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Friedrich Aschoff

hinterher gesehen GGE biografie Geistliche Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche


Impressum

Aschoff, Friedrich Hinterher gesehen (GGE Biografie) 1.Auflage 2004 © Geistliche Gemeinde-Erneuerung D-20095 Hamburg, Speersort 10 ISBN 3-9808340-5-0 Verantwortlich für diese Ausgabe: Annette Böckler, Katja Lehmann Satz und Gestaltung: Rotraut Schmara, Michael Winterseel Druck: Grindeldruck, Hamburg


Widmung: Meiner lieben Frau Almut.

Ich danke ihr für ihre Selbstlosigkeit, Geduld und Treue. Sie hat mir im Pfarramt und in der Familie durch ihren Einsatz als „Libero“ den Rücken frei gehalten und die „Bälle“ abgewehrt, die aufs Tor gegangen sind. Ohne sie hätte ich auf diesem Weg nicht voran gehen können. Ganz herzlich danke ich Frau Annette Böckler und Frau Katja Lehmann für die sprachliche Bearbeitung und Durchsicht der Texte sowie für die Ermutigung meine geistlichen Erfahrungen als Buch zu publizieren.


Inhalt Einführung .......................................................................................... 6 Neues Leben im Heiligen Geist – Die Anfänge ................................. 9 Lilien auf dem Felde – Die Jesus-People aus dem Dorf von nebenan 12 Ein lebendiges Wunder – Wie Gott für Gretchen vorsorgte ............... 16 „Wo ist denn mein Alexander?“ – Eine Busreise nach England ....... 18 Wie verhindert man einen Frontalzusammenstoß? – Ein warnender Traum ......................................................................... 21 Die knallrote Tür – Erste Bekanntschaft mit dem Sprachengebet ...... 23 Und ann sollte ich auch noch singen – Mein Einstieg in das Sprachengebet ....................................................................................... 27 Neues in Form und Stil – Charismatischer Gottesdienst .................... 31 „Dass Sie an mich gedacht haben!“ – Das erste Glaubensseminar .... 34 Die Schweinsblase – Ein hilfreicher Gebetseindruck .......................... 37 Die rostige Wasserleitung – Einübung und Wertschätzung des prophetischen Redens ............................................................................ 39 Axiom des Glaubens – Eine hilfreiche Begegnung.............................. 43 Kurier der Kirche – Als Überbringer geheimer Botschaften in Berlin ................................................................................................. 46 Der Stufenführerschein – Appell an den Bundestag ........................... 50 Von Gott in die Pflicht genommen – Erste Erfahrungen mit Gebetsheilungen ..................................................................................... 53 „Ihr betet doch für Kranke!“ – Gott heilt unterschiedlich, aber er heilt wirklich .......................................................................................... 57 Filipo Pace – Ein Leben für die Verkündigung ................................... 60 „Tu das Buch weg!“ Begegnung mit einem Dämon ............................ 72 „Gib mir auch einen Schlüssel!“ – Befreiungsdienst – eine neue Herausforderung ................................................................................... 76 John Wimber – Vielfältige charismatische Impulse für ganz Deutschland .......................................................................................... 80 Gesegneter Wein – Die Kraft des heiligen Abendmahls .................... 87 „Wir schießen nicht auf Christus!“ Die Ehrfurcht eines russischen Offiziers vor dem heiligen Abendmahl ........................................................................................ 91 Gläubiger Ungehorsam – Grenzüberschreitungen ............................. 94 Vergebung heilt Wunden – Die Aktion „Versöhnungs-Wege“ ............ 97 4


Mit Donner und Blitz – Versöhnungs-Weg wurde vom Himmel gesegnet ................................................................................................. 101 Der Ort, wo die Hölle einen Namen hat – Versöhnungs-Weg nach Oradour.......................................................................................... 102 Stellvertretende Buße – Reflexion ....................................................... 106 Es riecht nach Erweckung – Alpha-Kurs im Dorfgasthof .................. 109 Zeichen setzen – Ein Kreuz im Herzen Deutschlands ......................... 112 Wofür steht das Kreuz? – Eine Gebetshilfe ....................................... 115 „Nimm sein Bild in dein Herz“ – Geistliche Deutung von Rembrandts Gemälde: Die Rückkehr des verlorenen Sohnes ............... 118 Na bravo! – Deutschland – ein heidnisches Land mit christlichen Restbeständen ........................................................................................ 121 Die Partitur wird im Himmel geschrieben – Miteinander auf dem Weg zu geistlicher Einheit .................................................................... 123 Schlusswort – Gott ist unterwegs – er erneuert seine Kirche ............... 126 Kurzbiografie ....................................................................................... 127 Von Friedrich Aschoff (mit-)verfasste Bücher ..................................... 127

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Einführung Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN. Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme dessen erbarme ich mich. Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf einem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen, aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“ (2. Mose 33,18–23) Lange habe ich überlegt, wie ich dieses Buch nennen soll. Es soll weder eine echte Autobiographie sein, noch erhebt es den Anspruch einer theologischen Betrachtung. Ich will vielmehr einige Ereignisse und Erfahrungen aus meinem persönlichen Leben und aus der Zeit als Pfarrer in der Pauluskirche Kaufering und in der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung beschreiben und deuten. Am ehesten beschreibt der Begriff „hinterher sehen“ bzw. „hinterhersehen“ den Vorgang, der diesem Buch zugrunde liegt. Es gibt ein Hinterhersehen und ein Hinterher - Sehen. Bei Ersterem handelt es sich um ein staunendes, verwundertes Nachblicken und Nachdenken über das Geschehene; bei Letzerem um ein nachträgliches Erkennen von Ereignissen, bei denen die Güte und Freundlichkeit Gottes an uns vorüber gezogen ist. Vieles in unserem Leben erkennen wir ja erst hinterher, erst im Reflektieren und Nachsinnen. In den Augenblikken, wo es geschieht, sind wir oft viel zu sehr mit den Ereignissen selbst und mit uns beschäftigt. Erst sehr viel später habe ich Dinge begriffen, in denen ich die Handschrift Gottes erkannt habe. Davon möchte ich hier berichten. Ich will Mut machen, dass auch Sie sich auf die Spurensuche begeben. Auch im Leben des Mose gab es ein Ereignis, in dem er Gott nur hinterher sehen durfte. Mose hatte eine einzigartige, tiefe Erfahrung mit Gott gemacht. Er hatte zu Gott geschrieben und Gott hatte ihm geantwortet. Mose war verzweifelt über die Anbetung des Goldenen Kalbes und den Bundesbruch des Volkes. Er hatte Gott sein Leben als Sühne angeboten, aber Gott hatte es nicht angenommen. Das war einem anderen, nämlich Jesus, 6


vorbehalten. Aber Gott ehrt Mose durch eine besondere Gotteserfahrung. Er spricht zu ihm und Mose kann ihn hören. „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden!“ Mose wird immer kühner und bittet schließlich: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Doch genau das kann Gott nicht zulassen. Selbst Mose kann Gott nur hinterher sehen. Eine ganz erstaunliche Geschichte. Aber ist es nicht – in abgeschwächter Form – auch unsere Geschichte? Wir können aus dieser Geschichte sehr viel lernen. Zum Beispiel die dramatische, bedrängende Art, wie Mose mit Gott spricht. Martin Luther hat dieses Gespräch als ein Beispiel für rechtes Beten verstanden. Wer so betet, so verzweifelt und engagiert, der wird von Gott nicht ohne Antwort gelassen. Als wir um das Leben unseres Freundes Filipo Pace gebangt haben, da hat eine Frau aus Marktoberdorf in dieser Weise gebetet. Filipo kehrte ins Leben zurück. Gott erhörte dieses verwegene Gebet, das theologisch „unmöglich“ war. Wir dürfen Gott an seine Zusagen erinnern und sie für uns in Anspruch nehmen. Auch Jesus macht in dem Gleichnis von der „bittenden Witwe“ Mut, in unserer Verzweiflung so mit Gott zu reden. Mose gibt sich nicht zufrieden, er will noch mehr. Er will die volle Sicherheit. Er will nicht nur Gottes Versprechen, er will Gottes Herrlichkeit sehen. Das bedeutet, er will Gott in seinem innersten Wesen erkennen. „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!“ Doch diese Bitte erfüllt ihm Gott nicht. Gott in seinem tiefsten Wesen zu erkennen, das steht uns Menschen nicht zu. Wir würden daran zugrunde gehen. Der Wunsch des Mose drückt die alte Sehnsucht des Menschen aus, das Übersinnliche und Numinose (tremendum et numinosum) zu erkennen. Es fasziniert uns und erschreckt uns zugleich. Gott selbst stellt hier eine Grenze auf. Er kennt die Gefahren, die hier liegen. Einerseits die Gefahr des „Verbrennens“, andererseits die Gefahr, dass wir unsere Gottesbilder für Gott selbst halten. Letzteres wurde zu einer der Wurzeln des modernen Atheismus. Der Philosoph Ludwig Feuerbach (1804–1872) formulierte die These: Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde. Er stellte damit die Aussage der Bibel auf den Kopf: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Wo Menschen ihre eigenen Gottesbilder und Gottesvorstellungen zur letzten Wahrheit erklären, dort liefern sie den Gottesleugnern die allerbesten Argumente. Doch Gott ist größer und spottet ihrer. Dafür liefert unser Leben, wenn wir es aufmerksam betrachten, immer wieder seine Beispiele. Auch wir können Gottes Wirken und Walten immer nur hinterher sehen. Wir erleben ihn, wenn er an uns gehandelt hat. Wenn er gleichsam an 7


uns vorübergezogen ist. Sein Angesicht, sein innerstes Wesen können wir nicht schauen und erkennen. Auch beim Hinterher-Sehen gibt es die Einschränkung: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig.“ Es ist alles andere als selbstverständlich, dass wir Gottes Spuren im Sand unseres Lebens erkennen. Nur der, der von Gott in irgendeiner Weise tief angerührt ist, wird etwas von Gott erspüren. Den meisten bleibt Gott verborgen. Es ist und bleibt eine Gnade Gottes, diese Spuren im Leben zu erkennen. Dem Glaubenden ist geschenkt, dass er Gottes Wirken in seinem Leben wahrnimmt. Er glaubt daran und weiß trotzdem, dass er dieses Wirken Gottes zwar bezeugen, aber nicht beweisen kann. Dies gelingt ihm nur dort, wo Gott auch den anderen innerlich darauf vorbereitet hat. Dies ist eigenartig, aber es entspricht dem Handeln Gottes, wie wir es aus der Bibel erfahren. Gott handelt nie so mit uns, dass wir ihn beweisen oder in den Griff bekommen könnten. Im besten Fall können wir seine Spuren erkennen und ihm hinterhersehen. Dies will ich mit diesem Buch bezeugen. Gott ist näher, als wir denken, aber zu weit entfernt, als dass wir ihn theologisch in ein System fassen könnten. Machen Sie sich auf die Spurensuche in Ihrem Leben! Sie werden staunen, was da alles zutage kommt.

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Neues Leben im Heiligen Geist Die Anfänge Im Herbst 1972 begann in der evangelischen Kirchengemeinde in Kaufering bei Augsburg etwas, das die Züge einer kleinen Erweckung an sich trug. Menschen begeisterten sich für Jesus und fingen an, ihr Leben am Evangelium neu zu orientieren. Es begann mit Manfred, einem sonst eher zurückhaltenden Schüler der 11. Klasse des Dominikus-Zimmermann-Gymnasiums, und Ellen von Schnurbein, einer älteren Dame. Beide fragten immer wieder, was ich von der Gruppe „Jugend mit einer Mission“ hielt, die im Sommer 1972 kurz vor den Olympischen Spielen in München in das Schloss Hurlach eingezogen war. Unvorsichtigerweise versprach ich beiden, mir selbst ein Bild zu machen. Als sie zum dritten Mal nachgefragt hatten, wurde es mir sehr peinlich, dass ich immer noch nicht dort gewesen war. Also fuhr ich etwas unwillig und mit innerer Abneigung dorthin. Was sollte schon von Amerikanern Gutes kommen? Durch den sehr freundlichen Empfang und die Zeit, die man mir widmete, wurde ich versöhnlicher gestimmt. Ich wurde neugierig, blieb aber auf der Hut. Immerhin erlebten damals die verschiedensten Jugendsekten eine große Blüte. Besonders die MunSekte war in unserer Gegend sehr aktiv. Als Pfarrer waren wir gewarnt worden, besonders wachsam zu sein. Durfte ich meinem ersten positiven Eindruck trauen? So ließ ich mich ein zweites Mal einladen und nahm auch noch eine Kirchenvorsteherin mit. Gemeinsam besuchten wir im Januar 1973 einen Vortrag, in dem über eine Erweckung in Südkorea berichtet wurde. Davon hatte ich damals noch überhaupt nichts gehört. Beeindruckend war an jenem Abend nicht der Vortrag, sondern die temperamentvolle Gebetszeit. Hier wurde in vielen Sprachen gemeinsam und zum Teil gleichzeitig gebetet. Auf dem Heimweg unterhielten wir uns über den Abend. Auch die Kirchenvorsteherin, eine sehr nüchterne Frau, hatte einen positiven Eindruck von „Jugend mit einer Mission“ gewonnen. So beschlossen wir, einige „Hurlacher“ in unsere Jugendgruppe einzuladen. Sie sollten aus ihrem Leben erzählen, wie sie zu Christus gefunden hatten. Doch dann passierte das Überraschende: Statt der erwarteten drei jungen Leute kamen dreißig. Sie erzählten auf Englisch, Holländisch und Deutsch, sangen ihre Lieder und beteten. Am Ende des Abends der nächste Schock: Sieben unserer Jugendlichen baten mich, auch in Kaufering eine „Betstunde“ einzurichten. Ich fiel aus allen Wolken und 9


konnte mir gar nicht vorstellen, was Jugendliche am Beten begeistern könnte. Da ich aber keinen plausiblen Grund fand, diese Bitte abzuschlagen, stellte ich eine Bedingung: „Da will ich mit dabei sein!“ Diese Kröte mussten sie schlucken! Zu meinem Erstaunen willigten sie sofort ein. So saß ich dann mehrere Wochen lang als Beobachter dabei. Ganz allmählich wechselte ich meine Position. Aus einem skeptischen Beobachter wurde ein Teilnehmer, der sich selbst an der Gebetsgemeinschaft beteiligte. Den Wandel hatten vor allem unsere Jugendlichen, die ich zum Teil als Schüler im Unterricht der Hauptschule „genoss“, bewirkt. Es waren sogar regelrechte Rüpel darunter, die sich vorher oft danebenbenommen und keinerlei Interesse für das Fach Religion gezeigt hatten. Auf einmal fingen sie an, die Bibel zu lesen, ihre Aggressivität abzulegen und sogar hilfsbereit zu werden. Man sollte meinen, dass ihre Eltern darüber hoch erfreut waren. Keineswegs alle. Eine empörte Mutter rief mich an und forderte mich ultimativ auf, ihrem Sohn die Gebetsstunde zu verbieten. Sie war besorgt, dass ihr Sohn zu fromm würde. Es sei ihr lieber, er würde sich richtig betrinken, als dauernd in der Bibel zu lesen – das sagte sie wörtlich. Zum ersten Mal bekam ich eine Ahnung, dass das Evangelium keineswegs nur freudige Zustimmung findet, sondern als Bedrohung aufgefasst wird. Ja, dass es so etwas wie eine Trennung in Familien bringen kann. Zum Glück konnte ich die Eltern überzeugen, indem ich sie nach den Veränderungen im Leben ihrer Kinder befragte. Sie mussten zugeben, dass sie tatsächlich freundlicher und hilfsbereiter geworden waren, auch wenn sie sich hartnäckig weigerten, das Bibellesen sein zu lassen. Bald nahmen auch die älteren Gemeindeglieder diese Veränderungen wahr und freuten sich darüber. Sie fingen an, sich für das zu interessieren, was die jungen Leute so faszinierte. Sie baten darum, einen Bibelund Gebetskreis einzurichten, aber sie wollten es nicht so „amerikanisch“ haben. So suchten wir nach einem Vorbild in Deutschland. Wir wurden auf das Schloss Craheim verwiesen, wo es Seminare gab mit dem Thema: „Neues Leben im Heiligen Geist“. In den Osterferien fuhr Helga, eine Lehrerin, dorthin und kam völlig verändert zurück. Sie strahlte und konnte gar nicht aufhören, von dieser Tagung zu schwärmen. Bald danach fuhren ihre Mutter, die unseren Singkreis leitete, und meine Frau nach Craheim – mit ganz ähnlichem Ergebnis. Sie hatten etwas gefunden, das wir ihnen nicht geben konnten: Eine tiefe Freude am Glauben. Mit Begeisterung sangen sie die neuen Lieder und erlebten, dass die „Freude am Herrn ihre Kraft“ wurde. Heute weiß ich,

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dass die Liebe Gottes in ihr Herz gekommen war, durch den Heiligen Geist (Römer 5,5). Um diesen Kern sammelten sich bald eine Reihe von jungen Ehepaaren, die ebenfalls anfingen, die Bibel in einer sehr persönlichen Weise zu lesen und zu verstehen. Ich musste zwar als Theologe umdenken, aber diese Art des Bibellesens gefiel mir. Jeder steuerte etwas zum Verstehen bei und ich war fasziniert über den Reichtum, der hier zutage kam – aus dem einfachen Gedanken heraus, die Bibel wieder wörtlich zu nehmen, und aus der verblüffend praktischen Art, dies umzusetzen. Selbst meine Predigten profitierten davon, wurden praktischer und lebensnaher. Aus dem verkopften Theologen wurde allmählich ein auch in seinen Gefühlen von Gott Ergriffener. Eines Tage meldete sich eine kleine Delegation aus dem Schloss Hurlach an, um mit mir zu reden. Die Besucher wollten meine theologische Einstellung kennen lernen und stellten viele Fragen. Erst später wurde mir deutlich, dass sie mich prüfen wollten. Dann sprachen sie vom Wirken des Heiligen Geistes und von der Erfüllung mit dem Heiligen Geist. Sie fragten mich, ob ich mich nach dieser Erfüllung ausstrecke. Als ich bejahte, fingen sie an für mich zu beten und ich spürte mich seltsam bewegt. Tränen flossen aus meinen Augen. Es waren Tränen der Freude und der Ergriffenheit. Natürlich war es mir sehr peinlich, meine Bewegung nicht unterdrücken zu können, ohne dabei das Gefühl der Nähe Gottes zu verlieren. Meine Besucher deuteten diese Ergriffenheit als Teil der Geisterfüllung und freuten sich darüber. Ich selbst konnte meine Gefühle noch nicht richtig einschätzen. Vor allem aber wollte ich wissen, wie man das theologisch einordnen kann, was ich hier erlebt hatte. Einen ersten Hinweis erhielt ich aus dem Buch von Arnold Bittlinger „Im Kraftfeld des Heiligen Geistes“ (siehe Kapitel „Und dann sollte ich auch noch singen!“).

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Lilien auf dem Felde Die Jesus-People aus dem Dorf von nebenan Das Dorf Hurlach liegt sieben Kilometer nördlich von Kaufering am Rande des Lechfelds. Der Ort wird überragt von einem ehemaligen Fuggerschloss, das die Familie von Schnurbein Ende des 19. Jahrhunderts erworben hatte. Nach dem Krieg war es für einige Jahrzehnte wieder das Zentrum der großen Familie geworden. 1962 hatte der „Baron“, wie Herr von Schnurbein respektvoll genannt wurde, das große Herrenhaus an „SOS Kinderdorf“ verkauft und sich in ein kleineres Gutshaus zurückgezogen. Die Organisation „SOS Kinderdorf“ stellte jedoch bald fest, dass das Haus für ihre Zwecke wenig geeignet war, und versuchte es weiterzuverkaufen. Während der Olympischen Spiele von München im Spätsommer 1972 mietete „Jugend mit einer Mission“ (abgekürzt JmeM) das Schloss, um es als Quartier für seinen evangelistischen Einsatz zu nutzen. Über eintausend junge Menschen lebten in diesen Wochen in den Schlossgebäuden und in Zelten auf der großen Wiese. Mit Zurückhaltung verfolgte die Dorfbevölkerung das fremdartige Treiben, das damit in ihr Dorf eingezogen war. Viele hofften, dass bald die alte Ruhe wieder einkehren würde. Doch nach den Spielen blieben über hundert junge Leute im Schloss. Sie nahmen an einer Art „Jüngerschaftsschule“ teil. Überall im Dorf konnte man den jungen Leuten aus vielen Ländern begegnen. Natürlich fielen sie sofort auf. Schon ihre Kleidung verriet sie. Die Mädchen trugen knöchellange Röcke und die jungen Männer hatten meistens schulterlange Haare. Der Großteil von ihnen sprach nur Englisch. Ganz wenige konnten sich auf Deutsch verständigen. Darunter waren einige Holländer, die früher im Musical Hair mitgesungen hatten. Trotz ihres freundlichen und höflichen Benehmens hielt die Zurückhaltung im Dorf an. Die Gegensätze waren doch zu groß, besonders zum katholischen Dorfpfarrer, der bald schon vor den Sektierern warnte. Tatsächlich waren die jungen Leute für deutsche Verhältnisse schwer einzuordnen. Die meisten der neuen Schlossbewohner kamen aus den USA, wo die konfessionelle Zuordnung ohnehin lockerer gesehen wurde. Immer wieder hörte man die Worte: „Wir sind überkonfessionell“. Am ehesten konnte man sie der „Jesus-People-Bewegung“ zuordnen, von der man in den Jahren zuvor schon einiges hatte lesen können. In meinem letzten Vikarsjahr in Fürth/Bayern hatte mir die Heimleiterin des dortigen Waisenhauses einen aufregenden Artikel über die JesusPeople in einer großen Illustrierten zu lesen gegeben. Eine Erweckung 12


unter jungen Leuten in unserer Zeit! Wenn es doch so etwas auch in Deutschland gäbe! Als ich die ersten Anfragen über Hurlach bekam, war ich sehr unsicher, wo diese jungen Leute geistlich anzusiedeln seien. Immerhin kamen ja auch aus den USA immer neue Jugendsekten in unser Land. Die Landeskirchen richteten daraufhin die Stelle von Sektenbeauftragten ein, die die Szene beobachten und besorgte Eltern beraten sollten. Ich selbst sehnte mich nach einer Erweckung in unserem Land. So wie sich die kirchliche Situation darstellte, brauchten wir dringend einen geistlichen Aufbruch. Sollten die Jesus-People aus dem Dorf von nebenan Vorboten einer Erweckung sein? Einiges wies darauf hin. In unserer Kauferinger Gemeinde fingen einige Jugendliche an, Feuer zu fangen. Ich musste mich dringend besser über diese Gemeinschaft informieren: Welchen geistlichen Ursprungs waren sie? Welches waren ihre Ziele? Bei meinen Besuchen fielen mir drei Dinge besonders auf: Erstens: Ihre Lieder. Mit ihren Liedern öffneten sie die Herzen ihrer Besucher. Die einfachen Melodien kamen an. Nur musikalische Ästheten und Kirchenmusiker rümpften die Nase, diese Melodien waren ihnen zu einfach. Mit ihren Liedern, die durch ihre evangelistischen Einsätze bald im ganzen Land bekannt wurden, verbanden sie Menschen aus den vielen kirchlichen Traditionen. Bald konnten Christen aus den verschiedensten Kirchen und Gemeinschaften miteinander dieselben Lieder singen. Und Singen schafft Einheit und verbindet. Bisher hatte jede Gruppierung ihre eigenen Lieder. Kaum einer kannte die Lieder der anderen. Dies trug zu einer weiteren Entfremdung bei. Hier war es genau umgekehrt. Die eingängigen Lieder, die zudem oft wiederholt wurden, prägten sich schnell ein und jeder war in der Lage, sie mitzusingen. Zudem hatte „Jugend mit einer Mission“ (JmeM) eine Reihe sehr begabter Liedermacher und Interpreten, wie Jim Mills und Marion Warrington. Beide sind Personen mit großer geistlicher Ausstrahlung und Überzeugung. Mit dem Liederbüchlein „Das gute Land“ war ihnen ein Volltreffer gelungen. Heute sind die Lieder von JmeM nicht mehr aus dem Liedgut vieler Gemeinden wegzudenken. Einige Lieder wie „Die Herrlichkeit des Herrn bleibe ewiglich“ sind inzwischen sogar in das neue Gesangbuch der EKD aufgenommen worden. Der zweite Verdienst dieser Lieder – neben der verbindenden Kraft – besteht darin, dass sie ein lang vergessenes Thema wieder aufgriffen: den Lobpreis und die Anbetung Gottes – um seiner selbst willen. Neben den Verkündigungsliedern der Evangelikalen erklangen jetzt immer mehr Lieder

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zur Anbetung und zur Ehre Gottes. Eine dringend notwendige Ergänzung. Zweitens: Die Jüngerschaftsschule. Aus Amerika hatte „Jugend mit einer Mission“ den Gedanken einer Jüngerschaftsschule mitgebracht. Einübung in das christliche Leben ganzheitlich und nicht nur theoretisch. Was an unseren Universitäten – und auch an vielen Bibelschulen – weitgehend fehlte, wurde hier praktiziert. Den geistigen Vorsprung vieler deutscher Theologen machte JmeM durch die praktische Einübung in christliches Leben mehr als wett. Dabei ist der Gedanke der Jüngerschaft bei Jesus selbst zu finden. Er hat mit seinen Jüngern drei Jahre lang das Leben geteilt und ist mit ihnen durchs Land gezogen. Er hat ihnen vorgelebt, wie sie handeln und reagieren sollten. Er hat sie gelehrt und auch ganz praktisch an die Hand genommen. Jesus hat sie zu zweien ausgesendet und dann ihre Berichte gehört, sie ermutigt und korrigiert. Es war eine Art Charakterschulung, die neben der Lehre geschah. Es ging nicht nur um theoretisches oder theologisches Wissen, sondern auch um dessen praktisches Umsetzen in den konkreten Lebenssituationen. Lernen und Leben gehörte früher auch bei uns zusammen. Erinnerungen an solche Lebens- und Ausbildungsgemeinschaften finden wir noch in manchen Volksliedern, wo der Handwerksgeselle von seinem Meister Abschied nimmt. Lebensformen, die unserer Zeit auch gut tun würden. Nach diesem Prinzip der Jüngerschaft waren die Jüngerschaftsschulen aufgebaut. Am Ende einer solchen halbjährigen Zeit schloss sich ein Einsatz auf dem Missionsfeld in anderen Ländern an, was noch einmal einen besonderen Reiz darstellte. In Hurlach haben viele, die jetzt zu geistlichen Leitern geworden sind, eine solche Jüngerschaftsschule erlebt. Mir hat der Gedanke der Jüngerschaftsschule immer eingeleuchtet, zumal ich in der Zeit meines Studiums nichts Vergleichbares angeboten bekommen hatte. Drittens: Der selbstlose Dienst. Die Gemeinschaft „Jugend mit einer Mission“ zeichnet sich bis heute darin aus, dass sie eine echte Dienstgemeinschaft geblieben ist. „Friedrich, wir wollen dir dienen“, sagten die ersten Mitarbeiter, die einmal in der Woche zu uns nach Kaufering kamen. Sie arbeiteten unentgeltlich in der Jugendgruppe mit. Sie spielten Gitarre und leiteten unsere jungen Leute im Gebet und Lesen der Bibel an. Vor allem aber bauten sie Freundschaften auf, was für junge Menschen im Teenageralter besonders wichtig ist. Sie halfen mir bei den Konfirmandenrüstzeiten und besuchten auch unsere ganz normalen Gottesdienste. Oft kamen auch größere Gruppen aus dem Schloss, die unserer Gemeinde einen exotischen Touch gaben. Manches musste die Stammgemeinde auch verkraften. Befremdlich war, dass 14


unsere Gäste aus Übersee beim Vaterunser nicht ihre Hände falteten, sondern sie lässig in den Hosentaschen beließen oder hinter ihrem Rücken verschränkten. Der Dienstcharakter aber blieb immer erhalten. Es waren keinerlei Hintergedanken zu erkennen. Nie bestand die Absicht, eigene Gemeinden zu gründen oder Menschen von uns abzuziehen. Ihre eigenen gut besuchten Gottesdienste wurden eines Tages eingestellt, um den Schülern im Schloss die Gelegenheit zu geben, eine Gemeinde ihrer Wahl zu besuchen. Ganz ähnlich erfuhren es viele Gemeinden im ganzen Land. „Jugend mit einer Mission“ wirkt seit mehr als dreißig Jahren im Segen für viele landeskirchliche und freikirchliche Gemeinden im ganzen Land. Viele wertvolle Impulse sind in tausende von Gemeinden gegangen und tragen die Sehnsucht nach einer Erweckung in sich. Lilien auf dem Felde, so nannte der alte Baron von Schnurbein die Leute, die in sein Schloss eingezogen waren. Es blieb ihm ein Rätsel, wie eine so große Gruppe nur von Spenden leben konnte. Mussten dahinter nicht sehr reiche Geldgeber aus den USA stehen? Wovon lebt ihr? Wer bezahlt euch? Das waren daher auch die häufig gestellten Fragen. Es ist in Deutschland noch immer kaum begreiflich, dass sich Menschen ihren Glauben so viel kosten lassen und bereit sind, dafür Opfer zu bringen. Inzwischen weiß ich, wie entbehrungsvoll viele von ihnen leben und wie sie immer wieder erfahren dürfen, dass sie der himmlische Vater dennoch ernährt und kleidet (Matthäus 6,25–30). Die Lilien auf dem Felde machen das Leben erst schön. Es ist ein Leben, das nicht nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesehen werden kann, sondern das auch mit Wundern Gottes rechnet, selbst in unserer Zeit.

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Ein lebendiges Wunder Wie Gott für Gretchen vorsorgte Gretchen Boyd war die Tochter des ersten Leiters von „Jugend mit einer Mission“ in Deutschland, David Boyd, und dessen Frau Carol. Erstaunlicherweise trug das Kind den echt deutschen Vornamen Gretchen. Ein Name, der hier nur noch aus der Literatur bekannt ist. Wir kannten Gretchen gut, da sie damals mit unserem Sohn Christian den evangelischen Kindergarten in Landsberg besuchte. In ihrer Begleitung war meistens Tommy, ein aufgeweckter, unternehmungslustiger Junge gleichen Alters. Wir hatten eine Fahrgemeinschaft gebildet, um die Kinder nach Landsberg zum Kindergarten zu fahren. Beide Kinder sprachen schon nach kurzer Zeit gut Deutsch und fühlten sich hier wohl. Über die Kinder hatten wir bald auch näheren Kontakt zu den Eltern, die ausgesprochen sympathisch waren. Sue war in Neuseeland Krankenschwester gewesen, ehe sie mit „Jugend mit einer Mission“ nach Deutschland kam. Hier hatte sie ihren Mann Brian kennen gelernt und geheiratet. Nach einem Jahr stellte sich ihr erstes Kind ein. Sie genoss diese Zeit als junge Mutter und war dankbar, für ihr Kind viel Zeit zu haben. Wie an jedem Morgen hielt sie auch an jenem denkwürdigen Tag ihre Stille Zeit ab. Sie hatte gerade im Buch des Propheten Nahum gelesen und war über einen Satz gestolpert, der ihr nicht mehr aus dem Sinn ging: Es wird gegen dich heraufziehen, der dich zerstört. Bewahre die Festung! Gib Acht auf die Straße, rüste dich aufs beste und stärke dich aufs Gewaltigste. (Nahum 2, 2) Je länger Sue über diese Worte nachdachte, umso beunruhigender erschienen sie ihr. Was konnte das bedeuten: Gib Acht auf die Straße und rüste dich aufs Beste …? Es sollte nicht lange dauern, bis sie den Sinn verstand. Zur selben Zeit nämlich war Gretchen mit Tommy im Dorf Hurlach unterwegs. Tommy rannte über die Straße und Gretchen folgte ihm. Dabei wurde sie von einem Auto erfasst und viele Meter durch die Luft geschleudert. Schwer verletzt und blutend lag sie bewusstlos auf der Straße. Doch Gretchen hatte Glück im Unglück: Nur wenige Schritte von ihr entfernt fuhr Sue Pollard gerade ihr erstes Kind im Kinderwagen aus. Als ausgebildete Krankenschwester mit vielen Jahren Berufserfahrung stürzte sie sofort zu dem verletzten Kind und leistete erste Hilfe. Mit dem Zeigefinger öffnete sie Gretchens Mund und beseitigte Blut 16

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