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Es geht um vielmehr, als ein einfaches Usermanagement mit der Vergabe von Logins“
7 Fragen an Dr. Christian Müller, Bereichsleitung Collaboration Solutions, AWARO
1. Herr Müller, wie „common“ stellt sich Ihnen ein Data Environment dar, ohne die notorische eierlegende Wollmilchsau zu sein?
„Common“, wörtlich übersetzt, bedeutet ja „gemeinsam“ und das betont den kollaborativen Charakter der Software.
Dies bedeutet aber nicht, dass ein Common Data Environment alles kann oder alle Funktionalitäten in sich vereinen muss. In einer BIM-Systemlandschaft unterscheidet man ja prinzipiell unterschiedliche Klassen von Tools. Zum einen sind da die Autorenwerkzeuge, sprich die CAD-Software, um die Modelle zu erzeugen. Zum anderen braucht man im BIM-Kontext Tools für die Qualitätssicherung. Hierbei spielen Modelchecker, wie z. B. Solibri zur Kollisionsüberprüfung eine zentrale Rolle. Dann gibt es noch zahlreiche spezialisierte Analyse-und Simulationsanwendungen, die für sinnvolle Auswer„Common“, wörtlich übersetzt, bedeutet ja tungen wie z. B. von „gemeinsam“ und das betont den kollabo- Kosten oder Bauabläurativen Charakter der Software. Dies be- fen genutzt werden. deutet aber nicht, dass ein Common Data Um einen reibungsloEnvironment alles kann oder alle Funktio- sen Informationsfluss nalitäten in sich vereinen muss. sicherzustellen, müssen all diese Anwendungen
Daten teilen. Diese werden von ganz unterschiedlichen
Projektbeteiligten („Stakeholdern“) erstellt, verändert oder genutzt. Genau das sollte m. E. der funktionale Fokus einer CDE sein: ein kollaboratives Informationsmanagement, die Unterstützung digitaler Workflows und idealerweise offene Schnittstellen, um einen einfachen und fehlertoleranten Datenaustausch innerhalb der oben genannten
Systemlandschaft zu unterstützen. Das macht aber auch klar, dass die Anforderungen an ein CDE viel höher sind als an eine der üblichen Dateiaustauschplattformen wie Sharepoint, Cloudspeicher etc.
2. 1999 war selbst BIM für den Bau noch beinah Neuland, als Sie bereits über das Thema CDE promovierten. Was führte sie dazu und wie sehen Sie die Entwicklung des Themas seither?
Tatsächlich war es mein Interesse an Architektur, das mich als Fachfremder – ich habe Elektrotechnik mit Schwerpunkt Informationsverarbeitung studiert – an das damalige Institut für industrielle Bauproduktion am heutigen KIT in Karlsruhe geführt hat. Das Team um Prof. Kohler beschäftigte sich sowohl mit der Lebenszyklusbetrachtung von Gebäuden als auch mit dem Thema einer integralen und vernetzten Planung. Man erkennt hier deutlich schon die wesentlichen Aspekte, für die sich in den Jahren danach der Begriff BIM als umfassende Methode etabliert hat. Im Rahmen meiner Promotion habe ich untersucht, wie wichtig Plattformen zur computerunterstützten Zusammenarbeit für die integrale Planung in Bauprojekten sind und das Dr. Christian Müller
1988–1994 Diplomstudium der Elektrotechnik am KIT Karlsruhe 1995–1999 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für industrielle Bauproduktion (ifib) der Architekturfakultät am KIT und Leiter des Softwarelabors „Bau“ 1999 Promotion zum Thema „Virtueller Projektraum“ am ifib 2000 Mitgründer und Geschäftsführer der kopsis GmbH; Entwicklung des Projektraums „projectSphere“ 2003–2006 Mitgründer und Geschäftsführer der AWARO GmbH; Entwicklung der nächsten Projektraumgeneration „AWARO“ seit 2007 Geschäftsbereichsleiter „Collaboration Solutions“ nach Übernahme des AWARO Portfolios durch die AirITSystems GmbH
Konzept digitaler Projekträume maßgeblich mitgeprägt. Damals war der Begriff „CDE“ noch gänzlich unbekannt, man sprach von „Projekträumen“ oder „PKMS“. Daher heißt unsere CDE-Lösung übrigens immer noch AWARO | Projektraum. Von daher darf ich mich also durchaus als Pionier beim Thema CDE betrachten.
Ich bin sehr froh darüber, dass sich durch BIM ein gemeinsames Verständnis digitaler und durchgängiger Arbeitsmethoden und der damit verbundenen Vorteile herausgebildet hat. In den Startlöchern steht mit OpenCDE übrigens nun ein Standard zur Kommunikation mit und zwischen CDE der verschiedenen Anbieter.
3. AWARO beansprucht einen USP in Sachen Projektorganisation für sich. Wollen Sie das unseren Lesern ein wenig ausführen?
Im Prinzip geht es darum, das für ein Projekt so wichtige Projektorganigramm, d. h. die Aufbauorganisation mit den

Bild 1. OpenBIM Systemlandschaft mit AWARO als CDE
verschiedenen Funktionen wie z. B. Projektleitung, Controlling, Teilprojektleitung TGA oder Construction Management, nutzbringend in ein CDE zu transformieren. In AWARO bilden wir diese Funktionen inklusive der entsprechenden
Systemprivilegien als explizite Elemente im System ab und bauen sie in einem übersichtlichen, hierarchischen
Organigramm zusammen. Über diese
Funktionen steuern wir, wer welche
Funktionalität/Module in der CDE nutzen darf (Systemprivilegien). Sie dienen als Bezugssystem für die Berechtigungsvergabe, sind aber auch die wichtigsten adressierbaren Einheiten für Kommunikationsvorgänge oder
Prozessschritte in Workflows. Jeder Projektbeteiligte, d. h. jeder CDE-User, wird dann einer Funktion zugeordnet und arbeitet damit im System zuverlässig gemäß seiner im Projekthandbuch definierten Rolle. Um sich das besser vorstellen zu können, möchte ich
Ihnen ein kleines Beispiel für das „funktionale Arbeiten“ geben: Stellt der TGA-Planer in AWARO Pläne bereit, so schickt er diese nicht persönlich an die ihm aktuell bekannten User Frau Mayer und Herrn Schmidt des Architekturbüros, sondern Im Prinzip geht es darum, das für ein Pro- an die Funktion „Plajekt so wichtige Projektorganigramm, d. h. nung Architektur“, die die Aufbauorganisation mit den verschie- er intuitiv über das Ordenen Funktionen wie z. B. Projektleitung, ganigramm auswählt. Controlling, Teilprojektleitung TGA oder Was bedeutet das nun? Construction Management, nutzbringend in Alle User der Funktion ein CDE zu transformieren. „Planung Architektur“ werden zunächst automatisch benachrichtigt und haben in ihrer Funktion Zugriff auf die Benachrichtigung in der Inbox der Funktion.
Also übrigens auch Frau Richter, die mittlerweile das Pla-
nungsteam der Architektur verstärkt hat, was der TGAPlaner aber noch nicht wusste. Die Vergabe der Leseberechtigung für die bereitgestellten Pläne erfolgt funktional, d. h. für die Funktion „Planung ArchiIch bin sehr froh darüber, dass sich durch tektur“. Dies bedeutet, dass selbst in BIM ein gemeinsames Verständnis digita- späteren Projektphasen hinzukomler und durchgängiger Arbeitsmethoden mende Architekten automatisch Zugriff und der damit verbundenen Vorteile her- auf die für sie gelieferten Pläne haben. ausgebildet hat. Ich könnte Ihnen an dieser Stelle noch viele weitere konkrete Vorteile für das Arbeiten mit Funktionen erläutern. Es ist mir aber wichtig, noch auf die methodische Dimension unseres Funktionskonzeptes hinzuweisen. Denn es fördert schon beim Setup eine intensive Beschäftigung mit den Rollen und den Anforderungen der verschiedenen Stakeholder im Projekt. Nur wenn sie diese kennen und adäquat umsetzen, bekommen sie ein CDE, dass auch für alle Nutzen generiert und eine hinreichende Akzeptanz erfährt. Es geht also um viel mehr als ein einfaches Usermanagement mit der Vergabe von Logins.
4. Das Thema der Einbettung in die Arbeitsumgebung dürfte Erz- und Kardinalthema sein: Wie handhaben Sie das bei AWARO?
Da haben Sie absolut Recht! Der Trend und die Erwartung gehen ganz klar in Richtung Interoperabilität und Integration. Die verschiedenen Tools sollen, wo sinnvoll, auf technischer Ebene Daten austauchen und so durchgängige digitale Workflows ohne Medienbrüche erlauben. Daher haben wir bei AWARO von Anfang an auf ein durchgehendes und offenes Schnittstellenkonzept gesetzt, das wir übrigens auch selbst konsequent für unser Webinterface oder die Mobilversion nutzen. Beim Thema Integration verfolgen wir mehrere Ansätze.
Bild 2. Gefilterte Ansicht mit einzelnen BCF Issues in AWARO

Zum einen geht es um die Einbindung marktführender Cloud-Anwendungen, denn nicht erst seit COVID 19 heißt es in vielen großen und kleinen Unternehmen „cloud first“.
Konkrete Beispiele in AWARO sind hierfür Cloudspeicher wie Microsoft OneDrive oder Google Drive, die immer mehr die Speicherung auf Netzlaufwerken ablösen. Darüber hinaus haben wir „Microsoft Office für das Web“ in unser Dokumentenmanagement integriert, so dass man in AWARO direkt und 100 % cloudbasiert Dokumente bearbeiten und versionieren kann. So wie man es eben auch von Teams kennt. Und wenn sie eine rechtssichere Unterschrift für ein Dokument benötigen, fordern Sie aus AWARO heraus direkt eine digitale Signatur über die E-Signature Plattform „DocuSign“ an, wobei nach erfolgreicher Unterzeichnung das Unterschriftsexemplar automatisch und zuverlässig wieder in AWARO abgelegt und verknüpft wird.
Zum anderen geht es um BIM spezifische Aspekte. Hier positionieren wir uns bei AWARO ganz klar als Unterstützer einer OpenBIM Strategie. Daher spielen die offenen und vom buildingSMART standardisierten Formate eine zentrale Rolle. Neben IFC ist vor allem das BIM Collaboration Format „BCF“ und die zugehörige API wichtig, um im Bereich eines modellbasierten Issuetrackings einen reibungslosen digitalen Workflow mit Modelcheckern zu etablieren.
Unser Bekenntnis zu offenen Standards schließt aber explizit nicht aus, dass wir dort, wo es einen Mehrwert schafft, auch den ein oder anderen Closed BIM Marktfüh-

Bild 3. Durchgängiges Schnittstellenkonzept von AWARO mit Anbindung an viele Apps
Der Trend und die Erwartung gehen ganz klar in Richtung Interoperabilität und Integration. Die verschiedenen Tools sollen, wo sinnvoll, auf technischer Ebene Daten austauchen und so durchgängige digitale Workflows ohne Medienbrüche erlauben.

Bild 4. Anbindung von AWARO an Solibri über den BCF Live Connector (Abb.: AWARO)
rer in AWARO integrieren. Sie sehen, Integration ist und bleibt auch in Zukunft für unsere AWARO CDE ein bestimmendes Thema.
5. Open CDE hat nach Ihrer Einschätzung noch keine Relevanz am Markt. Was muss passieren, damit sich das ändert?
Zunächst einmal muss man festhalten, dass Teile von open-
CDE – wie z. B. BCFAPI – bereits heute etabliert sind und funktionieren. Wichtige Erweiterungen zum Zugriff auf
Dokumente sind aber noch in einem frühen Prototypenstatus. Dies bedeutet, dass noch im Detail gearbeitet werden muss, um auch Ich bin optimistisch, dass sich auch open- alle sinnvollen UseCaCDE am Ende durchsetzen wird. Die Vor- ses abdecken zu könteile offener Standards sind weitgehend nen. Wie man beispielsbekannt und liegen gerade für die hetero- weise bei BCF gut segene, stark segmentierte und projektorien- hen konnte, dauert es tiert arbeitende Bauindustrie mehr als auf oft Jahre, bis ein Stander Hand. dard eine signifikante Relevanz erlangt. Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass eine Verbreitung erst richtig Fahrt aufnimmt, wenn es eine kritische Masse an kompatiblen Anwendungen gibt. Bausoftwareanbieter müssen also erst einmal „strategisch“ in Entwicklung investieren, ohne dass in der Praxis aufgrund von nur wenigen kompatiblen Pendants ausreichend Mehrwerte geschaffen werden. Von diesen „First-
Movern“ gibt es leider nicht sehr viele.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist auch ein unternehmenspolitischer. Proprietäre Standards, insbesondere wenn es de facto-Standards sind, bringen die entsprechenden Unternehmen in eine bessere Wettbewerbssituation und eine enge Kundenbindung, schlicht durch die fehlende Möglichkeit einer im Aufwand vertretbaren Migration zu einem anderen Anbieter. Und nebenbei lässt sich so auch
Berufsportal mit Stellenmarkt für Bauingenieure [seit 2001] für Bauingenieure [seit 2001]
„Interessante Jobangebote fi nde ich im Stellenmarkt von fi nde ich im Stellenmarkt von bauingenieur24.“
Marc Olscher, BauingenieurMarc Olscher,
das eigene Produktportfolio besser vermarkten – Stichwort „Closed BIM“.
Aber ich bin optimistisch, dass sich auch openCDE am Ende durchsetzen wird. Die Vorteile offener Standards sind weitgehend bekannt und liegen gerade für die heterogene, stark segmentierte und projektorientiert arbeitende Bauindustrie mehr als auf der Hand.
6. Das Wort „Lösung“ ist allzu leicht PR-Sprech. Wie verstehen Sie es im Gegensatz dazu?
Vieles beim Thema BIM wird m. E. zu sehr auf eine technologische Sichtweise verengt. Natürlich geht es um Möglichkeiten und Fähigkeiten – sprich Features. Es wird aber oft vergessen, dass man die PS auch auf die Straße bringen muss, um den entsprechenden Nutzen zu generieren. Und das ist gerade für ein Benutzerfreundlichkeit ist ja nicht nur eine BIM CDE aus verschieFrage von Softwareergonomie, sondern hat denen Gründen besonentscheidend auch etwas mit gutem und ders herausfordernd. nachvollziehbaren Setup der Plattform zu Projekte werden tun. von immer neuen und teils sehr großen Projektteams in heterogenen Tool-Landschaften bearbeitet.
Übliche Strategien zum kontinuierlichen Aufbau einer tragfähigen gemeinsamen CDE bezogenen Wissens- und
Erfahrungsbasis, wie sie beispielsweise für CAD-Anwendungen im Unternehmen praktiziert wird, fallen damit flach. Um sich an die verschiedenen Projektanforderungen (organisatorisch wie auch technologisch) anpassen zu können, müssen CDEs von Hause aus sehr flexible und hoch konfigurierbare Werkzeuge sein – wenn sie so wollen eine
Art „Baukasten“. Von der Qualität, wie sie organisatorische Vorgaben und Prozesse in der CDE-Plattform umsetzen, hängt entscheidend der Nutzen aber auch die Akzeptanz der Teilnehmer ab. Denn Benutzerfreundlichkeit ist ja nicht nur eine Frage von Softwareergonomie, sondern hat entscheidend auch etwas mit gutem und nachvollziehbaren Setup der Plattform zu tun. In der BIM-Methode spricht man hier vom Design und der Umsetzung von „CDE Anwendungsfällen“. Wie sie vielleicht erahnen, eine durchaus sehr anspruchsvolle Aufgabe. Daher begreifen wir AWARO als integriertes Lösungsangebot, bei dem wir uns auch über ein umfassendes Ser-
7. Sie begreifen sich mit AWARO als „Fachplaner für Informationsmanagement“ und plädieren dafür, ins jeweilige Projekt aufgenommen zu werden. Wie sieht das praktisch aus?
Die Einbindung ins Projekt ist insbesondere zu Beginn sehr intensiv. Hier arbeiten wir schwerpunktmäßig im Team mit dem Projektmanagement, dem BIM-Management aber auch den BIM-Koordinatoren zusammen. Das Ziel in dieser Phase ist es, wie bereits erwähnt, die Anforderungen und BIM-Anwendungsfälle zu verstehen und über CDE-Anwendungsfälle zu unterstützen. Dadurch, dass wir den Funktionsumfang von AWARO bis ins Detail kennen, aber auch auf Erfahrung aus vielen Best-Practices zurückgreifen können, bringen wir uns aktiv an der Gestaltung von Strukturen und Prozessen mit ein. Bei großen Enterprise Kunden geht es hier auch oft noch um die Entwicklung von Projektstandards. Jedes Projekt hat übrigens einen festen AWARO-Berater. Das fördert die Teamarbeit und stellt die Kontinuität und den Wissenstransfer sicher.
Steht das Basissetup, erfolgt ein Roll out der CDE über Schulungen und/oder Einführungsworkshops. Bei großen Kunden bilden wir oft auch sogenannte „PowerUser“ aus. Diese unterstützen das Projektteam auftraggeberseitig über Qualitätssicherung und Administrationsaufgaben.
Kommen während der Projektlaufzeit neue Stakeholder oder neue Anforderungen hinzu – die insbesondere bei Phasenwechseln entstehen –, so werden diese wieder im bewährten Team analysiert, bearbeitet und umgesetzt. Zunehmende Bedeutung erhalten hier auch technische Integrationsthemen: Hierbei geht es um die Integration von AWARO in eine Systemlandschaft. Und nicht zu vergessen: die Anforderungen an die Übergabe der Daten nach Projektabschluss. Entweder in ein Kundensystem oder eine integrierte Übernahme in unsere Bestandsdatenraumlösung AWARO | Life Cycle.
Sie sehen, wir sind eigentlich bis zum Ende des Projektes mit dabei. Und manchmal auch darüber hinaus.
www.awaro.com









