Die Reise ins Bild (Leseprobe)

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Sie vertieften sich in Gemälde, Fotografien, Druckgrafiken sowie in eine Vielzahl künstlerischer Stile und schufen einen individuellen Zugang zum jeweiligen Werk. Dieses Buch bietet neben einem sehenswerten Einblick in die Sammlung der Graphothek Berlin ein faszinierendes Wechselspiel von Text und Bild.

MIT TEXTEN VON

Claudia Johanna Bauer, Paul Bokowski, Miriam Covi, Tanja Dückers, John von D ­ üffel, Frau Freitag, Kirsten Fuchs, Elisabeth Herrmann, Bettina Kerwien, Fräulein Krise, Judith Kuckart, Miku Sophie Kühmel, Tanja Langer, Birk Meinhardt, Christiane Neudecker, H. Dieter Neumann, Christoph Peters, Kathrin Schmidt, Jan Costin Wagner, Peter Wawerzinek, Joan Weng, Michael-André Werner und Ulrich Woelk MIT KUNSTWERKEN VON

Josef Albers, Elvira Bach, Hans Baluschek, Akbar Behkalam, Joseph Beuys, Marc Chagall, Georg Eisler, Cathy Jardon, Claudia Michaela Kochsmeier, Käthe Kollwitz, Teresa Mayr, ­Katrin Merle, Joan Miró, Irene Pätzug, Robert Rauschenberg, Gerhard Richter, Heike Ruschmeyer, Hanns Schimansky, Heiko Sievers, Joanis Walter und Beate Wassermann

Reise_ins_Bild_Umschlag.indd Alle Seiten

18 Euro [D]

ISBN 978-3-86124-753-1

www.bebraverlag.de

DIE REISE INS BILD

Literatur trifft Kunst – ausgewählte Kunstwerke von bedeutenden Künstlerinnen und Künstlern der Graphothek Berlin dienten namhaften Autorinnen und Autoren als Inspiration für Geschichten, Szenen und Erinnerungen.

Josef Albers Elvira Bach Hans Baluschek Claudia Johanna Bauer Akbar Behkalam Joseph Beuys Paul Bokowski Marc Chagall Miriam Covi Tanja Dückers John von Düffel Fräulein Krise Frau Freitag Kirsten Fuchs Georg Eisler Elisabeth Herrmann Cathy Jardon Bettina Kerwien Claudia Michaela Kochsmeier Käthe Kollwitz Judith Kuckart Miku Sophie Kühmel Graphothek Berlin Tanja Langer Teresa Mayr Birk Meinhardt Katrin Merle Joan Miró Christiane Neudecker H. Dieter Neumann Irene Pätzug Christoph Peters Robert Rauschenberg Gerhard Richter Heike Ruschmeyer Hanns Schimansky Kathrin Schmidt Heiko Sievers Jan Costin Wagner Joanis Walter Peter Wawerzinek Beate Wassermann Joan Weng Michael-André Werner Ulrich Woelk Josef Albers Elvira Bach Hans Baluschek Claudia Johanna Bauer Akbar Behkalam Joseph Beuys Paul Bokowski Marc Chagall Miriam Covi Tanja Dückers John von Düffel Fräulein Krise Frau Freitag Kirsten Fuchs Georg Eisler Elisabeth Herrmann Cathy Jardon Bettina Kerwien Claudia Michaela Kochsmeier Käthe Kollwitz Judith Kuckart Miku Sophie Kühmel Tanja Langer Teresa Mayr Birk LITERARISCHE TEXTE Meinhardt Katrin Merle Joan Miró Christiane Neudecker H. WERKEN Dieter Neumann IreneKUNST Pätzug Christoph Peters Robert ZU DER Rauschenberg Gerhard Richter Heike Ruschmeyer Hanns Schimansky Kathrin Schmidt Heiko Sievers Jan Costin Wagner Joanis Walter Peter Wawerzinek Beate Wassermann Joan Weng Michael-André Werner Ulrich Woelk Josef Albers Elvira Bach Hans Baluschek Claudia Johanna Bauer Akbar Behkalam Joseph Beuys Paul Bokowski Marc Chagall Miriam Covi Tanja Dückers John von Düffel Fräulein Krise Frau Freitag Kirsten Fuchs Georg Eisler Elisabeth Herrmann Cathy Jardon Bettina Kerwien Claudia Michaela Kochsmeier Käthe Kollwitz Judith Kuckart Miku Sophie Kühmel Tanja Langer Teresa Mayr Birk Meinhardt Katrin Merle Joan Miró Christiane Neudecker H. Dieter Neumann Irene Pätzug Christoph Peters Robert Rauschenberg Gerhard Richter Heike Ruschmeyer Hanns Schimansky Kathrin Schmidt Heiko Sievers Jan Costin Wagner Joanis Walter Peter Wawerzinek Beate Wassermann Joan Weng Michael-André Werner Ulrich Woelk Josef Albers Elvira Bach Hans Baluschek Claudia Johanna Bauer Akbar Behkalam Joseph Beuys Paul Bokowski Marc Chagall Miriam Covi Tanja Dückers John von Düffel Fräulein Krise Frau Freitag Kirsten Fuchs Georg Eisler Elisabeth Herrmann Cathy Jardon Bettina Kerwien Claudia Michaela Kochsmeier Käthe Kollwitz Judith Kuckart Miku Sophie Kühmel Tanja Langer Teresa Mayr Birk Meinhardt Katrin Merle Joan Miró Christiane Neudecker H. Dieter Neumann Irene Pätzug Christoph Peters Robert Rauschenberg Gerhard Richter Heike Ruschmeyer Hanns Schimansky Kathrin Schmidt Heiko Sievers Jan Costin Wagner Joanis Walter Peter Wawerzinek Beate Wassermann Joan Weng Michael-André Werner Ulrich Woelk Josef Albers Elvira Bach Hans Baluschek Claudia Johanna Bauer Akbar Behkalam Joseph Beuys Paul Bokowski Marc Chagall Miriam Covi Tanja Dückers John von Düffel Fräulein Krise Frau Freitag Kirsten Fuchs Georg Eisler Elisabeth Herrmann Cathy Jardon Bettina Kerwien Claudia Michaela Kochsmeier Käthe Kollwitz Judith Kuckart Miku Sophie Kühmel Tanja Langer Teresa Mayr Birk Meinhardt Katrin Merle Joan Miró Christiane Neudecker H. Dieter Neumann Irene Pätzug Christoph Peters Robert Rauschenberg Gerhard Richter Heike Ruschmeyer Hanns Schimansky Kathrin Schmidt Heiko Sievers Jan Costin Wagner Joanis Walter Peter Wawerzinek Beate Wassermann Joan Weng Michael-André Werner Ulrich Woelk Josef Albers Elvira Bach Hans Baluschek Claudia Johanna Bauer Akbar Behkalam Joseph Beuys Paul Bokowski Marc Chagall Miriam Covi Tanja Dückers John von Düffel Fräulein Krise Frau Freitag Kirsten Fuchs Georg Eisler Elisabeth Herrmann Cathy Jardon Bettina Kerwien Claudia Michaela Kochsmeier Käthe Kollwitz Judith Kuckart Miku Sophie Kühmel Tanja Langer Teresa Mayr Birk Meinhardt Katrin Merle Joan Miró Christiane Neudecker H. Dieter Neumann Irene Pätzug Christoph Peters Robert Rauschenberg Gerhard Richter Heike Ruschmeyer Hanns Schimansky Kathrin Schmidt Heiko Sievers Jan Costin Wagner Joanis Walter Peter Wawerzinek Beate Wassermann Joan Weng Michael-André Werner Ulrich Woelk Josef Albers Elvira Bach Hans

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Die Publikation erscheint begleitend zur Ausstellung Die Reise ins Bild. Literarische Texte zu Werken der Kunst in der Graphothek Berlin und der Galerie im Fontane-Haus

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DIE REISE INS BILD LITERARISCHE TEXTE ZU WERKEN DER KUNST

Herausgegeben von Bezirksamt Reinickendorf von Berlin Abteilung Bauen, Bildung und Kultur Amt für Weiterbildung und Kultur Fachbereich Kunst und Geschichte Graphothek Berlin

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Projektverantwortlich: Dr. Cornelia Gerner Projektidee/Gesamtkonzeption: Claudia Johanna Bauer Organisation und Koordination: Claudia Johanna Bauer, Ricarda Vinzing

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages, der Autorinnen und Autoren sowie der Künstlerinnen und Künstler unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen. © edition q im be.bra verlag GmbH Berlin-Brandenburg, 2021 KulturBrauerei Haus 2 Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin post@bebraverlag.de Lektorat: Nele Robitzky Umschlag und Satz: typegerecht berlin Schrift: Edita 11/15 pt Druck und Bindung: FINIDR, Český Těšín ISBN 978-3-86124-753-1 www.bebraverlag.de

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Inhalt

Literatur trifft Kunst – Kunst trifft Literatur

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Kirsten Fuchs: Das Reh

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zu Katrin Merle: Reh

Birk Meinhardt: Berlin dampft Elisabeth Herrmann: Güterbahnhof Gallus

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zu Hans Baluschek: Ohne Titel

Ulrich Woelk: Total

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zu Robert Rauschenberg: Sub-Total

Kathrin Schmidt: Häckerle

31

zu Hanns Schimansky: Ohne Titel

Christoph Peters: Joseph Beuys – Ohne Titel

35

zu Joseph Beuys: Ohne Titel

Christiane Neudecker: In den Pilzen

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zu Heiko Sievers: Wahrsagerei

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Peter Wawerzinek: Der Stubenflaneur Judith Kuckart: Da hat er gesessen. Da sitze jetzt ich.

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zu Joanis Walter: Meu Cuarto

Bettina Kerwien: Porträt einer Frau zu dritt

51

zu Elvira Bach: Drei Frauen

Joan Weng: Wiedersehen mit Karl

57

zu Käthe Kollwitz: Losbruch

H. Dieter Neumann: Ahnung

61

zu Josef Albers: Olympia Plakat 1972

John von Düffel: Fluchtpunkt

67

zu Gerhard Richter: Atelier

Fräulein Krise: Labiles Gleichgewicht

71

zu Cathy Jardon: Labiles Gleichgewicht

Frau Freitag: Beton

77

zu Joan Miró: Personnage et oiseau

Paul Bokowski: Frau G.

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zu Beate Wassermann: Ohne Titel

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Michael-André Werner: Das Kreisen

87

zu Irene Pätzug: Ohne Titel

Tanja Dückers: On the road, on the meadow

93

zu Claudia Michaela Kochsmeier: Ohne Titel

Jan Costin Wagner: Niemand tanzt

97

zu Teresa Mayr: Nachtrag zur Rolltreppe III

Miku Sophie Kühmel: Unterm Ziegenbock

101

zu Marc Chagall: Der Maler und sein Abbild

Tanja Langer: Talk to me

105

zu Georg Eisler: Landschaft

Miriam Covi: Hinter der Scheibe

109

zu Akbar Behkalam: Frau am Fenster

Claudia Johanna Bauer: Wenn das Mariechen lacht

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zu Heike Ruschmeyer: Cornelia Lengfeld – 1958

Bildnachweis

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Literatur trifft Kunst –    Kunst trifft Literatur

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»Schrift und Bild, d. h. schreiben und bilden sind wurzelhaft eins«,1 schrieb Paul Klee in seinen Unterrichtsnotizen, die während seiner Lehrtätigkeit am Bauhaus entstanden. Was er damit auszudrücken sucht, ist die Vorstellung, dass Literatur und Kunst dem gleichen Impuls entspringen – sie folgen dem Wunsch, einer Idee Gestalt zu geben. Beispiele für eine gegenseitige Anziehung zwischen den beiden Künsten findet man zahlreich. Viele bedeutende Künstlerinnen und Künstler schufen bereits Arbeiten inspiriert von Werken der Weltliteratur. Exemplarisch dafür steht die kongeniale Zusammenarbeit von Henrik Ibsen und Edvard Munch. Munch schuf nicht nur Skizzen und Zeichnungen zu dem Stück Gespenster (1881) und Arbeiten zu Peer Gynt (1867), er erfand in diesem literarischen Zusammenhang auch einen seiner Archetypen, die weiß gekleidete Frau, die bei Ibsen als Solveig in Erscheinung tritt. Auch bei der Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz hinterließ ein dramatisches Werk künstlerische Spuren. Geprägt von den tiefen Eindrücken der Uraufführung von Gerhart Hauptmanns Drama Die Weber, entstand zwischen 1893–1897 der Radier-Zyklus Ein Weberaufstand. Der Surrealist Salvador Dalí erschuf umfangreiche druckgrafische Serien mit bis zu 100 Blättern, in denen er sich mit literarischen Texten auseinandersetzte. Unter den teilweise als Illustrationen zu Buchausgaben entstandenen Arbeiten befinden sich Holzstiche zu Dante Alighieris Göttlicher Komödie (1960), fantasievolle Heliogravüren zum Roman Alice im Wunderland (1969) und Lithografien zu Don Quichotte (1956/57) sowie Kaltnadelradierungen zu J. W. Goethes Faust I (1968/69). Auch Gedichte regen zu künstlerischen Schöpfungen an, wie die großformatige Werkreihe Untitled (Roses) des amerikanischen Künstlers Cy Twombly aus dem Jahr 2008 zeigt, die assoziativ Bezug nimmt auf Verse von Ingeborg Bachmann und Emily Dickinson.

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Literatur trifft Kunst – Kunst trifft Literatur

Andersherum lassen sich auch Literaten und Dichter von Kunstwerken zu ausführlichen Gedankenspielen inspirieren. Häufig sind es persönlich-subjektive Kunstbeschreibungen wie die poetischen Ausführungen des Dichters Rainer Maria Rilke in seinen Briefen über Cézanne (1907), in denen er sein persönliches Erlebnis der Bildbetrachtung und seine Wahrnehmung von Farben und Formen zum Ausdruck bringt. Ein gutes Kunstwerk regt zum Erzählen an, es fördert den Dialog und den Austausch von Gedanken. Es scheint also naheliegend, auch Geschichten zu Kunstwerken zu schreiben. In diesem Band sind literarische Texte von bekannten Schriftstellerinnen und Schriftstellern versammelt, die inspiriert von ausgewählten Kunstwerken der Graphothek Berlin, zu ganz unterschiedlichen Textformen finden. In einigen werden anhand von Assoziationen Geschichten erdacht oder die Bildhandlung wird weitererzählt. Manche Texte basieren auf biografischen Daten, in anderen wecken die Bildinhalte Erinnerungen an eigene Erlebnisse der Autorinnen und Autoren. Humorvoll, nachdenklich oder in Erinnerungen schwelgend, eröffnen die Texte einen neuen, frischen Blick auf künstlerische Inhalte. Dabei werden gesellschaftlich oder persönlich relevante Themen in den Blick genommen, in denen sich die Leserinnen und Leser wiederfinden können. Die Publikation begleitet eine Ausstellung in der Graphothek Berlin sowie in der Galerie im Fontane-Haus, in der die Kunstwerke im Original zu betrachten sind. Die Auswahl setzt sich aus Werken berühmter Künstlerinnen und Künstler, aber auch weniger bekannter lokaler Kunstschaffender zusammen. Dabei wird die künstlerische Vielfalt der Sammlung durch die verschiedenen künstlerischen Stile und Techniken wie Malerei, Druckgrafik und Fotografie abgebildet. Cornelia Gerner und Ricarda Vinzing

1  Paul Klee: Bildnerische Gestaltungslehre, I. 1. Gestaltungslehre als Begriff. Zentrum Paul Klee, Bern. In: www.kleegestaltungslehre.zpk.org.

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Katrin Merle Reh 2011 Acrylfarbe auf Papier 72 cm x 52 cm

Kirsten Fuchs

Das Reh

»Es bekommt keine Namen!«, sagten wir zu den Kindern. »Aber wir haben auch Namen«, sagte Sascha. Magoscha nickte wichtig. Noch keine zwei Jahre alt, aber wichtig nicken. Sie sprach noch nicht viel, nur »Mama, Papa, Ja, Nein« und »Ey!«. Aber nicken konnte sie wie jemand in einem hohen Amt. »Ja, aber wir haben euch auch nicht angeschafft, um euch zu essen«, sagte Ludwig. »Nicht lustig, Papa!« Sascha roch schon nach Pubertät und ihre Art uns zurechtzuweisen, brachte uns an die Grenzen unserer Toleranz. »Das ist geschmacklos!« Sie rümpfte die Nase, die mal eine Stupsnase war, aber jetzt ganz andere Ausmaße bekommen hatte und manchmal schon kleine Pickel. »Ihr redet hier über ein Lebewesen!« Und Magoscha nickte wichtig. Immer noch stand das Reh auf dem Tisch und schaute ängstlich. Es hatte ganz runde schwarze Augen, wie mit einem großen Stift zweimal einen Punkt gemacht. Auf dem Rücken dann Punkte mit einem kleineren weißen Stift, tips, tips, tips. Es war ein sehr gelungenes Reh wie aus einem Kinderbuch. Wir hatten nicht so viel darüber nachgedacht, was wir für ein Fleischtier haben wollten, Hauptsache nicht Wildschwein oder Rind. So klug waren wir an dem Tag der Fleischtier-Anmeldung gewesen. Wir mussten eine zweite und dritte Wahl angeben, da hatten wir uns für Huhn und Truthahn entschieden, obwohl ich Vögel hasste. Sie schmeckten gut, aber sie hatten eklige Füße. Einen Truthahn hätte ich weggegeben. Verkaufen durfte man Fleischtiere nicht. Sie sollten, so lange sie lebten, beim Lebendfleischhalter bleiben. Es war das erste Jahr, wo das Fleischtierhaltungsgesetz in Kraft trat. In den Zeitungen hatte gestanden, dass die Fleischtiere nicht für alle Haushalte reichen würden, außer

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Kirsten Fuchs

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man entschied sich dafür, Fleischmeerschweinchen zu halten. Es gab tolle Rezepte aus Peru. Aber das wollten die meisten Leute nicht. Fleischhunde wurden nicht gestattet, da Hunde der beste Freund des Menschen sind. Fleischkatzen waren auch verboten, aber da hatte ich den Eindruck, das sei ein fast religiöser Wahn einer Katzenlobby gewesen, die von ihren Hauskatzen komplett gehirngewaschen waren. Wir hatten einfach »Reh« angekreuzt und waren erleichtert, als das im Dezember erledigt war, denn sonst hätten wir im folgenden Jahr keinen Weihnachtsbraten. Im Frühjahr erfolgte die Vergabe und wir bekamen das beantragte Reh, holten es aus dem Wildspeisetiergehege in Grünau ab und nun stand es auf dem Tisch. »Hallo Reh!«, sagte Sascha zu dem Tier. »Doch, es braucht einen Namen.« Das Reh war verängstigt und schaute uns an, als wollten wir es … Und das wollten wir ja auch, aber doch nicht gleich. Es war ja viel zu wenig dran. Es war ein wirklich schönes Tier, aber zappelig und nicht weit davon entfernt, sich durch das Gezappel die langen Beine zu brechen. »Hör auf. Dann fällt es dir sonst zu schwer, wenn wir es schlachten. Wir wollen Gulasch daraus machen.« Ludwig war genervt. »Ich hab’s gesagt. Nimm einen Truthahn.« Sascha verschränkte die Arme »Dann heißt es jetzt Gulasch. Mit ›sch‹, so wie Sascha und Magoscha. Gulasch, der Bruder, den wir immer haben wollten, stimmt’s Goscha?« »Ja«, sagte die und klatschte in die Hände. »Gulasch«, rief sie und rannte unter den Tisch. Das Reh zitterte. »Komm mal da raus, Gulasch hat Angst«, sagte die Große zur Kleinen und die Kleine kam wieder unter dem Tisch vor. Reh und Kleinkind sahen sich an und das Reh wirkte so, als hätte es jetzt zumindest einen, dem es vertraute. Ab da lief es Goscha überall hin nach. Es nahm nur von Goscha Essen an. Die war ganz aus dem Häuschen, sagte jetzt »Ja, Nein, Mama, Papa, Ey« und »Gulasch«. Die Auflagen zur artgerechten Haltung von Fleischtieren waren streng. Ein Reh durfte erst mit einem dreiviertel Jahr geschlachtet werden. Dem Reh sollte der regelmäßige Umgang mit anderem Rotwild ermöglicht werden, ebenso Auslauf und Aufenthalt in der Natur. Wir bekamen Informationen, wo wir andere Wildspeisetierhalter finden würden. Ebenso, wo Wildspeisetierauslaufgebiete wären. Außerdem gab man uns eine lange

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Das Reh

Liste, mit Wildspeisetiertagesbetreuungen, wo wir eine Wildspeisetiertagesbetreuung beantragten. Um eine Wildspeisetiertagesbetreuung zu bekommen, brauchte man einen Wildspeisetiertagesbetreuungsantrag. Das Reh könnte halbtags oder ganztags in die Wildspeisetiertagesbetreuung. In unserem Einzugsgebiet gab es zwei Wildspeisetiertagesbetreuungen. »Happy Meat« oder »Pünktchen«. Wir entschieden uns für »Pünktchen«. Als bei der Anmeldung der Name des Tiers eingetragen werden musste, waren wir doch froh, dass das Reh Gulasch hieß und sogar schon auf seinen Namen hörte. Er war der zweite Gulasch in der Gruppe. Die anderen Rehe hatten normale Namen und zunehmend schämte ich mich für Gulaschs Namen. Ich brachte jetzt morgens erst die Große zur Schule, die Kleine zum Kindergarten und dann Gulasch in die Wildspeisetiertagesbetreuung, abgekürzt Wi-ti-ta-be. Am Wochenende war Gulasch zuhause und spielte mit den Kindern, schlief auf dem Wildtierkissen oder lernte kleine Kunststücke. Nicht der Rede wert, nur solche Kleinigkeiten, wie mit einem Schal im Maul herumzurennen oder eine Stoffpuppe zu schütteln. Als Weihnachten näherrückte, war die Spannung in der Familie unerträglich. Ich sagte den Kindern, dass wir nach Weihnachten ein neues Reh bekämen, aber ich schlief schlecht. Ludwig auch. Als die Wildspeisetiertagesbetreuung fragte, ob wir den Platz um ein Jahr verlängern wollten, war ich erst überrascht. Nicole von der Wi-ti-ta-be sagte, dass nur zwei Rehe gingen. Luislein, weil die Familie wegen Luislein aufs Land zog und der Platz vom anderen Gulasch, weil der geschlachtet wurde. Ich verlängerte den Platz von unserem Gulasch, der zu Hause eigentlich nur noch Gugu genannt wurde, ließ seinen Namen in der Liste ändern und überlegte mir, was wir Weihnachten dann essen würden.

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Kirsten Fuchs

Katrin Merle

Kirsten Fuchs

Die Berliner Zeichnerin und Illustratorin Katrin Merle, geboren 1967, entwirft intime menschliche und tierische Porträts mit Tusche und Aquarell, die sich durch eine zarte Farbgebung und feine Linienführung auszeichnen. Teilweise werden diese mit collageartigen Elementen kombiniert. Neben diesen freien künstlerischen Arbeiten entstehen auch farbintensive Illustrationen für Kinder- und Schulbücher.

Die Schriftstellerin Kirsten Fuchs, geboren 1977 in Karl-Marx-Stadt, ist außerdem Lesebühnenautorin und Kolumnistin. Sie schreibt regelmäßig für »Das Magazin«. Außerdem hat sie diverse Romane, Kurzgeschichtenbände sowie Theaterstücke veröffentlicht. Kirsten Fuchs war bei verschiedenen Lesebühnen aktiv, u. a. »Chaussee der Enthusiasten«. Seit 2014 liest sie monatlich bei der Lesebühne »Fuchs & Söhne«. Ihr Jugendtheaterstück »Tag Hicks oder fliegen für vier« wurde 2015 mit dem Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin ausgezeichnet. 2016 erhielt sie den Kasseler Förderpreis für komische Literatur und für ihren Roman »Mädchenmeute« den Deutschen Jugendliteraturpreis.

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Das Reh

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Hans Baluschek Ohne Titel 1919 Lithografie 31,4 cm x 40 cm

Birk Meinhardt

Berlin dampft

Baluscheks Lithografie hat keinen Titel, so denke ich fast zwangsläufig darüber nach, wie ich sie nennen würde. Aber was heißt, ich denke nach – ich muss es gar nicht tun, der Titel ist sofort da angesichts der vielen Dampfloks, des rauchenden Schlots und der voluminösen Wolken, »Berlin dampft« würde ich das Bild nennen. Auf jeden Fall muss er stolz klingen, der Titel, denn das Bild ist ein stolzes, geradezu feierliches. So viele Eisenbahnen. So viel Bewegung. Auch der Dampf ist Bewegung, gerade er, ich sehe, wie er über das Bild hinaus die bizarrsten Formen annimmt, ich habe seinen trockenen, beißenden, wärmenden Geruch in der Nase und habe das Pfeifen, Zischen, Röcheln im Ohr, mit dem er zu immer neuen Gebilden ausgestoßen wird; es sind Kindheitserinnerungen, ich bin ein Kind des Industriezeitalters. Noch als junger Erwachsener habe ich mit Kohle geheizt, eine Selbstverständlichkeit, so wie es für mich eine Selbstverständlichkeit war und ist, Butter auf die Brotscheibe zu schmieren. Einmal bot mir ein Nachbar, der im Rathaus arbeitete, die Lieferung einer Tonne Koks an, welch Segen, Koks war kaum zu bekommen, und Koks glimmt länger als Briketts; feuerte man morgens und ging auf Arbeit, durfte man sicher sein, abends die Bude warm vorzufinden. Ein andermal fragte ein Freund, der im Plattenbau lebte, mit Blick auf meine Kohlenkiepe, ach, sind das Briketts, ja? Zu seinem nächsten Geburtstag schenkte ich ihm ein Brikett mit Schleife drum; so Geschichten fallen mir ein, wenn ich Baluscheks Bild betrachte. Diesen Abdruck einer vergangenen Epoche. Jetzt haben wir eine andere Zeit, die der Windkraft und der Sonnenenergie; und wie logisch und zwangsläufig, dass wir sie haben, all der Dampf, der Rauch, der Ruß soll und muss aus der Luft heraus, wer noch halbwegs bei Sinnen ist, kann nichts anderes wollen, ich will es, aber ich bin auch ein

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Birk Meinhardt

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bisschen wehmütig. Ich hänge an dem Koks und den Briketts, so wie der Mensch eben an Dingen aus seinen frühen Jahren hängt, dem Fußballmannschaftswimpel mit der sich auflösenden Kordel, den mancherorts noch zu sehenden geschwungenen Leuchtbuchstaben über Geschäften: Bäckerei, Fleischerei, Obst und Gemüse. Darum regt sich Unmut in mir, wenn Demonstranten den Tagebau besetzen, der mir die Kohle geliefert hat und dessen Schließungstermin schon feststeht. Mir ist, als werde voller Absolutheit ein Ort verdammt, mit dem ich ein halbes Leben verbunden gewesen bin, still wehre ich mich gegen seine Erstürmung, gegen diesen Einmarsch in meine Vergangenheit, sie sollen raus da, die Okkupanten, sie haben da nichts zu suchen, sie könnten vielleicht auch mal bedenken, aus wie vielen Erfindungen, Erfahrungen, Schrecken und Neuanfängen sich Entwicklung zusammensetzt; gewiss, was heute als schlecht benannt und als schädlich erkannt ist, ist einst notwendig und sogar fortschrittlich gewesen, könnten sie ruhig mal sehen und zugeben. Könnten sie wenigstens einmal einräumen. Aber was verlange ich! Wo drehe ich mich hinein! Als ob das ihre Aufgabe wäre. Als ob ihnen danach der Sinn stehen müsste. Sie haben doch nie Briketts in irgendeinen Ofen geschoben. Sie sind ohne diese Prägung. Sie formen gerade erst das, was sie später ihre Geschichte nennen werden, jetzt sind sie dabei; ein Idiot, wer meint, sie daran hindern zu müssen, nein, selber weitermachen, mit seiner Geschichte fortfahren, bei Baluschek war ich eigentlich, ich schaue, mich lockernd, auf sein Bild und sehe noch etwas, den Gasometer im Hintergrund. Mächtig steht der und doch feingesponnen, die Hülle wie aus Metallfäden, ein runder Thron, unverrückbar und unantastbar. Das Mächtige ist aber nicht das Entscheidende. Für mich ist wichtiger, dass es der Schöneberger Gasometer ist, Baluschek hat ja dort gewohnt und ihn direkt vor der Nase gehabt. Ich dagegen habe jenes Bauwerk lange nicht zu Gesicht bekommen, ich bin zu Mauerzeiten in Pankow großgeworden. Als Jugendlicher fuhr ich auf meinem täglichen Schulweg mit der S-Bahn an unseren Gasometern vorbei, zwischen Prenzlauer Allee und Greifswalder Straße standen sie, rechterhand. Unsere? So dachte ich nicht. Woher denn auch. Es waren die Gasometer. 1984 wurden sie, die gar nicht unantastbaren, gesprengt, um Platz für Neubauten zu schaffen, und schon ein Jahr später waren 1300 Wohnungen

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Berlin dampft

fertig, und Honecker unternahm einen Rundgang durch das entstandene Viertel, davon gibt es noch einen kleinen Filmbericht: Wie er, umschwirrt von Subalternen, herumgeht, wie rein zufällig gerade ein Ehepaar aus dem Fenster guckt und er zu ihm hochfragt: »Na, sind die Wohnungen auch gut?«, wie der Mann winkend herunterruft: »Einwandfrei!« und wie Honecker, der Erich, zufrieden wiederholt: »Einwandfrei«. Die Gasometer waren weg damit. Aber nach 1989 tauchte vor meiner Nase einer unverhofft von Neuem auf, jener von Baluschek, es war, von der S-Bahn aus, ein herrliches Wiedererkennen, ein sofortiges Sich-Heimisch-Fühlen wie auf den großen Gehwegplatten, die im Osten und im Westen Berlins identisch waren und sind, ich hatte nie über diese Platten nachgedacht, doch als ich in jenem Spätherbst sah und vor allem spürte, es sind ja die gleichen, mein Gott, es ist ja tatsächlich das Pflaster, auf dem du schon immer gegangen bist, stellte sich, wie beim Passieren des Gasometers, eine überraschende und beglückende Vertrautheit ein – aber gewiss doch, dies ist deine Stadt, ist es immer gewesen, deine eine Stadt, es war die größte Sensation, wie selbstverständlich das alles war.

Hans Baluschek

Birk Meinhardt

Geboren 1870 in Breslau, positionierte sich Hans Baluschek in der Zeit des Deutschen Kaiserreichs sowie der Weimarer Republik mit Darstellungen von Fabrikarbeitern, Arbeiterfrauen und Prostituierten als Außenseiter der Berliner Kunstszene. Ungeschönt zeigte er die Arbeits- und Lebensbedingungen des Proletariats, welche er einfühlsam und humorvoll mit der Lebenswelt der wohlhabenden Bevölkerung in Kontrast setzte. Hans Baluschek verstarb 1935 in Berlin.

Der gebürtige Berliner war Sportjournalist bei verschiedenen Zeitungen und Reporter bei der Süddeutschen Zeitung, für die er u. a. zahlreiche Streiflicht-Kolumnen verfasste. Für seine Reportagen erhielt er zweimal den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Meinhardt lebt als Schriftsteller am Rande Berlins. Seine letzten Veröffentlichungen sind die Romane »Brüder und Schwestern. Die Jahre 1973 bis 1989« (2017) und »Brüder und Schwestern. Die Jahre 1989 bis 2001« (2017) sowie das Jahrebuch »Wie ich meine Zeitung verlor« (2020).

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Elisabeth Herrmann

Güterbahnhof Gallus

Als Kind wusste ich gar nicht, dass man in den Ferien verreisen kann. Ich wurde immer zu den Großeltern geschickt. Das war aufregender als Rimini und Capri zusammen – der Sehnsuchtsort meiner Kindheit befand sich im winzigen Schlafzimmer der Mansardenwohnung meiner Großmutter. Sie wohnte im Gallusviertel in Frankfurt am Main. Mein Vater wurde in derselben Wohnung geboren und wuchs dort auf. Nachdem sie sie verließ, habe ich sie übernommen, danach mein Bruder. Ich glaube, wir haben 100 Jahre Herrmann im Gallus geschafft! Es war ein Arbeiterviertel, bis weit in die 1980er, und die Geschichten meines Vaters aus der Zeit seiner Jugend – eine Jugend im »roten Gallus« unterm Hakenkreuz – waren verstörend und beeindruckend. Er hat mich sehr geprägt. Meine früheste Erinnerung ans Gallus war, nachts in diesem engen Zimmer mit den schrägen Decken zu liegen. Es hatte kein Fenster, nur eine Dachluke. So eine, wie man sie heute nur noch auf Spitzböden findet. Ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um sie zu öffnen, und sah doch nur ein Stückchen Himmel. Aber das war egal. Viel wichtiger war, was ich hörte. Nachts. In der Dunkelheit. Wenn meine Großmutter nebenan saß und strickte oder las. Es waren die Geräusche des nahen Güterbahnhofs. Die Rufe der Arbeiter, das Kreischen der Bremsen, der hallende Donner, wenn die Waggons verkuppelt wurden. Wir waren vier Kinder und haben nie in einer Großstadt gelebt. Meine Eltern hingegen waren waschechte Frankfurter. Aber die große, leuchtende Stadt gab es nicht als Option. Unsere Ausflüge führten auf den Giengener Schießberg, ins Allendorfer Märchenland oder schlicht raus ins Grüne. Frankfurt aber – die Straßenbahnen! Das Café Wipra am Römerberg! Der Zoo! Und die Besuche bei den Freundinnen meiner Großmut-

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Hans Baluschek Ohne Titel 1919 Lithografie 31,4 cm x 40 cm

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ter, bei denen ich mit Cognacbohnen ruhiggestellt wurde. Spaziergänge vom Rebstock ins Gallus, die durch Kleingärten und über eine Autobahnbrücke führten. Da stand ich gerne, oben, und winkte den Fahrern zu. Eine heiße Sehnsucht nach der Ferne im Herzen. Manchmal winkten sie zurück. Bis heute winke ich, wenn Kinder auf Autobahnbrücken dasselbe tun – und wahrscheinlich dasselbe denken wie ich damals. Ich wollte auch fahren. Irgendwohin in die Ferne, die für mich so fremd und verlockend zugleich war. Die Geräusche des Güterbahnhofs begleiteten mich in meine Träume. Grenzenlos, weltumspannend. Sie waren für mich die Begleitmusik meiner Sehnsüchte. Ich stellte mir die rasenden Räder vor, die unendliche Länge der Gleise und diese Schnelligkeit, dieses Fliegen über den Grund – in meiner Jugend waren Flugzeuge allenfalls etwas für Multimillionäre. So kam es mir wenigstens vor. Aber Zugfahrten hatte ich schon einige erlebt. Sie waren Aufbruch. Fortschritt. Verheißung. Hans Baluscheks Bild ist aus dem Jahr 1919, aber es könnte auch hundert Jahre später entstanden sein. Es ist zeitlos, und ich habe ein Faible für Industriemalerei und -kunst. Weil sie in mir etwas anspricht, das schwer zu benennen ist. Vielleicht eine zu gläubige Hingabe an die Zukunft als Gegenteil des Stillstandes. Manche finden das in der Natur, die ich auch mag. Aber wenn ich mich zwischen einem Blumenstillleben und dem Bild eines glühenden Hochofens entscheiden müsste, würde ich den Hochofen wählen. Warum? Vielleicht, weil er mich daran erinnert, was Menschenkraft ermöglicht. Zu was wir fähig sind – oder fähig sein könnten, wenn wir unsere Kräfte zum Wohle aller einsetzen. Die Rufe der Gleisarbeiter und das Donnern der Waggons sind eine sehr frühe Prägung. Das Geborgensein im Schutz der kleinen Kammer, und das nächtliche Lärmen und Treiben vor dem Fenster, das tröstlich war und wohlwollend. Sie arbeiten für uns, rund um die Uhr. Während alle schlafen, schicken sie Güterzüge auf die Reise, dorthin, wo ihre Fracht gebraucht wird. Güterzüge rauschen durch Baluscheks Lithografie. Schnaubend, rauchend, von unten links kommen sie ins Bild – man spürt die Geschwindigkeit, man sieht ihr Ziel: Die rauchenden Schlote, der Gasometer, die Lagerhallen. Wohnhäuser sind ganz an den Rand gerückt, in diesem Bild geht es um ein Gefühl, nicht um Poesie. Es ist dasselbe Ge-

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Güterbahnhof Gallus

fühl, das ich nachts im Gallus hatte. Da draußen tobt das Leben! Und wir, Zahnrädchen der Welt, greifen ineinander und bauen sie, jeder auf seine Weise, mit. Andere mögen sich bei diesem Anblick mit Grausen abwenden – kein Grün! Keine Luft zum Atmen! Ein graues Häusermeer, ein Industriegebiet. Wo ist da die Schönheit? Ich sehe sie. Sie ist das Wollen und Streben in ihrer rauesten, unverstelltesten Art. Keine Romantik. Kein Röslein Rot. Fast lebensfeindlich, und dennoch das, was uns alle am Leben hält, buchstäblich. Eine Hommage an die Arbeit, die nicht für alle rosenbekränzt und selbstverwirklichend ist. Sondern oftmals dreckig, brutal und rücksichtslos. Und die trotzdem getan werden muss. Seltsamerweise habe ich diese Anwandlungen nicht bei Busfahrern. Aber bis heute liebe ich Bahnhöfe und Flughäfen. Das Unverbindliche im Fluss, der nur eine Richtung kennt: Vorwärts. Weiter. Weit davon entfernt, getrieben zu sein, genieße ich bis heute das Reisen. Ich konnte mir so viele Wünsche erfüllen, bis hin zu einmal um die ganze Welt. Ich bin mir sicher, das liegt an dem kleinen Mädchen mit der brennenden Sehnsucht im Herzen, sich in einem Güterwaggon zu verstecken und nach einer langen Reise atemlos vor Spannung das Tor zu öffnen: Wo bin ich angekommen? Wohin hat mich der Weg geführt? Und was liegt hinter den Gleisen …?

Elisabeth Herrmann Zehn Jahre lang arbeitete Elisabeth Herrmann, geboren 1959, als Moderatorin und Kulturredakteurin bei Radio Hundert,6, bevor sie 1996 zum damaligen SFB wechselte. Ihr Debütroman »Das Kindermädchen« erschien 2006. Seit 2012 ist sie Vollzeitautorin, verfasste vierzehn Bücher und sechs Drehbücher. Zudem schreibt sie für das Crime-Magazin »Echte Verbrechen«. Elisabeth Herrmann bekam zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Deutschen Krimipreis.

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Robert Rauschenberg Sub-Total (Aus der Serie: Stoned Moon) 1971 Lithografie 20,4 cm x 32 cm

Ulrich Woelk

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Vielleicht käme es manchen übertrieben vor, zehntausend Kilometer zurückzulegen, um eine totale Sonnenfinsternis zu erleben, aber es ist auf keinen Fall übertrieben, am Tag der Finsternis achtzig Meilen zu fahren, um ins Zentrum des Kernschattens zu gelangen. »Wir hätten hier doch neunundneunzig Prozent«, hat meine Tochter beim Frühstück moniert. Sie sitzt auf dem Rücksitz des Wagens und döst. Natürlich erscheint ihr die knapp zweistündige Fahrt unnötig. Neunundneunzig oder hundert Prozent Sonnenbedeckung – sie fragt sich, wo da der Unterschied liegen soll. »Er ist gewaltig«, habe ich ihr erklärt. »Bei einer Sonnenfinsternis verdeckt der Mond die Sonne und sein Schatten zieht über die Erdoberfläche«, ich war mir nicht sicher, ob ihr dieser Zusammenhang wirklich klar war, obwohl sie – hoffte ich jedenfalls – das in der Schule gehabt haben musste, »und die Frage ist, ob du im Schatten bist oder draußen. Draußen ist es immer noch hell, auch direkt am Rand. Dunkel ist es erst im Schatten. Und da am besten im Zentrum.« Wir fahren auf dem Highway 85 nach Osten. Unser Ziel ist Clemson, eine kleine Universitätsstadt an der Grenze zwischen Georgia und South Carolina. Ich habe mich kundig gemacht: Auf dem Weg des Mondschattens liegt Clemson perfekt in der Totalität. Während wir schweigend über den Beton des ziemlich monotonen Highways rollen, erinnere ich mich – nicht verwunderlich, angesichts des bevorstehenden Ereignisses – an meine Mond- und Weltraumbegeisterung als Junge. (Zugegeben, es schmerzt mich ein wenig, dass meine Tochter dieses Interesse von mir nicht geerbt hat.) Ich war neun Jahre alt, als die Amerikaner auf dem Mond gelandet sind. Am Steuer sitzend denke ich wieder an die vielen Sondersendungen im Fernsehen, die damals liefen: das »Apollo-

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Studio«, und wie sie alle hießen, bei denen ich mitgefiebert habe, ob die Amerikaner es schaffen würden oder nicht. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich am Erfolg der Apollomission eigentlich nie gezweifelt. Ich hatte damals ein ziemlich unerschütterliches Vertrauen in die technischen Fähigkeiten der Amerikaner, und offenbar brennen sich solche kindlichen Überzeugungen sehr tief ein, stelle ich gerade fest. Deswegen wundere ich mich jetzt, als wir Ausfahrt um Ausfahrt hinter uns lassen, dass so viele dunkelgraue Gummireste von zerfetzten, offenbar geplatzten Autoreifen zu beiden Seiten (oder auch auf) der Straße herumliegen. Von deutschen Autobahnen kenne ich das nicht, und ich frage mich allen Ernstes, ob in Amerika Reifen schlampiger gefertigt werden oder ob dafür minderwertiger, billiger Gummi verwendet wird. Es scheint mir jedenfalls ein Widerspruch darin zu liegen, zum Mond geflogen zu sein und Autoreifen herzustellen, die offenbar allenthalben platzen. Aber wahrscheinlich ist das Unsinn. Wahrscheinlich gibt es einen ganz gewöhnlichen Grund für die vielen Reifenreste. Wie auch immer, mein USA-Bild ist damals, zu Mondlandezeiten, geprägt worden, und eine gewisse Grundsympathie für dieses Land hat sich über alle Realitätschecks der vergangenen fast fünf – unfassbar, ich verdränge die Zahl sofort wieder – Jahrzehnte erhalten. Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass meine fiebrige Aufregung bei meiner ersten USA-Reise – da war ich sechzehn und also ungefähr im Alter meiner Tochter – sich recht deutlich von der Teenager-Gelangweiltheit unterscheidet, mit der diese sich zumeist durch die Straßen schiebt. (Das stimmt aber auch nicht ganz, denn bei der Ankunft in New York vor zwei Wochen war sie sehr euphorisch. Sie meinte: »Wow, genau wie in Gossip Girl!«) Die Ankündigungsschilder der Rastplätze mit ihren Subway- und Taco-Bell-Schnellrestaurants ziehen im Rhythmus der Ausfahrten vorüber. Nach einer guten Stunde biegen wir vom Highway auf die Route 76. Die Universität von Clemson hat einen botanischen Garten, der, wie in den USA üblich, mindestens hundertmal so groß ist wie europäische botanische Gärten. Im Grunde ist es ein riesiger Park, und als wir dort ankommen, stellt sich, wenig überraschend, heraus, dass man praktischerweise mit dem

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Auto hineinfahren kann. Das tun wir. Wir suchen uns einen Platz auf einer leichten Anhöhe und packen unser Picknick aus. Bis zur totalen Verfinsterung bleiben uns noch etwa anderthalb Stunden. In den Spezialbrillen schiebt sich die Mondscheibe blassgrau vor die milchig weiß leuchtende Sonne. Und ganz so, wie ich es vorausgesagt habe, wird es dabei in der ersten Stunde kein bisschen dunkler, obwohl die Sonnenscheibe irgendwann schon zu zwei Dritteln bedeckt ist. Wenn man es nicht wüsste, würde man hier unten nichts davon bemerken. Erst eine Viertelstunde vor der Totalität ändert sich das Licht allmählich. Es ist nach wie vor hell, aber jetzt eher so wie kurz vor Sonnenuntergang, obwohl die Sonne hoch am Himmel steht. Und fünf Minuten vor der Bedeckung habe ich das Gefühl, auf einer perfekt ausgeleuchteten Theaterbühne zu stehen – aber immer noch keine Spur von Finsternis im Wortsinne. Doch dann geschieht es: Innerhalb von Sekunden wird der Himmel dunkelblau und die leuchtende Sonne zu einer kreisrunden, pechschwarzen Scheibe, umgeben vom schwachen Schimmern der Korona. Die Grillen fangen an zu zirpen wie in der Nacht, und über das Gelände des botanischen Gartens tönen Applaus und entzückte Ausrufe. Wir sind, wie wir dadurch erfahren, nicht allein hier. Zusammen mit anderen feiern wir ein ergreifendes kosmisches Fest. Zweieinhalb Minuten lang sind wir in einer anderen Realität, einer, in der uns das Weltall, das Universum ganz nah ist. Und dann ist der Zauber vorbei. So schnell, wie es dunkel wurde, wird es wieder hell. Bereits die winzigste Lücke zwischen Mond- und Sonnenscheibe reicht dafür aus, das Licht kehrt zurück. Und auch das wird von uns und dem unsichtbaren Publikum in unserer Nähe mit Applaus und Jubel begrüßt. Es ist wunderbar, dass die Sonne uns wieder leuchtet – vor allem jetzt, da es ist, als hätten wir das Geheimnis dahinter entdeckt. Als ich meine Tochter in diesem Moment ansehe, hat sie Tränen in den Augen (wie ich). Das macht mich glücklich. Etwas hat sie also doch von mir.

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Robert Rauschenberg

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Der Künstler Robert Rauschenberg, geboren 1925 in Port Arthur, Texas, ist mit seinem vielschichtigen Werk keiner Stilrichtung zuzuordnen. Vielmehr überschritt er bewusst Grenzen der etablierten Kunstrichtungen und gilt als ein Wegbereiter der Pop Art. Er war hauptsächlich Maler, Grafiker und Fotograf, inszenierte aber auch Choreografien, arbeitete als Tänzer und entwarf Bühnenbilder und Kostüme. Berühmt ist seine Werkserie der »Combine Paintings« – Assemblagen aus abstrakten Gemälden und darauf befestigten dreidimensionalen Gegenständen sowie Fotografien, Postkarten und Grafiken. Im Jahr 2008 verstarb er auf Captiva Island, Florida.

Der Autor Ulrich Woelk, geboren 1960, wuchs in Köln auf und studierte Physik und Philosophie in Tübingen. Er arbeitete bis 1995 als Astrophysiker an der TU Berlin. Seitdem ist er freier Schriftsteller. 1990 erschien sein Debütroman »Freigang« im S. Fischer Verlag. Es folgten viele weitere Romane, Theaterstücke und Essays, die in diverse Sprachen übersetzt wurden. Sein Roman »Der Sommer meiner Mutter« war für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert. Ulrich Woelk wurde für sein Werk u. a. mit dem aspekte-Literaturpreis, dem Thomas-Valentin-Preis und dem AlfredDöblin-Preis ausgezeichnet.

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