort besannen sie sich, dass sie einen Mitarbeiter hatten, der Rumänisch sprach, um sich so mit mir besser zu verständigen. Der wurde von zu Hause geholt, es war schon etwa 22 Uhr. Tatsächlich sprach dieser gut Rumänisch, und ich konnte ihm sagen, dass ich nicht die Absicht hätte, in den Westen zu flüchten, sondern nur wünschte, einen Abstecher nach Wien zu machen, weil diese Stadt so viele Sehenswürdigkeiten habe. Der Dolmetscher stoppte mich immer wieder in meinem Erklärungseifer, indem er mir sagte, ich solle ihm keine Märchen erzählen. Ich aber zeigte als Beweis für meine Aufrichtigkeit die Belege für die zwei Koffer, die ich im Bahnhof zum Aufbewahren abgegeben hatte. Ruckzuck fuhren sie mit ihrem Jeep zum Bahnhof, holten meine Koffer, und untersuchten sie gründlich. Auch ich wurde untersucht und musste mich dabei nackt ausziehen. Da sie nichts Gefährliches oder Verbotenes fanden, protokollierten sie dieses schriftlich, währenddessen ich in einen Raum der Wache nackt eingesperrt wurde. In dieser Zelle war es zum Glück nicht kalt. Die Tür war aus Flacheisenteilen gefertigt, so dass ich alle, die sich inzwischen wegen mir versammelt hatten, gut im Auge behalten konnte, aber sie mich auch. Nachdem das Protokoll erstellt worden war, sperrten sie die Tür auf, ich durfte mich anziehen, folgender Beschluss wurde mir mitgeteilt: Ich musste auf der Stelle zurück nach Rumänien fahren, und durfte zwei Jahre lang nicht mehr in die Tschechoslowakei einreisen. Meine Einwilligung dazu sollte ich bekunden, indem ich das erstellte Protokoll unterschreibe. Andernfalls, sagten sie, würden sie meinen Fall an die zuständigen Behörden in Rumänien weiterleiten. Wenn ich aber unterschreiben würde, sei die Sache mit meiner Rückreise für sie erledigt. Natürlich unterschrieb ich sofort. Dass auch sie Wort gehalten hatten, sollte ich erst Wochen später feststellen. Entscheidend war aber auch: Im Reisepass machten sie keinen Vermerk. Nun verfrachteten sie mich mit Fahrrad, Rucksack und den beiden Koffern in ihren Jeep, und los ging es in der Obhut eines mit einer Pistole bewaffneten

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Grenzers zum nur acht Kilometer entfernten ungarischen Grenzübergang. Dort angekommen, es war inzwischen nach Mitternacht, wurde ich noch die wenigen Meter bis zum ungarischen Grenzhaus begleitet. Damit war ich vorerst aus der Tschechoslowakei ausgewiesen. Die ungarischen Grenzer sagten kein Wort und zeigten nur die Richtung an, in welche ich weiter gehen sollte. Es war dunkle Nacht, aber zum Glück nicht kalt, als ich mich zum nächsten Dorf, Raika, zwischen Raab (Györ) und Pressburg, aufmachte. Wie aber soll man nachts mit Rucksack, Rad und zwei schweren Koffern die vier Kilometer bis Raika hinter sich kriegen? Ich habe es folgendermaßen gemacht: Rad und Rucksack 200 Meter vorgefahren und sie am Straßenrand abgelegt; dann zu Fuß zurück, um die Koffer zu holen, und diese wiederum 200 Meter weiter abgestellt; zu Fuß zurück zum Fahrrad und Rucksack, um dann diese wieder nach vorne zu bringen. Nach diesem vielen Hin- und Herlaufen war es 4 Uhr geworden. Ich war sehr müde, habe mich neben einen Heuhaufen gesetzt und bin eingeschlafen, bis es leicht zu Tröpfeln anfing. Ich hatte etwa eine Stunde geschlafen, es graute schon der Morgen, und ich sah auch die Lichter am Rande von Raika. Die ersten Menschen gingen auf der Straße zum Bahnhof, um mit dem Zug zur Arbeit zu fahren. Einer nahm sich meiner an, half mir mit dem Gepäck, so dass ich schneller vorwärts kam und den Morgenzug nach Budapest erreichte. War ich froh, als ich endlich im Zug saß. Das Fahrrad war diesmal auf dem Gang des Wagens, in dem auch ich fuhr. Doch wohin ging nun meine Reise? Diese Frage stellte ich mir, und im nächsten Augenblick war mir klar, dass ich auf keinen Fall zurück nach Hause fahren wollte, da dies für mich sehr blamabel gewesen wäre, zumal alle Arbeitskollegen und Bekannten wussten, dass ich zu Besuch zu meinen Verwandten in die DDR gefahren war. Also musste ich mir wieder etwas einfallen lassen und kam auf die Idee, zuerst das Fahrrad und das schwere Gepäck loszuwerden. Der Inhalt dieses Gepäcks bestand zu 80 Prozent aus Geschenken für die Gastgeber, die ich besuchen wollte. Die Geschenke waren meist KristallServices für Likör und Wein, hergestellt in der Glasfabrik in Mediasch, aber auch etliche Flaschen Schnaps. Schon auf der Fahrt nach Budapest bot ich diese den Mitreisenden an, und siehe da, in kurzer Zeit hatte ich vieles davon verkauft und eine ansehnliche Summe ungarischer Forint bekommen. Erleichtert vom schweren Gepäck, stieg ich gegen Mittag im Budapester Bahnhof Nyugaty-Pu aus dem Zug, gab meine nun leichten Koffer im Gepäckraum ab, das Fahrrad an einer anderen Stelle mit meiner Heimadresse in Frauendorf (Axente Sever). Danach suchte ich mir eine Ecke im Aufenthaltsraum des Bahnhofs, wo ich ungestört schlafen konnte. Beim Erwachen fühlte ich mich erstaunlich wohl. Ich erkundigte mich nach der Adresse der österreichischen Botschaft in Budapest,

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in der Hoffnung, dort ein Visum zu bekommen und dann nach Wien zu fahren, diesmal mit dem Zug. Am nächsten Morgen, kurz nach 9 Uhr, war ich in der Botschaft, wo mir ein Beamter freundlich sagte, dass nicht er zuständig für dieses Visum sei, und ich es doch bei der rumänischen Botschaft beantragen sollte. Natürlich war mir von vornherein klar, dass ich auch dort nichts erreichen würde, aber einen Versuch war mir die Sache schon wert, und ich machte mich gleich auf den Weg. Die Antwort war dann wie erwartet, dass das Visum nur von den Behörden in Rumänien erteilt werden könne, die auch den Reisepass ausgestellt hätten, also in Hermannstadt. Nach diesen Absagen musste ich mir also etwas Neues überlegen. Noch am selben Tag fragte ich einen Bahnbeamten, ob ich mit meinem Reisepass und meiner Fahrkarte nach der Unterbrechung in Ungarn weiter durch die Tschechoslowakei reisen durfte, ohne eine Gefahr einzugehen. Der sah sich den Pass und die Fahrkarten an, und meinte, warum denn nicht, alles sei korrekt und legal. Um ganz sicher zu gehen, fragte ich noch einen zweiten und dritten Beamten, und als auch diese nichts anders sagten, stand mein Entschluss fest: Ich fahre zurück durch die Tschechoslowakei in die DDR und warte nicht zwei Jahre, wie ich das vor zwei Tagen in Pressburg zu Protokoll gegeben hatte. Nach einer Stadtrundfahrt durch Budapest und einem Bummel am Donauufer kaufte ich am nächsten Vormittag neue Geschenke für meine Gastgeber und fuhr mit dem ersten Zug ab. Ohne jede Kontrolle passierte ich die Tschechoslowakei und erreichte am Morgen Dresden. Meine Bekannten wunderten sich zwar über die um drei Tage verspätete Ankunft, wie auch über die Geschenke, die fast alle aus Ungarn und nicht wie gewohnt aus Rumänien waren. Irgendwie erfand ich eine passable Ausrede und führte dann mein touristisches Programm durch. Allerdings fuhr ich nicht mehr zum Grenzübergang Hirschberg (wie 1983), sondern versuchte wieder, am S-Bahn-Übergang Friedrichstadt nach WestBerlin zu gelangen, leider wie vor zwei Jahren ohne Erfolg. Ansonsten machte ich normalen Urlaub. Zu dieser Reise sei noch eine kleine Episode am Rande vermerkt. Vor meiner Heimfahrt kaufte ich mir ein neues Rad, nicht ohne mich zuvor zu erkundigen, welche Zollgebühr dafür eventuell in Rumänien fällig werden könnte. Zu diesem Zweck legte ich mir die Summe von 230 DDR-Mark beiseite. Leider ist diese Sache dann ganz anders als erhofft ausgegangen, so dass ich mich noch heute in gewisser Weise ärgere, wenn ich daran denke. In Klein-Kopisch angekommen, stellte ich mein sonstiges Gepäck auf den Bahnsteig und auch mein neues Fahrrad aus dem Gepäckwagen. Ein Bahnbeamter wollte mich allerdings das Fahrrad nicht mitnehmen lassen und behauptete, es müsse weiter zum Zollamt nach Hermannstadt, um dort verzollt zu werden. Für mich war dies unverständlich, da die Frachtpapiere nach wie vor

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bei der Bahn waren, und ich die Zollgebühr entweder im Nachhinein oder auch an Ort und Stelle bezahlen konnte - die 230 Ost-Mark hatte ich ja extra dafür parat. Er meinte aber, diese Gebühr könne nur vom Zollamt festgesetzt werden, und weigerte sich, mir das Rad auszuhändigen. Nach einigen Tagen wurde mir dann schriftlich mitgeteilt, wie viel die Zollgebühr beträgt: 360 West-Mark. Für mich war dies ein schlechter Witz, da ich ja keine Westwährung besaß und auch die zu verzollende Ware mit Ost-Mark in einem sozialistischen „Bruderland“ gekauft hatte. Aber es blieb dabei: Mein legal gekauftes Fahrrad wurde mir nicht ausgehändigt, da ich die 360 West-Mark nicht zahlen konnte. Kommt noch hinzu, dass das neue Fahrrad bloß 460 Ost-Mark teuer war, also zum offiziellen Wechselkurs etwa 200 Deutsche Mark. Zur Erläuterung sei noch angemerkt, dass man nach einer Auslandsreise über das nationale Reisebüro bei der Rückkehr ins Land die eventuell nicht ausgegebenen Devisen wieder beim Reisebüro in rumänische Lei umtauschen musste. Ich meldete dem Büro, dass ich das Geld für den Zoll noch behalten würde, bis sich die Sache mit dem Rad klären würde. Diese Information wurde aber auch an den für meine Firma zuständigen Geheimdienstoffizier weitergeleitet, der eines Tages von mir die Ost-Mark verlangte. Ich trug zwar das Geld stets bei mir, erklärte aber dem Securitate-Offizier, warum ich es nicht gleich bei meiner Rückkehr umgetauscht hätte. Er aber sagte, dass ginge ihn nichts an, ich müsste ihm das Geld übergeben. Um kein weiteres Aufsehen zu machen, gab ich ihm auf der Stelle aus meiner Brieftasche 80 Ost-Mark, ohne dafür einen Beleg zu bekommen. Zum Glück hatte ich die exakte Summe im Reisebüro nicht genannt, so konnte ich die restlichen 150 Ost-Mark weiter für mich behalten. So einfach konnte man damals sein schwer verdientes Geld verlieren. Möge dies verstehen, wer will, ich konnte es nicht. Doch damit nicht genug: Nach mehr als vier Monaten wurde ich vom Zollamt in Hermannstadt nochmals vorgeladen, um die Sache zu klären. Da ich weiter keine Westmark hatte, musste ich das Fahrrad in die DDR zurückschicken. Aber wohin nur? Was, wenn ich niemanden dort gekannt hätte? Ich gab schließlich die Adresse meiner Cousine in Leipzig an, auf die dann auch die nötigen Dokumente erstellt wurden. Nach diesen Formalitäten sagte mir der Zollbeamte, ich müsste das Fahrrad einer Versand-Dienststelle übergeben, die sich 500 Meter vom Zollamt befand. Also bekam ich das Rad samt den Papieren ausgehändigt und fuhr zu der angegebenen Dienststelle. Dort gab ich Fahrrad und Akten ab – was ich nachträglich als einen Fehler oder gar Dummheit sehe – und fuhr, für den Moment erleichtert, nach Hause. Mein Fahrrad ist natürlich nie in Leipzig angekommen, sondern vermutlich irgendwo in Hermannstadt verschwunden. Ich denke: Hätte ich es nicht abgegeben, sondern behalten, wäre ich vielleicht besser dran gewesen, wer weiß es schon? Im nachhinein ist man immer schlauer. Diese Episode zeigt exempla-

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risch die Absurdität der Vorschriften im sozialistischen Rumänien, aber auch die Ohnmacht des einfachen Bürgers, etwas dagegen zu unternehmen. Beide gehörten zu den großen Problemen in allen sozialistischen Staaten. Heute sehe ich dies alles gelassen und kann darüber schmunzeln. So auch über den Epilog dieser Geschichte: Im Sommer 1986 – also nach fast einem Jahr – bekam ich Post vom Budapester Bahnhof Nyugaty-Pu. Es wurde mir mitgeteilt, ich solle mein dort abgegebenes Fahrrad abholen. Ich aber hatte es längst vergessen und habe natürlich nichts unternommen, es zurückzubekommen. Aber amüsant war das Schreiben schon. 1987 sollten meine Pläne endlich ein glücklicheres Ende finden. Im Leben ist Gesundheit zwar das wichtigste, aber Glück gehört nun einmal auch dazu. Wohl ist wahr, dass dem Tüchtigen das Glück oft zur Seite steht, aber erzwingen kann man es dennoch nicht, es muss sich von selbst einstellen. Anfang 1987 bekam unser Sohn Hans-Georg die Genehmigung, ein bundesdeutsches Mädchen zu heiraten; er konnte im August Rumänien verlassen. Also war für mich klar, einen dritten Fluchtversuch alleine im Urlaub zu wagen. Ich stellte erneut einen Antrag auf eine Reise in die DDR, diesmal aber mit dem Auto. Auch dieser Antrag wurde genehmigt. Am 24. Oktober 1987 startete ich in Frauendorf. Außer meiner Frau ließ ich meinen Sohn Waldemar (er war Student in Klausenburg) und meine 74-jährige Mutter in der Heimat zurück. Meine Schwester Annemarie lebte mit ihrer Familie in Mediasch und besuchte die Mutter in Frauendorf wöchentlich. Natürlich war die Entscheidung, meine Mutter allein der Obhut meiner Schwester zu überlassen, nicht einfach, da sie für mich besonders in den schweren Nachkriegsjahren – als unser Vater fünf Jahre zur Zwangsarbeit nach Sibirien deportiert war – sehr, sehr viel getan hat, ebenso auch später, während meiner Schulzeit und des Studiums. Über Klausenburg und Großwardein ging es nach Budapest und dann nach Raab. Mein Auto war bei der Abfahrt randvoll, außer dem Beifahrersitz, den ich für eventuelle Anhalter freihielt, vor allem aber für meinen Sohn Hans-Georg, den ich am nächsten Tag in Raab am Hauptbahnhof treffen wollte. Er kam mit dem Zug aus Nürnberg, wo er seit gut zwei Monaten wohnte. Um die Mittagszeit des 25. Oktober 1987 kam ich am Bahnhof in Raab an. Hans-Georg war noch nicht da, traf aber kurze Zeit später mit dem Zug ein. Wir waren froh, uns zweieinhalb Monate nach seiner Ausreise aus Rumänien wieder zu sehen. Am Morgen verließen wir Raab in Richtung Wien. Etwa sechs Kilometer vor dem Grenzübergang Nickelsdorf haben uns Grenzsoldaten angehalten. Weil mein Pass kein Visum für Österreich hatte, behielten sie ihn ein, telefonierten mit ihren Vorgesetzten, und nach wenigen Minuten tauchte ein Militärauto mit zwölf Mann auf. Wir mussten aussteigen, ihr Anführer sah sich meine Papiere

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an und nahm mir auch den Führerschein ab. Wir mussten in mein Auto steigen, und sie deuteten mir an, den Weg zurück nach Mosonmagyaróvár zu fahren. Ich fuhr voraus, die Soldaten folgten uns im Militärfahrzeug. An der ersten Kreuzung musste ich halten, sie gaben mir Pass und Führerschein zurück und zeigten in Richtung Pressburg, wohin ich zu fahren hätte. Damit scheiterte mein einziger Versuch, den Westen über Ungarn zu erreichen. Enttäuscht, aber auch erleichtert über den glimpflichen Ausgang, fuhren wir nach Prag. Nach einer Stadtbesichtigung ging es weiter zum DDRGrenzübergang Zinnwald. Wir hatten die Absicht, nach Dresden zu unserem Bekannten Holger K. und seiner Familie zu fahren. Am Grenzübergang folgte die zweite böse Überraschung an diesem Tag: Mein Sohn hatte in seinem Pass kein Visum für die DDR. Alle Überzeugungskunst fruchtete bei den Grenzbehörden nicht, er durfte nicht einmal einen Meter die Grenze überschreiten. Es blieb uns nichts übrig, als uns zu trennen. Ich musste meinen Sohn zum nächsten tschechischen Bahnhof fahren, von wo er mit dem Zug nach Nürnberg reisen konnte. Der nächste Bahnhof, von dem man mit dem Zug direkt in die Bundesrepublik fahren konnte, war das 50 Kilometer entfernte Aussig (Ústí nad Labem). Als wir dort ankamen, war der Bahnhof schon geschlossen und fast menschenleer. Erst am nächsten Morgen hätte er die Möglichkeit gehabt, eine Fahrkarte zu kaufen, und auch die wäre nur bis Prag gültig gewesen, da es in Aussig keine Verkaufsstelle für den internationalen Bahnverkehr gab. Zurück nach Prag Wir überlegten nicht lange und machten uns auf den Weg zurück nach Prag. Die lange Reise der vergangenen drei Tage hatte mich aber so geschlaucht, dass ich nicht mehr weiter konnte. So hielten wir mitten in der Nacht an einem geschützten Ort und schliefen im Auto sofort ein. Am nächsten Morgen fuhren wir bis Prag und parkten in der Nähe des Hauptbahnhofes. Wir machten einen Spaziergang zum Wenzelsplatz, und dort kam mir der Gedanke, zur bundesdeutschen Botschaft zu gehen, um ein Einreisevisum zu beantragen. Leider sagte man mir auch dort, wie zwei Jahre zuvor in Budapest, dass dafür die rumänische Botschaft zuständig sei. Das Haus der bundesdeutschen Botschaft war natürlich dasselbe, von dessen Balkon aus Außenminister Hans Dietrich Genscher im Herbst 1989 den dorthin geflüchteten Tausenden DDR-Bürgern mitgeteilt hat, dass ihre Ausreise in die Bundesrepublik genehmigt worden sei. Meine Einreise - rund zwei Jahre früher - wurde leider nicht genehmigt. Den Weg zur rumänischen Botschaft ersparte ich mir, da ich seit 1985 wusste, wie die Antwort lautete. Nach diesem Versuch war klar, dass wir uns nun trennen mussten. Wir gingen zum Bahnhof, wo sich Hans-Georg eine Fahrkarte nach Nürnberg kaufte. Nach der Abfahrt des Zuges fuhr ich mit dem Auto zurück mit dem Ziel

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Dresden. Zuvor gab es aber beim Fahrkartenkauf die erste positive Überraschung: Aus reiner Neugierde verlangte auch ich eine Fahrkarte nach Nürnberg, indem ich meinen Pass neben den meines Sohnes legte. Und siehe da, der Mann am Schalter war bereit, auch mir eine zu verkaufen. Doch ich wollte nicht einfach mein voll gepacktes Auto in Prag zurücklassen, zumal es ja höchst ungewiss war, was passiert wäre, wenn sich die Tschechen an der Grenze meinen Pass genauer angesehen hätten. So dankte ich bloß für die Auskunft, lehnte es aber ab, eine Fahrkarte zu kaufen. Wie glücklich wäre ich zwei Jahre vorher in Pressburg gewesen, hätte mir damals der Mann am Schalter eine Fahrkarte nach Wien verkauft. Über den Grenzübergang Zinnwald erreichte ich noch am selben Abend Dresden. Bei der Einreise in die DDR hatte ich zuvor noch eine Information erhalten, die später von Bedeutung sein sollte. Ich fragte nämlich, ob ich bei meiner Rückreise wieder zum Grenzübergang Zinnwald kommen müsste? Die klare Antwort lautete: „Nein, Sie können an jedem Grenzübergang zu einem sozialistischen Land die DDR verlassen.“ Diese Nachricht war für meine Pläne sehr vorteilhaft. In der DDR reiste ich nach drei Tagen mit dem Zug von Dresden nach Leipzig und dann nach Berlin. Dort versuchte ich es abermals, mit der S-Bahn am Übergang Friedrichstadt nach West-Berlin zu gelangen. Bei der Passkontrolle sagte mir der Kontrolleur folgendes: Weil ich mit dem Auto in die DDR eingereist sei, könnte ich auch nur mit dem Auto das Land wieder verlassen. Das bedeute aber, dass dies nur bei einem Grenzübergang für Straßenverkehr möglich sei. Als Beispiel nannte er mir den „Checkpoint Charlie“ und noch einige andere. Für mich war dies eine ermutigende Antwort, hatte er doch nichts über mein fehlendes Visum gesagt. Leider war mein Auto in Dresden, so dass ich nicht versuchen konnte, „hinüber“ zu gelangen. Nach einigen Tagen war ich wieder in Dresden. Als Tag der Abreise aus der DDR hatte ich den 10. November vorgesehen. Weil es damals in Rumänien an allem mangelte, in erster Linie an Nahrungsmitteln, kaufte ich so viel ein, wie in den Wagen passte; die DDRLäden waren im Vergleich zu rumänischen geradezu gut ausgestattet. Um 12 Uhr nahm ich von meinen Gastgebern in Dresden Abschied, fuhr aber nicht auf dem kürzesten Weg zur tschechischen Grenze, sondern nach Westen, geradezu auf die A4, um am Hermsdorfer Kreuz auf die A9 nach Nürnberg abzubiegen. Etwa zehn Kilometer vor dem Grenzübergang Hirschberg hielten Grenzbeamte mich an. Ich gab ihnen sehr selbstbewusst meinen Pass, und nach kurzem Einblick wurde er mir auch schon durch das offene Fenster meines Wagens zurückgereicht – ich durfte tatsächlich weiterfahren. In Hirschberg wurden die Autos auf zwei Fahrspuren gelotst: Die linke war für ausländische, die rechte für DDR-Fahrzeuge gedacht. Links standen mehr Autos als rechts, trotzdem ging es zügiger voran, weil es bei den westlichen Fahrzeugen anscheinend weniger zu kontrollieren gab, als bei denen aus der

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DDR. Ich reihte mich als Ausländer links ein, gab meinen Pass und die Autopapiere zur Kontrolle und durfte erneut weiterfahren - ich konnte es gar nicht fassen. Es folgte die Zollkontrolle, vor der ich mir keine Sorgen machte, da ich ja nichts zu verheimlichen hatte, im Auto waren nur die am Vormittag gekauften Nahrungsmittel, etwas Kaffee und Süßigkeiten. Ob sie die beiden Kanister mit Benzin überhaupt bemerkt haben, weiß ich nicht, es gab jedenfalls keine Beanstandungen, und ich durfte nach kurzer Zeit wieder einige Meter vorfahren. Nun war ich unmittelbar vor dem letzten Schlagbaum, dahinter war Bayern. Ich musste erneut Pass und Autopapiere vorzeigen. Wenig später wurde mir mitgeteilt, dass ich hier bei Hirschberg nicht ausreisen dürfe, sondern nur an dem Grenzübergang, an dem ich in die DDR eingereist sei. Meine Einwendung, es sei doch egal, wo ich ausreisen würde, ließen sie leider nicht gelten. Diskutieren half nichts, sie blieben dabei: Ich müsse zurück zum Grenzübergang Zinnwald. Meine Freude war nur kurz. Ich fuhr zurück auf die A9, wollte aber auf keinen Fall zurück nach Zinnwald. Nach gut zehn Kilometern bog ich nach Schleiz ab und fuhr bis Plauen. Ich sammelte meine Gedanken und fasste nun folgenden Plan: Ich fahre am nächsten Grenzübergang in die Tschechoslowakei und klappere dort alle Straßenübergänge nach Bayern ab. Mit dem Straßenatlas auf dem Beifahrersitz fuhr ich zum Grenzübergang Schönberg im Elstergebirge. Gegen 22 Uhr passierte ich die Grenze. Über Eger (Cheb) wollte ich den bayerischtschechischen Grenzübergang Schirnding ansteuern. Schon weit vor dem Übergang hielten mich die ersten Patrouillen an, besahen sich meine Papiere, und ich durfte weiterfahren. Am Grenzübergang teilte man mir mit, ich könne die Grenze nur passieren mit einem Visum von der rumänischen Botschaft in Prag. Inzwischen war es schon nach Mitternacht, ich war sehr müde, deshalb fuhr ich zurück auf einen gut beleuchteten Parkplatz am Rande von Eger. Am Morgen weckte mich die Sonne. Ein schöner Herbsttag kündigte sich an. Gut gelaunt fuhr ich südwärts entlang der bayerischen Grenze zum Grenzübergang Waidhaus. Eine erste Grenzpatrouille ließ mich passieren. Es war kurz vor 10 Uhr, ich hatte noch 500 Meter bis zum Grenzübergang, zu dem zwei Fahrspuren führten, die letzten 150 Meter ging es etwas bergab. Da aber die rechte Fahrspur vor dem Schlagbaum in Reparatur war, wurde nur auf der linken abgefertigt. Ich hatte dies zu spät gemerkt, und war auf der rechten bis zur unpassierbaren Stelle gefahren. Aber ein Grenzer wies mich per Handzeichen an, doch links zu fahren, und so musste ich etwa 80 Meter zurücksetzen – diesmal leicht bergauf – um mich auf der linken Fahrspur einzuordnen. Ich fuhr also im Rückwärtsgang wieder hoch und reihte mich richtig ein. Es war an einem Mittwoch, der Verkehr war nicht übermäßig dicht. Vor mir ging alles sehr flott, ohne aufwändige Zollkontrolle. Am Grenzhaus angekommen, hielt ich an, reichte dem Grenzbeamten Pass und Führerschein und hielt den Atem an. Er sagte kein Wort, ich auch nicht. Nach einigen Sekunden gab er mir die Dokumente zurück

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und den Wink, ich solle weiterfahren. Am liebsten wäre ich sofort losgefahren vor lauter Angst, es könnte ihm doch noch einfallen, dass mit meinem Pass etwas nicht in Ordnung sei. Aber dann das: Vor mir stand ein dicker, dunkelblaue ösischem Kennzeichen, der von anderen Grenzern gründlicher kontrolliert wurde. Da es dabei augenscheinlich Probleme gab, konnte ich nicht weiterfahren. Ein anderer Grenzer am Schlagbaum hatte aber die Szene beobachtet und gab mir Zeichen, ich solle doch rechts überholen und auf ihn zufahren. Er hob die Schranke, der Weg war frei, und in Sekunden passierte ich die Grenzlinie. Benommenheit gemischt mit Euphorie Im Augenblick der Ankunft auf westdeutschem Boden fiel alle Spannung schlagartig von mir ab, mein Ausdruck war vermutlich ein Gemisch von Benommenheit und Euphorie. Heute kann ich mich nicht mehr daran erinnern, was ich den deutschen Grenzbeamten gesagt habe. Ich weiß nur noch, wie einer zu seinem Kollegen sagte: „Dieser Mann ist außer sich, dass ihm die Flucht gelungen ist“. An diesem Mittwoch, dem 11. November 1987, um 10.30 Uhr hatte mein achter Versuch, den Eisernen Vorhang dank der Unachtsamkeit von Grenzbeamten zu passieren, also endlich Erfolg. Was an diesem Tag noch folgte, war für mich fast schon nebensächlich, ich wusste, dass es keine großen Probleme mehr geben würde. Nach einigen Minuten der Besinnung wurden mir die erwarteten Fragen für das Protokoll gestellt, die für die bayerischen Grenzleute Standard waren: meine Herkunft, meine ethnische Zugehörigkeit und ähnliches. Weil ich für die Bundesrepublik keine Versicherungskarte besaß, musste ich mir eine für 97 Mark kaufen. Danach fuhr ein Grenzbeamter höheren Ranges zum 300 Meter entfernten Grenzerhaus, wo ich bei Kaffee und Kuchen allerlei Fragen beantworten musste. Der Beamte gab mir die Adresse der Aufnahmestelle für Aussiedler im 130 Kilometer entfernten Nürnberg. Während der Fahrt fiel mir der gute Straßenzustand auf, dann die gepflegten Äcker, die Dörfer mit ihren schmucken Häusern und schönen Gärten. Ich war in einer anderen Welt. Aber es kamen mir auch ernste Fragen in den Sinn: Was willst du denn hier machen, mit deinen gut 51 Jahren, womit willst du dein Geld verdienen? Mit diesen Gedanken erreichte ich Nürnberg und fand nach drei Auskünften die Aufnahmestelle für Spätaussiedler. Meine Frau und mein Sohn Waldemar sind 1990 nachgekommen. Ich hatte inzwischen eine relativ gute Arbeitsstelle als Sicherheitsingenieur gefunden. Schließlich holte ich 1993 auch meine 80jährige Mutter nach Deutschland, die noch knapp ein Jahr in unserer Nähe lebte. Die politische Wende von 1989, die so erfreulich für Rumänien war, war gleichbedeutend mit dem Ende der 850-jährigen Geschichte der Siebenbürger

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Sachsen: Die meisten von ihnen haben ihre Heimat in den beiden folgenden Jahren verlassen. Fürth, 22. April 2009 Hans Füger wurde am 10. Juni 1936 im siebenbürgischen Frauendorf geboren, wo er auch bis zur Flucht zu Hause war.

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Schwere Entscheidung, schwerer Weg Von Elisabeth Taugner Wer eine weite Reise plant, sollte sich darauf gut vorbereiten oder ein wichtiges Ziel haben. Manchmal macht man Reisen gezwungenermaßen, aus politischen, materiellen oder familiären Gründen. Die größte, schwerste Reise meines Lebens war eine Reise, von der wir wussten, dass es kein Zurück mehr geben wird. Eine Reise in ein anderes Leben, aber auch der Entschluss, alles bisher Aufgebaute zurückzulassen und Freunde zu enttäuschen. Es war aber auch die Hoffnung, ein neues, ruhigeres, freieres Leben zu führen. Warum fassten wir, wie viele andere, diesen Entschluss? Es waren schwerwiegende, gewichtige Gründe, die vielleicht später viele Elisabeth Taugner nicht nachvollziehen können. Vor allem, dass in diesem „unserem“ Lande nach dem Zweiten Weltkrieg eine grundlegende Veränderung stattgefunden hatte. Deutschland hatte den Krieg verloren. Da wurden wir Deutschen in Rumänien kollektiv als Mitschuldige abgestempelt und zu Freiwild im Lande. Der stalinistische Kommunismus war Rumänien aufgezwungen worden. Die Regierung enteignete unser Hab und Gut. Dazu kam der geschürte Hass gegen die Deutschen. Überall war man im Wege. Es folgten die Deportation zum Wiederaufbau in die Sowjetunion, die Verbannung in die Donau-Tiefebene (B -Steppe). Deutsche Jugendliche durften in den ersten Nachkriegsjahren nicht studieren, selbst den Militärdienst mussten die meisten als Soldaten zweiter Klasse in Arbeitseinheiten, in Bleiminen oder Kohlegruben, bei der Bahn oder auf Großbaustellen leisten. Als Mitte der l950er Jahre etwas Ruhe einkehrte, die enteigneten Häuser rückerstattet wurden, haben sich trotzdem die Wut und der Neid auf und gegen die Deutschen gehalten, die sich durch Fleiß, Sparsamkeit und gutes Wirtschaften materiell wieder ein wenig erholten. Dann kamen di -Regimes. Nun hieß es: „Eingliederung in das große rumänische Volk“. Immer mehr deutsche Schulen wurden geschlossen, deutsche Kulturveranstaltungen verboten oder politisch und rumänisch unterwandert, religiöse Veranstaltungen wurden desgleichen auf immer engeren Raum zurückgedrängt. Man wurde bespitzelt, ob man in die Kirche

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geht. Taufen, kirchliche Eheschließungen wurden immer häufiger versteckt vollzogen. Mein Arbeitskollege Hans sagte mir öfter im geheimen: „Wir sind wie ein alter Baum, dem ein Ast nach dem anderen abgehauen wird, dann die Wurzeln, bis er ganz verdorrt“. Dies waren die allgemeinen Ursachen. Wir wollten lieber den ganzen, gesunden Baum verpflanzen, als dass unsere Gemeinschaft langsam, aber sicher stirbt. Etwa 1970 wurde bei Lunga an der serbischen Grenze ein sogenannter „kleiner Grenzübergang“ eröffnet. Wir waren nur etwa vier Kilometer von Nakodorf (Nakovo) in Serbien entfernt. Eine größere Zahl Bewohner der Gemeinde beantragten und erhielten Pässe für den „kleinen Grenzverkehr“; sie durften zwölfmal im Jahr bis nach Kikinda, einer neun Kilometer von der Grenze gelegenen Kleinstadt fahren. Mal mit dem Fahrrad, mal mit dem Bus oder auch zu Fuß ging es vor allem zum Einkauf, weil die Mangelwirtschaft in Rumänien allmählich unerträglich wurde. Als die ersten herausgefunden hatten, dass man diese „kleine Freiheit“ dazu nutzen konnte, in die „große Freiheit“ (den Westen) zu gelangen, nahm man immer mehr Bürgern die Pässe weg – besonders den Deutschen. Mir nahm man einmal für kurze Zeit den Pass weg, weil ich Komloscher Nonnen ein Paket mit kleinen Gebetbüchern und Zetteln mit verschiedenen christlichen Texten von den Kikindaer Schwestern mitgebracht hatte. Ich wurde nicht an der Grenze erwischt, sondern vom Fahrer des Komloscher Altenheims (einem Arbeitskollegen der aus dem Kloster vertriebenen Nonnen) den Parteibonzen verraten. Durch gutes Zureden unseres Bürgermeisters bekam ich nach etwa einem halben Jahr meinen Pass zurück. Meiner Tochter wurde der Pass entzogen, weil sie serbisches Geld bei sich hatte. Durch die Intervention meiner Vorgesetzten bekam sie ihn nach etwa zwölf Monaten wieder. Diese Pässe waren uns deshalb so wichtig, weil man in Jugoslawien vieles kaufen konnte, was man zum Leben brauchte, das es in Rumänien nicht mehr gab. Es kostete zwar einiges, aber was tut man nicht alles, um etwas Besseres zum Essen zu haben. Allmählich reifte in uns der Entschluss, zu flüchten. Ich sagte zu meiner Tochter Liesy: „Wenn du den Pass noch einmal bekommst, dann wählen auch wir den Weg in die Freiheit“. Schlaflose Nächte Im Dezember 1984 war Liesy mit einer Freundin, der Tochter des Bürgermeisters, zu Besuch in Deutschland und fand dort den Mann fürs Leben, kam aber vorerst ihrem Vater keine Schwierigkeiten zu bereiten. Am 8. Januar 1985 starb meine Mutter. Damit hatte ich keine Verpflichtungen mehr zu Hause, und wir planten,

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im Juni 1985 zu verschwinden. Der Entschluss war schnell gefasst, aber was dann kam, war die Hölle für mich. Depressionen, Magenschmerzen, schlaflose Nächte. Ich war bis auf 48 Kilogramm abgemagert. Immer wieder machte ich mir Mut, zumal schon ein Großteil meiner Freunde und Bekannten ausgewandert waren. Sie hatten viel Geld dafür bezahlt, Devisen, die wir nicht hatten, weil wir auch keine Verwandten hatten, die für uns soviel gezahlt hätten. Um irgendwie die sechs Monate des Wartens zu überbrücken, arbeitete ich wie eine Irre, tags im Dienst, abends im Garten oder im Haus, um „Überflüssiges“ zu verbrennen oder zu beseitigen. Im Dienst, im Bürgermeisteramt, half ich noch einigen mir nahestehenden Menschen. Am 6. Juni l985, es war Fronleichnam, machten Liesy und ich uns bei großer Hitze auf den Weg, der viel mühsamer werden sollte, als wir vermuteten. Die Fahrräder ließen wir bei Bekannten an der Grenze mit der Begründung, dass wir, da ich krank war, mit dem Bus von Nakodorf nach Kikinda fahren würden. In Kikinda ging ich in die Kirche, wartete und betete. Liesy verkaufte noch einige Sachen auf dem Markt. Ihr Freund und späterer Ehemann kam pünktlich mit dem Auto. Ich legte mich auf die hinteren Sitze, damit mich keine Landsleute im deutschen Auto sehen. Es ging nach Belgrad. Einmal musste er tanken, die Reise verlief reibungslos. Der Weg schien mir aber unendlich lang. In Belgrad fragten wir uns zur deutschen Botschaft durch. Aber trotz des deutschen Autos schien jeder zu wissen, dass wir keine Bundesbürger sind. Endlich angekommen, lasen wir auf dem Haus nebenan: „Ambasada Republicii Socialiste România“ (Botschaft der Sozialistischen Republik Rumänien). Davor standen zwei Posten in rumänischer Militäruniform. Wie wir an ihnen vorübergekommen sind, wissen wir nicht mehr. Es war bekannt von anderen, dass von diesen schon oft Menschen hineingezerrt und nach Rumänien zurückgeschleppt wurden. Am Eingang der deutschen Botschaft angekommen, wurden wir beide ohnmächtig. Es war 12 Uhr, und die Botschaft hatte bis 14 Uhr geschlossen. Man riet uns, zum Bahnhof zu gehen, Fotos zu machen und zurückkommen. Die beiden Stunden bis zur Wiedereröffnung der Botschaft waren wie ein Alptraum. Pünktlich kamen wir auf einem anderen Weg zurück, um den Rumänen nicht wieder zu begegnen. Wir wurden sehr höflich befragt, unsere Daten wurden aufgenommen, um Pässe für uns auszustellen. Als wir mit einem Papier mit dem Vermerk „Ches is clear“ zur UNO-Botschaft geschickt wurden, waren wir erleichtert. Dort gab es aber Schwierigkeiten, weil wir keine Einreise hatten. Auch wollte man uns erst am nächsten Tag eine Unterkunft geben. Nach vielem Hin und Her in Deutsch, Englisch und Französisch wurden wir in ein Hotel einquartiert. Es hieß „Avala“ und war gegenüber dem Hauptbahnhof. Die erste Nacht verbrachten wir in einem Zimmer mit einer hochschwangeren Rumänin. Sie war mit ihrem Mann und einer Gruppe schwarz über die Grenze gekommen.

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Die anderen aus der Gruppe waren wegen illegalen Grenzübertritts zu Gefängnis verurteilt worden. Am zweiten Tag bekamen wir ein Zimmer mit einer Temeswarer Rumänin, die auf dem Weg zu ihrem Mann nach Amerika war und auf einige Papiere wartete. Sie hatte keine Einreise nach Amerika, aber einiges Geld vom Ehemann, und so haben wir wenigstens einiges von Belgrad gesehen. Ich habe viel geweint und hatte immer Angst um meine Tochter, wenn sie allein mit dieser Frau unterwegs war. Die Tage vergingen zwischen Hoffen und Bangen, Angst und Verzweiflung, fast täglich waren wir bei der UN-Botschaft oder an der Donau. Wir bekamen einen Ausweis für Straßenbahn und dreimal täglich Essen im Hotelrestaurant. Ich konnte noch immer nichts essen, bin weiter abgemagert. Zuletzt hatten wir kaum noch Geld, um uns Wasser zu kaufen. Securitate holt Sportler ab Im Hotel waren weitere Rumänen und ein Banater Schwabe aus Alexanderhausen mgebung. Alle waren schwarz über die grüne Grenze oder über die Donau geflüchtet. Von ihnen erfuhren wir verschiedene Verhaltensregeln, da einige schon ein Jahr und länger dort ausharrten und auf Einreisen nach Kanada oder Australien warteten. Ein Temeswarer, Sohn besserer Eltern, bekam regelmäßig Geld von zu Hause. Andere gingen zu den Bauern arbeiten, um sich etwas zu verdienen. In diesem Hotel war ein rumänischer Sportler (Ringer oder Boxer), den holte die rumänische Securitate aus dem Hotel und brachte ihn zurück nach Rumänien. Nach etwa drei Wochen bekamen wir unsere Papiere – einen Pass für Staatenlose – und konnten uns die Fahrkarte für Nürnberg kaufen. Vor der Abreise aus Belgrad hatte sich das Wetter verschlechtert. Ein kalter Regen durchnässte uns auf dem Weg zum Bahnhof bis auf die Haut. Im Zug war es auch kalt. Sowohl Mitreisende als auch Zugbegleiter erkannten uns sofort als Flüchtlinge und sagten: „Iz Rumunju“, aus Rumänien. Die Kontrolleure erlaubten sich schlechte Witze, weil sie sahen, dass wir vor Angst zitterten. Unsere Füße und Sandalen trockneten erst in Deutschland. In Slowenien und einem Teil von Österreich hatte es sogar geschneit. Am nächsten Tag erreichten wir München. Die Sonne schien wieder, und wir fanden recht schnell den Zug nach Nürnberg. Weil es im Abteil sehr warm war, trockneten unsere Kleider endlich. In Nürnberg angekommen, gingen wir zur Bahnhofsmission, wie uns das Personal der deutschen Botschaft in Belgrad geraten hatte. Dort begegneten wir den letzten unfreundlichen Menschen auf dieser schweren Reise. Es war ein älterer Herr, der immerzu telefonierte, um einen Friseurtermin für seine Frau auszumachen. Dann war noch ein jüngerer da, der aß knusprige Semmeln mit Butter und Salami und trank Kaffee dazu. Wir hatten ihnen gesagt, dass wir anderthalb Tage

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nichts gegessen haben. Einmal fragte er uns, ob wir auch Semmeln wollen. Wir sagten nein, weil wir kein Geld hatten. Darauf antwortete er: „Es hätte ja nichts gekostet“. Damit war das Gespräch beendet. Als der Alte austelefoniert hatte und uns erklärte, wie wir ins Auffanglager kämen, bequemte sich der jüngere wenigstens, uns bis zur Straßenbahn zu begleiten und zu erklären, wo wir aussteigen sollten. Im Durchgangslager angekommen, bekamen wir trotz Dienstschlusses noch Essenbons und ein gutes Zimmer. Wir waren wie erlöst. Endlich fühlten wir uns in Sicherheit. Am kommenden Tag gab man uns Wäsche, Kleider und Schuhe. Zwei Tage wurden wir in verschiedenen Büros befragt und belehrt, ärztlich untersucht, bekamen einen Flüchtlingsausweis und konnten nach Augsburg fahren, wo Schwägerin Karolin uns erwartete. Weil dort kein Platz im Übergangswohnheim war, wohnten wir zwei Wochen bei Karolin. Täglich mussten wir zu Ämtern: Arbeitsamt, Ausgleichsamt, Wohnungsamt, Flüchtlingsamt, Standesamt, Meldeamt, BfA oder LVA. Alle Papiere, die ein Mensch in seinem Leben erwirbt, mussten erneut ausgestellt werden. Tochter Liesy bekam ziemlich schnell Arbeit. So beanspruchten wir keine Sozialhilfe oder andere staatlichen Mittel. Später bekam ich Arbeitslosengeld, und das drei Jahre lang, da ich schon älter als 55 Jahre war. Inzwischen wurde ich zum Gesundheitsamt gerufen. Bei den Untersuchungen in Nürnberg hatte man entdeckt, dass ich an Lungentuberkulose erkrankt war. Nach sechsmonatiger ärztlicher Behandlung, Zeit, in der ich Krankengeld bezog, war ich wieder gesund. Arbeit fand ich in meinem Alter keine mehr. Vom 58. bis zum 60. Lebensjahr bekam ich Arbeitslosenhilfe, mit 60 Erwerbslosenrente und ab 65 Altersrente. Im Übergangswohnheim bewohnte ich anfangs mit Liesy ein Zimmer, später ein kleines allein. Man musste sich das Heizmaterial selbst besorgen. Die Miete war recht günstig. Im Dezember 1986 zog ich als Mieterin in eine kleine Wohnung in Lechhausen. Um Rumänien besuchen zu können, mussten wir die rumänische Staatsbürgerschaft aufgeben. Wir waren persönlich in Bonn vorstellig, hatten wieder Angst vor den rumänischen Dienststellen in der Botschaft. Wir mussten wieder viele Papiere ausfüllen. Nach fast zwei Jahren erhielten wir die Absage. Die aber lautete: „Entzug der Staatsbürgerschaft der Sozialistischen Republik Rumänien wegen illegalem Verlassen des Landes“. Wir hatten aber für die „Absage“ 860 Mark bezahlt. Warum? So war es im kommunistischen Rumänien, und so ist es in vielem heute noch, denn bekanntlich verliert der Fuchs nur seine Haare. Augsburg, im Januar 2010

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Mit zwei Kleinkindern über die Donau Von Franz Pankratz Es ist schon viele Jahre her, seit wir aus Rumänien geflohen sind, aber dieses Erlebnis können und wollen wir nicht vergessen. Gott sei Dank, hat alles ein gutes Ende genommen, umso mehr denkt man im nachhinein darüber nach, was alles hätte passieren können. Im April 1981 flüchtete Wilhelm Sittner, mein späterer Schwiegervater, zusammen mit anderen Landsleuten aus Rumänien. Noch im selben Jahr beantragte seine Frau Emilia mit den drei Kindern die Ausreise nach Deutschland. Ihre erwachsene Tochter Burgi und ich, wir waren verliebt bis über beide Ohren, im Dezember 1981 ließen wir uns im stillen trauen. Als meine Schwiegermutter nach einem Jahr die Ausreisegenehmigung für die Familie in der Hand hatte, verzichtete Burgi auf die Möglichkeit, davon Gebrauch zu machen. Die Mutter reiste im September 1982 mit den zwei noch minderjährigen Söhnen nach Deutschland aus. Wir blieben in Sadowa, und zwei Wochen später kam unsere Tochter zur Welt. Wir stellten gemeinsam einen Ausreiseantrag. Aber wir bekamen von den rumänischen Behörden nur Absagen. Vergeblich waren alle Fahrten zum Passamt in Reschitza. In unserer Verzweiflung wollten wir nun durch Bestechung der Behörden unser Ziel erreichen. In Temeswar gab es einen Zwischenhändler des rumänischen Geheimdienstes als Anlaufstelle für Ausreisewillige, die sich mit harter Währung freikaufen wollten. Im Banat wurde er allgemein „Gärtner“ genannt, weil er nebenbei eine Gärtnerei betrieb. Zu ihm machten wir uns also auf, um uns mit 14.000 Mark loszukaufen. Wir fuhren ein halbes Dutzend Mal nach Temeswar, übernachteten in der Nähe seines Hauses im Auto, um am nächsten Tag vorgelassen zu werden. Aber der „große Herr“ wollte unser Geld nicht annehmen. Der Besitz von Valuta war in Rumänien verboten, wir mussten fürchten, angezeigt zu werden. Wir waren der Verzweiflung nahe, es gab jetzt nur noch den dritten Weg. Wir beschlossen zu flüchten, und zwar mit Kind und Kegel. Entweder die ganze Familie oder keiner. Inzwischen hatten wir zwei Kinder, Kerstin war fünf und Artur war drei Jahre alt. Es musste also ein sicherer Weg gefunden werden. Ich bin Tischler von Beruf und lernte über meine Arbeit einen Zigeuner aus dem Nachbarort Buchin kennen. Es war ein zwielichtiger Bursche, der schon allerhand krumme Dinge gedreht haben muss, denn er hatte große Angst vor der Polizei. Er kannte sich gut aus im Dreiländereck Jugoslawien/Bulgarien/ Rumänien und versprach, einen sicheren Fluchtplan für uns zu entwerfen. Wir sollten in einem Militärschlauchboot die Donau überqueren. Für das Boot zahlten wir ihm 7.000 Lei. Bei unseren Erkundungsfahrten ins zukünftige Fluchtgebiet lernten wir einen Verbindungsmann unseres Fluchthelfers kennen,

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der uns dringend vor einer Flucht mit dem Schlauchboot abriet. Er sagte, es sei zu gefährlich mit den zwei Kindern. Das leuchtete uns ein. Wir hätten gerne das Geld zurück gehabt, das wir für das Boot gezahlt hatten. Der Zigeuner versprach uns, das Schlauchboot an eine andere Flüchtlingsgruppe zu verkaufen, ich sollte ihm aber dabei helfen, es zu verstecken. So machten wir uns auf in die Kleine Walachei; das Boot war, in einen Rollladen gewickelt, unter den Rücksitzen unseres Trabant versteckt. Wir deponierten das Boot unter einer Brücke in Grenznähe. Weil wir uns verfahren hatten, kamen wir auf Umwegen zum vereinbarten Treffpunkt, und der Verbindungsmann war stinksauer und schimpfte, wir hatten den Zeitpunkt für die Flucht der Gruppe verpasst. So blieb das Boot unter der Brücke; es wieder zu holen wäre viel zu gefährlich gewesen. Wir waren unser Geld los. Der Verbindungsmann des Zigeuners besuchte uns danach öfter in Sadowa. Er wollte sich überzeugen, ob wir seriös sind. Er versprach uns, einen sicheren Weg zu finden. Seine Forderung lautete: 200.000 Lei, aber der Zigeuner dürfe nichts davon erfahren, weil er zu ihm kein Vertrauen habe. Aber es war nicht so einfach, den alten Bekannten loszuwerden. Der kam immer wieder, brauchte ständig etwas und machte uns immer wieder neue Angebote. Wir sagten ihm, wir hätten es uns überlegt, wir wollten legal ausreisen. Mit unserem neuen Fluchthelfer machten wir für den 23. April 1988 einen Termin aus. Treffpunkt war ein Parkplatz an der Landstraße in der Nähe von Turnu Severin. Zweistündige Fahrt mit dem Motorboot Mein Schwiegervater kam aus Deutschland und brachte uns mit seinem Auto zu dem vereinbarten Parkplatz. Von dort fuhr er weiter nach Jugoslawien, um am anderen Donauufer auf uns zu warten. Mit 200.000 Lei in der Tasche sind wir zu dem Fluchthelfer in einen alten Geländewagen umgestiegen. Unsere aufregendste Reise hatte begonnen. Es war gegen Abend, als wir an einem kleinen Fischersteg an der Donau hielten. Am anderen Ufer war Bulgarien, aber es war in der Nähe des Dreiländerecks Rumänien/Jugoslawien/Bulgarien. Nach der Geldübergabe mussten wir uns im Unterdeck eines Motorbootes verstecken. Die Fahrt donauaufwärts konnte beginnen. Als wir Stimmen von einem vorbeifahrenden Boot hörten, wurde es uns unheimlich. Doch das war rasch vorbei; ich durfte an Deck. Burgi musste mit den Kindern weiter versteckt bleiben. Nach etwa zwei Stunden Bootsfahrt wurden wir am jugoslawischen Ufer abgesetzt; wir mussten einen riesigen Schotterhaufen hinaufklettern. Oben angekommen, sahen wir zwar eine Straße, aber mein Schwiegervater, der diesen Weg auf- und abfahren sollte, kam nicht. Wir legten Steine auf die Straße, das war das ausgemachte Zeichen, damit er uns findet. Wie wir erst später erfahren sollten, wurde

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er von serbischen Polizisten festgehalten und verhört. Sie suchten schon nach uns. Unser Vater fuhr in Begleitung der Polizei an uns vorbei, er hatte auch unsere Steine längst entdeckt. Er verriet uns nicht, in der Hoffnung, dass wir es allein weiterschaffen werden. Wir saßen auf der Wiese daneben, sahen Autos vorbeifahren, aber keines hielt an. Es war eine stockfinstere Nacht, in meinem ganzen Leben habe ich noch nie so eine Finsternis erlebt. Wir waren in einem fremden Land, mit zwei kleinen Kindern, ohne Essen, ohne Geld, alles hatte unser Vater im Wagen. Zum Glück hatten wir Skihosen dabei, so übernachteten wir auf der Wiese. Jeder von uns hielt ein Kind auf dem Schoß und versuchte zu schlafen. Am Morgen gingen wir zu Fuß etwa zwei bis drei Kilometer bis nach Radujevac. Plötzlich hörten wir aus einem Haus rumänische Volksmusik, wir wollten die Leute um Auskunft bitten. Der Mann, den wir ansprachen, sagte: „Gerade mich habt ihr erwischt? Ich bin nämlich selbst Grenzer“. Er gab uns den Rat, uns zu stellen, wir würden nicht nach Rumänien zurückgeschickt, da wir ja Deutsche sind. Wir trauten der Sache aber nicht, und so stiegen wir in den erstbesten Zug. Der Schaffner ließ uns ohne Fahrkarte weiterfahren. Endstation war Negotin. Irgendwie mussten wir nun von dort weiterkommen. Wir gingen zum Busbahnhof und baten die Frau an der Kasse um Hilfe. Sie sagte uns, sie habe um 13 Uhr Dienstschluss, dann werde sie uns helfen. Wir kamen an einem Kiosk vorbei, da gab es frischgebackene Langosch (Hefekuchen). Die Kinder waren sehr hungrig und wollten unbedingt etwas essen, wir konnten sie nur mit Mühe von dort wegbringen und ihnen erklären, dass wir kein Geld haben. Nach kurzer Zeit kam ein Mann, der brachte zwei Langosch für die Kinder. Er sprach uns auf Rumänisch an und fragte, ob er den Kindern die Langosch schenken dürfe und ob er uns helfen könne. Kurz danach nahm serbische Polizei uns fest. Einer der Männer, die Burgi begleiteten, flüsterte ihr zu: „Nema problema, voi germani – kein Problem, ihr seid Deutsche“. Burgi wurde nicht verhört, sie kam mit den Kindern in ein Hotel. Von mir wollten sie wissen, wie wir geflüchtet sind. Ich wollte meinen Fluchthelfer nicht verraten und gab an, wir seien mit dem Schlauchboot geflüchtet. Die Polizei glaubte uns zwar nicht, aber sie ließ uns in Ruhe. Auch mein Schwiegervater übernachtete in demselben Hotel wie Burgi mit den Kindern, er musste aber am nächsten Tag das Land verlassen. Ich kam wegen illegaler Grenzüberschreitung ins Gefängnis. Burgi wurde am nächsten Abend mit den Kindern nach Belgrad in ein UNO-Flüchtlingslager gebracht. Im Gefängnis hatte ich die Wahl, mich zur Arbeit zu melden oder die Zeit einfach abzusitzen. Ich meldete mich zur Arbeit, ich musste im Hafen Schiffe mit Kunstdünger beladen. Die Zeit der Trennung war für uns fast unerträglich, weil wir nichts voneinander wussten. Burgi wurde im Lager ganz gut behandelt. Die Zimmer waren zwar klein und einfach eingerichtet, aber es gab Duschmög-

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lichkeit, und für Essen war auch gesorgt. Tagsüber durfte sie sich sogar mit ihrem UNO-Ausweis in Belgrad frei bewegen und konnte bei den Eltern in Deutschland anrufen oder zur deutschen Botschaft fahren. Dort sagte man ihr, sie brauche sich keine Sorgen zu machen. Trotzdem war es nicht einfach für sie, die Zeit abzuwarten, sie lebte mit der Angst, etwas könnte doch noch schiefgehen. Endlich wurde ich aus dem Gefängnis in das UNO-Lager gebracht, wo meine Familie auf mich wartete. Es dauerte nur noch ein paar Tage, und wir hatten unsere Ausreisepapiere in der Hand. Am 11. Mai sind wir in Deutschland eingetroffen. Franz Pankratz war vor der Flucht selbstständiger Schreiner in seinem Heimatort Altsadowa im Banat. Heute ist er in der Nähe von Nürnberg zu Hause und arbeitet als Küchenfachverkäufer. Die Fluchtgeschichte ist der Monographie „Altsadowa“ entnommen mit Marianne Wolfs freundlicher Genehmigung.

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Norbert Koch:

Beim Fluchtversuch die Beine verloren Verkehrsunfälle haben das halbe Leben von Norbert Koch beeinflusst und bestimmt. Vor 22 Jahren hat er bei einem Fluchtversuch mit dem Zug beide Beine verloren; kurz vor den Paralympischen Spielen 2008 in Peking hat ihn ein Auto angefahren. Während das erste Unglück sein weiteres Leben entscheidend prägen sollte, war der Unfall, den er mit dem Handbike im Landkreis Karlsruhe hatte, nicht so tragisch; er hat ihn wahrscheinlich um eine Medaille bei den Spielen in China gebracht. Koch, der am 4. Mai 1970 in Lenauheim, dem Geburtsort des großen österreichischen Dichters Nikolaus Lenau (1802-1850), das Licht der Welt erblickt hat, ist heute ein lebensfroher Mensch. Die Schicksalsschläge hat er weggesteckt. Er selbst sagt von sich, er sei ein positiv Denkender. „Das Leben geht weiter, man muss die Wege gehen, wie sie sich einem anbieten“, sagt er heute. Zum vielleicht vollkommenen Glück hat ihm nur eines gefehlt: ein Kind. Das hat er inzwischen: Seit Januar 2009 ist er stolzer Vater eines Töchterchens. Koch beginnt nach dem Fachabitur im Städtchen Hatzfeld an der rumänischserbischen Grenze in der Keramikfabrik zu arbeiten und bekommt Ende der 1980er Jahre mit, wie immer mehr Landsleute die Flucht aus Rumänien antreten. Aus dem Betrieb, in dem er beschäftigt ist, gelingt dem einen oder anderen die Flucht in Güterzügen nach Jugoslawien. Auch Koch entschließt sich, diesen Weg einzuschlagen. Am Abend des 15. November 1988 versteckt er sich im Gebüsch an der Eisenbahnlinie und versucht, auf einen fahrenden Zug aufzuspringen. Der Zug ist zu schnell, Koch gerät unter die Räder und verliert beide Beine. Der Pförtner der Keramikfabrik hört seine Schreie und alarmiert den Rettungsdienst, der auch rasch zur Stelle ist. Koch weiß nicht, wie lange es gedauert hat. Er meint, es könnten fünf, aber auch zehn Minuten vergangen sein, bis der Rettungswagen zur Stelle war. Die kurz darauf eingetroffenen Grenzer wollen den Schwerverletzten festnehmen und verhindern, dass er ins Krankenhaus kommt. Doch der Sanitäter setzt sich durch und nimmt ihn mit ins Krankenhaus, wo Ärzte ihm das Leben retten. Die Geheimpolizei Securitate lässt ihn wegen der schweren Verletzungen in Ruhe; die Haft bleibt ihm erspart. Nach sechs Wochen ist er zu Hause in Lenwürdiges Leben zu führen. Es fehlt die nötige Versorgung, ferner Prothesen und Rollstühle. Norbert Koch hat wieder Glück: Im Dezember 1989 stürzt das kommunistische Regime in Rumänien, im April 1990 kann er nach Deutschland umsiedeln und findet in Karlsruhe eine neue Heimat.

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Nach der Umschulung zum Mikroelektroniker in Heidelberg bewirbt er sich bei Siemens in Karlsruhe, wo er noch heute arbeitet. 1992 beginnt er in Langensteinbach Basketball zu spielen. Mit der dortigen Mannschaft steigt er in die Zweite Rollstuhlbasketball-Bundesliga auf. 2005 orientiert er sich sportlich neu, er wird Handbikefahrer. Mit einem von ihm weiterentwickelten Dreirad mit Vorderradhandantrieb wird er 2007 in Bordeaux Vizeweltmeister. Inzwischen ist er mehrfacher deutscher Meister. Seine berechtigten Medaillenträume vor den Paralympischen Spielen 2008 hat ein Unfall zwei Wochen vor der Abreise nach China zunichte gemacht: Während des Trainings mit dem Handbike hat ein Autofahrer ihm die Vorfahrt genommen und ihn angefahren. Prellungen und Sehnenverletzungen haben ihn erneut zu einer Trainingspause gezwungen; schon zuvor musste er aussetzen wegen einer Schulterverletzung.

Norbert Koch unterwegs mit seinem Dreirad

In Peking kommt er nicht auf Touren. Beim Straßenrennen über 48,4 Kilometer bremsen ihn heftige Schmerzen; er hält durch, kommt aber 20 Minuten nach dem Sieger ins Ziel. Aber schon die Teilnahme an den Paralympics war für Koch ein Traum: „Hätte mir das vor ein paar Jahren jemand prophezeit, hätte ich nur gesagt, du spinnst“. Zum Handbiken sind gewaltige Oberarme nötig. Die braucht der Sportler, um mit dem Handbike über den Asphalt zu jagen. Handbiken ist Radfahren für Rollstuhlfahrer. Je nach Grad der Behinderung liegen oder knien die Fahrer im

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Dreirad. Statt in die Pedale zu treten, treibt der Athlet das Gerät über eine Handkurbel voran. Spitzenfahrer wie Norbert Koch erreichen Geschwindigkeiten von 50 Kilometern in der Stunde. Handbikefahrer brauchen nicht nur Kraft, sondern müssen auch gute Taktiker sein. Der Sportler muss den richtigen Augenblick finden, um aus dem Windschatten der Konkurrenz herauszufahren und zu attackieren. Koch liebt die Mischung aus Kraft und Finesse; er zieht deshalb die direkte Auseinandersetzung im Straßenrennen dem Zeitfahren vor. In Peking haben mit Ernst van Dyk aus Südafrika und dem für die USA startenden Mexikaner Alejandro Albor zwei Legenden des Handbikesports Gold und Silber gewonnen. 2007, bei den Weltmeisterschaften, hatte sich Koch als Silbermedaillengewinner zwischen den beiden platziert. Das Handbike ist für Koch mehr als ein Sportgerät. Es hilft ihm, seinen Freiheitsdrang auszuleben. Manchmal macht er Ausflüge von mehr als 100 Kilometern. Norbert Koch kann Handbiken als Spitzensport betreiben, weil sein Arbeitgeber ihn durch eine großzügige Arbeitszeitregelung unterstützt. Koch will noch viele Jahre handbiken. Nächstes großes Ziel: 2012 will der heute 40-Jährige in London bei den Paralympics antreten.

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Alfred Umberath:

Lagerfeuer im Grenzerstützpunkt Alfred Umberath aus Henndorf (Br Harbachtal wollte unbedingt Rumänien verlassen. Seine Freundin lebte schon seit fast zwei Jahren in Deutschland und hatte ihm inzwischen ein Töchterchen geschenkt. Erfahrungsgemäß hätte er noch Jahre lang auf eine Heiratserlaubnis der rumänischen Behörden und die Ausreisegenehmigung warten müssen. Eine lange Zeit, Umberath wollte nicht, dass seine Tochter ihn erst als Dreijährige kennenlernt. Weil er in Rumänien eingesperrt war und es keinen anderen Ausweg gab, entschloss er sich zur Flucht. Dabei kam ihm der Zufall zu Hilfe. Zusammen mit seinem Freund Georg Alfred Umberath Grommes aus Jakobsdorf (Iacobeni) kam der Siebenbürger Sachse über einen Freund mit zwei Zigeunern aus Mergeln (Merghindeal) in einer Kneipe ins Gespräch. Die beiden waren nach einem Fluchtversuch, den sie zusammen mit zwei Siebenbürger Sachsen unternommen hatten, von den jugoslawischen Behörden nach Rumänien zurückgeschickt worden und mussten sich entsprechend einem Urteil regelmäßig bei der Polizei melden. Sie hatten sich inzwischen für einen neuen Fluchtversuch entschieden und wollten das Land vor dem nächsten Meldetermin verlassen haben. Sie hatten schon den nächsten Montag als Fluchttag festgelegt. Das taten sie Umberath und Grommes kund und luden sie gleich ein, mitzukommen. Die beiden Sachsen waren einverstanden und schlossen sich den beiden an. Die beiden Zigeuner gaben sich als erfahrene Führer aus und versicherten den beiden, die Flucht werde gelingen. Schließlich hätten sie keine Lust, nach einer zweiten Auslieferung erneut verprügelt zu werden. Umberath verabschiedete sich von seiner Familie in Henndorf mit der Notlüge, er fahre mit seinem Freund eine Woche lang nach Hermannstadt in Skiurlaub. Falls der Schnee hoch genug sei, wollten sie eventuell länger bleiben. Selbst die vorsorgliche Frage der Großmutter, ob sie denn auch wüssten, wo sie unterkommen könnten, brachte Umberath nicht in Verlegenheit. Sein Freund hätte einen Bekannten, der würde ihnen ein Hotelzimmer zur Verfügung stellen. Mit Benzingutscheinen - 1989 herrschte in Rumänien Treibstoffmangel -,

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einem Kassettenrekorder und einigen Kleidungsstücken im Gepäck, machte sich Umberath auf zum Treffpunkt, dem Busbahnhof in Agnetheln (Agnita). Mit dem Auto ging es nach Hermannstadt, wo die Zigeuner noch mit festen Schuhen ausgestattet wurden, dann haben sie sich gemeinsam auf den Weg zur jugoslawischer Grenze begeben, und zwar mit einem Wagen, den Grommes seinem Vater „gestohlen“ hatte. In Reschitza nahmen sie einen Bekannten der beiden Zigeuner mit, halb Deutscher, halb Rumäne. Vor der Grenzzone stellten sie den Wagen auf einem Bauernhof ab, teilten Grommes Vater per Post die Adresse mit, wo das Auto abgeholt werden kann, und machten sich zu Fuß auf zur grünen Grenze. Sie hatten Glück, ein Lastwagenfahrer nahm sie bis in einen Kurort mit, von dort ging es zu Fuß weiter. Die fünf orientierten sich nach der Sonne. Es war ein sonniger, warmer Tag, die Sicht war gut. Nach einem Abstieg machten sie auf einem Berg vor ihnen eine Grenzerstreife aus. Nun waren sie gefangen in dem Tal, wo sie übernachten mussten. Vor ihnen lag eine lange, kalte Nacht, an deren Ende sie den Weg über einen holprigen Acker fortsetzen wollten. Nachdem sie unter einer Brücke auf die andere Seite einer vielbefahrenen Straße gewechselt waren, hatten sie nur noch flaches Land und die beleuchteten Ortschaften in Jugoslawien vor sich. In Rumänien waren Ende der 1980er Jahre keine Straßenlaternen mehr in Betrieb. Jetzt blieben die fünf Flüchtige beim geringsten Geräusch stehen und hielten die Augen offen. Der Mann aus Reschitza habe ihnen viel geholfen, denn er hatte Augen wie ein Adler, erinnert sich Umberath. Beim Überqueren einer stillgelegten Bahnstrecke kugelte sich der Mann aus Reschitza das Fußgelenk aus; er wollte aufgeben, doch die anderen waren dagegen und schleppten ihn mit. Inzwischen waren die fünf der Grenze so nahe, dass sie jeden Papierschnitzel aufhoben, um zu sehen, ob sie schon Serbien erreicht hatten. Als mehrere Telegraphenmasten auftauchten, war sich einer der beiden Führer sicher, dass sie in Serbien waren. Es war etwa 3 Uhr, und es regnete sehr stark. Sie versteckten sich im Gebüsch und machten ein Feuerchen, um sich aufzuwärmen und zu trocknen. Gegen 5 Uhr, als sich der Nebel zu lichten begonnen hat, sahen sie Türme etwa 100 Meter zu beiden Seiten des Gebüschs. Erst beim richtigen Hinsehen gaben sie sich Rechenschaft, dass sie in einer Falle saßen. Sie waren auf das Gelände eines Grenzerstützpunktes geraten, seitlich von ihnen standen Beobachtungstürme. Sie hatten riesiges Glück gehabt, dass ihr Feuerchen nicht entdeckt worden war. Nun gab es nur noch eins: Sie mussten geradewegs über die Grenze rennen und versuchen, auf jugoslawisches Gebiet zu gelangen. Über den geharkten Streifen erreichten sie einen Bach, den alle über einen umgekippten Baum überquerten bis auf Umberath, unter dessen Gewicht der morsche Stamm entzwei brach, so dass er ins Wasser fiel. Ein Stück weiter hatten sie ein weiteres Hindernis vor sich: einen betonierten Kanal. Weil Umberath als einziger

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nass war, trug er den kleinen Zigeuner auf den Schultern durch den mit Wasser gefüllten Kanal. Danach mussten sie noch einen Damm erklimmen, worauf ein Rohr mit aufgemalter jugoslawischer Flagge stand. Noch immer bewegten sie sich vorwärts mit der Angst im Nacken, die rumänischen Grenzer könnten ihnen hinterherschießen. Doch die beiden Wachtürme waren noch immer nicht besetzt. Bis dahin hatten die fünf Glück. Doch kaum waren sie vom Damm hinabgestiegen, tauchte schon der erste Bauer auf. Den serbischen Gruß der fünf erwiderte der Bauer auf Rumänisch mit „Bun Die fünf verkrochen sich schleunigst in einem Schafstall. Einer der beiden Führer hatte den unglücklichen Einfall, in das Büro der vor ihnen liegenden Farm zu gehen, um Erkundungen einzuholen. Ein fataler Fehler. Fünf Minuten, nachdem er das Büro verlassen hatte, war die Polizei da und brachte sie nach Weißkirchen (Bela Crkva), wo Grommes’ Schwager im Wagen vergebens auf sie wartete. In Weißkirchen wurden sie in Einzelhaft genommen. Vor einem gut Deutsch sprechenden Polizeibeamten mussten sie eine Erklärung abgeben. Er wollte wissen, wann und wo sie die Grenze überschritten haben, ob geschossen wurde, ob eine Wache dort gewesen war, welche Verwandte sie in Deutschland hätten. Er versicherte Umberath, dass lediglich die Deutschen ihrer Gruppe gute Chancen hätten, in den Westen zu gelangen. Von Weißkirchen wurden die fünf Flüchtlinge nach Padinska Skela verlegt. In der Untersuchungshaft wurden die beiden Sachsen und der Mann aus Reschitza von den beiden Zigeunern getrennt. Umberath und seine noch bei ihm gebliebenen Mitstreiter wurden wegen Grenzverletzung zu je 20 Tagen Gefängnis verurteilt. Umberath berichtet, sie seien kahl geschoren worden, das Essen sei nicht schlecht gewesen, es habe ein Bad gegeben, und in der Großraumzelle habe es sogar eine Gitarre gegeben. Ein Hof voller Sachsen und Schwaben Als sie zum ersten Mal den Innenhof betreten haben, war dieser ausschließlich mit Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben gefüllt gewesen. Unter ihnen war auch ein Kinderarzt aus Reschitza. Nach zwei Wochen, in denen Umberath und Grommes in einer Fabrik Medikamente für Krankenhäuser verpacken mussten, andere Mitstreiter hingegen in einer Bierfabrik beschäftigt waren, haben sie zum ersten und letzten Mal ihre beiden Führer gesehen. Sie wurden erneut nach Rumänien abgeschoben. Aus der Haft in Padinska Skela wurden die drei Übriggebliebenen vor Ostern ins UNO-Lager nach Belgrad verlegt. Dort waren sie Freigänger. Nach Ostern konnten sie ihre Ersatzpässe in der deutschen Botschaft in Belgrad abholen. Zusammen mit weiteren 25 Mann - Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben - sind die drei in Belgrad in den Zug gestiegen mit dem Ziel

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Nürnberg. Nach einer Woche ist Umberath in Neunkirchen im Bergischen Land, etwa 40 Kilometer östlich von Köln, eingetroffen, wo seine Freundin mit Tochter zu Hause war. Es war der 15. April 1989. Die Flucht hatte er genau an dem Tag angetreten, an dem seine Tochter getauft worden ist: am 28. Februar. In der Zeit, als Umberath in jugoslawischer Haft war, hat seine Freundin telefonisch nach ihm geforscht, zuerst vergebens in der bundesdeutschen Botschaft in Budapest und dann mit Erfolg in der Botschaft in Belgrad. Als die Flucht der fünf in Rumänien bekannt geworden war, hat es beim Vater seines Kumpels in Jakobsdorf (Iacobeni) eine Hausdurchsuchung gegeben. Die Polizei suchte vergebens im Hause Grommes eine Kassette, auf der die Anleitungen zur Flucht zu finden sein sollten. Georg Grommes Im Juni 1990 ist Umberath mit seinem Onkel aus Hannover und seiner Schwester nach Siebenbürgen gefahren. Mit drei Autos haben sie die gesamte Familie nach Deutschland gebracht. Alfred Umberath, am 5. August 1965 in Schäßburg (Sighi geboren, legt am Josef-Haltrich-Gymnasium in Schäßburg das Abitur ab und arbeitet anschließend als Fräser im siebenbürgischen Agnetheln. Heute ist er Schichtleiter bei einem Pumpenhersteller in Lohmar östlich von Köln. Georg Grommes, geboren am 20. September 1964 in Jakobsdorf im Harbachtal, ergreift nach dem Abitur und anschließendem Militärdienst in Agnetheln den Schlosserberuf. Nach der Flucht lässt er sich im oberschwäbischen Weingarten nieder, wo er nach einer Schulung seit mehr als 20 Jahren als CNC-Dreher arbeitet.

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Prügelnde Aufseher im Werschetzer Gefängnis Von Paul Muck Unser Antrag auf eine Besuchserlaubnis für Deutschland wurde Ende der 1970er Jahre zweimal abschlägig beantwortet. Seit 1980 haben wir dann bei den rumänischen Behörden um eine Ausreisegenehmigung angesucht. Unsere regelmäßigen Nachfragen bei den zuständigen Kreisstellen brachten nichts. Zweimal wurden wir vor „Ausreisekommissionen“ zitiert, jedes Mal ohne Erfolg. Erst 1985 wurden Kathi und ich eines Tages nach der Arbeit beim Verlassen des Holzverarbeitungskombinates Karansebesch von einem SecuritateMann in ein Büro gerufen. Er teilte uns mit, dass wir uns die Wege nach Reschitza sparen könnten, wir dürften nicht ausreisen. Ich arbeitete damals im Kombinat mit Vertretern der Firma Siemens zusammen, und wer mit Ausländern zu tun hatte, durfte nicht ausreisen. Somit sahen wir uns jeder Hoffnung beraubt, unsere Verzweiflung war groß. Da es keinen legalen Weg geben sollte, nach Deutschland zu gelangen, haben wir uns nach einer Fluchtmöglichkeit umzuhören begonnen. 1985 war mein Bruder Lothar mit zwei Freunden über die Donau geflüchtet. Im selben Jahr machte uns sein Fluchthelfer, ein gewisser Ion, auch ein Angebot. Dafür wollte er von uns 80.000 Lei haben. Das war sehr viel Geld, und wir hatten es nicht. efan, boten sich an, uns die Summe zu leihen und verkauften dafür ihren Goldschmuck. Unser selbsternannter Fluchthelfer kam uns aber zunehmend unseriös vor, wir vermuteten sogar, er könnte ein Spitzel der Securitate sein. Er erzählte uns nämlich gar nichts von dem geplanten Fluchtweg – im Gegenteil – er wollte von uns wissen, wie wir nach Deutschland kommen wollten und was wir weiter vorhätten. Schließlich wandten wir uns von ihm ab. Tatsächlich stellte sich später heraus, dass dieser Mann ein Betrüger und Spitzel war, er hatte von mehreren Fluchtwilligen Geld kassiert und diese der Polizei ausgeliefert. Nach diesem ersten gescheiterten Fluchtplan vergingen Jahre, erst 1989 bot sich uns die Möglichkeit, zusammen mit drei anderen uns fremden Männern einen neuen Versuch zu starten. Der eine von ihnen, Florin, kannte einen Weg, er hatte schon einen gelungenen Fluchtversuch hinter sich, war aber von Jugoslawien nach Rumänien abgeschoben worden. Er bot sich als Führer an, unter der Bedingung, dass wir ihm mit unseren Deutschkenntnissen in Jugoslawien und nachher in Deutschland helfen sollten. Mein Bruder sollte uns im jugoslawischen Grenzstädtchen Weißkirchen (Bela Crkva) abholen und mit dem Auto nach Deutschland schaffen. Wir versprachen, die drei im Auto mitzunehmen. Florin wollte 50.000 Lei haben, um seine Mutter nicht unversorgt zurücklassen

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dafür nach unserer Flucht das Auto übernehmen. Am 17. Juli um 19 Uhr verließen wir Karansebesch mit dem Geländewagen eines Unternehmens, das Staudämme baute und eben archäologische Grabungen in der Nähe der Donau entlang der jugoslawischen Grenze durchführte. Unser Fahrer hatte für uns so etwas wie „Ausweise“ dabei, eigentlich waren es von Hand geschriebene Zettel mit dem Stempel der Baufirma, die uns das Betreten der streng bewachten Grenzzone ermöglichen sollten. Die Hauptstraße meidend, fuhren wir über Waldwege auf die rumänisch-jugoslawische Grenze zu, bis in die Nähe des Ordwesten von Neumoldowa. Es war ein Uhr und eine helle Vollmondnacht. Weil im Wald überall Wachposten verteilt waren, durfte der Wagen nicht bremsen oder stehen bleiben. Wir sprangen einer nach dem anderen aus dem langsam fahrenden Geländewagen und verschwanden im Gebüsch. Florin war schon bei der Abfahrt betrunken, so dass sein Freund Ion die Führung übernehmen musste. Der kannte aber den Weg nur vom Hörensagen, deshalb sprangen wir eine Wegbiegung zu früh aus dem Wagen und landeten in einer dichten Brombeerhecke, die uns Gesicht und Hände zerkratzte. Wir rutschten die Uferböschung hinab und durchwateten den Fluss Nera. Das Wasser ging uns bis an die Brust. Am anderen Ufer stand in einer Kiesgrube eine Baracke für Bauarbeiter; dort schlug ein Hund an. Gott sei Dank, wurde er von einem Arbeiter beruhigt, und wir konnten unbemerkt den Hang hinaufklettern. Oben angekommen, zerrissen wir unsere Zettel mit dem Firmenstempel, um im Falle einer Verhaftung unseren Fahrer nicht verraten zu müssen. Auf der anderen Seite des Hügels ging es einen steilen Schotterhang hinunter. Mehr rutschend als gehend kamen wir in dem dichten Weißdorngestrüpp vorwärts, dabei wurden unsere Hände vom Bremsen ganz aufgerissen. Auf dem nächsten Hang war ein Maisfeld, dessen Reihen direkt auf die Grenze zuliefen. Weil unser Führer den Weg nicht mehr fand, gingen wir auf der hell erleuchteten Seite des Maisfeldes und standen plötzlich angestrahlt vom Licht des Vollmondes direkt unter dem Beobachtungsturm der Grenzposten. Wir hörten sie reden und wussten, dass wir keinen Schritt weiter konnten. So schlichen wir denselben Weg zurück, um dann auf der Talseite des Maisfeldes wieder auf die Grenze zuzugehen. Wir kamen auf einen Weg und glaubten nun, diesem folgen zu können, aber nach 10 bis 15 Metern stellte sich heraus, dass es der geackerte Grenzstreifen war und wir in die falsche Richtung gingen. Zu unserer rechten Seite wehte die Landesflagge von Jugoslawien. Durch unwegsames Gelände liefen wir so weit wie möglich von der rumänischen Grenze weg, denn wir wussten, dass rumänische Grenzsoldaten Flüchtlingen nachschossen, selbst wenn diese schon in Jugoslawien waren. Später lernten wir im Gefängnis einen Mann kennen, dessen Frau auf der Flucht auf diese Weise ums Leben gekommen war. Nun hatten wir einen Weg von 20 Kilometern bis Weißkirchen vor uns, der bis Tagesanbruch geschafft sein musste. Kathi war völlig erschöpft,

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und es war ihr egal, ob sie gefangen wird oder nicht. Wir zeigten ihr immer einen Baum und versprachen, dort eine Rast zu machen. Wenn wir da waren, zeigten wir ihr das nächste Ziel. Auf diese Weise gelangten wir in einen Weingarten. Dort trat Kathi in ein Loch, in dem ihr Schuh stecken blieb, und ganz plötzlich heulte eine Sirene. Auf diese Weise konnten die jugoslawischen Soldaten die Grenzgänger bei Tagesanbruch leicht orten und einfangen. Wir waren durchnässt, an unseren Kleidern klebte eine feste Lehmschicht. Gegen 6 Uhr waren wir etwa 500 Meter vor Weißkirchen, wo wir uns mit Lothar treffen wollten. Hinter uns lagen etwa 30 Kilometer Fußmarsch unter unheimlich stressigen Bedingungen. In einem Sonnenblumenfeld ließen wir uns fallen, trotz Schüttelfrosts schliefen wir sofort ein. Als die Sonne herauskam, zogen wir die Kleider aus und breiteten sie zum Trocknen aus. Um die Mittagszeit, als wir aufwachten, versuchten wir, die Kleider von Lehm zu reinigen. Um unseren Durst zu löschen, kauten wir Sonnenblumenblätter und tranken aus einer Pfütze, die mit einer Schicht Grünalgen überzogen war. Ich robbte mich vor bis auf eine Anhöhe neben dem Feld, von wo aus man den Weg beobachten konnte, in der Hoffnung, Lothars Auto zu erspähen. Dabei trank ich von dem Regenwasser, das sich in einem hohlen Baumstumpf gesammelt hatte. Wir mussten uns versteckt halten, denn ein plötzlich auftauchender Jugoslawe hätte uns verraten können. Jeder, der Flüchtlinge auslieferte, hatte finanzielle Vorteile zu erwarten. Gegen Abend konnten wir es nicht mehr aushalten vor Hunger und Durst. Ion hatte 10 Mark dabei. Die gab er uns, da wir als Deutsche am wenigsten gefährdet waren, und schickte uns in die Stadt. Als wir in das erste Schaufenster von Weißkirchen schauten, kamen wir uns vor wie Außerirdische. Unsere Gesichter waren ganz zerkratzt und von der Sonne gerötet. Wir fühlten die verwunderten Blicke der Leute. Vor einer Gaststätte stand ein Pkw mit Wiener Kennzeichen, und voller Hoffnung hielten wir uns etwa eine halbe Stunde in der Nähe auf, bis eine Frau und ein Mann auf den Wagen zugingen. Wir sprachen die Frau deutsch an. Der Mann bat uns, schnell einzusteigen und fuhr in eine Seitenstraße. Dort hörte er sich unsere Geschichte an und versprach uns Hilfe. Sie hatten Mitleid mit uns. Er war Jugoslawe, seine Frau Wienerin, und sie wollten sich in seiner Heimatstadt ein Haus kaufen. Ich bat ihn, meinen Bruder in Deutschland anzurufen, denn ich dachte, Lothar sei nicht gekommen. Unser Helfer erzählte uns aber, dass in der Stadt eine große Veranstaltung im Gange sei, die Grenzsoldaten mehrerer Einheiten legten den Eid ab, sämtliche Durchfahrtsstraßen seien gesperrt. Deshalb könne er auch nicht in Deutschland anrufen, die öffentlichen Fernsprecher seien von anrufenden Soldaten in Anspruch genommen. Er wollte uns zu sich nach Hause mitnehmen. Als wir erzählten, dass im Sonnenblumenfeld unsere drei Gefährten auf uns warteten, bot er sich an, auch diese mitzunehmen. Wir sollten uns jedoch im Versteck still verhalten, denn in seinem Hause werde abends eine Party stattfinden. Da wir aber wussten, dass Flo-

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rin gerne trank und randalierte, hatten wir Angst und wollten lieber mit den dreien zusammen im Feld übernachten. Der Mann kaufte uns etwas zu essen und zu trinken und brachte uns mit dem Auto vor die Stadt. Am Rande des Sonnenblumenfeldes war ein älterer Mann, der seine Kuh weiden ließ. Er sah ganz neugierig zu uns herüber. Als wir annehmen konnten, dass wir aus seinem Blickfeld waren, verschwanden wir im Sonnenblumenfeld. Von meinem Bruder erfuhr ich später, dass er am anderen Ende der Stadt von den Einheimischen schon misstrauisch gefragt worden ist, ob denn seine Flüchtlinge noch nicht angekommen seien. Verraten In der Hoffnung, dass Lothar doch noch kommt, verbrachte ich die meiste Zeit vor dem Feld mit dem Blick auf die vorbeifahrenden Autos. So bemerkte ich auch als erster das Polizeiauto, das auf uns zukam. Der Kuhhirt muss eine exakte Lagebeschreibung abgegeben haben, denn die Polizisten blieben genau vor unserem Versteck stehen und riefen nach uns. Die anderen drei liefen weiter ins Feld hinein, was nicht klug war, denn an der Bewegung der mannshohen Sonnenblumenpflanzen konnte man ihren Fluchtweg erkennen. Ich zog Kathi auf den Boden, und wir blieben geduckt sitzen. Wir wären auch davongekommen, wenn die anderen drei uns nicht verraten hätten. Die Polizisten forderten Verstärkung an, dann kamen sie ins Feld, um uns zu holen. Kathi hatte einen Schock und konnte nicht aufstehen, als der Polizist ihr den Revolver an die Schläfe hielt. Es war ein älterer Herr, er sagte später zu Kathi, die immer noch weinte: „Deutsche – nema problema – nicht mehr weinen – Deutsche nach Deutschland“. Nach einem ersten Verhör in Weißkirchen wurden wir nach Werschetz (Vršac) gebracht, wo man uns erneut verhörte. Wir wurden getrennt und durften nicht mehr miteinander sprechen. Ohne weitere Erklärung wurden wir von einem Schnellgericht wegen illegalen Grenzübertritts zu 20 Tagen Haft verurteilt. Im Gefängnis von Werschetz waren etwa 150 Menschen, darunter sehr viele politische Gefangene aus dem Kosovo. Am ersten Tag mussten alle 21 am Vortag gefangenen Häftlinge, weil sie noch keinen Arbeitsplatz hatten, bei einem Polizisten das Haus aufräumen und putzen. Danach musste Kathi zusammen mit anderen Frauen in einem Zuckerrübenfeld mit einer rostigen und schartigen Sichel Gras schneiden. Ich musste in einem Baustofflager Kalk und Beton abladen, täglich etwa 16 Tonnen. Die ganze Zeit über schliefen und arbeiteten wir in unseren zerfetzten Kleidern. Abends versuchte ich, meine Unterhose - natürlich ohne Seife - zu waschen und unter dem Bettlaken zu trocknen, sie war noch nass, wenn ich sie anzog. Nach 20 Tagen schwerer Arbeit war ich froh, dass ich überhaupt noch

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eine Oberhose hatte. Kathi musste ihr Unterhemd in Streifen reißen, um die entzündeten Schwielen an den Händen zu verbinden. Wer sich nicht den Befehlen fügte, wurde verprügelt. Eines Tages versuchte ich, durch das Zellenfenster Kathi eine Zwetschge zuzuwerfen. Ein Bewacher kam in die Zelle und prügelte auf den Mann ein, der gerade am Fenster stand, in der Annahme, der hätte die Zwetschge geworfen. Ein Landsmann aus unserem Dorf, der einige Tage vor uns geflohen war, hatte starke Zahnschmerzen und wagte es, Medikamente zu verlangen. Daraufhin wurde er brutal zusammengeschlagen. Selbst als er schon auf dem Boden lag, hat man auf ihn eingetreten, so dass er wie tot liegenblieb. Die Frauen konnten die Prügelszene gut beobachten. Danach packten die Wachsoldaten ihr Opfer und warfen es in den Gefängnishof, wo wir Männer waren. Wir machten dem jungen Mann kalte Umschläge und versuchten so gut es ging, ihm zu helfen. Der Arme war kurz davor, freizukommen, und wer am Tag der Freilassung nicht fit war, wurde zu weiteren 20 Tagen verurteilt. Während dieser Zeit bekamen wir jeden Tag die gleiche „Suppe“, eine Brühe mit Speckwürfeln und ein paar Pfefferkörnern. Nach 20 Tagen Haft plagte uns die Frage, ob uns ein Polizeiauto mit oder eines ohne Fenster erwarten werde. Es war bekannt, dass jene mit Fenster ins UNO-Lager bei Belgrad fuhren, jene ohne Fenster die Flüchtlinge zurück in ihr Herkunftsland bringen sollten. Die Angst war jedem anzusehen, als wir in zwei Autos ohne Fenster einsteigen mussten. Später hörten wir, dass das organisatorische Gründe hatte, es gab zu wenig Autos mit Fenstern. An jenem Tag hatte es nämlich sehr viele Entlassungen gegeben. Sechs von den Flüchtlingen dieses einen Tages wurden nach Rumänien abgeschoben. Unterwegs gab es plötzlich eine Vollbremsung. Wir wurden aus zwei Gefangenenwagen in ein Auto zusammengepfercht. Es waren nämlich vier Flüchtlinge hinzugekommen: die Loch-Kinder aus Lowrin. Die 18jährige Schwester war mit ihren drei kleineren Geschwistern in der Nacht von zu Hause geflohen. Die vier wurden sofort nach Belgrad gebracht. Im UNO-Lager hat man Kontakt mit der Verwandtschaft in Deutschland aufgenommen, und die Kinder wurden schon am nächsten Tag in die Freiheit ausgeflogen. Ich kam in einen Raum mit zehn Betten, aber 30 Leuten. Dort war es noch viel schlimmer als im Gefängnis in Werschetz. Im Lager hielten sich Flüchtlinge auf, die seit sechs Monaten voller Verzweiflung darauf warteten, von einem Land aufgenommen zu werden. Mir wurde sofort die Toilette als Schlafplatz zugewiesen mit den W - la WC“ (Du Deutscher - ins Klo). Am nächsten Tag - wir kamen gerade vom Verhör - wurden Kathi und ich von einem elegant gekleideten Herrn namentlich angesprochen. Er war belgischer Diplomat und teilte uns mit, dass sich unsere Verwandten in Deutschland schon nach unserem Schicksal erkundigt hätten und dass wir sehr bald ausreisen dürften, wenn alles mit den Papieren klappt, noch am selben Tag mit den Loch-

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Kindern. Am nächsten Tag, am Donnerstagmittag, wurden wir entlassen. Vom UNO-Lager, das 20 Kilometer weit außerhalb von Belgrad lag, mussten wir zur UNO-Vertretung in die Stadt. Dort kümmerte sich eine Angestellte rührend um uns, obwohl wir kurz vor der Sperrstunde ankamen. Wir wurden ins Hotel Avala geschickt, das lag am anderen Ende der Stadt. Doch welche Rolle spielt solch eine Entfernung, wenn es in die Freiheit geht? Die warme Dusche und den Kartoffelsalat mit Schnitzel empfanden wir als wahren Luxus. Weniger begeistert von ihrem Schicksal waren die Rumänen, die wir hier trafen; sie warteten seit einem Jahr oder länger auf ein Aufnahmevisum. Am nächsten Tag begaben wir uns zur Botschaft der Bundesrepublik Deutschland. Das Visum war für uns glücklicherweise nur noch eine Formalität. Weil wir uns schon in Rumänien um die Ausreise nach Deutschland bemüht hatten, lag seitens der deutschen Behörden eine Übernahmegenehmigung vor. Die sogenannte Ru-Nummer (Abkürzung nach Liste Rumänien) machte uns den Weg frei. Wir bekamen einen deutschen Fremdenpass ausgehändigt, etwas Geld und konnten zwei Tage nach der Entlassung aus dem UNO-Lager weiter nach Deutschland fahren. Noch ein Sprung zur österreichischen Botschaft um ein Transitvisum und ein letzter Gang zum UNO-Lager, um zu bestätigen, An der ungarisch-rumänischen Grenze: Kathi und dass wir Jugoslawien legal verlasPaul Muck holen ihre in Rumänien zurückgelassenen Kinder Rocki und Christian auf einem sen. Wir taten es, mit dem ersten ungarischen Bahnhof ab. Zug, mit dem Istanbul-Express. Am 16. Dezember haben wir die Kinder an der ungarisch-rumänischen Grenze abgeholt. Wir waren mit dem Auto meines Bruders Lothar unterwegs; etwa 50 Kilometer hinter Budapest ist uns um 2 Uhr ein Reh vors Auto gesprungen. Wir hatten nur Glück, dass es nicht den Kühler erwischt hat. Wir waren bis in der Früh damit beschäftigt, die Formalitäten zu erledigen; wir mussten einen Jäger suchen, der Polizei mit Händen und Füßen erklären, was geschehen war. Es war sehr knapp, wir haben es nur in aller Hetze geschafft, bis 7 Uhr an die Grenze zu gelangen. Die ungarischen Grenzer wollten uns hinüberschicken. Bis dann eine Dame kam, die Deutsch verstand, der

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haben wir erklärt, dass wir als Flüchtlinge zwei Jahre Rumänien-Verbot haben. Lothar hat die Kinder dann von den rumänischen Grenzern abgeholt. Die Kin der waren sehr komisch angezogen, aus ihren Kleidern waren sie längst herausgewachsen, Rocki hatte einen zu kleinen Skianzug und eine Mütze mit Bommel unter dem Gesicht zusammengebunden. Christian hat geweint, weil die Grenzer ihm das Kissen weggenommen hatten. Er war noch klein und hat dieses Kissen überall mitgenommen. Wir sind im Juni in Deutschland angekommen, und im Dezember ist der Eiserne Vorhang auch für rumänische Staatsbürger gefallen. Ich bereue es trotzdem nicht, die Strapazen der Flucht auf mich genommen zu haben. Ich bin mit ganz anderem Mumm hierher gekommen und habe mein Leben ganz anders angepackt, Familie Muck heute als die, die mit dem Koffer gekommen sind und bis heute unzufrieden sind, weil ihnen alles in den Schoß gefallen ist. Kathi bereut es ab und zu, denn die Sehnsucht nach den Kindern war kaum zu ertragen. Paul Muck, geboren am 25. Januar 1957 in Altsadowa, ist Lothar RujiskaHafers Bruder; er hat den Namen seiner Frau angenommen. In Rumänien war er Schlosser, in Deutschland hat er sich in Ergolding bei Landshut niedergelassen und arbeitet als CNC-Maschinenführer. Die Fluchtgeschichte ist der Monographie „Altsadowa“ mit Marianne Wolfs freundlicher Genehmigung entnommen.

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Plötzlich Herr und Millionär Von Ignaz Pfleger Die Grenze haben wir zwischen 24 und 1 Uhr überschritten. Es war Anfang Oktober 1989. Weil wir vor dem Grenzstreifen durch einen Wassergraben mussten, war ich nass bis zu den Knien. Losgegangen waren wir um 21 Uhr, in Grenznähe mussten wir bis Mitternacht warten. Es war eine kalte, klare und windige Nacht, Reif ließ sich nieder, und mir war die ganze Zeit kalt. Wir waren zu zwölft, was wir im Vorfeld wohl alle nicht gewusst hatten. Darunter waren der Schlepper-Chef, ein Zigeuner, und seine Geliebte. Der Übertritt erfolgte ohne Zwischenfall. Wir gelangten bis in die Nähe von Werschetz. Ich ging voraus, hatte ein Rufen geIgnatz Pfleger hört, aber nicht reagiert, denn ich fror heftig und war schon müde. Ich stand plötzlich allein da, als neben mir ein Auto hielt, aus dem zwei Männer in blauer Uniform ausstiegen und mich mit „Dobro utro“ (Guten Morgen) begrüßten. So viel Serbisch verstand ich und antwortete auf den Gruß. Sie fragten nach meinen „Papira“, und ich erklärte, dass ich keine hätte und rumänischer Flüchtling sei. Daraufhin musste ich einsteigen, und in wenigen Minuten waren wir auf dem Polizeirevier. Tasche, Gürtel und Schuhschnüre musste ich abgeben, dann sperrten sie mich unter einer Treppe ein, die zum Stockwerk führte. Es gab ein mattes Licht, einen Holzrost auf dem Boden und Decken. Ich zog die nassen Schuhe und Socken aus und versuchte zu schlafen. Es gelang mir jedoch nicht, es dürfte etwa 5 Uhr gewesen sein. Zu Dienstbeginn, um 8 Uhr, wurde ich herausgeholt und in ein Büro geführt, wo ein älterer Herr mich einlud, Platz zu nehmen. Zuerst fragte er, in welcher Sprache wir uns verständigen könnten, es blieb beim Rumänischen, das er perfekt beherrschte. Dann wollte er genau wissen, wo ich die Grenze überschritten habe. Das konnte ich nicht genau sagen, nur dass ich durch zwei Ortschaften gekommen bin, durch einen Spalier-Weingarten, wo Anhänger standen, die mit Trauben beladen waren. Dort hatten Leute aus unserer Gruppe Spuren hinterlassen, weil sie sich an den Trauben bedient hatten, was der Polizei gemeldet worden ist. Dann wollte er noch wissen, ob ich von jemandem gesehen worden bin und ob ich Leuten begegnet war. Das verneinte ich. Ob er

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die Lüge glaubte, weiß ich nicht, aber es war damit erst einmal alles in Ordnung. Zu dem Foto von meiner Tochter, das ich bei mir hatte, wollte der Herr noch wissen, wer sich um sie kümmert. Ich sagte, meine Mutter, weil ich geschieden sei. Daraufhin fragte er, ob ich mir bewusst sei, welches Risiko ich auf mich genommen und dass ich mit meinem Leben gespielt hatte. Ich zog nur die Schultern hoch und blieb die Antwort schuldig. Wissen wollte der Beamte dann, warum ich das getan habe, ob es denn in Rumänien so schlecht sei. Ich sagte, dass es mir nicht schlecht gegangen sei, aber alle Verwandten in Deutschland leben und ich auch dahin wolle. „Warum dann nicht legal?“ fragte er. „Weil ich mehrfach abgewiesen wurde“, antwortete ich aufrichtig. Ob ich denn wisse, was nun kommt, fragte er weiter. Darauf antwortete ich mit nein. Er blickte mich an, meinte: „Seien Sie vernünftig, dann geht alles gut“, packte meine Sachen ein, gab mir Gürtel und Schnürsenkel, reichte mir die Hand und wünschte mir viel Glück. Könnte ich brauchen, dachte ich mir dabei. Nicht gesagt hatte ich ihm, dass ich ein zweites Risiko eingegangen war. Dem Schleuser-Netz, bestehend aus Anwerber, Schleuser und Zigeuner-Boss in dem großen Haus mit Videoanlage in der Temeswarer Elisabethstadt, hatte ich im Vorfeld rund 100.000 Lei bezahlt, die gesamten Ersparnisse meiner Mutter und meine eigenen. Ebenso von Verwandten aus Deutschland geborgte 20.000 Mark. 30 Tage Arrest Nach der Befragung kam ich in einen großen Wartesaal, in dem etwa ein Dutzend Mädchen und Jungen auf das Verhör wartete. Als ich etwas fragen wollte, war schon ein Polizist neben mir und schrie mich an, Ruhe zu bewahren. Als dann alle verhört waren, stiegen wir in einen Wagen ohne Fenster, wie sie für Häftlinge auch in Rumänien üblich waren, und wurden in ein Gefängnis gebracht. Dort wurden wir einem Richter vorgeführt, der alle unsere Papiere vor sich hatte und Vordrucke, die ausgefüllt werden mussten. Es ging wie automatisch im Schnellverfahren: „Tri deset dana arest!“ – 30 Tage Arrest, mit langgezogener Betonung auf Arrest, so als würde er etwas stottern, der ältere Herr Richter. Im Nu waren wir alle abserviert. In einem anderen Raum wurden die Taschen erneut durchsucht, der Kommandant, mit kurz geschnittenem rotem Haar und einer Visage wie Axel Schulz, nahm mir Ehering und Halskette ab und machte Inventur. Beim Aufschreiben meinte der Kommandant nebenbei, ob ich ihm nicht von meinen Einwegrasierklingen abgeben könnte, auch zwei für seinen Mitarbeiter im Büro nebenan. Ich sagte zu und wusste nicht, dass ich dafür noch belohnt werde. Im Hinterhof des Hauses mit Gittern an allen Fenstern, oben Eisenstangen und Stacheldraht, mussten wir Männer alle antreten; ein Zivilist mit einer Pumpe sagte „Hose runter“ und pumpte einem nach dem anderen die Hose voll. Dazu

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meinte er zwischendurch lachend „Holzkopf auch“. Von uns hat dazu keiner gelacht, denn es war keinem zum Lachen zumute. Nach dieser Entlausung durften wir in die Zimmer, Männer und Frauen getrennt. Ich war in einem großen Raum; auf dem Fußboden lagen Matratzen, darauf Bettlaken und Decken. Es war sauber und warm. Um 22 Uhr musste das Licht gelöscht werden. Der Arrestalltag begann um 5 Uhr mit Wecken; nach dem Waschen und Frühstück mussten wir in Zweierreihen zum Appell antreten. Alle wurden am ersten Tag aufgerufen außer mir und zwei Jugendlichen, die aus Lowrin. Zu uns kam einer und sagte auf Deutsch: „Mitkommen“. Draußen stand ein Traktor mit Anhänger, darauf stand eine Bank, daneben lagen Schaufeln, Gabeln und Besen. Damit ging es nach Werschetz durch die Straßen. Ich hatte einen neuen Beruf: Straßenkehrer. Genauer: Die Angestellten der Stadt fegten das Laub in den Straßen und Parks zusammen, wir luden es auf und brachten es auf eine Deponie außerhalb der Stadt. Zum Frühstück gab es Tee, ein paar Scheiben Brot, dazu Marmelade und Butter oder Margarine. Um 9 Uhr war Brotzeit mit Speck oder Salami, Käse und einer Zwiebel. Die Frauen, die mit uns arbeiteten, gaben uns oft aus Mitleid etwas ab. Wir freuten uns und waren sehr dankbar, denn das Mittagessen gab es für uns erst um 16.30 Uhr. Hunger hatten wir immer, aber das Essen war für uns Sträflinge gut im Vergleich zu dem, was die serbischen Gefangenen bekamen, oder zu dem, was ich während meiner rumänischen Militärzeit vorgesetzt bekommen hatte. Arbeiten mussten wir täglich acht Stunden, auch samstags. Zweimal wurden wir an Sonntagen aufs Feld gebracht, einmal sammelten wir Sonnenblumenrosen hinter der Erntemaschine und das zweite Mal Maiskolben. An diesem Tag geschah etwas, das die Aufsicht für alle strenger werden ließ. Ich war auf dem Anhänger und nahm die Körbe ab, neben mir ein junger Polizist mit Fernglas. Da eine Zigeunergruppe mit der Arbeit nicht nachkam, sprang er zu ihnen hinunter und half mit dem Gummiknüppel nach. Diese Gruppe von zwei Frauen und drei Männern habe ich später nicht mehr gesehen. Es wurde strenge Ordnung und Disziplin verlangt. Wer seine Arbeit machte, bekam ein Päckchen Filterzigaretten und manchmal sogar einen Zuschlag zum Abendessen. Die Schlafräume wurden gereinigt, Baderaum und Toilette mussten wie beim Militär reihum geputzt werden. Ich war der Älteste und wurde verschont, die Jungen sagten immer Opa zu mir. Unter die Dusche ging es nur einmal in der Woche, und das musste immer schnell gehen. Die Rache der Aufseher Einmal türmte eine Zigeunergruppe von der Feldarbeit. Am nächsten Tag war sie wieder da. Die bestraften Aufseher rächten sich, wir hörten die Eingefange-

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nen nachts schreien. Unter den Verhafteten zirkulierte das Gerücht, dass der Staat an jene Bürger Prämien vergab, die Flüchtlinge denunzierten. Das war in Rumänien im Grenzgebiet auch so. Am 30. Tag wurde ich um 8 Uhr zur Polizei bestellt, wo zwei Autos bereitstanden, eines ging in Richtung Belgrad und eines in Richtung Rumänien. Es war für mich schaurig: Die nach Belgrad wurden gebeten einzusteigen, die nach Rumänien dazu gezwungen. Es war für mich unglaublich und unverständlich, dass das westlich orientierte Jugoslawien die Flüchtlinge zurückschickte, wo man doch wusste, was die Leute dort erwartete: Folter und Willkür der Soldaten und Polizei. Für uns ging alles schnell, ich kam nach Padinska Skela in einen Raum mit 20 Personen: Ein aus Rumänien geflüchteter Ungar machte unter den Häftlingen einen Mitarbeiter des rumänischen Geheimdienstes aus, was er der serbischen Polizei meldete, die ihn sofort nach Rumänien auslieferte. Wie im Werschetzer Gefängnis konnte man hier für Zigaretten alles haben; auch ihre Hemden und Hosen haben Leute dafür hergegeben. Ich habe nicht geraucht und mir immer Essen eingetauscht. Bis 22 Uhr konnten wir fernsehen. Damals war Lambada der große Schlager. Das Gefängnis in Padinska Skela nördlich von Belgrad war überfüllt. Zweibis dreimal die Woche wurden wir verhört. Für mich waren es immer zwei Sätze: Ich will zu meiner Verwandtschaft nach Deutschland und war mehrfach abgewiesen worden. Politische Gründe oder andere Dinge habe ich nicht angegeben, weil für mich die Serben auch Kommunisten waren. Leute, die seitenlange kriti wurden zurückgeschickt. Von allen wurden Fingerabdrücke genommen und Fotos gemacht, wie von Schwerverbrechern. Nach zwei Wochen erhielt ich ein Blatt Papier als Ausweis, dass ich mich frei bewegen darf im Umkreis von 50 Kilometern um Belgrad. Wer außerhalb erwischt wurde, riskierte, abgeschoben zu werden. Mit diesem Ausweis ausgestattet, machte ich mich mit einer Gruppe von einem Dutzend Jugendlichen auf den Weg nach Belgrad. Eines der Mädchen hatte meinen Namen gehört. Es stellte sich heraus, dass es Schulkameradin meiner Tochter in der Lenau-Schule war. Für Bus und Straßenbahn hatten wir freie Fahrt, kamen so zum Belgrader Bahnhof und mussten uns im Hotel Avala melden. Eine Frau am Bahnhof gab uns auf Deutsch Auskunft: mit der neuner Straßenbahn bis ans Ende, dann links den Berg hinauf. Plätze bekamen wir im Hotelkeller auf Eisenbetten. Am nächsten Tag ging es von einer Behörde zur anderen, nachmittags gab es für uns im Hotel nichts mehr zu essen, nach langem Bitten und Betteln dann doch noch. „Guten Tag, setzen Sie sich, mein Herr.“ Das war der Empfang im deutschen Konsulat in Belgrad. Bis zu diesem Tag hatte mich in 46 Jahren noch keiner mit Sie und Herr angesprochen. Nach der Vorstellung fragte der Beamte, ob ich

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eine Einreise beantragt hätte, was ich bestätigte. Ich hatte die Einreisenummer dabei. Er telefonierte kurz und bestätigte mir, dass alles in Ordnung sei. Ich dankte und wollte gehen. Er forderte mich auf, zu warten, holte ein blaues Büchlein heraus, fragte nach Daten, schrieb sie hinein, drückte mir das Büchlein in die Hand und sagte: „Das ist Ihr Pass“. Als unfreier Bürger eines Freiheit predigenden Landes hatte ich einen solchen noch nie gesehen. Dann griff der Mann in eine Schreibtischlade und zählte mir sechs Millionen Dinar auf den Tisch. Am Vortag aus dem Gefängnis entlassen, war ich plötzlich, zum ersten und wohl auch zum letzten Mal, Millionär. Weil ich keine Tasche für so viel Geld bei mir und der Beamte keine Tüte für mich hatte, verstaute ich die Millionen im Hemd. Vor dem Konsulat standen noch einige Leute mit dem gleichen Schicksal; gemeinsam fuhren wir zum Hotel. Das Geld, viele Bündel mit meist 20 Dinar-Scheinen, versteckten wir unter den Bettlaken und legten uns darauf. Hunger hatten wir plötzlich keinen mehr, aber Angst vor Dieben. Die Abreise erfolgte über den Belgrader Bahnhof. Auf der Fahrt standen oft serbische und später österreichische Mitreisende vor dem Abteil und staunten über die Gruppe Jugendlicher, die einem Schul- oder Kirchenchor angehört hatten und jetzt schöne Heimatlieder sangen. Die Ankunft in München: eine andere Welt. Jetzt fragten die Jungen: „Opa, was nun?“ Die Information suchen, fragen, wann ein Zug nach Nürnberg fährt. In acht oder neun Minuten, er steht schon da. Ein Rennen, wie wir das gewohnt waren. Nur hier drängte sich keiner. Dann kam der Schaffner. Was wir da vorzeigten, reichte nicht, wir hätten einen Zuschlag gebraucht. Hatten wir alle nicht, Geld auch nicht. Der Mann hatte Verständnis und erstattete keine Anzeige. Die Ankunft in Nürnberg war von Anfang an ein Erlebnis: Der Zug fuhr unterirdisch. Das hatte noch keiner aus der Gruppe erlebt. Opa musste wieder fragen gehen, wie es mit dem Bus weitergeht. Schließlich waren wir am 10. November 1989 in der Aufnahmestelle in Nürnberg. Es war ein Freitag, Dienstzeit bis 14 Uhr. Mit zwei Kameraden erhielt ich das Zimmer 4510, die weiteren aus der Gruppe wurden andernorts untergebracht. Zufällig fragte ein Herr, ob seine Familie auch eingetroffen sei; weil das nicht der Fall war, hätte er allein zurück nach Ingolstadt fahren müssen. Nach einem kurzen Gespräch nahm er mich mit nach Ingolstadt zu meiner Cousine Anna Wendling. Nach längerem Suchen fanden wir ihre Adresse. Auf mein Klingeln kam Anna heraus und war sprachlos, rief ihren Mann, er solle mal schauen, wer da ist. Ich verstand das Staunen nicht, denn die ganze Verwandtschaft wusste doch, dass ich nach Deutschland unterwegs war. Was ich nicht wusste: Ein Nachbar hatte in Jahrmarkt meiner Tochter erzählt, dass ich an der Grenze erschossen worden wäre. Sie war dann zur Polizei gegangen, wo ihr lachend berichtet wurde, dass ihr Vater nach Deutschland unterwegs sei. Die Polizei in Jahrmarkt (Giarmata) wusste es genau, denn ich hatte in Belgrad vor der Abfahrt eine

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Postkarte mit Briefmarke und einen Kugelschreiber für 24.000 Dinar gekauft und nach Hause geschrieben, dass ich nach Deutschland unterwegs bin. Diese Karte ist bei meiner Familie nie angekommen. Ich hatte Deutschland und einen Teil meiner Verwandten erreicht, aber was eine auseinandergerissene Familie bedeutet, spürt man erst später. Ich wünsche es niemandem. Wenig später musste ich am Fernseher zusehen, was in Temeswar während des Sturzes des kommunistischen Regimes geschah, wo meine Tochter die Lenau-Schule besuchte. So etwas hinterlässt Spuren, die man nicht wegwischen kann. In München wurde eine Demonstration veranstaltet unter der Losung „Nieder mit dem Vampir“. Ich wünsche der jungen Generation und denen nach uns, dass sie vor Diktaturen verschont bleiben. Ich hatte mir oft genug anhören müssen: „Geh' zu Hitler!“ Bis ich alle Formalitäten in Deutschland erledigt hatte, waren viele von denen, die mir das gesagt hatten, schon hier. Ich konnte es kaum glauben. Aufgezeichnet im November und Dezember 2009 Ignaz Pfleger, geboren 1943 in Jahrmarkt, beginnt 1958 nach dem Besuch der Volksschule in seinem Geburtsort im 14 Kilometer entfernten Temeswar eine Zimmermannslehre, pendelt mit der Eisenbahn bis zu seiner Flucht werktags und oft auch an Sonntagen in die Kreishauptstadt. Zuletzt war Pfleger Vorarbeiter auf verschiedenen Baustellen. Nach der Ankunft in Deutschland ist Pfleger zweieinhalb Monate lang arbeitslos, danach arbeitet er ununterbrochen bis zum Eintritt in den Ruhestand (2003) in derselben Firma als geschätzter Zimmerer und „treuer Hund“ (Selbstbekenntnis). Seine Bilanz: 30 Jahre auf Großbaustellen in Rumänien und rund 13 vorwiegend auf Wohnungsbaustellen im legal aus Rumänien aus und lassen sich in Ingolstadt nieder.

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Pfarrer Gheorghe Naghi:

Glückssträhne Als Pfarrer Gheorghe Naghi im September 1989 die Flucht in den Westen angetreten hat, war er regelrecht mit Glück gesegnet. Ob es reiner Zufall war oder seine Gebete erhört worden sind, keiner kann es mit Gewissheit sagen. Die Glückssträhne, die ihm beschert war, hat jedenfalls ausgereicht, um wohlbehalten in Aachen anzukommen. Der Kommunismus mit all seinen negativen Facetten hatte Pfarrer Naghi schon immer missfallen. In der multikulturellen Stadt Temeswar im Südwesten Rumäniens, wo er am 16. Juni 1950 geboren wurde, hat er auch das wahre Gesicht dieser Ideologie kennengelernt. Gheorghe Naghi 1989 war der Entschluss in ihm gereift: Er wollte seine Heimat, das Banat, hinter sich lassen und in Freiheit leben. Am 7. September 1989 war es soweit, er ist über die Grenze nach Ungarn gegangen. Wenn er allerdings damals gewusst hätte, dass die kommunistische Diktatur drei Monate später hinweggefegt werde, hätte er die Strapazen nicht auf sich genommen. Was sich im Dezember 1989 in seiner Geburtsstadt und in Rumänien ereignet hat, verfolgt er aus der Distanz in Deutschland. Doch heute weiß er eines: Wäre er in jenen Tagen in Temeswar gewesen, hätte er sich an den Demonstrationen -Diktatur beteiligt. Schon als Theologiestudent hat Gheorghe Naghi erste Erfahrungen mit dem Unterdrückungsapparat gemacht. Mitarbeiter des Geheimdienstes Securitate haben ihn immer wieder belästigt. Von all den Schikanen, Überprüfungen und Durchsuchungen, die er ertragen musste, habe eine ihn besonders berührt. Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes hat bei einer Durchsuchung ein etwa 300 bis 400 Seiten starkes Manuskript über archäologische Ausgrabungen beschlagnahmt. Einen Grund dafür hat er ihm nicht genannt. Selbst der Bischof, dem Naghi diesen Vorfall in einem Brief geschildert hat, konnte ihm nicht helfen. Der Geheimdienst hat das Manuskript, das er lediglich in Verwahrung hatte, nicht mehr herausgerückt. Heute wäre Pfarrer Naghi froh, wenn er das Manuskript hätte, denn er schreibt ein Buch über seinen Eigentümer. Seine ersten Konflikte mit dem Geheimdienst hatte Naghi schon als Schüler und Student. Einen ersten Fehler hat Naghi auf dem Gymnasium begangen, als

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sein Geschichtslehrer das Thema zweiter Parteitag der rumänischen Kommunisten behandelte. Als der Lehrer ihn aufgefordert hatte, etwas zum Thema zu sagen, teilte Naghi ihm mit, er könne, wolle aber nichts dazu sagen. Nach der Aufregung des Lehrers bestellte der Vikar ihn eines Tages zum Bischofssitz, wo zwei Geheimdienstmitarbeiter ihn sprechen wollten. Weil er sie wissen ließ, er fühle nicht das Bedürfnis, mit ihnen zu sprechen, wurde er zum Verhör ins Polizeihauptgebäude eingeladen. Einen ganz großen Fehler habe er 1981 oder 1982 begangen. Naghi hat seinen Wagen trotz eines Sonntagsfahrverbots gefahren. In jenen Jahren war der Treibstoff in Rumänien rationiert. An einem Sonntag durften lediglich die Wagen mit Paarzahl auf den Nummernschildern verkehren, am darauffolgenden die mit Unpaarzahl. Weil Naghi als Pfarrer aber auf den Wagen angewiesen war, hat er sich über diese Regelung hinweggesetzt und wurde prompt von der Polizei gestoppt. Was folgte, war eine Reihe von Schikanen. 1989 ist das Fass schließlich übergelaufen. Pfarrer Naghi hat sich für die Flucht entschieden, und zwar über Ungarn, weil er des Ungarischen mächtig ist. Als Ziel hatte er Deutschland im Visier, weil er als gebürtiger Temeswarer auch Deutsch gelernt hat. Naghi hat sich für die Flucht am Tag entschieden, er wollte keinesfalls nachts wie blind umhertappen. Etwa 150 Meter von der Marosch entfernt, die bei Tschanad die Grenze zu Ungarn bildet, hat er bemerkt, wie sich ein Grenzsoldat mit einem Hund ins Gras gelegt hat. Naghi konnte ihn umgehen und den angeschwollenen Fluss erreichen. Sein Glück: Das Wasser war warm. Mit großer Mühe hat er das ungarische Ufer erreicht, wobei der Beutel mit den Kleidern und den wichtigsten Dokumenten ihn auch noch ziemlich behinderte. Erst nach zwei Stunden konnte er sich aufraffen und den Deich erklimmen, um den Weg halbwegs erholt fortzusetzen. Naghi wollte sich jetzt nicht mehr verstecken, denn er wusste, dass Ungarn 1989 längst keine Flüchtlinge mehr an Rumänien ausliefert. Deshalb ist er auf dem Dammkamm geblieben, wo er bald einem Mopedfahrer begegnetet, der einige Male wendete und an ihm vorbeifuhr, um schließlich zu fragen, ob er lesen könne. Darauf hat Naghi ihm auf Ungarisch geantwortet, er sei ein Esel, weil er ihm auf diese Art begegne. Er hätte ihn doch wohl eher fragen können, wie es ihm gehe, ob er durstig sei oder vielleicht auch hungrig, er hätte ihn höflicherweise auch zu einem Kaffee einladen können. Verhör bei den Russen Nach dieser Moralpredigt bittet der Uniformierte ihn tatsächlich zu sich nach Hause, wo ihn kurz darauf vier Russen abholen. In der russischen Kaserne angekommen, wollen die Militärangehörigen wissen, wo er die Grenze passiert habe, obwohl sie ihm vorher schon mitgeteilt haben, sie hätten ihn beim Grenzübertritt

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beobachtet. Gleichzeitig teilen sie ihm mit, am Vortag hätten rumänische Grenzer eine Frau mit zwei Kindern erschossen. Von Ungarisch Tschanad (Magyar Csanád) ist er zum Geheimdienstsitz nach Segedin gebracht worden. Er sei höflich behandelt worden, dabei habe es allerdings einen Anwerbungsversuch gegeben. Naghi teilt den Geheimdienstlern lediglich mit, bevor er sich für eine Mitarbeit für den Geheimdienst entscheide, müsse er seine beiden Kinder fragen, ob sie damit einverstanden seien. Damit ist das Thema vom Tisch. Naghi kann Quartier beziehen in einem Hotel in Segedin. Ein Freund, der am Plattensee (Balaton) zu Hause ist, bringt Naghi zweimal an die österreichische Grenze. Beide Versuche, in der Nähe von Hegyeshalom nach Österreich zu gelangen, scheitern. Naghi ist seit einem Monat in Ungarn, als er den dritten Versuch wagt. Vom Bahnhof in Budapest fährt er mit dem Zug nach Kapuvár. Er steigt bewusst dort aus, denn bei einer Fahrt bis Hegyeshalom würde er bestimmt auffallen. Zusammen mit ihm hat mehr als ein Dutzend Pendler den Zug verlassen. Naghi hat den Eindruck, dass im Zug mehr Geheimdienstmitarbeiter als normale Reisende gesessen hatten. In Kapuvár fallen ihm gleich zwei Männer auf, die am Rande eines Parks mit einem russischen Wagen des Typs Lada unterwegs sind. Durch den Park erreicht Naghi unwegsames Gelände und stößt auf einen Bach, von dem er weiß, dass er nach Österreich fließt. Von einem Acker aus erkennt er um eine gewisse Zeit eine sehr hell leuchtende Lampe auf dem Gelände eines Grenzerstützpunktes. Sie dient ihm ab sofort als Orientierungspunkt. Über Felder, durch Wald und viele Maisfelder muss er sich zur Grenze durchschlagen. Plötzlich fährt Naghi die Angst in die Glieder, als er einen Keiler aufgeschreckt hat. Dessen Flucht wiederum erschreckt Grenzer in unmittelbarer Nähe. Der Keiler hat ihm Glück gebracht, Naghi ist den Soldaten nicht in die Arme gelaufen. Er umgeht sie und bittet Gott, ihn in die Freiheit zu geleiten. Naghi gelangt in ein Maisfeld, dessen Reihen in Kreuzform angelegt sind, um Flüchtlinge in die Irre zu führen. Doch er hat wieder Glück: Der Wind weht ihm vom Grenzkontrollpunkt entgegen. Die harten Maiskolben machen ihm zwar zu schaffen, sie schlagen ununterbrochen gegen seinen Körper. Doch Naghi weiß, dass der österreichische Grenzschutz zwischen 5 und 7 Uhr nicht auf Streife ist. Diese Zeit nutzt er, um die Grenze zu passieren. Er durchwatet einen Sumpf, weiß aber noch immer nicht, ob er schon in Österreich ist. Er ist inzwischen durstig und muss wohl an die 40 Kilometer zu Fuß zurückgelegt haben. In Weingärten bedient und stärkt er sich mit Trauben. Dann endlich steht er vor einem Mast, der deutsch beschriftet ist. Und dann ist das Glück erneut an seiner Seite. Er erreicht das erste österreichische Dorf, die Kirchenuhr schlägt fünf, da bemerkt er einen Mann, der sich am Motor eines Lada zu schaffen macht. Naghi spricht ihn an, er will wissen,

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ob sie sich auf Deutsch oder Ungarisch verständigen sollen. Der Autofahrer ist Ungar. Naghi fragt ihn in seiner Muttersprache, ob er ihn für 100 Dollar und sein ganzes ungarisches Geld nach Salzburg fährt. Der Mann tut es. In Salzburg erfährt Naghi, dass der bundesdeutsche Grenzschutz allein in der vergangenen Nacht 41 Grenzgänger gestellt und zurückgeschickt hat, weil er Nachtsichtgeräte einsetzt. Naghi möchte nicht erwischt und den österreichischen Behörden ausgeliefert werden. Das Glück ist weiter mit ihm. Als er durch eine Salzburger Straße schlendert, hält plötzlich ein Mercedes mit Nürnberger Kennzeichen neben ihm. Der Fahrer steigt aus, nimmt eine Tüte aus dem Kofferraum und geht in einen Laden. Naghi hat eine Eingebung: Er legt sich in den Kofferraum. Nach einer Viertelstunde steigt der Fahrer ein und fährt los. Beim ersten Stopp nach der Grenze steigt Naghi aus, läuft aber nicht weg, sondern setzt sich neben den Wagen, um nicht aufzufallen. Er ist in Deutschland. Er ruft einen Bekannten in Aachen an, den er eigentlich nach dem Übertritt der rumänischen Grenze in Mako hätte treffen sollen. Der Freund fragt, an welcher Straßenkreuzung er sich befindet und holt ihn ab. Drei Jahre bleibt er in Aachen, dann wandert er in die USA aus. Gheorghe Naghi arbeitet nach dem Theologiestudium als Diakon und Pfarrer in seiner Geburtsstadt Temeswar. In Aachen ist er als Zeitarbeiter bei der Aachener Volkszeitung tätig. Heute lebt er mit seinem Sohn Cristian in San José in Kalifornien. In den USA war er Pfarrer in Hayward, wo unter seiner Regie eine Kirche gebaut und 1998 geweiht wurde. Ferner war er Beamter und Fahrer.

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Weiter im Angebot: Hansi Schmidt. Weltklasse auf der Königsposition Spannend wie ein Kriminalroman ist die Biographie des unvergesslichen Handballheroen Hansi Schmidt, der in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts sportliche Höhepunkte in Serie gesetzt und in Deutschland ein kleines Handballwunder vollbracht hat: Unter der genialen Spielführung des aus Marienfeld im Banat stammenden Ausnahmesportlers mutierte der Provinzverein VfL Gummersbach zu einem Weltklub, wurden die Oberbergischen gleich viermal Europapokalsieger der Landesmeister. Das schreibt der Sportjournalist Karlheinz Mrazek sinngemäß in der „Handballwoche“. „Spät, aber nicht zu spät machte sich der Journalist Johann Steiner an die Arbeit, dem ereignisreichen Leben des Banater Schwaben Hansi Schmidt akribisch nachzuspüren – ein gelungenes Werk, mit Sorgfalt recherchiert, mit Herzblut geschrieben. Von der Wiege bis zur Gegenwart als Hauptschullehrer lässt Steiner kaum ein Detail aus, schildert er Großtaten des Handballspielers ebenso wie dramatische Vorgänge in der Familiengeschichte des Schmidt-Clans. Eine Vielzahl erlesener Fotos zeigt Hansi als Spieler in Aktion, aber auch wie ihn keiner kennt: Mit einem tiefen Blick ins Familienalbum der Schmidts.“

Das 350 Seiten starke, reich bebilderte Buch kann beim Verlag Gilde & Köster bestellt werden: entweder telefonisch unter 02246/2166 und 0175/6094431 oder über Internet (verlaggilde@web.de). Preis: 19,90 Euro, hinzu kommen 2,10 Euro Versandkosten, ISBN 3-00-016717-X

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Noch lieferbar: Handball-Geschichte(n) Mit „Handball-Geschichte(n). Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben ebnen Rumänien den Weg zum Gewinn von sieben Weltmeistertiteln“ führt der Autor „seine Leser zurück in die große Zeit des siebenmaligen Weltmeisters“ Rumänien. Maßgeblich zu diesen Erfolgen beigetragen haben zahlreiche Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben. „Sie machten das in Deutschland erfundene Handballspiel in Rumänien populär, legten das Fundament für zahlreiche Erfolge bei Weltmeisterschaften, Olympischen Spielen und Europapokal-Wettbewerben. Vielen von ihnen hat der Banater Journalist Johann Steiner mit seinem Werk „Handball-Geschichte(n)" ein würdiges und bleibendes Denkmal gesetzt. In kurzen geschichtlichen Abrissen und mehr als siebzig akribisch recherchierten Porträts lässt der Autor die Leser teilhaben an der Einführung des Handballspiels in Rumänien und an seinen großartigen Erfolgen, von denen viele auf das Konto seiner Landsleute gehen… Einmal zu lesen begonnen, kann man das Erstlingswerk Steiners nur schwer aus der Hand legen. Der Leser taucht ein in eine längst vergangene Welt, die die Jüngeren nur noch vom Hörensagen kennen, nimmt Anteil an so manchem Triumph, aber auch an zahlreichen Tragödien, an viel Freud und nicht selten auch Leid. Es geht eben zu wie im richtigen Leben“, schreibt Helmut Heimann in der Handballwoche. Das 234 Seiten starke, reich bebilderte Buch kann beim Verlag Gilde & Köster bestellt werden: entweder telefonisch unter 02246/2166 und 0175/6094431 oder über Internet (verlaggilde@web.de). Preis: 14,90 Euro, hinzu kommen 2,10 Euro Versandkosten.

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Die Gräber schweigen - von Johann Steiner  

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