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Larry Osborne

10 Irrt端mer 端ber Gott und das Leben Fromme Halbwahrheiten entlarven und befreit leben Aus dem Amerikanischen 端bersetzt von Dorothee Dziewas


Über den Autor Larry Osborne ist Ehemann, Vater, Autor und seit 1980 Pastor der North Coast Church in Vista, Kalifornien. Er und seine Frau Nancy haben drei Kinder. In seinem Blog larryosbornelive.com schreibt Larry über das Leben, Leiterschaft und Spiritualität.


Inhalt

Einleitung Moderne geistliche Mythen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Irrtum Nr. 1 Der Glaube kann alles in Ordnung bringen. . . . . . . . .

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Irrtum Nr. 2 Vergeben heiĂ&#x;t vergessen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Irrtum Nr. 3 Ein frommes Elternhaus garantiert fromme Kinder. . .

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Irrtum Nr. 4 Gott hat einen Bauplan fĂźr mein Leben. . . . . . . . . . . .

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Irrtum Nr. 5 Christen sollen nicht Ăźber andere urteilen. . . . . . . . . .

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Irrtum Nr. 6 Alles geschieht aus einem guten Grund . . . . . . . . . . . . 104 Irrtum Nr. 7 Lass dich von deinem Gewissen leiten . . . . . . . . . . . . . 123


Irrtum Nr. 8 Gott bringt Glück.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 Irrtum Nr. 9 Ein Tal bedeutet, dass man auf dem Holzweg ist . . . . 157 Irrtum Nr. 10 Wer stirbt, kommt an einen besseren Ort. . . . . . . . . . . 178 Epilog Abschließende Gedanken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Gesprächsanregungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 Anmerkungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217


Einleitung

Moderne geistliche Mythen

Es ist nichts Neues, dass kluge Leute ziemlich dämliche Dinge tun können. Aber oft vergessen wir, dass kluge Leute auch ziemlich dämliche Dinge glauben können. Was hat ein militärisches Genie wie Napoleon geritten, als er glaubte, der harte russische Winter könnte seinen Truppen nichts anhaben? Klar, sie waren gut ausgebildet und ausgerüstet, aber schließlich hatte er auch nicht den Hauch eines historischen Beweises, mit dem er seine Entscheidung weiterzumarschieren hätte begründen können. Was hat die führenden Wissenschaftler und Denker zur Zeit Galileos veranlasst, Beweise zu ignorieren, die sie mit eigenen Augen sehen konnten, und ihn als Ketzer und Quacksalber zu brandmarken? Und warum hat ein ansonsten geniales Management bei IBM komplett auf Großrechner gesetzt und den PC sowie das ihm zugrunde liegende Betriebssystem einem jungen Programmierer namens Bill Gates quasi kostenlos überlassen? Alle diese und viele andere ebenso verblüffende Entscheidungen wurden von Leuten getroffen, die viel klüger sind als Sie und ich. Aber rückblickend stehen sie alle wie Idioten da. Was ist passiert? In all diesen Fällen hat ein ansonsten kluger Kopf die Tatsachen falsch eingeschätzt, ist von falschen Annahmen 9


ausgegangen oder hat sich auf Informationen verlassen, von denen wir heute wissen, dass sie völlig falsch waren – und das mit verheerenden Folgen. Oder kulturelle Vorurteile haben ihnen ein Bein gestellt (die manchmal so groß sein können, dass sie uns der Wahrheit gegenüber regelrecht blind machen können). In anderen Fällen waren ihre grundlegenden Annahmen so weit verbreitet und akzeptiert, dass niemand daran dachte, sie infrage zu stellen. Manchmal hat ein übler Fall von Wunschdenken ihnen den Todesstoß versetzt. Aber was auch immer die Ursachen waren, diese Leute stehen nicht allein da. Die Geschichte ist voller Beispiele von ansonsten intelligenten Menschen, die aufgrund erstaunlich alberner Annahmen handelten – und einen hohen Preis dafür bezahlten.

Der hohe Preis fehlerhafter Annahmen Wir Christen sind ebenfalls nicht immun dagegen. Selbst für einen überaus moralischen, wirklich ernsthaften, klugen Christen mit dem besten theologischen Stammbaum gibt es keine Garantie, dass er von den Folgen einer falschen Entscheidung aufgrund fehlerhafter Annahmen verschont bliebe. Ich will es mal so ausdrücken: Weisheit Salomos + unkorrekte Fakten oder fehlerhafte Annahmen = Entscheidung eines Narren Und das ist der Grund, warum ich dieses Buch schreibe. Im Laufe der Jahre habe ich mit vielen Menschen gesprochen und gearbeitet, die wichtige Entscheidungen im Leben aufgrund von Grundsätzen getroffen haben, die sie für biblisch hielten, nur um dann zu spät festzustellen, dass das, was vermeintlich biblisch war, überhaupt nicht aus der Bibel stammte. 10


Meistens waren sie modernen geistlichen Mythen zum Opfer gefallen. Ein moderner geistlicher Mythos ist wie ein moderner weltlicher Mythos: eine Überzeugung, Geschichte, Annahme oder Binsenwahrheit, die als Tatsache verkauft wird. In den meisten Fällen ist die Quelle ein Freund, eine christliche Gruppe, der Religionsunterricht, ein Andachtsbuch, ein Ratgeber oder sogar eine Predigt. Weil sie so einleuchtend klingen und aus einer seriösen Quelle stammen, werden moderne geistliche Legenden oft akzeptiert und schnell weitergegeben, ohne dass man sie hinterfragt. Und wenn sie dann erst einmal weit verbreitet sind, machen sie sich oft selbstständig. Dann ist es beinahe unmöglich, sie zu widerlegen, weil doch „jeder“ weiß, dass sie wahr sind. Wer es wagt, ihren Wahrheitsgehalt infrage zu stellen, wird als geistlich unterbelichtet, als Zweifler oder als liberal eingestuft. Ich gebe zu, dass die Folgen mancher geistlicher Irrtümer nicht besonders verheerend sind. Wenn jemand glaubt, in der Bibel stünde: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, oder: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“, oder dass Jesus ein westeuropäischer Typ mit blasser Haut und blauen Augen war, der von Stadt zu Stadt gezogen ist und mit sanfter Stimme kluge Dinge gesagt hat, dann liegt man damit zwar daneben, aber es wird sicherlich nicht dazu führen, dass jemand vom Glauben abfällt. Aber viel zu oft sind die Folgen für das geistliche Leben eben doch verheerend. Stellen Sie sich nur mal die Enttäuschung vor, die sich breitmacht, wenn jemand Gott abschreibt, weil dieser ein Versprechen nicht gehalten hat, das er nie gegeben hat. Oder die Verzweiflung, die einem mutigen Glaubensschritt folgt, der sich als Sprung auf dünnes Eis erweist. Deshalb ist eine Darstellung der zehn weit verbreitesten, aber offenkundig falschen modernen geistlichen 11


Mythen, die wir jetzt untersuchen werden, so wichtig.

Es handelt sich dabei nicht bloß um harmlose Missverständnisse, sondern um gefährliche Irrtümer, die all jenen, die sie glauben, am Ende Kummer und Enttäuschung bringen.

Ich wette, Sie haben auch schon einige davon durchschaut. Andere haben Sie vielleicht angezweifelt, waren aber der Meinung, Sie wären der Einzige, der sie nicht „abkauft“. Wieder andere machen Ihnen vielleicht zu schaffen. Aber unabhängig davon, was auf Sie zutrifft, möchte ich Ihnen Mut machen, jede dieser Mythen aufgeschlossen und mit einer aufgeschlagenen Bibel neben sich unter die Lupe zu nehmen.

Zweimal messen, einmal sägen Es gibt ein altes Zimmermannssprichwort: „Zweimal messen, einmal sägen.“ Es beruht auf der Erfahrung, dass ein Brett, wenn wir es erst einmal zu kurz abgesägt haben, immer zu kurz sein wird, egal, wie oft wir noch daran herumsägen. Das Gleiche gilt für geistliche Grundsätze, auf die wir unser Leben gründen. Wenn wir erst einmal eine Entscheidung gefällt oder gehandelt haben, ist es normalerweise zu spät, wieder von vorne anzufangen und die Richtigkeit unserer Annahmen zu überprüfen. Die Beröer, von denen uns im Neuen Testament berichtet wird, sind ein Vorbild, das wir uns zu Herzen nehmen sollten. Die Gläubigen, die in der mazedonischen Stadt Beröa lebten, überprüften alles, was der Apostel Paulus sie lehrte, indem sie in den Schriften nachsahen, ob das, was er sagte, auch wirklich stimmte. Wohlgemerkt: Paulus war ein Apostel, ein Schriftgelehrter, Gottes Sprachrohr. Aber anstatt beleidigt zu sein, lobte er sie für ihren Mangel an Gutgläubigkeit und für ihre hehre Suche nach der Wahrheit.1 12


Ich möchte Sie ermutigen, sich diese Leute zum Vorbild zu nehmen, während wir jede einzelne der folgenden zehn modernen geistlichen Legenden durcharbeiten. Ich glaube, Sie werden feststellen, dass diese Legenden nicht nur falsch sind, sondern dass sie dem, was die Bibel lehrt, rundweg widersprechen. In vielen Fällen widersprechen sie sogar dem, was ihre zur Unterstützung herangezogenen sogenannten „Textbelege“ eigentlich aussagen. Und ja, ich weiß, dass Begriffe wie „hirnrissig“ und „idio­ tisch“ ziemlich heftig sind. Jedes Mal, wenn ich sie vor großen Gruppen benutze, bekomme ich ein paar kritische Briefe, und einige machen mir sogar persönliche Vorwürfe. Meistens handelt es sich dabei um eine Mutter, die versucht, diese Wörter aus dem Wortschatz ihrer Kinder zu tilgen. Sie fragt sich dann, warum ich nicht nettere, sanftere Begriffe benutzen kann, die auch zu Hause in ihrem Kinder­zimmer akzeptabel sind. Aber das kann ich nicht. Wie schon gesagt: Diese Überzeugungen sind nicht einfach nur falsch. Sie sind nicht nur unglücklich formuliert. Sie sind nicht nur ein bisschen schräg. Sie sind gefährlich. Sie sind das, was die Bibel als „töricht“ bezeichnet, was wiederum im heutigen Sprachgebrauch „hirnrissig“ oder „idiotisch“ heißt.2 Gleichzeitig möchte ich betonen, dass ich mit meinen Ausführungen diejenigen, die diese Dinge glauben, nicht angreifen will. Sie selbst sind nicht dämlich. Ihre Annahmen und Überzeugungen sind es. Hätte ich mehr Platz auf dem Buchcover gehabt, hätte ich es vermutlich „10 geistliche Irrtümer, die kluge, ernsthafte, gute und gottesfürchtige Christen glauben“ genannt. Jede einzelne dieser modernen geistlichen Mythen ist ein bisschen wie Katzengold: Es sieht auf den ersten Blick gut aus, aber wenn man genauer hinsieht, erweist es sich als wertlos. Bestimmt haben wir alle ein paar ziemlich

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dumme Schlussfolgerungen in unserem Leben gezogen. Ich schon. Aber zum Glück hatte ich zu Beginn meines Glaubenslebens einige kluge geistliche Begleiter, die mir gezeigt haben, wie dumm es ist, meinen Glauben auf das zu stützen, was alle anderen sagen, anstatt auf sorgfältiger biblischer Prüfung. Sie haben mir beigebracht, nicht nur meine Lieblingsverse zu lesen. Und sie haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, all die anderen Verse drumherum zu lesen – und den Rest des Buches. Ihr Rat hat mir gute Dienste erwiesen und viel Kummer erspart. Er hat auch mein Vertrauen in die Bibel gefestigt. Je mehr ich lernte, Klischees, Schönrederei und kulturelle Vorurteile abzulegen, die nicht zu dem passen, was wirklich in der Bibel steht (oder die nicht mit dem Leben übereinstimmen, wie es nun mal ist), desto größer wurde mein Vertrauen in die Bibel als Gottes Wort und letztgültige Quelle geistlicher Wahrheit. Ich hoffe, dass die Seiten dieses Buches bei Ihnen das Gleiche bewirken – dass sie Ihnen helfen werden, alles zu hinterfragen, was Sie hören, und alles anhand der tatsächlichen Worte und Lehren der Bibel zu überprüfen.

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Irrtum Nr. 1

Der Glaube kann alles in Ordnung bringen

Ich werde nie den Tag vergessen, an dem meine Frau und ich ins städtische Krankenhaus fuhren, um ihrer Freundin Susan einen, wie wir wussten, letzten Besuch abzustatten. Drei Jahre lang hatte Susan tapfer gegen eine Krankheit gekämpft, die jetzt im letzten Stadium war. Ihr angestrengtes Atmen, die ausgezehrte Gestalt und die von tiefen Ringen umgebenen Augen machten uns schmerzlich bewusst, dass sie nicht mehr lange bei uns sein würde. Während wir an ihrem Bett saßen und uns fragten, was wir sagen und wie wir beten sollten, war ich ratlos. (Ich bin Pastor und sollte eigentlich wissen, was man in solchen Situationen sagt.) Aber bevor ich irgendetwas Tiefschürfendes – oder auch nur Banales – sagen konnte, wurde unser verlegenes Schweigen unterbrochen, als Su­ sans Mann John das Zimmer betrat. Wir umarmten und begrüßten uns kurz. Dann begann John zu reden. Er sprach von den Plänen, die er und Susan für die Zukunft hatten. Aber er äußerte keine Gedanken des Bedauerns an das, was hätte sein können, sondern war völlig davon überzeugt, dass all das geschehen würde. Es war unheimlich. Susan war kaum noch bei Bewusstsein, rang um j­eden Atemzug und hatte nur noch wenige Stunden zu l­eben, 15


wie es schien. Und trotzdem stand ihr Mann direkt daneben und redete über zukünftige Urlaube, eine Renovierung ihrer Küche und ihre Rente, als säßen wir vier bei einer Grillparty zusammen. Auch wenn John und Susan oft über ihr Vertrauen in Gottes Fähigkeit zu heilen gesprochen hatten – das hier war etwas anderes. Er sprach nicht von der Zuversicht, dass sie geheilt werden könnte. Er beschrieb seine absolute Gewissheit, dass sie geheilt werden würde. Er hatte auch nicht den Hauch eines Zweifels daran. Für ihn war die Sache geritzt. Dann erzählte er uns, was passiert war: Als er an diesem Morgen für Susans Heilung gebetet hatte, war er von einem überwältigenden Gefühl der Gegenwart Gottes und der tiefen Gewissheit überkommen worden, dass Gott sein Gebet erhört hatte. Während er weiter gebetet hatte, kamen ihm Bibelverse in den Sinn, die von Gottes Bewahrung und Fürsorge sprachen. Ihm war, als hätte Gott ihn tatsächlich körperlich berührt und ihm ins Ohr geflüstert: „Ich habe dich gehört. Es wird ihr wieder gutgehen.“ Voller Zuversicht war er der Meinung, er hätte den Zenit des Glaubens erreicht, weil er an dem festhielt, was er hoffte, und an das glaubte, was er nicht sah.1 Er war so aufgeregt wie ein Goldsucher, der gerade auf eine Goldader gestoßen ist. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Konnte es sein, dass Gott hier etwas richtig Großes vorhatte? Würden wir Zeugen eines Wunders werden? Würde Johns Glaube sie den Klauen des Todes entreißen? Ich war mir da nicht so sicher. Er hingegen war absolut davon überzeugt. In dieser Nacht tat Susan ihren letzten Atemzug.

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John war am Boden zerstört. Noch Jahre nach Susans Tod hinkte er geistlich, war enttäuscht von Gott, vom Gebet und von der Ohnmacht des Glaubens. Aber sein geistlicher Zusammenbruch hatte nichts damit zu tun, dass Gott ihn im Stich gelassen hatte. Es lag nicht daran, dass die Verheißungen der Bibel leere Versprechen wären. Es war die vorhersehbare Folge davon, dass er an das Katzengold des bekanntesten und am weitesten verbreiteten modernen geistlichen Mythos geglaubt hatte: an das Märchen, dass wir alles tun und reparieren können, wenn wir nur genug glauben. Leider basierte Johns Vorstellung vom Glauben (was Glaube ist und wie er funktioniert) nicht auf Gottes Wort; sie gründete sich auf das, was sich die Leute erzählen. Er hatte auf eine Reihe von Annahmen und Überzeugungen gesetzt, die einfach nicht stimmten. Und die hatten ihn enttäuscht.

Was die Leute erzählen Viele Christen sind (unbewusst) davon überzeugt, dass der Glaube eine wirkungsvolle Mischung aus intellektueller und emotionaler Selbstbeherrschung ist, die, wenn sie richtig genutzt wird, ein Ergebnis durch positives Denken buchstäblich beeinflussen kann. Genau das preisen erfolgreiche Menschen als Schlüssel zum Erfolg an, Überlebende großer Tragödien nennen es als Quelle ihres Durchhaltevermögens, Fernsehevangelisten schreiben dem Heilungserfolge zu und Motivationstrainer leben ganz vorzüglich davon. Deshalb sollen unsere Gedanken auch nicht ins Negative abgleiten, wenn unsere Mannschaft mit fünf Toren hinten liegt. Stattdessen sollen wir dranbleiben und uns eine schöne Flanke aufs gegnerische Tor vorstellen. Denn 17


solange wir wirklich glauben, dass wir gewinnen können, besteht die Chance, dass wir es auch tun. Genauso verhält es sich mit medizinischen Problemen. Haben die Tests ergeben, dass der Krebs Metastasen gebildet hat? Nur keine Panik. Man kann ihn bezwingen. Man muss bloß positiv denken. Oder vielleicht ist Ihr Sohn einen Meter sechzig groß und träumt davon, in der amerikanischen Basketballliga zu spielen. Was immer Sie auch tun, entmutigen Sie ihn ja nicht. Wer weiß! Es könnte doch klappen. Schließlich ist nichts unmöglich, solange er seinen Traum nur entschlossen und mit unerschütterlicher Zuversicht verfolgt. Leider hat diese Art Wunschdenken nichts mit dem gemein, was die Bibel als Glauben bezeichnet. Es ist mehr ein Glaube ans Glauben als ein Glaube an Gott. Und doch haben viele von uns gelernt, dass es genau das ist, was Gott von uns erwartet, wenn wir mit unüberwindlichen Schwierigkeiten konfrontiert werden.

Man hat uns gesagt, dass für diejenigen, die einen über jeden Zweifel erhabenen, felsenfest überzeugten Glauben haben, alles gut werden wird. Es ist Gottes Allheilmittel, eine Art Zaubertrank. In manchen christlichen Kreisen wird sogar behauptet, diese Art Glaube habe die Macht, Gottes Handeln zu beeinflussen. Neulich habe ich gehört, wie ein Fernseh­ evangelist behauptete, Gott müsse Gebete, die auf einen unerschütterlichen Glauben zurückgehen, erhören, egal, worum wir bitten. Solange wir nicht daran zweifelten, habe er keine Wahl. Es sei ein Naturgesetz. Offenbar übertrumpft ein solcher Glaube sogar Gottes Hoheitsgewalt. Obwohl ich nicht derjenige sein möchte, der ihm das sagt.

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