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Die Kรถnigsherrschaft Gottes

Entdecke das Reich Gottes und seine Prinzipien ganz neu

Myles Munroe


Copyright © 2004 by Myles Munroe. All rights reserved. Originally published in English by Destiny Image Publishers, INC. P.O. Box 310, Shippensburg, PA 17257-0310 U.S.A. under the title Rediscovering The Kingdom by Myles Munroe

Alle Rechte, © 2009, der deutschen Ausgabe bei:

Adullam Verlag St.-Ulrich-Platz 8 85630 Grasbrunn 089 468801 Fax 089 46201790 www.adullam.de ISBN 978-3-931484-89-7 Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.


Inhaltsverzeichnis Danksagungen ........................................................................... 7 Vorwort ..................................................................................... 9 Prolog: Der verborgene Schatz ................................................. 13 Einleitung ............................................................................... 17 1. Ursprung und Auftrag des Menschen .................................. 27 2. Die Wiederentdeckung des Bildes des Reiches Gottes .......... 77 3. Der König und sein Königreich ......................................... 119 4. Der Auftrag Jesu: Die Wiederherstellung des Königreiches .... 151 5. Die gute Nachricht des Reiches Gottes ............................... 177 6. Dienende Könige ............................................................... 205 7. Könige, Propheten und das Reich Gottes ........................... 231 8. Das Reich Gottes hat absolute Priorität .............................. 253 9. Die Bilder des Reiches Gottes verstehen ............................. 275

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Vorwort Die größte Bedrohung für die Zukunft dieser Welt sind die Religionen. Atomwaffen, Terrorismus, SARS, Regierungswechsel, Militärputsche und Aids sind lediglich Werkzeuge, die Religionen verwenden. Im Namen der Religionen sind mehr Kriege geführt worden als aus irgendeinem anderen Grund. Millionen von Menschen sind in den vergangenen 2.000 Jahren aufgrund der zerstörerischen Kraft religiösen Eifers zu Tode gekommen. Fehlgeleitete religiöse Leidenschaft hat schlimme Narben in der Geschichte der Menschheit hinterlassen wie die Kreuzzüge, die Inquisition, ethnische „Säuberungen“ und die Gräuel des Holocaust. Warum sind Religionen so machtgierig und beherrschend? Warum sind sie einflussreicher als Politik, Waffengewalt und wissenschaftlicher Fortschritt? – Religionen sind nicht nur ein soziales, kulturelles, politisches oder ideologisches Phänomen, sondern sie schöpfen ihre Kraft aus den Reservoirs der innersten Kammern der Seele des Individuums. In der Seele befinden sich die Ursprünge der persönlichen Motivation, die unsere Wahrnehmung und unser Verhalten prägen. Der Mensch ist viel eher bereit, um seiner Religion willen zu sterben, als aus irgendeinem politischen, sozialen oder ideologischen Grund. Religionen sind so alt wie die Menschheit selbst und haben ihre Wurzeln in den Tiefen des menschlichen Geistes. Unabhängig von ihrem Alter oder ihrer geografischen Lage hat jede Kultur eine gewisse Religion entwickelt, die darauf zielt, das schwer zu definierende Vakuum in der Tiefe der menschlichen Seele zu füllen, die sich nach Zielen, Inhalten und Bedeutsamkeit sehnt. Für die Menschheit insgesamt ist das Leben auf unserem Planeten nichts weiter gewesen als ein langer, anstrengender Marsch auf der Zeitachse, und jede neue Generation hat nach etwas gesucht, das sie nicht definieren konnte. Die lange Abfolge verschiedener Zivilisationen hat unauslöschliche Spuren in der Geschichte der Menschheit hinterlassen und birgt Hinweise darauf, dass die Suche beständig weitergeht. Sowohl die geheimnisvollen Zeichnungen, die in die Wände alter Höhlen geritzt wurden, als auch die großen archäologischen Mo9


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numente und die Überreste der gigantischen Großreiche auf dieser Erde zeigen, dass der Mensch stets unterwegs ist auf der Suche nach sich selbst und dem Sinn seiner Existenz. Die Reise der Menschheit durch die Epochen und Zeitalter dieser Welt hat einen umfangreichen Wandteppich verschiedenster religiöser Praktiken und Vorstellungen gewebt, die jedoch sehr viel mehr Probleme geschaffen als gelöst haben. Bereits ein kurzer Blick auf unsere heutige moderne, hochentwickelte, technisierte Welt im Zeitalter des Cyberspace kann zu Angst, Depression, Entmutigung, Unsicherheit und quälender Ungewissheit führen. Es hat sich eine gewaltige Entwicklung abgespielt von der Welt der Jäger und Sammler über das sukzessive Auftreten verschiedener landwirtschaftlicher Kulturen und dem Beginn der industriellen Revolution bis hin zu unserem wissenschaftlichen Zeitalter der Postmoderne und der Computertechnologie. Trotzdem sind wir heute als Menschen keinen Deut besser als unsere Vorfahren und unterscheiden uns im Prinzip nicht von ihnen. Der einzige Unterschied scheint in der Entwicklung unserer Werkzeuge, unserer Technologie und unserer Waffen zu bestehen. Wie wissen mehr, sind aber nicht weiser geworden. Wir leben länger, aber nicht gesünder. Wir haben mehr, freuen uns aber immer weniger über das, was wir haben. Wir können auf dem Mond spazieren gehen, aber wenn wir nach Hause gehen, wartet dort häufig eine zerrüttete Familie auf uns. Wir haben Zugriff auf immer mehr Informationen, wissen aber immer weniger über das Leben. Wir schützen die Wale, töten aber unsere eigenen Kinder. Unsere Lebensmittel werden beständig verbessert und werden doch immer ungesünder. Wir haben immer mehr religiöses Auftreten, aber immer weniger Liebe. Wir geben anderen die Schuld für unsere Entscheidungen, während wir unsinnigerweise von uns selbst die Lösungen der Probleme erwarten, die wir verursacht haben. Das 21. Jahrhundert scheint von größerer Unsicherheit geprägt zu sein als alle früheren Jahrhunderte. Die Erde irrt durch das Sonnensystem wie ein Raumschiff ohne Kompass und befindet sich auf einem Kurs hinein in die Selbstzerstörung. Auf ihrem Weg durch die Geschichte hat die Menschheit verschiedene Systeme und 10


Vorwort

soziale Strukturen erfunden und entwickelt, mit denen sie versucht hat, die Realität des Lebens auf unserem globalen Raumschiff Erde zu bewältigen. Durch die Jahrhunderte hindurch sind verschiedene Regierungs- und Herrschaftssysteme entstanden: die Herrschaft der Halbgötter, Diktaturen, die Monarchie, Sozialismus, Demokratie, Kommunismus und Imperialismus. Jeder dieser Ansätze wurde erprobt und eingesetzt, um das Leben auf unserem großartigen Planeten besser und menschlicher zu machen. Die Zahl der Kriege hat jedoch nicht ab-, sondern zugenommen, es stehen mehr Massenvernichtungswaffen zur Verfügung als je zuvor und die Angst, Sicherheit und Geborgenheit zu verlieren, ist größer und stärker als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Keine dieser Regierungsformen – auch nicht die beste bislang entwickelte, die Demokratie – war in der Lage, die Welt zu schaffen, nach der wir weiterhin auf der Suche sind. Der Erste und der Zweite Weltkrieg gehören zu den größten Tragödien der jüngeren Menschheitsgeschichte. Millionen von Menschen wurden durch die Hand ihrer Mitbewohner auf diesem Planeten getötet. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen die Oberhäupter verschiedener Nationen zusammen und fassten einen Beschluss mit dem Ziel, dass dies nie wieder vorkommen sollte. Sie gründeten den Völkerbund, eine Organisation, die es sich auf die Fahnen geschrieben hatte, den Weltfrieden zu fördern und einen Beitrag dazu zu leisten, sinnvolle Lösungen für die globalen Konflikte der Menschheit zu finden. Dieser Wunschtraum zerplatzte mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wie eine Seifenblase. Nach dem Ende dieses globalen Konflikts traten die mächtigsten Politiker der Welt erneut zusammen und beschlossen ein weiteres Mal, nicht zuzulassen, dass die Menschheit sich noch einmal in die Wirren eines todbringenden internationalen Krieges stürzen würde. Dieses Bestreben führte zur Gründung der Vereinten Nationen, einer Organisation, deren erklärtes Ziel es ist, in der ganzen Welt Frieden zu schaffen und ihn zu bewahren. Seit der Gründung der Vereinten Nationen sind jedoch mehr Kriege geführt worden als zuvor. Auch heute toben zahlreiche Kriege auf unserem Planeten und die Vereinten Nationen, ihre Ziele und ihre Effektivität werden einer kritischen Prüfung unterzogen. 11


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Es scheint mir ein ironischer Zug der Geschichte, dass die meisten der gegenwärtigen Kriege und bewaffneten Auseinandersetzungen das Ergebnis religiöser Interessen sind oder zumindest stark von diesen geprägt werden. Wie wird das weitergehen? Was können wir tun? Wo liegen die Antworten? Warum können wir nicht einfach friedlich zusammenleben? Warum ist die Menschheit so frustriert? Warum gibt es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen den Kulturen und warum töten sich unsere Kinder gegenseitig auf den Straßen? Dieses Buch möchte versuchen, Antworten auf diese Fragen zu geben. Die Lösung des Dilemmas wird im Verlauf unserer Suche nach Antworten aufgezeigt werden. Dabei möchte ich den folgenden Gedanken voranstellen. Wenn unsere Welt nicht in der Lage ist, die Fragen zu beantworten, die sie sich stellt, und keine Lösungen für die Probleme findet, die sie selbst schafft, dann könnte es sinnvoll sein, in einer anderen Welt nach Hilfe zu suchen. Ich gehe in Die Königsherrschaft Gottes davon aus, dass diese Annahme tatsächlich sinnvoll ist. Ich beziehe mich dabei nicht auf seltsame, realitätsferne Theorien, trügerische, metaphysische Vorstellungen oder träumerische Hoffnungen, sondern ich rede von einer vernünftigen, konkreten und menschenfreundlichen Lösung, die nicht nur das unaussprechliche Sehnen des menschlichen Herzens auf der Erde berücksichtigt, sondern sogar darüber hinausgeht. Dieses Buch handelt von dir und deiner Sehnsucht, das Leben zu verstehen. Es handelt von deiner Suche und deinem Wunsch, die Umstände deines Lebens im Griff zu haben und dein eigentliches Ziel zu bestimmen. Es beschreibt, wie man zur Fülle des Lebens durchdringen kann und wie man die Verbindung zu seinem wahren Selbst wieder neu herstellen kann. Du wurdest nicht geschaffen, um einfach nur zu existieren, sondern um ein erfüllendes und sinnerfülltes Leben zu führen. Das vorliegende Buch beschreibt dieses Leben – dein Leben! Lass uns hier und jetzt, am Ende der langen Suche der Menschheit nach Wahrheit, gemeinsam eine neue Realität entdecken.

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Prolog Der verborgene Schatz Die alte Frau schien sieben verschiedene Kleider zu tragen. Sie trug zwar Handschuhe, aber diese waren so zerschlissen und zerfetzt, dass ihre Finger deutlich sichtbar waren. Sie schob einen alten Einkaufswagen vor sich her, dem anzusehen war, dass er ihr „Zuhause“ war und sie also Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert war. Die Strapazen ihres langen, harten Lebens hatten tiefe Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Sie hatte sich über einen Mülleimer gebeugt und suchte nach Abfällen. Sie war gezwungen, sich von Dingen zu ernähren, die Menschen weggeworfen hatten, denen es besser ging als ihr. Plötzlich tauchte ihr Kopf ruckartig aus der Mülltonne auf. Sie richtete sich kerzengerade auf und rief: „Ich hab sie. Ich hab sie!“ Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt sie eine wunderschöne Perle. Ich rannte zu ihr hinüber und fragte, ob ich ihr helfen könnte. Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Dabei legte sie ein Selbstbewusstsein an den Tag, das ich bei einer Person in ihrer Situation niemals erwartet hätte. Dann erzählte sie mir ihre Lebensgeschichte, die mich auch heute noch tief beeindruckt. Sie berichtete, dass sie in eine wohlhabende Familie hineingeboren worden war und dass ihr Großvater ihr bereits vor ihrer Geburt einen Schatz hinterlassen hatte. Als sie noch ein Kind war, hatte ein Feuer das Haus der Familie zerstört, das an dem Ort gestanden hatte, an dem sich heute die Mülltonne befand. Die Familie hatte durch das Feuer alles verloren, auch die Truhe, in der sich der Schatz befand, den sie von ihrem Großvater erhalten hatte. Sie kam täglich an diesen Ort, um nach dem Schatz zu suchen. Die Menschen, die sie und ihre Geschichte kannten, schenkten ihr gebrauchte Kleidung und Essensreste, sodass sie überleben konnte. Sie sagte jedoch immer wieder, dass sie fest davon überzeugt sei, dass sie alles 13


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Lebensnotwendige in Händen halten würde, sobald sie den Schatz fände. Sie würde dann in der Lage sein, den Grund und Boden zurückzukaufen, den ihre Familie verloren hatte, und das zerstörte Haus wieder aufzubauen. Heute war ihr großer Tag – sie hatte den Schatz gefunden. Jahrelang hatte sie nur davon gehört und lediglich eine Beschreibung besessen, jetzt hielt sie ihn in ihren Händen. Ihre Lebenssituation hatte sich von einem Moment auf den anderen komplett verändert, ihre Suche war nun vorbei. Sie gewann ihre Position zurück, all ihre Kämpfe waren vorbei, weil sie diesen Schatz gefunden hatte. Es war eine Perle. Mögest du auf den folgenden Seiten deine eigene Perle finden. Das Reich der Himmel gleicht einem im Acker verborgenen Schatz, den ein Mensch fand und verbarg; und vor Freude darüber geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker. Wiederum gleicht das Reich der Himmel einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte; als er aber eine sehr kostbare Perle gefunden hatte, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie. Matthäus 13, 44–46

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„Ein Gedanke ist stärker als eine Armee.“


Einleitung Es gibt nichts Stärkeres als einen Gedanken. Gedanken haben die Welt hervorgebracht, in der wir leben, und kontrollieren sie nun. Wenn ein Gedanke entsteht formt er eine Vorstellung und Vorstellungen formen Bilder. Diese inneren Bilder sind das Material, aus dem Träume bestehen, und der Ausgangspunkt des Lebens und des Lebensverständnisses. Allem, was Menschen jemals erfunden haben, ging zunächst ein Gedanke voraus. Nicht umsonst gelten Erfindungen als „geistige Errungenschaften“ des Erfinders. Zusammengefasst kann man sagen, dass die Samen der Gedanken im fruchtbaren Boden unseres Denkens aufgehen und Frucht bringen, und zwar die Frucht der inneren Bilder. Diese inneren Bilder wiederum werden zu Vorausschau und bringen schließlich einen ihnen entsprechenden Ausdruck in der Realität hervor. Innere Bilder sind dasselbe für das Leben wie das Blut für den Körper. Du bist so und wirst so wie deine inneren Bilder. Psychologen gehen davon aus, dass der Wert, den ein Mensch in seinen eigenen Augen hat, und die Einschätzung der eigenen Person eine Frage seines inneren Bildes seiner selbst sind. Im Hinblick auf Wahrnehmung und Deutung des Lebens spielen innere Bilder eine noch wichtigere Rolle. Kommunikation beruht ausschließlich auf inneren Bildern. Wir können das Leben nur in dem Maße verstehen, in dem unsere Bilder angemessen und zutreffend sind. Das eigentliche Ziel der Kommunikation besteht darin, seine Gedanken und inneren Bilder einem anderen mitzuteilen. Kommunikation ist daher nur erfolgreich, wenn die inneren Bilder des Senders vom Empfänger korrekt aufgenommen und angemessen verstanden werden, wobei bei einem Gedankenaustausch beide Seiten sowohl als Sender als auch als Empfänger auftreten. Wenn deine Gedanken falsch sind, dann sind auch deine Bilder falsch, und folglich wird auch dein Bild der Wirklichkeit unzutreffend und unvollständig sein. Ein angemessenes Verständnis der Wirklichkeit ist nur möglich, wenn deine inneren Bilder mit deinen Gedanken übereinstimmen und deine Gedanken von 17


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Gottes dynamischer Wahrheit geprägt sind. Das ursprüngliche Bild kommt stets vom Sender. In dieser Phase des Denkprozesses spricht man im Allgemeinen von einem „Grundgedanken“. Ein Grundgedanke ist, wie die Bezeichnung es schon nahelegt, ein grundlegender Gedanke. Wenn man also das ursprüngliche innere Bild erkennen möchte, muss man die Grundgedanken des Senders einer Botschaft erfasst haben. Das Verstehen beruht auf der korrekten Übermittlung von Grundgedanken und inneren Bildern. Die Kommunikation ist gescheitert, wenn der Empfänger die inneren Bilder des Senders gar nicht oder falsch verstanden hat. Dieses Buch kann sein Ziel nicht erreichen und seinen Zweck nicht erfüllen, wenn ich meine Grundgedanken, inneren Bilder, Gedanken und Vorstellungen nicht an dich, den Leser, weitergeben kann. Wir wollen daher zunächst betrachten, welche inneren Bilder entscheidend sind, damit der Mensch zu Antworten auf der Suche nach dem Sinn des Lebens gelangen kann.

Die lange Suche nach dem Ideal In jeder Generation seit Bestehen der Menschheit hat der Mensch leidenschaftlich nach der Verwirklichung der Utopie einer idealen Gesellschaft gesucht und bei dem Bemühen um eine Konkretisierung dieser Utopie verschiedene hochentwickelte Kulturen und Gesellschaftssysteme entwickelt. Die Sehnsucht nach der idealen Gesellschaft war in jedem Kulturkreis ein wichtiges Element und ist bei der Entwicklung der Philosophien, der sozialen Strukturen und der Religionen, die in unterschiedlicher Weise unsere heutigen Gesellschaftsformen beeinflussen und prägen, die treibende Kraft gewesen. Diese Kraft steht im Zentrum des menschlichen Suchens nach dem Ideal. Die leidenschaftliche Sehnsucht nach dem Ideal führte in vielen alten Kulturen zur Entwicklung einer messianischen Vision. Damit meine ich die Erwartung, dass irgendwann in ferner Zukunft eine Person erscheinen würde, die uns die Lösung all unserer Probleme bringen würde. Diese Person würde die „ideale Welt“ schaffen, eine Welt, die frei ist von Schmerz, Hass, Angst, Armut und allen anderen Übeln – eine Welt des Friedens, der Liebe, der Freude und der Harmonie unter allen Menschen. 18


Einleitung

Diese Sehnsucht nach einer idyllischen, idealen Welt ist die Quelle für die Entwicklung bestimmter als „Ideologien“ bezeichneter Vorstellungen und Bilder. Ideologien haben die Menschheit durch die Jahrtausende stärker geprägt und beeinflusst als alles andere und üben auch heute noch großen Einfluss aus. Eine Ideologie ist die Ausformulierung bestimmter Gedanken und Vorstellungen, die ausführlich durchdacht, weiterentwickelt, differenziert, definiert und formalisiert wurden. Solche Gedankengebäude werden auch als „Weltanschauung“ bezeichnet. Einige dieser formalisierten Gedanken haben Denkmodelle geprägt, die wiederum die theoretische Grundlage und ideologische Prämisse bildeten zur Schaffung von Systemen, um Gemeinschaften, Gesellschaften, Städte, Nationen und schließlich die Welt zu regieren. Einige dieser Ideologien hatten schwerwiegende negative Auswirkungen und führten zu Ungerechtigkeit, Zerstörung, Unterdrückung, Massenarmut, wirtschaftlichem Verfall und sozialer Unruhe. Diese Ideologien sind mit verschiedensten Namen versehen worden. Im Verlauf der Jahrtausende sind sie in bestimmten Phasen aufgetaucht, verschwunden und später wieder neu aufgetaucht. Einige dieser Bezeichnungen sind auch in unserer Zeit wohlbekannt: Imperialismus, Sozialismus, Kommunismus, Diktatur, Humanismus, Deismus, Demokratie, Monarchie und Leben in Kommunen. Viele dieser Ideologien sind erprobt, verändert, kombiniert und neu belebt worden und gaben Anlass zu zahlreichen Experimenten. Es spielt jedoch keine Rolle, wie sehr sich der Mensch bemüht hat – die Erfüllung seiner Hoffnung und die Verwirklichung der „Utopie“ sind ihm stets versagt geblieben. Die neuesten Versuche haben zur Entwicklung der Ideologie der „individuellen Freiheit“ geführt und zu dem bewundernswerten Bild der „Selbstbestimmung“ sowie dem Ziel einer „gerechten Gesellschaft“, all das vereint in dem sogenannten „demokratischen Ideal“. Trotz der Tatsache, dass die Demokratie im Vergleich zu anderen Staatsformen maximale Bürgerbeteiligung ermöglicht und den sozialen Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft am dienlichsten ist, hat auch sie nicht zur Verwirklichung der Utopie geführt, von der ihre Begründer geträumt hatten.

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Motivation und Inspiration für die Schaffung einer bürgerlichen Gesellschaft und für das Anstreben des demokratischen Ideals ist ein bestimmtes Bild von „Freiheit“. Das Ideal der persönlichen Freiheit ist der entscheidende Antrieb innerhalb des sozialen Bewusstseins der westlichen Welt. Der Wunsch, frei zu sein, seine persönlichen Träume verwirklichen zu können, das eigene Potenzial voll ausschöpfen zu können, ist der Nährboden für das demokratische Ideal und wird als die eigentliche Messlatte einer freien Gesellschaft betrachtet. Die Gesellschaften und Gemeinschaften, die dieses ehrenwerte „Freiheitsexperiment“ durchgeführt haben, leiden jedoch auch heute noch unter Phänomenen wie Ungleichheit, Rassismus, Vorurteilen, Ungerechtigkeit, Korruption, Neid, Misstrauen, Konkurrenzkampf, Missbrauch, Vernachlässigung und einem deutlichen Unterschied zwischen Reich und Arm. Der Mensch ist also schließlich ein Gefangener seines eigenen Strebens nach Freiheit geworden.

Die Quelle der Sehnsucht Ich hatte das Privileg, in über 70 Länder zu reisen und bin dort im Rahmen meiner Arbeit mit Menschen aller Rassen, Kulturen, Gesellschaftsschichten und religiösen und kulturellen Gruppen in Kontakt gekommen. Ich war überrascht, festzustellen, dass in allen Gesellschaften die Suche im Prinzip die gleiche ist, ja, ich bin sogar zu dem Schluss gekommen, dass wir alle gleich sind und dasselbe suchen. Die Unterschiede beruhen lediglich darauf, dass wir andere Wege beschritten und andere Systeme installiert und entwickelt haben, um das zu finden, wonach wir suchen. Einfach ausgedrückt könnte man sagen, dass alle Menschen gleich sind und nach denselben Antworten auf dieselben Fragen suchen. Vor einigen Jahren erhielt ich ein Geschenk von einigen Freunden aus einem Land auf einem anderen Kontinent, mit denen ich zusammengearbeitet hatte. Ihre Kultur und ihr sozialer Hintergrund unterschieden sich von meinem. Sie hatten mich über die Suche des Menschen nach Sinn und Ziel des Lebens sprechen hören. Ich erhielt von ihnen ein wunderschönes gebundenes Buch, dessen Titel mir auch 20 Jahre später noch lebhaft vor Augen steht. Das Buch hieß The Long Search (Die lange Suche). Ich war begeistert 20


Einleitung

von diesem einfachen Titel, aber noch mehr gefiel mir zu meiner Überraschung der Inhalt des Buches. Es gehört noch heute zu meinen Lieblingsbüchern. Das Buch beschreibt die Geschichte der Erfindung, Entwicklung und Differenzierung verschiedener Religionen sowie ihre jeweiligen Praktiken. Die Bilder regten meine Fantasie an, der Text machte mir deutlich, wie komplex das Wesen der Religionen ist, und die Ausführungen deuteten darauf hin, dass die verschiedenen Gruppen der großen Familie „Mensch“ sich im Prinzip sehr ähnlich sind. Die zentrale Aussage des Buches lautete, dass alle Religionen das Ergebnis der Suche des Menschen nach einem höheren Wesen sind, das als „Gott“ oder „Göttliches“ bezeichnet wird oder mit einer anderen Bezeichnung zur Beschreibung des Unbeschreibbaren belegt wird. Die Religion ist der Versuch des Menschen, im Rahmen seiner Suche nach dem Sinn des Lebens seinem eigenen Verlangen gerecht zu werden, eine sinnvolle und möglichst auch persönliche Beziehung zu einem höheren Wesen aufzubauen. Diese menschliche Suche nach einer höchsten Realität und Autorität ist natürlich und allen menschlichen Kulturen gemeinsam, denn auch der sich als Atheist bezeichnende Mensch glaubt zumindest, dass es irgendwo etwas oder jemanden gibt, an den oder das man nicht glauben sollte. Selbst in den primitivsten Gesellschaften finden wir in der einen oder anderen Form den Ausdruck dieser Sehnsucht, ein höheres Wesen zu suchen, zu finden und zu verstehen, die sich in der Erfindung, Entwicklung und Praxis aller Formen der Religionsausübung Bahn bricht. Es bleibt jedoch die Frage bestehen: Woher stammt dieses natürliche Sehnen und das Bedürfnis, eine höhere Macht zu suchen? Dieses Empfinden eines Mangels und das oft quälende Aufbegehren der Seele, dass es einen Grund und eine Absicht hinter dem Universum und der Schöpfung geben muss – es muss einen Ursprung haben. Die „lange Suche“ nach der Realität impliziert, dass etwas verlorengegangen ist. Es ist unmöglich, nach etwas zu suchen, das es nicht gibt. Ich vertrete daher die These, dass die Art und Weise, wie die menschliche Seele sucht, darauf hindeutet, dass ihr etwas fehlt, was sie einst besessen hat. 21


Die Königsherrschaft Gottes

Es scheint, als könne der Mensch nicht wählen, ob er sich auf die Suche machen möchte oder nicht. Das Bedürfnis, zu suchen, scheint zum Wesen des Menschen dazuzugehören. Die Suche erfolgt sowohl auf der persönlichen Ebene als auch auf der Ebene der Gemeinschaft. Der beste Weg, herauszufinden, was uns fehlt und wonach wir suchen, könnte darin liegen, dass wir uns klar machen, was wir brauchen oder wonach wir uns sehnen. Durst zeigt beispielsweise an, dass Wasser gebraucht wird, Hunger ist ein Hinweis, dass Essen gebraucht wird, und Müdigkeit impliziert die Notwendigkeit des Schlafes. Wir können also erkennen, was uns fehlt, indem wir feststellen, wonach wir uns sehnen, und damit wird deutlich, was wir brauchen. Wir werden uns mit diesem tiefen Bedürfnis des Menschen in den folgenden Kapiteln ausführlicher beschäftigen. Es ist zunächst wichtig, dass wir uns die Existenz dieses Bedürfnisses eingestehen und uns klar machen, dass die Menschheit davon wesentlich geprägt ist und dass dieses tiefe Bedürfnis das Verhalten der Menschen steuert, und das sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Wonach sehnen wir uns? Ich habe dieses Phänomen über 40 Jahre lang beobachtet und mich ausführlich damit beschäftigt. Zunächst habe ich mich persönlich auf die Suche begeben und nun widme ich mein Leben der Aufgabe, anderen Menschen dabei zu helfen, Lösungen für ihr Dilemma und Antworten auf ihre Fragen zu finden. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass alle Menschen danach streben, Macht und Einfluss zu besitzen, und sich danach sehnen, die Fähigkeit zu besitzen, ihre Umstände und den Verlauf ihres Lebens zu kontrollieren. Mir ist bewusst, dass du dich von diesen Aussagen möglicherweise vor den Kopf gestoßen fühlst und dieses Streben abstreitest. Die meisten von uns wollen nicht zugeben, dass sie so etwas Beunruhigendes wie Macht und Einfluss anstreben, aber die Realität zeigt, dass dies der grundlegende Wunsch im Herzen eines jeden Menschen ist. Wenn ich von „Macht“ spreche, meine ich damit nicht die tyrannische, bedrückende und diktatorische Herrschaft über andere 22


Einleitung

Menschen, sondern die Fähigkeit, die eigenen Umstände und das eigene Umfeld zu kontrollieren. Mangeln wir dieser Kontrolle über unser tägliches Leben, unsere Alltagssituationen und unsere Umstände, so fühlen wir uns häufig hilflos und führen unser Leben als Opfer unserer Umstände. Für die meisten von uns ist das Leben einfach ein täglicher Kampf, in dem wir versuchen, in dem Meer der Unsicherheiten und Anforderungen nicht unterzugehen. Gleichzeitig kämpfen wir mit dem Gefühl, dass wir eigentlich nur besser gestellte Sklaven unserer Gesellschaft sind. Unser leidenschaftlicher Wunsch, die Macht zu erringen, unsere Umstände kontrollieren zu können, motiviert unser Verhalten. Wir drängen in einflussreiche Positionen, um finanziellen Reichtum anhäufen zu können, denn wir sehnen uns nach der Macht, die uns das Geld verspricht. Politische und geistliche Kraft, Statussymbole, Wissensvorsprung und viele andere Dinge, die es uns ermöglichen, Einfluss auf unser Leben zu nehmen, sind, wonach wir streben. Ich meine, dass dieses Streben nach Macht einfach der Versuch ist, unser Leben wirklich unter Kontrolle zu haben. Dieses Anliegen des Menschen, sein Wunsch nach Macht und Herrschaft, ist auch die Triebkraft für das unstillbare Verlangen nach Weiterentwicklung in allen Bereichen; hierzu gehören Politik- und Sozialwissenschaften, Biologie, Technik, das geistliche Leben, die Wirtschaft und alle anderen Aspekte der menschlichen Erfahrungswelt. Das Resultat dieses Strebens nach Macht und Einfluss ist unter anderem die lange und stetige Modernisierung. Der Mensch versucht seit 6.000 Jahren, seine Umwelt durch Geräte und Maschinen zu kontrollieren und zu zähmen. Die Naturwissenschaften versuchen, den Alterungsprozess aufzuhalten, die Lebensqualität zu verbessern und das Leben zu verlängern, und der Mensch fertigt alle möglichen Pillen und Medikamente, um eine Vielzahl von Problemen zu lösen. Die größte Herausforderung von allen ist dabei, ein Mittel zu finden, das den Tod aufhebt. Der Mensch hat zwar schon vieles erreicht, aber er hat nach wie vor nicht die Fähigkeit erlangt, das Leben selbst zu kontrollieren und Macht über Leben und Tod auf der Erde auszuüben. Es scheint im Lichte all der unkontrollierbaren sozialen Probleme, Epidemien, 23


Die Königsherrschaft Gottes

militärischen Konflikte, politischen und wirtschaftlichen Unruhen, religiösen Konflikte und der Umweltzerstörung sogar, als sei die Entwicklung der Menschheit rückläufig, als bewegten wir uns rückwärts auf der Zeitachse. Die Unfähigkeit des Menschen, seine Umstände zu kontrollieren und zu gestalten, erzeugt in ihm ein tiefes Verlangen nach einer ganz neuen Welt. Der menschliche Geist sehnt sich nach einer Welt, die er beherrschen und in der er seine Umstände nach Belieben gestalten kann. Dies ist das größte und tiefste Bedürfnis des Menschen. Hier liegt die eigentliche Quelle und Motivationskraft religiöser und geistlicher Entwicklungen und ihrer Umsetzung im Leben der Menschen. In jeder Religion gibt es ein Element, das uns die Macht verheißt, die Umstände und sogar den Tod zu kontrollieren. Das erklärt auch, warum die finsteren Praktiken der Zauberei und des Spiritismus für viele Millionen so attraktiv sind: Sie verheißen ihnen Macht über Menschen und Umstände. Der menschliche Geist ist besessen von dem Verlangen, über sein persönliches Umfeld und seine Umstände zu herrschen. Der Mensch strebt nach der Macht, unbegrenzte Herrschaft ausüben zu können. Das Streben nach Macht ist Teil des menschlichen Geistes. Wenn man dieses Streben nach Macht verstehen möchte, muss man zunächst Klarheit darüber gewinnen, warum der Mensch geschaffen wurde, wie er gestaltet ist und welche Aufgabe er ursprünglich erhielt.

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„Es gibt kein stärkeres Streben des Menschen als das Streben

nach der Macht, seine Lebensumstände kontrollieren zu können.“


1 Ursprung und Auftrag des Menschen Es war fünf Uhr morgens und ich hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich war nervös und voller Sorge. Nun war der große Tag gekommen – der Tag der Prüfung. Ich hatte Angst davor. Es war einer der außergewöhnlichen Tage meiner Studienzeit an der Universität. Ich hatte die ganze Nacht über gelernt und war meine Aufzeichnungen, Bücher und Artikel sorgfältig durchgegangen. Nun stand die Abschlussklausur in Biologie bevor. Der Schwerpunkt dieser Prüfung war die Anatomie des Menschen. Nach der Klausur hatte ich ein gutes Gefühl. Drei Tage später stellte sich dieses Gefühl als richtig heraus: Mein Professor rief mich in sein Zimmer und gratulierte mir zur besten Arbeit des ganzen Jahrgangs. Ich war sehr stolz auf mich und hatte das Gefühl, Außergewöhnliches geleistet zu haben. Als ich dort stand und die Unterlagen betrachtete, die er mir übergab, kam ein Gedanke in mir auf, den ich noch nie zuvor gehabt hatte. Ich hatte mir im Rahmen dieses Kurses gute Kenntnisse über den menschlichen Körper erworben – über Namen, Aufgaben und Funktionen der verschiedenen komplizierten Teile und Organe desselben. Nun wurde mir klar, dass ich zwar wusste, woraus der menschliche Körper bestand, aber nicht wusste, warum es den Menschen überhaupt gab. Ich hatte also mit anderen Worten zwar das Produkt kennen gelernt, wusste aber nicht, wofür es geschaffen war. Diese Einsicht aus meiner Jugendzeit ist mir auch heute noch Motivation und Antrieb zugleich. Es gibt über 6 Milliarden Menschen auf der Erde, aber nur ganz wenige von ihnen wissen, warum sie überhaupt existieren. Was für eine missliche Situation! Was ist der Mensch? Warum wurde der Mensch erschaffen? Wozu wurde er

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Die Königsherrschaft Gottes

auf diesen Planeten gebracht? Was soll er tun? Woher kommt er? Was kann er tun? Wohin geht er? Diese Fragen sind die zentralen Fragen der Menschheit. Im Grunde genommen wünschen sich die Menschen nichts weiter als die Antworten auf diese Fragen. Sind die Menschen lediglich ein Glied in einer langen Kette der Evolution, wie uns dies die Theologen der Evolution verkünden? Sind wir bloß hochentwickelte Primaten, die in diesem dramatischen Überlebenskampf, in dem nur die stärksten gewinnen, lediglich eine Rolle ausfüllen? Sind wir nichts weiter als ein kurioses Zufallsprodukt eines riesigen kosmischen Knalls? Haben wir uns aus dem Schleim der Ursuppe zu dem erhabenen, denkenden Wesen mit ausgeprägter Selbstwahrnehmung entwickelt, das wir nun sind? Ich kann mir nicht erklären, wie irgendjemand solch eine Theorie glauben könnte. Diese unvernünftige, unbegründete und unbewiesene Hypothese hat nichts mit der Wahrheit zu tun und entstellt den Ursprung des Menschen. Sie schmälert und verstellt den Blick auf den herrlichen Auftrag und den Lebenssinn des Menschen. Der Mensch ist die Krone des Werkes eines Schöpfers, der seiner Schöpfung einen Sinn gegeben hat. Der Mensch existiert als Gottes Mitregent in einer Welt, die für ihn geschaffen wurde. Wenn wir den Menschen genauer betrachten, entdecken wir das Geheimnis und die Schönheit, die Gott in die gesamte Schöpfung hineingelegt hat. Es liegt auf der Hand, dass man das eigentliche Ziel aller Dinge dort entdeckt, wo alle Dinge ihren Anfang genommen haben. Wir werden daher zunächst Gottes ursprünglichen Plan für seine Schöpfung betrachten. Es ist offensichtlich, dass wir zunächst den Schöpfer verstehen müssen, wenn wir seine Schöpfung verstehen wollen, weil die ursprüngliche Absicht hinter jedem Produkt allein in den Gedanken dessen zu finden ist, der das Produkt geschaffen hat. Um also das Ziel und den Grund für die Erschaffung des Menschen und für seine Existenz zu finden, müssen wir zunächst versuchen, uns in das Denken seines Schöpfers hineinzuversetzen. Schließlich kennt niemand ein Produkt so gut wie der Hersteller.

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Ursprung und Auftrag des Menschen

Die Herkunft des ersten Königreiches Zunächst ist es unabdingbar, dass wir verstehen, dass, bevor irgendetwas existierte, Gott ist. In dem Wort „Gott“ schwingt folgende Bedeutung mit: „der aus sich selbst Existierende; der alles in sich selbst Tragende“. Es beschreibt ein Wesen, das nichts und niemanden benötigt, um zu existieren. „Gott“ ist daher kein Name, sondern eher eine Wesensbeschreibung. Aufgrund dessen, wer und was er ist, verdient er allein den Titel „Gott“. Dieser vollständig unabhängige Gott existierte vor allen Dingen und begann seine schöpferische Arbeit, indem er zunächst die gesamte unsichtbare Welt schuf, die auch als das „Übernatürliche“ oder „Übersinnliche“ bezeichnet wird. In diesem Schöpfungsakt wurden bereits die Bilder „Herr“ und „Herrschaft“ begründet, da der Schöpfer die von ihm hervorgebrachte Schöpfung regierte. Ein anderes Wort für „Herrscher“ lautet „König“. Gott bezeichnete dieses unsichtbare Reich, sein „neues“ Herrschaftsgebiet, als „Himmel“, und er war von Anfang an der König über dieses Reich. Dies war der Beginn des ersten Reiches. Es wird auch als „unsichtbares Reich Gottes“ bezeichnet. Mit der Schöpfung dieses Reiches entstand das, was wir „Königreich“ oder „Reich“ nennen. Das Wissen um Wesen und Struktur eines „Königreiches“ ist unabdingbar, essenziell, zwingend notwendig, ja, unbedingt erforderlich, um Gottes Ziele, Absichten, Pläne und Vorstellungen sowie die Beziehung des Menschen zu Gott und seiner Schöpfung verstehen, begreifen und wertschätzen zu können.

Gottes Absicht mit der Schöpfung Es ist nicht unvernünftig, zu fragen, warum Gott, der König des Himmels, Söhne, die ihm ähnlich sind, und ein sichtbares Universum erschaffen wollte. War er nicht zufrieden mit dem unsichtbaren Reich der Engel und Mächte, das er regieren konnte, oder gefiel es ihm nicht? Ich glaube, dass wir die Antwort auf diese Frage finden, wenn wir Gottes Wesen verstehen. Es gibt viele Dinge an diesem großen, überwältigenden Gott, der alle Dinge trägt und erhält, die wir nicht kennen und verstehen können und vielleicht niemals verstehen werden, aber er hat uns Menschen genügend von sich selbst 29


Die Königsherrschaft Gottes

offenbart, sodass wir in der Lage sind, ein wenig von der Herrlichkeit seines Wesens und seines Charakters erahnen und erkennen zu können. Einer dieser Charakterzüge lautet: „Gott ist Liebe“ (1. Jo. 4, 8 und 16). Ich weise darauf hin, dass hier nicht steht, dass Gott Liebe „hat“, sondern dass er Liebe „ist“. Diese Unterscheidung ist wichtig, um seine eigentliche Motivation verstehen zu können. Wenn Gott Liebe ist, dann manifestiert sich in seinem Handeln das Wesen der Liebe. Eine der offensichtlichen Eigenschaften der Liebe ist, dass sie sich mitteilt und dass sie gibt. Wenn dies so ist, dann entspricht es dem Wesen Gottes, dass er seine Herrschaft und seine Macht mit anderen teilen möchte. Liebe drückt sich also darin aus, dass sie gibt und mit anderen teilt. Diese dem Wesen der Liebe innewohnende Eigenschaft bewegte den König des Himmels dazu, geistliche Kinder (die Menschheit) zu erschaffen, um die Herrschaft in seinem Reich mit ihnen zu teilen. Der Mensch wurde also, mit anderen Worten, erschaffen, um zu herrschen und zu führen. Als Jesus in einer Predigt das Zeitalter des Reiches Gottes und die Rolle des Menschen darin beschrieb, wies er aus diesem Grund darauf hin, dass dieses Reich bereits vor Erschaffung der Erde dem Menschen gehörte. Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an! Matthäus 25, 34

Es war Gottes Wille, sein unsichtbares Reich mit den Geschöpfen zu teilen, die er als Menschen bezeichnete, und ihnen sein Wesen und seine Charakterzüge zu verleihen.

Das Prinzip der Kolonialisierung Ein weiterer Begriff ist wichtig für ein angemessenes Verständnis der eigentlichen Ziele und des ursprünglichen Planes Gottes für den Menschen und die Schöpfung: der Begriff der „Kolonialisierung“. Kolonialisierung bezeichnet den Vorgang der Herrschafts- und Einflusserweiterung eines Herrschers auf zusätzliche Gebiete mit dem Ziel der seinem Willen und seinen Vorstellungen entsprechenden 30


Ursprung und Auftrag des Menschen

Beeinflussung. Zur Kolonialisierung gehört, dass das neue Gebiet so umgewandelt wird, dass es dem Zentrum der Herrschaft, von dem die Kolonialisierung ausgeht, entspricht. Das bedeutet, dass das Wesen und der Wille des Herrschers sich im Lebensstil, in den Aktivitäten und der Kultur des eingenommenen Gebietes offenbaren. Wenn man erkennen möchte, warum Gott die Welt erschuf, muss man verstehen, dass er die Absicht verfolgte, seine Herrschaft und Autorität mit seinen geistlichen Kindern zu teilen, indem er sein unsichtbares himmlisches Reich auf die sichtbare Erde ausweiten würde. Er verfolgte damit das Ziel, sie so zu kolonialisieren, dass sie am Schluss wie der Himmel wäre. In 1. Mose 1, 1 heißt es: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“ (das materielle Universum). Gott herrschte als König über ein riesiges, eindrucksvolles Reich, das er bereits geschaffen hatte. Diese Welt war erfüllt von Engeln, die Gott dienten und ihn anbeteten. Das erste Buch Mose beginnt mit der Beschreibung des Handelns Gottes, durch das er die materielle Welt schuf, die das Umfeld bilden sollte für die Manifestation seiner ewigen Pläne. Er beabsichtigte, sein Reich in dieser materiellen Welt zu errichten, ohne selbst in sichtbarer Form in diese Welt kommen zu müssen. Die Absichten des unsichtbaren Gottes sollten durch eine sichtbare Schöpfung verwirklicht werden, die das Resultat seines kreativen und genialen Handelns war. Seine Pläne sollten in die Tat umgesetzt werden, indem er aus seinem eigenen geistlichen Wesen eine Familie von Nachkommen schaffen würde, die wie er sein würden, geschaffen nach seinem Bilde. Als seine Repräsentanten sollten sie sein unsichtbares Königreich in der sichtbaren, natürlichen Welt begründen und etablieren. Dieses Ziel verfolgte Gott mit der Erschaffung des Menschen. Die Entstehung des Menschen war weder ein Unfall noch ein glücklicher Zufall, sondern folgte dem überwältigend liebevollen und weisen Plan des großen Gottes des Himmels. Der Mensch stand im Mittelpunkt dieses Planes.

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