Karl Josef Kassing – Die Blaue Blume – Roman

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K ARL JOSEF K ASSING

Die blaue Blume Roman


Impressum 1. Auflage Copyright Fohrmann Verlag, Bergisch Gladbach Inhaberin Dr. Petra Fohrmann www.fohrmann-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Artwork: Karen Kßhne, www.kuehne-grafik.de Printed in Germany ISBN 978-3-9818152-4-5 4


Wegwarte Aquarell, Karl Josef Kassing 5


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Die blaue Blume: Im Roman ‚Heinrich von Ofter­ dingen‘ (1802) des romantischen Dichters Novalis Symbol für die Poesie, verbunden mit dem Motiv erotischer Erfüllung. Als Ziel der Sehn­sucht von dem Auserwählten nach langer Wanderung erreicht. Von der Jugendbewegung (Wandervogel, 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts) als Symbol übernommen, nun vor allem ideelles Ziel der Wanderlust. Wie schon bei Novalis eingefügt in eine Eigenwelt, getrennt vom bürgerlich-sozialen Alltag: „Es blüht im Walde tief drinnen die blaue Blume fein. Die Blume zu gewinnen ziehn wir in die Welt hinein.“ (aus dem Lied „Wir wollen zu Land ausfah­ ren“) Wegwarte: Cichorium intybus (Aquarell S. 5). Korbblütengewächs, ausdauernde Staude. Standort: verbreitet; Wegränder, trockener Rasen, auch innerstädtisch. Blütezeit Juli bis September. Blüten himmelblau, öff­ nen sich kurz nach Sonnenaufgang, verwelken am Nachmittag. Die Blätter liefern einen Tee gegen Magenbe­schwer­ den. Eine Sorte mit großen Blattrosetten liefert den Chicorée-Salat. Aus den dicken Wurzeln einer Zucht­ form gewinnt man den Zichorien-Kaffee.

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Inhalt I. Vor dem Krieg 11 Die Altebeeker Wandervögel 13 Viva la musica! 20 Erträumtes Glück 26 An der Altebeeker Sperre 32 Die Heirat 37 Das Kind 43 Die braune Flut 47 II. Im Krieg 59 Siege und Niederlage 61 „Gefallen für Großdeutschland“ 64 Aus Waltrauds zweitem Tagebuch 68 III. Nach dem Krieg 77 Der Heimkehrer 79 Der Prediger 84 Das Opfer 93 Eine Versuchung 104 Die Besuche 108 Aus Waltrauds drittem Tagebuch 120 Nachdenkliche Notizen des Kaplans 128 Die Aussprache 133 In Osnabrück 141 Die Verlobung 156 IV. Ausklang 163 Angaben zu den Liedern 171 Nachwort 173 Zum Autor 177 Zur Gesamtausgabe 178 9


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I. VOR DEM KRIEG

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Die Altebeeker Wandervögel Edgar kam aus Paderborn, nachdem er hier bei der Stadt als Friedhofsgärtner angestellt worden war. Er war befreundet mit Kaplan Herkenrath, der gleichfalls aus Paderborn stammte. Der Kaplan hatte Edgars Kommen in den Gruppenstunden schon an­ gekündigt und so lobend von ihm gesprochen („ein wirklich feiner Mensch!“), dass sie alle neugierig und erwartungsvoll waren. Denn die Meinung von Kaplan Herkenrath galt viel bei ihnen, sogar mehr als die von Pastor Deuser, ob­ wohl der natürlich die unanfechtbare Autorität seines Amtes auf seiner Seite hatte. Aber im Vergleich mit dem Kaplan war er nicht nur älter, sondern auch geistig unbeweglicher. So herrschte zwischen dem jugend­ bewegten Kaplan und dem konservativen Pastor – nein, eine Spannung wäre zuviel gesagt, dazu waren Unter- und Überordnung zu deutlich festgelegt, aber man könnte sagen: eine wache Aufmerksamkeit, mit der der eine jeweils registrierte, was der andere sagte oder tat. Missbilligte der Pastor etwas, was der Kaplan sagte oder tat, gab er ihm das auch unmissverständ­ lich zu verstehen. Missbilligte der Kaplan etwas, was der Pastor sagte oder tat, ließ allenfalls seine Art des Schweigens dem, der ihn gut kannte, diese Missbilli­ gung erkennen. An den Gruppenabenden ließ der Pastor sich kaum blicken, wenn doch, dann nur für eine kurze Ankün­ digung. Das war anfangs anders gewesen. Der Kaplan hatte die Gruppe ins Leben gerufen, zur Pflege des geistlichen Lebens und des gemeinsamen Wanderns, 13


natürlich mit vorheriger Billigung durch den Pastor. An den ersten Gruppenabenden nahm der Pastor dann a­ uch teil, er musste sich doch vergewissern, was sich da unter seiner obersten Verantwortung entwi­ ckelte. Am zweiten Abend wurde auch über einen Namen für die Gruppe diskutiert. Pastor Deuser schlug „Christophorus-Kreuzritter“ vor, nach dem Namenspatron der Pfarrei. Schließlich müsse man Flagge zeigen. Der Kaplan schwieg bedenklich, seitens anderer Teilnehmer wurde eingewandt, es seien doch auch Mädel in der Gruppe. Und „Kreuzritter“ klinge vielleicht doch zu kämpferisch, man wolle friedlich überzeugen, auch die anderen (womit die Evangeli­ schen gemeint waren, die in dieser Stadt und Gegend die Mehrheit stellten). Der Kaplan schlug schließlich ­„Altebeeker Wandervögel“ vor, dieser Name wurde mit großer Mehrheit angenommen. Das wohl nicht zuletzt deshalb, weil der Kaplan als erste gemeinsame Unternehmung eine Wanderung an die Altebeeker Talsperre organisiert hatte, mit Picknick dort. Diese Wanderung hatte den künftigen Wandervögeln sehr gut gefallen. Pastor Deuser schwieg pikiert zur Nie­ derlage seiner Kreuzritter, ließ sich von da an nur noch sporadisch auf Gruppenabenden sehen. Das hing aber auch mit seiner Mentalität zusammen: er hielt auf Abstand, war jovial, ohne herzlich zu sein. Kaplan Herkenrath dagegen suchte die Nähe, war herzlich, ohne jovial zu sein. Im Vergleich mit dem Pastor wirkte der Kaplan fast noch etwas jungenhaft. Der Pastor konnte allerdings, was die Gruppen­ arbeit seines Kaplans betraf, beruhigt sein. Nicht nur war dessen Rechtgläubigkeit über jeden Zweifel 14


erhaben. Vor allem brauchte dieser für jede Aktion, die über das Übliche hinausging, ohnehin die Zu­ stimmung des Pastors. So hatte Deuser ein dauerndes Veto­recht, von dem er allerdings nur selten Gebrauch machte, weil der Kaplan klug genug war, ihm dazu nur selten eine Gelegenheit zu geben. Denn wenn der Pastor wirklich einmal etwas verbot, blieb dem Ka­ plan nichts anderes übrig, als das der Gruppe mitzu­ teilen und zu begründen. Er durfte es nicht einmal zu deutlich machen, wenn er die Absage bedauerte. Ein konkretes Beispiel? Als ein verheerendes Erdbe­ ben in Südamerika große Schäden angerichtet hatte, planten die katholische Jugend und die evangelische Jugend jeweils unabhängig voneinander eine Aktion, um Spendengelder zu sammeln. Bei den Altebee­ kern wurde der Vorschlag gemacht, beide Aktionen zusammenzulegen, um so noch mehr Menschen an­ zusprechen. Pastor Deuser lehnte entschieden ab: Wo keine Gemeinsamkeit bestehe, solle man auch keine vortäuschen. Falls die Protestanten den Schulter­ schluss mit der wahren Kirche wünschten, stünde ih­ nen der Rückweg dorthin jederzeit offen. Man darf allerdings vermuten, dass die Protestanten auch ih­ rerseits, schon was diese Aktion betraf, diesen Schul­ terschluss gar nicht wünschten. Denn das Verhältnis zwischen den katholischen und den evangelischen Jüngern Jesu war dort und damals keineswegs so harmonisch, wie man eigent­ lich hätte erwarten sollen. Man fand sich damit ab, dass es die anderen gab, aber jeder ging seine eige­ nen Wege. Gewiss gab es Gemeinsames, insbesondere den Glauben an Gott und an Jesus Christus, aber 15


das Trennende trennte mehr, als das Verbindende verband. Die Abgrenzung war traditioneller Teil des eigenen Glaubens. Wer darüber nachdachte, wunder­ te sich, dass die anderen etwas anderes glaubten, wo doch der eigene Glaube so erkennbar vernünftig und richtig war. Das zeigte auch eine Redensart, die un­ ter den Evangelischen geläufig war, vor allem unter Kindern und Jugendlichen. Wenn jemand sagen woll­ te: „Du bist ja verrückt!“, konnte er gleichbedeutend auch sagen: „Du bist ja katholisch!“ Eine allgemeinere Variante lautete: „Das ist zum Katholischwerden!“ Diese Redensarten war man auch auf katholischer Seite so gewohnt, dass man sie nicht einmal als krän­ kend empfand. Die Katholiken waren in der Minder­ heit (dafür gab es den Ausdruck ‚Diaspora‘), aber das verursachte ihnen keineswegs ein Gefühl der Minder­ wertigkeit, es gab ihnen im Gegenteil das Gefühl, et­ was Besonderes, Auserwähltes zu sein, und schloss sie noch enger zusammen, als der Glaube allein es ver­ mocht hätte. Pastor Deuser war denn auch erkennbar bestrebt, beide Gefühle, das der Überlegenheit und das der Zusammengehörigkeit, in seiner Gemeinde wachzuhalten und wenn möglich noch zu verstärken. Auch Kaplan Herkenrath bemühte sich, den Zusam­ menhalt zu stärken, hielt sich aber, was den Anspruch auf Überlegenheit betraf, deutlich zurück. Wie schon gesagt, Edgar kam aus Paderborn, vom Kaplan im voraus angekündigt und mit einiger Span­ nung erwartet, von den Mädeln vielleicht noch mehr als von den Jungs. Und er enttäuschte die Erwartungen nicht. Er hatte eine offene, unkomplizierte Art, mit der er gleich die Sympathie der Altebeeker gewann. 16


Schlank, gut aussehend, das Haar wellig, ziemlich lang, die vorderste Tolle stand etwas hoch, wenn sie ihm ins Gesicht rutschte, warf er sie mit einer schwungvol­ len Bewegung des Kopfes wieder zurück. Im ganzen wirkte er eher wie ein Künstler als wie ein Friedhofs­ gärtner. Kaplan Herkenrath hieß ihn im Namen aller herzlich willkommen und nutzte die Gelegenheit, in einer kurzen Ansprache an die Ziele der Gruppe zu erinnern: Es komme darauf an, das eigene Mensch­ sein zu entfalten, aber nicht jeder für sich, sondern in dreifacher Gemeinschaft: in der Gemeinschaft mit Gott, in der Gemeinschaft miteinander, in der Ge­ meinschaft mit der Natur. Dann überreichte er Edgar feierlich das blaue Halstuch der Altebeeker: Es gehö­ re zu ihrer Kluft und drücke so ihren Zusammenhalt aus. Seine Farbe sei auch symbolisch: Es sei die Farbe des Himmels, der sich in der Altebeeker Sperre spie­ gele. Und Blau sei zudem ja auch die Farbe der Treue. Edgar band es sich unter allgemeinem Beifall dann auch gleich um. Auf Wunsch des Kaplans stellte er sich anschließend auch selbst kurz vor: Er sprach von seinem bisheri­ gen Leben, auch von seiner Arbeit als Gärtner, die er sehr gern tue, drückte dann seine Freude darüber aus, jetzt bei den Altebeekern aufgenommen zu werden; von Johannes (er blieb natürlich bei der Anrede mit Du) habe er schon viel Gutes über die Gruppe gehört. Er flocht auch den einen oder anderen Scherz ein und brachte die Altebeeker so mehrfach zum Lachen. Der gute Eindruck, den er machte, bestätigte und be­ stärkte sich beim gemeinsamen Singen. Er hatte seine Klampfe mitgebracht und bestimmte den Gesang mit 17


seiner Begleitung und seinem sonoren Bariton, ohne dass er es darauf angelegt hätte. Auch Kaplan Her­ kenrath begleitete den gemeinsamen Gesang oft auf der Gitarre. Aber im Vergleich mit ihm wirkte Edgars Spiel fast schon virtuos. Der Abend schloss wie üb­ lich mit dem vertrauten, stimmungsvollen Lied „Kein schöner Land“:

„Kein schöner Land in dieser Zeit als hier das unsre weit und breit, wo wir uns finden wohl unter Linden zur Abendzeit.

Da haben wir so manche Stund gesessen da in froher Rund und taten singen; die Lieder klingen im Eichengrund. Nun Brüder, eine gute Nacht, der Herr im hohen Himmel wacht, in seiner Güte uns zu behüten ist er bedacht.“

Dieser Gruppenabend hatte länger gedauert als üb­ lich. Man verabschiedete sich herzlich, alle fühlten sich beschwingt, auch noch auf dem Heimweg. Wal­ traud ging wie immer mit Inge, sie wohnten in der­ selben Ecke der Stadt. Waltraud begann das Gespräch mit der naheliegenden Frage: 18


„Wie findest du Edgar?“ „Er gefällt mir. Er hat so etwas Jungenhaftes, Unbe­ kümmertes.“ „Und er lacht so herzlich, richtig ansteckend!“ „Ja. Und singen und Klampfe spielen kann er auch richtig gut.“ Waltraud überlegend: „Wie alt mag er wohl sein?“ „Frag ihn doch einfach.“ „Ich werde mich hüten!“ Eintrag in Edgars Tagebuch: Erster Gruppenabend. Jetzt bin ich ein Altebeeker! Feine Stimmung, man spürt den Einfluß von Johannes. Eintrag in Waltrauds Tagebuch: Erster Gruppenabend mit Edgar. Ich finde ihn beeindruckend. Schön, daß er gekommen ist!

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