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Annette Busch & Christa Merhof WEGE ZUM MESSIAS


Annette Busch & Christa Merhof

Wege zum Messias

Musikalische und geistliche Anregungen zum Oratorium von Georg Friedrich H채ndel


Über die Autorinnen: Dr. Annette Busch ist Gymnasiallehrerin (Musik und Französisch), singt in der Kantorei der Hermannsburger Peter-Paul-Gemeinde und bietet in der Kommunität Koinonia Stille Stunden an. Sie hat an drei Aufführungen des „Messias“ als Geigerin und Chorsängerin mitgewirkt. Christa Merhof hat Schulmusik und evangelische Theologie studiert. Die Mutter zweier erwachsener Kinder ist selbständige Musiklehrerin, Referentin und geistliche Begleiterin. Den „Messias“ hat sie unter verschiedenen Dirigenten gesungen.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 978-3-86827-076-1 Alle Rechte vorbehalten © der deutschsprachigen Ausgabe 2009 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Cover- u. Symbolentwurf: Jens-Christian Merhof Coverbild: Indischer Künstler Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: Bercker Graphischer Betrieb, Kevelaer www.francke-buch.de


Inhaltsverzeichnis Vorwort .................................................................................. 8 Viele Wege führen zum Messias ............................................... 10 Das Bild des Messias im Oratorium ........................................... 12 Teil 1 – Nr. 1-19 .................................................................. 25 Teil 2 – Nr. 20-42 .................................................................. 87 Teil 3 – Nr. 43-52 ................................................................ 167 Zur Symbolik in der Offenbarung des Johannes ...................... 206 Künstlerstimmen ................................................................. 211 Notenbeispiele .................................................................... 228 Fachwortverzeichnis ............................................................. 235 Die Autoren ......................................................................... 239 Anmerkungen ...................................................................... 244


F端r Kristina und Jens-Christian F端r Doris, Dorothea und Bernd


Im Händeljahr 2009 wird der Messias so viele Aufführungen erleben wie selten, und dies das ganze Jahr über, wie es seinem Inhalt entspricht. Geht es doch im Oratorium um das, was der Messias des Alten bzw. der Christus des Neuen Testaments für die Menschen getan hat. Das spiegelt sich auch im Ablauf des Kirchenjahres wider: Advent und Weihnachten, Passion und Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten – Ankunft und Geburt, Leiden und Auferstehung, Himmelfahrt und Ausgießung des Heiligen Geistes. Dass gerade jetzt ein Buch über Musik und Text dieses Oratoriums erscheint, ist mir eine besondere Freude. Es verheißt manche Anregung für die Einstudierung dieses Werkes. Ich wünsche dem Buch, dass seine Anregungen Musiker wie Hörer ansprechen und zu Herzen gehen, wie es die Musik dieses Oratoriums bis heute vermag. Möge es viele Chorsänger, Chorleiter und Hörer bereichern.

Prof. Siegfried Heinrich Künstlerischer Leiter der Festspielkonzerte und Opernfestspiele in der Stiftsruine, Bad Hersfeld

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Vorwort 250 Jahre nach dem Tod von G. F. Händel erscheint ein Buch über sein berühmtestes Werk, das Oratorium „Der Messias“, das vielleicht am häufigsten gehörte kirchenmusikalische Werk der Welt. Was kann dieses Buch im Händeljahr 2009 sagen, was nicht schon gesagt wäre? Welchen Beitrag möchte das Autorenteam zu diesem Jubiläum leisten? Weder einen musik- noch einen theologiewissenschaftlichen. Vielmehr möchten wir eine Brücke schlagen zwischen Musik und Text, zwischen Hörer und Gehörtem. Aus ganz individueller Perspektive finden Sie hier zu jedem Stück des Oratoriums Hinweise für ein vertieftes Verständnis der Musik sowie geistliche Anregungen, Händels Musik im eigenen Herzen nachklingen zu lassen. Die Autoren – Musiker, Theologen und musikbegeisterte Christen – bilden ihre je eigene Stimme in einem Chor von Menschen, in deren Leben der Messias Spuren hinterlassen hat. Sie wollen mit ihren Beiträgen wiederum Fährten legen, die Ihren eigenen Zugang zu ihm inspirieren können. Ein Buch für Liebhaber des Messias und für solche, die es im Händeljahr werden könnten: CD-Hörer und Konzertbesucher, Musiker und Chorsänger, Theologen und Nichttheologen, Menschen mit unterschiedlichsten musikalischen Voraussetzungen – und für alle, denen die geistlichen Betrachtungen Anregung und Trost sein können. Wenn Sie also gerade in diesem Jahr musikalisch aktiv mit dem Werk beschäftigt sind, wenn Sie sich mit dem Jubilar auf diesem Weg bekannt machen wollen oder Andachten über 52 Stücke für das ganze Kirchenjahr suchen, wenn Ihnen tägliche Musikmeditationen für die Passionszeit willkommen wären oder wenn der Messias in Retraiten oder Exerzitien Seele und Geist tiefer erreichen soll, dann wird dieses Buch ein Gewinn sein. 8


Vielleicht sind Sie auch einfach nur neugierig, was über 20 Autoren für ein facettenreiches Bild des Messias vor Augen stellen. Wir wünschen uns, dass Sie die Musik in ihrer speziellen Sprache noch tiefer verstehen. Dazu dienen die analytischen Hörhinweise, die Schwerpunkte setzen und textbezogen sind. Ein für jeden verständliches Fachwortverzeichnis und Notenbeispiele finden Sie dazu auf den letzten Seiten des Buches. Wir wünschen uns aber vor allem, dass Sie innerlich vom Messias berührt und durch die geistlichen Impulse angeregt und ermutigt werden. Möge das Motto „Tröstet mein Volk“ in Ihrer Seele widerhallen und Sie mitten im Leben erreichen. Annette Busch dankt Hans Jürgen Doormann, Kristina Vogelsang und Cristian Peix für anregende Gespräche über die Musik, Otto von der Heide für seine barocke Theaterszene. Christa Merhof dankt Jürgen Schneider für wertvolle Tipps und ihrem Mann für seine geduldige Unterstützung und unermüdliche Navigation durch die Untiefen der Technik. Beide danken Georg Gremels für den Anstoß zu diesem Buch sowie allen, die mit Rat und Tat daran mitgearbeitet haben. Ihre Namen finden Sie am Ende des Buches. Die gemeinsame Arbeit hat uns viel Freude bereitet. Dr. Annette Busch & Christa Merhof Hermannsburg, im Januar 2009

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Viele Wege führen zum Messias Anregung zum Gebrauch des Buches Gehören Sie zu denen, die gerne in Konzerte gehen? Wenn Sie sich am liebsten erst einmal ganz unvoreingenommen diesem Erlebnis hingeben wollen, mögen Sie es vielleicht noch einmal nachhallen lassen, indem Sie etwas darüber lesen. Oder sind Sie der Genießer, der gerne entspannt zu Hause sitzt und einer CD lauscht? Wie wäre es, wenn Sie sich ein Stück aussuchen, das Sie besonders anspricht, es wieder und wieder hören und sich dazu einen musikalischen Leitfaden zur Hand nehmen, um vielleicht jedes Mal neu und mehr zu hören? Der begeisterte Chorsänger kann die nächste Probe innerlich vorbereiten – mit Buch und Klavierauszug nebeneinander. Der Dirigent bezieht vielleicht musikalische und theologische Aspekte des Buches in seine Arbeit mit ein. Auch Musik- und Religionslehrer können fächerübergreifend davon profitieren. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter oder Pastor sucht womöglich Ideen für Andachten zu verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres oder für die Begrüßung der Gäste zum Konzert. Hier ist eine Fundgrube, aus der man auch einzelne Beiträge entnehmen kann. Viele Menschen reservieren sich besondere Zeiten im Jahr für Rückzug und Besinnung, wie Passionszeit, Jahreswechsel oder Advent. Manche gehen dazu ins Kloster, manche schließen sich Exerzitiengruppen an, andere versuchen es in eigener Regie zu Hause und mitten im Alltag. Der Messias enthält Texte für jede Zeit des Kirchenjahres, die ohne Umschweife in die Tiefe führen und die Seele gerade in Kombination mit der Musik unmittelbar erreichen. Es finden sich im Oratorium auch Texte für eigene aktuelle Lebensthemen, wie Freude, Leid oder Mitleid, Wegsuche und Erwartung, Geburt, Altern und Tod, Stöhnen unter Belastungen – „Knechtschaften“ – verschiedener Art. Korrespondiert da etwas? Es kann heilsam sein, die eigenen Lebensfragen auf der Folie des Lebens Jesu zu sehen, sein Leben gegen das eigene zu halten, 10


sich von ihm verstehen und trösten oder auf einen neuen Weg bringen zu lassen. Methodisch könnte man zunächst nur die Worte oder nur die Musik auf sich wirken lassen, anschließend festhalten: Welche Fragen habe ich an den Text, welche stellt er dagegen an mich? Wo(zu) ermutigt er mich? Beim Hören kann man auf innere Bilder, Gefühle, Körperempfindungen oder spontane Gedanken und Erinnerungen achten, die durch die Musik wachgerufen wurden. Lohnt es sich, ihnen nachzugehen, vielleicht mit einem geistlichen Begleiter, der solche Wahrnehmungen wertzuschätzen weiß? Das Buch bietet womöglich Anregungen und neue Blickwinkel dazu, der Messias wird auf konkrete Weise zum inneren Seelsorger. Oder Sie sind vor allem an den dichten, Seele und Denken gleichermaßen ansprechenden Texten interessiert? Dann wagen Sie sich vielleicht an die musikalischen Feinheiten ein andermal. Wollen Sie einfach neugierig ein bisschen kreuz und quer stöbern? Jeder Beitrag ist auch für sich genommen verständlich und setzt weder die Lektüre der dazugehörigen musikalischen Anregungen noch der vorhergehenden geistlichen Impulse voraus. Denn jeder, der hier geschrieben hat, hat seine einmalige Perspektive, sein eigenes Bild vom Messias eingebracht, sich auf seine Art mit Text und Musik auseinandergesetzt. So finden sich sehr persönliche Beiträge neben theologischen Betrachtungen und poetische neben nachdenklichen, Stellungnahme herausfordernden Entwürfen. Lassen Sie sich anregen und innerlich in Bewegung setzen, um Ihre Spur zum Messias ganz individuell aufzunehmen. Vielleicht kommt Ihnen überraschend von dort Trost und Gewissheit zu, wie auch Händel es sich wohl gewünscht hat.

Kurzinformationen Verwendete Taktangaben, Nummerierung und Textversion des Oratoriums entsprechen der Peters-Ausgabe. Einige geistliche Impulse sind zusammengefasst: Nr. 5 und 6, 8 und 9, 10 und 11, 32 und 33, 38 bis 41. 11


Das Bild des Messias im Oratorium Äußere Umstände Georg Friedrich Händel (1685–1759) komponierte den Messias in London im Spätsommer des Jahres 1741, vom 22. August bis zum 12. September, also in nur drei Wochen. Kurz darauf brach er auf Einladung des irischen Vizekönigs von London nach Dublin auf und nahm das Oratorium mit. Nachdem er bereits mit einer Reihe von Konzerten erfolgreich gastiert hatte, wollte er den Messias nun der Öffentlichkeit vorstellen. Die Uraufführung am 13. April 1742 war eine Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten dreier karitativer Stiftungen für Schuldgefangene und Kranke in Dublin und fand in der neu erbauten Music Hall statt. Weil niemand das Ereignis der Uraufführung verpassen mochte, wurde sie auf Bitten hochgestellter Persönlichkeiten aus Termingründen kurzfristig noch einmal um einen Tag verschoben. Wie sehr man besonders bei dieser Komposition mit Zuspruch des Publikums rechnete, mag man daraus ersehen, dass die Damen gebeten wurden, doch keine Reifröcke zu tragen, damit mehr Menschen in den Konzertsaal passten, womit man „das Liebeswerk mächtig fördern“ könne.1 Das Oratorium wurde im dichtbesetzten Saal mit großer Begeisterung aufgenommen, die Kritiken waren geradezu überschwänglich. Seltsamerweise drang jedoch sein Ruhm nicht bis nach London. Erst zwei Jahre später wurde der Messias dem dortigen Publikum geboten, fast versteckt angekündigt: Das Programm enthielt noch andere Stücke, und der Titel stand lediglich im Textbuch. Händel betitelte das Werk wesentlich zurückhaltender als „Ein neues Oratorium“. Warum?

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Das Libretto – ein überraschender Befund Messiasdichtungen waren damals durchaus beliebt. Auch der wohlhabende, gebildete und musikalisch wie theologisch engagierte Charles Jennens (1700–1773) hatte ein Textbuch zu diesem Thema geschrieben und Händel zur Vertonung angetragen. Das Libretto – in englischer Sprache – ist allerdings in diesem Fall kein poetisches Werk, besteht es doch ausschließlich aus Bibelzitaten. Durch die Auswahl der Texte aus Altem und Neuem Testament, durch Schwerpunktsetzungen und Kürzungen wird darin ein pointiertes Bild des Messias2 gezeichnet, aber der Name Jesus wird im englischen Original nur ein einziges Mal verwendet. Und während das Neue Testament, namentlich die Evangelien, zahlreiche Geschichten über Jesus erzählt – Wunder und Begegnungen, Predigten und Gespräche sowie viele Einzelheiten seiner Leidensgeschichte –, finden wir im Oratorium nur eine einzige. Auch die berichtet nur indirekt von ihm: Es sind wenige Verse aus der Weihnachtsgeschichte des Lukas, die von der Erscheinung der Engel bei den Hirten handeln. Der zweite Teil wird von einem Vers aus dem Johannesevangelium eingeleitet, alle drei Teile schließen auch mit neutestamentlichen Zitaten. Ansonsten aber wählte der Librettist für die beiden ersten Teile fast nur Worte aus den Prophetenbüchern und Psalmen, wenn auch hier und da in der Fassung von „Schriftbeweisen“ (im Neuen Testament werden Stellen der hebräischen Bibel zitiert). Erst der dritte Teil wendet sich nach einem einleitenden Hiobzitat ganz dem Neuen Testament zu. Hier kommen aber ausschließlich theologische Gedanken des Paulus zu Wort. Auf den ersten Blick vielleicht ein überraschender Befund, der zu manchen Überlegungen herausfordern kann: Klar wird gleich, dass Händels Oratorium kein dramatisches Werk ähnlich etwa dem Bach’schen Weihnachtsoratorium oder den Passionen sein will, es wird ja nichts „erzählt“. Dennoch ist der Messias im Konzertgeschehen im Lauf der Zeit zum beliebten Stück im Weihnachtsrepertoire geworden, wohl auf Grund der Thematik seines ersten Teils mit Messiasverheißungen und der Engelsbotschaft 13


auf dem Hirtenfeld. Der zweite Teil aber enthält Passion, Auferstehung, Himmelfahrt und Pfingsten – aus Sicht des Alten Testaments, also in prophetischer Vorausschau und Deutung! Der Schwerpunkt des dritten Teils liegt auf den Konsequenzen der Messiasgeschichte für uns, besonders für die Frage nach Tod und Leben, Sünde und Gnade, und endet mit einem Ausblick auf die Zukunft des Messias und der ganzen Welt. Warum kommt Jesus im Oratorium kein einziges Mal selbst zu Wort, warum gibt es keine Geschichten über ihn, warum verwenden die beiden ersten Teile fast nur Texte des Alten Testaments? Und warum erscheint im Titel das hebräische Wort Messias, während in der Christenheit das gleichbedeutende griechische Wort Christus gebräuchlich ist?

Ist Jesus der Messias des Oratoriums? Hat Charles Jennens den Namen Jesus bewusst umgangen? War Jesus für ihn bzw. für Händel womöglich gar nicht der Messias und Sohn Gottes, war ihnen Jesus überhaupt der Christus des Neuen Testaments und der christlichen Dogmatik? Sahen sie den Messias eher als ein der Welt innewohnendes überzeitliches Messiasprinzip, oder war ihr Interesse am Stoff in erster Linie historisch-literarischer Art? Die Fragen sind deshalb nicht völlig abwegig, weil namentlich im England des 18. Jahrhunderts die „Aufklärung“ ihren Siegeszug hielt und großen Einfluss auf Denken und Glauben der Menschen hatte, auch in Kreisen der Anglikanischen Kirche: Man setzte auf vernünftiges und rationales Denken, schätzte griechische Philosophie und antike Literatur, sah auch die Bibel unter diesem Aspekt als ein erhabenes, historisch wertvolles Zeugnis der Antike. Aber Gott war vielen Zeitgenossen kein persönliches Gegenüber mehr, der in die Geschichte der Menschheit oder gar einzelner Menschen eingreifen könnte, sondern eine Art weiser Uhrmacher, der auf der Grundlage der Naturgesetze die Welt erschaffen hatte und das Pendel, den Gang der Geschichte, einmal angestoßen hatte, 14


das nun quasi von allein weiterlief. Die Menschen fühlten sich als autonome vernunftbegabte Wesen, waren interessiert an empirischen Wissenschaften, in denen Wunder oder Mythen keinen Platz hatten. Jesus konnte in diesem Denken vielleicht ein vorbildlicher Mensch sein, aber kein Gottessohn. Erlösung der Menschen von Tod und Sünde, stellvertretendes Leiden und Sterben: das sind abwegige Gedanken, sieht man den Menschen optimistisch als gut, als Krone der Schöpfung mit seiner einzigartigen Vernunftbegabung. Manche Verfasser stellten sich mit ihren Messiasdichtungen dem Zeitgeist entgegen und entwarfen darin ein Messiasbild, das der theologisch-dogmatischen Tradition verpflichtet war. Schon der Titel des Oratoriums konnte den Menschen demnach signalisieren, dass man Stellung bezog in den geistigen Auseinandersetzungen der Zeit. Ein Blick auf den Inhalt klärt zweifelsfrei, dass es sich für Charles Jennens um ein Bekenntnis zu Jesus als dem Messias handelte.

Charles Jennens und das Common Prayer Book Charles Jennens ist seinerzeit von einem Konkurrenten übel diffamiert worden, seine theologischen, literarischen und musikalischen Leistungen wurden bewusst geschmälert, auch seine Leistungen am Libretto des Messias. Das hat für den Ruf Jennens’ Spuren bis in unsere Zeit hinterlassen.3 Als Freund und Verehrer Händels hatte er schon vor dem Messias Textbücher für ihn verfasst und wünschte sich nun die Vertonung einer geistlichen Komposition, die Händels Glanzleistung werden sollte, der Freund sollte sein Bestes geben. Charles Jennens war anglikanischer Christ und Kenner des Common Prayer Book, das z. B. auch als Vorlage der Andachten in der neu erbauten Kapelle seines Landsitzes diente. Dieses Buch war nichts anderes als die Agende der Anglikanischen Kirche, die die biblischen Lesungen für die Gottesdienste und Tagesgebete des ganzen Kirchenjahres enthielt, repräsentierte also zugleich 15


gültige Lehre und damit auch das ganze Heilsgeschehen durch Jesus Christus. Es handelt sich um theologische, der Tradition der Kirche entsprechende Texte, ungeachtet der damals aktuellen Zeitströmungen: Jesus ist der verheißene Messias, gesandt von Gott zur Erlösung der Menschen von Sünde, Tod und Teufel. Und genau dieses Common Prayer Book erweist sich bei näherem Hinsehen als Grundlage für das Messiaslibretto. Es handelt sich also um ein Bekenntnis zu den Kernaussagen des christlichen Glaubens. Hervorzuheben ist zuallererst, dass es sich um liturgische Vorlagen für feierliche Gottesdienste mit Anbetung, Bekenntnis und Gebet zu Jesus als dem Christus handelt. Es sind theologisch besonders dichte Texte, die die existenzielle Be-Deutung Jesu für den einzelnen Menschen hervorheben und ihn seines Glaubens gewisser machen wollen. Vielleicht gerade deshalb gehen sie vielen Konzertbesuchern so zu Herzen, unabhängig von ihrer religiösen Einstellung. Dass Jesus der geglaubte und bekannte Messias des Alten Testaments ist, erschloss sich den Hörern damals unmittelbar, man hatte auch beim Vernehmen der alttestamentlichen Worte noch ganz selbstverständlich die entsprechenden Jesusgeschichten des Neuen Testaments vor Augen. Konkret greift der erste Teil des Oratoriums auf Lesungen der Advents- und Weihnachtszeit zurück, der zweite auf Fasten- und Osterzeit, der dritte auf Texte für Trauergottesdienste. So war und ist deutlich, dass gerade kein zeitloser Messiasgedanke oder das Bild eines idealen Menschen vermittelt werden sollte.

Motto und Konzept Dafür spricht auch, dass Charles Jennens über sein Libretto ein Motto gestellt hat, das den damaligen gebildeten Lesern einen Hinweis gab: „Majora cantamus“ – „Lasst uns Größeres besingen“. Das war der Anfang eines berühmten Vergilgedichts, entstanden kurz vor der 16


Zeitenwende, das die jungfräuliche Geburt eines göttlichen Kindes verheißt, mit dem ein neues Zeitalter beginnen soll. Schon früh wurde das von den Christen als heidnische Weissagung gesehen, die prophetisch von Jesus redete. Jennens setzte noch zwei Bibelzitate hinzu, die ebenfalls in allen Textbüchern abgedruckt wurden:4 „Groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.“ 1. Timotheus 3,16 „...in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.“ Kolosser 2,3 Sie erweisen die Sendung Jesu. Und „Geheimnis“, „Offenbarung“ und „verborgene Erkenntnis“ in Jesus Christus waren Worte, die nach aufgeklärtem Weltbild rationalem Denken und empirischen, also nachprüfbaren Fakten zu weichen hatten. Charles Jennens’ Libretto war trotz der Rückgriffe auf das Common Prayer Book eine individuelle theologische Leistung. So hat er beispielsweise durch die Reihenfolge der alttestamentlichen Bibeltexte einen indirekten Zusammenhang hergestellt, der am Leben Jesu entlangführt und es gleichzeitig heilsgeschichtlich deutet: von der Ankündigung durch Propheten und Psalmen über Geburt, Passion, Auferstehung, Himmelfahrt bis zur Ausbreitung des Evangeliums. Das alles wird kommentiert und durch alttestamentliche Texte in einen Sinnhorizont eingezeichnet. Erst die individuelle heilsgeschichtliche Bedeutung Jesu und seine Wiederkunft am Ende der Tage im dritten Teil des Oratoriums wird mit Worten des Neuen Testaments beschrieben, auch hier in Form von deutenden und prophetischen Versen.

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Umgang mit den Bibeltexten Mit den Bibeltexten ging der Librettist durchaus eigenwillig und souverän um. So löste er mitunter Verse aus ihrem ursprünglichen Kontext und deutete sie im angestrebten Zusammenhang auf Jesus hin. Damit steht Jennens allerdings in der Tradition des neuen Testaments. Hatte man doch von Anfang an großes Interesse daran, das Leben und Sterben Jesu ganz auf dem Hintergrund der hebräischen Bibel zu interpretieren: Alles war geschehen, wie es Gott seit Jahrhunderten angekündigt hatte. Die jüdische Tradition bildete die Grundlage für das Verständnis des Lebens und Leidens Jesu, für die Jünger wie die junge Kirche und die Theologie.5 Die Emmausgeschichte aus Lukas 24 erzählt, dass auch Jesus selbst sein Leiden, Sterben und Auferstehen den Jüngern als schriftgemäß erklärt hat. Dort nimmt er auch selbst den Titel des Messias für sich in Anspruch. Im Ringen um diese Deutung waren Psalmen und die „Gottesknechtslieder“ des Deuterojesaja (der „zweite“ Jesaja, Kap. 40– 55) von jeher von Gewicht, spielte doch dort das Reden vom Sohn Gottes und der Gedanke eines stellvertretenden Leidens eine besondere Rolle. Gerade hier sehen wir: Im Mühen um ein Verstehen der Jesusgeschichten im Kontext der alttestamentlichen Heilsgeschichte und der damit verbundenen Verheißungen konnten die Texte des Alten Testaments auch damals schon ihren ursprünglichen Zusammenhang verlieren. Sie wurden nach Ostern rückblickend auf Jesus bezogen und damit teilweise umgedeutet.6 Aufmerksamkeit verdienen auch die Veränderungen im Wortlaut der Texte, die Jennens vorgenommen hat: Dabei kann es vereinzelt darum gehen, einen inhaltlichen Anschluss an vorangegangene Worte zu schaffen. Meist aber soll ganz offensichtlich wörtliche Rede des Messias umgangen werden. Sie wird strikt vermieden oder konsequent in indirekte Rede bzw. eine neutralere Sprachform umgewandelt. Auf der Suche nach den Gründen für diese Vermeidung stößt man auf einen Umstand, den wir heute nicht mehr unmittelbar 18


nachvollziehen können: Wir kennen den Messias ganz selbstverständlich als kirchenmusikalische Komposition, die in gottesdienstlichen Räumen zu hören ist. Ebenso selbstverständlich hören wir sie allerdings auch in Konzertsälen, zählt sie doch ganz allgemein zu den musikalischen Schätzen unsrer Kultur. Damals aber hatte sich neben der höfischen Musikkultur ein reges bürgerliches Konzertleben etabliert, in dem auch Händel in London sein Tätigkeitsfeld hatte. Er leitete ein Opernhaus auf kommerzieller Grundlage, für das er Opern und Oratorien komponiert und dort aufgeführt hatte.7 Oratorien haben als geistliche Kompositionen unbestreitbar eine gewisse Nähe zur barocken Oper mit ihrem Wechsel von Chören, Rezitativen und Arien und ihrer dramatischen Handlung. Der Hauptunterschied besteht eben im geistlichen Stoff. Aber obwohl Händel im Messias auf szenische Darstellung, sogar auch auf dramatische kompositorische Elemente verzichtete und jede direkte Christusrede schon im Libretto vermieden war, war dennoch die Präsentation eines Stoffes über Jesus Christus auf der Bühne eines Theaters ein höchst sensibles Thema. „Jesus im Theater“, gesungen von einer Gruppe von „Schauspielern“, das wäre anstößig gewesen. Hatte man sich schon schockiert gezeigt bei dem rein alttestamentlichen Stoff seines Oratoriums „Israel in Ägypten“ mit Texten aus dem Buch Exodus, was hätte man erwarten können bei einer Vertonung des Lebens Jesu? Händel hatte gute Gründe, vorsichtig mit dem Stoff umzugehen – besonders in London, wo er ohnehin inzwischen einen schweren Stand hatte und wo sich bereits der Bischof kritisch zum Thema Bibeltexte im öffentlichen Theater geäußert und szenische Aufführungen ausdrücklich verboten hatte. Händel hatte in London inzwischen einflussreiche Gegner, und auch die öffentliche Meinung war ihm nicht mehr wohlgesonnen. Er rechnete offenbar ganz zu Recht mit einem weitherzigeren und unbefangeneren Publikum in Dublin, dennoch präsentierte er das Oratorium auch hier nicht gleich zu Anfang seines neunmonatigen Aufenthaltes. In London sollte dem Messias erst im Jahre 1750 eine überra19


schende Begeisterung zuteilwerden, als nämlich Händel anlässlich der Einweihung der Kapelle des Findelhospitals mit der musikalischen Gestaltung der Feier beauftragt wurde.8 Als religiöse Musik im sakralen Raum einer Kirche konnte hier der Messias nun endlich gebührende Anerkennung finden und die Herzen auch des Londoner Publikums erobern. Eine gedruckte Partitur erschien, wohl aus Vorsicht, dennoch erst nach Händels Tod.

Die spirituelle Bedeutung des Librettos für G. F. Händel Wie stand Händel selbst zu dem Stoff, den ihm sein Freund mit dem Libretto angetragen hatte? Wer war der Messias für ihn persönlich? Von Hause aus war Händel Lutheraner, in Halle geboren und aufgewachsen, erzogen von einer frommen Mutter. Sonst wissen wir nicht allzu viel über seine persönliche Spiritualität. Um die Komposition des Messias in einer Art Schaffensrausch haben sich allerdings immer wieder Geschichten und Spekulationen gerankt.9 Gern wird seine beruflich belastende Lage und eine kürzlich überstandene schwere Erkrankung als Anlass für die Vertiefung seines Glaubens gesehen. Seine berufliche wie persönliche Situation soll einen Läuterungsprozess in Gang gesetzt und ihn bei der Komposition entscheidend angetrieben haben. Das ist auch durchaus möglich, aber leider gibt es keine gesicherten Hinweise. Es ist überliefert, dass er nach der Fertigstellung des Hallelujas gesagt haben soll: „Ich glaubte den Himmel offen und den Schöpfer aller Dinge selbst zu sehen.“ Und aus einer späteren Krise wird berichtet, dass er sich wünschte: „Ich möchte am Karfreitag sterben, in der Hoffnung, mit meinem guten Gott, meinem gnädigen Herrn und Heiland, am Tage seiner Auferstehung vereint zu werden.“10 Tatsächlich war sein Todestag ein Karsamstag. Alles in allem kann man gerade wegen der besonderen Stellung des Messias in seinem Schaffen11 und der durch Titel und Inhalt 20


des Werkes faktischen öffentlichen Stellungnahme im aufgeklärten England davon ausgehen, dass der Messias sehr wohl auch ein persönliches Credo des Komponisten darstellt. Dass der Name Jesus vermieden ist, spricht nicht dagegen, hat wohl eher mit Pietät und Rücksichtnahme auf die öffentliche Meinung zu tun. Ebenso die vielen alttestamentlichen Texte, die gerade – ähnlich den Schriftbeweisen im Neuen Testament – belegen, dass Jesus der Messias ist, ohne ihn selbst „auftreten“ oder „im Theater“ reden zu lassen. Der Verzicht auf dramatische Elemente und die Nähe zum Common Prayer Book deuten an, dass der Stoff auch für Händel ein sakraler war, wenn er auch zunächst nur in säkularen Räumen dargeboten wurde.

Inhaltsangaben Fragt man nach einem detaillierteren Bild des Messias im Oratorium, stößt man auf die Überschriften, die Charles Jennens selbst in einem Textbuch für die Londoner Erstaufführung veröffentlicht hat. Sie lauten: Teil I: „Die Weissagung über den Messias und ihre Erfüllung“ Teil II: „Von der Passion zum Triumph“ Teil III: „Die Rolle des Messias im Leben nach dem Tode“ Darunter folgen jeweils ausführlichere Angaben.12 Zum anderen kann man auch die dem Messias vorangestellten Worte aus dem Timotheusbrief als Inhaltsangabe betrachten: Teil I: „Er ist offenbart im Fleisch“ Teil II: „gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln“ Teil III: „gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit“

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Was sagen die drei Teile des Oratoriums über den Messias? Teil I Die ersten Bibelworte,13 die als direkte Gottesrede eine Besonderheit im Oratorium darstellen, sprechen von Trost, vom Ende der Knechtschaft und von Vergebung. Das ist die gute Botschaft, die sich inhaltlich durchs ganze Oratorium zieht: Ein neues Zeitalter für die Menschen wird verkündet, denn Gott selbst wird auf die Erde kommen und offenbar werden. Das Warten der Menschen auf die Erfüllung der Verheißungen Gottes wird beendet sein. Das wird die ganze Erde erschüttern und verändern, dafür braucht es Wegbereitung und Läuterung. Bei der Stimme in der Wüste denkt der mit der Bibel vertraute Hörer an Johannes den Täufer als den Wegbereiter Jesu. Die Ankündigung der Geburt eines Jungfrauensohnes mit Namen „Gott-mit-uns“ versetzt in adventliche Erwartung des Kommens Gottes, ein freudiges und lichtbringendes Ereignis. Denn jetzt wird deutlich, dass es Ankunft in eine finstere Welt ist. Das Kind erhält Hoheitsnamen: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Bis hierher waren Worte der Prophetenbücher Jesaja, Haggai und Maleachi zu hören, nun aber wird der Hörer in die vertrauten Worte der Weihnachtsgeschichte des Lukas hineingenommen: Auf dem Hirtenfeld erscheinen die Engel und verkünden die Geburt des Heilands und Frieden auf Erden. Das Kind wird Christus der Herr genannt, seine Herkunft aus der Stadt Davids konkretisiert. Aus dem Mund der Propheten Sacharja und Jesaja wird noch einmal seine Mission bestätigt, seine heilenden Wundertaten und das Bild des guten Hirten vor Augen gestellt. Die einladenden Worte aus Matthäus 11 mit der Aussicht auf Erquickung und Seelenruhe, Sanftheit und Leichtigkeit beschließen den ersten Teil. Teil II Der zweite Teil konfrontiert uns unvermittelt mit der Passion des Messias. Sie wird aus der Sicht des Johannes gedeutet: Er ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt. Mit Worten des Täufers werden wir aufgefordert, auf dieses Gotteslamm zu sehen. 22


Dann wird uns sein Leiden eindrücklich vor Augen gestellt, zunächst mit Versen aus Jesaja 53: Verachtung und Schmerz, Krankheit und Wunden erweisen sich als freiwillig ertragenes, als stellvertretendes Leiden. Der Messias steht darin an unsrer Stelle, trägt unsre Sünde, heilt uns. Dafür lässt er sich verspotten, bespucken und schlagen. Am Ende ist er von allen verlassen. Einzelheiten, lebendige Szenen aus den Evangelien kommen in den Sinn. Ein Vers aus den Klageliedern verweist auf die Unvergleichbarkeit dieser Passion, ein weiterer Vers aus dem Gottesknechtslied verkündet seinen Tod als stellvertretenden Tod. Aber Psalmworte proklamieren die Auferweckung. Sie ist Handeln Gottes und mit seinem Kommen als Ehrenkönig verbunden. Gott erweist den Messias als seinen Sohn, den die Engel anbeten. Er fährt in den Himmel auf, alle müssen sich vor ihm beugen. Nun geht die Freudenbotschaft Gottes bis ans Ende der Welt, erfährt aber auch Widerstand von den Feinden Gottes und seines Gesalbten. Der Herr im Himmel lacht über ihr Wüten und vernichtet sie. Der zweite Teil schließt mit Worten aus der Offenbarung des Johannes, mit dem großen Halleluja: Der allmächtige Gott und Herr hat sein Reich eingenommen und regiert die Reiche der Welt auf ewig zusammen mit Christus. Teil III Das bekannte Hiobzitat leitet den letzten Teil ein: Glaubensgewissheit und Hoffnung auf den lebendigen Erlöser werden mit mehreren Abschnitten aus dem 1. Korintherbrief bestärkt und christologisch ausgeführt: Christus ist auferstanden von den Toten und nimmt die Verstorbenen in seine Auferstehung mit hinein. Die Gegenüberstellung von Adam und Christus macht deutlich, dass der Tod für alle Menschen überwunden ist. Eine plötzliche Verwandlung in unsterbliches Leben wird geschehen beim Schall der letzten Posaune. Dann wird sich die Verheißung von Jesaja und Hosea erfüllen. Sünde und Gesetz werden, ganz der Theologie des Paulus ent23


sprechend, mit dem Tod in Verbindung gebracht, aber Gott sei Dank lässt uns Jesus Christus an seinem Sieg teilhaben. Hier, am Ende des überschäumenden Dankes für das vom Messias erworbene Heil erklingt nun auch das einzige Mal in der englischen Originalfassung der Name Jesu: „But thanks be to God, who giveth us the victory through our Lord Jesus Christ!“ Die Besonderheit dieser Stelle kommt allerdings in der deutschen Fassung nicht zum Ausdruck: „Drum Dank sei dir, Gott, der uns den Sieg gegeben hat durch Christum, unsern Herrn“ (Peters). Paulusworte aus dem Römerbrief spitzen noch einmal alles zu auf das, was Jesus als der Messias für uns getan hat. Sie schlagen zugleich eine Brücke zurück zum Beginn des Oratoriums, stellen den verheißenen Trost auf neutestamentliches Fundament: Gott ist für uns, wir sind seine Auserwählten; und der gestorbene und auferstandene Christus ist da und vertritt uns bei Gott, wo er nun zu seiner Rechten sitzt. Niemand kann mehr gegen uns sein, uns beschuldigen und verdammen. Am Ende steht die Anbetung Gottes und des Lammes, das nach der Offenbarung des Johannes allein aller Ehrentitel würdig ist. Denn es hat uns durch sein Blut mit Gott versöhnt – auch das ist eine thematische Brücke zurück zu Johannes 1,29 am Beginn des Passionsteils. Das allerletzte Wort ist ein Amen, das Einstimmen in den Lobgesang vor dem Thron Gottes, das Ja zu Jesus als dem Gotteslamm. Christa Merhof

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Teil 1

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Sinfonie Händel setzt vor das Oratorium eine Ouvertüre im traditionellen Stil, wie wir sie auch aus seinen anderen Oratorien und Opern kennen. Es handelt sich um eine Französische Ouvertüre, die eine feste Form aufweist und deren Charakteristikum der punktierte Rhythmus im langsamen ersten Teil ist. Der Tradition im 17. Jahrhundert entsprechend folgt ein schneller fugierter Teil, und auch diese Gepflogenheit greift Händel auf. Bei seiner Sinfonie verzichtet er weitgehend auf den sich dann üblicherweise anschließenden eigenständigen, langsameren Teil, der thematisch an den ersten Teil anknüpft. Diesen gängigen dritten Teil hat er geschickt in die letzten vier Takte des schnellen Teils eingearbeitet: In Takt 94 endet die schnelle Bewegung der Fugenmelodie auf H-Dur, der Dominante, übrigens auf genau dem Akkord, der auch den ersten Teil beendet, und es schließen sich vier abkadenzierende Takte an, die den punktierten Rhythmus wieder aufgreifen und damit den Bogen schlagen zum einleitenden Grave. Die Oboen verleihen dem Stück einen festlich-bewegten Charakter, es ist „Atem darin“, etwas Menschliches, die Oboen kommen vom Klang her der menschlichen Stimme sehr nah. Eine Beschränkung auf das Wesentliche in einer gewissen Schlichtheit fällt auf, auch in der nur dreistimmig angelegten Fuge und in der reduzierten Form. Jedoch bietet sich dem Hörer ein fast klagendes und im zweiten Teil fließendes Einleitungsstück, das alle „Qualitäten“ hat, dem Nachfolgenden nicht schon durch zu viel Prachtentfaltung vorher die Wirkung zu nehmen und auf ein noch Größeres hinzuweisen. Der Hörer mag im Grave das Lastende der unerlösten Welt heraushören, aber auch im Allegro der Fuge die sich ankündigende Hoffnung. Annette Busch

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Nr. 1 Accompagnato

Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet freundlich, Boten, mit Jerusalem, und prediget ihr, daß die Knechtschaft nun zu Ende und ihre Missetat vergeben. Vernehmt die Stimme des Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg, und ebnet durch Wildnis ihm Pfade, unserm Gott. Jesaja 40,1-2a,3

„Tröstet!“ Leise, wie eine Mutter ihr weinendes Kind mit süßen, tröstenden Worten anspricht, von sanften Streicherklängen in hellem, warmem E-Dur vorbereitet, hebt die Tenorarie an: „Tröstet!“ Hat schon der zitierte Prophet eindringlich das „Tröstet euch“ wiederholt, um damit die Wichtigkeit dieses Rufes zu unterstreichen, so wird dieser Doppelruf vom Sänger gleich zweimal gesungen. Dabei gibt ihm der Komponist beim dritten „Tröstet“ in Takt 8 alle agogische und dynamische Freiheit. Die Vortragsbezeichnung ad libitum bedeutet: Der Sänger darf stauen, verlangsamen, schwellen, abschwellen, wie ihm zumute ist. Viele Sänger halten den Ton länger aus, als der rechnerische Notenwert erwarten lässt. Damit lassen sie gleichsam die Zeit stehen und kreieren damit schon den ersten Höhepunkt der Darbietung: Wird das gesungene e’ nur um zwei Sekunden verlängert, so sind das für uns gefühlte zwei Minuten. Zärtlich bleibt die Zeit stehen und bekommt Ewigkeitscharakter, so als nähme die tröstende Mutter ihr schluchzendes Kind ganz fest in den Arm und wollte es nicht lassen, bis es sich beruhigt hat. Das helle E-Dur ist dabei wohltuend aufmunternd nach dem etwas grübelnden e-Moll der vorangehenden Sinfonie, die auf einem Moll-Akkord endet. 27


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