Karl Josef Kassing – Mirjam – Die Mutter Jeschuas – Versuch einer biographischen Annäherung

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K ARL JOSEF K ASSING

Mirjam Die Mutter Jeschuas Versuch einer biographischen Annäherung


Impressum Überarbeitete Neuflage 2021 Copyright Fohrmann Verlag, Köln Inhaberin Dr. Petra Fohrmann www.fohrmann-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages repro­du­ziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Artwork: Karen Kühne, www.kuehne-grafik.de Printed in Germany ISBN 978-3-949215-00-1 4


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Die Mutter Ich trug dich neun Monde in meinem Schoß, dann habe ich dich geboren. Erst warst du klein, dann wurdest du groß, dann habe ich dich verloren. Dann zogst du predigend durch das Land, dir folgten viel fremde Leute. Die Mutter hast du nicht mehr gekannt, die deine Kindheit betreute. Dann starbst du am Kreuz. Ich war nicht dabei. Ich hab‘ es mir sagen lassen. Jetzt stehst du vor mir, lebendig und frei: Ich kann die Freude nicht fassen!

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Zur Entstehung dieses Buches Wer die beiden Teile dieses Buches in der gedruckten Reihen­folge liest, könnte einen falschen Eindruck bekom­ men: als hätte ich zuerst meiner Phantasie erzählerisch freien Lauf gelassen und dann das Erzählte zu begründen versucht. In Wirklichkeit war es genau umgekehrt. Die Gestalt und die Bedeutung der Mutter Jesu haben mich viele Jahre als theo­ logisches Problem beschäftigt. Dabei ging ich aus von dem, was das Neue Testament historisch glaubwürdig über Maria sagt. Allerdings fiel es mir schwer, gewohnte Vorstellungen aufzugeben. Das galt insbesondere für die traditionelle Lehre von ihrer Jungfräulichkeit. Als mir zum ersten Mal der Gedanke kam, Maria könnte vergewaltigt worden sein, wies ich ihn erschrocken ab. Aber je öfter ich die Argumente durchdachte, um so wahrscheinlicher wurde das anfangs Abgelehnte. Inzwischen weiß ich auch, dass schon andere vor mir von dieser Möglichkeit gesprochen haben. Aber ich habe mir meine Überzeugung in der Auseinandersetzung mit den Evangelien selbst erarbeitet. Erst als ich mir sicher war, habe ich mich gefragt, in welcher Form ich meine Überlegungen darstellen will. Nur als theo­ logische Abhandlung? Der entscheidende Anstoß, mein Bild Marias auch erzählend zu gestalten, kam von ihr selbst. Ich lag wegen einer Operation in einer Klinik, die von Ordens­ schwestern geleitet wurde. Auf meinem Zimmer hing die Kopie eines Gemäldes von Murillo: Maria dargestellt als junge, hübsche, vornehme Frau; nur der Rosenkranz, mit dem der Jesusknabe spielte, verwies auf die religiöse Bedeu­ tung des Bildes. Eine gute Woche lang hatte ich Gelegenheit, diese Darstellung Marias in meditativer Muße zu betrach­ ten. Dabei kam mir die Idee, mit meinen Mitteln, denen der Sprache, dasselbe zu versuchen wie der Maler: der Mutter Jesu eine konkrete menschliche Gestalt zu geben. Noch in der Klinik begann ich mit den ersten Entwürfen, dann habe 9


ich rund zwei Jahre lang intensiv an dem Werk gearbeitet. Ich habe also nicht etwa versucht, mit Hilfe der theologi­ schen Argumente meine Phantasie nachträglich zu recht­ fertigen. Ich habe im Gegenteil versucht, das Ergebnis kri­ tischer Exegese nachträglich erzählend lebendig werden zu lassen. Ich habe die Erzählung an den Anfang dieses Buches gestellt, weil sie bei den meisten Leserinnen und Lesern wahrscheinlich mehr Interesse findet als die theologische Abhandlung. Wer vor allem an den theologischen Fragen interessiert ist, sollte zuerst die Abhandlung im Anhang lesen (II. Das Bild Marias). Nicht nur zu Beginn, auch während der Arbeit fühlte ich mich von Maria unterstützt. Ich wohnte in Hülchrath, einem Dorf in der Nähe von Kloster Langwaden. Im Vor­ raum zu der kleinen Klosterkapelle stand und steht eine holzgeschnitzte Statue Marias, ihr Kind auf dem Arm. Ich versäumte nicht, wenn ich in Langwaden war, dort ein paar Kerzen aufzustellen und kurz zu beten. Als ich mit der Arbeit am vorliegenden Buch begann, bat ich Maria dort immer auch um ihre Hilfe. Dann fotografierte ich die Statue und stellte einen Abzug auf meinen Arbeitstisch. Nach meinem Umzug steht dieses Bild auch in Köln wieder auf meinem Arbeitstisch. Und ich bin mir sicher, Maria nimmt Anteil an dem, was ich über sie schreibe. So kritisch ich sonst bin – in dieser Hinsicht ist mein Glaube kindlich naiv. Die Arbeit an diesem Buch hat sogar mein Selbstver­ ständnis beeinflusst. Bis dahin hatte ich von meinen beiden Vornamen nur den Rufnamen „Karl“ benutzt. Aber während ich an der Kindheitsgeschichte Jesu arbeitete, wurde mir die Bedeutung auch seines Pflegevaters Josef immer mehr be­­ wusst. Während die Erstausgabe dieses Buches noch „Karl Kassing“ als Verfasser nennt, habe ich inzwischen auch mei­ nen zweiten Vornamen „Josef“ aktiviert, zumindest für den offiziellen Gebrauch. Die Erstausgabe erschien 2001. Sie zeigt, wie schwer es mir 10


zunächst fiel, den traditionellen Glauben an die Jungfräu­ lichkeit Marias ganz aufzugeben. Denn ich deutete die „Schwestern und Brüder“ Jesu, von denen im Neuen Testa­ ment mehrfach die Rede ist, damals noch als seine Vettern und Kusinen. Inzwischen bin ich aber zu der festen Über­ zeugung gekommen: es handelt sich um Kinder von Maria und Josef. Für diese Neuausgabe habe ich die Handlung entsprechend geändert und das im Anhang auch begründet. Und mir ist auch noch klarer geworden, dass Matthäus in seinem Kindheits-Evangelium nicht nur Jesus als den Chris­ tus verkündet, sondern auch seine illegitime Geburt recht­ fertigt. Als Folge habe ich auch ein vertieftes Verständnis für die Kindheits-Geschichte bei Lukas gewonnen. Sie ist wie die von Matthäus in ihrer Tendenz nicht nur christologisch, sondern auch apologetisch (verteidigend). Auch das wird im Anhang ausgeführt. Gleich geblieben ist mir die dankbare Gewissheit: Ohne Hilfe hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Gleich geblieben ist mir auch das Bewusstsein, dass ich für dieses Buch einmal Rechenschaft ablegen muss. Dem blicke ich aber getrost entgegen.

Köln, Juni 2021

Karl Josef Kassing

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INHALTSVERZEICHNIS Theresia von Lisieux über Maria

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DIE GEHEIMNISVOLLE ROSE 17 I.

DIE BR AUT 23 Die Erwartung 25 Die Erniedrigung 35 Das Ja 41 Der Bräutigam 50

II. DIE MUT TER 61 Die Geburt 63 Das Gesetz 73 Die Hausfrau 83 Der kleine Rabbi 92 Der Zimmermann 103 III. D IE SCHMERZENSREICHE 115 Der Abschied 117 Seine neuen Freunde 128 Der Streit 141 IV. DIE FREUDENREICHE 153 Das Wiedersehen 155 Der Jubel 158 DIE FR AU 171 Ikone 175

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ANHANG 177 I. ANMERKUNGEN ZU EINZELNEN K APITELN 179 II. DA S BILD MARIA S 194 1. Unterschiedliche Sichten 2. Namen und Personen 3. Quellen und Hilfen für die Darstellung 4. Die Geburt Jesu 4.1 Wahrscheinlich gab es keine jungfräuliche Empfängnis. 4.2 Jungfräulich während der Geburt? 4.3 Jungfräulich nach der Geburt? 4.4 Wahrscheinlich war Josef nicht der leibliche Vater Jesu. 4.5 Maria war ihrem Verlobten sicher nicht untreu. 4.6 Wurde Maria vergewaltigt? 4.7 Und Josef? 5. Maria gehörte nicht zur Gefolgschaft ihres Sohnes. 6. Maria stand nicht unter dem Kreuz. 7. Der Auferstandene erscheint seinen Jüngern und seiner Mutter.

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ZUM AUTOR 235 ZUR GESAMTAUSGABE 237

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I. DIE BRAUT

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Die Erwartung „Es war gegen Abend, um die Zeit, da die Frauen herauskommen, um Wasser zu schöpfen.“ (Genesis 24,11) Der Brunnen lag zwei bis drei Steinwürfe weit vor dem Dorf, in einer Senke am Hang. Der üppigere Wuchs von Kräutern und Büschen zeigte an, dass der Boden hier feuch­ ter war. Es war ein kleiner Quellteich, von sorgsam gefugten Steinen eingefasst, durch eine unterirdische Wasserader in ziemlicher Tiefe gespeist. Deshalb versiegte der Brunnen nie, allenfalls sank sein Wasserspiegel in Zeiten der Trocken­ heit tiefer. Dann musste man die steinernen Stufen weiter hinunter­steigen. Es war Aufgabe der Mädchen und Frauen, hier Wasser zu holen, vor allem im Sommer, wenn die Zisternen bei den Häusern nur noch brackiges Wasser hatten oder ganz ausge­ trocknet waren. Sie gingen meist morgens, wenn die Sonne noch nicht in voller Glut vom Himmel brannte, und am Abend, wenn schon die Kühle sich bemerkbar machte, aber die Dämmerung noch nicht angebrochen war. Gern gingen sie in kleinen Gruppen, es trug sich leichter, wenn man dabei Gesellschaft hatte. Sie trugen die schwere und kostbare Last in bauchigen Krügen auf ihrer Schulter, sicher, scheinbar mühelos, mit aufrechtem Gang, der stolz wirkte und doch aus ihrem niedrigen Dienst sich ergab. Gelassen und barfuß schritten sie durch den gelbbraunen Staub. An diesem Brunnen führte die Straße nach Japha vor­ bei, das drei Kilometer südwestlich lag. In die andere Rich­tung lag Sepphoris, gut sechs Kilometer entfernt und tiefer als Nazaret. Meist zogen nur einzelne Leute oder kleinere Trupps auf der Straße daher: Händler mit Eseln oder Kame­len, Pilger oder Wanderarbeiter. Denn Nazaret war zu 25


un­bedeutend, die wichtigen Fernstraßen ließen es abseits liegen. Manchmal marschierten auch Soldaten vorbei, Söld­ ner des Königs Herodes auf dem Weg von oder nach Sepp­ horis. Oder sie waren auf der Suche nach Räubern, denn die Berge Galiläas boten den Gesetzlosen viele Möglichkeiten, sich zu verstecken. Diese Söldner waren eine bunt gemischte Truppe, kaum weniger unberechenbar und grausam als der Herrscher selbst, daher auch ebenso gefürchtet. Gelegentlich tauchte sogar eine römische Abteilung auf, etwa als Ab­ lösung für eine Garnison. Aber zumeist bot der Brunnen ein Bild der Ruhe oder doch friedlicher Geschäftigkeit. Die Frauen verkürzten sich den Weg und den Aufenthalt dort mit Geplauder und Scher­ zen. Dass es Tag für Tag dieselben Dinge waren, über die sie sprachen, nämlich die Geschehnisse ihres Alltags, minderte ihr Bedürfnis nach Mitteilung nicht, im Gegenteil, die Wie­ derholung des Vertrauten steigerte ihr Behagen daran. Übri­ gens gab es doch auch immer genug Neues, das man bereden musste, Kleinigkeiten oft nur; aber in dem beschränkten Leben, das sie führten und in dem vielfach der Weg zum Brunnen schon die äußerste Entfernung war, die ihnen der Ablauf des Tages gestattete, waren auch Kleinigkeiten wichtig, – ja, gerade sie. So auch an diesem späten Nach­ mittag. „Puh, ist das immer noch heiß heute!“ „Ja, es wird Zeit, dass es wieder einmal regnet.“ „Wie geht es eigentlich deiner Schwiegermutter?“ „Danke für die Nachfrage! Leider werden ihre Augen immer schlechter, sie sieht kaum noch etwas. Deshalb ist sie auch so schrecklich misstrauisch. Dauernd muss ich ihr sagen, was ich gerade tue. Und recht machen kann ich ihr überhaupt nichts mehr.“ „Ja, man braucht manchmal viel Geduld.“ „In Meggido gibt es einen Wundertäter. Der heilt die Kran­ken, indem er ihnen die Hand auflegt und über sie betet.“ 26


„Was Gott will, geschieht so oder so!“ Auf diese Wahrheit, der man nur zustimmen konnte, folgte eine kleine Pause. Doch bald schon war ein neues Thema gefunden. „Was war denn das gestern Abend noch für ein Krach bei euch?“ „Ich hab‘ meinen Mann nur gefragt, wann er endlich das Dach repariert.“ „Und dabei hast du wahrscheinlich ein biss‘chen geschimpft. Klar, dass er dann anfängt, zurück zu schimpfen. Du darfst ihm keine Vorschriften machen, das vertragen die Männer nicht.“ „Pass auf, wenn er sich zu sehr über dich ärgert, gibt er dir eines Tages noch den Scheidebrief.“ „Soll er! An so einem Faulpelz ist nicht viel verloren!“ „Na, ganz so faul scheint er doch nicht zu sein!“ Das war eine Anspielung auf die deutlich sichtbare Schwan­ gerschaft der anderen. Alle lachten, denn alle wussten, dass es bereits das siebte Kinde der beiden war, die sich andau­ ernd stritten und liebten. „Ich will später zwölf Kinder haben. Lauter Jungen, für je­ den Stamm Israels einen!“, erklärte ein junges Mädchen mit noch unreifen Formen. „Sorg erst mal dafür, dass du noch etwas wächst. Und dann brauchst du dazu auch einen Mann!“ „Meine Eltern sagen, wenn es an der Zeit ist, besorgen sie mir schon einen.“ Etwas abseits tuschelten zwei ältere Frauen miteinander: „Jetzt ist das Kind von Judit doch gestorben.“ „Ja. Ich sage dir, das ist die Strafe Gottes!“ „Du glaubst also auch nicht, dass es von ihrem Mann war?“ „Das wissen doch alle, dass sie was mit dem Fischhändler unten vom See hatte …“ „So eine Schlampe!“ Bei den Jüngeren ging es heiterer zu: „Mirjam, ich habe gestern gesehen, wie dein Verlobter sich 27


angeregt mit der Marta unterhalten hat. Du musst aufpassen, sonst springt er dir am Ende noch ab! Wär‘ doch schade um so einen feschen Kerl!“ Alle lachten, denn besagte Marta war eine steinalte, aber noch rüstige Witwe, die bekannt war wegen ihrer spitzen Zunge. Die mit „Mirjam“ angeredet worden war, mochte vier­ zehn oder fünfzehn Jahre zählen. Sie unterschied sich äußer­ lich nicht von den anderen Mädchen ihres Alters: dieselbe schlanke, mittelgroße, doch auch kräftige Gestalt, dasselbe gerundete braune Gesicht, dieselben langen schwarzen Haare, die sie noch frei trug und die zeigten, dass sie noch unverheiratet war. Aber sie schien etwas zurückhaltender, stiller zu sein, ohne doch am lauten Wesen der anderen An­ stoß zu nehmen. Vielmehr lächelte sie über den gelungenen Scherz und gab auf eine Frage auch bereitwillig Antwort. „Wann will Josef dich denn heiraten?“ „Nach der Ernte.“ In das Gerede hinein hob plötzlich eine von ihnen die Hand: „Hört doch mal! Was ist das?“ Die Straße führte nach links im Bogen um den busch­ bewachsenen Hang, so dass man vom Brunnen aus erst spät sehen konnte, wer von dort kam. Oft hörte man die Leute eher, als man sie sah. So auch jetzt: ein zunächst unbestimm­ ter, entfernter Lärm wurde hörbar, der sich rasch steigerte zum Gewirr rauher Stimmen, zum Schall fester Tritte und zum Klirren von Metall. Die Frauen verstummten und sa­ hen sich erschrocken an. Die noch nicht geschöpft hatten, beeilten sich, es zu tun; die anderen griffen bereits nach ihren Krügen: auf einmal hatten es alle eilig, wegzukommen. Dann sahen sie auch schon, wer da herankam: eine Abtei­ lung Soldaten, an ihrer Spitze der Standartenträger und ein Offizier zu Pferd. Das Metall ihrer Waffen und Rüstungen blinkte durch den Staub, der sich unter ihren Füßen erhob. Als die Soldaten die Frauen entdeckten, erhoben sie ein lautes 28


Hallo, dann schwenkten sie von der Straße ab und direkt auf den Brunnen zu. Die Frauen, soweit sie es nicht schon getan hatten, stemmten rasch und schweigend ihre Krüge auf die Schultern und machten sich auf den Weg zurück zum Ort. Die Soldaten schickten ihnen derbe Zurufe nach, begleitet von schallendem Gelächter. Die Weggehenden taten, als hörten sie die Rufe der Solda­ ten nicht, aber sie schritten hastiger. Sie selbst blieben eine Zeitlang stumm, sprachen dann zunächst nur leise, flüsternd fast, fanden erst ihre gewohnte Stimme wieder, als sie die ersten Häuser erreicht hatten: niedrige Steinwürfel, an den Hang gelehnt, in den sie teilweise auch höhlenartig hinein­ gebaut waren. Die hellen Mauern schimmerten honigfarben in der tiefstehenden Sonne. Die Rückkehrenden wurden lärmend begrüßt von den zahlreichen Kindern, die auf der Straße umherwimmelten, dagegen kaum beachtet von den Männern, die im Freien teils mit irgend etwas beschäftigt waren, teils auch in würdevoller Haltung diskutierend bei­ sammen standen oder saßen und die ihre Ehemänner, ihre Väter, Brüder oder auch Söhne waren. Die Wasserträgerin­ nen verschwanden eine nach der andern im Schatten und Schutz ihrer Häuser. Auch Mirjam trat über einen schmalen Vorhof, der schon im Schatten lag, in ihr Haus. Sie stellte den Wasserkrug innen neben die Tür. Ihre Augen mussten sich erst an die Minderung des Lichtes gewöhnen, das nur durch die Tür und ein kleines Fenster ins Innere gelangte. Aber Mirjam wusste auch so, wo jedes Ding seinen angestammten Platz hatte. Diese feste, verlässliche Ordnung erlaubt es ihr, sich auch dann noch sicher im Haus zu bewegen, wenn sie fast gar nichts mehr sah, wie in der hinteren Kammer, die ohne eigenes Fenster war. Ohnehin enthielt die Wohnung nur das Notwendige an Hausrat, doch das enthielt sie auch. Ihre Eltern waren nicht arm, lebten aber sehr bescheiden. Es ging ihnen nicht besser und nicht schlechter als den meisten 29


anderen in Nazaret, deshalb empfanden sie die Beschränkt­ heit ihres Lebens gar nicht als solche. Die Mutter war mit der Vorbereitung des Essens beschäf­ tigt. Mirjam wusste, ohne zu fragen, was dabei ihre Aufgabe war: Sie breitete die Speisematte auf dem Boden aus, nahm vier Ess-Schalen vom Wandbord, verteilte sie auf der Matte und stellte die Becher daneben. Dann ordnete sie die Sitz­ polster rund um die Matte. Die Mutter hatte inzwischen die Brotfladen, die sie am Morgen gebacken hatte, aus dem Vor­ ratskorb geholt und legte sie vor den Platz des Vaters, damit er sie austeilen konnte. Danach warteten sie. Sie wussten, sie brauchten nicht lange zu warten. Zur festen Zeit fanden sich die Fehlenden ein, ohne dass man sie rufen musste. Mirjam hatte noch zwei Schwestern. Sie selbst war die mittlere von den dreien. Ihre ältere Schwester, Lea, war schon verheiratet und hatte selber schon zwei Kinder; sie wohnte in einem benachbarten Ort. Mirjams jüngere Schwester, Debora, war erst acht Jahre alt, ein Nachkömmling, von allen verzogen. Zu ihrem Leidwesen hatten die Eltern keinen Sohn. Zwar war Anna drei Jahre nach Mirjams Geburt mit einem Sohn niedergekommen, aber der war schon nach we­ nigen Wochen gestorben. Die Eltern sprachen nie von ihm, aber vergessen war er nicht. Die Mutter war eine hagere Frau. Sie hielt sich ständig leicht gebeugt, wie um sich kleiner zu machen, als sie war. Das Gesicht war scharf geschnitten, aber ihre Augen, denen nichts an ihren Lieben oder in der Wohnung entging, blick­ ten meist freundlich, und ihr Mund, recht schmal, wenn er geschlossen war, wirkte zwar ernst, aber erweckte auch Ver­ trauen: er redete nichts Unbedachtes. Obwohl schon die ersten Falten des kommenden Alters ihr Gesicht durchzogen, be­wegte sie sich rasch und entschieden. Wer sie in ihrem Haushalt hantieren sah, konnte sie noch für eine junge Frau halten. Der Vater war in mancher Hinsicht eher das Gegenteil: von Gestalt untersetzt, im Wesen ruhig, bedächtig, fast 30


schwerfällig. Auch im Reden und Denken war er langsam. Deshalb liebte er es nicht, wenn seine Frau ihn unterbrach oder ihm sogar widersprach. Das brachte ihn aus seinen Gedanken, in die er nur mühsam wieder zurück fand. Dann konnte Joachim auch einmal lospoltern. Anna schwieg dazu, aber hinterher geschah dann doch meist, was sie selber für richtig hielt. Beide taten dabei, als hätte es niemals eine Aus­ einandersetzung gegeben. Sicher, der Mann war das Haupt und der Gebieter. Aber es war einer Frau nicht verboten, klug zu sein, sogar klüger als der Mann. Selbst Mirjam entging nicht, dass in Wirklichkeit meistens die Mutter bestimmte. Joachim und Anna liebten sich redlich. Das hieß nicht, dass sie in Leidenschaft füreinander entbrannt gewesen wären. Es hieß vielmehr, dass sie füreinander da waren, dass jeder genau und zuverlässig den Platz ausfüllte, an dem der andere ihn erwartete. Auch ihre eheliche Liebe war von dieser gewissenhaften Sachlichkeit. Mirjam wusste: die Frau war dazu da, dem Mann zu willen zu sein, von ihm zu empfangen und ihm Kinder zu gebären. Ihr Schoß war der Acker, dem der Mann seinen Samen anvertraute. Die beiden Schwestern schliefen im hinteren Raum, die Eltern schliefen vorn. Von dort hörte Mirjam ihren Vater regelmäßig, wenn die Eltern sich liebten. Sie war es gewohnt, es gehörte zu ihrem Leben wie das Krähen des Hahns am frühen Morgen oder wie der Segenswunsch des Vaters vor dem abendlichen Mahl. Ihre Mutter hörte Mirjam nie. Aber sie spürte, dass diese zufrieden war mit ihrem Mann und mit ihrem ganzen Leben. Allerdings hatte Mirjam ihre Mutter stöhnen gehört, als diese mit Debora niederkam. Auch andere Frauen hörte man, wenn sie in Wehen lagen: ihre Schreie drangen manch­ mal aus den Häusern bis auf die Straße. Doch die Frauen beklagten sich nie darüber. Das gehörte mit zum Frau­ sein, als Folge vom Ungehorsam Evas im Paradies: „Unter Schmerzen wirst du Kinder gebären.“ Abgesehen von den Mühen der Geburt, verstanden die Frauen ihre Mutterschaft 31


aber als Auszeichnung. War es doch der sichtbare Beweis der Zuneigung Gottes, wenn ihre Familie zahlreich war, erst recht, wenn sie viele Söhne hatten. Immer waren einige von den Frauen schwanger, sie trugen das Kind in ihrem sich rundenden Leib nicht als zusätzliche Last, sondern mit stolzer Würde vor sich her. Auch Mirjam mochte sich ihre Zukunft an der Seite Josefs gar nicht anders vorstellen, als dass sie ihrem Mann eine Reihe von Kindern gebar. Besonders ehrwürdig erschien Mirjam der Vater, wenn er betete oder aus der Tora las. Joachim betete, wie vorge­ schrieben, morgens nach dem Aufstehen und abends vor dem Schlafengehen. In der Tora las er oft am Feierabend, besonders aber am Sabbat. Mit würdevoller Umständlich­ keit nahm er dazu die Schriftrolle, die ein altes Familienerbe war, aus ihrem Behälter und entrollte sie. Dann räusperte er sich mehrmals bedeutungsvoll, weniger, um die Stimme frei zu bekommen, mehr, um zwischen dem alltäglichen Sprechen und dem, was jetzt kam, Abstand zu schaffen. Er las laut für sich, aber ihm war bewusst, ja er erwartete, dass seine Frau und die Töchter ihm zuhörten. Er las mit klin­ gender Stimme, in einer Art monotonem Gesang, wodurch der Text an geheimnisvoller Würde noch gewann. Und an Würde gewann auch der Vater. Er las im Stehen, schien größer als sonst, war nicht mehr jener gutmütige Polterer, über den man insgeheim auch einmal lächeln durfte, war ein sichtbarer Verkünder der Worte und Taten des unsicht­ baren, unbegreiflichen, allmächtigen, aber auch liebevollen Unnennbaren selbst. So, indem sie dem Vater zuhörte, lernte Mirjam, die, wie die meisten Frauen, selbst nicht lesen konnte, die Geschichte von Jahwe und ihrem Volk. Am Anfang hatte Gott Himmel und Erde erschaffen, dann den Menschen in das Paradies ge­ setzt und dem Adam eine Frau zur Gefährtin gegeben. Aber die beiden ließen sich verleiten und aßen vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, was ihnen doch verboten 32


war; deshalb vertrieb Gott sie aus dem Paradies. Und das Böse wuchs weiter. Kain erschlug seinen Bruder Abel. Als die Sünde auf Erden überhand nahm, ließ Gott die große Flut kommen, die nur Noach mit seiner Familie überlebte. Der Regenbogen, den auch Mirjam über den Bergen sah, wenn gegen Ende eines Regenschauers die Sonne durchbrach, war das Zeichen des Friedens, den Gott mit den Menschen schloss. Dann erfolgte die Verheißung an Abraham: Dir werde ich das Land geben, und deine Nachkommen werde ich so zahlreich machen wie die Sterne des Himmels! Sara glaubte schon zu alt für den verheißenen Sohn zu sein, doch sie empfing und gebar Isaak. Zwar sollte Abraham diesen seinen einzigen Sohn opfern, doch Gott begnügte sich mit der Bereitschaft dazu. Aus Isaaks Sohn Jakob wurde Israel, nachdem er am Jabok eine ganze Nacht mit Gott gerungen hatte. Dessen Lieblingssohn Josef wurde von seinen eigenen Brüdern nach Ägypten verkauft. Aber Gott war mit ihm und wendete das Böse zum Guten: so konnte Josef seine Brüder vor dem Hungertod retten. Später dann, als die Israeliten in Ägypten unterdrückt wurden, führte Mose sie mit Hilfe Gottes durch das Schilfmeer und durch die Wüste in das verheißene Land. Zwar in der Wüste murrte das Volk immer wieder gegen Gott. Aber Gott blieb seinem Volk treu, selbst wenn sein Volk ihm untreu wurde. Er strafte es, doch er gab es nicht auf. Vielmehr schloss er am Sinai einen ewigen Bund mit ihm und gab ihm zu seiner Heiligung das Gesetz. Seit sie älter war, ging Mirjam auch oft mit ihrem Vater am Sabbat in die Synagoge. Dort, hinten in der Frauenecke, lauschte sie mit aufmerksamer Hingabe, wenn die Männer beteten, wenn einer aus der Schrift vorlas und das Gelesene anschließend auslegte. So lernte Mirjam neben dem Gesetz auch die Propheten kennen. Durch sie warnte der Herr sein Volk, tadelte es, wenn es von ihm abfiel, kündigte ihm strafendes Unheil an, aber durch seine Propheten munterte er sein Volk auch wieder auf und sprach ihm Mut zu. Und durch seine Propheten hatte Gott seinem Volk auch den 33


Messias verheißen, der das Reich des großen Königs David wieder herstellen und Israel in die Zeit ewigen Friedens und Glückes führen würde. So lernte Mirjam die Geschichte ihres Volkes mit Gott kennen, erfuhr von der Nähe und Hilfe dessen, der dem Mose gesagt hatte: „Ich bin da!“ Er erfüllte auch ihr eigenes Leben mit steter Gegenwärtigkeit. Mirjam betete viel, auch tagsüber während der Arbeit, formte mit eigenen Worten Bitte, Lob oder Dank, oder sie sprach zu Gott mit den Wor­ ten der Psalmen, für die sie eine besondere Vorliebe hatte und von denen sie eine Reihe auswendig kannte. Sie stellte auch aus den ihr vertrauten Versen neue Gebete zusam­ men und sang sie zu eigenen Melodien, die ihr in den Sinn kamen, fast ohne dass sie sich darum mühte. In den Psalmen fand sie alles, wieder, was sie bewegte: ihre Hoffnung, ihre Ängste, ihre Freude, ihre Dankbarkeit, ihre Sehnsucht und ihr Vertrauen. Besonders der Gedanke an den Messias erfüllte sie. Wenn der Verheißene doch jetzt endlich käme! Gott sah doch die Not Israels, die Armen, die Elenden, die vielen Kranken, Hungernden, Trauernden. Und Gott sah doch auch, wie jetzt Heiden sich in dem Land breit machten, das er seinem aus­ erwählten Volk unwiderruflich versprochen hatte, wie die Fremden sein Volk ausbeuteten und jeden Widerstand blutig und grausam unterdrückten. Der Messias würde Schluss ma­ chen mit allem Leid und aller Unterdrückung. Der Messias, der kommen würde in größter Not, der kommen musste bald, der kommen konnte jeden Tag. Wie so viele in ihrem Volk, erwartete auch Mirjam ihn mit geduldiger Sehnsucht.

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Die Erniedrigung „Gott gibt mich dem Bösen preis, in die Hand der Frevler stößt er mich. Doch kein Unrecht klebt an meinen Händen, und mein Gebet ist lauter.“ (Ijob 16,11;17) Irgendwann kommt jeder Tag – der unwichtigste wie der bedeutendste. Allerdings, längst nicht immer erkennt man einen Tag in seiner Besonderheit, nicht einmal dann, wenn etwas Großes, Einmaliges, Unerhörtes an ihm geschieht: Kein himmlischer Bote kündigt ihn an, kein Traum bereitet auf ihn vor, kein Stern geht auf über ihm. Oft leiten nicht einmal Hoffnung oder Furcht ihn ein. Und das, was an ihm geschieht, sieht zunächst wie Zufall aus, wie unbegreifliches Glück oder auch Unglück. Später erst, im Rückblick, wenn andere Tage gefolgt sind, die jenen rätselhaften erhellen, geht vielleicht sein Sinn auf – so strahlend wie die Sonne selbst. An diesem Morgen ging die Sonne auf wie immer: Als große rote Scheibe schob sie sich hinter den Bergen em­ por, stieg schnell höher, wurde golden, wurde gelb, strahlte schließlich in so feurigem Weiß, dass man ihr nicht mehr ins Auge sehen konnte. Zugleich änderte der Himmel seine Farbe: von Rot über Gold zu einem tiefen, klaren Blau, das in der Höhe, direkt über dem Betrachter, fast schwarz erschien: eine Unendlichkeit, in die der Blick oder die Gedanken sich verlieren mussten. An diesem Tag stand Mirjam ebenso früh auf wie an allen anderen Tagen, nämlich mit der beginnenden Helligkeit. Sie sprach das vertraute Gebet, bereitete sich wie immer für den Tag vor und half dann ihrer Mutter bei den gewohnten Tätig­ keiten. Auch weiterhin verlief der Tag wie üblich. Der Abend versammelte die ganze Familie wieder, erst zum Gebet, das der Vater sprach, dann zum gemeinsamen Mahl. Wenn der Vater das Ende des Mahls angezeigt hatte, konnte jeder für 35


sich tätig oder untätig sein. Meist blieb man noch eine Weile beisammen und plauderte, ehe man sich zur Ruhe legte. An diesem Abend sagte Mirjam, nachdem sie sich erho­ ben hatte: „Ich will noch mal eben zu Elisabet hinübergehen. Vielleicht kann ich noch etwas für sie tun.“ Die Genannte war eine ältere Witwe, die ein paar Häuser weiter wohnte. Seit einiger Zeit lag sie krank und war darauf angewiesen, dass ihre Nachbarn sich um sie kümmerten. Der Vater knurrte: „Bleib nicht zu lange! Es ist bald dunkel. Und pass auf dich auf! In der Gegend streunen Soldaten umher. Bei Nain haben sie ein Gehöft in Brand gesteckt und die Bewohner niedergemetzelt. Der Mann soll als Aufrührer denunziert worden sein.“ Mirjam zuckte mit den Schultern: „Was soll mir hier schon passieren! Ich bin schnell wieder zurück.“ „Nimm mich mit!“, bat die jüngere Schwester, die es reizvoll gefunden hätte, noch in der Dämmerung, die inzwischen hereinbrach, mit hinaus zu dürfen. „Du bleibst hier“, sagte Anna zu Debora. Sie blickte Mirjam wohlgefällig nach, als diese, schlank, aufrecht, mit leichten Schritten davonging. „Lieber einen Sack Flöhe hüten als auf eine erwachsene Tochter aufpassen!“, knurrte Joachim vor sich hin. „Es ist gut, dass Josef sie bald zu sich holt.“ Anna lächelte. Sie wusste, dass Joachim in Wirklichkeit doch mit der Hilfsbereitschaft seiner Tochter einverstanden war. Rasch wurde es dunkler. Es wurde dunkel. Es war schon lange dunkel geworden. Mirjam kam immer noch nicht zurück. Joachim begann zu schimpfen über die Freiheit, welche seine Tochter sich glaubte herausnehmen zu dürfen. Aber auch Anna wurde zunehmend unruhiger, ohne es frei­ lich so deutlich zu zeigen. „Ich geh mal rüber zu Elisabet, nachschauen, wo sie bleibt“, erklärte sie schließlich. Sie kam bald wieder zurück: „Bei Elisabet ist sie nicht mehr. Sie war da, wollte noch eben für 36


sie zum Brunnen, Wasser holen, ist aber von dort noch nicht wiedergekommen.“ Joachim sprang auf: „Da ist was passiert! Ich hab’s mir doch gedacht! Ich geh‘ zum Brunnen und schaue nach.“ Als er weg war, sank Anna in die Knie und begann mit er­ hobenen Händen laut zu beten. Debora sah sie mit Neugier und Beklemmung an: so hatte sie die Mutter noch nie erlebt. Diesmal brauchten die Zurückgebliebenen nicht mehr lange zu warten. Anna stand in der offenen Tür, sie konnte ihre Unruhe kaum noch beherrschen. Da hörte sie auf der Straße vom Brunnen her Schritte sich nähern. Nun trat Joachim aus der Dunkelheit, er zog Mirjam an einer Hand hinter sich her. Sie wankte mehr, als sie ging. Dann, im Schein der Öllampe, sah man: ihr Gewand war zerrissen und beschmutzt. Sie hielt den Kopf gesenkt, schluchzte bitterlich, die Haare fielen ihr wirr ins Gesicht und verdeckten es fast ganz. Die Mutter fasste sie am Kinn und hob ihr den Kopf: das Gesicht war blutig geschlagen und verquollen. „Mein Gott! Wie siehst du denn aus! Was ist passiert?“, fragte Anna entsetzt. „Ich hab‘ sie beim Brunnen hinter den Büschen gefunden“, erklärte Joachim. „Da lag sie am Boden und wollte gar nicht mehr aufstehn. Jemand muss sie überfallen haben.“ „Mirjam! Was ist passiert?“ Statt einer Antwort schluchzte Mirjam nur noch stärker und verbarg ihr Gesicht in den Händen. „Ich hab‘ immer gesagt, sie soll sich nicht abends noch drau­ ßen herumtreiben!“, polterte Joachim hilflos. Anna behielt auch jetzt noch den klareren Kopf: „Komm mal mit!“ Sie zog ihre Tochter ins hintere Gemach, wies dann die Jüngste zurück, die in bestürzter Teilnahme bei der Tür stand. Sie blieb lange. Schließlich, ohne Mirjam, mit hängenden Schultern, kam sie zurück. „Sie ist … man hat ihr Gewalt angetan!“ Joachim ballte in ohnmächtiger Wut die Fäuste: „Wenn ich 37


den Schuft erwische – ich bringe ihn um!“ Anna: „Zwei waren es. Sie haben sie am Brunnen angespro­ chen. Als sie weglaufen wollte, haben sie sie niedergeschla­ gen und ins Gebüsch gezerrt. Da haben sie ihr die Kehle zugedrückt, so dass sie nicht schreien konnte.“ „Hat sie gesagt, wer es war?“ „Sie meint, Soldaten.“ Joachim raufte sich die ergrauenden Haare: „Meine Tochter lässt sich zur Hure machen! Diese Schande! Aber das ist deine Schuld! Dauernd diese Herumtreiberei, und dann noch im Dunkeln! Wer ihr begegnet, muss doch meinen, sie legt es drauf an! Das hat sie davon!“ „Dadurch wird es jetzt auch nicht besser“, sagte Anna mit erzwungener Ruhe. Und leiser fügte sie hinzu: „Sie hätte tot sein können!“ „Das wär‘ sie auch besser!“ „Joachim!“ Und zu Debora gewandt, die verstört das Gespräch der Eltern mit anhörte: „Geh mal zu Mirjam, sag‘ ihr was Liebes.“ Debora ging gehorsam in die Kammer. Sie fand Mirjam im hintersten Winkel zusammengekauert, den Kopf unter den Armen versteckt. Sie wimmerte leise vor sich hin. Debora näherte sich ihr scheu und griff nach ihrer Hand: „Mirjam!“ Die streifte sie ab, verkroch sich nur noch tiefer in ihre Ecke. Debora blieb ratlos stehen und begann verängstigt auch selber zu weinen. Unterdessen blieben Joachim und Anna eine Zeitlang stumm: zu ungeheuerlich war das, was geschehen war, und zu unerwartet war es gekommen. Schließlich brach Anna das Schweigen: „Wir müssen es Josef sagen …“ „Der nimmt sie jetzt bestimmt nicht mehr!“, sagte Joachim erbittert. „Vielleicht doch. Sie ist ja unschuldig! Du musst mit ihm reden!“ „Und wenn sie schwanger wird?“ 38


„Anna schüttelte abwehrend den Kopf: „Das Unglück ist so schon groß genug. Nimm nicht gleich das Allerschlimmste an!“ „Das eine schwöre ich dir: wenn sie ein Kind kriegt – hier bleibt sie nicht! Ich will keinen Bankert in meinem Haus!“ Anna schwieg eine Weile, dann erklärte sie, mit einer Ruhe und Bestimmtheit, über die sie sich selber wunderte: „Wenn Josef sie nicht mehr will, bleibt sie bei uns.“ Joachim, mit der ganzen hilflosen Bitterkeit seiner Nieder­ lage, trat wütend gegen den Wasserkrug neben der Tür, als könnte er dadurch das Unheil aus der Welt schaffen. Dann rannte er wortlos hinaus. Er lief mehr, als er ging, auch aus dem Ort hinaus ins Freie, ohne es bewusst zu wollen. Seine Gedanken über­ stürzten sich, ohne dass er einen klar hätte fassen können. Auch beten konnte er nicht. Um ihn war Nacht, schwarz, unergründlich, abgrundtief. Hoch über ihm spannte sich ein sternenübersäter klarer Himmel in grenzenloser Weite: Die zahllosen leuchtenden Punkte verbanden sich zu rätsel­ haften, vielgestaltigen Zeichen, zu verwirrend, als dass man einen Sinn hätte herauslesen können, zu weit entfernt, als dass man Mitgefühl von ihnen erwarten durfte, zu rein und leuchtend auch, als dass sie Trost im Dunkel und Elend hät­ ten geben können. Erhaben, aber unendlich fern! Joachim blieb stehen, presste die Fäuste gegen die Stirn, starrte zum Himmel hinauf. Wie konnte Gott so etwas zu­ lassen, der Allmächtige, zu dem er doch täglich gebetet hatte! Wie konnte er ein solches Unrecht mit ansehen, wenn er wirklich der liebende Vater war? Oder waren die Menschen zu klein für die Größe Gottes? Der noch über den Sternen thront und jedem von ihnen seinen Platz zuweist – was be­ deutet ihm ein Staubkorn hier unten auf der Erde? Sieht er überhaupt, was in der Dunkelheit auf der Erde geschieht? Und wenn er es sieht – kümmert es ihn? „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ Diese Frage des gequälten Ijob 39


kam ihm in den Sinn. Ja, Gott hatte sich abgewendet und in seine eigene lichte Klarheit zurückgezogen. Wo waren denn seine wunderbaren Taten, von denen die Väter erzählten? Wo blieb seine Hilfe? Der Unschuld wurde Gewalt angetan, das Verbrechen erhob dreist und straflos sein Haupt. Herr, ist das deine Gerechtigkeit? Die Sterne schwiegen, ja, fast kam es Joachim so vor, als ob sie mit ihrem Licht über ihn spotteten. Ach, vergeblich, in der Dunkelheit der Nacht und in der Grenzenlosigkeit des Firmaments nach den Wegen Gottes zu suchen! Er stand noch einige Zeit, spürte jetzt auch die Kühle der Nacht. Dann kehrte er langsam um. Als Joachim wieder in die Wohnung gekommen war, sagte er mit müder Stimme: „Morgen früh gehe ich als erstes zu Josef. Dann muss er sich entscheiden …“

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Das Ja

„Sieh, ich bin die Magd des Herrn.“ (Lukas 1,38)

Gleich am anderen Morgen war Joachim zu Josef ge­ gangen und hatte ihm erzählt, was Mirjam zugestoßen war. „Mein Gott! Nein!“, rief Josef entsetzt. Er schlug die Hände vors Gesicht, wandte sich ab, blieb eine Zeitlang stumm. Als er sich etwas gefasst hatte, stellte er eine Reihe von Fragen zum Hergang des Schrecklichen, auf die Joachim aber kaum zu antworten wusste. „Am besten sprichst du selber mit ihr“, schlug Joachim schließlich vor. „Vielleicht warte ich besser, bis sie wieder etwas zu sich ge­ kommen ist“, gab Josef zögernd zurück. „Wie du meinst. Ich gehe jetzt und zeige das Verbrechen bei den Ältesten an“, erklärte Joachim. „Du kommst doch mit?“ „Sicher … Aber ich kann ja eigentlich nichts dazu sagen.“ So waren sie zu den Ältesten gegangen, die die Gerichts­ barkeit in der Gemeinde ausübten. Zwar waren diese sich zunächst einig: „Solche Verbrecher gehören gesteinigt!“ Aber dann hatten sie mit den Achseln gezuckt: „Solange ihr die Täter nicht benennt, können wir sie auch nicht verurteilen. Ihr könnt eure Klage vor dem Richter in Sepphoris vorbringen. Aber wenn es Soldaten waren – glaubt ihr wirklich, er traut sich, gegen die vorzugehen?“ Ja, einer von den Ältesten nahm Joachim beiseite und gab ihm, wie er sich ausdrückte, noch „einen guten Rat“: Da es keine Zeugen für den Hergang der Tat gab, gebe es auch keine für die Unschuld Mirjams. Und wenn nun die Täter wirklich gefunden würden, und sie beschuldigten ihrerseits Mirjam, gerate diese am Ende noch selber in Verdacht: denn die Aussage einer Frau gelte ja nicht vor Gericht, wie Joachim wohl wisse. Die beiden sollten die Sache besser auf sich beruhen lassen. Was immer geschehen sei, es sei sowieso 41


II. Das Bild Marias 1. UNTERSCHIEDLICHE SICHTEN Die Bilder von Maria sind so unterschiedlich wie die Ge­ danken oder Wünsche, die sich ihr zuwenden. Da gibt es die wundertätige Helferin, zu der man wallfahrtet. Da gibt es eine Tradition frommer Betrachtung, die, unbekümmert um his­ torische Glaubwürdigkeit, sich gemütvolle Szenen ausmalt. Da gibt es Lieder, Predigten oder Erbauungsschriften, die in der „Himmelskönigin“ alle Vollkommenheit summieren. Da gibt es auch eine Theologie, welche die Vorrangstellung Marias vor allen anderen Menschen betont (Dogma von 1854: Maria ohne Erbsünde empfangen; Dogma von 1950: leibliche Aufnahme Marias in den Himmel). Maria wird zudem als „Urbild der Kirche“ gedeutet; ihre angenommene Jungfräulichkeit ist ein Vorbild für den Zölibat; ihre Demut wird den Frauen vor Augen gehalten zur Rechtfertigung da­ für, dass man ihnen die gleichberechtigte Mitverantwortung in der katholischen Kirche verweigert. Maria dient also auch als Stütze tradierter kirchlicher Strukturen. Dagegen stehen moderne, um Veränderung bemühte Richtungen. Die feministische Theologie sieht in Maria eine Helferin bei dem Bemühen, patriarchalische Denk- und Machtstrukturen in der Kirche zu korrigieren. Neue Züge hat auch die Theologie der Befreiung an Maria entdeckt: „Er stürzt die Machthaber vom Thron und erhöht die Niedri­ gen. Die Hungrigen überhäuft er mit Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lk 1,52f) In diesen Worten aus dem Magnifikat Marias steckt in der Tat soziale Sprengkraft. Allerdings besteht bei beiden Richtungen auch wieder die Gefahr, Maria ideologisch zu vereinnahmen. Meine Darstellung versucht, Maria als die schlichte Frau und Mutter zu sehen, die sie zu Lebzeiten sicherlich war. Für diese gilt: „Nicht auszuschließen ist aber für ihr authentisch menschliches Leben ein Wachstum der Gnade, die Dunkelheit 194


ihres Glaubensweges, Lernen und Leiden, nicht anzuneh­ men eine Überhäufung mit charismatischen Gnaden über das hinaus, was zur Erfüllung ihrer heilsgeschichtlichen Sendung konkret nötig war.“ (Lexikon für Theologie und Kirche Band 7, Freiburg 1962, Spalte 31). Eine übertriebene Glorifizierung ehrt die Mutter Jesu nicht, sondern beraubt sie im Gegenteil ihrer Individualität und Persönlichkeit. Denn die Addition aller Tugenden ergibt ein Abstraktum, keine konkrete Person. Die Absicht dieses Buchs ist es da­ gegen, Maria ins Menschsein zurückzuholen, dadurch ein besseres Verständnis für sie, vielleicht auch eine verständnis­ vollere Liebe zu ihr zu ermöglichen. Diese Besinnung auf die Menschlichkeit Marias könnte zugleich auch helfen, die Frauen insgesamt als vollwertige und gleichberechtigte Glieder des mystischen Leibes Christi anzuerkennen. 2. NAMEN UND PERSONEN Heute, nach rund 2000 Jahren Christentum, ist es nicht mehr möglich, die Namen „Jesus“ oder „Maria“ (auf die Mutter Jesu bezogen) auszusprechen, ohne dass eine Vielzahl von frommen Vorurteilen mitklingt. Um dem Leser wie mir selbst eine größere Unbefangenheit zu ermöglichen, wurden die jüdischen Namensformen gewählt: Jeschua, Mirjam. Bei den anderen Personen ist dieses Problem nicht in gleichem Maß gegeben; deshalb behielt ich die gewohnten Namen bei. Allerdings habe ich sie z. T. eingedeutscht. Zugunsten der Konzentration auf das Wesentliche (die Beziehung zwischen Mirjam und Jeschua) habe ich versucht, mit möglichst wenig Personen auszukommen. Das betrifft die in den Evangelien mehrfach genannten Brüder Jesu. Sie werden hier, abweichend von der Erstausgabe dieses Buches, als leibliche Brüder Jesu aufgefasst (Begründung s. 4,3). Von ihnen spielt aber nur Jakob eine Rolle: er steht für die anderen Brüder mit. Da er bei einer Aufzählung als erster ge­ nannt wird (Mt 13,55), war er wohl (nach Jesus) der Älteste 195


und damit auch Wichtigste. Auch den Kreis der namentlich genannten Jünger Jesu habe ich auf die begrenzt, die den Evangelien zufolge die wichtigsten waren. 3. QUELLEN UND HILFEN FÜR DIE DARSTELLUNG Bei meiner Arbeit habe ich aus drei Quellen geschöpft: aus den Evangelien, aus den historischen Vorgaben, aus dem Erfahrungswissen über menschliches Verhalten. Die Evangelien enthalten allerdings, abgesehen von den Kind­ heitsgeschichten Jesu bei Matthäus und Lukas, nur einzelne Aussagen über Maria. So galt es für das öffentliche Wirken Jesu die wenigen Szenen zu nutzen, wo die Evangelisten Je­ sus noch mit seiner Mutter zusammenführen. Dabei bot es sich an, Tendenzen, die in den Evangelien nur angedeutet werden, zu entfalten und auch passende Details von anderen Stellen zu übernehmen. Zugleich galt es aber auch, die Evangelien kritisch zu ver­ stehen. Das ergibt deutliche Unterschiede zu den Inhalten traditioneller Marienverehrung. So kennt meine Darstellung weder eine jungfräuliche Empfängnis, noch steht Maria unter dem Kreuz. Andererseits übernahm ich Szenen, die wohl ebenfalls nicht historisch sind, oder stellte auch frei er­ fundenen Szenen dar. Das geschah, um Wesenszüge Marias oder auch Jesu zu veranschaulichen, die ich für wichtig und historisch glaubwürdig halte. So ist das Wunder, das Jesus bei der Hochzeit zu Kana wirkt, sicher unhistorisch, aber die Distanzierung von seiner Mutter, die er da vollzieht, ist sicher historisch. Ein weiteres Problem ist zu beachten. Die Evangelien wurden nach der Auferstehung Jesu in einem Rückblick geschrieben, der manches zu verstehen oder zu deuten ver­ mochte, was im unmittelbaren Erleben zunächst unbegreif­ lich war. Eine Darstellung des vorösterlichen Geschehens muss auf diese spätere Glaubensgewissheit verzichten. Wo also Angehörige oder Jünger Jesu ihn nicht verstehen, darf 196


der Autor auch nur ihr Unverständnis darstellen. Maria wie Jesus waren geprägt durch die Zugehörigkeit zu ihrem Volkes und ihrer Zeit. So stellte Jesus die Botschaft, die er verkündigte, in den Rahmen des damaligen Juden­ tums. Diese Einordnung gilt noch stärker für Maria: Eine Frau hatte dort und damals viel weniger Spielraum für eine individuelle Entfaltung als hier und heute, die sozialen Nor­ men waren enger und strenger. Wenn man sich daher das typische Leben einer damaligen jüdischen ‚Frau vom Lande‘ vor Augen hält, sieht man mit größter Wahrscheinlichkeit auch Grundzüge im Leben Marias. Allerdings habe ich nicht angestrebt, ein historisch möglichst genaues Sittenbild zu entwerfen. Ich habe gelegentlich sogar mehr an das Heute als an das Damals gedacht. Denn das Damalige hat uns Heu­ tigen ja nur etwas zu sagen, wenn es über das rein historische Interesse hinaus auch in unsere Lebenswirklichkeit hinein­ reicht. Es galt also zu balancieren zwischen der Nähe zum Dort und Damals und zum Hier und Jetzt. Menschliches Verhalten wird auch beeinflusst von psychologischen Gesetzmäßigkeiten, die vorgeben, was in einer bestimmten Situation möglich oder wahrscheinlich ist. Solche Gesetze sind zeitlos: Alles, was die Evangelien an psychologischen Phänomenen enthalten, ist uns heute noch ohne weiteres nachvollziehbar. Dann aber darf der Autor im Rückgriff auf psychologische Muster getrost über die Evangelien hinausgehen, ohne ihnen untreu zu werden. Das betrifft insbesondere das Verhältnis Mutter – Sohn, welches sicher nicht so konfliktfrei war, wie eine idealisierende Ver­ herrlichung der ‚Heiligen Familie‘ zu glauben wünscht. Das betrifft ebenso die innere Entwicklung Jeschuas, die, weil er ein wirklicher Mensch war, auch menschliche Züge aufwei­ sen muss. Damit wird nicht behauptet, das ganze Verhalten Marias oder gar Jesu lasse sich historisch oder psychologisch erklä­ ren. Es bleibt eine innere Freiheit, deren Entscheidungen nur noch gezeigt, nicht mehr zwingend begründet werden 197


können. Erst recht kann das Heilswirken Gottes nicht als natürlich oder historisch bedingt erklärt werden. Aber auch Gott wirkt nicht gegen die Geschichte, gegen die Natur, son­ dern er wirkt mit ihnen und in ihnen. Ohnehin lässt sich ja Transzendenz direkt überhaupt nicht darstellen: es sei denn, man lässt mit den Evangelisten leibhaftige Engel erscheinen (Geburtslegende), eine Stimme von oben erschallen (Taufe Jesu im Jordan; seine Verklärung) und den Geist wie Feuer­ zungen auf die Jünger herabkommen (Pfingsten). Darauf muss verzichten, wem es auf Wirklichkeits-Nähe ankommt. Der Blick in die Evangelien, der Blick in die Umwelt und der Blick in die Psyche ergeben zusammen doch deutliche Grundzüge. Das gilt jedenfalls für die Darstellung Jesu zur Zeit seines öffentlichen Wirkens. Seine Kindheit und Jugend betreffend, lassen die Evangelien eine Lücke, die der Autor mit eigener Phantasie glaubte füllen zu können, sofern das Ergebnis zum späteren Auftreten Jesu passt. Dagegen habe ich es vermieden, den Wanderprediger Jesus noch in Situa­ tionen zu stellen, die durch die Evangelien nicht belegt sind. Auch seine Äußerungen, soweit sie theologische Bedeutung haben, sind nur noch wörtliche oder sinngemäße Zitate aus dem Evangelien, z. T. auch aus dem Alten Testament, das ja für Jesus selbst maßgeblich war. Diese Zurückhaltung gilt erst recht in Bezug auf den Auferstandenen. Er wird überhaupt nicht mehr als Person dargestellt: keineswegs aus Mangel an Glauben, sondern weil ich mich im Gegenteil gescheut habe, ihn wie eine fiktive Gestalt zu behandeln. Natürlich las ich auch einschlägige Literatur: Kommen­ tare zum neuen Testament, Bücher zur Geschichte und Religion Israels, zum Leben der Juden zur Zeit Jesu, zur Geographie und Archäologie des Heiligen Landes, ferner apokryphe Schriften und den Talmud in einer Auswahl, nicht zuletzt auch Schriften zur Rezeption Marias in der Theologie, aber auch in Visionen oder Erscheinungen, ferner in dichterischen Werken. Zu danken habe ich mehreren 198


guten Bekannten, die mir durch Sachwissen und kritische Anregung geholfen haben. Die Darstellung, die so entstanden ist, erhebt nicht den Anspruch, in ihren Einzelheiten zu stimmen, wohl aber den: in ihren Grundzügen historisch, menschlich, theologisch möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich, auf jeden Fall sinn­ voll zu sein. So entstand sicher nicht das genaue Abbild der ‚historischen‘ Maria, wohl aber, hoffentlich, ein überzeugen­ des, liebenswertes Bild. 4. DIE GEBURT JESU Jesus ist eine historische Gestalt. Zwei Evangelisten, Matthäus und Lukas, erzählen von seiner Geburt. Aber sie wollen nicht biographisch genau berichten, was damals ge­ schehen ist, sondern geben dem nachösterlichen Glauben an Jesus Christus Ausdruck, und zwar legendenhaft ausgemalt. Auf diesen beiden Geburtsgeschichten gründet sich die traditionelle Lehre von der Jungfräulichkeit Marias. Aber untersucht man die Texte kritisch, wird eine jungfräuliche Empfängnis eher unwahrscheinlich. Die folgende Argumentation liefert keine zwingenden Beweise. Doch sie soll zeigen, wie ich zu meiner Version der Geburtsgeschichte gekommen bin. Dabei halte man dem Autor zugute: Wer sich zu einem Problem nur theoretisch äußert, kann es bei der Abstufung von Wahrscheinlichkeiten belassen. Wer dagegen eine Geschichte erzählen will, muss sich für eine Version entscheiden. Dann wählt er die, die er für die wahrscheinlichste hält. Von der Frage nach der Jungfräulichkeit seiner Mutter un­ berührt bleibt die Frage: Wer war, besser gesagt: Wer ist Jesus von Nazaret? Diese Frage kann nur durch den Glauben beant­ wortet werden, und zwar von jedem Glaubenden persönlich.

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4.1 WAHRSCHEINLICH GAB ES KEINE JUNGFR ÄULICHE EMPFÄNGNIS Die traditionelle kirchliche Lehre besagt: Maria hat Jesus durch die Kraft des Heiligen Geistes als Jungfrau empfangen. Dafür beruft man sich auf die beiden Geburtsgeschichten bei Matthäus und Lukas. Beide widersprechen sich allerdings in vielen Details. Zudem sind beide Geburtsgeschichten im Neuen Testament völlig isoliert: auf keine wird irgendwo Bezug genommen, nicht einmal später bei Matthäus und Lukas selbst. Dabei hätte der Hinweis auf die wunderbare Empfängnis Jesus doch zusätzlich beglaubigt. Matthäus erzählt aus der Sicht Josefs (1,18-24). Josef und Maria wohnen in Betlehem, sie sind verlobt. Maria wird schwanger, aber Josef ist nicht der Vater des Kindes: „Noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes.“ Josef will seine Verlobte entlassen, aber ein Engel belehrt ihn im Traum: „Das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.“ Zur Bestätigung zitiert der Engel den Propheten Jesaja: „Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären.“ (7,14) Daraufhin nimmt Josef Maria als seine Frau zu sich. Stützt diese Geschichte die kirchliche Lehre von der jungfräulichen Empfängnis? Der Prophet Jesaja spricht im hebräischen Urtext nicht von einer „Jungfrau“, sondern von einer „jungen Frau“; gemeint ist wohl die Frau des dama­ ligen Königs. Matthäus zitiert die griechische Übersetzung „parthenos“; das kann auch „unverheiratetes Mädchen“ bedeuten. Noch weniger belegt der zweimalige Hinweis auf das Wirken des Heiligen Geistes (1,18.20) eine wunderbare Empfängnis. Vergleichbare Formulierungen an anderen Stellen im Neuen Testament schließen eine natürliche Zeu­ gung gerade ein. So nennt der Evangelist Johannes alle, die 200


an Christus glauben, „Kinder Gottes, … die nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“ (1,12f) Entsprechend unterscheidet Jesus selbst im Gespräch mit Nikodemus: „Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.“ (Joh 3,6) Ähnlich heißt es im 1. Brief des Johannes: „Jeder, der von Gott stammt, tut keine Sünde, weil Gottes Same in ihm bleibt“ (3,9). „Jeder, der liebt, stammt von Gott“ (4,7). Auch Paulus kennt eine Zeugung durch den Geist, aber auch für ihn schließt sie eine natürliche Empfängnis ein. So sagt er über die beiden Söhne Abrahams: Ismael, der Sohn der Hagar, ist „gemäß dem Fleisch gezeugt“, Isaak, der Sohn der Sara, „gemäß dem Geist“ (Gal 4,29). Besonders bemer­ kenswert spricht Paulus im Römerbrief von Jesus, „der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten“ (1,3). Jesus ist für Paulus also nicht schon „Sohn Gottes“ durch seine Ge­ burt. Dass Paulus von wunderbaren Umständen bei der Ge­ burt Jesu nichts weiß, zeigt auch die nüchterne Aussage: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau“ (Gal 4,4). Auch Röm 9,5 belegt, dass Pau­ lus über die Geburt Jesu nichts Besonderes zu sagen weiß: den Israeliten „entstammt der Christus dem Fleische nach.“ Diese Aussagen sind deshalb besonders zu beachten, weil sie die ältesten Aussagen über Jesus im Neuen Testament sind. Zudem hatte Paulus direkten Kontakt zumindest mit einem der Brüder Jesu, nämlich mit Jakobus (Gal 1,19; Apg 21,18). Der hätte ihn über ein Geburts-Wunder, das Jesus als Sohn Gottes beglaubigt, doch sicher informiert. Wie die zitierten Belege zeigen, verwendet Matthäus mit dem Hinweis auf das Wirken des Heiligen Geistes bei der Empfängnis Jesu eine theologische Formel, die nicht biologisch verstanden werden darf: sie beinhaltet eine Über­ höhung, nicht eine Ausschaltung der Natur. So lässt sich ver­ muten, dass Matthäus von einer jungfräulichen Empfängnis 201


Jesu nichts gewusst hat, geschweige denn sprechen wollte. Wir lesen heute seine Erzählung von der Geburt Jesu mit einem Vorverständnis, das von der späteren Lehrtradition bestimmt ist. Läse man seine Darstellung ohne dieses Vor­ urteil, käme man kaum auf die Idee, dass da vom Wunder einer jungfräulichen Empfängnis die Rede ist. Und wie steht es um das Zeugnis des Lukas, die Lehre von der Jungfräulichkeit Marias betreffend? Lukas hat mit Matthäus gemeinsam: Maria ist die Verlobte Josefs; sie wird schwanger, aber Josef ist nicht der Vater ihres Kindes. Im üb­ rigen erzählt Lukas aber eine völlig andere Geschichte, und zwar erzählt er ganz aus der Sicht Marias (1,26-38). Maria und Josef wohnen in Nazaret. Ein Engel kündigt ihr an: „Du wirst schwanger werden und einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. … Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. … Denn für Gott ist nichts unmög­ lich. Da sagte Maria: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ Maria besucht ihre schwan­ gere Verwandte Elisabet, die Mutter Johannes des Täufers; die begrüßt sie als „Mutter meines Herrn“. Maria stimmt ein Loblied auf Gott an. Von Josef ist, nachdem er einleitend als Verlobter Marias genannt wurde (1,27), überhaupt nicht mehr die Rede. Auch bei Lukas geht es wie bei Matthäus um die Be­ glaubigung Jesu. Auch bei Lukas geschieht sie durch einen Engel, also als übernatürliche Offenbarung. Auch hier der Hinweis auf die Kraft des Heiligen Geistes, die aber, wie sich schon zeigte, eine natürliche Empfängnis keineswegs aus­ schließt. Das geschieht dagegen durch die Frage Marias an den Engel, der ihr die Geburt eines Sohnes angekündigt hat: 202


„Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (34) „Erkennen“ meint intimen Verkehr. Maria ist schon verlobt. Eine verlobte Jüdin hätte sich Kinder gewünscht, vor allem Söhne. Denn das galt als sichtbarer Segen Gottes. Weshalb stellt Maria eine Schwangerschaft zunächst in Frage? Der Einwand Marias könnte bedeuten: Als Verlobte „er­ kennt“ sie noch keinen Mann. Aber der Engel spricht von der Zukunft (1,31: „Siehe, du wirst schwanger werden“). Warum denkt Maria nicht an ihre Zukunft als Frau Josefs, sondern schließt jeden intimen Verkehr grundsätzlich aus? Und wieso ist sie dann überhaupt verlobt? Gleich, wie man die Reaktion Marias versteht, sie lässt Fragen offen. Hier ist ein Blick ins Alte Testament hilfreich. Lukas hat die Szene offensichtlich nach älteren Vorbildern gestaltet. So ist die Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel fast wörtlich der Ankündigung der Geburt Ismaels an Hagar nachgebildet (Gen 16,11). Auch die Ankündigung und Na­ mengebung für Isaak (Gen 17,19) entsprechen der für Jesus; die Worte des Engels an Maria „Für Gott ist nichts unmög­ lich“ (Lk 1,37) variieren eine rhetorische Frage, die Gott selbst an Isaaks Vater Abraham stellt (Gen 18,14). Ebenso wird die Geburt Simsons seiner bislang unfruchtbaren Mutter durch einen Engel verkündet (Ri 13,3-5). Und das Loblied, das Maria bei Elisabet anstimmt, ist beeinflusst vom Danklied der Hanna (1 Sam 2,1-10), der Mutter Samuels, die nach langer demütigender Unfruchtbarkeit schwanger wird, nachdem sie den ersehnten Sohn im voraus dem Herrn geweiht hat. Mit der Ankündigung der Geburt Johannes des Täufers durch einen Engel bringt Lukas selbst noch ein wei­ teres Beispiel (1,5-25). In all diesen Geburtsgeschichten außer bei Hagar geht es um die Beglaubigung eines von Gott besonders Beauftrag­ ten: Gott selbst überwindet ein Hindernis für die Empfäng­ nis. In allen Fällen außer bei Hagar sind die langjährige Un­ fruchtbarkeit und das hohe Alter der Frau dieses Hindernis. Und in allen Fällen wird die angekündigte Schwangerschaft 203


durch den Verkehr der Frau mit ihrem Mann (bei Hagar mit Abraham, dem Mann ihrer Herrin) bewirkt. Aber Maria ist noch eine junge Frau; wenn sie mit ihrem Mann verkehrt, ist eine Schwangerschaft auch ohne die Mithilfe Gottes wahr­­ scheinlich. Also schloss Lukas für Maria jeden Intim-Verkehr aus, um zu zeigen: ihre Schwangerschaft ist von Gott bewirkt. Auch der Engel, der Maria ihre Schwangerschaft ankün­ digt, ist in der Tradition vorgegeben. So für Ismael, Simson und Johannes den Täufer. Allerdings ist die Existenz von Engeln kein verbindliches Dogma. Das sei hier nicht weiter diskutiert. Wohl aber sei festgestellt: Ohne die Offenbarung durch den Engel hätte Maria nicht wissen können, wieso sie überhaupt schwanger wurde. Dann müsste es dafür viel­ mehr eine natürliche Erklärung geben. Das ist bei Matthäus für Josef ganz anders. Ihm erscheint ein Engel im Traum, als die Schwangerschaft seiner Verlob­ ten sich schon zeigt, und offenbart ihm: Was geschieht, ist der Wille Gottes! Das kann bildhafter Ausdruck des inneren Ringens in Josef sein. Damit stellt sich die Frage, ob Ähn­ liches nicht auch für Maria gilt: Musste auch sie sich dazu durchringen, eine Schwangerschaft zu bejahen, die sie zu­ nächst nicht gewollt hatte? Weder bei Matthäus noch bei Lukas wird eine wunder­ bare Empfängnis Jesu als historisches Faktum wahrschein­ lich. Markus, im ältesten Evangelium, sagt nichts über die Geburt Jesu, widerspricht den beiden Geburtslegenden aber indirekt. Er berichtet nämlich: Als die Angehörigen Jesu hörten, wie die Leute zu ihm strömten, „machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen.“ (3,21). Doch wenn stimmt, was Matthäus und Lukas über die Geburt Jesu sagen (seinem Va­ ter bzw. seiner Mutter von einem Engel angekündigt), hätten seine Angehörigen sicher zu den Anhängern Jesu gehört. So ist begreiflich, dass Matthäus und Lukas diese Szene ersatz­ los weglassen. 204


Die ganze Lehre von der jungfräulichen Empfängnis Jesu hängt an dem einen Satz Marias. „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk 1,34) Aber dieser Einwand ist als wirkliche Aussage einer jungen verlobten Jüdin unglaub­ würdig, gleich wie man ihn versteht. Der Sinn dieses Satzes ist auch nicht eine biographische Aussage über Maria, sondern eine theologische Aussage über Jesus: Er ist der Sohn Gottes, der gottgesandte Retter. Dieser Glaube bleibt auch dann möglich und sinnvoll, wenn man nicht an eine jungfräuliche Empfäng­ nis glaubt: „Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle von Einem ab … Da nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er in gleicher Weise Fleisch und Blut angenommen“ (Hebr 2,11.14). Wer so spricht, glaubt an Jesus Christus, aber er weiß von einer wunderbaren Empfängnis nichts. Und da Jesus wirklicher Mensch ist, „in allem seinen Brüdern gleich“ (Hebr 2,17), ist auch nicht einzusehen, wes­ halb gleich für den Beginn dieses Menschseins eine Ausnahme postuliert werden soll. Wie konsequent Jesus Mensch ist, zeigt sich darin, dass er die weitaus längste Zeit seines Lebens unbe­ achtet als einfacher Handwerker in Nazaret verbringt. Der Sohn Gottes, der so ein normales menschliches Leben führte, dürfte auch ohne spektakuläres Wunder auf die Welt gekommen sein. Wie der Verfasser des Hebräer-Briefes verkünden auch alle anderen Autoren des Neuen Testamentes Jesus als den Christus, ohne sich auf eine jungfräuliche Empfängnis zu beziehen. Dabei hätte diese bekannt sein können, da Maria zur jungen Gemeinde in Jerusalem gehörte (Apg 1,14). Und es wäre doch ein wichtiger Belege für die Messianität Christi gewesen. Das Fazit kann nur sein: Eine wunderbare Emp­ fängnis hat es sehr wahrscheinlich nicht gegeben. 4.2 JUNGFR ÄULICH WÄHREND DER GEBURT? Aus der Vorstellung einer jungfräulichen Empfängnis Jesu entwickelte sich die Lehre von der dreifachen Jung­ fräulichkeit Marias: sie sei Jungfrau geblieben nicht nur vor 205


der Geburt Jesu, sondern auch bei der Geburt und nach der Geburt. Aber dieser Ausweitung der Lehre widersprechen die Evangelien, statt sie zu stützen. Jungfräulichkeit während der Geburt bedeutet, dass bei der Geburt Jesu das Hymen Marias unverletzt blieb: auch die Geburt selbst geschah also auf wunderbare Weise. Dieser Glaube findet sich erstmals im apokryphen (d. h. nicht anerkannten) ‚Evangelium des Jako­ bus‘ aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts (Kap. 19 u. 20): Als Maria Jesus geboren hat, greift eine andere Frau, die Marias Jungfräulichkeit bezweifelt, in ihre Scheide und stellt fest: Das Jungfernhäutchen ist unversehrt. Zur Strafe verdorrt ihre Hand; sie wird aber geheilt, als sie den Neugeborenen in den Arm nimmt. Diese Szene ist an Unglaubwürdigkeit kaum zu überbieten. Dennoch gehört die Jungfräulichkeit auch während der Geburt bis heute zum offiziellen katho­ lischen Lehrgut. Sie wird ausdrücklich verkündet im ‚Kate­ chismus der katholischen Kirche‘ (499) und ist einbezogen, wenn etwa in Gebeten von der „immerwährenden“ oder „unversehrten“ Jungfräulichkeit Marias die Rede ist. Dabei hätte diese Lehre erst gar nicht aufkommen dürfen. Lukas selbst schließt sie aus. Bei der Darstellung Jesu im Tempel zitiert er das mosaische Gesetz: „Alles Männliche, das den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn heilig sein.“ (2,23; nach Ex 13,2.12; die Einheitsübersetzung unscharf: „jede männliche Erstgeburt“) Damit setzt Lukas eindeutig eine na­ türlich verlaufende Geburt voraus. Selbst wenn man an eine wunderbare Empfängnis Jesu glaubt, ist nicht einzusehen, weshalb Gott bei seiner Geburt noch ein zusätzliches gynä­ kologisches Wunder gewirkt hätte. 4. 3 JUNGFR ÄULICH NACH DER GEBURT? Auch die Lehre von der Jungfräulichkeit Marias nach der Geburt Jesu findet im Neuen Testament eher Widerspruch als Rückhalt. Demnach hätten Maria und Josef keinen inti­ men Verkehr gehabt. Aber Paulus und alle vier Evangelisten 206


sprechen ganz unbefangen von „Brüdern“ und „Schwes­ tern“ Jesu (1 Kor 9,5; Mt 12,47f; Mk 6,3; Lk 8,19; Joh 2,12; Apg 1,14; u. ö.). Die oft aufgestellte Behauptung, damit seien nahe Verwandte (Vettern und Kusinen) Jesu gemeint, ist unglaubwürdig. Wenn diese Nebenbedeutung der betreffen­ den griechischen Wörter gemeint wäre, müsste der Kontext entsprechende Hinweise enthalten. Das ist aber an keiner einzigen Stelle der Fall. Im Gegenteil: Als „seine Mutter und seine Brüder“ Jesus sprechen wollen, fragt Jesus: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ Dann blickt er auf seine Jünger und sagt: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mk 3,31-35) Jesus hat sicher nicht gemeint: „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Vetter und Kusine und Mutter“. Ähnlich, als Jesus in Nazaret predigt. Die Zuhörer staunen ungläubig: „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bru­ der von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?“ (Mk 6,3) Hätten die ungläu­ bigen Zuhörer wirklich die Vettern Jesu mit Namen aufge­ zählt? Hätten sie an den Kusinen Jesu Anstoß genommen? Auch die Klage Jesu bei seiner Ablehnung in Nazaret ist aufschlussreich: „Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.“ (Mk 6,44) Jesus unterscheidet also zwischen den Verwandten und seiner Familie. Das ist aber nur sinnvoll, wenn die Familie Jesu aus mehr Personen als nur aus ihm und seiner Mutter bestand. Josef war wohl schon gestorben, als Jesus öffentlich auftrat; denn nach den beiden Kindheitsgeschichten tritt er nie mehr auf. Da aber vier Brüder Jesu namentlich genannt werden und von den Schwestern im Plural die Rede ist, hat Maria mindestens sieben Kinder gehabt, von denen Jesus der Älteste war. Selbst der Evangelist Johannes, der Jesus in seinem Pro­ log als präexistenten Gott-Sohn einführt (1,1-18), nimmt offenkundig an, dass Jesus leibliche Brüder hatte: „Auch 207


seine Brüder glaubten nämlich nicht an ihn.“ (7,5) Oder hat Johannes wirklich sagen wollen: Auch seine Vettern glaubten nicht an ihn? Der Kronzeuge für eine jungfräuliche Empfängnis ist Lukas. Aber auch er nennt ohne jeden Vorbehalt die „Brüder“ Jesu zusammen mit seiner Mutter. So dreimal in der kurzen Szene, als seine Mutter und seine Brüder Jesus sprechen wollen, er aber für sie nicht zu sprechen ist (8,19-21). Und zu Beginn der Apostelgeschichte sagt Lukas über die Gemeinde in Jeru­ salem, dass die Gläubigen einmütig zusammen beteten „mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern.“ (1,14) Hätte Lukas Vettern Jesu so dicht neben seine Mutter ge­ stellt? Waren die Vettern oder andere männliche Verwandte Jesu überhaupt eine so geschlossene Gruppe, dass man von ihnen wie von Brüdern reden konnte? Nein, kein einziger Evangelist erlaubt auch nur den geringsten Zweifel daran, dass er leibliche Brüder meint, wenn er von den „Brüdern“ Jesu spricht. Und es gibt auch nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass wir es heute besser wissen als sie. Zu beachten ist schließlich auch das Zeugnis des jüdi­ schen Historikers Flavius Josephus, der etwa zeitgleich mit den Evangelisten lebte. In seinen „Jüdischen Altertümern“ berichtet er von der Steinigung des Jakobus (vermutlich 62 post) und nennt ihn „den Bruder des Jesus, der Christus ge­ nannt wird.“ (20. Buch, 9. Kap.) Einem bloßen Verwandten Jesu hätte er kaum solche Wichtigkeit beigemessen. Bei Matthäus findet sich ein weiterer eindeutiger Hinweis darauf, dass Josef und Maria eine normale Ehe geführt haben. Der Engel fordert Josef auf, Maria als seine Frau zu sich zu nehmen. Josef folgte der Aufforderung des Engels „und nahm seine Frau zu sich. Er erkannte sie aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar.“ (1,24) Das besagt offenbar: da­ nach „erkannte“ er sie doch. Zwar behaupten konservative Theologen, das „bis“ bedeute „auch danach nicht“. Aber auf diese mögliche Nebenbedeutung gibt der Text nicht den 208


geringsten Hinweis. Das erinnert an die Deutung der „Brü­ der und Schwestern“ Jesu als nahe Verwandte. Beide Male derselbe exegetische Trick: Man erklärt, wie etwas gemeint sein könnte; dann geht man ohne jede weitere Begründung davon aus, das es wirklich so gemeint ist. Die Deutung der vier Frauen im Stammbaum Jesu als Heidinnen wird sich als weiteres Beispiel erweisen (s. 4.6). Aber so sperrt man sich gegen eindeutige Aussagen der Evangelien und damit gegen die erkennbare Wahrheit. Diese Wahrheit ist: Josef musste sich dazu durchringen, seine schwangere Verlobte zu heira­ ten. Dann haben beide aber eine normale Ehe geführt und hatten auch eine Reihe von Kindern. (Zur Bedeutung des „bis“ s. auch 4.6: Wurde Maria vergewaltigt?) Damit stellt sich die Frage: Warum hält sich die Lehre von der Jungfräulichkeit Marias so hartnäckig gegen alle Wahrscheinlichkeit? Die Antwort kann hier nur angedeutet werden. Von der griechischen Philosophie drang schon früh eine Leibfeindlichkeit ins Christentum, die dem Judentum fremd war und bis heute ist. Als dann das Mönchstum aufkam, wurde sein Zölibat vorbildlich für alle Priester. Als Folge überhöhte man die Jungfräulichkeit und stellte sie im ideellen Wert über die Ehe. Dafür nur zwei jüngere Belege. Das 2. Vatikanische Konzil fordert für die Ausbildung der Priester: die Alumnen sollen „klar den Vorrang der Christus geweihten Jungfräulichkeit erkennen.“ (Optatam totius 10) Und Johannes Paul II. erklärte noch 1988, der „Vorrang der Jungfräulichkeit gegenüber der Ehe“ sei „eine ständige Lehre der Kirche“ (Mulieris dignitatem. Über die Würde und Berufung der Frau. Nr. 22). Die Folge: Da man sich Maria als vollkommenes Ideal vorstellt, haben sie und Josef ‚so etwas‘ natürlich nicht getan. Aber mit dieser Ideologie stellen die zölibatären Söhne sich über ihre eigenen Eltern, deren Ehe sie doch ihr Dasein verdanken. Belohnen sie sich durch diese Selbst-Erhöhung für den Verzicht? Das ist nicht gegen einen Zölibat gesagt, 209


der in Demut als Berufung gelebt wird. Doch Josef war we­ der Kleriker noch asketischer Mönch, sondern ein junger jü­ discher Handwerker. Warum hätte er überhaupt geheiratet, wenn nicht, um seine Frau auch zu „erkennen“? Die protestantische Kirche hat den Zwangs-Zölibat für alle Priester aufgegeben. Entsprechend erkennen ihre Theo­ logen die „Brüder und Schwestern“ Jesu durchweg als Kin­ der Marias an. Den katholischen Ideologen des Zölibats sei abschließend die Frage gestellt: Ehrt man eine kinderreiche Mutter wirklich dadurch, dass man ihr alle Kinder bis auf ein einziges abspricht? Zum traditionellen Lobpreis Marias gehört das Attribut „rein“, oft noch superlativisch gesteigert: allerreinste Jungfrau. Aber als kinderreiche Mutter ist Maria um nichts weniger rein! 4.4 WAHRSCHEINLICH WAR JOSEF NICHT DER LEIBLICHE VATER JESU Wenn es keine jungfräuliche Empfängnis gab, ist die nächstliegende Vermutung: Jesus ist der Sohn Josefs. Das nehmen heute viele Theologen an, insbesondere die meisten protestantischen. Sie können sich berufen auf das Zeugnis der Evangelien: hier wird Jesus mehrfach „Sohn Josefs“ ge­ nannt (Lk 4,22; Joh 1,45; 6,42; Mt 13,55: „Sohn des Zimmer­ manns“). Allerdings geht es jeweils um die Volksmeinung. Einen eindeutigen Beleg dafür, dass ein Evangelist Jesus für den leiblichen Sohn Josefs hält, gibt es nicht. Zwar wird Josef von Lukas (2,33) bzw. von Maria selbst bei Lukas (2,48) als „Vater“ Jesu bezeichnet, ähnlich ist von Jesu „Eltern“ (Lk 2,39.43) die Rede. Aber das ist auch sinnvoll, wenn Josef der Pflegevater Jesu war. Der Stammbaum Jesu bei Matthäus stützt die Zweifel daran, dass Jesus der leibliche Sohn Josefs war. Er beginnt: „Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams: Abraham zeugte den Isaak, Isaak zeugte den Jakob, Jakob zeugte den …“ (1,1). Dieses Schema 210


„X zeugte Y“ findet sich insgesamt 39 mal. Aber für Jesus wird es aufgegeben: „Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren“ (16). Wäre Josef der leibliche Vater Jesu, hätte es der Anlage des Stammbaums entsprochen zu sagen: „Josef zeugte Jesus mit Maria“. Josef wird also nur als Pflegevater genannt. Das geschah aber nicht wegen der jungfräulichen Empfängnis Jesu: denn anders als Lukas weiß Matthäus davon gar nichts, wie sich schon zeigte (s. 4.1). Matthäus trennt auch nach der Geburt Jesu Maria und ihren Sohn sprachlich von Josef. Nicht weniger als fünf­ mal benutzt er die Wendung „das Kind und seine Mutter“ (2,11.13.14.20.21). Kein einziges Mal heißt es dagegen, auf Josef bezogen, „sein Kind“ oder etwa, aus dem Mund des Engels an Josef gerichtet, „dein Kind“. Dass Josef bei Lukas auf Distanz gehalten wird, entspricht der hier angenomme­ nen jungfräulichen Empfängnis. Von Josef ist überhaupt erst die Rede, als er mit Maria wegen der Steuerschätzung nach Betlehem zieht (2. Kap.). Markus äußert sich zwar nicht di­ rekt zur Geburt Jesu. Aber auch bei ihm lässt sich aus einer Stelle herauslesen, dass Jesus nicht der leibliche Sohn Josefs war. So sagen die Leute, als Jesus lehrend in Nazaret (seinem Heimatort!) auftritt: „Ist das nicht … der Sohn der Maria?“ (Mk 6,3) Das steht im Gegensatz zu dem Brauch, zur Siche­ rung der Identität den Vater zu nennen. Die Nennung nach der Mutter konnte bedeuten, dass das Kind unehelich war. Sowohl Matthäus wie Lukas ändern den Wortlaut („Sohn des Zimmermanns“ Mt 13,55; „Sohn Josefs“ Lk 4,22). Das fällt deshalb auf, weil beide in ihren Kindheits-Legenden eine Vaterschaft Josefs ausdrücklich verneint haben. Emp­ fanden sie es jetzt, ohne hilfreiche Offenbarung durch einen Engel, doch als zu irritierend, dass der Mann Marias nicht der Vater Jesu war? Auch ein Vergleich der Geburtsgeschichten bei Mat­ thäus und Lukas mit ihren bereits genannten Vorbildern bestärkt die Zweifel an der Vaterschaft Josefs. In allen Fällen 211


sind die Frauen längst verheiratet, das verheißene Kind hat selbstverständlich ihren Mann zum Vater. Das gilt auch für Hagar, die von Abraham auf Wunsch seiner unfruchtbaren Frau stellvertretend geschwängert wird (Gen 16,1-6). Und in allen Geburtsgeschichten wird der Vater über die Geburt seines Sohnes rechtzeitig informiert. Als Sara selbst trotz ih­ res hohen Alters endlich einen Sohn bekommen soll, spricht Gott zuerst mit Abraham darüber (Gen 18,10). Als ein Engel zuerst der Mutter Simsons die Geburt des ersehnten Sohnes verheißt, informiert diese sofort ihren Mann; der wünscht, dass der Engel es ihm selber sagt, was dann auch geschieht (Ri 13). Entsprechend wird auch die Geburt Johannes des Täufers seinem Vater Zacharias schon im Voraus durch einen Engel angekündigt (Lk 1,11-25). Bei Matthäus dagegen weiß Josef zunächst nur, dass seine Braut schwanger ist, aber nicht von ihm, und hat schon vor, sie zu entlassen. Dass der Mann noch im Unklaren ist, wenn sich die Schwangerschaft seiner Frau schon zeigt, ist in der literarischen Tradition beispiellos und lässt sich also hieraus nicht ableiten. Ebenso beispiellos ist, dass man von Josef kein Wort der Freude über die Schwangerschaft seiner Verlobten hört. Man halte sich das Lob- und Danklied des Zacharias nach der Geburt des Johannes vor Augen (Lk 1,68-79). Aber hier geht es ja auch um den eigenen Sohn. Jetzt sei der Blick noch einmal auf Maria gerichtet. Als der Engel ihr einen Sohn verheißt, schließt sie ihren Bräuti­ gam als dessen Vater schon aus, bevor der Engel sie über das Wirken des Heiligen Geistes aufklärt (Lk 1,34f). Damit geht sowohl bei Josef wie bei Maria das Wissen um die außer­ eheliche Empfängnis Jesu der Offenbarung durch den Engel (geistbewirkt) voraus. Wenn also die beiden Geburts-Legenden zusätzlich zu der Tatsache der Geburt Jesu noch weitere glaubhafte Umstände überliefern, so am ehesten den, dass Jesus vorehelich gezeugt und nicht der Sohn Josefs war. Diese Folgerung liefert aller­ dings kein Argument für eine jungfräuliche Empfängnis. 212


Vielmehr bleiben alle Einwände bestehen, die dagegen vor­ge­ bracht wurden. Man muss für die Schwangerschaft Marias also nach einer plausibleren Erklärung suchen. 4. 5 MARIA WAR IHREM VERLOBTEN SICHER NICHT UNTREU Wahrscheinlich gab es keine geistbewirkte wunderbare Empfängnis. Aber der leibliche Vater Jesu war wohl auch nicht Josef. Wer dann? Antichristliche Polemik, die vermutlich schon im 1. Jahrhundert nach Christus begann, warf Maria ein ehebrecherisches Verhältnis mit einem Soldaten vor. Diese Verdächtigung wird durch Josef selbst entkräftet. Dass er Maria heiratet, kann als historische Tatsache gelten, ist aber auch ein klarer Beweis für ihre Unschuld. Eine untreue Verlobte hätte Josef, der eigens „gerecht“ (Mt 1,19) genannt wird, bestimmt nicht mehr zu sich genommen, sondern er hätte sie tatsächlich entlassen. Denn „gerecht“ meinte im damaligen Judentum nicht einfach moralische Integrität, sondern schloss die Beachtung aller Normen ein, die durch den Glauben gefordert wurden. Eine untreue Verlobte wäre für einen gerechten Juden unberührbar geworden. Es wäre das äußerste Entgegenkommen Josefs gewesen, sie auf schonende Art zu entlassen. In der Darstellung bei Matthäus stimmt erst die Rechtfertigung Marias durch den Engel ihren Verlobten um. Vermutlich findet so ein innerer Kampf seinen bildhaften Ausdruck. Josef, als er die schwan­ gere Maria als seine Frau zu sich nahm, muss gewusst haben: Das Kind ist nicht von ihm, aber Maria ist unschuldig. 4.6 WURDE MARIA VERGEWALTIGT? Jesus hatte einen menschlichen Vater. Der war nicht Josef, aber Maria war ihrem Verlobten auch nicht untreu. Folgt man diesen begründeten Annahmen, so bleibt für die Schwangerschaft Marias nur noch eine Erklärung: 213


Maria wurde vergewaltigt. Diese Folgerung mag zunächst befremdlich anmuten, aber sie wird durch Hinweise in den Evangelien selbst gestützt. Alle Frauen, deren Mutterschaft als Vorbild für die Geburtsgeschichte Jesu diente, hatten den sehnlichen Wunsch nach einem Kind. Den hätte man auch bei der verlobten Maria erwartet. Aber bei Lukas schließt sie eine Empfängnis zunächst aus (Lk 1,34). Das klingt, als wäre ihre Schwangerschaft unerwünscht. Bei Matthäus merkt Josef, dass seine Verlobte schwanger ist; er weiß, das Kind ist nicht von ihm. Und selbst als der Engel ihm verkündet, welch ehrenvolle Bewandtnis es mit dem Kind hat, hört man von Josef kein Wort der Freude. Vielmehr muss er sich dazu durchringen, seine schwangere Verlobte zu sich zu nehmen. War sie vergewaltigt worden, konnte Josef seinen Großmut durch das mosaische Gesetz bestätigt fühlen: Das erkennt die Unschuld einer Vergewaltigten ausdrücklich an, wenn sie nicht um Hilfe rufen konnte (Dtn 22,25f). Allerdings warf eine Vergewaltigung, auch bei erwiesener Unschuld, doch ein Zwielicht auf die Frau: diese galt nach bürgerlichen Maßstäben als entehrt. Auch an einem Kind, das so gezeugt wurde, haftete ein Makel. Die Eltern Jesu konnten also nicht daran interessiert sein, dass über die Vor­ geschichte seiner Geburt noch viel geredet wurde. Ein Tabu, das hierfür galt, könnte die Ungereimtheiten in den beiden Geburtsgeschichten erklären. In beiden nimmt die junge Fa­ milie einen Ortswechsel (Nazaret – Betlehem) auf sich; die genauen Angaben hierzu widersprechen sich aber; die jewei­ ligen Gründe sind historisch unglaubwürdig (Eifersucht des Herodes und Kindermord bei Mt, Steuerschätzung bei Lk). Falls es einen Ortswechsel gab, könnte der wahre Grund die Absicht gewesen sein, dem Gerede darüber auszuweichen, dass das Kind Marias unehelich war. Das gilt unabhängig von der Frage, ob die junge Familie zunächst in Betlehem wohnte, von dort über Ägypten nach Nazaret zog (Mt), oder ob sie von Nazaret nur vorübergehend nach Betlehem zog (Lk). 214


Die Vermutung, dass an der Geburt Jesu etwas irregulär war, findet eine deutliche Bestätigung in dem Stammbaum, mit dem Matthäus sein Evangelium beginnt (1,1-16). Wich­ tigste Aufgabe dieses Stammbaums: Jesus als Sohn Davids und damit als Messias zu beglaubigen, denn der Messias sollte aus dem Geschlecht Davids kommen. Entsprechend ist David im Stammbaum die zentrale Gestalt (1,1.6.17). Aber neben den männlichen Vorfahren Jesu werden auch Frauen genannt, was für einen Stammbaum beispiellos ist. Und zwar geht es um Tamar, Rahab, Rut und die Frau des Urija; alle vier sind aus dem Alten Testament bekannt. Und mit allen ist ein Makel verbunden. Als die verwitwete Tamar schwanger wurde, sollte sie wegen Unzucht verbrannt wer­ den, bevor sie ihre Schwangerschaft rechtfertigt: Sie hatte, als Dirne verkleidet, ihren Schwiegervater Juda verführt, weil der ihr die Ehe mit einem anderen Sohn verweigerte (Gen 38). Rahab war eine wirkliche Hure in Jericho; sie wurde bei der Eroberung der Stadt verschont, weil sie die israeli­ tischen Kundschafter gerettet hatte (Jos 2). Rut stammte ab von Moab, der seine Existenz dem Inzest der älteren Tochter Lots mit ihrem betrunken gemachten Vater verdankte (Gen 19,30-37). Weil die Moabiter den einwandernden Israeliten feindselig begegnet waren, verbot die Tora zudem, Moabiter „in die Versammlung des Herrn“ aufzunehmen, „auch nicht in der zehnten Generation“ (Dtn 23,4f). Und an den Ehe­ bruch der Mutter Salomos (2 Sam 11) erinnert Matthäus eigens, indem er sie „Frau des Urija“ nennt. Zusammen mit Maria sind es fünf Frauen. Die Fünfzahl für eine Gruppe von Personen begegnet oft im Alten Testa­ment (Gen 18,28; 47,2; Num 31,8; Ri 18,2; 1 Sam 16,16; 25,42; 2 Sam 21,8; … 2 Makk 10,29). Auch bei Matthäus finden sich zusätzlich zu den Frauen im Stammbaum drei weitere Fünfer-Gruppen, und zwar in zwei Gleichnissen: Im Laufe eines Tages werden fünfmal Arbeiter in den Weinberg ge­ schickt; als der Lohn ausgezahlt wird, werden sie als einheit­ liche Gruppe behandelt (20,1-16). Und auf den Bräutigam 215


warten fünf kluge und fünf törichte Jungfrauen (25,1-3). So sind auch die fünf Frauen im Stammbaum Jesu als zusam­ mengehörige Gruppe zu verstehen. Die Auswahl der vier anderen Frauen erfolgte nicht um der Genealogie willen. Falls es darum gegangen wäre, Stamm-Mütter zu nennen, hätten Sara oder Rebekka den Vorrang gehabt. Aber an ihnen haftet kein vergleichbarer Makel. Die Frauen sind also Beispiele dafür, dass Gott auch Irreguläres in seinen Heilsplan einbezieht. So will Matthäus die Mutterschaft Marias abschirmen gegen Vorbehalte, die offenbar bekannt waren, die er aber verständlicherweise nicht selbst wiederholt. Vermutlich hat sogar erst der Wunsch, die Mutter Jesu und damit auch Jesus selbst gegen verbreitete Vorwürfen in Schutz zu nehmen, dazu geführt, die vier alttestamentlichen ‚Skandalnudeln‘ in den Stammbaum Jesu einzufügen. Dieser Stammbaum hat also eine doppelte Funktion: Er beglaubigt Jesus als Sohn Davids und er ver­ teidigt seine Mutter. Die Verbindung Marias mit den ande­ ren Frauen spricht zugleich gegen eine Vaterschaft Josefs; in diesem Fall hätte sie zu unnötiger Irritation geführt. Und hätte Matthäus gar von einer geistbewirkten jungfräu­ lichen Empfängnis gewusst, so hätte er Maria wohl kaum in Verbindung mit den genannten Skandalen gebracht. Damit erweist sich der Stammbaum Jesu bei Matthäus geradezu als Schlüsseltext, was die Vorgeschichte seiner Geburt betrifft. Manchmal findet sich eine andere Erklärung für den Einbezug dieser Frauen in den Stammbaum Jesu: Es gehe Matthäus darum, zu zeigen, dass auch die Heiden in das Heil einbezogen werden, das Jesus bringt. Aber diese Erklärung überzeugt nicht. Gewiss werden die Heiden in das kom­ mende Heil einbezogen. So lässt Lukas den greisen Simeon bei der Darstellung Jesu im Tempel prophetisch verkünden: „ein Licht, das die Heiden erleuchtet“ (2,32; nach Jes 42,6; 49,6). Doch das betrifft die Zukunft, während der Stamm­ baum Jesu die Vergangenheit betrifft. Für diese gilt aber eindeutig und ausschließlich: „Das Heil kommt von den 216


Juden.“ (Joh 4,22) Zudem sind vermutlich nur zwei der vier Frauen Heidinnen, nämlich Rahab und Rut. Aber nirgends im Alten oder im Neuen Testament wird ihr Heidentum besonders betont. Insbesondere Rahab ist nicht als Heidin im Gedächtnis geblieben, sondern als Dirne, die gerecht geworden ist (Hebr 11,31; Jak 2,25). Es kann also kein Zweifel daran bestehen, dass Matthäus alle fünf Frauen als einheitliche Gruppe gemeint hat. Ihnen gemeinsam ist das genealogische Defizit. Das wird aber bei allen vor Maria ge­ nannten Frauen von Gott in die Heilsgeschichte einbezogen: sie sind Ahnfrauen Davids und damit des Messias. Beide, das Defizit und die heilsgeschichtliche Bedeutung, gelten dann auch für die Mutter Jesu. Wenn man Maria dagegen von den anderen Frauen trennt, siegt das Harmonie-Bedürfnis über die exegetische Korrektheit. Was für den Stammbaum Jesu gilt, gilt auch für die Bot­ schaft des Engels an Josef: Sie ist nicht nur christologisch, sondern auch apologetisch, d. h. als Verteidigung zu verste­ hen. „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen“ (1,20). Der Titel „Sohn Davids“ wird sonst immer nur auf Jesus bezogen und gilt seiner Messia­ nität, bei Matthäus einführend gleich 1,1, insgesamt zehn­ mal. Dass der Engel nun Josef als „Sohn Davids“ anredet, bekräftigt die Aufforderung, Maria trotz ihrer illegitimen Schwangerschaft zu heiraten. Denn da Josef von David ab­ stammt, betreffen die Makel im Stammbaum zugleich seine eigenen Ahnfrauen. Wenn Gott zu ihnen Ja sagt, kann Josef auch zu seiner schwangeren Verlobten Ja sagen. Allerdings hat so kein Engel zu Josef gesprochen, auch nicht im Traum; Josef kannte den Stammbaum Jesu ja gar nicht. Mit diesem Stammbaum und mit der Aufforderung des Engels an Josef rechtfertigt Matthäus den Entschluss Josefs, Maria zu heira­ ten, für alle, an die er sich mit seinem Evangelium wendet. Josef folgte dem Engel (d. h. wohl einer inneren Stimme) und „nahm seine Frau zu sich. Er erkannte sie aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar.“ (1,24f) In heutigem Deutsch: Er 217


schlief solange nicht mit ihr. Damit gibt Matthäus einen weiteren Hinweis darauf, dass bei der Geburt Jesu etwas irregulär war. Schon durch normalen Intimverkehr wurden Mann und Frau „unrein bis zum Abend.“ (Lev 15,18) Erst recht wurde eine Frau unrein durch eine Vergewaltigung. So ist die Bestimmung zu verstehen, dass Priester keine „Ent­ weihte“ heiraten dürfen (Lev 21,7.14). Aber auch durch eine Geburt wurde die Frau unrein und musste zu ihrer Reini­ gung nach einer bestimmten Zeit ein bestimmtes Opfer dar­ bringen (Lev 12,1-8). Offenbar hat Josef die Zeit bis zu dieser Reinigung seiner Frau abgewartet. Wie im Stammbaum Jesu hat Matthäus auch mit diesem Hinweis den Geburts-Makel nicht offen benannt, aber für Kundige angedeutet. Wenn die Vorwürfe gegen Maria so bekannt waren, dass Matthäus sie zumindest indirekt zurückweist, muss auch Lukas darum gewusst haben. „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk 1,34) Als Einwand der jun­ gen Verlobten gegen die angekündigte Schwangerschaft ist dieser Ausspruch unglaubwürdig. Er wird erst verständlich, wenn man ihn als Erklärung des Evangelisten versteht, die er Maria in den Mund legt. Indem Lukas so jede natürliche Schwangerschaft ausschließt, löst er gleich zwei Probleme: Er nennt ein Hindernis für die Schwangerschaft, das Gott überwindet (s. 4.1). Zugleich entkräftet er Verdächtigungen (Untreue), die gegen die Mutter Jesu im Umlauf waren. Da­ mit gilt auch für das Kindheits-Evangelium des Lukas: es ist zugleich christologisch und apologetisch. Auf dem Geburts-Bild, das Matthäus entwirft, liegen dunkle Schatten: Zweifel Josefs, Flucht vor Herodes, Kinder­ mord in Betlehem, Angst vor dem Nachfolger des Herodes. Lukas wählt eine entgegengesetzte Strategie und entwirft eine schattenlose Idylle: ehrenvolle Ankündigung der Ge­ burt Jesu durch den Engel, Lobpreis Elisabets, Verkündigung der Engel an die Hirten, Anerkennung Jesu im Tempel. Dass „in der Herberge kein Platz für sie war“ (2,7), bedeutet 218


keine Abweisung des jungen Paares in Betlehem, sondern ist bedingt durch die Unreinheit infolge der Geburt. Der bestimmte Artikel im griechischen Text („in der Herberge“) lässt vermuten, dass die beiden bis zur Niederkunft Marias in der Herberge gewohnt haben. Auch Lukas bringt einen Stammbaum, der Jesus als Nachkommen Davids ausweist und so als Messias beglau­ bigt. Aber er bringt ihn erst nach der Taufe Jesu im Jordan (3,23-38). Das wirkt fast so, als hätte er den Stammbaum möglichst weit weg von der Geburt Jesu gerückt. Er nennt die Namen der Stammväter von Josef an zurück über David und Abraham bis zu Adam und Gott selbst (3,38). Damit bestätigt er Jesus als den angekündigten Sohn Gottes (1,32.35; 3,22). Von einem etwaigen genealogischen Defizit keine Spur. Vielleicht ist die apologetische Tendenz sogar mit ein Grund dafür, dass Lukas die Kindheits-Legende des Täufers mit der Jesu verbindet. Dass Elisabet, die Mutter des Täu­ fers, trotz ihres hohen Alters schwanger wird, bestätigt: „Für Gott ist nichts unmöglich.“ (1,37) Das gilt dann auch für Maria. Und Elisabet erkennt Jesus bei dem Besuch Marias auch im Voraus an (1,41-45). Aber die ganze breit erzählte Geschichte des Zacharias (Verkündigung, Unglaube, zeit­ weilige Erblindung, Geburt des Johannes, Namengebung, Preislied) ist im Blick auf Maria und Jesus überflüssig. Ein solcher Exkurs ist auch in allen vier Evangelien beispiellos. Hat Lukas die Geschichte vom Vater des Täufers erzählt, um von der Frage nach dem Vater Jesu abzulenken? Zusammengefasst: Die beiden Kindheitsgeschichten und Stammbäume Jesu unterscheiden sich so sehr voneinander, dass man es nicht für Zufall halten möchte. Die Forschung nimmt an, Lukas hat das Evangelium des Matthäus nicht gekannt. Aber Lukas weist zu Beginn seines Evangeliums eigens darauf hin, dass er ein intensives Quellenstudium betrieben hat (1,3). Gut möglich, dass er die Tradition oder Vorlage kannte, die Matthäus verwendet. Auf jeden Fall wird 219


er die Gerüchte gekannt haben, die sich mit der Geburt Jesu verbanden. Hierzu hat Lukas einen Gegenentwurf verfasst, der jede Verdächtigung Marias von vornherein ausschließt. Vielleicht haben sich sogar im Johannes-Evangelium Spuren erhalten, die auf eine illegitime Geburt Jesu hin­ weisen. Frühe antichristliche Polemik warf Maria ein ehe­ brecherisches Verhältnis mit einem Soldaten vor. Hat sich in diesem Vorwurf eine Erinnerung an das wirklich Vorge­ fallene erhalten, wenn auch polemisch verzerrt? Aus einer Vergewaltigung ließ sich leicht ein Verdacht gegen die Frau ableiten. Diese Überlegung könnte helfen, eine Szene besser zu verstehen, die nur bei Johannes überliefert wird (8,1-11). Die Gegner Jesu führen ihm eine ertappte Ehebrecherin vor und fragen scheinheilig, ob sie dem Gesetz des Moses folgen und die Frau steinigen sollen. „Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.“ Als sie hartnäckig weiterfragen, gibt er die entwaffnende Antwort: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.“ (6f) Was hat Jesus geschrieben? Als Antwort wird oft auf Jeremia 7,13 verwiesen: „Die sich von mir abwenden, wer­ den in den Staub geschrieben“. Aber das setzt die Kenntnis der Namen voraus. Und auch dann bleibt die Frage: Warum schreibt Jesus auf die Erde, bevor er seine Gegner abfertigt? Offenbar fühlt er sich durch die ihm gestellte Frage über­ rumpelt, muss sich erst fassen. Mit der Kritzelei überbrückt er seine Verlegenheit, man könnte es eine ‚Übersprunghand­ lung‘ nennen. Jesus musste sich öfters gegen Gegner wehren, tat es immer souverän; aber dieses eine Mal braucht er Zeit, bis er seine Fassung wiedergewinnt. Haben die Fragesteller Jesus durch die Ehebrecherin auch mit dem Gerücht über die Untreue seiner eigenen Mutter konfrontiert? Für diese Deutung spricht noch ein Indiz: Die ganze Szene taucht erst in späteren Handschriften und hier an verschiedenen Stellen auf; sie wurde offenbar behandelt wie ein ‚heißes Eisen‘. Die einfachste Erklärung: man war sich damals der Brisanz 220


dieser Szene noch bewusst. Nachdenklich kann auch eine zweite Szene bei Johannes machen (8,30-47). Jesus spricht zunächst über seine Sen­ dung. Gleich zweimal hintereinander wird betont, dass viele Juden zum Glauben an ihn kamen (30f). Aber ab V. 33 entwickelt sich ein Streitgespräch, das in dem Vorwurf Jesu gipfelt: „Ihr habt den Teufel zum Vater“ (44). Das kann unmöglich die meinen, die an Jesus glauben. Hier wechseln also mit dem Thema die Adressaten. Die Juden verweisen zunächst darauf, dass sie Nachkommen Abrahams sind (33-40). Dann berufen sie sich auf Gott selbst: „Wir stammen nicht aus einem Ehebruch, sondern wir haben nur den einen Vater: Gott.“ (41) Das greift ein alttestamentliches Bild auf: der Bund Gottes mit Israel wird als Ehe verstanden. Aber dieses „wir … nicht“ ist eigens pronominal ausgedrückt, also betont. Das lässt ein unausgesprochenes „du doch“ als Gegensatz vermuten. Damit würden die Gegner Jesu ihm vorwerfen, dass er aus einem Ehebruch stammt. Das macht, als Gegenzug, den scharfen Vorwurf verständlich: „Ihr habt den Teufel zum Vater“ (44). Aber diesen Vorwurf macht nicht Jesus Juden, von denen zuvor zweimal gesagt wird, dass sie an ihn glauben (30f). Diesen Vorwurf macht der Evangelist ungläubigen Juden zu seiner Zeit. So lässt er Jesus auch sagen: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, … werdet ihr die Wahrheit erkennen“. (31f) Das betrifft eindeutig die Zukunft nach Jesus. Offenbar ist hier der Glaube bedroht. Wodurch? Vielleicht auch durch eine jüdische Polemik ge­ gen Jesus, die in dem Vorwurf gipfelt, er stamme aus einem Ehebruch. Kurz vorher erzählt Johannes die Szene mit der Ehebrecherin (8,1-11). Kaum ein Zufall, dass die beiden Szenen, in denen von einem Ehebruch die Rede ist, aufein­ ander folgen. In beiden könnte das Wissen um die Illegitimi­ tät der Geburt Jesu unausgesprochen vorausgesetzt werden. Dagegen scheint zu sprechen, dass Jesus im JohannesEvangelium zweimal „Sohn Josefs“ genannt wird (1,45; 6,42). Aber beide Male zitiert der Evangelist Äußerungen 221


anderer. Den Befund könnte man so deuten: Jesus galt all­ gemein als Sohn Josefs. Es gab aber auch Vorbehalte gegen seine Herkunft. Der Evangelist weiß um beides. Im Prolog verkündet er Jesus als präexistenten Logos (1,1). Von ihm sagt er: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (1,14). Das Wie? der Menschwerdung des „Wortes“ ist unwichtig im Blick auf das Faktum selbst. In der Urkirche muss es ein Wissen um die vorgeburt­ liche Misere gegeben haben, schon durch die Mutter und die Brüder Jesu. Jüdische Gegner hielten die Erinnerung daran wach durch eine polemische Verzerrung (Ehebruch). Die Evangelisten gehen unterschiedlich damit um. Markus schweigt. Matthäus rechtfertigt als gottgewollt, ohne zu sagen, was er rechtfertigt. Lukas übermalt mit einer schatten­ losen Idylle. Johannes deutet die Vorwürfe indirekt an und weist sie anschließend zurück. Alles Ausgeführte beweist nicht, dass Maria wirklich vergewaltigt wurde. Doch es stützt eine Annahme, die sich ergibt, wenn man Hinweise in den Evangelien vorurteilslos durchdenkt. Damit wird die Mutter Jesu keineswegs herab­ gesetzt. Das Opfer einer Gewalttat verliert ja nicht seine sitt­ liche Würde. Auch von Jesus sagt man nichts im sittlichen Sinn Ehrenrühriges, wenn man über die Möglichkeit spricht, dass seine Mutter vergewaltigt wurde. Die traditionelle Lehre betont die Freiheit, mit der die Jungfrau von Nazaret ihrer Mutterschaft zugestimmt habe. Aber der Engel fragt Maria nicht, ob sie Mutter werden will, sondern kündigt ihr an, dass sie es wird. Ein gottergebenes „Mir geschehe“ konnte aber auch eine Vergewaltigte zu ihrer Schwangerschaft spre­ chen, wenn sie diese als unbegreiflichen Ratschluss Gottes annahm. Ihr Ja nach einer durchlittenen Erniedrigung ist sogar noch glaubensstärker als das Ja zu einer ehrenvollen, von einem Engel verkündeten Auserwählung. Dieses Ja hat Maria nicht nur einmal vor der Geburt Jesu gesprochen, sondern hat es ihr ganzes Leben hindurch gelebt. Und 222


dieses Leben schloss Ängste und Sorgen, Ungewissheit und Zweifel ein. Die positive Deutung ihres Schicksals war für die Mutter Jesu in ganzer Klarheit erst nach Ostern möglich. Ein weiterer Gedanke sei wenigstens kurz angedeutet. Die kirchliche Verkündigung betont: Jesus hat durch sein Leiden und Sterben Anteil am Leiden aller Menschen. Kann man dann nicht auch denken: Maria hat Anteil am Leid so vieler Frauen, denen Gewalt angetan wurde und wird? Das katholische Lehramt hält an der jungfräulichen Empfängnis fest wegen der christologischen Bedeutung, die es ihr zumisst. Aber auch einer Vergewaltigung lässt sich ein entsprechender Sinn zuweisen. Ein solcher Anfang des menschlichen Lebens Jesu passt zu seinem Ende am Kreuz, besser sogar als der Goldglanz in den Kindheitslegenden, die offensichtlich eine menschliche Korrektur jener unbegreifli­ chen Konsequenz ist, mit der Gott sich bei seiner Mensch­ werdung erniedrigt. Man versuche sich vorzustellen: In den Evangelien stünde nichts über die Passion; stattdessen würde erzählt und wäre Glaubensgut geworden: Jesus ist als Leben­ der glorreich zum Himmel aufgefahren. Später aber würde jemand behaupten: Jesus wurde als Verbrecher qualvoll und schmachvoll hingerichtet. Wäre die Empörung nicht groß und allgemein? Nein, so etwas tut Gott doch nicht! Er tut es auch wirklich nicht, aber er lässt es zu und fügt es umwertend in seinen Heilsplan ein. Was für das Ende des Lebens Jesu gilt, kann aber für den Anfang nicht ausgeschlossen werden. Und wie im Osterjubel der Kirche wird auch im MagnifikatJubel Marias eine schmerzvolle Erniedrigung umgedeutet in einen beglückenden Triumph. Zum Abschluss sei ausdrücklich wiederholt: Die vorher­ gehenden Überlegungen sollen und können nicht beweisen, was damals wirklich geschah. Folgt man ihnen, so erweist sich eine Vergewaltigung als die wahrscheinlichste Erklärung für die Schwangerschaft Marias. Damit werden aber andere Möglichkeiten nicht prinzipiell verneint. Auch was unwahr­ scheinlich ist, kann doch wirklich geschehen sein. Die 223


vorhergehende Argumentation begründet meine persönli­ che Überzeugung und damit auch meine erzählende Darstel­ lung. Ich will aber niemandem einen Glauben nehmen, der ihm wichtig ist. 4.7 UND JOSEF? Im Kindheits-Evangelium des Matthäus ist Josef die Hauptfigur. Sein Ja ist entscheidend dafür, dass Maria und ihr Sohn in gesicherten Verhältnissen leben können. Und während Maria bei Lukas einer vorgegebenen Entscheidung zustimmt, hatte Josef wirklich die Freiheit, Ja oder Nein zu sagen. Dennoch wird Josef von Lukas so weit wie möglich ignoriert. Im ganzen ersten Kapitel wird von ihm nur gesagt, dass Maria mit ihm verlobt ist (1,27). Aber Lukas sagt nicht, wie Josef von der Schwangerschaft seiner Verlobten erfährt und wie er darauf reagiert. Josef begleitet seine schwangere Verlobte auch nicht nach Elisabet. Lukas sagt nicht einmal, dass Josef sie heiratet. Von Josef ist erst im 2. Kapitel die Rede, als er mit der schwangeren Maria wegen der Steuer­ schätzung nach Betlehem zieht. Aber selbst da wird Maria noch seine „Verlobte“ genannt, nicht seine Frau (2,5). Das Schweigen des Lukas über Josef wird noch auffälliger im Vergleich mit Zacharias, dem Vater Johannes des Täufers. Wie es Zacharias ergeht, erzählt Lukas in aller Breite (1,5-80: Verkündigung, Unglaube, zeitweilige Erblindung, Geburt des Johannes, Namengebung, Preislied). Bedenkt man, wie unwichtig Zacharias für Maria und Jesus ist und wie wichtig Josef, muss man von einem krassen Missverhältnis in der Darstellung beider sprechen. Josef wird in die Requisiten­ kammer gesperrt und nur herausgeholt, wenn er unbedingt gebraucht wird. Dafür sind zwei Gründe denkbar. Lukas trennt Maria wohl von ihrem Mann, um die von ihm he­ rausgestellte jungfräuliche Empfängnis abzusichern. Und mit der ganzen umständlichen Geschichte, die Lukas vom Vater des Täufers erzählt, überspielt er die Lücke, die er in 224


der Geburts-Geschichte Jesu lässt. Zacharias zeugt mit seiner Frau den angekündigten Sohn. Dagegen besagt die traditionelle Lehre von Maria: sie blieb auch nach ihrer Heirat mit Josef unberührt. Als Grund wird manchmal die Ehrfurcht Josefs vor der Mut­ ter Jesu Christi angegeben. Aber welche Bewandtnis es mit Jesus hatte, konnten damals weder Maria noch Josef wissen; die Botschaft des Engels an Maria bzw. an Josef ist spätere Legende. Daher war es für Josef völlig selbstverständlich, die Frau, die er geheiratet hatte, auch zu „erkennen“. Wie schon gezeigt wurde, hatten Josef und Maria denn auch eine Reihe gemeinsamer Kinder (s. 4.3). Was der verheiratete Bau­ handwerker aus Nazaret wohl zu der lebenslangen sexuellen Enthaltsamkeit gesagt hätte, zu der zölibatäre Ideologen ihn posthum verdonnert haben? Aber vielleicht wäre das auch gar nicht druckreif! Obwohl das Ja Josefs zum Sohn seiner Verlobten über dessen Zukunft mit entschied, hat Maria in der späteren Verehrung und Theologie ihren Mann völlig ins Abseits gedrängt. In den 27 Artikeln des Katholischen Katechismus zur Geburt Jesu wird Josef nur einmal kurz als Verlobter Marias erwähnt (488). Auch das 2. Vatikanum verweist nur einmal beiläufig auf ihn, wenn es von der Feier der Eucha­ ristie spricht, in der „wir uns in verehrendem Gedenken vereinigen vor allem mit Maria, der glorreichen, allzeit reinen Jungfrau, aber auch mit dem heiligen Joseph“ (LG 50). Dazu passen die vielen traditionellen Gemälde von der ‚Heiligen Familie‘: Josef steht meist an der Seite oder im Hintergrund und schaut andächtig zu. Auch seine Enthaltsamkeit, die er der Lehrtradition zufolge auf sich genommen hat und die, wenn es wirklich so gewesen wäre, ja auch den Verzicht auf eigene Kinder bedeutet hätte, wird kaum jemals gewürdigt. Allenfalls darf er als hölzerne Statue eine weiße Lilie (Symbol der Jungfräulichkeit) in der Hand halten. Dass er durch seiner Hände Arbeit die ‚Heilige Fa­ milie‘ ernährt hat, wird eher selten betont. Das traditionelle 225