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175 JAHRE

Mittwoch, 9. November 2011 | az

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AZ MEDIEN

ZEHNDER WANNER PRESSE

Josef Zehnder – Verleger, Journalist und Politiker

schafter Carl von Glümer, später Dominik Baldinger, Wirt und Posthalter aus Baden, wurde die Redaktion anvertraut. So kam Baden zu einer liberalen Zeitung, namens «Aargauer Volkszeitung». DER VERLEGER ZEHNDER stand damals noch in politischer Gärung, war radikal staatskritisch, aber gleichzeitig in den Forderungen noch der katholischen Minderheit nahestehend. Bis 1838 war er in seinem Blatt kaum zum Wort gekommen. Eine Verbindung zu Augustin Keller wird ihm und der Redaktion nachgewiesen («Schweizerbote»). Ohne Zweifel ist Josef Zehnder 1836 ohne eigene Initiative zum Zeitungsverleger geworden. Aber er wird es zeit seines Lebens bleiben.

Die Anfänge Von der «Aargauer Volkszeitung» zum «Badener Tagblatt» VON ANDREAS MÜLLER*

DER AARGAU IM JAHRE 1836: «Nach 30 Jahren Aargauer Geschichte darf der Kanton als weitgehend organisiert und gefestigt angesehen werden.» So oder ähnlich lauteten Einleitungen zu Politikervoten im Grossen Rat. Davon kann im Rückblick keine Rede sein. Wohl waren die Grenzen gesetzt, die Bezirke installiert, die Gerichte sprachen Urteile nach Recht und Gesetz, und seit 1835 verlangte das neue Schulgesetz, dass alle Kinder «ohne Unterschied des Geschlechts, des Standes und der Begabungen» erfasst sein sollten. Doch um 1840 gab es im Aargau noch Männer, «die sich ‹mit einem Krütze› oder einem anderen Handzeichen behelfen mussten, wenn sie ein Schriftstück unterzeichneten». Vieles war angelegt, vieles fährtig – zur Fahrt bereit – aber nicht fertig. FEST WAREN NUR einige strukturelle Gegebenheiten. Ansonsten war der Kanton in steter Gärung. Selbst Verfassungsentwürfe und neue Verfassungen, Symbole für die politische Sicherheit, überstürzten sich beinahe und lieferten den Beweis, dass dem Gebilde Stabilität und innere Ruhe weitgehend fehlten. Im Gegenteil: Die Labilität der eidgenössischen Verhältnisse, das politische Seilziehen und die Streitereien um die innere Ordnung im Bunde fanden im neuen Gebilde namens Aargau wie kaum anderswo ein Pendant. Eher müsste von einem Experimentierfeld gesprochen werden. Denn Aktionen und geschlagene Wunden wurden zum Anlass oder zur Ursache schweizerischer Ereignisse, die schliesslich im Sonderbundskrieg mündeten und im Bundesstaat ein Etappenziel erreichten. «DIE REVOLUTION FRISST ihre eigenen Kinder», lautet ein gängiges Sprichwort. Die stürmische Evolution der damaligen Zeit im Kanton bot Persönlichkeiten verschiedenster Art ein politisches Schlachtfeld ohnegleichen. Selbst Philosophen wie Ignaz Paul Vital Troxler mieden die Beschaulichkeit und schürten die Unruhe. Einige Persönlichkeiten kamen tatsächlich unter die Räder, andere schwebten ein Leben lang am Abgrund. Das geschriebene Wort in der

Zeitungsmacher waren keine Mimosen. Sie teilten aus und steckten ein. Öffentlichkeit konnte damals fast tödlich sein; es wurde erstmals nicht nur populär, sondern populistisch. Das schliesst alles ein: volkstümlich, eingängig und verständlich, aber auch anbiedernd, gemein, hinterhältig, verdreht und primitiv. MAN KÄMPFTE VORZUGSWEISE mit dem Schwert und nicht mit dem Florett. Man drohte mit Tod und Teufel, zog sich gegenseitig vor den Richter und versuchte, mit Anödereien und Anprangern die Grenzen des Zulässigen auszuloten. Lug, Trug und Erpressung waren offensichtlich und ungeschönt Elemente der politischen Kampfsprache. Das Pamphlet war

nicht dem Flugblatt vorbehalten; im gleichen Stile wirkten die Zeitungen, die damals erstmals im Aargau als Massenmedien die Politik begleiteten oder anführten.

DIE EHRENWERTEN MÄNNER des Konsortiums hielten sich keineswegs an ihre finanziellen Vereinbarungen. Auch die 150 «wackeren Vaterlandsfreunde», die sich verpflichtet hatten, als Subskribenten das Blatt jährlich mit zehn Franken zu unterstützen, versagten kläglich. So musste Zehnder das Projekt vorzeitig fallen lassen. Die ausstehenden Gelder aber wollte er eintreiben, auch nach dem Ende der «Volkszeitung». Und dazu benötigte er eine eigene Zeitung als Geldeintreiber.

ZEITUNGSMACHER – Verleger, Journalisten, Redaktoren – waren keine Mimosen; sie teilten aus und steckten ein. Meist war der Gründer oder Urheber eines Blattes alles zusammen in eigener Regie, dazu engagierter Politiker auf allen Ebenen. Die Zeit des gediegenen, belehrenden Sprachkünstlers im Stile Heinrich Zschokkes war am Abklingen. Er selbst hatte sich 1831 von den öffentlichen Ämtern verabschiedet und zog sich 1837 auch als Redaktor seines

SEIN VATER bot ihm in Birmenstorf in einem Anbau Raum für das Geschäft. Schon 1838 erschien daher

Josef Zehnder muss mit einem Könner zusammengearbeitet haben, um solch saubere Raubdrucke anzufertigen.

Ohne eigenes Organ wird Zehnder bis zu seinem Tode nie mehr wirken. Er hatte die Macht der Presse erfahren.

«Schweizerboten» in Aarau zurück. Das Feld wurde ab 1836/37 beherrscht von den journalistischen Haudegen.

die «Aargauer Zeitung», vollständig in eigener Regie, mit Josef Zehnder als Redaktor. Seine Brüder standen ihm zur Seite: Beat hatte die Buchbinderei in Frick gelernt, ihn liess er zum Setzer und Drucker ausbilden. Und Johann wurde sein Buchhändler. Josef selber, durch die Umstände nun in jeder Hinsicht zum Radikalen geworden, prangerte die zahlungssäumigen einstigen Subskribenten mit Hinweisen und «Beinahe-Nennungen» laufend in seinem Blatte an, sodass diese im wahrsten Sinne genötigt und erpresst wurden, ihre Verpflichtungen einzuhalten. Der «bestgehasste liberale Zeitungsschreiber» des Aargaus war geboren. Und ohne eigenes Organ wird Zehnder bis zu seinem Tode nie mehr wirken. Er hatte die Macht der Presse erfahren.

1836 ERSCHIEN IN BADEN bei Josef Zehnder die «Aargauer Volkszeitung», 1837 in Aarau «Das Alpenhorn» von Samuel Landolt. Beide Blätter waren von Anfang an als politische Kampfblätter gedacht. Auch wenn beide Gründungen kurzfristige Erscheinungen waren: Die beiden Herausgeber hatten «Blut gerochen». Sie werden nie mehr von der politischen Zeitung loskommen. Der eine wird schliesslich der Begründer des «Badener Tagblatts», der andere des «Aargauer Tagblatts». Beide Zeitungen fliessen – nach dem spektakulären Fusionsakt 1996 – in die «Aargauer Zeitung» ein.

Josef Zehnder, Leben und Werk HEUTE, 175 JAHRE NACH SEINEM START als Zeitungsverleger, versuchen wir das Werden und Wirken von Josef Zehnder zu erfahren. Dazu lieferte er uns eigene Notizen zu seiner Frühzeit, die entsprechend vorsichtig und überprüft zu verwenden sind, wie alles Autobiografische. Dann aber liefern uns seine Druck-Erzeugnisse nötige Fakten, zurechtgebogen und widersprochen von der «bösen» Konkurrenz in Überfülle, und zwar bei Feinden und Freunden. Geht es um Daten und Persönliches, kann nur Amtliches klärend wirken. Wo Klarheit fehlt, hilft Rechnen und Mutmassen ab sicherem Grund. JOSEF ZEHNDER wurde am 23. Dezember 1810 in Birmenstorf geboren. Sein Vater, Johann Zehnder, war Lehrer, Gemeindeammann und Grossrat, dazu bewirtschaftete er – wie damals üblich – einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb. Eine grosse Kinderschar belastete das Familienbudget und nötigte alle Mitglieder zur Mitarbeit und gegenseitigen Hilfe. Der Vater taucht im Leben des späteren Verlegers immer wieder auf. Er hatte seinen Sohn Josef schon frühzeitig in

Die ältesten Zeitungen der Zehnder-Presse.

AUS: BADENER NEUJAHRSBLÄTTER,1950

die Dorf- und Kantonspolitik hineingezerrt, hat ihn, den Zeitungsmacher, nach 1836 mit Lokalklatsch eingedeckt. «Die beiden Zehnder» hatten an kantonalen Aufläufen und Versammlungen (Wohlenschwil und Reuss) teilgenommen. Sie wurden auch zusammen einvernommen, verurteilt und begnadigt. Vier Jahre nach dem Rücktritt des Vaters 1841 wurde der Sohn selber Grossrat.

Nach- und Raubdrucke waren damals häufig. 1835 wirkte Zehnder bereits in Baden – sowohl als Drucker wie auch als Buchhändler.

BERUFLICH STAND ER dem Vater ebenfalls nahe: Er besuchte 1827/28 den zweiten aargauischen Lehramtskandidatenkurs und wurde – 18-jährig – Lehrer in Birmenstorf. Da er den Lohn zu Hause abliefern musste, suchte er bald eine zusätzliche Einnahmequelle. Als Nebeneinkommen diente der Vertrieb von Büchern, die er mit der Zeit selber band, schliesslich auch selber druckte. Wo und wie er dieses Metier gelernt hat, dürfte für immer ein Geheimnis bleiben. Bei einem Lehrerkollegen habe er die Buchbinderei gelernt, das Setzen und Drucken sei ihm in einem dreitägigen Kurs von seinem Kollegen Stähli beigebracht worden, hält er in seinem Lebensbericht fest. Unmöglich! Er muss jahrelang mit einem Könner zusammengearbeitet haben, um solch saubere Raubdrucke anzufertigen. Vielleicht hat ihm auch die kurzfristige Zusammenarbeit mit Jakob Diebold in Baden die nötige Fertigkeit gegeben. Jedenfalls galt er bei den Fachleuten als «Schuster» im Gewerbe, und er musste sich deswegen einmal vor Gericht verantworten.

DAS KONSORTIUM aus liberalen Persönlichkeiten, das einen Zeitungsmacher für ein liberales Organ in Baden suchte, störte sich kaum an der Verletzung von Verlagsrechten. Diese Leute erkannten die Qualität von Zehnders Drucktechnik und hofften zugleich, dass dieser Mann in ihr Schema passte: aufrührerisch, freisinnig und treu ergeben. Im letzten Punkt täuschten sie sich. Zehnder wird gebieterisch auf sein Recht pochen, wenn Abmachungen verletzt werden. OBGLEICH KEIN EXEMPLAR der ersten Zehnder-Zeitung vorliegt, vernehmen wir aus Konkurrenzblättern in Aarau, wer hinter dieser Gründung steckte, was bezweckt war und wer der Redaktion vorstand. Die ehrenwerten Männer, gemässigte liberale Politiker aus Aarau und dem Freiamt – ein einziger, Borsinger, stammte aus Baden – verpflichteten sich unterschriftlich, so viel Geld zusammenzulegen, «dass der Druck und die Redaktion des Blattes, das zweimal wöchentlich erscheinen sollte, für drei Jahre gesichert sei». Diese Persönlichkeiten fürchteten, dass Baden, wenn nicht Gegensteuer geboten werde, zum konservativen Zentrum des Kantons werden könnte. Zehnders Verlag und Druckerei diente als örtliche Plattform; dem deutschen Flüchtling und Burschen-

«DIE ‹ZEHNDER-PRESSE› wird lange Zeit in der aargauischen Politik führend», berichtete der Badener Bezirkslehrer Paul Haberbosch 1950, und fährt fort: «Die Kampfstimmung im Lager der Klosterfeinde und später in der Freischarenzeit beherrscht die Tonart seiner Zeitungen, von denen die Dorfzeitung als ‹Seelenmörderblatt› bezeichnet wurde.» Die eigentlichen Zehnder-Zeitungen sind mindestens in einigen Jahresbänden vorhanden und belegen den Geist oder Ungeist der Zeit: die grobschlächtige Sprache, die rüden Umgangsformen und die allgemeine Streitlust im Vorfeld der Staatswerdung der modernen Schweiz.

Politische Streitlust DER NAME «SCHWEIZERISCHE DORFZEITUNG» entstand noch im Vaterhaus in Birmenstorf. Josef Zehnders Ideal war es, einen «Schweizerboten» für die kleinen Leute zu verfassen, wissend, dass letztlich nicht das Bildungsbürgertum in der Demokratie entscheidend ist, sondern die Landbevölkerung. Eine typisch aargauische Perspektive! Die «Dorfzeitung» wollte nicht primär seine Leser veredeln, sondern sie dort abholen, wo sie waren. Für die gehobenen Kreise wurde diese Zeitung

175 Jahre Jubiläum AZ Medien  

Sonderdruck zum 175 jährigen Jubiläum der AZ Medien Gruppe

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