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Leseprobe zu: Stefan Jung Der Heilige Geist Eine biblische Orientierung Niemand kann den Geist haben und diesen Geist für sich behalten. Wo der Geist ist, fließt er weiter, wenn er nicht fließt, ist er nicht vorhanden. John Stott

I. Was veränderte das Kommen des Heiligen Geistes? Apostelgeschichte 1,4–5 und 8–9 Leben im Rückwärtsgang Wenn ich in mein Leben kritisch hineinschaue, dann muss ich zugeben, dass vieles kraftlos wirkt und auch ist. Nicht selten fehlen mir Power, ein Energie-Kick und auch (Wage)Mut. Ganz ähnlich erging es den Aposteln vor Pfingsten. Vor dem Empfang des Heiligen Geistes hatten die Jünger keine Kraft, von ihren Erfahrungen mit Jesus zu berichten. Sie mieden die Öffentlichkeit. Sie zogen sich mehr und mehr in ihr altes Leben zurück. Ihre Stimmungslage war deprimierter Rückzug. Von Aufbruch keine Spur. In Johannes 21 wird berichtet, dass die Jünger nach der Auferstehung von Jesus wieder im See Genezareth fischten. Wohlgemerkt, nach der Auferstehung! Aber was sollten sie auch tun? Es fehlte eine entscheidende Kraft in ihrem Leben: Der Heilige Geist! Und so taten sie das, was sie getan hatten, bevor sie mit Jesus losgezogen waren: fischen, aber eben nicht »Menschen fischen«. Wenn die Vision abhanden kommt, kehren wir erstaunlich schnell in die alten Muster zurück! Dann leben wir nicht, wozu wir berufen sind, sondern dann bestimmt uns wieder die Vergangenheit. Wir fahren im Rückwärtsgang. Wenn der Heilige Geist keinen Raum in unserem Leben hat, fallen wir trotz Bekehrung und Auferstehungsglauben in die alten Verhaltensmuster zurück. Dann wird unser Glaube ein Stück Geschichte. Er wird steril. Aus Fischern werden wieder Menschenfischer Bei den Jüngern vollzog sich eine grundlegende Veränderung durch die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten. Jetzt wurden aus den Fischern wirklich dynamische Menschenfischer. Genauso wie der Heilige Geist auf Jesus gekommen war, um ihn für sein öffentliches Wirken auszurüsten, so kam er jetzt auf seine Nachfolger, um sie für seinen Dienst zu bevollmächtigen. Erstaunliches geschah: Die armselige und frustrierte Truppe von Männern und Frauen, die aus Angst vor den Juden abgetaucht waren, erlebte eine ungeheure Verwandlung. Als die Kraft des Heiligen Geistes in ihr Leben strömte, veränderte es sich radikal. Aus


eingeschüchterten und zurückgezogenen Menschen wurden entschlossene und mutige Leute, die trotz vieler Widerstände und ernst gemeinten Androhungen das Evangelium verbreiteten. Überall war plötzlich Aufbruchstimmung zu spüren. Selbst der jüdische Rat nahm das erstaunt zur Kenntnis: Die Mitglieder des jüdischen Rates waren überrascht, mit welcher Sicherheit Petrus und Johannes sich verteidigten, obwohl sie offenkundig keine Gelehrten waren, sondern einfache Leute. Sie wussten, dass die beiden mit Jesus zusammen gewesen waren. (Apg 4,13) Petrus und Johannes waren gewöhnliche Leute, aber aus ihrem Zusammensein mit Jesus und durch die Gabe des Heiligen Geistes riskierten sie ihr Leben für die Weitergabe der guten Nachricht von Jesus Christus. Sie gehorchten Gott wirklich mehr als den Menschen. Das kann uns ermutigen: Wer in Gemeinschaft mit Jesus lebt, kann und wird die Kraft des Heiligen Geistes erfahren. Ruach und Pneuma Der Begriff für »Geist« im AT (hebräisch: ruach) und im NT (griechisch: pneuma) stammt von einem Wort, das »Wind« bedeutet. Der Heilige Geist ist buchstäblich der »Atem« oder der »Wind« Gottes. Er besitzt wie der Wind große Kraft, obwohl er unsichtbar ist. Das Sinnbild für den Geist ist das Wehen des Windes. Wind als bewegte Luft hat seine eigene Dynamik. Manchmal weht der Wind so sanft und ruhig, dass wir ihn kaum wahrnehmen. Aber wir wissen alle, Wind kann auch so stürmisch sein und zum Orkan anschwellen, dass nichts seiner Gewalt widerstehen kann. Wenn der Heilige Geist im AT und NT mit »Wind, der weht« verglichen wird, dann soll das an seine enorme Kraftwirkung erinnern. Den klassischen Text, der exakt diese Eigenschaft des Heiligen Geistes beschreibt, finden wir am Anfang der Apostelgeschichte (1,4–5 und 8–9): An einem dieser Tage befahl Jesus seinen Jüngern: »Ver- lasst Jerusalem nicht! Bleibt so lange hier, bis in Erfüllung gegangen ist, was euch der Vater durch mich versprochen hat. Johannes taufte mit Wasser; ihr aber werdet bald mit dem Heiligen Geist getauft werden.« »Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und durch seine Kraft meine Zeugen sein in Jerusalem und Judäa, in Samarien und auf der ganzen Erde.« Dies sind die letzten Worte, die Jesus auf dieser Erde an seine Jünger richtete. Er verheißt ihnen die »Taufe mit dem Heiligen Geist« (Apg 1,5) und damit eine Kraft, die sie befähigt, das Evangelium auszubreiten. In Jerusalem sollten sie warten, bis sich diese Verheißung erfüllte. An Pfingsten kam diese »Taufe mit dem Heiligen Geist« über alle, die sich für die Botschaft von Jesus Christus öffneten. Plötzlich gab es kein Halten mehr: Die Jünger wurden die Verkündiger eines Reiches, das sich in der Kraft des Heiligen Geistes ausbreitete. Die Gemeinde Jesu entstand. Pfingsten ist folglich das Geburtstagsfest der Gemeinde Jesu.


Erfüllt mit Kraft Jesus sprach von dem Geist, der kommen und ihnen Kraft geben wird. Das Wort »Kraft« stammt von dem griechischen Wort dynamis. Dieser Begriff wurde in die deutsche Sprache übernommen, als der schwedische Chemiker Alfred Nobel (1836– 1896) ein rauchschwarzes Pulver entdeckte, das eine explosivere Wirkung hatte als jede andere damals bekannte chemische Verbindung. Als Nobel einen Freund, der Griechischlehrer war, fragte, welches Wort in der griechischen Sprache für explosive Kraft verwendet werde, antwortete dieser: Dynamis. So beschloss Nobel, seinen Sprengstoff Dynamit zu nennen. Im NT ist dynamis ein starker Ausdruck, der die lebensverändernde Dynamik des Heiligen Geistes beschreibt. Der Heilige Geist war die wirksame Kraft, die die Jünger befähigte, das Evangelium weiterzutragen. Neue Lebensformen In der Apostelgeschichte dokumentiert Lukas sehr eindrücklich, wie der Geist Gottes Menschen in Bewegung bringt. Für die Zeit des NT ist untragbar, was später in der Geschichte der Kirche bestimmend wurde: dass Menschen sich Christen nennen, die noch nie eine persönliche Gottesbegegnung hatten und noch nie eine Erfahrung mit dem Heiligen Geist gemacht haben. Als durch das missionarische Wirken der Apostel die Gemeinde entstand, brauchte sie Lebensformen. Manches wurde in Anlehnung an die jüdischen Synagogen gestaltet. Vielfach reichten aber diese Orientierungsmuster einfach nicht aus. Dann musste das Wirken des Heiligen Geistes den Ausschlag für die neue Gestaltung geben, für die Richtung, in die die Gemeinde gehen sollte. In Apostelgeschichte 4,31 wird berichtet, dass der Geist Gottes das Beten der Gemeinde bestimmte: »Als sie gebetet hatten, bewegte sich die Stätte, wo sie versammelt waren: und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimütigkeit.« Wir lesen, wie der Heilige Geist Unlauterkeit und Betrug im Spendenwesen aufdeckte im Bericht über Ananias und Saphira (Apg 5,1–11). Und es wird informiert, wie der Heilige Geist half, soziale Konflikte zu lösen, wie in Apostelgeschichte 6 von der Versorgung der Witwen berichtet wird. Charismatische Leiterschaft Die neutestamentliche Forschung spricht von der charismatischen Führungsstruktur der Anfangszeit. Sie war geprägt von Männern, wie es in Apostelgeschichte 6,3 heißt, die »ein gutes Zeugnis hatten und voll Geist und Weisheit« waren. Doch diese charismatische Leiterschaft wurde leider in den folgenden Jahrhunderten mehr und mehr von einer am Bischofsamt orientierten Führungsstruktur abgelöst. Genau darin liegt das Verhängnis, dass möglich wurde, was für die Anfangszeit undenkbar war: Die Gemeinde entwickelte sich allmählich in eine Gestalt von Kirche ohne unmittelbare Geisterfahrung, in eine aus der -


Gesellschaft übernommene organisatorische Struktur, in der sich mehr und mehr von Menschen geprägte und vermittelte Traditionen verfestigen konnten. Das Schlimme war, eine solche »Struktur des religiösen Betriebes« konnte existieren ohne Heiligen Geist. Diese Gefahr besteht immer, wenn geistliches Leben in feste Formen gefasst wird. Das Wesensmerkmal der Gemeinden im NT, nämlich Schöpfung des Geistes Gottes, eine vom Geist bestimmte und geführte Gemeinschaft zu sein, wurde in den Hintergrund gedrängt und ging verloren. Zwei Fragen möchte ich nun klären: Wie ist das Verhältnis zwischen Wort und Geist? Und wie ist die Beziehung zwischen Kraft, Geist und Zeuge sein? Das Verhältnis zwischen Wort und Geist Wie schon beschrieben, haben die ersten Christen sehr konkret das Wirken des Heiligen Geistes erlebt. Das erste Jahrhundert der Gemeindegeschichte wird von vielen als eine Zeit einzigartiger Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen gesehen. Einige Bibelausleger (z. B. Johann Albrecht Bengel im 18. Jh.) schlugen deshalb vor, den zweiten Band des Lukas, also die sogenannte Apostelgeschichte, nicht »Taten der Apostel«, sondern »Taten des Heiligen Geistes« zu nennen. »Es ist allgemein klar, dass das Werk des Heiligen Geistes das entscheidende Thema der Apostelgeschichte bildet und dass er die entscheidende Triebkraft der christlichen Mission ist.« Es ist nicht möglich, den Verlauf des Evangeliums ohne das Wirken des Heiligen Geistes zu erklären. Denn eins ist deutlich, der Heilige Geist ist der Urheber, der handelt, und die Apostel sind die Werkzeuge, durch die er handelt. Paulus wird durch den Geist zu seiner Mission geführt und angeleitet, wo er sie am besten ausführen kann. Es ist der Geist, der Petrus dazu führt, dass er Kornelius das Evangelium verkündigt, und der die Gemeinde in Antiochia bewegt, die Heiden bei der ersten Missionsreise zu evangelisieren. Man muss beachten, dass der Heilige Geist, nicht die Apostel, die Fronten der Kirche an Stellen erweitern, wo die Führer der Urgemeinde kaum daran gedacht hätten – Samaritaner (Kap. 8), Eunuchen (Kap. 8), Gottesfürchtige (Kap. 10) und völlige Heiden (Kap. 13). Die Strategie und die Handlungen der Christen wurden also auf übernatürliche Weise gelenkt. Wer die Entscheidungen der Apostel genauer besieht, entdeckt, dass sie im Grunde so vorgegangen sind, wie wir es heute auch tun. Sie suchten nach der bestmöglichen Lösung, indem sie nachdachten, strategisch planten, beteten und fasteten. Sie hörten auf Gott und aufeinander (vgl. Apg 13,1–3). Dies zeigt sich auch darin, wie sie mit dem Konflikt der Beschneidung umgingen (Apg 15), der jüdische und nichtjüdische Christen zu spalten drohte. Die Apostel und Ältesten erkannten die Sprengkraft dieses Konfliktes und beriefen ein Konzil in Jerusalem ein. Gemeinsam wurde der Sachverhalt ausgelotet, Erfahrungen ausgetauscht und die Heilige Schrift studiert. Erst nach einem Prozess der intensiven Diskussion, kamen sie zu einem Ergebnis. Es bestand nun Konsens darüber, dass die nichtjüdischen Christen nicht mit den Details des jüdischen Zeremonialgesetzes belastet werden sollten.


Zu dieser weisen und entlastenden Entscheidung kamen die Verantwortlichen, ohne eine besondere Eingebung oder Offenbarung. Man wog auf dem Konzil die einzelnen Fakten ab und traf dann eine Entscheidung. Lukas schreibt: Nachdem wir nun in dieser Frage zu einer einhelligen Auffassung gekommen sind, haben wir beschlossen ... (Apg 15,25a) Geleitet durch den Heiligen Geist kamen wir zu dem Entschluss, euch außer den folgenden Regeln keine weitere Last aufzuerlegen. (Apg 15,28) Die einheitliche Überzeugung war »geleitet durch den Heiligen Geist«. Jakobus, der Leiter des Konzils, hatte die Stimmen der einzelnen Leiter, von Petrus, Paulus und Barnabas und die Lehre des AT zu einem Stimmenkonzert zusammengeführt, in dem eine klare Melodie hörbar wurde. Der Heilige Geist wirkte also durch diese Leute hindurch, was keineswegs strategisches und wohlüberlegtes Handeln ausschließt. Und trotzdem bleibt die Bibel für die Gemeinde Jesu Christi, ebenso wie für unser persönliches Leben, das wichtigste Mittel, um Gottes Willen zu erkennen und seine Führung durch den Heiligen Geist zu erfahren. Denn der Geist breitet die Macht Christi zuerst durch das Wort Gottes aus. Das schließt Ausdrücke wie »das Wort des Herrn«, »das Wort des Heils« und »das Wort des Evangeliums« ein. Überall, wohin die ersten Christen gingen, brachten sie das Wort. (Apg 8,4) Der Heilige Geist macht das Wort lebendig, indem er den biblischen Input zu dem Wort macht, das mich trifft; zu dem Wort, in dem wir uns so erkennen, wie wir wirklich sind. Zu dem einen Wort, das auch eine Gemeinde insgesamt als das Reden des Heiligen Geistes erfassen kann. Der Heilige Geist benutzt das Wort Gottes oft wie einen Spiegel und plötzlich entdecke ich: Ich bin ja gar nicht so liebevoll, freundlich, geduldig und gütig, wie ich gedacht habe. Wer hat diese Einsicht nun bewirkt? Das Wort oder der Geist? Vielleicht ist es uns auch schon so gegangen: Wir haben einen bestimmten Bibeltext schon viele Male gelesen. Und plötzlich springt uns eine Aussage förmlich ins Auge und wird zu einer persönlichen Botschaft, die mich trifft. Wer hat jetzt mit uns gesprochen? Das Wort oder der Geist? Wir merken, man kann und darf es nicht trennen. Der Heilige Geist benutzt das Wort Gottes und erleuchtet damit meine Selbstwahrnehmung. Gottes Geist benutzt die Bibel, um uns die Augen zu öffnen für die Lebensbereiche, in denen ich Veränderung nötig habe. Deshalb schrieb Paulus an Timotheus (2. Tim 3,16): Denn die ganze Heilige Schrift ist von Gottes Geist eingegeben (theopneustos). Sie lehrt uns, die Wahrheit zu erkennen, unsere Schuld einzusehen, uns von Grund auf zu ändern und so zu leben, dass wir vor Gott bestehen können. Sein Wort zeigt uns, wie wir als veränderte Menschen fähig werden, in jeder Beziehung Gutes zu tun. Ganz wichtig: Der Heilige Geist beginnt Veränderungsprozesse meistens mit dem Wort Gottes. Wer aber keinen tiefer gehenden Kontakt mit der Bibel hat, kann darum auch keine Erleuchtung durch den Heiligen Geist erwarten. Christen, die in einer lebendigen Beziehung mit Jesus und im Hören auf das Wort Gottes leben, dürfen auch mit »alltäglichen« Führungen rechnen. Ich bin überzeugt, Gott führt uns durch seinen Geist auch in »unserem Kleinkram«, wenn er mit seinem Reich zu tun hat. Wir lesen z. B., wie der Heilige Geist Paulus und seine Begleiter auf den


Missionsreisen leitete: Apostelgeschichte 16,6: Sie zogen aber durch Phrygien und das Land Galatien, da ihnen vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort zu predigen in der Provinz Asien. Gottes Geist möchte uns führen, ganz besonders, wenn wir sein Reich ausbreiten und Jesus verkündigen. Und er führt uns auch in unserem Alltag, denn auch Paulus schreibt: Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. (Rö 8,14) Allerdings meine ich, manche gehen zu weit, wenn sie mit solchen Sprüchen, wie ich sie schon von geistlichen Leitern gehört habe, morgens vor ihren Kleiderschrank stehen und sagen: »Heiliger Geist, zeige mir, welche Krawatte ich heute anziehen soll.« Dazu braucht es keinen Heiligen Geist! Geschmack und Stil reichen dazu aus. Nun gehen manche so weit, dass sie sagen, der Heilige Geist könne nur in Verbindung mit dem Wort wirken. Schon immer war die Spannung von Geist und Schrift eine höchst brisante Frage in der Kirche. Schon im 4. Jh. gab es so etwas wie pfingstlerische oder charismatische Bewegungen. So z. B. den Priscillianismus in Spanien. Priscillian war ein begüterter, kenntnisreicher Laie, der durch seine packenden Predigten Anhänger einer asketisch-spiritualistischen Frömmigkeit um sich sammelte. Nach seiner Meinung war der Geist weder an die Heilige Schrift noch an das Amt, noch an Kirchenräume oder den Gottesdienst gebunden; vielmehr werde der Heilige Geist aufgrund entschlossener Weltverneinung verliehen. Die offizielle Kirche pflegte mit solchen Querdenkern nicht sonderlich zimperlich umzugehen und so wurde Priscillian mit sechs seiner Anhänger 385 n. Chr. nach Folterung und Geständnis hingerichtet. In der Kirche des Westens bildete sich unter Augustin eigentlich keine eigenständige Lehre vom Heiligen Geist aus (Pneumatologie), sie blieb in der abendländischen Theologie innerhalb der Lehre von der Dreieinigkeit. Erst im Zeitalter der Reformation verschob sich der Akzent. Neu war an der reformatorischen Theologie, dass sie die Heilsfrage und damit Schrift und Predigt ins Zentrum rückte. Von dort fassten die Reformatoren auch die Lehre vom Heiligen Geist neu. Allerdings mussten Luther und Calvin in der Geistfrage an zwei Seiten kämpfen: Die eine Front war die katholische Position mit der Absolutsetzung der Kirche und der Hierarchie als heilsvermittelnde Instanz. Die andere Kampflinie bildete sich gegenüber den von ihnen so genannten »Schwärmern« oder »Schwarmgeistern«, die sich auf direkte Geisteswirkungen und Geistoffenbarungen beriefen. Beide Richtungen wurden als berechtigte Zugänge zum Heil abgewiesen. Luther und Calvin vertraten dagegen – mit leicht unterschiedlichen Nuancen – einen Mittelweg, in der das äußere Wort der Heiligen Schrift als entscheidendes Heilsmittel und leitendes Prinzip mit einem inneren Wirken des Heiligen Geistes zusammengeht. Sie betonten sehr vehement, dass unabhängig von den äußeren Gnadenmitteln (Wort und Sakrament) kein Wirken des Heiligen Geistes zu erwarten sei. Das ist meines Erachtens der Schwachpunkt im Ansatz Luthers und hier löste er sich nicht genügend von der Kirche des Abendlandes, wenn er ausführt, dass der Heilige Geist nicht direkt in Gestalt einer charismatischen Verbindung mit dem Menschengeist wirkt. Der Geist wirkt nach Luther nur indirekt durch das Wort der Schrift, die Predigt und die Sakramente. Die Behauptung direkter Geisteswirkung ist für Luther angemaßte, irreführende »Schwärmerei«. Auch die Täufer


bezeichnete Luther in diesem Zusammenhang als Enthusiasten. Er sagt: »Darum sollen und müssen wir darauf beharren, dass Gott nicht mit uns Menschen handeln will, als durch sein äußerlich Wort und Sakrament. Alles aber, was ohne solches Wort und Sakrament vom Geist gerühmt wird, das ist der Teufel.« Dieses verkürzte Verständnis Luthers vom Wirken des Heiligen Geistes haftet vielen Christen nach meiner Meinung noch sehr an und hat auch evangelische Freikirchen geprägt. Etwas differenzierter sieht es Calvin – und ihm stehe ich persönlich da auch näher –, weil ich denke, dass er besser erfasst, was in den Gemeinden des NT abgebildet ist. Calvin nimmt die reformatorische Neuentdeckung des Heiligen Geistes zentral und konsequent in seine Theologie auf. Er betont wie auch Luther die Rückbindung des Geistes an Jesus Christus und die enge Verbindung von Wort und Geist. Doch anders als Luther ist Calvin bestrebt, dem Geist gegenüber den Heilsmitteln der Schrift und der Sakramente eine größere Eigenständigkeit zu geben. Mit der Lehre vom »inneren Zeugnis des Heiligen Geistes« (testimonium spiritum sanctum internum) betont Calvin die Unverfügbarkeit des Geistwirkens. Im Zeitalter des Pietismus, jener großen Erneuerungsbewegung nach der Reformation, wurde betont, dass es neben dem durch das Wort vermittelten Wirken des Geistes auch ein außerordentliches Wirken im menschlichen Herzen gebe. Der Leiter eines Missionswerkes, das in muslimischen Ländern operiert, erzählte mir einmal, dass dort immer wieder Menschen zum Glauben an Jesus Christus kommen, die plötzlich einen Gedanken im Kopf hatten, den sie nicht mehr loswurden wie z. B.: »Jesus Christus ist Gottes Sohn!« Und dann sind sie dieser inneren Stimme nachgegangen und wurden Christen. Dieser Gedanke kam ihnen ohne Bibel, ohne das Wort, ohne eine Kirche, ohne Sakramente, ohne einen Amtsträger, allein durch das Wirken des Heiligen Geistes an ihren Herzen. Selbst wenn ein Mensch nicht weiß, nach was er sucht, sondern im Tiefsten nur weiß, ich suche nach der letzten Wahrheit für mein Leben, kann Gottes Geist ihn ansprechen. Zentraler Aspekt des Reformprogramms von Philipp Jakob Spener (1635–1705) im Pietismus war der Grundgedanke der Erneuerung der Kirche durch die erfahrbare Lebenskraft des Heiligen Geistes. Der evangelischen Kirche, so Spener, mangele es nicht am Wort, an reiner Lehre, an Predigt und Gottesdienst, sondern am Geist und Glauben. Die Kirche kranke an Geistesmangel, Geistesarmut, ja an Geistlosigkeit. Spener stritt seinerzeit mit Georg Konrad Dilfeld (ca. 1630–1684) um das rechte Theologieverständnis. Dieser hatte »die Theologie als vernünftiges wissenschaftliches Geschäft charakterisiert«. Dilfeld nahm gerade an jener Behauptung Speners Anstoß, dass es keine rechte Theologie gäbe ohne die Erleuchtung durch den Heiligen Geist. Dilfeld unterstellte Speners Theologieverständnis, dass es die rechte Lehre zu wenig gewichte und dem Enthusiasmus den Weg bahne. Spener kam die Auseinandersetzung mehr als gelegen, konnte er doch auf diese Weise eindrucksvoll seine Rechtgläubigkeit nachweisen. Auf den Angriff Dilfelds reagierte er mit einer 700-seitigen Verteidigung Die allgemeine Gottesgelehrtheit aller gläubigen Christen und rechtschaffenen Theologen (Frankfurt a. M. 1680). Hier ließ er die Bibel, Luther, Anhänger der Arndtschen Frömmigkeit und viele bedeutende orthodoxe Theologen zu Wort kommen und unterstrich damit, dass er sich mit


seiner Meinung auf dem Boden der Rechtgläubigkeit befand. Die Quintessenz seiner Arbeit war: Ohne Erleuchtung mit dem Heiligen Geist gibt es keine rechte Theologie. Wir sehen an diesem Gang durch die Geschichte, dass wir diese Spannung von Wort und Geist nicht auflösen dürfen. Gottes Geist spricht und leitet vorrangig durch sein Wort, das ist mir ganz wichtig! Aber sein Geist ist nicht gebunden. Wer das Wort ohne den Geist hat, kommt zu toter Orthodoxie, das zeigen Jahrhunderte der Kirchengeschichte. Wer den Geist ohne Rückbezug auf das Wort betont, verfällt in Schwärmerei. Auch dafür ließen sich genügend Beispiele aus der Geschichte anführen. Eine lebendige Gemeinde muss sowohl eine Gemeinde des Wortes als auch des Geistes sein. Wir dürfen fragen, was will Gottes Geist uns durch sein Wort zeigen? Wie will er uns durch Führungen und Eindrücke lenken? Sind diese im Einklang mit seinem offenbarten Wort oder völlig davon losgelöst? Diesen Fragen dürfen wir nicht ausweichen, wenn wir Gottes Führung erleben wollen. Richard Foster schreibt: »Was uns heute fehlt, ist eine tiefere, gründlichere Erfahrung des ›Gott ist mit uns‹, ein Wissen davon, dass Jesus in der Kraft des Heiligen Geistes zu uns gekommen ist, um sein Volk selbst zu führen.«


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