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Gottes Generäle III Die großen Erweckungsprediger

Roberts Liardon


Stimmen zum Buch Dies ist ein Buch für Kopf und Herz, das uns historische Einblicke und theologische Analysen des Handelns Gottes bietet. John Wesley und George Whitefield sind durch Bücher dazu motiviert worden, Gott zu suchen – wenn du die Lebensbilder in Gottes Generäle III liest, wirst du ermutigt, ebenfalls Gott zu suchen. Roberts Liardon hat ein weiteres Buch geliefert, das von den Lesern „verschlungen“ werden dürfte: Es ist sehr gut lesbar, alle Fakten sind mit akademischer Präzision recherchiert. Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Reverend Paul Wilson Methodistenpastor in Knutsford, Großbritannien Sprecher der Vereinigung Methodist Evangelicals Together, Großbritannien Gottes Generäle: Die großen Erweckungsprediger gibt uns einen detaillierten Einblick in das Leben der Menschen, durch die Gott ihre Welt wachrüttelte und erschütterte. Roberts zeichnet ihre Lebensgeschichten in leuchtenden Farben und zeigt, was wir von ihnen im Hinblick auf Gottes Wirken in unserer Zeit auf der Erde lernen können. Dieses Buch wird dich dazu bewegen, deinen Platz in dieser Zeit einzunehmen, jetzt, wo wir an der Schwelle zur größten Erweckung aller Zeiten stehen. Reverend Kate McVeigh Autorin der Bücher The Blessing of Favor und Sharing Your Faith (Der Segen der Gunst – Glauben weitergeben) In den letzten Jahren habe ich immer wieder Bezug genommen auf das umfangreiche Wissen, das in Roberts Liardons hervorragendem Bestseller Gottes Generäle Ausdruck gefunden hat. Als Christ und Mitarbeiter im Reich Gottes habe ich die Hingabe zu schätzen gelernt, mit der Roberts sich der historischen Forschung widmet, und ich freue mich auf diesen nächsten Band in der Reihe der Generäle Gottes. Kim Clement Autor des Buches Call Me Crazy, but I’m Hearing God’s Voice (Auch wenn du mich für verrückt erklärst – ich höre Gottes Stimme!) Auch in diesem Band ehrt Roberts die, denen Ehre gebührt, ohne dabei historisch ungenau zu werden, denn er verschweigt die Mängel und die Versäumnisse dieser Menschen nicht. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er die Betreffenden niemals verunglimpft, sondern jede Gelegenheit nutzt, uns zu zeigen, wie wir ihre Fehler heute vermeiden können. So sollte es im Reich Gottes sein. Gottes Generäle: Die großen Erweckungsprediger wird sicherlich zur Standardlektüre werden für die Generation Menschen, die geboren wurde,

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Gottes Generäle III um die größte Ausgießung des Geistes in der Geschichte der Menschheit zu erleben. Bill Johnson Autor des Buches Und der Himmel bricht herein Pastor der Bethel Church in Redding, Kalifornien, USA Ich weiß zu schätzen, dass Roberts Liardon in diesem außergewöhnlichen Buch das Leben und die Kämpfe einer weiteren Gruppe von Gottes Generälen für unsere Generation zugänglich macht. Die Erfahrungen der Männer Gottes sind Hilfe und Orientierung. Gottes Generäle: Die großen Erweckungsprediger gehört zu den nützlichsten Büchern, die man als Pastor und Mitarbeiter im Reich Gottes lesen kann. Bischof Dag Heward-Mills Gründer und Pastor der Lighthouse Chapel International Ghana, Afrika Als Historiker hat Roberts Liardon die kostbare Saat erkannt, die Gott in das Leben dieser wunderbaren Männer und Frauen Gottes gelegt hat. Wenn man ihre Lebensgeschichten betrachtet, wird in eindrucksvoller Weise deutlich, dass der Heilige Geist mächtig wirkt, um eine verlorene und sterbende Welt mit der frohen Botschaft des Evangeliums zu erreichen. Die Botschaft bleibt immer dieselbe, die Botschafter und die Methoden können sich ändern, aber es ist immer derselbe Heilige Geist, der wirkt. Möge dieses Buch dich herausfordern und begeistern, mit großen Erwartungen nach vorne zu blicken, denn das Beste liegt noch vor uns – Gott hat den besten Wein bis zum Schluss aufgehoben! Dr. Rodney Howard-Browne Revival Ministries International Tampa, Florida, USA Dank der für Roberts Liardon typischen Sorgfalt und Liebe zum Detail haben wir in Gottes Generäle: Die großen Erweckungsprediger ein Buch, das höchsten Ansprüchen genügt. Das Herz des Lesers wird von Roberts’ eindringlichen Worten tief berührt, die Männer und Frauen, deren Leben in diesem Buch beschrieben wird, sind herausragende Persönlichkeiten, die von kaum einem Menschen übertroffen werden, der seit der Zeit des Neuen Testaments gelebt und auf Erden gewirkt hat. Die Lektüre wird vielen Menschen zum Segen werden, sie wird sie verändern. Jeder, der Gott näherkommen möchte, sollte dieses ausgezeichnete Buch lesen. Eine großartige Bereicherung für jede Bibliothek! Jack Taylor Präsident von Dimensions Ministries Melbourne, Florida, USA

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Stimmen zum Buch Roberts Liardon leistet durch die Herausgabe der Reihe Gottes Generäle Großartiges. In diesem neuen Band hilft er uns, die Spuren der großen Erweckungsprediger zu erkennen, und zeigt uns, wie wir die Grenzen überwinden und die Kämpfe gewinnen können, die unsere Vorläufer auch schon kannten. Jeder Christ, der sich nach Erweckung in seinem Leben, seiner Gemeinde und seinem Land sehnt, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Reverend Dr. Niko Njotorahardjo Pastor der Bethel Church of Indonesia Djakarta, Indonesien

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Inhaltsverzeichnis Vorwort ..................................................................................................... 11 Prolog: Hundert Jahre Fürbitte .................................................................. 13 Einleitung .................................................................................................. 17 1

John + Charles Wesley „Kopf und Herz der Erweckung“ ................................................. 19

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George Whitefield „Gottes Dramatiker“ .................................................................... 83

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Jonathan Edwards „Gottes Intellektueller“ ............................................................... 117

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Francis Asbury „Der Prophet des langen Weges“ ............................................... 157

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Die ersten Lagerversammlungen „Amerikas Pfingsten“ ................................................................. 191

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Peter Cartwright „Der Evangelist mit der Pistole“ ................................................. 225

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Charles Finney „Der Vater der modernen Erweckungsbewegung“ ................... 261

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Dwight L. Moody „Der bedeutendste Laienprediger“ ........................................... 309

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William und Catherine Booth „Durch Blut und Feuer“ ............................................................ 357

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Billy Graham „Evangelist für die Welt“ ........................................................... 413

Schlusswort: Wesley bis Billy Graham ..................................................... 447 Weiterführende Literatur ........................................................................ 451 Bildnachweis .......................................................................................... 453 Über den Autor ....................................................................................... 455 Bibliografie .............................................................................................. 459

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Vorwort Ich bin davon überzeugt, dass Roberts Liardon einer der herausragenden Historiker der Kirchengeschichte unserer Zeit ist. Dies wird offenkundig durch den dritten und derzeit neuesten Band seiner Reihe Gottes Generäle, einer Reihe von Bestsellern, in der Roberts die Ereignisse im Leben dieser Menschen in seiner unnachahmlichen, meisterhaften Art darstellt. Die biografischen Studien der Schlüsselpersonen unter den Erweckungspredigern der letzten drei Jahrhunderte, die er in diesem Band vorstellt, sind das Ergebnis jahrelanger, arbeitsintensiver, sorgfältiger Forschungsarbeiten. Seine außergewöhnliche Kenntnis der Materie verbindet sich mit seiner besonderen Begabung, diese Kenntnis ansprechend zu vermitteln. Gottes Generäle: Die großen Erweckungsprediger vermittelt viele Fakten und ist gleichzeitig sehr inspirierend – dieses Buch ist unerlässlich für jeden, der sich ernsthaft mit Kirchengeschichte auseinandersetzen möchte (und das sollte das Verlangen jedes Christen sein!). Roberts’ Fähigkeit, Primär- und Sekundärdaten miteinander zu verknüpfen, ist unübertroffen. Seine Kommentare sind pointiert, klar verständlich und vermitteln neue Einsichten. Es ist äußerst schwierig, dieses Buch aus der Hand zu legen! Wirklich gute Historiker vermitteln uns Wissen über die Vergangenheit und sprechen damit gleichzeitig in unsere Situation hinein, und dies ist das herausragende Merkmal der gesamten Reihe Gottes Generäle. Band III Die großen Erweckungsprediger ist das leuchtende Gegenbeispiel zu trockener, irrelevanter Kirchengeschichte – jede Seite ist geprägt von wertvollen Gedanken, die das Leben der Leser bereichern. Roberts versteht es meisterhaft, die Lebensgeschichten dieser „Glaubenshelden“ immer wieder zu uns sprechen zu lassen. Du wirst geistlich erfrischt werden, wenn du die Lebensgeschichten dieser Männer und Frauen und von den von ihnen eingeleiteten Erweckungsbewegungen liest. „Herr, wirke erneut so!“, wird dein Herzensschrei werden, wenn du siehst, was Gott durch scheinbar unbedeutende und unvollkommene Männer und Frauen tun kann, die sich ihm vorbehaltlos hingeben. Lass den Heiligen Geist sein Wirken in dir verstärken, während du dieses Buch liest. Die Erweckung, nach der wir uns sehnen, muss damit beginnen, dass ein Feuer in den Herzen einzelner Menschen entzündet wird – so wie es in den großen Erweckungspredigern geschah, von denen wir in diesem Buch lesen. Ich bete, dass der Heilige Geist durch dieses Buch ein Verlangen in dich hineinlegt, selbst ein „General Gottes“ zu werden – ein Mensch, der den Lauf der Geschichte beeinflusst und ein bleibendes geistliches Erbe hinterlässt. Dies ist der „Tag der Heiligen“ – das Zeitalter des Priestertums aller Gläubigen. Es

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Gottes Generäle III geht nicht um einen Superstar, „den Mann“ oder „die Frau Gottes“, sondern darum, dass der gesamte Leib Christi mobilisiert wird, das Werk Jesu in der Welt zu tun. Lerne von diesen großen Erweckungspredigern. Lass dich von ihren Fehlern warnen und von ihren Erfolgen herausfordern. Übernimm ihren tiefen Wunsch, bleibende Veränderung in deiner Generation zu erleben, indem du dein Leben in völliger Hingabe an den allmächtigen Gott führst. Roberts hat mit diesem Werk der gesamten Christenheit einen großen Dienst erwiesen. Er hat dem Leib Christi ein Werkzeug zur Verfügung gestellt, das auch künftige Generationen nutzen werden, und ich empfehle es dir von ganzem Herzen. Colin Dye Pastor, Kensington Temple London

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Prolog

Hundert Jahre Fürbitte Das Gebet eines Gerechten besitzt eine große Kraft, wenn es ernstlich ist. Jakobus 5, 16 ( Menge)

Die Reformation lag bereits fast zwei Jahrhunderte zurück und der Märtyrertod von Jan Hus mehr als dreihundert Jahre, aber als 1722 eine Gruppe von Anhängern Hus’ aus Mähren (einer Provinz im heutigen Tschechien) nach Sachsen floh, suchten auch sie Religionsfreiheit. Auf der Flucht vor Verfolgung fanden diese „Mährischen Brüder“, wie sie sich selbst nannten, Zuflucht auf dem Grundbesitz des reichen, jungen Aristokraten Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, der ihnen einen Ort gab, an dem sie sich ansiedeln und eine Glaubensgemeinschaft aufbauen konnten. Die entstehende Ortschaft wurde Herrnhut genannt, also „Der Herr behütet uns“ oder „Wir sind auf der Hut (Suche) nach dem Herrn.“ Diese Gruppe wurde nach dem Namen ihrer Siedlung als Herrnhuter bekannt. Graf von Zinzendorf war ein Mann Gottes, der zu diesem Zeitpunkt gerade einen Weg suchte, wie er den ererbten Besitz und den damit einhergehenden Einfluss im Dienst für das Reich Gottes einsetzen könnte. 1715, im Alter von 15 Jahren, schloss sich Zinzendorf mit drei Freunden zusammen und sie bildeten eine Gemeinschaft zur „Sammlung von Liebhabern Jesu“, die sie als „Senfkornorden“ bezeichneten. Die vier gelobten, „1. Christus treu zu sein; 2. freundlich zu allen Menschen zu sein; 3. das Evangelium in der Welt zu verbreiten“.1 Im Laufe der Jahre nahm die Anzahl der Mitglieder zu und umfasste Männer wie Christian VI., den König von Dänemark, Kardinal Louis-Antoine de Noailles, den katholischen Erzbischof von Paris, John Potter, den Erzbischof von Canterbury, Erskine, ein schottisches Mitglied des britischen Parlaments, und schließlich, nachdem die Herrnhuter Missionare dorthin entsandt hatten, General James Oglethorpe, den Gouverneur von Georgia sowie Tomochichi, den Häuptling des Stammes der Creek-Indianer. Der Graf war erst 22 Jahre alt, als ihm die Bitte der verfolgten Brüder aus Mähren vorgetragen wurde.Tief bewegt hörte er ihre Bitte um einen Ort, an dem sie Gott anbeten könnten. Er hatte gerade das Städtchen Bethelsdorf von seiner Großmutter erworben und dort seinen Freund Johann Andreas Rothe als Pastor eingesetzt. Er hatte darauf gehofft, in Bethelsdorf eine Gemeinschaft aufbauen zu können, die sich vollständig auf das Wort Gottes gründete – und nun kam eine Gruppe von Menschen auf ihn zu, die genau dieses Anliegen mit ihm teilte. Zinzendorf bat Rothe um Unterstützung bei

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Gottes Generäle III der Gründung Herrnhuts und gab den Flüchtlingen aus Mähren einen Entwurf für ihr neues Dorf, das nur drei Kilometer von Bethelsdorf entfernt entstehen sollte. Die Flüchtlinge waren an Verfolgung gewöhnt und konnten den Frieden in Herrnhut nicht lange ertragen. Da sie von außen nicht mehr bedrängt wurden, wandten sie sich gegeneinander. Streitigkeiten und Abgrenzung griffen immer stärker um sich und schließlich lehnten sich die Flüchtlinge gegen ihre Wohltäter auf und bezeichneten Zinzendorf und Rothe als „das Tier aus der Offenbarung“ und seinen „falschen Propheten“. Zinzendorf und Rothe gingen verstärkt ins Gebet und suchten Gott und es dauert nicht lange, bis Gott antwortete. Am 12. Mai 1727 sprach Zinzendorf drei Stunden lang zur Herrnhuter Gemeinde über den Segen christlicher Einheit. Die Menschen der Siedlung erkannten ihre Schuld und alle begannen, intensiv zu beten und Gott zu bestürmen mit der Bitte um Erweckung.Als Männer, Frauen und Kinder ihre Sünden voreinander bekannten, gemeinsam beteten und neue Stärke darin fanden, vor Gottes Angesicht zu treten, wurden ihre Herzen ganz neu miteinander verbunden und die Gemeinschaft erlebte einen „goldenen Sommer“. Aber das war ihnen noch nicht genug. Die Menschen in Herrnhut streckten sich nach der Kraft aus, die Botschaft von Jesus bis an die Enden der Erde bringen zu können. Dies wurde zum vordringlichsten Inhalt ihrer Gebete. Am 5. August 1727 verbrachten Zinzendorf und 14 weitere Herrnhuter die ganze Nacht damit, Gott zu suchen und ihn mit der Bitte zu bestürmen, dass seine Kraft auf die Gemeinschaft kommen möge. Am 10. August wurde Rothe in einem Nachmittagsgottesdienst so sehr von der Gegenwart des Heiligen Geistes ergriffen, dass er sich zu Boden warf, um vor Gott Buße zu tun. Der Gottesdienst zog sich bis in die Nacht hin, da andere es ihm gleich taten, weinend zu Gott riefen und Buße taten, bis alle Anwesenden gegen Mitternacht gemeinsam Gott lobten und priesen und ihn mit Liedern anbeteten. Zinzendorf und Rothe waren der Meinung, sie sollten Mittwoch, den 13. August, einen Abendgottesdienst mit den Bewohnern von Bethelsdorf und Herrnhut durchführen, um allen zu berichten, was Gott in Herrnhut tat. Der Graf besuchte jedes Haus und drängte die Bewohner dazu, an dem Gottesdienst teilzunehmen. Im Verlauf des Gottesdienstes taten die Versammelten Buße wegen ihrer Sünden und danach wurde das Wirken des Heiligen Geistes offensichtlich. An einem Punkt trat Graf Zinzendorf auf die Kanzel und sprach im Namen aller Anwesenden ein Bekenntnis aus, in dem er tiefe Reue über die Uneinigkeit und den Streit der vergangenen Jahre zum Ausdruck brachte und alle Anwesenden aufforderte, sich neu zu den Prinzipien zu bekennen, die bei der Gründung des Dorfes als Fundament gedient hatten. Als er diese Dinge ausgesprochen hatte, fiel der Heilige Geist auf die versammelte Gemeinde. Graf Zinzendorf beschrieb die Ereignisse später mit den Worten: „Ein Tag der

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Hundert Jahre Fürbitte Ausgießung des Heiligen Geistes … es war ihr Pfingsten.“2 Die Gemeinde begann, für Gruppen zu beten, die immer noch verfolgt wurden, für Einheit innerhalb ihrer Gemeinschaft und für den Leib Christi in der ganzen Welt – und sie beteten verstärkt darum, dass sich das Wort Gottes in der ganzen Welt mächtig ausbreiten würde. Nur zwei Wochen später, am 27. August, gingen 24 Männer und 24 Frauen die gemeinsame Verpflichtung ein, rund um die Uhr zu beten. Sie vereinbarten, dass ein Mann und eine Frau an getrennten Orten jeweils eine Stunde am Tag beten würden, sodass zu jeder Stunde an jedem Tag der Woche in jeder Woche mindestens zwei Personen beteten. Sie würden um das beten, was Gott ihnen aufs Herz legen würde, aber ihr Hauptanliegen sollte Erweckung und die Ausbreitung des Evangeliums Jesu Christi bis an die Enden der Erde sein. Es war eine Gebetskette entstanden, die die nächsten hundert Jahre Bestand haben und sich als Nährboden für Erweckung erweisen sollte. Im Verlauf dieses Jahrhunderts des Gebets sollten die größten missionarischen Aufbrüche geschehen, die die Welt bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hatte, darunter auch die erste und zweite sogenannte Große Erweckung in den USA (First und Second Great Awakening). Nur wenige Monate nachdem die Herrnhuter mit ihrer Gebetskette begonnen hatten, ereignete sich 1727 das große Erdbeben, das von vielen Historikern als der Anfang der ersten Großen Erweckung in den USA betrachtet wird. Die Erweckungsveranstaltungen von Charles Finney in Rochester auf dem Höhepunkt der zweiten Großen Erweckung und die nationale Erweckung in den USA 1831 fanden statt, als diese Gebetskette zum Ende kam. In diesem Jahrhundert traten auch die Erweckungsprediger – die eine neue Form der Massenevangelisation begründeten – auf den Plan. Auf den nachfolgenden Seiten betrachten wir das Leben einiger dieser Personen.

„Where it all began: The History of Zinzendorf’s Order of the Mustard Seed“, The Order of the Mustard Seed, http://www.mustardseedorder.com/cm/story/3. 2 Dr. A.K. Curtis, „A Golden Summer“, Zinzendorf Jubilee, Comenius Foundation, http://www.zinzen dorf.com/agolden.htm. Dieser Artikel erschien zunächst in Glimpses of Christian History, „Glimpses 37: Zinzendorf“, herausgegeben vom Christian History Institute. 1

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Einleitung Der Kampf um die Herzen der Menschen tobt seit Jahrhunderten, seit dem Zeitpunkt, als Jesus vor 2.000 Jahren auf die Erde kam, um die Flecken der Sünde und der Schuld von uns zu waschen. Gott haucht von der ersten Erweckung unter der ersten Generation der Jünger am Pfingsttag bis zu den immer noch stattfindenden „Pfingsterweckungen“ des 21. Jahrhunderts den Herzen der Menschen, die ihm nachfolgen, immer wieder neues Leben ein – immer wieder ruft er sie zu innigerer Gemeinschaft mit ihm, tieferer Heiligung und einem tieferen Verständnis seiner Liebe. Dem Heiligen Geist wurde von den treuen Männern und Frauen, die ihn durch ernsthaftes Studium des Wortes und durch feurige Gebete suchten, immer wieder der Weg geebnet, Licht und Wahrheit zu bringen. Von den bahnbrechenden Offenbarungen des Paulus über die von Martin Luther angestoßene revolutionäre Reformation bis hin zu den Großevangelisationen von John und Charles Wesley sowie anderen Erweckungspredigern hat der Heilige Geist immer dahin gedrängt, die Kraft zu offenbaren, die der errettenden Gnade innewohnt, wenn sie im Glauben ergriffen wird. Kein menschliches Werk, kein menschliches Handeln, keine sonstige Macht und kein Erlass einer Institution kann dies erreichen, sondern allein die einfache, persönliche Annahme des Opfers Jesu Christi am Kreuz. Bis heute sind wir dabei, zu lernen, wie wir alles empfangen und erleben können, was dieses große stellvertretende Opfer denen erworben hat, deren Herzen es willig annehmen. Das Kennzeichen jeder echten Erweckung ist ein tiefes Verlangen im Herzen: Verlangen danach, sich voller Hingabe der persönlichen Beziehung zu Jesus zu widmen,Verlangen danach, Gottes Gegenwart zu erleben, und Verlangen danach, ihn im Geist und in der Wahrheit anzubeten. Erweckung ist das Ergebnis des Erwachens der Herzen, sodass sie die Kraft und Gegenwart des lebendigen Christus erfassen, der uns bedingungslos liebt. Menschen, die Erweckung bringen, sind Männer und Frauen, die in der Lage sind, die Welt des Kopfwissens mit ihrer Sicherheit und Konformität hinter sich zu lassen und voller leidenschaftlicher Hingabe die Wahrheiten zu ergreifen, die nur auf der geistlichen Ebene im Glauben erfasst werden können. Diese Wahrheiten können mit dem Verstand nicht vollständig ergriffen werden, sondern werden erst offenbar, wenn wir uns auf Gott verlassen und uns allein auf ihn stützen. Davon ist auch in den Sprüchen die Rede: Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen. Dünke dich nicht weise zu sein, sondern fürchte den Herrn und weiche vom Bösen. Sprüche 3, 5–7 (Luther)

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Gottes Generäle III Die großen Erweckungsprediger haben nach unserem Wissen genau dies getan. Sie haben darum gekämpft, sich nicht auf ihren eigenen Verstand zu verlassen, sondern in allen Dingen Gott als Herrn zu ehren. Sie haben der Versuchung widerstanden, sich selbst für weise zu halten oder von den Menschen für weise gehalten werden zu wollen. Sie vertrauten auf die Leitung des Heiligen Geistes. Viele mussten darum ringen, die leise Stimme Gottes zu hören, aber sie haben durch ihre Entschlossenheit, an Gott festzuhalten, den Herrn gefunden. Jeder der Erweckungsprediger musste Phasen der Finsternis in der eigenen Seele durchleiden – eine persönliche Wüstenerfahrung, während der er ziellos umherzuirren schien, keinen Sinn mehr erkennen konnte und jede Hoffnung verlor. Jeder stellte seinen Glauben in Frage, manchmal sogar seine Errettung. Aber durch Gebet, das von einem großen Hunger nach der Wahrheit motiviert war, fand jeder von ihnen die Gewissheit, nach der er sich sehnte. Als diese Helden des Glaubens auf diese Weise ihre Herzen mit neuem Leben erfüllt hatten, gingen von ihnen Funken aus, durch die ein Feuer im ganzen Land entfacht wurde, das auch in den nachfolgenden Generationen noch brennen würde. Durch das Studium ihres Lebens wird erkennbar, dass die persönliche Erweckung Einzelner zu landesweiter Erweckung führte. Es begann mit völligem Vertrauen auf Gott, einer tiefen Ehrfurcht vor Gott und der Entschlossenheit, die sozialen Missstände zu überwinden, die jedem dieser Menschen in seiner Generation begegneten. Diese Erweckungsprediger haben Veränderung im Leben vieler Einzelpersonen gewirkt, und das so, dass dadurch ganze Landstriche und Nationen verändert wurden. Sie zogen klare Grenzen zwischen Gerechtigkeit und dem Bösen, die bis in die Ewigkeit Bestand haben und an denen auch in Zeiten des Kampfes festgehalten wurde. Wir können in ihre Fußstapfen treten und von ihnen lernen, wie sie ihre Kämpfe gewannen und Hindernisse überwanden. Mach dich mit mir auf die Reise durch zweieinhalb Jahrhunderte und lass uns gemeinsam die Schlachtfelder der Generäle Gottes, dieser großen Erweckungsprediger besuchen.

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Kapitel 1

John + Charles Wesley

(1703 – 1791)

(1707 – 1788)

„Kopf und Herz der Erweckung“


„Kopf und Herz der Erweckung“ Müßiggang und ich haben uns dauerhaft getrennt. Wir werden einander nie mehr begegnen. John Wesley Mein Mund besinge tausendfach den Ruhm des Herrn der Welt! Charles Wesley

Als John und Charles Wesley geboren wurden, hatte Prinzessin Anne den Thron von England inne und Ludwig XIV. regierte in Frankreich. Isaac Newton lebte noch, der Philosoph John Locke war gerade gestorben, Amerika bestand aus einer Gruppe von unzusammenhängenden Kolonien und die Nutzung der Dampfmaschine und die industrielle Revolution sollten einige Jahrzehnte später beginnen. England und insbesondere auch Epworth, der Geburtsort der Gebrüder Wesley, waren im Wesentlichen landwirtschaftlich geprägt und eher provinziell. In den fünfzig Jahren vor ihrer Geburt hatte England unter einer Welle von Bürgerkriegen zu leiden gehabt, von denen der letzte der bedeutendste gewesen war. Durch diesen war Oliver Cromwell zum Lordprotektor von England aufgestiegen (1653–1659). England war über ein Jahrzehnt ohne Monarch gewesen (1649–1659). Als die Monarchie wiederhergestellt wurde, war die Macht des Herrschers von England geschwächt, da er sie jetzt mit dem Parlament teilen musste. Darüber hinaus hatte die anglikanische Kirche ihre Kontrolle über das religiöse Leben Englands verloren, nachdem ein Puritaner Lordprotektor gewesen war. Im frühen 18. Jahrhundert zeichnete sich auch bereits das Zeitalter der Aufklärung ab, das sich an das Zeitalter der Vernunft anschloss, welches das vorangegangene Jahrhundert geprägt hatte, in dem Ratio und Wissenschaft einen immer höheren Stellenwert gegenüber moralisch-ethischen, geistlichen und biblischen Wahrheiten erhalten hatten. Die wissenschaftlichen Entdeckungen Galileis und Newtons hatten eine wissenschaftliche Revolution angestoßen, die die Menschen dazu gebracht hatte, sich mehr auf die Kraft des Intellekts als auf die Weisheit Gottes zu verlassen. Der Humanismus wurde immer stärker und brachte moralischen Verfall mit sich und die Bibel wurde nicht länger als einzig gültiger Maßstab für das Leben der Menschen betrachtet. England befand sich außerdem im Würgegriff des Gin. In jeder vierten Familie Englands wurde Gin hergestellt, der dann offen auf den Straßen verkauft wurde. Die Trunksucht und der damit einhergehende Verfall forderten in allen

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Gottes Generäle III Gesellschaftsschichten ihren Tribut. Die Sitzungen des Parlaments mussten häufig verschoben werden, weil die Mitglieder zu betrunken waren, um sich den Staatsangelegenheiten widmen zu können. Am meisten hatten die Kinder unter diesen Verhältnissen zu leiden, fast 75 Prozent starben vor ihrem fünften Geburtstag. Sie waren nicht nur einem rauen Lebensumfeld ausgesetzt, sondern wurden oft von ihren betrunkenen Eltern vernachlässigt, verlassen oder im schlimmsten Fall verkauft, damit diese ihre Sucht weiter finanzieren konnten. Manche Eltern verstümmelten sogar ihre Kinder, damit sie wegen ihrer schlimmen Verletzungen als Bettler mehr Geld einbringen würden. Aus einem Antrag an das Parlament aus dem Jahre 1739, ein Krankenhaus für verlassene Babys zu errichten, wird deutlich, in welch schlimmer Lage sich die Kinder in England befanden, denn sie wurden entweder „auf der Straße zurückgelassen, um dort zu verelenden“, oder unter Anwendung von Gewalt „des Augenlichts beraubt oder verstümmelt oder ihnen wurden die Gliedmaßen gebrochen, um mehr Mitleid zu erregen“.1 Wie in Frankreich wurde in England der Boden für eine Revolution bereitet, die sich hier jedoch völlig anders abspielen sollte. Die Revolution Englands sollte eine Erweckung namens „Methodismus“ sein, die im Wesentlichen von John und Charles Wesley inspiriert sein würde. Ein Historiker schreibt: Methodismus und die Französische Revolution sind die beiden bedeutendsten Phänomene des 18. Jahrhunderts. [John] Wesley reinigte die verunreinigte, todbringende Atmosphäre mit frischem Ozon. Tausende von Frauen und Männern erhielten durch seine Predigten des Evangeliums eine Offenbarung eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Das gab diesen leeren Menschen den Glauben zurück, der sie fortan tröstete, inspirierte und zu ihrer Richtschnur wurde. Niemand war zu arm, zu gering oder zu verkommen, um von Neuem geboren zu werden, an dem Privileg der göttlichen Gnade teilzuhaben, dem einen Herrn, Jesus Christus, zu dienen und den Segen des Friedens Gottes zu empfangen.2

Durch das riesige Netzwerk der von den Brüdern Wesley gegründeten methodistischen Gemeinschaften wurde den Menschen die verzweifelt gesuchte Gewissheit der Liebe und Gnade Gottes zurückgegeben, in einer Zeit, in der Unsicherheit, wirtschaftliche Härten und kurze Lebenserwartung das Leben der Menschen prägten. Die von den Wesleys ins Leben gerufenen „Klassen“ – heute würden wir sie wohl Hauskreise nennen –, boten den Menschen beständig Lehre und Gebet, forderten Rechenschaft, boten Gemeinschaft und Jüngerschaft und sorgten so für die Grundlage geistlichen Wachstums. Der vielleicht wichtigste Punkt war, dass John und Charles Wesley den Menschen die Botschaft der freien Gnade verkündeten. Den größten Anteil ihrer Zuhörer bildeten „die Bedrückten und Niedrigen im Geist“, die freudig ihre Herzen öffneten, um die überreiche Gnade Gottes zu empfangen.

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John und Charles Wesley

Leidenschaftliche Reinheit John und Charles Wesley wurden am 17. Juni 1703 und 18. Dezember 1707 in Epsworth geboren, einer Stadt im Herzen Englands, die etwa 300 Kilometer nördlich von London und 130 Kilometer östlich von Manchester gelegen ist. Sie waren das fünfzehnte und achtzehnte Kind von neunzehn Kindern, von denen nur zehn das Erwachsenenalter erreichten. „John Benjamin“ Wesley wurde nach zwei Brüdern benannt, die vor seiner Geburt verstorben waren. John war zwar das fünfzehnte Kind, aber als er geboren wurde, hatte er nur sechs Geschwister, da acht Geschwister bereits gestorben waren. Die Kinder des Ehepaars Wesley waren: Samuel (1690–1739), Susanna (1691, starb als Baby), Emilia (1692–1771), die Zwillinge Annesley und Jedidiah (1694, starben als Babys), Susanna „Sukey“ (1695–1763), Mary „Mollie“ (1696–1734), Mehetabel „Hetty“ (1697–1750), ein nicht benanntes Kind (1698, starb als Baby), John (1699, starb als Baby), Benjamin (1700, starb als Baby), nicht benannte Zwillinge (1701, starben als Babys),Anne (1702–1742?), John (1703–1791), ein nicht benannter Sohn (starb als Baby), Martha (1706– 1791), Charles (1707–1788) und Keziah „Kezie“ (1709–1741). Das Städtchen Epworth besaß einen Markt und wies seit 200 Jahren etwa 2.000 Einwohner auf. Die meisten Bewohner lebten vom Anbau von Hanf und Flachs, vom Flechten von Seilen und vom Weben anderer aus Hanf und Flachs hergestellter Erzeugnisse. Das Pastorat, in dem die Gebrüder Wesley geboren wurden, war ein dreistöckiges, strohgedecktes Gebäude aus verputztem Holz. Es befand sich auf einem 12.000 Quadratmeter großen Grundstück, auf dem sich eine strohgedeckte Scheune, ein Taubenschlag und ein kleiner Garten befanden. John und Charles stammten aus einer Familie, die seit vielen Generationen Pastoren und Prediger hervorbrachte. Ihre Eltern, Reverend Samuel und Susanna Wesley, erzogen sie in der Hoffnung, dass sie eines Tages leitende Aufgaben innerhalb der anglikanischen Kirche übernehmen würden. Samuel und Susanna waren Teil der Bewegung der sogenannten Dissenter (auch Nonkonformisten genannt), aber um sich ihr Gehalt und das Haus zu bewahren und um in der Region um Epworth als gläubige Pastoren arbeiten zu können, hatte Samuel mit den Anglikanern Frieden geschlossen und war von ihnen in sein Amt eingesetzt worden. Als Dissenter und Puritaner prägten ihre strengen moralischen Prinzipien ihr gesamtes Familienleben, was sich in äußerster Disziplin ausdrückte, was das Benehmen, das Lernen und das Gebet betraf. Samuel Wesley, der 45 Jahre lang Rektor3 der kleinen Gemeinde Epsworth war, verbrachte viele Stunden damit, sich um die geistlichen Nöte der Menschen in den umliegenden Städten und Dörfern zu kümmern.Wenn er die Zeit fand, widmete er sich ausführlichen Studien, wobei er sich häufig in seinem Arbeitszimmer einschloss, schrieb Predigten, verfasste Gedichte und kompo-

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Kapitel 2

George Whitefield

(1714 – 1770)

„Gottes Dramatiker“


„Gottes Dramatiker“ Ich kann Himmel und Erde zu Zeugen anrufen, dass ich mich zu dem Zeitpunkt, als der Bischof mir die Hände auflegte, dem, der für mich am Kreuz hing, vollständig hingegeben habe, als Märtyrer für ihn zu sterben … Ich habe mich wie mit verbundenen Augen auf ihn geworfen und, wie ich meine, ohne etwas zurückzuhalten, mein Leben in seine Hände gelegt.1 George Whitefield über seine Ordination

George Whitefield war zwar höchstwahrscheinlich die bekannteste Persönlichkeit seiner Zeit in den amerikanischen Kolonien – etwa vier von fünf Siedlern haben ihn mindestens einmal predigen gehört – trotzdem wissen heute nur sehr wenige Menschen etwas über den enormen Einfluss, den er durch seine „erfahrungsorientierten Evangelisationen“ ausgeübt hat. Er erschütterte zwei Kontinente durch seinen dramatischen und kompromisslosen Predigtstil und veränderte die geistliche Atmosphäre in zwei Welten – auf den Britischen Inseln und in den neuen Siedlungsgebieten Amerikas. Im Alter von 25 Jahren eroberte er New England als reisender Prediger innerhalb eines Jahres wie im Sturm und kehrte sechs weitere Male nach Amerika zurück, um tiefen Eindruck in den Herzen der ungezählten Menschen zu hinterlassen, die sich um ihn scharten, um seine bewegenden Predigten zu hören. Als die Einwohnerzahl von Boston etwa 16.000 betrug, hielt Whitefield seine Abschiedspredigt auf einem Bostoner Freigelände vor 23.000 Menschen – es handelte sich wahrscheinlich um die größte Menschenmenge, die sich bis zu diesem Zeitpunkt jemals in Amerika versammelt hatte. Er dürfte mit Ausnahme der Königsfamilie der einzige damals lebende Mensch gewesen sein, den jeder amerikanische Siedler kannte. Noch nie zuvor hatte eine Einzelperson eine so große Zuhörerschaft fasziniert oder solch allgemeine Berühmtheit erlangt, ohne weitere Hilfsmittel zu benutzen als seine Stimme, das Pferd, auf dem er ritt, die Kiste, auf der er stand, und die einfache Botschaft der Errettung, der er keine weiteren Gedanken hinzufügte. Die Gebrüder Wesley waren lange Zeit seine Mentoren gewesen, aber er wurde zunächst berühmter als die beiden. John Wesley hielt seine erste Predigt unter freiem Himmel im Alter von 36 Jahren auf einer Wiese vor Bristol vor der damals unvorstellbaren Zahl von 3.000 Zuhörern, aber Whitefield predigte bereits vor seinem dreißigsten Geburtstag vor bis zu 30.000 Menschen. Als John Wesley 6.000 Zuhörer um sich scharte, predigte Whitefield vor der Rekordkulisse von 60.000 Menschen.

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Gottes Generäle III George Whitefield war bekannt als der Große Redner, Gottes Dramatiker und als Himmlisches Kornett. Er sprach die Gefühle der Menschen an und nutzte alle Möglichkeiten, um den Menschen in seinen Predigten sein dringendes Anliegen nahezubringen, dass sie „von Neuem geboren werden müssen“. Er hat diese Redewendung zweifellos von John Wesley übernommen, der wahrscheinlich als Erster die Formulierung „von Neuem geboren werden“ benutzte, um zu beschreiben, dass ein Mensch Christ wurde. Dieser Gedanke stammt aus Jesu Aussage in Johannes 3, 3: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Whitefield wurde zwar wegen seines dramatischen Auftretens immer wieder kritisiert, aber sein Herz war aufrichtig und wahrhaftig vor Gott. Er hatte reine Absichten und seine Liebe für seine Zuhörer war ungeheuchelt und echt. Whitefield war ein Pionier der Evangelisation. Er war erfüllt von tiefem Mitgefühl für die Verlorenen, und er war der Erste, der unter freiem Himmel den Gruben- und Werftarbeitern predigte. Er sprach zu ihnen, wenn sie auf ihrem Weg zur und von der Arbeit an ihm vorbeikamen, weil er keine andere Möglichkeit sah, sie zu erreichen. Er brachte die Botschaft von der Hoffnung auf die rettende Gnade Gottes nicht nur der Arbeiterklasse, sondern auch den Menschen der gehobenen Schichten – er nahm an Zusammenkünften von berühmten Lords und ihren Ehefrauen teil, die seinen dramatischen Predigten wie gebannt zuhörten. Sein Charisma und sein Mitgefühl führten ihn in feine Salons und finstere Kerkerräume in England, in vornehme Politikerhäuser und in die einfachen Hütten der amerikanischen Ureinwohner. Am tiefsten bewegten ihn das schwere Schicksal von Witwen und Waisen in den neuen Kolonien sowie die Lebensumstände der afrikanischen Sklaven, die er dort antraf. Whitefield war der Katalysator der Großen Erweckung, die Amerika und Großbritannien den evangelikalen Glauben erschloss – ein neues Wirken Gottes, bei dem die Autorität der Bibel betont und immer wieder darauf hingewiesen wurde, dass jeder Mensch Jesus Christus zu seinem persönlichen Herrn und Heiland machen müsse. In dieser Großen Erweckung wurde nicht nur die Botschaft der Erlösung ausgebreitet, sondern auch immer wieder deutlich gemacht, dass alle Menschen vor Gott gleich sind und den gleichen Wert besitzen. Die erste Welle dieser Erweckung bewirkte einen Wertewandel, der sich sowohl auf Politik, Handel und traditionelle religiöse Hierarchien als auch auf den Alltag der Menschen auswirkte. Dem einfachen Mann wurde ein neues Selbstwertgefühl vermittelt. Menschen aus allen sozialen Schichten beschäftigten sich verstärkt mit dem Glauben und fingen an, selbst in der Schrift zu forschen. In dieser neuen Haltung lagen die Anfänge eines Bewusstseins für Unabhängigkeit und Gleichheit, das Grundlage und Motiv für die amerikanische Revolution sein würde. Als durch die Unabhängigkeitserklärung in den Kolonien der Geist der Freiheit verkündet wurde, geschah dies nach dem Vorbild reisender Evangelisten wie Whitefield, die die Ersten gewesen waren, die echte Gleichheit und Freiheit in Christus gepredigt hatten.

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George Whitefield

Herkunft aus einfachsten Verhältnissen George Whitefield wurde am 16. Dezember 1714 als Sohn eines Gastwirts in der englischen Stadt Gloucester geboren. Er war das jüngste der sieben Kinder von Thomas und Elizabeth Whitefield. Bereits in frühester Kindheit lernte er die rauen Umgangsformen einer Kneipe mitten in der Stadt kennen. Der Familie Whitefield gehörte der gut besuchte Bell Inn („Schankwirtschaft zur Glocke“) in der Westgate Street im Zentrum von Gloucester. Zwei Jahre nach Georges Geburt starb sein Vater. Seine Mutter blieb zurück und musste fortan den Bell Inn allein bewirtschaften und sich um die große Familie kümmern. Georges Kindheit unterschied sich sehr stark von dem disziplinierten und vornehmen Pfarrhaus, in dem John und Charles Wesley unter den wachsamen Augen ihrer Mutter erzogen wurden. Whitefield wurde von seiner alleinstehenden Mutter erzogen, die alles dafür tat, die Familie über Wasser zu halten. Sie musste Bier zapfen und Ordnung in das Durcheinander bringen, das die Gäste häufig in ihrem Gasthaus hinterließen. George erlebte die schlimmsten Hedonisten, hörte beständig Obszönitäten und konnte zahlreiche äußerst zwielichtige Personen beobachten. Über sein Verhalten in der Kindheit sagte Whitefield einmal: Ich kann mich daran erinnern, bereits früh zweifelhaftes Verhalten an den Tag gelegt zu haben. Ich war bereits in sehr jungen Jahren wie gefangen in Lügen, unreiner Sprache und derben Scherzen. Manchmal fluchte und schimpfte ich äußerst schlimm. Ich betrachtete es nicht als Diebstahl, meine Mutter zu bestehlen, und ich hatte keine Gewissensbisse, wenn ich Geld aus ihrer Tasche nahm, bevor sie aufstand.2

Whitefields Mutter heiratete wieder, um das Gasthaus weiterführen zu können. George war zum Zeitpunkt der Hochzeit zehn Jahre alt. Die Ehe wurde ein Albtraum und endete mit einer Scheidung, nach der es Elizabeth und den Kindern genauso schlecht ging wie zuvor. Wenig später zog Whitefields älterer Bruder von zu Hause aus, um eine eigene Familie zu gründen. George zog ebenfalls aus und kam auf die höhere Lehranstalt St. Mary de Crypt, auf der er seine Liebe zum Theater entdeckte. Er bewältigte die klassischen Unterrichtsfächer mühelos, aber seine Leidenschaft galt dem Theaterspielen; er war stets darauf bedacht, möglichst große Rollen zu erhalten. Er schwänzte oft den Unterricht, um seine Rollen auswendig zu lernen. Dank seiner bekannten rhetorischen Fähigkeiten wurde er häufig dazu auserwählt, eine Rede zu halten, wenn wichtige Persönlichkeiten die Schule besuchten. Seine Mutter hatte ebenfalls eine Vorliebe für das Theater. Der Junge hatte ihr Verlangen geerbt, „jemand sein zu wollen“. Whitefield war 15 Jahre alt, als die Ehe seiner Mutter zerbrach, und er überredete sie, ihn von der Schule zu nehmen, damit er ihr bei der Bewirtschaftung des Gasthauses helfen konnte.

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Kapitel 3

Jonathan Edwards

(1703 – 1758)

„Gottes Intellektueller“


„Gottes Intellektueller“ Das Empfinden für Gott und sein Wesen, das ich besaß, flackerte häufig ganz plötzlich wie ein süßes Brennen in meinem Herzen auf, es war ein Zustand der Leidenschaft und des Feuereifers, den ich nicht angemessen in Worte zu fassen vermag. Jonathan Edwards

Jonathan Edwards ist der komplexeste – und daher der am häufigsten missverstandene – unter den Erweckungspredigern. Edwards wurde im selben Jahr wie John Wesley als Sohn eines puritanischen Geistlichen geboren und galt während der Kolonialzeit beinahe als Adliger in den Neuenglandstaaten – obwohl er in Häusern wohnte, die eher einem Fort oder einer Garnison im Wilden Westen glichen, und sich damit stark vom friedlichen Pastorat der Familie Wesley in Epworth unterschied. Jonathan Edwards wurde Pastor und Erweckungsprediger und stand im Zentrum der Großen Erweckung in Amerika. Gleichzeitig war er auch ein Intellektueller, der sich mit den großen Themen der Aufklärung beschäftigte und sich mit den Schriften von Männern wie John Locke und Isaac Newton auseinandersetzte. Im Verlauf seines Lebens erlebte Jonathan Edwards einiges: Er schrieb theologische Werke auf höchstem akademischen Niveau, gab das bekannte und weit verbreitete Leben und Tagebuch des David Brainerd heraus, das auch heute noch zu den Klassikern der Missionsliteratur gehört, war entscheidender Motor und Impulsgeber für zwei Erweckungsbewegungen, wurde von der Gemeinde entlassen, in der er als Pastor arbeitete, missionierte unter den Ureinwohnern Amerikas und starb schließlich als Präsident der Universität von New Jersey in Princeton. Jonathan war Puritaner und gleichzeitig auch ein evangelikaler Calvinist – eigentlich also ein Widerspruch in sich selbst. Er glaubte, dass nur Gott die Menschen, die errettet werden, erwählen könnte; und fast im Gegensatz dazu glaubte er auch, dass es in der Verantwortung jedes Einzelnen läge, herauszufinden, was Gott für ihn geplant hatte. Jonathan Edwards war ein durch und durch aufrichtiger Mensch, der sowohl die Wichtigkeit radikalen Glaubens betonte als auch großen Wert auf Disziplin und kritisches Denken legte.Er hatte keine Angst, die Frage nach dem Warum oder seine eigenen Überzeugungen in Frage zu stellen und dann von ganzem Herzen nach der Antwort zu suchen, bis er sie fand. Während seines kurzen Lebens von 53 Jahren zeichnete Jonathan Edwards die erstaunlichen Zeichen und Wunder Gottes auf, die er während der Großen Erweckung miterlebte. Er kritisierte die Übertreibungen und setzte sich immer wieder dafür ein, den Glauben zu einer Sache des Herzens zu machen und nicht nur mit dem Kopf zu betrachten. Er predigte häufig darüber, dass das

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Gottes Generäle III Wesen Gottes von seiner Liebe bestimmt wird, aber seine berühmteste Predigt war sein „mit Feuer und Schwefel gewürzter“ Aufruf zur Umkehr „Sünder in der Hand eines zornigen Gottes“ (Sinners in the Hands of an Angry God). Er beschrieb darin die Intensität des Zornes Gottes, tat dies jedoch mit einem Herzen, das überfloss von Mitgefühl und Sorge um die Verlorenen. Er wusste mehr über den Himmel als über die Hölle, dennoch hielt er es für richtig, seiner Gemeinde eine klare Vorstellung der Hölle zu vermitteln, weil er hoffte, dass sie dadurch inspiriert würden, um jeden Preis sicherzustellen, dass sie in den Himmel kämen. Jonathan und seine Frau Sarah gehören zu den bemerkenswertesten Eltern der amerikanischen Geschichte. Bis zum Jahr 1900 waren unter den Nachkommen ihrer elf Kinder 13 College-Präsidenten, 65 Professoren, 100 Rechtsanwälte (einer von ihnen war Leiter einer herausragenden Ausbildungsstätte für Juristen), 31 Richter, 66 Ärzte (einer von ihnen war Leiter einer medizinischen Hochschule), 135 Redakteure, ein Verleger und über 100 Missionare auf anderen Kontinenten. Zu ihnen gehören der Schriftsteller O. Henry, der Verleger Frank Nelson Doubleday und der Schriftsteller Robert Lowell. 80 ihrer Nachkommen bekleideten öffentliche Ämter, darunter drei Senatoren im amerikanischen Senat, drei Bürgermeister amerikanischer Großstädte, Gouverneure von drei Staaten sowie Aaron Burr jun.,Vizepräsident der USA. Daneben gab es mit Edith Roosevelt eine First Lady (die zweite Frau von Theodore Roosevelt) und mit Robert Walker Taylor einen Staatssekretär im US-Finanzministerium.1 Man würde jedoch Edwards’ entscheidenden Einfluss auf das Christentum außer Acht lassen, wenn man sich ausschließlich auf das Erbe konzentrierte, das sich durch seine Nachkommen ausbreitete. Er war bereit, sich mit den Gedanken, Gefühlen und den schnellen Veränderungen seiner Zeit auseinanderzusetzen, um so den Lohn Abrahams erhalten zu können – Freundschaft mit dem großen Gott. Jonathan Edwards war zuallererst ein Mann, der sich danach ausstreckte, Gott kennen zu lernen, und aufgrund dieses Bemühens fand er Erfüllung in allem, was er tat.

Geburt während der Kolonialzeit Jonathan Edwards wurde am 5. Oktober 1703 in East Windsor in Connecticut als Sohn der Puritaner Timothy Edwards und Esther Stoddard Edwards geboren. Er war der einzige Sohn unter ihren elf Kindern.Vor seiner Geburt hatte Esther bereits vier Töchter geboren, es folgten noch sechs weitere. Die Puritaner waren zwar in die Neue Welt gekommen, weil sie große Hoffnungen darauf setzten, eine religiöse Nation gründen zu können, in der Christen gemäß ihrem Glauben und ihren biblischen Überzeugungen leben könnten, aber nach kurzer Zeit begannen sie, sich darauf zu konzentrieren,Wohlstand zu erwerben, was dazu führte, dass der Glaube vieler Menschen in den Hintergrund trat.

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Jonathan Edwards Aufgrund ihrer Lebensumstände stand ihnen jedoch die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens stets vor Augen, wodurch der Einfluss der Verlockungen des Materialismus abgeschwächt wurde. Lebensbedrohliche Gefahren lauerten überall und es war nichts Ungewöhnliches, dass Familienmitglieder durch Epidemien, Unfälle oder brutale Übergriffe der Indianer zu Tode kamen. Fast die Hälfte der ersten Pilger, die knapp ein Jahrhundert vor Jonathans Geburt in Plymouth eingetroffen waren, starben während des ersten Winters. Aufgrund der Angriffe durch die Indianer sahen die Siedlungen zwischen Northampton und Deerfield (auf dem Gebiet des heutigen US-Bundesstaates Massachusetts) eher wie militärische Vorposten aus, als wie die malerischen Kopien der Städtchen aus der Kolonialzeit, die heute den Touristen gezeigt werden. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Jonathan Edwards sich Zeit seines Lebens als Untertan der britischen Krone sah. Er erlebte die amerikanische Revolution nicht mehr und er wurde während des Queen-AnnKrieges geboren (der in Verbindung stand mit dem Spanischen Erbfolgekrieg in Europa), in dem Großbritannien mit seinen Verbündeten gegen Frankreich und Spanien um die Vorherrschaft in Amerika kämpfte. Der Krieg brach in St.Augustine in Florida aus. Frankreich hatte weite Landstriche nördlich der Neuenglandstaaten und im heutigen Kanada unter Kontrolle. Der Krieg gegen Frankreich und Spanien bewirkte nicht nur eine Veränderung der britischen Politik, sondern beinhaltete die Möglichkeit des Vormarsches des Katholizismus, den die meisten Puritaner als die Religion des Antichristen betrachteten. Hinzu kam, dass die französisch-kanadischen Nachbarn bessere Kontakte zu den Indianern besaßen als die britischen Kolonialisten, sodass der Krieg in Europa dazu führte, dass die Indianer an der Seite der Franzosen gegen die Siedler britischer Abstammung kämpften. Französische Jesuiten brachten den Katholizismus nach Amerika – und ihre Art des Christentums verlangte von den Ureinwohnern Amerikas weniger kulturelle Veränderungen. Es ging im Wesentlichen darum, regelmäßig die Sakramente zu empfangen – von Neuem geboren zu werden, stellte weitaus höhere Anforderungen. Auch dadurch wurde die Verbindung zwischen den Franzosen und den Indianern gestärkt, sodass die Indianer sehr bald von den Franzosen deren Verachtung gegenüber den britischen Siedlern und ihrer protestantischen Religion übernahmen. In der gleichen Woche, in der Jonathan geboren wurde, entführten Indianer zwei Männer aus Deerfield (etwa acht Kilometer nördlich von East Windsor gelegen) und verschleppten sie nach Norden. John William, Pastor in Deerfield und Jonathans Onkel, entgingen der Entführung nur knapp.Am 29. Februar 1704 wurde die Stadt Deerfield von etwa 200 indianischen Kriegern und einigen Franzosen angegriffen. In dem als Massaker von Deerfield bekannt gewordenen Kampf wurden 65 der etwa 300 Einwohner getötet und weitere etwa 100 Personen nach Norden verschleppt. Ein weiterer Onkel Jonathans, John Stoddard, konnte sein Leben in letzter Sekunde retten. Er trug lediglich sein Nachthemd und einen Mantel, den er im Laufen noch ergriffen hatte. Seine Füße umwickelte er mit Stoff, den er von seinem Mantel abgeschnitten hatte,

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Kapitel 4

Francis Asbury

(1745 – 1816)

„Der Prophet des langen Weges“


„Der Prophet des langen Weges“ Wir sollten so arbeiten, als würden wir durch unsere Werke errettet; und uns so auf Jesus Christus verlassen, als täten wir keinerlei Werke. Francis Asbury

Nach der ersten Großen Erweckung der Vierzigerjahre des 18. Jahrhunderts und der Amerikanischen Revolution (1775–1783) wurden die gerade entstandenen Vereinigten Staaten von Amerika von einer Welle der Erweckung erfasst, wie es sie niemals zuvor gegeben hatte. Die Kolonien, die jetzt Staaten der USA waren, breiteten sich in neue Regionen nach Westen aus, da die Aussicht auf Land, kostenlose Grundstücke und Ackerfläche die Siedler an die Grenzen der Zivilisation und darüber hinaus lockte. In der Zeit vor der Einführung des Telegrafen, als New York noch nicht einmal 20.000 Einwohner besaß, waren die amerikanischen Städtchen so weit verstreut und vereinzelt wie die Sterne am Himmel. Während die Große Erweckung um Edwards in einer relativ großen Stadt begonnen hatte und Whitefields Predigten die Menschen angelockt hatten, sodass sich Tausende und sogar Zehntausende an einem Ort versammelten, um das Wort des Herrn zu hören, brachte diese Erweckung den Glauben überall dorthin, wo die Menschen lebten. An einer Grenze, die aus vereinzelten Farmen und kleinen Siedlungen bestand und die sich von den Küstenstädten allmählich Richtung Mississippi verschob, waren Nachrichten eher selten – und Gemeinden noch seltener. Vor der Amerikanischen Revolution gab es Pastoren fast ausschließlich in den größeren Städten, aber es gab Männer wie Francis Asbury, die erkannten, wie wichtig es ist, auf die Methoden zurückzugreifen, die die Apostel verwendeten, als Jesus sie in Zweiergruppen ausgesandt hatte. Die reitenden Methodistenprediger im Reisedienst sprachen nicht vor großen Menschenmengen auf den zentralen Plätzen der Großstädte, sondern sie brachten die Erweckung wie ihr großes Vorbild Francis Asbury in die entlegensten Gegenden der sich nach Westen verschiebenden Grenzregion und wurden quasi zu den Fäden, durch die die amerikanischen Siedler zu einer Nation zusammengewoben wurden. Der Methodismus mit seinen strengen Regeln und Gebetstreffen, dem Bibelstudium und den vereinten Gemeinschaften, wurde zu einem wichtigen Faktor bei der Entstehung von Gemeinschaften aus den eher nach Unabhängigkeit strebenden Menschen an der Westgrenze. Wie wichtig war diese verbindende Kraft? Asburys Biograf Darius Salter schreibt:

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Gottes Generäle III Die Nationale Kommission für historische Veröffentlichungen der amerikanischen Regierung nennt 66 Amerikaner, deren Werke als grundlegend wichtig für ein angemessenes Verständnis der Entwicklung der amerikanischen Nation und ihrer strategischen Bedeutung in der Welt gelten. Asburys Name befindet sich unter ihnen.1

Er war weder Politiker noch wurde er in Amerika geboren, und doch wird Asburys Name neben Menschen wie George Washington,Thomas Jefferson, John Adams und Abraham Lincoln in der Liste derer aufgeführt, die eine wichtige Rolle spielten in der Entwicklung der USA, eines demokratischen Staates, der heute vielerorts in der Welt als Vorbild gilt. Sein Wirken war so wichtig, dass heute ein Reiterstandbild von ihm in der 16th Street in Washington, D. C., steht, das nach Süden blickt in Richtung des Weißen Hauses. Es trägt die folgende Inschrift: „Wer die Resultate seines Wirkens sucht, der findet sie in unserer christlichen Zivilisation“ und „Seine ständigen Reisen durch die Städte, Dörfer und Siedlungen von 1771 bis 1817 leisteten einen wesentlichen Beitrag zur Entstehung von Patriotismus, Bildungssystemen, Wertvorstellungen und Glauben in der amerikanischen Republik“. Statt von einer Kanzel zu predigen, die in einer großen Kirche in einer bestimmten Stadt stand, legte Francis Asbury mehrere Hunderttausend Kilometer zu Pferd zurück und brachte das Wort Gottes an Orte, an denen es nie zuvor gehört worden war. Er sprach nicht vor großen Menschenmassen, sondern häufig vor einigen Familien, die sich in einem grob gezimmerten Haus versammelt hatten, oder er unterhielt sich mit einsamen Reisenden, denen er auf dem Weg begegnete. Seiner Meinung nach waren alle Menschen gleich stark vom Sündenfall betroffen, daher benötigten alle Menschen mit gleicher Dringlichkeit einen Erlöser. Francis glaubte, dass Gott ihn berufen hatte, die Gabe der erlösenden Gnade Gottes jedem Menschen zu bringen, der ihm zuhören würde, und er war bereit, alles zu tun, was erforderlich wäre, um jedem die Gute Nachricht zu bringen – selbst wenn er die Menschen einzeln aufsuchen musste.

Kindheit und Jugend in England Francis Asbury, manchmal wurde er auch „Franky“ genannt, wurde am 20. August 17452 in Hamstead Bridge, in der englischen Grafschaft Staffordshire geboren, einem Ort in der Nähe von Birmingham. Er war das Kind von Joseph und Elizabeth Asbury, die nach dem Verlust ihrer kleinen Tochter Sarah noch vor Francis’ Geburt aktive Methodisten geworden waren. Elizabeth Asbury war eine ernsthafte und sehr engagierte Methodistin. Nach Eintragungen im Tagebuch von Francis Asbury, die er sehr viel später vornahm, arbeitete ihr Mann als Gärtner für einige wohlhabende Familien in der Gegend. Er besaß damit keine einflussreiche Position in dieser rauen Gegend, deren wichtigster Erwerbszweig die Herstellung von Metallerzeugnissen war.

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Francis Asbury Da sie Methodisten waren, waren sie nicht sehr beliebt. Die Menschen in Birmingham wehrten sich gegen jede Art des Glaubens und wollten besonders mit dem Aufruf der Gebrüder Wesley nach persönlicher Heiligung nichts zu tun haben. Als John und Charles Wesley einmal versuchten, dort zu predigen, wurde John von der aufgebrachten Menge entführt und erst wieder außerhalb der Stadt freigelassen. Charles wurde dort einmal von einem Hagel aus Steinen und Rüben getroffen und der Lärm der Kirchenglocken wurde häufig benutzt, um ihn zu übertönen und zum Schweigen zu bringen. Sogar der Stadtrat scheint sich gegen die Methodisten gestellt zu haben. Ein Mitglied des Stadtrates setzte eine Belohnung aus für Menschen, die die Methodisten aus der Stadt vertreiben würden. Ein Mitarbeiter der Wesleys, John Nelson, „wurde mit Eiern und Steinen beworfen, achtmal zu Boden geschlagen … und etwa 20 Meter weit an den Haaren durch die Straße geschleift und dabei wiederholt in die Seite getreten. Nelsons schwangere Frau wurde so sehr geschlagen, dass sie ihr Kind verlor.“3 Auch als die Gebrüder Wesley die Stadt verlassen hatten, fuhren pöbelnde Banden fort, die Menschen zu terrorisieren, die Methodisten geworden waren. Sie beraubten sie, zerstörten ihre Häuser und verprügelten sie. Aus Asburys – oder „klein Frankys“ – Kindheit ist nur eine einzige Geschichte überliefert. Sie wurde von John Wesley Bond erzählt, Francis’ letztem Reisegefährten: Der Vater des Bischofs war von Beruf Gärtner und stellte seine Gartengeräte wie lange Scheren, Sägen, Hacken und Rechen normalerweise in [einen Raum im Erdgeschoss ihres Hauses] … Eines Tages war Francis in seinem Zimmer. Man vergaß ihn, bis sein Vater zu seiner Mutter sagte: „Wo ist eigentlich unser Sohn? Ich habe ihn weinen hören.“ Seine Mutter lief in Francis’ Zimmer und merkte, dass ihr Sohn zu einem Loch im Fußboden gekrabbelt und in den Raum gefallen war, in dem sonst die Gartengeräte standen. Dank der freundlichen Vorsehung Gottes waren die Gartengeräte kurz zuvor aus dem Raum entfernt und es war ein größerer Behälter hineingestellt worden, der fast vollständig mit Asche gefüllt war. In diesen war Francis hineingefallen, sodass der Sturz entscheidend abgemildert worden war. Andernfalls wäre der Welt das wunderbare Wirken von Bischof Asbury womöglich vorenthalten worden.4

Francis’ Kindheit und Jugend waren nicht von materiellem Reichtum geprägt, aber er war gesegnet mit Eltern, die sich von seiner Kindheit an um die charakterliche und geistliche Entwicklung ihres Sohnes kümmerten. Seine Schulbildung war sehr dürftig. Er wurde von den Lehrern häufig geschlagen und von seinen Mitschülern als „Schlimmster der Schlimmen“5 beschimpft. Asbury entschied sich daher, im Alter von zehn Jahren ohne erkennbare Beeinflussung durch seine Eltern, nicht länger zur Schule zu gehen und verschiedenste Hilfsarbeiten in wohlhabenden Familien anzunehmen. Da er gelernt hatte, zu lesen und zu schreiben, las er weiterhin selbstständig in der Bibel.

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Kapitel 5

Die ersten Lagerversammlungen

(1799 – 1801)

„Amerikas Pfingsten“


„Amerikas Pfingsten“ Ich möchte, dass auch bei euch Lagerversammlungen stattfinden; bisher brachten sie immer viel Frucht. So viele Menschen aus dem Volk Gottes zum Beten und Predigen zu versammeln – und je länger sie zusammenbleiben, desto besser ist es im Allgemeinen –, das ist Evangelisation im großen Stil, das ist Fischen mit einem großen Netz.1 Francis Asbury, an den leitenden Ältesten des Distrikts Pittsburgh

Mitte des 18. Jahrhunderts begannen die Menschen, die sich in den zusehends dichter besiedelten Kolonien beengt fühlten, sich durch das Tal des Cumberland Gap einen Weg aus Virginia zu bahnen, und gründeten die ersten Siedlungen westlich des Alleghenygebirges. In dieser unberührten Wildnis, die den Stämmen der amerikanischen Ureinwohner als Jagdgründe dienten, lebten zahlreiche Truthähne sowie Rehe und Hirsche. Dichte Wälder, die aus verschiedensten guten Nutzhölzern bestanden, zogen sich von einem Horizont zum anderen, so weit das Auge reichte. Die Vegetation wurde von verschiedensten Quellen und Flüssen mit Wasser versorgt und in den Wäldern gab es genügend Tiere, von denen sich sowohl Siedler als auch Trapper ernähren konnten. Das Land war sehr fruchtbar und bot gute Möglichkeiten zum Ackerbau, besonders in einer Gegend, die Daniel Boone wegen des reichen Ahornvorkommens „Cane Ridge“ (Ahorn-Höhenzug) getauft hatte. Weite Teile dieser Gegend waren den Ureinwohnern Amerikas abgekauft worden – von den Briten im Vertrag von Fort Stanwix (1768) und von einem privaten Unternehmen aus North Carolina im Vertrag von Sycamore Shoals (1775). Der Einfluss der Siedler missfiel einigen Stämmen jedoch so sehr, dass sie sich im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf die Seite der Briten stellten. Eine der letzten Schlachten dieses Kriegs – die Schlacht von Blue Licks – fand am 19. August 1782 in diesem Landstrich statt. Die Gegend wurde auch nach Ende des Krieges etwa zehn Jahre lang immer wieder von Unruhen erschüttert. Einige Gemeinschaftshäuser, die diese Zeit überstanden, stehen heute noch. In ihren Wänden sind Schießscharten angebracht, die die Siedler im Fall eines Angriffs der amerikanischen Ureinwohner zur Verteidigung nutzten. 1792 wurde diese Region zum Bundesstaat Kentucky, dem ersten Staat außerhalb des Territoriums der 13 Gründungsstaaten und dem fünfzehnten Staat der Union. (Vermont war der vierzehnte Staat, er wurde aus einer Region gebildet, um die sich zunächst die Staaten New York und New Hampshire gestritten hatten.) Die Bewohner Kentuckys waren meist raue Gesellen – die

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Gottes Generäle III meisten von ihnen waren Kriminelle auf der Flucht und Abenteurer und Entdecker, von denen Daniel Boone der bekannteste war. Vereinzelt gab es auch Familien, die in einem Haus mitten in der Wildnis lebten. Kentucky war kein Staat für zaghafte Menschen. Die Leute hatten sich hier aus anderen Gründen niedergelassen als die Siedler in Plymouth, die Glaubensfreiheit gesucht hatten. Für die Bewohner Kentuckys spielten geistliche Dinge eine untergeordnete Rolle – falls sie sich überhaupt damit beschäftigten. Francis Asbury sagte 1794: „Wenn ich daran denke, dass nicht einer von Hundert Menschen aus Glaubensgründen hierherkam, sondern weil sie Interesse an fruchtbarem Land hatten, dann denke ich, es wäre ein großer Erfolg, wenn zumindest ein gewisser Anteil von ihnen am Ende nicht ihre Seele verlöre.“2 Und doch wurde in jeder Siedlung sehr schnell der Ruf nach einem Prediger laut. Häufig schlossen sich mehrere Orte zusammen und hatten gemeinsam einen Pastor, weil die Bevölkerungszahlen zunächst sehr gering waren. James McGready, ein presbyterianischer Pastor, übernahm die Verantwortung für die Gemeinden in Gasper, Red und Muddy Rivers in Logan County. 1796 vereinbarte er mit diesen Gemeinden, dass jeder am Samstagabend beten und an jedem dritten Samstag im Monat von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang fasten und beten sollte. Der Hauptinhalt dieser Gebetszeiten bestand darin, Gott darum zu bitten, Erweckung zu senden.

Ein Erweckungsprediger aus dem Osten Der 1763 in Pennsylvania geborene James McGready hatte schottische und irische Vorfahren. Als er noch ein kleines Kind war, zogen seine Eltern nach Guilford County in North Carolina, wo er aufwuchs und die Akademie von David Caldwell besuchte. Später kehrte er nach Pennsylvania zurück, um sich durch ein Studium am Jefferson College, einer Institution, die später Teil des Washington and Jefferson College in der nahe gelegenen Stadt Washington im Staat Pennsylvania wurde (in der Nähe von Pittsburgh), auf den Dienst als Pastor vorzubereiten. Dort hörte er einen detaillierten Bericht von Dr. John Blair Smith über die Erweckung, die dieser in Virginia miterlebt hatte. James war ab diesem Zeitpunkt Feuer und Flamme, was Erweckung anging. James wurde vom Ältestenrat von Redstone am 13. August 1788 als Pastor eingesetzt und heiratete um das Jahr 1790. Er war zunächst Pastor einer Gemeinde in der Nähe von Guilford, in Orange County im Bundesstaat North Carolina. Schnell wurde er in der Gegend bekannt „für seine guten Predigten … und seine auffällige Ernsthaftigkeit in Fragen der Moral. Er berührte die Herzen der Menschen durch seine Gebete und Predigten und setzte ihnen gleichzeitig stark zu, indem er entschieden anprangerte, was im Widerspruch zu einem vollkommen geheiligten Leben stand.“3 Hin und wieder predigte er an Dr. David Caldwells Akademie, an der er ausgebildet worden war. Dort beeinflusste er künftige Erweckungsprediger, unter ihnen William Hodge, der von James protegiert wurde, und Barton Stone, der 1801 Pastor in Cane Ridge war, als die berühmte Lagerversammlung dort stattfand, und später

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Die ersten Lagerversammlungen einer der Gründer der Denomination Churches of Christ wurde. Stone sagte später über James: Ich hatte solche Ernsthaftigkeit, solche Leidenschaft und solch große Überzeugungskraft, die aus den Freuden des Himmels und den drohenden Qualen der Hölle gespeist wurden, noch nie zuvor erlebt. Er fesselte mich und ich folgte seinen Ausführungen über Himmel, Erde und Hölle mit größter Aufmerksamkeit und unbeschreiblichen Gefühlen. Mit seinen abschließenden Worten forderte er die Sünder auf, dass sie, ohne zu zögern, dem kommenden Gericht entfliehen sollten. Noch nie zuvor hatte ich die Kraft der Wahrheit so stark gespürt. Ich war so begeistert und berührt, dass ich unter dem Eindruck der Ereignisse wahrscheinlich zu Boden gesunken wäre, wenn ich gestanden hätte.4

James McGready sprach weder mit der dramatischen Emotionalität eines George Whitefield noch mit der kraftvollen Gelassenheit eines John Wesley, dennoch hinterließen seine Predigten im Sommer 1800 und 1801 einen tiefen Eindruck und trugen zu der kommenden Erweckung bei. James war groß und fast ein wenig ungelenk und las wie Jonathan Edwards seine sorgfältig ausgearbeiteten Predigten von seinem Skript ab, allerdings besaß er nicht Edwards überragenden Intellekt. Er ermahnte mit der Autorität eines alttestamentlichen Propheten – mit einer donnernden, durchdringenden Stimme – und der sorgfältigen, logischen Argumentation des Apostels Paulus. Sein Kollege John Andrews sagt über ihn: Seine Predigten waren nicht sehr geschliffen, aber sehr klar verständlich und auf den Punkt gebracht. Sein Vortragsstil war ungewöhnlich ernst und sehr beeindruckend. Er wurde als Prediger von den demütigen Nachfolgern des Lammes sehr geschätzt, die die kostbaren Wahrheiten sehr gerne aufnahmen, die er mit großer Deutlichkeit vor ihren Augen entfaltete. Aber er wurde auch gehasst und manchmal übel beschimpft und erbittert verfolgt, und zwar nicht nur von offensichtlich skrupellosen und weltlichen Menschen, sondern auch von vielen nominellen Christen, die sich äußerlich zum Christentum bekannten, es aber nicht ertragen konnten, seine eindringlichen und herausfordernden Predigten zu hören, in denen er über den Zorn des Allmächtigen gegen die Gottlosen sprach, ihrem schuldbewussten Gewissen diesen Zorn mit seiner donnernden Stimme unmissverständlich vor Augen malte und ihnen zeigte, dass die Wahrheit des Wortes Gottes selbst sie anklagte.5

Sein Feuer und seine Leidenschaft provozierten Diskussionen und Widerstand. Einige sagten, er hätte seinen Gemeindemitgliedern unnötig Angst um ihr Seelenheil eingejagt. James erhielt sogar einen mit Blut geschriebenen Brief, in dem er aufgefordert wurde, die Gegend zu verlassen, wenn er nicht sein Leben aufs Spiel setzen wollte, und eine Gruppe von Aufrührern riss einige Bänke aus der Kirche heraus und steckte die Kanzel in Brand, die daraufhin

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Kapitel 6

Peter Cartwright

(1785 – 1872)

„Der Evangelist mit der Pistole“


„Der Evangelist mit der Pistole“ Liebe alle Menschen und fürchte niemanden. Peter Cartwrights Motto

Man sagt, dass in harten Zeiten harte Männer gebraucht werden. Peter Cartwright war mit Sicherheit einer, auf den diese Aussage zutrifft. Fast siebzig Jahre lang hatte er das Gebiet um die amerikanische Westgrenze zu seiner Gemeinde erkoren.Wie kein zweiter verkörperte Cartwright die Aufforderung von Paulus „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens“ (1.Tim. 6, 12) und konnte wie Paulus sagen: „ich kämpfe … nicht wie einer, der in die Luft schlägt“ (1. Kor. 9, 26, Luther). Er hatte keine Angst davor, gegen Personen vorzugehen, die ihn durch Zwischenrufe behinderten – nötigenfalls auch mit einem Kinnhaken – oder mit seiner Pistole in die Luft zu feuern, um eine Menschenmenge zur Ruhe zu bringen. An der amerikanischen Westgrenze war der Kampf um Glaube und Religion ähnlich erbittert wie der Kampf um Land. Es scheint, als wäre dies eine weitere Phase gewesen, in der „das Himmelreich Gewalt leidet, und die Gewalttätigen es an sich reißen“ (Mt. 11, 12; Luther). Peter Cartwright war der richtige Mann, um mit seiner Unerschrockenheit und Schlagfertigkeit das Reich Gottes in dieser Zeit auszubreiten. Sein Spitzname Backwoods Preacher (der Prediger der Wildnis) traf sehr gut auf ihn zu. Er war ein amerikanischer Held, vergleichbar mit Daniel Boone und Davy Crockett.

Kindheit im Wilden Westen Peter Cartwright wurde am 1. September 1785 in Amhest County im Staat Virginia als Sohn von Peter Cartwright sen. und Christiana Garvin geboren, eineinhalb Jahre vor ihrer Hochzeit. Nach Angaben in einer Zeitung aus der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs, wurde Peter geboren, während seine Mutter sich in einem Dickicht zwischen Ahornbäumen vor angreifenden Indianern versteckte.1 Sein Vater hatte zwei Jahre im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft.Als Peter etwa fünf Jahre alt war, zog seine Familie in den neu gegründeten Staat Kentucky. Ihre mühevolle Reise gibt Aufschluss über die Verhältnisse in Kentucky zu dieser Zeit. Als die Familie Cartwright 1790 bis 1791 nach Westen zog, war Kentucky buchstäblich noch Teil des Wilden Westens – das Land der Ahornbäume und Truthähne. Es gab keine Straßen und nur sehr wenige Städtchen. Es schien vielen verarmten Menschen von der Ostküste das verheißene Land zu sein,

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Gottes Generäle III aber es wohnten zahlreiche kriegerische Stämme dort, die sich der Besiedelung widersetzten und besiegt werden mussten. Übergriffe durch die Ureinwohner Amerikas waren so häufig, dass die 200 Familien, die sich auf den Weg nach Westen gemacht hatten, von 100 bewaffneten jungen Männern eskortiert werden mussten. Es gab keine Straßen, daher waren die Familien mit Packpferden statt mit Wagen unterwegs. Dies machte sie zu einem beliebten Angriffsziel der wütenden Stämme, die darüber aufgebracht waren, dass die Siedler ihre Jagdgebiete besetzten. Am ersten Tag ihrer Reise durch das Tal des Cumberland Gap kamen die Reisenden an den Leichen einer anderen Reisegruppe vorbei, die von kriegerischen Indianern ermordet und skalpiert worden waren. Dies blieb nicht die einzige grausige Entdeckung.Während ihrer Reise kamen sie an mehrere solcher Orte des Grauens und die Kundschafter sahen häufiger kleinere Gruppen von Indianern, die in den Bäumen lauerten. An ihrem ersten Sonntag in Kentucky wurde durch Abstimmung beschlossen, weiterzureisen und keinen Ruhetag einzulegen. Es war ein trostloser, nebliger Tag, an dem es zudem regnete. Die düstere Atmosphäre drückte auf das Gemüt der Siedler und der Name des Lagerplatzes, den sie an diesem Abend wählten, tat ein Übriges: Er war als „Lager der Niederlage“ bezeichnet worden, weil eine größere Gruppe von Siedlern dort ermordet worden war. An diesem Abend machten Gerüchte über einen unmittelbar bevorstehenden Angriff der Indianer die Runde. Peters Vater wurde als Wachposten am Rande des Unterholzes postiert, das den Lagerplatz umgab. Es war dicht bewölkt und weder Mond noch Sterne erhellten die Nacht. Kurz nachdem im Lager Ruhe eingekehrt war, hörte er in seiner Nähe Geräusche wie die eines Schweines, das grunzend durchs Unterholz streift. Da er wusste, dass niemand ein Schwein mit auf die Reise genommen hatte, bekam er es mit der Angst zu tun. Er richtete sein Gewehr auf die Umrisse der Gestalt, die er auf sich zukommen sah, drückte ab, drehte sich um und rannte zurück ins Lager. Der Schuss hatte das gesamte Lager geweckt und jeder wollte wissen, was geschehen war. Als Peters Vater erzählte, was geschehen war, spotteten einige und sagten, er hätte wohl die Hosen voll und hätte nach einem Vorwand gesucht, um zu den Frauen und Kindern im Lager zurückzugehen. Um zu beweisen, dass er kein Feigling war, bat er um eine Lampe und ging zurück zu der Stelle, wo er den Schuss abgefeuert hatte. Als sie ankamen, fanden sie im Licht der Lampe einen indianischen Krieger tot im Unterholz liegen – ein Tomahawk in der einen Hand, ein Gewehr in der anderen. Cartwrights Kugel hatte ihn fast in der Mitte seiner Stirn getroffen. In dieser Nacht schliefen nur sehr wenige der Siedler, aber es gab keine weiteren Vorkommnisse. Der Sonnenaufgang am nächsten Morgen war der schönste, den sie je erlebt hatten. Einige Tage später traf die Reisegruppe auf einen Mann, der Schussverletzungen im Gesicht davongetragen hatte. Er war der einzige Überlebende einer Gruppe von sieben Männern. Einige Tage später kam die Gruppe in die Nähe

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Peter Cartwright von Crab Orchard, der ersten befestigten Siedlung in Kentucky. Sie hatten den Eindruck, dass sie endlich in Sicherheit seien, und teilten sich in zwei Gruppen, weil es bereits dunkel wurde und einige sich ausruhen und erst am nächsten Tag weiterreiten wollten. Sieben Familien blieben zurück, während der größere Teil der Reisegruppe in der Dunkelheit weiterritt, um Crab Orchard noch in dieser Nacht zu erreichen. Von den sieben Familien, die zurückgeblieben waren, entkam nur ein Mann. Er traf barfuß in Crab Orchard ein und berichtete, dass räuberische Indianer sie angegriffen hätten und alle außer ihm brutal ermordet worden seien. Der Befehlshaber des Forts stellte eine Gruppe von Männern zusammen, die die Mörder aufspüren und alles zurückholen sollten, was den ermordeten Familien entwendet worden war.Von den 25 für den Überfall verantwortlichen Indianern überlebte nur einer. Nach diesen Ereignissen brachte Peters Vater seine Familie nach Lincoln County, wo sie zwei Jahre auf einer gemieteten Farm lebten. Dann zogen sie weiter nach Logan County, das immer noch unter der Bezeichnung „Rogue’s Harbor“ (Unterschlupf der Gauner und Ganoven) bekannt war, obwohl viele der Mörder und Pferdediebe, aufgrund derer die Gegend so benannt worden war, bereits weiter nach Westen gezogen waren.Als sich immer mehr Familien in der Gegend ansiedelten, gründeten die dort wohnenden Männer eine Gruppe, die für Ordnung sorgen sollte. Sie taten alles in ihrer Macht Stehende, um Recht und Ordnung in der Wildnis zu gewährleisten und Banditen aus der Gegend zu vertreiben. Das neue Zuhause der Familie Cartwright befand sich etwa 15 Kilometer südlich von Russellville, der Hauptstadt des Countys, und nur 2 Kilometer nördlich der Grenze zwischen Kentucky und Tennessee. Im Umkreis von 60 Kilometern gab es keine Mühle, daher mussten sie ihr Getreide selbst mahlen und es mithilfe von über Reifen gespannten Hirschfellen sieben, in die sie kleine Löcher geschnitten hatten. Sie aßen das Fleisch frisch geschossener Tiere und sammelten Kräuter und Teeblätter in den Wäldern.Aus Ahornsaft stellten sie Sirup und Zucker her. Peters Mutter war zwar Mitglied der Methodist Episcopal Church geworden, aber der junge Peter war eher ein Gauner als ein Christ und lebte für seine Leidenschaften: Kartenspielen, Pferderennen und Tanzen. Sein Vater hielt ihn einigermaßen unter Kontrolle, aber es war seine Mutter, die ständig für ihn betete und Gott um eine Veränderung in seinem Leben anflehte. Hin und wieder erreichten ihre Worte sein Herz, manchmal nahm er auch an einem Gottesdienst teil, in dem er gelobte, Gott von Herzen zu suchen, aber diese Augenblicke der Reue waren flüchtig und zeigten keine langfristige Wirkung. Früher oder später befand er sich wieder in Gesellschaft anderer junger Leute und verbrachte seine Zeit mit Glücksspiel und Tanz. Die Situation wurde nicht besser, als Peters Vater ihm ein Pferd kaufte, das sehr schnell war. Er kaufte ihm auch ein Kartenspiel, sodass Peter ein sehr guter Kartenspieler wurde und anfing, Geld zu gewinnen, ohne dabei die

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Kapitel 7

Charles Finney

(1792 – 1875)

„Der Vater der modernen Erweckungsbewegung“


„Der Vater der modernen Erweckungsbewegung“ Ihr Christen, bemüht ihr euch immer noch darum, ein wenig Besitz anzuhäufen, und kümmert euch nicht um die Seelen eurer Mitmenschen? Hört damit auf, damit ihr nicht Menschen ins Verderben fahren lasst, die niemals mehr das Leben zurückgewinnen können! Sagst du etwa: Ich dachte, sie wüssten über alles Bescheid? Sie werden dir erwidern: „Ich hatte nicht den Eindruck, dass du selbst auch nur ein Wort davon glaubst. Dein Verhalten ließ jedenfalls nicht darauf schließen. Kommst du in den Himmel? Ich fahre auf jeden Fall hinab in die Hölle! Mir kann nicht mehr geholfen werden. Du wirst hin und wieder an mich denken, wenn du den Rauch meines Jammers finster an der Herrlichkeit des Himmels vorbeiziehen sehen wirst. Wenn ich dort eine lange, lange Zeit verbracht habe, wirst du das eine oder andere Mal daran denken, dass ich, der ich einst Seite an Seite mit dir lebte, jetzt dort bin. Und denk daran, du kannst dann nicht für mich beten. Und du wirst auch daran denken, dass du mich irgendwann hättest warnen können und mich damit vielleicht gerettet hättest.“ Charles Finney

In der Zeit vor der industriellen Revolution in Amerika besaß Charles Finney in den Vereinigten Staaten und in Europa so großen Einfluss, wie noch kein Christ vor ihm. Man schätzt, dass durch seinen Dienst etwa eine halbe Million Menschen errettet worden sind, und seine Methoden und Lehren wurden zum Fundament der Erweckungsgottesdienste und Evangelisationsveranstaltungen, wie wir sie heute kennen. Die Kraft des Heiligen Geistes wirkte mächtig in ihm, sodass er in den Neuenglandstaaten das kraft- und wirkungslose calvinistische Denken durch aktive und effektive Evangelisation ersetzte. Finneys Predigten wurden zum Katalysator der zweiten Großen Erweckung, einer Bewegung, die die USA in einer kritischen Phase ihrer jungen Geschichte vereinte – in der Zeit zwischen dem Krieg gegen England (1812–1814) und dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Er war wahrscheinlich der bedeutendste amerikanische Evangelist des 19. Jahrhunderts und eine der wichtigsten Persönlichkeiten der amerikanischen Geschichte während des ersten Jahrhunderts der Existenz der USA. Finney war wohl auch der innovativste und am stärksten von Gott gesalbte Evangelist, der je gelebt hat.

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Gottes Generäle III

Ein vornehmer junger Heide Charles Grandison Finney wurde am 29. August 1792 in Warren im US-Bundesstaat Connecticut – nur ein Jahr nach dem Tod von John Wesley – als siebtes Kind von Sylvester und Rebecca Finney geboren. Er wurde nach dem Roman Sir Charles Grandison von Samuel Richardson benannt, der die Geschichte eines englischen Adligen erzählt. Vor Charles’ Geburt hatten Sylvester und Rebecca vier Töchter – Saran, Dotia, Zenas und Chloe – sowie zwei Söhne – Sylvester jun. und Harry – bekommen. Als Charles etwa zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Oneida County im US-Bundesstaat New York um. Diese Gegend war zu dieser Zeit noch sehr dünn besiedelt. Hier wurde 1795 ein weiterer Sohn, George Washington Finney, geboren, 1802 kam Sylvester Rice Finney zur Welt. Sylvester jun. starb etwa zu der Zeit, als Sylvester Rice geboren wurden, der im Jahr 1808 ebenfalls noch im Kindesalter starb. Sylvester sen. war Farmer und hatte während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges auf der Seite der Milizen der Siedler gekämpft. In der ganzen Zeit, in der Charles bei seiner Familie wohnte, hatte er nur sehr wenig Kontakt mit dem Glauben. Er hörte seinen Vater kein einziges Gebet sprechen.Als er zum ersten Mal in seinem Leben in der Bibel las, war Charles bereits 29 Jahre alt. Religiöse Bücher waren selten in den Häusern in der Umgebung und es gab auch keine Kirche. Wie viele ihrer Nachbarn gehörten auch Charles’ Eltern keiner Religion an. Es sprachen zwar hin und wieder Prediger im Reisedienst der Methodisten in dem aus einem einzigen Zimmer bestehenden Schulgebäude, aber diese waren ungebildet und konnten durch ihre Predigten die Bewohner der Gegend selten für sich begeistern. Die Westhälfte des Staates New York war zu dieser Zeit als „ausgebrannter Distrikt“ bekannt, weil dort so viele Prediger aufgetaucht waren, dass die Bevölkerung quasi immun geworden war gegen ihre Predigten. Dies war die Umgebung, in der Charles aufwuchs und erzogen wurde.Als er 15 oder 16 Jahre alt war, hatte er sich so viel Wissen angeeignet, dass er als Lehrer in dem einen Klassenzimmer des örtlichen Schulhauses arbeiten konnte. Etwa zu dieser Zeit zogen die Finneys erneut um, diesmal in die Wildnis an der zum Ontariosee gehörenden Henderson’s Bay in der Nähe der Stadt Sackets Harbour. Es schien, als wäre Oneida County zu „zivilisiert“ geworden für Sylvester Finney. Hier fand Charles Finney eine Schule, die einen Lehrer suchte, und er nahm die Stelle an. Charles liebte Musik, daher kaufte er sich von seinem ersten Gehalt ein Cello. Er war 1,88 Meter groß und ein sehr guter Sportler. Charles’ Enkel beschrieb diese Phase in Charles’ Leben mit folgenden Worten: Als er 20 Jahre alt war, übertraf er alle Jungen und Männer, auf die er traf, in jeder Sportart und bei jeder körperlichen Anstrengung. Niemand konnte ihn niederringen, niemand konnte ihm den Hut

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Charles Finney vom Kopf stoßen. Niemand konnte schneller laufen, höher oder weiter springen oder einen Ball weiter oder zielsicherer werfen als er.1

Charles’ Schüler bewunderten ihn, weil er an diversen Sportveranstaltungen teilnahm und fast immer den Sieg davontrug. Da seine Familie nun am Wasser wohnte, lernte Charles auch, zu rudern, zu schwimmen und zu segeln. Für einen Menschen an den Grenzen der Zivilisation führte er ein reines und unbeschwertes Leben – durchaus moralisch, aber in völliger Unkenntnis Gottes.

Pläne, auf einem Kriegsschiff anzuheuern Als die jungen Vereinigten Staaten 1812 in einen zweiten Krieg mit Großbritannien eintraten, ging Charles nach Sackets Harbour und wollte sich dort der amerikanischen Kriegsflotte anschließen, aber als er dort eintraf, hörte er mehr Schimpfen und Fluchen als in seinem gesamten bisherigen Leben. Außerdem empfand er die jungen Prostituierten, die ihn ansprachen, als abstoßend. Sein Enkel schildert eine dieser Begegnungen: Er schaute sie verwundert an, und als er begriff, was sie von ihm wollte, war er so voller Mitleid für sie … dass seine Wangen glühten und er unvermittelt anfing, zu weinen … Sie schämte sich so sehr, dass auch sie zu weinen begann.2

An dieses Ereignis erinnerte er sich auch noch 55 Jahre später, als er mit schmerzlichem Bedauern darüber sprach, dass er nicht in der Lage gewesen war, die junge Frau auf die Gnade Gottes hinzuweisen, weil er zu diesem Zeitpunkt den Herrn selbst noch nicht gekannt hatte. Die Atmosphäre in der Stadt stieß Charles so sehr ab, dass er sich entschloss, nicht bei der amerikanischen Kriegsflotte anzuheuern, sondern stattdessen nach Connecticut zurückkehrte, wo er zur Welt gekommen war. Schließlich kam er in eine Stadt in New Jersey, die in der Nähe von New York lag. Hier arbeitete er wieder als Lehrer in einem Schulhaus und widmete sich eigenen Studien. Er erarbeitete sich Grundkenntnisse in Latein, Hebräisch und Griechisch, räumte aber selbst ein: „Ich habe niemals so große Kenntnisse in den alten Sprachen besessen, dass ich mich in der Lage fühlen würde, die Qualität unserer englischen Bibelübersetzung beurteilen zu können.“3 Während dieser Jahre, kehrte Charles zweimal in die Neuenglandstaaten zurück und besuchte sogar für einige Zeit eine High School. Er lebte dort erstmals in seinem Leben an einem Ort, an dem regelmäßig Gottesdienste stattfanden, aber Charles fand die Predigten trocken, sie berührten ihn nicht. Sie hinterließen „absolut keinen Eindruck in mir“.4 Er dachte auch darüber nach, am Yale College zu studieren, aber einer seiner Lehrer überzeugte ihn, dass dies nur Zeitverschwendung sei. Der Lehrer hatte den Eindruck, er könne sich das gleiche Wissen, das er in vier Jahren Studium in Yale erwerben würde, auch innerhalb von zwei Jahren im Selbststudium aneignen und sich dabei sogar die Kosten der Universität ersparen.

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Kapitel 8

Dwight L. Moody

(1837 – 1899)

„Der bedeutendste Laienprediger“


„Der bedeutendste Laienprediger“ Die Welt hat noch nicht erlebt, was Gott mit und für und durch und in und mithilfe eines Mannes tun kann, der sich ihm voll und ganz hingegeben und geweiht hat … Ich werde alles geben, dieser Mann zu sein. Warum gibst du dein Leben nicht Christus? Er kann mehr daraus machen als du. Dwight L. Moody

Unter all den in diesem Buch beschriebenen Erweckungspredigern hat keiner mit so bescheidenen Mitteln so viel erreicht wie Dwight L. Moody, und niemand stieg so schnell aus einfachsten Verhältnissen zu internationaler Berühmtheit auf. Durch Moodys Erfolge als Evangelist wurde eine Nation ins Leben gerufen, der er selbst nicht angehörte, auch dies war eine einzigartige Leistung. Er war ein einfacher, ungebildeter Laienprediger, der die Schule lediglich bis zur vierten Klasse besucht hatte, und gründete später ein College, das Moody Bible Institute, sowie zwei große Verlage, Moody Press und Fleming H. Revell. Er predigte vor mehr Menschen als alle anderen Prediger mit Ausnahme von Billy Sunday und Billy Graham. Moody sagte: „Wenn Gott einen Mann zu einer Arbeit beruft, dann ist er bei ihm in dieser Arbeit, und der Mann wird in dieser Sache Erfolg haben, ganz egal, wie groß die Schwierigkeiten sein mögen.“ Moody bewies die Wahrheit dieser Aussage in seinem eigenen Leben, indem er unbeirrbar an seinen Zielen festhielt und sie verfolgte, unter Gottes Salbung predigte und die enorme Kraft der Kombination von Gebet und einem hohen Bekanntheitsgrad einsetzte, um eine Erweckung hervorzurufen. Im Verlauf seines Lebens erlebte er mehr herbe Rückschläge als alle anderen Erweckungsprediger: Der amerikanische Bürgerkrieg zerriss seine Nation beinahe in zwei Teile; er ertrank beinahe im Meer; und er musste miterleben, wie die Frucht seiner Arbeit vollständig verbrannte. Aber trotz all dieser Widrigkeiten wurde D. L. Moody zum einflussreichsten Evangelisten des 19. Jahrhunderts.

Acht Geschwister, aber kein Vater Das sechste Kind von Edwin und Betsy Moody, Dwight Lyman Moody, wurde am 7. Februar 1837 in Northfield im US-Bundesstaat Massachusetts geboren.

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Gottes Generäle III Im Laufe der nächsten vier Jahre bekamen seine Eltern drei weitere Kinder, die letzten beiden waren Zwillinge. Am Morgen des 28. Mai 1841 geschah etwas Tragisches: Edwin Moody bekam während der Arbeit stechende Schmerzen in der Seite, ging daher nach Hause, wo sich sein Zustand noch verschlimmerte, brach vor den Augen seiner Frau zusammen und starb, noch bevor ihnen klargeworden war, wie ernst sein Zustand eigentlich war. Betsy war zu diesem Zeitpunkt im achten Monat schwanger mit den Zwillingen. Die Moodys waren keine reiche Familie. Edwin war Steinmetz gewesen und auf ihrem Haus lag zum Zeitpunkt seines Todes eine Hypothek. Die Gesetze zum Schutz von Witwen verboten es den Gläubigern, Betsy das Haus zu nehmen. Aber sofort nach dem Tod ihres Mannes kamen die Gläubiger auf ihr Grundstück und nahmen ihr das Pferd, den Wagen, die Kuh und alle anderen wertvollen Dinge mit Ausnahme von Edwins Werkzeugen und einem Kalb, das Betsy und ihr ältester Sohn Jesaja vor Ankunft der Gläubiger hatten verstecken können. Die Gläubiger nahmen sogar alles Brennholz aus ihrem Schuppen mit. Betsy war von nun an auch für die Abzahlung des Kredits verantwortlich – eine fast unlösbare Aufgabe für eine Mutter von sieben Kindern, die in wenigen Wochen zwei weitere Kinder gebären würde. Mithilfe ihrer Brüder und einiger Nachbarn sowie dank ihrer Entschlossenheit und ihres Mutes, schaffte Betsy es, das Haus zu behalten und ihre Familie zusammenzuhalten. Dwight äußerte sich später in einer Predigt über den barmherzigen Samariter zu dieser Leistung: Jedes Mal, wenn ich daran zurückdenke, stehen mir die Tränen in den Augen. Mein Vater starb so früh, dass ich keine Erinnerungen an ihn habe, und zurück blieb eine große Familie. Die Zwillinge wurden nach seinem Tod geboren – wir waren damit neun Kinder. Als er starb, war er verschuldet und die Gläubiger nahmen uns alles, was ihnen nach dem Gesetz zustand.Wir hatten einen äußerst schwierigen Stand. Gott sei Dank für meine Mutter! Sie verlor niemals die Hoffnung. Sie erzählte mir einige Jahre später, dass sie sich tagsüber stets ein fröhliches Äußeres und ihr Lächeln bewahrte, sich aber abends in den Schlaf weinte.Wir wussten nichts davon, und es hätte uns das Herz gebrochen, wenn wir es gewusst hätten.1

Es war kalt am Morgen, nachdem die Gläubiger wieder abgezogen waren, und als die Familie aufwachte, war im Kamin nicht einmal Glut vorhanden, aber Betsys Brüder änderten das. Dwight war zu diesem Zeitpunkt erst gut vier Jahre alt, aber er sagte später, dass ich mich so lebendig, als wäre es gestern gewesen, an die Geräusche von fliegenden Holzscheiten erinnerte, und ich wusste, dass jemand in unserem Schuppen Holz hackte und wir bald wieder ein Feuer im Haus haben würden. Ich werde niemals vergessen, wie ich Onkel Cyrus mit dem größten Holzstapel ins Haus kommen sah, den ich in meinem Leben gesehen hatte.2

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Dwight L. Moody Eine weiterer Mensch, der die Familie unterstützte, war Oliver Everett, Pastor der Northfield Unitarian Church. Pastor Everett hatte nach Angaben von Moodys Biografen W. H. Daniels die für einen Unitarier untypische Überzeugung, „dass die Bibel das inspirierte Wort Gottes ist und Jesus Christus der Erlöser der Menschheit“.3 Innerhalb der nächsten 18 Monate schloss sich die gesamte Familie der Gemeinde an, und Pastor Everett unterstützte die Familie in materieller Hinsicht und half ihnen auch ganz praktisch, wenn weder Betsys Brüder noch die Nachbarn einspringen konnten. Er ermutigte sie, ihre Familie zusammenzuhalten, als andere vorschlugen, die Kinder auf verschiedene Familien aufzuteilen. Pastor Everett bewegte seine Gemeinde immer wieder dazu, die Straßen von Northfield zu durchkämmen und verlassene Kinder zur Sonntagsschule einzuladen. Jahre später, als Dwight in Chicago eine eigene Sonntagsschule unterhielt, wandte er dieselbe Methode an, um die Räumlichkeiten mit Kindern zu füllen. Leider wurde Pastor Everett von einem jüngeren Pastor ersetzt, der in den schlimmsten Traditionen der rationalistischen Schule ausgebildet worden war, sodass die Familie sehr bald das Interesse an den Gottesdiensten verlor. Dwights Schmerz über den Verlust seines Vaters wurde später noch verstärkt, da sein ältester Bruder Jesaja ohne ein Wort sein Zuhause verließ, als Dwight sieben Jahre alt war. Jesaja war damals 15 Jahre alt und niemand würde innerhalb der nächsten 13 Jahre etwas von ihm sehen oder hören. Dwight fühlte sich in dieser Zeit wohl sehr verlassen und vernachlässigt. Im Alter von zehn Jahren fing Dwight an, im Winter bei anderen Familien zu wohnen und sich den Aufenthalt durch Hilfsdienste und Botengänge zu verdienen. Im ersten Winter hatte er so starkes Heimweh, dass er fast nach Hause zurückgekehrt wäre. Aber als er eines Tages mit seinem Bruder Luther durch die Straßen ging, begegneten sie einem alten Mann, der alles Heimweh vertrieb, indem er ihnen eine Geschichte erzählte, die sein gesamtes weiteres Leben entscheidend beeinflusste. Dwight beschreibt die Begegnung folgendermaßen: Der alte Mann legte mir seine zitternde Hand auf den Kopf und schaute zu mir hinunter. Er hatte mein Herz gewonnen, und während er meine Hand nahm, sagte er mir, dass Gott einen einzigen Sohn im Himmel hat und dass dieser die Welt so sehr liebte, dass er für sie starb. Dann erzählte er mir vom Himmel und sagte mir, wie sehr mich der Vater liebt, und dass mein leiblicher Vater zu Gott erhoben worden wäre, und dass ich einen Erlöser dort oben habe, und er erklärte mir innerhalb von fünf Minuten das Kreuz. Dann holte er ein nagelneues Centstück aus seiner Hosentasche und schenkte es mir. Ich hatte noch niemals ein so schönes, helles Centstück gesehen und dachte im ersten Augenblick, es sei aus Gold. Er legte es in meine Hand, das war ein Gefühl, wie ich es weder zuvor noch später jemals verspürt habe. Dieser Akt der Freundlichkeit vertrieb alles Heimweh aus mir. Ich hatte von diesem Augenblick an das Gefühl, einen Freund zu haben. Ich dachte beinahe, dieser Mann sei Gott.4

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Kapitel 9

William und Catherine Booth

(1829 – 1890)

(1829 – 1912)

„Durch Blut und Feuer“


„Durch Blut und Feuer“ Die größte Gefahr des 20. Jahrhunderts werden folgende Dinge sein: Glaube ohne den Heiligen Geist, Christentum ohne Christus, Vergebung ohne echte Buße, Errettung ohne anschließende Heiligung, Politik ohne Gott und ein Himmel ohne Hölle. William Booth Wir suchen nach Menschen, die sich der Errettung anderer Menschen verschrieben haben; die sich nicht dafür schämen, überall dafür bekannt zu sein, dass dies das einzige Ziel, der einzige Inhalt ihres Lebens ist und dass alles andere demgegenüber zweitrangig ist. Catherine Booth

Mitte des 19. Jahrhunderts stand England am Anfang der industriellen Revolution, einer Zeit, die durch Autoren wie Charles Dickens und seine Erzählung Oliver Twist und seine Weihnachtsgeschichte tiefen Eindruck bei uns hinterlassen hat.Wegen der industriellen Produktion hatten viele Handwerker ihre Arbeit verloren und waren verarmt auf die Straßen getrieben worden. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken waren unerträglich und Kinderarbeit war weit verbreitet. England wäre wohl auf einen Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Klassen der Gesellschaft zugesteuert – vergleichbar mit der Französischen Revolution –, wenn nicht die von William und Catherine Booth initiierte Erweckung und die aus ihr erwachsenden sozialen Reformen gewesen wären. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich die von ihnen gegründete Bewegung, die England neue Hoffnung und Perspektive gegeben hatte, in eine weltweit tätige Missionsgesellschaft. Die Heilsarmee machte es sich zur Aufgabe, in jedem Land zu den Verzweifelten, den Armen und den Unzufriedenen zu gehen und sie mit der Gnade Jesu Christi in Berührung zu bringen, die ihr Leben völlig verändern würde. Sie wurde zu einer großen Bewegung, einer Armee von „Salutisten“, die fest entschlossen waren, die Gefangenen durch das Blut des Lammes und das Feuer des Heiligen Geistes zu befreien.

„Willensstarker Will“ William Booth wurde am 10. April 1829 in Nottingham (in Mittelengland) als einziger Sohn von Samuel und Mary Booth geboren. Er und seine drei Schwestern wuchsen im Reihenhaus der Eltern auf, das aus roten Ziegelsteinen gemauert war und in Sneinton stand, einem kleinen Dorf, das irgendwann

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Gottes Generäle III Teil des wachsenden Nottingham wurde, das zu dieser Zeit ein aufstrebendes Industriezentrum war. Samuel hatte zunächst als Nagelmacher gearbeitet, aber sein Beruf wurde aufgrund der industriellen Revolution sehr bald nicht mehr gebraucht. Er wurde daher Architekt und war einige Zeit lang erfolgreich im Hausbau tätig, da in den wachsenden Städten und Dörfern viele neue Gebäude gebraucht wurden. Die Familie Booth gehörte formal der anglikanischen Kirche an, aber Williams Vater betrat nur sehr selten eine Kirche. Es war eine Zeit, in der die Kirche in England die Menschen, die die Gebühren für einen Platz auf den Kirchenbänken nicht bezahlen konnten, auf die hintersten Plätze verbannte und dadurch eine ähnliche Trennung zwischen Arm und Reich heraufbeschwor, wie die in den USA über viele Jahre übliche Rassentrennung zwischen Schwarz und Weiß. Mary Booth war Samuels zweite Frau. Sarah Lockit, seine erste Frau, war am 13. Januar 1819 aus unerklärlichen Gründen im Alter von 53 Jahren gestorben. Samuel und Sarah hatten zumindest einen gemeinsamen Sohn gehabt,William Adcock (oder Hadcock), aber er war im Alter von 24 Jahren an Schwindsucht gestorben. Unser William – der Junge, der im Mannesalter die Heilsarmee gründen würde –, wurde nach seinem verstorbenen Stiefbruder benannt, den er niemals kennen lernen konnte. Samuel lernte Mary Moss im Sommer des Jahres kennen, in dem sein Sohn gestorben war, und nach einer kurzen Verlobungszeit heirateten die beiden am 2. November 1824. Samuel, der aufstrebende Geschäftsmann, war fast 50 Jahre alt, seine Frau Mary 33. Man nimmt an, dass die Ehe eine Vernunftehe war. Samuel suchte Trost und die Geborgenheit einer Familie und wollte einen Erben haben, und Mary wollte nicht als alte Jungfer enden. Samuel und Mary hatten fünf gemeinsame Kinder: Henry, der am 5. Januar 1826 geboren wurde (und am 6. Januar 1828 starb); Ann, deren Geburtstag unbekannt ist, die aber am 1. April 1827 getauft wurde;William, der am 10. April 1829 geboren wurde; Emma, die am 21. Januar 1831 geboren wurde und ihr Leben lang behindert war; und Mary, die am 16. September 1832 das Licht der Welt erblickte. William und seine Schwestern hatten ein wesentlich angenehmeres Leben als die meisten ihrer Altersgenossen. Anders als viele andere Kinder mussten sie nicht zwölf Stunden in den Fabriken schuften, um ihren Teil zum Lebensunterhalt beizutragen, damit es etwas zu Essen und Kohle zum Heizen gebe. William ging von seinem sechsten Lebensjahr an auf eine gute Schule in Nottingham und entpuppte sich dank seiner Willensstärke, seiner Führungsqualitäten und seiner impulsiven Schachzüge als außergewöhnlicher Schüler. Diese Eigenschaften verhalfen ihm auch zu seinen Spitznamen „Willensstarker Will“ und „Wellington“, angelehnt an den Herzog von Wellington, der für seine militärischen Errungenschaften, besonders den Sieg über Napoleon in der Schlacht von Waterloo, bekannt war. Den zweiten Spitznamen erhielt William, weil er ein sehr guter Sportler war. Wie bei dem jungen Charles

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William und Catherine Booth Finney war es angeraten, in der Mannschaft von Booth zu sein und ihn möglichst als Kapitän zu wählen, wenn man gewinnen wollte. Trotz des wohlhabenden Eindrucks, war das Vermögen von Samuel Booth bereits zur Zeit von Williams Geburt aufgezehrt.Während Williams Kindheit schaffte das Ehepaar Booth es noch, den Schein des Wohlstandes zu wahren, aber schlechte geschäftliche Entscheidungen führten schließlich zum Konkurs. William musste im Alter von 13 Jahren die Schule verlassen und wurde als Lehrling zu einem Pfandleiher namens Francis Eames geschickt. Williams Vater starb gut ein Jahr später am 23. September 1843. Auf seinem Sterbebett tat er Buße dafür, dass er sich von Gott abgewandt hatte, und schloss Frieden mit seinem Schöpfer, dem er kurz darauf von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Der junge William lernte schnell und wurde sehr bald ein geschickter Pfandleiher, aber es belastete ihn sehr, eine Familie nach der anderen dabei zu beobachten, wie sie all ihre Habe verkaufen mussten, um das eigene Überleben zu sichern. Er betrachtete den Berufsstand der Pfandleiher als einen äußerst üblen und lernte ihn zu hassen. Manche Menschen verkauften ihre „Sonntagskleidung“, sparten dann die Woche über, um sie am Samstag zurückkaufen zu können, und verkauften die Kleidung dann am Montagmorgen wieder. Sie nahmen große Ausgaben und Verluste auf sich, um einen Tag lang schön aussehen zu können. William lernte sehr bald, dass Schmuck und schöne Kleidung zuerst versetzt wurden, danach Familienerbstücke und Möbel und zuletzt die Eheringe. Die Armut in England nahm während der Kindheit und Jugendzeit Williams dramatische Ausmaße an. Missernten, steigende Steuern und hohe Sonderabgaben auf Getreide, durch die das Vermögen der reichen Landbesitzer gesichert werden sollte, verwandelten Nottingham von einem Zentrum der Landwirtschaft in eine Stadt der Textilindustrie. Immer wieder brachen Arbeiterunruhen aus. Prostitution und Kriminalität waren weit verbreitet, da die Menschen fast alles taten, was ihre Aussicht, zu überleben, irgendwie zu verbessern schien. Es waren schwierige Zeiten: Die Maschine ersetzte allmählich den Pflug, und die Produkte der Fabriken trieben viele Handwerksbetriebe in den Ruin und ihre Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit. In der Industrie gab es keinerlei Gesetze zum Schutz der Arbeiter und die Fabrikeigentümer schienen rücksichtslos auf ihren Gewinn bedacht zu sein. Die Mittelschicht wurde schnell dünner und der Mensch war lediglich ein Rädchen im Getriebe der Fertigung; es traf Gebildete und Ungebildete gleichermaßen hart.

„ Jede Minute geht ein Mensch zugrunde!“ Nach dem Tod seines Vaters musste der fünfzehnjährige William die Verantwortung für seine Familie übernehmen, begann aber auch, nach einem Sinn

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Kapitel 10

Billy Graham

(geb. 1918)

„Evangelist für die Welt“


„Evangelist für die Welt“ DER Auftrag meines Lebens besteht darin, Menschen dabei zu helfen, eine persönliche Beziehung zu Gott zu finden, die sich, wie ich glaube, daraus ergibt, dass man Christus kennt. Billy Graham

Falls Gott das 20. Jahrhundert mit technischem Fortschritt gesegnet hat, damit mehr Menschen das Evangelium hören können, dann hat kein Mensch diese Aufgabe effektiver angepackt als Billy Graham. Billys Berufung zum Evangelisten war bei Weitem nicht nur auf die Arbeit in Gemeinden beschränkt, sondern er wurde so bekannt und prominent, dass sein Name in einem Atemzug mit Präsidenten und Premierministern genannt wird. Er fand einen einfachen Weg, das Evangelium von Jesus Christus so zu predigen, dass Tausende und Millionen es hören und gleichzeitig annehmen konnten: die evangelistische Großveranstaltung. Die Menschen können so Jesus auf verschiedensten Wegen als ihren persönlichen Erlöser kennen lernen, sei es, dass sie an der Großveranstaltung persönlich teilnehmen, sie im Fernsehen verfolgen, sie im Radio hören, ein Buch darüber lesen, einen Film oder ein Video sehen oder sie gar als Webcast aus dem Internet herunterladen. Niemand sonst hat so viele Menschen mit dem Namen Jesu Christi bekannt gemacht wie er. Der Name Billy Graham wird heute weltweit wie kaum ein zweiter mit dem Christentum in Verbindung gebracht.

Als das Leben noch unkomplizierter war William Franklin Graham jun. wurde am 7. November 1918 auf einer Milchfarm in der Nähe der Stadt Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina geboren, wo sich sein Vater nach dem Bürgerkrieg zunächst eine Blockhütte gebaut hatte. Billy wurde vier Tage vor Unterzeichnung des Waffenstillstandes geboren, der den ersten Weltkrieg formal beendete, und ein Jahr nach der kommunistischen Revolution in Russland – zwei Ereignisse, die schließlich zur Entwicklung des Kalten Krieges führen würden. Billy war das Kind von William Franklin Graham und Morrow Coffey Graham. Seine Großmutter mütterlicherseits war Mitglied der presbyterianischen Kirche gewesen und hatte ihre Kinder im Glauben erzogen. Als sie starb, besuchte „Billy Frank“, wie man den Evangelisten damals nannte, noch gemeinsam mit seiner Schwester Catherine die Grundschule. Am Tag, an dem ihre Großmutter starb, wurden sie aus der Schule abgeholt und man erzählte ihnen, dass ihre Großmutter fröhlich heimgegangen sei. Kurz vor ihrem Tod hatte sie sich im Bett aufgesetzt und fast lachend gesagt: „Ich sehe Jesus. Er streckt seine Arme nach mir aus. Und

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Gottes Generäle III da ist Ben! [Ihr Mann.] Er hat beide Augen und beide Beine wieder.“1 Ben hatte im Bürgerkrieg gekämpft und hatte in der Schlacht von Gettysburg ein Bein und ein Auge durch Granatsplitter verloren. Der Bericht über ihre letzten Worte wurde in der Familie sorgfältig bewahrt und weitergegeben. Billy wuchs in der Zeit der Weltwirtschaftskrise heran, die auch die USA stark belastete. Sein Vater hatte am Tag des Börsenzusammenbruchs seine gesamten Ersparnisse, immerhin 4.000 Dollar, verloren, aber dank ihrer Milchfarm besaßen sie weiterhin eine Grundlage für ihr Leben. Sie machten eine schwere Krise durch, als der Preis für Milch auf 5 Cent pro Liter fiel, aber der trockene Humor von Billys Vater lockerte die Situation in der Familie auf, sodass sie gemeinsam die schwierige Phase überstanden. Trotz dieser Schwierigkeiten war die Familie Graham die erste in der Gegend, die ein Radio in ihrem Auto hatte. Als Junge liebte Billy Baseball, obwohl er nicht sehr gut war und in seiner Mannschaft meistens auf der Bank saß. Er war ein guter Feldspieler, aber er war Linkshänder und seine Trefferquote mit dem Baseballschläger war miserabel. Dank seiner Größe und weil er einen guten Handschuh besaß, wurde er dennoch meistens an der First Base eingesetzt.Als Billy fünf Jahre alt war, nahm ihn sein Vater in eine Veranstaltung mit, in der Billy Sunday predigte, ein ehemaliger Baseball Profi, der Evangelist geworden war, aber Billy Frank war zu jung, um von der Predigt wirklich erreicht zu werden. Er erinnerte sich später lediglich daran, dass ihm sein Vater kurz und knapp befohlen hatte, still zu sitzen, weil sonst der Prediger seinen Namen nennen und ihn verhaften lassen könnte. Erst Jahre später verstand er, dass sein Vater lediglich einen Scherz gemacht hatte. Seine Eltern waren hingegebene Christen.An ihrem Hochzeitstag hatten sie ihr Zuhause Gott geweiht und damit begonnen, täglich in der Bibel zu lesen. Billys Vater, der aus einer methodistischen Familie stammte, war ein entschiedener Befürworter des gesetzlichen Alkoholverbots.An dem Tag, an dem das Alkoholverbot 1933 aufgehoben wurde, brachte er einige Flaschen Bier mit nach Hause, rief Billy und seine Schwester in die Küche und zwang sie, die Flaschen vollständig auszutrinken, sodass sie kurz davor waren, sich zu übergeben. „Von jetzt an“, sagte er, „sagt ihr einfach, wann immer eure Freunde euch zum Alkoholtrinken überreden wollen, dass ihr das Zeug schon probiert habt und es nicht mögt. Einen anderen Grund braucht ihr nicht zu nennen.“2 Das war zwar nicht direkt aus der Bibel hergeleitet, aber sein Vorgehen erwies sich als sehr effektiv. Billy war sein Leben lang Abstinenzler. In der Zeit, als Billys Schwester Jean geboren wurde, hatte sein Vater einen Unfall, bei dem er beinahe ums Leben kam. Er besuchte einen Freund, der gerade an einer Kreissäge arbeitete. Als der Freund sich ein wenig zu ihm hinüberbeugte, um ihn besser verstehen zu können, verlor dieser die Kontrolle über das Holz in seinen Händen, sodass es von dem rotierenden Sägeblatt auf Billys Vater geschleudert wurde. Sein Kiefer wurde zerschmettert und er erlitt eine tiefe Schnittwunde an einer Seite seines Kopfes. Er wurde sofort

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Billy Graham ins Krankenhaus gebracht, verlor aber sehr viel Blut auf dem Weg dorthin. Seine Freunde und seine Familie begannen, für ihn zu beten. Einige Tage schwebte er in Lebensgefahr, dann stabilisierte sich sein Zustand und eine Operation rettete sein Gesicht. William Graham sen. war zutiefst dankbar für die Gebetserhörung. Als er von einer Gruppe von Geschäftsleuten aus der Stadt gefragt wurde, ob sie ein Stück seines Grund und Bodens für eine eintägige Gebetsveranstaltung nutzen könnten, konnte er nicht nein sagen. Auf die Frage eines Landarbeiters, wer diese Männer wären, antwortete Billy: „Ich glaube, das sind so ein paar Fanatiker, die Papa überredet haben, dass sie sich hier treffen dürfen.“3 Viele Jahre später erfuhr er, dass bei diesem Gebetstreffen jemand gebetet hatte, „dass Gott, der Herr, sich aus Charlotte [in North Carolina] jemanden heranziehen möge, der das Evangelium überall auf der Welt predigen würde“.4

„Ich mag Kämpfer “ Als Billy 15 Jahre alt war, hielt Dr. Mordechai Ham in Charlotte über längere Zeit tägliche Veranstaltungen ab. Billy hatte überhaupt keine Lust, daran teilzunehmen. Er wurde während des ersten Monats der Veranstaltungsreihe häufig eingeladen, lehnte aber immer ab. Er änderte seine Haltung jedoch, als Ham einige kritische Worte über ein Haus in der Nähe der High School von Charlotte sagte, in dem Unzucht getrieben wurde. Er behauptete, dass einige Schüler dieses Haus jeden Tag während der Mittagspause aufsuchten, und sagte, er hätte Beweise dafür. Sogar das Charlotter Tageblatt berichtete darüber. Eine Gruppe von Schülern war so aufgebracht über die Anschuldigungen, dass sie beschloss, in Hams nächster Veranstaltung auf dem Podium dagegen zu protestieren. Andere drohten sogar, ihn vom Podium zu zerren und ihm eine Lektion zu erteilen. Am Tag des geplanten Protests wurde Billy von einem Freund gefragt: „Warum kommst du nicht mit und hörst dir unseren kämpferischen Prediger an?“5 „Ist er ein Kämpfer?“, erwiderte Billy. „Ich mag Kämpfer.“ Er sagte, er würde mitkommen.An diesem Abend wurde Billy tief getroffen – nicht so sehr von dem, was Ham sagte, sondern von der Kraft, die hinter seinen Worten stand. In seiner Autobiografie schreibt er: „Ich hörte eine andere Stimme, wie man es dem berühmten Evangelisten Dwight L. Moody oft nachsagte, wenn er predigte: die Stimme des Heiligen Geistes.“6 Von diesem Abend an war Billy in jeder Veranstaltung, in der Ham predigte, sofern er irgendwie Zeit dafür hatte. Ham hielt auch die erste Predigt, die Billy jemals über die Hölle hörte, und dies war das erste Mal, dass Billy darin mehr als nur ein Schimpfwort sah. Im Laufe der Gottesdienste, die er besuchte, wuchs in Billy die Überzeugung, dass er ein rebellischer Sünder sei, aber er wusste nicht recht, wie er damit umgehen sollte. Er war als Kind in der presbyterianischen Gemeinde getauft worden, hatte den kleinen

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Copyright © 2008 by Roberts Liardon Originally published in English under the title God’s Generals III by Roberts Liardon Whitaker House 1030 Hunt Valley Circle New Kensington, PA 15068 USA All rights reserved. Alle Rechte der deutschen Ausgabe, © 2008, bei:

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